IX. Kapitel

Natürlich dachte ich an Max. Ich dachte darüber nach, ob er sich so zurückhielt, weil ich mich so zurückhielt, und ob ich mich zurückhielt, weil er sich so zurückhielt oder weil ich mich zurückhalten wollte aus Gründen, über die ich nachdenken musste.

Am nächsten Morgen, es musste Dienstag sein, lief ich mit bloßen Füßen zum großen Schrank und klappte die Türen auf. Es roch nach Wolle, Holz, Kampfer und noch ein klein wenig nach dem Haarwasser meines Großvaters. Nach kurzem Überlegen zog ich ein weißes Kleid mit hellgrauen Pünktchen hervor. Es war einmal Ingas Ballkleid gewesen, dünn und leicht, denn die Hitzewelle schien anzuhalten. Mit einem Tee setzte ich mich auf die Treppenstufen vor der Haustür, es duftete jetzt wieder zuversichtlich nach Sommer. Die drei leeren Farbeimer am Fuße der Treppe sah ich erst, als ich gerade zurück ins Haus gehen wollte. Ich lief am Haus entlang zum Wäldchen. Und tatsächlich: Alle vier Wände des Hühnerhocks waren weiß gestrichen. Das hatte ich befürchtet. Es sah wunderhübsch aus, wie ein kleines Sommerhaus. Wie lange hatte Max hier gestern noch gemalt? Beim Drumherumlaufen sah ich noch das Wort »Nazi« unter dem weißen Anstrich schimmern. Die vielen »Iris« waren nicht mehr zu erkennen. Ich ging in das kleine Haus hinein, konnte aber nur geduckt darin stehen.

Wenn der Regen uns draußen überraschte, krochen Rosmarie, Mira und ich hier hinein. Aber ich war auch öfters allein dort. Vor allem später, wenn ich in den Ferien auf Besuch war. Im September hatte Rosmarie manchmal schon wieder Schule, ich aber noch nicht. Dann hatte ich den Vormittag für mich. Ich sammelte Steine, die hier ganz anders aussahen als zu Hause. Bei uns gab es vor allem runde, glatte Kiesel, aber hier lagen Steine, die wie Glas aussahen und auch fast wie Glas zerbrachen. Warf man sie auf einen harten Boden, sprangen Stücke ab, scharf wie richtige Klingen. »Feuersteine« nannte Mira sie. Meist waren sie hellbraun, graubraun oder schwarz, selten weiß.

Rheinkiesel, die es bei uns zu Hause gab, zersprangen nicht. Eine Zeit lang brach ich viele Steine auf, weil ich hoffte, Kristalle darin zu finden. Ich hatte einen guten Blick für diese Steine, je rauer und unscheinbarer sie von außen waren, desto funkelnder von innen. Meistens fand ich sie auf den alten Bahnschienen im Wald in der Nähe unseres Hauses. Es war ihre Form, die mir sagte, dass sie etwas enthielten. Da war etwas in ihrer Rundung, das weniger willkürlich schien als bei gewöhnlichen Steinen. Manchmal drangen die Kristalle auch bis zur äußersten Schicht durch, wie Glasfenster, durch die man hineinsehen konnte. Mein Vater schenkte mir eine Steinsäge, und so saß ich stundenlang in unserem Keller und sägte Steine auf. Die Säge machte ein scheußliches Geräusch, das mir in den Ohren wehtat. Begierig schaute ich mir die glitzernden Höhlen an. Einerseits fühlte ich Triumph und Stolz, wenn ich recht gehabt hatte mit meiner Vermutung, andererseits wusste ich, ich tat etwas Verbotenes, brach in etwas ein, zerstörte Geheimnisse. Und doch fühlte ich Erleichterung darüber, dass die braunen Steine nicht nur Steine waren, sondern Kristallhöhlen für Feen und kleine Zauberwesen.

Später verlegte ich mich auf das Sammeln von Wörtern und die kristallinen Welten der hermetischen Lyrik. Doch hinter allem Sammeln steckte die gleiche Gier nach singenden Zauberwelten in schlafenden Dingen. Ich hatte als Kind ein Vokabelheft, in dem hob ich besondere Wörter auf, so wie ich auch Muscheln und besondere Steine aufhob. Es gab die Kategorien »schöne Wörter«, »hässliche Wörter«, »falsche Wörter«, »verdrehte Wörter« und »Geheimwörter«. Unter »schöne Wörter« hatte ich aufgelistet: Wiesenschaumkraut, violett, Sinnsucher, Schattenmorelle, Brotfrucht, quetschen, Schneebesen, Ellenbogen, Wolke. Bei den »hässlichen Wörtern« stand: Kropf, Rumpf, Stumpf, Ohrenschmalz. »Falsche Wörter« empörten mich, weil sie so taten, als wären sie harmlos, und dann aber gemein oder gefährlich waren, etwa wie »Nebenwirkung« oder »pikieren«. Oder sie taten, als wären sie zauberisch, so wie »Rettungsring« und »Baumschule«, und waren dann aber enttäuschend normal. Oder sie bezeichneten etwas, was für niemanden klar war: Keine zwei Menschen, die man fragte, hatten dieselbe Farbe vor Augen, wenn sie das Wort »purpurrot« hörten!

