Drittes Kapitel Fürsorge
Nach unserer heutigen Entdeckung fällt es mir schwer, das Unbehagen abzuschütteln. Jedes Mal, wenn ich daran denke, dass jemand sich einen Spaß daraus gemacht hat, die Gemälde in Jón Ágústs Wohnung neu anzuordnen, überkommt mich ein Schaudern. War der Mörder ins Haus eingedrungen und hatte die «Inszenierung» bereits vorbereitet, als Jón Ágúst nach Hause kam? Oder hat er den Mörder gekannt und hereingelassen? Hat ihn die Neuanordnung der Bilder amüsiert, nachdem er Jón Ágúst gekreuzigt hatte? Der Gedanke, dass ein Mensch unter Qualen am Kreuz hängt, während jemand mit Hammer und Nägeln herumfuhrwerkt, ist beinahe zu unerträglich, um real zu sein. Ich überlege immer wieder, ob der Mörder das alles allein bewerkstelligt hat. Das Holzkreuz scheint schwer zu sein, und wenn ein Mann daran befestigt ist, ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, es an der Wand aufzustellen. Vielleicht waren auch zwei oder mehr daran beteiligt, doch die Vorstellung ist noch unwirklicher, dass zwei Menschen einmütig eine solch furchtbare Tat begehen. Es scheint logischer, von einem einzelnen geisteskranken Täter auszugehen. Meine Gedanken drehen sich immerzu im Kreis, ich muss etwas unternehmen, um sie im Zaum zu halten. Das Kribbeln in den Beinen signalisiert mir, dass Bewegung mir guttun würde. Ich packe Badehose und Handtuch ein und marschiere über den Hügel ins Sundhöll-Schwimmbad. Ich bin immer gern schwimmen gegangen, doch seitdem sind mehr als zwei Jahre vergangen. Lange Zeit bin ich immer sonntags ins Schwimmbad gegangen, als sich der Wille zur Besserung nach einem durchzechten Wochenende meldete und ich meinem Körper etwas Gutes tun wollte. In der Dusche beruhigen sich meine Gedanken bereits, und als ich in das Becken gleite, bin ich ziemlich entspannt und schwimme zehn Bahnen, ohne auch nur ein einziges Mal an den gekreuzigten Mann zu denken. Dann setze ich mich mit halbgeschlossenen Augen in den Hot Pot, genieße die Entspannung und spüre, wie die Hitze des Wassers langsam in meine Muskeln und bis in meine Knochen dringt. Es liegt dichter Dampf über dem heißen Wasser in der frostigen Luft, sodass die anderen Leute im Pot zum Teil nicht mehr zu erkennen sind. Ich höre Gemurmel über Politik, die Wirtschaftslage und das Wetter. Nach dem Schwimmbadbesuch bin ich hungrig wie ein Wolf. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und steuere direkt auf die Würstchenbude vor dem Sundhöll-Schwimmbad zu. Während ich in der frostigen Kälte ein dampfend heißes Würstchen verdrücke, überkommt mich ein unbekanntes wonniges Wohlbefinden. Das ist zweifelsohne die natürliche Wirkung der Endorphine, die dem Arzt in Vogur zufolge im ersten Jahr nach dem Verzicht auf den Konsum von Rauschmitteln nach und nach einsetzt. Als ich zu Hause ankomme, klingelt mein Handy, es ist Iðunn.
«Ich habe Atli Eyjólfsson, den Elektriker, ausfindig gemacht und werde ihm morgen früh einen Besuch abstatten. Kommst du mit?»
«Selbstverständlich», sage ich. «Aber hast du denn niemand, der dich bei solchen Verhören begleitet?»
«Ich habe eine ganze Ermittlungstruppe. Aber ich leite sie, und ich will dich bei dieser Vernehmung dabeihaben. Du hast gehört, was Árni über diesen Typen gesagt hat, und kannst somit seine Aussage besser einschätzen.»
«Okay», sage ich, während in meinem Kopf noch immer die Wunschvorstellung dominiert, dass Iðunn eigentlich mehr Zeit mit mir verbringen will.
Ich staubsauge den Eingang, die Küche und das Wohnzimmer. Ich mag es, wenn die Wohnung sauber ist, jetzt, wo Iðunn ab und zu vorbeikommt. Dann nehme ich die Bücher aus einer Kiste, stelle sie ordentlich ins Regal und gehe in die Küche, um mich um das Abendessen zu kümmern. Mein Magen hat das Würstchen bereits verdaut und fordert mehr Nahrung, sodass ich mir ein schnelles Gericht zubereite. Ich schmeiße Nudeln in einen Topf, und während sie kochen, brate ich Geflügelwürstchen zusammen mit Zwiebeln und Peperoni in der Pfanne an und vermenge alles mit einem großzügigen Schuss thailändischer Chilisauce. Ich gieße mir ein großes Glas Ananassaft ein und setze mich mit dem Essen vor den Fernseher. In den Nachrichten wird über die Mordermittlungen berichtet und immer wieder Jón Ágústs Haus gezeigt, umgeben von gelbem Absperrband und mit einer Polizeiwache davor. Dann taucht Iðunns Gesicht auf dem Bildschirm auf, und sie sagt, dass die Polizei aktuellen Hinweisen nachgehe, dass aber noch keine Aussagen dazu gemacht werden können. In diesem Moment wird mir klar, dass die Formulierung «dass sie aktuellen Hinweisen nachgehe» so viel bedeutet, wie dass die Polizei keinen blassen Schimmer hat. Iðunn tut mir plötzlich leid. Sie hat seit Jahren auf diese Chance gewartet, ein großes Verbrechen aufzuklären, und jetzt ist es endlich so weit, und es geschieht genau das: keine Zeugen, keine Spuren, keine Fingerabdrücke, keine brauchbaren Hinweise. Ich greife zum Handy und wähle ihre Nummer.
