Mittwoch, Tag 6, Anna
Die Hitze in diesem Zimmer. Sein Körper neben meinem, sein Atem im Nacken. Die Stunden sind gleich, die Tage, die Hitze. Die sich zwischen den Wänden des Zimmers ausbreitet, dicht presst sie sich heran, so wie er. An meine Haut. Und die Angst, immer ist sie da. Genau wie das verzerrte Gesicht aus den Holzlatten. Quasimodo, der stumme Mann. Immer starrt er mich an, mal grinsend, mal die Zähne fletschend. Wirft schwere Steine in meinen Bauch, heiße, manchmal auch sehr, sehr kalte.
Die letzte Nacht. Ich versuche, das Zittern einzustellen. Er schläft, endlich. Und er kann dir nichts tun, wenn er schläft, Anna.
Bis zum Winter schaffen wir es nicht. Wie lange dann? Eine Woche vielleicht noch, oder zwei. Wie viel kann man aushalten? Du musst dich beeilen, Marie. Musst schnell sein!
Als er aufwacht, streichelt er mich. Spricht nicht, wir liegen bloß da. Irgendwann geht er ins Bad und die Dusche läuft lang. Später riecht er nach Duschgel und sein Blick wirkt für einen Moment befangen. Als würde er sich ein wenig schämen.
Er schließt mich ins Bad ein. Kannst dir Zeit lassen, meint er und geht nach unten, um Frühstück zu machen.
2,5 Quadratmeter. Die Kacheln, die Angst. Etwas fließt aus mir heraus. Ich reibe Blut zwischen den Fingern, ich zittere vor Erleichterung. Ob er mich jetzt für ein paar Tage in Ruhe lassen wird?
Mama. Du könntest kommen und mich in den Arm nehmen. Nur du und sonst keiner.
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Nur vor dem Anblick des Messers. Neben dem Orangensaft wird es gleich liegen oder in seiner Hand. Frühstück mit Messer.
Ich glaube, wenn es erst mal in einem drinsteckt, ist das gar nicht so schlimm. Dann braucht man nur noch einzuschlafen.
Reiß dich zusammen, Anna! Überleg dir, was realistisch ist. Wie lange wird die Polizei brauchen, um Natan zu befragen?
Sonntag wird Liam zur Polizei gegangen sein, vielleicht auch erst Montag. Weil er stolz ist. Weil er nicht zugeben will, dass er mich liebt. Weil er sich denken wird: wenn sie einfach nur keinen Bock hat? Wie sieht das denn aus, wenn ich gleich zu den Bullen latsche?
Montag also. Vor zwei Tagen. Werden sie sich Gedanken gemacht haben, wo ich stecken könnte. Werden sie meine Wohnung durchsucht haben, werden sie versucht haben, Selma zu erreichen. Und dann? Gespräche mit Liam, mit Marie, Rebecca. Mit all meinen Freunden. Und gleich am Montag hätte Marie es ihnen sagen können. Natan, dieser Kerl, der unheimlich war.
Also, das ist doch ganz einfach! Sie werden ihn ausfindig machen! Seinen Kontakt über die Kunsthochschule rausfinden. Dass er dort immatrikuliert war, weißt du doch noch Marie!
Und selbst wenn es dir erst gestern eingefallen ist. Dann machen sie sich heute an die Arbeit.
Heute wird Natan also einen Anruf bekommen. Wird die Polizei vor seinem Haus in der Stadt stehen. Dort klingeln, eine Nachricht hinterlassen. Und wenn er sich nicht meldet. Wenn er nicht auffindbar ist. Dann ist er doch erst recht verdächtig! Dann werden sie in seinem Leben herumschnüffeln, bis sie dieses Haus finden. Und nicht erst im Winter. Wie lange dauert so was? Noch eine Woche, maximal zwei.
Ich wasche ihn von mir ab. Taste über das Herpesbläschen, die Kruste tut weh. Er hat auch eines bekommen, sieht hässlich aus wie ich.
Schämst du dich nicht, würde ich ihn am liebsten fragen. Schämst du dich nicht?
Ich ziehe das Buch hinter der Kachel hervor. Die Kachel – diese schmale Platte in meiner Hand. Soll ich ihn damit schlagen? Nein, ich kann das nicht. Das Messer in seiner Hand, das Risiko ist mir zu hoch. Die Rechnung ist einfach, oder nicht? Eine Woche noch, maximal zwei.
