Fünftes Kapitel Geständnis
Iðunn ruft am Montagmorgen Punkt acht Uhr an, obwohl sie weiß, dass ich gerne etwas länger im Bett liege und um die Mittagszeit am besten übersetzen kann. Sie legt Wert darauf, unsere Beziehung auf einem rein arbeitstechnischen Niveau zu halten. Sie spricht schnell und sieht anscheinend keinen Grund dafür, über das zu reden, was am Samstag zwischen uns passiert ist.
«Ich werde Njörður treffen, der den Tod des anderen AA-Mitglieds untersucht. Willst du mitkommen?» Ich bin irritiert und weiß, dass es für mein Seelenleben das Beste wäre, jede weitere Mitarbeit an dem Fall abzulehnen und Iðunn alles Gute bei den Ermittlungen zu wünschen. Doch die Neugier überwiegt, und tief in meinem Inneren glüht noch ein kleiner Funken Hoffnung, dass sich der Samstagabend wiederholen könnte.
«Ich ziehe mich an und bin in fünf Minuten fertig», sage ich und springe auf. Ich hüpfe kurz unter die Dusche, verzichte aufs Rasieren, ziehe mir dasselbe wie gestern an und versuche dran zu denken, dass ich später noch Wäsche waschen muss. Als Iðunn vor dem Haus hupt, nehme ich die Treppe in vier großen Sätzen.
«Hi», sagt sie und fährt los, ohne mich anzuschauen.
«Hi.» Ich versuche ebenfalls, normal zu klingen. «Was gibt es Neues?»
«Alles prima», antwortet sie. «Njörður hat vorhin angerufen und gesagt, dass er neue Informationen hat.»
Njörður ist einer dieser Männer, die mich an einen Troll erinnern. Er ist ungewöhnlich groß, stämmig, sogar seine Finger sind doppelt so dick wie meine. An seinem Hals sind die Sehnen zu sehen, aber ansonsten ist er gut gepolstert, wodurch er fleischig wirkt, obwohl er nicht dick ist. Er braucht mit Sicherheit nur zwei Wochen Krafttraining, um wie ein Anabolikaprotz auszusehen. Er ist hellhäutig und hat einen rötlichen Haarschopf, der dem Aussehen nach nicht einfach zu bändigen ist. Er drückt Iðunn fest an sich, sodass sie einen Augenblick in seiner Körpermasse verschwindet, dann gibt er mir die Hand und schüttelt sie mit festem Druck.
«Njörður», sagt er. Seine hellblauen Augen scheinen mich zu durchbohren. Was Iðunn ihm wohl über mich erzählt hat?
«Magni», sage ich und versuche, freundschaftlich zu lächeln. Er geht voraus den Flur entlang, und das Parkett knarrt unter seinem Gewicht. Wenn seine Vorväter vom selben Kaliber gewesen sind wie er, ist es einfach zu verstehen, warum die Wikinger bei Irland einen Zwischenstopp eingelegt haben, um Sklaven mitzunehmen, und warum die Polizeischule ihn genommen hat. Sie hatte schon immer eine Schwäche für Kraftprotze. Njörðurs Büro ähnelt dem von Iðunn, ein mittelgroßer Raum mit Linoleumboden und grauen Jalousien. Der gleiche Schreibtisch, außer dass der von Njörður mit unzähligen Papierstapeln übersät ist. Auf dem Fensterbrett erblicke ich einen halbtoten Kaktus, und auf dem Drucker in der Ecke stehen, wenn ich recht gezählt habe, sieben schmutzige Tassen.
«Bjarni Jóhannes Jónsson», sagt er, als ob es sich um einen lebendigen Menschen handelte, als er Iðunn die Mappe über den Tisch reicht. Wie die Mappe mit den Bildern von Jón Ágúst ist sie aus braunem Karton. Iðunn öffnet sie und überfliegt das erste Blatt. Von meinem Sitzplatz aus kann ich die kleinen Buchstaben nicht entziffern. Dann schaut sie die Bilder durch, die ich besser erkennen kann, als mir lieb ist. Ein junger Mann liegt tot in der Badewanne, der Kopf unter der Wasseroberfläche, der Körper aufgedunsen. «Wir haben zuerst gedacht, dass es ein Unfall war», sagt Njörður, «zu viele Pillen vor dem Entspannungsbad, ihr wisst schon. Doch dann haben wir das gefunden.» Er reicht mir ein altmodisches Schreibheft. «Wir haben angenommen, dass es Selbstmord war. In dem Heft steht, was der Lump in seinem Leben alles falsch gemacht hat, mitsamt einer Auflistung seines beschissenen Charakters. Da steckt ziemlich viel Selbstverachtung drin.»
«Das ist kein Beweis für Selbstmord», sage ich, nachdem ich die ersten Seiten durchgeblättert habe. «Das ist der fünfte Schritt, das Geständnis.»
«Was meinst du damit?», fragt Njörður interessiert.
«Die Schritte der AA. Beim fünften Schritt soll man seinen eigenen Fehlern ins Auge schauen und sie ohne Zögern seinem Vertrauensmann und Gott gegenüber zugeben. Das soll einen aus den Fängen der Vergangenheit befreien.»
Njörður und Iðunn betrachten mich einen Augenblick schweigend, als ob sie das Gehörte erst verdauen müssten.
