6. Kapitel

Viele Blutfeste gingen ins Land. Ich hatte längst gelernt, mich unbemerkt zwischen den Menschen zu bewegen und sie, falls sie mich gesehen hatten, mit Hilfe des Amuletts alles vergessen zu lassen. So konnten wir auch ungestört die Villa betreten und verlassen und uns, falls es erforderlich war, ganz offen auf den Straßen bewegen. Manchmal bediente ich Kunden des Escortservice und wenn es sich ergab, dann machte ich sie zu meiner Beute. Es war immer wieder erstaunlich, wie leichtsinnig Männer, oft genug aber auch Frauen wurden, wenn sie Sex wollten. Mühelos lockte ich meine Beute an die entlegensten Orte. Wenn mir ein Exemplar besonders gut gefiel, brachte ich es in die Villa, wo sie bis zum nächsten Blutfest hinter dem Holzpaneel verschwanden. Dieses Privileg war allein Laurean und mir als seiner Gefährtin vorbehalten.

Nur selten noch dachte ich an mein altes Menschenleben zurück, aber manchmal kamen mir, ohne dass ich es verhindern konnte, die alten Empfindungen in die Quere. Manches Mal noch suchte ich Lena in ihren Träumen auf, obwohl es mir hinterher stets aufs Neue leidtat, doch lassen konnte ich es auch nicht. Es war eine Mischung aus Sehnsucht und Gier, die schwer zu ertragen war. Doch meistens bewegte ich mich mühelos und lustvoll durch die Träume der Menschen, richtete je nach Stimmung Gutes oder Schaden an, und verließ sie wieder. Es bedeutete ja nichts, es waren nur Träume.

Dann geschah etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. Es war kurz vor Mitternacht und ich begleitete einen Kunden aus der Hotelbar. Vor dem Verlassen der Bar hatte ich wie stets das Amulett berührt, so dass sich niemand an mich erinnern würde. Ich hatte bereits entschieden, wie ich heute verfahren würde. Dieser Mann war eindeutig geeignet, für das nächste Sânge Prospăt zu Diensten zu sein. Er war von ungewöhnlich stattlicher Statur und überragte mich um einen ganzen Kopf. Ich wusste, dass er auch Laurean gefallen würde. Wir hatten an der Hotelbar einige Drinks eingenommen, deren Alkoholgehalt meinen Begleiter sichtlich benebelte, während ich von der Wirkung unberührt blieb.

«Du verträgst ja ordentlich was, Süße», hatte er gesagt und seinen Blick ungeniert in den tiefen Ausschnitt meines Kleides wandern lassen.

«Lass uns zu mir gehen, mein Großer, es wird dir gefallen», hatte ich ihm daraufhin in das Ohr gesäuselt und mein Knie sanft in seinen Schritt gedrückt. Es war beinahe lachhaft, wie leicht die Menschen zu lenken waren. Als ich noch eine gewöhnliche Frau gewesen war, hätte ich es niemals gewagt, einen Mann so ungeniert zu verführen. Ich hätte gezweifelt, ob ich ihm wirklich gefiel, ob er mich vielleicht zurückweisen würde, oder ob er mich gar für eine hielte, die gleich mit jedem ins Bett ging? Doch diese Überlegungen spielten nun keine Rolle mehr, da ich mir meiner Wirkung sehr bewusst war. Ich war größer geworden und das Haar fiel wie ein schwarzer, seidiger Wasserfall über meinen Rücken. Für die Kunden kleidete ich mich so, wie sie es erwarteten: Knappe Kleider betonten meine langen, wohlgeformten Beine und die vollen Brüste. Keiner von ihnen hatte es sich bei meinem Anblick je anders überlegt. Inzwischen hatte ich mir angewöhnt, ein wenig mit ihnen zu spielen, um die Vorfreude länger auszukosten. Diesen Mann hatte ich auf dem Barhocker zappeln lassen, bis mein eigener Blutdurst kaum noch zu zügeln war. Als wir die Bar verließen, musste ich mich beherrschen, damit ich meine Reißzähne nicht sofort fletschte.

«Isa … ich glaube es nicht … bist du das?»

Ein Paar war uns im Eingang zur Bar entgegengekommen, beinahe wären wir zusammengestoßen. Die Frau war unter ihrer gepflegten Sonnenbräune blass geworden und starrte mich an, ihr Begleiter nicht minder.