Sollen sie kommen und in dunklen Uniformen vorrücken. Wie nennt man so was? Swat-Team. Sondereinsatzkommando. Sollen sie ihm eine Kugel in den Kopf jagen. Doch was, wenn er eine ähnliche Rechnung aufstellt? Wenn er sich denkt: nur zwei Wochen. Und dann lasse ich sie verschwinden.
Aber nein, Anna, nein! Du musst dich eben anstrengen. Er hat dich gern. Er ist ein kranker Mensch. Du musst ihm geben, was er braucht, damit er stabil bleibt. Und dass ich Marie alles erzählt habe, kann er nicht wissen.
Du brauchst etwas, über das du mit ihm sprechen kannst.
Warum nicht über das Buch. Warum zeigst du es ihm nicht. Ich lausche, höre nichts, beginne zu lesen.
4. November 1941
Vater sagt, dass ich wieder rausgehen muss, bevor es den anderen seltsam vorkommt.
Morgen gehe ich zum Bund deutscher Mädchen. Was diesmal wohl auf dem Programm steht? Ein strammer Marsch durch den Wald, einheimische Vogelkunde? Magda wird vorausgehen, Lotte und ich sind wie immer die Letzten, manchmal betrachten uns die anderen argwöhnisch.
»Bitte«, fleht Papa. »Spiel es einfach weiter, dieses Spiel! Du bist alles, was ich noch habe.«
Ich nicke, ich weine. Den ganzen Tag weine ich, strecke die Fühler aus, doch ich weiß nichts, ich höre nichts! Wahrscheinlich wird er weit fort sein.
Ich liebe Papa, es tut mir leid, dass er solche Angst hat. Deswegen werde ich brav zum Bund deutscher Mädchen gehen. Aber nicht in die Schule. Nicht in die Schule!
Ich kann nicht mehr. Der Traum ist vorbei, ich werde niemals Medizin studieren.
5. November 1941
Gestern waren sie hier, alle drei.
Heinrich. Arnold. Severin.
Ich saß auf der Schaukel, als sie um die Hausecke traten, meine Finger krallten sich um das kalte Metall. Ich wollte nie wieder loslassen.
Es war früher Abend, Vater machte die Suppe warm. Ihre Blicke streiften mich, und mein Herz, das stehen blieb. Sie polterten in die Küche.
»Herr Steiner!«
Vater ist ein ruhiger, würdevoller Mann, ich habe ihn nie zuvor schreien hören. Jetzt brüllte er wie einer, der gebrochen ist. Versuchte, sie zu verjagen. Doch was will man machen gegen die großen, arischen Jungen?
Sie wollten ganz freundschaftlich mit ihm reden, behaupteten sie. Nur sichergehen, dass der Jud nicht bei uns versteckt ist. Hätten keinem was erzählt von den Küssen zwischen dem Jakob und mir. Ob er davon wüsste, hörte ich sie durch das Küchenfenster fragen.
»Alles weiß ich!«, schrie Vater. »Alles!«
Etwas zertrümmerte, ich lief in die Küche, ließ endlich die Schaukel los.
»Hört auf!«, flehte ich und stellte mich vor Vater. »Was wollt ihr?«
»Ist der Jud hier?«, bellte Heinrich, sein Blick entschlossen.
»Der ist abgeholt worden«, sagte Vater, hielt mich umarmt.
»Eben nicht!«, kläffte Arnold. »Der ist abgehauen und weit kann er ja nicht sein.«
Vaters Brüllen: »Dann schaut euch doch um!« Heinrich machte den anderen ein Zeichen und sie verschwanden im Flur. Das Tagebuch – rutschte mein Herz in die Hose. Hatte ich es versteckt? Lag es verborgen im Badezimmer hinter der losen Kachel?
»Könnt froh sein, dass wir gekommen sind«, erklärte uns Heinrich. »Dass wir nicht gleich alles gemeldet haben!«
»Verschwindet«, zischte Papa. »Hier ist kein Jude.«
In ihren Augen funkelte es.
Arnold mit dem dünnen, albernen Schnurrbart.
Severin, der immer über seine eigenen Füße fällt.
Heinrich, der mich immer bloß anschauen mag.
»Das war’s fürs Erste«, sagte er.
Papa legte seine Hand auf meine Wange, lange lag sie dort. Bis wir uns voneinander lösten und die Dinge gerade rückten. Die Suppe stand noch auf dem Herd, die Schaukel wog sanft in der Dämmerung.
