Macht Not erfinderisch?

Warum ein wenig Druck nichts schadet, zuviel Druck aber sehr wohl

Not macht erfinderisch, sagt der Volksmund. Es ist daher oftmals leichter auf eine Idee zu kommen, wenn ein gewisser Druck herrscht, wenn möglichst schnell eine Lösung für ein bestimmtes Problem gebraucht wird. Unter Druck habe ich schlicht nicht die Ruhe, nichts zu denken. Oder plötzliche Einfälle gleich wieder zu vergessen. Wenn es drängt, dann wühlt alles in mir, alle Gedanken widmen sich einem möglichen Ausweg aus der schwierigen Lage. Gerade wenn ich geschäftliche Probleme zu lösen habe, gehe ich mit diesen zu Bett – und stehe mit ihnen auf. Ob wachend oder im Traum, oft gehen sie mir auch während der Nacht weiter im Kopf herum. Und nicht selten fällt mir dann auch nachts, wenn ich wach liege, eine Lösung ein, auf die ich des tags nicht gekommen bin.

Das kann ein Produkt sein, von dem mir plötzlich klar wird, wie es zusammengesetzt, verpackt, beworben oder verkauft werden müsste. Es kann sich um ein Kommunikationsproblem handeln, wo mir in der Situation, in der es auftauchte, die richtigen Worte gefehlt haben. Oder ein Mitarbeiter hat in seiner derzeitigen Position Probleme, ist unzufrieden, über- oder unterfordert. Am Tag sehe ich nicht, wie man das lösen könnte. Aber nachts fällt mir auf, wo es bei dem konkreten Projekt eigentlich klemmt. Oder was im Aufgabengebiet des Mitarbeiters verändert werden könnte bzw. auf welche Position er möglicherweise versetzt werden muss, um wieder zufrieden und erfolgreich zu arbeiten.

Vielleicht ist es ein besonders zuverlässiger oder korrekter Mitarbeiter, dem für seine gegenwärtigen Aufgaben etwas Phantasie und Kreativität fehlen. Während wir an einer anderen Stelle einen unkonventionellen, aber besonders einfallsreichen Menschen sitzen haben, der sich mit für ihn eher langweiligen Routineaufgaben herumschlagen muss. Oder wir haben jemanden, dem für seine Aufgaben in der Produktion technisches Verständnis fehlt – der aber in der Qualitätskontrolle sofort aufblüht. Manchmal muss man zur Auflösung solcher Situationen zwei oder drei Umbesetzungen vornehmen. Oder ein Team neu zusammensetzen. Und manchmal wird mir eben auch klar, dass wir uns leider trennen müssen. Wobei ich dann aber oft darüber nachdenke, ob der Mitarbeiter in einer anderen, mir bekannten Firma in der Umgebung vielleicht besser aufgehoben wäre. Jedenfalls, wenn er sich nichts hat zuschulden kommen lassen oder einfach für uns ungeeignet ist. Auch das gibt es ja leider ab und an.

Der Grund, warum mir plötzlich die Lösung deutlich wird, ist im Kern immer derselbe: Es war durch das Problem Druck entstanden, der zu einem wirtschaftlichen Misserfolg, zur Eskalation eines menschlichen Problems oder zu nachhaltig schlechter Stimmung in einer Abteilung hätte führen können. Und das lässt mich dann eben nicht los, bis ich es lösen kann. Hier handelt es sich wohlgemerkt nicht um ein krampfhaftes Nachdenken, bei dem ich mich schlaflos im Bett wälze. Das bringt eher wenig, führt selten zu guten, kreativen Problemlösungen. Es ist eher eine innere Unruhe, die da wirkt, und die den Willen zur Lösung befeuert.

Es spricht ja vieles dafür, dass der Mensch gar nicht in erster Linie zum Zwecke der physischen Erholung schläft. Es ist vor allem das Gehirn, dass ein bestimmtes Quantum Schlaf braucht. Ebenso wie einen gesunden Schlaf, der bekanntlich aus unterschiedlichen Phasen besteht: Tiefschlaf, Traumphasen, manchmal auch kurze Wachphasen. Oft beschäftigen sich die Synapsen da einfach mit Aufräumarbeiten. Jeder kennt solche chaotischen oder surrealen Träume, die offensichtlich nichts mit Tageserlebnissen zu tun haben. Aber manchmal arbeiten wir diese eben doch ab. Und bisweilen findet das Gehirn dann wohl auch in irgendeiner seiner Windungen eine Lösung, die uns beim bewussten Nachdenken nicht eingefallen ist. Die aber gleichwohl schon „da“ war.

Die in der Nacht geborenen Ideen haben zugleich unschätzbare Vorteile: Sie sind meist einfach, klar, unkompliziert – und noch nicht zerredet. Stelle ich meine Idee dann am nächsten Tag den betreffenden Mitarbeitern vor, kann es natürlich immer noch passieren, dass sie sich im Laufe der Diskussion als weniger gut entpuppt, wie ich dachte. Dass gewichtige Gegenargumente vorgebracht werden, ich einen entscheidenden Punkt übersehen habe. Doch meine Idee ist dann immerhin noch der Impuls für eine bessere Lösung gewesen. Eben eine, die nicht mir zugefallen ist, sondern die im Team erarbeitet wurde.

