Freitag, Tag 1, Liam

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So könnte die Geschichte enden. Mit Anna, die fort bleibt. Die nicht ans Telefon geht, schon seit Stunden nicht, seine zermürbenden Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter. Erinnerungen rieseln durch die Zeit, häufen sich an, zu Schattenbergen an der Wand. Zuletzt fällt das Licht golden, in schrägen Streifen, die Staubkörner darin sind müde, bis er Wirrwarr hineinpustet. Er beschließt, sie wieder anzurufen, sobald die letzte Lichtzunge sein Gesicht streift.

»Hey, ich bin’s. Wo bist du? Ich hab den Tisch schon gedeckt, die Nudeln trocknen im Sieb aus. Es sollte welche mit Salbeisoße geben, schon vergessen? Der Hund will deine Portion wegfressen. Also, beeil dich!«

Man sollte nicht vergessen, dass Verabredungen manchmal nichts bedeuten. Dass man sie bloß trifft, weil man sagen will: Ich bin mir nicht sicher.

Er ist am Verhungern, genau wie der Hund, er rührt im Topf und schlingt die Nudeln direkt am Herd hinunter. Der Tisch hinter ihm: für zwei Personen gedeckt. Sogar Servietten, sogar Kerzen, eine Blume in der einzigen Vase, die er besitzt, doch das ist wie allein im Restaurant essen gehen. Zwischendurch lässt er eine Nudel fallen und der Hund schnappt sie noch in der Luft, schluckt gierig, ohne zu kauen.

In die Stille hinein sagt er: »Wir sind versetzt worden.«

Etwas wie sein eigenes Echo prallt von der Wand ab, er erschrickt, auch das Licht ist bloß noch ein Gedanke an Wärme, er schaltet lieber die Glotze ein.

Er schaltet sie besser wieder aus, was an einem Freitagabend kommt, ist ein Albtraum. Er findet: dummes Fernsehen für dumme Menschen.

Stattdessen schenkt er sich Wein nach, und der Hund legt den warmen Kopf auf seine Füße: Allein sein könnte schön sein, wenn man sich dazu entschieden hat.

Das Zimmer ist dunkel und grau, die Zeiger der Uhr kriechen voran, es ist halb elf. Seine Stimme rattert auf ihrem AB: »Was soll das, Anna? Wir waren verabredet, oder? Hast du mich nicht heute Nachmittag noch in der Redaktion angerufen und vorgeschlagen: Liam, lass uns was zusammen kochen? Also, ruf an. Ich fühl mich langsam verarscht.«

Der Hund muss pinkeln, im Hausflur riecht es nach Sauerkraut, Liam fragt sich, wie man das nur kochen kann, im Hochsommer. Kurz darauf steht er vor dem einzigen Grünstreifen der Straße, ein verkümmerter Baum streckt seine mageren Arme in die Nacht, zu wenig Licht, zu viel Hundepisse in den engen Straßen der Altstadt. Die Schlappohren des Hundes streifen den Boden, er balanciert zwischen dem Kot der anderen Tiere. Wie immer ist Liam angewidert und zieht ihn fort – könnte er Anna wenigstens zum Waschen der Ohren bestellen.

Er denkt an ihr beruhigendes Murmeln, wenn sie ihn einseift, ihn krault, bis sich der Köter selbst in der Badewanne auf den Rücken legt. Eingeschäumter Hund, umherflutschend wie ein glitschiger Aal mit angezogenen Pfoten. Annas Lachen und der rote Bikini, den sie dazu trägt. Ihr Schreien, sobald er sich ausschüttelt.

Er redet sich ein: Sie wird einen Grund haben. Ihr Handy auszuschalten, nicht zurückzurufen. Vielleicht ist ihr Akku leer, vielleicht gibt es weit und breit keine Telefonzelle.

Der Gedanke an ihr Gesicht, noch an diesem Morgen. Keine Spur von einem leeren Akku. Ihr Lächeln, als sie aufwachte, den Streit vom Vorabend schien sie vergessen zu haben. Ohnehin: Ein richtiger Streit war es nicht gewesen. Schließlich schlief sie nicht mit dem Gesicht zur Wand ein. Schließlich fuhr sie nicht nach Hause, sondern hatte bei ihm übernachtet, sich küssen lassen.