»Wir müssen hier weg. Die bringen uns noch um, Ida.«
»Und wohin. Wohin sollen wir?«
»Warum nicht zu meiner Schwester. Nach Heidelberg.«
»Nein, Papa. Du musst arbeiten. Wir brauchen einen Lebensunterhalt. Ich gehe fort. Ich gehe zu Eva in die Stadt. Mache eine Ausbildung zur Krankenschwester wie sie.«
»Und dein Studium?«
Er hielt wieder meine Hand, sein fremder, trauriger Blick.
»Das mache ich, wenn der Krieg vorbei ist.«
Er kam in derselben Nacht. Ich sah ihn, wie er aus dem Schutz der Bäume trat. Wie sich seine zitternde Gestalt aus den Schatten der Tannen herauslöste.
Er war so müde, konnte kaum sprechen. Er trank einen Krug Wasser, schlang Brot hinunter, etwas von der Suppe rann ihm das Kinn hinab. Er war so gierig, er konnte nicht mehr.
In den Wäldern wäre er gewesen, sagte er und zitterte vor Kälte. Ich brachte ihn in mein Bett, zog ihm die Kleider aus. Er war eiskalt und eingeschlafen, bevor ich ihn gewaschen hatte.
Vater weckte ich nicht und ließ Jakob, wo er war, lauschte seinem Atmen, legte den Arm um seinen Bauch. Heinrich und die anderen waren gerade erst hier gewesen. So schnell würden sie nicht wieder kommen.
Mit den ersten Geräuschen des Morgens stand ich auf. Vater saß am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt.
»Ich bleib heute hier«, schlug er vor.
»Besser nicht, Papa. Die sind eh in der Schule. Außerdem musst du da hingehen und sagen, dass ich nicht mehr komme. Sag, das Mädchen will Krankenschwester werden. Dem Vaterland könne sie so besser dienen. Das werden sie gutheißen.«
Er nickte kraftlos, im Flur half ich ihm in die Stiefel.
»Pass auf dich auf, Mädchen.«
Ich küsste ihn auf die Wange und Jakob auf den Mund.
Wie dicht seine Wimpern sind. Er hatte nichts an, seine Hände verfingen sich in meinen Haaren.
Jetzt ist er fort. Gegen Mittag ist er gegangen, hat sich weggeschlichen, als ich im Keller war, ein Glas Eingemachtes holen. Der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, war plötzlich leer, die Stille im Haus greifbar gewesen. Mit dem Glas in der Hand sank ich am Tisch zusammen, mein Magen verkrampfte sich.
Natürlich wollte ich, dass er bleibt. Ich könnte ihn im Keller verstecken, im Gartenhäuschen. Papa könnte einen Keller unter den Keller bauen.
6. November 1941
Eine ganze Nacht war er draußen in der Kälte. Im Wald, ohne Decke, ohne alles. Ich versuche mir vorzustellen, wie das ist. Irgendwann wird man sich hinhocken, den Rücken gegen einen Baumstamm drücken. Wird die letzten Blätter fallen sehen, sich vielleicht unter dem Laub verstecken. Ein bisschen Wärme können sie spenden, das Moos, die Zweige.
Ich bin sicher, in den Wäldern ist es gefährlicher. In den Wäldern werden sie nach ihm suchen. Ob sie noch mal hierherkommen, weiß ich nicht.
»Wir könnten ein Versteck bauen«, versuchte ich es. »Falls Jakob wiederkommt.«
Papa sagte nichts, streichelte meinen Arm. Erzählte mir stattdessen von meinem Lehrer, Herrn Klaus. Wie enttäuscht er gewesen ist. Ich wäre so begabt, hat er immer wieder gesagt. Ich sollte nicht so schnell aufgeben.
Ich schreibe einen Brief an Eva, in dem ich frage, ob es noch einen freien Platz gäbe in der Schwesternschule. Hilf mir, Eva. Hilf mir!
Ich halte den Brief in meinen Händen. Sobald ich ihn abschicke, ist es zu spät. Wer soll sich dann um Jakob kümmern?
Ich könnte bleiben. Doch was wird dann aus Papa, was aus mir? Heinrich, der wird ja doch keine Ruhe geben, bis er glaubt, dass ich Jakob vergessen habe.
Ich weiß nicht weiter, nicht weiter! Wie Jakob hier in meinem Bett lag. Seine Brust ist glatt, erst am Bauchnabel, da wachsen ein paar Haare.
