Kapitel 3

Bruder Gregory saß in einer Ecke von Master Kendalls großer Diele und war innerlich am Kochen. An diesem Morgen war eine neue Schiffsladung mit Gütern aus Asien eingetroffen, und der Haushalt war in Aufruhr: Gesellen und Schreiber eilten mit geheimnisvollen Besorgungen hin und her, aus Küche und Ställen drang Stimmengewirr, und sogar Master Kendalls Stimme war durch die geöffnete Tür seines Kontors zu hören; er bat darum, eine Bahn Seide zurückzulegen, damit sie die Gemahlin des Bürgermeisters prüfen könne. Margaret ließ sich nirgendwo blicken.

»Wahrscheinlich hat sie mich vergessen – oder aufgesteckt, ohne sich die Mühe zu machen, mich zu benachrichtigen. So geht das eben mit dieser Sorte Mensch.« Bruder Gregory war sehr grämlich zumute. Er hatte noch nicht gefrühstückt, was den meisten Menschen nichts ausmacht, da man um elf Uhr die Hauptmahlzeit einnimmt. Doch ihn stimmte das den ganzen Morgen mißmutig. Er wurde noch mißmutiger, als er ein Gespräch mit anhörte, das aus der Küche herausdrang:

»Die Mistress treibt aber auch immer spaßige Kerle auf, was? Wißt ihr noch, der mit dem schwarzen Gewand, der umherspazierte und alles segnete?«

»Und dann diese Ausländer mit einem Lappen um den Kopf und dem kleinen schwarzen Jungen, der ihnen immer hinterherlief? Die hatte der Master aufgetrieben.«

»Die beiden sind vom gleichen Stamm. Aber der jetzige ist ja wohl der Griesgrämigste, den wir bislang hatten – wenn ihr mich fragt.«

»Dann hast du wohl den Burschen mit dem gelben Gesicht aus Venedig vergessen.«

»Italiener gelten nicht – die sind doch alle übergeschnappt.«

»Nicht so übergeschnappt wie die Deutschen, wenn ihr mich fragt.«

»Nun ist aber Schluß«, sagte Bruder Gregory bei sich. »Ich gehe, und dann kann sie mich suchen kommen und betteln. Ich bin von meiner Neugier kuriert.« Und schnellen, zornigen Schrittes war er bei der Haustür angelangt, wobei er fast seiner Nase verlustig gegangen wäre, weil die Tür nämlich aufgestoßen wurde, um Margaret, gefolgt von einem Diener mit einem leeren Korb, einzulassen.

»Aber, Bruder Gregory! Ihr wollt doch nicht etwa schon gehen?« Margaret erfaßte mit einem Blick die Verärgerung, die Bruder Gregory ausstrahlte, gleichsam wie Hitzewellen, die man über einem Kornfeld wabern sehen kann. Sie war in Fütterstimmung. Die kam zuweilen über sie und war das Ergebnis von all dem Gekoche und Gefüttere, zu dem man sie auf dem Bauernhof angehalten hatte. Sie war unterwegs gewesen, um die Armen zu füttern, nachdem sie sich zuvor schon ihre Töchter und sämtliche Lehrbuben geschnappt und abgefüttert hatte. Jetzt musterte sie Bruder Gregory prüfend. Er mußte ganz entschieden gefüttert werden.

»Ihr habt noch nicht gefrühstückt, wie? Ihr seid viel zu groß, als daß Ihr ohne Frühstück auskommen könntet. Ihr werdet ja krank und schwach.« (Kurzgeratenen Menschen erzählte sie, wenn diese Stimmung über sie kam, man könne noch wachsen.) »Also, umgedreht und dorthin gesetzt, während ich nachsehe, ob die Köchin noch ein bißchen für Euch hat.«

Einer Frau in Fütterstimmung kann man sich unmöglich widersetzen. Es ist, als könnte sie geradewegs durch einen hindurchblicken bis hin zu jener kleinen, schwachen Stelle, die dort seit Kleinkinderzeiten ist und die nicht weiß, wie man sich gegen Autorität sperrt. Bruder Gregory ließ sich lammfromm von ihr hinsetzen, während man ihm Brot, Käse und einen Krug Ale brachte. Sie stand vor ihm, während er aß, und als man ihm ansah, daß er zusehends umgänglicher wurde, sagte sie:

»Na! Wenn Ihr das nicht gebraucht habt? Wenn alle Welt frühstücken würde, es gäbe keine Kriege mehr.«

Bruder Gregorys angeborene Streitlust war zurückgekehrt, und er antwortete mit halbvollem Mund:

»Das ist eine gänzlich unlogische Feststellung. Der Herzog von Lancaster, welcher ein großer Krieger ist, frühstückt jeden Tag. Doch ich weiß von einem heiligen Abt, der tagelang nichts zu sich nimmt und nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tut.«

»Man kann eben nicht alles nur mit zwei Beispielen beweisen.«

»Ihr habt gerade versucht, ein empörendes non sequitur mit lediglich einem Beispiel zu beweisen – mit mir«, sagte Bruder Gregory süßsauer.

»Ach, Latein, dahinter wollt Ihr euch also verstecken.«

»Ich verstecke mich überhaupt nicht, ich sitze hier vor Euch und erinnere Euch daran, daß Euer Buch nicht vorankommt«, sagte Bruder Gregory und verputzte auch noch das letzte Stück Brot.

»Lieber Himmel, wir haben ja kaum noch Zeit!« rief Margaret, und so machten sie sich umgehend an die Arbeit.

Alle führten nur noch den Namen und das Lob meines Freiers im Munde. Dieser Lewis Small, wie eindrucksvoll, wie elegant! Was für ein Glück Margaret doch hat, wirklich zuviel Glück, es ist schlechterdings ungerecht, sagten alle. Niemand scherte sich darum, wie oft ich sagte: »Ich will ihn nicht! Er macht mir Angst!« Immer nur »die glückliche Margaret, so ein selbstsüchtiges Mädchen, sie weiß nicht zu schätzen, was andere für sie tun. So ist sie schon immer gewesen, wenn man es recht bedenkt«. Man sagt, nur Toren setzen sich gegen das Schicksal zur Wehr. Aber ich finde das gar nicht töricht. Schließlich weiß man nie, wie alles hinterher kommt, bis es dann gekommen ist, warum also sich gleich hinsetzen und Däumchen drehen? Aber damit konnte ich zu niemandem gehen, beim besten Willen zu niemandem. Also wandte ich mich an Vater Ambrose und weinte. Schließlich muß einem der Beichtvater doch zuhören, auch wenn er nicht will. Gewiß, so sagte ich und wischte mir die Augen, findet Gott, daß Leute, die nicht heiraten wollen, nicht heiraten müssen. Aber zu meiner Überraschung wurde die Miene des Priesters hart, als ich ihm erzählte, daß Master Smalls Gesicht mir Angst einjagte. Ich müsse die Furcht überwinden, belehrte er mich, und mich dem Willen meiner Eltern fügen, denn das sei auch der Wille Gottes.

»Aber – aber könnte ich statt zu heiraten nicht Nonne werden?« wagte ich schüchtern zu fragen. Außer sich fuhr Hochwürden Ambrose hoch und schrie auf mich herab, wie ich da kniete:

»Du? Eine Braut Christi? Meines Wissens hast du keinerlei Berufung – Mistress Leichtfuß die Tänzerin, Mistress Frohmut die Sängerin, Mistress Nachtschwärmer die Küsserin! Wehe, du lästerst mir die heiligen Schwestern! Bitte Jesus, daß er dich stärkt und dich dankbar macht für die Ehe mit einem so vortrefflichen Mann wie Lewis Small!«

»Ein vortrefflicher Mann?« Ich blickte zu ihm hoch.

»Jawohl, vortrefflich! Bei weitem vortrefflicher als irgend jemand aus deiner eigenen Familie. Zwar nicht vornehm von Geburt, doch vornehm von Gesinnung, vornehm von Tat und vornehm in seiner Liebe zur Mutter Kirche. Er hat bereits soviel gespendet, daß ich das Dach reparieren lassen kann. Und für den Tag Eures Hochzeitsgelübdes hat er versprochen, ein Fenster fürs Kirchenschiff zu spenden. Willst du es in deinem Eigennutz etwa soweit treiben, daß du dieser heiligen Stätte kein Buntglasfenster gönnst? Bereue, bereue jetzt, dann sei dir vergeben, und heirate in aller Sittsamkeit und Demut, wie es sich für ein Mägdelein frommt!«

Wie ich jene Buße haßte! Warum tut uns Gott dergleichen an? Damals ging mir auf, es könnte daran liegen, daß Gott ein Mann ist, oder besser, daß Männer und Gott ähnlich denken. Denn wenn Gott eine Frau wäre, würde alles ganz anders zugehen, so wollte mir scheinen. Gewißlich würde Sie kein Mädchen zur Ehe zwingen, wenn es nicht heiraten wollte. Die Frauen würden die Wahl haben, und die Männer würden warten müssen, daß man sie erwählte und in aller Sittsamkeit und Demut gehorchen. Es ginge ganz, ganz anders zu auf der Welt, wenn Frauen die Wahl hätten. Doch so ist es nun einmal nicht, und darum wurden wir vor dem Kirchenportal von einem Hochwürden Ambrose getraut, der nichts anderes mehr im Kopf hatte als sein neues Kirchenfenster.

Da Mutter das Braugeschäft betrieb, war das Brautbier noch üppiger als bei der Hochzeit der einzigen Tochter des Heuaufsehers von St. Matthew's. Aber ehe noch Speisen und Getränke zur Hälfte verzehrt waren, rief mein Mann seine Leute zusammen, führte mich zu einem farbenprächtig herausgeputzten Maultier und half mir mit einer schwungvollen Geste beim Aufsteigen.

»Ah!« riefen die Frauen aus, denn sie fanden, Master Small sähe genauso aus wie der Held einer romantischen Ballade, als er mich in den Sattel hob. Richard Dale jedoch, der jetzt alle Hoffnung auf die einst von ihm begehrte Mitgift fahren lassen mußte, sah wortlos und mit geisterblassem Gesicht zu. Fast tat mir mein früherer Freier leid. Als der Troß der Maultiere den Kirchhof verlassen wollte, drehte ich mich um, warf einen letzten Blick zurück und sah, wie die Männer Richard Dale ein Bier aufdrängten, und dann ein weiteres. Gewiß war er bereits stockbetrunken, wenn die letzten Gäste sich auf den Weg zu unserem Haus machten.

Eine lange Reise bietet Gelegenheit zum Nachdenken. Ich hätte voller Vorfreude sein, hätte von meinem neuen Heim und der prächtigen Stellung träumen sollen, zu der ich aufgestiegen war, nur weil ein wohlhabender Fremder zufällig meiner ansichtig geworden war. Statt dessen überlegte ich wieder und wieder, warum ausgerechnet ich? Gewiß, für ein Mädchen vom Dorf hatte ich eine gute Mitgift, doch was war die schon für einen Mann, der ein Kirchenfenster kaufen konnte? Verschuldet dürfte er mithin nicht sein. Verrückt vor Liebe sollte er sein, hingerissen von meiner Schönheit. Aber wenn er von meinem brennenden Blick sprach, konnte ich mich wirklich an nichts dergleichen erinnern. Sehr liebeskrank wirkte er jedenfalls nicht auf mich. Ob Männer von Welt das besser zu verbergen wissen? Und warum war er auf seiner Brautschau so weit gereist, wo doch die Städte nur so von schönen, rot und golden gekleideten Frauen wimmeln sollten? Ach, es war mir einfach schleierhaft. Außerdem hatte er etwas an sich, wovon ich eine Gänsehaut bekam. Mir wurde immer bedrückter zumute. Vor mir, auf dem schmalen, staubigen Pfad ritt mein Bräutigam mit seinen Freunden und vertrieb sich die Zeit mit Liedern über die Unbeständigkeit der Frauen. Hinter mir ritten schweigend seine bewaffneten Gefolgsleute. Jetzt weiß ich, wie sich ein Warenballen beim Transport vorkommt, dachte ich.

