Zweiunddreißig
Der Abendhimmel präsentierte sich als Waschküche, reiner grauer Wasserdampf. Die Temperatur lag bei schwül-heißen 37 Grad und meine Klamotten klebten am Körper. Hinter den Muleros Mountains südlich von Juárez zeigte sich Wetterleuchten und erinnerte an weit entferntes Artilleriefeuer. Das war unsere Version der Hölle und so würde es die nächsten zwei Monate bleiben.
Der warme Sprühregen ließ den glatten Asphalt zur Rutschbahn werden und ich fuhr entsprechend zurückhaltend, als führe ich über schwarzes Eis. Andere taten das nicht.
Ein Autofahrer raste mit neunzig an mir vorbei; er bemerkte weder die Gefahr von Aquaplaning, noch dass er bereits die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hatte, obgleich es augenscheinlich problemlos geradeaus fuhr. Ein anderer hing hupend an meiner Stoßstange. Ich hupte zurück, und anschließend tauschten wir einen Gruß mit dem Mittelfinger aus, als er mich mit aufheulendem Motor und ausbrechendem Heck überholte.
Es machte nicht wirklich Spaß, jetzt über die Mesa zu zuckeln, doch ich fuhr noch aus einem anderen Grund langsam. Ich war auf der Suche nach einer Alternative zum DMZ. Aber es gab keine. Es gab Sport-Bars, Striptease-Bars, Table-Dance-Bars, Kennenlern-Bars, Biker-Bars, Penner-Bars und Fress-Bars. Aber keine Bar-Bars.
Ich hielt auf dem Parkplatz einer kleinen Genossenschaftsbank nahe der Universität und warf Zacks Scheck in den Nachtbriefkasten. Ich mag diese Genossenschaftsbank. Sie ist klein und die Angestellten sind freundlich. Dort herrscht keine Atmosphäre der Scheinheiligkeit wie bei den majestätischen Großbanken. Niemand gibt einem das Gefühl, ein Nichtschwimmer an den Küsten des Geld-Ozeans zu sein. Zwar waltet auch hier Dollar, der grüne Gott, aber er waltet in einem eingeschossigen Stucktempel von der Bescheidenheit einer taquería. Wenn Cibola Savings & Loan eine Kathedrale ist, dann ist diese eher unbedeutende Genossenschaftsbank die Kapelle des kleinen Mannes.
Ich fuhr zurück zum Apartment und rief Jesaja an. »Ich möchte Mose morgen in die Reha-Klinik bringen«, sagte ich. »Wann hast du Zeit?«
»Nach Feierabend. Wir treffen uns um halb sieben in Junktown.«
»Kannst du nicht früher?«
»Klar doch. Ich werfe hundert Express-Pakete in den Rio und wir treffen uns schon mittags.«
»Okay, also halb sieben. Wir werden ihn fesseln müssen. Bring Paketklebeband mit.«
Eines seiner Kinder fing zu schreien an. Er hielt den Hörer zu und brüllte etwas. Seine Frau brüllte zurück. Die Geräusche häuslichen Chaos hallten für einen Moment in meinen Ohren wider, dann war Jesaja wieder am Hörer. »Es ist reine Zeitverschwendung, vom Geld ganz zu schweigen«, sagte er.
»Vielleicht sollten wir diesen Hirntoten einfach erschießen. Würde der Familie eine Menge Ärger ersparen.«
»Wem hast du das Geld aus den Rippen geleiert? Obwohl – ich kann’s mir denken.«
»Nicht aus den Rippen geleiert. In seiner Herzensgüte hat Zack es rübergeschoben. Ich hoffe nur, dass es reicht.«
»Für einen unbekehrbaren Junkie reicht es nie. Das Ganze ist ein Fehler, Uriah.«
»Es wird mein Fehler sein, Jesaja.«
»So sei es.«
»Amen.«
Zwei Hebräer aus dem Alten Testament, die an der Strippe Familienangelegenheiten diskutieren. Ich musste lächeln, und als ich den Hörer auflegte, fragte ich mich, ob es Jesaja genauso ging.
Ich machte mir einen Joghurtshake mit Eiern und getrockneter Leber, dann rief ich die Auskunft von New Mexico wegen der Nummer von La Xanadu an.
Ich fragte die Frau, die meinen Anruf bei La Xanadu entgegennahm, wie man zur Klinik komme. Sie fragte mich, warum ich das wissen wolle, und ich erklärte ihr, dass ich meinen Bruder zwecks Behandlung einweisen lassen möchte. »Hat Ihr Bruder ein ernsthaftes Drogenproblem?« Ich umklammerte den Hörer, als wäre es ihr Hals. Nein, war ich versucht zu sagen, mein Bruder ist dermaßen clean, dagegen kommt sich der Rest der Familie regelrecht verkommen vor. Fürs Erste müssen wir ihn ein bisschen fertig machen.
