12. Der Kampf





18. September 2022


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Wellington, Neuseeland


Tschau startet mit dem neuen Moller von seiner Jacht, die außerhalb der 30 Meilenzone vor Great Barrier Island liegt. Sie wird für ihn notfalls Rückzugsweg sein! Eine halbe Stunde später landet er auf dem dafür vorgesehenen Platz des neuseeländischen Parlaments in Wellington, also beim Beehive. Nach der Sicherheitskontrolle wird er nach seinem Gesprächspartner gefragt.

»Marti Maartinen erwartet mich.«

»Der Sekretär des Verteidigungsminister?« Tschau nickt, der Empfang kontaktiert Marti.

»Er wird Sie gleich persönlich abholen.«

Tschau begleitet Marti in dessen Büro.

»Sind wir hier abhörgesichert?«

»Ja.«

»Dann gib mir einmal die Waffe.« Zögernd nimmt Marti eine Laserpistole aus der Schublade. Er wird seit Jahren von Tschau erpresst und erweist ihm ab und zu eine Gefälligkeit, damit dieser die ihn belastenden Dokumente nicht der Polizei übergibt. Aber diesmal ist es ihm unheimlich. Eine Laserpistole im Regierungssitz!

»Francis, du hast mir versprochen, dass du hier keinen Ärger machst,« sagt Marti weinerlich.

»Das ist auch nicht meine Absicht. Aber wenn ich meinen Forderungen Nachdruck verleihen müsste, dann kann das Ding schon sehr helfen.« Er nimmt die Waffe und steckt sie ein.

»Wo hast du die Liste der Minister, die heute im Haus sind?« Marti gibt sie Tschau, der sie befriedigt überfliegt.

»Ja, das wird genügen. Alle tragen den neuen e-Helper? Dann weißt du, was du zu tun hast. So, wir brauchen jetzt Kurztermine mit den Damen und Herren auf der Liste. Sag, es geht nur um 2 Minuten. Die Reihenfolge ist gleichgültig, aber deinen Verteidigungsminister heben wir uns bis zum Schluss auf.«


Wenig später werden sie in ein Nebenzimmer des Finanzministers gebeten. Dieser kommt unwillig herein.

»Ich habe eine wichtige Sitzung, worum geht es Marti, ganz rasch.« Er blickt den Mann an, den Marti mitgebracht hat. In diesem Moment reißt ihm Marti, wie von Tschau beauftragt, den e-Helper vom Handgelenk.

»Was soll das«, empört sich der Minister. Aber da hat Tschau ihn bereits in seiner parahypnotischen Gewalt, durch das anti-Parafeld des neuen e-Helpers nicht mehr behindert.

»Sie werden später aus dem Büro der PM angerufen werden: ‚Bitte kommen, der Vertrag ist fertig.’ Da werden Sie alles liegen und stehen lassen und ins Büro der PM kommen und den Vertrag, der am Schreibtisch liegt, unterschreiben. Wenn jemand Fragen stellen sollte, werden Sie klarstellen, dass alles bereits besprochen wurde. Davon werden Sie auch später, wenn Sie gefragt werden, überzeugt sein und die letzte Kabinettsitzung erwähnen, in der ich, Francis Tschau, ja den Plan präsentiert habe. Dann können Sie gehen und zu Ihrer unterbrochenen Tätigkeit zurückkehren. So, das war es schon. Sie bekommen nun ihren tollen e-Helper zurück«, er nickt Marti zu, »und gehen wieder zu der wichtigen Sitzung zurück. Sie vergessen, dass Sie Marti und mich getroffen haben.«


Dasselbe wiederholt sich bei der Ministerin für Inneres, beim Sozialminister, bei der Wirtschafsministerin und beim Forschungsminister.

»So und jetzt müssen wir mit deinem Chef, dem Verteidigungsminister sprechen.«

Dem Verteidigungsminister Sir Ronal Steed gegenüber hat Marti schon am Vortag erwähnt, dass ein guter Freund mit ihm sprechen will und ob er sich dafür Zeit nehmen könnte. Sir Steed hat freundlich zugesagt. Bei der Begrüßung entschuldigt sich Marti, als er etwas vom Ärmel des Ministers wischt. Gleichzeitig zieht er auch hier den e-Helper ab. Wie bei allen vorher kommt jeder Protest zu spät. Tschau setzt seine parahypnotische Macht sofort mit Wucht ein. Er kontrolliert die Wirkung der Parahypnose bei Sir Steed, denn hier geht es um sehr viel! Sir Steed versucht brav, den verrückten Befehl, einen Kopfstand zu machen, zu befolgen. Marti erschauert. Er trägt keinen e-Helper, Tschau könnte ihn jederzeit in ein willenloses Bündel verwandeln, wie er das gerade mit Sir Steed tut!


Tschau gibt Sir Steed dieselben Anweisungen wie den anderen Ministern. Dann befiehlt er ihm, für sich und Tschau einen Termin mit der PM zu vereinbaren. Die Premierministerin ist verwundert, aber Sir Steed lässt nicht locker und so bittet sie ihn schließlich zu sich.


Nun gibt Tschau Sir Steed die wirklich entscheidenden Befehle.

»Sie kontaktieren den Oberkommandierenden der Luftwaffe und geben den heutigen Alarmcode durch. Dann befehlen Sie den Angriff der gesamten Luftwaffe auf die Basis M auf Great Barrier Island. Es geht um einen offiziellen Kriegseinsatz. Die Gruppe M plant, die Macht in Neuseeland mittels neuer Waffentechnologie an sich zu reißen. Diese Gruppe und ihre gesamte Infrastruktur ist auszulöschen. Wiederholen Sie, was Sie tun müssen. Dann schalten Sie das Kommunikationsgerät so, dass ich mithören kann, aber nicht gesehen werde.«

Stockend wiederholt Sir Steed den Befehl. Tschau erhöht seinen parahypnotischen Druck und lehnt sich zurück. Er genießt die Diskussion zwischen Sir Steed und dem Luftwaffengeneral Wang, der sich immer wieder bestätigen lässt, was er zu tun hat. Er lässt sich vor Zeugen den gültigen Alarmcode und die Instruktionen wiederholen, ehe er den Befehl akzeptiert.

»Wird erledigt, Sir.«


Tschau hat es nun eilig. Er befürchtet, dass sich General Wang bei der Premierministerin rückversichern wird. Tschau braucht Marti jetzt ohnehin nicht mehr. Er parahypnotisiert ihn.

