7. Kapitel

Als sie das blutige, brüllende Bündel von mir forttrugen, flehte ich Laurean an: «Tu es nicht, ich bitte dich, lass ihn bei uns bleiben!», doch es war vergebens.

Ich hatte Alesh unter grauenvollen Schmerzen geboren, weil der Salizarennachwuchs viel größer war als ein normales Baby, doch Laurean war unerbittlich geblieben: «Er ist kein Menschenkind, Alicia, das wusstest du von Anfang an. Für uns gelten die Gesetze der Salizaren, und auch du hast dich nach ihnen zu richten!»

Immer wieder hatte er mir dies eingeschärft, seitdem mein Leib sich zu wölben begonnen hatte, doch wieder einmal konnte ich meine menschliche Herkunft nicht verleugnen. Wenn ich auch die meisten Regungen aus meinem alten Leben abgelegt hatte, so war die Trennung doch schwer. Eben noch hatte ich Alesh in einem roten Schwall zwischen meinen Schenkeln hinausgepresst, und nun war er schon fort, nachdem ich kaum einen Blick auf ihn hatte werfen können.

«Er braucht mich», wimmerte ich, ohne dass eine Träne über meine Wangen rann. «Laurean, ich bin doch seine Mutter!»

«Er ist in deinem Leib gewachsen, aber deswegen bist du noch lange keine Mutter! Du vergisst immer wieder, dass du keine Menschenfrau mehr bist. Du könntest ihn nicht mal säugen.» Er legte seine Hände auf meine nackte Brust. «Sieh nur, du hast keine Milch, und wenn du sie hättest, würde es ihn umbringen. Alicia, Alesh gehört weder dir noch mir. Er ist kein Kind, er ist ein Salizarenjunges, und er braucht jetzt das Blut seines Stammes.»

«Aber er ist doch noch ein Baby!»

«Alesh ist kein Baby, Alicia, er ist nur noch nicht fertig. Die Blutammen werden sich um ihn kümmern, bis Orlathat uns das Zeichen ihrer Wiederkehr schickt. Du weißt, nur Alesh kann unser Volk vor der Vernichtung bewahren! Wenn es so weit ist, wirst du ihn wiedersehen.»

«Aber Laurean …»

«Schweig!»

Ich verstummte. In meinem Kopf wirbelte so vieles durcheinander und ich fühlte mich seltsam entrückt. Der körperliche Schmerz war bedeutungslos, aber da war noch etwas, das wie eine tiefe Wunde in meinem Inneren brannte. Ich warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein verletztes Tier.

Natürlich wusste ich, dass der Samen keine meiner Eizellen befruchtet hatte, sondern allein zu seinem Abkömmling herangewachsen war, und dass er für die Fortpflanzung meinen Leib nur als nährende Hülle gebraucht hatte. Aber dennoch hatte ich Alesh wie ein Baby in mir gespürt, viele Monde lang, und nun fiel mir das Loslassen schwer.

Laurean kniete neben mir nieder, schob die Arme unter mich und hob mich mühelos auf. Dann trug er mich aus der Nische der Salizarengruft, in der Alesh meinen Leib verlassen hatte. Auf seinen Armen durchquerte ich die Gruft, wo rege Betriebsamkeit herrschte. Es war bereits verkündet worden, dass der künftige Retter der Salizaren sich in der Obhut der Blutammen befand. Viele Brüder und Schwestern standen in Schlangen an, um ihr Blut für die Aufzucht des jüngsten Abkömmlings zu spenden.

