Samstag, Tag 9, Liam
Er steht auf der Straße, in der Nähe des Hauses. Dort, wo er gestern geparkt hat, sucht er nach Natans Auto.
Was war es für eines gewesen? Ein rotes, das Modell alt. Ein Fiat, ein Peugeot? Wenn man sich nicht für Autos interessiert, kann man sich keine Marke merken.
Er kann den Wagen nicht finden. Er läuft die Seitenstraßen ab, um sicherzugehen. Um zu überlegen, was er als Nächstes tun kann.
Gibt es nicht bloß zwei Strategien?
Die eine wäre, Natan zu stellen. Ihm eines der Fotos unter die Nase zu halten und zu fragen: Was soll das, du Arschloch?
Aber das alleine durchzuziehen, wäre Irrsinn. Er denkt daran, Felix anzurufen und ihn zu bitten, zu Natans Haus zu kommen. Doch Felix ist in Berlin an diesem Wochenende, macht eine Städtereise mit seiner Freundin.
Und ansonsten – wen kann er fragen in dieser Stadt? Torben fällt ihm ein, der Hüne. Einer, der alles plattwalzen würde. Oder Marie, die mit Handtasche und Sommerhut dastehen würde.
Die zweite Strategie: unter einem Vorwand zu klingeln. Natan zu fragen, ob er sein Handy gefunden hätte, er hätte es gestern irgendwo verloren. Ob ihm noch was eingefallen wäre wegen Anna.
Der Hund steht still, genau wie er. Vielleicht wäre es doch sinnvoll zu warten. Bis der junge Kommissar endlich bei ihm vorbeikommt. Aber wie lange wird das dauern?
Heute Nachmittag hat er gesagt. Vier Stunden sind es bis dahin, fünf, vielleicht sechs. Im Radio hört er Berichte über das verschwundene Kind. Der Täter, sagen sie, sei gefasst, aber der Aufenthaltsort des Mädchens unklar. Ob sie noch lebt, wisse man nicht, aber anscheinend gäbe es Hinweise auf eine Verletzung.
Und Anna. Ob sie noch lebt? Natürlich, er könnte die Bullen noch mal anrufen. Ihnen sagen: Ich weiß, wo Anna ist. Hier in Natans Haus.
Wie lange würde es dauern, bis ein Einsatztrupp anrücken würde? Zwei Stunden, drei, vier?
Der Kommissar würde ihn wieder anrufen und fragen, ob er Anna wirklich gesehen hätte. Und was sollte er dann sagen? Dass sein Hund Anna an Natan gerochen hatte? Dass die Fotos für sich sprechen?
Ein bisschen wirr wird das mit den Fotos schon geklungen haben. Aber trotzdem muss es doch möglich sein, wenigstens eine Person von so einem Einsatz abzuziehen!
Die Häuserreihe sieht aus wie gestern: die Blumen, die gepflegten Vorgärten. Neben Natans Haus: Ein alter Mann, der Unkraut jätet, Schaufel und Besen liegen neben ihm auf dem Weg.
»Hallo«, sagt Liam im Vorbeigehen, der Mann grüßt zurück.
Das Haus wirkt verschlossen. Kein Fenster auf Kipp, keine Geräusche dringen vom Garten herüber. Schon als er klingelt, spürt er, dass Natan nicht da ist. Er wartet dennoch, klingelt wieder. Geht kurzerhand um das Haus herum, findet alles unverändert vor.
Zurück auf dem Weg, spricht der Alte ihn an.