«Das stimmt mit den Ergebnissen der Ärzte überein, denn die nachweisbare Menge an Medikamenten in seinem Blut hätte nicht ausgereicht, in der Badewanne zu ertrinken oder sich umzubringen.»
«Gab es keine äußeren Verletzungen?», fragt Iðunn.
«Nicht, soweit wir feststellen konnten, aber nach drei Tagen bei Raumtemperatur im Wasser … da ist es schwieriger, gewisse Fakten auszuschließen … du weißt schon. Aber die Todesursache ist Ertrinken. Das ist eindeutig.» Sie blättern weiter in den Unterlagen, Iðunn ist in die abstoßenden Fotos vertieft, und Njörður liest im Geständnisheft.
«Was, wenn ein verrückter Alki umgeht und trockene Alkoholiker umbringt?», sage ich in die Stille hinein. Sie heben beide den Blick, und nach ihrem Gesicht zu urteilen, habe ich meinen Gedanken nicht klar genug formuliert.
«Meinst du einen Serienmörder?», fragt Njörður und mustert mich, als ob ich ein Außerirdischer sei.
«Ja, vielleicht.» Verlegen und hilfesuchend schaue ich Iðunn an, doch sie weicht meinem Blick aus und vertieft sich erneut in die Fotos. «Ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass drei AA-Mitglieder in so kurzer Zeit auf dem kleinen Island umkommen?»
«Also so seltsam ist das nicht, das kleine Island ist voll von Saufbolden. Und wenn du den Drogentypen meinst, der auf der Miklatún unter einem Busch erfroren ist, der Mann hat geerntet, was er gesät hat. Ich glaube, dass das etwas weit hergeholt ist, meinst du nicht?» Er verzieht das Gesicht zu einer schiefen Grimasse, die mir die Absurdität meiner Worte vor Augen führen soll, und ich kann nicht anders, als gezwungen zu lächeln und zu nicken, während die beiden kichern.
«Wir denken, dass es Mord oder Selbstmord war», erläutert Iðunn. Ich frage mich, warum sie mich zu diesem Treffen mitgenommen hat, wenn sie beide die Richtlinien schon festgelegt haben und mich offensichtlich nicht brauchen. «Die endgültigen Ergebnisse der Autopsie bestätigen hoffentlich, dass er sich umgebracht hat», fährt sie fort.
«Ja, seine Vergangenheit ist auf alle Fälle gezeichnet von Depressionen und Selbstmordneigungen», fügt Njörður hinzu. «Er war im Alter von dreizehn bis sechzehn in einem Jugendheim.»
«Weshalb?», frage ich und bemerke sofort, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe.
«Tja, so weit bin ich in meinen Ermittlungen noch nicht gekommen, aber es scheint wohl bei solchen Menschen die logische Konsequenz zu sein, Alkoholmissbrauch im Elternhaus und dadurch zwangsläufig die Vernachlässigung der Kinder, dann wird der Junge zum Kleinkriminellen und landet schließlich beim Jugendamt. Es ist unglaublich, was Alkoholiker alles um sich herum zerstören. Meiner Meinung nach sollten diese Kreaturen bestraft werden, weil sie ihre Kinder zerstören, anstatt sie in eine Luxussuite in Vogur zu stecken.» Ich stehe auf, verlasse das Büro, und mir ist es ziemlich egal, ob dieser Satz auf mich abzielte oder nicht. Ich habe plötzlich genug von diesem riesenhaften Kerl mit seiner riesenhaften Stimme und seiner riesenhaften Moral. Auch Iðunn kann mir gestohlen bleiben, die in seinem Büro sitzt und sich benimmt, als ob sie mich kaum kennen würde.
«Magni!», ruft sie mir hinterher. Ich warte am Ausgang auf sie. «Sorry, er ist einfach so», sagt sie außer Atem.
«Du brauchst ihn nicht in Schutz zu nehmen, aber ich entscheide selber, ob ich mir so was anhören muss.» Wie gut es mir gelingt, Ruhe zu bewahren. Am liebsten würde ich sie schütteln und fragen, ob das auch ihre Meinung ist, ob mein Alkoholismus ihrer Meinung nach keine Krankheit, sondern eine bestrafenswerte Feigheit ist.
«Ich brauche dich, Magni», fleht sie mich an, greift nach meinem Oberarm und drückt ihn fest. «Wir brauchen jemanden, der das Ganze aus dem Blickwinkel eines AA-Mitglieds sieht.» Ich weiß nicht, ob es die Art ist, wie sie meinen Namen ausspricht, oder die Berührung, die ich durch die Jacke und das Hemd hindurch spüre, aber die Wut verschwindet, und mir wird warm ums Herz, wie es mir in ihrer Nähe so oft passiert.
«Okay», sage ich leise. «Besorg mir eine Kopie des Heftes.»
«Kein Problem.» Sie lächelt mich dankbar an.
Auf dem Nachhauseweg überlege ich mir immer noch, warum sie mich unbedingt bei den Ermittlungen dabeihaben will. Bisher konnte ich doch herzlich wenig dazu beitragen. Da blitzt der kleine Hoffnungsschimmer wieder auf, dass sie den Fall vielleicht als Ausrede benutzt, um mich zu treffen. Doch dann sehe ich ihr Gesicht vor mir, als sie am Samstagabend ging, und jegliche Hoffnung erlischt.