Es war anders, so anders. Erst schämte ich mich, natürlich. Ich schämte mich so. Aber was er mir dann alles sagte. Und er hatte solche Angst, dachte an seine Familie. Ich wollte ihn vergessen lassen.
Den Brief an Eva halte ich als kleine Schnipsel in der Hand.
Nichts macht mehr Sinn, ich werde nicht fortgehen können.
7. November 1941
Als der Tag zur Neige ging, füllte sich unser Haus. Zuerst mit Herrn Klaus, er hatte ruhig gegen die Tür geklopft, sein Bart war dicht wie immer, seine Gestalt in der Dämmerung gedrungen. Sein Körper wirkt immer zusammengestaucht, fast so, als hätte er keinen Hals.
»Ida!«, rief er. »Willst du wirklich nicht mehr in die Schule kommen?«
Ich kochte uns Tee, er sah nicht, dass ich heulte. Natürlich will ich Abitur machen, natürlich will ich studieren. Das wollte ich immer, immer!
Herr Klaus weiß das. Er setzte sich immer für mich ein; Mädchen sind an der Oberschule nicht gerne gesehen, können ja doch nichts außer der Hausarbeit. Umso weniger versteht er jetzt meinen Sinneswandel.
»Ida, es ist bloß noch ein gutes halbes Jahr, dann sind schon Prüfungen.«
Mein Blick glitt aus dem Fenster, die Nacht war schwarz geworden. Ich lauschte und hörte ihre Motorräder.
»Sie kommen.«
Vater stand mit einem Ruck auf, Herr Klaus sah zwischen uns hin und her.
»Wer kommt?«
Die Motorengeräusche waren jetzt deutlich zu hören.
Ich staunte, als Papa herauslief und mit einer Schrotflinte zurückkam.
»Himmel, was ist hier los?«, rief Herr Klaus, und ich wünschte, ich hätte ihn beruhigen können.
»Ida, nach oben!«
Ich blieb, wo ich war. Und schon scharrten sie an der Tür. Immerhin: Sie klopften. Und ich weiß nicht, wovor ich größere Angst hatte: Sie wieder zu sehen oder davor, dass sie nicht alleine gekommen waren.
Doch es waren bloß Heinrich und Arnold. Wie arrogant sie daherkamen. Aber sie stockten, als sie Herrn Klaus sahen. Das Abzeichen der HJ war um ihren Arm gebunden.
»Heinrich! Arnold! Was ist hier los?«, verlangte Herr Klaus zu wissen.
In der Küche war es plötzlich still geworden, Vater hielt immer noch die Flinte in der Hand.
»Warum setzen wir uns nicht alle«, schlug ich vor und spürte, dass sich etwas verändert hatte. Arnold – wie er da saß, ich erschrak nicht mehr vor seinem Schnurrbart, seinen hässlichen, dünnen Lippen. Jetzt weiß ich, dass es auch anders sein kann. Das sind bloß Hosenscheißer, dachte ich mir. Die sich ins Hemd machen, weil plötzlich ein Lehrer mit ihnen am Tisch sitzt.
»Heinrich und Arnold sind auf der Suche nach Jakob«, erklärte ich Herrn Klaus.
»Mein Gott.«
»Sie glauben, dass wir Jakob versteckt halten, weil ich ihn mochte. Stimmt’s, Heinrich?«
Seine blauen Augen starrten mich eisig an.
Warum suchst du dir nicht irgendein nettes Mädchen?, dachte ich. Eines mit langen Zöpfen, es gibt doch genug, die blond sind wie ich, Heinrich.
Keiner sagte ein Wort. Keiner von diesen großen, tapferen Männern!
Ich stand auf, knallte zwei weitere Teetassen auf den Tisch. »Wollt ihr Tee?«, zischte ich.
Sie sollten mir glauben. Ich kann das doch, diese Rolle spielen. Glauben sie mir, kommen sie nicht mehr wieder. War es das letzte Mal, dass sie da waren.
Heinrich liebt mich, das weiß ich. Allein aus dem Grund durchsuchte noch kein anderer unser Haus.
Endlich hatte ich sie so weit. Endlich schlugen sie die Augen nieder.
»Der Jude ist nicht hier. Wann wollt ihr das endlich glauben. Wann lasst ihr uns endlich in Ruhe?«
Herr Klaus hatte sich noch immer nicht beruhigt, strafte mit seinem Blick die Schüler.
