Acht
Drei Tage später, am Freitag, traf Jillians Scheck ein. In der nächsten Woche kam ein zweiter Scheck über die gleiche Summe. Ein dritter Scheck folgte die Woche darauf. Als der vierte Scheck eintraf, hatte ich ihn bereits erwartet. Alle diese Schecks waren auf fünfhundert Dollar ausgestellt und alle kamen freitags, man konnte die Uhr danach stellen.
Zuerst glaubte ich an eine Panne, maschinell ausgestellte Schecks, die eine hirnlose, unbemerkt gebliebene Computerschleife ausspuckte, als handelte es sich um Münzen eines selbstmörderischen Spielautomaten. Aber nein, alle Schecks trugen Jillian Rensellers Unterschrift und sollten ihr Privatkonto belasten. Auf den Schecks war keine Telefonnummer angegeben und die Rensellers standen nicht im Telefonbuch. Ich hätte die Farnsworths anrufen und um Jillians Nummer bitten können, aber mir stand nicht der Sinn nach engerem Umgang mit ihnen. Zudem hatten sie mir keinen weiteren KerkerAuftritt angeboten, also durfte ich davon ausgehen, dass meine Vorstellung ziemlich dilettantisch gewesen sein musste. Nun, jeder hat seinen Stolz, auch maskierte Henkersknechte.
Als der zweite Scheck eintraf, hatte ich nicht einmal den ersten eingelöst. Der zweite Scheck machte mich zögern. Beim vierten dann hielt ich es für ratsam, mit Jillian zu sprechen, bevor ich überhaupt einen einlöste. Geld ist zwar ganz nett, aber so bitter nötig hatte ich es nun auch wieder nicht. Meine Situation im Baron Arms war durchaus vorteilhaft und meine Ansprüche sind gering. Das alte Motel war mein Bollwerk gegen eine Welt, die jedes Jahr verrückter und störanfälliger wurde. Der Wahnsinn im kleinen Stil, der etliche meiner Bewohner im Griff hatte, war nichts, verglichen mit dem alltäglichen Irrsinn, den die Welt als normal zu akzeptieren begonnen hatte.
Es war ein schöner Freitag im Südwesten Anfang Mai, so wunderschön, dass es fast schmerzte. Böiger Westwind brachte Kühle, aber bislang noch keinen Wüstensand. Im Wetterkanal wurde berichtet, dass es überall stürmisch und für die Jahreszeit zu kühl sei, und zwar nördlich von Albuquerque und östlich von Reno. Das gab mir ein Gefühl von Selbstgefälligkeit.
Dieser wunderschöne Nachmittag voller Selbstgefälligkeit entschädigte für die vergangene Nacht, in der dieses Gefühl so gar nicht hatte aufkommen wollen. Gegen zwei Uhr morgens hatte ich einen Anruf von einem wütenden Mieter aus dem zweiten Stock erhalten. Irgendjemand klopfe seit Mitternacht an die Tür seines Nachbarn. Er brauche seinen Schlaf. Er wolle, dass etwas dagegen unternommen werde. Ich hatte mich angezogen, das Mobiltelefon an den Gürtel gehängt, mich mit meiner neuen Stabtaschenlampe bewaffnet und war zum Balkon im zweiten Stock marschiert. Unsere Balkone sind allen zugänglich, alle Türen einer Etage gehen auf denselben langen Betongang hinaus. Ein Eisengeländer verhindert, dass man – je nach Stockwerk – drei bis dreißig Meter hinunter auf den Parkplatz stürzt. Der Prospekt des Baron Arms bezeichnet diese Betongänge als Balkone. Aber ›Balkon‹ suggeriert eine architektonische Raffinesse, eine Besonderheit, über die ein Apartmenthaus des gehobenen Standards verfügt. Hier ist es lediglich ein Flur im Freien. Wir haben Innenflure und wir haben Außenflure.
Ein Mann im Mantel und mit einer Astros-Baseballkappe lehnte sich gegen die Tür von 36-C. Die Stirn gegen den linken Arm gestützt, schlug er mit dem Handballen der rechten Faust gegen die Tür. Er wirkte ziemlich abgekämpft.