Die »verdrehten Wörter« waren so etwas wie ein Hobby. Oder war es eine Krankheit? Es kam vielleicht auf dasselbe heraus. Der Taubenhaucher gehörte zu meinen Lieblingstieren ebenso wie das Kuschbänguruh und die Dringsossel. Ich fand es lustig, über das grüne Klo zu leben, und liebte jenes Herbst-Gedicht, das mit der Aufforderung begann, doch umgehend in den totgeparkten Sarg zu kommen. Wie Luftschutzkellertreppen aussahen, konnte ich mir vorstellen, aber was waren Schuftlutztellerkreppen? Ich vermutete eine Art Einwickelpapier für Geschirr, das auch als Maske für Raubüberfälle verwendbar war.

Die »Geheimwörter« waren am schwierigsten zu finden, das gehörte sich auch so. Es waren Wörter, die so taten, als wären sie ganz normal, aber dann etwas ganz anderes, Wunderbares in sich trugen. Also das Gegenteil der »falschen Wörter«. Dass man in der Aula meiner Schule eine verwunschene Südseeinsel finden konnte, gab mir Trost. Die Insel hieß »Schula-Ula«, und es lag ein Schatz auf ihr vergraben.

Oder Straßenschilder mit dem Wort »Spurrillen« deuteten in Wirklichkeit daraufhin, dass es hier in der Nähe irgendetwas Köstliches, wahrscheinlich Österreichisches, zu essen gab: Warme Spurrillen-Knödel mit Vanillesoße stellte ich mir herrlich vor und freute mich jedes Mal, wenn wir an einem solchen Schild vorbeikamen. Oder jene seltene und wohlschmeckende Fischart der Lachs-Alven. Gegrillt mit etwas Olivenöl, ein Gedicht.

Meine Erinnerungen hatten mich hungrig gemacht, also ging ich hinein. Leider gab es in der Küche fast nichts Essbares mehr. Ich aß Schwarzbrot mit Nussschokolade und beschloss, nachher einkaufen zu gehen.

Ich rannte nach oben und holte mir ein bretthartes, aber immerhin geblümtes Frotteehandtuch aus der kleinen Wäschetruhe in Ingas Zimmer. Das klemmte ich mir auf den Gepäckträger und fuhr zum See. Es war ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag, ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich weder in der Bibliothek war noch mich um die Hinterlassenschaftsdinge kümmerte, und am Boden zerstört vor Trauer war ich auch nicht. Nun, ich hatte mir freigenommen, auch wenn es nur per Anrufbeantworter war. Ich hatte keine Adresse und Telefonnummer dort hinterlassen, aber wie auch. Ich musste nachher noch einmal versuchen, meine Chefin zu erreichen.

Natürlich war mein Beruf nur eine Fortsetzung des Sammelns von Geheimnissen. Und wie ich später die Steine, in denen ich Kristalle vermutete, nicht mehr aufsägte, sondern nur noch aufhob, so hörte ich auch auf, die Bücher zu lesen, die mich wirklich interessierten, und interessierte mich für Bücher, die keiner mehr las.

Als wir kleiner waren, machte sich Rosmarie immer darüber lustig, dass ich es persönlich nahm, wenn die Nüsse, die wir knackten, taub waren. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie die Nuss durch die geschlossene Schale herausgelangt war. Ihr liebster Scherz war es, ein weiches Frühstücksei auszulöffeln und es mir dann so zu reichen, dass das Loch unten im Eierbecher verschwand. Wenn ich auf das Ei schlug und mit dem Löffel ins Leere stieß, heulte ich jedes Mal laut auf. Und jetzt hatte man mir dieses Haus überreicht. Wenn ich es ablehnte, würde ich für immer davon träumen.

Frühnebel dampfte noch über dem Moorsee. Ich legte mein Rad auf das abschüssige Gras und zog mich aus. Wie eine Wolke fiel das Kleid in den Tau. Ich breitete das Handtuch aus und tat meine Sachen darauf, damit sie sich nicht vollsogen. Als ich ins Wasser watete, stoben kleine Fische um meine Knöchel und retteten sich ins Schwarze. Kalt war es. Wieder fragte ich mich, was da drinnen alles so herumschwamm. Tauchen hatte mich nie gereizt, aufgewühlte Meere, trübe Kiesgruben und dunkle Moorseen passten mir gut. Denn am Ende wollte ich es doch nicht so genau wissen.

Mit langen Zügen schwamm ich durch den See. Kleine Luftblasen kitzelten mich am Bauch. Nackt zu schwimmen fühlte sich schön an, am ganzen Körper kam es dabei zu allerlei Verwirbelungen und Unruhen. Denn stromlinienförmiger wurde man ohne Badeanzug nicht gerade. Wenigstens besaß ich inzwischen einen Körper, den ich auch als den meinen betrachtete. Lange genug hatte es ja gedauert. Das Verschlingen von Büchern auf Brot hatte meinen Geist leicht und meinen Körper träge gemacht. Da ich mich damals selbst nicht sehen mochte, spiegelte ich mich in den Geschichten. Essen, lesen, lesen, essen: Als ich später aufhörte zu lesen, da hörte ich auch auf zu fressen. Ich erinnerte mich wieder meines Körpers. Nun hatte ich einen. Etwas verwahrlost vielleicht, aber er war da, und er überraschte mich in seiner Vielfalt an Formen, Linien und Oberflächen. Die Gemeinschaftsumkleidekabine des Hallenbads verlor ihren Schrecken, und da wusste ich, ich war ein Fall für die Dameneinzelkabine.

