1. Die Minidrohnen





Ende 2021, Auckland, Neuseeland


1


Drei Männer beobachten ein auf einem Tisch liegendes Ding, das einer vertrockneten Stechmücke täuschend ähnlich sieht. Es ist ein winziger, fliegender Roboter, dessen bloße Existenz beunruhigend ist. Wer hat ihn gebaut?


Klaus Baumgartner ist Chef der Forschungsabteilung von SR-Inc.[1], die sich Weltruf erworben hat, vor allem durch die Entwicklung des e-Helpers, einer Kombination von Mobiltelefon, hochwertigem Computer und diversen Sensoren, alles zusammen nicht größer als eine Armbanduhr. Der Gründer von SR-Inc., Marcus, ist mit seinen vierzig Jahren zehn Jahre jünger als Klaus. Die beiden verbindet, dass sie Europa wegen ihrer Para-Begabungen verlassen mussten: Marcus als der wohl mächtigste Telekinet[2], den die Menschheit zurzeit kennt, und Klaus als »Späher«, der andere Paratalente orten kann. Der jüngste der Drei ist Harry, ein genialer Computerspezialist, der erst vor kurzem den totalen Zusammenbruch aller Computernetze[3] zu beseitigen half. Doch bei der neuen Aufgabe macht er bisher, trotz der Hilfe eines Teams von Spezialisten, wenig Fortschritte. Drei ‚Minidrohnen’, von denen eine vor ihnen liegt, sollten untersucht werden.


»Die winzigen Drohnen sind eine technische Meisterleistung«, erklärt Harry. »Unsere eigenen Drohnen, die ja offiziell niemand kennt und die inzwischen kleiner als ein Kolibri sind, sind im Vergleich dazu groß. Zwar haben unsere Drohnen Kamera und Mikrofon und können das Beobachtete über Relaisstationen an jeden Punkt der Welt weitergeben, aber der Antrieb dieser Minidrohnen ist genau so genial wie die Fernsteuerung. Sie haben zudem einen starken Sender eingebaut, dessen Zweck, genau so wie die Energieversorgung, nach wie vor ein Rätsel ist«.


Marcus tauscht mit seinem Freund Klaus einen Blick. Es wird klar – die beiden haben ein schlechtes Gewissen, weil sie gegenüber Harry nicht ganz offen sind. Es gibt nämlich nur wenige, die wissen, dass Klaus, Marcus und noch einige enge Freunde, Para-Talente sind. Sie alle fürchten, gejagt zu werden, wie es schon einige Male geschehen ist! Informationen haben deshalb immer nur Einzelne. Das Gesamtbild kennen aus Angst vor Spionage und Sabotage nur wenige. Auch Harry ist nicht zur Gänze eingeweiht. So hat SR-Inc. in den letzten Monaten große Fortschritte bei der Energieversorgung gemacht und winzige Brennstoffzellen entwickelt, die nicht nur beliebig oft aufladbar sind, sondern sich in elektromagnetischen Feldern sogar selbst aufladen. Dies ermöglicht die Verkleinerung der Drohnen und den Einbau von neuartigen zusätzlichen Funktionen, inklusive Bildprojektion. Viele der Anwendungen werden von SR-Inc. noch so vertraulich behandelt, dass nicht einmal die treueste Verbündete, die Premierministerin von Neuseeland (liebevoll meist PM genannt), davon weiß. Die Premierministerin ist die einzige außenstehende Person, die viele der Geheimnisse von SR-Inc. in Auckland kennt. Sie hat Marcus und seine erweiterte Familie, die ‚Gruppe M’[4] schon mehrmals in deren »privaten Zentrale«, die inzwischen auch in der Öffentlichkeit nur noch ‚Basis M’ heißt auf Great Barrier Island[5] besucht.

»Harry, was die Energieversorgung anbelangt … mach dir darüber keine Gedanken. Wir haben in dieser Hinsicht große Fortschritte gemacht. Wir werden dich schon in Kürze eingehend informieren. Ich will dich damit aber zurzeit nicht belasten. Wichtiger ist es für uns, zu verstehen, was mit den Sendern beabsichtigt wird. Wir haben ja auch in unseren e-Helpern Sender, die gegen gewisse Einflüsse Schutzfelder aufbauen bzw. diese Einflüsse zerstören. Könnte es sein, dass die Minidrohnen das auch tun?« erkundigt sich Marcus.

Harry schüttelt entschlossen den Kopf:

»Nein, die Sender der Minidrohnen sind anders. Sie haben eine Reichweite von hunderten Metern, sind aber nicht, wie zum Beispiel ein Laserstrahl, stark gebündelt oder gerichtet. Sie können nicht als Waffe oder zum Markieren eines Ziels oder zur Projektion eines Bildes verwendet werden.«

Beim Wort ‚Bild’ zucken Klaus und Marcus zusammen. Weiß Harry mehr als sie glauben?

»Nein, die Strahlen scheinen eher trichterförmig einen großen Bereich zu überdecken«, setzt Harry fort, der die Überraschung bei den beiden Männern bemerkt hat.

»Ist die Wellenlänge der Strahlung feststellbar?«, fragt Klaus.

