Fünfunddreißig
Als wir wieder in Junktown waren, luden wir Moses in meinen Wagen um. Ich verabschiedete mich von Jesaja, fuhr zum Baron Arms und holte die Mossberg aus meinem Apartment. Ich verstaute sie im Kofferraum. Gut möglich, dass ich die Nacht über wegblieb, also wollte ich verhindern, dass die Waffe den Nachtschattengewächsen, die das Gebäude im Dunkeln durchstreiften, in die Hände fiel. Ein experimentierfreudiger Schnüffler könnte auf den Gedanken verfallen, Farbverdünner direkt aus dem Lauf schnüffeln zu wollen, und sich dabei versehentlich den Kopf wegblasen.
Als ich mich wieder hinters Steuer setzte, war Moses gerade dabei, an dem Klebeband zu nagen, das seine Handgelenke fesselte. Allerdings waren seine Zähne viel zu stumpf, der Kiefer war viel zu schwach, um dem fest haftenden Gewebe beizukommen. Er probierte es eine Weile, hatte aber nicht genügend Durchhaltevermögen, um die Sache zu Ende zu bringen. Für mich keine Überraschung. Ein Seufzer des Selbstmitleids entrang sich seiner Kehle.
»Dir kommt das alles wie ein einziges Desaster vor, Mose. Aber du weißt doch, was man über Medaillen und ihre Kehrseite sagt, oder? Und auf der Kehrseite der Desaster-Medaille steht Chance. Mit anderen Worten ausgedrückt, wo viel Schatten ist, ist auch viel Licht.«
»Diese Hure von einer Mutter hätte dich lieber zu Hundefutter verarbeiten sollen, anstatt dich bei einem armen Arschloch vor die Tür zu legen«, erwiderte er.
»In meinen Augen bist du ein aussichtsloser Fall, aber Maggie glaubt, dass in dir noch ein Funke Anstand steckt. Wir werden sehen, ob dieser Funk reicht, ein Lagerfeuer zu entfachen. Wer weiß, welche Möglichkeiten sich da eröffnen. Bereits in einem Jahr könntest du ein braver Steuerzahler sein.«
»Fick dich«, sagte er.
»Ich persönlich denke, dass du den gesellschaftlichen Stellenwert einer Tüte voller Schneckenscheiße hast, aber ich gebe zu, ich bin befangen. Objektivität ist was für Leute mit Edelmut.«
Er antwortete mir nicht mehr und so herrschte die nächsten Stunden Schweigen zwischen uns. Ich hatte den Freeway verlassen und fuhr jetzt nach Westen, in die Ausläufer des Black Range, der zu den Mimbres Mountains gehört. Es war bereits stockfinster und ab und an sah ich kleinere Tiere am Straßenrand, deren Augen das Licht meiner Scheinwerfer reflektierten. Die Straße war schmal und kurvenreich. Plötzlich rang Moses nach Luft und fing an zu husten.
»Ich muss kotzen«, sagte er.
»Aber nicht in meinem Auto. Halt noch einen Moment durch.«
Er fing an zu würgen. Ich hielt auf dem Seitenstreifen der schmalen Straße. Wir waren im Hochland, westlich von Hillsboro, New Mexico. Ich stieg aus, öffnete die Beifahrertür und zog ihn aus dem Wagen. Seine Füße waren an den Knöcheln mit Klebeband umwickelt, also bestand keine Gefahr, dass er weglaufen konnte. Er sank auf den Schotter, öffnete den Mund und brachte etwas heraus, was aussah wie ein silbrig glänzender Faden. Ich verfrachtete Moses zurück in den Sitz und wir setzten unsere wenig komfortable Reise nach La Xanadu fort.