«Ja.»
«Ich hab dich im Fernsehen gesehen», eröffne ich das Gespräch und warte darauf, dass sie zu erkennen gibt, wie sie sich fühlt.
«Ja, das ist die tägliche Berichterstattung über nichts.» Sie klingt genervt.
«Falls du kommen und reden willst, ich bin zu Hause», sage ich und bereue es sofort, als ihre Antwort auf sich warten lässt.
«Danke, Magni, aber mit mir ist schon alles in Ordnung. Das ist einfach Teil des Jobs. Manchmal geht es besser, manchmal schlechter.»
«Gut», erwidere ich und bin froh, dass sie nicht sehen kann, wie ich rot werde.
«Bis morgen dann», verabschiedet sie sich und legt auf.
Ich bin so wütend auf mich, dass ich am liebsten den Kopf gegen die Wand schlagen würde. Habe ich wirklich geglaubt, dass sie angerannt kommen würde, damit ich sie tröste, wir zusammen im Bett landen und beschließen, gemeinsam ein neues Leben zu beginnen? In Gedanken beschimpfe ich mich wüst und möchte am liebsten im Boden versinken vor Scham. Ich nehme den blauen Versammlungskalender von Jón Ágúst und schaue nach, welche Meetings er donnerstags besucht hat. Ein Gay-Meeting am Laugavegur ist angestrichen, ich hole tief Luft und ziehe meine Jacke an.
Entgegen meiner Erwartung sind bei diesem Meeting nicht nur Männer, sondern auch Frauen anwesend. Ich weiß nicht, wie ich meine Anwesenheit erklären soll. Deshalb bin ich froh, dass das Meeting gerade beginnt. Ich setze mich zur Rechten des Meetingleiters und hoffe, dass ich als letzter Redner an der Reihe bin und die Versammlung vielleicht bis dahin vorbei ist. Ich könnte einfach nur dasitzen und zuhören. Die einleitenden Worte haben eine beruhigende Wirkung auf mich. Das unbeholfene Gespräch mit Iðunn erscheint mir nicht mehr ganz so idiotisch, und es ist mir auch nicht mehr so unangenehm, hier zu sein. Der Vorsitzende spricht über den dritten Schritt, mit dem er gerade zu kämpfen hat: seinen Willen und sein Leben in die Fürsorge Gottes zu übergeben. Nachdem er seine kurze Rede abgeschlossen hat, dreht er sich nach rechts. Ich soll mich als Erster äußern. Dabei war ich mir so sicher, dass er die andere Richtung wählen würde, und bin gänzlich unvorbereitet. Mit halboffenem Mund sitze ich da und stammle etwas vor mich hin. Ich kann nicht sagen, dass ich im Auftrag der Polizei hier bin, und murmle, dass ich frisch aus dem Entzug komme und verschiedene Meetings ausprobiere in der Hoffnung, dass ich auch als Heterosexueller hier willkommen bin.