Dieses verfluchte Menschenblut, dachte ich, und bettete meinen Kopf an Laureans Schulter, während er mich die steile Steintreppe zur Villa hinauftrug. Ich konnte ihm nicht böse sein, denn er kannte es nicht anders. Die Salizaren empfanden sich nicht als Eltern wie die Menschen, auch wenn wir deren Gestalt hatten und die Abkömmlinge auf ähnliche Weise zeugten und gebaren. Zwischen den Generationen wurde ebenso wenig unterschieden wie zwischen den Geschlechtern. Ein ausgewachsener Salizar alterte nicht und so gab es auch keinen Unterschied zwischen Jung und Alt, Erzeuger und Abkömmling. In dieser Welt, in der ich nun lebte, galt mein Kummer als unnötige und abseitige Regung. Es wäre schlicht als unnatürlich angesehen worden, wenn ich Alesh bei mir behalten hätte, ihn womöglich an der Brust säugen würde. Stattdessen würde Alesh mit dem reinsten Salizarenblut ernährt werden. So war es vorbestimmt. Ich wusste das alles und ich spürte bereits, wie der Widerstand gegen diese Fügung in mir schwand.

«Du wirst es überwinden», sagte Laurean und bettete mich auf unser Lager. Ein Frösteln überzog meinen nackten Körper, obwohl das nächtliche Kaminfeuer noch brannte. Laurean legte sich neben mich, berührte das Amulett und murmelte einige unverständliche Worte. Ich spürte, wie die Kraft in meinen Körper zurückkehrte und die Wunde zwischen meinen Beinen wie im Zeitraffer verheilte.

Ich fletschte die Zähne.

«Siehst du», sagte Laurean und senkte den Hals, damit ich ihn leichter erreichen konnte. Als ich die Hauptader unter der bleichen Haut pochen sah, beugte ich mich hinunter und legte meine Lippen auf die Stelle. Dann biss ich knurrend zu.

Laurean hatte recht gehabt: Der Moment menschlicher Schwäche war bereits überwunden und ich hörte auf, Alesh zu vermissen. In unserer Welt gab es weder einen Grund noch Platz für Trauer. In der darauffolgenden Nacht begab ich mich auf die Jagd nach Beute, als wäre nichts geschehen, ich folgte dem ewigen Rhythmus von Tag und Nacht. Laurean blieb mein bevorzugter Gefährte, aber ich hatte vollends die Vorstellung abgelegt, dass wir einander auf diese ausschließliche Weise gehörten, die den meisten Menschen so wichtig war. Eifersucht und Besitzdenken waren aus meinem Denken ebenso verschwunden wie die Sorge um Zukunft und Geld oder das Streben nach beruflichem Fortkommen. Ich fühlte mich frei und unbeschwert, da ich mich um all diese Dinge nicht mehr ängstigen musste. Von dieser nutzlosen Bürde befreit war ich unbesiegbar.

 

Eines Nachts streifte ich durch die Straßen der Stadt, als ein schriller Aufschrei mich von der Beute ablenkte. Es war ein Mann, der scheinbar ziellos durch die Stadt gestreift war und dem ich seit Längerem unauffällig folgte. Wir befanden uns in einem kleinen Waldstück, das an ein Wohngebiet grenzte. Die günstige Gelegenheit, auf die ich die ganze Zeit gewartet hatte, stand unmittelbar bevor. Nun blieb ich stehen und lauschte. Der Schrei war ganz aus der Nähe gekommen. Der Mann hielt ebenfalls inne und schien zu lauschen. Eine Frau in Not? Vielleicht meinte er, sich verhört zu haben, oder es war ihm gleichgültig, jedenfalls ging er nach kurzer Pause weiter.

Der Laut hatte mich alarmiert. Ich ließ die Beute ziehen, drückte mich in das Unterholz und horchte angestrengt in die Dunkelheit. Bis auf die gedämpften Geräusche der nächtlichen Stadt war nichts zu hören: Irgendwo ratterte eine Bahn, ein Auto hupte, menschliche Stimmen und das Bellen eines Hundes. Da erklang ein erneuter Aufschrei, dann ein gequältes Keuchen. Mit der Luft sog ich bittere Schwaden ein, ich witterte sofort die Gefahr und begriff, dass hier kein Mensch in Not war. Ich fletschte die Zähne und schlüpfte lautlos zwischen den Bäumen hindurch.