Eigentlich hatte ich darauf gebaut, dass Jesaja bei dem gesamten Unternehmen dabei sein werde, aber er war mehr als bedient gewesen. Er habe seinen Part erfüllt, hatte er gesagt, und unter keinen Umständen wolle er seine Familie beunruhigen, nur weil er sich mit seinen zwei lebensuntüchtigen Brüdern die Nacht in der Wildnis New Mexicos um die Ohren schlage. Rosette, seine Frau, habe ihn förmlich angefleht, Junktown und das Gesindel, mit dem Mose sich abgebe, zu meiden. Selbst Jesajas Umgang mit mir sei ihr ein Dorn im Auge. Nach ihrer Meinung umgebe den etwas Unchristliches, dessen einzige Beschäftigung im Leben in der heidnisch anmutenden Verherrlichung seines Körpers bestehe. Für Rosette sei ich eine Statue aus Fleisch, bestenfalls geeignet, um in einem Beinhaus zu landen. Zwar hatte ich protestiert, als Jesaja mir das erzählt hatte, konnte es aber mangels schlagender Argumente nicht entkräften, zumal ich mich von hehrem Engagement verabschiedet hatte, namentlich von meinem Magister, der als Einziges beweisen könnte, dass ich ein Ziel im Leben habe. »Ich werde meinen Abschluss nachholen, Jesaja«, sagte ich. »Aber sicher doch, und ich werde bei den Cowboys in der Defense spielen«, hatte er daraufhin gekontert. Die unvermeidliche Wahrheit über Familienmitglieder, heißen sie nun Rockefeller oder Walkinghorse, lautet: Untereinander sind sie schonungslose Richter.
Die letzte Hürde auf der Fahrt war eine Serpentine mit sechs Prozent Steigung. Ich ließ den Ford im zweiten Gang hinaufklettern und behielt dabei die Temperaturanzeige im Auge. Genau in dem Moment, als der Zeiger den roten Bereich berührte, ging die Steigung in eine vom Mondlicht erhellte Hochebene über. Ich musste noch weitere fünf Minuten fahren, bis in der Wildnis erste Anzeichen menschlicher Einmischung sichtbar wurden. In regelmäßigen Abständen tauchten mit Reflektoren versehene Meilensteine am Straßenrand auf. Ich zählte sieben, dann hatte ich den Torbogen erreicht, der die Einfahrt zu La Xanadu markierte. Am höchsten Punkt des Torbogens hing ein handgemaltes Schild:
Erfreut Euch der Hoffnung
Begegnet der Drangsal mit Geduld
Die Anlage befand sich am Ende der Hochebene, dahinter nur noch dichter Wald aus Ponderosa Pinien, kein Zaun. Es handelte sich um eine Art Verwaltungsgebäude im Stil postmoderner Architektur, rechts und links davon Reihen mit zweigeschossigen Baracken. Durch den geschwungenen Dachfirst und die gewölbten, roten Dachziegel erinnerte das Verwaltungsgebäude an ein Gürteltier ohne Kopf. Erhellt wurde die parkähnliche Umgebung von Natriumdampflampen auf langen Stahlpfeilern. Die Lampen tauchten alles in pfirsichgelbes Licht. Bäume, die man auf dieser Hochebene nicht erwartet hätte – Mimose, Ginkgo, russische Olive –, standen wie helle Staubwedel in dieser penibel gepflegten Grünanlage.
Ich stieg aus und streckte mich, dann nahm ich Moses das Klebeband ab. Ich zog ihn aus dem Wagen. Gedanken an einen möglichen Fluchtversuch kamen bei mir nicht auf. Wohin, bitte, sollte er auch flüchten?
»Dein neues Zuhause«, sagte ich.
Er hatte nichts dazu zu sagen. Das Licht der Natriumdampflampen zauberte einen ungesunden orangefarbenen Schimmer auf seine Haut. Mit kläglichem Gesichtsausdruck starrte er auf die Gebäude, als erwarte ihn dort seine Hinrichtung durch den Strang.
»Sie werden sich richtig um dich kümmern, Mose«, sagte ich. »Du kommst nicht auf Turkey. Sie entwöhnen dich nach und nach, Schritt für Schritt.« Ich versuchte, überzeugend zu klingen, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie man hier mit Junkies verfuhr. Ich wusste nur, dass ihre Erfolgsquote die beste im Westen war.
Am Telefon hatte man mir gesagt, dass La Xanadu rund um die Uhr geöffnet sei. Über das Finanzielle hatten wir nicht gesprochen. La Xanadu gehörte zu den Orten, wo man nur dann nach dem Preis fragt, wenn man ihn sich nicht leisten kann. Mit Zacks fünftausend auf dem Konto stand ich diesem Thema mit Gelassenheit gegenüber.