Die anderen lächeln mir freundlich und aufmunternd zu, und ich spreche darüber, wie ich nach dem Entzug Lust auf Alkohol verspürte und wie ich damit umgegangen bin. Ich bin froh, dass ich mich aufrichtig äußern kann. Damit erfüllt das Meeting seinen Zweck und lässt meine eigentliche Aufgabe, die Teilnehmer zu bespitzeln, in den Hintergrund treten. Nach mir spricht ein blutjunges Mädchen über das Elend des Drogenkonsums, wie sie sich auf der Straße herumgetrieben hat, nachdem ihre Familie sie rausgeschmissen hatte, und wie dankbar sie ist, dem Teufelskreis entkommen zu sein. Sie ist kaum älter als siebzehn, achtzehn, also muss sie sehr jung gewesen sein, als sie mit Alkohol und Drogen in Kontakt kam. Neben ihr sitzt ein älterer Herr. Er ist elegant gekleidet, vielleicht etwas zu elegant für einen Donnerstag, und der Duft seines Rasierwassers erfüllt den Raum. Er hat den Entschluss gefasst, mit dem Trinken aufzuhören, als er das erste Mal an der Seite eines Mannes erwacht ist. Er hat wohl Glück gehabt; Iðunn all die Jahre in meinen Armen zu halten hat bei mir nicht ausgereicht, das Trinken aufzugeben. Anschließend übernimmt eine dunkelhaarige Frau das Wort, die ich auf circa vierzig schätze. Ich bin froh, dass sie endlich an die Reihe kommt, da es schwierig ist, sie nicht anzustarren. Sie ist einer der wenigen Menschen, die wirklich schön sind. Nicht niedlich oder hübsch, sondern schön, sodass einen Bewunderung und das Bedürfnis überkommt, sie anzugaffen. Ich kenne sie aus den Medien. Sie ist die Kuratorin des großen Kunstmuseums in Reykjavík und die Erbin einer der reichsten Familien des Landes. Ich hatte keine Ahnung, dass sie lesbisch ist. Sie spricht über ihre Arbeit und wie froh sie ist, dass sie vor einigen Jahren mit dem Trinken aufgehört hat. Nun kann sie alle schwierigen Aufgaben im Job viel besser bewerkstelligen, weil sie sich auf sich selbst verlassen kann und die richtigen Entscheidungen trifft. Ich betrachte ihr dunkles, lockiges Haar, während sie spricht, was mich an jemand anderen mit dunklem Haar denken lässt, das meine Finger nur zu gut kennen, und ich beginne mich wieder zu schämen, dass ich mich Iðunn gegenüber so danebenbenommen habe. Da beginnt die schöne Frau über den Glauben zu reden, was meine Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurückbefördert. Wie schmerzlich die Ablehnung der Kirche sie getroffen habe. Um den Segen der Kirche zu erhalten und Gott gefällig zu sein, dachte sie, müsse sie zugeben, dass ihre Gefühle sündig seien. Aber sie könne nicht mit der Sichtweise leben, dass das Beste und Schönste, was sie in ihrem Herzen trage – Liebe und Zuneigung einem anderen Menschen gegenüber –, eine Sünde sei. Ich höre zum ersten Mal, dass jemand durch die Ablehnung der Institution verletzt worden ist, und ich überlege mir, wie Jón Ágústs Verhältnis zur Kirche aufgrund dieser Ablehnung gewesen sein mag. Nach der schönen Frau ergreift ein junger Mann das Wort. Er ist ein stämmiger Kerl mit stierartigem Hals, in abgewetzter Jeans und mit rasiertem Schädel.
«Gott hasst Schwuchteln», sagt er. «Darum hasse ich Gott und die Kirche und diesen ganzen Scheiß. Ich betrachte die Meetings als meine höhere Macht.» Diese Worte bohren sich tief in mein Gedächtnis, sodass ich kaum mitkriege, was danach noch gesagt wird. Ich verlasse das Meeting mit der Gewissheit, dass die Kreuzigung irgendeine symbolische Bedeutung haben muss und sie in Verbindung mit Jón Ágústs Homosexualität steht. Auf dem Nachhauseweg lasse ich den Gedanken freien Lauf und gehe verschiedene Möglichkeiten durch. Ein gekreuzigter Schwuler. Bedeutet das, dass er ein zeitgenössischer Märtyrer ist? Ein Vertreter derer, die gegenüber den modernen religiösen Mächten ihren Unmut kundgetan haben? Oder ist die Kreuzigung der Ausdruck eines Extremisten, der Homosexuelle ablehnt? Ich beschließe, mir beim Videoverleih einen Film zu borgen, damit ich vor dem Zubettgehen noch an etwas anderes denken kann.
Iðunn weckt mich, als sie am nächsten Morgen bei mir an der Tür klingelt. Ich habe wie ein Stein geschlafen und mich beim Klingeln des Weckers eine Stunde zuvor nicht gerührt. Ich gehe zerzaust und unrasiert zur Tür und fühle mich, als ob ich Sand in den Augen hätte, sodass ich sie kaum offen halten kann. Iðunn beugt sich vor und gibt mir einen Kuss auf die Wange, und ich spüre, wie sie in dem Moment, in dem sie mich küsst, an mir schnuppert. Ich weiß, was das zu bedeuten hat.
«Ich bin immer noch nüchtern», sage ich, und obwohl ich ihr Misstrauen verstehe, verletzt es mich ein wenig. Sie antwortet nicht, lässt aber einen Moment lang den Kopf hängen.
«Hast du Tee?», fragt sie und steuert auf die Küche zu.
«Ja, koch du Tee und Kaffee, während ich mich anziehe», sage ich und reiche ihr Espressokanne und Teepackung.
«Du siehst so niedlich aus in diesem Schlafanzug», sagt sie lächelnd, als ich die Küche verlasse. Mein Gesicht wird heiß und mein Herz pocht, während ich mich anziehe. Wie ein Teenager kann ich mich nicht entscheiden, welches Hemd ich zur Jeans tragen soll. In Windeseile rasiere ich mich, putze mir die Zähne, mache meine Haare nass und kämme sie. Zudem trage ich ein bisschen Rasierwasser auf. Der Duft steigt mir einen Augenblick zu Kopf, und ein mächtiges Verlangen nach Alkohol überkommt mich, das aber sogleich wieder verschwindet.
«Bitte schön, mein Herr», sagt Iðunn und reicht mir eine Tasse duftenden starken Kaffee.
«Hast du schon gefrühstückt?», frage ich und hole Zimtschnecken und Brot aus dem Schrank.
