Carsten Lexow kam als junger Lehrer nach Bootshaven. Er war erst zwanzig Jahre alt und stammte aus Geeste, einem Dorf in der Nähe von Bremen. Die Schule in Bootshaven bestand aus einem großen Klassenzimmer, in dem alle schulpflichtigen Kinder zusammengefasst waren. Ein einziger Lehrer unterrichtete alles und alle zugleich. Nur einmal im Jahr, und zwar eine Woche nach Ende der Sommerferien, erschien der Pastor und begrüßte die neuen Konfirmanden.
Carstens Vater war Kurzwarenhändler gewesen und vier Jahre vor Carstens Umzug nach Bootshaven an einer Kriegsverletzung gestorben. Fast acht Jahre lang war eine französische Gewehrkugel in seinem Körper umhergewandert, bis sie schließlich eines Tages in der Lunge ihre Wanderschaft beendete und damit auch das Leben des Kurzwarenhändlers Carsten Lexow senior. Carstens Vater war ein schweigsamer Mann, der viel Zeit in seinem Laden verbrachte und seiner Familie immer ein Fremder geblieben war. Carstens Mutter schob dies auf die wandernde Kugel, die ihn nicht richtig heimkehren ließ, aber vielleicht war es auch einfach seine Art. Vieles an ihm war kurz, nicht nur die Waren, die er verkaufte, auch seine Beine, seine Nase, seine Haare ebenso wie seine Sätze und sein Geduldsfaden. Lang war nur der Weg, den die Gewehrkugel in seinem gedrungenen Körper zurücklegte, aber als sie schließlich ihr Ziel erreicht hatte, war sein Sterben – genau wie sein Leben – kurz.
Die Witwe Lexow führte das Kurzwarengeschäft allein weiter, Carsten half manchmal bei den Büchern. Er hatte keine Geschwister, aber ein jüngerer Bruder der Witwe Lexow, höherer Beamter bei der Post und Junggeselle, erklärte sich bereit, seiner Schwester und seinem Neffen ein wenig unter die Arme zu greifen. Da Carsten keine besondere Neigung zum Verkauf von Nähgarn und Hutgummi zeigte, willigte die Witwe ein, ihren Sohn für eine Lehrerausbildung nach Bremen zu schicken. Dort blieb Carsten zwei Jahre, bis er die Stelle als Dorfschullehrer in Bootshaven bekam, ohne sich je dafür beworben zu haben.
Der alte Lehrer war an einem Schlaganfall gestorben, mitten im Unterricht, aber da er die Gewohnheit hatte, während der Stunde einzunicken, beachtete keines der Kinder die in sich zusammengesunkene Gestalt. Wie immer, wenn er einschlief, verließen die vierzehn Schüler nach dem Mittagsgeläut leise kichernd den Raum. Auch dieses Mal vergaßen sie den Lehrer, bis sie ihn am nächsten Morgen am Pult in genau derselben Stellung weiter schlafen sahen. Dass Schule und Klassenzimmer nicht abgeschlossen gewesen waren, wunderte niemanden, der alte Lehrer war immer schon zerstreut gewesen. Doch schließlich fasste sich der älteste Schüler, es war Nikolaus Koop, ein Herz und sprach den kleinen blassen Mann an, dessen Kopf so weit auf die Brust gesackt war, dass nur die Stirn zu sehen war. Als er nicht antwortete, trat Nikolaus einen Schritt näher und sah seinen Lehrer genau an. Die Koops waren Bauern wie fast alle Dorfbewohner. Nikolaus Koop hatte schon oft beim Schlachten geholfen und einmal eine Kuh beim Gebären sterben sehen. Er zwinkerte ein paarmal, drehte sich zu den anderen Kindern und sagte mit ruhiger Stimme und längeren Pausen zwischen den Wörtern, heute sei wohl keine Schule, alle sollten nach Hause gehen. Obwohl Nikolaus ein zurückhaltender Junge war, der beim Völkerball oft schon als Erster abgeschossen wurde, und obwohl er zwar der Älteste in der Klasse, nicht aber ihr Anführer war, gingen alle Schüler gehorsam hinaus. Auch Anna Deelwater und ihre jüngere Schwester Bertha verließen