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Das Lettworth-Zuchthaus war 1885 erbaut worden. Es war eine Schande für jedes Land, besonders aber für ein Land, das stolz darauf war, an die innere Würde des Menschen zu glauben. Die ganze Gegend roch nach Elend, Verfall und Verwahrlosung. Statt der fünfhundert, für die das Zuchthaus vorgesehen war, hausten dort eintausendzweihundertzweiunddreißig Gefangene. Die meisten Zellen waren mit drei Mann besetzt. Das Zuchthaus wurde von einer fünf Meter hohen Mauer umschlossen, und innen, in seiner geographischen Mitte, stand ein runder Turm, von dem, wie die Speichen eines Rades, die fünf Trakte ausgingen. Von dem runden Turm aus konnten die Wärter jeden Trakt beobachten und brauchten nur ein paar Schritte zu gehen, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung war. Entlang der fünf Meter hohen Mauer standen die Werkstätten, die Wäscherei, die Gemeinschaftsbaracken, die Gewächshäuser und der Verwaltungsblock. Außerhalb der Mauer befanden sich die Quartiere für die Gefängniswärter und Beamten. Sie sahen ebenso trostlos aus wie das Zuchthaus selbst. Degradierte das Zuchthaus die Gefangenen zu Sklaven, so erniedrigte es die Beamten zu Sklavenaufsehern. War der Aufenthalt im Gefängnis für die Gefangenen demütigend, so war er es für die Wärter gleichermaßen.
Wie in jedem Gefängnis, spielte es innerhalb wie außerhalb der Mauer eine große Rolle, welcher Klasse man angehörte. Zur Aristokratie rechnete man Bandenchefs und Einbrecher, zur Mittelklasse die Totschläger und Diebe, zur arbeitenden Klasse die Strolche und Landstreicher. Die Ausgestoßenen, der Auswurf, die Parias unter allen waren die Sexualverbrecher.
Die Diebe beachteten keinerlei Ehrenkodex. Mit bitterer Entschlossenheit stahlen sie alles, was es zu stehlen gab, logen, wenn sie damit Vorteile erlangten, und schwiegen, wenn mit Lügen nichts zu erreichen war. Vertrauensleute waren verachtet, und die Zellenführer verhaßt. Die Schnauz-Barone waren die ungekrönten Herrscher. Rehabilitation war ein Wort, über das die Gefangenen lachten und das die Wärter verabscheuten. Die Wärter wußten, daß sie selbst gut waren, weil die Gefangenen schlecht waren. Daher sahen die Wärter in jeder Reform, die die Strafe der Gefangenen verringerte und sie dadurch weniger schlecht machte, einen Schwund ihrer eigenen Güte. Wärter wie Gefangene hatten nur eines gemeinsam: ihren Haß auf die Sexualverbrecher.
Man gab ihnen ebenso unflätige wie würdelose Namen. Und in diesem Zuchthaus war Krammer eingesperrt.
Krammer lebte in der Zelle Nr. A 5, die zu dem Trakt gehörte, der dem riesigen Gefängnistor am nächsten lag. Die beiden anderen Männer in der Zelle hießen Younger und Martineu. Younger war der mächtigste Schnauz-Baron in Lettworth, und Martineu gehörte zu seinen Anhängern. Martineu war ein Mischling aus Barbados. Er hatte aus einer der Werkstätten einen Meißel gestohlen und zu einem Messer zugeschliffen. Er konnte sehr geschickt damit umgehen. Younger tat alles nur Erdenkliche, um Krammer das Leben zur Hölle zu machen. Younger hatte zwei Töchter, vielleicht auch mehr, und obwohl er sie vierzehn Jahre nicht mehr gesehen hatte, sagte er, er müsse immer an sie denken, wenn er Krammer anschaue.
Zwei Monate nach seiner Einlieferung wurde Krammer zusammengeschlagen. Er beschwerte sich. Der stellvertretende Zuchthausdirektor, der die Beschwerde entgegennahm, hatte eine neunjährige Tochter. Er fragte Krammer, ob er erwartet habe, man bette ihn auf Rosen. Weil Krammer sich beschwert hatte, wurde er wieder geschlagen. Alles, was man ihm nur wegnehmen konnte, wurde gestohlen. Man drohte ihm sogar, er werde umgebracht, und er mußte vierundzwanzig Stunden des Tages in dem schrecklichen Bewußtsein leben, daß es im ganzen Gefängnis außer dem Kaplan auch nicht einen Mann gab, der ihm etwas anderes als Haß entgegenbrachte.
In seiner tiefen Verzweiflung versuchte er eines Nachts, sich zu erhängen, doch er stellte es so dumm und lächerlich an, daß Younger ihn nur brüllend auslachte: so billig würde er ihnen nicht davonkommen. Krammer ging zum Kaplan, um Trost in der Religion zu finden, doch er gewann nur die Sympathie des Mannes.
