Obwohl der Weg zu meinem Haus nur kurz war, wollte ich ihn nicht in Max’ blauem Bademantel zurücklegen. Also stieg ich in sein Auto, Max legte das Fahrrad in den Kofferraum, wo es nur zur Hälfte hineinpasste. Er ließ mich nicht an der Einfahrt hinaus, sondern öffnete das breite Gatter und fuhr mich bis vor das grüne Hoftor. Dort holte er das Rad aus dem Kofferraum und schaute es sich genau an.
- Scheint keinen Schaden genommen zu haben. Du hast Glück gehabt.
Ich nickte.
Max musterte mich mit demselben Blick wie gerade das Fahrrad.
- Du solltest dich ausruhen.
Ich nickte noch einmal, bedankte mich und lief dann durch den Garten zur Haustür, wobei ich mich bemühte, trotz des großen Bademantels Würde und Anmut in meinem Gang zu vereinen. Es musste mir gelungen sein, denn als ich mich an der Hausecke nach Max umdrehte, sah ich, wie er mit verschränkten Armen hinter mir herschaute. Seinen Blick konnte ich nicht lesen, aber ich versuchte mir einzureden, dass er voll des Staunens war.
Inzwischen musste es Nachmittag sein. Ich streifte meine Sandalen unten an der Treppe ab und schleppte mich hinauf, wobei ich mit dem Geländer zweistimmig wimmerte. Immer noch tat mir alles weh. Der Schreck. Ich warf mich auf das Bett und schlief sofort ein.
Etwas klingelte, zweimal, dreimal, ich wurde erst richtig wach, als es schon wieder aufgehört hatte. Ich kämpfte mich aus den Träumen und Decken, da hörte ich plötzlich die Treppe ächzen und krachen. Ich sprang auf und sah erst Max’ braunen Schopf durch das Geländer, dann kamen seine Schultern dazu, und als er schließlich als ganzer Mensch oben angekommen war, entdeckte er mich an der Tür zu Ingas Zimmer.
- Iris? Krieg bitte keinen Schreck, bitte nicht.
Ich bekam überhaupt keinen Schreck, sondern war vielmehr sehr froh, ihn hier zu sehen. Auch wenn es hier oben unaufgeräumt war und ich immer noch seinen Bademantel anhatte.
Ich lächelte ihn an und sagte:
- Ist das eine Masche von dir, sich immer an Frauen heranzuschleichen, wenn sie gerade irgendwo wehrlos herumliegen?
- Du hast das Klingeln nicht gehört, ich wollte nach dir sehen, es ist sechs Uhr abends. Und als niemand aufmachte, habe ich mir Sorgen gemacht, dass dir schlecht geworden sein könnte. Da bin ich einfach reingegangen, die Haustür war nicht abgeschlossen. Und Farbe habe ich auch mitgebracht und Pinsel und eine Malerrolle. Alles steht unten.
Ich stellte fest, dass es mir gutging. Meine Hände brannten zwar noch etwas, meine Knie auch, aber die Erschöpfung war von mir abgefallen, und mein Kopf war klar.
- Es geht mir gut. Sehr gut sogar. Wie nett, dass du da bist. Geh mal raus, es ist, wie du sagst, sechs Uhr abends, und ich hatte den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges an.
Max warf einen langen nachdenklichen Blick auf seinen Bademantel.
- Du hast da nichts drunter, stimmts? Ist das eine Masche von dir?
- Hey, raus habe ich gesagt.
- Denn wenn es eine Masche ist, dann muss ich sagen, dass sie funktioniert.
- Guck weg, du Niete.
- Schon gut, ich gehe ja. Allerdings finde ich, dass ich das Recht habe, meinen eigenen Bademantel anzusehen. Man möchte schließlich sichergehen, dass du dir nicht ständig damit die Nase putzt.
- Raus!
Max duckte sich geschickt, als ich das Kissen nach ihm warf. Obwohl er schon halb aus der Tür war, drehte er sich langsam zu mir um, hob das Kissen auf, zupfte es zurecht und lehnte sich an den Türrahmen. Das Kissen im Arm stand er da und sagte nichts, und plötzlich hatte ich am ganzen Körper Gänsehaut.
Max schüttelte den Kopf, warf das Kissen auf den Fußboden und verließ das Zimmer. Ich zog den Bademantel aus und hörte, wie Max die Treppe hinunterging. Sollte er doch.
Ich zog mir frische Unterwäsche an, und dann stand ich vor einem Problem. Die schwarzen Sachen von der Beerdigung waren zu fein und zu warm, die zweite Garnitur schwarzer Sachen war staubig und verschwitzt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als in den alten Schränken zu stöbern. Dieses pinkorange Hängerchen von Harriet musste es tun. Harriets und Ingas Sachen passten mir besser als die meiner Mutter. Die waren mir zu eng.
Als ich unten war, dachte ich, Max wäre ganz verschwunden. Doch dann fand ich ihn draußen. Er saß auf der Treppe vor der Haustür, die Ellbogen auf die Oberschenkel und den Kopf in die Hände gestützt. Eine Stufe unter ihm standen drei Eimer weiße Farbe. Ich setzte mich neben ihn auf die steinerne Stufe.
- Hey.
Ohne die Stirn aus der Hand zu nehmen, wandte er mir das Gesicht zu und guckte mich durch den Arm an. Seine Miene war düster, aber seine Stimme klang warm, als er sagte:
- Hey, du.
Ich hätte gern meinen Kopf auf seine Schulter gelegt, tat es aber nicht. Sein Körper spannte sich an.
- Wollen wir jetzt euer Hühnerhaus streichen?
- Jetzt?
- Warum nicht? Es bleibt noch lange hell heute. Und wenn es Nacht wird, dann macht das nichts, denn dein Kleid leuchtet bestimmt auch im Dunkeln, bei Tageslicht tun einem ja sogar die Augen davon weh.
- Schrill, oder?
- Äh ja. Schrill. Das ist es.
Ich schubste ihn. Er sprang auf, holte von drinnen meine grüne Tasche. Sein Feuereifer ging mir ein bisschen auf die Nerven. Auf die Nerven ging mir auch, dass er ganz offensichtlich meine körperliche Nähe mied. Feigling. Oder hatte er irgendwo eine Freundin? Bestimmt eine Anwältin. Sie machte wahrscheinlich in Cambridge gerade einen MBA oder MLL oder was weiß ich einen KMA. Sprach alle europäischen Sprachen fließend und hatte Rehaugen und einen Körper, der sich entzückend in kleinen, sexy geschneiderten Kostümchen ausnahm. Ich kam mir dumm vor in meinem fluoreszierenden Hippie-Kittel und hätte Max gerne nach Hause geschickt. Aber hier war er nun, mit drei Eimern Farbe, wartete geduldig darauf, dass ich die Malerrolle aus der Tasche holte, und ich? Ich hatte gerade ungefähr zweieinhalb Stunden geschlafen, vor Mitternacht würde ich ohnehin kein Auge zutun. Warum sollte ich also nicht das Hühnerhaus streichen?
Ich griff mir einen Eimer und beide Rollen. Max nahm einen Eimer in jede Hand, steckte die Pinsel hinten in die Hosentasche, und so zuckelten wir um das Haus herum. Am Küchengarten vorbei, wo uns der Geruch von Zwiebeln anwehte, dann am Kiefernwäldchen entlang, in dem die Abendsonne bizarre Schatten warf, bis wir schließlich beim Hühnerhaus ankamen. Das Gras war hier hinten schon seit langer, langer Zeit nicht mehr gemäht worden. Die Wiese vor dem Haus hielt Bertha mit dem Rasenmäher kurz, aber hinter dem Haus schwang Hinnerk die Sense. Als Kind liebte ich das zischende Geräusch, unter dem die Gräser und Butterblumen hinsanken. Langsam und ruhig schritt Hinnerk dabei über die Wiese. Es war keine große Gebärde, mit der er die Sense führte, aber rhythmisch und gleichmäßig wie ein barocker Tanz.