Was war der Auslöser für den Streit gewesen? Irgendeine dumme Bemerkung über ihre Freundin Marie.

»Warum lästerst du ständig über sie?«, motzte Anna und wandte sich ab.

Weil sie seltsam ist, hätte er am liebsten geantwortet. Weil sie ständig anruft. Doch er blieb still. Es gab etwas an Marie, das er nicht fassen konnte. Und solange er das nicht konnte, hielt er lieber die Klappe. Legte stattdessen einen Arm um Anna und küsste sie auf den Nacken.

»Tut mir leid.«

Sie wandte ihm den Rücken zu. Er stellte sich ihre grünen Augen vor, die dichten Wimpern. Ihr Gesicht von eben wollte er nicht mehr sehen. Im Streit ist es bei jedem hässlich. Ist man verliebt und sieht es zum ersten Mal, kann man sich erschrecken.

Der Hund zieht Liam weiter. Vorbei am Schaufenster des gegenüberliegenden Sexshops, wie immer hebt er an der Ladenecke das Bein. Die Frauen auf den Postern hat Liam schon so oft angeschaut, dass er ihre Konturen mit geschlossenen Augen nachzeichnen könnte. Ihre Haut ist durch die Sonne verblichen, grüne Patina schimmert dort, wo die Körper einmal rosig waren. In der Auslage liegen noch immer ein paar Plüschhandschellen, er erinnert sich, wie Anna stehen blieb und auf sie deutete; ihre Frage, ob er überhaupt schon mal im Laden war. Er verneinte, obwohl das nicht stimmt, obwohl er ein paar Filme vor ihr versteckt.

»Kauf uns die Handschellen«, forderte sie. »Und wenn du mit der schwarzen Plastiktüte aus dem Laden kommst, fotografiere ich dich

Sie betonte dich, weil ansonsten er es ist, der fotografiert, dessen Kamerastativ an der immer gleichen Stelle steht, im Erker seiner Wohnung, das Objektiv auf den Sexshop gerichtet. Der Vorhang hinter der Tür ist in schmale Streifen geschnitten: Schwarze Stirnfransen, die manche Gedanken verbergen sollen. Flattert der Vorhang, tritt jemand hinaus, und er drückt den Auslöser. Stiehlt verlegene Blicke, in einem hastigen Moment zur Seite geworfen. Nur selten sind die Blicke entschlossen, manchmal bei Paaren, die gemeinsam etwas Neues entdecken wollen, ihre Küsse, die schwarze Einkaufstüte in ihren Händen, auch sie soll das Innere verbergen.

Annas Lachen, als sie zum ersten Mal durch das Objektiv schaute. Ihr Auge klebte davor, noch bevor sie sich in seiner Wohnung richtig umgesehen hatte.

»Was willst du mit den Bildern machen?«

Sein Schulterzucken, sein Grinsen.

»Keine Ahnung. Hab eben keine Briefmarkensammlung.«

Ihre Hände strichen über die großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, chronologisch geordnet in einem Karton, manchmal wendete sie ein Bild, um sich am Datum zu orientieren. Irgendwann rief sie: »Hey, den Typen kenn ich doch! Das ist dieser Penner aus der Stadt. Schau mal, der hat immer tausend Plastiktüten dabei. Ich fasse es nicht: Der trägt das Geld, das ich ihm gebe, in den Sexshop!«

Die Nacht ist warm, aus den Gassen dringt das stetige Murmeln der Straßencafés, der Sommer fühlt sich an, als würde er noch lange bleiben.

Im Biergarten am Fluss sind alle Tische besetzt, doch ohnehin sitzt Liam lieber auf den Stufen am Wasser, mag den Geruch von nassen Steinen. Neben ihm: eine Gruppe junger Leute, ihre Gläser klirren in der Nacht.

Er betrachtet das Mädchen zu seiner Rechten, endlos lange Beine hat sie, ihre Füße stecken in Sandalen, die Zehen sehen perfekt aus. Sind wahrscheinlich irgendwie lackiert, denkt er.

Wie so viele Leute streckt sie ihre Hand zum Hund aus, immer sind es die Schlappohren, die zuerst berührt werden wollen.