Auf einmal stob aus einem Gerstefeld neben uns ein Schwarm Amseln auf. Warum konnte nicht auch Margaret so fortfliegen? Ich laufe fort, schoß es mir durch den Kopf. Aber das ging nicht. Für eine Frau gibt es nur die Ehe. Sonst endet sie in der Gosse – das weiß doch jeder. Es mußte also sein. Ich versuchte mir einzureden, es sei alles gar nicht so schlimm. Alle sagen, man gewöhnt sich daran, und außerdem hat man Kinder, und die sind dann der Lohn. Wenigstens wird das behauptet. Ein niedliches Kindchen, gar nicht so schlecht. Dann müßte ich wirklich nicht mehr über ihn nachdenken.

Nicht lange nachdem wir die Kirchtürme, die niedrige Stadtmauer und die Burgtürme der Stadt gesichtet hatten, wurden die Maultiere in den Stall von Master Smalls Anwesen geführt. Es glich mehr oder weniger den anderen Häusern von Kleinkrämern, die zu beiden Seiten standen. Die Vorderfront verlief in einer Flucht mit der Straße, das untere Stockwerk war lediglich ein langer, unterteilter Raum mit der großen Diele in der Mitte, dahinter die Küche, die Gesinde- und Lehrlingsquartiere und ein Laden zur Straße hin. Nach hinten heraus gab es einen bezaubernden, kleinen Garten. Unter der Diele befanden sich im Keller Lagerräume, die nach Fellen stanken und darüber ein Schlafzimmer mit Söller. Im ersten Raum, unserem Schlafzimmer, stand ein großes Himmelbett, am Fußende eine Lade für wertvolle Dinge. Außerdem ein Tisch und eine weitere Lade am Fenster zur Straße hin, wo mein Mann seine Buchführung machte. Im zweiten Zimmer, in dem Frauenarbeiten wie Nähen und Weben verrichtet wurden, schliefen sein Sohn aus erster Ehe und dessen Kinderfrau. Außerdem standen in dem Zimmer eine leere Wiege und ein weiteres Bett. Es war klar, daß Lewis Small sich so schnell wie möglich mehr Kinder erhoffte.

Selbst wenn das Gesinde nicht so ernst und still gewesen wäre, ich hätte von Anbeginn an gemerkt, daß in diesem Haus etwas nicht stimmte. Ich dachte, ich wüßte warum, als das Kindermädchen Master Smalls kleinen Sohn zur Begrüßung hereinbrachte. Es war ein kleiner, blasser Junge, keine fünf Lenze alt, der seinen Vater mit großen glänzenden, blöden, blauen Augen anstarrte, ohne ihn zu erkennen. Er konnte nicht sprechen. Als ich sein schmales, ungesundes Gesichtchen sah, da kam mir jäh ein gemeiner Gedanke: Kinder kann ich besser machen. Ich sah, wie Smalls Augen schmal wurden, als er den Jungen mit ruhiger, harter Stimme fortschickte. Ein eitler Mann, dachte ich, der die öffentliche Schande nicht erträgt, daß er einen Simpel zum Erben hat. Und dabei war in Wirklichkeit ich der Simpel. Jedoch dauerte es in Master Smalls Haus nicht lange, und ich hatte herausgefunden, wie simpel ein Mädchen ohne weltläufige Erfahrung doch sein kann. Wenn ich auch nur geahnt hätte, um wieviel weniger simpel ich bald sein würde, ich hätte mich damals noch mehr gefürchtet.

Nachdem er das Kind fortgeschickt hatte, rief mein Mann nach Wasser, um sich den Reisestaub von Händen und Gesicht zu waschen, und schickte einen Jungen mit der Botschaft zum Pfarrer, er sei zurück. Dieser treffliche Mann traf denn auch bald ein, gefolgt von einem Jungen mit einem Weihrauchgefäß, um das Brautlager zu segnen und um Söhne zu beten. Rings um das Bett scharten sich viele Menschen – ich wußte nicht so recht, wer davon die Verwandten waren –, während der Priester endlos um Söhne, Enkel und Urenkel betete, das Bett mit Weihwasser besprengte und den Raum verräucherte.

Draußen auf der Straße, unter dem Fenster, grölten und pfiffen seine Freunde in der sommerlichen Abenddämmerung. Bei dem Lärm flackerten Smalls Augen so fahrig wie die Kerzen in den schwarzen, eisernen Wandleuchtern. Im Zimmer war es vollkommen still, abgesehen von seinem Atem, während er mich langsam von oben bis unten musterte, die ich immer noch in meinem Hochzeitskleid dastand. Sein Blick machte mir Angst, und ich setzte mich auf die Bettkante, während er dastand, die Hände in die Hüfte gestützt, und mich immer noch wortlos ansah. Dann durchmaß er auf einmal das Zimmer, verriegelte die Tür und richtete ohne das mindeste Lächeln das Wort an mich.

»Zieh das da aus. Ich will sehen, was ich gekriegt habe.« Er blinzelte so flink wie ein Reptil. Ich blickte ihn bestürzt an. Eine Hochzeitsnacht ohne Küsse und süße Worte konnte ich mir nicht vorstellen.

»Hat man dir nicht beigebracht, daß du deinem Ehemann in allen Dingen Gehorsam schuldest?« Seine Stimme klang leise und scharf, auf seinem Gesicht lag der Abglanz eines kalten Lächelns. »Also beeil dich bitte und zeig mir, daß du gehorsam sein möchtest – und hör auf, dich unter der Bettdecke zu verstecken; ich habe keine Braut in der Decke gekauft.« Sein Anblick war mir unerträglich; ich verbarg mein Gesicht in der Überdecke.

»Gehorsam heißt, gehorsam in allem. Nichts, was ein Mann in der Ehe tut, ist unschicklich. Verstehst du? Wieviel weißt du überhaupt?«

Ich errötete wider Willen. Sie hätten einen schon in einer Kiste aufziehen müssen, damit man nicht einiges mitbekam.

»Genug, wie ich sehe«, und damit zog er mir die Decke weg, und seine hellen Augen glitzerten. Nachdem er genug gesehen hatte, begann er fahrig vor sich hinzumurmeln:

»Ei, das dürfte mir kein Tagewerk, sondern ein Nachtwerk werden, ein rechtes Nachtwerk.« Ich war bestürzt. Was um alles wollte er damit sagen? Zuhause war alles so anders.

Im Stehen zog er sich den Kittel aus, so daß er in seinem langen, weißen Leinenunterhemd dastand. Er lief im Zimmer herum, als ob er sich zu etwas durchringen müßte. Dann zog er auch noch das Hemd aus, und da kamen seine ausgebeulten Leinenunterhosen zum Vorschein. Der gleiche Gürtel, der seine Unterhose hielt, hielt auch seine Bruch, die vorn an zwei langen Hosenträgern befestigt war. Ein Mann in Unterhosen und Bruch wirkt irgendwie komisch. Es ist einfach würdelos. Wie er so blinzelnd dastand, fing er an, mich zu belustigen. Noch lustiger fand ich es, als sich herausstellte, daß er als Mann soviel taugte wie ein ertrunkener Regenwurm. Irgendwie komisch, auf welche Weise ich vor meinen widerwärtigen ehelichen Pflichten bewahrt wurde! Er unternahm mehrere vergebliche Versuche, das zu tun, was sich ziemte, ehe er wütend ausrief:

»Da hat doch der Teufel die Hand im Spiel! Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Jemand hat uns verhext!«

Lachen wollte in mir hochblubbern, und es gelang mir nicht schnell genug, mein Gesicht zu verbergen. Er sah das Zucken um meinen Mund, fuhr zu mir herum, und in seinen aufgerissenen Augen loderte es:

»Du bist die Hexe! Du, genau wie die andere! Aber dieses Mal lasse ich mich nicht betrügen, ich schlage dich, bis dir das Lachen vergeht, du schlaue, kleine Schlampe!« Er durchmaß das Zimmer und holte sich die Reitpeitsche, die auf der Wäschetruhe lag, kam schnellen Schrittes zurück und packte mich beim Arm. »Du mußt erzogen werden, Hausfrau«, sagte er mit einem Anflug seines kalten Lächelns, »und ich werde dich gebührend anlernen.«

Ich möchte nicht weiter auf die Art seiner Erziehung eingehen, außer daß sie sehr schmerzhaft war. Und damals erfuhr ich auch einige neue und unangenehme Dinge über Master Lewis Small. Zum einen erregte ihn Blut. Als er sein Werk in Augenschein nahm, begann er vor Wollust zu zittern. Er hielt einen Augenblick inne, und seine Augen schnellten hin und her wie die einer Schlange, die eine Maus mustert, die sie gerade verschlingen will. Und dann warf er sich jäh wieder auf mich, und als er endlich fertig war, öffnete er ohne ein einziges Wort die Fensterläden und hörte sich die zotigen Glückwünsche seiner Freunde an, während dieses seltsame, eisige Lächeln seine untere Gesichtshälfte verzerrte. Danach wickelte er sich in die Überdecke, drehte sich um und schlief ein.

In jener Nacht schlief er, als wäre nichts geschehen, und schnarchte dabei fürchterlich, während ich weinend im Bett aufsaß. Wieder und wieder fragte ich mich, warum ich, warum ich? Warum mußte er so weit reisen, mich ausfindig machen und mein Leben zerstören, wo es doch allein in dieser Stadt Dutzende von Mädchen gibt, die er heiraten könnte, Mädchen mit einer größeren Mitgift, Mädchen mit goldenem Haar? Warum wohl brauchte ein Mann wie er ein Mädchen vom Lande? Als Antwort auf meine unausgesprochenen Gedanken meinte ich, in der Stille des Raumes eine Art Seufzen zu vernehmen. Das Dunkel schien voll namenlosen Kummers zu sein.

Am nächsten Morgen setzte sich Small vollkommen ausgeruht im Bett auf, obwohl ich mich nicht so gut fühlte. Aber das Schicksal schien beschlossen zu haben, daß die Entdeckungen kein Ende nehmen sollten. So war das bei Small – immer etwas Neues. Als ich das Gesicht vor ihm verbarg, sagte er kalt:

»Es gehört zu den Pflichten einer Ehefrau, früh aufzustehen und ihren Mann zu bedienen. Faulheit ist eine Todsünde. Eine Frau sollte nie mutwillig ihrem von Natur aus unreinen Wesen noch weitere Sünden hinzufügen. Muß ich dich bestrafen, um dich vor deiner angeborenen Schlechtigkeit zu bewahren?« Als ich mühsam hochkam, beugte er sich aus dem Bett und holte sich die Peitsche vom Fußboden, wo er sie am Abend zuvor hatte liegenlassen.

»Und jetzt«, sagte er ruhig und mit einem freundlichen Lächeln, »jetzt möchte ich, daß du als Zeichen deines künftigen Gehorsams niederkniest und die Rute küßt und mir dankst.«

»Nein«, flüsterte ich und wich rückwärts in die Ecke. Dieses Mal sollte er mich nicht so leicht erwischen. Ich würde auf ihn losgehen und ihm die Augen auskratzen, sollte er sich wieder auf mich stürzen.

»Nein?« sagte er, ohne die Stimme zu erheben. »Muß ich dir erst etwas brechen? Oder reicht es, wenn ich dir erzähle, was ungehorsamen Ehefrauen blüht? Ich bin ein sehr nachsichtiger Ehemann, denn ich möchte nicht, daß du den Sohn verlierst, den du zweifellos seit letzter Nacht trägst. Doch wenn ich nicht so rücksichtsvoll wäre, könnte ich dir beide Beine brechen. Das ist nämlich schon vorgekommen, und der Mann, der das getan hat, wurde als hochherzig gepriesen, weil er zuvor einen Chirurgen bestellt hatte, der die Beine seiner Frau wieder einrichten sollte. Doch so konnte sie ihm natürlich nicht dienen, wie?« fragte er und spielte dabei mit der Peitsche. Mir standen vor Entsetzen die Haare zu Berge.

»Aber ich bin Christ, ein zivilisierter Mensch, der verzeihen kann. Ich vergesse diesen Ungehorsam, wenn du dich besserst. Du wirst es sehr gut haben. Andere Frauen werden dich beneiden. Doch wenn du weiter bockig bist – weißt du eigentlich, wie viele Möglichkeiten es gibt, sich einer eigensinnigen Frau zu entledigen? Ich werde dich für verrückt erklären lassen, wenn dein Trotz mir mißfällt. Und wenn du erst ein paar Wochen in der Dunkelheit nur in der Gesellschaft von brabbelnden Irren angekettet gewesen bist, dann bist du wirklich verrückt. Und ich bin frei und kann dich dort vergessen und mir eine fügsamere Frau suchen.« Wieder dieses Lächeln. »So, jetzt hast du es dir gewiß überlegt und küßt diese Rute?« Ich starrte ihn entsetzt an. Auf dergleichen wäre ich nie, meiner Lebtage nicht gekommen.