mit den anderen Kindern das Schulhaus, ihr Hof lag neben dem Koop’schen, und die drei gingen den Schulweg sonst zusammen. Doch an diesem Tag liefen sie zu zweit nach Hause, schweigend, die Köpfe gesenkt. Nikolaus Koop klingelte im Pfarrhaus, das neben der Schule lag, und sagte dem Pastor Bescheid. Der saß am Schreibtisch und blätterte in der Zeitung. Der Pastor schrieb noch am gleichen Tag seinem Freund, dem Pastor von Geeste, und drei Tage später kam Carsten Lexow als Dorfschullehrer nach Bootshaven, gerade rechtzeitig zur Beerdigung seines Vorgängers, was ein Segen für alle war. Die Leute im Dorf waren erfreut, den neuen Lehrer sofort in Augenschein nehmen zu können. Und Carsten Lexow pries sich glücklich, dass er seinen schwarzen Anzug anhatte, der für die Beerdigung seines Vaters angefertigt worden war. Außerdem war es eine gute Gelegenheit, sich gleich allen vorzustellen, bevor sie sich noch Geschichten über ihn ausdachten. Geschichten dachte man sich natürlich trotzdem aus, denn Carsten Lexow war groß und schlank und hatte dunkles Haar, das er nur mit Mühe und einem streng gezogenen Scheitel auf der Seite halten konnte. Seine Augen waren blau, aber Anna Deelwater entdeckte eines Tages, als er von ihrem Schreibheft aufschaute, über das er sich während des Unterrichts gebeugt hatte, dass goldene Ringe seine Pupillen einfassten, und sie sollte von diesem Augenblick an bis zu ihrem Lebensende, das ja nicht mehr weit war, an diese Ringe gekettet bleiben.
Von Anna Deelwater, der ältesten Tochter von Käthe, eigentlich Katharina, und Carl Deelwater, gab es nur eine einzige Fotografie, davon aber mehrere Abzüge. Meine Mutter besaß einen, bei Tante Inga hing einer, Rosmarie hatte einen mit Tesafilm in ihren Kleiderschrank geklebt. Tante Anna, so nannten meine Tanten und meine Mutter sie, wenn sie von ihr sprachen, Tante Anna war dunkel wie ihr Vater. Auf dem Foto sah es aus, als habe sie auch dunkle Augen gehabt, Tante Inga meinte jedoch, das liege an der falschen Belichtung. Wir konnten mit Sicherheit sagen, dass sie langgezogene graue Augen und breite Augenbrauen hatte, die einen Bogen und keinen Balken bildeten. Annas Brauen beherrschten ihr Gesicht und gaben ihm etwas Verschlossenes und zugleich Wildes. Sie war kleiner als ihre Schwester, dafür aber nicht so dünn. Bertha, hochbeinig, hell und fröhlich, schien zwar vom Aussehen und Wesen her das Gegenteil ihrer Schwester, doch beide waren sie zurückhaltend, fast scheu, und ganz und gar unzertrennlich. Sie tuschelten und kicherten durchaus so viel wie die anderen Mädchen ihres Alters, aber eben immer nur miteinander. Manche hielten sie für dünkelhaft, denn Carl Deelwater besaß am meisten Weideland und den größten Hof in Bootshaven. Außerdem hatte er für sich und seine Familie eine eigene Kirchenbank in der ersten Reihe gekauft, in die sein Nachname eingeschnitzt war. Nicht dass er besonders fromm gewesen wäre. Selten genug ging er in die Kirche, aber wenn er es tat, an den hohen Feiertagen wie Ostern, Weihnachten und Erntedank, dann saß er vorne in seiner eigenen Bank mit seiner Frau und den Töchtern und ließ sich von der kleinen Gemeinde begaffen. An den vielen Sonntagen im Jahr, an denen er nicht in die Kirche ging, blieb die Bank leer und wurde ebenfalls begafft. Anna und Bertha waren stolz auf ihren schönen Hof und auf ihren wunderbaren Papa, der sich zwar um die Hoferbschaft sorgte, dies aber nie ihnen beiden oder seiner Frau zum Vorwurf machte, sondern seine »drei Deerns« möglichst zu verwöhnen trachtete.
