Streich mit Polizeischutz
„Und jetzt schön langsam abwärts mit der Leihgabe!“ keuchte Dampfwalze unter der Last. Als Stärkster hielt er den hochkam gekippten Konzertflügel am hinteren Bein, das auf seinen Unterarmen ruhte.
„Genau!“ flüsterte Schulkapitän Ottokar. „Wir haben ja die ganze Nacht Zeit.“
Im Schein von Strehlaus Taschenlampe schleppten die Schreckensteiner das sperrige Stück zu sechst die Treppe hinunter.
Unvermittelt lachte Witzbold Klaus und für einen Streich entschieden zu laut.
„He! Piano mit dem Piano!“ zischte Stephan.
Der Witzbold lachte kurz weiter und erklärte dann: „Es ist einfach zu komisch, was wir uns hier immer Mühe geben! Wenn ich da an drüben denke…“
„Klar!“ meinte Andi auf der anderen Seite des Instruments, „der Schlaf der Hühner ist uns eben heilig.“
Es handelte sich um eine neue Variante der alten Fehde: Die Jungen der Schule auf Burg Schreckenstein oder Ritter, wie sie sich nannten, machten einen Streich gegen die Hühner, beziehungsweise Mädchen des Internats Schloß Rosenfels, auf der anderen Seite des Kappellsees.
Vor vierzehn Tagen hatten die Mädchen einen Lichtbildervortrag auf der Burg vereitelt. Jetzt im Herbst arbeitete der Kappellsee als „Nebelfabrik“. Oft ließ er die ganze Umgebung von der Landkarte verschwinden. Mitten in einer solchen Suppe hatten die Mädchen den anreisenden Vortragsredner abgefangen und ihn, unter dem Vorwand, ihm den Weg zu zeigen, nach Rosenfels umdirigiert, wo er sein Thema samt Bildern statt an den Mann, an die Hühner gebracht hatte.
Daß unter diesen Umständen der bevorstehende Rosenfelser Klavierabend auf Burg Schreckenstein stattfinden würde, war auch ohne Nebel — es regnete seit Stunden — eine glatte Rechnung. Zumal Fräulein Doktor Horn, die Leiterin des Internats, versäumt hatte, die Ritter einzuladen.
Ohne jedes Geräusch öffnete Mücke, der Kleinste im Ritterrat, die Glastüren, die auf Rosenfels Treppenhaus und Flure trennten.
„Stop!“ flüsterte Stephan. „Dampfwalze schwenk mal nach rechts, damit ich das Bein durchfädeln kann!“
„Sonst macht es klirr-klirr!“ alberte Hans-Jürgen, der Dichter.
Dampfwalze war kein Muskelprotz mit Spatzenhirn, wie ihn böse Mäuler einmal genannt hatten, er begriff sofort und schwenkte genausoweit aus, wie es nötig war.
Während des Transports über den unteren Flur bis zur nächsten Glastür, sprach keiner ein Wort.
Musterschüler Strehlau, der als Pianist nicht das Instrument, sondern nur die Taschenlampe trug, weil Lasten der Geläufigkeit der Finger abträglich sind, leuchtete unverfroren um die Ecke in den Ostflügel, wo die großen Mädchen schliefen.
Dampfwalze schwenkte wieder aus, und Stephan fädelte die dicken Vorderbeine mit den Messingrollen durch die Glastür, die Mücke sofort hinter Dampfwalze schloß. Er wußte, wie sehr die untere Treppe knarzte und gar unter dieser Last.
Zwar hatten die Ritter einen Spezialslalom um die Knarzstellen herum entwickelt, doch den konnten sie mit ihrer Beute nicht berücksichtigen.
Es knarzte fürchterlich und hörte überhaupt nicht mehr auf. Das mußten die Mädchen hören.
„Schneller!“ drängte Ottokar.
