5. Kapitel
Wochen vergingen, vielleicht auch Monate, doch da ich keine Uhr mehr hatte und keinen Kalender mehr führte, verlor ich bald jedes Gefühl für die Zeit. Sie zu messen hatte jegliche Bedeutung verloren. Ich dachte nicht mehr ‹nächste Woche› oder ‹nächstes Jahr›, ich plante nicht mehr die Zukunft, stattdessen fügte ich mich in den endlosen Rhythmus meines Volkes ein. Ein Mal noch war ich in meine Wohnung zurückgekehrt, um die letzten Spuren, die noch an mein menschliches Dasein erinnerten, zu vernichten. Ich würde mich aus der Menschenwelt zurückziehen, das hatte ich entschieden, denn je länger ich mich bei den Salizaren aufhielt, umso sinnloser erschien mir all das Streben nach Geld, Besitz und beruflichem Aufstieg. Also setzte ich mehrere Schreiben auf, um Arbeit, Wohnung und alle weiteren Verpflichtungen meines früheren Lebens zu beenden. Mit Hilfe des Amuletts und eines Spruches, den Laurean mir verraten hatte, verwandelte ich anschließend alle Gegenstände, die sich noch in der Wohnung befanden, zu Staub. Am Ende blieb ein kleines Häufchen übrig, das ich mit beiden Händen aufnahm und dann aus dem geöffneten Fenster auf die Straße rieseln ließ. «Niemand darf Verdacht schöpfen», hatte Laurean erklärt. «Denke immer daran, in der Welt der Menschen keine Spuren zu hinterlassen. Der einzelne Mensch mag für uns leichte Beute sein, doch auch die Salizaren haben mächtige Feinde».
Vieles hatte sich für mich verändert. Meine Haut war blass geworden, da ich kaum noch am Tag das Haus verließ. Im Laufe der Monate war mein ehemals mittelblondes Haar zuerst immer dunkler und schließlich so tiefschwarz geworden wie das der anderen Salizaren. Es wuchs schneller als früher und wenn der Mond darauf schien, dann schimmerte es bläulich. Bei Tageslicht waren meine Augen nicht mehr blaugrün, sondern von einem unwirklich hellen, beinahe durchscheinenden Grau, das sich mit Anbruch der Nacht in ein schwarzes Funkeln verwandelte.
Das Blut der Menschen sättigte mich, aber das der Salizaren war es, das mir den Schwung und die Kraft eines Raubtieres verlieh. Aus dem Stand sprang ich nun mühelos auch über größere Distanz jede Beute an und brachte sie zu Fall. Ich bewegte mich lautlos durch die Nacht und kannte keine Furcht mehr. Meine Sinne für Gerüche und Geräusche waren geschärft, wie ich es als Mensch nicht gekannt hatte.
Inzwischen verstand ich auch, wie Laurean zu seinem makellosen Körper gekommen war. In der Menschenwelt hätte man für einen so muskulösen Leib strenge Diät halten und unaufhörlich trainieren müssen. Laurean jedoch tat nichts dergleichen. Er trank das Blut der schönsten Salizaren, und da ich seine Gefährtin war, stand mir das gleiche Recht zu. Mein Körper war sehnig geworden wie der seine, meine Brüste dagegen prall und rund. Ich fühlte mich unbesiegbar und genoss das Dasein in meinem neuen Körper. Im Zusammenleben gab es keine Unterscheidung zwischen weiblichen oder männlichen Salizaren, weder für den Blutdurst noch für die Paarung. Das Geschlecht hatte, außer für die Fortpflanzung, die innerhalb des Stammes streng geregelt war, keine Bedeutung. Ich verlor schon längst keine Gedanken mehr an Eifersucht oder Reue und lebte meine Triebe aus wie Laurean und die anderen Salizaren. Diese menschlichen Regungen waren in dem Maße verblasst, wie sich mein Blut mit dem meines Stammes vermischt hatte. Der Unterschied zu ihnen bestand nur darin, dass ich wusste, dass es diese Gefühle einmal für mich gegeben hatte, während sie ihnen vollkommen fremd waren. Die Blutdurstigen paarten sich unbekümmert und freudig untereinander und es galt weder als gut noch als schlecht, das zu tun, es war einfach das, was wir taten, insbesondere, wenn wir frisches Blut getrunken hatten, dabei war die gegenseitige Bereitschaft die einzige Voraussetzung.