- Oh. Hier ist es.
Wir standen vor der Wand mit der roten Aufschrift.
- Max, weißt du, ich glaube, es stimmt.
- Was stimmt?
- Na, dass er einer war. Ein Nazi.
- War er in der Partei?
- Ja. Und dein Opa?
- Nee, meiner war Kommunist.
- Aber mein Großvater war nicht nur einfach ein Parteigenosse, er musste immer bestimmen.
- Verstehe.
- Harriet hat uns manchmal etwas erzählt.
- Und woher wusste sie es?
- Keine Ahnung, vielleicht hat sie ihn gefragt? Oder meine Großmutter hat es ihr erzählt?
Max zuckte die Schultern und öffnete den ersten Eimer. Mit einem Stock, den er sich am Kiefernwäldchen gesucht hatte, rührte er in der dicken Farbmilch.
- Komm, wir fangen an zu malen. Du von da und ich von hier.
Wir tauchten die Malerrollen ein und fuhren über den dunkelgrauen Putz. Das Weiß leuchtete grell. Langsam drückte ich die Rolle an die Wand. Das Dach begann auf Höhe meiner Stirn. Dünne Rinnsale weißer Farbe flossen die Wand hinab. Streichen war auch eine Spielart des Vergessens. Ich wollte die rote Schrift nicht zu hoch hängen. Sie war schließlich nicht von Gott, sondern von einem gelangweilten Teenager an die Wand gesprüht. Ein Streich eben.
Das Streichen ging schnell, die Wände des Hühnerhauses waren wirklich nicht besonders groß. Als wir dort gespielt hatten, Rosmarie, Mira und ich, war das Haus noch nicht so klein gewesen.
Die Hände meiner Großmutter strichen über alle glatten Flächen, Tische, Schränke, Kommoden, Stühle, Fernseher, Stereoanlagen, überall streifte sie entlang, immer auf der Suche nach Krümeln, Staub, Sand, Essensresten. Das fegte sie mit der Hand zu einem Häufchen zusammen und schob es in die zur Schale gekrümmte linke Hand. Das Zusammengefegte trug sie dann so lange herum, bis es ihr jemand abnahm und in einen Mülleimer, in die Toilette oder aus dem Fenster warf. Es war ein Symptom der Krankheit, das machten sie alle hier, hatte die Schwester im Heim zu meiner Mutter gesagt. Ein gespenstisches Haus. Einerseits war es so praktisch und funktionell eingerichtet, doch dann war es bevölkert mit Körpern, die auf unterschiedliche Weise und in verschieden starker Ausprägung von ihren Geistern verlassen worden waren. Den guten wie den bösen. Sie strichen alle mit ihren Händen über die glatten Kunststoffmöbel mit den runden Ecken, als suchten sie etwas zum Festhalten. Doch der Eindruck täuschte. Sie tasteten nicht nach einem Halt. Wenn Bertha einen harten Schmutzfleck erspähte, und sei es auf ihrer Schuhsohle, dann kratzte sie mit einer Heftigkeit und Beharrlichkeit daran herum, bis er unter ihren Fingernägeln nachgab, sich in Krümel oder kleine Röllchen auflöste und schließlich ganz verschwand. Tabula rasa: Nirgends gab es reinere Tische als im Heim des Großen Vergessens. Hier vergaß man glatt.
Wenn Christa von den Besuchen zurückkam, weinte sie viel. Wenn Leute sagten, dass es ja auch ganz tröstlich wäre, wenn die Eltern wieder zu Kindern würden, dann wurde sie sehr ärgerlich. Ihre Schultern strafften sich, ihre Stimme wurde kalt, und sie sagte leise, das sei das Dümmste, was sie je gehört habe. Verwirrte alte Menschen seien kein bisschen wie Kinder, sondern einzig wie demente Greise. Da gebe es keine Gemeinsamkeiten. Und sie mit Kindern zu vergleichen, das wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Das würde nur denen einfallen, die entweder nie ein Kind oder nie einen dementen Greis zu Hause gehabt hätten.
Die Leute, die Christa doch nur trösten wollten, schwiegen betroffen und oft auch beleidigt. Der Ausdruck mit den dementen Greisen war hart und geschmacklos. Christa wollte provozieren, und das wiederum erschreckte meinen Vater und mich. Wir kannten sie nur leise und höflich, bestimmt zwar, aber niemals angriffslustig.
Als ich in der Schule »Macbeth« durchnahm, musste ich an Bootshaven denken. Es ging die ganze Zeit ums Erinnern und Nicht-erinnern-Wollen, um das Wegmachen von Flecken, die gar nicht da waren, und dann gab es noch diese drei Hexenschwestern.
Streich, Streichen, Berthas Hände über allem, was flach war: das Vergewissern des Körpers, dass es ihn noch gab, dass er noch einen Widerstand bot. Sein Überprüfen, ob es noch einen Unterschied gab zwischen ihm und den unbelebten Dingen im Raum. Das alles kam erst später. Zuvor waren die inzwischen leergefegten Tische und Sideboards und Stühle und Kommoden nämlich voll. Voll von Zetteln. Kleine quadratische Zettel, sauber abgetrennt von Papierblockwürfeln, abgeschnittene Zettel vom Rand einer Tageszeitung, große DIN-A4-Seiten aus einem Heft gerissen, Rückseiten von Kassenzetteln. Einkaufszettel, Merkzettel, Listen mit Geburtstagen, Listen mit Adressen, Zettel mit Wegbeschreibungen, Zettel mit großgeschriebenen Befehlen: DIENSTAGS EIER HOLEN! stand dort. Oder SCHLÜSSEL FRAU MAHLSTEDT. Dann begann Bertha Harriet zu fragen, was sie sich eigentlich merken wollte.
- Was bedeutet »Schlüssel Frau Mahlstedt«? fragte sie ganz verzweifelt. Hat Frau Mahlstedt mir einen Schlüssel gegeben? Wo ist er denn? Will sie ihn mir geben? Wollte ich ihr einen geben? Welchen denn? Wozu?
Die Zettel wurden mehr und mehr. Wenn wir in Bootshaven waren, flogen sie überall herum. Weil es immer irgendwo zog, wehten sie langsam durch die Küche wie im Herbst die großen Blätter der Linden draußen auf dem Hof. Die Nachrichten auf den Zetteln wurden immer unleserlicher und unverständlicher. Waren auf den ersten Zetteln noch Dinge wie die schrittweise Bedienung der neuen Waschmaschine, so wurden die Zettel im Laufe der Zeit mehr und dafür kürzer. »Rechts vor links« stand auf einem, das konnte man noch verstehen. Doch manchmal schrieb meine Großmutter Zettel, die sie selbst nicht mehr lesen konnte, und manchmal versuchte sie Zettel zu lesen, auf denen aber nichts Lesbares mehr stand. Allmählich wurden die Botschaften immer sonderbarer: »Badeanzug im Ford«, aber zu der Zeit hatten sie gar keinen Ford mehr, und dann immer wieder »Bertha Lünschen, Geestestraße 10, Bootshaven«. Irgendwann nur noch »Bertha Deelwater«, doch da waren es schon weniger Zettel geworden. Bertha. Bertha. Als müsste sie sich vergewissern, dass es sie noch gab. Der Name sah nicht mehr so aus wie eine Unterschrift, sondern wie etwas mühsam Kopiertes. Der kurze Schriftzug war voller Stellen, an denen der Stift abgesetzt, innegehalten und wieder neu angesetzt hatte, lauter kleine Narben. Zeit verstrich, und der Blätterregen versiegte ganz. Wenn Bertha noch ab und zu auf einen alten Zettel stieß, stierte sie ihn blind an, knüllte ihn zusammen und steckte ihn sich in die Schürze, den Ärmel oder in ihren Schuh.