»Du gehst jetzt in dein Büro und rufst sofort die PM an. Verwickle sie in ein Gespräch. Sie darf für andere nicht erreichbar sein, bis ich in ihrem Zimmer bin. Dann wartest du in deinem Büro auf meinen Anruf.«

Er packt Sir Steed.

»Und jetzt schnell zur PM. Sie betreten das Zimmer vor mir. Begrüßen Sie die PM und entfernen Sie den e-Helper vom ihrem Handgelenk und dem etwaiger anderer Personen im Zimmer. Aktivieren Sie gegebenenfalls das rote Alarmgerät wenn es läutet und leuchtet und bestätigen Sie den Angriffsbefehl.«


Im Vorzimmer der PM versetzt Tschau die beiden Sekretäre parahypnotisch in einen Tiefschlaf. Dann schickt er Sir Steed zur PM. Tschau tastet mit seinen Fähigkeiten durch die Wand. Er erkennt Sir Steed, die PM ist schon frei vom e-Helper … aber da sind noch zwei Personen. Er merkt, dass Sir Steed seine Befehle befolgt, weil auch die beiden anderen auf einmal para-erreichbar werden, d. h. ihnen die schützenden e-Helper abgenommen wurden.

Tschau tritt mit gezogener Laserpistole ins Zimmer.

»Keine Bewegung!«, ruft er und schickt gleichzeitig diesen Befehl auch parahypnotisch an die anwesenden vier Personen.


Alle erstarren, bis auf die PM! Sie beendet das Telefonat, das sie mit Marti geführt hat abrupt und wendet sich Tschau zu.

»Sie müssen Tschau sein, oder sollte ich Dirkmann sagen? Aber wie immer Sie heißen wollen, Sie können mich nicht hypnotisieren. Ich habe eine Parablocker implantiert.«

»Aber ich kann Sie erschießen, wenn Sie nicht genau befolgen was ich sage. Treten Sie jetzt vom Schreibtisch zurück und gehen Sie zu den anderen Frauen.«


Die PM gehorcht. Dennoch ist Tschau verunsichert. ‚Wieso weiß die PM dass er eigentlich Dirkmann ist? Und sie ist tatsächlich nicht paraerreichbar. Aber war sie es nicht vorher?’


Er kann nicht wissen, dass die PM durch kurzes Heben der Hände und Zusammenführen ihren Parablocker auf ‚voll’ geschaltet hat, während die anderen beiden Frauen, Aroha und Cynthia, zwar Tschaus Befehle hören (ob gesprochen oder mental übertragen) aber ihnen nicht gehorchen müssen. Sie täuschen wie vereinbart nur vor, parahypnotisiert zu sein.


Das rote Alarmgerät leuchtet am Schreibtisch. Es schrillt und schrillt. Tschau aktiviert es.

»Hier ist das Büro der Premierministerin. Nein, sie ist in einer Krisensitzung wegen der Situation auf Great Barrier Island. Ja, dem Befehl des Verteidigungsministers ist selbstverständlich Folge zu leisten!«


Die PM blickt den Verteidigungsminister an, der gerade im Begriff ist, apathisch das Zimmer zu verlassen. Es ist klar, dass er parahypnotisiert ist. Hat er in diesem Zustand Befehle erteilt? Und welche?

Aroha, im Zimmer der PM stehend, nimmt mentalen Kontakt mit Herbert in der Basis M auf.

‚Tschau hat die PM und uns überfallen und offenbar zumindest den Verteidigungsminister parahypnotisiert. Dieser hat Befehle ans Militär erteilt, die etwas mit euch zu tun haben.’



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Great Barrier Island, Neuseeland


Herbert gibt der versammelten Gruppe die Nachricht von Aroha weiter. Im selben Augenblick schlagen mehrere Bewegungssensoren an.

»Es geht los«, sagt Marcus trocken. Stephan teilt Victor Grey mental mit:

»Wir werden angegriffen. Jede Hilfe ist willkommen.«

»Ich bin in wenigen Minuten in der Basis M!« Victor stürzt zu seinem Moller 600, im Vorbeigehen ruft er nach Alina.

»Alina, wenn du kommen willst, um der Gruppe M zu helfen, dann jetzt, aber es wird gefährlich.«

Alina und ihre Mutter Andrea, die er gar nicht dazu eingeladen hat, springen mit ihm in den Moller, Victor rast los. Sam und Bill, die Victor schreien und mit Alina und Andrea starten hören, benehmen sich eigenartig.


Bill geht zielstrebig auf sein Zimmer, verschließt es von innen, legt sich auf sein Bett und konzentriert sich. Sam steigt in sein Auto und fährt nach Norden. In der Nähe der Zufahrstraße zur Basis M lässt er sein Auto stehen und geht durch den Wald. Er will den Strand erreichen.


Die Gruppe, die sich um Marcus schart, ist ratlos. Die Bewegungsmelder an der Grenze des Grundstücks haben angeschlagen und jetzt geschieht nichts mehr! Plötzlich ruft Klaus Baumgartner entsetzt:

»Es waren die Bewegungsmelder unserer Abwehrraketenstellung. Ein Schwarm von Minidrohnen hat sie beschädigt und untauglich gemacht.«

Er und Rudolf springen auf und laufen zum Moller 980, den sie kampfbereit vor dem Haus geparkt haben. Rudolf Merz wird steuern, Klaus die Lenkraketen übernehmen.


Das »Team der Zwölf«, die Truppe von Tschau aus Palau unter der Leitung von Mu-mu-tu ist zum Angriff bereit. Vier von ihnen werden je einen Großschwarm von Minidrohnen steuern, die acht anderen sind für eine Batterie Granatwerfer und eine Batterie Boden-Boden-Raketen zuständig. Die zwölf Stellungen sind so positioniert, dass nie zwei mit einem Treffer gleichzeitig ausgeschaltet werden können. Auch die je von einer Person betreuten Granatwerfer und Raketenstellungen sind räumlich getrennt. Der von Mu-mu-tu gesteuerte Schwarm hat gerade die Abwehrraketen der Gegner ausgeschaltet und ist unversehrt zurückgekommen. Damit gibt Mu-mu-tu den Befehl zum Angriff.


Konzentriert und deutlich schildert Maria das, was sie gerade mit ihren Paraaugen wahrnimmt.

