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Bei Tagesanbruch begann die Suche. Der Funkwagen der Einsatzleitung parkte auf der Straße nach London am Ortsrand von Stoneyacre. Zwölf Hundeführer und fünfzig Polizisten waren aufgeboten worden und standen jetzt um den Einsatzwagen versammelt, um ihre Befehle vom Chef der Abteilung Q entgegenzunehmen, der die Polizeiaktion selbst leitete. Die Hundeführer und acht Sergeanten wurden mit Funksprechanlagen ausgerüstet. Jeder wurde zuerst auf der Generalstabskarte eingewiesen, und dann wurde erläutert, in welcher Reihenfolge die einzelnen Geländestreifen – auf der Karte rot umrandet – durchkämmt werden sollten.
Dann stellten sich die Beamten in einer Linie am Straßenrand auf. Die Hundeführer wurden so verteilt, daß der Abstand zwischen den Fährtenhunden nie mehr als hundert Meter betrug.
Mündliche oder per Funk gegebene Anweisungen sorgten dafür, daß die Beamten immer in gleicher Höhe blieben. Sie rückten langsam in den Park vor. Die Männer durchstöberten das hohe Gras und zerteilten das Buschwerk, während die Hunde an den Leinen zerrten.
Man fand eine Menge Gegenstände – Flaschen, Autoreifen und verrostete Ofenrohre –, aber nichts, was Sarah Bramswell verloren haben konnte. Als sie den Park und die angrenzenden Wiesen durchsucht hatten, machten sie halt, formierten sich neu und nahmen das nächste Planquadrat in Angriff. Die Spürhunde – elf – waren eifrig bei der Sache. Die Nase dicht am Boden oder schnuppernd in die Luft gereckt, konnten sie vier Stunden auf einer Fährte bleiben, bis sie von frischen Hunden abgelöst werden mußten.
Im Funkwagen ging der Einsatzstab inzwischen noch einmal jede Phase des Einsatzplanes durch, um sicherzugehen, daß man nichts übersehen und alles, was in ihren Kräften stand, getan würde. Ein Konvoi mit zweihundert Polizisten war bereits unterwegs, um die ganze Umgebung von Stoneyacre systematisch abzusuchen. Ein Kommando von fünfundzwanzig Kriminalbeamten würde an jede Haustür in der Umgebung klopfen, die Bewohner im Sonntagsschlaf stören, um zu erfahren, ob jemand in der vergangenen Nacht etwas Verdächtiges gehört oder gesehen habe. Selbst zwei Hubschrauber waren angefordert worden, um das Gelände von der Luft aus zu beobachten, und inzwischen wurde eine Straßensperre auf der Straße nach London gebaut, um jeden Wagen anzuhalten und die Insassen zu fragen, ob sie unterwegs etwas Verdächtiges bemerkt hatten. Schließlich wurden Lautsprecherwagen, Radio und Fernsehen herangezogen, die Bevölkerung noch einmal zur Mitarbeit aufzufordern und um sachdienliche Hinweise zu bitten. Tausende würden sich melden … Was konnte man sonst noch tun, um das Mädchen zu finden?
Um sechs Uhr dreißig ließ Agar den Wagen vor seinem Haus ausrollen. Die Sonne stand schon ziemlich hoch über den Dächern, und der Tag versprach heiß zu werden. Als er die Wagentür zugeschlagen hatte und auf die Haustür zuging, erschien Carolines Kopf am Küchenfenster.
«Hast du sie gefunden?»
«Nein.» Er betrat das Haus und ging in die Küche.
«Bill, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Ich habe immer an das arme Kind denken müssen, mir vorgestellt, sie wäre meine Tochter … Bill, ich habe gebetet, damit du sie findest – unverletzt.»
«Schon gut, Carry.»
Sie kam auf ihn zu. Er legte seine Arme um ihre Taille und empfand ein paar Sekunden lang, wie wohl es ihm tat, zu wissen, daß sie gesund und in Sicherheit war.
«Ich habe mit den Eltern gesprochen, Carry.»
«Wie … wie geht es ihnen?»
«Sie sind verzweifelt, krank vor Angst. Sie hoffen auf ein Wunder und wissen doch, daß Wunder auf dieser Erde nur sehr selten geschehen.» Er ließ sie los. «Ich trinke nur rasch eine Tasse Kaffee, dann muß ich wieder ins Präsidium.»