Es ist noch nicht zehn Uhr, als ich wieder zu Hause bin, und ich könnte ins Schwimmbad gehen. Doch die Faulheit siegt, und ich lege mich ins Bett und stelle den Wecker auf halb zwölf. Es dauert einen Moment, bis ich einschlafe, aber dann träume ich, dass ich ein Buch per Post zugeschickt bekomme, in dem auf jeder Seite ein Foto von einer neuen Leiche abgebildet ist, ich blättere vor und zurück, und mir wird immer mulmiger. Beim Klingeln des Weckers fahre ich verschwitzt hoch, und es dauert einen Moment, bis mir klarwird, dass das bloß ein Traum war. Selbst nach einer Tasse Kaffee fällt es mir noch schwer, das Gefühl des Traumes abzuschütteln. Vielleicht ist es ja ein Vorzeichen. Vielleicht möchte mein Unterbewusstsein mir sagen, dass die Lösung in einem Buch zu finden ist, und ich muss an das Notizheft von Bjarni Jóhannes denken, der dort seine Gefühle und Überlegungen im Zusammenhang mit dem fünften Schritt aufgeschrieben hat. Ich werde es umgehend lesen, sobald ich eine Kopie habe.
Ich gebe Knoblauchbutter, Käse und Gemüse auf eine Tortilla und schiebe sie einen Moment in die Mikrowelle. Zum Essen setze ich mich an den Computer und mache mich an die Übersetzung von «Das Rätsel der Liebe», von der ich die ersten zehn Seiten fertig habe. Im Gegensatz zu früher lese ich die Romane nicht mehr vorher.
Später am Nachmittag, als ich den Übersetzungskoller kriege und mich vom Rechner erhebe, habe ich zwanzig Seiten geschafft. Dieses Mal bin ich schnell wieder reingekommen, sonst brauche ich oft Tage, wenn ich eine Pause eingelegt habe. Ich strecke mich und schaue in den Kühlschrank. Zeit, einkaufen zu gehen. Vorher stopfe ich noch Wäsche in die Waschmaschine und schalte sie auf dreißig Grad. Im Supermarkt bemerke ich, wie wenig Lebensmittel ich brauche, und der triste Gedanke überfällt mich, dass ich vielleicht für immer nur für mich alleine kochen werde. Ich rufe Egill an und lade ihn zum Essen ein, er kommt gerne. Das hellt meine Stimmung auf, da Egill über einen gesunden Appetit verfügt. Während ich an der Kasse in der Schlange stehe, fällt mein Blick auf die Titelseite der Zeitung über Bjarni Jóhannes’ Tod. Die Überschrift lautet: Geheimnisvoller Tod? Ich kaufe die Zeitung und gehe bepackt mit zwei Tüten nach Hause. Es beginnt zu schneien. Die großen, unregelmäßigen Schneeflocken schweben langsam und ehrwürdig zur Erde, als ob sie wüssten, dass sie bei der Berührung mit der Straße schmelzen und ihr Leben in fester Form beenden. Ich lecke mir die Schneeflocken vom Gesicht und verspüre eine wundersame Heiterkeit, ein Gefühl, das mich an meine Kindheit erinnert, als ich mit dem Schnee immer große Erwartungen verknüpfte.
Der Zeitungsartikel gibt nicht viel her, und die wenigen Fakten in Zusammenhang mit Bjarni Jóhannes’ Tod kenne ich schon. Ich lege die Zeitung enttäuscht zur Seite und fange mit dem Kochen an. Letztes Mal habe ich für Egill auch Lasagne gemacht, es ist sein Lieblingsgericht. Damals lebten Iðunn und ich noch zusammen, und nachdem Iðunn sich schlafen gelegt hatte, kappten Egill und ich die dritte Flasche Rotwein. Später wünschte ich ihm eine gute Nacht, und Egill machte sich auf den Weg in die Stadt, um weiterzufeiern. Ich staune immer noch über seine Ausdauer.
Ich hacke Zwiebeln und Knoblauch klein, während das Fleisch in der Pfanne braun wird, und gebe die Dosentomaten zusammen mit einer Karotte in den Mixer, mit einer Karotte schmeckt die rote Sauce etwas süßer. Dann mache ich mich an die Béchamelsauce, schmecke sie ab und verleihe ihr mit meiner Geheimwaffe den letzten Schliff: einem Esslöffel Dijonsenf. Schließlich schichte ich die Zutaten in eine Auflaufform, sodass ich sie nur noch in den Ofen schieben muss, sobald Egill da ist. Beim Kochen konnte ich mich schon immer sehr gut entspannen und bin froh, dass dieses Gefühl nicht verschwunden ist, auch wenn ich dabei nicht länger an einem Weinglas nippe. Während ich auf Egill warte, hänge ich die Wäsche auf, rasiere mich, lese den Rest der Zeitung und trinke ein Glas Cola. Egill hat sich offensichtlich eine früher nie gekannte Pünktlichkeit angewöhnt, denn er klingelt Punkt halb sieben stürmisch an der Tür und ist frisch und munter. Er wusste schon immer, wie man gute Stimmung verbreitet, doch nun ist seine Munterkeit aufrichtiger, seine Augen sind klar, und er hört zu, wenn man ihm etwas erzählt.