Also beschloß er, auszubrechen. Im Grunde war sein Vorhaben ebenso lächerlich wie sein Versuch, Selbstmord zu begehen. Eine Flucht aus dem Zuchthaus setzt Charakterstärke und physische Kraft voraus. Doch es mangelte ihm an beidem. Aber er besaß etwas anderes, was ihm dabei noch mehr helfen konnte: seine Verzweiflung. Und er hatte im Gefängnis auch eine Beschäftigung, die selbst eine nicht von langer Hand vorbereitete Flucht möglich machte. Er arbeitete in den Gewächshäusern, die in der Nähe des Verwaltungsblocks lagen. Die Wärter, die in der Gärtnerei mitarbeiteten, schienen manchmal zu vergessen, daß ihre Arbeitskollegen Häftlinge waren. Und wenn es sehr heiß wurde, zogen sie ihre Jacken und Mützen aus und hingen sie in irgendeinen Winkel.
Es war Juli. Es war heiß, und das Wetter blieb, von einigen heftigen Gewittern abgesehen, schön. Das löste Unruhe unter den Gefangenen aus. Sie dachten an die Welt außerhalb der fünf Meter hohen Mauer, auf deren Rand die nach innen gekrümmten Metallhaken rosteten. In den Werkstätten hatte es eine Schlägerei gegeben, die sich sofort zu einem allgemeinen Tumult ausweitete. Ein Wärter wurde verletzt, als die Raufbolde getrennt wurden. Man führte sie dem Direktor vor. Sie erhielten vierzehn Tage Einzelhaft bei Wasser und Brot und konnten nicht mehr mit vorzeitiger Entlassung rechnen. Martineu gehörte zu den Bestraften. Er hatte sich mit einem anderen Häftling geprügelt, der Younger seine Vorrangstellung streitig machen wollte. Am selben Abend gab Younger seinem Zellengenossen Krammer die Schuld für alles, was geschehen war, schlug ihn zweimal ins Gesicht, einmal in den Leib und brüllte vor Lachen, als Krammer der Brechreiz würgte.
Ein Wärter hörte den Lärm und spähte durch das Guckloch. Als er sah, daß Krammer auf dem Boden lag und sich vor Schmerzen wand, ging er ruhig weiter.
Um neun Uhr abends wurden bis auf die Notbeleuchtung die Lichter gelöscht, und obwohl es draußen noch taghell war, drang durch die Lichtschlitze der Zellen nur ein fahler Schein. Krammer schleppte sich zu seiner Pritsche und kroch mühsam hinauf. Nur langsam ließen Schmerz und Übelkeit nach. Lange Zeit empfand er nichts als abgrundtiefe Verzweiflung, doch setzte sich ein Gedanke in ihm fest. Morgen würde er ausbrechen. Endlich schlief er ein. Er träumte von den Bergen und Seen in Cumberland, wo er geboren und aufgewachsen war. Als er erwachte, war es sechs Uhr morgens. Er lag auf seiner Pritsche. Lähmendes Entsetzen überkam ihn bei dem Gedanken, was er heute tun mußte und was ihn erwartete, wenn es mißglückte.
Um halb sieben rasselten die elektrischen Klingeln. Krammer stand auf und wusch sich mit kaltem Wasser. Younger blieb bis zum letzten Moment auf seiner Pritsche liegen, verhöhnte Krammer und malte ihm aus, wie er ihn quälen und schikanieren wollte. Krammer versuchte, nicht hinzuhören, legte die Decken genau nach Vorschrift zusammen, obwohl er wußte, daß Younger sie wieder auseinanderreißen würde, ehe die Inspektion kam.
Die Zellentüren wurden zur Entleerung der Aborteimer aufgeschlossen. Krammer ging den Gang hinunter zu den Toiletten und benutzte diejenige, auf deren Tür ein rotes Kreuz gemalt war. Die Latrine war für Häftlinge bestimmt, die geschlechtskrank waren, auch eine von den kleinen Bosheiten, die er über sich ergehen lassen mußte.
Die Häftlinge stellten sich vor ihren Zellen in einer Reihe auf, gingen hintereinander die Eisentreppe hinunter in den Speisesaal zum Frühstück. Sie bedienten sich selbst wie in einem Schnellrestaurant und setzten sich an die rohen Holztische. Krammer wurden die vier dicken Brotscheiben mit dem Stück Margarine von einem Mann gestohlen, der wegen schweren Raubes zehn Jahre absitzen mußte. Der Aufsichtsbeamte beobachtete zwar den Vorfall, ignorierte ihn aber.