«Ich mache dir ein richtiges Frühstück, Bill.»
Er setzte sich an den Küchentisch.
«Eier mit Schinken, Bill?» fragte sie.
«Und Toast, und alles, was noch in der Speisekammer ist. Ich könnte einen ganzen Elefanten verspeisen.» Er gähnte verstohlen.
Sie setzte eine Pfanne auf den Kocher und zündete das Gas an. «Was geschieht im Augenblick, Bill?» fragte sie.
«Sie durchkämmen jede Wiese und jeden Busch in Stoneyacre. Dann dehnt sich die Suche immer weiter aus, zieht einen immer größeren Kreis um den Ort herum. Später wird sogar jeder Einwohner südlich der Themse aufgefordert, seinen Garten oder seinen Landbesitz zu durchsuchen, und wenn er das allein nicht bewältigen kann, die örtliche Polizei davon in Kenntnis zu setzen. Da heute Sonntag ist, sind die Kirchen voller Menschen, aber dafür stehen die Fabriken und Lagerhäuser leer, wo er sich versteckt halten könnte. Wir fordern daher Fabrikbesitzer, Lagerarbeiter, Vorarbeiter, kurz jeden, den wir von den zuständigen Leuten erreichen können, auf, ihre Fabrik oder das Lagerhaus, das normalerweise sonntags leersteht, zu durchsuchen. Wir bitten die Bevölkerung, uns nach Kräften zu helfen, und sie wird es tun. In diesem Fall ist die Bevölkerung einmal wirklich zur Zusammenarbeit mit der Polizei bereit.»
Sie schnitt die Schwarte von den Speckscheiben und legte sie in die Pfanne. «Wenn er sie gefangen hat, Bill, wie lange wird es dauern, bis er sie …»
«Bis er anfängt, sie zu quälen? Das weiß der liebe Gott. Wir wissen nur, daß seine anderen Opfer ungefähr vier Tage lang lebten, bis er sie schließlich tötete.»
«Das ist ja die Hölle.»
Als das Frühstück fertig war, schlang er hastig die Eier hinunter und trank dazu drei Tassen Kaffee. Dann ging er ins Bad, um sich zu rasieren. Er schnitt sich ein paarmal ins Kinn, denn der Scherkopf seines elektrischen Rasierapparates war schadhaft. Fünf Minuten später verließ er das Haus und fuhr ins Präsidium.
Auf dem Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer lag ein Fernschreiben. Irgend so ein Schlamper im Fernmelderaum war wieder mal zu faul gewesen, sich eine Schere zu nehmen, und hatte das Papier einfach aus der Maschine gerissen. Die Meldung war von der Sektion 9 der J.A.P. aufgegeben worden. Man hatte in dem bewußten Garten in Surrey neben dem Geräteschuppen eine Fußspur gefunden, und es stand nun fest, daß er von Hausbewohnern nicht stammen konnte. Es war der Abdruck eines Stiefels, Größe 9½, mit Kunststoffsohle und Gummiabsatz. Der Gummiabsatz, Profil M 72, war an der rechten Innenkante abgetreten. Krammer hatte Schuhgröße 9, 9½ oder 10. Stiefel mit Kunststoffsohlen und Gummiabsätzen, Profil M 72, wurden von der Verwaltung des Zuchthauses Lettworth an die Sträflinge ausgegeben. Allerdings war das Profil der Absätze nicht einheitlich. Der Ursprung des Abdruckes ließ sich also nicht mit absoluter Sicherheit bestimmen.
Agar verließ sein Arbeitszimmer und ging die Haupttreppe hinauf zur Einsatzabteilung. Dort befand sich auch das Archiv. Clanton, der gerade vor einer Wandkarte der Grafschaft stand, auf der mit bunten Glühbirnen die letzten Positionen der Polizeiwagen und der mit Funkgeräten ausgerüsteten Motorradstreifen markiert waren, fragte Agar, ob er das Fernschreiben auf seinem Schreibtisch gelesen habe.