Mit den Menschen war es beinahe noch einfacher, wenn auch bei Weitem nicht so befriedigend. Ohne zu wissen, was wir waren und aus welchem Grunde wir uns ihnen in Wirklichkeit näherten, konnten sie uns einfach nicht widerstehen. Wir bewegten uns geschmeidig und verströmten einen kraftvollen, unwiderstehlichen Geruch, und wenn sie in unsere Augen sahen, die wie schwarze Diamanten funkelten, hielten die Menschen in ihrer Einfalt die Glut unserer Blicke für Liebe oder Leidenschaft. Wir Salizaren boten ihnen unsere Körper an, weil dies der unauffälligste Weg war, die Beute an einsame Orte zu locken. Die Bezahlung, die wir dafür zum Schein annahmen, war unwichtig. Für einen Salizaren zählte nur das nahrhafte Blut, während die Menschen zum Opfer ihrer heimlichen Gelüste wurden, anstatt diese einfach frei auszuleben. Ich vergaß, wie gehemmt ich selbst gewesen war und es erschien mir nur noch irrsinnig, dass gesellschaftliche Tabus erst gemeinsam errichtet wurden, um dann von so vielen gebrochen zu werden. Sobald die Menschen in den Zustand ihrer erbärmlichen Lust verfielen, begaben sie sich leichtfertig und bereitwillig an einsame Orte, als wäre die Heimlichkeit und das Verbotene Teil des Vergnügens. Vielleicht war es ja so.
Ich hingegen hatte gelernt, meinen Gelüsten freien Lauf zu lassen, da es schlicht keinen Grund mehr gab, dies nicht zu tun. Niemand verurteilte mich, denn ich folgte nur meiner Natur. Dabei fühlte ich mich schön und stark und frei.
Desan war ich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht begegnet, nur manchmal, wenn ich mich im Schutz der Dunkelheit über eine Beute warf, spürte ich seine Nähe. Nun, da sein Blut sich mit meinem vermischt hatte, besaß ich eine Art zusätzlichen Sinn für seine Anwesenheit. Das war ganz natürlich, denn so ging es mir mit allen Brüdern und Schwestern, von deren Blut ich getrunken hatte. Doch warum ließ Desan nicht von mir ab? Manchmal kam es mir vor, als zöge er in Kreisen um mich herum, mal näher, mal ferner. Ohne dass ich ihn sah, verständigten wir uns durch fauchende und knurrende Laute, die nichts anderes verhießen, als dass ein Kampf zwischen uns noch bevorstand.
Eines Tages erlebte ich mein erstes Fest des Blutes, auch Sânge Prospăt genannt, bei dem lebende Beute in die Katakomben unterhalb von Laureans Villa gebracht wurde. Die Gewölbe hatte ich zuvor noch niemals betreten. An diesem Tag verstand ich erst, warum wir Salizaren einander in den Wohnräumen so selten begegnet waren. In der ersten Zeit hatte ich immer wieder schattenhafte Gestalten hinter einem beweglichen Holzpaneel verschwinden sehen, das sich an einer Seite der Eingangshalle befand.
«Du musst dich erst bewähren, es ist noch nicht an der Zeit», hatte Laurean gesagt, als ich ihn fragte, wohin der Weg führte und ob ich den Raum, oder was auch immer sich hinter der Wand befand, ebenfalls betreten dürfte. Ich war neugierig, was mich dort erwartete, doch ich hätte es nicht gewagt, mich Laureans Befehl zu widersetzen.
Eines Tages endlich war es so weit. In der Minute, als die Sonne hinter dem Horizont versank, führte er mich hinab. Zuvor hatte ich meine erste Abolla erhalten, den traditionellen Umhang der Salizaren, der nur bei besonderen Anlässen getragen wurde. Meine Abolla bestand wie Laureans aus dunkelrotem Samt. Die Nobilat trugen schwarze, die Suprimat blaue und die niederen Inzepat aschgraue Abollas. Außerhalb der Villa kleideten wir uns, um nicht aufzufallen, in der jeweiligen Mode der Menschen. Laurean hatte mir erklärt, dass sein Stamm nur durch diese Anpassung überlebt hatte. Doch zu diesem Festtag waren wir unter uns. Unter der Abolla waren wir unbekleidet. Die Salizaren zeigten ihre prachtvollen Körper mit dem unbefangenen Stolz schöner Tiere, denn Gefühle wie Scham kannten sie nicht.