»Ich sehe große Objekte, Granaten und Raketen, die auf uns zufliegen. Sie kommen von Südost bis Nordost. Unsere Gegner sind bei der Straße entlang unseres Grundstücks und etwas südlicher und nördlicher stationiert.«

Herbert aktiviert die Abwehrraketen. Sie sind tatsächlich nicht einsatzbereit! Marcus ertastet einen riesigen Felsbrocken, der in 80 Meter Höhe auf sie zufliegt. Der Großschwarm ist so stark, dass ihn Marcus nicht beeinflussen kann. Mit telekinetischen Kräften schleudert er Steine gegen den Schwarm. Jeder Stein vernichtet tausende der Minidrohnen, aber erst nach vielen Treffern ist der Schwarm so geschwächt, dass er den Stein weit vor dem Haus fallen lässt und sich zurückzieht.

‚Was hilft dieser eine halbe Sieg gegen die zahlenmäßige Übermacht’, grübelt Marcus.


Plötzlich ruft eine bekannte Stimme hinter Maria und Marcus.

»Gut gemacht, Marcus, nicht aufgeben. Du hast mehr Unterstützung als du glaubst. Auch ich bin da.«

Marcus und Maria zucken zusammen und können nicht glauben, was sie sehen. Barry steht hinter ihnen, der verschollene Barry!

»Wiedersehensfeier später. Wir haben Arbeit«, lacht Barry grimmig und entmaterialisiert sich.

»Ich muss auf das Dach, um besser sehen zu können«, ruft Marcus, »ich bin froh, dass Barry gekommen ist, um uns zu helfen!«.

Was er von Dach aus sieht ist schrecklich. An acht verschiedenen Stellen blitzt es auf. Von dort wird auf sie mit Raketen und Granaten geschossen. Zusätzlich sind offenbar noch einige Schwärme im Einsatz!


»Da geht es ja ganz heiter zu«, sagt Victor. Er überfliegt mit seinem Moller gerade eine Stellung von Granatwerfern und Raketen, die die Häuser des Anwesens angreifen.

»Ich bin doch froh, dass ich mich bewaffnet habe.« Er klinkt eine Bombe aus.

»Wer immer da unten diese Mordwaffen bedient, das Gas wird ihn mehrere Stunden betäuben«, sagt er zu Alina, als er deren entsetzten Blick sieht. Da zeigt Alina erschreckt nach vorne. Ein riesiger Stein fliegt durch die Luft, wie von Geisterhand getragen!

»Das ist ein Schwarm Minidrohen, der das macht, den werden wird einfach zerquetschen!« Victor fliegt an den Schwarm heran, kippt den Moller und zerdrückt so fast ein Viertel der Drohnen. Nach einem zweiten Anflug poltert der Stein nach unten. Victor wendet den Moller und lässt Alina am hinteren Teil des Flachdaches hinausspringen.


Barry materialisiert sich hinter einem dunklen Polynesier, der gerade eine weitere Rakete zum Abschuss bereit macht. Wie Victor hat er sich auf »gewaltfreie Gewalt« eingestellt. Da seine Paraprojektionen nur sehr wenig »mitnehmen« können, verwendet er eine kleine Giftnadel, um den Mann für einige Zeit außer Gefecht zu setzen.


Sam sieht es zwischen den Bäumen immer wieder aufblitzen. Der Angriff ist besorgniserregend heftig. Er verfolgt die Gasspur einer Rakete mit seiner Paraenergie zurück. Ein leuchtender Faden wächst in Richtung Abschussstelle, erreicht diese und vernichtet sie mit einer großen Explosion. An einer anderen Stelle, wo eine Rakete startet, sieht er den Schatten eines Moller 980 und dann einen Feuerausbruch, der wohl zumindest die Rakete beseitigt hat. Zufrieden nickend geht er weiter Richtung Strand.

‚Hier werden sie es schon ohne mich schaffen’, denkt Sam.


Stephan hat mit einem Überfall eines Schwarms von Wespen, die seinem Befehl gehorchen, schon zwei weitere Stellungen zur Aufgabe gezwungen. Nach hunderten Stichen sind die Schützen geflohen und Stephan hat sie weit verfolgen lassen.


Rudolf und Klaus haben inzwischen zwei Schwärme vernichtet. Die größte Gefahr sind offenbar die Raketen, deren Stellungen sie nicht direkt angreifen können, da dann der Moller in Gefahr ist. So fangen sie immer wieder Raketen mit anderen Raketen ab, doch zu viele kommen durch!


Am Dach stehend sieht Marcus, der schon unzählige Granaten telekinetisch abgewehrt hat, plötzlich vier Raketen direkt auf das Haus zusteuern. Er verlangsamt die individuelle Zeit, aber er sieht keinen Ausweg.

»Das ist das Ende«, denkt er. Da steht plötzlich eine junge, ihm unbekannte Frau neben ihm.

»Überlass die drei links mir, nimm du die rechte!«, ruft sie. Marcus, wie in Trance, »wer ist die Frau?«, konzentriert sich auf die rechte Rakete. Er kann sie nicht abdrängen, also lenkt er eine Granate in ihren Weg. Das genügt!


Während er einige der angenehm langsam fliegenden Granaten fast automatisch abwehrt, beobachtet er mit Erstaunen, wie die junge Frau mit den drei Raketen telekinetisch spielt. Sie bringt zwei zum Zusammenprall. Die dritte zwingt sie, das hätte er nie geschafft, in einen großen Bogen und führt sie zum Ausgangspunkt zurück, wo sie eine weitere Abschussstellung vernichtet. Marcus schaut die Frau bewundernd an.

»Das haben Sie wunderbar gemacht.«

Bei Alina bricht die Spannung der letzten Wochen durch und drückt sich in einem nicht mehr kontrollierbaren Lachen aus.

»Du musst nicht ‚Sie’ zu mir sagen, du bist mein Vater. Und ich fürchte, die telekinetischen Gene sind auch von dir.«


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Wellington


Herbert ist die ganze Zeit mit Aroha in mentalem Kontakt.

‚Der Kampf hier ist noch nicht zu Ende, aber es ist ruhiger geworden. Wenn nicht noch etwas Neues kommt, dann scheinen wir zu überleben.’

‚Vielleicht seid ihr die Rettung für Neuseeland. Was sich hier abspielt, ist furchtbar. Ich bin jetzt nahe bei dem Knopf für Paul Warren, unseren SR-Inc. Sicherheitsmann, der zum Schutz der PM abgestellt ist. Jetzt kann ich die Kameras einschalten, damit er sehen kann, was sich hier tut und ihr über ihn.’