»Ja, das hat er«, sagte ich stattdessen. »Er nimmt Heroin und wahrscheinlich auch Amphetamine, um wieder auf Touren zu kommen. Die Sorge um ihn bringt meine Mutter noch ins Grab.«
Am anderen Ende war ein Seufzer zu hören. »Ach ja, wenn sie nur wüssten, was sie damit ihren Familien antun.« In diesem Stil ging es noch eine Weile weiter und sie warf ihre anfängliche Zurückhaltung über Bord, um sich über die Tragik der Drogenabhängigkeit zu verbreiten. »Unglücklicherweise sind wir derzeit voll belegt«, sagte sie am Ende.
»Scheiße«, entschlüpfte es mir.
Daraufhin gab es einen Moment eisigen Schweigens. »Jedoch rechnen wir damit, dass nächste Woche ein Platz frei wird, Sir. Wenn Sie möchten, können wir Ihren Bruder zur Beobachtung aufnehmen. Normalerweise erstreckt sich das über fünf bis sieben Tage. Der Patient befindet sich während dieser Zeit in einem sicheren Beobachtungsraum. Danach wird auch der Platz frei sein.«
Dann erklärte sie mir, wie man dorthin kam.
Ich ging ins Bett, doch an Schlaf war nicht zu denken. Als ich endlich wegdriftete, war es nur eine Art Halbschlaf mit Träumen in Technicolor. In einem bot mir Jillian einen Teller mit pochiertem Lachs an. Sie war ein kleines Mädchen. Ein Mann in roten Gummistiefeln nahm sie bei der Hand und führte sie fort, während sie anfing zu weinen. Ich weinte auch, weil ich wusste, ich würde sie nie wiedersehen.
Mitten in der Nacht klingelte das Telefon.
»Du hast an mich gedacht«, sagte Jillian.
»Nicht gedacht – geträumt. Vielleicht träume ich ja noch.«
»Tust du nicht. Ich bin immer noch in Deming und weiß nicht, was ich machen soll.«
»Du willst nach Kalifornien.«
»Ach, ich weiß nicht. Liebst du mich, vielleicht ein ganz klein wenig … ?«
Obwohl meine Klimaanlage auf vollen Touren lief, war das Bettzeug klamm vor Schweiß. Ich griff nach dem Radiowecker auf dem Nachttisch und blickte auf die Anzeige. »Himmel, es ist drei Uhr morgens«, sagte ich.
» … denn ich glaube, dass ich dich liebe, Uri«, sagte sie. Ihre Stimme klang etwas unsicher. »In diesem kleinen Zimmer steht die Luft und ich liege zwischen zerwühltem, feuchtem Bettzeug und muss an dich denken, muss daran denken, was du mit mir gemacht hast.«
Es klang so poetisch, so aufgesetzt. »Warum hast du angerufen?«, fragte ich.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte sie.
Ich stand auf, nahm das Telefon mit hinüber zum Tisch und setzte mich auf den mit Plastik bezogenen Stuhl. Ich blickte hinunter zum Parkplatz. Eine Frau und ein Mann standen neben einem Auto, rauchend. Die Frau lehnte sich gegen einen Kotflügel. Der Mann stand vor ihr. Sie wirkten angetrunken. Musik aus dem Autoradio dröhnte gegen mein Fenster. Norteña, Musik von einer der leistungsstarken Radiostationen im Norden Mexikos.
»Ich möchte bei dir sein«, sagte ich. »Ich brauche dich. Ich brauche dich jetzt.«
»Aber du liebst mich nicht. Du hältst mich für verkorkst, zu verkorkst, um lieben zu können oder geliebt zu werden. Du vertraust mir nicht.«
»Warum hast du angerufen?«
»Du bist krank, weißt du das? Du erkennst eine gute Sache nicht mal, wenn sie vor dir steht. Du brauchst für alles eine Begründung. Nun, manchmal gibt es keine Begründung, manchmal sind die Dinge eben so, wie sie sind.«
Sie legte auf. Ich hockte an meinem Tisch und beobachtete die beiden auf dem Parkplatz. Sie küssten sich. Er hielt den rechten Arm ausgestreckt, um sie nicht mit der Zigarette zu verbrennen. Sie hatte die Hände hinter seinem Nacken verschränkt. Die Musik trommelte wie mit Fäusten gegen meine Scheiben.
Er hörte auf, sie zu küssen, drehte sich um und sah hoch zu meinem Fenster. Ich saß im Dunkeln und wusste, dass er nicht sehen konnte, wie ich sie beobachtete. Dennoch reckte er seinen Mittelfinger, nur so, für alle Fälle. Dann wandte er sich wieder der Frau zu und küsste sie weiter.
Ich blickte hinüber zum Rio Grande und zu den Lichtern von Juárez. Sie funkelten blau und verteilten sich über den südlichen Horizont. Zwei Millionen Menschen leben unter diesen blauen Lichtern, ein Großteil davon so arm, dass die meisten Amerikaner neben ihnen wie Software-Tycoons wirken. Der Gedanke hätte meinem Leben etwas Perspektive geben sollen, doch er tat es nicht.