»Hören Sie auf damit«, sagte ich. »Die Leute wollen schlafen.«
»Sie ist da drin«, sagte er. »Erzählen Sie mir nicht, dass sie nicht da drin ist.«
»Mir ist egal, wer da drin ist. Wenn die ihre Tür nicht aufmachen wollen, ist das deren Sache. Also hauen Sie ab.«
»Sie ist bei Caldwell, diesem Hurensohn. Ich weiß genau, dass er hier wohnt. Sie erwarten von mir, dass ich einfach zusehe, wie dieser Hurensohn sich mit meiner Frau vergnügt?«
»Ich erwarte von Ihnen, dass Sie meine Mieter nicht länger stören.«
»Ihre Mieter sind mir egal. Hier geht’s um was Persönliches.«
»Genau wie bei meinen Mietern. Die brauchen nämlich ihren Schlaf. Wahrscheinlich muss Caldwell früh aufstehen, um zur Arbeit zu gehen.« Ich nahm mein Mobiltelefon vom Gürtel. »Ich ruf jetzt die Cops, Kumpel. Du hast fünf Sekunden, um zu verschwinden. Andernfalls verbringst du die Nacht in der Ausnüchterungszelle.«
»Was würden Sie machen, wenn Caldwell mit Ihrer Frau da drinnen wär? Würden Sie dann nicht an die Tür klopfen?«
»Ich bin nicht seine gottverdammte Frau«, schrie eine Frau hinter der Tür. »Ich hab mich vor einem Jahr von diesem Mistkerl scheiden lassen! Holen Sie die Bullen! Er verstößt gerade gegen die einstweilige Verfügung, sich von mir fern zu halten!«
»Fick dich, Verna!«, schrie der Mann zurück. »Fick dich tot! Das meine ich wörtlich, Verna! Fick dich und diesen Schweinehund Caldwell tot!«
»Wir arbeiten dran!«, gab Caldwell vergnügt zurück.
Der Mann riss sich die Baseballkappe vom Kopf und warf sie auf den Boden des Balkons, dann trat er sie durch die Gitterstäbe des Geländers. Langsam trudelte sie hinunter Richtung Parkplatz. Vermutlich stellte der Typ sich vor, sie wäre Verna oder Caldwell. Er war um die vierzig, in seinen Augen standen Verbitterung und Hass. Ich nahm ihn beim Arm und führte ihn zum Treppenabsatz neben dem Fahrstuhl »Geh nach Hause«, sagte ich. »Sie ist Geschichte, Mann. Gewöhn dich dran.«
Er holte aus. Das Egal-wer-mir-jetzt-über-den-Weg-läuft-Syndrom. Ich fing seine Hand ab und quetschte sie, bis sich seine Handknochen berührten.
»Was für ein Zuhause?«, stammelte er und heulte vor Schmerzen. »Es gibt nur mich und Vernas Mutter! Das nennen Sie ein Zuhause? Die Alte in ihrem verdammten Rollstuhl! Ich soll ihre Windeln wechseln und sie mit Brei füttern, während Verna da drinnen mit Lonnie Caldwell poppt? Meinen Sie etwa, man kann das einem Mann wie mir zumuten?«
»Wenn guten Menschen Böses widerfährt«, sagte ich und musste an Jillian Rensellers Gott denken, der dafür sorgte, dass Ungerechtigkeit immer Oberwasser hatte.
Plötzlich riss sich der Typ los und wollte zurück zu 36-C. Ich packte ihn, nahm ihn in den Schwitzkasten, drückte zu, bis seine Beine nachgaben. Dann zerrte ich ihn zum Fahrstuhl, hielt ihn im Schwitzkasten, bis das alte, knarrende Ding in der zweiten Etage war. Ich ließ den Mann los und schubste ihn in den Lift. »Geh nach Hause«, sagte ich. »Sollte ich dich hier noch einmal sehen, kannst du mit dem Teil Bekanntschaft machen.« Ich vollführte eine Bewegung mit der Taschenlampe, als hätte ich immer noch das Henkersbeil in der Hand und Clive Renseller vor mir. Obwohl der Typ nur halb so groß war wie ich, zeigte er sich keineswegs beeindruckt. Manchmal wirken Drohgebärden. Geht es jedoch um Leben oder Tod, verfehlen sie ihre Wirkung eher. Mit einer Verna, die sich von Lonnie Caldwell knallen ließ, ging es bei diesem Kerl definitiv um Leben oder Tod. Klar, dass ich ihn wiedersähe.