„Gute Idee“, meinte Andi. „Aus drei Knarzern mach einen!“ Vorn beschleunigten sie so, daß Dampfwalze hinten stolperte. Doch dank der vereinten Kräfte schlug die Leihgabe nicht auf. Das Knarzen allerdings wurde durch die schnellere Gangart nur noch lauter.
„Stop!“ Dampfwalze plumpste auf die Treppe, die mit einem weiteren Knarzen antwortete.
In diesem Augenblick hörten sie, worauf sie insgeheim schon längst gewartet hatten: droben schlug eine Tür.
„Nichts wie weg!“ fauchte Ottokar, und die Schlepper setzten sich mit der Leihgabe in Elefantengalopp.
Die Geräuschentwicklung mußte beträchtlich sein, denn Pummel und Eugen, die draußen mit dem Plattenwagen warteten, öffneten das Tor. Streicherfahren wie sie waren, brachten sie auch die Plane mit, stülpten sie noch auf den letzten Stufen der Treppe über das Instrument und praktischerweise auch über die Schlepper, denn mittlerweile goß es wie aus Kübeln.
Auf einem starken Brett, das hinten am Wagen lehnte, setzten sie die Last ab, hoben beides in die Waagerechte und schoben ohne Schwierigkeiten an. Eugen hatte auf dem Wagen Weidezaunpfähle hintereinander gelegt, die unter dem Brett mitrollten.
In Sekundenschnelle war die Leihgabe an Bord und wurde festgezurrt. Pummel und Eugen verschnürten die Plane! Nicht eine Messingrolle schaute heraus.
„Fertig, Abfahrt!“ flüsterte Andi.
Während sie den Wagen anschoben, wunderte sich Mücke. „Daß die Hühner nicht gekommen sind?“
„Und wo bleibt Strehlau?“
Hans-Jürgen sah sich um. „Den haben sie wohl geschnappt“, vermutete er.
„Denkste!“ antwortete da die helle Stimme des Computergehirns aus dem Dunkel. „Ich mußte ablenken. Ihr nassen Säcke habt den halben Hühnerstall wachgeknarzt. Auf einmal kommen Beatrix und Sophie aus ihren Zimmern. Da hab ich den nächsten Schrankschlüssel abgezogen und ihn ans andere Gangende geworfen. Darauf sind sie reingefallen und in die falsche Richtung gerannt.“
„Kolossal! Das müssen an die dreißig Meter sein!“ alberte Klaus. „Schadet das deiner Fingerfertigkeit auch nicht, wenn du so weit wirfst?“
„Weniger als deinem Gehirn, wenn du so scharf denkst“, gab der Musterschüler zurück und schob mit am Wagen.
Strehlau hatte seine Sache gut gemacht. Das erwartete bei Streichen jeder von jedem. Besonderes Lob gab es da nicht. Zu dem gelungenen Ablenkungsmanöver trug gewiß auch der Regen bei. Kein Lichtschein erschien an den Fenstern des Treppenhauses. Ungestört erreichten sie den Waldrand und die Einmündung in die Hauptstraße.
Hier, außer Hörweite, wartete Beni mit dem Traktor. Ohne ihn wäre der Rosenfelser Konzertflügel nicht davongeflogen.
Einen Traktor bewegen konnten zwar viele, aber woher ihn nehmen für diesen Zweck? Beni hatte dem Bauern Läptig bei der Ernte geholfen, und sogar den großen Mähdrescher zu voller Zufriedenheit bedient. Zum Dank hatte man ihm auf seine Frage das Gespann bedenkenlos geliehen. Für den Sprit sorgten die Klavierschlepper aus Taschengeldbeständen.
Die meisten kauerten gedrängt zwischen den Beinen des Flügels unter der Plane und nahmen nichts wahr. Die Kröten, die im Licht der Scheinwerfer über die nasse Straße hüpften, sahen nur Beni, der das Gespann fuhr, sowie seine beiden Beifahrer Stephan und Pummel. Letztere saßen quer zur Fahrtrichtung auf den Schutzblechen der großen Hinterräder, im Rücken ein Rollglasfenster; die Hinterseite des Führerhäuschens war offen.