»Mach schon«, sagte er. »Laß dir verzeihen, und ich kaufe dir ein neues Kleid.« Mein Gott, wie schimpflich. Lieber nackt herumlaufen.

»Einen Schritt hast du schon gemacht, mach noch einen. Es sind ja nur noch drei«, sagte er mit diesem furchtbaren, kalten Lächeln. »Knie nieder«, half er nach. Er beobachtete jede Bewegung mit seinen eisigen Augen. »Ja, war denn das so schlimm? Neige den Kopf und küsse sie.« Er streichelte meinen gebeugten Nacken. »Siehst du, wie einfach es ist? Sei mir zu Gefallen und trage mir Söhne und besorge mein Haus, und ich sorge für dich. Wenn du dich aber als störrisch und ungehorsam erweisen solltest, dann eben nicht.« Sodann hieß er mich aufstehen und rief ruhig seinen Diener herein, so als wäre nichts geschehen.

Als nun sein Kammerdiener eintrat, um ihn zu barbieren, da zerplatzte meine allerletzte Illusion, wenn ich überhaupt noch eine gehabt hatte. Vermutlich war ich neugierig, und so sah ich aus der Ecke zu. Zunächst half der Mann ihm ins Hemd, band ihm die Schnabelschuhe zu, nahm dann seinen Leibrock und den Überrock vom Haken, wo sie hingen, strich sie glatt und brachte sie in Ordnung. Dann legte er einen Eisenstab mit langem Griff ins Feuer, um ihn zu erhitzen, während er Small rasierte. Als das getan war, nahm er den geheimnisvollen Stab, hielt ihn an Master Smalls Kopf und wickelte eine Haarsträhne drum herum. Brandiger Geruch erfüllte das Zimmer. Als er das Haar wieder abwickelte, war es vollendet gelockt! Noch eine Drehung, noch mehr Gestank, und die nächste Locke war fertig. Und in kurzer Zeit bauschte sich Reihe um Reihe ebenmäßiger Locken um Smalls Kopf. Ich glotzte wie blöde. Doch damit nicht genug, der Barbier holte einen kleinen Topf und tauchte den Finger hinein. Flink und gewandt verstrich er den Inhalt auf den Wangen seines Herrn, und so entstand vor meinen Augen aufs Neue jenes blühende Aussehen, welches die Frauen im Dorf so angestaunt hatten. Als Small sich in einem kleinen bronzenen Handspiegel genug bewundert hatte, ertappte er mich beim Glotzen und fuhr mich an:

»Genug gesehen, du rückständige, kleine Bauerndirne? Raus jetzt, ehe ich dich wieder lehren muß, wo dein Platz ist!«

Ich verzog mich schnell in die Küche und wollte mich anschicken, die vielen Dinge zu lernen, die ich wissen mußte, um sein Haus und sein Gesinde besorgen zu können.

Das war keine leichte Aufgabe für ein Mädchen frisch vom Lande und eben vierzehn und einen halben Lenz. Ich trat ein und stand verlassen am Herdfeuer herum und sah wahrscheinlich genauso verloren aus, wie ich mir vorkam, und zu schüchtern war ich auch, als daß ich zu fragen gewagt hätte, was ich tun mußte. Die Köchin ließ von ihrer Arbeit ab und baute sich vor mir auf, und die Mägde scharten sich stumm um sie. Nachdem sie mich sehr lange gemustert hatten, so als wolle sie mich einschätzen, begann sie, mir auf eigenartig sanfte Weise den Haushaltsablauf zu erklären und mir zu zeigen, wo sich alles in der Küche befand. Und so kam es, daß ausgerechnet das Gesinde mir beibrachte, wie man auf dem Markt die richtigen Mengen für den Haushalt einkauft, woran man verdorbenes Fleisch und verfälschte Waren erkennt, wie man ein großes Essen plant, Wäsche näht und ausbessert und mit dem großen Schlüsselbund umgeht, das ich nun an meiner Mitte trug. Viele der Vorräte, beispielsweise die Gewürze, wurden, wie auch die Lagerräume unten und die Truhen mit den Wertsachen, fest unter Verschluß gehalten. Es war alles ganz, ganz anders als auf dem Lande.

»Was Salz und Zucker angeht, da ist auf die Köchin kein Verlaß«, sagte die Kinderfrau. »Sie stiehlt.«

»Was Wein angeht, da ist auf die Kinderfrau kein Verlaß, sie trinkt«, sagte die Köchin. Beide Frauen waren sich jedoch darin einig, daß man alles Eßbare vor den Lehrlingen und Knechten verschließen mußte und daß unsere Hauptmahlzeit spätestens um halb elf Uhr morgens auf dem Tisch zu stehen hatte, sonst würde der Himmel einfallen. Und so machte meine Ausbildung als Hausfrau Fortschritte, bis ich die Haushaltsgeschäfte recht gut allein führen konnte. Ich stürzte mich aber auch in diese Arbeit, was das Zeug hielt, denn Kummer wird durch Müßiggang nur schlimmer.

Aber die Arbeit vermochte nichts gegen die Schrecken der Nacht. Ich konnte das Zimmer oben einfach nicht ertragen. Ich bildete mir ein, es wäre etwas darin. Etwas Unsichtbares, das mich jedes Mal beim Eintreten mit einem seltsamen, schweren Kummer erfüllte. Bei Tage versuchte ich herauszufinden, was es war, wenn nämlich die Dunkelheit und meine Ängste das Bild nicht trübten. Tagsüber hatte das Zimmer nichts Entsetzliches an sich – keine seltsamen Blutflecken, kein fauliger Geruch, der auf irgendeine böse Tat hindeutete, die hier verübt worden war. Das Zimmer war sauber und schön ausgestattet. Die Wände waren reinlich weiß getüncht, und nirgendwo hingen Spinnweben von den Dachbalken herab. Auf dem Boden lagen frische Binsen ausgebreitet, dazwischen hatte man lieblich duftende Kräuter gestreut. Ordentliche, eiserne Kerzenhalter spendeten abends Licht. Mehrere, eher kleine, leuchtend farbige Wandbehänge aus Wolle ließen keine Kälte durch, und gut schließende Fensterläden hielten die kühlen Nachtwinde davon ab, durch die unverglasten Fenster ins Zimmer zu blasen. Ein paar gedrungene Truhen, von denen eine die Kerbhölzchen und Dokumente meines Mannes enthielt, und ein Tisch, an dem er seine Abrechnungen machen konnte, vervollständigten die Einrichtung. Wenn sich das Zimmer im Haus eines anderen Mannes befunden hätte, es hätte mir direkt gefallen können.

Zu meiner Erleichterung schlief mein Mann die zweite Nacht auf der Stelle ein, ohne mich zu belästigen, und ich lag lange wach und blickte durch die halb geöffneten Bettvorhänge in einen Winkel der Zimmerdecke. Ich warf mich in jener Nacht hin und her und träumte von etwas im Raum, das ich nicht genau benennen konnte. Beim Aufwachen am nächsten Morgen fühlte ich mich wie zerschlagen, mein Gesicht war blaß, und unter meinen Augen lagen dunkle Ringe. Auch als die Ringe von Tag zu Tag dunkler wurden, bis meine Augen schon tief in den Höhlen lagen, machte niemand eine Bemerkung. Mittlerweile war ich durch Schlafmangel und die nächtlichen Aufmerksamkeiten meines Mannes erschöpft. So trübselig und qualvoll hatte ich mir mein Leben gewiß nicht vorgestellt, und allmählich wünschte ich, ich würde krank werden und sterben.

Der einzige, dem das nicht aufzufallen schien, war mein Mann, der mit der gleichen kalten Energie wie immer seinen Geschäften nachging. Rührte denn nichts, rein gar nichts sein Herz? Ich fing an, ihn zu beobachten, versuchte herauszufinden, welche geheimen Dinge ihn wohl anrührten. Aber das war so vergebens, als wollte man die Gedanken eines Insektes herausfinden, das in einer Fußbodenritze auf- und abkrabbelt. Aber sein Tun und Treiben machte mir allmählich klar, daß es selbst unter den Wohlhabenden Abstufungen von Wohlhabenheit gibt und daß Lewis Small zu jenen kleinen Kreaturen gehörte, die dazu verdammt sind, für immer vor der Tür der Hochgestellten zu warten und zu hoffen, daß sie durch einen glücklichen Zufall in Kleidung oder Umgang in die Kreise Höherstehender aufgenommen werden. Genau dieses Verlangen, zu den Hochgestellten zu gehören, bestimmte jede seiner Handlungen. Mein Gott, wie sehr er doch aufsteigen wollte! Wie ein emsiges Insekt, das eine zu große Krume mitgeschleppt hat und diese nun in sein Loch stopfen will, hob und schob und zog und zerrte er – aber vergebliche Liebesmüh. Seine endlosen, nutzlosen Anstrengungen, sich um jeden Preis zu verbessern, ließen ihm weder Ruh noch Rast und erklärten viel Widersprüchliches in seinem Leben.

Als ich erst einmal hinter dieses Prinzip gekommen war, da stellte ich fest, konnte ich ihm wie einem Fremden von außen zusehen, und das machte die Dinge, für die ich mich als seine Frau sonst wohl geschämt hätte, zu einem Born unaufhörlichen Interesses. Es bereitete mir ein gewisses, hämisches Vergnügen, seine endlosen Anstrengungen mit seiner zu großen Krume zu studieren und zu wissen, daß sie nie ins Loch passen würde. Eine hochgestellte Persönlichkeit ließ eine Andeutung fallen, und schon hatte er die unfehlbare Leitschnur, und da hochgestellte Persönlichkeiten viele Meinungen haben, war er ständig in Bewegung, probierte dies aus, probierte das aus. Zur Messe führte er mich in Blau vor und mußte dann feststellen, daß grün mehr in Mode war. Und so ging ich denn in Grün, obwohl mein Teint dadurch gelb wirkte. Als der Meister der Händlerzunft seine Geschäfte während der Messe abwickelte, Bittsteller empfing und laut geflüsterte Befehle erteilte, da tat es Small ihm nach. Als Frömmigkeit en vogue war, lag Small auf den Knien und verdrehte die Augen gen Himmel. Mal waren seine Ärmel länger, mal kürzer, die Schnäbel seiner Schuhe spitzer, und dann mußte er sie wieder abschneiden; seine Manieren und die Gerichte auf seinem Tisch wechselten entsprechend der Neuigkeiten, die der Modewind ihm zublies.

Doch mein eben entdecktes Interesse an seinen Aktivitäten bei Tage vermochte es nicht, die Schrecken der Nacht zu lindern. Meine neuen Kleider schlotterten an mir, und wenn ich mein Haar kämmte, schien es den Glanz verloren zu haben. Eine Nichtigkeit, doch ich kam mir dadurch wie jemand anders vor. Wenn ich mir die Zöpfe aufsteckte, meinen Schleier ordentlich darüberlegte und dabei in den kleinen Bronzespiegel blickte, dann meinte ich, daß mein Gesicht allmählich die Züge einer Anderen annahm. Einer anderen Frau, die mich tief bekümmert, bleich und mit in den Höhlen liegenden Augen daraus anstarrte. Zuweilen war ich so müde, daß ich am hellichten Tag einschlief wie eine alte Frau, und dabei war ich doch jung. Des Nachts warf ich mich hin und her und schwitzte. Da war etwas, etwas war da in der Dunkelheit. Ich meinte zu träumen, doch manchmal war ich wach und starrte vor mich hin, oder träumte, ich sei wach und starrte vor mich hin – wer kann das schon auseinanderhalten.