«Ja», sagt sie. «Seit wann frühstückst du denn?»
«Seit dem Entzug», antworte ich und stopfe eine ganze Schnecke in mich hinein. Kauend bestreiche ich mir zwei Scheiben Brot mit Butter und lege eine Scheibe Käse dazwischen. Iðunn schaut mich befremdet an, als ob sie nicht glauben kann, dass ich über neue Eigenschaften verfüge und ein anderes Benehmen an den Tag lege.
«Wir werden bei Atli Eyjólfsson auf der Arbeit vorbeischauen», sagt sie. «Er verlegt im Moment die Elektrik in einem Block im Smári-Viertel.»
«Weiß er, dass wir kommen?»
«Nein. Ich halte es für besser, wenn er keine Zeit hat, sich darauf vorzubereiten.»
Während der Fahrt schweigen wir und lauschen dem Quietschen der abgenutzten Scheibenwischer, die sich mit dem Schnee abmühen. Der herumwirbelnde gefriergetrocknete Pulverschnee bleibt an der warmen Windschutzscheibe kleben. Ich betrachte dann und wann Iðunns Gesichtsausdruck und wünsche mir, ich könnte ihre Gedanken lesen. Zumindest die Gedanken, die mich betreffen. Was meint sie damit, dass ich in diesem Schlafanzug niedlich aussehe? Gibt sie mir zu verstehen, dass sie immer noch Gefühle für mich hat, oder ist es ihr in einem nostalgischen Anflug einfach herausgerutscht? Das kenne ich nur zu gut, alte Erinnerungen werden bei mir allein schon dadurch heraufbeschworen, dass ich mit ihr zusammen bin, und ich vermisse es sehr, sie zu berühren, sie in den Arm zu nehmen und ihren warmen Körper zu spüren.
Oberhalb vom Smári-Viertel steigen wir in einem fast fertiggestellten Wohnblock über Elektrorohre und Farbeimer. Ein polnischer Handwerker schickt uns durch den Flur in den zweiten Stock hinauf. Atli arbeitet in der Wohnung 2 b. Im Haus hängt ein starker Geruch von Farbe und Leim, vermischt mit dem feuchten Geruch von frischem Beton. Wir gehen die Treppe hinauf, wenden uns allerdings in die falsche Richtung, und ein weiterer Pole zeigt uns den richtigen Weg. Die Wohnung 2 b verfügt wie die anderen Wohnungen über keine Tür, also treten wir einfach ein. Auf dem Boden des Wohnzimmers kniet ein Mann im Blaumann und müht sich mit einer Steckdose ab. Er dreht uns den Rücken zu, als wir eintreten, und hört uns nicht wegen der lauten Musik im Radio. Iðunn ruft:
«Bist du Atli Eyjólfsson?» Er dreht sich um und steht auf. Ich erkenne den stierartigen Hals und den rasierten Schädel.
«Sind wir uns nicht gestern beim Meeting begegnet?», fragt er.
«Doch, das stimmt», bestätige ich. Iðunn holt ihren Dienstausweis hervor und hält ihn ihm unter die Nase.
«Wir müssen mit dir reden», sagt sie in einem autoritären Tonfall.
«Worüber?», fragt Atli und schaut uns abwechselnd misstrauisch an.
«Über Jón Ágúst Karlsson.» Iðunn starrt Atli konzentriert an, um seine Reaktion zu erkennen.
«Fuck!» Er dreht sich um und starrt einen Augenblick zu Boden. «Am besten treffen wir uns im Café in Smári. Ich will auf keinen Fall mit der Polizei hier gesehen werden, also geht ihr vielleicht besser voraus.» Ich habe das Gefühl, dass sein Blick mich durchbohrt.
«Selbstverständlich», sagt Iðunn, stößt mich an, und wir machen uns auf den Weg.
«Wird er nicht abhauen?», flüstere ich Iðunn zu. Ich spüre immer noch seinen unfreundlichen Blick im Rücken.
«Das wäre ein Hinweis, dass er etwas zu verbergen hat», meint Iðunn vollkommen gelassen. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie es spannend fände, wenn er abhauen würde.
«Ich habe ihn gestern bei einem Meeting getroffen», sage ich. «Ich wusste natürlich nicht, dass er es ist.»
«Was war das für ein Meeting?», fragt sie.
«Ein Schwulen-Meeting», antworte ich und amüsiere mich über Iðunns verwunderten Gesichtsausdruck. Jetzt ist es mir erneut gelungen, sie zu überraschen.
«Du bist also ins kalte Wasser gesprungen!», ruft sie anerkennend. «Irgendwie habe ich vermutet, dass du die Meetings hinausschiebst, bis der Fall gelöst ist.»
«Ich habe dir gesagt, dass ich mich verändert habe», erwidere ich selbstzufrieden. «Ich werde Dinge nicht mehr aufschieben und arbeitsscheu sein.»
«Soso. Dann hat es sich ja gelohnt, denn jetzt wissen wir, dass die beiden an denselben Meetings teilgenommen haben.»
