Siebzehn

Grauen

Engel und Dämonen

Blutpakt

 

 

MIT DER KOMPAKTEN EDITIERMASCHINE unter dem Arm

und einem Gefühl unendlicher Möglichkeiten im Herzen ging Euphrati Keeler durch Archivkammer Drei zu Sindermanns Tisch.

Der weißhaarige Iterator saß über das Buch gebeugt, das er ihr gerade erst gezeigt hatte, und sein Atem bildete Wölkchen in der kühlen Luft.

Sie setzte sich neben ihn, stellte die Editiermaschine auf den Tisch und schob die Speicherkarte in den Schlitz.

»Es ist kalt hier drinnen«, sagte sie. »Wie sie es geschafft haben, ein Fieber zu vermeiden, ist mir ein Rätsel.«

Er nickte. »Ja, es ist ziemlich kalt, nicht? So ist es jetzt schon seit Tagen, tatsächlich seit der Kriegsmeister nach Davin gebracht wurde.«

Der Schirm der Editiermaschine erwachte zum Leben und hüllte sie beide in sein ausgewaschenes weißes Licht, während Keeler die Bilder durchging. Sie nahm sich jene vor, die sie auf Davin geknipst hatte, und dann die von Hauptmann Loken und dem Mournival vor dem Abflug zu den Flüsterspitzen.

»Was suchen Sie eigentlich?«, fragte Sindermann.

»Das hier«, erwiderte sie triumphierend, indem sie den Schirm neigte, sodass er das Bild darauf ebenfalls sehen konnte.

Die Datei enthielt acht Bilder, alle beim Kriegsrat auf Davin gemacht, wo Eugan Tembas Verrat offensichtlich geworden war. Jedes zeigte den Ersten Ordenspriester Erebus, und Keeler benutzte den Trackball, um auf seinen tätowierten Schädel zu zoomen. Sindermann ächzte, als er die Symbole auf Erebus' Kopf wiedererkannte.

Sie waren identisch mit jenen in dem Buch, die er Keeler auf dem Subdeck gezeigt hatte.

»Dann stimmt es«, hauchte er. »Es muss das Buch Lorgar sein. Können Sie näher heran, um die Symbole auf allen Seiten von Erebus' Kopf zu zeigen? Ist das möglich?«

»Bitte, Sie reden mit mir«, erwiderte sie, während ihre Finger bereits über die Tasten der Maschine huschten.

Unter Benutzung aller Bilder des Word Bearers gelang es Euphrati, eine Abbildung aller auf seinen Kopf tätowierten Symbole zu erstellen und auf eine ebene Seite zu projizieren. Sindermann beobachtete ihr Geschick mit Bewunderung, und sie brauchte keine zehn Minuten, um ein hochauflösendes Bild der Symbole auf Erebus' Kopf zu erstellen.

Mit einem zufriedenen Grunzen drückte sie eine letzte Taste, und eine glänzende Kopie des Bilds glitt mit surrendem Seufzen aus der Seite der Maschine. Keeler hob es an den Ecken hoch und wartete ein paar Sekunden, bis es trocken war, bevor sie es Sindermann reichte.

»Bitte sehr«, sagte sie. »Hilft Ihnen das bei der Übersetzung dieses Buchs?«

Sindermann hielt das Bild neben den Band, während sein Blick zwischen dem Buch und seinen Notizen hin und her wanderte. Die Finger folgten der Keilschrift.

»Ja, ja ...«, sagte er aufgeregt. »Hier, sehen Sie, dieses Wort ist voller Vokal-Transliterationen, und das hier ist eindeutig ein persönlicher Jargon, wenngleich von einer sehr viel dichteren, vielsilbrigen Konstruktion.«

Keeler blendete Sindermanns Worte aus, da sie seinen Fachjargon nicht mehr verstand. Karkasy oder Oliton wären vielleicht noch aus dem Iterator schlau geworden, aber ihr Ding waren Bilder, nicht Worte.

»Wie lange wird es dauern, den Sinn zu ergründen?«, fragte sie.

»Was? Ach, nicht lange, würde ich meinen«, sagte er.

»Sobald man die grammatische Logik einer Sprache kennt, ist es relativ simpel, den Rest zu erschließen.«

»Wie lange also?«

»Geben Sie mir eine Stunde, dann lesen wir das zusammen, ja?«

Sie nickte, schob ihren Stuhl zurück und sagte: »Schön, ich sehe mich etwas um, wenn das für Sie in Ordnung ist.«

»Ja, sehen Sie sich an, was Ihnen ins Auge fällt, meine Liebe, obwohl ich fürchte, dass ein Großteil dieser Sammlung mehr etwas für verstaubte Akademiker wie mich ist.«

Keeler lächelte, als sie sich erhob. »Ich bin vielleicht kein Dokumentator, aber ich weiß, an welchem Ende ich anfangen muss, ein Buch zu lesen, Kyril.«

»Natürlich. Ich wollte nicht andeuten ...«

»Schon gut«, sagte sie und trat zwischen die Regale, um sich umzusehen, während sich Sindermann wieder seinen Büchern widmete.

Trotz ihres Scherzes ging ihr bald auf, dass Sindermann tatsächlich recht hatte. Die nächste Stunde verbrachte sie damit, durch Regalreihen zu wandern, die mit Schriftrollen, Büchern und muffigen Sammlungen loser Blätter vollgestopft waren. Die meisten hatten unergründliche Titel wie Interpretation von Astrologien und Astrotelepathischen Auguren, Ruchlose Entsagungen und die Vielfältigen mit solchen Werken Verbundenen Grauen oder Das Buch Atum.

Als sie an diesem letzten Buch vorbeikam, spürte sie, wie es sie kalt überlief, und sie hielt inne, um es aus dem Regal zu ziehen. Der Geruch seines abgenutzten Ledereinbands war stark, und obwohl sie eigentlich nicht den Wunsch hatte, das Buch zu lesen, konnte sie die seltsame Anziehungskraft nicht leugnen, die es auf sie ausübte.

Das Buch öffnete sich knarrend in ihrem Griff, und der Staub von Jahrhunderten wallte aus den Seiten, als sie umblätterte. Sie hustete, während sie Sindermann laut aus dem Buch Lorgar vorlesen hörte.

Er übersetzte.

Überraschenderweise waren die Worte vor ihr in einer Sprache verfasst, die sie verstand, und sie überflog rasch die Seite. Sindermanns Worte erklangen wieder, und es dauerte einen Moment, bis Euphrati begriff, dass er die Worte sprach, die sie gerade las. Die Buchstaben verschwammen und ordneten sich vor ihren Augen neu an. Die verblasste Schrift schien von innen zu leuchten, und als sie las, gingen die Seiten in Flammen auf. Mit einem Aufschrei ließ sie das Buch fallen.

Sie fuhr herum und lief zu Sindermann zurück. Als sie um die Ecke bog, sah sie ihn mit verängstigter Miene laut vorlesen. Er umklammerte das Buch, als sei er nicht in der Lage, es loszulassen, während die Worte aus ihm heraussprudelten.

Ein knisternder, elektrischer Impuls verursachte ihr Zahnschmerzen, und sie schrie vor Entsetzen auf, als sie eine wirbelnde Wolke aus bläulichem Licht über dem Tisch sah. Das Bild verzerrte sich und bebte in der Luft, bewegte sich, als sei es nicht synchron mit der Welt.

»Kyril! Was geht hier vor?«, schrie sie, als das Grauen der Flüsterspitzen mit lähmender Wucht zurückkehrte und sie auf die Knie sank.

Sindermann strömten immer noch unfreiwillig Worte aus dem Mund, den Blick voller Entsetzen auf den unnatürlichen Anblick über sich gerichtet. Ihr war klar, dass die Furcht, die sie empfand, auch durch seine Adern kreiste.

Das Licht dehnte und streckte sich, als wolle etwas von der anderen Seite hindurchstoßen, und ein schillerndes, tastendes Glied quoll aus seinen Tiefen. Keeler spürte, wie die Wut, die sie in den Monaten nach dem Angriff empfunden hatte, die Furcht durchbrach. Plötzlich lief sie los.

Sie erreichte Sindermann und packte seine mageren Handgelenke, als die Andeutung eines Körpers aus wallendem, leuchtendem Fleisch durch das Licht fegte.

Seine Hände waren um das Buch gekrampft, die 'Knöchel weiß, und sie konnte sie nicht lösen, während er immer noch die schrecklichen Worte vorlas.

»Kyril! Lassen Sie das verdammte Buch los!«, rief sie, als ein entsetzliches Reißen über ihr ertönte. Sie riskierte einen Blick und sah noch mehr Tentakel in der obszönen Parodie einer Geburt durch das Licht dringen.

»Es tut mir leid, Kyril!«, rief sie und verpasste dem Iterator einen Schlag ans Kinn.

Er fiel nach hinten, und der Strom der Worte brach ab, als das Buch seinen Händen entglitt. Sie umrundete rasch den Tisch und hob Sindermann hoch. Dabei hörte sie ein groteskes Sauggeräusch und ein hartes, nasses Klatschen, als etwas Schweres auf dem Tisch landete.