Agar nickte zustimmend, durchschritt die nächsten beiden Räume und öffnete die Tür zum Archiv. Der Sergeant vom Dienst stand auf, und Agar verlangte die Mappe mit den Schuhabdrücken. Der Sergeant öffnete die oberste Schublade eines Karteikasten und überreichte ihm ein dünnes Buch mit grünem Umschlag, das Fotografien von fünfundvierzig Sohlenprofilen und einhundertzweiundsechzig Absatzprofilen enthielt. Das Profil M 72 war ein sehr typisches, ausgeprägtes Muster: sechs Kreise, die von einem Steg eingeschlossen waren, M, das Warenzeichen des Herstellers, in der Mitte. Agar fertigte eine Skizze davon an und legte sie in sein Notizbuch. Dann gab er das dünne Buch zurück und zündete sich eine Zigarette an. Für ihn stand es jetzt fest, daß Krammer in dem Geräteschuppen geschlafen hatte. Wem nützte das schon? Sarah Bramswell war damit bestimmt nicht geholfen …
Es war sechs Uhr dreißig morgens.
Mrs. Pretty betrachtete ihr Gesicht in dem goldumrahmten Spiegel über dem Kamin. Unter ihren Augen lagen die häßlichen dunklen Ringe der Schlaflosigkeit, das Haar stand ihr wirr um den Kopf, und ein großer, blutunterlaufener Fleck verunstaltete ihren Hals.
Sie fragte sich verzweifelt, warum ihr nichts einfiel. Was sollte sie tun? Sie fürchtete sich nicht vor Krammer. Sie war zu jeder Tat bereit, die zum Erfolg führen konnte, selbst wenn sie dafür büßen mußte. Doch ihr Kopf schien durch die Angst um das Mädchen wie betäubt. Sie war wie gelähmt von der Vorstellung, es sei ihre eigene Tochter, die in so entsetzlicher Gefahr schwebte. Er hatte ihr gesagt, er würde das Mädchen töten, wenn er sie noch einmal bei dem Versuch ertappte, Hilfe herbeizuholen. In diesem Punkt war er nur allzu deutlich gewesen. Sie glaubte an seine Drohung. Er wußte, daß er absolut nichts mehr zu verlieren hatte, wenn er Sarah umbrachte: Er konnte zu keiner härteren Strafe mehr verurteilt werden. Er hatte ihr genau erklärt, wie er Sarah töten würde, und diese Beschreibung hatte ihr Übelkeit verursacht.
Wie konnte sie Hilfe herbeirufen, ohne daß Krammer etwas davon merkte? Telefonieren? Doch ihr vorhergehender Versuch, das Telefon zu benützen, war fehlgeschlagen. Ein zweiter Mißerfolg – und er würde sofort ins Schlafzimmer hinaufgehen und Sarah ermorden. Hätte sie Krammer überwältigen können? Ihr gesunder Menschenverstand riet ihr davon ab. Sie war ihm hoffnungslos unterlegen. Für eine Frau war sie zwar recht stark, doch er hatte die Kräfte eines … eines Wahnsinnigen. Und wenn sie ihn betrunken machte? Dann war sie ihm vielleicht gewachsen. Am besten war eine Waffe. Aber er hatte ja ihren Revolver, somit bliebe als einzige Möglichkeit nur noch ihr großes Küchenmesser.
Sie mußte sich irgendeine List ausdenken.
Plötzlich fiel ihr der Briefträger ein. Sie erhielt Briefe von dem Freund ihres verstorbenen Mannes, der sie in allen finanziellen Angelegenheiten beriet und alle Bankgeschäfte für sie erledigte. Manchmal schrieben ihr auch die Verwandten ihres Mannes, wenn sie dachten, es sei ihre Pflicht, sich wieder einmal zu melden. Wenn heute so ein Tag wäre, an dem man sich erinnerte, und wenn heute der Briefträger zu ihr käme, hätte sie eine Chance, mit ihm zu sprechen. Wenn sie ihm öffnete und Krammer nicht gerade in der Nähe war, würde sie das schon richtig machen. Sie mußte nur dafür sorgen, daß Krammer nicht zuhörte, denn wenn sie einen Fehler machte, und er schöpfte Verdacht, würde er sofort in Sarahs Zimmer hinaufgehen und …
Der Briefträger kam gewöhnlich zwischen sieben Uhr fünfzehn und sieben Uhr dreißig. Nur wenn der Schnee sehr hoch lag, die Wählerkarten oder die Elektrizitätsrechnungen ausgetragen werden mußten und Weihnachten vor der Tür stand, kam er später.
