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Vier Jahre zuvor
»Es ist unmöglich«, sagte der Nubier.
»Wenige Dinge, die sich lohnen, sind leicht zu erringen«, entgegnete ich.
»Es ist unmöglich«, wiederholte der Nubier. »Es kann von niemandem bewerkstelligt werden, der anschließend länger als fünf Minuten überleben möchte.«
»Wenn nur ein Mörder mit der Bereitschaft nötig wäre, sich selbst zu opfern, hätten wir nicht mehr die Hundert, sondern nur noch ein Dutzend.« Mein Vater hatte mehrere Anschläge überlebt, bei denen der Attentäter keine Rücksicht auf sein eigenes Leben genommen hatte. »Niemand mit Anspruch auf den Thron des Reiches ist so leicht zu töten.«
Der Nubier drehte sich im Sattel und sah mich mit gerunzelter Stirn an. Er hatte es aufgegeben zu fragen, wie ein Kind von solchen Dingen wissen konnte. Ich fragte mich, wie lange es dauern mochte, bis er mit dem Unmöglich aufhörte.
Ich trieb mein Pferd an. Während der vergangenen halben Stunde schienen die Türme der Grafenburg nicht näher gekommen zu sein.
»Wir müssen die beste Verteidigung des Grafen finden«, sagte ich. »Den Schutz, auf den er sich am meisten verlässt. Auf dem sein Vertrauen ruht.«
Der Nubier zog erneut die Stirn kraus. »Such nach der Schwäche deines Gegners«, sagte er. »Und dann schieß.« Er klopfte auf seine Armbrust, die vor ihm auf dem Sattel lag.
»Aber du hast mir bereits gesagt, dass es unmöglich ist«, sagte ich. »Du hast es mehrmals betont.« Ich zog mir den Mantel enger um die Schultern, um besser vor dem kühlen Abendwind geschützt zu sein. Der Mann, von dem er stammte, war groß gewesen, und ich hatte viel Platz darin. »Du planst also den vernünftigsten Weg zur Niederlage.«
Der Nubier zuckte die Schultern. Er stritt nie, um Recht zu behalten. Das mochte ich an ihm.
»Der schwächste Punkt in einer guten Verteidigung soll nachgeben. Wenn er nachgibt, wenden sich die anderen Verteidigungspunkte dem Feind zu, und so weiter. Schichten, darum geht es. Zum Schluss sieht man sich dem gegenüber, was man vermeiden wollte, aber inzwischen ist man geschwächt, und der Gegner weiß Bescheid.«
Der Nubier schwieg, und im verblassenden Licht blieb sein schwarzes Gesicht undeutbar.
»Überraschung ist hier unsere einzige richtige Waffe. Wir meiden jenen Vorgang der Eskalation. Wir kommen sofort zum Herzen der Angelegenheit.«
Und darum ging es uns. Um das Herz. Wir wollten es zerschneiden.
Wir ritten weiter, und schließlich kamen die Türme näher. Sie ragten immer weiter vor uns auf, waren groß und finster geworden, als wir uns dem Tor näherten. Die Ansammlung von Gebäuden davor sah aus der Ferne wie eine Pfütze Erbrochenes aus: Tavernen und Gerbereien, Hütten und Bordelle.
»Renars Schild ist ein Mann namens Corion.« Als wir den Ritt zum Tor fortsetzten, kommentierte der Nubier den Geruch, indem er die Nase rümpfte. »Ein Magier von der Pferdeküste, heißt es. Zweifellos ein guter Berater. Er lässt den Grafen von Söldnern aus seiner Heimat bewachen. Es sind Männer ohne Familien, die man bedrohen könnte, und mit einem Ehrenkodex, der sie zuverlässig macht.«
»Wie also könnten wir diesen Corion dazu bringen, uns einzuladen?«
Die Schlange vor dem Tor bewegte sich nur gelegentlich, und dann im Schneckentempo. Zehn Meter vor uns stritt sich ein Bauer, der einen Ochsen hinter sich her zog, mit einem Wächter in der Livree des Grafen.
»Glaubst du, dass er wirklich ein Magier ist?«, fragte ich und sah den Nubier an.
»Die Pferdeküste ist ein perfekter Ort für sie.«
Der Bauer schien sich durchgesetzt zu haben und führte seinen Ochsen auf den Außenhof, wo noch immer Marktbuden standen..
Als wir das Tor erreichten, hatte ein leichter Regen eingesetzt. Der Federbusch des Wächters litt ein wenig darunter, aber der Mann selbst nicht. Er richtete einen wachsamen Blick auf uns.
»Was führt euch zur Burg?«
»Wir bringen Material.« Der Nubier klopfte auf die Satteltaschen.
»Da drüben.« Der Wächter deutete zu den Gebäuden vor dem Tor. »Dort findet ihr alles, was ihr wollt.«
Der Nubier schürzte die Lippen. Auf dem Burgmarkt gab es die besten Waren, aber dieser Hinweis würde uns nicht weit bringen. Wir brauchten einen besseren Grund, um den Wächter des Grafen zu veranlassen, einen von der Straße müden nubischen Söldner in die Burg seines Herrn zu lassen.
»Gib mir deine Armbrust«, sagte ich zum Nubier.
Er runzelte die Stirn. »Willst du ihn erschießen?«
Der Wächter lachte, aber die Frage des Nubiers hatte nicht eine Unze Humor enthalten. Er lernte mich allmählich kennen.
