Kapitel 7

Während seiner zweiwöchigen Abwesenheit hatte Bruder Gregory versucht, das Beste aus dem unangenehmen Aufenthalt zuhause zu machen, indem er sich mit allerlei ablenkenden Gedanken vergnügte. Er hatte seiner Neugier die Zügel schießen lassen und war der Erinnerung nachgegangen, die ihn wie ein Blitz beim Anblick von ein paar seltsamen, goldfarbenen Augen getroffen hatte. Jetzt brodelte es nur so in ihm, denn mit seiner neuen Erkenntnis konnte er Margaret zwingen zuzugeben, daß sie bei ihrem Streit mit ihm gänzlich Unrecht gehabt hatte. Ein Jammer, dachte er, während er zum Fluß hinuntertrabte, daß der daheim tobende Kampf nicht auch so reibungslos beizulegen ist. Alles wartete zweifellos darauf, daß er Gott endlich sah, was nun wirklich nicht mehr lange auf sich warten lassen dürfte, da es seinem Vater doch immer wieder gelang, seine Demut auf die eine oder andere Weise ganz unermeßlich zu fördern.

Erst als Bruder Gregory um die Ecke bog und das Haus in der Thames Street erblickte, ging ihm auf, wie sehr es ihm gefehlt hatte. Da ragte es vor ihm auf wie der leuchtend bemalte Aufbau einer Galeone. Direkt vor seinen Füßen suhlte sich eine große Sau im Schmutz der Gosse und schloß verzückt die Augen, während ihr die Ferkel an den Zitzen hingen. Ein aufsässiges Ferkelchen nahm nicht am Familienmahl teil, sondern schnüffelte fröhlich in einem großen Haufen Stallmist herum, der fast die ganze Straße versperrte.

»Und noch nicht einmal zusammengerecht!« dachte Bruder Gregory gereizt. »Da kommt man ja kaum noch durch! Dergleichen hat es früher nicht gegeben. Es gibt heutzutage eben keine Ordnung mehr? Frei herumlaufende Schweine! Abfall! Wo bekommt man jetzt wohl noch einen ehrlichen Arbeiter her! Habsucht! Seit der Pest stimmt aber auch gar nichts mehr. Habsüchtige Arbeiter, entlaufene Leibeigene, verrückte Frauen, die unbedingt Bücher schreiben müssen! Das ist das Ende!« Was Bruder Gregory so tief bekümmerte, daß er, als er nach einem Weg um Schweine und Misthaufen herum suchte, den Ruf »Vorsicht, Unrat!«, der von oben her kam, nicht vernahm. Im Fenster des gegenüberliegenden, vorkragenden ersten Stockwerks war der kräftige Arm einer Magd zu sehen. Ein Schwupp – und eine warme Flüssigkeit ergoß sich über Bruder Gregory und durchnäßte sein Gewand an einer Seite. Gregory schüttelte sich, sprang zu spät zur Seite und stieß sich dabei den Zeh in der Sandale an einem unebenen Pflasterstein. Er war so entgeistert, daß er nicht einmal mehr Zeit hatte, sich Gedanken über die Anarchie zu machen, welche es jedem Hausbesitzer gestattete, den kleinen Zugang zu seinem Haus in jedem beliebigen Material und in jeder beliebigen Höhe zu pflastern.

»Beim Leibe Christi, du blödes Weib –!« Und er drohte mit der geballten Faust zu den geschlossenen Fensterläden hoch.

»Ei, Bruder Gregory, ich hatte gemeint, Ihr würdet unheiliges Fluchen mißbilligen?« Roger Kendall hatte sich seiner Haustür aus der entgegengesetzten Richtung genähert und mitbekommen, was Bruder Gregory zwei Häuser weiter zugestoßen war. Zu seiner Seite gingen der Schreiber, der ihm bei der Buchführung half, und ein kichernder Lehrjunge.

»Aber ja doch, ja doch«, erwiderte Bruder Gregory reumütig. »Das war nur eine Schwäche des Fleisches; dafür werde ich Buße tun müssen.«

»Was sehe ich, Euer Ärmel und Euer Saum sind ja ganz feucht. Kommt herein, das bringen wir wieder in Ordnung.« Master Kendalls Stimme klang empörend fröhlich.

»Ich gehe lieber nach Haus; ich muß mich waschen«, knurrte Bruder Gregory. Düsteren Blickes musterte er seinen Ärmel. »Der Tag hat gut angefangen, doch wer weiß, was Fortuna noch alles für uns auf Lager hat, ehe er zu Ende ist.«

»Wenn Fortunas Rad Euch nicht weiter hinunterzieht, dann darf man Euch wahrlich gratulieren. Doch Ihr verlaßt mir nicht das Haus, ehe Ihr nicht genauso ordentlich seid wie bei Eurer Ankunft.«

»Aber ich bin doch noch nicht in Eurem Haus«, protestierte Bruder Gregory.

»Jetzt aber, lieber Freund.« Die Tür wurde von innen aufgemacht, und ehe er wußte, wie ihm geschah, war Bruder Gregory schon drinnen. Roger Kendall händigte seinem Schreiber den Papierstapel aus und rief zur gleichen Zeit nach einem Diener.

»Sagt meiner Frau, daß Bruder Gregory auf der Straße ein Unglück zugestoßen ist, sie soll Bess schicken, daß sie ihm ein Bad bereitet.«

»Zuviel der Mühe, ich gehe jetzt lieber«, lamentierte Bruder Gregory.

»Ganz im Gegenteil; es macht überhaupt keine Mühe. Hier noch viel weniger als anderswo in London. Wir haben einen prächtigen Zuber, nur zum Baden gedacht, mit einem kleinen Zelt darüber, so daß Ihr Euch nicht verkühlt. Er steht beinahe immer bereit. Meine Margaret ist die badesüchtigste Frau, die Ihr Euch vorstellen könnt. Ich sage ihr, daß sie sich bald die Haut abgebadet hat und was dann – doch sie hört einfach nicht auf. Baden, baden – einmal, zweimal die Woche! Was Geschmeide angeht, so kennt sie keine Eitelkeit, wie Euch sicher aufgefallen ist, doch diese Baderei ist ebenso schlimm. Rosenwasser, Mandelöl, ihre Wünsche wollen kein Ende nehmen. Und Wäsche! Fürwahr, mit diesem ewigen Wäschewechseln halten wir eine ganze Wäscherei in Brot. ›Nimm's doch ein wenig leichter, Schatz, ein bißchen anständiger Dreck ist gesund‹, sage ich zu ihr. ›Gesund für Bohnen und Blumen, aber nicht für Menschen‹, sagt sie. Vielleicht hat sie ja nicht so unrecht. Seit sie im Haus ist, sind alle weniger krank gewesen. Kann aber auch von ihrem Beten kommen. Sie hat da so einen merkwürdigen Trick – habt Ihr das schon bemerkt? Ihr Gesicht wird dabei ganz Licht.«

»Nein, habe ich nicht. Aber diese Baderei – keine Duftwässerchen bitte! Ich tue mich schon schwer genug mit den Eitelkeiten dieser Welt.«

»Nur keine Bange. Außerdem behalte ich Euch aus selbstsüchtigen Motiven da. Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten. Doch nicht, ehe Ihr nicht wieder hergestellt seid.«

Er schlug Bruder Gregory auf den Rücken. Der zuckte zusammen. Vertrauliche Gesten mochte er nicht. Außerdem war sein Rücken wund. Er hatte sich gegeißelt, hatte sich bemüht, Gott zu sehen, und war noch nicht wieder ganz hergestellt. Es dünkte Bruder Gregory wie ein Augenblick, und schon wurde er in ein Hinterzimmer des Hauses geführt, in dem der hohe, hölzerne, eisenbeschlagene Zuber bereits aufgestellt war. Zwei reinlich gekleidete Mägde mit weißen Kopftüchern waren emsig dabei, Messingkrüge mit heißem Wasser hereinzutragen und ihn zu füllen. Wenn er fertig gebadet hatte, würden sie jeden Tropfen Wasser wieder hinaustragen müssen.

»Alles Verschwendung und Eitelkeit«, murrte Bruder Gregory und musterte das Bild, das sich ihm bot. Dampf stieg auf und fing sich in dem hübschen, bunten Leinenzelt über dem Zuber, das man zum Wassereinfüllen ein Stückchen beiseitegeschoben hatte. Automatisch griff die Magd nach der kleinen Flasche mit Rosenwasser, mit der sie das Badewasser wohlriechend machen wollte.

»Keine albernen Damengerüche!« brüllte Bruder Gregory, und sie blickte erschreckt über seine schlechte Laune hoch und entfloh. Kendall hatte ihm einen Diener geschickt, der ihm ins Bad helfen und seine Kleider mitnehmen sollte, denn er hatte so ein Gefühl, daß sich Bruder Gregory Frauen lieber vom Leibe hielt. Der Mann legte eine Fußmatte auf den binsenbedeckten Fußboden, daß Gregory die nackten Füße darauf stellen konnte. Wegen der Wasserflecke lag in diesem Raum im Gegensatz zu den meisten anderen, die Kendall und seine Familie bewohnten, kein Teppich. Er erinnerte Bruder Gregory irgendwie ein wenig an früher, als er und sein Bruder daheim jeden Morgen neben dem Bett ihres Vaters stehen mußten, während der Kammerdiener niederkniete und ihm die Fußmatte hinlegte, ehe er dem alten Mann beim Ankleiden half. Nur daß jenes Haus hart und kalt gewesen, während dieses warm und behaglich war.

»Das haben wir schnell in Ordnung gebracht«, sagte der rostfarben gekleidete Diener und nahm Bruder Gregorys stinkende Kleider mit. Mit einem Aufstöhnen ließ Bruder Gregory seinen geschundenen Körper in den Zuber gleiten. Er kam sich zutiefst erniedrigt vor. Wäre es denn so schmachvoll gewesen, wenn er ungebadet nach Hause gegangen wäre?

Er zog die Alternative ernstlich in Betracht. Beides mußte Spott herausfordern, und wenn Bruder Gregory eines haßte, dann Spott. Außerdem bot sein schmalbrüstiges Zimmerchen im obersten Stockwerk eines schäbigen Mietshauses keine dieser vortrefflichen Einrichtungen zur Säuberung. Bequem war es hier einmalig – doch andererseits wäre er im eigenen Zimmer mit seiner Schmach allein gewesen, statt daß er sie im Haus von Fremden zur Schau stellte. Taktvolle Fremde zwar, doch schicklich war es nicht.

Ganz in Gedanken streckte er die Hand aus dem Zelt und tastete nach dem Krüglein mit Rosenwasser. Ob das wirklich so gut duftete? Er zog den Stöpsel heraus und schnupperte. Wirklich gut! Es roch wie Margaret. Dann machte er es wieder zu und stellte es eiligst weg.

Er wollte tiefer ins Wasser rutschen, zuckte aber zusammen, als es seinen Rücken berührte. Ein dunkler Belag breitete sich auf der Wasseroberfläche aus. Bruder Gregory rubbelte an seinen hochgezogenen Knien. Kleine, schwarze Schmutzröllchen ließen sich von der Haut ablösen. Müßig benetzte er auch eine schmutzige Schulter. Ob Gott Waschen wohl für ein Zeichen von Eitelkeit hielt? Naja, vielleicht nur mit heißem Wasser und in einem Zuber mit einem farbenprächtigen Zelt darüber. Gar nicht so übel, die Sauberkeit. Also, kaltes Wasser, dagegen hatte Gott gewiß nichts einzuwenden… Sollte er nachgeben und sich überall waschen? Mit einem lustvollen Seufzer goß sich Bruder Gregory heißes Wasser über den Kopf und rubbelte heftig. Die Tonsur am Hinterkopf war am Verschwinden, und seine dunklen Locken waren mangels Nachschnitt wieder Wildwuchs. Theoretisch war Bruder Gregory sauber rasiert, doch selbst jetzt, da er etwas Geld hatte, wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, sich wie ein Geck einmal die Woche barbieren zu lassen, und so legte er denn ›sauber rasiert‹ weniger streng aus als die meisten Männer. Jetzt goß er sich mehr Wasser über den Kopf, um das Haar auszuspülen. Kleine graue Pünktchen, die ein achtsames Auge als Ungeziefer ausgemacht hätte, gesellten sich zu dem Belag, der bereits auf dem Wasser schwamm.

Mit Mühe unterdrückte Bruder Gregory den Impuls, ein liebliches Stabat Mater zu summen, das er just gehört hatte, mußte aber feststellen, daß in dem warmen Wasser an Stelle der Schmerzensjungfrau die Göttin der Erinnerung von ihm Besitz ergriff. Er begriff immer noch nicht ganz, warum der Abt ihn in die Welt zurückgeschickt hatte, wo es für ihn doch so klar war, daß er einen Geist besaß, der sich vollendet zur Kunst der Göttlichen Kontemplation eignete. Um genau zu sein, diese erstaunliche Selbstoffenbarung war ihm schon vor einiger Zeit gekommen, nämlich auf der Überfahrt von Calais, als er über die Reling den grenzenlosen Ozean angestarrt und auf dem Flammentod seiner literarischen Laufbahn herumgebrütet hatte. Eine Stelle aus der Mystica Theologica von Dionysius war ihm ungerufen in den Sinn gekommen:

»Der Mensch vermag zu dieser verborgenen Gottheit zu gelangen, dadurch daß er alles ablegt, was nicht Gottes ist.«

Also, da hatte Dionysius ganz klargestellt, daß jemand, der von irdischem Wissen lebt, außerstande ist, die Göttliche Lehre zu erkennen, und insbesondere außerstande, die Göttliche Gegenwart schlechthin zu erfahren. Und da ging Gilbert dem Gelehrten jählings auf, daß die Buchverbrenner ihn geistig freigesetzt hatten, auf daß er Gott erkennen möge, und somit dafür gesorgt hatten, daß sie selbst sich an irdisches Wissen in Form anstößiger und gänzlich unrichtiger theologischer Argumentationen ketteten, und so nie dorthin gelangen würden. Und dieser Gedanke gefiel ihm und tröstete ihn so sehr, daß er flugs als Postulant in eines der strengsten Klöster Englands eingetreten war, denn er trug ein ungestümes Verlangen danach, seine Identität im Einssein mit der Gottheit zu verlieren.