»Das ist ja das Eigentümliche. Wir hatten drei Minidrohnen. Jede dieser drei Minidrohnen sendete auf einer anderen Wellenlänge. Aber in den Sendern ist eine komplexe Vorrichtung eingebaut, bei der uns die Analyse nicht weiter gebracht hat.«


Marcus ist überrascht: »Du gibst auf? Und warum sagst du wir‚ hatten drei Minidrohnen? Haben wir sie denn nicht mehr?«

Harry bewegt sich unruhig: »Bei der Analyse der Vorrichtung, die ich vorher erwähnte, explodierte diese mit einer Wucht, die man einem so kleinen Ding, es wiegt ja nur ½ Gramm, kaum zutrauen würde. So verloren wir eine Minidrohne. Wir waren bei der zweiten dann vorsichtiger, aber auch diese zerstörte sich selbst, obwohl wir die Explosion verhindern konnten. Das Teil ist so versiegelt, dass es sich gegen jede Analyse mit den uns bekannten Durchleuchtungsverfahren wehrt. Kaum öffnet man die Umhüllung – wir verwendeten beim zweiten Mal eine reaktionsunfreundliche Edelgasumgebung – zerstört sich der Inhalt selbst. Ihr wisst ja, dass wir auch in unsere Drohnen einen Selbstzerstörungsmechanismus haben, der aber umgangen werden kann[6]. Der Mechanismus der Minidrohne ist um Vieles ausgefeilter. Ich glaube, wir kommen durch Analyse nicht weiter, ohne mehr zu wissen. Mein Team beschwert sich bei mir, ich glaube nicht ganz zu Unrecht, dass ihr uns die Analyse dieser Minidrohnen übertragen habt, ohne uns alles wissen zu lassen. Von wem habt ihr sie? Wie kamen sie in unsere Hände? Ist diese Geheimniskrämerei wirklich notwendig? Sind wir in SR-Inc. nicht ein Team, in dem sich jeder auf jeden verlassen kann?«


Marcus seufzt und nickt etwas niedergeschlagen: »Harry, wir sind bei SR-Inc. eine tolle Gruppe, aber du weißt wie ich, dass man, egal was man macht, nicht Tausenden Mitarbeitern alles anvertrauen kann. Die SR-Inc. ist auch an vielen anderen Firmen beteiligt. Es wäre nicht gut, wenn dieses Wissen zu weit verbreitet wäre. Wir müssen daher mit verteilten Rollen spielen. Du gehörst zu den Geheimnisträgern von SR-Inc. Du weißt bereits viel, das du nicht weitererzählen darfst. Es kann die Zeit kommen, wo wir dich in weitere Aspekte von SR-Inc. einweihen müssen. Aber der Personenkreis, der bestimmte geheime Dinge weiß, darf nie zu groß werden, OK?«

Harry nickt achselzuckend.

Marcus fährt fort: »Trotzdem! Das bisschen, das wir über die Minidrohnen wissen, enthalten wir dir nicht aus Geheimnistuerei vor, sondern weil es nicht relevant erschien. Hier sind die Details. Ich habe mit Professor Jürgen Leitner aus Graz einen Kollegen an der Universität in Singapur besucht. Dieser ist Mitglied im Jachtklub und hat uns bei unserem Besuch dort untergebracht, was wohl eine besondere Ehre ist. Ich habe in einem Winkel eine leere, unbeschriftete und aufgerissene Schachtel gefunden, die mir nur deshalb auffiel, weil sonst alles so ordentlich und sauber war. Und da lagen auch drei kleine Dinge, die aus der Schachtel gefallen waren am Boden, die fast wie winzige Drohnen aussahen. Die musste ich natürlich mitnehmen und genau untersuchen lassen. So bin ich also auf die Minidrohnen gestoßen. Mehr weiß ich nicht.«


»Das hilft wirklich nicht viel«, meint Harry. »Und doch, ich glaube, wir müssen dem nachgehen. Wir müssen herausfinden, wer die Minidrohnen herstellt und wofür sie dienen. Wahrscheinlich müssen wir in Singapur beginnen.« Harry zögert kurz:

»Helen und ich hatten noch keine Hochzeitsreise. Wir kennen Singapur nur flüchtig von Zwischenlandungen. Ich schlage vor, dass wir dort zwei Wochen Flitterwochen machen und versuchen, mehr über die Minidrohnen herauszufinden.«

Marcus will davon zuerst nichts hören und hält das Unternehmen für zu gefährlich. Aber nach langer Diskussion und nachdem verschiedene Sicherheitsmaßnahmen verabredet wurden, stimmt er schließlich zu.


2


Nach der Ankunft am Flughafen Changi, der anlässlich seines gerade erfolgten 25-Jahr-Jubiläums durch Ausbau und Erneuerung zu den schönsten und bequemsten der Welt zählt, nehmen Helen und Harry ein fliegendes Mollertaxi direkt zum Hotel Raffle.

Wie kaum eine andere Stadt hat Singapur die fliegenden Autos als Lösung für Transportprobleme gewählt. Bei den wichtigen Hotels, bei einigen der Einkaufszentren, bei anderen neuralgischen Punkten und bei allen Stationen des immer mehr gewachsenen Rapid-Transit-Systems (RTS) sind Mollerplätze zum Starten und Landen eingerichtet. Die Start- und Landebahnen sind mit einer zweischaligen Kuppel überdacht, die sich für die Fahrzeuge automatisch öffnet, wobei nie beide Schalen gleichzeitig offen sind. Durch die damit erreichte ‚Schleusenwirkung’ entfällt ein noch größerer Aufwand für die Klimatisierung, als er ohnehin notwendig ist. Auf diese Weise kann man fast jeden Punkt der Stadt über die Kombination: Moller – RTS - klimatisierte Shopping Malls oder Institutionen erreichen, ohne je ins tropisch-feuchte Freie zu müssen. Jetzt im Dezember, wo es besonders viel regnet[7] und schwül ist, ein angenehmer Luxus. Von den knapp 700 Quadratkilometern Singapurs sind mehr als 15% zusammenhängend klimatisiert. Dies hat sich während der gigantischen Rodungsbrände in Kalimatan, im indonesischen Teil Borneos, mehrmals bewährt, als man die damit verbundene Sperre des Flughafens wegen der dichten Rauchwolken, die trotz der fast 1.000 km Entfernung die Stadt oft wochenlang einhüllten, durch neue Navigationsgeräte umgehen konnte.