«Ja», sage ich und überlege mir, ob ich die Vertraulichkeit des Meetings missbraucht habe, und die Erinnerung an den gekreuzigten Mann an der Wand verblasst bei dieser Überlegung. Im Café bestellen wir etwas zu trinken, Iðunn entscheidet sich für eine Cola, ich nehme einen starken doppelten Espresso und schaufle eine Unmenge Zucker hinein. Es ist, als ob alle Genüsse, die vorher im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum unwichtig waren, nun ein verstärktes Wohlbefinden hervorrufen, und ich freue mich auf den Kaffee.
«Was wollt ihr wissen?», fragt Atli, als er sich hinsetzt. Zuvor hat er sich aus einer großen silbrigen Kaffeekanne bedient, die anscheinend extra für die Handwerker im Viertel bereitsteht. Er trägt noch immer den Blaumann, aus der Brusttasche lugen Schraubenzieher und Zangen heraus. Er hat leicht Zugang zu Werkzeug und weiß genau, wie man ein riesiges und schweres Kreuz an der Wand befestigen muss.
«Wie gut hast du Jón Ágúst gekannt?», fragt Iðunn.
«Stehe ich etwa unter Verdacht, oder was?» Er ist nervös. «Ich wusste bis vor zwei Tagen nicht mal, dass er ermordet worden ist.»
«Nein, nein, wir reden einfach mit allen, die unserer Meinung nach vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringen können, und dein Name ist in dem Zusammenhang aufgetaucht, du sollst ein Auge auf ihn geworfen haben», erklärt Iðunn ruhig.
«Hast du mich gestern etwa ausspioniert?» Er sieht mich mit argwöhnischem Blick an.
«Nein, das war eigentlich purer Zufall», antworte ich. «Ich habe gerade den Entzug hinter mir, wollte einfach zu einem Meeting und wusste nicht, dass du Atli bist.» Er schaut mich einen Moment misstrauisch an, scheint sich dann aber etwas zu entspannen und kommt aus der Defensive.
«Ich fand Jón Ágúst schon prima. Ein flotter Kerl, für sein Alter gut gebaut und alles, aber es lief nichts zwischen uns.»
«Aber du hättest es dir gewünscht?», fragt Iðunn bestimmt.
«Ja, klar, und er auch, doch er hat es sicher nicht gewagt wegen seinem unverschämten Freund.»
«Wie, unverschämt?», fragt Iðunn.
«Ach, der schwirrte immer um ihn herum. Ich hatte das Gefühl, dass Jón Águst seinetwegen keine Luft bekam. Wenn du mich fragst, dann hat er es getan.»
«Er hat ein Alibi», antwortet Iðunn. «Kannst du mir bitte erklären, was du vorletztes Wochenende gemacht hast?»
«Dann stehe ich also unter Verdacht?» Er ist wieder nervös geworden.
«Nein, nein», meint Iðunn, immer noch ruhig. «Es ist einfach von Vorteil, so viele wie möglich ausschließen zu können. Aber selbstverständlich überprüfen wir solche wie dich, die wegen eines Gewaltvergehens vorbestraft sind.»
Er schaut einen Moment schweigsam vor sich hin, während er heftig durch die Nase atmet. Seine Fäuste sind weiß, weil er die Kaffeetasse fest umklammert hält, und es bereitet mir Unbehagen, dass Iðunn ihm genau gegenübersitzt. Seine Anspannung ist so stark, dass es den Anschein hat, als würde er jeden Augenblick in die Luft gehen. Aber trotz seiner Heftigkeit klingt seine Stimme sanfter und leiser als zuvor.
«Also. Das mit der Gewalt. Das war früher, bevor ich mein Coming-out hatte. Damals war ich ständig wütend und zugedröhnt. Und den Typen, den ich geschlagen habe – ich wollte ihn, doch ich habe mich vor Schwulen geekelt und hatte das Gefühl, dass er der lebende Beweis für mein Schwulsein war, er wusste, dass ich ihn wollte. Ich weiß nicht, ob ihr das versteht. Auf alle Fälle bin ich heute ein anderer Mensch. Ich nehme keine Drogen und saufe nicht mehr, ich bekam psychologische Betreuung im Gefängnis, und nun bin ich glücklich darüber, schwul zu sein. Ich habe seit Jahren keinen mehr geschlagen, und ich hätte Jón Ágúst niemals getötet, ich mochte ihn doch. Warum hätte ich ihn töten sollen?»
Aus Selbsthass. Um dich an seinem Freund zu rächen. Um deine Überlegenheit deutlich zu machen. Um eine gewisse Spannung aus deinem bulligen Körper abzulassen. Weil er dich nicht wollte. Ich sammle in Gedanken unzählige Gründe, während Iðunn sich notiert, was Atli an dem entsprechenden Wochenende gemacht hat. Am Freitagabend hat er mit seinen Kumpels ferngesehen, am Samstag bis sechs gearbeitet. Danach hat er zwei Verwandte zum Essen getroffen und war anschließend mit ihnen im Kino. Um Mitternacht hat er sie nach Hause gebracht und ist dann selbst nach Hause gefahren und hat sich schlafen gelegt, sein Mitbewohner kann das bezeugen. Am Sonntag ist er um die Mittagszeit aufgestanden, hat den ganzen Nachmittag Playstation gespielt und ist dann zum Cruisen zum Öskjuhlíð-Hügel gefahren, was nur ein unbekannter Mann in einem hellbraunen Kombi bezeugen kann. Anschließend war er bei seiner Mutter zum Sonntagsbraten eingeladen.