Und da war es nur natürlich, daß ein Mensch wie er in der göttlichen Friedlichkeit des Klosters einen Grad gedanklicher Erhabenheit erreichte, um den ihn manch gewöhnlicher Mensch nur beneiden konnte. Doch als er sich dann ganz und gar darauf zugerüstet hatte, die endgültigen Gelübde abzulegen, welche ihn zu lebenslanger Kontemplation verpflichteten, da hatte ihn der Abt, der offenbar nicht imstande war zu erkennen, daß er an einem sehr heiklen Punkt seiner geistlichen Entwicklung angelangt war und mehr Rücksichtnahme fordern konnte als andere, also, der hatte ihn zu sich gerufen.

Bruder Gregory entsann sich noch recht lebhaft des langen, unangenehmen Wartens, wie er da auf dem Steinfußboden gekniet hatte, ehe Godric der Schweiger das Wort an ihn richtete.

»Du hast dir deinen Stolz bewahrt und noch genährt«, sagte der alte Mann, und seine wimpernlosen Lider zuckten langsam über den blassen Augen. Stolz? dachte Bruder Gregory. Ei, der Mann mußte ja unglaublich seicht sein, wenn er nicht mittlerweile seine außergewöhnliche Befähigung erkannt hatte. Während der alte Mann Bruder Gregory schweigend musterte, ließ dieser sich die Sache durch den Kopf gehen. Der Mann mußte sich einfach täuschen, wie so viele mit einem stark übertriebenen Ruf. Wer konnte wohl, wie Bruder Gregory, die meisten Stunden knien, ohne ohnmächtig zu werden, die meisten Tage fasten, ohne zu murren, und in gelehrten Disputationen die meisten Großen Meister zitieren? Außerdem war er gerade kurz davor gewesen, Gott zu sehen, als ihn der Abt zu sich rufen ließ. Wahrscheinlich hatte das auch damit zu tun. Dann hatte der Abt etwas gesagt, was zeigte, daß er wirklich überhaupt nichts verstand. Was war es noch gewesen? O ja.

»Geh, bis du herausgefunden hast, ob du die Welt fliehst oder Gott suchst. Du darfst zurückkommen und es mir sagen, wenn du den Unterschied kennst.«

Da ist wahrscheinlich Eifersucht im Spiel, dachte Bruder Gregory. Das war's. Eifersucht und Politik, denen man einfach nirgendwo entging. Offenbar hatten ihn die Beschwerden anderer Brüder beeinflußt. Das kommt davon, wenn man Nichtadlige mit Männern von hoher Abkunft zusammensteckt – selbst wenn sie nur jüngere Söhne sind – und ihnen weismacht, daß vor Gott alle gleich sind. Dann nimmt die Eifersucht überhand. Ein Jammer, daß er zu aufrichtig gewesen war und nicht von Anfang an mit Eifersucht gerechnet hatte. Es geziemte sich ganz und gar nicht, daß die endgültige Aufnahme in den Orden von einem Votum der Mitglieder abhing. Schließlich stimmt Gott doch auch nicht über Erlösung ab, oder?

Bruder Gregory hatte Streit anfangen wollen. Er konnte tausend machtvolle Gründe aus der Heiligen Schrift anführen, warum sein eigener Weg zum Heil der beste war. Doch das ist eben die Schwierigkeit mit jemand, der als ›Schweiger‹ bekannt ist. Mit solch einem Menschen kann man sich einfach nicht streiten.

Für einen geistlichen Jämmerling wäre das ein furchtbar harter Schlag gewesen, aber Bruder Gregory hielt sich nicht für einen geistlichen Jämmerling. Er war jedoch schon solange dort, daß sie sein früheres Gewand dem Armenhaus an der Klosterpforte gestiftet hatten. Und so sah sich Bruder Gregory an jenem dunklen Januarmorgen denn gezwungen – nachdem er die weiße Robe und das schwarze Skapulier des Ordens abgelegt hatte –, sich auf den langen Weg gen Süden und auf London zu in dem schäbigen, unscheinbaren, grauen Gewand und dem schmierigen Schafsfell zu machen, das irgendein Laienbruder abgelegt hatte. Aber es hatte so schon seine Richtigkeit und paßte gänzlich zu seiner düsteren Stimmung.

Und so kam es, daß Bruder Gregory mitten im tiefsten Winter in die Welt der fahrenden Scholaren ausgestoßen wurde, welche Briefe kopieren, auf Beerdigungen beten und für Kleingeld Psalmen singen. Doch mitten in dieser Glaubensprüfung war Bruder Gregory von zwei Dingen felsenfest überzeugt; daß er eine Berufung zur Kontemplation hatte und daß er nie, nie wieder nach Hause zurückkehren würde.

»Wenn ich zurückkehre und dem Abt erzähle, daß ich Gott gesehen habe, dann muß er zugeben, daß er sich getäuscht hat«, knurrte Bruder Gregory und goß sich müßig Wasser über den Bauch.

»Heda, Bruder Gregory, Ihr seid aber lange dort drinnen, da will ich lieber hereinkommen und hier mit Euch reden. Ich bitte um Vergebung, aber ich muß in einer Stunde am anderen Ende der Stadt sein, und ich kann nicht fort, ehe ich Euch nicht meine Bitte vorgetragen habe.« Kendalls unbekümmerte Stimme durchdrang den dampfigen Nebel im Zelt und riß Bruder Gregory unsanft aus seinen Träumereien.

»So geht es in diesem Haus«, dachte Bruder Gregory. »Erst ziehen sie einen nackt aus und bitten einen dann um einen Gefallen, wenn man nicht fortlaufen kann. Na gut.« Und er steckte den Kopf aus dem Zelt.

»Wie geht es mit dem Leseunterricht, Bruder Gregory?«

»Dem was?«

»Dem Leseunterricht. Kann Margaret schon lesen?«

»Einfache Sachen ja. Sie macht gute Fortschritte. Für eine Frau ist sie nämlich sehr klug. Aber ihre Rechtschreibung ist furchtbar. Einfach barbarisch.«

»Wie gut wird sie, Eurer Meinung nach, zu Weihnachten lesen können?«

»Wenn sie so weitermacht, recht gut. Wieso fragt Ihr?«

»Ich denke da an ein Geschenk für sie, aber ich wollte mich erst mit Euch beraten.«

»Ein Geschenk? Was für ein Geschenk denn?«

»Ein Buch. Mir ist da eine Idee zu einer Art Psalter gekommen. Ihr seid genau der Mann, der mir helfen kann. Ich möchte eine Zeile in Latein haben, die nächste in unserer Muttersprache, und immer so fort. Auf diese Weise kann sie es selbst lesen und sich beim Lesen auch noch das Latein ansehen.«

»Das ist eine gefährliche Idee, mein Freund. Es ziemt sich nicht, Psalter in der Muttersprache zu besitzen. Sie verlieren ihren heiligen Charakter.«

»Ich habe dazumal allerhand gefährliche Ideen gehabt. Aber wir wollen uns nicht streiten, bevor Ihr nicht das Bad verlassen habt. Ehe ich gehe, sagt mir nur eins: kennt Ihr einen guten Kopisten und vielleicht einen Übersetzer mit einer poetischen Ader, die das für mich anfertigen könnten? Einen Illuminator brauche ich nicht – verzierte Initialen reichen mir wirklich. Nur muß es rechtzeitig gebunden sein.«

»Ich kenne Leute, die sich für diese Arbeit eignen, ja.«

»Wenn Ihr die ganze Sache in die Hand nehmen wollt, so daß alles rechtzeitig fertig ist, erhaltet Ihr eine gute Vermittlungsgebühr.«

»Ich suche die mir bekannten Leute auf, komme morgen wieder und gebe Euch Nachricht. Aber ich bin überzeugt, daß es möglich ist, auch so kurzfristig noch.«

»Gut, gut – dann bis morgen.« Und schon hörte man, wie Master Kendalls Schritte sich entfernten. Gregory zog den Kopf ein wie eine Schildkröte. Das Wasser war kalt. Außerdem hörte er, wie sich vor dem Zelt etwas rührte.

»Mistress hat mich mit diesen Kleidern geschickt, Ihr könnt sie tragen, bis Eure getrocknet sind. Die liegen hier gleich neben dem Feuer, doch es dauert wohl noch ein Weilchen, bis sie trocken sind. Neben dem Zuber liegt ein Handtuch. Ich gehe jetzt.«

Barmherziger Heiland, was kam noch alles? Wohl so ein Narrengewand in abwegigen Farben als krönender Abschluß einer Abfolge von Demütigungen. Bruder Gregory kam aus dem Bade hoch und besah sich die Kleidung, während er sich abtrocknete. Alles in Ordnung. Margaret hatte doch ein feines Gespür für seine Bedürfnisse und hatte ihm ein prosaisches, schwarzes Gewand mit Bruch bringen lassen, was Master Kendall auf der Beerdigung seiner Mutter getragen hatte. Alles war ein wenig zu weit und zu kurz für seine lange, schlaksige Gestalt, doch wenn man es hier und da etwas zusammenhielt, paßte es recht gut. Als er die Kleider anlegte, sah er sich erneut ihre gnadenlose Schwärze an und überlegte, ob Margaret sich wohl auf subtile Weise über ihn lustig machen wollte. Dann ging er nach unten, wo ihn Margaret mit einem fröhlichen: »Wieder trocken, Bruder Gregory?« begrüßte, so als ob sie das lächerliche, schwarze Gewand nicht einmal sah. Er warf ihr einen durchdringenden Blick zu. Sie wollte vor Dünkel ja schier platzen und verdiente einen Rüffel.

Nach dem Abendläuten, wenn die Straßen Londons dunkel sind und jeder anständige Bürger seine Lichter gelöscht hat und zu Bett gegangen ist, wurden Hilde, Bruder Malachi und ich von dem erbärmlichen Gezeter zweier betrunkener Sattler geweckt, welche die matschige Gasse vor unserem Haus entlangtorkelten.

»Brü-hü-der auf e-hi-wig in Christi allzuma-ha-hal«, sangen, besser, versuchten sie, die Bruderhymne ihrer Zunft zu singen. Das Gegröle schwoll auf und ab wie Wolfsgeheul. Gegenüber in der Gasse klappte geräuschvoll ein Fensterladen auf.

»Ruhe da!« donnerte eine Männerstimme. Von nebenan kam eine andere Stimme:

»He, alter Tom! Ich habe von rolligen Katzen schon besseren Gesang gehört!« Etwas sauste durch die Luft und zerplatzte. Jemand hatte mit einem faulen Ei geworfen, das aber auf dem unebenen Pflaster keinen Schaden anrichtete. Eine empfindsame Nase konnte den leichten Schwefelgeruch jedoch riechen. Auf einmal taumelten die Trunkenbolde und hielten an, wobei sie sich gegenseitig stützten.

»Das isses«, verkündete einer und donnerte an unsere Tür. Wir lagen alle da und wünschten uns nichts sehnlicher, als daß sie weggehen würden, doch da wurde die Nachbarstür aufgerissen.

»Watt, auf der Stelle kommst du rein! Soll dich etwa wieder der Nachtwächter einsperren?«

»Ach, da bist du ja, Kate, was machst du denn nebenan?«

»Ich bin nicht nebenan; das hier ist dein Haus, und du hämmerst wie ein Idiot auf der Tür dieser neuen Leute rum.«

»Ich bin kein Idiot, das hier ist das richtige Haus, und du bist nebenan – was zum Teufel tust du eigentlich nebenan?« fragte er in immer mißtrauischerem Ton.

»Du bist ja betrunken. Und kommst spät. Was hast du denn nach dem Zunftfest noch getan? Mach den Mund auf und gib Antwort!«

»Aber Schätzchen«, sagte er in übertrieben versöhnlichem Ton, »ich bin im Haus von einem unserer Brüder eingekehrt – in Geschäften.«

»In Saufgeschäften, meinst du wohl! Und wen hast du da bei dir?«

»Noch'n Bruder. Seine Frau will ihn nicht reinlassen, sagt er, und so sagte ich, meine Kate ist eine gastfreundliche Frau. Bleib die Nacht bei uns. Aber du hast uns ausgeschlossen, und jetzt willst du, daß wir nebenan bleiben –«

Man hörte Schritte, als die Frau herauskam, ihn sich beim Ohr schnappte und ihn von unserer Tür fortzog.

»Aua! Mein Ohr!« hörten wir ihn schreien.

»Du bist ein Ekel! Auf der Stelle kommst du rein und gehst weg da von der Tür dieser Frau. Eine Dirne ist sie, ich weiß Bescheid!«

»Mir kommt sie ganz nett vor.«

»Sie ist so, wie sie sein sollte. Wehmutter, ha! Viel zu jung dafür. Die könnte keiner Katze auf die Welt helfen. Fürwahr, die Gegend hier kommt langsam herunter –« Die Tür schlug zu, und wir hörten nichts mehr.

Das war mein Problem. Die Straßen Londons mochten wohl mit Gold gepflastert sein, doch man braucht auch das richtige Gerät, um es herauszuholen. Ich konnte keine Kundschaft bekommen. Man tut sich schwer mit einem Gewerbe, wenn einen anfangs niemand kennt, viel schwerer als auf dem Dorf. Bei unserer Ankunft hatten wir zunächst in Cheapside gewohnt, alle zusammen in einem Zimmer, das man hinten von einer Garküche abgeteilt hatte. Es kostete nicht soviel wie ein Gasthaus, da Garküchenbesitzer keine Gäste zur Nacht aufnehmen dürfen, denn das gehörte zum Geschäft der Gasthausbesitzerzunft. Aber Bruder Malachi war irgendwie ein Meister in der Kunst des Sparens, so wie er da in zwielichtiger Umgebung lebte; und dort blieben wir auch, bis er für sich und seine so ›tragisch und frisch verwitweten Basen, welche er aus Gnade und Barmherzigkeit unterstützte‹ ein Haus zur Miete gefunden hatte. Eines Tages kehrte er händereibend zurück.