Fall, fällig, fällen, fallen, Rosmarie zum Gedenken. Ihr Körper zerfiel, noch bevor er ganz beisammen war. Alle Mädchen waren doch besessen von ihren Körpern, weil sie noch keine Körper besaßen. Sie waren wie Libellen, die jahrelang unter Wasser lebten und fraßen und fraßen. Hin und wieder legten sie sich eine neue Haut zu und fraßen weiter. Dann wurden sie Nymphen. Die Nymphen kletterten an einem langen Halm aus dem Wasser, bekamen einen Körper und flogen davon. Es hätte ja auch klappen können. Als Harriet in Rosmaries Alter war, konnte sie schon fliegen.

Kurz vor dem anderen Ufer drehte ich mich um und schwamm zurück. Der Nebel hatte sich inzwischen fast aufgelöst, es dampfte nur noch eine kleine Schicht ganz nah über dem Wasserspiegel. Gerade schon wollte ich mit dem Fuß nach dem Boden tasten, da sah ich Max. Er legte sein Rad neben meines, schaute aber nicht zu mir, sondern zog sich schnell Hemd und Shorts aus und rannte ins Wasser, dass es spritzte. Er tauchte und fing sofort an zu kraulen. Doch als er fast schon an mir vorbei war, hielt er plötzlich inne, drehte sich zu mir um und hob die Hand.

- Hey, Iris.

- Guten Morgen.

Er kam näher. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Er offenbar auch nicht. Wir standen uns gegenüber und vermieden es, uns anzusehen. Ich hatte das Wasser wie eine Decke bis zum Kinn gezogen, schaute auf seine Schultern und beobachtete, wie die Wassertropfen von ihnen herabrannen. Wohin er sah, so dicht vor mir, konnte ich zwar nicht sehen, aber fühlen. Schnell verschränkte ich die Hände vor der Brust. Da blickte er mich schließlich an.

Langsam holte er die Hand aus dem Wasser und zog mit dem Zeigefinger die Linie meiner Schlüsselbeine nach. Max ließ den Arm wieder sinken. Er stand ganz nah, ich drückte meine Arme fester an mich. Er beugte sich vor und küsste mich auf den Mund. Warm fühlte er sich an und weich und gut. Ich musste nach seinen Schultern gegriffen haben. Schwindelig war mir. Max zog mich an sich. Als meine Brüste seinen Oberkörper berührten, fühlte ich, wie er seinen Körper anspannte. Was ich selbst daraufhin alles so tat, konnte ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen und auch nicht, wie lange ich es tat. Bald jedoch landeten wir auf dem schmalen Sandstreifen des Ufers. Ich spürte die Kühle des Wassers auf seinem Körper unter mir, seinen Schwanz in der nassen Badehose, seine Lippen auf meinem Hals. Als ich ihm dabei half, die Badehose auszuziehen, hielt er mich plötzlich an den Händen fest:

- Ich habe mit Klientinnen keinen Sex im Freien.

- Ach nein? Merkst du nicht, dass du gerade dabei bist, mit einer Klientin Sex im Freien zu haben?

- O Gott. Ich habe mit Klientinnen keinen Sex. Punkt. Weder im Freien noch sonst wo.

- Bist du sicher?

- Nein. Ja! Nein. Iris, was machst du mit mir?

- Sex im Freien?

- Iris. Du machst mich irre. Mit deinem Geruch und deinem Gang und deinem Mund und deinem Gerede.

- Mit meinem was?

Ich rollte mich auf den Sand. Max hatte wahrscheinlich recht. Es war eine dumme Idee, er war Miras kleiner Bruder. Er war außerdem mein Anwalt und der Anwalt meiner Tanten, wir mussten noch darüber sprechen, was mit dem Haus geschehen würde, wenn ich es nicht nähme. Was wir da jetzt taten, würde alles unnötig verkomplizieren. Die Beziehung zu seiner Schwester und Rosmarie war auch kompliziert gewesen. Wie kompliziert, das wusste er gar nicht. Ich legte mir die Hände auf die Augen. Unter meinem Zeigefinger spürte ich die Narbe über meiner Nasenwurzel.

Da fühlte ich seine Finger auf meinen Händen.

- Nicht. Iris, komm her. Was ist los? Hey, du.

Max’ Stimme war weich und warm, genau wie sein Mund.

- Iris, du kannst dir nicht einmal im Ansatz vorstellen, wie gern ich mit dir Sex am See hätte. Ich wage gar nicht erst, dir zu sagen, dass ich auch gerne schon Sex im Hühnerhaus, Sex in deinem Bett, Sex in meinem Badezimmer, Sex im Baumarkt und, Gott steh mir bei, Sex auf dem Friedhof mit dir gehabt hätte.

Ich musste grinsen unter meinen Händen.

- Ah ja?

- Ja!

- Im Baumarkt, hm?

- Ja!

- So mit weißer Farbe, die zwischen meinen Brüsten herunterrinnt?

- Nein. Das war eher die Hühnerhaus-Phantasie. Im Baumarkt sah ich all diese Schrauben und Muttern und Bohrmaschinen und Dübel und –

Ich richtete mich auf und sah, wie Max versuchte, sein Gelächter zu unterdrücken. Vor lauter Anstrengung fing er schon an zu zucken. Als er meinen Blick auffing, platzte er laut heraus. Ich schlug ihm mit der Faust gegen die Brust, er fiel auf den Rücken, lachte weiter. Dabei hatte er meine Arme gepackt und mich mitgezogen, sodass mein nackter Oberkörper schon wieder auf seinem lag. Es war wie ein Stromstoß. Jetzt lachte er nicht mehr.