»Sie suchen Natan? Der war schon lange nicht mehr da.«
»Ich hab mich gestern noch mit ihm getroffen.«
»Ach ja? Da hätte er gleich mal den Knöterich vom Zaun wegschneiden sollen. Der wuchert unsere Laube zu, genau wie den Rest des Gartens, ein Jammer ist das!«
»Er meinte, er würde das Haus ausmisten, für den Verkauf auf Vordermann bringen.«
»Ach ne! Das wäre mal was! Ist ja auch nicht mehr mit anzusehen, dieses ganze Gerümpel! Und im Haus sieht’s genauso aus? Will ich mir gar nicht vorstellen. Seine Eltern, das waren ordentliche Leute.«
»Sagen Sie, kann ich Ihnen mal ein Foto zeigen? Von einer Frau. Anna heißt sie, meine Freundin. Haben Sie die schon mal gesehen?«
Er hält ihm das Display seines Handys hin, der Alte nimmt es in die Hand und runzelt die Stirn. Bildet mit der Handfläche eine Mulde, um die Aufnahme im Sonnenlicht besser betrachten zu können. Seine Hände, die zittern unentwegt dabei. Parkinson, denkt Liam und lässt ihm Zeit.
»Hhmm, kann sein. Vor ein oder zwei Jahren war hier mal ’ne junge Frau. Die war aber schnell weg. So wie die meisten anderen Leute auch. Sind Sie ein Freund von Natan?«
»Eigentlich nicht. Ich suche bloß meine Freundin.«
Tiefe Furchen durchschneiden die Stirn des Alten. Seine Hände können das Zittern nicht kontrollieren.
»Ich könnte mir vorstellen«, beginnt er, »dass er in diesem anderen Haus ist. Irgendwo muss er ja wohnen. In dem Haus von seiner Großmutter. Ist gar nicht so weit von hier, auf dem Land. Aber ob’s da ein Telefon gibt, ich weiß nicht …«
Liam versucht, den Alten nicht anzustarren. Weiterreden soll er, bloß keine Katastrophe wittern.
»Ah, okay. Wie weit ist das denn?«
»Ach, ich würd mal sagen, so 80 km. Mit dem Auto ist man in ’ner Dreiviertelstunde da. Natans Eltern, die haben uns ein paar Mal mitgenommen zum Grillen.«
Liam schluckt. »Können Sie mir erklären, wie ich da hinkomme?«
»Zu dem Haus? Wenn Sie meinen … Aber ihr jungen Leut habt doch diese Dinger da …« Er weist auf Liams Mobiltelefon. »Können Sie ihn damit nicht anrufen?«
Als hätte er etwas geahnt, vibriert das Handy. Liam schaut auf das Display: Marie, steht dort.
Jetzt nicht, denkt er und schiebt das Handy in die Tasche.
»Ach, wissen Sie, damit hat man nicht überall Empfang. Außerdem macht mir das nichts aus, dann komm ich wenigstens mal aus der Stadt raus.«
»Na gut, wie Sie meinen.«
Der Nachbar erklärt ihm den Weg. Bittet ihn sogar rein ins Haus, damit er ihn aufzeichnen kann: Die Autobahn, die richtige Ausfahrt, die Bundesstraße gerät krakelig, er kann kaum den Stift halten. Schließlich malt er einen kleinen Baum an die Stelle der Straße, an der Liam links abbiegen soll.
»Das Haus liegt nicht in der Ortschaft, versteh’n Sie? Sondern mitten in den Feldern. Deswegen müssen Sie sich an dieser großen Pappel orientieren, die steht einzeln da. Wenn sie noch nicht gefällt wurde. Ansonsten werden Sie das Haus nicht finden. Oder fragen Sie in der Ortschaft nach.«
Liam bedankt sich, steckt den Zettel in die Hosentasche.
»Sieht nach Regen aus«, sagt der Alte noch, als sie zurück vor das Haus treten. Doch Liam vermag ihn kaum noch zu hören.
Vom Auto aus ruft er im Präsidium an. Er müsse den Hauptkommissar sprechen. Die Rezeptionistin scheint sich nicht an ihn zu erinnern, sagt bloß den üblichen Standardspruch.
»Nein, Sie verstehen nicht! Es ist dringend! Ich muss einen der beiden sofort sprechen!«
»Beruhigen Sie sich. Ich kann Sie zu einer Vertretung durchstellen.«
Musik trudelt in der Leitung, danach eine Frauenstimme, die ihren Namen so schnell sagt, dass er sich bloß ihren Vornamen merken kann: Verena.