»Ich kann nicht glauben, dass ihr Ida so behandelt. Seid ihr etwa der Grund, warum sie nicht mehr in die Schule kommt?«
»Aber wir haben sie gesehen«, presste Arnold heraus. »Heimlich getroffen hat sie sich mit dem Jud!«
»Na und? Ich wollte mich von ihm verabschieden, verstehst du? Verabschieden! So wie du von deiner Schwester, Arnold! Deiner taubstummen, zurückgebliebenen Schwester! Sag, wie war das, als sie ins Heim gebracht wurde? Wie war das für deine Mutter?«
Arnold war vom Tisch aufgesprungen, machte mit erhobener Faust einen Satz auf mich zu, doch noch während der Bewegung hielt er inne, fuhr sich nervös durch die Haare und griff nach seinem lächerlichen Schnurrbart.
»Jetzt beruhigen wir uns alle«, dröhnte Herr Klaus und hob beschwichtigend die Hände.
»Und du, Ida, kommst am Montag wieder in die Schule. Ist das klar?«
Sie verschwanden mit hängenden Köpfen. Doch ich weiß nicht, ob das reicht. Ob sie nicht doch wieder einen Grund finden werden, mich anzufassen.
»Das darf nicht wahr sein«, sagte Herr Klaus, nachdem sie gegangen waren, sein Gesicht wirkte noch immer bleich.
Ich betrachtete ihn, wie sehr ich ihn mag. Manchmal tätschelt er mir im Klassenzimmer die Schulter, lächelt mir aufmunternd zu. Auch mit Vater versteht er sich gut. Er hat seine Frau verloren, genau wie Papa. Manchmal kommt er zu ihm in die Bibliothek und leiht sich die neusten Bücher aus.
Herr Klaus lebt ähnlich wie wir. Sein Haus ist zwar nicht so abgelegen wie unseres, doch von einem dichten Garten umschlossen. Herr Klaus hat keine Kinder, aber einen Keller, in dem er Jakob verstecken könnte. Wer würde ihn dort schon vermuten – mein Lehrer ist angesehen und seit Kurzem in die Partei eingetreten, so wie Papa, weil ihm ja doch nichts anderes übrig bleibt.
»Herr Klaus«, sagte ich entschlossen. »Jakob ist da draußen.«
»Was?!?«
»Er versteckt sich in den Wäldern.«
»Was soll das, Ida! Du kannst doch Herrn Klaus nicht mit da reinziehen.«
Die Hände meines Lehrers lagen ruhig auf dem Tisch. Schlanke Finger sind es, die nicht zum Rest seines klobigen Körpers passen mögen. Die Hände eines Akademikers, der nie hart arbeiten musste.
»Schon gut, Herr Steiner. Schon gut. Wir sind unter uns.«
Wieder kam Jakob in der Nacht, er brauchte etwas zu essen.
Vater stand auf, schnitt Brot. Schmierte eine ordentliche Schicht Butter darauf, belegte es mit Schinken. Seine Hände zitterten.
»Du kannst hier nicht bleiben, Junge. Du gehst zu Herrn Klaus.«
Er sagte das mit einer Bestimmtheit, als wäre es seine Idee gewesen.
»Am besten noch heute Nacht, Herr Klaus weiß Bescheid, du sollst kleine Steinchen an sein Schlafzimmerfenster werfen. Es ist das untere rechte. Auf der Rückseite.«
»Papa!«, wandte ich ein. »Er kann kaum noch die Augen offen halten und er zittert vor Kälte. Lassen wir ihn bis morgen hier.«
Er musste unten auf dem Sofa schlafen, Vater brachte ihm Decken, ein frisches Hemd und Hosen, Strümpfe und einen Pullover.
»Ida«, sagte er zu mir im Flur. »Ida, du darfst nicht schwanger werden.«
Draußen beginnt es zu dämmern.
Natans Schritte im Zimmer. Sein Pfeifen – gut gelaunt scheint er zu sein, er schaltet den Fernseher ein.
Das Buch liegt noch immer in meiner Hand. In der anderen die Kachel: zwei Möglichkeiten, mit denen ich es versuchen kann.
Und wenn er das Tagebuch seiner Großmutter liest? Könnte das etwas ändern? Würde er nicht verstehen, was das für ein Mädchen bedeuten kann? Und das Messer, das Messer. Dagegen hab ich doch keine Chance.
Sein Klopfen, sein Scharren, die Stimme: »Bist du fertig, Anna?«
Der Schlüssel, der sich dreht, ich lege die Kachel behutsam zur Seite.
»Schau mal, was ich gefunden habe«, sage ich, als er öffnet.