2. Der Fall Tom Gross
Ende 2021, Kalifornien
6
Tia öffnet vorsichtig die Haustüre. Als sie Tom sieht, strahlt sie vor Freude, lässt ihn ein und fällt ihn um den Hals.
»Schön, dich wieder zu haben! Ich war ohne dich ganz einsam. Jetzt haben wir einen langen Nachmittag und Abend vor uns. Komm, ich hab etwas Gutes für uns kalt gestellt.«
Sie zieht Tom lachend in die Küche, öffnet den Kühlschrank und bückt sich, um eine Flasche mit eisgekühltem Bellini herauszuholen. Was Tom sieht, erregt ihn augenblicklich. Tia trägt eine tief auf der Hüfte sitzende Jean und eine kurze Bluse, die einen Spalt Haut frei lässt. Und wie sie sich jetzt vornüber beugt, ist ein winziger schwarzer Tanga sichtbar, auch ein Teil ihrer Pobacken und es ist klar, dass der Slip der Zierde dient. Erregt lehnt sich Tom von hinten an Tia, die sich aufrichtet, seine Härte spürt und flüstert:
»Nicht so ungeduldig, er kommt schon noch auf seine Rechnung.«
Sie dreht sich um, stellt die Flasche weg, lässt ihre Hand in Toms Hose rutschen, zieht dabei Tom eng an sich und öffnet ihren Mund einladend. Der lange Kuss erregt Tom, Tia kann es nicht übersehen.
»Wie ungeduldig du heute bist. Jetzt gibt es zuerst einen Drink und dann wirst du verwöhnt, wie du es gerne hast.«
Tom versinkt im kleinen Wohnzimmer im Sofasessel. Tia schenkt ein und hockt sich vor ihm auf den Boden. Er bewundert ihre klaren, grasgrünen Augen, ihre vollen braunen Haare, von denen sich einige in der offenen Bluse verirren, die Andeutung ihrer spitzen Brüste und ihre langen überkreuzten Beine, auf denen sie sitzt, als wäre es der bequemste Sessel. Sie erzählt ihm amüsiert davon, dass sie heute wieder Modell gestanden ist und wie die Studenten auf sie reagiert haben. Während sie redet, streichelt er ihre Haare, folgt ihnen bis in die Bluse, öffnet noch einen Knopf und berührt ihre Brustspitzen. Ihr Redefluss kommt ins Stocken, sie setzt sich neben ihn und auch ihre Hände beginnen seinen Körper zu streicheln. Dann springt sie auf.
»Ich zeige dir, wie ich heute posiert habe.«
Sie zieht ihn ins Schlafzimmer. Während er sich auszieht, schlüpft auch sie aus den Jeans, zeigt ihm kurz den schwarzen Tanga, dann kramt sie im halbgeöffneten Spiegelschrank, bis sie findet, was sie will: Einen kleinen Bikiniunterteil, der ihrer Augenfarbe entspricht und jenen dünnen Schal, den er ihr vor mehreren Wochen in einer Boutique in San Diego für einen sagenhaften Preis gekauft hat, weil er so gut zu ihren Augen passt. Während er es sich auf dem große Bett bequem macht und über seinen nackten Körper ein Laken zieht, schließt Tia die Türen des Spiegelschrankes, schlüpft in den Bikini und lässt das grüne Tuch über Schultern und Brüste fallen. Sie stellt sich vor das Bett, dreht Oberkörper und Gesicht leicht zum Fenster hin und zeigt ihr perfektes Profil und die Silhouette der Brüste. So verharrt sie ganz ruhig, bis sie schließlich sagt:
»So bin ich heute gezeichnet worden … am Ende haben alle gesagt, ich soll doch das Tuch abnehmen, aber das mache ich nur für dich.«
Sie lässt das Tuch abwärts gleiten und schlüpft aus dem Bikini. Bevor Tom noch etwas sagen kann, wirft sich Tia auf ihn und vergräbt ihr Gesicht in seiner Haut. Er genießt, was er sieht und was ihm geschieht.
Später liegt Tom allein auf dem Bett, während Tia in der Küche das Abendessen bereitet. Tom segnet den Tag, an dem er in einem Chatroom[1] im Internet auf Tia stieß. Sie unterhielten sich mehrmals via Internet. Tia, ursprünglich aus Mexico, aber mit deutschsprachigen Eltern (ihr Englisch hat nur einen minimalen fremden Einschlag), war vorübergehend auf Besuch in Los Angeles. Sie hatte keine Arbeitserlaubnis. Tom lud sie nach San Diego zu einem Treffen ein.
»Kosten übernehme natürlich ich«.
Diese zwei Tage in seiner Heimatstadt waren einfach atemberaubend gewesen, auch wenn er einige Lokale meiden musste, um nicht auf seine Frau, seine Kinder oder einen Freund oder Mitarbeiter zu stoßen. Tia entpuppte sich als ein Schatz. Sie war ausnehmend hübsch, intelligent, begeisterte sich für Musik und Literatur, war immer an Sex interessiert und auch an Varianten, von denen Tom mit seiner Frau nur hätte träumen können. Die bloß 22 Jahre von Tia waren auch kein Nachteil.
Mit einigem Herzklopfen schlug daher Tom vor drei Monaten vor, dass er die Kosten der Wohnung in Los Angeles übernehmen und ihr ein bisschen Haushaltsgeld geben würde, um sie in den USA zu halten. Den Rest könne sie durch Übersetzungsarbeiten und Modellstehen, wie auch bisher, verdienen. Dafür würde er aber erwarten, dass sie ihn auf seinen häufigen Reisen begleiten und ihn als ihren einzigen intimen Freund betrachten würde.