Ich ging auf die andere Straßenseite – Zeit für Margaritas. Güero Odonaju, der Eigentümer des DMZ, war da. Gelegentlich kam er freitags um sicherzugehen, dass seine erbärmliche Kundschaft die Bar nicht niederbrannte. Güero ist Mexikaner irischer Abstammung. Sein Ururgroßvater, ein irischer Dockarbeiter aus Boston, kämpfte im Mexikanischen Krieg von 1846/48 auf Seiten der Mexikaner. Seine Haltung zu diesem Krieg – Amerikas schäbigem Unternehmen in Sachen Imperialismus – hatte nichts mit der politischen Überzeugung eines Thoreaus gemein. Als Katholik war der Krieg für ihn nur eine Gelegenheit gewesen, brandschatzend, mit Plünderungen und Vergewaltigungen gegen Protestanten vorzugehen. Er hatte Boston verlassen, sich dem Bataillon der los patricios – dem St. Patrick’s Batallion – angeschlossen und für Mexiko gekämpft. Patricio, nach dem irischen Heiligen, war eine Ehrenbezeichnung für irische Soldaten gewesen, die die mexikanische Sache zu ihrer gemacht hatten. Er hatte zwei Verwundungen erlitten, eine in Vera Cruz und eine in der Schlacht von Reseca de la Palma. Nach dem Krieg hatte er sich in Monterrey niedergelassen, die Schreibweise seines Namens ›O’Donahue‹ dem Spanischen angepasst und sich sich fortan ›Odonaju‹ genannt. Über mehrere Generationen hatte Güeros Familie in Monterrey gelebt, bis Güeros Eltern nach seiner Geburt nach Texas auswanderten. Er wuchs in San Antonio auf und ging in Austin aufs College, wo er schließlich an der University of Texas in englischer Literatur promovierte. Fünf Jahre unterrichtete er an unserer Uni, bis man ihn feuerte, weil er einen Kollegen während einer Ausschuss-Sitzung außer Gefecht gesetzt hatte. Dieser Kollege hatte Dinge gesagt, die für jemanden mit mexikanisch geprägtem Ehrgefühl unerträglich waren. Der Mann hatte geglaubt, seine Kollegen so ohne weiteres beleidigen zu können, weil in dieser Atmosphäre der Bildung die Wahrscheinlichkeit, körperlich zur Rechenschaft gezogen zu werden, genauso gering war, wie die Wahrscheinlichkeit, in der Hölle eine Limonade serviert zu bekommen. Diesen Mann nun hatte Güero mit einem Schlag niedergestreckt. Güero selbst hatte nur eine Assistenzprofessur innegehabt, keine Anstellung auf Lebenszeit. Der andere hingegen war ordentlicher Professor und aussichtsreicher Kandidat für das Dekanat. Ungleiche Wettbewerbsbedingungen also. Niemand hatte Güero unterstützt, obwohl die Professoren, die an der Sitzung teilgenommen hatten, sich hinter vorgehaltener Hand beifällig geäußert hatten. Der Mistkerl habe es verdient, hatten sie gemeint. Doch als die Universität eine Untersuchung des Vorfalls eingeleitet hatte, waren Güeros Unterstützer bereits verstummt. Ein Gerichtsverfahren stand ihm noch ins Haus.
»Qué tal, viejo«, sagte er. Spanisch war Güeros Muttersprache, seine Liebe gehörte jedoch dem Englischen. Er konnte alle Monologe aus den Dramen Shakespeares auswendig.
»Viejo dich selbst«, antwortete ich. Er war jünger als ich, aber nicht wesentlich.
Ich setzte mich zu ihm an den Tisch. Güero prüfte gerade die Kassenbücher, um sich davon zu überzeugen, dass seine Angestellten ihn nicht allzu sehr übers Ohr hauten. Er gab dem Barkeeper ein Zeichen und kurz darauf stand meine salzfreie Margarita vor mir. Güero trank Pellegrino mit einem Spritzer Limone.
»Salud«, sagte er.
Ich hob mein Glas. »Salud.«
»Du siehst aus wie ein aufgewärmter Haufen Scheiße«, sagte er. »Was hast du getrieben? Bis spät in die Nacht Bücher gelesen? Ist Reality-TV inzwischen zu anspruchsvoll für dich?«
»Ich bin lange auf gewesen und musste mich um einen unerwarteten Gast kümmern.«
»Eine Frau? Mein Gott, Uri, hat dich endlich mal eine rumgekriegt? Und ich habe gedacht, du hängst immer noch an der … wie hieß sie noch mal? Diese Nazibraut.«
»Gert. Nein, keine Frau.«
»Gertrude mit den Wanderschuhen, ich erinnere mich. Gertrude mit dem blonden Pferdeschwanz und Beinen bis hierher.« Er fuhr sich über die Kehle. »Ein Paradebeispiel für Hitlers arische Zuchtstätte. Wohnt sie noch hier in der Gegend? Ich würde sie gern mal besuchen.« Er zwinkerte mir zu.