»Maria, wir bekommen eine Übertragung aus dem Zimmer der PM!« Maria blickt mit ihrem Parasehen auf das Dach des Hauses, ehe sie sich den Monitoren zuwendet. Dort stehen Marcus, flankiert von Stephan und einer jungen Frau, alle drei hocherhobenen Hauptes und verteidigen das Anwesen. Stephan versucht eine weitere gegnerische Stellung durch einen Wespenschwarm auszuheben, Marcus wehrt Granaten ab, wenn sie in gefährliche Nähe kommen und die junge Frau katapultiert angreifende Raketen in alle Richtungen. Sie und Marcus haben auch eine besondere Technik gegen anfliegende Minidrohnenschwärme entwickelt. Diese kommen jetzt nicht mehr als Großschwärme, sondern in kleineren Verbänden. Sie versuchen ins das Haus einzudringen oder sie anzugreifen: Marcus kann sich vorstellen, dass es gefährlich wird, wenn sich plötzlich eintausend Minidrohnen auf ein Gesicht stürzen. Die Technik besteht darin, die Schwärme nahe heran kommen zu lassen, sie sind ja auch nur aus der Nähe einigermaßen sichtbar, und ihnen dann, ganz knapp vor dem Ziel, einen telekinetischen Schild in den Weg zu stellen. Sie prallen ab und zerschmettern sich damit selbst.


»Was wollen Sie eigentlich Tschau?«, fragt die PM. Sie ahnt nicht, dass inzwischen der Security Spezialist von SR-Inc., Paul Warren und die Parakämpfer auf Great Barrier Island die Szene mitverfolgen. Maria und Herbert verfolgen das Geschehen in Wellington, auch Barry schließt sich an, der pötzlich wieder anwesend ist.

«Es ist draußen mehr oder minder vorbei. Die Guten haben gesiegt. Ich hoffe, das gilt auch sonst?«


»Ich will nur eines, dass Sie und Ihre Minister dieses Dokument unterschreiben«, sagt Tschau.

»Was beinhaltet es?«

»Den Rücktritt Ihres gesamten Kabinetts und die Überlassung Ihres 21%-Anteils an SR-Inc. Gleichzeitig beauftragen Sie mich wegen der Krise auf Great Barrier Island mit der Bildung einer neuen Regierung.«

»Sie müssen verrückt sein. Was meinen Sie überhaupt mit Krise auf Great Barrier Island?«

»Die gesamte Basis M mit der Gruppe M ist bereits von Ihren eigenen Streitkräften zerstört, das ist alles. Übrigens scheint Ihr Kabinett der Meinung zu sein, dass mein Anliegen durchaus vernünftig und unterstützenswert ist. Lassen Sie uns doch die verschiedenen Meinungen hören.«



Tschau ruft nacheinander den Finanzminister an, dann die Ministerin für Inneres, den Sozialminister, die Wirtschafsministerin, den Forschungsminister und den Verteidigungsminister. Alle kommen, alle erkundigen sich wo das vereinbarte Dokument liegt und unterschreiben ohne Zaudern. Auf verzweifelte Einwände der PM weisen sie immer auf die letzte Kabinettsitzung hin. Die PM ist sprachlos.

Tschau ist befriedigt und sagt zynisch:

»Sie sehen, es fehlen nur noch die Unterschriften von Ihnen und den zwei Ministern, die heute nicht im Hause sind. Aber die werden gerne Ihre Entscheidung mittragen, aber notwendig ist es ja eigentlich nicht. Ihre Unterschrift und die Mehrheit des Kabinetts reichen vollständig. Sie unterschätzen meinen Einfluss, und ich werde mir in Zukunft noch viel mehr Einfluss verschaffen. Ich habe dafür ein gewisses Talent, wie Sie wohl wissen.«


«Ich werde nicht unterschreiben, und wenn sie mich umbringen!«

Tschau lächelt milde: »Ja, ja, die tolle Führerin dieses schönen Landes. Sie ist sogar bereit, Ihr Leben zu opfern. Schade, dass das Fernsehen nicht dabei ist, um diese heroische Selbstaufopferung live zu senden!. Aber wenn Ihnen schon Ihr eigenes Leben nichts wert ist, mir eigentlich ja auch nicht, vielleicht ist Ihnen das Leben anderer wichtig. Denny, bitte melden!«


Ein amerikanisch wirkender Mann wird sichtbar.

»Denny, ist alles klar?« Der nickt.

»Dann zeig doch der PM unsere ausgewählten Objekte.«

Der Skytower, der in der Innenstadt Aucklands neben dem Casino liegt, wird sichtbar.

Tschau kommentiert: »Das ist eines unserer Lieblingsobjekte. Wir haben hier genug Sprengstoff deponiert, dass dieser kitschige Turm zusammen fallen wird. Na ja, das Casino und die Nachbargebäude werden wohl auch dabei in die Luft gehen. Aber die Menschen in Auckland sind ja ohnehin viel zu vergnügungssüchtig. Da ist es für die Moral nur gut, wenn einige einmal gestraft werden. Wir glauben, dass es nicht mehr als 4.000 sein werden. Ah, wir wechseln schon zu einer anderen Szene.

Ja, der Kontrollturm des Flughafens Aucklands in Manukau. Schade um die tüchtigen Fluglotsen, die da mitgesprengt werden. Aber es wird sich schon Ersatz aus dem Ausland finden. Wir sind uns übrigens nicht sicher ob es uns mehr leid tut um das schöne Museum im Auckland Domain Park, um das Green Lane Spital, um die Hafenbrücke oder um die gerade nach Coromandel eröffnete Brücke. Aber wir müssen uns ja nicht entscheiden.

Wenn sie nicht unterschreiben, drückt Denny - er ist wieder im Bild - diese kleine Taste. Da, können Sie sie sehen? Wie gesagt, wir müssen uns zwischen den Objekten nicht entscheiden, es werden alle gleichzeitig in die Luft gejagt.«


»Werden sie nicht!« Hinter dem Mann ‚Denny’ erscheint wie aus dem Nichts ein anderer, Barry! Er sticht Denny mit einer Nadel in die Schulter. Denny bricht zusammen, Barry entreißt ihm das Kontrollgerät und legt es sachte weg. Die Zuseher auf Great Barrier Island jubeln. Auch Marcus, Stephan und Alina haben dies mitverfolgten können, da das Haus nicht mehr angegriffen wird. In diesem Augenblick steht Barry wieder hinter ihnen. Als sie ihm gratulieren wollen, hebt er abwehrend die Hand.

