Dienstag, Tag 5, Liam

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Hier auf dem Tisch liegen sie. All ihre Zeichnungen, die komplette Mappe, die sie immer vor ihm geheim hielt, aus der sie allenfalls ein einzelnes Blatt zog, um es ihm zu zeigen. Doch die meisten hielt sie unter Verschluss.

»Zeig doch mal«, bat er.

»Lass, Liam. Das ist wie ein Tagebuch. Ich zeig dir nicht alles auf einmal.«

Die beiden Kommissare sitzen an seinem Küchentisch. Ein seltsames Bild geben sie ab, auf dem Biedermeiersofa sinkt man ein. Es ist ein Erbstück von seinem Großvater, der Bezug noch original. Ein wenig ist es so, als würde ihre Autorität einsinken; der junge Kommissar fühlt sich sichtlich unwohl, kann sich nicht entscheiden, ob er sich vor- oder zurücklehnen soll.

Der ältere Kommissar sitzt aufrecht und lässt Liam blättern. Ob er diese Person kenne oder diese. Liam starrt auf die Zeichnungen. Das Profil eines jungen Mannes: Sebastian, Sydney. Die Haarsträhnen in seinem Gesicht, auf einem anderen Blatt skizzierte Anna Muscheln, ein Zelt irgendwo am Meer.

Anna hatte ihm erzählt, dass sie nach Australien gereist war, die Skizzen erzählen davon: Melbourne, Brisbane, Great Barrier Reef. Auf einem Blatt dichtes Geäst, darin der Umriss eines Tieres und Annas handgeschriebener Hinweis: Koala-Bären lassen sich schlecht zeichnen. Die wuseln ständig herum.

Der Kommissar gibt ihm Zeit. Lässt ihn verdauen, was er dort sieht: Wie ein bunter Fächer breitet sich Annas Leben plötzlich vor ihm aus. Jedes Bild erzählt eine andere Geschichte. Sebastian verschwindet, in Annas Leben treten Menschen mit dunklen Gesichtern. Verstopfte Straßen, Kinder über Kinder – das Heim, in dem Anna in Indien arbeitete. Kinder beim Spielen, Kinder beim Schlafen. Die sitzende Gestalt eines Mannes – Balu steht dort.

Balu? So heißt doch keiner. Allenfalls dieser Bär aus dem Dschungelbuch. Oder es ist ein Kosename für einen, den sie küsste?

Balu auf den nächsten zehn Blättern: ein Kind auf dem Schoß haltend, eine Grimasse schneidend. Balu und eine andere Person, eine junge Frau, mit locker drapiertem Kopftuch. Wie genau Anna den Verlauf der Stofffalten zeichnete. Auf ihrer Stirn ein Punkt, wie ihn Inderinnen tragen. Ihr Name: Leela.

Liam überspringt die nächsten Blätter, ein Stapel von fünf Zentimetern liegt noch vor ihm, und er ahnt, dass er die Nerven der beiden Kommissare nicht überstrapazieren darf. Wenn er das meiste davon sehen möchte, muss er sich beeilen.

»Kann ich mal das Klo benutzen?«, fragt der junge Kommissar.

Liam nickt, macht eine Handbewegung, ohne aufzublicken.

Elias, steht auf dem nächsten Blatt, wieder ein neues, gut aussehendes Gesicht. Wieder ein anderes Lachen. Ausschnitte einer Wohnung, Liam nimmt an, der von Elias. Das Ziehen in seinem Bauch, ich bin nur eines von diesen Kapiteln, denkt er plötzlich, nur eine weitere Facette in ihrem Leben. Später würde sein Gesicht erscheinen, sein Lachen, die Umrisse seiner Wohnung. Seine schlafende Gestalt im Bett, Kapitän, wie er sich davor zusammengerollt hat.