Beide Töchter mussten auf dem Hof mit anpacken, sie gingen ihrer Mutter im Haus zur Hand und halfen dem Mädchen Agnes in der Küche, das jeden Tag kam und überhaupt kein Mädchen war, sondern eine gestandene Frau mit drei erwachsenen Söhnen. Sie kochten Saft mit Agnes und rupften Hühner. Aber am liebsten und am meisten arbeiteten sie draußen im Garten.
Ab Ende August waren sie nur noch in den Apfelbäumen.
Die hellen Glockenäpfel kamen zuerst, sie schmeckten nach Zitrone, und wenn sie erst einmal angebissen waren, konnten sie gar nicht so schnell gegessen werden, wie sie innen schon wieder braun wurden. Die wurden nicht verkocht, ihr Aroma verflog wie der Augustwind, unter dem sie gereift waren. Dann kamen langsam die Cox-Orange-Bäume, zuerst der große, der so nah am Haus stand und von den roten Klinkersteinen, die tagsüber die Hitze gespeichert hatten, bestrahlt wurde, sodass seine Früchte immer größer und süßer und früher reif waren als die der anderen Apfelbäume. Ab Oktober waren sie dann alle so weit. Anna und Bertha bewegten sich fast so behände in den Bäumen wie auf dem Boden. Ein Pferdeknecht hatte ihnen vor Jahren ein paar Bretter auf einen besonders ausladenden Boskopbaum genagelt, damit sie ihre Körbe darauf abstellen konnten. Aber die Mädchen saßen dort lieber selbst. Dann lasen sie sich Bücher vor, tranken Saft und aßen Äpfel und Butterkuchen, den Agnes ihnen immer dann herausbrachte, wenn einer ihrer Söhne vorbeigekommen war und selbst auch ein großes Stück Butterkuchen von ihr bekommen hatte. So konnte sie wenigstens sagen, Bertha und Anna hätten davon gegessen, falls vielleicht mal jemand fragte, warum von den beiden Blechen Butterkuchen nur noch eines da war. Aber es fragte nie jemand.
Natürlich erzählte Herr Lexow mir nicht von Agnes’ Butterkuchen. Ich glaubte nicht einmal, dass er wusste, dass es Agnes gegeben hatte. Ich saß am Küchentisch in Berthas Haus und sah meine Großmutter als Kind und meine Großtante Anna, die nie anders dreinblickte als auf dieser Fotografie. Ich erinnerte mich bei einem Becher lauwarmer H-Milch an Dinge, die Bertha meiner Mutter und diese mir erzählt hatte, die Tante Harriet Rosmarie und Rosmarie Mira und mir erzählt hatte, an Dinge, die wir uns ausgedacht oder zumindest ausgemalt hatten. Einige Male hatte auch Frau Koop uns erzählt, wie ihr Mann als Kind den Lehrer tot in der Klasse gefunden hatte. Aus dem Nachbarsjungen Nikolaus Koop war ein gutmütiger, fleißiger Bauer geworden, der außer dem grauen Star auch große Angst vor seiner Frau hatte. Seine Augen hinter dicken Brillengläsern begannen aufgeregt zu zwinkern, sobald er nur ihre Stimme hörte. Seine Lider flatterten wie die Flügel jenes Bluthänflings, der einmal aus Versehen durchs offene Wohnzimmerfenster des Deelwater’schen Hauses geflogen war und nicht mehr hinausfand. Tante Harriet war aufgesprungen und hatte uns befohlen, alle Fenster zu öffnen, damit er sich nicht an der Glasscheibe das Genick breche. Der Vogel flog davon, zwei rote Federn blieben auf der Fensterbank zurück.
Nikolaus Koop zwinkerte oft, und wir hatten zudem beobachtet, dass er jedes Mal, wenn er seine Frau ansah, die Brille auf die Stirn zu schieben pflegte. Mira glaubte, er versuche durch selbst auferlegte Blindheit seiner Frau zu entkommen, eine Art Fluchtweg, wie ein offenes Fenster eben. Doch Rosmarie behauptete, er fürchte, anders als jener Vogel, nicht sich selbst, sondern Frau Koop das Genick zu brechen. Was wir damals nicht wissen konnten, war, dass es Rosmarie war, die sich das Genick brechen sollte, und zwar beim Flug durch eine Glasscheibe.