Mein Großvater schimpfte über die Unordnung im Haus. Harriet tat ihr Bestes, aber sie musste ihre Übersetzungen fertig machen, und Rosmarie trug auch nicht dazu bei, dass alles gepflegt und ordentlich aussah. Hinnerk fing an, sein Arbeitszimmer abzuschließen, damit ihm seine Frau nichts durcheinanderbrachte. Bertha rüttelte ratlos an der Tür seines Zimmers und sagte, sie müsse doch dort hinein. Das war ein Anblick, den wir alle nicht gut ertragen konnten. Es war schließlich ihr Haus.
Eigentlich kannte ich Bootshaven nur im Sommer, wenn ich hier in den Ferien war. Mal kam ich mit meinen Eltern, aber meistens nur mit Christa, ein oder zwei Mal auch allein. Zu Hinnerks Beerdigung waren wir im November angereist. Da hatte es aber nur geregnet. Wirklich gesehen habe ich außer dem Friedhof nichts, nicht einmal den Garten vom Haus.
Wie war der Garten im Winter?, fragte ich meine Mutter, die Schlittschuhläuferin, deren Name klang wie das Kratzen von Kufen auf Eis.
Der Garten im Winter sei natürlich schön, sagte sie dann und zuckte mit den Schultern. Als sie merkte, dass das nicht reichte, fügte sie hinzu, dass einmal alles übergefroren sei. Erst habe es den ganzen Tag geregnet, aber am Abend sei plötzlich die große Kälte gekommen, und alles sei glasiert worden. Jedes Blatt, jeder Halm habe eine durchsichtige Eisschicht gehabt, und wenn der Wind durch das Kiefernwäldchen geblasen habe, hätten die einzelnen Nadeln aneinandergeklirrt. Das sei wie Sternenmusik gewesen. Keiner habe hinausgedurft. Jeder Stein auf dem Hof sei wie aus Glas gewesen. Sie hätten das Fenster von Ingas Schlafzimmer geöffnet und hinuntergesehen. Am nächsten Tag sei es dann wieder wärmer geworden, und der Regen habe alles fortgespült.
Wie war der Garten von Berthas Haus im Winter?, fragte ich meinen Vater, der ihn schließlich auch mal außerhalb der Sommerferien gesehen haben musste. Er nickte lebhaft und sagte:
- Na, so ähnlich wie im Sommer, bloß braun und platt.
Er war eben ein Naturwissenschaftler, mit Natur konnte er wahrscheinlich nicht so viel anfangen.
Ich fragte Rosmarie und Mira, als ich im Sommer dort war. Wir saßen auf der Treppe und versteckten kleine Briefe in den aufgesprungenen Platten. Der Garten im Winter? Rosmarie dachte nicht lange nach. Langweilig, sagte sie. Todlangweilig, sagte Mira und lachte.
Als Rosemarie, Mira und ich wieder einmal Verkleiden spielten, kam mein Großvater vorbei, um uns Bonbons aus der MacIntosh’s-Dose zu geben. Er mochte uns. Er mochte mich lieber als Rosmarie, weil ich Christas Kind war, weil ich jünger war, weil ich nicht mit ihm in einem Haus wohnte und weil er mich nicht so oft zu Gesicht bekam. Aber er liebte es, mit den beiden größeren Mädchen zu schäkern, und sie schäkerten auch immer kräftig zurück. Das machte ihn fröhlich und charmant, und so fragte ich auch ihn, wie der Garten denn im Winter aussehe. Hinnerk zwinkerte uns zu, schaute aus dem Fenster und nach einem dramatischen Seufzer wandte er sich uns zu und sprach mit tiefer Stimme:
Im Winter kommt der graue Mann,
der Frost, der Frost, mein Kind.
Und wer sich nicht warm anziehn kann,
verkühlt sich ganz geschwind.
Wird niesen, husten, röcheln, schniefen
und durch die Nase sprechen.
Sie selbst wird rot und etwas triefen –
der Winter bringt Gebrechen.
Und einsam wirst du dir im Haus
die rote Nase tupfen.
Kein Mädel geht heut mit dir aus,
denn du, du hast den Schnupfen.
Und einsam gehst du durch den Garten,
dein Herz wird traurig klopfen:
Kein Mädel wird heut auf dich warten
aus Angst vor kleinen Tropfen.
Hinnerk lachte dröhnend und verbeugte sich. Bravo, riefen wir mehr höflich als aufrichtig und klatschten in unsere behandschuhten Hände. Rosmarie und ich trugen weiße, die man am Handgelenk zuknöpfen konnte. Miras Handschuhe waren aus schwarzem Satin und reichten ihr über die Ellbogen. Hinnerk ging lachend wieder hinunter, die Treppe krachte unter seinen Schritten. Ob er sich das Gedicht wirklich in diesem Moment ausgedacht habe, wollte Mira wissen. Ich hätte es auch gern gewusst, aber Rosmarie zuckte mit den Schultern. Kann sein, sagte sie, er macht ständig Gedichte. Er hat ein ganzes Buch voll davon.
Inzwischen hatten Max und ich das Wort auf der Wand erreicht, ich rollte über das i, er über das N. Langsam kamen wir uns in die Quere.
- Ich mach das hier zu Ende, sagte ich, mach du doch mit einer anderen Wand weiter. Eine einzelne weiße Wand sieht auch komisch aus, jetzt malen wir eben alle weiß. Geht ja doch schnell.
Max nahm sich einen neuen Eimer, öffnete den Deckel, rührte drin herum und schleppte ihn dann um die Ecke, um die Seite anzumalen, die dem Wäldchen ganz zugewandt war.
- Sag mal, Max …
Ich sprach zu meiner Wand. Max’ Stimme kam von rechts:
- Hm?
- Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, als heute Abend hier zu streichen?
- Beschwerst du dich?
- Nein, natürlich nicht, ich freue mich. Wirklich. Aber du hast doch ein Leben, ich meine, du wirst doch wohl, na, du verstehst schon.
- Nein, ich verstehe nicht. Das wirst du jetzt schön zu Ende sagen, Iris. Ich denke nicht daran, dir da rauszuhelfen.
- Also gut, selber schuld. Ich wollte nur höflich sein. Es kommt mir so vor, als würdest du dich auf mich und meine Angelegenheiten werfen, als gäbe es sonst gerade nichts in deinem Leben, ist das so?
Max blickte um die Ecke und schaute mich mit zusammengekniffenen Augen an. Er sagte:
- Vielleicht ja, vielleicht ist das gerade so. Und jetzt folgerst du natürlich mit deinem armseligen kleinen Weiberhirn, dass ich hier nur herumhänge, weil ich so einsam und gelangweilt bin.
Max seufzte, schüttelte den Kopf und verschwand wieder hinterm Hühnerhaus. Ich holte tief Luft:
- Und? Bist du’s?
- Einsam und gelangweilt?
- Ja?
- Zugegeben. Manchmal ein bisschen. Aber es treibt mich im Allgemeinen nicht dazu, die Gesellschaft fremder Frauen aufzusuchen und handwerkliche Arbeiten in und an ihren Häusern und Hühnerhäusern zu verrichten.
- Hm. Also sollte ich das hier persönlich nehmen?
- Unbedingt.
- Was machst du, wenn du nicht Hühnerhäuser anmalst oder arbeitest?
- Oje, ich wusste, das würde kommen. Verdammt wenig, Iris. Also. Ich spiele zweimal die Woche Tennis mit einem Kollegen. Ich gehe abends laufen, obwohl ich Laufen todlangweilig finde. Wenn es heiß ist, gehe ich schwimmen, ich sehe fern, lese jeden Tag zwei Zeitungen und blättere ab und zu den »Spiegel« durch. Manchmal gehe ich nach der Arbeit ins Kino.