»Es ist noch nicht vorbei, ich bin nur hier, um den nächsten Verbrecher anpeilen zu können.«


Tschau bleibt ruhig, sagt aber deutlich zornig:

»Nun, dann werden wir jetzt einmal nicht so lange reden, sondern gleich sprengen, um ein Exempel zu statuieren. Kim, alles klar?«

»Ja, Francis.«

Das Bild eines Mannes wird sichtbar, der auch ein Gerät hält, das offenbar Sprengungen auslösen kann. Zwei Dinge geschehen gleichzeitig: Barry ist wieder weg und Maria schreit auf.

»Ich sehe ein Luftgeschwader auf uns zukommen. Bei uns werden in Kürze Bombem fallen.«




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Basis M


General Wang hat sich nicht besonders beeilt, den Befehl von Sir Steed umzusetzen. Es gefällt ihm gar nicht, dass er die Basis M von Marcus Simmer zerstören soll. Dieser Mann, der durch die SR-Inc. viel für Neuseeland getan hat soll ein Verräter sein? Er kann es nicht glauben. Aber auch das Büro der PM bestätigte es. So macht er landesweit die Luftwaffe mobil. Ein großes Geschwader in Auckland wird mit Bomben beladen und macht sich auf den kurzen Weg nach Great Barrier Island.

»Sir, wir sind jetzt über der Abwurfstelle. Soll die Bombardierung beginnen?« Schweren Herzens gibt Wang den Befehl:

»Ja.«


Marcus und Alina eilen ins Freie. Die Angreifer sind so hoch, dass nur der Moller 980 eingreifen kann. Den beiden Telekinetikern bleibt nichts anderes übrig, als die fallenden Bomben abzulenken oder durch telekinetische Schilder früh zur Explosion zu bringen.


Wieder übernimmt Alina das Kommando.

»Du rechts, ich links,« und sie definiert die linke Hälfte viel größer als die rechte. Alina und Marcus haben sich auf den Rücken gelegt, um besser sehen zu können. Die wirklich gefährlichen Bomben können sie zunächst abfangen, doch am Rand kommen einzelne herunter und sprengen riesige Trichter in das Anwesen. Alina und Marcus keuchen und stöhnen unter der Anstrengung.


Inzwischen greift der Moller 980 ein, der informiert ist, dass es sich um einen Angriff von Freunden handelt, die parahypnotisch gezwungen wurden, hier anzugreifen. Die Bomber haben weder Jagdfliegergeleitschutz noch Luft-Luft Raketen, mit einer Gegenwehr hat niemand gerechnet. Insofern sind Rudolf und Klaus nicht gefährdet. Aber wie sollen sie genügend viele Flugzeuge, ohne die Insassen zu gefährden, zur Notlandung oder Aufgabe des Flugzeugs zwingen, bevor es zu spät ist? Sie schießen jeweils zwei Triebwerke mit Raketen in Flammen. Das zwingt die Zweierbesatzung mit Fallschirmen abzuspringen und das Flugzeug aufzugeben. Rudolf muss beim Abschuss beachten, so zu treffen, dass durch den Absturz keine Häuser gefährdet sind.


Die ersten Fallschirme treiben hinunter und durch den Wind aufs Meer hinaus. Herbert drückt den Knopf für den Start der »Hilfe« Raketen für die Küstenwache. Er erklärt ihnen, dass sie die mit Fallschirm landenden Truppen retten müssen.

Inzwischen wird die telekinetische Abwehr immer schwächer, mehr und mehr Bomben erreichen den Boden. Herbert informiert Aroha.

‚Ihr müsst das Bombardement schnell stoppen.’


97


Wellington


Barry hat auch Kim ausgeschaltet, bevor dieser die Sprengungen ausführen konnte.

Tschau ist wütend.

»Sie haben es nicht anders gewollt. Meine Mitarbeiter werden nun alle Objekte sprengen, dann sehen wir weiter.«

Während er in seinen e-Helper brüllt: »Jim, Bess, Alistair, Andy, Mark, Jonny, alles sprengen« und alle, die dies hören, vor Entsetzen aufstöhnen, drückt Aroha zweimal die Taste für Paul. Das ist der Befehl, jetzt einzugreifen und nicht mehr zuzuwarten.


Paul Warren steht zwei Meter hinter Tschau.

»Jetzt ist es genug mit dem Unsinn«, schreit er. Überrascht dreht sich Tschau um. Wo kommt dieser Mann plötzlich her? Er hebt seine Waffe und schießt.

Cynthia merkt, dass Tschau einen Augenblick lang mental abgelenkt ist. Sie weiß, sie hat nur Sekundenbruchteile Zeit. Mit ihrer parapsychischen Begabung dringt sie in sein Gehirn ein, löscht aus seinem Gedächtnis riesige Bereiche, ohne sich Zeit zum Überlegen nehmen zu können. Tschau taumelt unter diesem Angriff auf sein Gehirn, er lässt die Waffe fallen und schafft es mit letzter Kraft sich so weit zu konzentrieren, dass er sich vor Cynthia abschirmen kann. Er fühlt sich schwindlig, im Kopf leer, er erinnert sich an die letzte Stunde, aber beim ‚warum?’ klaffen überall Lücken. Der Mann, auf den er geschossen hat, steht unverletzt im Raum. Wie ist das möglich? Dass es Hologramme gibt, wird Tschau nie mehr wissen.


Wie ein wundes Tier will er sich zurückziehen. Er bewegt sich zur Ausgangstür. Aroha hebt seine Waffe auf und legt an. Aber sie kann nicht abdrücken, sie kann nicht töten. Da ist Tschau aus dem Zimmer verschwunden. Sie will ihn nicht verfolgen, es gibt Wichtigeres zu tun.

»Premierministerin, die Luftwaffe hat den Auftrag, die Basis M und alle, die sich dort befinden, dem Erdboden gleich zu machen. Sie müssen das stoppen.«

»Das muss der Verteidigungsminister gewesen sein! Er ist der einzige, der den Code hat, den General Wang akzeptiert. Schnell zu Sir Steed. Und Cynthia muss mit, sie muss seinen Parablock aufheben«, ordnet die PM an.


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Basis M


Die Situation ist verzweifelt. Obwohl der Moller 980 einige der Bomber ausgeschaltet hat wird der Bombenhagel immer dichter. Das Geschwader will seine tödliche Last möglichst rasch loswerden, um vor dem Moller fliehen zu können.


Die Bomben schlagen immer dichter ein. Eine trifft den von allen geliebten heißen Wasserfall, eine andere den Bootsteg, eine dritte eines der Gästehäuser. Eine explodiert in unmittelbarer Nähe. Metallsplitter fliegend in alle Richtungen. Linda schreit auf. Ein großer Splitter ragt aus ihrem Rücken, das Blut schießt heraus. Maria ist entsetzt. Im Kampf in Pakistan hat sie ihre Tochter Lena verloren. Will das Schicksal, dass sich das jetzt mit ihrer Stieftochter Linda wiederholt?