Manches von dem, was Herr Lexow mir zu erklären versuchte, reimte ich mir selbst zusammen, wenn ich in seine blauen Augen schaute und die inzwischen nicht mehr goldenen, sondern eher ockerfarbenen Ringe um seine Pupillen entdeckte. Das Weiße drum herum war schon ein wenig gelbstichig. Er musste weit über achtzig sein. Und wer war er jetzt überhaupt? Mein Großonkel? Nein, als Vater meiner Tante war er mein Großvater. Aber das war er ja nicht, das war Hinnerk Lünschen. Er war eben »ein Freund der Familie«, ein Zeuge. Vor ein paar Jahren, als meine Großmutter schon nicht mehr wusste, dass es mich gab, ging meine Mutter für zwei Wochen zu ihr. Es war einer ihrer letzten Besuche, bevor Bertha ins Heim kam. An einem wärmeren Nachmittag saßen beide hinterm Haus auf der Obstbaumwiese. Bertha schaute Christa plötzlich so wach und eindringlich an, wie sie es schon seit langem nicht mehr getan hatte, und teilte ihr mit fester Stimme mit, Anna habe Boskop geliebt, sie selbst aber Cox Orange. Als sei dies das letzte Geheimnis gewesen, das sie noch preiszugeben hatte.
Anna liebte Boskop, Bertha Cox Orange. Im Herbst duftete das Haar der Schwestern nach Äpfeln, ihre Kleider und Hände sowieso. Sie kochten Apfelmus und Apfelmost und Apfelgelee mit Karneel, und meistens hatten sie Äpfel in der Schürzentasche und angebissene Äpfel in der Hand. Bertha aß erst schnell einen breiten Ring um den Bauch des Apfels herum, dann vorsichtig unten um die Blüte, dann oben um den Stiel, das Kerngehäuse warf sie in hohem Bogen fort. Anna aß langsam und genussvoll, von unten nach oben – alles. Auf den Kernen kaute sie noch Stunden herum. Als Bertha ihr vorhielt, dass die Kerne innen giftig seien, erwiderte Anna, sie schmeckten aber nach Marzipan. Nur den Stiel spuckte sie aus. Das hatte mir Bertha erzählt, als sie einmal feststellte, dass ich die Äpfel so aß wie sie selbst. Die meisten Menschen aßen doch so ihre Äpfel.
Im Sommer gab Carsten Lexow den Schülern einen Tag hitzefrei, zur Beerenlese, wie er es nannte. Bertha lachte und sagte, diese Lesestunde sei ihr die liebste. Carsten Lexow bemerkte die kleinen weißen Zähne seiner Schülerin und die fahrige Leichtigkeit ihrer großen Hand, mit der sie sich die Haare im Nacken zurück in die Zöpfe zu streichen versuchte. Da ihr Lehrer sie immer noch anschaute und weil sie ihn vielleicht mit ihrer vorwitzigen Bemerkung verärgert hatte, errötete sie, wandte sich ab und stakste davon. Herr Lexow starrte Bertha mit klopfendem Herzen nach und sagte nichts. Anna sah alles, erkannte den Blick, mit dem Lexow ihrer Schwester folgte, erkannte ihn so, wie man das eigene Gesicht im Spiegel erkannte, und eilte ihrerseits mit tiefroten Wangen und gesenktem Kopf der Schwester nach.
Anna liebte Lexow, Lexow liebte Bertha, und Bertha? Sie liebte tatsächlich Heinrich Lünschen, Hinnerk, wie ihn alle nannten. Er war der Sohn des Wirts aus dem Dorfkrug, ein Niemand ohne Land. Nur zwei kleine Weiden am äußeren Dorfrand besaß die Familie, und die waren an einen noch ärmeren Schlucker verpachtet. Hinnerk hasste die Wirtschaft seiner Eltern. Hasste den Geruch von Küche und abgestandenem Bier am Morgen in der Schankstube. Hasste die leidenschaftlichen und lauten Streitereien seiner Eltern, hasste ihre ebenso leidenschaftlichen und lauten Versöhnungen. Einer seiner kleinen Brüder, er selbst war der Älteste, sagte einmal, während sie beide in der dunklen Küche einer besonders heftigen Auseinandersetzung lauschen mussten, dass sie wohl bald wieder ein Brüderchen kriegen würden. Hinnerk fuhr hoch, er hasste die vielen Schwangerschaften seiner Mutter.