Jetzt versteht er, warum Anna ihm die Bilder nicht zeigen wollte. Weil die Wiederholung zu offensichtlich gewesen wäre. Weil die Skizzen von ihm nichts Besonderes mehr gewesen wären, sich lückenlos in ihr Album eingereiht hätten.

Ein neues Gesicht: Natan. Seine Gestalt an einem Tisch, darunter der Hinweis: Café am Ballplatz. Das reicht. Liam steht auf, lässt Wasser in ein Glas laufen. Trinkt, ohne abzusetzen.

»Kennen Sie diesen Mann?«

Der Wasserhahn tropft, gestern Abend hat das angefangen. Er hat einen Schwamm darunter gelegt, damit es nicht so laut klackt.

»Herr Lorenz?«

Unsicher schleicht er zurück an den Tisch. Der Blick des Hauptkommissars ist durchdringend, doch er wartet, gibt Liam Zeit.

»Ich kenne ihn nicht, diesen …« – er wirft einen Blick auf die Skizze – »Natan. Ich war nur irritiert wegen des Ortes. Café am Ballplatz. Dort haben Anna und ich uns kennengelernt.«

Das leichte Zittern seiner Hände, als er weiterblättert. Es kommt, wie er es erwartet hat: eine Art Lebensumgebung von Natan, ein dunkel wirkendes Wohnzimmer, ein Blick aus einem Fenster raus, ein großer Baum, ein Garten, der verwahrlost erscheint. Natan, am Tisch sitzend. Die Hände flach darauf liegend, dunkle Ringe unter den Augen.

Natan, steht dort. Traurig.

Traurig. Aha.

Ob er an diesem Tag wirklich so aussah? Oder ob Anna ihn bloß so wahrgenommen hat, etwas in ihn hereininterpretierte, ein Anzeichen dafür, dass die Beziehung beendet war?

Es folgen die nächsten: Björn, Erik. Na toll. Wie ein Daumenkino, das man zwischen den Fingern durchlaufen lässt: Der eine geht, der Nächste kommt. It’s raining men.

Immerhin viele Bilder von Erik: breite Hände, gerade Zähne, hohe Stirn. Zuletzt Torben, bis letztes Jahr im Dezember. Bis Anna Liam im April kennenlernte.

In manchen Bildern erkennt er ihre Geschichten wieder. Torben, der Archäologiestudent, mit dem sie über den Fluss fuhr. Seine große Gestalt am Ufer, dahinter das Boot.

Zwischen allen, die sie küsste, immer wieder Bilder von Selma, von Marie. Von Personen, die ihre Eltern sein könnten. Ihre Gestalten verschwommen wie von jemandem, an den man sich nur ungefähr zu erinnern vermag.

Man glaubt einen Menschen zu kennen. Doch man irrt sich. Er spürt die Enttäuschung, wie ein schwerer Klotz liegt sie in seinem Magen. Er hätte nicht gedacht, dass ihr Leben so gewesen ist. So schnelllebig.

Natürlich glaubt er zu verstehen. Wenn man keine Eltern mehr hat, sucht man jemanden zum Anlehnen. Aber doch nicht jeden x-beliebigen Balu, Anna! Irgendeinen Sebastian, Kategorie dahergelaufener Backpacker! Wahrscheinlich ein cooler Surfer.

Vielleicht hat er kein Recht, so zu denken. Sie hat den einen oder anderen Kerl gehabt – na und? Bei ihm waren es auch einige Mädels gewesen. Was stört ihn eigentlich daran? Dass sie ihm keine Zahl genannt hatte? Ihm so gut wie nichts erzählt hatte? Das hatte er auch nicht.

»Kann ich mir von den Skizzen ein paar Kopien machen?«, wendet er sich an den Hauptkommissar.

»Ich dachte, Sie erkennen niemanden darauf?«

»Tu ich auch nicht. Aber vielleicht, wenn ich mich damit beschäftige. Wenn ich sie mir länger anschaue.«

Der Kommissar steckt die Blätter zurück in die Mappe. Achtet sorgfältig darauf, dass seine Finger die Kohlestriche nicht verschmieren.