Auch wenn das zum Glück nicht oft der Fall ist: Bisweilen gibt es sogar Zeiten, die so unruhig sind, dass ich überhaupt nicht in den Schlaf finde. In der Verantwortung für ein großes Unternehmen schlafe ich eben nicht immer gut. Doch irgendwann kommt immer auch der Augenblick, in dem mir die mögliche Lösung aufscheint.

Bei wirtschaftlichen Entscheidungen oder bei der Lösung technischer Probleme liegt ein gewisser Druck geradezu in der Natur der Sache. Denn hier habe ich es fast immer mit Knappheitsproblemen zu tun. Zeit, Geld und Ressourcen stehen eben so gut wie nie unbegrenzt zur Verfügung. Und wenn es doch einmal egal sein sollte, was eine Lösung kostet oder wann ein Produkt auf den Markt kommt, dann kann ich fast eine Wette darauf abschließen, dass die derart Verwöhnten zwar alle denkbaren Hebel in Bewegung setzen – aber der Zug am Ende gar nicht, viel zu spät oder völlig überladen in den Bahnhof rollt.

Panik führt zu Denkblockaden

Andererseits: Zu groß darf die Not dann auch wieder nicht sein. Denn Angst ist ein noch schlechterer Ratgeber als völlige Sorglosigkeit. Hängt von der Markteinführung eines neuen Produktes das Überleben der Firma ab oder weiß ich, dass ein Wettbewerber ebenfalls kurz vor dem Durchbruch steht, dann droht Torschlusspanik. Und so werde ich unter Umständen mangelhafte Qualität, unzureichende Planung oder völlig überhöhte Kosten in Kauf zu nehmen bereit sein. Hektischer Aktionismus tritt dann an die Stelle von Nachdenken und überlegtem Handeln.

Die meisten Menschen neigen im Brandfall zu unüberlegten, im günstigsten Fall hilflosen, im schlimmsten Fall sogar lebensgefährlichen Handlungen. Wer in hochriskanten Berufen arbeitet, also etwa Polizisten, Feuerwehrleute, Piloten und Flugbegleiter oder Experten beim Kampfmittelräumdienst, wird eben deshalb langwierig darauf trainiert, impulsive Reaktionen von Angst, gar von Panik bewusst zu kontrollieren und selbst in brenzligsten Situationen einen kühlen Kopf zu behalten.

In stark abgestufter Form gilt dieses Gebot auch bei der Suche nach Lösungen in anderen kritischen, wenn auch weniger bedrohlichen Situationen. Jeder kennt das: So sehr ich mich bemühe, die Gedanken wollen nicht fließen, die Lösung eines Problems will mir partout nicht einfallen. Wer sich in so einer Situation selbst unter Druck setzt, wer sozusagen am Ventil oder am Wasserhahn herumfummelt, statt zu bemerken, dass er sprichwörtlich auf dem Schlauch steht, wird der Sache nicht näherkommen, sondern bloß seinen Adrenalinspiegel nach oben schrauben. Mit dem Resultat, dass er das urmenschliche Alarmsystem startet. Und das drängt nun einmal zur schnellen Flucht und nicht zum überlegten Handeln.

Denn jene unserer Vorfahren, die bei jedem Rascheln im Gebüsch erst nachgedacht haben, ob dahinter ein Löwe oder ein Vogel steckt, sind alle von einem Löwen gefressen worden. Dass sie sich zuvor viele Male, anders als die unreflektierten Angsthasen, einen kräftezehrenden Sprint erspart haben, hat ihnen am Ende nichts geholfen. In einer bedrohlichen natürlichen Umwelt ist es schlicht vorteilhafter, ohne genaue Prüfung der Gegebenheiten Fersengeld zu geben. Einige tausend Jahre menschlicher Zivilisation haben nicht genügt, dieses über Jahrmillionen bewährte Programm weitgehend stillzulegen.

Doch die Fragen und Probleme der heutigen Zeit sind in 98 von 100 Fällen keine Löwen. An die Stelle gegenwärtiger Gefahren, auf die wir sofort reagieren müssen, sind überwiegend künftige Risiken getreten, die es nüchtern abzuwägen gilt. Wer angesichts dessen unter Stress handelt, zieht häufig die schnelle und schlechte einer besseren, überlegten Lösung vor. Damit vergeudet er Kräfte und Ressourcen, obwohl es bei uns höchst selten um Entscheidungen auf Leben und Tod geht. Anders als in der Wildnis sind in der Zivilisation, erst recht in unserer modernen Welt mit ihren komplexen Zusammenhängen, das Nachdenken, die Geduld und die Fähigkeit, auch einmal abzuwarten, durchaus von Vorteil.