- Woher weißt du das?
- Na, immer wenn sie sich gezankt haben, kriegen wir bald wieder ein Brüderchen.
Hinnerk lachte kalt. Er musste hier raus. Er hasste es.
Herrn Deelwater war er aufgefallen, weil der Pastor und der alte Lehrer seinen Verstand über alle Maßen gelobt hatten. Hinnerk war klüger als alle im Dorf, das wusste er selbst sehr gut, und ein paar andere, die auch nicht dumm waren, merkten es ebenfalls. Hinnerk war öfter bei den Deelwaters. Während der Erntezeiten half er dort aus und bekam etwas Geld. Noch mehr Geld jedoch bekam er vom Pastor, was Hinnerk, der sehr stolz war, jedoch nur dazu bewog, irgendwann auch diesen zu hassen und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, nämlich der Beerdigung seiner Mutter, aus der Kirche auszutreten. Die Kosten für die Predigt könne man sich sparen, jede andere tue es doch genauso gut, sie hörten sich doch immer gleich an, nur setze der Pastor den jeweiligen Namen ein, aber das sei ja auch schon eine stramme Leistung. Der Pastor, der viel Geld in Hinnerks Studium gesteckt hatte, dessen, zugegeben nicht besonders weitläufige, Bibliothek Hinnerk immer zur Verfügung gestanden hatte, war tief gekränkt, nicht allein wegen Hinnerks Respektlosigkeit und Undankbarkeit, sondern auch deshalb, weil Hinnerk der Wahrheit allzu nahe gekommen war. Doch beide juristischen Examen waren schon mit Bravour bestanden, und der junge Anwalt, frisch verlobt mit der Deelwater-Tochter, war finanziell nicht mehr vom Pastor abhängig. Der Pastor wusste das, und er wusste auch, dass Hinnerk wusste, dass er es wusste, und das ärgerte ihn am allermeisten.
Ich erinnerte mich an Hinnerk Lünschen als einen liebevollen Großvater, der die Gabe hatte, überall, wo er sich hinlegte, einschlafen zu können, und von dieser Gabe auch weidlich Gebrauch machte. Gewiss, seine Launen waren unberechenbar. Aber er war nicht mehr hasserfüllt, sondern ein stolzer Notar, stolzer Kanzleiinhaber, stolzer Ehemann einer schönen Frau und damit stolzer Besitzer eines stolzen Anwesens, stolzer Vater dreier schöner Töchter und noch schönerer Enkelinnen, wie er Rosmarie und mir immer wieder versicherte, wobei er uns stolze Portionen Fürst-Pückler-Eiscreme auf die Kristallteller schaufelte. Alles hatte sich umgekehrt, jetzt wurde er, Hinnerk, von vielen gehasst, hasste aber selbst nicht mehr, schließlich hatte er alles erreicht, was er wollte. Er war immer noch der klügste Mann im Dorf, und jetzt wussten es alle.
Sogar ein Familienwappen hatte er sich malen lassen, um seine niedere Herkunft vergessen zu machen, was natürlich Unsinn war, denn schließlich kamen die Leute zu ihm, weil er mit ihnen Plattdeutsch sprach, und nicht wegen seines hohen Stammbaums. Also blieb das gerahmte Bild des Wappens in der Rumpelkammer, der früheren Mädchenkammer, wo es auch jetzt noch hing. Doch erinnerte ich mich auch, dass beim Anblick des Wappens immer ein hintergründiges Lächeln um seine scharf geschnittenen Lippen zuckte: Genugtuung oder Selbstironie? Das wusste er wohl selbst nicht genau.