Ich bereite den Salat zu und reiche Egill ein Glas Cola, er setzt sich an den Küchentisch und blättert in der Zeitung. Den Salatkopf zerteile ich mit den Fingern, das gefällt mir besser, als ihn zu schneiden, und dünste kurz rote Peperoni und Frühlingszwiebeln an. Anschließend gebe ich Knoblauchzehen, Senf, Balsamico, Agavesirup und schwarzen Pfeffer in eine Schüssel und vermische alles.
«Das wäre ein seltsames Karma, wenn der Mörder ermordet worden ist», sagt Egill. Ich unterbreche meine Salatmeditation und schaue auf die Zeitung. Er liest den Artikel über den Tod von Bjarni Jóhannes.
«Wie bitte?», wundere ich mich.
«Hat der Typ nicht ein Kind getötet? Erinnerst du dich?»
«Im Ernst? Ist das lange her?»
«Ja, er ist etwa so alt wie ich. Das war damals, als ich in die Realschule kam. Zum Teufel noch mal, das hat er verdient, der Scheißkerl, einfach ein Kind zu töten.» Egill blättert weiter zum Sportteil, er murmelt etwas, aber ich verstehe kein Wort, weil mir der Kopf schwirrt.
«Entschuldige, Egill, ich muss kurz telefonieren.» Ich gehe in den Flur und rufe Iðunn an.
«Hast du gewusst, dass Bjarni Jóhannes ein Mörder war?», sage ich, als sie den Hörer abnimmt. Sie schweigt einen Moment und antwortet dann:
«Nein.» Sie wirkt ruhig.
«Egill hat erzählt, dass Bjarni Jóhannes den Tod eines Kindes verschuldet hat. Kann er deswegen im Heim gewesen sein?»
«Ja, das ist möglich. Es ist immer ein Problem, was man mit Jugendlichen machen soll, wenn sie straffällig werden.»
«Hat Njörður nichts davon erwähnt? Der Mann hat das ganz sicher in sein Bekenntnisheft geschrieben», sage ich eifrig.
«Ich habe die Kopie im Auto», erwidert Iðunn. «Ich bringe sie dir gleich vorbei.» Ich lege auf und gehe zu Egill in die Küche zurück.
«Iðunn wird gleich kommen, um mir ein paar Unterlagen vorbeizubringen.» Ich schaue weg, als Egill mich neugierig mustert.
«Rauft ihr euch etwa wieder zusammen?»
«Nein, das wohl kaum», sage ich und widme mich wieder dem Salat.
«Du würdest aber schon gerne?» Ich spüre in meinem Nacken, dass Egill mich immer noch anschaut.
«Ja, eigentlich schon», antworte ich leise und bekomme einen dicken Kloß im Hals.
«Darf ich dich zur Lasagne einladen?», sage ich zu Iðunn, als sie mit der Kopie in der Hand vor der Tür steht. Egill umarmt sie herzlich.
«Nein danke, Magni, ich muss weiter.» Sie wendet ihre Aufmerksamkeit wieder Egill zu. «Schön, dich so frisch und munter zu sehen!» Egill strahlt wie die Sonne. Iðunn hat durch ihre Arbeit schon unzählige Male mit Egill zu tun gehabt: ihn in zweifelhaftem Zustand nach Hause gebracht, ihn in die Zelle verfrachtet und am nächsten Tag wieder auf freien Fuß gesetzt oder ihn manchmal ins Krankenhaus gefahren, wenn er verletzt war oder es ihm nach dem Konsum irgendwelcher Substanzen schlechtging. Egill sagte immer, dass Iðunns Nörgelei ihn nerve, doch in Wahrheit war sie der einzige Mensch, dem er noch Respekt entgegenbrachte, als er abhängig war.
«Ich freue mich auch, dich zu sehen!», ruft Egill ihr nach. Er ist ausgelassen wie ein Welpe, und ich erwarte beinahe, dass er gleich im Kreis rennen wird, um seinen eigenen Schwanz zu jagen. Er beruhigt sich, als ich das Essen auf die Teller gebe. Wir setzen uns mit je einem Halbliterglas Cola, der Lasagne und dem Salat vor den Fernseher. Mein Herz klopft schnell vor lauter Aufregung, und ich würde mich am liebsten gleich in das Heft vertiefen. Aber ich rede mir gut zu und beruhige mich kurz darauf wieder. Ich genieße das Zusammensein mit meinem kleinen Bruder und hätte viel darum gegeben, wenn wir in unserer Kindheit so hätten dasitzen können: geborgen und satt.