Dann schlugen seine Bemühungen für eine Weile eine andere Richtung ein, eine, die mir, solange sie anhielt, Erleichterung verschaffte. Anscheinend hatte Small mit angehört, wie man einen bedeutenderen Kaufmann als ihn wegen seiner Liebe zur Gelehrsamkeit pries, welche ihm ›Vornehmheit des Charakters‹ verliehe. Lewis Small aber rechnete mit Kerbhölzchen ab, und wenn er Briefe geschrieben oder vorgelesen haben wollte, bezahlte er dafür einen Schreiber wie die meisten, denn er konnte kaum seinen Namen schreiben. Kurzum, er hatte nicht mehr Gelehrsamkeit, oder Liebe dazu, als ein alter Stiefel, und was viele bei ihm für Klugheit hielten, waren in Wahrheit keine hohen Geistesgaben, sondern gemeine Verschlagenheit und Schläue, nur bis aufs Äußerste vervollkommnet. Und so nahm er denn einen armen Priester als Vorleser in Dienst, der ihm abends die Zeit mit hehren und heiligen Werken angenehm vertreiben sollte, und ließ das in der Stadt ausstreuen. Während der Priester vorlas, musterte mein Mann seine Fingernägel oder den Saum seines Gewandes oder blickte so abwesend, daß ich wußte, er überlegte sich gerade einen gerissenen Handel. Doch die Lesungen waren nicht verschwendet. Ich zog daraus viel Trost, nicht nur aus den Psalmen und den Leidensgeschichten von Königen und edlen Damen aus grauer Vorzeit, sondern auch aus den erhabenen Gedanken der Heiligen Brigitta und anderer heiliger Anachoreten, ebenso wie aus den herrlichen Gesängen von Richard dem Eremiten. Seitdem weiß ich genau, warum sich Ehefrauen der Religion zuwenden.

Doch als mein Mann nirgendwo die Gelehrsamkeit des Lewis Small preisen hörte, wurde er des Priesters überdrüssig und entließ ihn. Ein noch interessanterer Mensch hatte sich als Umgang eingefunden. Er hatte sich einen neuen Freund zugelegt, der für ein Weilchen modisch den Ton angab. Der Beruf dieses Mannes war, glaube ich, sich an Männer wie meinen Ehemann zu hängen, die nach Umgang mit Hochgestellten lechzten und sich mit dem geringsten Anschein davon zufriedengeben würden. Dieser John de Woodham war ein fahrender Geselle, ein ewiger Schildknappe, der von dem zweifelhaften Anspruch auf eine edle Abkunft durch uneheliche Geburt lebte. Seine Ware bestand aus seiner unendlichen Zahl von Beziehungen zu vornehmen Häusern und einem Fundus an ausgefallenen Geschichten, die ihm auch ein fünfjähriges Kind kaum abgenommen hätte. Aber mein im Pelzhandel so gerissener Mann war wie mit Blindheit geschlagen, wenn der Name einer hochstehenden Persönlichkeit in eine Geschichte eingeflochten wurde. Und so schluckte er den ganzen Bericht über die offensichtlichen Vorlieben des Thronfolgers, die Lieblingskurzweil der Damen der Königin, und was dergleichen Leckerbissen mehr sind.

»In höchsten Kreisen ist man sich darüber einig, daß Gelehrsamkeit etwas für Mönche ist, doch nicht für Männer von Welt«, verkündete John, und der Priester mußte gehen. Bald gab Small auch seine ›altmodischen‹ Gewänder zugunsten eines kurzen Wamses und einer buntfarbigen Bruch auf, wie sie Woodham trug, und seine Gesichtsfarbe wurde in Anlehnung an Woodhams Jugend noch blühender. Abends kam Woodham oft zum Essen, die hervorquellenden Augen blutunterlaufen und die groben Züge bereits vom Wein erhitzt. An manchen Abenden nahm er meinen Mann auf eine Runde durch die Dirnenhäuser mit, an anderen schlossen sie sich im Vorderzimmer ein, und dann drangen durch die geschlossene Tür seltsame, erstickte Laute und Gelächter. An solchen Abenden schlief ich bei dem Jungen und seiner Kinderfrau. Wie gut, dem schrecklichen Zimmer einmal entfliehen zu können. Zuweilen war ich Woodham fast dankbar.

Mittlerweile war mein Zustand im Haus zum offenen Skandal geworden. Die Diener schüttelten den Kopf, wenn sie wähnten, ich schaute nicht hin. Berthe, die Kinderfrau des kleinen Jungen sorgte sich um mich. Wenn ich morgens keinen Hunger hatte, ließ sie mir Weizenbrot in Milch getunkt bringen oder irgendeine andere Leckerei, um meinen Appetit anzuregen. Ich dachte, alles erkläre sich dadurch, daß meine Tage ausblieben und ich mich erbrechen mußte. Ich war schwanger. Dabei konnte ich mir kaum noch vorstellen, daß ich mir das einmal von ganzem Herzen gewünscht hatte. Jetzt fühlte ich gar nichts mehr, nur noch eine große Müdigkeit, Lebensmüdigkeit schlechthin.

»Eßt, eßt, und ruht dann wieder«, sagte Berthe eines Morgens wie gewöhnlich.

»Ich kann nicht essen, ich kann einfach nicht. Ich sollte an der Arbeit sein.«

»Es gibt keine Arbeit, die nicht Zeit hätte, keine, die nicht auch jemand anders tun könnte. Legt Euch nur hin, und wenn etwas getan werden soll, sagte es mir, und ich bringe das schon in Ordnung.«

»O Berthe, da hilft auch keine Ruhe. Ich schlafe nachts überhaupt nicht mehr. Es ist etwas Dunkles im Zimmer, das mir den Schlaf raubt und mir schlechte Träume eingibt.« Berthe blickte grimmig und schwieg.

»Ihr müßt an Euer Kindchen denken. Ihr müßt Euch ausruhen und leckere Sachen essen. Jetzt legt Euch nur hin, und niemand im ganzen Haus wird Euren Mann wissen lassen, daß Ihr tagsüber geschlafen habt.«

»Du bist sehr gut zu mir, Berthe, aber ich muß mich anziehen und zum Markt gehen. Vielleicht hilft ja die frische Luft – o Himmel, wo ist das Becken?« Und so überstand ich einen weiteren Tag. Doch wieviele wohl noch, und mir entglitt das Leben ganz und gar?

Aber nichts, nichts was mir geschah, hielt meinen Mann davon ab, sich weiter für seinen Aufstieg abzustrampeln, und das in alle Richtungen gleichzeitig. Nicht einmal Woodham brauchte seine ganzen Energien auf. Hoffnungsfroh wie eh und je, machte er sich daran, die Gunst des taperigen alten Haushofmeisters von der Burg zu erringen. Er lud ihn zu einem erlesenem Essen ein, putzte mich in einem farbenprächtigen, tief ausgeschnittenen Kleid heraus und setzte mich neben den alten Kerl. Vermutlich dachte er, der Alte wäre zu kurzsichtig, als daß er bemerkte, wie blaß und häßlich ich geworden war. Mochte er sich doch daran ergötzen, mir mit seinen Triefaugen in den Ausschnitt zu schielen. Schließlich war der Haushofmeister ein Ritter, wenn auch kein großer, und hatte ein paar Mal Gelegenheit gehabt, mit dem König persönlich zu sprechen, als dieser der Burg einen Besuch abstattete. Einem solchen Mann mußte man um den Bart gehen, zudem war er im Begriff eine sehr einträgliche Bestellung aufzugeben. Doch bei dieser Gelegenheit hatte sich Small verrechnet. Der Haushofmeister, dieser arme Tattergreis, erregte sich dermaßen und war so abgelenkt, daß sein Löffel den Mund verfehlte und er sich die Bratentunke vorn über sein prächtiges Gewand kleckerte. Small zeigte sich der Situation gewachsen. Zwar hing er an seiner Kleidung, doch unverdrossen stellte er den Becher hin und goß sich mit einer schwungvollen Bewegung mit dem Löffel ebensoviel Tunke über sein Vorderteil und bot alsdann dem Kerl seine Serviette an! Als ich ihn die kalte Grimasse ziehen sah, die für ein Zeichen von Freundlichkeit gehalten wurde, da mußte ich mir eingestehen, gar nicht schlecht! Inzwischen hatte ich mich dank Small zu einer Kennerin in der Kunst der Liebedienerei entwickelt; doch dieses Mal hatte er sich selbst übertroffen, sein artistischer Salto verdiente Beifall.

Als der Haushofmeister seine Besuche wiederholte, hätte Woodham mehr zum Schutze seines Lebensunterhalts tun müssen. Aber nein, er fühlte sich meines Mannes so sicher, daß er sogar noch habgieriger wurde. Am Ende trieb er es zu weit und gab sich selbst den Rest. Er tat etwas, daß kein berufsmäßiger Parasit tun darf – er demütigte seinen Gönner vor anderen, wenn auch nur versehentlich. Einmal ist da nämlich schon genug, und mein Mann gehörte zu den Menschen, die auch nicht die allerkleinste Beleidigung oder Peinlichkeit vergeben, ganz gleich ob nun echt oder eingebildet.

Anscheinend gehörte Woodham zu der Sorte, die sich nicht mit einem Bett begnügte, wenn sie zwei haben konnte. Als er eines Abends genug im Vorderzimmer geschäkert hatte, hörte ich im Halbschlaf neben lautem Schnarchen auch das leise Geräusch der sich öffnenden Zwischentür. Noch bevor ich die Augen aufgemacht hatte, spürte ich schon eine schwere Last auf der Bettstatt und trunkene, tastende Hände, die mir unter der Bettdecke über den Leib fuhren.

»Was in Gottes Namen?« rief ich, setzte mich kerzengerade auf und erkannte das aufgedunsene Gesicht von Smalls Kumpan.

»Alles in Ornung – er hat nichs dagegen – wieso nich, issa nich schlimm.« Er lallte, und sein Atem stank.

»Runter! Runter!« schrie ich und weckte damit die Kinderfrau.

»Aber, Master Woodham, was tut Ihr da? Aufhören, sofort aufhören?« Die Kinderfrau hatte sehr entschiedene Ansichten über das, was sich schickte.

»Sie willes – alle wolln sie's. Du willses doch?« Ich trat mächtig zu und stieß ihn aus dem Bett. »Und ich will es nicht, du Hurenbock, du!« zischte ich. Mittlerweile hatte der Krach die Männer im Untergeschoß geweckt. Da es ihnen geraten schien, nicht einzugreifen, schoben sie sich die Treppe hinauf und drängelten sich in der offenen Tür, wollten besser sehen, grinsten stumm und knufften sich gegenseitig. Jetzt war auch der kleine Junge wach geworden und starrte uns alle mit seinen unbeseelten Augen an. Nur mein Mann schnarchte weiter mächtig vor sich hin. Woodham, dessen schlichtes Gemüt nicht mehr als einen Gedanken zur Zeit fassen konnte, stand auf und wollte mit blöde lüsterner Miene wieder auf mich los. Es war eine warme Nacht, und so hatte er, wie alle im Haus, splitterfasernackt geschlafen. Der Halbmond erhellte den Schauplatz zur Zufriedenheit der Zuschauer.

»Ein klein Kuß – das magsu –« Er streckte die Arme aus. Der Mondenschein machte, daß sein Leib so hell erstrahlte wie der einer Schnecke. Von der Treppe her hörte man respektloses Geflüster.

»Ob er ihn wohl hochhalten kann?«

»Ich glaube nicht, daß er ihn überhaupt hochkriegt, der alte Scheißer, der.« Der ganze aufgestaute Haß und die Wut, die ich seit meiner Hochzeitsnacht gespürt hatte, entluden sich wie Gift.

»Dich werd ich küssen, du Mistkerl«, rief ich und trat ihm, so hart ich nur konnte, in eine Stelle, wo es am meisten wehtun würde. Er knickte aufheulend zusammen, und von der Treppe her lachte es im Chor.

Bei diesem neuerlichen Lärm konnte auch mein Mann nicht mehr schlafen, er kam zur offenen Tür herein, das Laken um sich geschlungen. Woodham rollte sich auf dem Fußboden hin und her, und Wut- und Schmerzenstränen strömten ihm über die Wangen. Über ihm stand ich, rasend vor Wut. Als Lewis Small die Situation erfaßte, ärgerte ihn vor allen Dingen die Gegenwart so vieler Zeugen und die allgemeine Heiterkeit, die sie offen zeigten. Wenn mein Mann etwas haßte, dann ausgelacht zu werden.

Woodham blickte zu ihm hoch und sagte zähneknirschend:

»Frauen – sind – nicht mehr – in Mode!« Schallendes Gelächter.