Güero hat den Körper eines Mittelgewichtsboxers, der mit den Jahren ins Schwergewicht aufgestiegen ist. Sein welliges Haar ist rostrot wie Jod und seine leuchtend blauen Augen sehen einen nicht nur an, sie durchbohren ihr Gegenüber förmlich. Während der spanischen Inquisition hätte er zur ersten Garnitur der Inquisitoren gehört.
»Sie ist schon lange weg«, sagte ich und hob mein Glas.
»Du hörst dich an wie ein todunglücklicher Mensch. Wenn sie dir so fehlt, dann hol sie zurück.«
»Sie fehlt mir nicht. Wir sind nicht miteinander klargekommen.«
Er starrte mich an und zuckte dann mit den Achseln. »Hör mal, hier kommt der Neueste«, sagte er. »Diesmal von PBS, über den Typen, der auf dem Mount Everest gestorben ist: ›An Unterkühlung leidend, überwand ihn der Berg.‹ Que la chingada, niemand beherrscht mehr diese verdammte englische Sprache.« Er bedachte mich mit seinem wohl bekannten Grinsen.
Ich zuckte nur mit den Schultern. Grammatikfehler ließen mich kalt, erst recht, wenn ich nicht wusste, wo der Fehler überhaupt lag.
Güeros forschender Blick ruhte auf mir. »Du bist ein trauriger Kerl, Uri«, sagte er. »Das liegt an deinem Namen. Hinter jedem Namen steckt eine Geschichte. Und diese Geschichte beeinflusst uns. Weißt du, welche Geschichte dein Name im Gepäck hat?«
Ich schüttelte den Kopf. Doch ich wusste Bescheid. Jeden Abend hatte unser Vater, Sam Walkinghorse, uns Kindern aus der Bibel vorgelesen. Oft war ich beim tiefen Klang seiner Stimme eingedöst, doch kaum war mein Name gefallen, der Name Uria, war ich wieder munter und hörte mir die ganze verdammte Geschichte von David, Uria und Bathseba an. Aber das hatte ich immer für mich behalten, keine Ahnung, warum. Vielleicht aus Angst, dass mich eines Tages Urias Schicksal ereilen könnte, was, in einem gewissen Maße und mit einigen Abweichungen, auch eintraf. Doch im Grunde war dieses Sich-dumm-Stellen nur Ausdruck meines Unmutes – all die Jahre nur Bibelgeschichten anstelle von Fernsehen hatte bei mir eine Ignoranz gegenüber der Bibel gefördert. Zwar war ich bestens über die Stämme Israels informiert, von meiner eigenen Kultur jedoch hatte ich keine Ahnung. Dafür entschädige ich mich jetzt hinreichend. Ich habe einen Sony mit achtziger Bildröhre, dazu einen Videorecorder mit vier Videoköpfen und einen DVD-Player. Per Kabel kann ich im Baron Arms 105 Kanäle kostenfrei empfangen. Auf Nick at Nite verfolge ich all die Sitcoms, die ich als Kind verpasst habe. Am liebsten mag ich Lucy, Leave it to the Beaver und Ozzie and Harriet – sozusagen Frühgeschichte in Sachen verwirrter Ehemänner und Ehefrauen.
»Uria war einer der besten Krieger König Davids«, fuhr Güero fort, wieder ganz Professor. Ich ließ ihn machen. »Er war mit Bathseba verheiratet. König David schickte Uria in den Krieg, dorthin, wo er auf jeden Fall geschlachtet werden würde. Uria, ein ergebener Untertan, wurde von seinem eigenen König in die Falle gelockt, weil der Bathsebas kleine chichis unter der Bettdecke massieren wollte. Dabei hatte Bathseba bereits mit David gevögelt und war schwanger von ihm. Doch dass er Uria geradewegs in einen Speer der Ammoniter laufen ließ, wusste sie nicht. Diese puta war dem König sehr dankbar, dass er Urias eheliche Pflichten jetzt übernahm. Eine überaus traurige Geschichte, wenn nicht sogar die traurigste schlechthin.«
»Ich bin nicht traurig.«
»Deine Traurigkeit ist dein Erbe. Deine Eltern haben das gespürt, als sie dich so nannten. Wir bekommen immer die richtigen Namen, Namen, die wir verdienen, egal, ob die Leute, die uns die Namen geben, etwas darüber wissen oder nicht. Deshalb haben die Schwarzen sich ihre Namen ausgedacht. Es ist ein Versuch, der Geschichte zu entfliehen.«
»Mein Bruder heißt Moses, und er ist ein Junkie, ein aussichtsloser Fall.«
»Er könnte den Beweis noch erbringen. Mantenga la fe, Mann. Gib Moses nicht verloren. Vielleicht führt er eines Tages einige Fixer hinaus aus der Wüste.«
Ich fragte mich, was für eine Geschichte sich wohl hinter dem Namen Clive verbarg. Es musste sich um eine ganz schön kitzlige Affäre handeln.