»Also, meine Lieben, habe ich nicht immer gesagt, daß die Kehrseite der Katastrophe die Gunst der Stunde ist? Auf solch eine prächtige Bleibe hätten wir vor der Pestilenz niemals hoffen dürfen, doch die hat Platz geschaffen! Wir hätten auf ewig in einem gemieteten Zimmer leben müssen, doch nun haben wir dank meiner Findigkeit ein märchenhaftes, großes Haus gefunden, das wie geschaffen für unsere Zwecke ist. Macht euch auf einen veritablen Palast mit einem leichten Anflug von betagter Würde gefaßt!«

Wir holten Moll aus dem Mietstall und schlängelten uns zusammen durch die engen Straßen von Cornhill, wo Bruder Malachi dann, kaum daß wir um eine Ecke gebogen waren, nach links deutete und verkündete, wir wären angekommen. In der Straße wurden Waren zum Verkauf angeboten, zumeist Krimskrams: ein paar Kappen und Handschuhe, Tassen, Löffel, ein Kochtopf, etliche Messer unterschiedlicher Größe.

»Wo ist denn die Straße?« fragte ich. »Ich kann keine sehen.«

»Geradewegs dort hinein«, bedeutete er mir, »abgeschieden, doch zentral gelegen.«

Und er hatte recht! Zwischen den Häusern, die auf die Straße mit den Händlern gingen, gab es eine enge Einmündung, hinter der man eine lange, verwinkelte Gasse erkennen konnte. Sie verdiente kaum den Namen Gasse, sondern war eher eine gewundene Gosse, an die zehn Ellen breit und bestens geeignet, der Hauptstraße als Rinnstein zu dienen. Sie schien im Schatten zu liegen, denn selbst bei hellichtem Tag fand die Sonne nicht den Weg zwischen die dicht aneinandergebauten Häuser. Als wir die Gasse betraten, wollte mir das Herz sinken.

»Wie nennt sich das hier?« fragte ich.

»Einst war das wohl als St. Katherine's Street bekannt, hat sich jedoch in letzter Zeit den Namen ›Diebesgasse‹ erworben. Was da draußen verkauft wird – das sind zumeist gestohlene Waren, leider. Doch das Haus ist ein Fund. Da ist es.« Bruder Malachi wirkte sehr zufrieden mit sich.

Ein Blick auf das Haus, und das Herz sank mir bis in die Schuhe. Ich blickte Hilde an, Hilde blickte mich an. Sie machte ein langes Gesicht. Ich dachte: ›Ich will nicht weinen, Hilde zuliebe‹. Doch in meinen Augen stach und kitzelte es. Das war wohl die scheußlichste, häßlichste Bleibe, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Groß war sie, das stimmte. Bei den anderen Häusern handelte es sich um schäbige ein- und zweistöckige Mietshäuser, und das entgegengesetzte Ende der Sackgasse wurde durch ein paar heruntergekommene, ebenerdige Hütten abgeschlossen.

Das Haus da war ein schmalbrüstiges, einstöckiges Schreckensding, das sich wie ein alter Säufer zwischen zwei gleichermaßen betrunkene Kumpane auf jeder Seite quetschte, schäbige, zweistöckige Häuser, die man aufgeteilt und geschoßweise vermietet hatte. Keins von den dreien maß zur Straßenseite hin mehr als zwanzig Ellen an Breite. Links von unserem Haus gab es eine Rundbogentür mit einem kleinen Einlaß, der zum Hintergarten führte. Vielleicht war das Haus ja einst hübsch gewesen. Dazu kam noch ein unbemalter Blumenkasten mit ein paar Fetzen Dreck darin, der zwischen den klappernden und verrotteten Fensterläden des Vorderfensters schief unter dem Dachfirst hing.

Das erste Stockwerk kragte um gute sechs Ellen über das Untergeschoß hinaus, so daß die Haustür ständig im Schatten lag, und hinderte jeden Reiter daran, zu Pferd die ganze Gasse entlangzureiten. Wer auch immer die Auskragung hinzugefügt hatte, die das Obergeschoß größer machte, er hatte keinen Gedanken an die Symmetrie verschwendet, und das, zusammen mit dem Alter des Ständerwerks, verlieh dem Haus ein trunkenes Aussehen. Auf dem hohen Spitzdach fehlten so viele Ziegel, daß es mich an ein zahnlückiges Lächeln erinnerte. Keine Spur von Regenrinne unter dem Dachgesims. Das Haus war sehr lange nicht mehr getüncht worden, und aus der Außenwand waren große Stücke von verblichenem Putz herausgefallen. Ich hörte etwas rascheln und sah, wie eine große Ratte durch eines der Löcher sprang.

»Seht nicht so niedergeschmettert drein, meine Lieben. Es hat ein echtes Ziegeldach und hinten einen schönen Garten. Ihr werdet es schon noch ganz heimelig finden. Für das Versprechen, es instandzusetzen, durfte ich von der Miete etwas abziehen.«

Natürlich. Er hatte ein gutes Geschäft gemacht. Das erklärte alles. Das Dach hält auch nicht den leisesten Nieselregen aus, dachte ich grämlich. Bruder Malachi stieß die Gartenpforte auf. Sie ging auf einen schmalen Gehweg, welcher sowohl zur Außentreppe in den ersten Stock, als auch zum Hintergarten führte. Wir folgten alle und führten Moll langsam den festgetretenen Lehmpfad entlang. Der Garten war ein besonntes Unkrautbeet mit einem Schuppen für die Tiere. Wir ließen Moll im Hof angebunden stehen und traten durch die Hintertür ein, wo uns ein übler Gestank empfing. Der Abtritt, welcher sich in eine Grube hinten im Garten entleerte, war lange nicht ausgenommen worden. Das Erdgeschoß bestand aus einem großen Hinterzimmer mit einem Kamin und einem kleineren Vorderzimmer, ebenfalls mit Kamin. Einst mußte das Haus jemand am Herzen gelegen haben. Kamine findet man in alten Häusern nämlich selten. Sie waren wohl später hinzugefügt worden. Das obere Stockwerk, so stellten wir bald fest, besaß ebenfalls zwei Zimmer. Nirgends auch nur die Spur von Möbeln. Die Wände hatten lange, lange keine Tünche gesehen und bröckelten auf dem Fußboden zu Häufchen aus Mörtelstaub vor sich hin. In den Ecken hatten Spinnen ihre Netze gezogen.

»Das Hinterzimmer hier eignet sich hervorragend für meine Arbeit. Eine hübsche Ecke für mein Oratorium. Und es hat einen eigenen Kamin, was recht praktisch ist, wie ihr schon bald feststellen werdet, meine Lieben«, verkündete Bruder Malachi. »Und jetzt gehabt Euch für ein Weilchen wohl, ich muß ein paar Sachen holen, die ich bei einem Freund untergestellt habe. Ihr werdet sicher wissen, was ihr zu tun habt.« Wir sahen ihm nach, als er zur Hintertür hinausging. Dort saß Peter mitten im Unkraut, fuchtelte mit einem langen Stock herum und grinste fröhlich. Drinnen war alles dunkel und schmutzig. Die Zimmer rochen nach Verfall. Ich blickte Hilde an, Hilde blickte mich an, und dann fielen wir uns um den Hals und weinten.

Nichts soll ja einer Frau so bekömmlich sein wie Saubermachen, und im Laufe der nächsten Wochen bot sich uns wahrlich reichlich Gelegenheit zu Selbstheilungen. Während wir auskehrten und schrubbten, pfiff Bruder Malachi und stellte seltsam aussehende Dinge im Hinterzimmer auf. Er besaß einen Blasebalg, wie man ihn beim Schmied zu sehen bekommt, und noch viel merkwürdigere Dinge. Eines nannte er einen Tiegelofen, in dem man sehr heißes Feuer machen konnte; dann gab es sonderbare Kupferkrüge mit langen Schnäbeln, die er Pelikane nannte, dazu noch einen großen Glaskrug mit einem gewundenen, spitzen Ausguß, der sich nach unten und zur Seite bog. Es gab Gestelle und Zangen und kleine Krüge und Kästchen voller eigenartig riechender Dinge.

»Ah, ah, nicht anfassen, du kleine Schnüfflerin, ein paar dieser Sachen könnten sich, falls man sie falsch einsetzt – oder, so möchte ich hinzufügen, falls man mit einer so hübschen, kleinen Nase daran riecht – als tödlich erweisen«, ermahnte er mich.

»Aber wozu ist das alles gut?« fragte ich ihn dann wohl.

»Nein, aber nein auch, Margaret, wenn du unbedingt die vas hermetica anfassen mußt, dann setze sie bitte nicht so hart auf, du zerbrichst sie ja.« Bruder Malachi eilte immer noch geschäftig umher, so als beschäftigte ihn etwas.

»Aber könnt Ihr mir nicht wenigstens etwas darüber erzählen?«

»Ein ander Mal vielleicht, dann ziehe ich dich ins Vertrauen, doch für heute muß es reichen, daß ich dich bitte, nie mit jemandem darüber zu sprechen.«

»Keine Bange, Bruder Malachi«, antwortete ich dann wohl. »Ich kenne keine Seele, der ich davon erzählen könnte.«

Und das stimmte. Ich war jung, aber ich kam mir nicht mehr wie ein junger Mensch vor. Und ältere Leute legen keinen Wert auf die Bekanntschaft einer mittellosen Wittib. So eine ist verdächtig, denken sie, und vielleicht muß man der noch etwas leihen. Hilde hatte uns mit dem Priester von St. Michael le Querne bekanntgemacht, wo wir zur Kirche gingen, und hatte ihn von ihrer Tüchtigkeit und Ehrlichkeit als Wehmutter überzeugt. Sie hatte ihm nämlich vorgeführt, daß sie richtig zu taufen verstand und ihm erklärt, daß sie neun eigene Kinder begraben hätte. Aber ich sah ihm zu jung aus und hatte nur ein Kind begraben, so sparte er sich seine Empfehlungen für Hilde. Ein Weilchen war ich es zufrieden, Mutter Hilde zu begleiten und als ihr Lehrling meinen eigenen Wissensschatz zu vermehren. Doch schon bald verzagte ich und blieb zu Haus, wo ich dann flickte, auskehrte, kochte und in Bruder Malachis Werkstatt herumschnüffelte.

»Würdest du freundlicherweise den Blasebalg ein wenig stärker treten, liebes Kind? Ich brauche für dieses Verfahren mehr Hitze«, sagte er dann wohl.

»Und was genau macht Ihr da?« fragte ich darauf.

»Aquae regis mittels eines Verfahrens, welches als Destillation bekannt ist«, gab er zurück. »Das Feuer bringt den Geist dazu aufzusteigen, hier – und dann fängt er sich – da – und zieht nach unten und wird wieder sichtbar – genau hier.« Etwas tröpfelte in ein Behältnis.

»Wieviel Mal muß ich dir noch sagen, daß du nichts anfaßt, Margaret? Das da zerfrißt dir die Finger.«

»Wenigstens stinkt es nicht so wie einige von den Sachen hier drinnen. Wollt Ihr mir denn gar niemals erzählen, wozu das alles gut ist?«

»Hmmm«, sagte er und musterte mich ernst. »Ich glaube, du kannst etwas für dich behalten. Margaret, ich bin ganz kurz davor, das Jahrhundertgeheimnis zu entdecken.«

»Und was für ein Geheimnis ist das?« Ich wartete gespannt.

»Das Geheimnis der Umwandlung. Wenn ich dieses Geheimnis gelüftet habe, dann kann ich niedere Metalle in Gold verwandeln. Jahrelang arbeite ich nun schon daran. Ich beabsichtige, eines Tages sehr, sehr reich zu werden.«

Du lieber Himmel! Das war ja ein gewaltiges Geheimnis. Ich konnte mir direkt etwas darauf einbilden, daß ich darum wußte. Bruder Malachi ließ mich Geheimhaltung schwören, nicht nur wegen der großen Mengen an Gold, die wir bald im Haus haben würden, sondern auch, weil ein paar unwissende Seelen meinten, Alchemie – denn so nannte er seine Wissenschaft – könnten nur Menschen betreiben, die ihre Seele dem Teufel verschrieben hätten.

Auf einmal machte ich mir große Sorgen. »Habt Ihr das etwa getan?«

»Du brauchst dich nicht im geringsten zu betrüben, liebes Kind, auf den Gedanken käme ich nie. Ich möchte reich und zugleich im Besitz meiner Seele sein. Sonst hätte ich nicht viel Freude daran.«

Als das Wetter kälter wurde, drangen immer unangenehmere Gerüche aus dem Hinterzimmer, denn das Haus ließ sich jetzt nicht mehr so leicht lüften. Als wir uns deswegen eines Tages furchtbar anstellten, sagte er, er würde uns etwas zeigen, was uns gefallen würde und wofür wir ihm sicherlich Dank wüßten. Er baute die Destille auf und machte etwas, das er ›Weingeist‹ nannte, eine klare Flüssigkeit, die sich in Brand setzen ließ.

»Zu was um alles auf der Welt ist er nutze?« fragten wir. Als er sagte, man könne ihn trinken, probierten wir, doch er schmeckte abscheulich, außerdem lief uns danach die Nase.

»Zu gar nichts zu gebrauchen, wie alles aus Eurem Stinkezimmer, Bruder Malachi«, schalt ich ihn.

»Margaret, er ist auch zu anderen Dingen nutze. Du kannst ihn beispielsweise zum Saubermachen nehmen, was gewiß eher deinen Beifall finden wird.« Und als wir ihn dann hatten, benutzten wir ihn auch dazu. Bruder Malachi versiegelte einen Teil in Medizinfläschchen und verkaufte ihn mit recht gutem Erfolg auf dem Markt am Cheap.