Nach dem Frühstück gingen die Sträflinge in ihre Zellen zurück, um sie zu reinigen. Krammer tat die ganze Arbeit allein, und Younger machte es ihm dreimal so schwer, wie es hätte sein müssen. Ein Wärter ging von Zelle zu Zelle, um zu notieren, ob ein Gefangener den Direktor, den Arzt oder den Kaplan sprechen wollte. Anschließend versammelten sich die Gefangenen im Hof und wurden in Arbeitsgruppen eingeteilt, um sich dann zur Tischlerwerkstätte, Schneiderwerkstätte, Schusterwerkstätte, zum allgemeinen Werkraum, zur Wäscherei, in die Gärten oder Gewächshäuser zu begeben. Vor dem Mittagessen standen Freiübungen auf dem Programm. Zwischen den Gefängnistrakten waren Kreise auf den Betonboden gemalt, auf denen die Gefangenen eine halbe Stunde herumgehen mußten. Die Sträflinge auf dem inneren Kreis bewegten sich stets in entgegengesetzter Richtung wie die Gefangenen im äußeren Kreis. Aus der Entfernung sah das wie eine Art Ringelspiel aus.
Beim Mittagessen wurde Krammer das Fleischstück vom Teller gestohlen, als er sich gerade umdrehte, um eine Frage zu beantworten. Er strengte sich nicht an, herauszufinden, wer es weggenommen hatte, sondern schlang stumpf die Kartoffeln und die wäßrige Soße, die nach nichts schmeckte, in sich hinein. Nach dem Mittagessen ging er in die Gewächshäuser zurück. Eine halbe Stunde später meldete er sich beim Obergärtner, einem Beamten in Zivilkleidung, und sagte, er müsse zum Wachkommandanten. Zwar hätte ihn ein Wärter begleiten müssen, doch der Wärter schwitzte, war müde und stieß einen verächtlichen Fluch aus, er würde sich dieses dreckigen Krammers wegen keinen Schritt von der Stelle rühren. So erlaubte man Krammer, allein den Hof zum Verwaltungsblock zu überqueren. So viele Hindernisse und Vorschriften hätten sich ihm eigentlich in den Weg stellen müssen, daß ein Fluchtversuch ein wahnwitziges Unternehmen war. Doch die brütende Hitze lähmte die Lebensgeister, und viele Wärter hatten ihre Schirmmützen und Jacken abgelegt.
Krammer betrat den Verwaltungsblock durch eine Seitentür, und am Haken auf der Innenseite hingen die Mütze und Jacke eines Wärters. Er schlüpfte in die Jacke, setzte die Schirmmütze auf und schloß sich in eine Toilette ein. Durch die Entlüftungsklappe konnte er das Haupttor beobachten.
Um vier Uhr betraten die ablösenden Wärter das Zuchthaus durch eine Pforte neben dem Haupttor. Wenn der letzte Mann eingelassen war, wurde die Pforte links neben dem riesigen Torflügel wieder verriegelt. Dann, eine Viertelstunde später, wurde sie wieder aufgesperrt, um die Beamten hinauszulassen, die jetzt dienstfrei hatten. Beim Passieren der Pforte nannten sie den beiden Männern, die das Tor bewachten, ihre Namen.
Krammer hatte solche Angst, daß er sich kaum von der Stelle bewegen konnte. Zitternd verließ er die Toilette und den Verwaltungsblock und überquerte den Hof. Der Wärter mit dem Schlüsselbund am Tor fragte ihn mürrisch, was, zum Teufel, er so trödelte und ob er dächte, sie hätten nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag diese dämliche Tür auf- und zuzusperren. Krammer murmelte eine Antwort und nannte einen Namen. Die Pforte wurde aufgesperrt, und er trat auf die Straße hinaus. Krachend fiel hinter ihm die eiserne Tür ins Schloß, und er hörte, wie innen der Riegel vorgeschoben wurde. Da stand er nun in der Sonne, blinzelte nervös und fragte sich, was er jetzt tun und wohin er gehen sollte. Ein gelber, zweistöckiger Bus ratterte vorbei, und unwillkürlich klopfte Krammer auf die Brusttasche der Jacke, die er jetzt trug. Eine Brieftasche steckte darin, und als er sie aufklappte, entdeckte er vier Einpfundnoten und einen Zehnshillingschein. Mehr Dusel konnte man wirklich nicht mehr haben.
Der Inspektor, der hinter seinem Schreibtisch saß und mit dem Schlaf kämpfte, duselte schließlich ein. Sein heißes, stickiges Arbeitszimmer verwandelte sich in eine Strandburg irgendwo an der Küste des Traumlandes Arkadien.
Eine Schmeißfliege summte in dem Raum umher, umkreiste die Glatze des Inspektors und ließ sich darauf nieder. Die Fliege schien gleichfalls in Schlummer versinken zu wollen.
Das Telefon schrillte, der Inspektor fuhr mit einem Ruck auf, die Fliege flog ärgerlich brummend davon. Der Inspektor nahm den Hörer ab. «Ja?»
«Krammer ist geflohen. Alarmieren Sie alle Sektionen der J.A.P.»
Die Müdigkeit des Inspektors war mit einem Schlag verflogen.