Deshalb liegt gerade im Bereich des Schöpferischen in der Ruhe die Kraft. Natürlich muss irgendwann gehandelt werden. Würden wir eine unternehmerische Entscheidung so lange hin und her wälzen, bis wir auch noch wissen, was sie für unsere Markposition auf Tonga bedeutet, dann gäbe es unsere Firma längst nicht mehr. Und schöbe ich immer nur jene Papierschnipsel hin und her, die ich für die Ideenfindung nutze, dann wäre mein malerisches Oeuvre überaus schmal. Wenn aus der Idee kein Produkt, kein Gemälde, keine Tat wird, dann hat sie am Ende eben auch nichts getaugt.

Wir sollten jedoch deshalb Aktivität nicht mit Aktionismus verwechseln. Der Aktive greift eine gereifte Idee auf und ergreift die Chance, die in ihr liegt. Er wird erfolgreich sein, wenn er die Sache hinreichend durchdacht hat. Der Aktionist macht dagegen in der Regel bloß Wind, sei es nun aus Übermut, aus Leichtsinn oder aus purer Ratlosigkeit, wie er es eigentlich anstellen soll.

Wenn es an einer durchschlagenden Idee fehlt, ist es daher oft besser, erst einmal nichts zu tun und abzuwarten. Ich habe es jedenfalls oft erlebt, dass genau im Zurücknehmen und im Pausieren der Raum entsteht, in dem Neues zutage kommen kann. In diesem Vertrauen auf die Kraft der Ruhe kann ich auch in kritischen Situationen warten, bis der richtige Einfall kommt. Denn wohl ist oft das Gute des Besseren Feind. Das Falsche ist es aber allemal.

Guter Rat ist nicht immer teuer

Wenn die rechte Idee sich nicht einstellen will, kann es oft auch sehr hilfreich sein, den Rat Dritter zu suchen. Denn Außenstehende blicken unvoreingenommen auf eine Sache. Wogegen die direkt Betroffenen vielleicht betriebsblind geworden sind und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Hinzu kommt, dass für sehr viele Menschen der Wunsch zu helfen ein starker Antrieb nicht nur des Handelns sondern auch des Denkens und der Kreativität ist.

Bei mir ist es jedenfalls so: Wenn ich um Rat gefragt werde und das Vertrauen eines Menschen spüre, dass mir zu seinem Problem halbwegs zügig etwas einfallen wird, dann arbeitet sich mein Gehirn bewusst wie unterbewusst an dem Thema ab. Und das oft weit freudiger und konzentrierter, als wenn ich an einem eigenen Problem herumkaue. Denn als Ratgeber bekomme ich ja eine drängende Frage vorgelegt, ohne dass mit ihr zugleich die Sorge ins Haus einzöge. Das kann die grauen Zellen außerordentlich anregen. Außerdem bleibt meine Idee auch hier meine Idee. Ich habe jedenfalls kein Problem damit, wenn sie andernorts umgesetzt wird und ich sehe, dass sie funktioniert. Genauso wie ich mich freue, wenn Leute einen Gedanken oder eine Formulierung von mir übernehmen.

Anderen derart zu helfen oder sie zu inspirieren, hat weder etwas mit Ideenklau noch mit Plagiaten zu tun. In solchen Fällen hat einen ja gerade niemand gefragt, bevor er sich an den Früchten fremder Geister vergreift. So haben wir in der Firma einmal eine sehr unangenehme Erfahrung mit einem unserer Ausrüster gemacht. Eine seiner Maschinen hatten wir nach der Anschaffung aufgrund eigener Erfahrungen technisch verbessert. Konkret hatte sich unser Werksleiter eine optimierte Walze zum Trocknen von Getreide ausgedacht. Einige Zeit nach einer routinemäßigen Wartung durch dessen Monteure fanden wir unsere technische Neuerung in einer Maschine des Herstellers. Der natürlich bestritt, die Idee bei uns geklaut zu haben. Worauf wir nicht nur den Lieferanten wechselten, sondern auch die Wartung ab dato weitestgehend selbst durchführten. Der Punkt ist: In solchen Fällen wird nicht nur eine Idee übernommen. Jemand eignet sich vor allem den aus ihr resultierenden wirtschaftlichen (oder akademischen) Erfolg an. Und das ist ebenso unrechtmäßig wie ungerecht. Immerhin: Auch so ein Ideendieb erkennt an, dass die eigene Idee gut war. Insofern wären Patentklau und Plagiat sozusagen verfehlte Formen des Lobes. Während meines Jurastudiums, bei dem ich weitestgehend unterdurchschnittlich war, hat es mich immer gefreut, wenn jemand von mir Wissen bezog. Das war immerhin eine Anerkennung meiner eigenen bescheidenen Leistungen.

Von der Anfang 2010 verstorbenen IKKH Erzherzogin Regina von Habsburg habe ich zudem einen Rat übernommen, den sie selbst als junge Frau von ihrer Schweigermutter, der Kaiserin Zita, bekommen hatte: Wenn Du mal einen Rat brauchst, dann gehe zu einem Vielbeschäftigten. Denn wahr ist: Wer viel zu tun hat, wer vielfältige Aufgaben und Pflichten permanent unter einen Hut bringen muss, der erledigt die Dinge sofort. Und er weiß Wichtiges von Unwichtigem, Kernpunkte von Nebensächlichkeiten, Dringendes von weniger Dringendem zu unterscheiden. So wie der Vielbeschäftigte meist auch ein gutes Gespür dafür hat, welche Angelegenheiten noch nicht reif zur Entscheidung sind.