Helen und Harry sind in weniger als 10 Minuten im Raffle, dem traditionsreichsten Hotel der Stadt. Um kein Aufsehen zu erregen, ist für sie nicht die Hochzeitssuite sondern die Ava-Gardner Suite gebucht. Die Fenster bieten einen Blick auf den prächtigen Innenhof des Hotels. Das erstklassige Service – das man eigentlich von allen großen Hotels in Singapur gewöhnt ist – kombiniert mit gediegener historischer Einrichtung, ist ein Vergnügen. Bei einem Cocktail werden die Gäste vom Direktor des Hotels persönlich begrüßt und vorgestellt. Wer im Raffle absteigt, ist mehr als ein üblicher Tourist! Mit einigen neuen Bekannten setzen sich Helen und Harry an die berühmte Bar, trinken den »Singapur Sling«, der hier erstmals gemixt wurde, und lassen sich die Geschichte vom malaiischen Tiger erzählen, der eines Tages hinter der Bar auftauchte ….Es war wohl vor mehr als 100 Jahren, als es in Singapur noch echte Wildnis gab, und nicht nur den Safari Park.


Auf Kosten von SR-Inc. Singapur erleben zu dürfen, mit dem ausdrücklichen Auftrag, nicht zu sparen, gehört zu den angenehmen Aufgaben des Jobs. Der tägliche Anruf und das Wissen, fast überall von Drohnen der SR-Inc. überwacht zu werden (Hotelsuite ausgenommen), erinnert Harry daran, dass er und seine Frau nicht nur zur Erholung hier sind. Aber die drei Tage, die sie haben, bis sie das erste Mal Professor Ming P. Cho zu einem Abendessen ausführen werden, jenen Freund von Marcus, der auch Mitglied des Jachtclubs ist, genießen sie sehr. Nach dem Aufwachen, nach einem »liebevollen« Champagnerfrühstück im Bett, frisch gestärkt und oft nach mehr als einigen heftigen Umarmungen, erkunden sie Singapur. Einmal geht es in den Vergnügungspark auf Sentosa Island, der seit seinem Umbau 2010 mehr als nur die Seilbahn und den Merlion Aussichtsturm zu bieten hat, ein anderes Mal besichtigen sie den botanischen Garten mit der weltweit einzigartigen Orchideensammlung. Ein Ausflug nach Malaysien führt über den etwa 1 km langen Brückendamm, der Singapur mit dem Festland verbindet. Straße, Bahnlinie und Fernwasserleitung (täglich über 2 Mio. m³ aus Johor) werden über den Damm geleitet. Der Besuch des größten Einkaufszentrums und anderer ‚wichtiger’ Sehenswürdigkeiten (eher enttäuschend, dazu ist Singapur doch schon zu modern geworden), ja selbst ein Nachmittagsausflug per Boot nach Sumatra, ist den Flitterwöchnern möglich.


Der Abend mit Professor Ming P. Cho und seiner Gattin Ping im berühmtesten Fischrestaurant der Stadt verläuft erfolgreich. Ming findet großen Gefallen an der hübschen Helen und für Harry ist Ping eine hinreißende Person. So gehen Helen und Harry mit leichtem gegenseitigem Groll zu Bett, aber sie übersiedeln am nächsten Tag in den Jachtclub.


Die Zimmer im Jachtclub sind nicht so ehrwürdig wie jene im Raffle, aber liebevoll mit Holz und Bambus ausgestattet. Die vielen kleinen Durchbrüche und Spiegel wirken ausgesprochen erotisierend. Ist es Zufall, dass überall Seilstücke wie zur Verzierung hängen? Helen kommt zuerst auf die Idee, man könne damit an die Bambusstäben gefesselt werden … Gegenseitig schaukeln sie sich immer mehr auf, vermeiden dabei, als wäre es abgesprochen, einen Höhepunkt, bis sie eine Münze werfen, wer entscheiden darf, wie es weiter gehen soll. Helen gewinnt. Harry liebt Helen, wie er sich das nie hätte vorstellen können. Mit roten Köpfen springen sie anschließend in den großen Swimmingpool, der mit mehreren künstliche Inseln, Wasserfällen und einer Gegenstromanlage Entspannung pur bietet. Dann machen sie dort weiter, wo sie vorher aufgehört hatten.


Sie spielen mit Vergnügen die reichen Freunde von Ming P. Cho, werden immer wieder auf Jachtausflüge eingeladen und entpuppen sich bei Landgängen als geschätzte Gastgeber. Helen, braun gebrannt, mit blonder Mähne und als gute Seglerin schafft es, viele der Männer als Fans zu gewinnen. Der witzige, durchtrainierte Harry, der den Ladies mehr Aufmerksamkeit schenkt, als sie es von ihren asiatischen Männern gewöhnt sind, kommt ebenfalls gut an.