»Bedauerlicherweise bist du nicht mehr Mode, mein Freund«, gab mein Mann zurück. Es war eine der wenigen würdevollen Antworten seines Lebens. »Zieh dich an und geh auf der Stelle.« Von der Treppe erscholl Beifall.

Wie mein Mann dann am Morgen bemerkte, war es auch das Beste so, denn sein hochvermögender Freund, der Haushofmeister, war der Meinung, daß eine vielfarbige Bruch der Würde entbehre und einem Geschäftsmann ein langes Gewand am besten anstünde. Außerdem war sein kurzes Wams ganz voller Tunkenflecken, man würde es weggeben müssen…

Danach änderte sich einiges, denn nun genoß ich die herzliche, verschwörerische Zuneigung aller Mitglieder des Haushalts, denn, so hörte ich den Stallknecht ein paar Wochen später sagen:

»Mistress Margaret ist eine gute Frau, die mit einem schlechten Mann verheiratet ist.«

Aber ich bin noch immer nicht auf das Rätsel meiner Ehe eingegangen, welches sich mir erst löste, als Woodham uns verlassen hatte. Denn nun mußte ich natürlich ins Bett meines Mannes im Vorderzimmer zurück, und gleich am ersten Abend nach Woodhams Fortgang begannen die Alpträume wieder. Mitten in der Nacht, während ich mich hin- und herwarf und versuchte, irgendwie Schlaf zu finden, kehrte der alte Traum wieder. Ich setzte mich auf und sah, wie sich das unbestimmbare Etwas unter den Dachbalken bewegte. Es war ein dunkles Ding, das sacht hin- und herschaukelte. Und dieses Schaukeln hatte etwas außerordentlich Entsetzliches an sich, denn eigentlich hätte es eine anmutige Bewegung sein sollen, gleichsam wie ein Vorhang, der im Winde weht. Nach und nach konnte ich eine Form ausmachen. Es war ein Gesicht – das gräßliche Gesicht einer Frau! Es leuchtete bläulich, und an seinen Schläfen klebten glatte, dunkelblonde Strähnen. Die Augen quollen gräßlich aus einem aufgedunsenen Gesicht. Eine scheußlich geschwollene, schwärzliche Zunge stak aus dem Mund heraus. Sie war erdrosselt worden.

Sacht schaukelte das Gesicht im freien Raum unter den Dachbalken, und seine hervorquellenden Augen schienen mich anzusehen. Ich stieß einen Schrei aus – ich glaube, ich sagte im Traum: »Gott steh mir bei!« und als ich die Augen aufschlug, saß ich im Bett und zitterte heftig. War da ein schwaches Leuchten unter den Dachbalken, wo in meinem Traum das Gesicht gewesen war? Neben mir schnarchte mein Mann ungerührt vor sich hin. Ihn schien nichts zu stören, weder im Schlaf noch im Wachen. Er träumte nie. Ich wußte, auch wenn hundert schaukelnde Gesichter im Zimmer wären und alle seinen Namen riefen, es würde ihm nicht eine Sekunde seines Schlafes rauben.

In den darauffolgenden Nächten sah ich das erdrosselte Gesicht wieder. Manchmal wehte das Haar, und manchmal klebte es daran, als wäre es naß. Doch immer starrten die Augen mich an. Ich merkte, daß ich langsam wahnsinnig wurde.

Entweder wahnsinnig, oder in dem Raum war eine Art Dämon. Ich hatte noch nie einen Dämon gesehen, wenigstens keinen richtigen. Vater jedoch etliche. Sie waren sehr groß, hatten Hörner und einen Flammenatem und lange Klauen und Ziegenfüße – kurzum, sie waren genauso wie Dämonen sein sollen. Noch nie hatte ich von einem weiblichen Dämon gehört, der nur aus Kopf bestand. Also war ich vielleicht doch wahnsinnig? Jetzt konnte mich Master Small tatsächlich für immer im Dunkeln einsperren.

In dieser Stimmung verlor ich allmählich die Selbstbeherrschung und redete, was mir gerade in den Sinn kam. Und als mich dann am Morgen Berthe fragte, wie es mir ginge, sagte ich obenhin:

»O, ganz gut, wenn mich der erdrosselte Kopf nur nicht immer mit seinem Gestöhne aufwecken würde.« Sie bekreuzigte sich. »Hältst du mich für wahnsinnig? Ja, ich bin richtig schön wahnsinnig, und ich werde nie wieder Schlaf finden. Die hervorstehenden Augen der hübschen, braunhaarigen Frau verfolgen mich die ganze Nacht im Zimmer, und ihre schwärzliche Zunge scheint reden zu wollen. In der Nacht, wenn sie es tut, da bete für mich, denn dann bin ich verloren auf ewige Zeit.«

»Um Gotteswillen, redet nie, nie wieder darüber!« rief sie, und den ganzen Tag über machten alle im Haus einen Bogen um mich. Mein Mann ging seinen Geschäften nach, das heißt, er schickte Maulesel nach London, die unverzüglich eine Ladung schöner, ausländischer Zobel- und Fehfelle zurückbringen sollten. Ihn kümmerte rein gar nichts, es sei denn, es handelte sich um etwas, das seinem Aufstieg in die große Welt hinderlich sein konnte.

Fürwahr, in dem Maße wie ich dahinschwand, gedieh er. Sein Handel mit Katzen- und Kaninchenfellen befriedigte ihn nicht mehr, denn er verkaufte jetzt Edleres; das gab ihm Gelegenheit, mit Hochgestellten und Tonangebenden in Berührung zu kommen. In diese Ladung hatte er viel Geld gesteckt und hoffte, ein gemachter Mann zu sein, wenn sie ankam. Endlich, endlich würde er zu den Wohlhabenden und den Leuten von Welt gehören! Als ich seine hämische Vorfreude sah, ging mir jäh auf, daß er auch erfolgreich unerträglich sein würde. Was konnte man auch sonst von einem Menschen erwarten, dessen Lieblingskurzweil eine richtig schöne Hinrichtung war?

Und solange es keine aufregenden Metzeleien gab, reichten ihm schlechte Nachrichten über andere Leute, die ihm beinahe ebensoviel Befriedigung verschafften, oder Hexengeschichten, welche ihn um den Zustand der Gesellschaft bangen ließen.

»Diese Hexen«, pflegte er kopfschüttelnd zu sagen. »Heutzutage sind sie überall. Kein Mensch ist vor ihnen sicher. Ja, sogar mich hat es getroffen, – seht euch nur meinen Sohn an! Sie haben seinen Verstand ausgetrocknet, ähnlich wie sie die Milch versiegen lassen!« Und seine Freunde nickten düster Zustimmung.

Doch ehe sie sich darauf einigen konnte, wie man der Bedrohung durch die Hexen Herr werden könne, erreichten uns Nachrichten aus Melcombe Regis, die das Herz dieses Ungeheuers erfreuten, falls er überhaupt eins besaß. Sie sei bereits in Bristol gesichtet worden, sagten seine Freunde – eine neue Pestilenz und so tödlich, daß sie allein schon durch einen Blick übertragen werden konnte. Ja, man brauchte nicht einmal mehr das Haus seines Opfers zu betreten, um sich anzustecken, denn sie flog durch die Luft. Wenn man das Fieber spürte, sollte man flugs sein Testament machen, denn der Tod kam, noch ehe die Nacht um war.

»Schwarze Flecke?« sagte mein Mann, das Ekel, und ließ sich die Einzelheiten genüßlich auf der Zunge zergehen. »Und sie sterben zu schnell, als daß man ihnen noch die Absolution erteilen könnte? O, weh mir.« Und er bekreuzigte sich und verdrehte die Augen gen Himmel. »Zweifellos stecken Hexen dahinter«, fügte er hinzu, wobei er sich erneut bekreuzigte. »Wir können von Glück sagen, daß Bristol so weit entfernt ist.« Und er schenkte mir und seinen Freunden dieses grausige Lächeln, das jene stets für bare Münze nahmen.

Aber ich wollte Euch ja von dem Kopf erzählen, denn genau in der darauffolgenden Nacht redete er tatsächlich. Und was er zu sagen hatte, war noch furchterregender als die Tatsache, daß er dort war.

In jener Nacht war ich wachgeblieben, ich dachte, wenn ich gar nicht schlafe, kann ich auch nicht von diesem scheußlichen Kopf träumen. Ich lag ganz still, bis ich hörte, wie die Atemzüge meines Mannes zum Schnarchen wurden, dann setzte ich mich auf und lehnte mich an.

Die Zeit kroch dahin, wie langsam weiß ich nicht zu sagen, aber ich hörte schon keine Schritte mehr unten auf der Straße, und alles war vollkommen still. Nicht einmal die Balken im Haus knarrten mehr.

»Da, du Traum! Dir hab ich's gezeigt! Ich bleibe einfach ewig wach, dann kommst du nie wieder!« flüsterte ich unerschrocken ins Dunkel. Mittlerweile hatte sich mein Leib gerundet, und ich umschlang ihn und meine Knie mit den Armen und blickte mich im Zimmer um.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Als ich zur Decke sah, dieses Mal mit hellwachen Augen, erblickte ich in der Gegend des Dachbalkens einen schwachen Schein, gleichsam wie der einer einzelnen, flackernden Kerze. Er war lang und oval und schimmerte, eben zu erkennen, und schaukelte über dem Bett, jenseits des Betthimmels sacht vor sich hin. Nun hatte ich ihn gesehen und konnte die Augen nicht mehr davon abwenden. Nach und nach nahm innerhalb des kaum sichtbaren Scheins eine Form Gestalt an. Ein Schatten, der sich innerhalb des sanften Scheins hin und her bewegte wie ein Faltenwurf – eine Hand, ich konnte eine Hand oder so sehen, die schlaff in den Falten herabhing. Und während ich noch starrte, wehten die Falten auf und enthüllten den gräßlichen, aufgedunsenen, hängenden Kopf. Es war die Leiche einer erhängten Frau, die sacht am Dachbalken schaukelte!

Um den armen, erdrosselten Hals lag der Strick als dünner Lichtstrahl. Langes, aschblondes Haar klebte an den Schläfen und umwehte die Schultern. Eine Frau, heiliger Jesus! War das ich? Nein, das durfte ich nicht sein, ich konnte es nicht sein – denn unten am Kinn war ein kleines Grübchen. Ich befühlte mein eigenes Kinn – es war doch glatt und schmal. Ich sah meine Hände an – sie waren nicht so kindlich wie die Patschhand zwischen den weichen, schattenhaften Falten dort oben. Nein, das war nicht ich, auch wenn es wie ich aussah. Das war keine Vision meines eigenen Endes sondern die vom Ende eines anderen Menschen.

Das Rauschen, das meine Ohren in der Stille machten, klang wie stummes Weinen. Wenn das ein Geist war, dann war er mit einer bestimmten Absicht gekommen. Beim Schaukeln drehte sich der Körper, und die glasigen Augen richteten sich auf mich. Ich schlug ein Kreuz.

»Ich will für dich beten«, flüsterte ich ins Dunkel, »ich will eine Kerze für dich anzünden.«

»Bete nicht für mich. Es gibt viele, die für mich beten. Bete für dich selber. Du bist in einem Haus des Todes. Nur sterbend wirst du es verlassen. Bete für dich selber, damit du nicht der ewigen Verdammnis anheimfällst wie ich.« Ihre sanfte Stimme war wie ein dringliches Flüstern drinnen in meinen Ohren. Denn wenn ich sie auch hörte, so war es doch zur gleichen Zeit vollkommen still in der Schwärze des Zimmers. Wie kann man hören und doch nichts hören? Wer war diese Frau, diese Mädchenfrau, und wieso war sie verdammt? Das Seil entwirrte sich langsam, und die Leiche schaukelte wieder. Das Haar wehte ihr um den Kopf, gleichsam wie von einem unsichtbaren Wind hochgehoben, und der Kopf richtete sich auf, als lebte er. Das strahlende Antlitz eines hübschen Mädchens blickte mir mitten ins Gesicht. Ein ebenmäßiges, bezauberndes Antlitz mit einem gefälligen, kurzen Stupsnäschen und einem ausgeprägten Kinn mit einem Grübchen unten, wie bei einem niedlichen Säugling.