»Das Arrangement ist von beiden Seiten jederzeit kündbar«, sagte er noch dazu.
»Du willst mich also aushalten?«, meinte damals Tia ernst.
»Verwende diesen Ausdruck nicht. Ich möchte dich bei mir haben. Ich liebe dich. Vielleicht wird noch mehr daraus und ich lasse mich scheiden. Du sagst, du hast jetzt keinen Freund. Wir verstehen uns doch gut, was verlierst du also? Wenn du dich in jemand anderen verliebst, habe ich Pech gehabt.« Es wurde damals noch einige Zeit diskutiert, doch schließlich stimmte Tia zu.
Tom hofft, dass Tia den Entschluss bisher so wenig bereut hat wie er. Ihre erste gemeinsame Reise nach New York, wo sie in einem Nobelhotel in der Nähe des Central Parks wohnten oder die Reise zum Lake Taho im Spätherbst wurde zu Flitterwochen mit Kultur und Spaß. Tom plant schon die nächste Reise über Silvester nach Florida… Noch überlegt er, wie er dies seiner Frau als Geschäftsreise unterjubeln kann. Seine Frau vertraut ihm so blind und ist so mit den beiden Kindern und ihren Freundinnen beschäftigt, dass es schon klappen wird. Übrigens war auch die Entscheidung, Tia in Los Angeles zu lassen, geschickt gewesen, ist Tom überzeugt. So ist die Chance, unfreiwillig entdeckt zu werden, sehr viel kleiner.
»Faulpelz«, kommt es aus der Küche.
»Das Essen ist fertig«. Wenige Minuten später sitzen sie im kleinen, gemütlichen Wohnzimmer, wo Tia liebevoll gedeckt und angerichtet hat. Sie trägt den roten seidenen Schlafmantel, den Tom ihr in Lake Taho zum Geschenk machte.
»Du bist schon angezogen?«, fragt Tia etwas vorwurfsvoll.
»Ja, sorry Liebling, ich muss nach San Diego zurück, ich habe morgen einen frühen Termin.« Tia protestiert halbherzig.
Beim Essen diskutieren sie die Chancen der Aufnahme Russlands in die EU, ihre nächste Reise und das letzte Musical, das sie sich in New York angesehen haben: ‚42nd Street’, es läuft schon seit 30 Jahren! Als Tom im Begriff ist aufzubrechen, rückt Tia mit einer Bitte heraus. Sie braucht mehr Geld. Er habe doch genug davon, sie sei einsam, sie müsse ein wenig Einkaufen, um sich abzulenken. Das Doppelleben, das er führt, müsse ihm doch etwas wert sein, schließlich wäre es dumm, wenn seine Familie oder die Schulbehörde in San Diego, wo er Abteilungsleiter ist, davon erfahren würde usw.
Tom ist schon in Eile und es kommt ihm nicht auf ein paar hundert Dollar mehr oder weniger an. Er gibt Tia eine größere Summe. Sie entschuldigt sich, dass sie ihn mit so etwas belästigt. Sie trennen sich mit Liebesbeteuerungen und heftigen Küssen, bis Tia meint:
»Nochmals ins Bett zurück? Meine Einladung hast du.« Er winkt ab.
7
Nachdem Tom weggefahren ist geht Tia in ihr Schlafzimmer. Sie öffnet den Spiegelkasten, stellt die Videokamera ab, nimmt sie heraus und sieht sich dann bei zwei Gläsern Wein an, was sie aufgenommen hat. Sie ist nicht zu frieden. Einige der heißeren Szenen sind außerhalb des Bildausschnittes, bei anderen verdeckt sie selbst zu viel. Sie ist sicher, dass ihr Komplize das ähnlich sehen wird.
»Willst du noch rüber kommen?«, ruft sie Vladimir über den e-Helper an.
Zusammen analysieren sie die Lage. Es war Vladimirs Idee, die Situation zwischen Tia und Tom auszunützen. Ohne dass sie dies Vladimir sagt, hat sie ja bereits heute mehr Geld bekommen. Wenn Vladimir davon wüsste, stünde ihm die Hälfte davon zu. Bei der Erpressung, die sie vorhaben, ist das die Vereinbarung. Tia hatte anfänglich nichts von Erpressung wissen wollen.
»Wir brauchen mehr als ein paar harmlose Chats und Knutschbilder, wenn wir zuschlagen wollen«, meint Vladimir.
»Sonst könnte zwar seine Frau verstimmt sein, aber wenn wir nicht seine Karriere ernsthaft gefährden können, wird er nicht anständig zahlen. Zeig einmal her, was du heute aufgenommen hast.«
Tia weiß, dass
Vladimir das Video auch sehen will, weil er sie nackt beobachten
kann, weil er sie gerne für sich hätte und wenn sie sich schon
sonst ziert, dann will er sie wenigstens im Film genießen. Tia ist
darüber amüsiert. Die meisten Männer wollen Sex mit ihr. Sie weiß,
dass sie verführerisch aussehen kann. Eigentlich ist da Tom fast
noch besser, der redet auch mit ihr, schätzt sie auch für andere
Qualitäten. Schade, dass sie ihm das antun muss. Aber er könnte
sich ja auch wirklich aufraffen und seine Frau endlich in die Wüste
schicken.