Ich streckte die Hand aus. Der Nubier zuckte die Schultern und griff nach der neben dem Sattel hängenden Armbrust. Ihr Gewicht zog mich fast zu Boden. Mit beiden Händen musste ich sie halten und mich mit den Beinen auf dem Pferd halten, aber das gelang mir, ohne zu viel an Würde einzubüßen.
Ich bot die Armbrust dem Wächter an.
»Bring dies Corion«, sagte ich. »Richte ihm aus, dass wir verkaufen wollen.«
Ärger, Verachtung und Erheiterung – ich konnte sehen, wie diese Gefühle miteinander um die nächsten Worte auf seiner Zunge rangen, aber er hob trotzdem die Hand nach der Waffe.
Ich zog die Armbrust zurück, als er sie ergreifen wollte. »Sei vorsichtig, die Hälfte des Gewichts besteht aus Zaubern.«
Daraufhin fuhren die Brauen des Wächters nach oben. Behutsam nahm er die Armbrust und betrachtete die eisernen Gesichter nubischer Götter. Etwas von dem, was er dort sah, schien seine Einwände beiseite zu schieben.
»Pass auf diese beiden auf«, wies er einen Wächter an, der im Schatten des Wachhauses stand. Und dann ging er los und hielt die Armbrust, als könnte sie ihn beißen, wenn er ihr Gelegenheit dazu gab.
Das Nieseln wurde stärker, zu einem richtigen Guss. Wir saßen auf den Pferden und ließen den Regen auf uns herabprasseln.
Ich dachte an Rache. Wie sie mir zurückgeben sollte, was ich verloren hatte. Und ich dachte daran, dass es mir gleichgültig war. Man halte etwas lange genug fest, ein Geheimnis, einen Wunsch, vielleicht eine Lüge, und es formt einen. Das Verlangen lag in mir und ließ sich nicht beiseite stellen. Aber das Blut des Grafen konnte es fortwaschen.
Die Nacht kam, und die Wächter zündeten Laternen an, im Wachhaus und in Nischen neben dem Tor. Ich sah die Zähne von zwei Fallgattern, die man sofort senken würde, wenn ein Feind heranstürmte, während das Tor offen war. Ich fragte mich, wie viele Soldaten meines Vaters gestorben wären, wenn er sein Heer geschickt hätte, um meine Mutter zu rächen. Vielleicht war es so besser. Vielleicht war es besser, dass ich allein kam. Persönlicher. Immerhin war sie meine Mutter. Vaters Soldaten hatten ihre eigenen Mütter.
Der Regen tropfte von meiner Nase und lief mir über den Hals. Aber ich hatte es warm genug – es brannte ein Feuer in meinem Innern.
»Er ist bereit, euch zu empfangen.« Der Wächter war zurückgekehrt und hob eine Laterne. Der Federbusch klebte an der Rückseite seines Helms, und er sah jetzt ein bisschen müde aus. »Jake, nimm ihre Pferde. Nadar, begleite mich, wenn ich diese Burschen hineinbringe.«
Und so gelangten wir zu Fuß in Graf Renars Burg, so nass, als hätten wir einen Burggraben durchschwommen.
Corions Quartier befand sich im Westturm, direkt neben dem Hauptteil der Burg, in dem der Graf Hof hielt. Wir stiegen eine schmutzige Wendeltreppe hinauf – alles um uns herum wirkte ein wenig vernachlässigt.
»Sollen wir unsere Waffen abgeben?«, fragte ich.
Ich sah das Weiße in den Augen des Nubiers, als er mir einen Blick zuwarf. Einer der beiden Wächter lachte. Der Mann hinter mir klopfte auf das Messer an meinem Gürtel. »Willst du Corion mit diesem Ding pieksen, Junge?«
Ich gab keine Antwort. Der erste Wächter blieb vor einer großen, mit eisernen Nieten beschlagenen Tür stehen. Jemand hatte ein komplexes Symbol ins Holz gebrannt, eine Art Piktogramm. Ich bekam eine Gänsehaut davon.
Der Wächter klopfte an die Tür, zweimal kurz hintereinander.
»Wartet hier.« Er drückte mir seine Laterne in die Hand, warf mir einen Blick zu, schürzte die Lippen und trat dann am Nubier vorbei. »Komm mit, Nadar«, sagte er und kehrte zur Treppe zurück.
Beide Männer waren hinter der Treppenkurve außer Sicht geraten, als wir hörten, wie ein Riegel beiseite geschoben wurde. Stille folgte. Der Nubier legte die Hand auf den Knauf seines Schwerts. Ich stieß sie beiseite, schüttelte den Kopf und klopfte an die Tür.
»Herein.«
Ich dachte, mich allen meinen Ängsten gestellt zu haben, doch hier war eine Stimme, die meine Entschlossenheit mit einem Wort schmelzen konnte. Der Nubier fühlte es ebenfalls. Ich sah es in seinem Gesicht und auch in seiner Haltung – er spannte die Muskeln, wie bereit zur Flucht.
»Komm, Prinz der Dornen, komm aus deinem Versteck, komm ins Unwetter.«
Die Tür wich fort, von Dunkelheit verschlungen. Ich hörte Schreie, seltsame Schreie, wie von Beute, die mit gebrochenem Rücken den Krallen des Jägers zu entkommen versucht. Vielleicht stammten die Schreie von mir, vielleicht vom Nubier.
Und dann sah ich ihn.