Euphrati verschwendete keine Zeit damit zurückzuschauen, sondern eilte so schnell sie konnte zu den Regalen und stützte unterwegs den schwankenden Sindermann. Die beiden entfernten sich von dem Tisch, während ein funkelndes Licht hinter ihnen ihre Schatten vorauswarf und ein gackerndes Kreischen wie Gelächter über ihnen zusammenschlug.

Keeler hörte ein Rauschen, etwas Grelles, Heißes zuckte an ihr vorbei und krachte mit einem heißen Knall gegen die Regale. Das Holz zischte und knisterte, und als sie über die Schulter blickte, sah sie ein Grauen aus rudernden Gliedern und leuchtendem, verdrehtem Fleisch hinter ihnen herspringen. Es bewegte sich kräuselnd, während sich irrsinnige Gesichter, Augen und gackernde Münder aus der flüssigen Masse seines Körpers wanden und neu formten. Blaues und rotes Licht leuchtete darin und zuckte in blendenden Blitzen durch das Archiv.

Ein weiterer Strahl aus phosphoreszierender Helligkeit raste auf sie zu, und Keeler warf sich und Sindermann flach auf den Boden, als das Regal neben ihnen gesprengt wurde und brennende Bücher und Holzbrocken durch die Luft flogen. Das entsetzliche Ungeheuer rannte auf langen, elastischen Gliedern unglaublich schnell und gewandt zwischen den Regalen entlang, und Keeler sah, dass es einen Bogen schlug, um hinter sie zu gelangen.

Sie zerrte Sindermann hoch, das Gackern des aberwitzigen Gelächters des Ungeheuers hinter sich. Der Iterator schien nach ihrem Schlag wieder einigermaßen bei Sinnen zu sein, und sie liefen weiter durch die schmalen Korridore zwischen den Regalen zum Ausgang. Hinter ihnen tosten Flammen, als das Grauen seinen Leib in den Gang zwängte und Bücher in Geysire aus rosa Feuer ausbrachen.

Das Ende der Reihe lag vor ihnen, und sie hätte beinahe gelacht, als sie die Sirenen des Feueralarms hörte. Gewiss würde ihnen jetzt jemand zu Hilfe kommen?

Sie erreichten das Ende der Reihe, Sindermann stolperte wieder und riss sie mit zu Boden. In einem Gewirr aus Gliedmaßen gingen sie zu Boden und mühten sich verzweifelt, ein wenig Distanz zwischen sich und das grauenhafte Ungeheuer zu bringen.

Keeler wälzte sich auf den Rücken, als es sich aus der Reihe der Regale abstieß, während sich sein Leib in innerer Bewegung kräuselte.

Lüstern grinsende Augen und große, mit Reißzähnen gefüllte Mäuler brachen aus seinem amorphen Leib hervor, und sie schrie auf, als es ihr einen Atemhauch aus sengendem blauen Feuer entgegenblies.

Sie wusste zwar, dass es ihr nichts nützen würde, aber sie schloss dennoch die Augen und warf die Arme nach vorn, um die Flammen abzuwehren. Plötzlich hüllte sie jähe Stille ein, und der erwartete sengende Schmerz blieb aus.

»Beeilung!«, sagte eine zitternde Stimme. »Ich kann es nicht mehr lange aufhalten.«

Keeler drehte sich um und sah die weiß berobte Gestalt der Meisterin der Astropathen der Rächender Geist, Mae Sing, mit ausgestreckten Händen im Eingang der Archivkammer stehen.

»Horus, mein Bruder«, sagte Magnus. »Du darfst nicht glauben, was er dir erzählt. Es sind Lügen, alles. Lügen, die seine finstere Absicht verschleiern.«

»Diejenigen mit genug Mut und Charakter, die Wahrheit auszusprechen, kommen den Unwissenden immer finster vor«, knurrte Erebus. »Du wagst es, von Lügen zu reden, während du vor uns im Warp stehst? Wie kann das ohne die Anwendung von Zauberei sein? Zauberei, deren Ausübung dir der Imperator ausdrücklich verboten hat.«

»Maße dir nicht an, mich zu verurteilen, Welpe!«, brüllte Magnus, indem er dem Ersten Ordenspriester einen funkelnden Feuerball entgegenschleuderte.

Horus sah, wie Erebus von den Flammen eingehüllt wurde, aber als sie erloschen, war er unversehrt, seine Rüstung nicht einmal angekratzt und die Haut makellos.

Erebus lachte. »Du bist zu weit weg, Magnus. Deine Kräfte können mich hier nicht erreichen.«

Horus sah mit an, wie Magnus einen Blitzstrahl nach dem anderen aus seinen Fingerspitzen schleuderte, und war verblüfft und entsetzt, seinen Bruder solche Kräfte einsetzen zu sehen. Zwar hatten alle Legionen einmal über Scriptor-Abteilungen verfügt, die Krieger darin ausbildeten, die Kräfte des Warp anzuzapfen, aber diese waren nach dem Dekret des Imperators auf dem Konzil von Nikaea aufgelöst worden.

Offensichtlich hatte Magnus diesen Befehl missachtet, und solcher Dünkel verschlug Horus den Atem.

Schließlich sah sein zyklopischer Bruder ein, dass seine Kräfte keine Wirkung auf Erebus hatten, und ließ die Hände sinken.

»Sehen Sie«, sagte Erebus zu Horus, »man kann ihm nicht trauen.«

»Ihnen auch nicht, Erebus«, sagte er. »Sie kommen zu mir unter dem Schutz der Identität eines anderen und behaupten, mein Bruder Magnus sei irgendeine Warpbestie, die mich verschlingen will. Und dann reden Sie mit ihm, als sei er das, was zu sein er vorgibt. Wenn er durch Zauberei hier ist, müssen auch Sie es sein.«

Ertappt stutzte Erebus. »Sie haben recht, Milord. Die Zauberei der Schlangenloge hat mich zu Ihnen geschickt, um Ihnen zu helfen und Ihnen diese Aussicht auf Leben anzubieten. Die Schlangenpriesterin musste mir die Kehle durchschneiden, um es zu tun, und wenn ich in die Welt des Fleisches zurückkehre, werde ich das Miststück dafür töten, aber Sie sollen wissen, dass alles, was ich Ihnen gezeigt habe, echt ist. Sie haben es selbst gesehen, und Sie kennen die Wahrheit.«

Magnus baute sich vor Erebus auf. Seine rote Mähne bebte vor Zorn, aber Horus sah, dass er seine Wut im Zaum hielt. »Die Zukunft steht nicht fest, Horus. Erebus mag dir eine Zukunft gezeigt haben, aber das ist nur eine der unzähligen möglichen. Sie ist nicht absolut. Hab Vertrauen darin.«

»Pah!«, höhnte Erebus. »Vertrauen ist auch nur eine Methode, nicht wissen zu wollen, was wahr ist.«

»Glaubst du, das wüsste ich nicht, Magnus?«, schnauzte Horus.

»Ich weiß Bescheid über den Warp und die Streiche, die er dem Verstand spielen kann. Ich bin nicht dämlich. Ich wusste, dass ich es nicht mit Sejanus zu tun hatte, ebenso wie ich wusste, dass alles, was ich hier gesehen habe, ohne einen Kontext bedeutungslos ist.«

Horus sah den geknickten Ausdruck auf Erebus' Gesicht und lachte.

»Sie müssen mich für einen Dummkopf halten, Erebus, wenn Sie geglaubt haben, derart simple Taschenspielertricks könnten mich von Ihrer Sache überzeugen.«

»Mein Bruder«, lächelte Magnus. »Du bist ein Wunder für mich.«

»Ach, sei still«, fauchte Horus.

»Du bist nicht besser als Erebus. Du wirst mich nicht so manipulieren, denn ich bin Horus. Ich bin der Kriegsmeister.« Er schwelgte in ihrer Verwirrung.

Der eine war sein Bruder, der andere ein Krieger, den er als Ratgeber und ergebenen Gefolgsmann betrachtet hatte. Er hatte sie beide gründlich falsch eingeschätzt.

»Ich kann keinem von euch beiden trauen«, sagte er. »Ich bin Horus, und ich bestimme mein Schicksal selbst.«

Erebus trat mit unterwürfig ausgestreckten Händen auf ihn zu. »Sie sollten wissen, dass ich auf Geheiß meines Herrn und Meisters Lorgar gekommen bin. Er weiß bereits vom Bemühen des Imperators, zum Gott aufzusteigen, und hat sich mit den Mächten des Warp verbündet. Als der Imperator Lorgars Verehrung zurückwies, fand er andere Götter, die nur allzu bereit waren, seine Hingabe zu akzeptieren. Die Macht meines Primarchen hat sich verzehnfacht, aber sie ist nur ein Bruchteil der Macht, die Ihnen gehören könnte, wenn Sie sich ihrer Sache verschreiben würden.«

»Er lügt!«, rief Magnus. »Lorgar ist loyal. Er würde sich niemals gegen den Imperator wenden.«

Horus lauschte Erebus' Worten und wusste mit absoluter Gewissheit, dass er die Wahrheit sprach.

