9. Kapitel

Irgendwann war ich auf unserem Lager erwacht und meine Wunden waren verheilt. Meinen Kampf mit Desan erwähnten wir nie wieder, noch sprachen wir darüber, was der erneute Verrat für unser Volk bedeutete. Es entsprach nicht der Art der Salizaren, sich um die Zukunft zu sorgen. Was geschehen würde, würde geschehen. Wenn sie uns angriffen, dann würden wir zurückschlagen.

Laurean hatte indessen die Drohung wahrgemacht und Desan zum Sklaven der Inzepat bestimmt. Während ich noch bewusstlos in dem heilenden Schlaf lag, in den Laurean mich versetzt hatte, schloss er sich mit einigen Nobilat und den Gefangenen in einer entlegenen Ecke der Gruft ein. Sie brachen ihren Widerstand und so hatte Laurean erfahren, was mit Alesh geschehen war: Desan hatte die Weissagung und Aleshs Bedeutung an die Mönche des Heiligen Vânatŏr verraten. Kurz nach der Übergabe an die Blutammen vertauschte er den Abkömmling des Fürsten mit einem anderen Salizarenjungen. Die Mönche hatten ihm die Herrschaft über einen begrenzten Stamm von Blutdurstigen versprochen, wenn er half, Laurean zu besiegen. Die Mönche planten, jene Salizaren, die sich ihnen wie die Morganthen ergaben, als Sklaven zu halten und alle anderen zu vernichten. Desan wollte lieber der Fürst einer Sklavenkolonie sein, der letzte Blutdurstige, der seine Reißzähne behalten durfte, als gar nicht zu herrschen. Wieder hatte er sich verführen lassen, wie einmal schon, als er auf den niederträchtigen Damianor gehört hatte. Nun war Desans Rechnung nicht aufgegangen und er würde die Gruft niemals wieder verlassen, ebenso Tamor, der junge Salizar, den er als Alesh ausgegeben hatte.

Indessen waren wir unserem Ziel, den Entführten wiederzufinden, keinen Schritt näher gekommen. Vermutlich hätte Desan unter den Qualen, die Laurean ihm zufügte, auch dies noch verraten, wenn er es gewusst hätte. Die Mönche waren jedoch vorausschauend genug gewesen, Alesh an einen abgelegenen und geheimen Ort zu bringen. Alles, was Desan wusste, war, dass sie ihn bei den Sklaven hielten. Es mochte sein, dass Alesh nicht einmal um seine Abstammung wusste.

Eine der Unseren hatten die Mönche nun also bereits vernichtet, doch es war weiterhin ungewiss, ob sie die Villa und die Gruft bereits ausfindig gemacht hatten und nur auf einen günstigen Augenblick für einen Angriff warteten. Die alte Feindschaft mit den Morganthen war hingegen bedeutungslos geworden, denn die wenigen Überlebenden des Bruderstammes, der von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden hatte, waren zu zahnlosen Sklaven geworden. Nun gab es nur noch die Mönche und uns und das Ziel, Alesh zu befreien und die Rückkehr der Blutgöttin zu feiern.

Wenn wir des Nachts auf Beutejagd gingen, hielten wir nach glatzköpfigen Männern mit Haarkranz Ausschau. Früher oder später würden wir sie finden, denn auch wenn sie sich noch immer Mönche nannten, war aus dem Orden, der vor langer Zeit ein Hort keuscher und arbeitsamer Gläubiger gewesen war, ein Geheimbund von sadistischen und triebhaften Männern geworden. Desans Bericht hatte unter anderem offenbart, wie die Mönche mit ihren Sklaven verfuhren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen auf unsere einschlägigen Angebote im Internet eingehen würde.

Die Zeit verging, ohne dass etwas geschah. Laureans Miene verfinsterte sich zunehmend, er wurde verschlossen und zog sich von den Brüdern und Schwestern zurück. Mir schien, dass er sogar meine Gegenwart zu meiden begann. Wenn ich von den nächtlichen Streifzügen zurückkehrte, fand ich unser Lager oft verlassen vor. Ich wusste nicht, wo Laurean war, und wenn er dann kam, das schöne Haupt gesenkt, der Blick trübe und mutlos, dann wagte ich nicht zu fragen.

Sobald er sich neben mir ausgestreckt hatte, schloss er sofort die Augen. Meinen zur Seite geneigten Hals schien er nicht einmal zu bemerken, als wären seine Begierden erloschen. Ich beeilte mich dann, die Augen ebenfalls zu schließen, damit ich meinem Gefährten wenigstens in der Traumwelt folgen konnte. Manchmal war er schon fort, doch wenn es mir gelang, mich an seine Fersen zu heften, dann wurde ich Zeugin von freudlosen Erlebnissen und Niederlagen. Einmal befanden wir uns im Traum eines der Mönche und es gelang mir nur mit Mühe, Laurean aus dessen Gewalt zu befreien. Es hätte nicht viel gefehlt, dass der Mann des Ordens Laurean einen hölzernen, kreuzförmigen Pflock in das Herz getrieben hätte. Natürlich wäre dies nicht in der Wirklichkeit passiert, doch die schlechten Menschenträume, in denen wir unterlagen, schwächten uns, so wie die guten, lustvollen uns stärkten.