- Und wo ist deine Frau? Bei euch auf dem Land hat man doch schon mit Mitte zwanzig zwei bis drei Kinder von einer Frau, die man mit sechzehn kennengelernt hat.
Ich war froh, dass ich ihn nicht sehen konnte.
- Stimmt. Hätte ich auch fast gehabt. Meine letzte Freundin, die ich übrigens erst mit zweiundzwanzig kennengelernt habe und mit der ich vier Jahre zusammen war, ist letztes Jahr weggezogen. Sie war Krankenschwester.
- Warum bist du nicht mitgegangen?
- Sie wechselte das Krankenhaus, noch weiter weg von der Stadt als hier. Und bevor wir überlegen konnten, ob wir in der Mitte zwischen ihrem Krankenhaus und meiner Kanzlei zusammenziehen sollten, da hatte sie schon eine Affäre mit dem Chefarzt.
- Oh, das tut mir leid.
- Mir auch. Aber was mir am meisten leidtat, war, dass es mir irgendwie egal war. Einzig das Klischee mit Arzt und Krankenschwester hat mich aufgebracht. Mein Herz war nicht gebrochen. Nicht einmal verstaucht. Wahrscheinlich habe ich keines mehr, es ist hier in der moorigen Landschaft einfach versumpft.
- Als du klein warst, da hattest du eins.
- Tatsächlich? Wie beruhigend.
- Als du Mira aus dem Wasser gezogen hast. An der Schleuse.
- Aber war das ein Zeichen von Herz? Das war eher so etwas wie meine Pflicht. Und ich habe es auch nicht gern getan.
- Nein, aber Herz hast du gezeigt, als du uns danach nie mehr gegrüßt hast.
- Ihr wart mir unheimlich.
- Ach komm, du fandest uns toll.
- Zum Fürchten.
- Du warst in uns verknallt.
- Ihr wart total durchgeknallt.
- Du fandest uns schön.
Max schwieg.
- Du fandest uns schön!
- Ja, verdammt. Na und?
- Nur so.
Wir strichen weiter.
Nach ein paar Minuten ertönte Max’ Stimme noch einmal dumpf von rechts:
- Die Aufschrift auf der Wand hier hat entweder einer hingemalt, der nicht den geringsten Schimmer davon hatte, was er schreibt, oder jemand, der Hinnerk Lünschen gut gekannt hat. Denn eine rechte Szene gibt es in Bootshaven nicht. Hier gibt es überhaupt keine Szene. Es sei denn, du meinst die Autowäscherszene oder die Geranien-in-Waschbetonblumenkästen-Züchter-Szene. Hier ist so wenig los, dass ich mich manchmal auf den Friedhof setze und Rotwein saufe, nur damit irgendetwas passiert. Ich bin ein langweiliger Typ und gerade noch intelligent genug, um es zu merken. Pech für mich.
Ich schwieg. Ich hatte keine Lust, ihn zu trösten, und glaubte auch nicht, dass er nach Trost verlangte. Es stimmte ja auch irgendwie. Was sah ich in diesem glatten Junganwalt? Wahrscheinlich die Vergangenheit. Ich nahm an, es war mir wichtig, dass er mich noch so vor Augen hatte, wie ich damals war, ein pummeliges blondes Mädchen, das krampfhaft versuchte, die Aufmerksamkeit von zwei älteren Mädchen zu erhaschen. Er kannte mich als Berthas Enkelin, als Rosmaries Kusine, als Hinnerks »leewe Deern«. Und auch wenn Max sich, wie alle kleinen Brüder, zwischen acht und dreizehn irgendwie in Luft auflöste, so hatte er uns doch gesehen. Manchmal musste Mira ihn mit zu uns rüberbringen, dann würdigten wir ihn keines Blickes und er uns auch nicht, aber ich merkte, wie er uns wahrnahm. Ich konnte es deshalb spüren, weil wir beide dieselbe Gleichgültigkeit an den Tag legten, in die sich immer auch ein guter Teil Verzweiflung mischte.
Außer meinen Eltern und Tanten kannte ich niemanden, der uns gesehen hatte, wie wir damals waren. Doch die zählten nicht, da sie nie aufhörten, uns so zu sehen. Max aber sah mich jetzt. Was für ein Glück, dass er so nett war. Wahrscheinlich musste er das sein, Mira hatte ja alle anderen Eigenschaften schon besetzt. Sie war wild, er brav. Sie fiel auf, er machte sich unsichtbar. Sie ging fort, er blieb. Mira wollte Drama, Max seine Ruhe. Und weil er so nett war, hatten wir ihn natürlich auch nie bemerkt. Welches Mädchen, das etwas auf sich hielt, bemerkte schon nette Jungs?
Aber nun hatte ich ihn ja bemerkt, und ich fragte mich, warum ich ihn bemerkt hatte. Tod und Erotik gingen natürlich immer schon zusammen, aber abgesehen davon? Weil wir beide gerade niemanden hatten? Ich hatte Jon verlassen, weil ich »nach Hause« wollte: Jeder Mensch wusste, dass man mit seinen Wünschen vorsichtig zu sein hatte, weil sie womöglich in Erfüllung gehen konnten. Max kam mit dem Haus. Das Haus. Geteiltes Vergessen war ein genauso starkes Band wie gemeinsame Erinnerungen. Vielleicht noch stärker.
Und das Geheimnis von dem Mann mit der Flasche auf dem Friedhof war damit auch gelüftet. Lange konnte auf dem Dorf nichts geheim bleiben, nicht einmal vor mir. Sicher war es auch schon allen bekannt, dass Max hier stand und Bertha Deelwaters Hühnerhaus anmalte.
Und was hatte Max damals bemerkt? Der Tag an der Schleuse war einer von den ersten Sommertagen gewesen. Ich erinnerte mich an riesige grüne Fliegenschwärme, als wir mit den Rädern durch die Kuhweiden zum Kanal fuhren. Rosmarie trug ein schmales violettes Kleid, der Fahrtwind pumpte Luft in die bauschigen Ärmel, die aus einem dünnen, durchsichtigen Stoff geschneidert waren. Ihre Arme schimmerten weiß durch den lila Schleierstoff, und es sah aus, als wüchsen aus ihrer Schulter zwei Seeschlangen. Um fahren zu können, hatte sie das Kleid über die Knie gezogen, die Wäscheklammern stellten sich waagrecht im Fahrtwind. Ich musste hinter ihr gefahren sein, denn ich sah vor mir die Sommersprossen in ihren Kniekehlen. Aber vielleicht war das auch bei einem anderen Radausflug gewesen.
Ich hatte auch damals schon das Grüne von Tante Inga an, ganz sicher. Denn ich fühlte mich auf der Hinfahrt wie eine Flussnymphe und auf der Rückfahrt wie eine aufgeblähte Wasserleiche.
Mira trug schwarz.
Wir nahmen die Badesachen von den Gepäckträgern, warfen die Räder oben ans Ufer und rannten hinunter auf einen der Anglerstege. Ich legte mir ein riesiges Handtuch über die Schultern und versuchte, mich darunter auszuziehen. Außer uns war niemand da. Mira und Rosmarie lachten, als sie mich sahen.
- Warum musst du dich denn so verstecken? Was sollte man dir denn schon weggucken?