«Vielen Dank, dass du mit uns geredet hast», sagt Iðunn und gibt Atli zum Abschied die Hand. Ich reiche ihm ebenfalls die Hand, die er heftig schüttelt. Ich möchte diese große Faust nicht ins Gesicht bekommen. Iðunn schweigt auf dem Weg zum Wagen, als ob sie das Gespräch gedanklich erst verarbeiten muss. Auch ich schweige und lasse sie in Frieden nachdenken, aber in mir herrscht eine seltsame Unruhe.
«Tja, was denkst du?», fragt sie, als wir im Auto sitzen.
«Ich habe ihm gegenüber ein ungutes Gefühl, ohne dass ich es begründen kann», antworte ich. Der Satz von Atli gestern beim Meeting hallt in meinem Kopf wider: «Gott hasst Schwuchteln.»
Zu Hause überkommt mich ein heftiges Verlangen nach etwas Süßem, und nichts im Kühlschrank kann es befriedigen. Ständig scheint der Körper nach Zucker zu lechzen. Wahrscheinlich hat er sich daran gewöhnt, so viel Energie aus dem Alkohol zu ziehen. Ich nehme erneut meine Jacke und gehe eilig zur Bäckerei auf dem Laugavegur. Sie ist um ein Café erweitert worden, seit ich das letzte Mal da gewesen bin. Deswegen werde ich mir etwas Süßes kaufen und es vor Ort zusammen mit einem frischen Kaffee genießen. Ich bestelle einen Donut und ein Plunderstückchen und esse beides, bevor der Kaffee kommt, nehme dann noch eine Schokoschnecke zum Kaffee.
«Ach, hallo!», sagt eine Frauenstimme neben mir. Während ich mir die Schokoladenglasur aus den Mundwinkeln wische, erkenne ich das Mädchen, das ich am Tag meiner Entlassung aus dem Entzug auf dem Meeting gesehen habe.
«Hallo, Fríða», antworte ich und gebe ihr die Hand.
«Du erinnerst dich an meinen Namen», stellt sie zufrieden fest.
«Darf ich dich zu einem Kaffee oder etwas anderem einladen?» Ich zeige auf die Auswahl in der erleuchteten Kuchentheke.
«Ich habe mir schon einen Kaffee bestellt, vielen Dank. Und zum Glück habe ich diese Phase hinter mir», sagt sie und deutet zur Theke hin.
«Ja, ich habe mir eben überlegt, ob das wohl noch schlimme Ausmaße annehmen wird», sage ich, «es ist, als bekäme ich nie genug zu essen, ausgerechnet ich, der ich seit vielen Jahren kein Gebäck mehr gegessen habe!»
«Wenn du jeden Tag getrunken hast, musst du viel essen, damit der Körper dieselbe Energiemenge wie mit dem Alkohol bekommt», erklärt sie. «Doch der Körper stellt sich allmählich um. Hoffentlich, bevor du zu dick wirst.» Es liegt ein neckischer Ausdruck auf ihrem Gesicht, und wenn sie lächelt, werden die Augen noch schräger. Sie hat ein Grübchen in einer Wange, das ihr etwas Kindliches verleiht. Ich kann nicht schätzen, wie alt sie ist. So zwischen zwanzig und dreißig. «Hast du schon andere Meetings ausprobiert?», fragt sie.
«Ja.» Ich verspüre keine besondere Lust, ihr von dem Gay-Meeting zu erzählen, und so lenke ich das Gespräch in eine andere Richtung: «Kannst du ein Meeting speziell empfehlen?»
«Alle Meetings sind gut, aber mein Lieblingstreffen findet in der Hverfisgata bei der gläubigen Gruppe statt. Das solltest du mal ausprobieren.»
«Ja, ich war mit meinem Bruder bei einem solchen Meeting, «das war sehr angenehm.»
«Ja genau, ich habe Egill dort schon öfters getroffen!»
«Ist diese Gruppe gläubiger als andere?», frage ich.
«Ja, da herrscht irgendwie so eine Art Pfingstgemeinden-Stimmung, und weißt du, der Leiter, der Pfarrer, sagt, dass der Glaube die eigentliche Basis für die Genesung ist. Das kommt aus Amerika, wenn ich es recht verstanden habe», sagt sie und nimmt ihren Kaffee entgegen, den die Bedienung ihr in einem Pappbecher bringt.
«Es war schön, dich zu treffen.» Sie lächelt.
«Gleichfalls», sage ich, «wir sehen uns vielleicht mal bei einem Meeting.»
«Ganz bestimmt!», ruft sie von der Tür her und winkt mir zu.
Als ich mit meinem Vorrat aus der Bäckerei nach Hause komme, rufe ich Iðunn an.