Es schien, als hätte ausgerechnet der stolze und unbeugsame Fürst der Salizaren seinen Kampfesmut verloren. Etwas Seltsames geschah in jener Zeit: Je schwächer Laurean wurde, umso stärker wurde ich, tatsächlich wuchs ich noch einige Zentimeter, sodass ich beinahe seine Größe erreicht hatte. Wenn ich die Gruft unterhalb der Villa durchquerte, wichen die Salizaren ehrerbietig beiseite und sogar die älteren Nobilat, die mir früher wegen meiner menschlichen Herkunft mit Verachtung begegnet waren, bogen in meiner Gegenwart einladend die Hälse.

Im Traum war ich bereits zum Beschützer des Fürsten geworden, doch ich wusste nicht, wie ich ihm in unserer realen Welt helfen sollte. Ich verfügte über keine Kampferfahrung und hätte nicht gewusst, wie wir gegen die Mönche vorgehen sollten. Da wir bisher weder sie noch Aleshs Aufenthaltsort ausfindig machen konnten, waren wir zur Untätigkeit verdammt. Also führten wir unser Dasein fort, wie es seit Anbeginn der Zeiten gewesen war und wie es für immer sein würde, und ich sah hilflos zu, wie mein stolzer Fürst und ehemals kraftvoller Gefährte zusehends verfiel. Einmal hörte ich, wie er im Traum sagte: «Ich bin unwürdig, Androlus’ Nachfahre zu sein, denn ich habe mein Volk im Stich gelassen.» Später, als die Dunkelheit hereingebrochen war und wir uns erhoben hatten, hatte ich versucht, Laurean auf seine Worte anzusprechen, doch er hatte durch mich hindurchgesehen, als hätte er mich nicht gehört, und ich meinte, dass seine nachtschwarzen Augen feucht geschimmert hätten. Tränen? Ein Salizar, der weinte? Nein, das war vollkommen unmöglich, ich musste mich getäuscht haben.

 

Doch eines Tages war es dann schließlich doch so weit, als ich schon nicht mehr damit rechnete, dass etwas geschehen würde, und das Warten und die Ungewissheit hatten ein Ende. Die Sonne stand hoch am Himmel und alle Salizaren ruhten in der Gruft, als eine der Wachen, die seit Desans Gefangennahme an den Fenstern der Villa postiert waren, Alarm schlug: «Sie kommen, die Mönche kommen!»

Natürlich, sie kamen am Tage, wenn wir Salizaren am wehrlosesten waren. Erschwerend kam hinzu, dass wir über keine Waffen verfügten, denn Salizaren zogen nur mit dem eigenen Körper in den Kampf: Unsere Finger dienten als messerscharfe Krallen, mit denen wir mehrere Hautschichten aufschlitzen konnten, und unsere Reißzähne brachten, wenn wir mit voller Wucht zubissen, jedem Menschen den sicheren Tod. Gegen das verfluchte Weihwasser der feigen Mönche jedoch waren wir wehrlos. Wenige Tropfen nur würden jeden von uns außer Gefecht setzen, das hatte ich mit eigenen Augen gesehen. Einmal hatte ich versucht, Laurean auf die Möglichkeit hinzuweisen, dass auch wir uns der Waffen aus der Menschenwelt bedienen könnten, wir hätten Pistolen beschaffen können, oder wenigstens Messer, doch mein Gefährte hatte mich nur verständnislos angesehen.

Der Warnruf des Wachpostens hatte die wenigen Salizaren, die sich mit uns in den Wohnräumen der Villa aufhielten, aus den Träumen zurückgeholt. Wir versammelten uns um Laurean und erwarteten seinen Befehl. Zu meiner Erleichterung hatte der Salizarenfürst nun genau die erhabene Haltung angenommen, die von ihm erwartet wurde und die ich an ihm so sehr liebte und bewunderte. Ich schalt mich stumm für die Bedenken, die ich insgeheim wegen Laureans fehlendem Kampfesmut gehegt hatte. Wie hatte ich daran zweifeln können, dass er uns in diese Schlacht führen würde? Wir würden siegreich sein, mit oder ohne Alesh, so versuchte ich es mir zumindest einzureden.

«Hinab in die Gruft», befahl Laurean und setzte sich als Erster in Bewegung. «Wir warten den Einbruch der Dunkelheit ab, dann brechen wir aus und fallen über die feigen Mönche her!»

Alle folgten ihm zur Treppe, dann stiegen wir eilig einer nach dem anderen hinab in die Gruft. Vier Suprimat, die den Befehl hatten, die geheime Tür hinter uns zu verschließen, blieben am oberen Treppenabsatz stehen. Sie hielten Wache und würden Meldung machen, falls die Mönche den versteckten Eingang entdeckten und einzudringen versuchten. Die übrigen Salizaren versammelten sich am Grund der Felsenhöhle, während Laurean und ich auf der Empore stehenblieben. Es war ein ungewohnter Zeitpunkt für eine Versammlung, da sie sonst nur nachts stattfanden. Am Tage waren es die Salizaren gewohnt zu ruhen. Nur ihr Geist wanderte durch die Träume der Menschen. Nun sahen sie mit ihren taggrauen Augen zum Fürsten hinauf, eine nackte und verletzliche Herde, die ohne die Entschlossenheit des Leittieres verloren ist.