Am Ende erwarb ich mir doch noch eine Kundschaft, jedoch eine sehr wunderliche, die mir überhaupt nichts einbrachte. Ich schöpfte aber wieder Mut, und darum muß das hier erwähnt werden. Der Herbst war ohne Arbeit ins Land gegangen, jetzt war es Winter, und es machte keinen Spaß, ohne Geld durch die Straßen zu laufen. Ich wollte dem Gestank im Haus so oft wie nur möglich entkommen und strolchte also ganz allein und ungeachtet der Gefahr im Freien herum. Zunächst machte mir das Herumwandern Freude. Da gab es am Strand prächtige Paläste zu sehen, dazu das Kommen und Gehen der hohen Herren zu Pferde, dahinter ihre uniformierten Gefolgsleute. Ich ging dann wohl zum Galley-Kai hinunter und sah mir die einlaufenden Schiffe aus fremden Ländern an. Einige ragten hoch auf, waren leuchtend bemalt und hatten Segel, und man konnte die Seeleute in fremden Zungen singen hören. Bei anderen handelte es sich um Galeeren, manche mit zwei, drei Reihen Ruderblättern übereinander, Schiffe, die sacht vor sich hindümpelten, während Ballen mit Kostbarkeiten aus dem Orient entladen wurden.

Wer am Flußufer entlangwandelt, kann erleben, wie der Fisch an der Billingsgate-Werft angelandet wird – doch wenn man nichts kauft, schimpfen sie hinter einem her. Bei schlechtem Wetter ging ich wohl in die große Kathedrale. Mitten im Kirchenschiff von St. Paul's findet sich alles nur Mögliche: Arbeiter bieten ihre Dienste an, Leute verkaufen unter dem Umhang Sachen zweifelhaften Ursprungs, und Jungen spielen Ball. Doch wenn man als Frau allein dort hinkommt, denken alle, daß man auf ein Stelldichein aus ist, deswegen konnte ich dort nie lange verweilen. Es macht keinen großen Spaß, herumzulaufen und sich bei heftigem Wind in einen alten Mantel zu wickeln und zu wissen, daß man, wenn ein Straßenverkäufer ›heiße Pasteten‹ ausruft, keinen Penny dafür hat, geschweige denn für andere Dinge. Dann fragt man sich, was aus einem wird und ob man überhaupt noch auf der Welt sein darf.

Mutter Hilde, die jetzt immer viel zu tun hatte, meinte, es würde mich aufheitern, wenn ich sie zu einer Niederkunft außerhalb der Stadtmauern begleitete, wo eine Frau ›dick genug für Zwillinge‹ war. Zusammen gingen wir durch die gewundenen Straßen zum Bishops-Tor, dann durch die jenseits gelegenen, schäbigen Vororte. Wie es sich herausstellte, waren es nicht Zwillinge, sondern Drillinge, alles Totgeburten, obwohl wir die Mutter retten konnten. Da sie arm war, tröstete sie sich über ihren Verlust mit dem Gedanken hinweg, daß sie ohnedies nicht für alle zu essen gehabt hätte. Als wir über Moorfields zurückgingen, sahen wir, daß die Marsch schon ganz zugefroren war und von kleinen Jungen wimmelte, die auf dem Eis dahinglitten. Man konnte ihre weißen Atemwölkchen sehen, wenn sie sich etwas zuriefen. Einige Jungen zogen andere, und wieder andere kämpften spielerisch miteinander, wobei sie Stöcke wie Lanzen einlegten. Am besten gefielen mir die, welche wie der Wind dahinsausten. Sie hatten sich etwas zum Gleiten unter die Füße gebunden und stießen sich mit zwei kleinen Stangen ab wie die Wilden. Ich sah ihnen hingerissen zu.

»Hilde, Hilde, das will ich auch machen! Es sieht fast wie fliegen aus!« Ich bekam kaum noch Luft, so unbändig verlangte mich danach.

»Margaret, du bist verrückt! Das schickt sich nicht für eine Frau! Siehst du dort auch nur eine einzige Frau oder ein Mädchen? Nein? Schlag es dir also aus dem Kopf! Du handelst dir nur Ärger ein.«

Ich machte ein langes Gesicht. Was für eine alberne Vorstellung. War fliegen etwa nur für Jungen gedacht?

»He, Junge, du da, wieso bist du so schnell?« rief ich einem kleinen Jungen in rostfarbenem Rock und Schaffellumhang zu.

»Das machen die Schlittschuhe, Ma'm«, antwortete er und verlangsamte seine Fahrt.

»Zeig mir mal«, bat ich, und er hielt zuvorkommend einen Fuß hoch, während er auf dem anderen balancierte. Er hatte sich einen roh bearbeiteten Schafsknochen unter die Sohle gebunden.

»Darf ich mal probieren?«

Er zog eine Grimasse und wollte davonsausen. Genau in diesem Augenblick tauchten seine Freunde hinter ihm auf.

»Hu, hu, Jack hat sich eine Liebste angelacht!« höhnten sie.

»Küßchen, Küßchen!«

»Ist das aber eine große Freundin, die da!« Der kleine Junge wurde knallrot und schrie: »Gar nicht wahr! Sie ist bloß ein großes, altes Mädchen, das ich nicht mal kenne!« Gemeinsam glitten sie vergnügt davon. Doch die Freude währte nicht lange. Ein größerer Junge, den ein Freund vor sich herjagte, fuhr geradewegs in sie hinein, so daß alle in der kleinen Gruppe der Länge nach hinschlugen.

»Heda, Jack, steh auf, wir wollen los.« Sie drängten sich um ihren Freund.

»Kann nicht, ich hab mir den Fuß verstaucht.« Er machte ein gefaßtes Gesicht.

»Is nich verstaucht, wackel mal damit.«

»Aua! Hände weg, das ist mein Fuß.«

»Und wie willst du nach Haus kommen?«

»Könnt ihr mich nicht tragen?«

»Ha, du bist gut, wenn wir zu lange brauchen, kommt der Meister dahinter, daß wir draußen gespielt haben.«

»Und was ist mit mir? Wenn ich mit einem verstauchten Fuß zurückkomme, dann verprügelt er mich. Mein Meister ist noch viel strenger als deiner.«

Das reichte mir. Vorsichtig schlidderte ich übers Eis zu der kleinen Gruppe hin und tat so, als ob ich Hildes warnenden Blick nicht sah, und dann bot ich meine Hilfe an.

»He, da ist ja wieder deine Freundin.«

»Mmm, die will ihn küssen und heile, heile Gänschen machen.«

»Küß mich, mir tut's hier weh.« Das letzte war von einer obszönen Geste begleitet.

»Ich kann nämlich helfen. Ich habe einen Trick, mit dem ich Leute heilmachen kann. Aber mit küssen hat das nichts zu tun«, und dabei starrte ich den Unflätigen böse an.

»Dann macht schon, Lady, sonst sitzt er gewaltig in der Klemme.«

Sacht betastete ich den Fuß, und er zuckte zusammen. Dann legte ich beide Hände auf die Verstauchung und machte meinen Geist bereit. Im Freien kann man das komische Licht überhaupt nicht sehen. Ich selber auch nicht. Von der Hitze merkte ich kaum etwas. Dann nahm ich die Hände weg. Behutsam bewegte er den Fuß – dann wackelte er damit hin und her.

»Ja, es tut gar nicht mehr weh. Vielen Dank, Lady.« Aber jetzt wurde er auf einmal mißtrauisch. »Das kostet doch nicht etwa was?« Ich überlegte rasch.

»Doch. Ich will deine Schlittschuhe ausprobieren.« Er sah entgeistert aus.

»Los, Jack, das ist nur gerecht.« – »Mach schon, Jack, bezahlst du deine Schulden etwa nicht?«

»Na gut«, murrte er, »Ihr fallt aber hin.« Ich war mir bewußt, daß Hilde hinter mir stand und sich, hin- und hergerissen zwischen Schreck und Belustigung fragte, was daraus werden mochte.

Die Schlittschuhe waren für meine Füße zu kurz, und die Stangen auch. Ich machte ein paar Schritte, dann schlug ich mit einem Krach hin.

»Das reicht jetzt. Da habt Ihr's. Ich hab ja gesagt, daß Ihr hinfallen würdet.«

»Ich versuche noch mal.« So eine Schmach, wo ich doch hatte dahinsausen wollen. Schon malte ich mir aus, wie ich übers Eis fliegen würde. Aber meine Füße gehorchten einfach nicht.

»He, Jack, das ist nur gerecht. Beim ersten Mal sind wir alle gefallen.« Seine Freunde kamen mir zu Hilfe – kann sein, sie wollten sich auch nur an seiner Verlegenheit weiden. Normalerweise wäre ich inmitten dieser Traube von kleinen Jungen, die rüde Bemerkungen machten, auch verlegen gewesen. Aber ich wollte so gern fliegen, daß es mir gleichgültig war. Ich machte einen Schritt; dann glitt ich, dann stieß ich mich ab, und schon nahm ich Fahrt auf.

»Es ist genau wie fliegen!« rief ich ihnen fröhlich zu. Alsdann versuchte ich zu wenden und fiel wieder hin. Ich kam hoch und lachte zum ersten Mal seit Monaten. Sie lachten mit.

»Darf ich wiederkommen?« bettelte ich. Sie pufften sich gegenseitig und lachten schon wieder.

»Wir sind Schlachterlehrlinge. Wir bringen Euch größere Schlittschuhe mit, wenn Ihr wiederkommen wollt. Aber Ihr müßt die Freundin von uns allen sein, nicht nur seine.« Und so kam es, daß ich das Schlittschuhlaufen aufnahm und gleichzeitig zu Patienten kam. Denn auf dem Eis gab es viele Verletzungen, und denen, die nicht zu stolz waren, mich darum zu bitten, half ich auch. Bald gab es einen ständigen Zustrom kleiner Jungen, die sich nach der Diebesgasse durchfragten, um dann an meine Tür zu klopfen und mir ein blaues Auge oder gebrochene Finger zu zeigen. Manchmal kam auch ein Mädchen, aber nicht oft, denn Mädchen dürfen zwar in vielen Zünften als Lehrlinge arbeiten, aber doch nicht so frei auf der Straße herumlaufen wie die Jungen. Möglicherweise aber wagen sie auch einfach nicht, sich die Freiheit zu nehmen wie Jungen – denn ich bin überzeugt, daß viele von diesen Jungen eigentlich arbeiten oder Botengänge machen sollen, wenn sie auf einmal entdecken, wieviel Spaß es macht, zu bummeln oder Ball zu spielen oder sich zu prügeln. Und wenn genug beieinander sind, wer kann sie dann noch aufhalten? Zu jener Zeit kam mir London nicht mehr wie eine Stadt der Fremden vor, die allesamt auch gut ohne mich zurechtkamen. Ich erlebte es als eine Stadt der Kinder. Denn beinahe überall, wohin ich kam, gab es ein kleines Wesen, das sich dann wohl aus der spielenden Gruppe löste oder anhielt und mir eine Botschaft überbrachte oder sagte:

»Ei, da ist ja Margaret! Hallo, Margaret!« Das machte irgendwie alles anders.

»Schön, daß du wieder lachen kannst, Margaret«, sagte Hilde eines Abends am Kamin. An jenem Tag hatte es ein leichtes Abendessen gegeben, und das ging auch nicht anders, denn Bruder Malachi hatte kein Geld mehr, und Hilde verdiente nicht genug, als daß davon vier Leute gut hätten leben können. Dieser Tage gab es reichlich Braunbrot, Bohnen und Zwiebeln. Bruder Malachi machte sich überhaupt nichts daraus, denn er stand so kurz vor der Entdeckung des Geheimnisses, daß er oftmals vor lauter Aufregung vergaß zu essen und dann erinnert werden mußte. Peter war es auch egal, denn ihm schmeckte wohl ohnedies alles gleich. Hilde ertrug schwere Zeiten immer tapfer. Aber mir machte es etwas aus. Ich bekam vom Herumstrolchen und Schlittschuhlaufen einen geradezu wölfischen Hunger, und das machte mir manchmal schwer zu schaffen.

»Ganz entschieden ein Fortschritt«, setzte Bruder Malachi hinzu, der zufällig einmal bei uns saß, statt im Hinterzimmer zu arbeiten. »Du mußt zugeben, daß du mürrisch und verdrießlich gewesen bist, Margaret. Und das geht jemand wie mir, der ständig die ätherische Luft der Begeisterung atmen muß, wenn er seine schwierige und aufreibende Suche weiterführen will, schwer auf die Nerven.«

»O, tut mir schrecklich leid. Das kommt doch nur, weil ich mich so schäme, daß ich noch kein Geld verdient habe. Ich leiste einfach meinen Beitrag nicht, und das stimmt mich mißmutig«, gestand ich. Gleich betuttelten mich beide und sagten, daß ich sehr wohl meinen Beitrag im Hause leistete. Ich fand zwar, daß sei nicht ganz das Gleiche, aber dann erzählte ich ihnen eine komische Geschichte, die ich von den Lehrlingen gehört hatte, und da mußten wir alle wieder lachen.

Aber es machte mir zu schaffen – daß ich nichts zu tun hatte, wo ich doch wußte, ich war genauso gut wie manch andere. Und es machte mir zu schaffen, daß dieser gräßliche Drache von nebenan ständig mein Kommen und Gehen bespitzelte und daraus lautstark und vor jedermann den Schluß zog, ich wäre eine übel beleumdete Frau. Und gerecht war das auch nicht, wo doch ringsum Leute wohnten, die den Klatsch und Tratsch eher gelohnt hätten. Da gab es beispielsweise einen Hehler, der viele nächtliche Besucher hatte. Es gab einen schlanken Burschen, den ich für einen Taschendieb hielt, dazu noch etliche, große, massige Kerle, die für Geld alles machten, und wenn es noch so anstößig war.