In der Eingangshalle hatte sich bereits eine Traube aus roten und blauen Umhängen gebildet, die in Richtung Treppe strebten. Die wartenden Inzepat hielten sich etwas abseits. Als Laurean sich näherte, wichen die Brüder und Schwestern ehrfurchtsvoll zurück. Hinter dem geöffneten Holzpaneel schritten wir zunächst eine schmale Treppe hinab, die auch in einen Keller hätte führen können, nur dass es in diesem Fall tiefer hinabging. Stufe für Stufe ging es immer weiter hinab. Hinter uns hörte ich das Rascheln der Abollas und den Atem der Salizaren, die uns in gebührendem Abstand folgten. Je tiefer wir hinabstiegen, umso lauter wurde das Gemurmel und Knurren, es schwoll an wie an jenem Abend, als Laurean mir das Amulett verliehen hatte. Bald spürte ich meine Füße nicht mehr. Es war, als würde das Summen aus unzähligen Salizarenkehlen mich tragen. Ich leckte mir die Lippen und fletschte erwartungsvoll die Zähne, dann stimmte ich in das Knurren mit ein.
Die Treppe vor uns wurde breiter und mündete schließlich auf einen Felsvorsprung, der wie ein Balkon durch eine in den Stein gehauene Mauer begrenzt war. Jenseits der Balustrade fiel die Felswand steil ab. Rechter Hand führten weitere Stufen hinab in die Grotte.
Wir traten an die Brüstung. Von diesem Punkt aus überblickten wir die Salizarenhöhle, die in ihren Ausmaßen so gewaltig war wie ein unterirdischer Dom. Der Anblick war überwältigend und das Gewölbe so weitläufig, dass ich in dem herrschenden Dämmerlicht nicht alle Ecken und Winkel ausmachen konnte. Alle paar Schritte waren die Felswände von Gängen unterbrochen, die sich wie Würmer in das Erdreich bohrten. An den Wänden brannten Fackeln und an mehreren Stellen waren mannshohe Feuer entzündet, dennoch herrschte bestenfalls ein diffuses Licht. Hunderte von Salizaren wimmelten geschäftig am Grund des Gewölbes umher, andere lagerten noch um die Feuer herum, denn die Nacht brach gerade erst an. Die Unruhe, die jeden Salizaren zu dieser Tageszeit befiel, war bereits zu spüren. Der Blutdurst ließ die Luft förmlich vibrieren.
Laurean hob die Hände und das Summen und Knurren verstummte augenblicklich. Ein Meer aus erwartungsvoll funkelnden, nachtschwarzen Augen richtete sich auf den Fürsten der Salizaren.
«Brüder und Schwestern, heute ist Sânge Prospăt, das geheiligte Blutfest. Bringt die Beute herein», befahl Laurean. An der Pforte eines der Gänge, die in das Erdreich führten, standen mehrere Nobilat Wache. Sie traten beiseite und trieben die Herde der Blutsklaven herein. Die meisten von ihnen waren vor langer Zeit einmal Menschen gewesen, die gefangen worden waren. Man hatte sie gezwungen, Salizarenblut zu trinken, damit sie nicht an unseren Bissen starben. Ihrer Kleidung entblößt und kahl geschoren irrten sie wimmernd in der Menge umher. Die Wächter trieben sie zusammen und führten sie zum Platz unterhalb der Brüstung, an der wir standen. Das blutdurstige Knurren der Menge schwoll erneut an, doch noch berührte niemand die Blutsklaven, denn traditionell hatte der Fürst die erste Wahl. Erst wenn er seine Beute erwählt und zugebissen hatte, durfte das Fest für den Rest des Stammes beginnen. Bis zum Anbruch der Morgendämmerung durften sich alle der Sklaven bedienen, sogar die Inzepat, die nur selten lebendige Beute vor die Reißzähne bekamen, und schon gar keine, in denen reines Salizarenblut floss.
«Alicia, Schwester und Gefährtin des Fürsten, du darfst das Blutfest beginnen.»
Ein Raunen ging durch die Menge der Salizaren. Laurean nickte mir zu. Ich ließ meinen Blick kurz über das Gewimmel nackter Körper zu unseren Füßen schweifen. Dann deutete ich auf eine Sklavin, die frisch und unversehrt aussah.
«Die dort will ich, Herr, wenn du gestattest!»
Sogleich sprangen zwei Wächter eilfertig herbei und ergriffen ein zartes Wesen mit porzellanweißer Haut. Sie hoben es mühelos an und trugen es die Treppe aus der Gruft zu uns herauf. Ich knurrte gierig, konnte es kaum erwarten, meine Zähne in den weichen, biegsamen Hals zu bohren.
«Halt, Laurean, du hast nicht das Recht, mit den alten Sitten zu brechen. Du willst deiner Menschenhure bei Sânge Prospăt den Vortritt lassen? Sie ist unreiner als ein Inzepat!»
Ich erkannte Desans Stimme sofort, weil sie genau wie die Laureans klang, der Ton ging mir durch und durch. Außerdem hätte kein anderer Salizar es gewagt, sich der Entscheidung des Fürsten offen zu widersetzen, mochte ein Befehl ihm nun zusagen oder nicht. Die Nobilat wichen zur Seite und sahen Laurean an. Wie würde er reagieren, was würde er ihnen befehlen?