Eine Nachricht vom Einsatzzentrum in Auckland klingt deshalb fast wie ein Vorwurf: »Ihr habt auch noch andere Aufgaben als nur Flitterwochen zu verbringen!«


In Wahrheit spielen sie von Anfang an ein Spiel und lassen dies möglichst viele ihrer neuen Bekannten wissen. Das Spiel erlaubt ihnen, den Jachtclub genau zu erforschen. Sie haben als Maskottchen einen malaiischen Tiger aus Stoff erworben, auf dem ‚Majulah Singapura[8]’ eingewoben ist. Einer der beiden versteckt das Maskottchen, der andere muss es finden, mit Hinweisen wie beim Kinderspiel. »Hier wird es wärmer«, »hier wird es kälter«, usw. Die Zeit zum Auffinden wird gemessen und muss dann mit Küssen (oder anderen Aktionen) abgegolten werden. So wird es ihnen möglich, fast jeden Winkel des Clubs zu erkunden, ohne dass jemand etwas dabei findet. Auch wenn sie in »Tabuzonen« eindringen, ernten sie nur ein Lächeln oder fallweise ein freundliches »Hier bitte nicht«. Sie sind jetzt schon vier Tage im Club und haben nur noch 6 Tage bis zu ihrer Abreise.


Am Pier 3, Anlegeplatz 19, wo sie noch nie eine Jacht gesehen haben (der Platz liegt auch nicht günstig), findet Harry ein Stück Elektronik, von dem er sicher ist, dass es Teil einer Minidrohne ist. Er meldet dies sofort nach Auckland. Kurz darauf hat er eine Antwort vom Chef seiner Abteilung, Klaus Baumgartner: »Gratuliere, aber ab jetzt besonders vorsichtig sein.«


Helen erkundigt sich beiläufig, wem die Anlegestelle 19 am Pier 3 gehört. Die Frage löst etwas Verwunderung aus, da auch die anliegenden bisher nie belegt waren. Helen windet sich mit Mühe heraus, indem sie sagt, 19 sei ihre Glückszahl, und dort habe sie daher auch das Maskottchen besonders rasch gefunden.


»Der Besitzer dieser Anlegestelle ist ein komischer Kauz, ein Europäer mit etwas chinesischem Blut, der die größte Jacht im Hafen hat, damit immer wieder unterwegs ist und uns ziemlich ignoriert. Es tut uns leid, dass wir ihn aufgenommen haben. Er hat uns aber soviel Geld angeboten, dass wir zustimmten, und Pier 3, vor allem die Nummern höher als 6, sind ohnehin unbeliebt, weil man einen schlechten Zugang hat. Warum er mit all seinem Geld gerade die zweitschlechteste Nummer 19 wählte, ist uns allen ein Rätsel. Aber wir kennen den Kerl kaum, er ist uns insgesamt ein Rätsel. Nein, wenn ich ehrlich bin, kein Rätsel. Er ist uns einfach gleichgültig und wir profitieren von seinen hohen Zahlungen.«


Harry und Helen merken, dass sie besser keine weiteren Fragen stellen sollten. Ihr Versuch, den Namen des Mieters von 03/19 zu erfahren, wird unwillig ignoriert. Niemand scheint ihn zu wissen.

Nun interessieren sie sich für den Kauf einer Jacht, fragen nach den Bedingungen einer Mitgliedschaft im Jachtclub und der Anmietung eines Anlegeplatzes. Sie sind inzwischen so bekannt und beliebt, dass sie sich vor Ratschlägen kaum retten können, aber gerade deshalb größte Probleme haben, in das Clubverzeichnis mit Namen und Anlegeplätzen Einsicht zu erhalten! »Wir machen das schon für euch,« heißt es immer wieder. Harry gelingt es schließlich, mit genügend Bestechungsgeld versteht sich, das Club-Hauptverzeichnis einzusehen. Der Name des gesuchten Besitzers ist Francis Tschau und er wohnt in Singapur in der Orchard Road.

Harry gibt alle Informationen an sein Einsatzzentrum in Auckland weiter. Es ist ein Zufall, dass Klaus Baumgartner diese Meldung nie abruft. Zwar ist auch ihm der Name Francis Tschau nicht bekannt, doch vielleicht hätte ihn die Tatsache, dass der Mann unbedingt einen isolierten Liegeplatz für seine Jacht haben wollte, neugierig gemacht. Ihm wäre der Mann über das übermittelte Bild durch seine eigentümlichen, hellbraunen stechenden Augen irgendwie bekannt vorgekommen.


Francis Tschaus Identität ist erst vor zwei Jahren, in der berühmten Machas Klinik in Mexiko City, geboren worden. Er musste untertauchen und die auf Verschönerung und Gesichtsoperationen spezialisierte Klinik war insofern ideal, als man dort nicht nur ein neues Aussehen sondern auch gleich einen neuen Namen und den dazugehörigen Pass kaufen konnte. So war aus dem Europäer durch Straffung der Haut, durch Implantate zur Ausprägung der Backenknochen, durch den Einsatz pigmenterzeugender Drogen und durch das Liften seiner äußeren Augenpartien eine neue Person mit chinesischen Zügen entstanden. Schwarz gefärbte Haare mit Stoppelfrisur, eine Brille und die Auswahl der Kleidung sorgten dafür, dass sich Tschau sicher sein kann, von niemanden aus seinem ‚früheren Leben’ erkannt zu werden. Es sei denn, über eine nur wenigen Menschen bekannte Narbe am Oberschenkel oder über seine Stimme. Dass seine ursprüngliche Identität bei einem Unfall in Mexiko ums Leben kam, war sicher auch nützlich. Niemand wird Nachforschungen anstellen, denkt er. Aber wenn doch, hat er auch für diesen Fall Vorkehrungen getroffen!


3


Helen und Harry fahren so rasch wie möglich zur angegebenen Adresse in die Orchard Road. Dort gibt es nur ein Einkaufszentrum. Die Adresse ist falsch!