Lorgar, sein Lieblingsbruder hatte bereits die Macht des Warps willkommen geheißen? Widerstreitende Gefühle rangen in ihm: Enttäuschung, Verärgerung und, wenn er ehrlich war, auch ein Funke Eifersucht, dass Lorgar vor ihm ausgewählt worden war.

Wenn der weise Lorgar solche Mächte als Schutzherren wählte, sprach dann nicht einiges dafür?

»Horus«, sagte Magnus, »meine Zeit wird knapp. Sei bitte stark, mein Bruder. Überleg dir, was dieser räudige Köter von dir verlangt. Er will, dass du auf deinen Treueeid spuckst. Er zwingt dich, den Imperator zu verraten und dich gegen deine Brüder zu wenden! Du musst Vertrauen haben, dass der Imperator das Richtige tut.«

»Der Imperator spielt Würfel mit dem Schicksal der Galaxis«, konterte Erebus, »und wirft sie dahin, wo niemand sie sehen kann.«

»Horus, bitte!«, rief Magnus, dessen Stimme etwas Geisterhaftes bekam, während seine Gestalt langsam verblasste. »Du darfst es nicht tun, sonst wird alles, wofür wir je gekämpft haben, für immer zerstört! So etwas Furchtbares kannst du nicht tun!«

»Ist es so furchtbar?«, fragte Erebus. »Eigentlich ist es gar nicht so viel. Liefern Sie den Imperator den Göttern des Warp aus, und unbegrenzte Macht gehört Ihnen. Ich habe Ihnen bereits erklärt, dass sie kein Interesse an den Gefilden der Menschheit haben, und dieses Versprechen steht immer noch. Sie werden als neuer Herr der Menschheit über die Galaxis herrschen.«

»Genug!«, brüllte Horus, und die Welt war still. »Ich habe meine Wahl getroffen.«

 

Keeler half Kyril Sindermann auf, und gemeinsam flohen sie durch die Tür der Archivkammer. Ing Mae Sings zitternde Arme waren noch ausgestreckt, und Keeler spürte Wellen psionischer Kälte von ihr ausstrahlen, während sie sich mühte, ihr Entsetzen zu bezwingen.

»Schließen ... Sie ... die ... Tür«, knirschte Ing Mae Sing. Die Adern an Hals und Stirn traten hervor, und der Schmerz grub Falten in ihre porzellanartigen Züge. Sie musste es nicht zwei Mal sagen. Keeler ließ Sindermann los und ging zur Tür zurück, während Ing Mae Sing mit langsamen, schleppenden Schritten zurückwich.

»Los doch!«, rief die Astropathin, wobei sie die Arme sinken ließ.

Keeler zerrte an der Tür, während das brüllende, tobende Gelächter der Bestie wieder anschwoll. Das Geheul der Alarmsirenen und ihr aberwitziges Kreischen erfüllte ihre Ohren, als sich die Tür schloss.

Etwas Schweres prallte gegen die andere Seite, und sie konnte die rohe Hitze des Dings durch das Metall spüren. Ing Mae Sing half ihr, aber die Astropathin war zu zierlich, um von Nutzen zu sein, und Keeler wusste, dass sie die Tür nicht lange geschlossen halten konnten.

»Was haben Sie getan?«, wollte Ing Mae Sing wissen.

»Ich weiß es nicht«, ächzte Keeler. »Der Iterator hat aus einem Buch gelesen, und dieses ... Ding ist aus dem Nichts aufgetaucht. Was, im Namen des Imperators, ist das?«

»Eine Bestie von jenseits der Grenzen zum Immaterium«, sagte Ing Mae Sing, während die Tür unter einem weiteren flammenden Einschlag erbebte. »Ich habe das Anschwellen der Warpenergie gespürt und bin so schnell gekommen, wie ich konnte.«

»Schade, dass Sie nicht schneller waren, was?«, sagte Keeler. »Können Sie das Ungeheuer zurückschicken?«

Ing Mae Sing schüttelte den Kopf, als ein zappelndes Pseudopodium aus rosa Licht durch die Tür zuckte und Keelers Arm streifte. Die Berührung fraß sich durch ihre Kleidung und verbrannte ihre Haut. Sie schrie, schrak zurück und umklammerte ihren schmerzenden Arm.

Das Grauen prallte wieder gegen die Tür, und die Wucht ließ sie und die Astropathin zurücktaumeln.

Blendendes Licht erfüllte den Gang, und Keeler schirmte ihre Augen ab, während sie Hände auf den Schultern spürte und sah, dass Kyril Sindermann wieder auf den Beinen war. Er zog sie hoch und sagte: »Ich glaube, ich habe einen Teil des Buches falsch übersetzt ...«

»Sie glauben?«, schnauzte Keeler, während sie vor dem Grauen zurückwichen.

»Oder vielleicht haben Sie es auch einfach perfekt übersetzt«, sagte Ing Mae Sing, während sie sich verzweifelt von der Archivtür zurückzog.

Die Bestie aus Licht sickerte in einer gleitenden Schleife aus Gliedern heraus, die in blindem Hunger um sich schlugen. Bündel aus Augen kräuselten sich und platzten wie geschwollene Blasen überall auf der gummiartigen Haut, als sie wieder auf sie losging.

»Ach, Imperator beschütze uns«, flüsterte Keeler, während sie sich umwandte.

Die Bestie schauderte bei diesen Worten, und Ing Mae Sing zupfte an ihrem Ärmel und rief: »Kommen Sie. Wir können nicht dagegen kämpfen.«

Plötzlich begriff Euphrati Keeler, dass das nicht stimmte. Sie schüttelte die Astropathin ab, griff unter ihre Gewänder und zog den Imperiumsadler heraus, den sie dort am Ende einer Kette trug. Seine silberne Oberfläche leuchtete im blendenden Licht der Kreatur, heller, als es das einfallende Licht verursachen konnte, und das Medaillon lag heiß in ihrer Hand. Als sie mit vollkommener Klarheit begriff, dass seit den Flüsterspitzen alles eine Vorbereitung auf diesen Moment gewesen war, lächelte sie gütig.

»Euphrati! Kommen Sie!«, rief Sindermann voller Entsetzen.

Ein peitschendes Glied wuchs aus dem Leib des Grauens, und ein weiterer Flammenstrahl raste ihr entgegen. Keeler verharrte standhaft und hielt das Symbol ihres Glaubens vor sich.

»Der Imperator beschützt!«, schrie sie, als die Flammen über ihr zusammenschlugen.

 

Regen fiel in schweren Sturzbächen, und Loken spürte eine greifbare Veränderung in der Nachtluft, als dunkle Gewitterwolken über die vielen zehntausend Leute hinwegzogen, die sich um das Delphos versammelt hatten. Blitze zuckten über den Himmel, und das Gefühl der Erwartung war beinahe unerträglich.

Neun Tage waren vergangen, seit der Kriegsmeister in den Tempel der Schlangenloge gebracht worden war, und mit jedem Tag hatte sich das Wetter verschlechtert. Regen fiel in einem einzigen endlosen Wolkenbruch, der die improvisierten Lager der Pilger wegzuschwemmen drohte, und krachender Donner ließ den Himmel wie unter hallenden Hammerschlägen erbeben.

Der Kriegsmeister hatte einmal zu Loken gesagt, der Kosmos sei zu groß und steril für Melodramatik, aber der Himmel über Davin schien entschlossen zu sein, ihn eines Besseren zu belehren.

Torgaddon und Vipus standen mit ihm ganz oben auf der Treppe, und viele hundert Sons of Horus folgten ihnen.

Kompaniehauptmänner, Truppführer, Stabsoffiziere und Krieger waren nach Davin gekommen, um mitzuerleben, was entweder ihre Erlösung oder ihr Untergang sein würde. Sie waren durch die singenden Massen marschiert, wo sich die schmutzig beigen Gewänder der Memoratoren mit Armeeuniformen und Zivilkleidung mischte.

»Sieht so aus, als wäre die ganze verdammte Expedition hier«, hatte Torgaddon gesagt, als sie die Treppe erklommen und dabei Krimskrams zertreten hatten, der dem Kriegsmeister als Opfergaben dargebracht worden war.

Von der obersten Stufe konnte Loken dieselbe Gruppe sehen, der er vor neun Tagen gegenübergetreten war, ausgenommen Maloghurst, der vor einigen Tagen ins Schiff zurückgekehrt war. Regen prasselte auf Lokens Gesicht, ein Lichtblitz erleuchtete das große Bronzetor und ließ es erstrahlen wie eine große Feuerwand. Die versammelten Astartes standen im Regen davor Wache: Abaddon, Aximand, Targost, Sedirae, Ekaddon und Kibre.

Keiner von ihnen hatte ihre Wacht vor den Toren des Delphos unterbrochen, und Loken fragte sich, ob sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatten, zu essen, zu trinken oder zu schlafen, seit er sie zuletzt gesehen hatte.