Doch ich schämte mich meines Körpers, gerade weil ich noch nichts hatte, dessen man sich hätte schämen können. Rosmarie hatte kleine feste Brüste mit aufmüpfigen rosa Brustwarzen, Mira hatte einen erstaunlich großen Busen, den man bei ihren schmalen Schultern und unter ihren schwarzen Pullis nicht vermutete. Ich hatte nichts. Nichts Richtiges. Es war hier oben nicht mehr so flach wie noch vor einem Jahr, als ich noch ganz unbefangen mit einer Badehose zum Schwimmen ging. Irgendetwas war da schon, aber es war seltsam und peinlich und fühlte sich falsch an. Ich verstand nicht, warum sich in den Hallenbädern die Mädchen immer in einem Gemeinschaftsraum umziehen mussten, während die Damen Einzelkabinen hatten. Umgekehrt wäre es sinnvoller gewesen: Das Unfertige bedurfte der Verhüllung. Das war bei Kunstwerken nicht anders als bei Kartoffelkäfern. Mir war schon klar, zu welcher der beiden Gruppen ich gehörte.
Wir legten uns auf den Holzsteg und verglichen unsere Hautfarben. Alle waren wir furchtbar käsig; und obwohl ich die hellsten Haare hatte, hatte ich die dunkelste Haut von uns dreien, einen Gelbton, Mira war alabastern, Rosmarie bläulich geädert mit Sommersprossen. Dann verglichen wir unsere Körper, Rosmarie sprach über Brüste und darüber, dass sie kleiner wurden nach der Regel. Ich verstand nicht, was sie sagte, welchen Regeln zufolge wurden Brüste groß und klein? Und gab es Regeln, nach denen Brüste für immer so stummelig bleiben würden wie meine? Mira und Rosmarie lachten noch lauter. Ich wurde rot und heiß und wusste nur, dass ich irgendetwas nicht wusste, was ich hätte wissen müssen, meine Augen brannten, und um nicht zu heulen, biss ich mir von innen auf die Wangen.
Mira fasste sich als Erste und fragte, ob mir meine Mutter nicht erklärt habe, dass bei Frauen einmal im Monat Blut unten rauskomme. Ich war entsetzt. Blut. Davon hatte mir keiner was gesagt. Dunkel erinnerte ich mich an etwas, das meine Mutter »die Tage« genannt hatte, aber das hatte etwas damit zu tun, dass man beim Sport nicht mitmachen konnte. Ich war wütend auf meine Mutter. Und wütend auf Mira und Rosmarie. Ich hätte sie gerne getreten. Mitten hinein in ihre wabbeligen Quallenbrüste.
- Schau mal, sie hat es echt nicht gewusst, Mira! rief Rosmarie. Regelrecht entzückt.
- Ja. Stimmt. Wie süß!
- Natürlich habe ich es gewusst, ich wusste nur nicht, dass man es »Regel« nennt. Wir zu Hause sagen »Tage« dazu.
- Okay, dann weißt du also auch, was man nimmt, damit nichts ausläuft.
- Ja, klar.
- Und? Was?
Ich schwieg und biss mir wieder von innen in die Backen. Es tat weh und lenkte mich ab. Mit der Zunge konnte ich den Abdruck meiner Zähne abtasten. Ich wollte nicht zugeben, wie wenig ich wusste, aber ich wollte auch nicht das Thema wechseln, weil ich unbedingt mehr herausbekommen musste.
Rosmarie schaute mich an, sie lag in der Mitte, ihre Augen glänzten silbrig wie die Haut der schmalen Fische im Kanal. Sie schien zu wissen, was in mir vorging.
- Ich sag’s dir: Tampons und Binden. Mira, erklär’ ihr, wie ein Tampon funktioniert.
Was Mira da sagte, verstörte mich: dicke, harte Wattestäbchen, die man sich unten reinschob, Fäden, die aus einem heraushingen, und immer wieder Blut, Blut, Blut. Mir wurde schlecht. Ich stand auf und sprang ins Wasser. Hinter mir hörte ich Rosmarie und Mira lachen. Als ich wieder aus dem Wasser kam, sprachen die beiden über ihr Gewicht.
- … und unsere kleine Iris hier hat auch einen ganz schön dicken Hintern.
Rosmarie schaute mich herausfordernd an. Mira prustete:
- Das kommt von den Schogetten eures Opas.
Es stimmte, ich war nicht dünn. Ich war nicht einmal schlank. Ich hatte einen dicken Po und dicke Beine, keinen Busen, aber einen runden Bauch. Ich war die Hässlichste von uns dreien. Rosmarie war die Geheimnisvolle, Mira die Verruchte, ich die Fette. Es stimmte auch, ich aß zu viel. Ich liebte es, zu lesen und dabei zu essen. Ein Brot nach dem anderen, einen Keks nach dem anderen, süß und salzig im stetigen Wechsel. Es war wunderschön: Liebesgeschichten mit Gouda-Käse, Abenteuerromane mit Nuss-Schokolade, Familientragödien mit Müsli, Märchen mit weichen Karamellbonbons, Rittersagen mit Prinzenrolle. In vielen Büchern wurde immer dann gegessen, wenn es gerade am schönsten war: Fleischbällchen und Grütze und Zimtwecken und einen Ring Fleischwurst von der besten. Manchmal, wenn ich auf Nahrungssuche durch unsere Küche streifte, biss sich meine Mutter auf die Unterlippe, nickte mir auf eine bestimmte Weise zu und sagte, dass es jetzt gut sei, dass es in einer Stunde Abendbrot gebe oder dass ich ein bisschen auf meine Linie achten könnte. Warum sagte sie immer, dass es gut sei, wenn es gerade nicht mehr gut war? Sie wusste, dass sie mich durch diese Sätze demütigte, dass ich beleidigt in mein Zimmer gehen und nicht zum Abendbrot kommen würde und dann später heimlich die Mandeln und die Backschokolade klauen und mit ins Bett nehmen würde. Und ich würde lesen und essen, und ich würde eine unglückliche, stumme Meerjungfrau oder ein kleiner Lord sein, würde auf einer einsamen Insel stranden, mit wildem Haar über ein Hochmoor rennen oder Drachen töten. Zusammen mit den Mandeln zermalmte ich meine Wut und meinen Ekel vor mir selbst und schluckte dann beides mit Backschokolade hinunter. Und solange ich las und aß, war es gut. Ich war alles, was man sein konnte, nur nicht ich selbst. Bloß durfte ich um keinen Preis aufhören zu lesen.
An jenem Tag an der Schleuse las ich nicht. Ich stand nass auf dem Steg und fror unter den Blicken der beiden Mädchen. Ich sah hinunter auf meine Füße, von oben betrachtet, ragten sie weiß und breit unter meinem Bauch hervor, und meine Gänsehaut war höher als meine Brustwarzen.
Rosmarie sprang auf.
- Kommt, wir hüpfen von der Brücke.
Mira erhob sich langsam und streckte sich. In ihrem Bikini sah sie aus wie eine schwarz-weiß gefleckte Katze.
- Muss das sein?
Sie gähnte.
- Ja, es muss sein, meine Süße. Komm auch mit, Iris.
Mira sträubte sich:
- Kinderchen, geht woanders spielen, aber lasst bitte die Erwachsenen sich ein bisschen ausruhen, ja?
Rosmarie schaute mich an, ihre wasserfarbenen Augen schillerten. Sie reichte mir die Hand. Dankbar ergriff ich sie, und wir rannten zusammen zur Brücke. Mira folgte langsam.
Die Brücke war höher, als wir dachten, aber nicht so hoch, dass man es nicht hätte wagen können. Im Hochsommer sprangen hier die größeren Jungen hinunter. Heute war niemand auf der Holzbrücke.
- Schau mal, Mira, da unten sitzt dein kleiner Bruder. Hey! Niete!
Rosmarie hatte recht. Da unten saß Max mit einem Freund auf einem Handtuch. Sie aßen Butterkekse und hatten uns noch nicht gesehen. Als Rosmarie rief, schauten sie hoch.
- Okay. Wer zuerst? fragte Rosmarie.
- Ich.
Ich hatte keine Angst vor dem Springen, ich konnte gut schwimmen. Und wenn ich schon hässlich war, so war ich wenigstens mutig.
- Nein, Mira springt zuerst.