Zu dieser Stunde nach Mitternacht herrschte kaum Verkehr. Beni ließ das Gespann zügig durch den Wald hinunter in Richtung Wampoldsreute schnurren. Ein einziges Auto kam ihnen entgegen. Kurz darauf wurden sie von einem Lastwagen in einer engen Rechtskurve überholt. Auf der Heckklappe die Aufschrift einer Brauerei.
„Wohl lebensmüde!“ meinte Beni und schüttelte den Kopf.
„Oder Promillionär!“ entgegnete Stephan.
„Offenbar beides“, ergänzte Pummel nach der nächsten Spitzkehre. Der Lastwagen lag umgekippt zwischen Straße und Waldrand. Im darüberhuschenden Licht sahen sie, daß sich das obere Vorderrad noch drehte. Beni fuhr an den äußeren Straßenrand und dort zurück, bis die Scheinwerfer des Traktors den Unfallort beleuchteten.
Neugierig krochen Ritter unter der Plane hervor. Sie mußten nicht lange fragen, was denn los sei. Traggestelle voller Flaschen lagen zerborsten herum, Fässer waren in den Wald gerollt. Der Fahrer rührte sich nicht; Pummel und Eugen stiegen auf das Führerhaus und öffneten die Seitentür wie eine Luke.
Ottokar und Stephan, die beiden Freunde, hatten wieder einmal gleichzeitig denselben Gedanken. Dadurch erübrigte sich die Frage. Synchron gaben beide einander sofort die Antwort: „Rosenfels!“
Dorthin war es von hier aus näher als nach Wampoldsreute. „Laßt alles, wie es ist! Wir telefonieren!“ sagte der Schulkapitän, während Stephan den Plattenwagen abkuppelte.
Beni startete den Motor, Strehlau übernahm die Beleuchtung des Führerhauses, aus dem Pummel herausrief: „Scheint nur bewußtlos zu sein.“
„Wampoldsreute war kaum weiter gewesen“, meinte Beni auf der Rückfahrt. „So merken sie, daß wir da waren.“
„Das ist jetzt egal“, erwiderte Ottokar.
Stephan war ausnahmsweise anderer Ansicht. „Wer schaut schon nachts, ob das Klavier noch dasteht? Um diese Zeit ganz offiziell zu kommen, ist doch mal was anderes.“
Er sollte recht behalten. Waren sie vorhin im Dunkel herumgeschlichen, fuhren sie jetzt, laut knatternd und mit aufgeblendetem Licht vor. Ottokar läutete Sturm, als hätten sie ihre Dietriche nicht dabei.
Sofort flammte drinnen Licht auf; die Mädchen waren noch nicht wieder eingeschlafen.
Mückes Schwester Ingrid öffnete das Tor. „Was soll denn das, mitten in der Nacht?“ schimpfte sie.
„Ein Unfall. Wir müssen telefonieren!“ Stephan schob sie beiseite, und die drei stürmten die Treppe hinauf. Jetzt machte es Spaß zu knarzen.
„He he! Wie haben wir’s denn?“ rief sie hinterher.
Da das Büro im Erdgeschoß geschlossen war, wählten die Ritter den Telefonanschluß im Zimmer der Rosenfelser Musiklehrerin. Sonja hieß sie. Sie war die Tochter des Schreckensteiner Lehrers Doktor Waldmann und mit Stephan und Ottokar seit einem turbulenten Streich in Neustadt per du. Fast alle Ritter stammten ja aus Neustadt. Ihre Klassen waren seinerzeit wegen Raumnot auf den Schreckenstein ausgesiedelt worden.
„Mich so zu erschrecken. Spinnt ihr? Was ist denn los?“ Verstört saß die jüngste Rosenfelser Lehrerin in ihrem Bett und starrte die Eindringlinge an.