Tia gibt dem Drängen Vladimirs nach, zeigt ihm das Video, kommentiert es an einigen Stellen sogar kräftig, es macht ihr Spaß, zu sehen, wie heiß Vladimir wird.
»So, und jetzt beruhige dich wieder,« sagt sie anschließend spöttisch.
»Was meinst du? Wie soll es weiter gehen?«
»Wir brauchen etwas Schärferes und für ihn Gefährlicheres und das muss besser vorbereitet sein.«
Vladimir erklärt Tia seinen Plan. Sie muss zugeben, er ist gut durchdacht.
8
Während Tom von Los Angeles aus auf die Autobahn Richtung San Diego zufährt, hat er ein eigentümliches Gefühl. Er kann es nicht genau einordnen, doch dann wird ihm bewusst, was an ihm nagt. Ist der Wunsch Tias nach mehr Geld, mit dem Hinweis auf seine Frau und seinen Beruf, nicht in der Nähe von Erpressung angesiedelt? Er versucht, sich die genaue Wortwahl ins Gedächtnis zu rufen und übersieht so, dass gerade ein Auto neben ihm fährt, in dem einer seiner besten Freunde aus Europa sitzt! Doch dieser hat das zufällige Treffen bemerkt, lässt die Fensterscheibe runter, hupt und winkt Tom zu, eine Parkplatz anzusteuern.
»Hallo, Tom, wo kommst denn du her?«, ruft Professor Leitner fröhlich.
»Das ist eine Überraschung, Jürgen«, antwortet Tom, »ich hatte geschäftlich in Los Angeles zu tun und muss nach San Diego zurück. Trinken wir doch einen Kaffee zusammen? Wieso bist Du überhaupt in Los Angeles?«
Leitner lacht: »Ich bin auf dem Weg von Österreich nach Singapur und habe den Umweg über die USA gebucht, weil ich so einen beruflichen Termin mitnehmen kann.«
Die Freunde sitzen bald darauf in einem einfachen Restaurant in Los Angeles, wo sie sich einen Clam-Chowder und ein Glas Bier genehmigen. Leitner erzählt, dass viele Module aus dem seinerzeitigen Mindwave[2] Projekt inzwischen erfolgreich im Einsatz sind, etwa bei der Analyse von großen Mengen von Daten, wie sie durch die Millionen Überwachungskameras weltweit anfallen.
»Wie vieles, ist auch diese Technologie zweischneidig. Sie macht zwar das Leben sicherer, führt aber auch zu immer mehr Überwachung. Und ich glaube, es kommt bald eine zusätzliche Überwachungswelle über Kameras auf uns zu. Aber darüber darf ich noch nicht zu viel erzählen.«
Leitner merkt, dass Tom gar nicht richtig zuhört.
»Was ist los mit dir, Tom? Irgendwas macht dir zu schaffen. Kann ich helfen? Hast du eine neue Freundin, oder Probleme mit der Mexikanerin, die du mir einmal vorgestellt hast? Täte mir echt leid, ihr habt recht glücklich ausgesehen… Ist deine Frau dahinter gekommen, ist es das?«
Leitner ist zwar älter als Tom, aber die beiden kennen sich schon so lange und so gut, dass sie auch über intime Dinge sprechen. ‚Ist es Fügung, dass ich gerade heute Jürgen treffe, wo ich zum ersten Mal an Tia zweifle?’, überlegt Tom. Er schaut Leitner fast bewundernd an:
»Ja, ich habe vielleicht ein Problem!«
Ohne die Antwort abzuwarten, berichtet Tom über Tia und über die letzten Stunden, vor über ihre Formulierungen bei der Bitte nach mehr Geld. Leitner wird nachdenklich:
»Ich glaube, du solltest aufpassen. Du hast doch Tia über einen Internet Chatroom kennen gelernt. Verwendest du diesen noch immer, um mit ihr zu kommunizieren?«
»Ja«.
»Dann gib mir das Pseudonym, das du verwendest, dein Password und den Namen des Chats. Ich werde die Situation für den Notfall ein bisschen überwachen.«
»Was willst du machen und wie soll das helfen, woran denkst du, Jürgen?«
»Ich hab eine verrückte Idee, wie man dich vielleicht hineinlegen kann und ich glaube, ich kann dich in diesem Fall schützen. Frag’ jetzt nicht mehr, mach ruhig mit Tia weiter wie bisher, genieße die Zeit. Wenn dir aber etwas auffällt, dann kontaktiere mich sofort.«
Das Thema scheint abgeschlossen, denn die beiden fachsimpeln ab jetzt nur mehr über Computer, wie sie dies immer tun. Leitner, der Informatikprofessor und Tom, als einer der führenden Köpfe in der Informationsverarbeitung der Schulbehörde von San Diego, haben sich immer viel zu erzählen. Bevor sie sich trennen, ruft Tom noch seine Frau an:
»Entschuldige, Irma, dass es später wird. Ich habe zufällig Jürgen getroffen und da haben wir uns, wie so oft, ein bisschen vertratscht.«
Leitner verbessert das ‚Alibi’ noch, indem er selbst Toms e-Helper verwendet und ein kurzes Videogespräch mit Irma führt.
Tom fährt ruhiger als vor dem Treffen mit Leitner, nach San Diego zurück, zerbricht sich freilich den Kopf, wie Leitner ihn schützen will. Und schützen wovor?
Leitner ist
kein Freund des Abwartens. Er ruft sofort Marcus in Neuseeland an.