Wenn die Idee kommt, muss sie festgehalten werden

Auf welchem Wege auch immer eine Idee sich einstellt – gerade weil wir das nicht erzwingen können, gerade weil Glück, Zufall oder unerwartete Eingebungen von oben uns oft zu Hilfe kommen, müssen wir für jene Momente wachsam sein, in denen die Geistesblitze einschlagen. Das passiert, wie wohl jeder aus Erfahrung weiß, sehr häufig, wenn wir über die betreffende Sache gerade überhaupt nicht nachdenken. Und es pflegt schon gar nicht immer am Schreibtisch zu geschehen. Block oder Diktiergerät sind nicht immer zur Hand. Obwohl: Eine Funktion für kurze Tonaufnahmen hat heutzutage jedes Handy. Zumindest Stichworte lassen sich so jederzeit festhalten. Mit einem Smartphone können wir inzwischen auch schon ganz komfortabel tippen. Ich selbst bin da recht konservativ: Ich habe immer und überall ein gebundenes Notizbuch im Taschenformat und einen kleinen Bleistift – mein bevorzugtes Schreibgerät – dabei. Das hat den Vorteil, dass ich auch immer zeichnen kann.

Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass ein guter Gedanke gleichsam automatisch haften bliebe. Jeder dürfte es schon oft erlebt haben, dass er etwas im Moment der Eingebung völlig Einleuchtendes eigentlich festhalten wollte. Und dann kommt irgendetwas anderes, oft weit Banaleres dazwischen. Und schon eine halbe Stunde später ist einem die Idee (erst recht eine gute Formulierung) entfallen. Denn eine Idee ist ja nicht erst dann eine Idee, wenn man von ihrer die Welt verändernden Größe so sehr überzeugt ist, dass man ohnehin nichts anderes mehr denkt oder tut. Der Erfinder des Rades wird vermutlich keine Notiz wie „Idee: runde Scheiben auf Stock stecken, unter Brett montieren“ in ein Steintäfelchen geritzt haben. Aber meist haben wir es eben mit „kleineren“ Einfällen zu tun. Und da geht aufgrund von Acht- und Gedankenlosigkeit sehr oft Wertvolles verloren. Ob eine Idee also ausgereift oder ob sie nur ein zarter Keim ist: Sie festzuhalten, durchaus auch ganz praktisch zu notieren, ist stets das erste, was man tun sollte. Für mich ist es eine befreiende Erleichterung Ideen aufzuschreiben, denn dann bin ich weniger damit belastet, an sie denken und mich an sie erinnern zu müssen.

Freilich ist es das eine, eine Idee zu haben. Das andere ist, sie dann auch zu verfolgen – und nicht etwa den betreffenden Zettel selbstzufrieden in irgendeiner Ablage zu versenken. Mit jeder Stunde, jedem Tag, die vergehen, sinkt leider die Wahrscheinlichkeit, dass man auf eine Sache zurückkommt. Da die Gattung Mensch ursprünglich nun einmal nicht als Clan von Philosophen das Licht der Welt erblickt hat, funktioniert unser inneres Belohnungssystem recht handgreiflich: erfolgreiche Taten – übrigens auch darob zufriedene Artgenossen – motivieren uns nachhaltig, Gedanken und symbolische Gesten verpuffen recht rasch.

Mit etwas Glück folgen aus 100 theoretischen Ideen wahrscheinlich zwei oder drei praktische Projekte. Und von 90 der Ideen hat die Welt nie etwas erfahren, weil sie weder festgehalten noch ausgesprochen wurden. Darunter sind sicher viele Einfälle, deren Verwirklichung keinen Nutzen gestiftet, ja vielleicht sogar Schaden angerichtet hätte. In vielen Fällen scheuen die Urheber einer Idee aber auch bloß die Mühen der Ebene, die selbst dem kühnsten Gedanken folgen müssen. Viele unserer Vorfahren mögen die Idee gehabt haben, das Feuer bei Nacht zum Selbstschutz und zum Wärmen, bei Tage zum Bereiten von Speisen zu nutzen. Aber nur wenige dürften sich hingesetzt haben, um mithilfe von Feuersteinen und Spänen mühsam eines zu entfachen.

Bei mir ist es so, dass ich meist in der Nacht oder in der Frühe Einfälle habe. Und dann bin ich oft sogleich überzeugt: Das ist richtig, das muss ich tun. Das bedeutet aber auch, sofort gegen jede Bequemlichkeit anzukämpfen. Denn ein Gedanke, den ich nicht sehr bald praktisch aufgreife, ist wenig wert. Ist eine Idee noch vage, unklar oder unausgereift, gilt es sie als erstes auszuformulieren. Meiner Erfahrung nach tue ich das am besten schriftlich, ja sogar handschriftlich.