»Ich kenne mich mit so was nicht besonders gut aus«, meint er, anstatt seine Frage zu beantworten. »Aber sie scheint begabt zu sein.«

»Ihre Mutter war Künstlerin. Vielleicht sind Ihnen die Malereien in Annas Wohnung aufgefallen? Die ganzen Leinwandbilder. Sie stammen von Sophia Hansen.«

Der junge Kommissar tritt zurück in die Küche, nimmt Platz auf einem Stuhl, möchte wohl nicht wieder im Sofa versinken. Liam betrachtet ihn, wie er dasitzt: Sein Magen knurrt heute nicht, dafür stinkt er penetrant nach After-Shave.

»Interessantes Klo«, kommentiert er.

Liam nickt. Besucher bleiben manchmal ewig auf seiner Toilette, weil sie die Gedichte lesen, die dort an der Wand hängen: Rilke, Ringelnatz, Kästner. Morgenstern, Bachmann, Celan.

»Herr Lorenz, wie haben Sie den letzten Freitagabend verbracht?«

Allmählich dämmert es ihm. Warum die zwei wirklich zu ihm nach Hause gekommen sind. Warum sie ihn in der Redaktion angerufen und auf ein Treffen am Nachmittag bestanden haben.

Erst dachte er: Die wollen dir die neusten Infos geben, die geben sich Mühe. Was für ein Schwachsinn! Was die beiden wollen, ist, sich ein Bild von ihm machen. Sich seine Wohnung anschauen. Ob vielleicht doch etwas hier geschehen sein könnte. Ob er was mit Annas Verschwinden zu tun haben könnte. Eigentlich sollte er gleich fragen: Wollt ihr den Keller sehen?

»Erst hab ich gewartet«, beginnt er. »Dann bin ich raus mit dem Hund, hab ein Bier am Fluss getrunken. Später bin ich zu ihrer Wohnung, wollte schauen, ob da Licht ist oder so.«

»Geklingelt haben Sie nicht?«, fragt der junge Kommissar ungläubig.

»Nein.«

Sein Gegenüber hebt die Augenbrauen, Liam erkennt die Spuren eines Piercings. Wahrscheinlich hat er es erst vor Kurzem ausgezogen, weil er im Dienst kein Blech im Gesicht tragen darf.

»Wieso haben Sie nicht geklingelt? Wenn meine Freundin mich versetzen würde, würd ich Sturm klingeln.«

Liam glaubt ihm aufs Wort.

»Dann nehm ich an, dass Sie anders miteinander umgehen«, entgegnet er trocken.

»Frau von Willenberg hat gestern ein paar Andeutungen gemacht. Dass es in Ihrer Beziehung in letzter Zeit doch nicht ganz rundlief. Stimmt das?«

Was sollte das sein? Verhörtechnik für Anfän-ger? Irgendwelche Behauptungen in den Raum stellen und darauf hoffen, dass das Gegenüber einknickt?

Am liebsten würde er sagen: Das funktioniert nicht bei jedem, Alter. Vielleicht solltest du besser den Hauptkommissar die entscheidenden Fragen stellen lassen.

»Ich glaube nicht, dass Marie Andeutungen gemacht hat. Sie hat mir das Gespräch mit Ihnen nacherzählt. Ich glaube eher, dass Sie gekommen sind, um zu schauen, was für ein Mensch ich bin. Wie ich lebe. Ob es nicht doch was zu holen gibt. Eine Geschichte, die ich Ihnen vorenthalte. Bitte …«, sagt er und macht eine ausholende Geste in den Raum hinein. »Schauen Sie sich ruhig um. Wühlen Sie wegen mir in jeder Schublade. Gehen Sie runter in den Keller. Ist mir egal. Das Einzige, was mich interessiert: Finden Sie Anna.«

Der Hauptkommissar schaut ihn ruhig an.