»Was machen wir jetzt, Garvi?«, fragte Vipus.

»Wir gesellen uns zu unseren Brüdern und warten.« »Warten worauf?«

»Das wissen wir, wenn es passiert«, sagte Torgaddon. »Nicht wahr, Garvi?«

»Das hoffe ich doch, Tarik. Kommt.«

Die drei gingen zum Tor, während der Donner von den mächtigen Seiten des Bauwerks widerhallte und die Schlangen auf den Säulen von jedem Lichtblitz in Bewegung versetzt wurden.

Loken sah, wie sich seine Brüder vor dem Tor in einer Reihe am Rand des Wasserteichs aufstellten, dessen schwarze Oberfläche den Vollmond reflektierte. Horus Aximand hatte dies vor neun Tagen ein Omen genannt.

War es das wieder? Loken wusste nicht, ob er es hoffen sollte.

Die Sons of Horus folgten ihren Hauptmännern zu Hunderten die breite Treppe empor. Loken beherrschte sich eisern, denn er wusste, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Blutvergießen geben würde, wenn das alles hier einen schlechten Ausgang nahm.

Der Gedanke entsetzte ihn, und er hoffte von ganzem Herzen, dass es nicht zu einer Tragödie kommen würde.

Aber wenn Krieg ausbrach, war er bereit ...

»Seid ihr kampfbereit?«, zischte Loken Torgaddon und Vipus über einen diskreten Kom-Kanal zu.

»Immer«, nickte Torgaddon. »Volle Ladung für jeden Mann.«

»Ja«, sagte Vipus. »Glaubst du wirklich ...«

»Nein«, sagte Loken, »aber haltet euch bereit, für den Fall, dass wir kämpfen müssen. Zügelt euer Temperament, dann kommt es nicht dazu.«

»Du auch, Garvi«, warnte Torgaddon.

Die lange Reihe der Astartes erreichte den Teich, an dessen gegenüberliegendem Ufer die Träger des Kriegsmeisters stoisch und reuelos standen.

»Loken«, sagte Serghar Targost.

»Bist du hier, um gegen uns zu kämpfen?«

»Nein«, sagte Loken, während er registrierte, dass auch die anderen kampfbereit waren. »Wir sind gekommen, um zu sehen, was passiert. Neun Tage sind vergangen, Serghar.«

»In der Tat«, nickte Targost.

»Wo ist Erebus? Habt ihr ihn gesehen, seit ihr den Kriegsmeister hergebracht habt?«

»Nein«, grollte Abaddon, dessen lange Haare offen waren. Seine Augen blickten feindselig. »Haben wir nicht. Was hat er damit zu tun?«

»Beruhige dich, Ezekyle«, sagte Torgaddon. »Wir sind alle aus demselben Grund hier.«

»Loken«, sagte Aximand, »zwischen uns hat es böses Blut gegeben, aber das muss jetzt aufhören. Ein Zwist würde das Andenken des Kriegsmeisters entehren.«

»Du redest, als wäre er bereits tot, Klein-Horus.«

»Wir werden sehen«, sagte Aximand. »Dies war nie mehr als eine geringe Hoffnung, aber sie war alles, was wir hatten.«

Loken blickte in die gehetzt dreinschauenden Augen Horus Aximands, sah den Schmerz und die Zweifel, die ihn plagten, und er spürte, wie sich der Zorn auf seine Brüder legte.

Hätte er sich anders verhalten, wenn er bei der Entscheidung zugegen gewesen wäre? Konnte er in aller Aufrichtigkeit sagen, dass er die Entscheidung seiner Freunde und Brüder nicht akzeptiert hätte, wäre die Situation umgekehrt gewesen? In diesem Fall mochten er und Horus Aximand jetzt ebenfalls auf verschiedenen Seiten des mondbeschienenen Teichs stehen.

»Dann lasst uns warten, als Brüder vereint in der Hoffnung«, sagte Loken, und Aximand lächelte dankbar.

Die Spannung löste sich auf, und Loken, Torgaddon und Vipus marschierten um den Teich und stellten sich zu ihren Brüdern vor das riesige Tor.

Ein blendender Blitz spiegelte sich im Tor, während das Mournival Schulter an Schulter dastand, und ein Donnerschlag, der nichts mit dem Gewitter zu tun hatte, hallte durch die Nacht.

Loken sah eine dunkle Linie in der Mitte des Tors auftauchen, während Donner und Blitz plötzlich und im Zeitraum eines Herzschlags aufhörten. Der Himmel war rätselhafterweise ruhig, als habe sich das Gewitter schlagartig gelegt, weil das Universum den Atem anhielt, um das Drama besser verfolgen zu können.

Langsam öffnete sich das Tor.

 

Die Flammen hüllten Euphrati Keeler ein, aber sie waren kalt, und sie bereiteten ihr keine Schmerzen. Der silberne Adler glühte in ihrer Hand, während sie ihn wie einen Talisman vor sich hielt, und sie spürte, wie sie von einer wunderbaren Energie erfüllt wurde, die von den Spitzen ihrer Zehen bis zu den Enden ihrer kurzen Haare strömte.

»Die Kraft des Imperators gebietet dir, Gräuel!«, rief sie. Die Worte waren ihr unbekannt, klangen aber richtig.

Ing Mae Sing und Kyril Sindermann beobachteten staunend, wie sie einen Schritt auf das Grauen zuging und dann noch einen. Das Ungeheuer war wie gebannt. Ob durch Mut oder ihren Glauben, wusste sie nicht, aber sie war dankbar dafür.

Die Glieder des Ungeheuers schlugen um sich, als werde es von einer unsichtbaren Kraft angegriffen, und sein kreischendes Gelächter wurde zum kläglichen Jammern eines Kindes.

»Im Namen des Imperators, geh zurück in den Warp, du Bastard!«, rief Keeler. Ihre Zuversicht wuchs, je mehr sich die Substanz des Ungeheuers verringerte. Mittlerweile lösten sich Fetzen aus Licht von seinem Körper und verschwanden. Der silberne Adler in ihrer Hand wurde immer heißer, und sie spürte, wie sich unter der Hitze Blasen auf ihrer Handfläche bildeten.

Ing Mae Sing gesellte sich zu ihr und ließ ihre eigenen Kräfte in Keelers Angriff einfließen. Die Luft rings um die Astropathin wurde kälter, und Keeler hielt ihre Hand ganz nah bei der Psionikerin, in der Hoffnung, den glühenden Adler zu kühlen.

Das innere Licht des Ungeheuers verblasste und flackerte, während seine nebelhaften Umrisse Lichtfunken sprühten, als klammere es sich mit allerletzter Kraft an seine Existenz. Das Licht von Keelers Adler übertraf es in seiner Helligkeit um ein Vielfaches, und der gesamte Korridor war in schattenloses Strahlen gehüllt.

»Was Sie auch tun, hören Sie nicht auf damit!«, rief Ing Mae Sing. »Es wird schwächer.«

Keeler versuchte zu antworten, stellte aber fest, dass sie keine Stimme mehr hatte. Die wundersame Kraft, die sie erfüllt hatte, strömte jetzt durch den Adler und nahm ihre eigene mit.

Sie versuchte den Adler loszulassen, aber das rotglühende Metall klebte an ihrer Haut fest.

Hinter sich hörte Keeler den Lärm der Schiffsbesatzung und erstaunte Rufe ob der Szene, die sich vor ihren Augen abspielte.

»Bitte ...«, flüsterte sie, während die Beine unter ihr nachgaben.

Das blendende Licht erlosch in ihrer Hand, und ihre letzten bewussten Blicke registrierten die sich auflösende Masse des Grauens und Sindermanns verzücktes Gesicht, das sie voller Staunen anstarrte.

 

Das einzige Geräusch war das des Tors. Lokens ganze Existenz verlagerte sich auf die wachsende Dunkelheit zwischen den beiden Portalhälften, während er mit angehaltenem Atem auf das wartete, was dahinter liegen mochte. Das Tor schwang vollständig auf, und er riskierte einen Blick auf die anderen Sons of Horus, um in jedem Gesicht dieselbe verzweifelte Hoffnung zu finden.

Kein Laut störte die Nacht, und Loken spürte Melancholie in sich aufsteigen, als ihm aufging, dass es einfach die automatische Öffnung der Tempeltüren sein musste.

Der Kriegsmeister war tot.

Entsetzliche Furcht überfiel Loken, und sein Kopf sank auf die Brust.

Dann hörte er Schritte, und als er aufblickte, sah er das weiße und goldene Funkeln einer Rüstung aus der Dunkelheit kommen.

Horus schritt mit wehendem Purpurumhang aus dem Delphos, das goldene Schwert hoch über den Kopf erhoben.

Das Auge mitten auf seinem Brustharnisch leuchtete feuerrot, und die Lorbeeren um seine Stirn umkränzten Züge, die wunderschön und in ihrer Herrlichkeit schrecklich waren.

Der Kriegsmeister stand vor ihnen, ungebeugt und vitaler denn je, und die schiere Körperlichkeit seiner Ausstrahlung machte alle sprachlos.