Andrea stürzt mit einem Köfferchen herbei.

»Ich bin Krankenschwester, überlassen Sie mir das.« Sie gibt Linda eine Injektion, die den Schmerz ausschaltet, legt Linda auf den Boden und schneidet den Rücken des Kleides auf. Die Wunde ist groß. Andrea zieht den Splitter heraus, beugt sich über den tiefen Riss im Rücken.

»Schaut schlimmer aus als es ist. Es wird nur eine kleine Narbe bleiben.« Sie reinigt die Wunde, sprüht etwas zur Blutstillung und wiegt den Kopf:

»Nähen oder kleben? Kleben hinterlässt kleinere Narben.« Wieder sprüht sie in die Wunde, schiebt die Seiten aneinander und schaut auf die Uhr. Nach 90 Sekunden verringert sie den Druck ihrer Hände. Mit großen Heftpflastern sorgt sie dafür, dass die Wunde nicht mehr aufgeht, als sie die Hände zurückzieht. Dann legt sie einen Verband an, damit sich der Rücken um die Wunde nicht bewegen kann.

»So, jetzt komm in den Wintergarten und leg dich auf die Liege.« Linda ist bleich aber gehorcht langsam, gestützt von Andrea.

»Auf den Bauch legen, Kopf ins Zimmer drehen«, befiehlt Andrea. Dann gibt sie Linda noch eine Injektion: Linda schläft darauf sofort ein. Andrea eilt zu Maria, die besorgt wartet, aber nicht weg kann, weil sie immer wieder hinweisen muss, wo Bomben fallen, damit Alina und Marcus in den wichtigsten Fällen eingreifen können.

»Es ist alles in Ordnung, Maria. Linda schläft jetzt. Die Wunde wird gut verheilen.« Maria umarmt die Frau, von der sie noch gar nicht weiß, wer sie ist.


»Alina, wir müssen den wichtigsten Teil und uns Menschen durch einen telekinetischen Schirm schützen, den Rest müssen wir aufgeben«, ruft Marcus als die Bomben immer besser treffen und zunehmend ihr Leben gefährden.

Alina ergreift die Hand ihres Vaters. Zusammen lassen sie über der Ansammlung der Häuser einen telekinetischen Schild entstehen, so groß, wie sie es noch nie gemacht haben. So groß, wie keiner von beiden alleine das könnte. Die Bomben explodieren, wenn sie den Schild treffen. Die Explosionen bleiben an sich ohne Folge, aber jede schwächt ihre Kräfte.


Der Bomber-Pilot Fitzgerald wendet sich an den Copiloten.

»Siehst du, was der Moller macht? Er könnte jeweils mit einer Rakete eines unserer Flugzeuge mit den Piloten vernichten, aber er verwendet immer zwei Raketen und zielt nur auf die Triebwerke. Er will die Flugzeuge ausschalten, das Bombardement stoppen, aber er will niemanden töten. Das sind keine Feinde! Das ganze muss ein Fehler sein. Wir werfen keine Bomben mehr ab, wir ziehen uns in Warteposition zurück und fordern unsere Freunde auch dazu auf.

»Fliegerkameraden! Werft keine Bomben mehr ab, zieht euch mit uns auf Warteposition zurück, das sind keine Feinde. Habt ihr gesehen, wie sie versuchen, beim Abschuss unser Leben nicht zu gefährden?« Fitzgerald spricht aus, was die andern denken, selbst der Kommandant des Geschwaders.

»Fitzgerald mag Recht haben, mir ist das Ganze auch nicht geheuer. Wir ziehen uns zurück und warten auf weitere Befehle von General Wang.«


Der Bombenregen hört auf, die Flugzeuge gehen in eine Warteschleife weiter südlich. Die Küstenwache rettet inzwischen die Fallschirmspringer aus dem kalten und stürmischen Pazifik. Stephan, der bereit steht, um notfalls über Befehle an Fische Ertrinkende zu retten, muss nicht eingreifen.


Alina und Marcus sehen langsam auf. Maria bringt ihnen heißen süßen Tee zur Stärkung.

»Haben wir es überstanden?« Marcus schüttelt den Kopf. »Ich bin unsicher. Die Bomber sind nicht abgeflogen, wir erhielten keine Entwarnung. Ich weiß nicht, warum sie zuwarten, aber sie könnten wieder zurückkommen.«

Da blitzt es weit vor der Küste auf. Maria starrt in diese Richtung.

»Es ist einfach furchtbar, es hört nicht auf, wir werden jetzt von dort, von der Jacht Tschaus mit schweren Raketen angegriffen!«

»Wieviele Raketen und wie groß sind sie?«

»Es sind vier und sie sind größer als alles, was wir bisher erlebt haben.« Marcus ergreift mit einer Hand Maria, mit der anderen Alina. So können sie durch Maria parasehen und ihre gemeinsame Energie gegen die Raketen einsetzen. Sie ächzen unter dem erfolgreichen Bemühen, die erste der Raketen zum Absturz zu bringen. Sie sind zu schwach, das auch bei der zweiten zu schaffen. Mit letzter Kraft lenken sie sie nach Norden, in die Lieblingsbucht von Stephan und Raianda. Dann bricht Marcus zusammen, Alina neben ihm. Sie sind den weiteren Raketen hilflos ausgeliefert.


Doch was ist das? Am Strand, nahe dem zerbombten Bootsteg, entsteht eine Kugel aus reiner Energie. Aus ihr wächst ein Energiestrang, der rasch immer weiter ins Meer hinausgreift, die dritte Rakete zerstört, die vierte erreicht und zur Explosion bringt. Der Energiestrang aber wächst weiter. Nur Maria sieht es deutlich. Er zielt auf die Jacht und erreicht sie. Eine lautlose Giga-Explosion erhellt den schon dämmrigen Winterabendhimmel. Der gewaltige Donner benötigt zwei Minuten, bis er bei ihnen ankommt!


»Was war das?«

»Die Jacht wurde buchstäblich in Atome aufgelöst«, sagt kopfschüttelnd Maria.

»Wer konnte das machen??«

»Es war Ryan«, sagt Herbert.

»Unser seit zehn Jahren verschollener australischer Ryan?«, staunen alle.

»Ja. Er ist gekommen, um uns zu helfen. Alle sind gekommen, um uns zu helfen. Ryan. Barry. Alina. Victor. Vielleicht gibt es doch noch genug Menschen, für die es sich zu leben lohnt.« Herberts Stimme bricht. Er weint.