Ich brachte Moses zur Glastür des Verwaltungsgebäudes. Drinnen sah es aus wie in einer Jagdhütte – freiliegende Deckenbalken, Holzpaneele, rustikale Möbel aus lackierten Pinienstämmen, die Polster mit rotem Leder bezogen, das mit Polsternägeln aus Messing an den Holzrahmen montiert war. In luftiger Höhe an der Wand befestigt, starrten mich die Köpfe eines Elchs, einiger Bergziegen und Pumas mit ihren Glasaugen an. An einem Deckenbalken hing eine ausgestopfte Eule mit zum Beuteflug ausgebreiteten Flügeln.
Eine große, knochige Frau erhob sich hinter einem Schreibtisch aus Mahagoni und streckte mir die Hand entgegen. Wir schüttelten uns die Hände. Sie hatte große Hände mit ausgeprägten Knöcheln und ihr Händedruck war kräftig, warm und sollte wohl Zuversicht ausstrahlen. »Mr. Walkinghorse?«, fragte sie. Ich nickte. Ihr fester Blick ruhte auf mir. »Wir haben Sie früher erwartet.«
»Es gab Komplikationen«, erklärte ich.
»Es gibt immer Komplikationen«, erwiderte sie. »Diese familiären Umstände sind nie so einfach, wie man es sich wünscht.«
Wir lächelten uns an, wussten beide, wovon sie sprach. Sie hatte ein langes, schmales Gesicht und eine dünne Nase mit Nasenlöchern eng wie Schlitze. Ihr blauschwarzes Haar glänzte und die Iris ihrer großen, grauen Augen war gelb gefleckt.
»Ich wehre mich dagegen, eingewiesen zu werden.« Moses hatte sich seiner Würde erinnert und rief sie ab. »Ich möchte das zu Protokoll geben«, fuhr er fort. »Ich wurde entführt, meine Bürgerrechte wurden mit Füßen getreten. Ich will sofort nach Hause. Wenn es mir nicht gestattet wird zu gehen, werde ich Sie verklagen. Ich verklage Sie auf zehn Millionen – hundert Millionen! Dann kaufe ich diesen verdammten Gulag hier!«
»Beruhigen Sie sich, Mr. Walkinghorse«, sagte die Frau und fror Moses’ Wutausbruch mit dem steten Blick ihrer grauen Augen ein. Dann wandte sie sich zu mir und sagte: »Ich bin Margo Combs, zuständig für die Aufnahme. Ich weiß, dass sich der Aufenthalt Ihres Bruders bei uns auszahlen wird, nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Familie.« Wieder streckte sie mir ihre Hand entgegen. Wieder ergriff ich sie. Margo Combs erwiderte meinen Händedruck etwas länger als ich ihren.
Moses gab einen Laut von sich, ein Stöhnen, das in ein Schluchzen überging.
»Wir benötigen Ihre Unterschrift für eine zeitlich unbegrenzte Vollmacht«, sagte Margo Combs. »Sie müssen erklären, dass Ihr Bruder außer Stande ist, seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Ich bin Notarin und werde das Dokument mit meinem Siegel versehen.« Sie drückte auf einen Knopf der Telefonanlage auf ihrem Schreibtisch und sagte: »Edgar, Harold, bitte kommen Sie zum Empfang.«
Zwei Hünen in weißer Krankenhauskluft kamen durch eine Doppeltür, hinter der ein langer grüner Flur lag. Einer von ihnen hatte eine Zwangsjacke in der Hand. »Edgar und Harold werden als Zeugen fungieren«, sagte Margo Combs. Sie legte ein Formular auf den Schreibtisch, das unterschrieben werden sollte. Ich unterschrieb zuerst, dann Edgar und als Letzter Harold. Margo Combs beendete die Prozedur mit dem Abdruck des notariellen Siegels.
»Bitte«, sagte sie mit Blick auf Moses, »alles ordnungsgemäß.«
»Ich bin nicht handlungsunfähig, du Schlampe«, sagte Moses.