Bertha liebte Hinnerk. Sie liebte seine düstere Aura, sein Schweigen und seinen beißenden Spott gegenüber anderen. Immer jedoch, wenn er Anna und sie traf, hellte sich sein Gesicht auf, dann lächelte er höflich und scherzte, und er konnte aus dem Stegreif ein Sonett auf den Apfelrest dichten, den Anna gerade in den Mund stecken wollte, eine feierliche Ode auf Berthas linken Zopf singen oder im Hof auf den Händen laufen, sodass die Hühner bestürzt gackernd davonstoben. Die beiden Mädchen lachten laut, Bertha zupfte sich verlegen an der Schleife des linken Zopfes, und Anna warf mit gespieltem Gleichmut und verstecktem Lächeln ihren Apfelrest in den Flieder und verzichtete dieses Mal darauf, ihn ganz zu verspeisen.
Nun wollte Hinnerk aber zunächst Anna. Natürlich wusste er, dass sie die älteste Tochter von Carl Deelwater war, wäre sie es nicht gewesen, hätte er sie wohl nicht gewollt, jedenfalls nicht so. Doch es war nicht ihr Erbe, das ihn lockte. Jedenfalls nicht nur. Vielmehr bewunderte er ihren Status, ihre ruhige Selbstsicherheit, die ihm so völlig abging. Natürlich sah er auch ihre Schönheit, ihren Körper mit den vollen Brüsten und Hüften und ihren biegsamen Rücken. Die herzliche Gleichgültigkeit, die Anna ihm entgegenbrachte, reizte ihn, doch achtete er stets darauf, beiden Mädchen gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken. Aus Berechnung oder Respekt? Aus Zuneigung für Bertha oder aus Mitleid mit der jüngeren Tochter, über deren Gefühle er sich im Klaren sein musste?
Meine Großmutter hatte gewusst, dass sie Hinnerks zweite Wahl gewesen war. Sie hatte es Rosmarie und mir einmal gesagt, ohne Bitterkeit, nicht einmal mit Bedauern, sehr sachlich, als habe es so sein müssen. Wir hörten das nicht gern, fast waren wir böse auf Bertha, so durfte Liebe nicht sein, fanden wir. Und ohne dass wir dies je abgesprochen hätten, erzählten wir es nie Mira.
Jetzt, da Inga nicht mehr Hinnerks Tochter war, konnte ich mir Berthas fehlende Bitterkeit gegenüber Hinnerk besser erklären, vielleicht auch ihre Ergebenheit. Zudem kam es bei ihr eben immer, wie es kam, wohin die Äpfel fielen, da lagen sie, und meistens fielen sie ja, wie sie selbst gern sagte, auch nicht weit vom Stamm. Nachdem Bertha schließlich mit dreiundsechzig Jahren vom Apfelbaum gefallen war und sich daraufhin eine Erinnerung nach der anderen von ihr löste und abfiel, fügte sie sich dieser Auflösung kampflos und traurig. Schon immer begannen die Bewegungen des Schicksals – auch die unserer Familie – zunächst mit einem Sturz. Und mit einem Apfel.
Herr Lexow sprach ruhig und schaute in seinen Becher. Es war inzwischen dämmrig geworden, und wir hatten die Lampe mit dem Strohschirm angeknipst, die über dem Küchentisch hing. Eines Nachts, sagte Herr Lexow und seufzte in seine Milch, es sei den ganzen Tag über sehr warm und drückend gewesen, habe er einen Spaziergang gemacht, der ihn nicht ganz zufällig am Haus der Deelwaters vorbeigeführt habe.
Das Haus lag im Dunkeln. Er trat langsam in die Einfahrt und ging geradeaus am Haus und der Scheune entlang zur Obstbaumwiese. Es war ihm plötzlich peinlich, hier herumzuschleichen, und so nahm er sich vor, einfach bis nach hinten durchzugehen und dort über den Zaun zur angrenzenden Weide zu klettern, um dann quer über die Weide zurück auf den Schleusenweg zu gelangen. Als er unter den dichtbelaubten Apfelbäumen war, schrie er auf. Etwas Hartes hatte ihn über dem linken Auge getroffen. Kein Stein, so hart war es nicht gewesen, aber nass, und beim Aufprall an seiner Schläfe war es zerborsten.