Desan trat aus der Menge heraus und stellte sich vor die zitternde Blutsklavin. Die Wächter knurrten unbestimmt in seine Richtung, sie wussten sichtlich nicht, was sie nun tun sollten. Der Befehl ihres Herrn war eindeutig gewesen, andererseits war Desan des gleichen Blutes, stammte wie Laurean direkt von Androlus ab und war damit höhergestellt als sie selbst. Doch schon trat Laurean seinem widerspenstigen Bruder entgegen.
«Du magst von meinem Blute sein, Desan, doch das ändert nichts daran, dass du der Verräter unseres Stammes bist! Also wage es nicht, Alicia eine Hure zu nennen. Sie ist euer aller Schwester und meine Gefährtin für alle Zeiten und steht damit weit über dir.»
Desan stieß ein höhnisches Lachen aus und entblößte die spitzen Zähne. Das unruhige Raunen der wartenden Menge wurde lauter: Niemand wagte es, dem Fürsten der Salizaren mit entblößten Reißzähnen entgegenzutreten, es sei denn, er lud dazu ein.
«Alicia, wie du sie nennst, ist in Wahrheit ein Mensch und sie wird es auch immer bleiben.»
Desan spuckte die Worte beinahe aus, die edlen Gesichtszüge, die Laureans auf so verblüffende Weise glichen, waren von Verachtung und Hass verzerrt.
«Sie ist kein Mensch mehr, denn mein Blut fließt durch ihre Adern, und auch deines, wie ich hörte. Willst du mir vielleicht sagen, dass du dich gegen deinen Willen von einem Menschen hast beißen lassen, wo du doch so stark und unbesiegbar bist? Alicia hat dein Blut getrunken, und mit meiner Erlaubnis wird sie es so oft tun, wie es sie danach gelüstet.»
«Und wenn schon», knurrte Desan wütend, doch er wich einen Schritt zurück. Es war bereits offensichtlich, wer als Sieger aus dieser Auseinandersetzung hervorgehen würde. «Sie wird niemals Jezebel gleichen. Du hast unsere Schwester durch eine Menschenhure ersetzt! Was glaubst du, was Androlus dazu sagen würde? Er hätte dich verstoßen, er hätte einen Blutsklaven aus dir gemacht!»
Laurean machte aus dem Stand einen gewaltigen Sprung nach vorne. Unmittelbar vor Desan kam er zum Stehen.
«Du redest von Androlus und Jezebel, wo du doch schuldig bist an ihrer Vernichtung? Du hast uns an die Mönche verraten, weil du mir neidetest, dass der mächtige Fürst Androlus mich bevorzugte, ebenso wie Jezebel es tat, und wenn du es auch leugnest, so bleibt es dennoch wahr. Du bist tiefer gesunken als der unwürdigste Inzepat, darum wirst du ihnen für die Dauer des heutigen Blutfestes Gesellschaft leisten. Die Verbannung konnte dich ja offenbar nicht eines Besseren belehren, vielleicht gefällt es dir ja besser, dich mit den Inzepat zu paaren und ihnen dein Blut zu schenken?»
Laurean wandte den Kopf zur Seite, so als könne er den Anblick seines Bruders nicht länger ertragen und winkte vier kräftige Nobilat heran.
«Das kannst du nicht tun», heulte Desan auf. Noch im Moment der Niederlage funkelten seine Augen böse, denn Laureans Urteil bedeutete die schlimmste Demütigung, die einem Salizaren widerfahren konnte. Im hinteren Bereich der Gruft, welcher der untersten Kaste vorbehalten war, schnatterten die Inzepat erregt durcheinander. Die Neuigkeit hatte sich schnell herumgesprochen: Zu diesem Blutfest durften die Niederen des Stammes sich nicht nur über die Sklaven hermachen, sondern sich am Blut eines Nobilat laben. Desan wurde in die Ecke der Inzepat geführt, wo ihn ein vielstimmiges, lüsternes Grunzen begrüßte.
Ich fragte mich, ob die Strafe, die Laurean verhängt hatte, seinen ungehorsamen Bruder in die Schranken verweisen würde oder ob dessen Hass dadurch nur noch tiefer würde. Doch es stand mir nicht zu, die Entscheidungen des Salizarenfürsten infrage zu stellen. Unterdessen hatte auch mein eigener Blutdurst Oberhand gewonnen und ich dachte nicht länger über Desan nach. Laurean nickte in Richtung der Wächter, die immer noch meine Blutsklavin festhielten. Diese kniete nun vor meinen Füßen nieder und senkte ergeben den Kopf. Die umstehenden Salizaren grunzten beifällig, während ich mich über die Sklavin beugte und meine Reißzähne in den biegsamen Hals schlug. Ich saugte und schmatzte gierig, bis ich mich darauf besann, dass der Stamm wartete, also hob ich den Kopf und ließ das Blut über meine geöffneten Lippen, den Hals und die Brust rinnen. Laurean nickte beifällig, damit war Sânge Prospăt eröffnet. Im nächsten Moment stürzten sich Hunderte von Salizaren laut aufheulend auf die Meute der Sklaven.