Marcus’ e-Helper schlägt an.

»Hier ist Luftwaffengeneral Wang. Es ist unmöglich, Worte der Entschuldigung zu finden, für das was wir Ihnen durch das Bombardement angetan haben. Es wurde uns gegen unseren Willen von der Regierung befohlen, offenbar durch den hypnotisierten Verteidigungsminister. Inzwischen hat die PM wieder alles unter Kontrolle. Die Bomber werden sofort abgezogen, wir kommen natürlich für alle Schäden auf und können nur hoffen, dass es bei Ihnen zu keinen Verlusten an Menschenleben gekommen ist. Die Bomber berichten, dass Sie sich zum Glück einigermaßen geschützt haben. Wir hoffen, Sie haben auch keine Verletzten.«

»Nein«, antwortet Marcus schwach.

»Wir melden uns wieder. Brauchen Sie Unterstützung irgend einer Art?«

»Auch nein, danke«, beendet Marcus das Gespräch.


Sein Nein ist vielleicht verfrüht. In diesem Augenblick hört man Maschinegewehrsalven vor der Einfahrt zu ihrem Grundstück. Eine johlende und schießende Menge nähert sich ihrem Haus.

»Mein Gott, hört denn dieser Albtraum nie auf? Stephan, kannst du etwas tun? Moment, das sind ja lauter Freunde aus Tryphena - sie müssen einen Parabefehl von Tschau erhalten haben, der vor kurzem aktiviert wurde!«

Da versteht Alina, warum Tschau in Tryphena gewesen ist! Maria redet weiter.

«Alina, Stephan, bitte niemanden verletzten, nur entwaffnen und irgendwie fesseln. Wir müssen sie festhalten bis Cynthia zurück ist … sie wird viele Parablockaden zu entfernen haben.«



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Wellington


Ja, Cynthia hat viele Parablockaden zu entfernen, auch in Wellington. Die erste und dringendste ist die des Verteidigungsministers Sir Steed, der über seine Taten entsetzt ist und Wang sofort befiehlt, den Angriff abzubrechen. Wang erwähnt nicht, dass das Geschwader schon während der Bombardierung meuterte und er auf die Piloten stolz ist, die dies wagten.


Die Suche nach Tschau im Beehive bringt keine Erfolg. Tschau ist in seinen Moller geflohen. Dort sitzt er vor dem Start und grübelt. Er erinnert sich vage an eine Jacht und setzt ein Signal ab. Das ist der Auslöser für Jim, die Raketen gegen die Gruppe Marcus abzufeuern. Jim überlebt diesen Entschluss nicht lange.


Tschau erinnert sich an das Versagen von Denny und Kim. Er bestraft sie, indem er ihre Steuerungseinheiten explodieren lässt. Die beiden Männer sind noch immer durch Barrys Gift betäubt und merken gar nichts davon. Dann startet Tschau den Moller. Er hat vergessen, dass dieser eine Selbstzerstörungseinheit hat, die man beim Start ausschalten muss. Mit dem Moller endet auch das Leben von Tschau alias Dirkmann. Als die Polizei die Vorgänge rekonstruiert und darstellt, herrscht nur Erleichterung, keine Trauer.


Cynthia muss die Ministerinnen und Minister der Reihe nach behandeln, dann auch Marti. Er geht zu Sir Steed.

»Sir, ich wurde erpresst, aber ich hätte es nicht zulassen dürfen. Entschuldigen Sie. Ich stelle mich jetzt der Polizei.« Sir Steed nickt. Sir Steed reicht auch noch am selben Tag seinen Rücktritt ein.

»Ich bin vielleicht nicht verantwortlich für den Bombenangriff. Aber ich bin verantwortlich dafür, dass ich wenig vertrauenswürdige Leute wie Marti zu meinen engsten Mitarbeitern machte. Er hatte zwar zuletzt auch eine Parablockade, aber als er mich durch die Abnahme des e-Helpers Tschau auslieferte, hatte er die nicht.«


Als die Piloten des Bombergeschwaders auf den Stützpunkt Auckland zurückkehren, belobigt Luftwaffengeneral Wang sie für den Einsatz und den Mut zur Meuterei.

»Ich wünschte, ich hätte diesen Mut auch gehabt. Ich habe dem Verteidigungsminister bereits meinen Rücktritt bekannt gegeben.« Er lächelt.

»Die Annahme des Rücktritts war nicht so einfach, weil auch der Minister zurücktreten wollte. Wir haben dann die richtige Reihenfolge eingehalten. Er hat meinen Rücktritt akzeptiert und ist erst dann selbst zurückgetreten.«


Vom »Team der Zwölf« werden neun lebend aufgegriffen. Man weiß nicht Recht, was man mit ihnen machen soll und wird sie nach Palau abschieben. Nachdem die wichtigsten Punkte in Wellington erledigt sind, fliegt die PM mit Aroha und Cynthia zur Basis M. Cynthia nimmt sich der parahypnotisierten Freunde aus Tryphena an. Sie löscht soviel aus ihrem Gedächtnis, dass sie sich gar nicht mehr erinnern, die Basis M angegriffen zu haben, so dass »kein schlechtes Gewissen bleiben wird«, wie sie es formuliert.


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18. September 2022, 20 Uhr, Basis M


Einige Stunden sind seit den letzten Kämpfen vergangen. Es hat aufgeklart und ist windstill, ein schöner Abend nach einem albtraumähnlichen Tag!

Es hat viele Vorstellungen gegeben, viele Erläuterungen. Alina, Andrea, Maria und Marcus haben lange geredet. Maria freut sich, dass Alina bei ihnen bleiben wird. Alina ist beeindruckt, als sie erfährt, wer Victor ist. Und obwohl er »für mich viel zu alt ist« mag sie ihn und ist froh, dass er den Zeugen Jehovas nur gespielt hat.

Maria stört es nicht, dass Andrea und Marcus lange reden. Sie weiß, dass Andrea ein schlechtes Gewissen hat, weil sie damals in Wien[1] so dumm reagiert und Marcus nie von seiner Vaterschaft erzählt hat. Maria hat das Gefühl, dass sie sich mit Andrea gut verstehen wird. Trotzdem will Andrea nicht auf der Basis-M wohnen. Sie will sich eine Wohnung in Auckland suchen. Genau das will auch Barry, so wie seinerzeit[2]. Es ist klar, dass Andrea und er sich gut verstehen. Er will nicht viel über die letzten zwei Jahre reden, aber er entschuldigt sich bei Marcus für sein Verhalten.