«Salizaren, hört mich an, die Zeit des Kampfes ist gekommen! Wir warten ab, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, dann öffnen wir die Gänge der Grotte und greifen an.»

Jeder einzelne von uns wusste, was diese Worte bedeuteten: Sobald die Gruft geöffnet war, wäre sie nicht länger geheim, und die unterirdische Zufluchtsstätte der Salizaren wäre verloren. Sie hatte dem Stamm für lange Zeit als Heimat und Rückzugsort gedient, seitdem Androlus und Geser vernichtet worden waren und Laurean die Rolle des Fürsten übernommen hatte.

Normalerweise betraten wir die Salizarenhöhle durch die Villa, die zur Tarnung über dem Haupteingang erbaut worden war. Für den Fall eines Angriffs hatte der Stamm eine Vielzahl von weiteren Ausgängen angelegt, denn der Umstand, dass sie nicht hatten fliehen können, war ihnen bereits einmal zum Verhängnis geworden. Sobald wir die Ausgänge von innen heraus freigruben, würden die Erdlöcher sich nicht wieder verschließen lassen und die Höhle würde bald von den Menschen entdeckt werden. Nun galt es also, alle Spuren zu beseitigen, das wurde mir bewusst, noch ehe Laureans kurze Ansprache geendet hatte. Alle Blutsklaven und Ammen, auch der unfertige Nachwuchs musste vernichtet werden. Wir duften nichts und niemanden zurücklassen.

Eilig erteilte der Fürst der Salizaren die notwendigen Befehle und sofort kam Bewegung in die Menge. Eine ungewohnte Erregung erfasste die Suprimat und Nobilat, sogar die Inzepat durften teilhaben, denn die Kampfeskraft und Entschlossenheit jedes Einzelnen wurde benötigt. Innerhalb kurzer Zeit wurde eine verängstigte Schar in die Mitte der Gruft geführt. Ihre Wärter bildeten einen unbarmherzigen Ring und warteten auf Laureans Anweisungen. Doch zuerst wandte er sich an mich.

«Du weißt, was wir tun müssen?», fragte er.

«Ja», sagte ich.

«Du musst dich ebenfalls stärken, das weißt du.»

«Ja, Herr. Ich werde dir immer folgen», antwortete ich und bog den Hals einladend zur Seite. Laureans lachte heiser.

«Es ist Tag, Alicia, ich kann dich nicht beißen, so sehr ich es mir auch wünschte, denn für mich ist dein Blut immer das süßeste gewesen. Doch nun höre mir zu. Ich bin dein Fürst und Gebieter und ich befehle dir, mir nicht zu folgen. Du kennst die Weissagung, dass es bald eine Salizarenfürstin geben wird. Erinnerst du dich?»

Ich starrte Laurean an. Die Iris seiner Augen war hellgrau, beinahe durchscheinend, aber sie blickten nun nicht mehr traurig. Ich spürte, dass er mich mit aller Liebe betrachtete, zu der ein Salizar überhaupt fähig sein konnte.

«Aber, was redest du denn da? Du bist unser Fürst und wirst es für immer sein!», stotterte ich.

Laurean schüttelte den Kopf.

«Was ist mit Alesh? Hast du das vergessen? Er ist in der Hand der Mönche. Wir werden verlieren, Alicia.»

Ich wollte es nicht hören, am liebsten wäre ich dem kindischen Impuls gefolgt, mir die Hände auf die Ohren zu drücken. Aber ich war eine Kriegerin, ich war eine Salizarin, und ich würde meinen Gefährten nicht aufgeben.

«Wir finden einen Weg, Laurean! Was ist mit der Weissagung? Sie hat uns doch Alesh versprochen und die Rückkehr der Blutgöttin! Wir können nicht verlieren, wir sind ewig!»

«Der Stamm ist ewig, Alicia, damit hast du recht, aber ich fürchte, Orlathat wird noch warten müssen, bis ein neuer Alesh geboren wird. Bis dahin wirst du für den Fortbestand der Salizaren sorgen.»

«Ich? Warum ich? Wo wirst du sein? Laurean, ich … ich liebe dich!»

Erneut schüttelte Laurean den Kopf und diesmal war ich sicher, einen verräterischen Schimmer in seinen Augen zu sehen.

«Du kannst mich nicht lieben, Alicia, du bist eine Salizarin.»

«Doch, das kann ich», gab ich trotzig zurück. »Und du liebst mich auch.»

«Wir sind füreinander bestimmt, meine Gefährtin, das ist etwas anderes.»

«Gut, dann eben das. Ich gehe, wohin du auch gehst. Du darfst mich nicht allein lassen, Laurean!»