Ottokar hatte sich schon den Apparat geschnappt, wählte die Nummer und sagte, um was es ging.
„Ach, so ist das!“ meinte Sonja. „Aber wieso seid ausgerechnet ihr dazugekommen, mitten in der Nacht?“
Diese Frage stellten auch die Mädchen, die sich vor dem Zimmer der Lehrerin drängten. Ingrid war nicht dabei. Dafür wurde Beatrix um so deutlicher. „Ihr wart doch vorhin schon mal da, oder?“
„Wieso? Fehlt was?“ fragte Stephan leichthin zurück.
Dieselbe Antwort bekam Sophie, die Ottokar bedrängte. Eine genaue Auskunft blieb den Rittern zunächst erspart. Sie schoben den Unfall vor. Bis Fräulein Doktor Horn im geblümten Morgenmantel erschien und die Ursache der Ruhestörung zu erfahren begehrte. Mit offenem Haar, statt dem gewohnten Knoten, sah sie weniger vogelhaft, mehr wie ein Schloßgespenst aus.
Doch das Gespenst dachte sehr logisch. „Ein Unfall, drei Kilometer von hier? Und ausgerechnet ihr seid dazugekommen? Da stimmt doch was nicht. Habt ihr ihn verursacht?“
„Nein. Einzelheiten können wir Ihnen morgen erklären“, antwortete Beni. „Wir müssen zurück.“
Die drei schickten sich an zu gehen.
„Seid ihr mit den Rädern da?“ bohrte die Rektorin weiter.
„Mit dem Traktor“, antwortete Beni ungeduldig.
„Soso“, sagte sie eisig. „Das muß ich nachprüfen, ob ich euch damit fahren lassen kann! Meines Wissens besitzt keiner von euch einen Führerschein für landwirtschaftliche Fahrzeuge.“
„Bei der Ernte hab ich sogar den Mähdrescher gefahren!“ verteidigte sich Beni.
„Aber nicht auf der Straße!“ hielt ihm die Leiterin entgegen. Die beiden Freunde sahen einander an. „Fräulein Dr. Horn, es eilt!“ Ottokar bahnte sich einen Weg durch die Mädchen. Sie blieb stur. „Wie seid ihr überhaupt an das Fahrzeug gekommen?“
„Mit Einverständnis des Besitzers“, beschwichtigte sie Stephan.
Vergeblich. In ihrem geblümten Morgenmantel folgte Fräulein Dr. Horn den Rittern über die Treppe bis hinaus in die Regennacht. „Na, wo ist denn euer Traktor?“
Die drei sahen sich um.
„Da… da hab ich ihn hingestellt! Genau vor die Tür!“ stammelte Beni.
Wieder dachten die beiden Freunde dasselbe. „Ingrid!“ sagten sie gleichzeitig und schwärmten nach beiden Seiten aus, die Zufahrtstraße entlang.
Hinter der Biegung, keine hundert Meter entfernt, stieß Ottokar auf das gesuchte Gefährt. Von hinten sprang er auf und schob die schimpfende Ingrid vom Sitz. Bei seiner Begabung für alles Technische wußte er sofort, warum der Motor nicht lief. „Du hast den Schalthebel mit der Getriebeuntersetzung verwechselt und die Kiste abgewürgt.“
Er startete den Motor, die Scheinwerfer flammten auf, Stephan und Beni kamen im Laufschritt, zerrten Ingrid herunter, und ab ging die Fahrt.
Wieder kam ihnen zuerst ein Auto entgegen, dann wurden sie in lebensmüder Weise überholt. Diesmal war es die Polizei.
„Die sind ja schneller als die Feuerwehr!“ wunderte sich Beni.
„Aus Neustadt kommen sie jedenfalls nicht. Das steht fest. Die waren in der Gegend unterwegs!“ folgerte Stephan.