- Wieso? Lass doch Iris, wenn sie will.
- Ich will aber, dass du springst, Mira.
- Ich will aber nicht springen.
- Na komm. Setz dich auf das Geländer.
- Das mache ich gern, aber das war’s dann auch.
- Schon klar.
Rosmarie schaute mich wieder an mit diesem Schillern im Blick. Ich wusste plötzlich, was sie wollte. Sie und Mira hatten mich gerade noch ausgelacht, und nun verbündete sich meine Kusine mit mir. Ich war immer noch verärgert wegen vorhin und fühlte mich doch geschmeichelt. Ich nickte Rosmarie zu. Sie nickte zurück. Mira saß auf dem Geländer, ihre Füße baumelten über dem Wasser.
- Bist du kitzlig, Mira?
- Bist du hier kitzlig?
Rosmarie piekste ein bisschen gegen ihren Rücken.
- Nein, lass das.
- Oder hier?
Rosmarie kitzelte sie halbherzig an der Schulter.
- Geh weg, Rosmarie.
Ich stellte mich daneben und rief:
- Oder hier?
Und dann kniff ich Mira kräftig in die Seite. Sie zuckte und schrie und verlor das Gleichgewicht und fiel von der Brücke.
Rosmarie und ich schauten uns nicht an. Wir beugten uns über das Geländer, um zu sehen, was Mira tun würde, wenn sie wieder auftauchte.
Wir warteten.
Nichts.
Sie tauchte nicht wieder auf.
Bevor ich sprang, sah ich noch, wie Max ins Wasser rannte, dass es nur so spritzte.
Als ich wieder auftauchte, zog Max seine Schwester schon Richtung Ufer. Sie hustete, aber sie schwamm.
Sie taumelte an Land und legte sich ins hohe Gras am Ufer. Max saß neben ihr. Sie sprachen nicht miteinander. Als ich aus dem Wasser stieg und Rosmarie von oben angerannt kam, sah er uns drei der Reihe nach an, spuckte ins Wasser, stand auf und ging weg. Schwang sich mit der nassen Badehose aufs Rad und fuhr davon.
Rosmarie und ich setzten uns neben Mira, die immer noch die Augen geschlossen hatte und schnell atmete.
- Ihr spinnt.
Sie stieß die Worte hervor.
- Es tut mir leid, Mira, ich …
Rosmarie schwieg, blickte auf Mira. Als Mira endlich die Augen aufmachte, um Rosmarie anzuschauen, legte diese den Kopf in den Nacken und lachte. Miras kleiner roter Mund verzog sich – war es vor Schmerz, aus Hass, oder musste sie auch weinen? Ihr Mund öffnete sich, es folgte ein kurzer röchelnder Laut, dann begann sie zu lachen, erst leise, dann laut, hilflos, schrill. Rosmarie ließ sie dabei nicht aus den Augen. Ich saß daneben und heulte.
- Max?
- Hm?
- Damals bei der Schleuse –
- Hm?
- Es tat mir so leid. Ich frage mich –
- Hm?
- Ich frage mich, ob das was mit Rosmaries Tod zu tun hatte.
- Keine Ahnung. Glaube ich aber nicht, das war ja nicht einmal im selben Sommer. Das war doch lange vorher. Wie kommst du jetzt da drauf?
- Ach. Keine Ahnung.
- Weißt du, vielleicht hatte alles was damit zu tun. Also, vielleicht hatte auch das etwas damit zu tun, das und das Wetter, und das, was hier auf dem Hühnerhaus steht, und ein paar Tausend andere Sachen auch noch. Verstehst du?
- Hm.
Ich strich mir die Haare aus der Stirn. Wir malten weiter. Es war immer noch warm. Übermalen brachte nicht viel, man konnte die rote Aufschrift nach wie vor gut lesen. Nazi. Hinnerk selbst hatte oft das Wort Sozi gebraucht. Die Sozis mochte er nicht, das war nicht zu überhören. Er schimpfte auf die Rechten, auf die Linken, auf alle Parteien und alle Politiker. Er verachtete das ganze korrupte Pack, was er allen, die es hören wollten, vor allem aber denen, die es nicht hören wollten, gern und oft mitteilte. Mein Vater zum Beispiel wollte es nicht hören, er war selbst Mitglied des Gemeinderates und setzte sich bei uns zu Hause sehr für Fahrradrampen an Bordsteinen, das nächtliche Abschalten von Ampeln auf menschenleeren Straßen und für Kreuzungen mit Kreisverkehr ein.
Die Gedichte, so erzählte es Harriet, hatte Hinnerk nach dem Krieg geschrieben, als er nicht mehr als Anwalt arbeiten durfte. Er war zur Entnazifizierung nach Süddeutschland geschickt worden. Mein Großvater war nicht nur einfaches Parteimitglied gewesen, ich konnte das Max gegenüber nicht offen zugeben. Von Harriet wusste ich, dass er zweiter Kreisrichter gewesen war. Er hatte Glück, dass er keine schlimmen Urteile unterschreiben musste. Meine Mutter, die ihn oft in Schutz nahm, hatte erzählt, dass er den Herrn Reimann, Hufschmied und bekennender Kommunist, freigesprochen habe. Bei Herrn Reimann hatte er als Schüler oft in der Werkstatt gesessen, der Anblick des glühenden Metalls ängstigte und begeisterte ihn zugleich. Er liebte das Zischen und Dampfen des Wassers. Die fertigen Hufeisen, die aus dem Wasser kamen, erschienen ihm jedoch wie Abfallprodukte. Sie waren hart und stumpf und braun und tot. Wohingegen sie vorher rot, ja magisch leuchteten, als hätten sie ein eigenes Leben. Hinnerk musste in der Schule zunächst Hochdeutsch lernen. Christa sagte, der Lehrer habe die Schulanfänger gefragt, was der Satz bedeute: »Quäle nie ein Tier im Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.« Da habe sich Hinnerk gemeldet und gesagt: »as wenn eck dat wer.« Hinnerk hatte Glück, seine Eltern gaben dem Drängen des Pastors nach und schickten ihn dann doch noch auf die Oberschule. Gleich danach brach der Krieg aus, Hinnerks Vater wurde eingezogen, aber Hinnerk blieb auf der Schule. Also, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn der Erste Weltkrieg ein halbes Jahr früher losgegangen wäre, hätte Hinnerk nie die Schule besucht, hätte er nie studiert, hätte er niemals Bertha heiraten können, hätte er niemals sie, Christa, bekommen, hätte es auch mich, Iris, nie gegeben. Mir wurde früh klar, dass Schule wichtig war. Lebenswichtig.
Als dann der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Hinnerk schon ein Familienvater, kein siegessüchtiger Heißsporn. Er wollte kein Soldat sein, wurde auch nicht eingezogen, sondern betreute ein Gefangenenlager in der Stadt und kam abends wie gewohnt zum Essen nach Hause. Hinnerk Lünschen war stolz auf sich. Nichts war ihm geschenkt worden, nichts in die Wiege gelegt. Kraft seines Willens, seines hellen Kopfes und seiner Selbstbeherrschung hatte er es zu etwas gebracht. Er war sportlich, er mochte sich in der Uniform gut leiden, schneidig sah er darin aus. Und er fand, die meisten Ideen der Nazis waren genau für Männer wie ihn gemacht. Nur das mit den Untermenschen brauchte er nicht. Übermensch zu sein reichte ihm völlig. Er verachtete Menschen, die andere kleinmachen mussten, damit sie groß sein konnten. Das hatte er, Doktor Hinnerk Lünschen, Notar, nicht nötig. Natürlich besorgte er seinem alten Mitschüler Johannes Weill die nötigen Papiere, damit er zu seinen Verwandten nach England ausreisen konnte. Das war doch Ehrensache. Er hatte nie darüber gesprochen, aber Johannes Weill hatte uns einen Brief geschrieben, als ihm über Umwege Hinnerks Todesanzeige nach Birmingham geschickt worden war. Das war ein halbes Jahr nach Großvaters Tod. Inga fotokopierte ihn und schickte ihn ihrer Schwester Christa. Der Brief war höflich und distanziert, freundschaftliche Gefühle hatte dieser Mann nicht für meinen Großvater übrig. Ich möchte nicht wissen, wie gönnerhaft Hinnerk sich ihm damals gegenüber verhalten hatte. Ich weiß auch nicht, ob mein Großvater ein Antisemit war, es gab jedenfalls kaum jemanden, mit dem er sich nicht irgendwann überworfen hätte. Aber der Brief sagte ganz klar, dass Hinnerk seinem Schulfreund geholfen hatte. Das war eine große Erleichterung für die ganze Familie.