Ein Apfel.
Vielmehr der Rest eines Apfels. Blüte und der untere Teil des Fruchtfleisches fehlten, die obere Hälfte mit Stiel lag in zwei Teilen vor seinem Schuh. Lexow blieb stehen, sein Atem kam schnell und stoßweise. Im Baum raschelte es. Er schaute angestrengt durch die Blätter nach oben, doch es war zu dunkel. Carsten hatte die Ahnung von etwas Großem, Weißem, das dort oben zu schimmern schien. Es raschelte wieder, und die Äste des Baums zitterten heftig. Als das Mädchen mit einem Plumps vom Baum sprang, konnte Carsten sein Gesicht nicht erkennen, so dicht stand es vor ihm. Das Gesicht kam noch näher und küsste Carsten auf den Mund. Carsten schloss die Augen, der Mund war warm und schmeckte nach Apfel. Nach Boskop. Und nach Bittermandel. Er sollte den Geschmack nie wieder vergessen. Noch bevor er etwas sagen konnte, küsste der Mund des Mädchens Carstens Mund noch einmal, und so küsste er ihn zurück, und beide sanken in das Gras unter dem Apfelbaum und zogen sich atemlos und mit ungeschickten Fingern die Kleider vom Leib. Carstens Baumnymphe trug nur ein Nachthemd, also war es nicht allzu schwierig, sie davon zu befreien, doch wenn zwei Menschen versuchten, sich auszuziehen, den anderen auszuziehen, ihn dabei aber auch küssen und zu keinem Augenblick aus den Armen lassen wollten, dann war es nicht so leicht, zumal beide nicht geübt waren in dem, was sie taten. Aber sie taten es und taten noch viel mehr, und die Erde glühte um sie herum, sodass der Apfelbaum, unter dem sie lagen, obwohl es schon Juni war, zum zweiten Mal anfing, Knospen auszutreiben.
Herr Lexow berichtete natürlich nichts über Einzelheiten der Liebkosungen, die unter dem Apfelbaum ausgetauscht wurden, und darüber war ich auch froh, aber seine leisen und doch heftig gesprochenen Worte, die Augen noch immer fest auf den Becher gerichtet, riefen Bilder in mir hervor, die mir vertraut vorkamen, als seien sie mir früher einmal erzählt worden, als habe ich sie als Kind gehört, vielleicht bei einem Erwachsenengespräch, das ich heimlich von einem Versteck aus belauscht und jetzt erst verstanden hatte. So wurde Carsten Lexows Geschichte Teil meiner eigenen Geschichte und Teil meiner Geschichte über die Geschichte von meiner Großmutter und Teil meiner Geschichte über die Geschichte meiner Großmutter über die Geschichte von Tante Anna.
Ob Carsten Lexow nun doch irgendwann laut Berthas Namen gerufen hatte und sich daraufhin die Frau aus seinen Armen befreit hatte und weggerannt war, ob er beim Liebkosen ihrer vollen Brüste die Verwechslung bemerkt hatte und von ihr abgelassen hatte, ob beide bis zum Schluss so getan hatten, als wüssten sie nicht, was der andere wusste, und nur danach stillschweigend auseinandergegangen waren, um sich niemals wiederzufinden, das wusste ich nicht und würde es wohl auch nicht mehr erfahren. Was sich aber alle im Dorf erzählten und was auch Rosmarie und ich und Mira oft zu hören bekamen, war die Geschichte vom alten Boskopbaum im Obstgarten der Deelwaters, der in einer warmen Sommernacht zu blühen begann und am nächsten Morgen weiß bereift war wie vom Frost. Doch hätten diese wunderbaren Blüten keine Kraft gehabt und seien noch am selben Vormittag still und in dicken Flocken zu Boden gefallen. Der ganze Hof stand ehrfuchtsvoll, misstrauisch, beglückt oder einfach nur verwundert um den Baum herum. Einzig Anna Deelwater sah ihn nicht, sie hatte sich verkühlt, fühlte ein leichtes Brennen im Hals und musste im Bett bleiben. Im Bett blieb sie, der Brand versengte die zarten Flimmerhärchen ihrer Bronchien und griff weiter um sich, bis sich die Flügel ihrer Lunge entzündeten und schließlich erlahmten. Carsten Lexow sah sie nie wieder, und vier Wochen nach Erblühen des Apfelbaums war sie tot. Ein tragischer Fall von Pneumonie.
