Dreiundvierzig

»Die Azteken«, erklärte Solís, »verabreichten ihren Menschenopfern toloatzin, damit sie ihrem Schicksal nicht ins Auge blicken mussten. Es war ein Narkotikum, die Gabe eine gütige Geste. Anders, als so oft angenommen, waren sie gläubige Menschen und keineswegs grausam. Dass ich Drogen transportiere, ist Ausdruck der Güte gegenüber den Gringos. Es ist sehr schwer, ohne Drogen in den Vereinigten Staaten zurechtzukommen. Der Druck, erfolgreich sein, sich die Anerkennung anderer sichern zu müssen, ist für einige ungeheuer groß und so suchen sie … olvido, das Vergessen. Meine Branche unterscheidet sich in ihrer Bedeutung kaum von der der Alkoholproduzenten – el narcótico mayor en el norte. Los yanquis necesitan sus juiski.«

»Whiskey gehört nicht zu meinen Lieblingsdrogen«, erwiderte ich. »Aber gegen eine Margarita hätte ich jetzt nichts einzuwenden.«

Solís lachte so herzlich, dass sein Matadoren-Zopf anfing zu zittern. El jefe war in aufgeräumter Stimmung, zu Witzen aufgelegt. Der Ruf seiner Bank hatte anständig gelitten, was sich auch in wirtschaftlichen Verlusten niederschlagen würde, doch Solís war optimistisch, beinahe aufgekratzt. Schließlich meinte das Leben es gut mit ihm und die Verluste würde er mit seinem Brokering zehnmal wettmachen.

»Wussten Sie, dass die amerikanischen Tabakkonzerne ihre Produkte in Länder wie Kanada schmuggeln, um die hohen Steuern zu umgehen?«, sagte er. »Mit diesem illegalen Handeln verdienen sie Abermillionen.«

»Alle sind korrupt, wollen Sie das damit sagen?«

»Korruption ist die Regel, señor Walkinghorse. Oder haben Sie, ein Mann mit Erfahrung, das noch nicht verstanden?«

»Ich bin nicht korrupt.«

»Dann hat sich Ihnen bisher keine entsprechende Gelegenheit geboten. Und jetzt wird es nicht mehr dazu kommen. Pero verabschieden Sie sich von diesem Selbstbetrug, bevor Sie ins Grab steigen. Jeder Mensch ist käuflich.«

Wir saßen in seinem Lincoln und fuhren nach Süden, Richtung Samalayuca. Wenn Victor sich ausgetobt hatte, würde man mich auf dem Friedhof der narcotraficantes verscharren, wo niemand mich fände.

Die Wüste um Samalayuca dient den maquilas als Entsorgungsgebiet für ihre hochgiftigen Stoffe – in der Hauptsache radioaktiv verseuchtes Eisen und Kobalt.

Niemand würde in einem kontaminierten Landstrich wie diesem nach Leichen buddeln.

Victor saß am Steuer, Solís auf dem Beifahrersitz und ich hinten im Wagen, Handgelenke und Knöchel mit Klebeband gefesselt. Die Leichen von Trebeaux und Forbes hatte man, verpackt in Säcken, in den geräumigen Kofferraum verfrachtet. Bei jedem Schlagloch rumpelte es hinter mir im Kofferraum. Clara war im Haus zurückgeblieben und kümmerte sich um Jillians Leiche.

Ich blendete Solís aus und schloss die Augen. Ich war wieder mit Jillian zusammen, auf dem verschwitzten Laken im Oasis.

Ich stehe zu meinem Wort, Liebling, sagte sie.

Zu welchem Wort?

Liebe. Die Vorstellung von Liebe. Ohne die ich nicht leben kann.

Du meinst Liebe wie in Love Conquers All?

Sei nicht albern, Liebling. Nicht jetzt. Es ist mir ernst damit.

Ich bin nicht albern, ich meine es wahrhaftig so … wahrhaftig, so wie Wahrheit.

Es gibt mehr als eine Wahrheit, sagte sie.

Du hast deinen Ehemann ermordet.

Du warst dabei, hast geholfen. Du wäschst deine Hände auch nicht in Unschuld.

Selbst im Tod multiplizieren sich deine Lügen, Jillian.

Ich nahm beinahe ihren Duft wahr, ihren Geschmack auf meiner Zunge. Meine Haut erinnerte sich an ihre Haut, meine Augen sahen ihre Augen, die tiefen Wasser dahinter. In diesen Tiefen lag ihre Wahrheit, die einzige Wahrheit, die mich interessierte. Da wollte etwas heraus aus meiner Brust. Ich würgte es hinunter. Doch ein wenig davon entwischte – eine Mischung aus Knurren und Wimmern. Es regnete unvermindert weiter. Victor hatte die Scheibenwischer auf volle Leistung gestellt, dennoch machten die Wassermassen die Sichtverhältnisse zum Ratespiel. Wir befanden uns in der Wüste südlich von Juárez und die Wüste wurde geflutet.

» … Geldwäsche«, sagte Solís, »wird von respektablen Männern weltweit betrieben. Selbst Ihre politischen Parteien nehmen gewaschenes Geld von anonymen Spendern an – zu denen auch ich gehöre. Das Geld findet immer einen Weg.«

»Grünes Blut«, sagte ich und dachte dabei an Zack. War Zack korrupt? Oder arbeitete er nur für ein korruptes System? Kann ein unbestechlicher Mensch für ein korruptes System arbeiten, ohne infiziert zu werden? Wohl kaum.