»Dann haben Sie sicher auch nichts dagegen, wenn wir einen Hundeführer hier durch schicken? Mit ihm haben wir bereits die Gegend um Frau Hansens Wohnung abgesucht. Sie könnten gleich hier sein.«

»Bitte«, sagt Liam, mit einem Mal müde geworden. Er fingert nach einer Zigarette.

»Was haben Sie denn rausgefunden? Mit dem Spürhund?«

Dass sie nicht gleich davon berichteten, ärgert ihn.

»Die Hunde sind so trainiert, dass sie die frischeste Fährte lesen«, klärt ihn der junge Kommissar auf. »Und die führte von Frau Hansens Wohnung quer über die Straße auf den gegenüberliegenden Schotterparkplatz.«

Die beiden Kommissare studieren sein Gesicht. Schotterparkplatz, was wollte sie da?

»Sind Sie sicher?«, will er wissen. »Anna hat kein Auto. Vielleicht führt die Spur noch weiter, zur Bushaltestelle vielleicht? Ich meine, was wollte sie auf dem Parkplatz?«

Der Junge trommelt mit den Fingern auf den Tisch, während der Hauptkommissar leise mit dem Hundeführer telefoniert.

»Dass die Spur dort endet, ist relativ eindeutig. Die Wettervoraussetzungen waren nicht schlecht in den letzten paar Tagen, Hunde sind in so was wahre Meister. Wäre Ihre Freundin mit dem Fahrrad irgendwo hingefahren, hätte der Hund selbst diese Spur verfolgen können. Will heißen: Als Ihre Anna das letzte Mal die Wohnung verlassen hat, hat sie die Straße überquert und ist in ein Auto auf dem Parkplatz gestiegen. Hier verliert sich ihre Spur.«

»Haben Sie ein Auto?«, schaltet sich der Hauptkommissar ein, der inzwischen das Gespräch über das Handy beendet hat.

Liam hört die Wassertropfen in der Spüle lauter klacken. Der Schwamm wird sich vollgesogen haben, kann die herunterfallenden Tropfen nicht mehr so gut dämmen.

Er spürt sich müde nicken. Die Nacht hat er kaum geschlafen. Das Nikotin gibt ihm den Rest, doch er versucht, die Übelkeit herunterzuschlucken.

Ja, er hat ein Auto. So wie hunderttausend andere Leute auch.

»Können wir es sehen?«

»Sicher.«

Er steht auf und drückt die Zigarette aus, geht hinüber in den Flur und greift nach dem Schlüssel.

»Der blaue Peugeot unten in der Straße. Freiburger Nummernschild.«

»Freiburger Nummernschild?«

Er nickt. »Meine Eltern leben dort. Der Wagen ist auf meine Mutter gemeldet.«

»Wann haben Sie das Auto denn zum letzten Mal benutzt?«

Sein Schulterzucken, er versucht sich zu erinnern, während er vor der Spüle steht und den Schwamm ausdrückt. Verdammter Wasserhahn.

»Keine Ahnung. Als ich zum letzten Mal zu meinen Eltern gefahren bin. Das war vor drei Monaten vielleicht.«

Die Stimme des jungen Kommissars. »Wo genau steht denn der Wagen?«

»Auf der gegenüberliegenden Seite. Vielleicht 30 Meter rechts runter.«

»Ich dachte, Sie wären ewig nicht mehr damit gefahren? Aber Sie wissen noch genau, wo er steht?«

Liam verdreht die Augen.

»Weil ich jeden Tag mit dem Hund rausgehe. Da kennen Sie irgendwann jedes Auto in der Straße, jedes Plakat, jedes Schaufenster auswendig.«

Der Kommissar zuckt mit den Schultern und steht auf.