Bald war die Luft erfüllt vom betörenden Duft des roten Saftes und der ganze Stamm der Salizaren verfiel in einen Zustand vollkommener Ekstase. Der Boden der Gruft dampfte von der Hitze der Körper, die sich unermüdlich über Blutsklaven hermachten. Sie wälzten sich im Blut der Unglücklichen, die bald am ganzen Körper mit Bisswunden übersät waren. Da sie Salizarenblut getrunken hatten, konnten sie nicht sterben. Wenn das Blutfest beendet war, würde man ihre Wunden schließen und sie bis zum nächsten Fest in ihr Verließ sperren. Doch die Nacht war lang und je mehr Blut unsere Kehlen hinabrann, umso berauschter wurden wir. Wir hatten längst unsere Abollas abgelegt, die nur hinderlich waren und nicht beschmutzt werden durften. Unsere bloßen, blutüberströmten Körper glänzten im Licht der Feuern und Fackeln. Im Morgengrauen gab Laurean mir ein Zeichen, dass es Zeit war, in die Villa zurückzukehren. Als der Fürst die Gruft verließ, war das Fest beendet. Die entkräfteten Slaven wurden fortgebracht und die Salizaren sanken ermattet dort zu Boden, wo sie zuletzt gewütet hatten.
Schweigend stiegen wir die Treppe hinauf und betraten den holzgetäfelten Saal in dem Moment, als die Sonne ihren ersten blassen Strahl über den Horizont schickte. Das Kaminfeuer war am Erlöschen. Laurean streckte sich auf unserem Lager aus und ich folgte ihm, bettete meinen Kopf an seiner Brust. Ich atmete den Duft seines Körpers ein, der so gut nach ihm roch, einfach nach Laurean, und nach frischem Blut.
Diese Zeit im Morgengrauen war für mich die schönste des Tages. Des Nachts jagten wir, machten Beute und ließen unseren Trieben freien Lauf. Doch dieser Moment gehörte nur Laurean und mir. Dann gab ich mich kurz der Illusion hin, wir seien einfach ein Mann und eine Frau, die sich liebten. Ich konnte nicht mit Gewissheit sagen, was diese Zweisamkeit ihm bedeutete, doch in einem war ich mir sicher: Es entsprach ganz und gar nicht dem Wesen der Salizaren. Diese Nähe zwischen uns war besonders und allein mir vorbehalten.
Ich schloss die Augen und machte mich wie jeden Morgen auf die Suche nach einem Traum, da holte Laureans Stimme mich zurück: «Vor tausend mal tausend Monden weilte der Dunkle Fürst, den die Menschen Satan oder Teufel nennen, auf der Erde. Orlathat, die Göttin des Blutes, stieg vom heiligen Berg Genore herab, nahm Menschengestalt an und vereinigte sich mit dem Fürsten, um den Globus mit ihren Nachkommen zu besiedeln. Sie gebar erst Damianor, dann Androlus und Geser. Damianor verfluchte Orlathat, weil Androlus und Geser sich paarten, er hingegen keine eigene Gefährtin besaß. Zunächst säte er Zwietracht zwischen Orlathat und dem Dunklen Fürsten, der die Blutgöttin daraufhin in die Verbannung schickte. Nun forderte Damianor für sich eine eigene Gefährtin, die der Dunkle Fürst ihm sodann aus einem Klumpen seines Blutes formte und sie Gelebal nannte. Androlus hatte fortan in Damianor einen Feind, der ihm die Vorherrschaft neidete, die Orlathat dem bevorzugten Zweitgeborenen zugesprochen hatte. Androlus erschuf mit Geser den Stamm der Salizaren, während Damianor und Gelebal die Sippe der Morganthen begründeten. Beiden war die vom Dunklen Fürsten vorgegebene Menschengestalt gemein und beide hatten von Orlathat den Blutdurst geerbt. Sie mischten sich unter die Menschen, die ihnen äußerlich glichen und ahmten ihre Sitten und Gebräuche nach. In immer größer werdenden Rudeln zogen die Salizaren und die Morganthen über den Erdball, und solange sie sich nicht begegneten, war alles gut. Sie konnten einander nicht töten, doch wenn einer des einen Stammes den anderen zwang, sein Blut zu trinken, dann gewann er Macht über ihn. Da beide Stämme ungefähr über die gleichen Kräfte verfügten, hielt sich das Verhältnis zwischen den verfeindeten Sippen lange im Gleichgewicht. Meistens beschränkten sie sich darauf, menschliche Beute zu finden und mieden einander. Oft suchten sie ihre Beute in den Klöstern und Abteien, denn diese lagen weitab der Städte und Siedlungen, sodass oft wochenlang kein Fremder erschien. Für die Blutdurstigen war es eine entbehrungsreiche Zeit, da die Menschensiedlungen viele Tagesmärsche auseinanderlagen. Die Salizaren hatten oft nichts als ihre ausgedörrten Körper, um sich gegenseitig zu stärken. Zu jener Zeit entstand die Sitte des Sânge Prospăt. Wir fingen Menschen ein und fütterten sie mit unserem Blut, damit sie nicht so rasch starben und der ganze Stamm satt werden konnte. Androlus bestimmte, dass alle dreiunddreißig Monde das Blutfest zu Ehren Orlathats stattfinden sollte.