Horus lächelte und sagte: »Ihr seid ein herzerfrischender Anblick, meine Söhne.«

Torgaddon reckte im Hochgefühl des Siegs die Faust in die Höhe und schrie: »Lupercal!«

Er lachte und lief Horus entgegen, und das brach den Bann.

Das Mournival stürmte der Vereinigung mit ihrem Herrn und Meister entgegen, und alle Astartes riefen immer wieder »Lupercal!«, als sich die Nachricht verbreitete und bis zur Menge rund um den Tempel vordrang.

Die Pilger um das Delphos nahmen den Sprechchor auf, und Zehntausende Kehlen riefen bald darauf den Namen des Kriegsmeisters.

»Lupercal! Lupercal! Lupercal!«

Die Wände des Kraters erbebten unter dem ohrenbetäubenden Jubel, der bis weit in die Nacht anhielt.

 

TEIL VIER

Kreuzungsende

 

 

 

Achtzehn

Brüder

Attentat

Dieser turbulente Dichter

 

 

SILBERNE FÄDEN AUS GESCHMOLZENEM METALL hatten sich auf dem Brustharnisch verfestigt, und Mersadie Oliton hatte in ihrer Zeit bei der Expedition genug gelernt, um zu wissen, dass die Hilfe der Rüstmeister der Legion nötig sein würde, um sie richtig zu reparieren. Loken saß vor ihr in der Übungshalle, in der sich auch viele andere Offiziere der Sons of Horus tummelten und Rüstungen reparierten oder Boltgewehre und Kettenschwerter reinigten. Loken war melancholisch, und sie registrierte seine ernste Stimmung sofort.

»Läuft der Krieg nicht gut?«, fragte sie, während er sein Boltgewehr auseinandernahm und die Einzelteile mit einem Lappen säuberte. Er blickte auf, und es traf sie wie ein Schlag, wie sehr er in den letzten zehn Monaten gealtert war. Ihr ging auf, dass sie ihr Kapitel über die Unsterblichkeit der Astartes vermutlich umschreiben musste.

Seit der Eröffnung der Feindseligkeiten gegen die Technokratie von Aureus hatten die Astartes einige der schwersten Kämpfe seit Beginn des Großen Kreuzzugs erlebt, und bei vielen machte es sich bemerkbar.

Während des Krieges hatte sich kaum eine Gelegenheit ergeben, Zeit mit Loken zu verbringen. Erst jetzt sah sie, wie sehr er sich verändert hatte.

»Das ist es nicht«, sagte Loken. »Die Bruderschaft ist praktisch vernichtet, und Angrons Krieger stürmen bald die Eiserne Zitadelle. Der Krieg endet noch in dieser Woche.«

»Warum dann so trübsinnig?«

Loken schaute umher, um festzustellen, wer sich sonst noch in der Übungshalle aufhielt, dann beugte er sich näher zu ihr.

»Weil dies ein Krieg ist, den wir nicht führen dürften.«

 

Nach Horus' Genesung auf Davin hatte die Flotte der 63. Expedition gerade lange genug gewartet, um ihr Personal vom Planeten zu evakuieren und einen neuen imperialen Kommandanten aus den Reihen der Armee einzusetzen. Wie zuvor Rakris hatte auch der neue designierte Lordgouverneur Tomaz Vesalias darum gefleht, nicht zurückgelassen zu werden, aber nach der neuerlichen Eingliederung Davins musste die imperiale Herrschaft zementiert werden.

Vor den Kämpfen auf Davin war die Flotte des Kriegsmeisters nach Sardis und zu einem Rendezvous mit der 203. Flotte unterwegs gewesen. Geplant war ursprünglich ein Feldzug zur Eingliederung im Caiadenhaufen, doch anstatt sich an den Plan zu halten, hatte der Kriegsmeister Grüße gesandt und dem Oberbefehlshaber der 203. Flotte befohlen, sich mit der 63. Expedition in einem Doppelhaufen namens Drakonis Drei-Elf zu treffen.

Der Kriegsmeister verriet niemandem, warum er diesen Treffpunkt gewählt hatte, und keiner der stellaren Kartografen konnte Berichte von früheren Expeditionen finden, die Aufschluss darüber gegeben hätten, warum dieser Ort von Interesse war.

Sechzehn Wochen Fahrt durch den Warp hatte sie in ein System geführt, in dem es von elektronischem Gezwitscher wimmelte.

Zwei Planeten und ihr gemeinsamer Mond im zweiten System wurden als bewohnt identifiziert und waren von funkelnden Kommunikationssatelliten umringt, und zwischen ihnen herrschte reger interplanetarer Verkehr.

Noch aufregender war, dass die Kommunikation mit den orbitalen Einrichtungen die Zivilisation als menschlich enthüllte, als einen weiteren verschollenen Ableger der alten Rasse, der in den vergangenen Jahrhunderten isoliert worden war. Die Ankunft der Kreuzzugsflotte war mit verständlicher Überraschung begrüßt worden, die in Freude umgeschlagen war, als die Bewohner des Planeten erkannt hatten, dass ihre einsame Existenz endlich ein Ende hatte. Offizieller Kontakt von Angesicht zu Angesicht wurde erst drei Tage später hergestellt, nachdem die 203. Expedition unter dem Kommando Angrons von der XII. Legion, den World Eaters, im System angekommen war.

Sechs Stunden später fielen die ersten Schüsse.

 

Der neunte Kriegsmonat.

Boltgeschosse aus der flammenden Mündung des Bunkergeschützes stanzten einen Pfad zu Loken. Er duckte sich hinter einen mit Granatlöchern gespickten Betonpfeiler, spürte die Einschläge und wusste, dass ihm nicht viel Zeit blieb, bis das Geschützfeuer sich hindurchgefressen haben würde. »Garvi!«, rief Torgaddon, indem er sich aus der Deckung wälzte und sein Boltgewehr schulterte.

»Geh nach links, ich gebe dir Feuerschutz!«

Loken nickte und hechtete aus seiner Deckung, während Torgaddon das Feuer eröffnete und dank seiner Astartes-Kraft den Lauf dabei trotz des gewaltigen Rückschlags gerade hielt. Geschosse explodierten in grauen Wolken aus Betonsplittern auf der Schießscharte des Bunkers, und Loken hörte von drinnen Schmerzensschreie. Dann kam das Tosen der Werfer hinzu, als Locastas Krieger Feuer in den Bunker strahlten.

Mehr Geschrei und der Gestank nach von chemischen Flammen verbranntem Fleisch lag plötzlich in der Luft.

»Alles zurück!«, rief Loken. Er sprang auf und wusste genau, was als Nächstes kam.

Und tatsächlich ging der Bunker mit donnerndem Krachen hoch, als sein Magazin durch die Hitze der Flammen zur Explosion gebracht wurde und die inneren Sensoren registrierten, dass seine Besatzung tot war.

Schweres Feuer beharkte ihre Stellung, ein kollabiertes Gebäude am Rande des zentralen Viertels der gigantischen Stadt aus Stahl und Glas auf dem Planeten. Loken hatte die Eleganz der Stadt bestaunt, und Peeter Egon Momus hatte sie für perfekt erklärt, als er die ersten Bilder aus der Luft gesehen hatte.

Jetzt sah sie nicht mehr so perfekt aus.

Flackernde Detonationen rissen eine Linie durch die Astartes, und Loken warf sich zu Boden, als der Krieger mit dem Flammenwerfer in einer Feuersäule verschwand. Seine Rüstung hielt ihn noch ein paar Sekunden am Leben, aber kurz darauf war er eine brennende Statue, nachdem die Rüstungsgelenke festgeschweißt waren. Als sich Loken auf den Rücken wälzte, sah er zwei Flugzeuge eine Rolle fliegen, um für einen weiteren Überflug zu wenden.

»Holt die Vögel runter!«, brüllte Loken, als die Maschinen, schnittigere, elegantere Vettern der Thunderhawk, wieder ihre Geschütze auf sie richteten.

Die Astartes fächerten auseinander, als die unter den Tragflächen angebrachten Geschütze das Feuer eröffneten und eine Geschossflut durch ihre Stellung fegte, die dicke Pfeiler sprengte und blendende Wolken aus grauem Staub aufwallen ließ. Zwei Krieger tauchten hinter einer eingestürzten Mauer auf, und einer richtete ein langes Werferrohr in die ungefähre Richtung der Flugmaschine, während der andere einen Zielmarker darauf setzte.

Die Rakete startete in einer dampfenden Wolke aus hellem Treibgas, jagte los und folgte der nächsten Flugmaschine. Der Pilot sah sie und versuchte auszuweichen, doch er war zu nah am Boden. Die Rakete flog direkt in den Ansaugstutzen und sprengte die Maschine von innen.