«Isa, das kann doch nicht sein … du bist … du siehst …», stotterte die Frau. Die Begegnung kam so unerwartet, dass ich sie nicht sofort erkannte. Außerdem trug sie die Haare kürzer und rötlich gefärbt. Das war merkwürdig, denn in ihren Träumen hatte sie ausgesehen wie früher. Früher? Ich hatte keine Vorstellung davon, wie lange es her sein mochte, dass ich sie auf dem Polterabend zuletzt gesehen hatte. War es ein Jahr, fünf oder zehn?

«Lena», sagte ich. Sie so unvermutet in der Wirklichkeit zu sehen traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich vergaß den Kunden, der einen Schritt hinter mir verlegen von einem Fuß auf den anderen trat. Plötzlich wünschte ich, alles wäre nur ein schlimmer Traum gewesen, mein schlimmer Traum, und nicht Lenas. Ich würde aufwachen und keine blutdurstige Salizarin sein, natürlich nicht, denn so etwas gab es ja gar nicht, nicht wahr, es gab keine Vampire. Ich würde mir die Augen reiben, unter die Dusche springen und dann Lena anrufen. Stell dir vor, ich habe was total Ekliges geträumt, würde ich sagen und ihr alles im Detail erzählen, dann würden wir gemeinsam darüber kichern und wenn wir uns das nächste Mal zur Begrüßung umarmten, dann würde sie mir zum Spaß leicht in den Hals beißen, und wir würden um die Wette kreischen, und alle Umstehenden würden den Kopf schütteln und lächeln über die beiden Mittdreißigerinnen, die so unbefangen miteinander herumalberten wie Halbwüchsige.

«Wie siehst du nur aus … deine Haare sind ja so lang, seit wann trägst du sie schwarz, und du siehst so … so anders aus, wie ist denn das möglich …?»

Hauke starrte mich wortlos an. Lenas Augen waren weit aufgerissen und ich konnte förmlich sehen, wie sie versuchte, das, was sie sah, mit ihrem Verstand in Einklang zu bringen. Plötzlich veränderte sich ihr Blick und ich wusste, dass sie an die Träume dachte.

«Oh Gott, Hauke, sie ist es, ich hab es dir doch gesagt. Es war kein Traum, Isa ist …»

Bevor sie das Wort aussprechen konnte, hatte ich das Amulett berührt und die magischen Worte gesprochen, dann wandte ich mich um und lief davon. Weder meine Freundin noch ihr Mann noch der Kunde, den ich zurückließ, würden sich an mich erinnern.

Die Begegnung hatte mich zutiefst erschüttert, sodass ich unverrichteter Dinge in die Villa heimkehrte. Die Salizaren waren nun meine Heimat, und es hatte sich immer gut angefühlt, hierher zurückzukehren. Doch nun fühlte ich mich verwirrt und allein.

«Dieses verfluchte Menschenblut», rief ich aus, als ich weit vor der Zeit zurückkehrte und Laurean mit einem jungen Nobilat antraf. Der Fürst der Salizaren musste nicht jede Nacht in der Stadt herumstreifen. Wenn ihm danach war, ließ er einen seiner Brüder oder Schwestern kommen, für die es eine Ehre war, dem Fürsten mit Blut und Leib zu dienen. Laurean würdigte mich keines Blickes, bis er sein Mahl in aller Ruhe beendet hatte. Ich kauerte mich in eine dunkle Ecke des Saales und wartete. Am liebsten hätte ich geweint, doch meine Augen blieben trotz des Schmerzes trocken. Salizaren hatten nun einmal keine Tränen. In meinen Eingeweiden rumorte es, als hätte ich eine Darmgrippe. War es der Blutdurst, der mir zusetzte, weil ich in dieser Nacht noch keine Beute gemacht hatte, oder ein Kummer, den ich längst überwunden zu haben glaubte?

Laurean entließ den Nobilat und bedeutete mir, mich neben ihm auszustrecken. Als ich das frische Blut an seinen Lippen roch, wurde ich von der Gier überwältigt. Ohne dass ich ihn darum bitten musste, senkte Laurean das Haupt und bot mir seinen Hals dar. Ich schlang meine Arme und Beine um ihn, und während ich trank und er wohlig unter mir grunzte, spürte ich, wie Laureans Geschlecht anschwoll und sich in meinem Leib verankerte. Wir bewegten uns wie ein einziges Wesen, wir bissen und durchdrangen einander, bis ich alles andere vergessen hatte. Laureans Blut stillte meinen Durst ebenso wie meinen Kummer.