»Ach, Herr Lorenz? Der Keller. Den würd ich gern mal checken.«

»Bitte«, macht Liam. »Checken Sie. Nehmen Sie sich einfach den ganzen Schlüsselbund. Hängt im Flur. Im Keller ist es die zweite Tür auf der rechten Seite.«

Liam nestelt nach einer neuen Zigarette.

»Möchten Sie auch?«

Der Hauptkommissar verneint, seiner Statur nach zu urteilen, ist er Sportler. Einer, der auch mit rund 50 Jahren noch regelmäßig laufen geht.

»Ich hoffe, der Qualm stört Sie nicht.«

»Schon in Ordnung.«

»Die Liste«, fährt er dann fort, »die haben Sie gemeinsam mit Frau Willenberg erstellt?«

»Gestern Abend, ja.«

Der Alte studiert den Ausdruck. Acht Namen von Exfreunden stehen darauf, alle identisch mit denen auf den Zeichnungen. Bis auf Balu, den Bären – sein Name ist nicht darauf zu finden.

Marie war es, die diese Namen zusammenstellte, ihnen Mail-Adressen hinzufügte, Telefonnummern, bis spät in der Nacht trug sie Informationen zusammen. Schickte sie Liam und der Polizei noch um 1 Uhr morgens per Mail zu.

Unter den Namen von Annas Exfreunden liest er die von Annas engsten Bezugspersonen, Freunden, Kommilitonen, Professoren an der Uni. Jeder konnte etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben, die Bullen konnten unmöglich jedem auf den Zahn fühlen. Vielleicht mit den Leuten sprechen, das ja. Aber dann? Jeder, der etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hätte, würde sich von seiner besten Seite präsentieren. Das ist, wie eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. Er drückt seine zweite Zigarette aus, das Zeug ist ekelhaft.

Er fragt den Hauptkommissar, wie viele vergleichbare Fälle er schon erlebt hat. Ob sie eigentlich jeden, der auf der Liste stünde, genau unter die Lupe nehmen könnten.

Nein, das könnten sie nicht. Aber wenn es keine konkreten Hinweise gäbe, würden sie eine weitere Runde drehen. Und dann noch eine. So lange, bis sie jemanden weichgeklopft hätten.

Seit 15 Jahren, sagt er, wäre er jetzt schon beim Vermisstendezernat. Genug Zeit, um zu wissen, dass die meisten vermissten Personen von alleine wieder auftauchen.

»Und wenn nicht«, schließt er, »haben in der Regel die engsten Bezugspersonen etwas mit ihrem Verschwinden zu tun. Ehemänner, Freunde.«

Liam starrt auf den Tisch. Er hat beschlossen, nicht mehr auf diese Art von Andeutungen zu reagieren. Sollen die Bullen einfach ihren Job machen. In der Spüle hört er es klacken.

Die Hundeführerin kommt mit einem Bernhardiner, Kapitän versucht, sein Revier zu verteidigen, und kläfft wie am Spieß. Lächerlicher Versuch, denkt Liam und schnappt sich den Basset, verzieht sich mit ihm aufs Gäste-WC. Hier werden sie wohl kaum nach Anna suchen.

Fast zeitgleich ruft Rebecca an, eine Freundin von Anna, die auch Medizin studiert.

»Liam«, sagt sie. »Scheiße, was ist denn los?«

Mit ihr ist es anders als mit Marie. Zu ihr hat er einen Draht.

»Hast du mit Marie gesprochen?«

»Ja. Sie hat mich eben angerufen. Stör ich?«

Vermutlich hört sie Kapitän bellen, noch immer hat er nicht aufgegeben.

»Die Bullen sind gerade da und nehmen meine Bude auseinander.«

»Was?!«

»Die haben einen Spürhund dabei.«

»Wieso denn in deiner Wohnung?«

»Was weiß ich. Wenn sie meinen.«

»Kann ich vorbeikommen?«

Etwas in ihrer Stimme trifft ihn. Er glaubt zu wissen, was es ist. Etwas, das er bei Marie noch nicht hatte wahrnehmen können. Rebecca hat Angst, so wie er.