»Die Adresse ist falsch«, berichten sie kurz nachher dem vorher bestochenen Angestellten des Jachtclubs. Dieser bedauert aber meint, er könne nicht weiter helfen. Plötzlich hellt sich seine Miene auf: »Moment, wir machen von neuen Mitgliedern immer Fotoaufnahmen. Vielleicht ergibt sich da etwas.«

In wenigen Minuten überspielt er auf Harrys e-Helper Bilder von Tschau bei dessen Aufnahme in den Club. Eines davon ist besonders interessant. Es zeigt Tschau, an einen Ferrari gelehnt … die Nummerntafel ist lesbar!


Wenig später und ein paar hundert Euro ärmer haben Helen und Harry die richtige Adresse Tschaus. Sie liegt in einem Nobelviertel Singapurs. Ein palastartiges Haus steht inmitten eines für die Grundstückpreise in Singapur riesigen Grundstücks. Es ist von einer hohen Mauer umgeben, deren Krone über und über mit Glassplittern versehen ist. Harry schickt den Taxifahrer weg:

»Wir brauchen Sie nicht mehr«.

Er läutet am Eingangstor und bittet über die Gegensprechanlage, Tschau sprechen zu dürfen.

»Er ist zurzeit leider nicht in Singapur«, ist die Antwort.

»Ich glaube, das ist gut so, Harry«, meint Helen.

»Du hast dir doch gar nicht überlegt, was du Tschau fragen willst, wieso du ihn sprechen willst usw. Lass uns zuerst alle Daten an die Einsatzzentrale nach Auckland durchgeben und dann planen, wie wir vorgehen sollen.«

Harry ist aufgeregt. Er hat das Gefühl, einer wichtigen Lösung nahe zu sein. Die Meldung, die er nach Auckland sendet, ist nur bruchstückhaft. »Tschau hat ein palastartiges Wohnhaus in Singapur, ist aber offenbar mit seiner Jacht gerade unterwegs. Sein Ankerplatz ist 03/19 im Jachtclub.«


Helen merkt, wie ungeduldig Harry ist. Ihre Erfahrungen als Journalistin für die Washington Post[9] helfen ihr, ruhig zu bleiben:

»Harry, wir können entweder unverrichteter Dinge abziehen und im Jachtclub warten, bis Tschau mit seiner Jacht, von wo auch immer, zurückkommt; wir können aber auch nach Auckland fliegen und die weiteren Recherchen professionellen Agenten überlassen. Oder wir können Verstärkung anfordern, was ich für das Beste halte. Wenn du natürlich unbedingt willst, können wir illegal in das Grundstück eindringen und versuchen, die Unterlagen zu finden. In diesem Fall müssen wir aber Auckland von unserem Vorgehen und die genaue Adresse unterrichten, was du nicht getan hast. Ohne diese minimale Rückendeckung dürfen wir nichts unternehmen. Wir sind einer potenziellen technischen Wunderwaffe auf der Spur, das ist keine Kleinigkeit.«

Harry will nicht zuwarten.

»OK, wir wählen Alternative 4.« Er gibt Auckland die genaue Adresse durch, fordert Drohnen für ihre Beobachtung an und beginnt dann nach einer Möglichkeit zu suchen, die Mauer zu überwinden. Der überstehende Ast einer großen Platane bietet sich dafür geradezu an. Helen warnt:

»Wenn jemand so ein Haus hat, und eine solche Verteidigungsmauer, dann hat er auch Hunde, Wächter und Überwachungskameras.«

Harry ist aber nicht zu bremsen. Er schwingt sich auf den Ast und klettert vorwärts. Helen folgt ihm seufzend. Es gelingt ihnen nicht nur, das Grundstück zu betreten, sondern auch, über ein offenes Fenster in das Haus einzudringen. Sie finden den Raum, den sie für das Arbeitszimmer halten. Außer einer Landkarte der Welt, die sich nur dadurch von anderen Landkarten unterscheidet, weil ein roter Kreis um eine Insel in den Philippinen und ein zweiter an einer undefinierbaren Stelle in Alaska, nicht weit von der kanadischen Stadt Dawson City entfernt, eingezeichnet ist, ist nichts Auffälliges zu sehen. Der Schreibtisch ist versperrt. Helen ist in ihrem Element. Sie zieht ein kleines aber effektives Einbruchbesteck aus ihrer Handtasche und beginnt damit, die oberste Lade professionell zu öffnen.


»Keine Bewegung«, ertönt es plötzlich aus zwei Richtungen. In den beiden Türen, die in das Arbeitszimmer führen, stehen jeweils zwei Männer mit Maschinenpistolen im Anschlag. Sie lächeln grimmig.

»Für wie einfältig haltet ihr uns eigentlich?«, sagt einer.

»Wir beobachten euch, seit ihr geläutet habt. Ihr benehmt euch so, als wäre das euer Haus. Franz, durchsuche die beiden und nimm ihnen alle elektronischen Geräte ab.«

Der mit Franz bezeichnete Mann folgt der Aufforderung, ohne zu zögern. Helen und Harry leisten keinen Widerstand. Harry verflucht seinen Leichtsinn und liebt Helen dafür, dass sie ihm nicht einmal mit Blicken einen Vorwurf macht. Franz entdeckt den Ortungschip in ihrem Arm und schaltet ihn durch eine Überladung EMP[10] aus. Harry hat noch einen Trumpf in petto, den nicht einmal Helen kennt. Handschellen klicken und Helen und Harrys Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt.

»Los jetzt, raus hier! Ab mit euch! Wir werden gemeinsam auf unseren Chef warten. Aber ihr werdet nicht lange warten müssen. Er ist gerade mit seiner Jacht angekommen. Er wird bald hier sein.«


4


Als Klaus von den Entwicklungen in Singapur hört, stürmt er zu Marcus.