In der Malerei setze ich eine Idee meist erst zu einer Skizze um. Hier hängt alles von der richtigen Setzung der Grundformen ab. Die Hauptform muss, bezogen auf meine Idee und das Format des Bildes, unbedingt an der „richtigen“ Stelle stehen. Um das zu gewährleisten, nutze ich oft Papierschnitzel anstelle eines Stiftes; die kann ich so lange austauschen und verschieben, bis es passt. Dann setze ich auf die gleiche Weise eine zweite Form. Zweite Regel: Fünf Formen sind das Maximum. Alles, was darüber hinausgeht, führt meist nicht zu einem Gemälde, sondern zu einem Tapetenmuster. Drittens: Ich beginne fast immer mit Grautönen. Damit gewährleiste ich, dass die Form wichtiger ist als die Farbe.

Vom Aufschieben und ewigem Pläneschmieden

Doch so wichtig eine schriftlich ausformulierte Idee oder eine gute Skizze sind: Wenn ich sie nicht praktisch umsetze, nützen selbst die schönsten Konzepte nichts. Eine Idee darf eben auch nicht überreif werden. Dann wird sie faul, wie eine falsch oder zu lange gelagerte Frucht. Entscheidend ist es, zum richtigen Zeitpunkt zu handeln.

Gerade im Alltagsgeschäft schaffe ich mehr, wenn ich nichts auf die lange Bank schiebe. Wenn ich zum Beispiel am Schreibtisch sitze und meine Post erledige, dann geht es einfach schneller, wenn ich die Sachen nur einmal in die Hand nehme und gleich entscheide, was zu tun ist; ob ich mich einer Sache selbst widme, ob und an wen ich sie delegieren kann oder ob ich mich gar nicht weiter mit ihr befassen muss. Stapel von Papieren und unerledigter Post machen nicht nur schlechte Laune beim Anblick des Schreibtisches. Sicher erledigen sich manche Dinge auch mit dieser Methode von selbst – nämlich die, die ohnehin unwichtig waren. Aber die befördere ich lieber sofort und bewusst in den Papierkorb. So wie ich die wichtigen Angelegenheiten möglichst sofort erledige, anstatt sie auf großen Haufen in tickende Zeitbomben zu verwandeln. Der größte Vorteil an dem Verfahren ist freilich ein anderer: Ich gewinne Zeit für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind.

Um sicher, schnell und effektiv handeln zu können braucht es Konzentration und Fokussierung. Es gibt Aufgaben, denen ich mich mit voller Aufmerksamkeit widme und bei denen ich an nichts anderes denke. Das ist nicht nur bei wichtigen unternehmerischen Entscheidungen so. Sondern zum Beispiel auch dann, wenn ich im Orchester Oboe spiele. Wenn ich bei einem Bild entscheidende Akzente setze. Oder wenn ich mich bei einer Rede ganz auf meine Zuhörer und deren Fragen einstelle. Andererseits kann ich beim Autofahren reden und dabei Musik hören, im Flugzeug lesen und hören, was neben mir gesprochen wird, oder in einer Gesellschaft mehreren Gesprächen gleichzeitig lauschen. Auch im Büro kann ich – wie mein Vater – mehrere Dinge zur gleichen Zeit tun. Allerdings mit jener angespannten Konzentration, die es braucht, wenn ich nicht alles durcheinanderbringen will.

Künstler, Intellektuelle und Kreative neigen vielleicht etwas häufiger zum Aufschieben als bodenständige Praktiker. Die Schriftstellerin Kathrin Passig und der Werber und „Internet-Guru“ Sascha Lobo haben dem von ihnen zur „Prokrastination“ geadelten Problem 2008 sogar eine ganz originelle Verteidigungsschrift gewidmet („Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“). Ein Grund ist sicher, dass der Geist nun mal weht, wann und wo er will. Außerdem gibt es zu jeder Idee eine Alternative, zu jedem Gedanken einen Einwand. Viele schöpferische Menschen sind ohnehin die schärfsten Kritiker ihrer selbst. Das ist ehrenwert, aber es kann auch bremsen. Auch wenn das sicher nicht immer leicht ist, sollte jeder erkennen, ob sich gerade sein innerer Kritiker oder sein innerer Schweinehund meldet.

Sicher gibt es so etwas wie geborene Pläneschmiede, die vor lauter guten Ideen nie zum Handeln kommen. Falls sie in der Sache zum Fantastischen neigen, würde ich solchen Leuten eher zu einer literarischen Karriere raten. Das gilt übrigens auch für jene Zeitgenossen, die sich mit Verve der Lösung unlösbarer Probleme verschreiben. Denn weder werden sie je das versunkene Atlantis entdecken noch das Perpetuum Mobile bauen. Andere kreative Köpfe, die mit der Umsetzung ihrer Ideen zu sehr hadern, brauchen dagegen schlicht eine oder mehrere rechte Hände – Praktiker, die selbst vielleicht nicht zu riesigen Gedankensprüngen neigen, dafür aber umso größere Freude daran haben, jene in kleine Schritte zu zerlegen, die dann auch funktionieren. So wie jeder selbsternannte Daniel Düsentrieb auf einen Bremser angewiesen ist, der zumindest die unsinnigsten Projekte und Erfindungen abwürgt. Jedes Unternehmen ist gut beraten, diese verschiedenen Charaktere allesamt unter seinen Mitarbeitern zu haben. Das Übrige ist dann „nur“ noch eine Frage des richtigen „Teambuildings“.