»Grünes Blut«, wiederholte Solís. »Sangre verde. Und Cibola ist die Blutbank.« Er lachte wieder in sich hinein. Ein glücklicher Mann, der sich nicht die Fesseln abstrakter Moralvorstellungen anlegen ließ. Er sei religiös, hatte Jillian gesagt. Aber wann hatte Religion auch nur einmal das Gebaren ihrer eigenen Befürworter in seine Schranken verwiesen?

Die Gräben beiderseits des Highways liefen voll Wasser, die ausgetrocknete Wüste konnte nichts aufnehmen. Weiter hinten spiegelte sich der Himmel in Seen von kurzer Lebensdauer. Victor ging vom Gas, als die Straße plötzlich in einen braunen Bach mündete. Nur zögernd fuhr er weiter. Um die Radkappen bildeten sich Strudel. Dann beschleunigte er plötzlich und rauschte hindurch. Für einen kurzen Augenblick spürte ich, wie die große Limousine ins Schwimmen geriet.

»Können Sie nachvollziehen, wenn ich sage, dass der Stierkampf ein Sinnbild des Lebens ist, señor Walkinghorse?«, fragte Solís.

Ich fing an, sein Verhalten zu begreifen. Indem er so ganz nebenbei mit mir sprach, zeigte er Anerkennung für meine Fähigkeit, eine Trennlinie zwischen meiner Person und den äußeren Umständen zu ziehen. Er zollte meiner Gelassenheit Respekt – in seinen Augen war ich ein Mann, der zu sterben verstand como un hombre, ein Mann, der auf den Stufen zum Schafott mit seinem Henker freundlich Konversation machte. Er zollte mir zu viel Respekt.

Ich blieb ihm die Antwort schuldig in der Annahme, er werde mir ohnehin die sattsam bekannte Erklärung für das ritualisierte Schlachten liefern – der Stierkampf als Demonstration der Herrschaft des Menschen über die Natur; der Tanz von Leben und Tod mit dem Stier als auserwähltes Opfer. Doch ich sollte mich irren.

»Die corrida zelebriert den Sieg der Korruption über die Integrität«, erklärte er und es klang wie Blasphemie aus dem Munde eines alten Matadors. Er drehte sich zu mir um, wollte sich vergewissern, dass ich überrascht war und lächelte, weil ich es war.

»Der Matador ist korrupt«, fuhr er fort«, pero der Stier ist es nicht. Der Mensch erzielt seine Erfolge durch Täuschung und Mut. Der Stier kennt nur den Mut, er ist rein. Er spürt nichts als den Drang, seinen Peiniger zu töten. Doch seine Hörner können den Matador nicht finden. Denn der ist hinter der muleta mal hier, mal dort. Der Stier kommt gegen diese Täuschung nicht an. Er sieht niemals den Dolch, den das rote Tuch verhüllt. ¿Comprende? Täuschung des eigenen Vorteils wegen – ist das keine Definition von Korruption? Ist dann die corrida nicht eine alegoría vom ehrgeizigen Menschen und seinem Umgang mit der Welt?

»Dann ist es also in Ordnung, zu lügen, zu betrügen und zu stehlen?«

»Das hängt von der integridad ab … der Integrität des Lügners, des Betrügers und des Diebes.« Das kleine Paradoxon brachte ihn zum Lachen.

Solís hatte genug geredet, lehnte sich in seinem Sitz zurück, um ein wenig zu dösen. Meine Gedanken wanderten wieder zu Jillian. Wenn sie wirklich geplant hatte, Clive umzubringen, dann hatte sie es Trebeaux zuliebe getan. Demnach hatte sie Trebeaux geliebt, nicht mich. Das wollte ich nicht wahrhaben, meine Eitelkeit ließ es nicht zu. Doch es musste sich nicht unbedingt um Liebe gehandelt haben. Als Partner hätten Trebeaux und sie reich werden können. Es war die Sicherheit, die Wohlstand bietet, die sie so geliebt hatte. Dennoch hatte sie eingewilligt, mit mir fortzugehen. Sicherlich war zu diesem Zeitpunkt Trebeaux’ Stern bereits im Sinken begriffen gewesen. Ohne Zweifel hatte Solis ihm schon früher klar gemacht, dass er Renseller, was die Bank betraf, nicht beerben konnte. Noch bevor er sich Clara gegenüber mit dem Mord an Clive gebrüstet hatte. Er sah einfach nicht aus wie ein Supergringo. Er hatte kein Format. Er wirkte billig, die Käuflichkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Deshalb hatte sich Jillian für das Nächstbeste entschieden – für die Abfindung und für mich.

Warum für mich? Weil sie mich geliebt hatte. Verdammt noch mal, sie hatte mich geliebt. Genau das hatte sie getan.

Ich kann ohne dich nicht leben, sagte sie. Irgendwann werde ich einsam an der Bar sitzen, nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt, ich werde alten Liebeslieder lauschen und jedes Mal wird ein Funke Hoffnung in mir aufglimmen, wenn ein Versicherungsvertreter in schlechtem Anzug vorbeikommt und mich anspricht. Ich bin eine der letzten Romantikerinnen, Uri.

Love conquers all, sagte ich.

Sei nicht so albern, Liebling. Ich möchte einfach, dass du weißt, wer ich bin.

Ich wusste nicht, wer sie gewesen war, und würde es nie mehr erfahren.