Dort hat bereits der neue Tag begonnen.
»Marcus, kannst du mir einen großen Gefallen tun? Kannst du alle Internetkaffees in San Diego möglichst unauffällig mit Kolibridrohnen überwachen und mir die Filme zukommen lassen?«
»Wenn es für dich wichtig ist, werde ich es sofort veranlassen. Ich glaube, du weißt, dass wir in einer heiklen Phase der Drohnenentwicklung stecken und ich nichts weniger brauchen kann, als dass man eine unserer Drohnen unzerstört analysieren kann. Sie in den kleinen Internetkaffees zu verstecken, ist nicht ganz einfach. Du musst entscheiden, ob dein Anliegen wichtig genug ist.«
Leitner zögert kurz.
»Marcus, es kann das Leben eines meiner besten Freunde zerstören, wenn es nicht geschieht.«
»In diesem Fall sei unbesorgt, es wird sofort in die Wege geleitet. Ab morgen Abend deiner Zeit sollten wir eine lückenlose Überwachung haben.«
9
Es vergehen drei Tage, bis Tom wieder eine Möglichkeit findet, unauffällig nach Los Angeles zu fahren. Als er aus seinem Kleiderschrank in San Diego sein neues Poloshirt nimmt, zögert er überrascht. Er hat es doch erst einmal ein paar Stunden angehabt und hier liegt es frisch gewaschen auf dem Stapel. Irma wäscht eigentlich nie etwas, wenn er es nicht in den Korb mit Schmutzwäsche legt. Es ist nur eine Nebensächlichkeit, aber die Sache verwirrt ihn.
»Irma, hast du mein neues Poloshirt gewaschen?«
»Nein, wäre es denn notwendig gewesen?«
»Nein, das ist es ja, was mich wundert.«
»Du hast es vermutlich irgendwo herumliegen lassen und unsere Hausgehilfin Olga hat es dann wohl in die Wäsche getan.«
Dies ist eine plausible Erklärung, obwohl Tom sicher ist, dass er das Poloshirt nicht hat ‚herumliegen’ lassen.
In Los Angeles wartet Tia auf ihn. Sie hat sich besonders hübsch gemacht, um Tom zu gefallen. Als sie nach der Begrüßung beim traditionellen Drink zusammensitzen und einige Neuigkeiten austauschen, berührt Tia Tom öfter als sonst, lässt kokett immer wieder nackte Haut aufblitzen, erzählt, wie sie bei der letzten Malklasse fast gezwungen wurde, sich ganz auszuziehen und nur das Eingreifen des Lehrers das im letzten Moment verhinderte. Sie schildert einige recht erotische Begebenheiten. Es ist klar, dass sie nicht lange auf Sex warten will und Tom wird dadurch sehr erregt. Dann bricht es plötzlich aus Tia heraus:
»Ich möchte, dass wir heute ein Spielchen machen. Du musst mitmachen. Wir spielen eine Szene wie in einem Film. Du erklärst mir, dass ich aus der Wohnung ausziehen und nach Mexiko zurück muss, außer, ich stehe dir als Sexspielzeug zur Verfügung. Ich werde natürlich empört sein, du darfst aber nicht aufhören, bis ich nachgebe. Und immer, wenn ich zögere, musst du notfalls grob zu mir sein, du erzwingst, was du willst. Und du sollst auch ein paar gemeine Dinge mit mir machen.« Tom ist erregt.
»Was meinst du mit gemeinen Dingen?«
»Erinnerst du dich an den Sexfilm, den du vor zwei Wochen mitgebracht hast? Ich hab die prickelnden Stellen für dich zusammen geschnitten. Ich führ sie dir jetzt vor. Das und ein bisschen Massage sollten dich in Schwung bringen.«
Tom kommt gar nicht dazu, es sich zu überlegen, da beginnt schon die erste Szene des Holofilms. Während Tom gebannt zusieht und einige Male verblüfft stammelt »das willst du, dass ich mit dir mache?« beginnt Tia Tom zu massieren. Zweimal entfährt es ihm »ja, mehr!« aber Tia lacht und sagt:
»Heb dir deine Energie für später auf!«
»Bist du bereit für das Spiel?«
Tom kann nur nicken. Sie gehen ins Schlafzimmer. Tia ist hübsch, aber noch ganz angezogen und holt sich aus dem Spiegelschrank ihr geliebtes grünes Tuch.
Tia beginnt: »Du meinst wirklich, was du mir geschrieben hast? Dass ich die Wohnung aufgeben muss, außer ich mache bei allem mit, was du mit mir machen willst? Das kann doch nicht dein Ernst sein.«
Tom gibt nicht nach, bis Tia, offenbar widerwillig, beginnt, sich auf Befehl zu entkleiden. Fast eine Stunde lang dauert das Spiel. Tom genießt es durchaus, und mehrmals wehrt sich Tia, als würde sie nicht mögen, was passiert. Aber Tom zwingt sie zu allem, wie vereinbart.
Sie duschen gemeinsam, Tia lacht.
»Du hast gut gespielt, ich hoffe ich auch. War nicht immer gar so angenehm, aber insgesamt doch lustig, oder?«
Tia macht ein einfaches Abendessen, sie plaudern noch eine Weile. Es kommt Tom vor, dass ihn Tia einige Male eigentümlich ansieht. Er denkt sich nicht viel dabei und dass sie ihn gar nicht mehr fragt, ob er bei ihr über Nacht bleiben will, wundert ihn nicht.