»Das sieht Ihr Bruder anders«, erwiderte Margo Combs gelassen. »Es geschieht nur zu Ihrem Besten. Nach unserer Auffassung können Langzeit-Drogenabhängige nicht mehr die Verantwortung für sich selbst übernehmen, genau wie Personen, die an den verschiedenen Formen der Demenz erkrankt sind. Die meisten Gerichte und Appellationsgerichte sehen das im Übrigen genauso.«
Panik erfasste Moses. Er sah Edgar und Harold an, sah die Zwangsjacke in Harolds Pranke und wandte sich zu mir. »Mein Gott!«, sagte er. »Unternimm was Uri, das können die doch nicht machen!« Er taumelte zur Seite, fing sich wieder und rannte los zur Tür. Harold holte ihn ein und brachte ihn zurück.
»Bitte, Mr. Walkinghorse«, sagte Margo Combs, »Sie wollen doch nicht, dass wir Zwang anwenden müssen, oder?« Etwas in ihren Augen sagte mir, dass sie liebend gern miterlebt hätte, wie man Moses gegenüber Zwang anwendet. Zu mir sagte sie: »Von Ihnen benötigen wir noch einen Scheck für den ersten Monat der Behandlung, Mr. Walkinghorse. Siebentausendfünfhundert Dollar. Der Betrag für den ersten Monat deckt Kosten für einmalige Aufwendungen ab, die in den Folgemonaten nicht mehr in Rechnung gestellt werden. Der Beitrag sinkt dann auf sechstausend.«
»Siebentausendfünfhundert?«, wiederholte ich.
»Sie haben die erste Etappe des Weges hin zur Genesung bewältigt – das Verbot«, sagte sie. »Wir übernehmen jetzt, indem wir den Fall beurteilen und mit der Behandlung beginnen. Vielleicht ist es in einem Monat ausgestanden. In Anbetracht der renitenten Haltung Ihres Bruders allerdings gehe ich von neunzig Tagen aus, mindestens.«
»Aber siebentausendfünfhundert«, sagte ich. »Ich bin sicher, das ist angemessen, wenn man bedenkt … «
Moses, dem mein Tonfall nicht entgangen war, brach in triumphierendes Gelächter aus. »Er hat keine siebentausendfünfhundert! Er ist vollkommen blank! Er ist ein Penner, genau wie ich! Fragen Sie ihn doch mal, womit er seinen Lebensunterhalt verdient!«
Margo Combs hob eine Augenbraue und musterte mich. Ich zog mein Scheckbuch aus der Tasche und stellte einen Scheck aus. Die Differenz würde ich von meinen Ersparnissen abzweigen müssen. »Ich kann das übernehmen«, sagte ich.
»Einen Scheiß kann der«, rief Moses.
Edgar und Harold packten Moses bei den Armen und führten ihn ab.
»Halt durch, Mose«, sagte ich.
»Besorg’s doch der von einem Esel gefickten, toten, madigen Fotze deiner Mutter, Judas!«, schrie er.
Die Doppeltür schloss sich hinter Moses und den Krankenpflegern. Zurück blieben Margo Combs und ich. Für einen Augenblick regierte eine peinliche Stille.
»Das ist ja sonderbar«, sagte Margo Combs, erstaunlich gefasst angesichts der wüsten Flüche aus Moses’ Mund. »Hasst er seine eigene Mutter?«
»Wir wurden adoptiert und hatten verschiedene Mütter. Er glaubt, dass unsere leiblichen Mütter Huren waren. Aber sicher ist das nicht. Ich möchte mich für die Ausdrucksweise meines Bruders entschuldigen, Mrs. Combs«, sagte ich.
»Miss Combs«, erklärte sie. »Ich bin nicht verheiratet.«
»Tut mir leid.«
»Das muss es nicht«, sagte sie.
Ich sah sie an und wusste, was sie meinte. Sie hatte genügend Einblick, wie Familien sich das Leben zur Hölle machen können, und keine Bedarf, sich dieser Narrenparade anzuschließen. Allein stehend und unabhängig, sich nur sich selbst gegenüber rechtfertigen müssen, das war Margo Combs’ Strategie, um in dieser IrrenhausWelt zu bestehen.