«Ich habe mit dem zuständigen Polizisten geredet, der damals die Ermittlungen in Atlis Fall geleitet hat», sagt sie. Ich höre ihr an, dass da mehr dahintersteckt.
«Und was hat er gesagt?»
«Typisches Gay-Bashing. Sie waren in einem Club und gingen zusammen nach Hause, doch dann wollte Atli nicht, flippte aus und hat voll zugeschlagen.»
«Das hat er uns auch erzählt.»
«Ja. Der Polizist, mit dem ich geredet habe, war wirklich geschockt, als er zum Tatort kam. Atli ist offensichtlich vollkommen ausgerastet. Das Opfer wurde zwei Wochen lang im künstlichen Koma gehalten wegen einer Hirnhautschwellung, er hatte einen gebrochenen Backenknochen, gebrochene Arme und viele Schnittwunden wegen einer Lampe, die Atli ihm auf den Kopf geschlagen hat, und er war wegen der Fußtritte am ganzen Körper mit blauen Flecken übersät.»
«Er wollte den Macker markieren», sage ich. «Berauscht von seiner eigenen Wut, hat er seinen Schmerz betäubt.»
«Ja.» Iðunn schweigt.
«Was ist los?»
«Es gibt da noch etwas, das mich stört», sagt sie zögernd.
«Was denn?»
«Der Mann war Pfarrer.»
«Was?», rufe ich wie ein Idiot.
«Der Mann, den Atli verprügelt hat, war Pfarrer.»
Der Satz «Gott hasst Schwuchteln» geistert noch immer in meinen Gedanken herum, das kann kein Zufall sein.
«Das mit dem Glauben scheint also wichtig zu sein», sage ich. «Ich wollte ohnehin mit einem Pfarrer über die Kreuzigung und ihre Bedeutung reden. Soll ich nicht einfach diesen Pfarrer befragen?»
«Ich werde herausfinden, wie er heißt und wo er wohnt», antwortet Iðunn, und wir verabschieden uns.
Ich muss mich offensichtlich seit neuestem nachmittags hinlegen, denn ab drei Uhr surrt es in meinen Ohren vor Müdigkeit. Ich lege mich ins Bett und erwache eine Stunde später mit Kopfschmerzen. Im Bad durchsuche ich den Schrank nach Schmerztabletten und finde nichts außer Parkotin. Laut dem Arzt darf ich das nicht nehmen, sondern nur Schmerzmittel, die kein Morphin oder Kodein enthalten. Ich muss daran denken, Ibuprofen und Paracetamol zu kaufen, wenn ich das nächste Mal in die Apotheke gehe. Vielleicht helfen mir ja eine Dusche und eine Tasse Kaffee. Unter der heißen Dusche versuche ich, nicht an den Mordfall, sondern an mein eigenes Seelenheil und meine Genesung zu denken. Den Kaffee trinke ich im Bademantel und schaue nach, wann das nächste Meeting bei der gläubigen Gruppe stattfindet, heute Abend um neun. Die Kartoffeln kochen, während ich mich anziehe. Als sie fertig sind, vermenge ich sie mit einer kleingehackten Zwiebel und Ei, salze großzügig und brate alles zusammen in der Pfanne. Ich gebe Knoblauchsauce dazu, tröpfle etwas Öl darüber und dekoriere die Tortilla mit Salatblättern. Während ich esse, schaue ich mir die Nachrichten an und fühle mich erleichtert, dass nichts über den Mordfall kommt. Wahrscheinlich klingt das Interesse der Medien langsam ab.
Die Dusche, der Kaffee und die Mahlzeit scheinen einen Einfluss auf die Kopfschmerzen zu haben, denn sie haben deutlich nachgelassen, als ich mit vollem Magen die Hverfisgata hinuntergehe. Es hat erneut getaut, sodass die Straßen nicht mehr vereist sind, und der feuchte Wind ist erträglicher als der beißende Frost der letzten Tage. Es ist angenehm, in den warmen Versammlungssaal einzutreten. Es sind heute Abend weniger Leute da als letztes Mal. Unter den anwesenden Frauen entdecke ich Fríða, die etwas weiter vorne im Saal auf einem Klappstuhl sitzt.
«Ich habe beschlossen, die Herausforderung anzunehmen und mehr Meetings auszuprobieren», sage ich und setze mich zu ihr.
«Schön, dich zu sehen», begrüßt sie mich lächelnd. Mein Blick bleibt auf dem Grübchen in ihrer Wange haften, worauf ein Verlangen meinen Körper durchströmt, am liebsten würde ich ihr die Wange streicheln. Wie sich das Grübchen wohl anfühlt? Das Gefühl dauert nur kurz, genauso lang wie ein elektrischer Impuls, und vergeht noch schneller als das Verlangen nach Alkohol.
Wir können uns nicht weiterunterhalten, da das Meeting beginnt. Der Ablauf ist ähnlich wie letztes Mal. Anscheinend spielt der Rahmen eine größere Rolle als bei anderen Gruppen, und es wird mehr über Gott gesprochen. Ich verspüre einen leichten Widerstand gegen dieses religiöse Gerede, gleichzeitig aber auch Neid, da ich gerne selber an ein höheres Wesen glauben würde, das mich bedingungslos liebt.