Doch auch meine Stunde kam einmal. Ich war zuhause geblieben, um auszukehren und zu brauen, denn das kann ich wirklich gut. Meiner Meinung nach schmeckt auch das Wasser in der Stadt zu eigenartig, als daß man es trinken kann. Es klopfte an die Tür, und als ich aufmachte, stand da ein hochgewachsener, schäbiger Mensch in einem langen, fadenscheinigen, schwarzen Gewand. Er hatte ein langes, knochiges Gesicht wie ein erschöpfter Hund, und das ließ ihn älter wirken. Es war ein Priester mit niederen Weihen, der verheiratet war und eine Wehmutter suchte. Hilde war fort, und so sagte ich ihm, ich wäre auch eine. Er sah enttäuscht aus.

»Ich hatte gehofft, die Ältere…« sagte er.

»Ich weiß, daß ich jung bin, aber ich habe bei vielen Geburten mitgeholfen und Kinder wohlbehalten auf die Welt gebracht, wenn auch noch nicht in London. Die ›Ältere‹ ist meine Lehrherrin, und ich mache alles genau wie sie.« Unerschrocken stand ich für mich ein, aber etwas in meinen Augen ließ ihn aufmerken.

»Hier habt Ihr also noch nicht viel gearbeitet?« fragte er.

»Nein«, seufzte ich, »ich bin ja noch nicht lange in London, und da ich nicht alt aussehe, tu ich mich sehr schwer, mir einen Namen zu machen, vor allem in diesem Gewerbe.«

»Dann geht es Euch nicht anders als mir«, sagte er. »Ich bin gekommen, weil London eine Stadt aus Gold ist, doch davon hat noch nichts den Weg in meine Tasche gefunden. Verheiratete Priester werden niemals befördert. Ich habe ein wenig Arbeit gefunden, Kopieren und Psalmensingen. Gelegentlich segne ich auch Häuser –« und dabei blickte er sich hoffnungsvoll um. »Würdet Ihr gern Euer Haus gesegnet haben?« Da konnte ich noch soviel kehren, das Haus sah immer noch schäbig aus, und für einen weißen Anstrich fehlte uns das Geld. Es fiel uns nur einfach nicht mehr auf, und so unterließen wir es ganz. Es ging mir immer durch und durch, wenn ein Fremder uns daran gemahnte, wie schlimm es eigentlich aussah.

»Leider verlohnt dieses Haus das Segnen nicht mehr«, seufzte ich und blickte mich um.

»Wirklich zu schade, weil ich nämlich –« hier brach er ab, aber ich wußte schon, was kommen würde. »Weil«, fuhr er fort, »ich, hmm, gehofft hatte, ich könnte – etwas – später bezahlen.«

Ich wußte, was man darauf antwortete, und so war ich zwar enttäuscht, andererseits aber wollte ich mich auch beweisen.

»Ich mache es um Christi willen«, sagte ich. Seine Miene hellte sich auf.

»Und Ihr seid auch gewiß so gut wie die Ältere? Meine Frau und ich sind erst eineinhalb Jahre verheiratet, und beim ersten sollen sie sich immer am schwersten tun.«

»Das kommt darauf an, wie kräftig die Mutter ist«, sagte ich beschwichtigend.

»Gut, ich komme wieder und segne Euer Haus auf jeden Fall. Es gibt kein Haus, welches das Segnen nicht mehr verlohnt. Vielleicht braucht dieses nur einen längeren als gewöhnlich.«

»Kann sein. Es steht nämlich zu befürchten, daß es mit den Vorbewohnern kein gutes Ende genommen hat.«

So war es denn abgemacht, und als die schwere Stunde für seine Frau gekommen war, da holte er mich persönlich ab, und ich mußte mich sputen, daß ich mit seinen langen Beinen Schritt hielt, während er durch die Straßen zu einer Gasse eilte, die der unseren fast aufs Haar glich, nur daß sie in einem anderen Teil von Cornhill gelegen war, wo er in einer baufälligen Hütte lebte. Die Entbindung war nicht weiter schwer, doch wie es so geht, dauerte sie länger, wie meistens beim ersten Kind, und sie hatte eine Todesangst. Als beide, Mutter und Kind, wohlbehalten im Bett lagen, ging ich zu ihm. Er wartete im zweiten Zimmer der Kate auf mich, den Kopf auf die Hände gelegt.

»Mutter und Kind geht es gut, Ihr habt ein Mädchen«, sagte ich. Er blickte auf, und ein freudiges Strahlen ging über sein langes Gesicht.

»Wirklich? Ich habe gedacht, als ich die Schreie hörte –«

»Nein, es geht ihnen gut, beiden geht es wirklich gut.« Ich folgte ihm nach nebenan und sah voller Neid den zärtlichen Ausdruck auf seinem Gesicht, als er beide anstaunte.

»Ja, ist die aber hübsch«, bewunderte er das Kind, und seine Frau lächelte glücklich. Insgeheim dachte ich bei mir: ›Wenn ich die Wahl gehabt hätte, ich wäre eine Liebesheirat eingegangen wie die beiden da – und wenn ich das nicht haben kann, dann will ich auch nicht heiraten.‹ Doch das Schicksal lehrte mich später, daß eine Frau nur selten die Wahl hat, wenn Männer das Recht zu bestimmen für sich in Anspruch nehmen.

Von jetzt an wandten sich die Dinge für mich zum Besseren, denn der erste Kunde empfiehlt immer die übrigen. Und dieser schäbige Priester kam wirklich herum. Manchmal sah ich ihn wohl an einer Straßenecke, wo er die Vorübergehenden vor der Sünde warnte, und sein fadenscheiniges Gewand flatterte dabei im Wind. Er hatte eine Anzahl von Lieblingsthemen, von denen einige ihn in den Stock bringen konnten, und ich habe keine Ahnung, wie er ihm entging. Er sagte, die Sünden der Wohlhabenden und Großen hätten die Pest über uns gebracht, und er prangerte die Selbstsüchtigkeit der Reichen ebenso an wie die der karrieresüchtigen, ehelosen Geistlichkeit. »Keuschheit ohne Barmherzigkeit«, so nannte er das; und er sagte, daß die Käufer von Ablaßbriefen der Hölle nicht entgingen, denn nur Gott könne vergeben und das ohne Ansehen des Geldes. Die Armen hörten ihm gern zu, und mehr als einmal sah ich, wie sich die Menge um ihn schloß und ihn aus der Gefahrenzone wegbrachte, wenn es so aussah, als ob die Behörden zugreifen wollten. Und das war das Problem mit den neuen Kundinnen, die er mir schickte – sie waren alle so arm wie er und bezahlten in Naturalien. Doch immer noch besser als gar nichts, und so sah denn das Leben langsam wieder etwas rosiger aus.

Es zeugte vielleicht für unseren neuen Wohlstand, daß alles Unbehauste zu spüren schien, in diesem schmalbrüstigen Haus in dieser Gasse könnte es willkommen sein und eine Mahlzeit vorfinden. Als ich eines Morgens draußen Moll füttern wollte, stellte ich fest, daß eine schäbige, orangefarbene Katze mit eingerissenem Ohr und fehlendem Schwanz die Nacht im Schuppen verbracht hatte. Schmeichlerisch wie Katzen nun einmal sind, strich sie mir mit ihrem mageren Leib um die Beine, bis sie sich etwas Milch zum Frühstück erbettelt hatte. Danach schien sie von Haus und Hof Besitz zu ergreifen und war schon bald so fett wie ein wohlhabender Städter. Hilde freute sich darüber, denn sie hatte schon oftmals bedauert, daß sie ihren alten Mäusejäger hatte zurücklassen müssen und sich vorgenommen, in besseren Zeitläuften eine neue Katze zu kaufen. Bei Sonnenschein verschönert eine Katze die Gartenmauer und bei schlechtem Wetter die Feuerstelle, und so kam uns das Haus schon bald nicht mehr so trostlos vor.

Als ich dann an einem regnerischen Nachmittag von der Arbeit kam, meinen Lohn in Form von Butter und Eiern säuberlich eingeschlagen im Korb, da fiel ich fast über ein Knäuel, das zusammengerollt vor der Haustür lag. Es glich einem Haufen zerschlissener Seile, und als es dann auch noch aufstand und sich hinter mir hoffnungsfreudig ins Haus schob, da war ich mir gar nicht so sicher, um was es sich eigentlich handelte, denn es sah vorn und hinten mehr oder weniger gleich aus. Ich holte mir also einen Eimer Wasser und einen Kamm, während das Geschöpf hinter mir hertapste, ließ mich bei der Hintertür nieder und wusch es, bis sich herausstellte, was es überhaupt war.

»Was um Himmels willen wäschst du da?« fragte Bruder Malachi, der aus dem Stinkezimmer gekommen war, um frische Luft zu schnappen.

»Ich weiß auch nicht, aber es scheint sich mehr oder weniger um einen Hund zu handeln«, gab ich zurück und fuhr fort, ihm die verhedderten Haare auszukämmen. In Wahrheit hatte ich mich furchtbar in ein Paar fröhliche, leuchtende Augen und ein Maul verliebt, das immer zu lächeln schien und das ich unter dem verfilzten Haar entdeckt hatte. Aber ein Hund will auch fressen, und so war es nicht recht, ihn zu behalten, wenn die anderen dagegen waren.

»Ein Hund, äh? Sehr groß ist er ja nicht gerade. Ich könnte mir denken, daß er gut bellt. Margaret, man könnte durchaus in Betracht ziehen, dieses Geschöpf zu behalten, daß es uns warnt. Schließlich muß man auch an die Zukunft denken. Sehr bald schon werden sich im Haus die Goldbarren türmen, und das muß die Verbrecher einfach anlocken. Eine weise Vorsichtsnahme, so ein Wachhund. Ihr seht, Fortuna kümmert sich bereits um die Einzelheiten unseres neuen Lebens.«

Und so blieb der Hund. Als Zeichen seiner Dankbarkeit sozusagen legte er mir am nächsten Morgen etwas zu Füßen. Es war eine tote Ratte, beinahe halb so groß wie er selbst.

»Du liebe Zeit, Margaret«, sagte Mutter Hilde, »muß der sich aber gebalgt haben, daß er die erwischt hat. Er ist zwar klein, aber er hat das Herz eines Löwen.« Und so kam er zu dem Namen Lion, der Löwe, auch wenn mir fast jeder sagt, daß er albern ist. Aber Lion war sehr aufgeweckt, und mir machte es Spaß, ihm ein paar von den Kunststückchen beizubringen, die ich bei den Hunden der Gaukler gesehen hatte. Maistre Robert besaß ein wunderbares Geheimnis, wodurch nämlich seine Hunde so lebhaft wurden wie Menschenkinder. Statt sie wie störrische Esel zu schlagen, unterrichtete er immer nur eine Sache zur Zeit, und er brachte sie mit kleinen Belohnungen und Streicheln dazu, daß sie diese vervollkommneten. Eine sehr kluge Methode, denn so liebten ihn die Tiere, und auch ich machte mit großem Erfolg Gebrauch davon. Wenn dann wohl die kleinen Jungen zu Besuch kamen, beklatschten sie Lions Kunststücke, was ihm unheimlich gefiel, denn er zählte zu den Hunden, die sich gern bewundern lassen.

Dank meiner kleinen Freunde war Lion nicht das einzige Geschöpf, daß in jener Zeit zu uns fand und blieb. Eines windigen Spätnachmittags im März antwortete ich auf ein schüchternes Klopfen an der Tür. Ein traurig aussehendes Geschöpf stand vor mir – ein magerer, unterentwickelter Junge, der sich eine lange, nicht verheilte Schnittwunde an der Hand hielt. Er hatte am ganzen Körper blaue Flecken und ging, als ob ihn alle Gliedmaßen schmerzten. Als er sprach, sah ich, daß sein Zahnfleisch rot und geschwollen war. Die Krankheit kannte ich gut. Sie tritt im Winter auf, wenn es nicht genug zu essen gibt.

»Seid Ihr die Frau, die Schnittwunden heilt?« fragte er.

»Die bin ich«, war meine Antwort.

»Die Jungs sagen, daß Ihr das aus Liebe zu einem Bruder macht, der verschwunden ist. Er ist noch nicht wieder aufgetaucht, oder?«

»Nein, ist er nicht. Aber willst du nicht hereinkommen?« Er schlich sich wachsamer herein als eine Katze und blickte sich so vorsichtig um, als ob ihm im Zimmer Gefahr drohte.

»Wer ist denn das, Margaret? Wieder einer von deinen Jungen? Wie heißt du, und wer ist dein Meister, denn ein Blinder kann sehen, daß er dich sehr schlecht behandelt.« Mutter Hildes Stimme klang freundlich und besorgt, während sie ihm Gemüsesuppe aus unserem ständig vor sich hinsiedenden Topf vorsetzte.

»Ich heiße Sim, und ich habe keinen Meister«, antwortete er. »Meine Mutter hatte nicht das Lehrgeld, daß ich ein Gewerbe erlernen konnte. Jetzt ist sie tot, und ich suche mir Arbeit, wo ich kann.«

»Und zum Betteln bist du wohl auch nicht zu stolz«, sagte Mutter Hilde. Der Junge schwieg. Mutter Hilde dachte ein wenig nach und verschwand dann in Bruder Malachis Werkstatt, während Sim aß. Bald kam sie geschäftig wieder ins Zimmer geeilt.

»Sim«, sagte sie, »Bruder Malachi, der sich mit einem Vorhaben von größter Wichtigkeit beschäftigt, braucht einen Jungen, der den Blasebalg für ihn bedient und seine Gefäße säubert. Peter hat sich dabei als völliger Versager erwiesen. Sonst war das immer Margarets Arbeit, ehe sie selbst soviel zu tun hatte. Mittlerweile ist Bruder Malachi durch das Übermaß an Arbeit und Enttäuschung fix und fertig. Wenn du ihm das abnehmen willst, darfst du hierbleiben. Würde dir das gefallen?« Sim blickte argwöhnisch.