Nachdem Egill gegangen ist, schalte ich den Fernseher aus, räume die Küche auf und mache es mir im Schlafanzug mit dem Heft von Bjarni Jóhannes auf dem Sofa gemütlich. Auf der ersten Seite hat er in großen Buchstaben den fünften Schritt notiert: Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu. Auf der zweiten Seite beginnt die Aufzählung seiner Übertretungen oder Vergehen anderen Menschen gegenüber. Die Liste scheint zu einem Zeitpunkt zu beginnen, als er noch sehr jung war, denn Kekse klauen und freche Bemerkungen der Mutter gegenüber stehen neben einer Unzahl anderer Bagatellen, die ihn dennoch zu ärgern schienen, da er sie notiert hat. Ich lese weiter, und nach dem liederlichen Betragen seiner Mutter und seinen Freunden gegenüber folgen Namen von Leuten, bei denen es sich vermutlich um Angestellte des Jugendheimes handelt. Es ist nichts über den Tod eines Kindes vermerkt, und ich beginne zu zweifeln, ob Egill recht hatte. Als ich fertig bin, kann ich gut verstehen, dass verschiedene Punkte das Gewissen des jungen Mannes belastet haben, die typische Leidensgeschichte eines Alkoholikers. Es ist unwahrscheinlich, dass jemand, der den Tod eines anderen Menschen verursacht hat, auch wenn es ein Unfall war, sich so verhalten würde, als sei nichts geschehen. Vielleicht plagte ihn das schlechte Gewissen zu sehr und es war zu schmerzhaft, die Tat vor sich selbst, vor Gott und dem Vertrauensmann einzugestehen. Oder er verfügte über die Fähigkeit, es aus seiner Erinnerung zu tilgen, unter Umständen hat er gedacht, dass er nichts verbrochen hat. Meine Gedanken wandern zurück zur Theorie von Iðunn und Njörður, dass Bjarni Jóhannes vielleicht der Mörder von Jón Águst war, und ich versuche, mich von dieser Gedankenspirale zu lösen, indem ich mir das Gegenteil vor Augen führe – Egill muss sich getäuscht haben, jemand anders hat das Kind getötet.
Ich putze mir die Zähne und gehe in die Küche, um die Spülmaschine auszuräumen. Seit dem Entzug ist es mir besonders wichtig, dass alles um mich herum sauber und ordentlich ist, als ob die äußere Wirklichkeit ein Symbol der Kontrolle ist, die ich über mein Leben erlangt habe. Bevor ich mich schlafen lege, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, nochmals ins Internet zu gehen. Ich gebe die Namen der beiden Toten ein und suche nach etwas, das mit der Vergangenheit von Bjarni Jóhannes zu tun haben könnte. Nach einer Stunde erfolglosem Wühlen übermannt mich die Müdigkeit, und ich lege mich ins Bett. Ich schicke Iðunn eine SMS, dass ich im Heft auf nichts Auffälliges gestoßen bin, und sie antwortet mit einem trockenen ok. Sie hätte mir wenigstens eine gute Nacht wünschen oder ein paar Worte hinzufügen können. Eigentlich sollte ich mit der Arbeit am fünften Schritt beginnen, doch ich finde keine innere Ruhe. Geirs Worte, dass ich versuchen sollte zu beten, fallen mir ein. Also falte ich die Hände und versuche zu einer höheren Macht zu sprechen, komme mir dabei aber lächerlich und seltsam vor, ich schäme mich fast. Daraufhin drehe ich mich zur Seite und schlafe ein.
Ich erwache mit einem Kopf voller Mutmaßungen und Fragen, von denen ich weiß, dass ich die passenden Antworten finden muss. Der Verstand scheint nach Lösungen zu dürsten, also stehe ich auf. Kurz darauf gehe ich in Richtung Landes- und Universitätsbibliothek. Dort war ich schon ab und zu, um Fakten im Zusammenhang mit meinen Übersetzungen zu überprüfen, doch normalerweise nehme ich nur Romane an, die keine Nachforschungen erfordern. Jetzt begebe ich mich in den dritten Stock, in die Zeitschriftenabteilung. Ein Bibliothekar hilft mir, die entsprechenden Zeitungen des Zeitraums zu finden, von dem Egill gesprochen hat. Wenn er damals gerade auf der Realschule angefangen hat und jetzt vierundzwanzig ist, muss das 1996 gewesen sein. Ich beginne mit dem Morgunblaðið Mitte des Jahres und schaue mir Juli und August an, dann September und blättere mich weiter durch. Mitte Oktober finde ich einen Artikel über das Urteil des Bezirksgerichtes und die Unterbringung eines nicht strafmündigen Jugendlichen, Bjarni Jóhannes Jónsson, in das staatliche Jugenderziehungsheim bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr. Am Ende des Artikels steht, dass Bjarni den Tod eines vierjährigen Jungen verschuldet hat, der bei seiner Familie Anfang des Jahres 1995 zu Gast war. Ich brauche eine Pause, eine Spannung breitet sich in meinem Körper aus, die es unmöglich macht, länger still zu sitzen. Ich wähle Iðunns Nummer und renne auf den Flur, da der Bibliothekar mir mit strengem Blick und bestimmten Gesten zu verstehen gibt, dass er in seiner mit Teppich ausgelegten und geräuscharmen Bibliothek keinen Lärm duldet.
«Iðunn, ich habe alte Zeitungen studiert und herausgefunden, dass Bjarni Jóhannes als Jugendlicher ein vier Jahre altes Kind getötet hat», sprudelt es in dem Augenblick aus mir heraus, als sie antwortet.
«Ich habe es eben auch erfahren, ich lese gerade die Gerichtsprotokolle», bestätigt sie.
«Was ist genau passiert?», frage ich und möchte ihr alles aus der Nase ziehen, doch sie weiß auch nicht viel mehr als ich.