An der Unfallstelle sah es inzwischen recht gemütlich aus. Dem Regen zum Trotz hatten die verbliebenen Ritter ein Lagerfeuer entfacht. Die Hitze reichte aus, um die nassen Zweige in Brand zu setzen. An diesem Feuer wärmten sich alle, auch der Fahrer, dem außer einer Schramme an der Stirn nichts passiert war. Einer der Polizisten stand mit im Kreis und nahm das Geschehen auf.
Der Fahrer beteuerte, die Bremsen hätten versagt. Das bestätigten kurz darauf die anderen beiden Beamten. Sie hatten den Lastwagen untersucht, und einen Riß in der Bremsleitung gefunden.
Erleichtert atmete der Fahrer auf. „Ich hab’s ihnen ja gesagt. Aber bis einem die Polizei was glaubt…“
„Die Polizei glaubt nur, was sie sieht!“ antwortete einer. „Und das bei Nacht!“ witzelte Klaus.
Nun wandte sich das öffentliche Interesse den Rittern zu. Obwohl der Schreckenstein und seine Bewohner den Polizisten nicht unbekannt war, wollten sie doch genau wissen, was letztere bei Nacht und Regen auf der Landstraße zu suchen hätten.
„Es handelt sich um einen Transport“, erklärte Mücke, „der aus Termingründen bei Tag nicht durchgeführt werden kann.“
„Und aus musikalischen Gründen!“ fügte Strehlau hinzu. Sekundenlang hatten die Beamten Mattscheibe. Schließlich ging einer zum Plattenwagen und leuchtete unter die Plane.
„Ein Konzertflügel!“ meldete er.
„Wo habt ihr denn den geklaut?“ fragte der erste.
„Geliehen!“ verbesserte ihn Ottokar. „Schreckensteiner klauen nicht.“
Der Beamte grinste. „Soso. Und um diese Uhrzeit. Hat euch das euer Schulleiter erlaubt?“
Strehlaus Computergehirn arbeitete auf Hochtouren. „Wir sagten ja schon aus Termin- und aus musikalischen Gründen. Morgen… äh… heute abend findet bei uns ein Konzert statt und das Instrument soll mindestens zehn Stunden davor in dem Raum stehen, wegen Temperatur und Luftfeuchtigkeit…“
„Dann steht’s ja gut, hier im nassen Wald“, meinte der zweite. „Das wird schön verstimmt sein!“
„Höhere Gewalt!“ konterte Pummel. „Unfallhilfe geht vor Kunstgenuß.“
Während der dritte Beamte zum Streifenwagen ging, weil der Sprechfunk quakte, fuhr der erste fort. „Ihr habt meine Frage noch nicht ganz beantwortet. Hat euer Schulleiter…“
Scheinwerferlicht und Motorgeräusch ließen ihn innehalten. Ein Wagen kam die Straße herunter und stoppte.
Unbemerkt flitzte Mücke davon. Gleich darauf kam er mit schlechter Nachricht wieder. „Die Horn!“
„Wir rollen den Plattenwagen weg!“ flüsterte Dampfwalze.
„Okay“, meinte Eugen. „Bergab geht’s ja.“
Stephan trat inzwischen die Flucht nach vorn an. „Sagen Sie bitte nichts von dem Konzert!“ bat er den Beamten. „Das soll eine Überraschung sein. Die Mädchen von Rosenfels werden auch eingeladen…“
Der Beamte grinste. „Du meinst, der Verleiher weiß noch gar nicht, was er verliehen hat? Gilt das auch für den Traktor?“
„Was denken Sie denn?“ begehrte Beni auf. „Ich fahr doch nicht ohne Erlaubnis durch die Gegend.“
„Guten Morgen!“ krächzte Fräulein Dr. Horn wie eine alte Henne und ging zur Feuerstelle. Ihr geblümtes Hausgewand hatte sie gegen einen Regenmantel mit Kapuze vertauscht.