Sein Hals schnürt sich zusammen, er schluckt. Tränen, findet er, können ganz schön bitter schmecken.

»In einer Stunde, okay? Ich glaube, die sind gleich fertig.«

Sein Blick aus dem Fenster. Die beiden Alten hocken gegenüber und starren zu ihm herüber, haben den Sexshop vergessen. Liam winkt vorsichtig, will Hallo sagen, doch sie rühren sich nicht, lassen die Ellenbogen auf den breiten Kissen ruhen.

Liam schnappt sich die Kamera und zoomt sie heran. Durch das Objektiv kann er das Misstrauen in ihrem Blick lesen, die Überraschung über das, was in der anderen Wohnung vor sich geht. Wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, bis einer der beiden Kommissare sie befragt.

Der Bernhardiner und Kapitän haben sich inzwischen angefreundet, schnüffeln aneinander herum. Liam berührt das Fell der großen Hündin. Es ist dichter, flauschiger als das von Kapitän.

»Darf ich ihr was geben?«, fragt er die Hundeführerin, eine schlanke Frau mit unzähligen Sommersprossen. Ihr Gesicht wirkt unbeteiligt, als ob es ihr egal wäre, ob er was mit der Sache zu tun hat. Oder als wüsste sie gar nicht genau, um was es bei der Suche eigentlich geht. Sie zuckt die Schultern. »Warum nicht.«

Liam fischt Salami aus dem Kühlschrank. Verteilt sie an Kapitän, der gierig schnappt, und an die Hündin, die sie ihm sacht aus der Hand zupft. Wieso hat sein Köter nicht solche Manieren?

»Ich bin dann hier fertig«, sagt die Polizistin und zieht die Hündin an der Leine. Der Kommissar tritt zu ihnen in den Flur.

»Ich muss Sie bitten, in der Stadt zu bleiben, Herr Lorenz.«

Liam wendet den Kopf ab, muss schon wieder blinzeln. Spürt, dass ihm ein Tropfen aus der Nase läuft. Wischt ihn mit dem Handrücken ab, damit der Kommissar nichts bemerkt.

»Bitte. Konzentrieren Sie sich nicht auf mich. Das ist pure Zeitverschwendung.«

Die Tür fällt ins Schloss.

Was zurückbleibt, ist das Klacken in der Spüle. All die Dinge, die in seiner Wohnung umhergeschoben wurden. Der Geruch nach fremden Menschen, dem klebrigem Rasierwasser des jungen Kommissars.

Er tritt in die Küche, krümmt sich auf dem Fußboden zusammen. Das Licht ist mild geworden, die ersten Schattenberge tasten über die Wand.

»Shadowmountains, Anna. Ein neues Wort, das du nicht kennst.«

Er lässt den Schmerz zu. Tränen, findet er, fühlen sich seltsam an.

Kapitän legt den Kopf in seinen Schoß. Er fotografiert ihn, die Kamera liegt gleich hier, neben ihm. Für dich, Anna. Du sollst wissen, wie alles gewesen ist. Wie die beiden Kommissare auf dem Sofa saßen, wie deine Skizzen über den Küchentisch zerstreut lagen. Das Gesicht der Hundeführerin, das der beiden Alten von gegenüber.

Dann hat er einen anderen Gedanken. Steht auf und geht hinüber zum Küchentisch. Dort liegt sie. Die Liste. Er fotografiert sie ab, prägt sich die Namen darauf ein. Er wird unten anfangen. Zuerst mit Torben, dann mit Andreas, Erik, Björn, Natan, Elias. Sie alle wird er abklappern, mit ihnen persönlich sprechen. Er wird es genau wie die Bullen machen: Jemanden weichklopfen.