Natürlich zerstritt er sich auch mit den Nazis, er verachtete die Dummen, und viele der Nazis waren viel dümmer als er. Dumm fand er auch, einen Krieg, in dem man offensichtlich keine Chance mehr hatte, weiterzuführen. Und das sagte er auch eines Abends, als er noch bei Tietjens für ein Bier eingekehrt war. In der Gastwirtschaft saß eine stille Frau. Wir haben nie herausgefunden, wer sie war. War sie die Frau eines Mannes, den Hinnerk verklagt oder verurteilt hatte? Hatte Hinnerk sie einst gedemütigt? Er war klug genug, um schnell die Schwächen der Leute zu erkennen, und geistreich genug, um sie scharfzüngig zu beschreiben, aber er war nicht weise genug, um der Versuchung zu widerstehen, dies auch zu tun. Frau Koop hatte einmal gesagt, Hinnerk habe eine Geliebte in der Stadt gehabt, eine dunkelhaarige schöne Frau. Sie selbst habe ein Foto von ihr gesehen, und zwar in Hinnerks Schreibtisch. Rosmarie und ich waren erstaunter darüber, dass Frau Koop einen Blick in Hinnerks Schreibtisch geworfen hatte, als über das Foto der geheimnisvollen dunkelhaarigen Frau. Inga behauptete, sie kenne das Foto. Es sei ein Abzug jener Fotografie gewesen, die von Berthas Schwester Anna gemacht worden sei. Jedenfalls sagte Hinnerk, er habe die stille Frau bei Tietjens nicht gekannt. Doch sie musste ihn gekannt oder sich zumindest nach ihm erkundigt haben. Denn sie denunzierte ihn. So wurde der Kreisrichter Dr. Hinnerk Lünschen zum Schrecken der ganzen Familie noch kurz vor Kriegsende mit fast vierzig Jahren Soldat. Hinnerk hasste Gewalt. Er hatte seinen gewalttätigen Vater gehasst und verachtet, und jetzt sollte er losgehen und Menschen erschießen und noch schlimmer, selber erschossen werden. Er schlief nicht mehr, saß nächtelang am offenen Fenster im Arbeitszimmer und blickte in die Dunkelheit. Die Linden auf dem Hof waren damals schon hoch. Es war Herbst, die Einfahrt war gepflastert mit den gelben, herzförmigen Blättern. Am Tag vor der Abreise trat Hinnerk aus der NSDAP aus. Und er bekam eine Lungenentzündung.
Im Zug hatte er hohes Fieber und war sehr schwach. Nach Russland konnte er in diesem Zustand nicht verfrachtet werden, also blieb er in einem Lazarett. Er bekam zwar kein Penizillin, wurde aber gesund. Daraufhin schickte man ihn im Januar 1945 an die Front nach Dänemark. Dort kam er in ein Gefangenenlager, nach Kriegsende in ein Internierungslager nach Süddeutschland. Das wusste ich von Christa, die Berthas Briefe an Hinnerk abgetippt und meinem Vater und mir vorgelesen hatte. Bertha schrieb von dem Schwein, das sie gekauft und bei Hinnerks Schwester Emma auf dem Hof untergebracht hatte. Und ausgerechnet ihr Schwein, ausgerechnet ihres von all den vielen Schweinen, die ihre Schwägerin hatte, war gestorben. So ein dummer Zufall. Nicht, dass Bertha ihr Schwein unter den anderen Schweinen hätte erkennen können, nein, aber sie musste Emma glauben. Was blieb ihr übrig. Davon schrieb sie Hinnerk. Und wie sie bei Schnee mit dem Fahrrad bei einem Mann war, dem Berthas Vater einmal einen Gefallen getan hatte. Bei ihm holte sie sich eine Axt, weil ihre zerbrochen war. Bertha schuftete und konnte ihre Familie am Leben halten. Sie hatten Ursel, die Kuh. Es kamen fremde Menschen ins Haus, Flüchtlinge aus Ostpreußen, die dort einquartiert wurden. Das war schwierig, schrieb Bertha, wenn man sich die Küche teilen musste. Nach dem Krieg wohnten auch englische Soldaten im Haus. Sie machten Feuer in der Küche, einfach so auf dem Fußboden. Sie waren schrecklich laut. Aber freundlich zu den Kindern. Bertha berichtete von den Flüchtlingsströmen, die die Hauptstraße hinunterkamen. Die Mädchen standen am Zaun und sahen, wie täglich Hunderte von Menschen mit Pferden und Taschen und Handwagen und Körben am Haus vorbeizogen. Das fanden sie sehr aufregend. Wochenlang luden sie alles, was sie im Haus finden konnten, in den Kinderwagen der zweijährigen Harriet, zogen sich über, was sie in den Schränken finden konnten, und humpelten im Gänsemarsch über den Hof. »Wir spielen Flüchtling«, erklärten sie ihrer Mutter und quartierten sich daraufhin zwangsweise im Hühnerhock ein. Davon schrieb Bertha ihrem Mann. Sie reiste quer durch Deutschland, um ihn zu besuchen. Ohne die Kinder.
Und dann kehrte er zurück. Er war nicht verstört, er war auch nicht böse oder krank. Er war nicht anders als vorher, nicht launischer, nicht milder. Hinnerk war einfach nur froh, wieder zu Hause zu sein. Er wollte, dass alles wieder so war wie früher, und riss sich zusammen. Nur seine jüngste Tochter Harriet, sie war noch ein Baby gewesen, als er fortging, die nannte er von da an Fjodor. Warum, wusste niemand. Wer war Fjodor? Christa und Inga malten sich aus, dass Fjodor ein kleiner russischer Junge gewesen sein musste mit schrägen hellblauen Augen und struppigen dunklen Haaren. Er rettete meinem Großvater das Leben, weil er ihn in seinem Baumhaus versteckt gehalten und mit Brotrinden am Leben erhalten hatte. Aber er war doch überhaupt nicht bis nach Russland gekommen.
Nach Hinnerks Heimkehr trat Bertha, ohne zu murren, in die zweite Reihe zurück. Sie zeigte ihm das Haushaltsbuch, das er prüfte. Sie überließ ihm die Entscheidung, ob Ursel behalten oder verkauft werden sollte. Er wollte sie behalten, sie blieb, obwohl sie kaum noch Milch gab. Es lebten immer noch fremde Menschen im oberen Stockwerk des Hauses. Das missfiel Hinnerk. Er schimpfte auf das feine ältere Ehepaar, auch wenn sie es hören konnten. Es wurde auf einmal alles zu eng, und Bertha, die sich bisher wunderbar die Küche mit diesem Ehepaar geteilt hatte, musste nun Pläne erstellen, wer wann wo sein durfte. Sie schämte sich, aber sie tat es.