Verena, die geduldig klingt. Der er alles noch einmal von vorne erzählt: die Entführung seiner Freundin, die Fotos vom Sexshop, das zweite Haus von Natan.
Aber was sie ihm sagt, ist nichts anderes als das, was er schon weiß: Fast alle Kollegen befinden sich in einem Einsatz; ob das Kind überlebt oder nicht, würde vielleicht von Minuten abhängen, das müsse er verstehen.
Das wäre bei Anna vielleicht auch so, kontert er, kann nun doch nicht mehr verhindern, dass seine Stimme laut wird.
»Nein. Das ist nicht so«, sagt sie mit einer Bestimmtheit, die ihn überrascht. »Sie haben bloß einen Verdacht. Und noch nicht mal einen wirklich konkreten. Bitte warten Sie zu Hause auf meinen Kollegen. Ich verspreche Ihnen, dass ich mich eingehend …«
Er lässt sie nicht ausreden, sondern legt auf. Und begreift, dass er alleine ist. Dass es wirklich noch Stunden dauern kann, bis die Polizei sich seines Falles annimmt.
Der Himmel über ihm: ein dunkles Gebräu. Als ob jemand im Eimer Farben zusammengemischt hat: erst blau, dann grau, dann schwarz. Doch der Wind hat noch nicht eingesetzt, die Luft ist noch nicht vom Geruch des Regens durchdrungen. Erst auf der Autobahn fährt er in das Gewitter. Und ruft Marie an, ihre Stimme klingt fern.
»Hey«, sagt sie.
»Marie, dieser Natan! Der hat noch ein zweites Haus auf dem Land. Aber das ist nicht alles …«
»Mir ist auch noch was eingefallen«, meint sie leise. »Gestern Abend, nachdem du meintest, Natan wäre Waise. Seine Eltern, ich glaube, die sind in derselben Nacht gestorben wie die von Anna. Waren wohl in denselben Unfall verwickelt.«
»Was!?«
»Jetzt reg dich nicht gleich so auf! Das muss alles noch nichts heißen.«
»Nichts heißen? Soll das alles etwa nur Zufall sein? Die Fotos, der Unfall, das Haus? Scheiße, Marie, der Typ ist ein Stalker!«
»Liam. Du fährst jetzt aber nicht alleine dahin.«
»Sondern?«
»Wir warten auf die Kripo.«
»Und wie lange wird das noch dauern?«
»Zu mir haben sie gesagt, nicht mehr lange.«
»Du hast sie angerufen?«
»Ja.«
»Und wann war das?«
»Vor zwei Stunden. Wo bist du, Liam?«
»Auf der Autobahn.«
»Scheiße, du kannst das nicht alleine durchziehen! Weißt du, wie gefährlich das sein kann? Vielleicht ist der bewaffnet!«
Der Sturm zerreißt ihre Stimme, verzerrt sie zu einem kreischenden Ton.
»Gib … Adresse …«, schreit sie in den Hörer. Er nennt ihr die Autobahnausfahrt, die Ortschaft, die Pappel. Und weiß nicht, ob sie überhaupt ein Wort versteht, denn die ersten Tropfen schlagen gegen die Heckscheibe, beginnen zu prasseln, zu trommeln, zu schmettern.
Ihre Stimme: Bloß noch ein ferner Ausruf: »… ist doch Wahnsinn!«
Sein Wagen kriecht über die Fahrbahn, der Regen gleicht einer Sturzflut. Kapitän liegt still im hinteren Teil des Wagens, wie alle Hunde hat er Angst vor Gewitter.
Marie – inzwischen kann er es kaum glauben. Dass ihr das mit dem Unfall nicht eher eingefallen ist! So was merkt man sich doch, oder nicht? Die beste Freundin lernt einen Kerl kennen, und irgendwann stellt sich heraus, dass seine Eltern in derselben Nacht starben. Sprach sie nicht sogar von demselben Unfall? So etwas brennt sich doch ins Gedächtnis ein!
Nur ob das jetzt noch eine Rolle spielt? Er lässt Marie hinter sich, genau wie die Kripo, den Donner, den Regen.