Ich hätte sofort mit ihm Sex im Freien haben können. Stattdessen stieß er mich fast grob von sich, schüttelte den Kopf und ging schwimmen. Ohne sich umzusehen, kraulte er los. Da stand ich auf, warf mir mein Kleid über und fuhr weg.

Das Rad ließ ich vor der Haustür stehen, ich ging hinein und zog mir die schwarzen Beerdigungssachen an – nach meiner Erfahrung mit dem goldenen Kleid im Baumarkt hielt ich das für klüger. Ich griff meine Tasche und fuhr zum Edeka-Laden. Dort kaufte ich Brot, Milch, Butter, Mandeln, zwei Sorten Käse, Karotten, Tomaten, noch mehr Nussschokolade, Haferflocken und eine große Wassermelone, weil mir so heiß war. Zu Hause tat ich alles in den Kühlschrank, rief in Freiburg an und sprach mit meiner Chefin. Sie kondolierte mir noch einmal und hatte Verständnis dafür, dass die Erbschaftsangelegenheiten noch geklärt werden mussten.

- Tun Sie das so schnell wie möglich, sagte sie und seufzte. Je früher Sie diese Dinge entscheiden, desto besser. Mein Bruder und ich sind uns immer noch nicht einig, obwohl unsere Eltern schon seit Jahren tot sind. Doch, hier ist viel los. Die Semesterferien stehen vor der Tür, aber machen Sie sich keine Sorgen. Es sind genug Leute da, Frau Gerhardt ist aus dem Urlaub zurück. Also bleiben Sie dort so lange, wie Sie müssen. Sie hören sich gar nicht gut an, liebe Frau Berger. Ach ja. Diese Woche rechne ich also nicht mit Ihnen, ja? Ja. Kein Thema. Alles klar. Auf Wiederhören, auf Wiederhören, ciao, Frau Berger.

Wir legten auf. Ich hörte mich nicht gut an? Na klar. Ich war verärgert, verwirrt und gekränkt über Max’ Zurückweisung. Aber was tat ich dagegen? Ich zog mich verschämt zurück. Mit Verachtung stellte ich fest, dass ich auch nicht viel weiter gekommen war als die Frauen der vorherigen Generation. Von wegen Selbstbestimmung. Doch kein Wunder: schließlich stammte ich ja auch von der verklemmtesten der drei Lünschen-Schwestern ab.

Christa hing an Bootshaven, an großen Himmeln über leeren Flächen, am Wind in ihrem braunen Haar, das sie immer noch kurzgeschnitten trug. Bei Storms Gedicht von der grauen Stadt »am grauen Meer« bekam sie nasse Augen und sprach die dritte Strophe mit einer bebenden Stimme, die mir unangenehm war. Wenn ich als Kind und auch später als Teenager an bestimmten Sommerabenden in das Wohnzimmer trat, konnte es passieren, dass meine Mutter dort in der Dämmerung saß. Sie hockte auf der Sofakante, die Hände unter den Oberschenkeln, und schaukelte ruckartig vor und zurück. Den Blick auf den Boden geheftet. Es waren kurze, rasche Bewegungen, kein verträumtes Wiegen. Teile ihres Körpers schienen gegen andere Teile ihres Körpers zu kämpfen: Ihre Beine pressten sich gegeneinander. Die spitzen Knabenknie stießen immer wieder auf ihre Brüste ein. Ihre Zähne bissen sich an der Unterlippe fest. Die Oberschenkel quetschten ihr die Hände ab.

Meine Mutter saß sonst nie herum. Sie arbeitete entweder im Garten, zupfte Unkraut, schnitt Äste, erntete Beeren, hackte, mähte, grub oder pflanzte. Oder sie hängte die Wäsche auf, räumte Regale und Kisten ein und aus, bügelte Laken, Bettbezüge und Handtücher mit der Mangelmaschine im Keller. Sie buk Hefekuchen oder kochte Marmelade ein. Oder sie war gar nicht da, weil sie bis zur Erschöpfung durch die staubigen Spargelfelder rannte und das machte, was sie »einen Waldlauf« nannte. Wenn Christa sich abends auf das Sofa setzte, dann nur, um dort nach der Tagesschau fernzusehen oder die Zeitung zu lesen und recht bald einzuschlafen, irgendwann verwirrt hochzufahren und ein bisschen zu schimpfen: dass es schon so spät sei und dass wir – also mein Vater und ich – doch endlich ins Bett gehen müssten und dass sie, Christa, jetzt aber ins Bett gehe. Und das tat sie dann auch.

Doch an den wenigen Abenden, an denen ich sie auf dem Sofa fand – es mögen vielleicht insgesamt sieben oder acht gewesen sein –, hatte sie den Plattenspieler laut gedreht. Ungewohnt laut. Unangemessen laut. Rebellisch laut. Ich kannte die Schallplatte. Auf der Hülle war ein Mann mit Vollbart, Fischerhemd und Prinz-Heinrich-Mütze irgendwo auf einer Wiese oder einem Strand und sang plattdeutsche Lieder zur Gitarre: »Ick wull wi weern noch kleen, Jehann!«, rief dieser Mann weniger sehnsuchtsvoll als fordernd durch unser Wohnzimmer. Ich wusste nicht, ob ich einfach wieder gehen sollte, weil ich ganz klar irgendwo eindrang, wo ich nicht hingehörte. Aber ich ging nicht, denn ich wollte, dass das aufhörte. Ich wollte, dass meine Mutter wieder meine Mutter würde und nicht Christa Lünschen, die Schlittschuhläuferin aus Bootshaven. Einerseits brach es mir das Herz, meine Mutter dort hocken und ruckeln zu sehen, und ich machte mir Vorwürfe, weil ich und mein Vater es offenbar nicht schafften, sie glücklich zu machen. Andererseits war ich entrüstet und empfand ihr Heimweh als Verrat.