Dampfwalze, Eugen und Hans-Jürgen lösten sich unbemerkt aus dem Kreis.
„Aha, die Polizei ist schon da!“ sagte die Leiterin. „Mir geht es um die Sicherheit auf den Straßen der Umgebung. Da ich für die Mädchen von Schloß Rosenfels verantwortlich bin, interessiert es mich, daß hier niemand betrunken oder ohne Führerschein herumfährt…“
Der erste Beamte lächelte. „Das ist nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen nicht der Fall“, sagte er.
Wie ein böser Vogel starrte sie ihn an. „Und was tun die Jungen nachts auf der Straße?“
Mit leerem Blick sah der Beamte die Ritter an und sagte dann. „Das werden die Ermittlungen ergeben. Wir sind grade dabei. Haben Sie den Unfall auch gesehen?“
„Nein.“ Fräulein Dr. Horn rümpfte die schmale Nase. „Aber man hat mir berichtet.“
„Wenn Sie mich dann bitte entschuldigen wollen…“ Der Beamte legte die Hand an den Mützenrand, dann wandte er sich an die Ritter und tat so, als fahre er dort fort, wo er unterbrochen worden war. „Ihr habt euch also gewundert, wie der Wagen euch in der Kurve überholt hat?“
„Und wie!“ sagten mehrere gleichzeitig.
Doch so leicht ließ sich die Leiterin nicht abwimmeln. „Ist der Fahrer verletzt?“ fragte sie. „Soll ich ihn zum Arzt bringen?“
„Gott sei Dank nicht nötig, gute Frau!“ antwortete der. „Ich hab zwar Alkohol geladen, aber nur hinten!“ Und er lachte laut über seinen Witz.
Brüsk wandte Fräulein Doktor Horn sich ab. Sie schaute zur Straße. Die Ritter hielten den Atem an. Dort bewegten im Schein des Feuers Dampfwalze, Eugen und Hans-Jürgen den Plattenwagen vorsichtig abwärts.
Der Vogelkopf fuhr aus der Kapuze. „Was ist denn das?“
„Der Anhänger!“ antwortete Stephan sparsam.
„Ach so.“ Nach Vogelkopflogik gehörte er zu dem umgestürzten Lastwagen, und da die Polizei die drei nicht hinderte, nahm sie an, es geschehe auf deren Veranlassung.
Motorgeräusch, diesmal aus der anderen Richtung, lenkte alle ab. Scheinwerfer erfaßten die drei mit dem Plattenwagen. Glücklicherweise war die Leihgabe unter der Plane nicht als Flügel auszumachen. Der Fahrer hielt daneben und fuhr erst nach Sekunden weiter zum Lagerfeuer, wo er den Motor abstellte und ausstieg. Es war der Rex.
„Direktor Meyer persönlich!“ tönte die Rektorin mit hämischem Unterton. „Sammeln Sie ihre Schäfchen ein, bevor die sich eine Lungenentzündung holen!“
„Genau das will ich, verehrte Kollegin!“ scherzte der Rex. Im ständigen Streit der beiden Schulsysteme gewitzt, ging er gar nicht mehr auf ihre Anspielungen ein.
„Dann kann ich beruhigt in mein Bett!“ sagte sie eisig.
„Das können Sie, und ich danke Ihnen, daß Sie mich aus meinem gesunden Schlaf herausgeklingelt haben!“ antwortete er belustigt und brachte sie sicherheitshalber selbst zum Wagen.
„So war das! Dacht ich’s mir doch!“ brummte Klaus.
Stephan bedankte sich bei dem Polizeibeamten. Der zwinkerte ihm zu. „Schon gut. Wir haben auch was gegen Kiebitze!“
Fräulein Dr. Horn fuhr weg, der Rex kam ans Feuer. „Na, wie stehen die Dinge?“ Seine Frage, im selben heiteren Ton gestellt, richtete sich an Polizei und Ritter gleichermaßen. Er wollte sich zuerst informieren, bevor er urteilte. Nicht nur in diesem Punkt unterschied er sich von der Kollegin.