Ihre flammenden Überreste stürzten zu Boden, während Vipus rief: »Feind naht!«

Loken fuhr herum, um ihn für diese Feststellung des Offensichtlichen zurechtzuweisen, als er sah, dass sein Freund nicht die verbliebene Flugmaschine meinte. Drei Kettenfahrzeuge walzten eine niedrige Keramikziegelmauer hinter ihnen platt. Auf ihrem gepanzerten Bug prangten zwei gekreuzte Blitze.

Zu spät erkannte er, dass die Flugmaschinen sie nur an Ort und Stelle festgenagelt hatten, während die gepanzerten Transporter sie überflügelten. Durch die rauchenden Trümmer des brennenden Bunkers sah er verschwommene Gestalten, die von Deckung zu Deckung huschten und unaufhaltsam vorrückten. Locasta steckte zwischen zwei Feindgruppen fest, und die Schlinge zog sich zu.

Loken beschrieb eine Hackbewegung mit der Handkante in Richtung der sich nähernden Fahrzeuge, und das Duo mit dem Raketenwerfer richtete seine Aufmerksamkeit auf die neuen Ziele. Sekunden später war eines ein rauchendes Wrack, nachdem eine Rakete die Panzerung durchschlagen hatte und der Plasmakern dahinter explodiert war.

»Tarik!«, schrie er über den Lärm des Geschützfeuers hinweg. »Sichere unsere Front.«

Torgaddon nickte und stürmte mit fünf Kriegern vorwärts. Loken überließ ihn seiner Aufgabe und wendete sich wieder den Panzerfahrzeugen zu, die knirschend anhielten, während darauf montierte schwere Bolter sie mit Geschossen eindeckten. Zwei Männer fielen, als ihre Rüstungen von den großkalibrigen Geschossen aufgesprengt wurden.

»In den Nahkampf!«, befahl Loken, als die vorderen Sturmrampen herunterklappten und die Krieger der Bruderschaft in den Transportern nach draußen stürmten. Bei den ersten Kämpfen gegen die Bruderschaft hatte Loken gespürt, wie seine Glieder von einem verräterischen Zögern erfasst wurden, aber neun Monate härtester Gefechte hatten ihn davon kuriert.

Alle Krieger waren vollständig gerüstet, silbern wie die Ritter Altterras, mit roten und schwarzen Wappen auf den Schulterschützern. Form und Funktion hatte eine grässliche Ähnlichkeit mit denen der Sons of Horus, und wenngleich die feindlichen Krieger nicht die Größe der Astartes hatten, waren sie doch ein verzerrtes Spiegelbild ihrer selbst.

Loken und die Krieger Locastas erreichten sie, als die ersten Krieger der Bruderschaft die Waffen hoben, um dem wilden Ansturm zu begegnen. Die Klinge von Lokens Kettenschwert fuhr durch das Gewehr des nächsten Kriegers und grub sich in seinen Brustharnisch. Die Bruderschaft sprengte auseinander, doch Loken gab ihnen keine Möglichkeit, sich von ihrer Überraschung zu erholen, sondern mähte sie mit raschen, brutalen Hieben nieder.

Diese Krieger mochten wie Astartes aussehen, aber aus der Nähe waren sie nicht einmal einem von ihnen gewachsen.

Er hörte Geschützfeuer hinter sich und Torgaddon, wie er den Männern unter seinem Kommando Befehle erteilte. Hämmernde Schläge gegen Lokens Beinpanzerung ließen ihn in die Knie gehen, und er wirbelte sein Schwert herum und schlug dem feindlichen Krieger hinter sich die Beine ab. Blut spritzte aus den Stümpfen, als er fiel und Lokens Rüstung rot färbte.

Der Transporter setzte zurück, doch Loken warf zwei Granaten hinein und lief weiter, während das dumpfe Krachen der Explosionen das Fahrzeug zum Stehen brachte. Schatten fielen auf sie, und er spürte die donnernden Schritte der Titanen der Legio Mortis, als sie vorbeimarschierten und dabei ganze Stadtviertel verwüsteten. Gebäude stürzten ein, und sie wurden zwar von Raketen und Laserstrahlen aufs Korn genommen, aber ihre starken, flackernden Nullfelder schützten sie.

Mehr Schüsse und Schreie erfüllten das Schlachtfeld, während sich der Feind zurückfallen ließ. Sie waren tapfer, diese Krieger der Bruderschaft, aber auch hoffnungslos optimistisch, wenn sie glaubten, das Tragen einer Servorüstung mache einen Menschen einem Astartes ebenbürtig.

»Gebiet gesichert«, kam Torgaddons Stimme über Interkom.

»Wohin jetzt?«

»Nirgendwohin«, erwiderte Loken, während der letzte feindliche Krieger fiel. »Das ist unser Missionsziel. Wir warten, bis die World Eaters eintreffen. Wenn wir an sie übergeben haben, können wir weiter. Gib das weiter.«

»Verstanden«, sagte Torgaddon.

Loken genoss die plötzliche Ruhe auf dem Schlachtfeld, nachdem die Geräusche der Schlacht jetzt gedämpft und weiter entfernt ertönten, da sich andere Kompanien durch die Stadt kämpften.

Er befahl Vipus, das Gebiet zu sichern, und kauerte sich neben den Krieger, dem er die Beine abgeschlagen hatte.

Der Mann lebte noch, und Loken nahm ihm den Helm ab, einen Helm, der seinem eigenen so ähnlich war. Er wusste, wo die Verschlussklammern saßen.

Das Gesicht seines Feindes war blass von Schock und Blutverlust, die Augen voller Schmerz und Hass, aber es gab keine monströsen, fremdartigen Züge, nur welche, die ebenso menschlich waren wie die aller Mitglieder der 63. Expedition.

Loken fiel nichts ein, was er sagen konnte, also nahm er einfach nur seinen eigenen Helm ab und zog den Wasser spendenden Schlauch aus dem Kragen. Er ließ etwas klares, kaltes Wasser über das Gesicht des Mannes laufen.

»Ich will nichts von euch«, zischte der Sterbende. »Nicht sprechen«, sagte Loken. »Es wird rasch vorbei sein.«

Doch er war bereits tot.

 

»Warum dürften wir diesen Krieg nicht führen?«, fragte Mersadie Oliton. »Sie waren doch dabei, als sie das Attentat auf den Kriegsmeister verübt haben.«

»Ich war dabei«, sagte Loken, indem er das gereinigte Gewehrteil aus der Hand legte. »Ich glaube, den Augenblick werde ich nie vergessen.«

»Erzählen Sie mir davon.«

»Es ist nicht schön«, warnte Loken. »Sie werden weniger von uns halten, wenn ich Ihnen die Wahrheit erzähle.«

»Glauben Sie? Ein guter Dokumentator bleibt immer objektiv.«

»Wir werden sehen.«

 

Die Botschafter des Planeten, der, wie Loken erfahren hatte, Aureus hieß, waren mit dem üblichen Pomp und Zeremoniell begrüßt worden, das man bei einer potenziell freundlich gesonnenen Kultur für angemessen hielt. Ihre Schiffe waren ins Hangardeck geglitten, begleitet von Seufzern der Überraschung, da allen Kriegern die unheimliche Ähnlichkeit zu Stormbirds auffiel.

Der Kriegsmeister trug seine hoheitsvollste Rüstung, golden geriffelt und geschmückt mit den Symbolen des Imperators, den Blitzen und Adlern.

Für einen derartigen Anlass eher ungewöhnlich, war er mit Schwert und Pistole bewaffnet, und Loken spürte die Kraft seiner Autorität.

Neben ihm standen Maloghurst, weiß gewandet, Regulus, dessen augmetischer Körper aus Gold und Stahl auf Hochglanz poliert war, und der Erste Hauptmann Abaddon, stolz und mit einer Abteilung hoch aufgeschossener Terminatoren des Trupps Justaerin.

Es war eine Geste, die Stärke demonstrierte. Weitere dreihundert Sons of Horus standen in Paradeformation hinter der Gruppe, nobel und majestätisch in ihrer Haltung — das Abbild des Großen Kreuzzugs —, und nie war Loken stolzer auf seine illustre Abstammung gewesen.

Die Türen des Schiffs öffneten sich mit dem Zischen des Druckausgleichs, und Loken erhaschte seinen ersten Blick auf die Bruderschaft.

Eine Welle des Erstaunens durchlief das Hangardeck, als zwanzig Krieger in silbern glänzenden Rüstungen wie Abbilder der versammelten Astartes in perfekter Formation aus dem Schiff marschierten, obwohl Loken auch bei ihnen ein überraschtes Stutzen registrierte. Sie trugen Waffen, die große Ähnlichkeit mit normalen Boltgewehren hatten, obwohl als Zugeständnis an ihre Gastgeber keine Magazine eingelegt waren.

»Siehst du das?«, flüsterte Loken.

»Nein, Garvi, ich bin plötzlich mit Blindheit geschlagen«, erwiderte Torgaddon. »Natürlich sehe ich sie.« »Sie sehen aus wie Astartes!«

»Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit, das will ich gern zugeben, aber sie sind viel zu klein.«

»Sie tragen eine Servorüstung ... Wie ist das möglich?«

»Wenn du die Klappe hältst, finden wir es vielleicht heraus«, sagte Torgaddon.