So blieb ich in der Tür stehen, konnte nicht hinein zu ihr, aber auch nicht fortgehen. Wenn es zu lange dauerte, bewegte ich mich. Meine Mutter sah auf, erschrak, manchmal entfuhr ihr sogar ein Schrei. Sie sprang auf die Füße und stellte die Platte aus. Mit einer Stimme, die munter klingen sollte, sagte sie:

- Iris, ich habe dich ja gar nicht gehört! Wie war’s bei Anni?

Wenn sie so ertappt klang, dann hatte sie ja wohl auch etwas zu verbergen. Also doch Verrat. Ich sagte verächtlich:

- Was hörst du denn da für ein Zeug? Grauenvoll.

Dann ging ich ins Wohnzimmer, machte den Schrank mit den Süßigkeiten auf, an den ich nur durfte, wenn ich gefragt hatte, nahm mir ein großes Stück Schokolade raus, drehte mich um und ging hinauf in mein Zimmer, um zu lesen.

Hatte Bertha auch Heimweh gehabt? Bertha, die ihr Haus nie verlassen hatte. Dass ein Heim ausgerechnet Heim hieß, war eine Gemeinheit, die dem Wort »Heim« für immer den obersten Listenplatz der »falschen Wörter« zusicherte.

Nachdem Bertha aus ihrem Haus in ein Heim gebracht worden war, wusste sie nie wieder, wo sie war. Und doch schien sie zu wissen, wo sie nicht war. Ständig packte sie Koffer, Taschen, Plastiktüten, Manteltaschen mit Dingen voll. Und jeden Menschen, der in ihre Nähe kam, ob Besucher, Schwester oder Mitbewohner, fragte sie, ob er sie nach Hause bringen könne. Das Heim tat Bertha weh. Es war ein teures privates Pflegeheim. Aber die Dementen gehörten zweifelsfrei in die unterste Kaste der heimlichen Hackordnung. Gesundheit war das höchste Gut. Die Tatsache, dass man früher ein Bürgermeister, eine reiche Dame der Gesellschaft oder ein angesehener Wissenschaftler gewesen war, spielte keine Rolle. Im Gegenteil, je höher man einst stand, desto tiefer konnte man fallen. Rollstuhlfahrer waren zwar in der Lage, Bridge zu spielen, aber nicht, zum Tanztee zu gehen. Das war eine unumstößliche Tatsache. Außer Klarheit im Geiste und körperlicher Gesundheit konnte man sich im Heim noch durch eine andere Sache Respekt und Ansehen verschaffen: durch Besuch. Hierbei zählte die Häufigkeit der Besuche, die Regelmäßigkeit und Dauer. Gut war auch, wenn nicht immer nur die Gleichen kamen. Männer zählten mehr als Frauen. Jüngere Besucher waren besser als alte. Heimbewohner, deren Familien oft kamen, wurden respektiert: Sie mussten zweifellos etwas richtig gemacht haben in ihrem Leben.

Berthas treueste Kränzchenschwester Thede Gottfried war jeden zweiten Dienstagvormittag gekommen – ihre Schwägerin war im gleichen Heim untergebracht. Christa hatte Bertha immer nur in den Schulferien besucht, dann aber täglich. Tante Harriet kam an allen Wochentagen, Tante Inga jedes Wochenende.

Bertha vergaß ihre Töchter der Reihe nach. Die älteste zuerst. Sie wusste zwar noch lange, dass Christa zu ihr gehörte, aber der Name sagte ihr nichts mehr. Sie nannte sie erst Inga, später Harriet. Inga war noch eine ganze Zeit Inga, dann wurde auch sie Harriet. Harriet blieb sehr lange Harriet, aber irgendwann, viel später, war selbst Harriet eine Fremde. Doch da war Bertha schon im Heim.

- Wie bei den drei kleinen Schweinchen, sagte Rosmarie.

Ich verstand nicht, was sie meinte.

- Na ja, das erste rennt ins Haus des zweiten, das bricht zusammen, und die beiden rennen, als das zweite Haus zusammenbricht, ins Haus des dritten.

Berthas Haus aus Stein. Und jetzt sollte es meins sein?

Meine Mutter nahm es sich damals sehr zu Herzen, dass ihre Mutter ihren Namen nicht mehr kannte. Vielleicht erschien es ihr ungerecht, dass sie selbst ihre Heimat nicht vergessen konnte, aber ihre Heimat nichts Besseres zu tun hatte, als sie zu vergessen. Inga und Harriet nahmen es gelassener. Inga hielt Berthas Hand und streichelte sie und schaute Bertha lächelnd in die Augen. Das mochte Bertha. Harriet ging mit Bertha auf die Toilette, wischte sie ab, wusch ihr die Hände. Und Bertha sagte Harriet, wie lieb sie sei und wie froh sie, Bertha, sei, dass sie Harriet habe.