»Danke für das Spielchen, Tia«, verabschiedet er sich, »ich werde es wohl nicht so schnell vergessen können.«
»Ja, ich glaube, wir beide werden einige Zeit daran denken müssen«.
Kaum ist Tom aus der Wohnung, holt Tia die Videokamera aus dem Schrank und schaut sich den Film an. Ja, diesmal ist es geglückt. Sie muss nur am Anfang und am Ende etwas herausschneiden, dann sieht es absolut authentisch aus. Der wohlhabende, ältere Mann, der ein Mädchen gegen seinen Willen zu Aktionen zwingt, wie man sie sonst nur aus Pornofilmen kennt. Tia ruft Vladimir an. Er soll nun die ‚geschäftliche Seite’ in die Hand nehmen.
10
Nach zwei Tagen erhält Tom am Vormittag einen Anruf von Tias Handy. Aber es nicht Tias Stimme, die er hört, sondern die Stimme eines Mannes mit russischem Akzent. Die Botschaft ist klar: Kein Kontakt mehr zu Tia und wenn Tom will, dass von der Affäre nichts an die Öffentlichkeit kommt, eine einmalige Abschlagszahlung von 10.000 Dollar. Es gibt keinen Verhandlungsspielraum. Wenn in einer Woche das Geld nicht auf dem angegebenen Konto liegt, erhalten Toms Frau und sein Arbeitgeber Unterlagen, die für ihn unerfreuliche Konsequenzen haben werden.
Tom überlegt. Er hat nichts Rechtswidriges getan, Tia ist nicht minderjährig und sie hat alles freiwillig gemacht. Er wird seiner Frau beichten müssen und hofft, dass er das irgendwie wieder richten kann. Sein Arbeitsgeber macht ihm weniger Sorgen. Er ruft Leitner an.
»Jürgen, was soll ich tun? Ich kann nicht glauben, dass mir Tia das antut. Es war aber ihr Handy. Ich werde jemanden bei ihrer Wohnung vorbeischauen lassen und sie bitten, mich anzurufen. Ist das in Ordnung oder was soll ich sonst tun?«
Leitner ruft eine halbe Stunde später zurück.
»Tom, ich fürchte, die Sache ist ernst. Ich habe nachforschen lassen. Die Wohnung Tias wurde geräumt. Ich halte es für denkbar, dass Tia gar nicht mehr in den USA ist, damit sie nicht wegen Erpressung vor Gericht gestellt werden kann. Wenn du es dir leisten kannst, zahle die 10.000 Dollar. Wenn du Glück hast, ist damit der Spuk zu Ende. Ich fürchte aber, dass weitere Forderungen kommen werden und weiter darfst du dich dann nicht erpressen lassen. Wenn noch ein Anruf kommt, nimm ihn auf, er kann dir vermutlich später helfen. Rühr dich, wenn etwas Neues passiert … ich halte dir die Daumen, dass das nicht geschieht.«
Tom zahlt. Der gefürchtete Anruf kommt nur wenige Tage später.
»Danke für die prompte Überweisung. Unsere Geschäftsbeziehung scheint sich ja gut zu entwickeln. Sie werden einsehen, dass Tia und ich nicht so leicht zu befriedigen sind. Wir haben nachgerechnet: Hätten sie sich von ihrer Frau scheiden lassen, so würde sie das monatlich mindest 5.000 Dollar kosten, abgesehen von der Hälfte ihres gegenwärtigen Besitzes. Wir machen daher folgenden Vorschlag: sie zahlen jährlich 60.000 Dollar, die erste Rate innerhalb einer Woche. Dann lassen wir ihnen ein Jahr für die nächste Rate Zeit.«
Tom bleibt so ruhig wie er kann:
»Ich werde keinen Dollar mehr zahlen. Ich habe etwas gemacht, wofür ich keine Lorbeerkränze bekommen werde, aber nichts war ungesetzlich und wenn Sie damit an die Öffentlichkeit gehen, werde ich das eben durchstehen müssen. Geld bekommen Sie so oder so nicht mehr.«
»Ich glaube, sie unterschätzen uns. Vielleicht wollen Sie einmal Ihre letzten Emails ansehen, dann könnte es sein, dass Sie ihre Meinung ändern. Wir werden übrigens nicht mehr kommunizieren. Entweder das Geld geht ein wie gefordert, oder wir machen alles publik. Abgesehen davon, wird Tia wird sie dann klagen. Sie hat unzählige Belege in der Hand, um zu beweisen, dass Sie sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die USA gelockt haben. Und das wird Sie dann doch noch einiges kosten.«
»Und Tia und Sie werden wegen Erpressung vor Gericht gestellt.«
»Ich glaube, Sie irren sich. Schluss mit dem Gerede. Sie brauchen auch diese Handynummer nicht mehr anrufen, das Handy wird jetzt entsorgt. Alles hängt davon ab, ob innerhalb einer Woche 60.000 Dollar eingehen.«
Damit ist das Gespräch zu Ende. Tom hat es mitgeschnitten. Er öffnet die neu eingegangenen Botschaften auf seinem Computer und zuckt zusammen. Die Bilder vom letzten »Spiel« mit Tia springen ihm in die Augen. Tom schwindelt. Tia hat die Szene bewusst gestellt und mitgefilmt, um zu beweisen, was sie alles gegen ihren Willen machen musste! Bevor er sich von dem Schock erholen kann, sieht er die Kopie einer Seite aus dem Chatroom, auf der er Tia, die noch in Mexiko ist, einlädt, in die USA zu kommen. Er bietet ihr eine Wohnung in Los Angeles und einen gut bezahlten Job in einer Kunstschule an. Er weiß, dass er das nie geschrieben hat. Aber wer hatte das Password für sein Pseudonym, und wer konnte die Informationen im Chatroom so fälschen, dass ein offensichtliches falsches Datum zu sehen ist?