«Ich muss nach Selfoss fahren und mir die Polizeiakten ansehen», erklärt sie. Ich warte darauf, dass sie mich auffordert mitzukommen, doch sie sagt nichts, und so bitte ich sie, mich auf dem Laufenden zu halten.
«Ich bin ziemlich angespannt und fühle mich fast ein bisschen gestresst», sage ich lachend.
«Ach, warum kommst du nicht einfach mit?», fragt sie, und ich habe schon geantwortet, bevor sie zu Ende gesprochen hat.
Der Straßenzustand verschlechtert sich, je höher wir auf dem Weg auf die Hellisheiði gelangen. Als der Wagen wegen der Schneeverwehungen zu hüpfen beginnt und die gelben Straßenpfosten im Schneesturm kaum mehr zu erkennen sind, erkundige ich mich bei Iðunn, ob sie vor der Abfahrt den Wetterbericht abgefragt hat.
«Nein, ich war in Eile», erwidert sie lächelnd und wirkt unbesorgt. Ich dagegen überlege, ob nicht Schneeketten sinnvoll wären und ich vielleicht einen warmen Overall im Wagen finde. «Mach dir keine Sorgen, Magni, sonst stecken wir eben fest!» Ich beruhige mich und versuche mir nicht vorzustellen, wie wir im Schneegestöber mitten auf der Hochebene eine Panne haben und Iðunn kalt und verletzt neben mir liegt. Wir schleichen in langsamem Tempo weiter die Straße hinauf, ab und zu kann man vor sich ein paar Meter erkennen, doch dann scheint der Wagen wieder von Baumwolle umwickelt zu sein, die sowohl die Sicht wie auch das Motorengeräusch dämpft. Plötzlich steht quer vor uns ein Polizeiwagen mit blinkendem Blaulicht, und ein Polizist im Schneeoverall ruft uns durch den Spalt an der Scheibe zu, dass die Hochebene im Moment nicht befahrbar sei und wir in einer Reihe hinter dem Schneepflug herfahren müssten. Er weist uns an, die Straße zu verlassen, und als wir den Abhang hinunterfahren, entdecke ich inmitten des Schneegestöbers die kleine Gaststätte. Ich dachte, wir seien schon viel weiter. Nachdem wir uns durch den blauweißen Sturm gekämpft haben, können sich die Augen in dem gelben Kunstlicht entspannen. Wir bestellen uns Kakao und begutachten die Hausmannskost hinter der Theke. In dieser traditionellen Gaststätte werden dieselben Speisen angeboten, seit ich zurückdenken kann. Hier gibt es keine Pizzen oder Hamburger. Iðunn bestellt ein Eibrötchen, und ich nehme ein Flachbrot mit geräuchertem Lammfleisch und zwei gerollte Pfannkuchen mit Zucker. Wir setzen uns an einen Tisch. Beim Essen spüre ich eine tiefe Glückseligkeit, und einen Augenblick lang gebe ich mich dem Tagtraum hin, dass wir immer noch ein Paar sind und auf dem Weg in den Skiurlaub eine Pause eingelegt haben. Iðunn zerstört meine Stimmung, indem sie Überlegungen zu dem Mord anstellt.
«Wir müssen abklären, was für Bekannte Bjarni Jóhannes hatte», sagt sie. «Zum Beispiel, ob er irgendwelche Verbindungen zu Atli Eyjólfsson hatte, und wenn ja, müssen wir diesen Kerl nochmals treffen.» Bei dem Namen Atli Eyjólfsson läuft mir ein Schauer über den Rücken. Möglicherweise bin ich derart feinfühlig, dass ich die kriminellen Neigungen von Menschen spüren kann, oder vielleicht ist es auch einfach persönliche Antipathie.
«Ihre Wege könnten sich auf verschiedenen Meetings gekreuzt haben», sage ich und nehme den letzten Schluck Kakao. Eigentlich habe ich Lust auf mehr. Der Polizist im Overall kommt herein und verkündet, dass der Schneepflug gekommen sei. Die Autos reihen sich hinter dem Pflug auf. Ganz hinten steht ein Polizeiwagen, der uns begleitet. Dann setzt sich der Tross in Bewegung. Das Schneetreiben ist so dicht, dass es zuweilen schwierig ist, die Rücklichter des vorderen Wagens auszumachen. Der Fahrer des Schneepfluges muss über einen Röntgenblick verfügen. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut, als wir losgefahren sind, doch die Fahrt über die Hochebene dauert eine halbe Ewigkeit. Ich verliere jegliches Gefühl, ob wir hinauf- oder hinunterfahren, und zum Schluss übermannt mich eine heftige Müdigkeit, dass ich die Augen kaum offen halten kann. Iðunn nimmt unterwegs ein paar Anrufe entgegen, während ich die Augen einen Moment schließe und zwischen Wachen und Schlafen schwebe. Ich schrecke hoch, als sie laut «Na, also» sagt. Wir haben das Ende der Hochebene erreicht. Unten sind die Lichter von Hveragerði zu sehen, und wir lassen das Schneegestöber hinter uns. Beim Kreisel steht ein zweiter Polizeiwagen mit einer Reihe von Autos hinter sich, der Schneepflug dreht und führt einen neuen Tross wieder zurück über die Hochebene. Wir dagegen fahren durch Hveragerði, und ich betrachte die orangefarbenen Lichter der Treibhäuser mit Wehmut, bevor wir in die große Dunkelheit der flachen Ebene eintauchen.