Inga machte es nichts aus, Harriet genannt zu werden, aber als Bertha einmal Christa zu ihr sagte, wurde sie böse. Christa war nicht hier. Sie hielt keine Hand. Sie ging nicht mit aufs Klo. Sie hatte einen Mann. Hinnerk hatte sie am meisten geliebt. Manches konnte man niemals verzeihen. Wenn Christa in den Schulferien da war und sich um Bertha kümmerte, war es schwierig für Inga und Harriet, nett und unbefangen zu sein. Wenn Christa traurig und schockiert war über die Verschlechterung von Berthas Gedächtnis, fiel es ihren jüngeren Schwestern schwer, Verständnis zu zeigen. Sie empfanden vielmehr Verachtung. Ihre Schwester hatte ja keine Ahnung, wie schlimm und anstrengend und beängstigend alles in Wirklichkeit war.

Letzten Sonntag, in den frühen Nachmittagsstunden, war Bertha schließlich an einer Sommergrippe gestorben. Ihr Körper hatte einfach vergessen, wie man sich von so einer Krankheit wieder erholte.

Tante Inga hielt ihre Hand. Sie rief nach einer Krankenschwester. Dann telefonierte sie mit Harriet. Diese fuhr sofort zum Heim und sah ihre Mutter noch so, wie sie ihren letzten Atemzug getan hatte. Die Augenbrauen ein wenig zusammengezogen, als müsse sie sich auf etwas besinnen. Die Nase ragte lang und spitz aus dem Gesicht. Auf dem weißen Nachttisch stand ein Plastikbecher mit Apfelsaft.

Erst am Abend riefen sie bei Christa an. Meine Mutter legte den Hörer auf und begann zu weinen. Hinterher fragte sie meinen Vater immer und immer wieder:

- Warum haben sie so lange gewartet, bis sie es mir erzählt haben? Warum? Was haben sie sich dabei gedacht? Wie sehr müssen sie mich hassen?

Manches konnte man niemals verzeihen.

Am Grab, als wir der Reihe nach unsere Blumen auf den Eichensarg werfen sollten, blieben die drei Schwestern eng nebeneinander stehen. Christa stand rechts, Inga in der Mitte, Harriet links. Meine Mutter nahm ihre große schwarze Handtasche von der Schulter und öffnete sie. Erst jetzt bemerkte ich, wie sich die Tasche ausbeulte, sie schien prall gefüllt zu sein. Christa trat einen Schritt vor, schaute in die Tasche und zögerte. Sie zog etwas heraus, es war rot und gelb geringelt. Ein Strumpf? Sie warf es in das Erdloch. Dann holte sie den nächsten Strumpf – oder war es ein Topflappen? – aus der Tasche und warf ihn hinterher. Es war ganz still geworden, alle Trauergäste versuchten zu erkennen, was Christa dort machte. Ihre Schwestern traten auch einen Schritt vor und stellten sich neben sie. Mit einer energischen Bewegung drehte Christa schließlich die Tasche um und kippte sie einfach aus. Erst da begriff ich, was sie ihrer Mutter ins Grab schüttete: die Stricksachen aus der Kiste im Kleiderschrank, Berthas Wolle gewordene Gedächtnislücken.

Als die Tasche leer war, knipste meine Mutter sie wieder zu und hängte sie sich umständlich über die Schulter. Ingas rechte Hand griff nach der Hand ihrer älteren Schwester, ihre linke nahm die von Harriet. So standen die drei eine ganze Weile vor dem Erdloch, in dem Bertha nun unter knallbunten Stricksachen ruhte. Jetzt waren sie wieder »Hinnerks staatsche Deerns«. Und sie wussten, dass sie zu dritt immer am stärksten sein würden.

Was war nun mit Tante Inga, der staatschsten Deern von allen? Ich wollte es endlich wissen und griff mir das dünne weiße Kleid, das über dem Stuhl lag. Mein schwarzes war schon wieder ganz durchgeschwitzt. Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr los.

Herr Lexow wohnte gleich neben der Schule, und die war nicht weit von der Kirche, und die war nicht weit vom Haus. Nichts lag hier weit auseinander. Ich weiß nicht, ob ich wirklich an seiner Haustür geklingelt hätte, aber er war glücklicherweise im Garten und zupfte Unkraut. Gegossen hatte er schon, denn über den Beeten hing der scharfe Geruch von Wasser auf heißer Erde. Ich stieg ab, er schaute auf.

- Ah. Sie sind es.

Er klang verhalten, aber trotzdem erfreut.

- Ja, schon wieder ich. Bitte verzeihen Sie mir die Störung, aber …

- Jetzt kommen Sie doch erst mal herein, Iris. Sie stören mich gar nicht.

Ich schob mein Fahrrad durch die kleine Pforte und lehnte es an die Hauswand. Der Garten war hübsch und gepflegt, große Kosmeen ragten überall heraus, Margeriten, Rosen, Lavendel und Mohn. Er hatte akkurate Beete mit Kartoffeln, Stangenbohnen und Tomaten. Johannisbeerbüsche, rot und schwarz, Stachelbeeren und eine Himbeerhecke konnte ich sehen. Herr Lexow bot mir einen Platz auf einer Bank im Schatten eines Haselstrauches an, ging ins Haus und kam kurz darauf mit einem Tablett und zwei Gläsern wieder heraus. Ich sprang auf, um zu helfen. Er nickte und sagte, in der Küche ständen Saft und Wasser. Ich brachte die klebrige Flasche mit dem selbst eingemachten Fliederbeersaft und eine Flasche Mineralwasser hinaus. Herr Lexow schenkte uns ein und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich lobte den Garten und den Saft, und er nickte. Dann schaute er mich an und sagte:

- Heraus mit der Sprache.