Für Tom beginnt ein Albtraum. Es fängt damit an, dass er diesmal Leitner nicht erreicht, er ist in wichtiger Mission in Singapur. Vielleicht ist er über Marcus zu kontaktieren. Fast ein Tag vergeht, an dem Tom wie gelähmt ist, bis er zu Leitner durchkommt und ihm von den neuen Entwicklungen erzählt.
»Tom, ich bin noch einige Zeit in Singapur oder Asien. Es geht um das Leben zweier Menschen. Für dich werden jetzt unangenehme Tage und Wochen kommen, aber abgesehen von deiner Familie, wo ich die Situation nicht beurteilen kann, wird sich alles einrenken. Das Wichtigste ist, dass du auf keinen Fall zahlst. Zweitens, du beichtest alles deiner Frau. Sie wird entsetzt sein und Tage brauchen, um darüber hinwegzukommen, aber sie ist vielleicht deine moralische Stütze, wenn es dick kommt und es wird dick kommen. Drittens, du berichtest dem Chef der Schulbehörde womit du erpresst wirst. Er muss es von dir hören, nicht von den Erpressern. Viertens, kontaktiere meinen Freund, den Rechtsanwalt John Plank in Long Beach, Los Angeles. Ich rufe ihn gleich anschließend an, damit er vorgewarnt ist. Fünftens, lösche nichts auf deinem Bürocomputer oder e-Helper, du machst dich damit nur verdächtig. Aber wenn du zu Hause Pornofilme, Bilder, oder Ähnliches hast, entsorge das, genauso wie Entlehnkarten von einschlägigen Geschäften. Plank kann dir genauer erklären, warum. So, jetzt mach dir nicht zu große Sorgen. Ich schätze, du hast starke Gegner, die viel Zeit in ihre Erpressung investiert haben, aber wir sind die Stärkeren.«
Tom berät sich zuerst mit John Plank und bekommt wichtige Hinweise.
»Erzählen Sie Ihrem Chef und Ihrer Frau alles, auch was vielleicht noch kommen könnte, selbst wenn es falsch ist … wie etwa die Einladung von Tia in die USA. Nichts ist schlimmer, als wenn man Ihnen einigermaßen traut und verzeiht und dann kommt noch mehr ans Tageslicht. Es ist durchaus möglich dass Sie eine Büro- und Hausdurchsuchung vor sich haben. Vernichten Sie alles, auch harmlose Bilder aus Sexmagazinen. Es schauen sich zwar 95% der Menschen solche Bilder ab und zu an, in einem Verfahren wird ein Psychiater Sie aber aufgrund solcher Abbildungen eventuell als ‚sexuell abartig’ einstufen. Umgekehrt, alles was elektronisch geschehen ist, lassen Sie so, wie es ist. Seit den Terrorzeiten, zu Beginn des Jahrhunderts, wird so viel aufgezeichnet, dass man fast alles rekonstruieren kann. Da ist es besser, wenn man das gar nicht erst versteckt. Sie haben alle Unterhaltungen in den Chatrooms des Internets aufgezeichnet? Das ist hilfreich. Bitte übermitteln Sie mir eine Kopie, ich möchte das durchgehen. Und keine falsche Scham vor mir – wir arbeiten jetzt als Team zusammen, verheimlichen Sie mir nichts. So, und nun die nächsten Schritte - Chef und Frau informieren, wie vereinbart.«
Der Präsident der Schulbehörde schätzt seinen Mitarbeiter Tom. Er versichert, dass er Tom traut und unterstützen wird, soweit wie möglich.
Die Beichte zu Hause wird zur Katastrophe. Und doch, nach langen Stunden, beginnt Irma von sich aus zuzugeben, dass sie vielleicht nicht ganz unschuldig ist. Sie hat sich wegen der Kinder zu wenig um Tom gekümmert und wollte von Sex nichts mehr wissen. Vielleicht wird die Erpressung für Tom und Irma sogar zur Chance. Durch die Probleme könnten sie wieder zueinander finden.
11
Zwei Tage nach Ablauf der Zahlungsfrist geht bei Anna Links, der Frauenverantwortlichen der Schulbehörde, ein Paket mit Fotos und Kopien ein, die Tom schwer belasten. Frau Links wurde nicht informiert (ein Versehen aller bisher Involvierten) und schaltet sofort die Polizei ein.
Tom wird vorübergehend in Untersuchungshaft genommen, sein e-Helper und sein Computer werden beschlagnahmt und eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Nach Intervention von Plank und da keine weiteren wichtigen Beweisstücke gefunden werden, erfolgt die Anzeige auf freiem Fuß. Die Beschuldigungen enthalten: Vorspiegelung falscher Tatsachen; Menschenhandel; Sex mit einer Minderjährigen; Missbrauch und Nötigung.