Damianor indessen hatte die Schmach, die Orlathat ihm angetan hatte, niemals vergessen. Er wusste, dass sie Androlus vor der Verbannung ein Amulett mit einem Tropfen ihres Blutes gegeben hatte, das dem Träger ewige Kräfte verlieh und ihm ermöglichte, das Blut seines Stammes aufzufrischen. Die Morganthen hingegen wurden von Generation zu Generation schwächer, da ihr Lebenssaft sich mit dem von Mensch und Tier vermischt hatte und unrein wurde. Bald trachteten sie danach, Orlathats Amulett an sich zu bringen. Der hinterhältige Damianor schlich sich in das Vertrauen eines Abkömmlings von Androlus ein. Das war Desan, der so zum Verräter wurde: Damianor versprach ihm ein Heer von Blutsklavinnen und die künftige Herrschaft über die Salizaren, wenn er den Morganthen half. Desan ließ sich nach Damianors Anweisungen in ein Kloster einschleusen, das sich in der Nähe des Berges befand, auf dem die Salizaren zu jener Zeit lebten. Dieser Orden war einst von den Morganthen heimgesucht worden und hatte sich seither der Jagd auf Vampire und Dämonen verschrieben. Schändlicherweise hatten die Morganthen bei ihrem Überfall gegen das Erste Gesetz verstoßen: Hinterlasse niemals Spuren in der Welt der Menschen! Stattdessen hatte Damianors Stamm sich nicht nur einem tagelangen Blutrausch hingegeben, was außerhalb des Blutfestes streng verboten war, nein, sie hatten außerdem noch übersehen, dass einer der Mönche sich verbergen konnte. Er überlebte das Wüten als Einziger und wusste nunmehr um die tatsächliche Existenz der Blutdurstigen. Bis dahin hatten sich nur Sagen und Geschichten um uns gerankt, die die Menschen sich ängstlich zuraunten. Die Kirchenfürsten hatten den Tod der Mönche vertuscht, worauf der Überlebende des Ordens sich von seinem Glauben losgesagt hatte und einen eigenen, freien Orden gründete, den er Heiliger Vânatŏr nannte. Das bedeutet Jäger. Er sorgte dafür, dass das Geheimnis unter seinen Brüdern bewahrt wurde. Fortan scharte er nur noch Frater um sich, die vom christlichen Glauben abgefallen waren. Nachdem Desan ihnen unseren Aufenthaltsort verraten hatte, gelang den Mönchen ein überraschender Angriff, in dessen Verlauf sie den mächtigen Blutfürsten Androlus und seine Gefährtin Geser vernichteten. Im letzten Moment streifte Androlus mir Orlathats Amulett über und ich flüchtete mit den wenigen noch lebenden Brüdern und Schwestern. Seither herrsche ich als Fürst über die Salizaren. Es vergingen viele Blutfeste, bis unser Stamm erneut die Größe und Macht erreicht hatte, die er vor dem Verrat besessen hatte. Du musst wissen, dass nur der Träger des Fürstenamuletts neue Abkömmlinge zeugen kann, denn so hat es Orlathat bestimmt. Wir müssen vor unseren Feinden stets auf der Hut sein. Wenn die Mönche uns erneut aufspüren …»
Laurean verstummte.
Ich dachte über seine Worte nach, dann fragte ich: «Was ist mit Jezebel? Ist sie bei dem Überfall der Mönche auch vernichtet worden?»