Ich war so dicht an ihn herangetreten, dass meine Brust die seine berührte und ich spürte unmittelbar, wie unsere Körper reagierten. Es war wie in dem Traum, als wir zu einem Wesen verschmolzen waren und ich gefühlt hatte, was er fühlte. Ich blickte mich selbst aus seinen Augen an und er schaute aus meinen, und obwohl wir uns in getrennten Körpern aufhielten, waren wir eins, und wir waren gleich. Wären wir Menschen, dann hätten wir uns in diesem Augenblick wohl geküsst, und für diesen einen kurzen Moment sehnte ich mich danach, dass ich einfach eine Frau sein könnte und Laurean ein Mann. Wir wären uns begegnet, wir hätten uns verliebt und eines Tages geheiratet, wir hätten uns gemeinsame Kinder gewünscht und dann auch bekommen, wir hätten Krisen zusammen durchlebt, aber die meisten Jahre wären glücklich geworden, und dann wären wir zusammen alt geworden und grau, und auch das hätten wir zusammen durchgestanden, bis es für einen von uns Zeit geworden wäre zu gehen, und dann hätte der andere noch eine Weile ausgehalten, um ihm bald darauf in die Ewigkeit zu folgen.

Das hätte unser Leben sein können, wenn nicht – ach, Laurean, mein Liebster, dachte ich, und wünschte ein letztes Mal, dass unsere Lippen sich berühren könnten. Dann war der Augenblick der Schwäche und des Bedauerns vorbei, die Salizarin in mir nahm erneut überhand und mit ihr die Lust auf frisches Blut. Ich hörte das Jammern der Blutsklaven, die schon ahnten, was unausweichlich mit ihnen geschehen würde. Laurean löste als erster den Blick von mir, dann trat er an die Brüstung der Empore und hob die rechte Hand zum Zeichen, dass das Schlachten beginnen konnte.

Unsere Zähne waren tagsüber so unnütz wie die der Menschen, sodass Laurean ausnahmsweise gestattet hatte, dass das übliche Ritual umgangen und Hilfsmittel verwendet werden durften. Die Menge stob kurz auseinander, fieberhaft suchten sie den Boden nach scharfkantigen Steinen und das Feuerholz nach spitzen Stöcken ab, um sich dann unter wildem Geheul mit den primitiven Werkzeugen bewaffnet auf die Blutopfer zu stürzen. Binnen weniger Minuten war die Felsgrotte mit schreienden, dann nur noch zuckenden Leibern übersät. Der ganze Stamm stürzte sich ohne Ansehen der Kaste auf die Verletzten und Sterbenden, sie fügten ihnen am ganzen Körper Wunden zu, um dann ihre Münder über die blutenden Löcher zu stülpen und zu trinken. Ein Opfer nach dem anderen lag schließlich reglos da, doch der Blutrausch war nicht aufzuhalten. Vielleicht war es auch die Aussicht auf die baldige Auslöschung der eigenen Existenz, welche die Salizaren zu ungewohnter Grausamkeit anstachelte. Normalerweise raubten wir unserer Beute nur das Blut, weil wir leben wollten, jedoch nicht, um sie zu quälen, doch während dieser Tag sich dem Ende hin zuneigte, nahm das Gemetzel kein Ende. Anfangs leckte ich mir nur die Lippen, doch ich blieb standhaft neben Laurean stehen. Wenn er nicht trank, dann würde ich es auch nicht tun.

«Willst du nicht…», wagte ich einmal zu fragen, doch Laurean brachte mich mit einer Handbewegung zum Schweigen. Kurz darauf, als die Mehrzahl der rot besudelten Salizaren schließlich doch gesättigt auf dem Boden der Grotte niedersank und einzelne bereits anfingen, sich der Paarung hinzugeben, die meistens auf den Blutdurst folgte, da wurde aus dem letzten Gang der Höhle noch ein Gefangener herbeigeführt. Als ich ihn erkannte, begriff ich, warum Laurean sich dieses Opfer bis zum Schluss aufgespart hatte. Desan schritt erhobenen Hauptes über den von Blut und herausquellenden Eingeweiden glitschigen Boden. Einmal glitt er beinahe aus, dann fing er sich wieder. Zwei Nobilat, deren nackte Körper rot glänzten, führten ihn die Treppe hinauf. Der eine bot Laurean einen faustgroßen Gesteinssplitter an, doch der schüttelte den Kopf. Nein, der Fürst der Salizaren würde kein Hilfsmittel benötigen.

«Bruder», sagte er. «Du hast nun die letzte Gelegenheit, dich als würdiger Salizar zu erweisen. Sage mir, wo Alesh sich aufhält, dann will ich dir einen schmerzfreien Tod gewähren!»

Desan verzog keine Miene, stattdessen starrte er Laurean herausfordernd an. Schließlich wandte er in einer blitzschnellen Bewegung den Kopf und spie in meine Richtung. Ein Klumpen rotgrünen Schleims landete auf meiner rechten Brust. Ich hätte gern die Zähne gefletscht und mich auf ihn gestürzt, doch es war noch zu früh. Ich spürte bereits das vertraute Reißen im Zahnfleisch, das sich jeden Tag mit Anbruch der Dämmerung ankündigte. Noch niemals zuvor war mir das Hervorbrechen der Reißzähne so willkommen gewesen, denn mehr als alles andere sehnte ich mich jetzt danach, mich auf den Verräter zu stürzen. Ich würde ihn erneut zu Boden werfen und mich in seinen Hals verbeißen, doch dieses Mal würde ich ihn leerbluten lassen, bis er schon ganz kraftlos, aber noch bei Bewusstsein war, dann würde ich ihm das Geschlecht entreißen und es dem einzigen wahren Fürsten der Salizaren zu Füßen legen!