Die Krieger formierten sich um einen hochgewachsenen Mann in langen roten Gewändern, das Gesicht halb Mensch, halb Maschine, das Auge ein funkelnder Smaragd. Mit einem goldenen, in einem Zahnrad endenden Stab als Gehhilfe, betrat er das Deck mit der zufriedenen Miene eines Mannes, der seine Erwartungen mehr als erfüllt sieht.

Die Delegation von Aureus marschierte zu Horus, und Loken spürte das Gewicht der Geschichte auf diesem Moment lasten. Dieses Zusammentreffen war die Verkörperung dessen, worum es beim Großen Kreuzzug ging: Verschollene Brüder aus der ganzen Galaxis trafen einander im Geiste der Kameradschaft.

Der rot gewandete Mann verbeugte sich und fragte: »Habe ich die Ehre, dem Kriegsmeister Horus gegenüberzustehen?«

»Die haben Sie, mein Herr, aber, bitte, verbeugen Sie sich nicht«, erwiderte Horus. »Die Ehre ist ganz meinerseits.«

Der Mann lächelte, erfreut über die Höflichkeit. »Dann will ich mich vorstellen, wenn Sie gestatten. Ich bin Emory Salignac, Manufactor Consularis der Technokratie von Aureus. Im Namen meines Volkes lassen Sie mich der Erste sein, der Sie auf unseren Welten willkommen heißt.«

Loken hatte Regulus' Aufregung beim Anblick von Salignacs Augmetik bemerkt, aber als er den vollen Titel dieses neuen Reichs hörte, setzte sich seine Begeisterung über das Protokoll des Augenblicks hinweg.

»Herr Konsul«, sagte Regulus mit plärrender, unnatürlicher Stimme.

»Verstehe ich Sie richtig, dass Ihre Gesellschaft auf dem Wissen technischer Daten beruht?«

Horus wandte sich an den Adepten des Mechanicums und flüsterte ihm etwas zu, das Loken nicht verstand, aber Regulus nickte und trat einen Schritt zurück.

»Ich entschuldige mich für die freimütigen Fragen des Adepten, aber ich hoffe, Sie vergeben ihm seinen Ausbruch angesichts der Tatsache, dass unsere Krieger gewisse ... Ähnlichkeiten in ihrer Kriegstracht aufweisen.«

»Das sind die Krieger der Bruderschaft«, erklärte Salignac. »Sie sind unsere Beschützer und unsere hervorragendsten Soldaten. Es ehrt mich, sie hier als Leibgarde an meiner Seite zu haben.«

»Wie kommt es, dass sie praktisch genauso gerüstet sind wie meine Krieger?«

Salignac schien die Frage zu verwirren. »Haben Sie etwas anderes erwartet, Milord Kriegsmeister? Die Konstrukt-Maschinen, die unsere Vorfahren von Terra mitgebracht haben, sind im Herzen unserer Gesellschaft und versorgen uns mit der Wohltat der Technologie. Wenngleich fortgeschritten, tendieren sie doch zu einer gewissen Einförmigkeit der Schöpfung.«

Die Stille, die auf die Worte des Konsuls folgte, war spröde und fragil, und Horus hob die Hand, um Regulus' unvermeidlichem Ausbruch zuvorzukommen. »Konstrukt-Maschinen?«, fragte er mit kaltem, stählernem Unterton. »STK-Maschinen?«

»Ich glaube, so lautete ihre ursprüngliche Bezeichnung, ja«, stimmte Salignac zu, indem er seinen Stab senkte und ihn in Richtung des Kriegsmeisters hielt. »Sie haben ...«

Emory Salignac kam nicht dazu, den Satz zu beenden.

Horus wich einen Schritt zurück und zog seine Pistole. Loken sah den Mündungsblitz, und dann explodierte Emory Salignacs Schädel, als das Boltgeschoss ihm den Hinterkopf wegsprengte.

 

»Ja«, sagte Mersadie Oliton. »Der Stab war irgendeine Energiewaffe und hätte die Rüstung des Kriegsmeisters durchbohren können. Das hat man uns gesagt.«

Loken schüttelte den Kopf. »Nein, es gab keine Waffe.«

»Natürlich gab es eine«, beharrte Oliton, »und nachdem das Attentat des Konsuls damit fehlgeschlagen war, griffen seine Bruderschaftskrieger den Kriegsmeister an.«

Loken legte Putzlappen und Gewehrteil aus der Hand und sagte: »Mersadie, vergessen Sie, was man ihnen erzählt hat. Es gab keine Waffe, und nachdem der Kriegsmeister den Konsul erschossen hatte, versuchte die Bruderschaft nur zu entkommen. Ihre Waffen waren nicht geladen, und sie hätten nicht hoffen können, in einem Kampf gegen uns Erfolg zu haben.«

»Sie waren unbewaffnet?«

»Ja.«

»Was haben Sie also getan?«

»Wir haben sie getötet«, sagte Loken. »Sie waren unbewaffnet, aber wir nicht. Abaddons Justaerin mähten ein halbes Dutzend von ihnen nieder, bevor sie auch nur wussten, wie ihnen geschah. Ich führte Locasta in die Schlacht, und wir erschossen sie, als sie in ihr Schiff zu flüchten versuchten.«

»Aber warum?«, fragte Oliton, entsetzt ob der beiläufigen Schilderung eines derartigen Gemetzels.

»Weil der Kriegsmeister es befohlen hat.«

»Nein, ich meine, warum sollte der Kriegsmeister den Konsul erschießen, wenn er nicht bewaffnet war? Das ergibt keinen Sinn.«

»Nein, es ergibt keinen«, gab Loken ihr recht. »Ich habe mitbekommen, wie er den Konsul erschossen hat, und ich habe sein Gesicht gesehen, nachdem wir die Krieger der Bruderschaft getötet hatten.«

»Was haben Sie gesehen?«

Loken zögerte, als sei er nicht sicher, ob er antworten solle.

Schließlich sagte er: »Ich habe ihn lächeln sehen.«

»Lächeln?«

»Ja«, sagte Loken, »als habe das die ganze Zeit zu seinem Plan gehört. Ich weiß nicht, warum, aber Horus will diesen Krieg.«

 

Torgaddon folgte dem Kapuze tragenden Krieger durch den dunklen Niedergang zur leeren Reserve-Rüstungskammer. Serghar Targost hatte eine Versammlung der Loge einberufen, und Torgaddon war bedrückt und mochte das Gefühl nicht im Geringsten. Seit Davin hatte er nur eine Versammlung besucht, da er sich im stillen Orden nicht mehr entspannen konnte. Horus war zwar wieder bei ihnen, aber die Aktionen der Loge hatten nach Vorwand und Täuschung gerochen, und solches Verhalten kam bei Tarik Torgaddon schlecht an.

Die berobte Gestalt, der er folgte, war ihm unbekannt, jung und eindeutig voller Ehrfurcht vor dem legendären Offizier des Mournival.

Es war Torgaddon nur recht. Der Krieger hatte eindeutig erst kürzlich vollen Astartes-Status erlangt, aber Torgaddon wusste, dass er bereits ein erfahrener Kämpfer war. Bei den Sons of Horus war kein Platz für Unerfahrenheit, denn die Monate des Krieges auf Aureus machten Veteranen oder Leichen aus den Novizen und Spähern. Die Bruderschaft hatte vielleicht nicht die Fähigkeiten der Astartes, aber die Technokratie konnte auf Millionen von ihnen zurückgreifen, und sie kämpften voller Mut und Ehre.

Das machte es nur umso schwerer, sie zu töten. Der Kampf gegen die Megarachniden auf Mord war leicht gewesen, da ihre fremdartige Physiognomie abstoßend war. Sie waren leicht zu zerstören.

Die Bruderschaft hingegen ... sie waren den Sons of Horus so ähnlich, dass es war, als bekämpften sich zwei Legionen in einem brutalen Bürgerkrieg. In den letzten Monaten waren alle irgendwann einmal bei diesem entsetzlichen Gedanken zusammengezuckt.

Torgaddon war traurig, denn er wusste, dass das Schicksal der Bruderschaft und der Technokratie von Aureus besiegelt war, ebenso wie das des Interex.

Eine Stimme aus der Dunkelheit vor ihnen riss ihn aus seinen Grübeleien.

»Wer naht?«

»Zwei Seelen«, erwiderte der junge Krieger.

»Wie lauten eure Namen?«, fragte die Gestalt, doch Torgaddon erkannte die Stimme nicht.

»Das kann ich nicht sagen«, sagte Torgaddon. »Passiert, Freunde.«

Torgaddon und der Krieger gingen am Hüter des Portals vorbei und betraten die Reserve-Rüstkammer. Die gewölbeartige Kammer war viel größer als der achtere Laderaum, wo die Versammlungen sonst abgehalten worden waren, und als er den von flackernden Kerzen erleuchteten Raum betrat, sah er auch, warum Targost ihn gewählt hatte. Hunderte Krieger füllten die Rüstkammer, jeder unter einer Kapuze verborgen und mit einer flackernden Kerze in der Hand. Serghar Targost, Ezekyle Abaddon, Horus Aximand und Maloghurst standen in der Mitte, der Erste Ordenspriester Erebus gleich neben ihnen. Torgaddon schaute sich um und konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Versammlung seinetwegen einberufen worden war.