Der Zufall allein reicht nicht aus

Wie viele Erfindungen und bahnbrechende Entdeckungen in der Geschichte der Menschheit wohl den Zufall zum Urheber haben? Umgangssprachlich sagen wir das ja sehr oft: Das war Zufall. Etwas ist zufällig geschehen. Aber was heißt das eigentlich?

Eines bedeutet „Zufall“ für mich jedenfalls nicht: dass Gott würfelt. Selbst wenn man den Gedanken für einen Moment zuließe, aus ihm könnte nur eines folgen. In Gottes Zeitdimension, der Ewigkeit, käme es zu einer exakten Normalverteilung von Eingebungen und Ereignissen. Welch seltsame Art von Strähne sollte dann aber die Geschichte seiner Selbstoffenbarung in der Geschichte der Menschheit sein? Oder: Hat jemand in Zeiten, in denen neue Ideen nur so sprießen oder sich die Ereignisse überschlagen, etwa Gottes Würfel gezinkt?

Zufall in dem Sinn, dass mir etwas zufällt, meint im Grunde: Plötzlich kommt mir eine Idee, ohne dass ich ihren Grund, ihre Quelle erkenne. Gewiss ist die Frage nach dem Warum und dem Woher für die Heuristik interessant, für die Lehre der Erkenntnisgewinnung und der Ideenfindung. Aber im Sinne der Sache ist die Frage eben auch ein wenig müßig. Hier ist das Entscheidende, die zugefallene Idee festzuhalten und einzuordnen. Und dies Entscheidende ereignet sich bei genauerem Hinsehen gerade nicht aus dem Nichts heraus. Menschen denken oftmals das gleiche zur gleichen Zeit. Ebenso wie sich Dinge zum gleichen Zeitpunkt an verschiedenen Orten unabhängig voneinander ereignen können. Wir sagen in diesem Fall, eine Idee, eine Theorie, eine Erfindung habe wohl „in der Luft gelegen“. Die Frage ist nur: Warum wird sie von bestimmten Menschen erfasst und aufgegriffen – und von anderen nicht? Hier reicht der Zufall, das Zufallen allein als Erklärung nicht aus. Mindestens ebenso wichtig ist das Festhalten und das Verfolgen des Zugefallenen – seine Umsetzung. Wir müssen aus dem Zufall etwas machen, erst dann wird die Idee Wirklichkeit.

Meine Erfahrung ist, dass erst die eigene Begeisterung für eine Idee Mut macht und einem Flügel verleiht. Nur wenn ich überzeugt bin, dass diese oder jene Idee richtig ist, dass es einfach so gemacht werden muss, schreite ich vom Gedanken zur Tat. Ich spüre eine innere Dringlichkeit: Das wird kein anderer machen, wenn ich es nicht mache. Es ist meine Aufgabe, das zu tun. Ich bin für die Idee verantwortlich. In bestimmten Fällen mag sogar das etwas pathetische Wort von der Berufung zutreffen.

Innere Stimmen und Rufe von „oben“

Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kam ich bei einem Ausritt zufällig an der Wallfahrtskirche Herrnrast bei Ilmmünster vorbei, einem Ort einige Kilometer südlich von Pfaffenhofen. Sie liegt, nicht weit von unserem Familiengehöft entfernt, weithin sichtbar auf einer Anhöhe.

Einer Legende zufolge war dort einem Schafhirten gegen Ende des 16. Jahrhunderts in einem Lindenbaum ein Bildnis des rastenden Herrn erschienen. Das ist ein rund zweihundert Jahre zuvor aufgekommenes Motiv. Die fast ausschließlich plastischen Werke stellen den Erlöser nach dem Verhör und der Folter im Hause des Pilatus dar, und zwar sitzend, einen Arm auf dem Oberschenkel aufgestützt, im Lendenschurz, mit Dornenkrone und Wundmalen. Mehrfach soll der Hirte das Bildnis in seine Hütte getragen und es in einer Art hölzernem Schrein verborgen haben. Doch stets fand er es am folgenden Tag wieder in der Linde. Der Pfarrer von Ilmmünster, so heißt es, hörte von dem wunderlichen Geschehen und erzählte seinem Bischof davon, der darauf den Bau der Kirche anordnete. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie schwer beschädigt, 1689 im barocken Stil erneuert. Als Bezug auf die Gründungslegende beherbergt der Hochaltar bis heute eine – wohlgemerkt auch aus dem Barock stammende – hölzerne Gnadenfigur des „Christus in der Rast“, von dem sich eben auch der Name der Kirche herleitet.

Im 19. Jahrhundert erfreute sich Herrnrast zunächst nur bei den Gläubigen der Umgebung großer Beliebtheit. Dann kamen Pilger von immer weiter her, die Wallfahrtskirche wurde in ganz Oberbayern bekannt. Aus der alljährlichen zweitägigen Kirchweih wurde schließlich ein populäres Volksfest mit Verkaufsbuden und Wurstständen. Der Wallfahrtsgedanke trat dagegen immer mehr in den Hintergrund. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel die Kirche zunehmend.