Hinnerk, obgleich aus der Partei ausgetreten, war zweiter Kreisrichter gewesen. Er hatte einen höheren Posten im Naziregime eingenommen und verlor damit seine Zulassung als Rechtsanwalt. Bald wurde er von den Amerikanern in das Entnazifizierungslager geschickt. Meine Mutter erzählte mir, dass sie und ihre Schwestern sich alle paar Monate fein anziehen mussten. Dann fuhren sie mit der Eisenbahn nach Darmstadt, um ihren Vater zu besuchen. Als Inga, sie war acht, ihn fragte, was er hier denn so mache den ganzen Tag, schaute er sie nur an und sagte nichts.
Auf der Rückfahrt von diesen Besuchen erklärte Bertha ihren Töchtern, dass ihr Vater dort von den Engländern und Amerikanern noch geprüft werde, damit er bald wieder arbeiten könne. Meine Mutter gestand mir, sie habe sich jahrelang immer eine Art Juraexamen vorgestellt, nur auf Englisch.
Dann kam er zurück, erhielt seine Anwaltszulassung zurück und verlor nie wieder ein Wort über diese anderthalb Jahre. Und auch nicht über die Jahre davor.
Inga erzählte, dass Hinnerk in seinem Testament verfügt hatte, dass seine Tagebücher nach seinem Tode verbrannt werden sollten. Und das hätten sie auch getan.
- Und du hast nicht vorher reingeschaut? fragte Rosmarie ungläubig.
- Nein, sagte Inga und sah Rosmarie an.
Hinnerk mochte Feuer. Ich sah ihn oft tagelang Feuer im Garten machen, er stand da und stocherte mit einer Mistgabel in der Glut. Wenn Rosmarie, Mira und ich dazukamen, dann sagte er:
- Wisst ihr, es gibt drei Dinge, auf die man unentwegt gucken kann, ohne ihrer überdrüssig zu werden. Das eine ist Wasser. Das andere ist Feuer. Und das Dritte ist das Unglück anderer Leute.
Die Brandflecken auf dem Küchenboden, wo die englischen Soldaten ihr Feuer gemacht hatten, sah man immer noch. Aber die rote Schrift auf dem Hühnerhaus war inzwischen unter der weißen Farbe verschwunden. Nun, beinahe. Wenn man wusste, dass sie dort war, dann sah man sie auch. Doch ich fand, man könne es so lassen. Ich ging um die Ecke, um nach Max zu sehen. Er hatte die große Malerrolle zur Seite gelegt und malte inzwischen mit dem Pinsel.
- Na, wie weit bist du?
Max blickte nicht auf, sondern pinselte konzentriert weiter.
- Hallo, Max! Ich bin es. Geht es dir gut? Hast du einen Streichzwang? Einen Krampf? Muss ich dir helfen?
Max pinselte wild in der Mitte der Wand herum.
- Nein, alles in Ordnung.
Ich kam näher, da stellte er sich mir in den Weg und sagte:
- Äh, bist du schon fertig mit deiner Wand? Lass mal sehen. Kann man das N-Wort noch lesen?
Mit seinem Körper schob er mich dabei wieder auf meine Seite, betrachtete sie und sagte dann:
- Ist doch ganz gut geworden.
- Man sieht es noch.
- Ja, aber nur, wenn man möchte.
Ich starrte auf die weiße Wand.
- Herrje: Ist diese Hühnerhauswand jetzt etwa ein Sinnbild oder sowas?
Aber Max hörte nicht zu. Er war schon wieder hinter dem Haus verschwunden. Es war dämmrig geworden. Die gestrichene Wand leuchtete weiß. Warum benahm er sich so komisch? Ich stellte mich neben ihn, er schaute immer noch nicht auf. Ich sah, dass er die Wand nicht gleichmäßig von einer Seite zur anderen anstrich, sondern in der Mitte begonnen hatte. Nein, er malte etwas über. Für einen Moment dachte ich, da wäre noch eine rote Aufschrift gewesen, die ich übersehen hatte und die er mir vorenthalten wollte. Vielleicht um mich zu schonen. Aber dann sah ich, dass er etwas wegmachte, das er selbst hingeschrieben hatte. Meinen Namen. Ungefähr ein Dutzend Mal.
- Iris, ich …
- Mir gefällt die Wand.
Wir standen beide vor der Wand und schauten sie eine längere Zeit an.
- Komm, wir hören auf, Max. Es ist zu dunkel zum Streichen.
- Geh du rein. Ich mach das noch eben fertig.
- Sei nicht albern.
- Nein wirklich, es macht mir Spaß. Außerdem war es meine Idee, heute Abend noch anzufangen.
Bitte sehr. Ich drehte mich um und begann, meine Malsachen wegzuräumen.
- Lass alles liegen. Ich mach das schon. Wirklich.
Ich zuckte die Schultern und ging langsam durch den Garten zur Haustür. Als ich an den Rosen vorbeikam, stellte ich fest, dass sie abends schwermütiger dufteten als tagsüber.
Ich trank noch einen großen Becher Milch und nahm Hinnerks Gedichtbuch mit ins Bett. Es war in Sütterlin, aber wozu war man schließlich Bibliothekarin? Trotzdem musste ich mich erst an seine Handschrift gewöhnen. Das erste Gedicht war ein Achtzeiler über dicke und dünne Frauensleute. Dann kam ein längeres über Bauern, die gerissene Anwälte mit gespielter Tölpelhaftigkeit bloßstellten. Es gab ein gereimtes Rezept zur Vorbeugung gegen Seuchen, das begann mit:
»Heidecker, Pestwurz, Ehrenpreis,
Engelwurz und Lungenkraut,
Wacholder, Enzian blau, nicht weiß,
Osterluze unzerkaut …«
Ich las Gedichte über Irrlichter im Moor, über einen alten, längst versandeten Hafen an der Geeste, an dem bei Vollmond im September ein leerer Nachen anlegte. Und immer wenn er ablegte, fehlte am nächsten Tag ein Kind aus dem Dorf. Hinnerk schrieb über das satte Geräusch, wenn vier Männer auf den Feldern die Flegel schwangen und droschen. Es gab ein Gedicht über die Auswanderer nach Amerika. Ein anderes hieß »Der 24. August« und handelte vom Abreisetag der Störche. Wieder eines ging über die Eisernte am Weiher außerhalb des Dorfes. Ich las ein etwas zotiges Gedicht über den Gemeindebullen, der eine Kuh lädierte, die dann notgeschlachtet werden musste. Über das Tanzvergüngen bei Tietjens auf der Diele. Und am Ende kamen noch zwei unheimliche Gedichte, das eine hieß »De Twölften«. Es handelte von den sechs letzten Nächten des alten und sechs ersten Nächten des neuen Jahres. Wer in dieser Zeit Wäsche aufhing, würde Leichentücher brauchen. Wer ein Rad drehte, auch an einem Spinnrad, für den würde der Totenwagen vorfahren. Denn der Hirskejäger stürmte während dieser Zeit durch die Luft. Das letzte Gedicht des grauen Buchs ging über den Großbrand in Bootshaven im Jahr von Hinnerks Geburt. Die Menschen schrien darin wie Vieh und das Vieh wie Menschen, während das halbe Dorf verbrannte.
Ich knipste die Nachttischlampe aus und starrte in die Schwärze des Zimmers. Nachdem sich meine Augen daran gewöhnt hatten, erkannten sie Schatten und Umrisse. In Hinnerks grauem Buch war kein einziges Gedicht über den Krieg. Und auch keines, das darauf schließen ließ, dass die Verse in einem Lager geschrieben worden waren. In einem Lager, das eigens dazu diente, den Insassen ihre eigenen und andere grauenvolle Taten der vergangenen Jahre ins Gedächtnis zu rufen. Ich dachte an die Gedichte, die von Hinnerks Dorf handelten und getränkt waren von Liebe zu den Orten seiner Kindheit. Seine Kindheit, die er so gehasst hatte.
Und ich stellte fest, dass nicht nur das Vergessen eine Form des Erinnerns war, sondern auch das Erinnern eine Form des Vergessens.