Als er von der Autobahn abfährt, geht das Unwetter in Sprühregen über, und die Luftschichten vermischen sich neu. Auch die Landschaft verändert sich: Wälder zerstreuen sich, werden zu Feldern, auf denen die Ähren tief hängen oder nur noch als kurze Stoppel in die Luft ragen.
Die Pappel steht dort, wo sie sein sollte. Hochgewachsen wie eine Zypresse, die genauso gut auf irgendeinem Hügel in der Toskana stehen könnte. Er biegt links ab, vor ihm eine Hügelkuppe, dahinter eine Talmulde, der Weg schlängelt sich bis zu einem Waldstück am Horizont. Dazwischen befindet sich ein einzelnes, von Bäumen dicht umschlossenes Grundstück: Ein rechteckiges Anwesen, genau wie der Alte es ihm beschrieben hat.
Liam kann es nicht fassen, dass dieses Haus wirklich so abgeschieden liegt. Wer wird sich schon hierher verirren? Spaziergänger vielleicht, Rehe oder der Bauer, der sein Getreide nicht schnell genug eingeholt hat; bald wird der Regen es platt drücken. Als er aussteigt, verschwinden die letzten Strahlen zwischen den Wolken.
Das Haus kann er durch die hohen Bäume, die es umschließen, nicht mal richtig erkennen. Doch andersherum wird auch Natan seinen Wagen nicht sehen können – und ihn gehört haben auch nicht, denn Liam hat ihn weit genug vom Grundstück entfernt geparkt.
Er lässt den Hund im Auto, öffnet bloß das Fenster einen Spaltbreit. Und schaut sich um: kein Mensch, kein Laut, kein Empfang. Das Handy könnte er genauso gut ins Weizenfeld schmeißen. So wie man einen Stein über das Wasser hüpfen lässt. Wasser oder Weizen, was macht das schon für einen Unterschied? Wenn der Wind Wellen schlägt, möchte man etwas eintauchen lassen in dieses weite, sich wiegende Meer.
Das Gewitter wird er zum zweiten Mal erleben. Die ersten Tropfen fallen, besprenkeln den Feldweg wie lose Gedanken, vom Himmel gestreut.
Das Anwesen umgibt ein schulterhoher Zaun, das Tor vor der Auffahrt ist geschlossen. Doch Natans Wagen steht dort am Ende des Kiesweges. Der von Unkraut übersät ist; nicht viel anders sieht es hier aus als in seinem Garten in der Stadt.
Mit einem Mal wird Liam ruhiger. Fühlt sich schwer, unbeweglich. Und schafft es doch über den Zaun, landet neben einer Tanne, der Boden ist weich, von einer dichten Schicht Nadeln überzogen. Lautloser kann man nicht auftreten. Doch ohnehin wird man im Haus nichts hören können. Bloß den Wind, den kann man wahrnehmen. Der durch die Tannen streift, ihre Äste in sein Gesicht schlägt. Liam geht auf alle viere. Tapst durch das Gebüsch, bis er einen besseren Blick auf das Haus hat.
Die Gewissheit überrascht ihn nicht mehr. Seltsam taub fühlt er sich, als er es dort auf der Wäscheleine hängen sieht: das gelbe Shirt von Anna. Das er erkennt, weil es mit diesen Schmetterlingen bedruckt ist. Jetzt flattert es im Wind wie eine SOS-Fahne. Er tritt in das Dickicht zurück. Kauert sich zusammen, weil sie ihn nun doch trifft, die Angst.
Verdammte Scheiße! Das Zittern seiner Hände, als er das Handy aus der Tasche zieht. Parkinson hat er, genau wie der alte Mann. Er wählt die Nummer des Präsidiums: einmal, zweimal dreimal. Und starrt immer wieder auf das Display: keine Verbindung. Auch Marie kann er nicht erreichen, genauso wenig wie die 110, die 112. Für eine Weile steht er still und starrt auf das gelbe Shirt. Seine Hände zittern, als er sich bückt und einen großen, schweren Ast aufhebt. Dann geht er langsam auf das Haus zu.