»Ich habe mich erhängt«, sagte das holde Kinderantlitz, »weil ich meine Liebe dem Bösen in Gestalt eines Menschen geschenkt habe.« Der sanfte Schein verblaßte, und der fadengleiche Lichtstrahl des Seils verschwand völlig.

»Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Du bist jetzt mit ihm vermählt, und du kannst deine Seele nur mit Gottes Hilfe retten.«

Das Dunkel verschluckte die sich drehende Gestalt, während mich das Entsetzen überwältigte. Mein Leben war verspielt, und nun noch meine Seele selbst in Gefahr! Kein Insekt, sondern ein Dämon aus der Unterwelt! Das ließ die Dinge in einem völlig anderen Licht erscheinen. Ohne es zu wollen, hatte man mich mit einem Dämon verheiratet. Ein Dämon, der unter Menschen als achtbar galt. Was hatte das Mädchen doch gesagt? Daß sie ihn geliebt, sich ihn gewählt hatte. Darin unterschieden wir uns wohl. Ich haßte ihn, hatte ihn immer gehaßt. Ich hatte gefleht, mich vor ihm zu bewahren, doch er hatte alle geblendet. Daß er ein Dämon war, erklärte alles. So also hatte er sie hinters Licht geführt, sogar meine Mutter und den Priester. Aber jetzt war ich lebenslang mit einem Dämon verheiratet. Warum hatte bloß niemand auf mich gehört?

Aber als ich ihn mir am nächsten Tag genau ansah, schien sich mein Mann nicht mit Werken des Satans zu befassen. Ja, er wirkte eher sehr zufrieden mit sich selbst, denn es war Nachricht eingetroffen, daß er seine Waren am Morgen des nächsten Tages erwarten dürfe. Am Nachmittag verschlechterte sich seine Laune, weil wir zum Hochzeitsfest der Tochter von William le Draper geladen wurden.

»Seine Art, sich damit zu brüsten, daß er drei große Söhne hat«, bemerkte mein Mann verärgert.

»Aber ehrt er damit nicht auch seine Tochter?« fragte ich.

»Pah! Er gibt nur damit an, daß er einen Schwiegersohn sein eigen nennt, der schon sein Glück gemacht hat.« Es wurmte meinen Mann, daß er nur einen Sohn hatte, und einen Simpel obendrein. Doch noch mehr erboste ihn die Überlegung, daß William le Draper es nicht weiter hätte bringen dürfen als er selbst, doch durch eine Laune des Schicksals Gunst bei hochgestellten Gönnern gefunden hatte. William le Draper gab sich nicht mit meinem Mann ab; und im Gegensatz zu vielen, die ihn für einen netten Kerl hielten, ging ihm William le Draper in der Regel unauffällig aus dem Weg, auch wenn sie sich fast täglich in städtischen Angelegenheiten begegnen mußten.

»Ein Fest, ein Ball, wie sich dieser William aber auch mit seinem Glück brüstet«, bemerkte mein Mann grämlich.

»Dir lacht auch bald das Glück«, sagte ich mit der gebührenden weiblichen Unterwürfigkeit.

»Wenn mein Sohn geboren ist«, und dabei warf er einen Blick auf meinen gewölbten Leib, »gebe ich ein großes Tauffest – viel größer als diese Hochzeit, darauf kannst du dich verlassen.« Ein Anflug von Unsicherheit huschte über sein Gesicht, doch nur einen Augenblick lang, dann wandte er sich ab. »Und du Margaret, wehe, du siehst dich nicht vor. Ich möchte nicht, daß meinem Sohn durch deine Sorglosigkeit etwas zustößt.« Und als er mir das Gesicht wieder zuwandte, lag darauf das freundliche Lächeln mit den eisigen Augen.

»Hausvater, darf ich dich um einen Gefallen bitten?«

»Ja, bitte nur, und wenn es schicklich ist, sollst du es haben«, erwiderte er zuvorkommend.

»Darf ich heute abend in die Kirche?«

»Ja, um für meinen Sohn zu beten? Nimm Robert mit, denn wenn du in der Dämmerung zurückkommst, sind die Straßen für eine Frau nicht mehr sicher.«

»Danke, und kann ich auch Geld für eine Kerze haben?« Kein Penny verließ das Haus, über den nicht abgerechnet wurde. Am besten, man redete ohne Umschweife mit ihm, denn er war in selten umgänglicher Stimmung.

»Du kannst zwei, drei Kerzen haben, wenn du willst«, erwiderte er und fischte die Pennys aus der Börse, die er bei sich trug, dann war er fort.

Als ich meinen Umhang holen ging, fragte Berthe, warum ich ausgehen wollte. Ich blickte ihr fest in die Augen und sagte ruhig:

»Ich will eine Kerze für die erhängte Frau anzünden.«

»Barmherziger Himmel!« flüsterte sie. »Wer hat Euch das erzählt? Wer hat es gewagt? Er bringt jeden um, der davon spricht.«

»Sie selber«, antwortete ich. »Und er kann sie wohl kaum zweimal umbringen. Jede Nacht hängt sie in dem Zimmer, in dem sie gestorben ist. Ihr Kummer bricht mir das Herz, ich muß für ihre Seele beten, wenn ich jemals wieder Schlaf finden will.«

»Ihr habt sie gesehen?«

»Ich sehe sie, und vor meinem inneren Auge sehe ich sie jetzt noch. Ihr Gesicht ist schwarz; die Augen quellen hervor. Es ist so grauenhaft, man kann es einfach nicht aushalten.« Berthe bekreuzigte sich.

»Genauso hat sie ausgesehen, als wir sie abgeschnitten haben, die arme, verdammte Seele. Und dabei war sie so hübsch.«

»Sie war seine erste Frau, nicht wahr?«

»Ja, seine erste Frau, und obendrein war es eine Liebesheirat, jedenfalls von ihrer Seite aus.«

»Liebe? Das ist doch unmöglich. Wie könnte das wohl sein?«

»Sie war so hübsch und so jung. Ihr Vater war ein einflußreicher Mann, ein Färber mit Besitz in der Stadt. Small sah sie in der Kirche in Begleitung ihrer Mutter und schmeichelte sich so bei ihr ein, daß sie sich in ihn verliebte, und ihre Mutter war damit einverstanden. Zunächst sahen sie sich in der Kirche, aber dann schickte Small einen Mittelsmann, um zu erkunden, ob er ihre Hand bekommen könnte. Ihr Vater war dagegen, denn Smalls Mittel waren nicht der Rede wert, und er wollte eine bessere Partie für sie. Aber Small war jung und schmuck und unbescholten, und so kriegten die Frauen den Vater herum, daß er der Ehe zustimmte. Sie war gerade dreizehn geworden, als sie dieses Haus betrat, welches ihr Vater für die beiden gekauft hatte.« Berthe wischte sich mit dem Handrücken eine Träne ab.

»Weiter, ich will alles hören.«

»Sie erwartete schon bald ein Kind, tat sich aber wegen ihrer Jugend schwer mit dem Kinderkriegen. Sie trug den Jungen über die Zeit, und er war, wie Ihr sehen könnt, einfältig. Small raste. Bald war sie wieder schwanger, aber er schimpfte und schlug sie. Sie drohte ihm, alles ihrem Vater zu erzählen und daß sie weglaufen würde. Das wollte Small nun auch wieder nicht, denn sie war das einzige Kind und Erbin ihres Vaters. In jener Nacht erwürgte er sie fast, und am Morgen kam das Kind zu früh zur Welt.«

»Wie furchtbar – aber das Kind lebte doch, nicht wahr?«

»Ja, es lebte, zuerst jedenfalls. Aber für ihn war es ein schreckliches Strafgericht. Es hatte nämlich kein Gesicht.«

»Kein Gesicht? Wie war denn das möglich?«

»Naja, ein bißchen Gesicht hatte es schon, Augen und so. Aber wo bei ihm die Nase und die Oberlippe hätten sein sollen, da war nur ein großes Loch. Es wimmerte tagelang, aber weil es keinen Mund hatte, konnte es nicht saugen und ist so nach und nach verhungert.«

»Was für eine schreckliche Geschichte. Derlei habe ich noch nie gehört.«

»Er hat gesagt, sie sei eine Hexe, denn sie könne nur Ungeheuer gebären. Ich aber sage, er ist ein Teufel, der nur Ungeheuer zeugen konnte. Aber ganz gleich, was alle sagen, danach wartete sie ab, bis er eines Tages außer Haus war und erhängte sich dort im Schlafzimmer. Und das Kind hat sie dann gefunden. Von dem Tag an hat es nie wieder gesprochen. Früher redete es ein, zwei Worte und sang wohl auch, wenn ihm danach war, aber jetzt glotzt es nur noch.«

»Danke, daß du's mir erzählt hast, Berthe. Das macht es leichter für mich. Jetzt begreife ich auch, warum sie gesagt hat, daß andere für sie beten.«

»Hat sie das? Das arme Mädchen. Ihr Vater ist nämlich vor Kummer gestorben, und so kam Small zu Geld, denn er hat der Wittib vor Gericht alles weggenommen.«

Das also war des Rätsels Lösung. Welche ehrbaren Eltern, denen diese Geschichte bekannt war, würden ihre Tochter wohl einem solchen Mann anvertrauen? Wenn er Erben haben wollte, mußte er für eine neue Ehefrau schon weit in die Ferne schweifen, aufs Land, wohin die Geschichte nicht gedrungen war. In dieser Stadt waren ihm die Türen aller anständigen Eltern gewißlich verschlossen. O Mutter, durch dich bin ich vom Regen in die Traufe gekommen, weil du mich statt mit dem armen Richard Dale mit dem wohlhabenden Lewis Small verheiratet hast!

Und so ging ich denn zur Vesper, wollte vor der Muttergottes niederknien, meine Kerze anzünden und ihr mein Herz ausschütten. Allerheiligen war weitaus größer als die kleine, ausgemalte Steinkirche meiner Kindheit. Die Zünfte hatten sie mit vielen Kapellen und Schreinen geziert. Zwischen den Reliquienschreinen und den bemalten Heiligenfiguren, welche das Mittelschiff säumten, glitzerte es von silbernen Opfergaben. Doch mir erschien die Statue der Muttergottes am schönsten, welche die Kaufmannszunft in Auftrag gegeben hatte. Ich ging oft in die Marienkapelle, denn etwas am Antlitz der Statue erinnerte mich an meine eigene, echte Mutter. Was auch immer mich bekümmerte, in ihrer heiter gelassenen Gegenwart schien es zu verfliegen.

Im abnehmenden Zwielicht hüllte sich die Marienkapelle in eine Wolke von Schweigen, die so faßbar war, daß die Welt da draußen in ihr zu verblassen und zu vergehen schien. Letzte, schräge Sonnenstrahlen fielen durch die Fensterrose und erhellten die hohen, schattigen Schwibbogen der Kirche in buntem Licht und fielen am Ende in leuchtenden Spiralen auf den Boden. Vor der Muttergottes flackerte und gleißte im Halbdunkel ein Wald von kleinen Kerzen. Süßer Bienenwachs- und Weihrauchduft umwehte den geschnitzten Saum ihrer vergoldeten Gewänder. Fast lebensgroß betrachtete sie die Welt mit sanfter, feierlicher Miene, und unter ihrer schweren Krone lockte sich ihr langes Haar, rieselte herab und umgab ihre Schultern und Ärmel gleichsam wie ein Umhang. Auf einem Arm hielt sie ihren pummeligen und friedlichen Sohn, unter ihren zarten, nackten Füßen lag ein zertretener, halb menschlicher Dämon, der sich in Todesqualen wand: die leibhaftige Sünde, welche die Unbefleckte nicht zu berühren vermochte und von der Macht der Liebe besiegt wurde. Das geschnitzte Holz ihres fließenden Gewandes war reich bemalt und vergoldet. Nur Gesicht, Hände und Füße waren blankes Holz, hell und poliert wie lebendiges Fleisch. In ihren mit Elfenbein und Lapislazuli eingelegten Augen fing sich das aufleuchtende Kerzengeflacker, so daß sie leuchteten, als wären sie lebendig.