»Harry und Helen haben die Spur des Mannes entdeckt, der offenbar hinter den Minidrohnen steckt. Sie waren dumm genug, in sein Haus in Singapur einzudringen und wurden offenbar dabei überrascht. Die Kommunikation mit ihnen ist abgebrochen. Man hat ihnen wohl alle technischen Geräte abgenommen. Auch der Ortungschip in Helens Arm wurde zerstört. Wir haben die Adresse in Singapur, was sollen wir tun?«


»Verständige die Polizei in Singapur. Die Beamten sollen das Haus rund um die Uhr bewachen und alle beschatten, die von dort wegfahren oder wegfliegen. Ich halte die Situation für so gefährlich, dass ich mich selbst engagieren will. Mein Einsatzteam soll aus meiner Frau Maria, Aroha, Herbert und Cynthia bestehen. Wir fliegen nach Singapur! Willst du auch mit?«

»Einer muss hier bleiben und alles koordinieren. Ich habe aber das starke Gefühl, dass ich mitkommen sollte. Wäre es dann nicht besser, dass entweder Herbert oder Maria hier bleiben?«

Marcus nickt.

»Ja, du hast Recht. Herbert soll in Auckland die Stellung halten. Du solltest in jedem Fall dabei sein. Wer weiß, was du als Späher entdeckst. Was ist mit Atlantis[11]


»Seit sich Atlantis die letzte der drei Minidrohnen angesehen hat, meint er, wir müssen das selber auslöffeln. Es beunruhigt mich sehr und ich wollte es dir eigentlich nicht sagen. Irgend etwas stimmt bei dieser Angelegenheit nicht. Möglicherweise hängt die Tatsache, dass Harry den eigentümlichen Senderzusatz in den Minidrohnen nicht analysieren kann, damit zusammen, dass wir ja auch Atlantis und die zweite schwarze Kugel nie analysieren konnten ... Ich halte deine Teamwahl für sehr gut. Aroha ist unverzichtbar, denn sie hat über ein Stückchen Mindcaller[12], Kontakt zu Harry. Gut, dass Harry sich das Stückchen implantieren ließ. Das verschafft uns einen ‚nicht-technologischen’ Ortungskontakt zu ihm, und das kann uns sehr helfen.«


Klaus ruft in Singapur an. Er hat allerdings größte Probleme, als er die Adresse angibt. Man will dort nicht intervenieren, sei es auch nur, um zu beobachten. Klaus bewundert Tschau und wird gleichzeitig nachdenklich. Tschau scheint auf Einiges vorbereitet zu sein. Offenbar ist auf die Polizei in Singapur in diesem Fall kein Verlass. Sie werden selber mit der Situation fertig werden müssen.


Er organisiert den sofortigen Abflug ihrer Gruppe mit einem Moller der letzten Generation. Nur fünf Stunden nach dem Gespräch mit Marcus ist die mächtige Gruppe von Parabegabten nach Singapur unterwegs, um Helen und Harry zu retten und um herauszufinden, was Tschau mit den Minidrohnen bezweckt.


Marcus, der Telekinet, seine Frau Maria mit ihrem Telesehen (mit dem sie weit und durch Objekte hindurch sehen kann), Klaus, der Späher, Aroha, die Maori, die Harry ohne Technik in einem Umkreis von mehreren Kilometern orten kann und die mit Herbert, dem »Bewegungsverzögerer«, der zurückbleibt, in direktem mentalen Kontakt stehen wird und Cynthia, die Gedanken auslöschen kann. Die starke Parabegabung von Stefan, dem Sohn von Marcus und Maria fehlt, weil er noch bei seiner Freundin Raianda in Indien ist. Und leider hält sich der Paradoppelgänger Barry noch immer versteckt…


5


Helen und Harry müssen nicht lang auf Tschau warten. Offenbar gut gelaunt betritt dieser das Zimmer, wo die beiden gefesselt sitzen. Er lässt die Handschellen lösen und lädt sie zu einem Essen in sein Speisezimmer ein. Nicht, ohne lächelnd darauf hinzuweisen, dass jeder Fluchtversuch sinnlos ist. Es hat keinen Sinn, beleidigt zu spielen, sie seien Einbrecher, das können sie nicht bestreiten. So sitzen sie bei einem (wenn man von den schwer bewaffneten Wächtern absieht) gemütlichen Essen, wobei alle Versuche Harrys, von Tschau etwas über dessen Person oder Aktivitäten zu erfahren, an diesem abprallen.


Tschau bringt es nach dem superben Essen und dem guten französischen Wein (für Helen hat er sogar amerikanischen Chardonnay aufgetrieben) dann bald auf den Punkt:


»Ihr seid keine normalen Einbrecher. Ich weiß vom Jachtclub, dass ihr wohlbetucht seid und euch dort in kurzer Zeit beliebt gemacht habt, gratuliere! Ihr wollt ja auch unserem Club beitreten. Natürlich habe ich erfahren, wie groß euer Interesse an meiner Anlegestelle 03/19 war. Vielleicht habt ihr die ganze Vorstellung im Club nur wegen mir gegeben. Ich bin geschmeichelt, aber ich wüsste nun doch gerne, warum ihr so dringend über mich informiert werden wollt.«


Helen und Harry blicken sich unschlüssig an. Wie viel dürfen sie verraten ohne Marcus zu schädigen? Tschau macht ihnen die Entscheidung leichter:

»Die Polizei in Singapur steht geschlossen hinter mir. Wer immer eure Freunde sind, sie können euch nicht finden, weil wir euch alle elektronischen Komponenten abgenommen haben. Liebe Frau … ich kenne Ihren Namen noch gar nicht … entschuldigen Sie, dass ich auch Ihren Ortungschip durch einen EMP zerstören ließ, ich durfte nichts riskieren. Ich übernehme aber gegebenenfalls alle Kosten und das Schmerzensgeld für eine allfällige Neuimplantierung, falls sich die Dinge zwischen uns gut entwickeln.