»Schau mal, ein Basset«, flüstert sie ihrer Freundin zu.

Ihre erste Frage an Liam ist Routine: Sie will wissen, warum das Tier eine Augenklappe hat.

»Weil er nur ein Auge hat«, beginnt er. »Und ein Hund mit nur einem Auge und ohne Augenklappe würde aussehen wie ein Monsterhund und kleine Kinder erschrecken.«

Sie lacht, ein warmes Lachen ist es, warme Milch mit Honig. Und doch schickt sie noch einen Unterton mit, ein Zwischen-den-Tönen-Ton: leise SOS-Zeichen in der Nacht.

»Der Arme. Wie ist das passiert?«

Sein Blick klebt auf ihren Beinen.

»Hatte bislang nicht so viel Glück. Wurde im Wald gefunden und ins Tierheim gebracht. Vielleicht hat er das Auge im Wald verloren oder wurde geschlagen.«

»Du hast den Hund aus dem Tierheim?«

Er sagt ja, obwohl das nicht stimmt, obwohl es Emma war, die den Hund entdeckte. Emma: Das geht fast wie Anna, von hinten wie von vorn. Ein Anagramm. Die Gedanken an seine Schwester. Auf der anderen Seite der Welt beginnt jetzt ein neuer Tag. Down under. Weiter weg fahren hätte sie nicht können.

Der Hund stupst ihn an. Vielleicht stimmt es, dass die Viecher Traurigkeit spüren können. Auch das Mädchen neben ihm ist still geworden. Sie sendet nicht nur SOS-Zeichen, anscheinend kann sie auch welche empfangen.

Warum sitzt sie so am Fluss? Als würde sie nur darauf warten, dass irgendein Kerl sie aufgabelt. Das macht manchen Männern doch Angst. Nicht jeder ist auf einen Quickie aus. Erst recht nicht, wenn die Einsamkeit einer Frau so spürbar ist. Da fühlt man sich ja unter Druck gesetzt, bevor es richtig losgeht. Hastig kippt er den Rest Bier herunter und sagt Tschüss, ihr Lächeln ist traurig.

Natürlich könnte er an Annas Wohnungstüre klingeln. Doch es reicht, dass er davorsteht. Jemanden, der nicht zurückruft, möchte man nicht besuchen. Jemandem, mit dem man nicht richtig verabredet ist, gibt man auch keinen Haustürschlüssel.

»Selbst wenn«, sagt er zum Hund und hebt ihn zu sich auf die Bank, er soll die Hasen vergessen, die in der Dunkelheit umherspringen. »Selbst wenn, würde ich nicht einfach in ihre Wohnung gehen.«

Der Hund schaut ihn an, überrascht von der Stimme seines Herrchens dreht er den Kopf über die Schulter, sein gesundes Auge zwinkert; manchmal schauen Tiere so, und man weiß, dass sie alles verstehen.

Auch in Gedanken nennt er den Hund Hund, anders als Emma, die ihm diesen verrückten Namen gab: Kapitän Ahab. Als hätte heutzutage noch irgendjemand Moby Dick gelesen. Allenfalls Kapitän nennt er den Köter, passt ja auch irgendwie, wegen der Augenklappe.

Würde Anna nur endlich anrufen. Wegen des Streits schien sie nicht mehr verstimmt gewesen zu sein. Er fragt sich, wann er das letzte Mal eigentlich so verarscht worden ist.

Es sei denn, dass sie nicht anrufen kann.

Er ist erstaunt, wie schnell Wut sich wandeln kann. Wie schnell sie einem Gefühl der Angst Platz machen kann. Am Morgen hatten sie einander noch den Schlaf aus den Augen gewischt. Das macht man doch nicht nur so, ist ja schon fast wie sich gegenseitig Pickel ausdrücken. Dafür muss man sich doch vertrauen. Das hätte sie nicht getan, wenn sie noch sauer auf ihn gewesen wäre. Wenn sie einer dummen Bemerkung wirklich Bedeutung beigemessen hätte. Sich am Abend nicht zu melden, wie soll das zusammenpassen? Er findet: ein ziemlich seltsames Ende für eine Geschichte.