Als im Osten der Himmel heller wurde, legte Laurean einen Arm um mich, als wären wir Mann und Frau, und ich bettete meinen Kopf an seine Brust. Obwohl meine Verwandlung mich äußerlich und auch innerlich zu einem anderen Wesen gemacht hatte, so fühlte ich immer noch Dinge, die eine reinblütige Salizarin niemals empfinden würde, und ich grübelte über vieles nach, was die Brüder und Schwestern niemals hinterfragen würden.

«Was ist das zwischen uns? Laurean, ist das Liebe, was wir fühlen? Nach Jezebels Tod hättest du jede aus deinem Volk zur Gefährtin haben können. Warum also hast du mich erwählt?»

Laurean schwieg lange. Schließlich sprach er mit der tiefen Stimme der Weissagung: «Höre, Alicia: Es ist vorbestimmt, dass Orlathat, die Göttin des Blutes, erst zurückkehren kann, wenn der Fürst der Salizaren einen Abkömmling namens Alesh zeugt, sobald das nächste Blutfest im Schatten des toten Mondes steht. Und du, Alicia, die künftige Fürstin der Salizaren, wirst ihn in deinem Leib tragen.»

Laurean verstummte und schloss die Augen. Ich ließ mir die Worte durch den Kopf gehen. Etwas hatte mich daran gestört, doch ich kam nicht darauf, was es war. Dass ich dazu bestimmt sein sollte, einen Abkömmling der Salizaren zu gebären, war eine große Ehre, noch dazu, wenn dieser dazu erkoren war, die Blutgöttin aus der Verbannung zu holen. Ich wusste, dass mein Volk seit langer Zeit auf seine Erlösung wartete. Schließlich durchbrach Laurean erneut die Stille, diesmal mit ganz normalem Tonfall: «Du siehst also, es war alles vorherbestimmt.»

Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich keine Wahl gehabt hätte. Es war doch mein eigener Wunsch gewesen, bei Laurean zu sein, oder etwa nicht?

«Aber Laurean, das ergibt doch keinen Sinn! Wenn nicht Lenas Hochzeit gewesen wäre, dann hätte ich keine Begleitung für den Polterabend benötigt, und wenn ich dann nicht ausgerechnet die Seite von Champagne & More aufgerufen hätte, dann wären wir uns doch niemals begegnet!»

Laurean stieß ein raues Lachen aus, wie immer, wenn meine Unwissenheit ihn erheiterte. Normalerweise lachten die Salizaren nicht, genauso wenig wie sie weinten. Sie freuten sich weder, noch trauerten sie. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, ob in Laurean, Desan und Jezebel nicht doch ein Tröpfchen Menschenblut floss, doch dies auszusprechen hätte ich niemals gewagt. Es wäre einem Frevel gleichgekommen, dem Stammesfürsten zu unterstellen, sein Blut sei nicht rein. Und dennoch war ich mir sicher, dass Desans Hass sowie Laureans Zuneigung zu mir über das hinausgingen, was Salizaren üblicherweise fühlten.

«Ich weiß, was du von mir hören willst, Alicia. Ich habe mich lange genug bei den Menschen aufgehalten. Ihr redet von Liebe und ewiger Treue und lebt doch nur für einen Wimpernschlag. Ewig, was bedeutet das für ein Menschenleben, wie viele Blutfeste dauert es? Das ist doch nicht der Rede wert. Ich habe dich zu meiner Gefährtin erwählt, weil es so vorbestimmt ist. Reicht das nicht? Ist das nicht mehr wert als nutzlose Schwüre?»

Ich dachte lange nach, und schließlich nickte ich, weil ich einsah, dass er recht hatte. Es wäre zwecklos, eine menschliche Regung wie Liebe von Laurean zu erwarten. Unsere Verbindung war vorbestimmt und wir würden für immer zusammen sein. Mehr wollte ich ja gar nicht!

In diesem Moment fiel mir ein, was mich an der Weissagung gestört hatte.

«Laurean! Du … sie … es hat geheißen, ich wäre die zukünftige Fürstin der Salizaren. Wie kann das sein?»

Ich hob den Kopf und betrachtete sein schmales, bleiches Gesicht. Er lag so reglos, als schliefe er.

«Und ich liebe dich trotzdem», flüsterte ich und hoffte, dass das tatsächlich stimmte. In diesem Moment fühlte ich es wirklich. Laureans wunderschön geschwungene Lippen sahen aus, als lächelte er. Ich seufzte lautlos, dann streckte ich mich neben ihm aus, meinem Fürsten, Herrn und Geliebten, dann schloss ich ebenfalls die Augen und folgte ihm eilig in das Land der Menschenträume.