«Schmerzfrei? Bin ich ein Mensch oder ein Salizar? Bin ich nicht ebenso ein Abkömmling der Blutgöttin wie du? Wenn du mich töten willst, töte mich, Bruder, ich fürchte keinen Schmerz!»

«Desan, du bist weder Mensch noch Salizar, denn du hast das Recht, dich zu unserem Stamm zu zählen, längst verwirkt. Du verbündest dich mit jedem, der dir einen Vorteil verspricht, egal ob es die feigen Morganthen oder die Mönche sind. Das ist eines Salizaren unwürdig! Wenn wir vor dem Kampf nicht jeden Tropfen Blut bräuchten, dann würde ich dich nicht einmal anrühren, Bruder.»

Das letzte Wort stieß Laurean mit solcher Verachtung hervor, dass Desan kurz zurückzuckte, doch er hatte sich schnell gefangen und nahm erneut seine versteinerte Haltung ein. Vielleicht verspürte er wirklich keine Angst vor seinem bevorstehenden Tod, denn da die Salizaren normalerweise nicht starben, existierte in der Kultur dieser Gemeinschaft keine Furcht vor dem Sterben. Dennoch hatte ich gesehen, wie die Opfer, deren Blutgeruch noch schwer in der Luft hing, sich erbittert und verzweifelt gewehrt hatten, vergeblich natürlich, wie jede Kreatur, die spürt, dass sie ausgelöscht werden soll.

In diesem Moment erkannte ich noch einmal deutlich, dass Laurean und Desan Brüder waren, von Androlus gezeugt und in Gesers Leib getragen. Sie standen einander mit der gleichen stolzen Haltung gegenüber, die Gesichter so ähnlich, dass man hätte meinen können, das eine spiegelte sich in dem anderen, und dennoch war aus Laurean ein Fürst geworden, der seinem Stamm bis zum letzten Atemzug diente, Desan dagegen ein feiger Verräter bis zum Ende.

«Ich frage dich zum letzten Mal», stieß Laurean hervor. «Wo ist Alesh?»

«Du meinst … Frater Alesh? Den die Menschenhure in ihrem Leib getragen hat? Ja, du hörst ganz richtig, Alesh ist Frater geworden, Bruder und zugleich Sklave der Mönche. Sie haben ihm schon früh die Reißzähne gezogen und ihn in dem Wissen großgezogen, dass du es gewesen bist, der ihn dem Orden ausgeliefert hat. Ha! Nun rate, wen Alesh am meisten hasst auf dieser Welt?»

Während Desan noch sprach, spreizten sich meine Finger zu einer Kralle. Ein gutes, willkommenes Zeichen, dass mein Körper sich auf die Nacht einrichtete. Ich hob einen Finger, legte ihn auf meinen Unterarm und ritzte mit dem Nagel eine feine, rote Linie in die Haut. Dann leckte ich den ersten Tropfen ab. Der Geschmack des Blutes würde die Verwandlung beschleunigen und die Reißzähne schneller herausfahren lassen. Ich knurrte ungeduldig und dann geschah alles auf einmal. In dem Moment, als ich mich mit einem gewaltigen Satz auf Desan stürzte, die Zähne noch im Sprung fletschte und im Augenblick des Aufpralls tief in seinen Hals grub, ertönten von der Treppe zur Villa die Rufe der Wachposten.

«Sie haben die Tür entdeckt! Sie kommen!»

Ich wusste, dass nun keine Zeit mehr bliebe, um Desans Blut vollständig zu trinken. Es musste schnell gehen. Ich wechselte blitzschnell die Position, nahm seinen Hals zwischen meine Beine, kreuzte sie und brach dem Verräter mit einer raschen Bewegung das Genick. Erst viel später ging mir auf, dass Desan sich kaum gewehrt hatte.

Ich sprang auf. Laurean war damit beschäftigt, den umstehenden Nobilat Anweisungen zu erteilen. Sie schwärmten eilig in die Gruft aus und verwandelten die Leiber der geopferten Ammen und Sklaven mithilfe ihrer Amulette zu Staub. Und dann, als folgten sie alle einem geheimen Ruf, strebte das ganze Salizarenvolk in die Gänge, die sich wie finstere Würmer steil durch das Erdreich nach oben wanden.

«Komm», sagte Laurean und ergriff meine Hand. «Es ist soweit.»

Wir folgten den Brüdern und Schwestern, und als wir in einen der engen Gänge traten, ließen wir eine leere Gruft hinter uns. Niemand würde einen Hinweis darauf finden, dass hier ein ganzes Volk von Blutdurstigen gelebt hatte, doch es gab für uns auch keinen Weg mehr zurück. Wir kletterten einen schmalen Pfad empor, der immer niedriger wurde, schließlich mussten wir uns bücken und zum Schluss kriechen. Kurz darauf streckte ich meinen Kopf durch eine bereits eilig freigeschaufelte Öffnung in die frische Nachtluft.