»Hör auf damit. Wir waren Freunde und wir sind es wieder. Und wenn du heute nicht gekommen wärest, wer weiß ob wir Dirkmann besiegt hätten.«

Barry horcht auf: »Wieso Dirkmann, du meinst wohl Tschau.«

»Ja hast du denn nicht gewusst dass Tschau Dirkmann ist, nur nach einer absichtlichen Gesichtsoperation?«

Barry pfeift: »Nein, das wusste ich nicht. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich mit noch mehr Einsatz gearbeitet.«

»Das wäre gar nicht möglich gewesen«, lacht Marcus. Er ist aber sehr froh über das, was er gerade gehört hat. Barry kam zurück, um der Gruppe-M zu helfen, aber nicht, um sich an Dirkmann zu rächen, der für den Tod[3] von Barrys Frau verantwortlich war!


Victor und Rudolf sind ein Herz und eine Seele. Rudolf will alle Details der für 2024 geplanten Marsmission wissen, und Victor macht es Spaß, sie Rudolf zu erklären, denn er ist beeindruckt von dessen umfangreichen Astronomie-Kenntnissen.

»Ja, es ist inzwischen entschieden, dass ich einer der vier Astronauten sein werde, die fliegen. Sobald die erste unbemannte Versorgungsmission startet, das wird bald sein, muss ich dabei sein. Ab dann wird nur noch trainiert und trainiert!«

»Vielleicht treffen wir uns ja irgendwann am Mars«, kann sich Rudolf nicht zurückhalten.

Aroha und Herbert sitzen zufrieden beisammen, erzählen sich leise von Dingen, die ihnen heute aufgefallen sind.

»Was mich stört ist«, sagt Aroha, »dass Tschau offenbar einen Mindcaller gefunden und richtig analysiert hat. Wo mag der jetzt sein? Glaubst du, dass er zerstört ist, oder dass er noch einmal auftauchen wird?«

Herbert lächelt: »Ich glaube, wir werden ihm noch einmal begegnen. Mindcaller haben ein langes Leben.[4] Aber vielleicht willst du einmal Atlantis[5] dazu befragen?«

Am meisten ausgeschlossen scheint Ryan zu sein, jener Ryan, der als Sam im Green Bay wohnte. Er hat natürlich die Inserate und Suchaufrufe in den australischen Zeitungen gelesen und bekam das Gefühl, die Gruppe M benötige ihn dringend. Und so war es dann ja auch. Marcus setzt sich zu ihm.

»Ryan, wir wissen nicht wie wir dir danken sollen. Danke, dass du gekommen bist. Kann ich dir irgendwie helfen? Du scheinst sehr niedergeschlagen zu sein.« Ryan blickt Marcus liebevoll an.

»In der kurzen Zeit, die ich vor 10 Jahren bei euch war, habe ich mich hier sehr wohl gefühlt. Aber ich musste zurück, um meine Freundin Hannah[6] zu suchen und ihr zu helfen. Gefunden habe ich sie und wir lieben uns wie eh und je. Aber der gemeinsame Kampf gegen unsere Feinde läuft nicht so gut. Wenn ich euch da hineinziehe, gefährde ich Hannahs Leben. Aber wir werden euch einmal brauchen, glaube ich, und dann verständige ich dich. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Nicht aus Dankbarkeit oder so einem Unsinn, sondern weil wir Freunde sind. Jetzt kann ich nicht bleiben, so leid es mir tut.«

»Ryan, zögere nicht, uns einzuschalten. Du bist die mächtigste Parabegabung der ich je begegnen durfte, aber als Team sind wir noch stärker.«

»Ich weiß, Marcus, nur zurzeit dürfen wir nicht zusammen auftreten.« Ryan prüft die Uhrzeit.

»Ich habe gepackt und die letzte Fähre nach Auckland gebucht. Mein Flug nach Perth startet in 4 Stunden.«

Jetzt ist Marcus vorwurfsvoll: »Aber jeder von uns hätte dich mit dem Moller geflogen!«

»Danke, ich weiß, aber ich muss wieder mit mir allein sein. Ich zieh mich jetzt zurück und breche auf. Lass alle grüßen und sag ihnen, Hannah hat mich angerufen und sie braucht mich. Zumindest die Hälfte davon stimmt.«

Sie umarmen sich und Ryan verschwindet mit dem Mietauto in der Nacht. Marcus wird später mit den anderen noch viel über die Aussagen Ryans rätseln. An das, was Marcus vermutet, scheint aber niemand sonst zu denken.


Victors e-Helper schlägt an. Er hört aufmerksam zu.

Dann erklärt er: »Ich muss zurück in die USA. Die erste unbemannte Versorgungsmission zum Mars startet in drei Tagen. Man will, dass ich dabei bin und hat mich auf den Flug gebucht, der morgen früh Auckland verlässt. Ich werde also meine Koffer packen. Ich bin stolz zu euch zu gehören. Längstens 2025, wenn ich vom Mars zurück bin, gibt es eine große Feier für euch, das ist versprochen.«


Die PM meldet sich: »Ein Danke an euch von Neuseeland. Ich habe in den letzen eineinhalb Stunden so viel Neues gehört, das mir ganz schwindlig ist. Was ihr erlebt habt, seit ich das letzte Mal mit der Gruppe-M wegen Josef Rath und dann der UNO Rede zu tun hatte, ist eine so unglaubliche Geschichte, dass sie aus einem Märchenbuch stammen könnte und auch genauso aufhört: Ende gut, alles gut.«


Die Aufregungen und Anstrengungen des Tages beginnen sich auszuwirken. Als sich die Premierministerin von Marcus verabschiedet, hält sie lange seine Hand.

»Was täten wir ohne die SR-Inc.! Aber was hat SR-Inc. jetzt vor? Ist die Zukunft nach wie vor Telekommunikation?«

»Zum Teil schon«, entgegnet Marcus, »aber die wirkliche Zukunft liegt im Weltraum.«

»Und da ist dann SR-Inc. nicht dabei?«

Marcus lacht: »Wer sagt denn das?«

[1] Siehe »XPERTEN: Der Telekinet«

[2] Siehe »XPERTEN: Der Paradoppelgänger« 

[3] Siehe »XPERTEN: Die Parakämpfer« 

[4] Siehe »XPERTEN: Der Parakommunikator« 

[5] Siehe »XPERTEN: Das Paranetz« 

[6] Siehe »XPERTEN: Das Paraschild«