»Es ist kein Trick dabei. Hier werden keine Kinder gebraten oder geschlagen, und es gibt fast immer gut zu essen. Was hältst du davon?« Mittlerweile war die Katze herbeigekommen und hatte sich Sim auf die Füße gesetzt. Er überlegte kurz, dann sagte er: »Ja, ich will es machen.« Mutter Hilde küßte ihn, und so war es denn abgemacht. Ich wusch die Schnittwunde aus und versorgte sie, doch uns war beiden klar, die beste Medizin für diesen Jungen war Essen.

Sim ging uns gut zur Hand. Je mehr sich seine Geister hoben, desto länger arbeitete er für Bruder Malachi, er aß wie ein Faß ohne Boden und machte viele nützliche Botengänge. Mir fiel aber auch auf, daß er mit zunehmender Kräftigung eine Art Sonderstellung unter den anderen Jungen einnahm, denn die behandelten ihn mit großer Ehrerbietung.

Eines Tages sah ich auf dem Weg zum Markt Sim auf der Straße, wie er bei einem Ballspiel als erster an die Reihe kommen wollte und das auch, unverdientermaßen, wie mir schien, schaffte. Ich holte ein Kind ein, das gelaufen kam und auch mitspielen wollte, und faßte es bei der Schulter.

»Bitte, warte eine Minute, und beantworte mir eine Frage«, sagte ich. »Wer ist denn der Junge da, der als erster drankommt, und warum genießt er soviel Ansehen?«

»O, Lady, wißt Ihr das denn nicht? Das ist doch Sim. Er lernt bei einem Zauberer und kennt schon ein paar sehr mächtige Geheimnisse. Er kann niedere Dämonen herbeirufen und seine Feinde in Frösche verwandeln.«

»Er kann was? Mir scheint, er schneidet tüchtig auf.«

»O nein, das ist alles wahr. Er hat uns Quecksilber aus dem Laboratorium seines Meisters gezeigt und ein Wasser, welches Steine auflösen kann.«

»Danke, daß du's mir erzählt hast. Vor Zauberern muß man sich wirklich sehr in acht nehmen.«

»Das finde ich auch, Lady.«

An diesem Abend knöpften wir uns Sim vor.

»Sim«, sagte ich bestimmt, »mir ist zu Ohren gekommen, daß du den anderen Lehrlingen erzählst, du gingest bei einem Zauberer in die Lehre.« Bruder Malachi zog die Brauen hoch. Sim sah besorgt aus.

»Sim, wie furchtbar«, sagte Mutter Hilde. Sim ließ den Kopf hängen.

»Sim«, sagte ich, »wenn du mit solchen Geschichten hausieren gehst, holst du uns den Erzdiakon auf den Hals. Wenn nun jemand ihm all das Zeug über Frösche und Dämonen erzählt? Er wird Bruder Malachi wegen Zauberei einsperren. Vielleicht uns alle.« Sim sah aus, als wollte er gleich losheulen.

»Frösche? Dämonen?« Bruder Malachi wirkte grimmig, doch um einen seiner Mundwinkel zuckte es. »Was genau hast du nun deinen Spielkameraden erzählt?« Kleinlaut kam Sim damit heraus.

»Sim, Sim.« Bruder Malachi schüttelte bedenklich den Kopf. »Mit einer solchen Zunge wirst du leider kein guter Zauberer und auch kein Alchimist – aber –« Sim blickte hoffnungsvoll auf – »ein umwerfender Verkäufer! Spare dir deine Lügen für die Wanderschaft, mein junger Freund, und ich nehme euch mit auf Reisen, sowie du etwas größer bist. In der Zwischenzeit wirst du deinen kleinen Freunden erzählen, daß dein Meister einen so unangenehmen Dämon herbeigerufen hat, daß er es auf der Stelle bereut und sich nun auf eine ausgedehnte Pilgerfahrt begeben hat, um sich von der Sünde reinzuwaschen. Das sollte reichen, glaube ich. Dergleichen legt sich, wenn man's richtig anfaßt.«

»Aber ich darf doch noch den Blasebalg bedienen?«

»Natürlich, natürlich. Morgen beginne ich mit einem äußerst heiklen und gefährlichen, neuen Verfahren. Es könnte durchaus geschehen, daß mir mein Material mit einer Stichflamme und viel Getöse um die Ohren fliegt – aber es kann auch der Zugang zum Geheimnis sein. Als ich es das letzte Mal probierte, habe ich fast das Haus niedergebrannt. Dieses Mal erwartet uns ein Goldregen! Doch du mußt sehr mutig sein –«

»Ich bin mutig, ich schwör's.« Sim schien wieder Mut geschöpft zu haben.

»Gut, wir fangen bei Tagesanbruch an. Aber ich muß dir gänzlich vertrauen können? Schwörst du?«

Sim schwor. Mutter Hilde und ich schüttelten den Kopf. Am nächsten Tag erfüllte ein eigentümlich widerlicher, schwarzer Gestank das Haus, daß selbst das Ungeziefer durch die Mauerritzen entfleuchte. Hilde und ich gingen zur Arbeit, um dem Erstickungstod zu entgehen. Hilde hatte eine neue Patientin, die Frau eines wohlhabenden Sattlers, die ihr siebtes Kind trug, was Hilde zufolge Glück brachte, und ich machte mich zu einem schäbigen Mietshaus auf der London Bridge auf, wo ich nach einer Frau sehen wollte, die Master Will, der Straßenprediger, an mich verwiesen hatte.

Die London Bridge gefällt mir: wer dort wohnt oder sein Geschäft betreibt, hält sich für etwas ganz Besonderes und flicht ständig Beweise für seine Einzigartigkeit in die Unterhaltung ein. Die Luft dort ist kalt und frisch, was gesünder sein soll, und es wirkt eigentümlich beruhigend aufs Gemüt, wenn man das Wasser mit so großer Gewalt zwischen den engen Steinpfeiler hindurchrauschen sieht, obwohl es gefährlich ist, mit dem Boot hindurchzusteuern. Und doch tun es die Bootsführer Tag für Tag, wenn auch weisere Passagiere vor der Brücke aus- und hinter der Brücke wieder zusteigen, denn so manch einer schlägt um und ertrinkt bei dem Versuch, unter der Brücke hindurchzufahren. Weil auf der Brücke Häuser stehen, ist die High Street nur zwei Dutzend Ellen breit, außer an der Stelle, wo sie sich zu einem ›Platz‹ weitet, auf dem manchmal sogar turniert wird. Das Einzige, was ich an der Brücke wirklich nicht mag, ist der Torweg zur Zugbrücke an Southwark-Ende, weil dort nämlich die abgeschlagenen Köpfe aufgespießt werden, wo sie jeden, der die Stadt von Süden her betritt, daran gemahnen sollen, daß in England auf Landesverrat der Tod steht. Immer wenn ein neuer Kopf angebracht wird, ist das so etwas wie ein Festtag, und Männer führen ihre Familien zu einem Spaziergang dorthin, daß sie ihn anglotzen und vielleicht auch ein paar Einkäufe tätigen können. Wenn die Kaufleute auf der Brücke zu sagen hätten, würden sie gern jede Woche einen neuen Kopf haben, denn das hebt ihren Umsatz.

An jenem Tag herrschte auf der High Street großes Gedränge. Marktfrauen hatten ihre Waren auf dem Umhang ausgebreitet und luden lautstark zum Einkauf ein. Im Schatten unter den Übergängen im ersten Stock gingen Taschen- und Gelegenheitsdiebe ihrem Gewerbe nach. Bettler, darunter auch verkrüppelte, alte Soldaten und Kinder, die von den eigenen Eltern verstümmelt worden waren, damit sie erbarmungswürdiger aussahen, weinten und flehten um milde Gaben um Christi willen. Wer ihnen etwas gab, wurde mit Segenswünschen überschüttet, daß es fast schon peinlich war, und von weiteren Bettlerscharen belagert. Gecken waren auf der Suche nach einer Frau, Händler und Lehrlinge drängelten sich zu Fuß entlang, während wohlhabende Kaufleute auf Maultieren sich einen Weg durch das Gewimmel auf der Straße bahnten. Als ich mich dem Platz auf der Brücke näherte, bekam ich etwas von der Unterhaltung mit, in die ein paar Lehrlinge nahebei tief versunken waren.

»Ei, der Kopf von dem Zauberer ist jetzt ganz schwarz.«

»Der war doch schon immer so; bei Zauberern, vor allem bei bösen, ist er eben schwarz – denk nur, er wollte den Prinzen verhexen!«

»Das stimmt nicht; er war noch gar nicht schwarz, als sie ihn aufgespießt haben, nur ein bißchen eingefallen. Du kannst mir glauben, der ist erst hinterher schwarz geworden.«

»Naja, und jetzt fällt er auseinander. Wenn sie alt sind, sehen sie alle gleich aus. Bloß die neuen sind interessant.«

»Stimmt, wenn erst mal die Augen raus sind, ist nicht mehr viel an ihnen dran.«

Weitere Überlegungen wurden durch einen Aufschrei am Südende der Brücke unterbrochen.

»Platz da! Platz da für den Herzog von Norfolk!« Ein Trupp gewappneter, adliger Herren mit ihren Gefolgsleuten, alle prächtig beritten auf Reisepferden und gefolgt vom Troß, überquerte die Zugbrücke in anständigem, flinken Trab. Man konnte die Sonne auf ihren silbern und golden bestickten Überröcken blitzen sehen. Brust und Hals ihrer Pferde waren schweißnaß von ihrem langen, schnellen Ritt. Vor ihnen teilte sich die Menge, jedoch nicht schnell genug. Mütter rissen ihre Kinder aus dem Weg, und erwachsene Männer drängelten sich in den Schutz der Hauseingänge. Die Menge strömte auf den engen ›Platz‹ zu, und wer Glück hatte, fand eine Fußgängernische in der Brückenmauer. Jemand stellte mir ein Bein, ich fiel hin. Dann fielen andere auf mich, und schon bald lag ich unter mehreren Leibern begraben. Mir ging die Luft aus, und durch mein Bein fuhr ein stechender Schmerz.

Als der berittene Trupp vorbei war, kamen die Schaulustigen wieder auf ihre Kosten, als man nämlich die Verwundeten auseinanderklaubte, in die angrenzende Brückenkapelle trug und sie auf den Steinfußboden legte. Einige hatten nur blaue Flecken und kamen bald wieder zu sich. Einem alten Mann hatte es das Rückgrat gebrochen, er war schon ganz grau im Gesicht wie alle, die im Sterben liegen. Der Priester beugte sich über ihn und salbte ihm die Stirn, während sein Meßgehilfe ihm mit der Kerze leuchtete. Neben mir verband ein Baderchirurg einem Mann die Rippen und pfiff dabei fröhlich vor sich hin. Als er fertig war, sah er mich an und sagte forsch:

»Na, was haben wir denn hier?«

»Mein Bein«, flüsterte ich, denn es tat sehr weh. Das Licht in der Kapelle war dämmrig und der graue Steinfußboden hart und ungemütlich. Der Sterbende stöhnte, was auch nicht gerade zur Stimmung beitrug.

»O, wie schön!« rief der Baderchirurg aus, als er meinen Rock hochschlug. »Ein herrlicher doppelter Bruch! Ja, da ist der Knochen!« Er hatte einen abscheulichen, gelblich-braunen Bart mit dazu passenden Augenbrauen und ungekämmtes langes Haar von der gleichen Farbe. Über seinem mausgrauen Wollkittel und einem dunkelgrünen Überrock trug er eine große Lederschürze mit vielen unheilverkündenden, dunklen Flecken, die ich für Blutspritzer hielt.

»Um alles, nicht anfassen!« schrie ich, als er das weiße Knochenstück betrachtete, das aus dem Bruch ausgetreten war. Mir war übel vor Entsetzen. Wer sieht auch schon gern seine eigenen Knochen.

»O, das fasse ich noch früh genug an. Ihr habt doch gewiß eine Familie, die bezahlen kann?«

»Ja – das hab ich«, brachte ich heraus.

»Dann werden wir Euch aufladen und mit ins Geschäft nehmen. Auf dem Kapellenboden läßt sich das nicht richten. Ihr müßt jedoch ein wenig warten. Ich habe in der Ecke dort drüben einen noch schöneren Bruch.« Er rief nach seinen Helfern, und nachdem er mir das Bein vorläufig geschient hatte, ließ er mich, nur ein paar Schritte hinter dem Mann mit dem ›schöneren Bruch‹ in seine Geschäftsräume bringen. Man trug uns durch die Tür eines schmalen Vorderzimmers, vor dem eine Baderstange stand, die mit roten, blutigen Verbänden geziert war, welche darauf hinwiesen, daß man hier zur Ader gelassen werden konnte, und legte uns dann auf den Bänken seines ›Geschäftes‹ wie Weizensäcke ab.

Was für ein trostloser Ort. Da stand ein großer Stuhl zum Haareschneiden, Rasieren und Aderlassen. Vor ihm auf dem Boden ein fleißig benutzt aussehendes Becken. Eine Kette aus Zähnen an der Wand warb für sein Geschick als Zahnzieher. An der anderen Wand hing ein grausiges Aufgebot von Instrumenten, wie man sie wohl in einer Folterkammer antreffen mochte: Messer, Sägen, Zangen und Brenneisen, während in einer Truhe Lanzetten und andere kleine Instrumente lagen. Am anderen Ende des Zimmers stand eine unheilverkündende Apparatur: sein arg lädierter und oft benutzter, hölzerner Operationstisch. Ringsum an den Wänden und auf den Möbeln konnte man dunkle Flecken von getrocknetem Blut erblicken, und die Binsen auf dem Fußboden waren dunkel und verfilzt von all dem, was aus ekelerregenden, alten Wunden so alles herausfloß.