Ich blickte mich um, bevor ich die Arme ausstreckte und mich aus dem Erdloch hinausstemmte. Wir befanden uns in einem kleinen Waldstück nahe der Villa, deren hell erleuchtete Fenster durch das Geäst zu erkennen waren. Schatten huschten im Innern des Hauses hin und her. Die Mönche hatten das Haus erobert und inzwischen waren sie auch in die Gruft eingedrungen.

Laurean hatte sich hinter mir aus dem Erdloch geschwungen. Ich spürte, dass sein Körper vor Angriffslust vibrierte. Das Beben unserer Körper übertrug sich in Schwingungen über das Fleckchen weichen Waldbodens, auf dem wir standen. Er zog scharf die Luft ein und nahm Witterung auf. Der größte Teil unseres Volkes war mittlerweile lautlos zwischen den Bäumen verschwunden. In Richtung der Villa machte ich die Umrisse von zwei kämpfenden Gestalten aus, dann waren es drei, schließlich immer mehr. Die Mönche hatten scheinbar begriffen, dass wir auf anderem Wege aus der Gruft entkommen waren und schwärmten nun ihrerseits in den Wald aus. Ich blähte die Nasenflügel weit auf und sog schaudernd einen bitteren, beinahe ätzenden Gestank ein.

«Laurean», flüsterte ich. «Das Weihwasser … wir haben keine Chance! Sie vernichten uns!»

Ich drehte mich um und trat an meinen geliebten Gefährten heran, ich legte meine Arme um ihn und ließ die Hände über seinen prachtvollen Köper wandern, über die Schultern hinab zu seinem Geschlecht, dabei blickte ich in seine Augen, die wie schwarze Löcher waren. Ich hätte mich gern hineinfallen lassen, sie waren wie ein Abgrund, der mich anzog, ohne zu wissen, wie tief er war und was mich erwartete. Und trotzdem war dieser Sog süß und verlockend.

Wie viel Zeit mochte vergangen sein, seitdem Laurean und ich uns zum ersten Mal begegnet waren? Waren es Jahre oder Jahrzehnte? In diesem Moment kam es mir vor wie eine einzige Nacht, viel zu kurz jedenfalls, und ich war nicht bereit, es jetzt schon enden zu lassen.

«Du gehst jetzt, Alicia, ich befehle es dir!»

«Nein, Laurean, das kann ich nicht, ich werde dich nicht verlassen! Das kannst du nicht verlangen, ich verlasse nicht meinen Fürsten und mein Volk!»

«Du bist jetzt die Fürstin und du bist unser Volk!»

Laurean hob die Arme und nahm das kostbare Amulett mit dem Blutstropfen Orlathats ab.

«Es geht nicht um dich oder um mich, Alicia. Es geht um den Stamm der Salizaren. Vergiss das niemals!»

Er streifte mir die Kette über den Kopf und fasste nach der alten, die um meinen Hals hing, riss sie mit einem kräftigen Ruck ab und schleuderte das Schmuckstück von sich. In diesem Augenblick sprang eine Gestalt aus dem Erdloch hinter uns. Für eine Sekunde dachte ich, es wäre einer der Unsrigen, ein Nachzügler. Erst auf den zweiten Blick registrierte ich, dass dieser junge Salizar mit einer hellen Kutte bekleidet war und sein schwarzes Haar zu einer Tonsur geschnitten trug, doch seine Gesichtszüge glichen denen Laureans auf überraschende Weise.

«Alesh!», entfuhr es mir.

Er war es, und er war es doch nicht. Statur und Gesichtszüge wiesen eindeutig auf seine Abstammung von den Blutdurstigen hin, doch sein Blick irrte hasserfüllt zwischen Laurean und mir hin und her. Für einen Augenblick standen wir drei wie versteinert, starrten einander an.

«Du bist Laurean», stellte Alesh schließlich fest und nahm eine angriffslustige Haltung ein. Seine Stimme klang für einen Salizaren überraschend hoch, giftig und verzweifelt zugleich. Ich beobachtete Alesh mit Argusaugen. Bei der ersten falschen Bewegung würde ich mich auf ihn stürzen, um Laurean beizustehen. Was dachte er denn, wie er sich ohne Reißzähne gegen den Fürsten der Salizaren im Kampf behaupten würde? Das Weihwasser würde er kaum verwenden, da die Gefahr zu groß wäre, dass er selbst damit in Berührung käme, oder wusste er vielleicht gar nicht, was er war? Im nächsten Moment zog Alesh ein Kreuz aus den Falten seiner Kutte, es ging jedoch so schnell, dass ich zuerst gar nicht begriff, dass diese Reliquie an einer Seite zugespitzt war wie ein Dolch. Mit einer geschmeidigen und kraftvollen Bewegung stieß er Laurean die Waffe in die Brust.

«Nein, Alesh, er ist dein Vater», rief ich aus und warf mich zwischen die beiden, doch es war zu spät. Laurean sank bereits zu Boden, ich fing ihn im letzten Moment auf und so fielen wir zusammen, sein Kopf an meiner Brust.

«Mein Vater?», höhnte Alesh und stellte sich über uns. «Mein Vater, der Fürst der Salizaren? Der mich den Mönchen als Sklave ausgeliefert hat?»