Ein Trupp von sechs Leuten platzte ins DMZ, als wollten sie sich vor den stürmischen Böen draußen in Sicherheit bringen. Die Stammgäste am Tresen blinzelten in das grelle Licht, das durch die offene Tür fiel, durch die sich drei schillernde Pärchen zwängten. Die sechs setzten sich an einen Tisch und riefen dem Barkeeper ihre Wünsche zu. Es waren Mexikaner, reiche Mexikaner. Die Frauen steckten in Lederjacken, weich wie Babyhaut und mit Silberfuchs und Hermelin verbrämt. Die Männer trugen Kamelhaarmäntel und darunter Armani-Anzüge. Bevor sie sich aus ihren 1000-Dollar-Mäntel schälten, warfen sie ihre Mobiltelefone auf den Tisch. Kaum dass die Männer saßen, fingen die Dinger auch schon an zu klingeln. Die Kerle stoben also wieder auseinander, deckten ihre Telefone mit der Hand ab und sprachen leise auf Spanisch hinein. Ich sah Güero an.
»Aha, sich mal wieder unters Volk mischen«, lautete sein Kommentar. »Die sind aus Campestre, der Stadt in der Stadt, auf der anderen Seite vom Rio.«
»Woher weißt du das?«
»Weil da das Geld zu Hause ist. Massenhaft.«
»Nichts für ungut, aber was haben die hier in dieser Bruchbude zu suchen?«
Güero zuckte mit den Achseln. »Wie ich bereits gesagt habe, woll’n sich wieder mal unters Volk mischen.«
In ihrer Lederkluft und den Stilettos machten die Frauen einen auf sexuell-dynamisch. Die pelzbesetzten Jacken unterstrichen das Sich-zur-Schau-Stellen, andererseits waren sie auch von praktischem Nutzen, wenn man bedachte, dass es noch Frühling und das Wetter somit unberechenbar war. Mit nahezu majestätischer Überheblichkeit blickten sich die Frauen in der Bar um. Die Stammgäste beugten sich wieder über ihre Drinks, als könnten sie auf diese Weise ihr missliches Dasein vor den verwöhnten Augen dieser Ladys verbergen. Etwas Unwirkliches umgab diese Mexikaner – als stammten Glanz und Auftreten aus einem Drehbuch. Ich fing den Blick einer Frau auf. Sie sah nicht weg, verzog jedoch den Mund und ließ die Nasenflügel beben, als nähme sie einen unangenehmen Geruch wahr. Sie stupste den Mann neben sich an, der mich daraufhin ebenfalls musterte.
Ich schlug meinen Blick nicht ehrerbietig zu Boden. Ich war stocksauer, betrachtet zu werden, als wäre ich Dreck auf ihrer Terrasse. Ich hob mein Glas und prostete ihnen zu. »Salud, ihr Arschgesichter«, murmelte ich leise vor mich hin.
»Bleib ruhig, Cowboy«, sagte Güero. »In dir schlummert ein Vulkan. Du willst dich doch nicht mit der herrschenden Kaste anlegen, oder?«
Ich sah ihn an. »Was soll das heißen?«
»Was soll was heißen?«
»Das mit dem Vulkan.«
»Nun, in dir schlummert einer, compa. Du siehst das anders? Das macht dich noch mehr zur Gefahr. Vor allem für dich selbst, meine ich. Diese Leute haben Verbindungen, wenn du verstehst.«
»Du willst damit sagen, das sind narcotraficantes.«
»Oder familia. Wahrscheinlich eher die Familie. Sie sehen ein wenig zu verhätschelt aus, um zu den Schwergewichten zu gehören.«
Die Frau und ihr Begleiter starrten mich wieder an. Der Mann stand auf und kam herüber. Er hatte einen seidig glänzenden, gepflegten schwarzen Bart. »Sind Sie in irgendeiner Form an uns interessiert, Señor?« Seine Wortwahl war höflich, doch seine gesamte Haltung kam einem Affront gleich.
Ich sah Güero an. Er schüttelte nur sacht den Kopf. Ich verstand den Hinweis. »Nein. Ich bin nur turista. Wissen Sie, mich interessiert eben alles.« Meine Stimme war sanft, doch meine Augen sagten: »Dich könnte ich problemlos in zwei Teile zerlegen, du Wichser.« Er ging zurück an seinen Tisch und sagte etwas zu den anderen. Daraufhin brachen alle in Gelächter aus.