Ich wundere mich immer wieder, wenn ich nach Selfoss komme, wie sehr der Ort doch einer kleinen Stadt ähnelt. Nur wenige Ortschaften auf dem Land verfügen über eine konstruierte Stadtanlage mit einer breiten Durchfahrtsstraße, von der kleine Wohnstraßen abzweigen, in denen jedes Haus über einen großen Garten verfügt. Wahrscheinlich kann sich die Stadt aufgrund dieser Südlandebene so sehr ausbreiten.
Iðunn unterhält sich mit der Empfangsdame der Polizeiwache, während ich im Eingangsbereich herumlungere und die lebensgroße Wachsfigur eines Polizeibeamten in Sonntagsuniform und alte Fotos vom Alltagsleben der Polizei betrachte. Auf den Schwarz-Weiß-Bildern stehen die Polizeibeamten stolz mit Mütze und gestärkter Uniform, an die ich mich noch aus meiner Kindheit erinnern kann, auf der Treppe vor der Wache. Ihre Arbeit damals unterschied sich wahrscheinlich in vielerlei Hinsicht von dem, womit Iðunn sich heutzutage herumschlagen muss. Sie mussten bestimmt nicht das Schicksal eines Mannes klären, der zu Hause in seinem Wohnzimmer gekreuzigt worden ist.
«Du musst hier warten, weil du nicht bei der Polizei bist», meint Iðunn mit einem ironischen Lächeln.
«Okay.» Ich schaue ihr nach, wie sie in Begleitung eines Polizeibeamten durch die Tür geht, der ihr die alten Protokolle über Bjarni Jóhannes zeigen soll.
Ich schrecke hoch, als Iðunn wider Erwarten schon nach kurzer Zeit mit einer Kopie in der Hand herausgestürmt kommt. Sie hält sie so fest umklammert, dass sie an den Kanten schon ganz zerdrückt ist. Hastig wirft sie mir den Autoschlüssel zu.
«Du fährst!»
Während ich ihr hinterherlaufe, winke und lächle ich der Empfangsdame zu und bedanke mich für den Kaffee im Pappbecher, den sie mir gebracht hat. Iðunn sitzt bereits im Wagen, und ich beeile mich, den Sicherheitsgurt festzuschnallen und den Motor zu starten.
«Was ist los, Iðunn?»
«Bjarni Jóhannes hat das Kind in der Badewanne ertränkt.»
Es dauert einen Moment, bis die Information in mich hineingesickert ist, doch als Iðunn anfängt, verschiedene Telefongespräche zu führen, begreife ich langsam, was das zu bedeuten hat. Sie ruft zuerst Njörður an, berichtet ihm von den Neuigkeiten und ordnet an, dass die Leiche von Bjarni Jóhannes nochmals sehr genau untersucht werden muss, da nicht länger von Unfall oder Selbstmord ausgegangen werden kann. Am Ende des Gesprächs schreit sie beinahe in den Hörer. Sie will alles wissen, egal ob sie an seinem Körper den Einstich einer Spritze, ein Sandkorn oder ein fremdes Haar finden. Anschließend teilt sie einem Vorgesetzten mit, dass ein Profiler eingeflogen werden muss. Nachdem sie offensichtlich eine Zusage bekommen hat, ruft sie Anna an, die Sekretärin der Kriminalabteilung, und bittet sie, die «durchgedrehte Tante» zu kontaktieren und sie so schnell wie möglich herzuholen. In ihrem letzten Gespräch verlangt sie eine Analyse der Proben, die von Egills Freund Aðalsteinn genommen wurden. Sie sollen auf Drogen und Medikamente untersucht werden. Mittlerweile fahren wir erneut an den Treibhäusern von Hveragerði vorbei, und die Hochebene scheint wieder passierbar zu sein, das Schneetreiben hat nachgelassen.
«Glaubst du, dass es ein und derselbe Mörder ist?», frage ich leise und mit brüchiger Stimme.
«Ich habe das starke Gefühl», sagt sie, «dass da etwas Größeres dahintersteckt.»
«Ja, ich auch», antworte ich.
«Ach nein?! Vielleicht entwickelst du dich ja noch zu einer Polizeispürnase und entdeckst ganz neue Fähigkeiten an dir!» Wir lachen kurz auf, doch keiner von uns ist zum Lachen aufgelegt.
«Ich will herausfinden, ob es Gemeinsamkeiten bei der Todesursache gibt», sagt sie ernst, und ich nicke. Wir vereinbaren, dass ich in den nächsten Tagen so viele Meetings wie möglich besuchen und mich noch gezielter umhören werde.
«Ich rufe dich an, sobald ich irgendwelche Resultate habe», sagt Iðunn, als ich vor meinem Haus aus dem Wagen steige.