«Das sind doch alles nur Lügen, die Desan erfunden hat, um sein eigenes Volk zu vernichten!», schrie ich. «Du bist unser … Alesh, du bist ein direkter Abkömmling des Salizarenfürsten. Dir ist Großes vorherbestimmt, wir hätten dir das niemals angetan!»

«Ich glaube dir kein Wort, Menschenhure. Ich weiß, wer du bist! Und wer ist überhaupt dieser Desan, von dem du sprichst? Ich bin mit den anderen Sklaven bei den Mönchen aufgewachsen und sie haben mir jeden Tag erzählt, was Laurean mir angetan hat.»

Alesh lüftete den Saum seiner Kutte und ich blickte voller Entsetzen auf seinen vernarbten, von zahllosen Schnitten verunstalteten Körper.

«Es tut mir so leid», flüsterte ich, dann bettete ich Laureans leblosen Körper sanft auf den weichen Waldboden und erhob mich. «Davon haben wir nichts gewusst und als wir es erfuhren, da haben wir versucht dich zu finden…»

«Dafür ist es jetzt zu spät. Du wirst sterben, Menschenhure, ihr alle werdet vernichtet werden, du kannst dich natürlich auch ergeben und den Mönchen zu Willen sein wie die anderen deines Stammes auch.»

«Niemals», sagte ich. «Kein Salizar wird sich ihnen jemals ergeben. Es sind die feigen Morganthen, die den Mönchen dienen, um ihr jämmerliches Dasein zu retten. Sie sind nicht würdig, sich Blutdurstige zu nennen. Alesh, man hat dir nur Lügen eingetrichtert und damit deinen Hass geschürt. Du musst mir glauben! Wenn wir gewusst hätten, wo du bist, dann hätten wir dich längst befreit! Du musst uns helfen, nur du kannst die Salizaren retten und Orlathats Verbannung beenden. So lautet die Weissagung!»

«Ich glaube dir kein Wort! Und ich bin kein Blutdurstiger, es ekelt mich davor! Halbtote Nagetiere oder räudige Hunde werfen sie ihren Sklaven vor. Ich hätte dieses Dasein längst verlassen und wäre bereitwillig in die Hölle hinabgestiegen, die sie mir immer gepredigt haben, aber dich nehme ich mit und den dort auch!»

Alesh wandte sich um und deutete auf die Stelle, an der Laurean zu Boden gestürzt war, doch da war niemand mehr. Ich konnte es nicht begreifen, wo war Laurean hin, er hatte doch gelegen wie tot? Alesh zog einen weiteren kreuzförmigen Dolch aus der Kutte und wirbelte herum.

«Du …», rief er und bewegte sich auf mich zu. Im nächsten Moment fiel Alesh wie ein gefällter Baum zu Boden, getroffen von etwas Großem, das fauchte und um sich schlug. Laurean! Er schlug die Reißzähne so schnell in Aleshs blassen Hals, dass dieser nicht einmal dazu kam, sich zu wehren, dann zuckten beide Körper kurz und blieben schließlich reglos aufeinander liegen. Ich heulte auf und fiel auf die Knie, wälzte Laurean zur Seite und erst als er auf dem Rücken ausgestreckt vor mir lag, da bemerkte ich voller Entsetzen, dass das Kreuz noch in seiner Brust steckte. Ich fasste den Schaft mit beiden Händen, doch die Schneide saß zu tief und fest, ich bekam sie nicht heraus, so kräftig ich auch zog und zerrte. Ein rotes Rinnsal sickerte aus Laureans Mundwinkeln. War es Aleshs Blut oder sein eigenes? Ich legte meine Wange an seine Brust, die reglos blieb und still. Der gleichmäßige Takt, der das Herz des Salizarenfürsten hatte schlagen lassen, war verstummt.

Ich hob den Kopf und richtete meinen Blick auf Alesh. Die Augen waren weit geöffnet und nachtschwarz und ich erkannte, dass noch Leben in ihnen war. Der Riss an seinem Hals war tief, das Blut lief in einem dünnen, aber stetigen Rinnsal aus und versickerte im Boden. Ich beugte mich hinüber und legte meine Lippen behutsam über die Wunde. Dann fing ich an zu saugen, wobei ich sorgsam darauf achtete, dass meine Reißzähne die zarte Haut nicht noch weiter einritzten, und ich spürte, wie mein Leib Aleshs versiegende Lebenskraft aufnahm. Das war alles, was ich noch für Laurean und seinen Abkömmling tun konnte. Sie würden beide für immer in mir weiterleben.

Schließlich setzte ich mich auf und horchte in den Wald hinein. Aus verschiedenen Richtungen waren noch Kampfgeräusche zu hören. Der bittere Gestank des sich im Weihwasser auflösenden Fleisches durchdrang alle Poren. Ich warf einen letzten Blick auf Laurean, dann legte ich meinen Mund sacht auf seine leicht geöffneten Lippen.

«Und ich liebe dich doch!», flüsterte ich und berührte das Amulett des Fürsten. Nun hing es an meiner Brust und ich wusste, was meine Pflicht war.