»Also«, hörte ich ihn zu dem ersten Mann sagen, »Euer Bein ist ganz schön zerquetscht. In der Regel bekommt man dort Wundbrand. Wollt Ihr lieber mit dem Bein dran sterben, oder ohne weiterleben?«

»Leben, ich will leben«, murmelte der Mann. Er sah nach einem ehrbaren Menschen aus, vielleicht ein Fuhrmann, trug einen rostfarbenen Kittel und die Überbleibsel einer grauen Bruch. Er lag auf seinem alten, grauen Umhang und biß die Zähne zusammen, damit er nicht vor Schmerzen schrie.

»Vernünftig. Ich hab's im Nu runter. Ihr seid hier nämlich nicht bei einem dieser gewöhnlichen Schlachtergesellen. Ich kann einen Arm oder ein Bein so schnell abnehmen, daß Ihr's kaum merkt. ›John der Blitz‹, so nannte man mich in der Armee immer.«

John der Blitz kam ohne Vorbereitungen aus, denn er trug ja schon seine blutbespritzte Schürze. Seine Helfer banden sich ihre um und hoben alsdann ihr Opfer auf den großen, hölzernen Operationstisch. Dann legten sich alle vier (und sie waren weiß Gott muskulös, wie es sich für Helfer eines Chirurgen gehört) mit ihrem ganzen Gewicht auf den Mann – auf seine Schultern, seinen Rumpf und das gute Bein –, damit er sich nicht hin- und herwand und den Chirurgen an der Arbeit hinderte. Die Brenneisen lagen schon rotglühend im Feuer und wurden von einem Lehrling überwacht. John der Blitz zog die Aderpresse fest zu, der Mann schrie, er machte sich an die Arbeit. Er war ein moderner Chirurg: nicht etwa, daß er das Bein einfach mit einem Schlag abhackte und sich dabei auf sein Glück verließ, daß er die Axt auch richtig ansetzte. Nein, er schnitt bis auf den Knochen, welchen er dann rasch durchsägte. Trotz der Aderpresse spritzte das Blut überall hin und vereinte sich mit den Flecken auf Wand und Boden, und das gräßliche Geschrei des Amputierten ließ mir das Blut in den Adern gerinnen. Im Nu hatte der Lehrling John dem Blitz das Brenneisen gereicht, und während es entsetzlich zischte und nach verschmortem Fleisch stank, stieß das Opfer einen durchdringenden Schrei aus und verlor gottseidank das Bewußtsein.

»Gut gemacht, Jungs«, verkündete John der Blitz und wischte seine Werkzeuge ab. »Ich glaube, der kommt durch. Macht den Tisch frei, als Nächste ist die Frau dran.« Die beiden muskulösen Gesellen kamen, um mich aufzuheben.

»Faßt mich nicht an, ehe ihr nicht den Tisch da abgewischt habt. Ich will nicht im Blut anderer Menschen liegen«, sagte ich.

»Frauen! Ha! Stellen sich immer an. Na gut, ich bin gern zu Diensten. Albert, wisch den Tisch ab, die Lady möchte sich das Kleid nicht schmutzig machen.« Als ich auf dem Tisch lag, fing er wieder an zu pfeifen.

»Also, Schätzchen, willst du lieber mit dem Bein dran sterben, oder ohne weiterleben?«

»Ich will damit sterben«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Richtet mir bloß das Bein ein.«

»Ein Jammer. Ohne sind die Aussichten besser«, antwortete er. »Naja, ist nicht ganz so schlimm wie bei dem anderen. Ihr könntet Glück haben, falls es nicht brandig wird.« Ich wandte den Kopf ab; ich konnte sehen, wie ein Helfer das Bein des Mannes nahm und es draußen auf einen Abfallhaufen warf. Mir wurde übel.

»Richtet es gerade ein. Ich will kein Krüppel werden.« Als er mein Bein untersuchte, ergriff ich ihn bei der Hand, so daß er mir ins Gesicht sehen mußte.

»Versprecht, daß Ihr es gerade einrichtet, was auch immer geschieht«, bat ich. Er sah überrascht aus.

»Dann bestimmt also Ihr die Behandlung selber? Frauen und ihre ewigen Wünsche! Ihr solltet Euch vor Eitelkeit hüten, junge Frau. Die bringt Euch alle so schnell ins Grab. Tief ausgeschnittene Kleider im Winter, enge Schnürleibchen. Wenn eine Frau einen Entschluß fassen muß, läßt sie sich von der Eitelkeit leiten – und geradewegs in die Arme des Todes! Also, der Bursche da drüben, der weiß, wie man sich entscheiden muß – der hat gewählt wie ein richtiger Mann, das Leben nämlich! Einrichten dauert viel länger, und für das Ergebnis stehe ich nicht grade. Vielleicht muß das Bein ohnedies ab. Ich frage Euch noch einmal – wollt Ihr weniger Schmerzen? Ich habe es im Handumdrehen runter.«

»Niemals, niemals, sag ich. Ihr richtet es mir lediglich ein, und ich spreche Euch hiermit von meinem Tod los.« Ich redete mit zusammengebissenen Zähnen, denn das Bein tat sehr weh.

»Na, dann los«, sagte er fröhlich und stocherte an dem Knochen herum. »Aber Ihr dürft mir nicht so schreien. Sonst bin ich nicht richtig bei der Sache. Einrichten ist viel schwieriger als abnehmen, und dann soll es ja auch noch grade werden.« Er gab Anweisungen, daß man ihm frischen Knochenwurz brachte und ließ dessen Wurzeln zu Brei stampfen. Leintücher wurden in der, aus der Pflanze gewonnenen Flüssigkeit ausgewrungen, dann holte er die lange, muldenförmige Schiene.

»Da«, sagte er und reichte mir einen schweren Lederstreifen mit allerhand Zahnabdrücken. »Darauf könnt Ihr beißen. Ihr dürft mir nicht soviel Lärm machen. Sonst brecht Ihr Euch noch einen Zahn ab. ›Primum non nocere‹, sag ich immer.«

Es ist ein Naturgesetz, daß man auf einen Menschen, der außerstande ist zu widersprechen, mehr einredet, als es jenem lieb ist. John der Blitz war ein Meister der einseitigen Unterhaltung. Während ich mich in unbeschreiblichen Qualen unter dem vollen Gewicht seiner Helfer wand, strömte sein heiterer Redefluß nur so dahin.

»Na, wo ist denn die andere Seite – aha, da haben wir sie ja! Beide Knochen glatt durchgebrochen! Hmmm. Manch einer glaubt, die Brücke ist ein merkwürdiger Ort für eine Praxis, aber sie ist einfach großartig – alle Hände voll zu tun, bei Tag und bei Nacht. Unfälle, Raufereien, Ertrunkene – es vergeht keine Woche, daß man nicht ein paar umgekippte Bootsleute schreien hört. Nicht so zappeln, ich bin gerade am Einrichten. O ja. Man muß nur wissen, daß die Kehrseite der Katastrophe die Gunst der Stunde ist. Die Gunst! Wenn die Geschäfte flau sind, was in dieser ausgezeichneten Lage wirklich selten vorkommt, erinnere ich all diese gesunden Kaufleute daran, daß der am ehesten gesund bleibt, der wenigstens viermal im Jahr zur Ader gelassen wird. Jede Jahreszeit einmal – das bringt die Körpersäfte ins Gleichgewicht. Hab ich nicht schon gesagt, Ihr sollt stillhalten – Ihr macht mir ja meine Arbeit wieder zunichte! Jetzt, wo es gerade ist, verpacken wir es in Knochenwurz. Ihr habt ja gar keine Narben an Handgelenk und Knöchel. Ich sehe schon, Ihr kümmert Euch nicht um Eure Gesundheit. Wie Ihr ohne die einfachste Vorsorge wie Aderlassen so alt werden konntet, das will mir nicht in den Kopf – so, jetzt schnallen wir es fest –, Eure Säfte sind wahrscheinlich im Augenblick sehr unausgewogen, Ihr könnt gar nicht gesund bleiben, es sei denn durch ein Wunder, wenn Eure Körpersäfte nicht in Ordnung sind – hmm, ja. Eine nette Leistung, wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen. Habe ich das nicht nett hingekriegt?«

»Aber ja, Master John«, sagten seine Helfer im Chor.

»Jetzt schicken wir einen Jungen, daß Eure Leute Euch abholen. Wo sagtet Ihr noch, wohnt Ihr?« Ich war so schlapp wie ein nasser Lappen und konnte kaum flüstern »Cornhill, St. Katherine's –« als sie den Knebel herauszogen.

»›Diebesgasse‹? Bei Christi Knochen! Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte es vielleicht nicht gerichtet.«

»Keine Sorge, Ihr bekommt Euer Geld –«

»Na da bin ich aber froh – macht den Tisch frei, Jungs, man weiß nie, wann sich die nächste Gelegenheit bietet.« Master John ging pfeifend umher, brachte seine Instrumente wieder fort und bereitete sich auf den nächsten Patienten vor. Das war ein Mann, dem seine Arbeit Spaß machte.

Es gibt zwar Dinge, die mir noch peinlicher sind, als auf einer Chirurgenbahre durch die Straßen Londons getragen zu werden, doch es steht auf meiner Verdrußliste recht weit oben. Schade, daß ich nicht blutete oder ohnmächtig war, was nicht nur würdevoller, sondern auch weniger schmerzhaft gewesen wäre. So kam ich mir furchtbar albern vor, als Bruder Malachi eintraf und etwas verärgert wirkte, weil man ihn bei der Arbeit unterbrochen hatte. Zwei große Lümmel aus der Nachbarschaft begleiteten ihn, er hatte sie angeheuert, daß sie mich nach Haus trugen. Er bezahlte die Miete für die Bahre und machte mit dem Chirurgen aus, die Rechnung in zwei Raten zu begleichen. Ich war erleichtert, als sie mich aufhoben und aus dem Laden des Chirurgen trugen. Die finstere Schauerlichkeit dieses Ortes drückte mir aufs Gemüt. Wir waren eine richtige Prozession: die Lümmel, die Bahre, Bruder Malachi in seinem alten, versengten und fleckigen Habit und ein Helfer des Chirurgen, der die Bahre zurückbringen sollte.

»Das kommt davon, wenn man herumwandelt, Margaret. Denk an meine Worte, du kannst von Glück sagen, daß man dich noch nicht überfallen und ausgeraubt hat. Hoffentlich suchst du dir deine Kundinnen jetzt in der unmittelbaren Nachbarschaft. Du bist einfach nicht schlau genug, als daß du in einer großen Stadt auf dich aufpassen könntest.« Und so fort, und so fort schimpfte er, woran ich ermessen konnte, daß er mich mittlerweile trotz seiner angeblichen Bindungslosigkeit ins Herz geschlossen hatte. Als wir dann in unsere Gegend kamen, hatten wir ein Gefolge von untätigen, kleinen Jungen, von denen mich fast alle kannten.

»He, Margaret, es ist zu spät zum Schlittschuhlaufen! Wo hast du dir denn das geholt?« riefen sie schadenfroh.

»Jemand ist auf mich draufgetreten«, antwortete ich.

»Muß ja ein Pferd gewesen sein!« scherzte einer der kleinen Jungen.

»Margaret ist von einem Pferd getreten worden!«

Als wir dann in unsere Gasse einbogen, hatte sich schon die Nachricht verbreitet, daß einhundert Ritter in voller Rüstung in militärischem Auftrag in die Stadt galoppiert waren und Dutzende von Frauen und Kindern auf der Brücke zu Tode getrampelt hätten. Und schon bald sollten die Franzosen an der Küste gelandet sein, und während es Tage dauerte, bis man das Invasionsgerücht unterdrückt hatte, ließ sich das von den totgetrampelten Kleinkindern nie ganz ausrotten.

Als ich schließlich ins Haus getragen und am Feuer abgesetzt worden war, trafen auch schon die Nachbarsdrachen ein, angeblich um zu helfen, doch in Wahrheit, um einen vermeintlichen Augenzeugenbericht zu erhalten. Ich war zu erschöpft, als daß ich sie um ihr Vergnügen gebracht hätte.

»Man erzählt sich«, sagte die Nachbarsfrau, die mich so gern schlechtmachte, »daß die Straße von Blut nur so troff.«

»O ja, es gab genug Blut.«

»Und die Kinder haben geschrien?«

»Es wurde gräßlich geschrien – auch gebetet, so als wäre das Jüngste Gericht gekommen.«

»Man erzählt sich, daß es achtzig Ritter auf Streitrössern und in voller Rüstung waren«, kam eine andere Frau dazwischen.

»Ja, so viele habe ich nicht gesehen –« protestierte ich.

»Natürlich hat sie das nicht«, unterbrach die erste. »Sie war doch schon niedergetrampelt; wenn man am Boden liegt, kann man nicht viel sehen.«

Bald erzählten sie sich gegenseitig, was geschehen war, und je mehr sie an der Geschichte arbeiteten, desto besser wurde sie. Hilde bot Erbsenbrei an, den man mir vom Abendessen aufgehoben hatte, und sie wollten und wollten nicht gehen. Mein Bein tat weh, außerdem merkte ich, daß ich anfing zu fiebern.

»Was war mit der Frau, die du besuchen wolltest?« fragte Hilde mich leise, während sie weiterquasselten.

»Das Kind hat sich noch nicht gesenkt; es dauert noch ein Weilchen«, war meine Antwort.

»Das hat meine Wehmutter auch mal so ähnlich gesagt«, unterbrach mich eine der Frauen. »Aber die hatte keine Ahnung, das Kind ist so schnell gekommen, daß es mich innerlich zerrissen hat – seitdem bin ich nicht mehr die Alte.«

»Du? Zerrissen? Ei, du kannst dir nicht vorstellen, was ich für Schmerzen bei der Geburt meines fünften Kindes hatte. Es kam mit dem Steiß zuerst. Ich war monatelang zu nichts nutze.«

»Meine Liebe, wenn Gott nicht ein Einsehen gehabt hätte, du könntest diese Geschichte nicht mehr erzählen. Aber die Tochter meiner Base, bei der ist auch mal ein Kind mit dem Steiß zuerst gekommen, und sie ist daran gestorben. Man hat sie mit dem Kind im Arm begraben.«

Und schon bald tauschten sie Krankheitserscheinungen und Schreckensgeschichten aus. Ein ums andere Mal wandte sich dann wohl die eine beifallheischend an Hilde oder mich, und dann nickten wir stumm. Als sie am Ende des Klatsches überdrüssig waren, nahmen sie fröhlich schwatzend Abschied.