Als ich damals dort vorbei ritt, befand sich das Gotteshaus in einem furchtbar heruntergekommenen Zustand. Das Dach war undicht, die Außenmauern wiesen bereits bedenkliche Risse auf, und teilweise hatte sich bis auf die Höhe der Fenster Erdreich angehäuft. Ich erinnerte mich sofort, dass ich als Kind zusammen mit meinem Vater einmal an einer Wallfahrt hierher teilgenommen hatte. Nun hätte ich natürlich sagen können: Was geht mich der Zustand dieser Kirche an? Da sollen sich die zuständigen Stellen drum kümmern. Wozu gibt es schließlich ein Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege? Und wozu hat das große Erzbistum München und Freising ein Baureferat?

Tatsächlich aber sagte mir eine unüberhörbare innere Stimme, dass ich mich um diese Sache kümmern müsse. Ich will mich mit dieser Geschichte um Himmels willen nicht als einen von oben Berufenen stilisieren. Ich hatte damals auch keine Erscheinung. Es war einfach nur das Gefühl: Wenn ich mich nicht darum kümmere, wird dieses barocke Kleinod früher oder später zur völligen Ruine verkommen. Und das wollte weder der Katholik noch der Künstler und Kunstbegeisterte in mir zulassen.

Zunächst wandte ich mich an der örtlichen Pfarrer. Das Verhältnis zwischen dem äußerst sittenstrengen älteren Herrn und seinen Schäfchen war nicht ganz spannungsfrei. Im Gespräch entdeckten wir dann, dass wir aus dem gleichen Viertel in München stammten, das brach ein wenig das Eis. Es war aber auch schnell klar, dass der Pfarrer sich aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und der Stimmung in der Gemeinde um das Problem Herrnrast nicht mehr kümmern würde.

Ich erkundigte mich beim Erzbischöflichen Ordinariat in München nach den Zuständigkeiten. Dort wusste man ebenfalls vom baufälligen Zustand Herrnrasts. Aber zum Erzbistum München und Freising gehören über 2 000 Kirchen. Ein großer Teil davon sind nicht nur religiös, sondern auch baugeschichtlich überaus bedeutend. Verständlich, dass eine Kirche mit gut 200 Plätzen, auf dem einsamen Land gelegen, nicht gerade ganz oben auf der Liste der architektonischen Sorgenkinder stand. Also bot ich an, die Renovierung der Wallfahrtskirche zu großen Teilen privat zu finanzieren. Das Bistum übernahm die Materialkosten, und die zuständigen Stellen dort waren natürlich auch organisatorisch und beratend eingebunden, ebenso wie das Landesamt für Denkmalpflege. Im Gegenzug sagte ich zu, sämtliche Lohnkosten zu übernehmen. Als Bauleiter gewann ich einen ehemaligen Mitarbeiter, der schon einige Jahre im Ruhestand war und der sich mit seinen über 70 Jahren mit großer Freude und riesigem Engagement in das Projekt stürzte. Außerdem startete ich über die Presse einen Aufruf an die Bevölkerung im Landkreis: Wer bei der Sanierung mit anpacken wolle, der sei herzlich eingeladen. Es werde zwar kein Geld geben, aber für eine gute Brotzeit werde stets gesorgt sein. Und so haben wir mit viel Eigenarbeit in rund einem Jahr die Kirche renoviert. Für die fachlich anspruchsvolleren Arbeiten wurden natürlich auch kundige Handwerker und Restaurateure hinzugezogen, die mir vom Baureferat des Erzbischöflichen Ordinariats empfohlen worden waren. Am 12. Dezember 1974 weihte der damalige Münchner Erzbischof, Kardinal Julius Döpfner, die grundsanierte Kirche erneut feierlich. Und auch der heutige Heilige Vater Benedikt XVI. verbrachte als Kardinal Ratzinger seinen Urlaub öfters im Benediktinerkloster Scheyern, ganz in der Nähe von Herrnrast, das er kennt.

Als Messner kümmere ich mich bis zum heutigen Tag um diese Kirche. Ein erzogener Frühaufsteher, steige ich, so ich daheim bin, morgens um kurz nach sechs ins Auto, fahre wenige Minuten und schließe die Kirche auf, richte gegebenenfalls Kerzen oder Blumen und verharre für ein kurzes Gebet. Abends, meist bevor ich ins Atelier fahre, schließe ich die Kirche wieder zu. Bin ich auf Reisen, kümmert sich unser Firmenwachdienst um diese Dinge. Herrnrast hat sich über die Jahre wieder zu einem überregionalen Ziel für Wallfahrten und Besichtigungen entwickelt. Seit einigen Jahren gibt es zudem einen sehr schönen Christkindlmarkt. Und da die Kirche eine gute Akustik hat, finden auch regelmäßig Konzerte in kleineren Besetzungen statt. Dass es keinen Strom gibt und das Orgelgebläse folglich noch händisch bedient werden muss, sorgt dabei für ein ganz besonderes Klangerlebnis, da die Orgel „atmet“.