Ich erhob mich und schlich, die Deckung der dicht stehenden Bäume ausnutzend, näher an die Villa heran. Einmal stolperte ich beinahe über die Körper von zwei sterbenden Mönchen und ich widerstand nur mühsam der Versuchung, mich auf sie zu werfen, doch der Blutdurst musste vorerst zurückstehen. Ich fletschte die Zähne und pirschte mich lautlos an zwei Schatten an, die miteinander rangen. Als ich nur noch wenige Schritte entfernt war, erkannte ich, dass es ein Mönch und eine Salizarin waren. An körperlicher Kraft wäre sie ihm normalerweise überlegen gewesen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, sein todbringendes Wasser auf sie zu schütten. Einer ihrer Arme hing nutzlos herunter, der Knochen stach bereits aus dem dampfenden und stinkenden Fleisch hervor. In dem Moment, als ich mich auf den Mönch stürzen wollte, bäumte die Salizarin sich ein letztes Mal auf, schleuderte den Mann in der Kutte herum. Sie warf sich mit letzter Kraft auf ihn und vergrub die Zähne in seinen Hals. Eine Bewegung, die ich aus den Augenwinkeln bemerkte, ließ mich herumwirbeln. Eine hünenhafte Gestalt stürmte auf mich zu und rammte mich mit solcher Wucht, dass ich beinahe gestürzt wäre. Ich fing mich im letzten Moment und stemmte mich mit ausgestreckten Armen gegen den Angreifer. Meine Finger wurden zu Krallen, die sich durch den Stoff der Kutte hindurchgruben und die Haut des Mönches ritzten. Er stöhnte auf, das Gesicht zu einer Maske aus Schmerz und Hass verzerrt. Ich musste meine Hände oder die Reißzähne an seinen Hals bringen, bevor es ihm gelang, die bereits geöffnete Phiole mit Weihwasser auf mich zu schütten. Dann wäre es aus mit mir, daran hegte ich keinen Zweifel, es ging nun auch für mich um Leben und Tod.

Hilf mir, Laurean, flehte ich stumm, während ich verbissen versuchte, die Oberhand über diesen widerlichen Mönch zu erringen. Unter normalen Umständen hätte ich ihn längst zu Boden geworfen, doch ich fürchtete das todbringende Fläschchen. Während wir miteinander rangen, roch ich schon das Blut des Mönches, das aus der verletzten Haut in den Stoff der Kutte gesickert war und meine Fingerspitzen benetzte. Ich knurrte und fletschte die Reißzähne, immer näher rückte ich an den Feind heran, es fehlten nur noch wenige Zentimeter, dann würden meine Lippen seinen Hals berühren. Plötzlich durchfuhr ein bohrender Schmerz meinen Arm, es zischte und begann zu stinken. Ich hatte etwas von dem Weihwasser abbekommen! Laurean, dachte ich, verzeih mir, wenn ich es nicht schaffe, deinen Auftrag zu erfüllen. Ich brüllte wie ein wütendes, verwundetes Raubtier, dann sah ich mit einem Mal Laureans Gesicht vor mir, er kam immer näher und dann war es, als glitte er zu mir unter die Haut. Meine Brust schwoll an von seiner Wut und Kraft und dann schleuderte ich den Mönch mit einer einzigen Bewegung zu Boden. Im nächsten Moment schon zerrissen meine Zähne seine Hauptader. Ich spuckte das säuerliche Mönchsblut aus und ließ ihn in den Boden bluten. Wie besinnungslos vor Schmerz stürzte ich mich auf den nächsten Mönch, der gerade einen Salizaren ins Verderben geschickt hatte. So ging das Kämpfen und Schlachten bis zum Morgengrauen weiter. So verbissen wir uns auch wehrten, diese immer kleiner werdende Schar von Salizaren, die wir uns stets aufs Neue in den Wald zurückzogen, um kurz darauf erneut anzugreifen und den Mönchen etliche Verluste zufügen konnten, so musste ich mit Einsetzen der Dämmerung doch einsehen, dass der Kampf verloren war. Schließlich war ich die Letzte unseres Stammes, die, wenn auch durch die schwärende Wunde am Arm gezeichnet, noch stand. Ich verbarg mich im Geäst einer Eiche und suchte das Gelände nach überlebenden Salizaren ab, doch es war vergebens. Währenddessen wanderten die verbliebenen Mönche über das Gelände, sammelten ihre Toten ein und lösten die Überreste meines Volkes in stinkenden Weihwasserwolken auf.

Ich inspizierte die schmerzende Verwundung. Das Weihwasser hatte ein tiefes Loch durch Fleisch und Muskeln gebrannt, sodass ich bis auf den Knochen blicken konnte. Vermutlich hatte ich es nur dem Rest menschlichen Blutes zu verdanken, dass ich nicht wie alle Salizaren jämmerlich daran verendet war. Zum ersten Mal seit meiner Verwandlung war ich vollkommen allein und für einen Moment wünschte ich, dass ich mit meinem Volk gestorben wäre. Dann erinnerte ich mich an den Auftrag, den Laurean mir gegeben hatte. Ich murmelte ein paar heilende Worte und legte das fürstliche Amulett auf die Wunde, die sich augenblicklich schloss. Nur eine rötliche Vernarbung blieb zurück, etwa so groß wie mein Daumennagel. Mit den ersten Sonnenstrahlen verließ ich das Versteck und verschwand lautlos zwischen den Bäumen.