Herr Lexow schaute auf die Uhr und fragte, ob er gehen solle. Ich wusste nicht, wie spät es war, wusste aber auch nicht, wie es weiterging, schließlich waren wir seiner eigenen Geschichte mit Bertha noch keinen Schritt näher gekommen. Aber vielleicht sollte er doch gehen? Er sah mein Zögern und stand sofort auf.
- Bitte, Herr Lexow, wir sind noch nicht fertig.
- Nein, sind wir nicht, aber vielleicht für heute Abend?
- Mag sein. Für heute Abend. Kommen Sie morgen Abend wieder?
- Nein, da ist eine Gemeinderatsversammlung, die ich nicht verpassen kann.
- Morgen Nachmittag zum Kaffee?
- Danke sehr.
- Danke für die Suppe. Und die Milch. Und für das Haus, den Garten –
- Nichts zu danken, ich bitte Sie, Iris, Sie wissen, dass ich zu danken habe und mich zu entschuldigen.
- Bei mir haben Sie sich ganz gewiss nicht zu entschuldigen. Wofür auch? Dafür, dass Sie meine Großmutter liebten bis in den Tod oder für den Tod meiner Großtante Anna? Ich bitte Sie.
- Nein, dafür muss ich mich nicht bei Ihnen entschuldigen, sagte er und schaute mich dabei freundlich an, ich konnte sehen, warum meine Großtante Anna ihm verfallen war.
- Nur dafür, dass niemand in Ihrer Familie wusste, dass ich einen Zweitschlüssel hatte, nicht einmal Ihre Tante Inga. Sie dachte, ich schaue nur ab und zu mal ums Haus herum.
Er fischte in seiner Hosentasche, und zum zweiten Mal wurde mir der riesige messingfarbene Schlüssel des Hauses in die Hand gedrückt. Herr Lexow besaß anscheinend den Zweitschlüssel zu vielen Dingen, dachte ich, als ich das angewärmte Metall auf den Küchentisch legte.
Ich begleitete den alten Lehrer und Liebhaber meiner Großmutter zur Tür.
- Morgen zum Kaffee also?
Er winkte knapp und ging etwas schwerfällig die Vordertreppe hinunter, verschwand kurz unter den Rosen und bog dann nach rechts zu seinem Fahrrad, das er in der Einfahrt an der Hauswand abgestellt hatte. Ich hörte den Ständer seines Rades über die Platten schleifen, kurz darauf das leise Singen seines Dynamos, als er hinter der Hecke auf dem Bürgersteig vorbeifuhr. Dann streifte ich mir die Socken ab, nahm den Schlüssel vom Haken und ging hinaus, um das Gatter zu schließen.
Ich lief hinüber zum Garten, in dem jetzt im Dunkeln an bestimmten Ecken Berthas Geist aufschien. Ihr Garten war inzwischen auch zu einer dieser Woll-Grotesken geworden, die meine Mutter bei sich im Kleiderschrank aufbewahrte: gähnende Löcher, wucherndes Gestrüpp und irgendwo die Ahnung eines Musters.
Anna liebte Boskop, Bertha Cox Orange.
Was wollte Bertha meiner Mutter damals sagen? Woran erinnerte sie sich, und welche Dinge ließ sie in Vergessenheit geraten? Das Vergessene blieb nie ohne Spuren, es lenkte immer, heimlich, die Aufmerksamkeit auf sich und auf sein Versteck. Der Kuss des Mädchens schmeckte nach Boskop, sagte Herr Lexow.
Als Bertha einen Monat nach dem sommerlichen Apfelblütenwunder weinend durch den Garten lief, sah sie, dass die roten Johannisbeeren weiß geworden waren. Die schwarzen waren schwarz geblieben. Alle anderen Johannisbeeren trugen nun das grünliche Grauweiß von Asche. In diesem Jahr gab es viele Tränen und besonders guten Johannisbeergelee.