«Ja», sagte Laurean. «Jezebel ist der Grund, warum mein Bruder mich so sehr hasst. Du erinnerst dich, dass wir aus einer Paarung von Androlus und Geser entsprungen sind. Wenn wir Menschen wären, würdet ihr das Drillinge nennen, und doch ist es bei uns ganz anders. Die Abkömmlinge der Salizaren werden nicht wie Menschenkinder aufgezogen. Von dem Moment an, wo wir die Frucht des Körpers verlassen, werden wir von der Gemeinschaft aufgezogen. Sie lassen uns ihr Blut trinken, damit wir Viele sind und Gleiche. Wenn das, was bei den Menschen die Geschlechtsorgane sind, bei uns ausgereift ist, erleben wir den ersten Biss des Fürsten, dann erst verlassen wir die Gruft. Wir haben nicht Vater oder Mutter, wie es bei den Menschen Sitte ist. Alle Salizaren sind Brüder und Schwestern im Blute, doch das Besondere bei Desan, Jezebel und mir ist gewesen, dass Geser uns zur gleichen Zeit in ihrem Bauch getragen hat, was bei unserer Art nur sehr selten vorkommt. Gemeinsam wurden wir also in die Welt geworfen, und gemeinsam verließen wir erstmals die Gruft. Wir waren immer zusammen, wir erkundeten die Welt, wie alle jungen Salizaren es tun, machten Beute und vereinigten uns mit den Brüdern und Schwestern, natürlich immer nach den Gesetzen der Kaste. Obwohl es bei uns so etwas wie Treue nicht gibt, hat Desan Jezebel nie verziehen, dass sie schließlich mich wählte. Also war es sicher kein Zufall, dass sie bei dem Anschlag zugegen war und mit Androlus und Geser zusammen vernichtet wurde. Desan wollte unsere Schwester lieber töten, als sie an mich zu verlieren.»
«Dann war Jezebel … vor mir an deiner Seite?»
«Ja», antwortete Laurean schlicht. «Aber die Mönche haben es nicht geschafft, ihr Amulett an sich zu nehmen. Die Weissagung der Blutgöttin muss eintreten, sonst bedeutet es das Ende unseres Stammes! Du wirst noch begreifen, wie wichtig es ist, dass du ihr Amulett trägst.»
«Warum?», fragte ich. «Ich meine, die Mönche sind doch nur Menschen? Können wie sie nicht besiegen?»
Anstelle einer Antwort schloss Laurean die Augen und ließ mich mit zahllosen weiteren Fragen zurück. Vielleicht dachte er nach, oder er tauchte bereits in einen Menschentraum ein. Da wir nicht schliefen, war das Senken der Lider der einzige Weg, um uns vor der Welt und den Unsrigen zurückzuziehen. Schließlich tat ich es ihm gleich und ließ mich auf das weiche Lager sinken, das uns als Ruhestatt diente. Verwirrt machte ich mich auf die Suche nach einem Traum.
Ich stolperte durch finstere, höllengleiche Abgründe, in denen ein junger Mann auf der Suche nach seinem Kopf herumwanderte. Eine Weile sah ich ihm dabei zu, doch ich hatte keine Lust, mich einzumischen. Kurz darauf fand ich mich an einem paradiesischen Südseestrand wieder. Dunkelhäute Menschen streiften träge umher. Einige von ihnen wiegten sich im Takt zu einer Melodie, die von irgendwoher an den Strand getragen wurde. Ich ließ meine Füße von der Brandung umspielen, da nahte aus der Ferne eine Gestalt, die mir seltsam bekannt vorkam. Plötzlich stand sie vor mir. ‹Isa›, sagte sie. ‹ich habe dich so vermisst!›. Lena, dachte ich und starrte sie ungläubig an. Mein Herzschlag geriet aus dem Takt. Da wir Salizaren keine Angst kannten, gab es keinen Grund für Erregungszustände, doch nun brachte der Anblick meiner Freundin den Anteil menschlichen Blutes in mir zum Erzittern. Ich erkannte in Lenas Augen den Schmerz, der unter anderen Umständen auch meiner gewesen wäre. Wir hatten einander einmal so nahe gestanden, sie war meine einzige Vertraute gewesen, der einzige lebende Mensch, der mir wirklich nahe war und den ich nicht verstoßen hatte, und dann hatte ich es doch getan, um bei Laurean sein zu können. Dabei hatte ich sie geliebt wie eine Schwester. ‹Es tut mir so unendlich leid, Lena›, sagte ich. Bitte verzeih mir, wollte ich hinzufügen, aber ich sah in ihren Augen, dass sie es schon getan hatte. Lena legte den Kopf ein wenig schräg, wie sie es immer tat, wenn sie lächelte. Ihr blondes Haar fiel zur Seite und entblößte die feine Linie ihres Halses. ‹Komm mit mir nach Hause›, sagte Lena. ‹Alles wird wieder gut. Wir sind dir nicht mehr böse. Komm nur wieder zurück!