„Wir hatten einen Transport zu machen, und dabei sahen wir den Unfall“, erklärte Ottokar sachlich. „Dann haben wir von Rosenfels aus die Polizei verständigt.“
Der erste Beamte nickte.
„Mich haben sie aus dem Wagen geholt. Ich war bewußtlos!“ bestätigte der Fahrer. „Prima erste Hilfe.“
„Gut!“ Der Rex wandte sich an den Beamten. „Haben Sie noch Fragen an das Transportunternehmen?“
„Nur eine.“ Der Beamte sah Beni an. „Du hast also eine Fahrerlaubnis für den Traktor?“
„Wie schon gesagt“, antwortete der. „Vom Besitzer persönlich!“
„Und du denkst, das genügt?“ Der Beamte runzelte die Stirn.
„Klar!“ Beni dehnte das Wort, als sei er zutiefst überzeugt.
„Ich fahr ja auch seinen Mähdrescher. Gegen den ist der Traktor ein kleiner Fisch!“
Über soviel Unverfrorenheit konnte der Beamte nur lächeln. „Für den kleinen Fisch braucht man aber einen Führerschein!“
Hier wäre Fräulein Dr. Horn spätestens auf Beni losgegangen, hätte ihn, wäre er ihr Schüler, zusammengestaucht, sich von ihm distanziert und der Polizei beteuert, nichts von der ungeheuerlichen Frechheit gewußt zu haben. Die Schreckensteiner Gemeinschaft aber umfaßte Schüler und Lehrer, die einander nichts vormachten, und so waren die Ritter auf die Antwort ihres Rex in dieser schwierigen Lage äußerst gespannt.
Auch der Rex konnte nicht ernst bleiben und meinte: „Wenn die Jungen auf den Führerschein gewartet hätten, wäre jetzt noch niemand an der Unfallstelle, um dem Fahrer zu helfen. Bedenken Sie das bitte.“
Das freute die Ritter. So kannten sie ihren Rex. Der Beamte wußte nicht gleich eine Antwort. „Gewiß“, sagte er schließlich, „aber ich darf ihn jetzt nicht weiterfahren lassen!“
„Unmöglich!“ widersprach Strehlau entschieden. „Sonst muß der Klavierstimmer kommen.“
Alle lachten laut hinaus.
„Ich würd euch gern helfen!“ meinte der Lastwagenfahrer. „Aber ich muß auf den Abschleppwagen warten und aufpassen, daß nichts wegkommt.“
Die Ritter nickten zu der guten Absicht, und Mücke hatte eine Idee. „Fahren Sie doch den Traktor!“ sagte er zu dem Beamten. „Ihre Kollegen kommen mit dem Wagen hinterher. Weit ist es ja nicht.“
„Streich mit Polizeischutz!“ alberte Klaus. Der Beamte starrte nachdenklich ins Feuer.
„Ist die Lösung!“ drängte Beni. „Ich zeig Ihnen auch, wie’s geht.“
Das Gelächter schaffte Einigkeit, und als Beni dem Beamten tatsächlich zeigen mußte, wie man einen Traktor fährt, und der ihm den dienstlichen Befehl gab, das Ankupplungsmanöver des Plattenwagens selbst auszuführen, meinte der Rex: „Ihr untergrabt jede Autorität!“
„Sogar ohne Führerschein!“ witzelte Hans-Jürgen. Plötzlich schaute der Rex nachdenklich drein. „Schade!“ sagte er. „Hättet ihr mir was gesagt, ich hätte eigens Traktor fahren gelernt!“
„So ist es doch viel lustiger!“ meinte Dampfwalze.
„Das sag nicht!“ Mit gespieltem Ernst hob der Rex den Zeigefinger. „Du hast mich noch nie Traktor fahren sehen.“