Ich lachte.

- Sie waren sicher ein guter Lehrer.

- Ja. War ich. Vor allem aber war ich es lange. Also?

- Ich muss noch einmal über Bertha sprechen.

- Gern. Es gibt nicht viele Leute, mit denen ich über Bertha sprechen kann.

- Erzählen Sie mir von ihr. Haben Sie ihr geholfen, als mein Großvater weg war? Wie war sie so mit den Kindern?

Ich wollte natürlich mehr über Inga herausfinden, traute mich aber nicht, allzu direkt zu fragen.

Es war angenehm warm dort im Schatten auf der Bank. Nach der Aufregung heute Morgen am See fühlte ich mich mit einem Mal schwer und müde, ich schloss die Augen und hörte Herrn Lexows ruhige Stimme zwischen den Bienen.

Sicher hatte Bertha Hinnerk Lünschen geliebt, aber er behandelte sie nicht so, wie sie es verdient hatte. Sie hätte sich einfach mehr gegen ihn durchsetzen müssen, aber er hätte sie wohl nicht geheiratet, wenn sie das getan hätte. Und sie liebte ihn doch. Ob Hinnerk sie geliebt hatte? Vielleicht. Sicher. Auf seine Art eben. Er liebte sie, weil sie ihn liebte, mag sein, dass er das am meisten an ihr liebte: ihre Liebe zu ihm.

Und Inga. Was für ein wunderschönes Mädchen! Herr Lexow wäre gern ihr Vater gewesen, aber letztlich wusste er nicht, ob sie von ihm war. Er hätte es wohl sein können, aber er hatte nie mit Bertha darüber gesprochen. Er traute sich nicht und dachte, man könnte darüber sprechen, wenn man alt sei, wenn Hinnerk tot sei, wenn man ein bisschen über den irdischen Dingen stehe, aber das würde man sowieso nie. Und dann war es zu spät. Bertha wollte irgendwann gar nicht mehr mit ihm reden. Sie wollte ihn begrüßen, aber keine Fragen beantworten. Sie sagte: Das ist alles schon so lange her. Und das kränkte Herrn Lexow. Erst später begriff er, dass sie damals Fragen schon nicht mehr beantworten, ihnen aber durchaus noch ganz geschickt ausweichen konnte.

Inga war während des Krieges zur Welt gekommen, Dezember 1941, da war Hinnerk noch zu Hause. In den Osterferien hatte Herr Lexow sich die Zeit genommen, ein paar Dahlienknollen bei Bertha vorbeizubringen. Die hatte sie im Herbst so bewundert, es waren prächtige Dahlien, kräftige weinrote Stängel und ganz dicke Blüten von einem lavendelfarbenen Ton, der bei Dahlien ganz ungewöhnlich war. Herr Lexow hatte jene Nacht im Garten der Deelwaters nie vergessen, wie er auch Berthas Schwester Anna nicht vergessen konnte. Er brachte Bertha den Korb mit den Knollen gleich in die Küche. Er war von hinten durch die Diele gekommen, so machte man das im Dorf. Nur Fremde klingelten an der Haustür. Bertha pulte Krabben. Sie hatte eine blaue Schürze um und eine Schüssel mit Krabben auf dem Tisch und Zeitungspapier auf dem Schoß, in das sie die Schalen fallen ließ. Herr Lexow schob seinen Spankorb neben die Kellertür. Nächste oder übernächste Woche konnten die Knollen in die Erde. Sie sprachen über Anna. Er wollte wissen, ob Anna mit Bertha gesprochen hatte, kurz vor ihrem Tod. Bertha blickte ihn nachdenklich an, ohne beim Krabbenpulen innezuhalten. Ihre Finger nahmen das Krebstier, knackten es mit dem Daumen an jener Stelle hinter dem Kopf und zogen rasch, fest, aber doch zart die beiden Panzerhälften auseinander, sodass die Beinchen und das schwarze Rückgrat mit abgestreift wurden. Bertha sagte nichts und beugte sich wieder über die Krabben. Er schaute sie an, eine Strähne ihres blonden Haars hatte sich aus der Hochsteckfrisur gelöst. Noch ehe er es sich anders überlegen konnte, nahm er die Strähne und steckte sie ihr hinter das Ohr. Erschrocken griff sie nach ihrem Haar und erwischte seine Hand. Berthas Hand war kalt und roch nach Meer. Ja, hatte sie geflüstert. Ja, Anna habe gesprochen. Sie habe es aber nicht richtig verstanden. Doch ja, es habe etwas mit ihm, Herrn Lexow, zu tun gehabt. Carsten Lexow war wie von Sinnen. Jene Nacht lag jetzt fünfzehn Jahre zurück. Er hatte seither jeden Tag seines Lebens an sie gedacht. Er sank vor Bertha auf die Knie und stammelte etwas, sie schaute ihn ratlos, aber voller Mitgefühl an und nahm sein Gesicht zwischen ihre Handgelenke. An ihren nassen Krabbenfingern klebten winzige rosa Fühler und Beinchen. Das Zeitungspapier mit den Schalen rutschte von Berthas Beinen. Da vergrub er sein Gesicht in ihrem Schoß, sein Körper zuckte, ob vom Weinen oder von etwas anderem, vermochte Bertha nicht zu sagen. Sie strich ihm mit dem Unterarm über den Rücken wie bei einem Kind.