«Noch einmal willkommen», meint Geir, der Pfarrer genannt wird, und schüttelt mir fest die Hand.
«Besten Dank», sage ich. «Es tut gut, hier zu sein. Ich wusste nicht, dass du teilnimmst, ich dachte, du bist der Leiter.»
«Hier finden jeden Tag drei bis vier Meetings statt, ich kann sie nicht alle leiten und immer reden», sagt er und lächelt. «Ich saß hinter dir.»
«Ich wollte nämlich mit dir sprechen.» Ich trete zur Seite, da Leute sich mit Stühlen und Tischen an mir vorbeidrängen.
«Ja, lass uns irgendwann mal einen Kaffee trinken», schlägt er vor und lächelt mehreren Leuten auf der anderen Seite des Saales zu.
«Mir fehlt nämlich eine Vertrauensperson und alle, die heute Abend hier geredet haben, empfehlen, sich möglichst bald einen Betreuer zu suchen.»
«Richtig.» Er schenkt mir erneut seine Aufmerksamkeit. «Sollen wir dann nicht gleich Kaffee zusammen trinken?»
«Aber gern», erwidere ich und winke Fríða zu, die mit einer Gruppe von Leuten gerade den Saal verlässt.
Geir schaufelt drei Löffel Zucker in seinen Kaffee, ich sitze ihm gegenüber und tue es ihm nach. Wir haben in dem kleinen Café an einem winzigen Tisch am Fenster Platz genommen. Es ist eines dieser Lokale, die in Reykjavík entstehen und wieder verschwinden; das untere Stockwerk eines schmalen Hauses, das zwischen zwei höhere Gebäude gequetscht zu sein scheint, sodass das Café von der Straße aus eng und schmal wirkt. Hinten endet es jedoch in einem riesigen Garten, in dem man im Sommer sicher sehr nett sitzen kann. Die Wände sind dunkelbraun gestrichen, und die rote Einrichtung macht einen gemütlichen Eindruck.
«Möchtest du, dass ich dein Vertrauensmann werde?», kommt Geir direkt zur Sache, und ich bin ihm dankbar dafür, da es mir manchmal schwerfällt, die Leute um etwas zu bitten.
«Ja», antworte ich. «Ich wäre dir sehr dankbar dafür.»
«Diese Aufgabe übernehme ich gern, aber du musst dir über die Seriosität der Beziehung im Klaren sein.» Er schaut mich ernst an, und ich werde etwas verlegen, da ich nicht genau verstehe, was er meint.
«Das heißt?», sage ich und hoffe auf eine Erklärung.
«Im dritten Schritt heißt es: Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen. Das bedeutet, dass du deinen Willen und dein Leben der Fürsorge Gottes anvertrauen sollst. Aber du bist doch sicher noch nicht gläubig, oder?»
«Nein, das kann man wohl nicht sagen», antworte ich.
«Das bedeutet, solange du nach Gott suchst, muss du mir vertrauen. Gott spricht durch andere Menschen.»
«Okay, das kann ich mir vorstellen. Und es ist sicher einfacher, dich zu kontaktieren als den Mann da oben.»
Er grinst zaghaft und nickt.
«Wenn du willst, dass ich dich unterstütze, gehe ich davon aus, dass du dich meiner Fürsorge unterstellst», erklärt er ruhig.
«Es gibt unglaublich viele Alkoholiker, die Rat suchen, sich dann aber nicht an die Anweisungen halten. Das ist eine Verschwendung von Zeit und Energie.»
«Das ist eine berechtigte Forderung, und ich glaube, dass ich mir zutraue, mich daran zu halten, was du mir vorgibst, da ich mich irgendwie verloren fühle.» Er mustert mich einen Augenblick und lächelt schließlich.
«Dann wollen wir das mit einem Handschlag bekräftigen.» Er reicht mir die Hand. Ich ergreife sie, und mit einem Mal überkommt mich eine unbeschreibliche Erleichterung. Jetzt bin ich nicht länger allein mit meinen Problemen.
«Du verspürst jetzt wahrscheinlich eine Art Erleichterung», sagt er. «Ein ähnliches Gefühl empfinden Menschen, die zu Gott gefunden haben.» Er scheint meine Gedanken lesen zu können. Ein starkes Sicherheitsgefühl erfüllt mich wegen des warmen Händedrucks und der tiefen, ruhigen Stimme, und einen Augenblick steigt in meiner Brust eine Wehmut auf, meinem Vater habe ich nie so nahegestanden.
«Ich will Gott finden», sage ich und trinke den letzten Schluck aus der Kaffeetasse.
«Du wirst ihn finden, mein Freund, und ich werde dafür sorgen, dass du nicht wieder trinken wirst. Deine Aufgabe ist es, dich an meine Anweisungen zu halten.»
«Einverstanden», erwidere ich, und wir verabschieden uns mit einer innigen Umarmung. Ich schwebe den Hügel hoch, optimistisch über meine Zukunft und froh darüber, dass ich den ganzen Abend nicht einen Gedanken an den Mordfall verschwendet habe.