Andererseits, wenn Sie nicht kooperieren und nicht ganz offen sind, werde ich Sie foltern lassen müssen. Es gibt Leute, denen das Spaß macht. Seien Sie beruhigt, mir nicht. Aber wenn es notwendig ist, dann muss es eben sein. Und glauben Sie mir, auch gut ausgebildete Agenten halten eine ernsthafte Folterung selten durch. Wenn ich das richtig einschätze, dann sind Sie gar nicht in dieser Liga und würden relativ rasch aufgeben. Ersparen wir uns also dieses unangenehme Theater und sagen Sie mir einfach, was Sie wollen. Ich verspreche Ihnen, ich werde Sie dann gut behandeln und Sie absolut unversehrt freilassen.


Tschaus Argumente sind überzeugend. Folterung klingt recht unerfreulich, die Alternativen besser. Sie müssen erzählen, was Tschau interessiert. Unter Folter würden sie das ohnehin, aber dann vielleicht zu viel, wie z. B. die ganzen Hintergründe des Zusammenbruchs der Computersysteme[13] vor einem Jahr.


Harry antwortet daher ohne Zögern:

»Herr Tschau, ich verstehe Sie vollkommen. Wir werden völlig offen sein. Es kann sein, dass wir nicht dieselben Interessen haben. Ich bitte Sie aber um Ihr Wort, dass Sie uns frei lassen, denn wir sind keine Gefahr für Sie. Ist das ein Deal?«

Tschau nickt.

Harry beginnt: »Ich heiße Harry und bin Elektroniker und Informatiker. Das ist Helen, ehemalige Journalistin für die Washington Post und seit vier Wochen meine Frau. Wir wohnen in Auckland. Ich arbeite für SR-Inc. …«

Tschau zuckt zusammen, atmet tief ein und deutet an »weiter«. Harry fährt fort, »Mein Chef, Klaus Baumgartner hat mir vor einigen Wochen drei winzige fliegende Drohnen gegeben, mit der Aufgabe, diese zu analysieren. Ich war von der Miniaturisierung der Fernsteuerung und der Energieversorgung begeistert, den Sinn der Sendeanlage konnte ich nicht herausfinden. Die drei Drohnen sendeten auf verschiedenen Frequenzen. Sie hatten eine eigentümlich versiegelte Kapsel, aber ich konnte ihre Bedeutung nicht herausfinden: Durchleuchtungen erbrachten keine Ergebnisse. Als ich die erste öffnete, explodierte sie mit unerwarteter Wucht und ruinierte mein halbes Labor.«

Tschau zuckt lächelnd die Schultern.

»Die zweite öffnete ich ganz vorsichtig in einer Mischung von Edelgasen, um eine Selbstzerstörung zu verhindern. Auch das war vergeblich. Es gab zwar keine Explosion, aber die Kapsel verdampfte, ohne Erkenntnisse zu liefern. Die dritte Drohne wurde im Vakuum unter Beobachtung starker Zeitlupenkameras geöffnet. (Da das nicht tatsächlich gemacht wurde, muss Harry spekulieren). Wir schienen zunächst erfolgreich zu sein, da wir die Kapsel ohne Zerstörung öffnen konnten. Allerdings (Tschau beugt sich gespannt vor) hatten wir dann die Entscheidung zu treffen, welchen von mehreren Drähten wir zuerst durchtrennen sollten. Wenn es einen richtigen geben sollte, gut, wir aber haben offensichtlich einen anderen genommen.

Nach diesem Versagen meines Teams wurde mir mitgeteilt, dass die drei Minidrohnen in einer Schachtel im Jachtclub in Singapur durch Zufall gefunden worden waren. Ich wurde sozusagen als Strafe nach Singapur geschickt, um dort mehr über die Minidrohnen herauszufinden. Tatsächlich gelang es mir mit Hilfe von Helen, deren Charme viele Barrieren beseitigte (Harry vermerkt, dass Helen auch auf Tschau wirkt), in den Jachtclub einzudringen und dort Nachforschungen anzustellen. An der Anlegestelle 03/19 entdeckte ich dann das.«

Harry legt theatralisch den winzigen gefundenen Teil einer Minidrohne auf den Tisch, ein Stückchen, das so klein ist, dass es auch bei der gründlichen Untersuchung nicht entdeckt wurde, »und damit war klar, dass ich mit Ihnen sprechen muss.«


Tschau schaut auf das Stück einer seiner Minidrohnen. Er verflucht den Zwischenfall, dass eine der Schachteln mit Drohnen beim Transport aufgerissen wurde und so drei ganze und offenbar Teile von anderen am Pier liegen blieben. Er ist in einer unangenehmen Lage. Harry und Helen scheinen offen und naiv. Er hatte nie Skrupel, Gegner zu töten. Aber diese beiden sind eigentlich keine Gegner, sondern nur einfache Mitarbeiter einer Gruppe, die er als seine gefährlichsten Widersacher einstuft: SR-Inc. oder genauer das Team um Klaus und Marcus.

Diese Gruppe M hat inzwischen ein so mächtiges Arsenal von Möglichkeiten aufgebaut, dass sie seine Pläne vereiteln könnte. Er beabsichtigt schon seit längerer Zeit, die Gruppe auszulöschen. Erst dann steht nichts zwischen ihm und seinem Ziel, einen Teil der Welt mit seinen Drohnen zu kontrollieren.