Durch das Geäst machte ich zwei Schatten aus, die auf einer kleinen Lichtung miteinander rangen. Ich hielt inne. Der Gestank nach fauligem Fleisch war überwältigend und ließ mich zurücktaumeln. Eine der beiden Gestalten richtete sich auf. Ein Mann offenbar, von großer Statur jedenfalls, der einen langen Mantel mit Kapuze trug. Er schien unversehrt zu sein, doch zu seinen Füßen krümmte sich, wie ich jetzt erkannte, ein wurmartiges, fleischiges Wesen. Es war nackt, nein, nicht nur nackt, es lag bloß und ohne Haut. An einzelnen Stellen stachen bereits die Knochen hervor, doch es lebte noch, es wand sich und jaulte. Auch im Todeskampf versuchte es noch sich zu wehren und fletschte seine Zähne. Die Zähne! Das Wesen erhob sich mit letzter Kraft auf die Knie. An seinem Hinterkopf hingen dichte, schwarze Haarsträhnen hinunter, eine prachtvolle Mähne, die im grotesken Widerspruch zu der blutigen Fratze stand, die einmal das Gesicht gewesen war. Eine Salizarin! Eine der Unsrigen!

Ich hatte mich schon zum Sprung bereitgemacht, da sah ich, dass der Mann in der erhobenen Hand ein kristallenes Fläschchen hielt. Instinktiv hielt ich inne.

«Stirb, du Ausgeburt der Hölle!», rief der Mann aus und schüttete den Rest der klaren Flüssigkeit über die zuckende Kreatur. Das getroffene Fleisch löste sich zischend auf und fiel in ganzen Stücken von den Knochen. Das Wesen fiel zu Boden, stieß noch ein letztes Wimmern aus, dann rührte es sich nicht mehr. Eine dünne, giftig stinkende Rauchsäule stieg von dem Häuflein aus Knochen und Gewebe auf. 

Ich stand wie gelähmt, mein Kampfeswille war erloschen. Der bittere Geruch des sich auflösenden Salizarenfleisches hatte sich in meinen Schleimhäuten festgesetzt und benebelte meine Sinne. Was sollte ich tun? Wer war dieser Fremde und was hatte er der Salizarin angetan?

Der Mann trat einen Schritt zurück. Meine Beinmuskeln spannten sich unwillkürlich an und ich fletschte erneut die Zähne. Trotz meines Entsetzens verspürte ich keine Angst, ich versuchte nur, meine Chancen abzuschätzen. Das Fläschchen mit der todbringenden Flüssigkeit war leer gewesen, doch was, wenn er noch mehr davon hatte? Der Unbekannte wandte mir noch immer den Rücken zu. Sollte ich es wagen? Wenn ich ihn rücklings ansprang, würde er vermutlich zu überrascht sein, um reagieren zu können, und bevor er sein todbringendes Fläschchen anheben könnte, hätte ich ihm meine Reißzähne bereits in seinen Hals geschlagen. Ich würde ihn bis zum letzten Tropfen aussaugen, sein Fleisch zerfetzen, ihm sein mickriges Geschlecht entreißen. Dieser Mann würde die Vernichtung der Blutschwester büßen, wenn ich auch noch immer nicht begriff, wie das geschehen konnte. Welche todbringende Flüssigkeit hatte das Fläschchen enthalten?

Ich war wütend und bebte vor Blutdurst, dennoch zögerte ich, ohne zu wissen, was mich eigentlich zurückhielt. Bisher hatte ich jedes menschliche Wesen mühelos überwältigt, egal wie groß oder kräftig es war. Am Ende rettete mich wohl dieser Moment der Unentschlossenheit, denn während ich noch zauderte, schlug der Mann die Kapuze zurück und das fahle Licht des Mondes schien auf die glänzende Haut seines Schädels, der von einem schmalen Haarkranz eingerahmt war.

Ein Mönch. Der Orden des Heiligen Vânatŏr! Ich knurrte kaum hörbar in seine Richtung, dann warf ich einen letzten Blick auf die schaurige Szene und zog mich lautlos in das Dickicht zurück.