»O Hilde«, sagte ich, als sie fort waren, »hoffentlich kommen sie nicht wieder.«

»Hoffentlich kommen sie wieder. Frauen wie die machen dir einen Namen.«

»Aber ich habe doch schwer für meinen Namen gearbeitet. Das da sind bloß Tratschtanten.«

»Was du tust, gilt sehr wenig«, erwiderte Hilde. »Zählen tut nur, was die Leute über dich sagen.« Hilde war eine kluge Frau, viel klüger als ich, wie ich bald herausfand. Da ich jetzt keine Treppen steigen konnte, schlief ich mit Lion am Feuer und saß tagsüber mit hochgelegtem Bein auf der Bank und flickte oder erledigte andere sitzende Haushaltsarbeiten. Dort hörte ich dann eines Tages auch durch das offene Fenster den Nachbarsdrachen jemand anders erklären, sie hätte wichtige Dinge mit mir durchgesprochen und dabei festgestellt, daß meine Rede ›sachlich und Gott wohlgefällig sei‹. Was für ein Witz, dachte ich wehmütig, alles was ich dazu beigetragen habe, war doch nur ein Kopfnicken, während sie das Reden besorgte.

»Sie wirkt zwar jung, ist aber eine fromme Wittib und, wie man so hört, eine gute Wehmutter«, kam die Stimme von draußen.

Als ich dann auf einer Krücke wieder meiner Arbeit nachgehen konnte, begrüßten mich die Nachbarinnen aus dem Fenster. Als ich gänzlich genesen war, stellte sich heraus, daß sie die ›kleine Wehmutter‹ als beinahe fast so gut wie die ›Große‹ und viel billiger herumempfohlen hatten. Während meiner Genesung hatte ich mir einen Namen gemacht, als hätte ich in der Zeit hundert Kinder gesund entbunden. Woran man wieder einmal sieht, daß man in einer großen Stadt auf merkwürdige Weise zu einem guten Ruf kommen kann. Jetzt wußte ich, daß ich mir in London immer meinen Lebensunterhalt würde verdienen können.

Bruder Gregorys angeborene Streitsucht war durch seinen Kleiderwechsel arg in Mitleidenschaft gezogen, und so begnügte er sich damit zu warten, daß er mit Schreiben fertig wäre, ehe er sein überraschendes Argument losließ. Dann konnte er sich zurücklehnen und sich an Margarets Verärgerung weiden.

»Schwarz steht Euch gut, Bruder Gregory. Sehr würdevoll«, bemerkte Margaret, während sie die geschriebenen Seiten, die sie in der Hand hielt, überprüfte. Zwar konnte sie noch nicht alles lesen, aber die unendliche Freude daran, daß sich die dunklen Schnörkel auf dem Papier zu den Worten formten, die von ihr stammten, hatte im Lauf der letzten Wochen nicht im mindesten nachgelassen.

»Ich komme mir wie ein Narr vor.« Bruder Gregory blickte auf das dunkle, pelzverbrämte Gewand und zupfte verzagt daran herum.

»Dieser Tage gehen doch viele Kleriker dazu über, daß sie weltliche Kleidung tragen, einige sogar wie die Gecken. Ei, erst gestern sah ich einen Mönch mit buntfarbiger Bruch, der keine Tonsur mehr hatte. Also, der sah nun wirklich wie ein Narr aus.« Margaret saß auf den Kissen in der Fensternische, blätterte die Seiten langsam um und blinzelte ein ganz klein wenig, wenn sie an eine schwierige Stelle kam.

»Das kommt daher, daß sie keine wahren Sucher sind. Das macht eben unsere Zeit. Seit der großen Pestilenz lassen Priester ihre Gemeinden im Stich und fallen auf der Suche nach leichter Arbeit wie Seelenmessenlesen in London ein. Unwissende, geldgierige Burschen, die ein A nicht von einem B zu unterscheiden vermögen, ganz zu schweigen von Lateinkenntnissen, haben sich der Religion zugewandt. Was mich angeht, so ist das eine Schande. Doch das ist nun einmal der Lauf der Welt. Die alten Tugenden sind vergessen. Wir leben eben kein Gott wohlgefälliges Leben mehr.« Bruder Gregory starrte düster seine sauberen Fingernägel an.

»Ein Gott wohlgefälliges Leben? Wann hätte es Gott wohl gefallen, daß wir so leben, wie wir leben? Oder wie wir vor der Pestilenz gelebt haben? Oder wie der Papst und die Kardinäle in Avignon mit all ihren Buhlerinnen leben? Gewißlich hat sich Gott das anders vorgestellt. Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, daß man früher tugendhafter gewesen wäre. Ihr habt Euch bloß in einen düsteren Gemütszustand hineingesteigert.« Margarets Stimme klang entschieden selbstgerecht, während sie die Geheimschublade in der Truhe öffnete und die eben erst fertiggestellten Seiten des Manuskriptes hineinlegte. Als sie sich umdrehte und Bruder Gregory anblickte, spannte er die Falle.

»Wie Gottes Plan auch immer aussehen mag, sicher ist es eine Sünde, sich ihm zu widersetzen, oder?«

»Vermutlich, doch zunächst muß man doch wissen, wie der Plan ausschaut.«

»Wie steht es beispielsweise mit Gottes Plan, daß er die hohen Stellungen in der Welt an Menschen von edlem Blut vergibt?«

»Ach, schon wieder das? Daran glaube ich ganz und gar nicht. Durch wen werden denn Dynastien gegründet? Durch den Mann mit dem ältesten Stammbaum oder den Mann mit dem mächtigsten Schwertarm? Ich glaube, durch letzteren.«

»Und ich sage, das Schwert wird dem mit dem mächtigsten Blut verliehen, was wiederum zeigt, daß die von Geblüt regieren sollen.« Wenn Margaret in eben diesem Augenblick nicht so zufrieden mit sich gewesen wäre, sie hätte an Bruder Gregorys Stimme gemerkt, daß er sie aufs Glatteis führte. So antwortete sie:

»Und ich sage, Gottes Gaben sind willkürlich; Er gibt, wie es Ihm beliebt.«

»Gott, ein Anarchist? Nie und nimmer!« Bruder Gregorys Augen glitzerten. Jetzt hatte er sie. »Nehmen wir doch etwas, das Ihr für ein gutes Beispiel halten mögt. Besaß Euer Bruder nicht Gaben, mit denen er auffiel? Würdet Ihr nicht sagen, das beweist Eure These, weil er auf Grund seiner Begabung eben höher aufstieg?«

Margaret sah verwirrt aus.

»So könnte man wohl sagen, aber er hat auch schwer gearbeitet. Deshalb fand man Gefallen an ihm. Deshalb, und weil er gescheiter war als andere.«

» – und auch anziehender?«

»Ja, das natürlich auch. Aber wir kommen auch beide auf die Mutter. Sie war auf ihre Art ungewöhnlich.«

»Und damit habt Ihr mir just meine These bewiesen.«

»Nichts dergleichen habe ich. Ihr habt mir eben zugestimmt.«

»O nein, das habe ich nicht. Euch fehlt nur eine Information, und die beweist wiederum meine These.«

Margaret sah Bruder Gregory durchdringend an; plötzlich fand sie, daß sie den sardonischen Blick, mit dem er sie musterte, ganz und gar nicht leiden konnte.

»Wenn Ihr etwas Häßliches sagen wollt, dann überlegt zweimal, sonst haltet lieber den Mund«, sagte sie bestimmt.

»Gut, ich sage also nichts. Ich stelle lediglich ein paar Fragen wie Sokrates, bis Ihr von allein auf die Wahrheit kommt.«

»Und wer war nun wieder dieser Sokrates?«

»Ei, ein Philosoph – der die Wahrheit mittels Fragen herausfand.« Margaret mißtraute Bruder Gregory, wenn er Philosophen anführte. Gewöhnlich brachte er sie wie militärische Verstärkungen ins Feld und eröffnete damit eine besonders abscheuliche Frontlinie. Aber sie dachte, ich beantworte einfach seine Fragen nicht, dann wird er aufgeben und sich damit abfinden müssen, daß er dieses eine Mal unrecht hat.

»Ihr würdet mir doch darin zustimmen, daß sich reiche Männer und Herren eine Geliebte halten, nicht wahr?«

»Also nein, aber ja doch.«

»Und die Herren der Kirche auch?«

»Die auch, wenn sie verderbt sind.«

»Und in letzter Zeit hat es allerhand verderbte gegeben, wenn ich mich Eurer Worte recht entsinne.«

Margaret gab keine Antwort.

»Was machen nun reiche Männer und Herren mit ihrer natürlichen Nachkommenschaft?«

»Sie erkennen sie an, wenn ihnen danach ist, und helfen ihnen weiter.«

»Und die Herren der Kirche?«

»Ja, die können ihre nicht anerkennen, aber manchmal helfen sie ihnen heimlich. Ich habe sogar schon die Tochter eines Bischofs entbunden – er hat ihr eine riesige Mitgift gegeben, damit sie sich anständig verheiraten konnte.«

»Habt Ihr schon einmal einen Gedanken an die Gewohnheiten von Abt Odo von St. Matthew's verschwendet?«

»Und was genau wollt Ihr damit sagen?« fragte Margaret erschrocken.

»Wartet, wartet. Ich stelle hier die Fragen. Ist Euch schon einmal zu Ohren gekommen, daß er beinahe soviel natürliche Nachkommen hat wie mein Vater? Und mein Vater ist ein emsiger Mann. Ständig treffe ich auf Halbbrüder, die ich noch nicht kannte. Natürlich stellt Vater sich mit dem Anerkennen abscheulich an – das kommt, weil er immer so knapp bei Kasse ist. Da war Odo mit Mitgiften und Beförderungen für seine natürlichen Kinder großzügiger. Und er hat es auch verstanden, alles geheimzuhalten.«

»Was um Himmels willen wollt Ihr damit sagen, Ihr gemeiner, gemeiner Kerl?« rief Margaret. Sie klang so außer sich, daß es wie Balsam für Bruder Gregorys Seele war. Nun tat er sehr herablassend.

»Damit meine ich, Mistress Verdienst-ist-Zufall, daß Ihr einen sehr merkwürdigen Großvater habt – einen Abt mit gelben Augen. Aber ich muß zugeben, bei Euch sehen sie hübscher aus. Bei ihm wirken sie so unzüchtig, findet Ihr nicht auch? Und daß er der Gönner Eures Bruders ist, das ist weiß Gott kein Zufall. Wenn man bedenkt –« und hier blickte Bruder Gregory zur Decke –, »daß er geradewegs von Karl dem Großen leibhaftig abstammt, dieser Abt. Und Karl der Große von den römischen Kaisern, die natürlich ihren Stammbaum bis auf die heidnischen Götter zurückführten –«

»Einen Augenblick – Ihr seid zu weit gegangen. Seit wann stammen denn die heidnischen Götter von Adam ab? In dem Familienstammbaum da scheint mir vieles die reine Erfindung zu sein«, sagte Margaret aufgebracht.

»Dreht und wendet es, wie Ihr wollt, ein Punkt für mich«, sagte Bruder Gregory mit überheblicher Miene, »und Ihr seid im Unrecht. Außerdem könnte man sogar sagen, daß wir irgendwie Vetter und Base sind, wenn man weit genug zurückgeht und man nichts gegen Bastarde hat.«

»Vetter, Base? Durch wen wohl? Durch Karl den Großen oder Julius Caesar oder durch die einfallsreiche Tinte irgendeines Mönches? Ihr kommt in mein Haus, Ihr eßt wie eine Heuschreckenplage, und dann beleidigt Ihr meine Mutter und meinen Bruder – mit mir seid Ihr jedenfalls nicht verwandt, Ihr Schnüffler und Unruhestifter, Ihr!« rief Margaret hitzig.

»Ich? Ein Schnüffler? Aber Ihr habt doch durch meine Feder die Geheimnisse Eures Lebens zu Papier gebracht. Ich habe kein bißchen geschnüffelt. Das wurde mir aufgezwungen.« Bruder Gregory lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Monatelang hatte sie ihn gereizt, und so genoß er diesen Augenblick ganz unbeschreiblich. Seine knochigen, schwarzgewandeten Ellenbogen standen hinter seinen Ohren ab wie Fledermausflügel. Er grinste und weidete sich an Margarets Wut. Eigentlich sollte sie ihm dankbar sein. War es nicht viel besser, gutes Blut, wenn auch Bastardblut zu haben, als ein völliger Niemand zu sein? Doch es war nicht zu übersehen, daß sie nicht seiner Meinung war. Eine Ignorantin, wirklich. Interessant, daß sie ein so hitziges Temperament verbarg. Vielleicht warf sie noch mit dem Tintenhorn nach ihm.

Doch Margaret überraschte ihn. Statt zu toben, begann sie plötzlich die Hände zu ringen. Eine Träne rollte ihr übers Gesicht, und sie sagte mit bebender Stimme, wobei sie sehr um ihre Selbstbeherrschung kämpfte:

»Meine arme, arme Mutter. Männer sind einfach gräßlich.«

Und Frauen, dachte Bruder Gregory, absolut nicht zu verstehen.

Doch Bruder Gregorys Zukunft entschied sich an diesem Abend, als nämlich Roger Kendall lachte. »Ist das alles?« fragte er seine weinende Frau. »Ei, das ist doch völlig unwichtig – nicht einmal interessant, es sei denn, es handelte sich um einen Kardinal. Komm, komm – er kann nicht anders, er ist ein Querulant; das ist nun mal seine Natur. Du mußt dich lediglich entscheiden, ob du das Buch beenden willst oder nicht.«