Die kleine Christa war nicht im Haus. Das Hausmädchen Agnes war zu ihrer Mutter gegangen, weil diese sich den Fuß verstaucht hatte. Agnes musste sich um sie kümmern, hatte aber das Kind mitgenommen, damit Bertha nicht zu sehr unter dem Missgeschick leiden musste. Hinnerk war bei der Arbeit, nicht im Büro, sondern bei den Gefangenen. Herr Lexow wurde ruhiger, ließ aber seinen Kopf, wo er war. Er griff nach Berthas Beinen, die in dicken Schuhen steckten, und begann, mit seinen Händen von den Fesseln aufwärts bis unter ihren Rock zu streichen. Er legte sein Gesicht in ihre Schürze und atmete den Fischgeruch ein. Bertha dachte nun nicht mehr an ein kleines Kind. Sie wurde ganz still und hielt den Atem an. Abgerissene Sätze, Liebesworte, erregtes Schluchzen drangen an ihr Ohr, und sie ließ ihn gewähren. Saß nur stumm da, runzelte die Stirn und fühlte, wie ihr Unterleib immer wärmer und schwerer wurde. Und obwohl sie Hinnerk liebte und Herrn Lexow nicht, hatte sie so etwas in fünf Jahren Ehe noch nie gefühlt. Carsten Lexow richtete sich auf und küsste sie und wusste: Es war nicht der gleiche Mund wie in jener Nacht. Schon wollte er von ihr ablassen, da sah er, wie Tränen ihre Wange hinunterflossen. Nicht nur eine oder zwei, sondern viele, eine ganze Flut. Ihre Schürze war über der Brust schon klatschnass, aber ihre Schultern bewegten sich nicht, und sie gab auch keinen Laut. Ihr Hals war rot und nass und salzig, als er ihn küsste. Sie stand abrupt auf, wischte sich die Hände an der Schürze trocken und ging ins Schlafzimmer, das gegenüber der Küche lag. Dort zog sie die grünen Vorhänge vor die Fenster und band sich die Schürze ab. Sie zog sich die Schuhe aus, den Rock und die Bluse, und legte sich ins Bett. Carsten Lexow zog sich die Hose, das Hemd und die Strümpfe aus und legte alles auf den Boden vor dem Bett. Er kam zu ihr und nahm sie in den Arm, während er an die Nacht im Garten dachte. Hatte er damals die Falsche geliebt und die Richtige geküsst? Oder die Richtige geliebt und die Falsche geküsst? War da vielleicht nicht doch ein Apfelgeschmack zwischen dem Fisch und Salz?

Doch während der ganzen Zeit, die Carsten Lexow in Berthas Bett verbrachte, rannen ihr die Tränen wie zwei Meeresarme übers Gesicht.

In derselben Nacht schlief sie auch mit ihrem Mann, der Schwarzbrot mit Krabben und Spiegelei zum Abendessen bekam. In der Küche standen die erdigen Dahlienknollen, im Dämmerschein der Küchenlampe leuchteten sie gelblich. Sie sagte, Herr Lexow sei da gewesen und habe den Korb vorbeigebracht.

- Herr Lexow, der hat es gut. Ferien. Blumen. Mitten im Krieg.

Hinnerk schnaubte verächtlich, säbelte sich ein Stück Brot ab und führte es mit der Gabel zum Mund. Bertha beobachtete, wie dabei einige der zarten rosa Krabben vom Brot zurück auf den Teller fielen.

Neun Monate später kam Inga zur Welt. Es gab eines der seltenen, etwas unheimlichen Wintergewitter, bei denen es kirschgroße Eiskugeln hagelte und Blitze durch die Dunkelheit zuckten. Frau Koop, die Bertha bei der Geburt beistand, schwor, dass der Blitz ins Haus geschlagen und am Blitzableiter in die Erde gegangen war.

- Und wenn wir das Kindlein in die Badewanne gelegt hätten, dann wäre es jetzt tot.

Und dann fügte sie meistens hinzu:

- Aber irgendwas hat de Lüttje ja doch noch mitbekommen, arme Deern.

Wenn Rosmarie dabei war, fragte sie mit etwas hellerer Stimme als sonst:

- Das arme Wurm, oder?

Frau Koop schaute sie dann misstrauisch an, wusste aber nicht genau, was sie sagen sollte, und hüllte sich stattdessen in beredtes Schweigen.

Herr Lexow hörte auf zu reden. Und schaute mich erwartungsvoll an. Ich hörte auf zu träumen und setzte mich benommen auf.

- Entschuldigung, wie bitte?

- Ich fragte: Hat sie nie von mir gesprochen?

- Also, wer jetzt?

- Bertha.

- Nein, Herr Lexow, es tut mir leid. Zu mir nicht. Auch später nicht. Na ja.

- Ja?

- Ein, zwei Mal, aber nein, ich weiß nicht, also ein, zwei Mal hat sie gerufen: »Der Lehrer ist da«, wenn jemand hereinkam. Aber an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Herr Lexow nickte. Und schaute zu Boden.

Ich stand auf.

- Vielen Dank, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie mir das alles erzählt haben.

- Na, so viel war es ja eigentlich nicht. Aber gern geschehen. Grüßen Sie bitte Ihre Mutter und Tanten von mir.

- Oh bitte, bleiben Sie sitzen, ich schiebe einfach nur mein Fahrrad raus und mache die Pforte hinter mir zu.

- Das ist Hinnerk Lünschens Fahrrad.

- Sie haben recht. Es ist seines. Es fährt noch ausgezeichnet.

Herr Lexow nickte dem Fahrrad zu und schloss die Augen.