Er darf die Gruppe in Neuseeland nicht unterschätzen, das weiß er. Aber sein Plan wird dennoch gelingen. Soll er sein Wort gegenüber Harry und Helen brechen? Er hätte kein Problem damit. Dieses Haus muss er auf jeden Fall verlassen, denn Harry hat die Adresse sicher nach Auckland übermittelt. Soll er die beiden mitnehmen? Naiv wie sie zu sein scheinen, kann er sie vielleicht sogar für sich gewinnen? Oder als Geiseln gegen Klaus und Marcus verwenden? Beseitigen kann er sie immer noch, wenn es notwendig wird.

Aus diesen Überlegungen heraus antwortet Tschau milde:

»Danke für die ausführliche Erklärung. Ich will gar nicht verbergen, dass ich SR-Inc. und damit Klaus und Marcus als Konkurrenten, wenn nicht als Gegner betrachte. Aber deshalb sind nicht alle Mitarbeiter bei SR-Inc. meine Feinde. Ich halte meinen Deal wie versprochen. Wir werden dieses Haus räumen, da ich annehme, dass Klaus diese Adresse kennt?«

Harry nickt.

»Nur verlässt er sich auf die lokale Polizei und das ist für mich ein Glück. Ihr kommt mit mir, bis sich alles geklärt hat.«


Als Marcus 8 Stunden später bei dem Grundstück eintrifft, scheint dieses unbewohnt und alle Hinweise auf Tschaus Aufenthalt sind verschwunden. Es finden sich keine Fingerabdrücke von Helen und Harry, mit einer Ausnahme: Auf einem Bild in der Halle, wo die freischwingende Treppe nach oben führt, lässt sich ein Abdruck von Harry feststellen.

Marcus lächelt. Sondervereinbarungen bewähren sich doch immer wieder. Offenbar hat man alle Abdrücke sorgfältig beseitigt, aber mit Abdrücken mitten in einem Bild hat niemand gerechnet.

Es geht jetzt darum, Helen und Harry zu finden und hier liegen seine Hoffnungen auf Maria und Aroha. Bevor er konkretere Überlegungen anstellen kann, meldet sich Professor Jürgen Leitner aus Graz mit einem ganz anderen Problem. Marcus sagt Unterstützung zu, bittet aber wenige Tage später selbst Jürgen Leitner um Hilfe. Die Suche nach seinen Mitarbeitern Harry und Helen erweist sich als komplex. Offenbar sind sie nicht mehr in Singapur, sonst hätte Aroha sie geortet. Alle Versuche, Informationen über die Polizei zu erhalten, bleiben erfolglos. Tschau und seine Gefangenen werden ohne den Meister der »massive data analysis« Professor Jürgen Leitner nicht auffindbar sein.





[1] SR-Inc steht für »Salvage and Rescue Corporation«, siehe frühere XPERTEN Bände, insbesondere «Der Paradoppelgänger” oder «Die Parakämpfer”. 

[2] Siehe »Der Telekinet«: Der erste Roman der XPERTEN Reihe. 

[3] Siehe »XPERTEN: Das Paranetz«- Zusammenbruch des Internets«, direkter Vorgänger des vorliegenden Buches.

 

[4] Ob das M für Marcus, seine Frau Maria oder etwas anderes steht ist unklar.

[5] Great Barrier Island ist eine Auckland vor gelagerte große und noch immer sehr ursprüngliche Insel, auf der die Gruppe M ein mehrere Quadratkilometer großes Grundstück am Meer besitzt. Der Transport dorthin und zurück erfolgt meist mit einem Moller, jenem allmählich immer mehr verbreiteten senkrecht startenden und landenden Flugzeug, dessen kleine Modelle aber auch als Auto zugelassen sind. Siehe www.moller.com. Great Barrier Island hat außer seinem Namen nichts mit dem Great Barrier Riff vor Australien zu tun: das gleichnamige Riff liegt ja nicht vor Neuseeland sondern der Nordostküste Australiens! 

[6] Siehe »Das Paranetz - Zusammenbruch des Internets« in der XPERTEN Reihe.

 

[7] Es regnet in Singapur 2,4 m pro Jahr, d.h. ca. vier Mal soviel wie in Mitteleuropa. Und am meisten in der Zeit November bis Februar. 

[8] Ohne zu wissen, macht sie das noch populärer, ist es doch der Titel der Hymne Singapurs (‚Vorwärts, Singapur’) der von der englischen Kolonialmacht seinerzeit nicht besonders geschätzt wurde. 

[9] Siehe »Das Paranetz- Zusammenbruch des Internets« in der XPERTEN Reihe.

 

[10] EMP, elecro-magnetic pulse, erlaubt die Zerstörung jedes elektronischen Gerätes durch temporäre Überlastung mit einem Elektronenstrom. Dies ist für Menschen ungefährlich, zerstört aber jede Elektronik, inklusiver  Chips die man in den letzten Jahren vermehrt sogar in Kinder einsetzt, um die Kinder bei Entführungen orten zu können. 

[11] Atlantis ist ein Supercomputer aus der Zeit der Alten, die vor sehr langer Zeit auf der Erde lebten. Er und seine Freunde, bisher ist nur eine zweite solche »schwarze Kugel« bekannt, sind Freunde der Menschen, dürfen aber nach galaktischen Gesetzen nicht steuernd, sondern nur auf Fragen helfend, eingreifen. Zur Entdeckung von Atlantis siehe »Der Parakommunikator« und »Die Parakämpfer« in der XPERTEN Reihe. 

[12] Siehe »Der Parakommunikator« in der XERTEN Reihe. 

[13] Siehe »Das Paranetz-Zusammenbruch des Internets«  in der XPERTEN Reihe.