Das Beispiel Herrnrasts zeigt mir nahezu Tag für Tag: Wenn mir etwas zufällt, dann kommt es von jemandem, der es mir zuspielt. Ohne einen ursprünglichen Beweger fällt mir nichts zu. Dieser Beweger ist keineswegs notwendig eine Person oder ein personal gedachtes Wesen wie unser dreieiniger christlicher Gott. Auch der Glaube ist nicht das Einzige, was mich bewegt. Sehr oft sind es ganz handfeste praktische Probleme oder höchst profane Stimmungslagen, die mich antreiben. Aber was es auch ist, „etwas“ muss immer in mir wirken, damit ich eine Idee nicht nur haben sondern auch aufgreifen kann.

Das heißt natürlich auch, dass es ohne Offenheit für solche Momente und Eingebungen nicht geht. Für eine Idee muss ich zu geistiger Arbeit bereit sein und geistige wie praktische Beweglichkeit mitbringen. Ein aufgeschlossener Mensch hat es leichter, sich von einer neuen Idee begeistern zu lassen als ein verschlossener. Es gibt Menschen, die geradezu süchtig nach neuen Ideen sind, und es gibt solche, die neue Ideen meiden und sich lieber in einer vertrauten Umgebung bewegen. Es gibt Menschen, die sich Gedanken machen, wie etwas funktionieren könnte – und solche, die sich Gedanken machen, warum es nicht gehen kann. Ich gestehe sofort, dass auch mir sicherlich manches zufällt, das ich nicht aufnehme. Manchmal aus Bequemlichkeit, manchmal wohl auch, weil ich es einfach nicht wahrhaben will. Später denke ich dann oft: Warum habe ich das denn nicht gemacht? Aber wenn ich von der Richtigkeit einer Sache fest überzeugt bin, dann versuche ich sie ohne größeren Verzug anzupacken.

Manchmal gibt es auch so etwas wie Vorsehung. So kam ich einmal von einer Geschäftsreise zurück ins Büro. Meine Sekretärin teilte mir mit, dass an diesem Tag eine Mitarbeiterin beerdigt werde, die bei uns in der Firma als Reinigungskraft gearbeitet hatte. Auch deren Tochter war seinerzeit bei uns beschäftigt. Selbstredend hätte an meiner Stelle jemand anderes die Firma bei der Beisetzung vertreten können. Und so hatte ich auch kurz überlegt, ob ich persönlich teilnehmen solle oder nicht. Denn mein Zeitplan an diesem Tag war recht eng. Wäre die Verstorbene eine Führungskraft oder eine der örtlichen Honoratioren gewesen, so würde ich selbstverständlich hingehen, dachte ich. Aber nur eine Sekunde später wurde mir klar, welcher Blödsinn solch eine Einstellung ist. Ob Putzfrau oder Abteilungsleiter, jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter leistet seinen unverzichtbaren Beitrag zum Erfolg des Unternehmens. Und also verdient jeder auch auf seinem letzten Gang denselben Respekt. Diesem Impuls bin ich dann gefolgt. Obwohl ich todmüde war, ging ich zum Friedhof und habe dort auch ein paar Worte gesprochen. Am nächsten Tag kam die Tochter der Verstorbenen zu mir und erzählte, ihre Mutter habe am Tag vor ihrem Tod nicht nur vorhergesagt, dass ich zu ihrer Beerdigung kommen und zur Trauergemeinde sprechen würde. Sie habe sogar ziemlich genau prophezeit, was ich sagen würde. Das hat mich menschlich sehr berührt.

Und es warf zugleich zentrale Fragen auf: Was bedeutete die Vorahnung jener Frau? War das schlicht Zufall? Oder doch Fügung? War mein Entschluss hinzugehen Folge einer sozialen Konvention? Eine persönliche emotionale Entscheidung? Oder doch eine Art Eingebung von oben? Irgendein Band jedenfalls muss bestanden haben, aufgrund dessen ich in jenem Moment, auch wenn es rein äußerlich gerade eher weniger passte, das Richtige getan habe.

Viele Dinge geschehen mit derartigen Vorahnungen. Meine Mutter hatte sehr oft welche, und wir Kinder haben uns nie wirklich darüber gewundert. Es war einfach so. Dennoch habe ich mich gegen Mutters Vorahnungen oft gesträubt. Ich wollte unabhängig sein, frei von ihren Meinungen und Gedanken, überhaupt von anderer Leute Meinung. Doch im Laufe des Lebens habe ich gelernt, mit solchen Vorkommnissen umzugehen. Oft spricht eben eine innere Stimme zu uns, wenn wir einen Gedanken oder einen Entschluss fassen. Wer auch immer die Quelle dieser Stimme im Einzelfall sei. Natürlich bin ich persönlich zutiefst davon überzeugt, dass es oft Gott ist, der uns einen Anstoß gibt. Wie es umgekehrt Ausdruck menschlicher Vermessenheit wäre anzunehmen, dass Gott für jedes Problemchen auf Erden zuständig sei.