Es war jetzt sechs Uhr achtundvierzig.
Sie zog sich an, kämmte sich und ging zur Tür. Sie war von außen abgeschlossen. Sie wandte sich um und sah zum Fenster. Krammer hatte in der vergangenen Nacht die Fenstergriffe entfernt und ihr erklärt, wenn sie die Scheibe einschlug und aus dem Fenster sprang, konnte doch weder sie noch irgendein anderer das Haus betreten, ohne daß er es hörte.
Sie pochte so lange an die Tür, bis der Schlüssel von außen herumgedreht wurde. Dann trat sie auf den düsteren Gang hinaus. Mit der Zeit hatten sich die Decke und die Tapete so verfärbt, als habe man sie mit schwarzer Beize überzogen. Er stand da und sah sie ganz ruhig, fast unbeteiligt an. Nur seine blaßblauen Augen zeigten eine gewisse Wachsamkeit.
«Ich möchte ins Badezimmer.» Sie sagte das viel lauter, als es ihre Absicht gewesen war.
«Es tut mir alles so leid», antwortete er, als ob er es wirklich so meinte.
«Geht es Sarah gut?»
«Sie schläft noch fest. Gerade vor einer Minute habe ich zu ihr hineingeschaut. Ihr Haar lag um ihr Köpfchen gebreitet, daß sie wie ein Engel aussah.»
Dieser Vergleich versetzte ihr einen Schock, ohne daß sie sagen konnte, warum. Vielleicht deshalb, weil sie immer gedacht hatte, ein so bestialischer Mensch wie Krammer könne nicht an Engel glauben.
«Ich möchte sie sehen», sagte sie.
Er sah unschlüssig aus.
«Sie muß sich furchtbar ängstigen. Wenn ich zu ihr gehe und sie mich sieht, beruhigt sie sich vielleicht ein bißchen.»
«Ich glaube, wir dürfen sie jetzt nach den Strapazen der vergangenen Nacht noch nicht wecken. Später vielleicht.»
Sie ging an ihm vorbei zum Ende des Korridors, wo das Badezimmer lag.
Es war sieben Uhr fünf, als sie wieder aus dem Badezimmer kam.
Krammer war nirgends zu sehen. Sie ging hinunter ins Wohnzimmer. Es war so unaufgeräumt wie immer. Illustrierte lagen aufgeschlagen auf dem Boden, ihre Häkelarbeit lag mitten auf dem Sofa, und das Tablett mit den Überresten des Abendessens vom vergangenen Tag stand auf dem ledernen Sitzkissen, das sie ihrem Mann auf ihrer Hochzeitsreise um die Welt gekauft hatte. Sie beachtete die Unordnung gar nicht und trat an das kleine Erkerfenster, von wo aus sie Straße und Einfahrt zu ihrem Haus beobachten konnte.
Während sie hinaussah, lauschte sie auf jedes Geräusch im Haus. War Krammer oben in seinem Zimmer? Was sollte sie dem Briefträger sagen? Die Polizei mußte wissen, daß sie schnell und leise handeln mußte, damit Krammer keine Gelegenheit mehr hatte, das Mädchen zu töten. Sie mußte ihn hierher ins Wohnzimmer locken und ihn mit allen Mitteln in ihrer Nähe halten.
Sie sah auf die Uhr. Zwanzig nach sieben … Wo blieb nur der Briefträger? Das Schicksal konnte doch nicht so grausam sein und ihr heute einen brieflosen Tag bescheren? Irgend jemand mußte ihr geschrieben haben! Wie immer, wenn sie auf etwas sehr Wichtiges wartete, war sie gereizter Stimmung. Am Tag ihrer Hochzeit war sie fast krank gewesen.
Sieben Uhr fünfunddreißig. Der Briefträger war noch nicht zu sehen. Vielleicht mußte er ausgerechnet heute eine Reklamebroschüre verteilen und in jedem Haus zustellen.
Dann fiel ihr erst ein, daß heute Sonntag war.