Tom hat Tias Reisepass gesehen. Wenn dieser nicht gefälscht ist, so ist sie 22 und nicht minderjährig. Plank erreicht, dass Interpol eingeschaltet wird. Dies erweist sich als erfolgreich. Tia wird in Mexiko City gefunden, sie ist 22 Jahre alt. Für Tom genau so wichtig: es kann nachgewiesen werden, dass sie bereits in den USA wohnte, bevor die ersten Kontakte über den Chatroom erfolgten. Selbst die Kopien, in denen Tia überredet wird, in die USA zu kommen, sind so datiert, dass Tia damals schon in den USA war. Sie müssen daher Fälschungen sein, wie es dazu kommen konnte, ist freilich noch unklar. Von den Beschuldigungen bleibt demnach »nur noch« Missbrauch und Nötigung, wie vor allem durch das Video dokumentiert.
Die Erklärung
Toms, dass es sich hier um ein von Tia gewünschtes Spiel gehandelt
habe, bricht zusammen, als man im Chatroom Mitteilungen vom
Pseudonym Toms findet, die am Tag vor dem ‚Spiel’ an Tia gesandt
wurden (von einem Internetkaffe in San Diego aus) und die bereits
die Drohung beinhalten: Du machst morgen mit, oder du verlierst die
Wohnung! Auch andere Aussagen, die Tom in einem sehr ungünstigen
Licht zeigen, sind enthalten. Etwa der Satz:
»Morgen bist nur du dran, aber das nächste Mal nimmst du das junge Mädchen, das immer mit dir Modell steht, mit und wir machen etwas zu Dritt.«
Tom schwört, dass diese Meldungen gefälscht sind. Er ist seiner Frau unendlich dankbar, dass sie ihm glaubt. Zu Toms Unglück hat er kein Alibi für die Zeit des Chats, er war in Los Angeles unterwegs, in mehreren Geschäften einer Mall, doch dort erinnert sich niemand an ihn. Dann wird es für Tom endgültig eng. In unmittelbarer Nähe des Internetkaffees befindet sich ein RFID Detektor, ein Gerät, das Chips, die in modernen Geräten oder Kleidungsstücken eingebaut sind, registrieren kann. Beim Kauf mit einer Kreditkarte wird in den Chip des Objekts die Kreditkartennummer, also die Identität des Käufers, eingespeichert. Damit gehört der Diebstahl von Fahrrädern, von Regenschirmen, ja selbst von Kleidungsstücken der Vergangenheit an, weil die an vielen Orten aufgestellten Detektoren die Objekte mit Chips aufspüren können. Der RFID Detektor beim Internetkaffee hat einige Minuten vor dem fraglichen Chat und kurz nach dessen Beendigung einen Chip geortet, der in einem von Tom gekauften Poloshirt eingenäht ist. Bei einer zweiten gezielten Hausdurchsuchung wird dieses Poloshirt, das der Detektor geortet hat, auch tatsächlich bei Toms Kleidung gefunden. Damit ist eindeutig bewiesen, dass Tom beim Internetkaffee gewesen ist, was er vehement bestreitet.
Als Tom mit Irma und Plank beim Verhör bei der Polizei sitzt, ist er verzweifelt.
»Sie müssen mir glauben, ich war nicht dort, hier wurden Informationen manipuliert.«
Irma will Tom ja glauben, Plank bleibt stumm und der Kommissar ungerührt:
»Ich fürchte, die Beweise sprechen gegen Sie. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie ein Geständnis ablegen.«
In diesem Augenblick geht die Tür auf und Professor Leitner kommt herein.
»Es gib gibt nichts zu gestehen. Tom Gross hat nicht gelogen, aber er ist fast einem raffinierten Trick zum Opfer gefallen. Schauen wir uns doch dieses Video an, das von einer Überwachungskamera des RFID Detektors stammt. Erinnern Sie sich an die Zeiten, wo der Detektor mit den Daten Toms ansprach, es war 18:03 bzw. 18:46. Beobachten Sie die eingespielte Zeit und was beim Detektor um 18:03 bzw. 18:46 geschah. Leitner startet das Video um 18:00. Die Straße ist leer. Da, knapp vor 18:03 wird plötzlich ein Mann sichtbar, der Richtung Internetkaffee unterwegs ist und um genau 18:03 beim Detektor vorbeigeht. Er trägt ein Poloshirt, wie Tom es hat, aber er ist eindeutig nicht Tom! Bevor jemand unterbrechen kann, setzt Leitner das Video bei 18:44 auf. Ein Mann mit einem Poloshirt kommt aus dem Internetkaffee heraus. Sein Gesicht ist gut erkennbar, es ist nicht Tom. Um genau 18:46 ist der Mann beim RFID Detektor.
Leitner bricht das verblüffte Schweigen.
»Es ist klar, was geschehen ist. Jemand hat bewusst Toms Polohemd getragen und dann im Internetkaffee bzw. Chat die Rolle von Tom gespielt. Damit wurde die gefilmte Szene, die auf Wunsch von Tia, wie Tom immer beteuerte, gespielt wurde, künstlich authentisch gemacht.«
Der Polizeikommissar unterbricht:
»Ja, ich verstehe, aber wir haben doch erst heute das Polohemd in Toms Wohnung gefunden.« Leitner zuckt die Schultern:
»Es muss gegen ein gleich aussehendes ausgetauscht worden sein.«
»Olga, unser Hausmädchen!«, ruft da Irma, »Tom, erinnerst du dich noch, wie du dich über das frisch gewaschene Polohemd gewundert hast, das noch kaum getragen war?« Tom stößt einen Seufzer der Erleichterung aus:
»Danke, Jürgen!« Jürgen Leitner ist noch nicht fertig.