Ich hatte eine sehr schöne Kerze gekauft und stellte sie zu dem schmelzenden Wald vor ihr. Mit ganzer Seele betete ich, sie möge für das erhängte Mädchen Fürsprache einlegen, denn schließlich kann die Muttergottes jedes Wunder bewirken, wenn sie will. Während ich betete, spürte ich, wie die Düsternis aus meinem Herzen wich. Die Schatten rings um sie wurden licht, und als ich ihr ins heitere Antlitz schaute, da vermeinte ich etwas zu sehen – vielleicht spielte mir aber auch das Kerzenlicht einen Streich. Ein Lidschlag der lebendigen Augen, und ihr sanfter Blick ruhte für einen Augenblick auf meinem nach oben gerichteten Gesicht, ehe sie ihn wieder hob und auf die Menschen richtete, welche die Marienkapelle betraten. Als hätte sie mit mir geredet, so gewiß hatte sie mir eine Antwort gegeben.

Am nächsten Tag begab ich mich gelassen und mit einem inneren Abstand an meine Pflichten, wie es gar nicht zu mir paßte. Das Erbrechen hatte schon lange aufgehört, und ich verspürte neue Kräfte. Diese Nacht hatte ich gut geschlafen, und die dunklen Schatten unter den Dachbalken bargen keinerlei unheimliche Gestalten mehr, außer einer kleinen Spinne, die sich lautlos an ihrem Seidenfaden herunterließ. Im Hause war großer Aufruhr, denn die Maulesel waren zurück und wurden in die Ställe gebracht, und das Gesinde und die beiden Lehrlinge trugen die neue Ware nach unten in die Lagerräume; zudem wurde noch ein großes Essen zur Feier des Tages vorbereitet. An jenem Morgen hatte sich das stumme Kind davongemacht, wurde aber mit Leichtigkeit wiedergefunden, da es nur zwei Straßen weiter in der Gosse saß. Die Reise von London war fast ohne Zwischenfälle verlaufen. Keine Wegelagerer hatten einen Überfall versucht, und so war weiter nichts passiert, als daß ein Stallknecht auf dem Rückweg erkrankt war und bis zu seiner Genesung in einem Gasthaus an der Straße zurückgelassen werden mußte. Lewis Small war in Geberlaune, fast großzügig zu nennen, und verteilte Belohnungen an alle, die seine Waren wohlbehalten nach Haus gebracht hatten.

Nach dem Essen mußte sich einer der Lehrlinge mit Leibschmerzen zu Bett legen, er hatte sich überfressen. Nachdem Small seinen Vortrag über die Sünde der Habsucht beendet hatte, brachte ich dem Jungen einen Pfefferminzaufguß nach unten ans Bett, wo er mutterseelenallein lag.

»Mistress Margaret, es tut überall so weh, und ich bin ganz heiß.« Er konnte kaum sprechen, lag auf der Seite und hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt.

»Nur keine Angst, ich habe dir etwas gebracht«, sagte ich beschwichtigend und fuhr ihm mit der Hand über die Stirn. Er glühte nur so! Das war keine Kinderkrankheit sondern ein gefährliches Fieber. Ich beschloß, ein Weilchen bei ihm zu bleiben und ließ Tücher in kaltem Wasser auswringen, die ich ihm auf Kopf und Leib legte. Als ich getan hatte, was ich konnte, verließ ich ihn, versprach ihm aber, bald wiederzukommen. Und nachdem ich meine paar Besorgungen erledigt hatte, wusch ich ihn wieder mit kaltem Wasser ab, und da fiel mir auf, daß sich große Geschwülste an seinem Nacken und unter seinem Arm gebildet hatten. Er phantasierte und hielt mich für seine Mutter. Und dann sah ich die schwarzen Flecken, häßlichen, schwarzen Pusteln gleich, die sich auf seinem Leib gebildet hatten. Ich untersuchte ihn, fand aber lediglich ein, zwei weitere, doch es war klar, daß es vor Einbruch der Nacht viele, viele mehr sein würden. Das sah nach etwas aus, was man nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte, und so schickte ich nach meinem Mann, der einem Kunden um den Bart ging, er möge doch, sobald es ihm genehm sei, zu mir kommen. Wutschnaubend, weil ich ihn bei der Arbeit behelligt hatte, kam er dann.

»Hausvater, es ist etwas sehr Schlimmes passiert. Einer der Jungen fiebert. Ich glaube, wir haben eine gefährliche Krankheit im Haus.«

»Welche Krankheit rechtfertigt es wohl, daß der Verlust eines Lehrlings mich bei der Arbeit stört.«

»Keine Krankheit, die ich schon einmal gesehen hätte, aber eine sehr schnelle, die einen Menschen binnen Stunden dahinrafft.«

Small hob eine Braue.

»Komm mit und sieh es dir an, es ist ernst«, sagte ich. »Ich habe schon nach dem Priester geschickt.« Small zündete eine Kerze an, damit er besser sehen konnte, denn die Räume unten, wo die Lehrlinge schliefen, besaßen nur ein Fensterchen und waren sogar mittags noch dunkel. Als er die Kerze hoch über das Bett hielt, wurde mir klar, daß der arme Junge seinen letzten Atemzug getan hatte, ehe noch der Priester eintreffen konnte. Im Lichtkreis der Kerze, den Small langsam über den ganzen Leichnam wandern ließ, zeigten sich Ansammlungen von schwarzen Flecken, welche die Haut des Bauches über der Bettdecke verunstalteten und aus dem Gesicht eine nicht wiederzuerkennende Maske machten.

»Das da kenne ich«, sagte er gelassen. »Gut, daß du mich benachrichtigt hast, Hausfrau.« Und er ging schnellen Schrittes in sein Lager. »Komm mit, Hausfrau, und tu genau das, was ich dir sage.«

Auf der Schwelle zu dem geräumigen Lagerraum stand er still, hielt die Kerze hoch und lächelte sein fürchterliches Lächeln.

»Jungs!« rief er, »ich habe eine freudige Pflicht vernachlässigt! Bringt das Edelste der neuen Ladung aus London als persönliches Geschenk für William le Drapers Tochter zu ihrem Hochzeitsfest in sein Haus! Und die Zobelfelle hier, die bringt Ihr William selbst und sagt ihm, es sei eine Liebesgabe von mir, und ich möchte, daß alle Meinungsverschiedenheiten zwischen uns in Christi Namen beigelegt sind. Los, los! Und daß Ihr sie ihm auch ja persönlich übergebt!«

Dann ergriff er mich hart beim Handgelenk, blies die Kerze aus und zog mich rasch nach oben ins Schlafzimmer.

»Hol deinen Reiseumhang und deine Sachen«, sagte er und hielt mir eine offene Satteltasche hin. Er schloß seine große Lade mit seinem Schlüssel auf und holte Gold heraus und füllte eine Geldkatze und die hohlen Hacken seiner hölzernen Stelzenschuhe mit Goldmünzen. Er band sich Holzschuhe und Geldgürtel um und griff nach Mantel, Schwert und Schild.

»Wohin nimmst du mich mit?« fragte ich, denn seine jähe, stumme Geschäftigkeit erschreckte mich. Er schenkte mir einen eisigen Blick.

»Ich nehme nicht dich mit, Mistress Small, sondern meinen Sohn.«

Im Nu waren wir unten und im Hof. So hitzig schritt er aus, daß die Hühner auseinanderspritzten, während er eilends den Stallknecht aus dem Bett trommelte, daß er ihm seinen Zelter und mir meinen Maulesel sattelte. Small band die Satteltaschen selber fest, während der alte Mann mir beim Aufsteigen behilflich war, denn ich war sehr schwerfällig.

»Nehmt Euch gut in acht, Mistress Margaret, und kommt bald wieder«, sagte der freundliche, alte Mann. »Und Ihr auch, Master«, setzte er nachträglich respektvoll hinzu.

Als unsere Reittiere aus dem Hoftor klabasterten, ritt mir Small stumm voraus, und sein Kinn sah so ehern verbissen aus wie das einer Statue. Seine Miene entspannte sich erst, als wir ein gutes Stück zum Stadttor hinaus und auf dem Lande waren.

»Wohin reiten wir?« wagte ich zuletzt zu fragen. »Und warum diese Eile?«

»Was geht es dich an, wohin du reitest, wenn es dein Mann so will? Laß dir jedoch eins gesagt sein: auf dem Land, ganz aus der Welt, wohnt ein Mann, der mir etwas schuldet, und dorthin gehen wir für eine Weile, bis wir wieder nach Haus zurückkehren können.«

»Aber es geziemt sich nicht, so eilig und ohne Lebewohl aufzubrechen und alles stehen und liegen zu lassen«, sorgte ich mich.

»Was sich in diesem Fall ziemt, bestimme ich«, gab er zurück und ließ sein furchtbares, kaltes Lächeln aufblitzen. »Wenn du besser zugehört und weniger geredet hättest, so wüßtest du, was ich auf der Stelle wußte. Jene Pelze aus London sind verseucht. Es ist Pestware, und sie haben uns den Schwarzen Tod ins Haus gebracht.«

»Lieber Jesus!« Ich bekreuzigte mich, »dann waren die Hochzeitsgeschenke –«

Lewis Smalls Lächeln war so süß, daß es fast zärtlich wirkte, und er antwortete:

»Ich finde, man sollte seine Freunde an seinem Glück teilhaben lassen.«

Voller Entsetzen stellte ich mir Williams lächelnde Tochter vor, wie sie die weichen Pelze am Vorabend ihrer Hochzeit streichelte, vielleicht in Gesellschaft ihrer Brautjungfern, Freunde und Verwandten, die sich eingestellt hatten, um ihre Geschenke zu bewundern. Das Geschenk des Todes schlechthin!

Ihr ehrbarer Vater, der getäuscht von der christlichen Botschaft, die Zobelfelle persönlich entgegengenommen hat, ruht vielleicht, weil er sich etwas unwohl fühlt und damit nicht die Festlichkeit stören möchte. In der Zwischenzeit haben unsere eigenen Lehrlinge, diese unabsichtlichen Todesboten, beschlossen, auf dem Heimweg schnell in einer Schenke einzukehren, denn wer kommt schon dahinter, wenn sie sich heimlich ein Ale genehmigen? Der Todeshauch verläßt die Schenke und fegt wie Höllenflammen durch die Stadt. In unserem eigenen Haus ist der Priester eingetroffen, hat den bedauernswerten Leichnam ausgesegnet und trägt nun die furchtbare Gabe heim in die Kirche. Wenn dieser Lewis Small nicht einen Verstand sondergleichen hatte, und dazu so praktisch! Auf einen Streich hatte er sich an seinem Feind wie auch an der Welt für den Verlust seiner Güter gerächt.

Schweigend trabten wir dahin und hielten nicht einmal bei Anbruch der Nacht an, denn der Mond schien hell und Small wollte die ganze Nacht durchreiten, um so schnell es ging, möglichst viel Entfernung zwischen die Stadt und uns zu legen. Auf dem schmalen Weg schimmerten die Steine im kalten Sternenlicht. Als es dämmerte, beklagte ich mich, ich wäre hungrig, denn wenn ich ein Kind trage, bin ich gefräßig wie ein Wolf, aber Small sagte, wir würden weiterreiten, ein Dorf sei nicht mehr fern.

Er hatte recht, denn schon bald wand sich der staubige Pfad durch Hintergassen und an der Allmende eines Dörfchens vorbei, nicht größer als das, in dem ich geboren war. Wo das Ale-Ausschankschild hing und Erfrischungen verhieß, hielten wir kurz an und wehrten alle Fragen ab, während wir aßen und tranken. Als wir aufbrachen, hörte ich die Gevatterin sagen:

»Das arme Mädchen, er bringt sie zu ihren Eltern zurück, weil sie ein Kind von einem anderen bekommt.«

»Nein«, sagte eine andere Frau, »sie selber hat mir gesagt, daß sie zurückkehren, um sich noch einmal von ihrer Mutter segnen zu lassen, welche im Sterben liegt –«

Kurz vor Mitternacht konnte ich nicht mehr. Bis auf den heutigen Tag gehöre ich nicht zu den Menschen, die Tag und Nacht ohne Schlaf reiten können.

»Bitte, Hausvater, nur einen Augenblick Rast, um des Kindes willen.«

Diese Worte waren der einzige Schlüssel zu seinem Herzen, und so stieg er ab, band sein Pferd an und half mir abzusteigen und mich am Straßenrand unter einem Baum hinzulegen.