«Ja, unbedingt», erwidere ich, aber sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern wirbelt mit dem Auto herum und braust davon. Das Wetter in der Stadt ist viel angenehmer als auf der Hochebene, also schnappe ich mir meine Badehose und ein Handtuch und gehe ins Schwimmbad. Es weht ein strenger Wind, doch es schneit nicht mehr, und der Gedanke an das heiße Wasser treibt mich an. Ich sitze lange im Hot Pot, bis ich durch und durch aufgewärmt bin und die Haut an den Fingern zu schrumpeln beginnt. Dann schwimme ich mit schnellen Zügen ein paar Bahnen. Nach und nach stabilisiert sich meine Atmung, und das kühle Wasser bringt mich auf andere Gedanken. Meine Bauchmuskeln entspannen sich. Zum Schluss schwimme ich etwas langsamer und lasse mich erneut dazu verleiten, mich einen kurzen Augenblick in den Hot Pot zu setzen und die Augen zu schließen. Mein Magen fängt an zu knurren, und so verlasse ich gut durchblutet und hungrig wie ein Wolf das Schwimmbad. Doch das Wetter ist so mies, dass ich keinen Abstecher zur Würstchenbude mache. Auf dem Nachhauseweg überlege ich mir, was ich im Kühlschrank habe. In der Wohnung schmeiße ich die Badetasche und die Jacke auf den Boden und steuere direkt auf den Kühlschrank zu. Ich belege eine dicke Scheibe Vollkornbrot mit einer Scheibe Geflügelwurst, Gemüse und Käse und schiebe sie in die Mikrowelle. Dann mische ich mir ein Glas Ananassaft. Ich verschlinge das Essen wie ein ausgehungertes Raubtier und studiere dabei die kleine blaue Tabelle mit den Meetings. Wenn ich mich beeile, könnte ich beide Treffen besuchen, die Jón Ágústs Freund angestrichen hat. Ich nehme ein Paar Jeans von der Wäscheleine, kämme mich und benutze einen Hauch Rasierwasser. Mit schlechtem Gewissen werfe ich einen Blick auf das schmutzige Geschirr in der Küchenspüle. Aber das kann warten.
Ich setze mich so hin, dass ich von dem kleinen Raum im oberen Stock des Versammlungshauses direkt auf den Stadtteich Tjörnin blicken kann. Auf den Tischen stehen Kaffeekannen, und ich nehme mir eine Tasse, da ich ja zwei Meetings hintereinander besuchen will. Mir ist es egal, ob ich danach die ganze Nacht wach liege. Nach dem Besuch im Schwimmbad fühle ich mich immer erfrischt, und es ist herrlich, am Kaffee zu nippen und zu spüren, wie die Hitze sich auch im Magen ausbreitet. Ich bin etwas zu früh, und die Versammlungsgäste trudeln erst langsam ein. Es ist ein Männermeeting, und ich erkenne einige Gesichter wieder. Nicke einigen zu, schlürfe meinen Kaffee und frage mich, ob irgendeiner von den Anwesenden möglicherweise der Mörder ist. Ein Stöhnen und Ächzen von der Treppe her reißt mich aus meinen Gedanken, und bevor der Mann den Saal betritt, weiß ich, wer es ist. Spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht schießt, ich werde den Sitzplatz nicht freigeben, falls er ihn wieder beansprucht, sondern wie angewachsen sitzen bleiben. Es ist offensichtlich, dass er schon häufiger hier war. Er setzt sich mir gegenüber, gleich neben das Rednerpult. Wie letztes Mal gibt der Leiter, nachdem er das Meeting eröffnet hat, das Wort nach links an den Dicken weiter, der erneut eine knappe halbe Stunde redet. Geschickt von ihm, nur zu Meetings zu gehen, bei denen es keine Zeitbeschränkung gibt. Er spricht über sein Leben und wie unglücklich er ist, dass keiner ihn liebe, ihn nicht lieben könne, so wie er sei. Wie er die Alkoholabhängigkeit auf das Essen übertragen habe und aufgrund seiner fehlenden Selbstkontrolle nun der Fresssucht verfallen sei. Und wieder kein Wort darüber, was er unternimmt, um sich vom Alkohol fernzuhalten. Er gibt keinen Ratschlag, was andere tun könnten, und erwähnt nicht, wie er die Schritte für sich nutzt, um eine Besserung seines Zustandes herbeizuführen. Ich spüre, wie mich dieselbe Irritation wie letztes Mal erfasst und immer stärker wird, je länger er spricht. Ich höre ihm nicht mehr zu, betrachte die Gesichter im Saal und überlege mir, ob sich unter ihnen jemand befindet, der anderen etwas Böses antun will. Meinen fettleibigen Freund kann ich ausschließen, da er zu sehr mit sich selber beschäftigt zu sein scheint und es niemals schaffen würde, ein schweres Kreuz mit einem Mann hochzustemmen. Einige Männer sind kräftig. Während ich sie mustere, nehmen meine Gedanken plötzlich eine andere Richtung, werden immer unangenehmer. Wer von ihnen könnte zum Opfer dieses boshaften Menschen werden? Nur noch ein paar Leute haben Gelegenheit, kurz etwas über sich und ihre Probleme zu erzählen, dann ist das Meeting zu Ende, lange bevor ich an die Reihe gekommen wäre. Ich bin froh darüber, denn nachdem mir klargeworden ist, dass alle bei diesem Treffen potenzielle Opfer sind, halte ich es für sicherer, mich möglichst unauffällig zu verhalten.