»Ich habe noch einige Überraschungen.«
Er legt das Video ein, das im Internetkaffee zur Überwachung aufgenommen wurde. In der fraglichen Zeit ist nur der Mann, den sie vorher bemerkt haben, im Internetcafé zu sehen, keine Spur von Tom. Gegen Ende kommt eine junge Frau herein.
»Unsere Olga!«, ruft Irma verblüfft. Olga geht zu dem Mann, der am Gerät offensichtlich in einem Chat ist, und fragt:
»Läuft alles wie geplant?«
»Ja, Schätzchen«, ist seine Antwort und er gibt Olga einen Kuss.
»Wir haben mit unser Gesichterkennungs-Software den Mann identifizieren können. Es ist Vladimir Sushcenkowitsch aus der Ukraine, ein gesuchter Computer-Hacker. Kein Wunder, dass er kein Problem hatte, das Password Toms auszuspionieren und falsche Chatbeiträge nachträglich in den Computer zu hacken. Da wir auch die Frau identifizieren konnten und das Konto, auf das einmal 10.000 Dollar überwiesen wurden, dieser Frau gehört, konnten wir sie und Vladimir, der bei ihr wohnte, verhaften. Olga ist eine Betrügerin. Tom und Irma, ihr solltet überprüfen, ob die Kontostände auf euren Sparbüchern noch stimmen. Wir haben diese bei Olga gefunden.« Jürgen Leitner überreicht ihnen einige Sparbücher.
Dr. Plank meldet sich zu Wort:
»Der Fall ist damit wohl gelöst, leider nicht zu Ende. Einerseits läuft das Verfahren gegen Tom noch, bis es niedergeschlagen wird. Da es von einer mexikanischen Staatsbürgerin betrieben wird, ist das technisch schwierig. Es ist denkbar, dass sich Toms Name noch mehrmals unerfreulich in den Medien findet. Wir beantragen ein Verfahren wegen Erpressung und Verleumdung gegen Tia und Vladimir. Da Tia schon außerhalb der USA ist und er an die Ukraine ausgeliefert wird, sind die Chancen, dass wir etwas erreichen gering, doch Tom ist damit weitgehend rehabilitiert.«
12
Später sitzen Tom und Jürgen zusammen. Tom resümiert: »Es war infam ausgeklügelt. Unter meinem Pseudonym, mit meinem Password im Chat eine Art Nötigung vorzubereiten, dann das Video, dessen Aufnahme ich Dummkopf nicht mitbekam, obwohl es mir hätte auffallen können. Und dann der Trick mit dem Austausch des Polohemds mit diesen neuen Chips, damit es klar sein würde, dass ich im Internetkaffee gewesen bin. Du hast mich gerettet. Eure Drohnen und Bildverarbeitungs-Software, die auch in riesigen Videobeständen noch Menschen erkennen kann, sind wirklich toll. Danke für deine Hilfe, ich wäre ohne sie im Gefängnis.«
Jürgen Leitner schaut nachdenklich.
«Weißt du, das mit den Überwachungskameras, ob nun stationär oder fliegend als Drohnen und unsere Software, sind technisch eine schöne Leistung. Wir sind stolz darauf. Aber beim Einsatz wird es problematisch. Dir haben wir geholfen.
Ein Bürgerrechtskämpfer im Iran, der viele Anhänger hatte und ein milder und weiser Mann war, ging den Ayatollahs so auf die Nerven, dass diese beschlossen, ihn zu töten. Er war aber entweder gut versteckt, gut verkleidet, gut bewacht oder so in einer großen Menge von Menschen, dass man ihn nicht leicht identifizieren und töten konnte. Bei einer großen Protestkundgebung in Teheran, wo die Polizei nie nah genug an das Zentrum der Menge gekommen wäre, um ihn zu identifizieren und zu töten, haben sie unsere Bilderkennungssoftware eingesetzt und ihn aus großer Entfernung mit einem Lasergewehr getötet. Auch aus vielen Teilen der USA sind uns inzwischen mindestens ein Dutzend Fälle bekannt, wo Menschen bei großen Versammlungen durch unsere Software erkannt wurden und dann verprügelt, verhaftet, in drei Fällen auch getötet wurden, obwohl ihnen kaum etwas vorzuwerfen war.
Es ist besorgniserregend, wie sehr Maßnahmen, die zu unserer Sicherheit dienen, wie Überwachungskameras oder RFID Chips oder Fingerabdrücke und DNA Proben, zu unserer Überwachung, zur Kontrolle und daher oft gegen die Masse der Menschen zu Gunsten einer kleinen Minderheit eingesetzt werden. Wir versuchen, Antworten darauf zu finden, denn dringend notwendig wären sie. Jeder Mensch trägt einen e-Helper. Die Position jedes Menschen kann somit genau angepeilt werden. Natürlich ist das nichts Neues, es war schon bei den alten Handys so. Nur sind die anfallenden Datenmengen so groß, dass man sie mindest bis zum Mindwave Projekt nicht wirklich hatte auswerten können. Mindwave funktionierte damals nicht wie beabsichtigt, wie du weißt. Aber wichtige Module davon haben gut gearbeitet, werden jetzt weltweit verwendet und erlauben es, riesige Datenmengen zu durchleuchten. Darin liegt die wirkliche Gefahr. Ich hoffe, dass die Gruppe M Gegenmittel entwickeln kann. Ich glaube, Marcus versucht es ernsthaft und hat auch die Chance, erfolgreich zu sein.«