»Hast du Wasser? Ich bin sehr durstig«, bat ich, denn auf einmal fühlte ich mich sehr matt. Er suchte nach der Lederflasche, die er mitgenommen hatte. Doch dann warf er mir plötzlich einen mißtrauischen Blick zu. Schnellen Schrittes kam er zurück, kniete nieder und befühlte meine Stirn.

»Aber Hausfrau«, sagte er ruhig, »du scheinst zu fiebern. Bleib hier liegen und ruh dich aus, ich eile ins nächste Dorf und hole Hilfe.« Er band mein Maultier an seinem Zwiesel fest und stieg mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung auf.

»Denk dran, ich bin bald wieder da«, rief er und lächelte mir zu. Und dieses Lächeln sagte mir jäh, daß ich ihn nie wiedersehen würde und daß aus keinem Dorf Hilfe kommen würde. Ich schloß die Augen, denn das Licht tat mir inzwischen weh, und das letzte, an was ich mich erinnere, war das Knirschen des Pferdegeschirrs und das weiche Tripp-Trapp der Hufe im Staub, während er für immer von mir schied.

Bruder Gregory hob kein einziges Mal den Blick. Als er einen säuberlichen, kleinen Schnörkel am Ende des letzten Buchstabens anbrachte, war sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Margaret konnte sehen, daß er die Zähne zusammenbiß, und schon begann sie sich insgeheim Sorgen zu machen. Vielleicht gab er auf und ging schließlich doch noch. Bruder Gregory war so prüde und leicht beleidigt. Wahrscheinlich wollte er gleich wieder irgendwo einen unleidlichen Großen Meister zitieren, worauf sie aufs Neue die unselige Stimme bedauern würde. Allein schon der Gedanke, wie ekelhaft er wahrscheinlich sein würde, machte, daß ihre Nadel so gemein schnell durch einen französischen Knoten in der Stickerei fuhr, an der sie gerade arbeitete, daß sie sich in den Finger stach. Während sie ihren verletzten Finger versorgte, ließ sich der Gedanke nicht abweisen, wie schwer es doch war, sich einfach nur vorzunehmen, etwas zu sagen, auch ohne daß man sich auf einen Vortrag über das, was sich ziemt, gefaßt machen mußte. Und wie soll man überhaupt zum springenden Punkt einer Geschichte kommen, wenn der am Ende ist, man aber die Mitte nicht auslassen darf?

»Habt Ihr viele Geister gesehen?« Bruder Gregory wandte sich um und blickte sie nachdenklich an.

»Nein, nur den einen«, sagte Margaret in ihre Stickerei hinein.

»Ein Jammer«, sagte Bruder Gregory. »Ich habe einmal einen Laienbruder gekannt, der regelmäßig warnende Gesichte hatte. Ausnehmend praktisch, vor allem um die Zeit der Aussaat herum.« Er konnte die Augen nicht von der Nadel abwenden, die sich im Stickrahmen im entstehenden Blattwerk auf- und abbewegte. Halb verborgen unter einem Blatt saß ein Blutstropfen. Sie sah überaus unschuldig aus – kaum zu glauben, daß diese Heuchlerin schon den zweiten Ehemann hatte. War der erste also doch gestorben? Wahrscheinlich würde sich schon recht bald herausstellen, daß sie sich dem zweiten über den Sarg des ersten hinweg an den Hals geworfen hatte, wie die Frau im Witz. Hatte einen alten Kerl aufgetan, der sie gewähren lassen würde, und ihm mit Augengeklapper und geschnürtem Mieder den Kopf verdreht. Ein Jammer. Bei Frauen und Jagdhunden geht die Disziplin schnell flöten. Sie bedürfen einer festen Hand, wenn man Ergebnisse von Dauer erzielen will. Damit würde ich auch nicht hinterm Berg halten, dachte er, zu ihrem eigenen Besten natürlich, aber wahrscheinlich kann sie sich das nicht ohne so einen kindischen Ausbruch anhören. Mangelnde Demut. Die Krankheit der modernen Welt.

»Man darf wohl nicht erwarten, daß Ihr viel über Dämonen wißt«, sagte er. »Dazu bedarf es eines besonderen Studiums. Beobachtung allein tut es nicht.«

»Mithin habt Ihr viele beobachtet?« sagte Margaret und blickte auf.

»Nur ein, zwei. Aber ich kenne einen sehr heiligen Vater, der recht große zu bezwingen vermag. Von ihm habe ich ein paar nützliche Dinge gelernt.«

»Dann glaubt Ihr also auch, daß der Geist recht hatte und daß Smalls Taten beweisen, daß er ein Dämon war – als er insgeheim all diese Leute umbrachte.«

»Mistress Margaret, Ihr verschlingt die Folgerungen, ehe Ihr Euch über die Prämissen klargeworden seid. Da ist Eurerseits Aberglaube am Werk! Zunächst einmal müßt Ihr herausfinden, ob die Opfer Sünden auf ihrem Gewissen hatten. Pestilenz kann nämlich ein Ausdruck des Willen Gottes sein. Er möchte uns ermahnen, daß wir keinen Wert auf weltliche Dinge legen.«

Bruder Gregory lehnte sich zurück, stützte das Kinn in die Hand und runzelte nachdenklich die Stirn. Lange ließ sich seine Leidenschaft für die Theologie nie unterdrücken und pflegte vornehmlich dann zutage zu treten, wenn er sich mit den Schrecken des Alltagslebens konfrontiert sah. Beim Anblick der zur Schau gestellten, zerstückelten Leiche eines Verräters war es Bruder Gregory zuzutrauen, daß er plötzlich überlegte, in welchem Körperteil wohl die Seele sitzen mochte. Ein gräßlicher Unfall ließ ihn womöglich über den Willen Gottes nachdenken, und einmal, vor langer Zeit, war er in blutbespritzter Rüstung über ein Schlachtfeld voller Leichen spaziert und hatte über die Dreieinigkeit nachgedacht.

Und jetzt wurde er an die Pestilenz erinnert. Eine harte Nuß, denn wie erkannte man darin Gottes Absicht? Männer fielen ihm ein, die vor offenen Gruben, in denen Leichen wie Klafterholz gestapelt lagen, geheult hatten wie die Hunde, und Frauen, die splitterfasernackt durch die Straßen gerannt waren und vor Schmerz gräßlich gebrüllt hatten. Wenn Gott dergleichen aus dem irdischen Jerusalem machte, dann sollte das einen wohl an das Himmlische gemahnen. Doch als er es beinahe beisammen hatte, wurde seine Träumerei von einer ängstlichen Stimme unterbrochen.

»Aber wenn Gott gut ist, würde Er doch gewiß keinen rachedurstigen Mann als Werkzeug benutzen.« Margaret war sehr besorgt.

»Ein Argument, eindeutig ein Argument, das man in Erwägung ziehen muß. Doch damit wäre nicht bewiesen, daß der Mann ein Dämon war. Er könnte genauso gut ein Mensch gewesen sein, der sich dem Teufel verschrieben hat. Für Kaufleute und vornehmlich für Geldverleiher ist da die Versuchung groß. Immer dieses Kaufen und Verkaufen – sie glauben, daß sie besser feilschen können, als gewöhnliche Leute. Zuerst nehmen sie Zinsen, dann betrügen sie rechtschaffene Ritter um ihr Erbgut, und schon bald sind sie so tief gesunken, daß sie Gift in Weinbecher tun. Danach bilden sie sich nur allzu leicht ein, daß sie selbst den Teufel überlisten können. So sind Geschäftsleute nun einmal – zuvörderst keine Ehre. Das macht sie nämlich empfänglich dafür.« Doch die Vorstellung war für Margaret wohl zu komplex, zumindest ihrer begriffsstutzigen Miene nach zu urteilen. Sie biß die Zähne zusammen, legte ihr Nähzeug beiseite und sagte in sehr gelassenem Ton:

»Mir scheint, daß Lewis Small durch und durch selbstsüchtig war und nur an sein eigenes Wohlergehen dachte. Gänzliche Selbstsüchtigkeit ist das personifizierte Böse, nicht wahr?«

»Frauenrede, Mistress Margaret, Frauenrede. Das Wesentliche ist doch, zunächst einmal zu entscheiden, ob das erhängte Mädchen, das ihn als Dämon bezeichnet hat, ein Traum oder schlicht ein Geist war, in welchem Falle man ihr Wort anzweifeln kann; oder ob es zweitens ein warnendes Gesicht von Gott war, wodurch ihren Worten mehr Bedeutung zukäme; oder ob sie drittens selbst eine dämonische Manifestation oder ein Teufel war, was wiederum Einfluß auf die Auslegung ihrer Worte haben würde. Sagt, seid Ihr überzeugt, daß Ihr sie sowohl gesehen als auch von ihr geträumt habt, oder daß ihr sie lediglich gesehen oder umgekehrt, lediglich von ihr geträumt habt?«

»Ich glaube, zuerst habe ich von ihr geträumt, dann habe ich sie mit eigenen Augen in der Dunkelheit gesehen. Aber ich war sehr durcheinander. Ich war schwanger und allein im Haus eines bösen Menschen. Es kann mithin das eine wie auch das andere gewesen sein.« Margaret hörte sich nachdenklich an.

»Das ist mir noch nicht klar genug gedacht, so kommt man nie zu einer präzisen Analyse Eurer Vision und ihrer Bedeutung.« Bruder Gregory wirkte sehr selbstsicher. Schließlich kam ihm in diesen Dingen seine berufliche Ausbildung zupaß.

»Das ist mir zu kompliziert, da komme ich nicht mehr mit.« Margaret sah verwirrt aus. »Woher soll denn ich wissen, was wirklich war und was eine Wahnvorstellung? Oder die Wahnvorstellung einer Wahnvorstellung?«

»O, eine harte Nuß. Wenn Ihr damals Weihwasser zur Hand gehabt hättet – nein, wartet, mir kommt da eine Idee. Ist Euch an Lewis Smalls Nasenlöchern etwas aufgefallen?«

»Seinen Nasenlöchern?«

»Teufel können jede beliebige menschliche Gestalt annehmen, wie Geisterbeschwörer sehr wohl wissen. Aber stets haben sie nur ein Nasenloch. Darin unterscheiden sie sich vom Menschen. Und wenn ein Sterblicher in dieses Nasenloch hineinblickt, sieht er geradewegs in das Hirn des Dämons hinein, welches nichts anderes als das leibhaftige Höllenfeuer ist. Kein Mensch kann das sehen, ohne darüber den Verstand zu verlieren, und seine Seele ist auf ewig verdammt. Natürlich wollen diese Dämonen die Leute dazu zu bringen, daß sie ihnen ins Nasenloch blicken, doch wer ihre Tricks kennt, hütet sich.«

»Ich kann mich nicht entsinnen, seine Nasenlöcher angesehen zu haben, aber ich glaube, er hatte zwei.« Margaret legte beim Nachdenken das Kinn auf die geballte Hand.

»Seid Ihr sicher? Vielleicht hat Gott Euch eine solche Abneigung gegen ihn eingeflößt, daß Ihr euch gehütet habt, seine Nasenlöcher zu eingehend zu mustern.«

»Das könnte sein, denn ich habe ihm nicht gern ins Gesicht geblickt und fast immer die Augen abgewandt. Das wäre aber sehr nett von Gott gewesen, denn damals habe ich mir Sorgen gemacht, ob ich mit meiner Abneigung gegen das Sakrament der Ehe verstoße. Doch wenn Gott das getan hat, dann war es richtig so. Vielleicht besaß er ja tatsächlich nur ein Nasenloch, und ich habe mir das nur nicht genau angeschaut. Im Nachhinein weiß ich es wirklich nicht zu sagen.«

»Ihr habt jedenfalls viel Glück gehabt, denn auch ein Mensch, der sich dem Teufel verschrieben hat, kann viele Seelen stehlen. Man denke nur, wie er seine erste Frau in den Selbstmord getrieben hat. Ihre Seele ist gewißlich verdammt, wie alle Großen Meister uns sagen, und der Teufel hat Small dafür bezahlt.«

»Aber, Bruder Gregory, ich glaube ganz fest an die gnädige Fürbitte der Muttergottes. Ihr etwa nicht? Was das Mädchen getan hat, ist das geringere Übel gewesen.«

Bruder Gregory blickte Margaret ins ernste Gesicht. Ihm fielen mehrere, sehr interessante theologische Argumente ein. Doch da er damit nur Perlen vor die Säue warf, schwieg er.