› Sie ergriff meine Hand und lächelte, so froh, mich getroffen zu haben an diesem unwahrscheinlichen Ort. Jetzt fiel mir auf, dass sie einen Kranz aus Blumen im Haar trug und einen knappen, gelben Bikini, den ich wiedererkannte, weil ich ihn mit ihr zusammen gekauft hatte. Für die Hochzeitsreise mit Hauke. Ich wusste noch, wie wir kichernd wie die Teenager eine Umkleidekabine belagert hatten, während ich ihr einen Bügel nach dem anderen hineingereicht hatte, von omahaften Badeanzügen mit Rüschen an der Hüfte bis hin zu heißen Stringtangas, und sie hatte alles ausnahmslos anprobiert. Wie hatten wir gelacht! Am Ende hatte sie sich für den gelben Bikini entschieden, der ihre leicht bronzefarbene Haut zum Leuchten brachte. Ich hatte Lena immer um ihren makellosen Teint beneidet, während ich selbst mit über dreißig immer noch mit Pickeln und Mischhaut zu kämpfen gehabt hatte. Erst jetzt, da Salizarenblut durch meine Adern floss, war mein Körper vom Kopf bis zu den Füßen ebenso glatt und rein wie der ihre, nur eben viel blasser. Auch wenn Lena noch einen Schritt von mir entfernt stand, konnte ich ihr Blut riechen, und es zu trinken erschien mir wie die süßeste Verheißung. Natürlich wusste ich, dass ich es nur im Traum trinken würde, aber das war immer noch besser, als es gar nicht zu kosten. Während Lenas grüne Augen sich noch wie hoffnungsvolle Scheinwerfer auf mich richteten, konnte ich nicht anders, als sie besitzen zu wollen. Mit einem Satz war ich in der Luft und warf sie zu Boden. Lena kam nicht mehr dazu, meinen Namen auszurufen, so schnell ging alles. Wie besessen schlug ich meine Zähne in ihren Hals und trank, während ich ihren immer schlaffer werdenden Körper in Besitz nahm. Ich ließ erst von ihr ab, als meine Gier besänftigt war. Ihre Augen waren weit geöffnet, und ihr Mund öffnete sich zu einem klagenden Laut, der mir beinahe das Herz brach. ‹Warum?›, fragte sie. ‹Isa, warum?›
Ich leckte das unvergleichlich süße Blut von meinen Lippen und wünschte zugleich, dass ich diesen Traum für meine Freundin ungeschehen machen konnte. Wenn ich gekonnt hätte, dann hätte ich geweint, doch meine Augen blieben sogar im Traum trocken. Es machte mich schwach und wütend zugleich, dass ich immer noch so menschlich empfand. Eine Salizarin zu sein war um so vieles einfacher, es gab kein Gut oder Böse, keine Reue oder Scham. Als die, die ich nun war, konnte ich meine Gier befriedigen, wie ich es wünschte, solange ich die Gesetze der Kasten einhielt. Niemand, nicht einmal Laurean, mein Herr und Gefährte, urteilte darüber. Und nun regte sich ein Gefühl, das ich lange hinter mir gelassen zu haben glaubte. Ich bereute, was ich Lena angetan hatte: Dass ich sie am Tage ihrer Hochzeit im Stich gelassen hatte, dass sie wegen mir so traurig und wütend gewesen war, und nun würde sie sich zu allem Überfluss, wenn sie am Morgen erwachte, an einen grauenvollen Alptraum erinnern.
Plötzlich stand Laurean neben mir. Lena schrie erschrocken auf und ihr Blick irrte flackernd zwischen ihm und mir hin und her. Der Fürst der Salizaren zeigte sich in seiner ganzen Pracht, Spuren von Beute zierten seinen ansonsten makellosen Körper. Ich fand ihn schön und Ehrfurcht gebietend, aber vor allem wollte ich, dass Lena keine Angst mehr haben sollte.
‹Ich will nicht, dass sie sich daran erinnert›, sagte ich. ‹Hilf mir, Laurean, bitte! Am Tage machen wir das doch auch, mach, dass sie es vergisst!›
‹Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Komm jetzt, du kannst es nicht mehr ändern. Es ist ihr Traum, du hast keinen Einfluss darauf, an was sie sich erinnern wird.›
Laurean berührte sein Amulett und schon fanden wir uns vor dem Kaminfeuer wieder. Es war bereits entzündet, das Zeichen, dass die Sonne untergegangen war und die Nacht anbrach.