»Du warst emsig, Serghar«, sagte er.

»Warst du auf Rekrutierungsreise?«

»Seit der Genesung des Kriegsmeisters auf Davin haben wir einigen Zuwachs bekommen«, stimmte Targost zu.

»Das sehe ich. Muss schwierig sein, die Loge jetzt noch geheim zu halten.«

»Innerhalb der Legion operieren wir nicht mehr unter dem Schleier der Geheimhaltung.«

»Warum dann die Pantomime beim Eintreten?« Targost lächelte entschuldigend. »Tradition, verstehst du?«

Torgaddon zuckte die Achseln und durchquerte die Kammer, um vor Erebus stehen zu bleiben. Er musterte den Ersten Ordenspriester mit unverhohlener Feindseligkeit und sagte: »Sie haben sich seit Davin ziemlich bedeckt gehalten. Hauptmann Loken würde gern mit Ihnen sprechen.«

»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Erebus, »aber ich unterstehe nicht seinem Kommando. Ich bin ihm keine Rechenschaft schuldig.«

»Dann wirst du vor mir Rechenschaft ablegen, du Bastard!«, schnauzte Torgaddon, indem er sein Kampfmesser unter seinen Gewändern hervorriss und es Erebus an den Hals hielt. Beunruhigte Ausrufe erklangen, und Torgaddon sah eine alte Narbe, die sich um Erebus' Hals zog.

»Sieht aus, als hätte schon jemand versucht, dir die Kehle durchzuschneiden«, zischte Torgaddon.

»Anscheinend wurde es vermasselt, aber keine Angst, ich mache diesen Fehler nicht.«

»Tarik!«, rief Serghar Targost. »Du hast eine Waffe mitgebracht? Du weißt, dass Waffen verboten sind.«

»Erebus schuldet uns allen eine Erklärung«, sagte Torgaddon, wobei er ihm das Messer an den Hals drückte. »Diese Schlange hat eine Waffe der Kinebrach aus der Halle der Gerätschaften auf Xenobia gestohlen. Seinetwegen sind die Verhandlungen mit dem Interex fehlgeschlagen. Seinetwegen wurde der Kriegsmeister verwundet.«

»Nein, Tarik«, sagte Abaddon, indem er neben ihn trat und ihm eine Hand auf den Arm legte. »Die Verhandlungen mit dem Interex sind fehlgeschlagen, weil sie fehlschlagen sollten. Das Interex verkehrt mit Xenos. Sie haben sie sogar in ihre Gesellschaft integriert. Mit so einem Volk hätten wir niemals Frieden schließen können.«

»Ezekyle spricht die Wahrheit«, sagte Erebus.

»Halt den Mund«, schnauzte Torgaddon.

»Torgaddon, nimm das Messer weg«, sagte Horus Aximand.

»Bitte.«

Widerstrebend ließ Torgaddon den Arm sinken. Der flehentliche Tonfall seines Mournival-Bruders führte ihm die Ungeheuerlichkeit vor Augen — einem anderen Astartes ein Messer an die Kehle zu setzen, auch wenn er so wenig vertrauenswürdig war wie Erebus.

»Wir sind noch nicht fertig miteinander«, warnte Torgaddon, indem er die Spitze seiner Klinge auf Erebus richtete.

»Ich werde bereit sein«, versprach der Word Bearer.

»Seid jetzt beide still«, sagte Targost.

»Wir haben dringende Angelegenheiten zu besprechen. Diese letzten Kriegsmonate waren für niemanden leicht, und alle spüren die große Tragödie, dass wir gegen Brüder kämpfen, die uns so ähnlich sehen. Die Anspannung ist groß, aber wir dürfen nicht vergessen, dass unser Zweck im All darin besteht, jene zu töten, die sich uns nicht anschließen wollen.«

Torgaddon runzelte die Stirn über diese unverblümte Beschreibung ihres Missionsziels, schwieg aber.

Targost setzte seine Ansprache fort.

»Wir sind Astartes, und wir wurden erschaffen, um zu töten und die Galaxis zu erobern. Wir haben alles getan, was von uns verlangt wurde, und mehr. Wir haben über zweihundert Jahre gekämpft, das neue Imperium aus der Asche der Alten Nacht zu schmieden. Wir haben Planeten zerstört, Kulturen vernichtet und ganze Spezies ausgelöscht, weil es uns befohlen wurde. Wir sind Schlächter, schlicht und einfach, und wir sind stolz darauf, die Besten zu sein!«

Jubel brach aus, Fäuste wurden in die Luft gereckt und hämmerten vor Wände, aber Torgaddon hatte schon oft genug Iteratoren bei der Arbeit beobachtet, um inszenierten Beifall zu erkennen. Diese Rede wurde um seinetwillen gehalten, und nur um seinetwillen, davon war er jetzt überzeugt.

»Nun, da sich der Große Kreuzzug dem Ende nähert, werden wir wegen unserer Fähigkeiten zu töten niedergemacht. Unzufriedene und Agitatoren sorgen in unserem Kielwasser für Ärger mit ihrem Schafsgeblöke, wir wären zu brutal, zu wild und zu gewalttätig. Unser eigener Lordkommandant der Armee, Hektor Varvarus, verlangt Blut für die Taten unserer vom Kummer überwältigten Brüder, die mit dem Kriegsmeister zu uns zurückkehrten, als er im Sterben lag. Der Verräter Varvarus verlangt, dass wir für diese bedauerlichen Tode zur Rechenschaft gezogen und für den Versuch, den Kriegsmeister zu retten, bestraft werden.«

Bei dem Wort »Verräter« war Torgaddon zusammengezuckt, erschrocken darüber, dass Targost ganz offen ein aufwiegelndes Wort benutzte, um einen so angesehenen Offizier wie Varvarus zu beschreiben.

Doch als Torgaddon in die Gesichter der versammelten Krieger schaute, fand er nur Zustimmung.

»Sogar Zivilisten meinen jetzt das Recht zu haben, uns zur Rechenschaft zu ziehen«, übernahm Horus Aximand das Wort und hielt eine Handvoll Blätter in die Höhe. »Abweichler und Verschwörer unter den Memoratoren verbreiten Lügen und Propaganda, in denen wir kaum besser als Barbaren hingestellt werden.«

Aximand beschrieb eine Runde durch die Versammlung und verteilte die Pamphlete. »Das hier nennt sich Die Wahrheit Ist Alles, Was Wir Haben, und darin werden wir als Mörder und Wilde bezeichnet. Dieser Dichter verspottet uns in Versen, Brüder! Diese Lügen machen jeden Tag die Runde durch die Flotte.«

Torgaddon nahm ein Pamphlet von Aximand und überflog es rasch, da er bereits wusste, wer es geschrieben hatte. Sein Inhalt war beißend, erfüllte aber kaum den Tatbestand der Volksverhetzung.

»Und das hier!«, rief Aximand.

»Die Lectitio Divinitatus erklärt den Imperator zu einem Gott. Zu einem Gott! Kann man sich etwas Lächerlicheres vorstellen? Diese Lügen füllen die Köpfe derjenigen, für die wir kämpfen. Wir kämpfen und sterben für sie, und das ist unsere Belohnung: Verunglimpfungen und Hass. Ich sage euch eines, meine Brüder: Wenn wir jetzt nicht handeln, wird das Schiff des Imperiums, das bisher alle Stürme überstanden hat, infolge der Meuterei sinken.«

Ausrufe der Verärgerung und Aufforderungen zu handeln hallten von den Wänden der Rüstkammer wider, und Torgaddon gefiel das Streben nach gegenseitiger Bestätigung nicht, das er auf den Gesichtern seiner Brüder sah.

»Nette Rede«, sagte er, als das Wutgebrüll einigermaßen verstummt war, »aber warum kommt ihr nicht endlich zur Sache? Ich muss eine Kompanie für eine Kampflandung bereitmachen.«

»Immer geradeheraus, was, Tarik?«, sagte Aximand. »Deswegen wirst du geachtet und geschätzt. Deswegen brauchen wir dich bei uns, Bruder.«

»Bei euch? Wovon redest du?«

»Hast du gehört, was gesagt wurde?«, fragte Maloghurst, der zu Torgaddon hinkte. »Wir werden aus den eigenen Reihen bedroht. Der innere Feind, Tarik, ist der heimtückischste Feind, mit dem wir es bisher zu tun hatten.«

»Du musst es in einfache Worte kleiden, Mal«, sagte Abaddon.

»Tarik musst du alles bis ins Kleinste erklären.«

»Du mich auch, Ezekyle«, sagte Torgaddon.

»Ich habe erfahren, dass der Memorator, der diese hochverräterischen Pamphlete verfasst, Ignace Karkasy heißt«, sagte Maloghurst. »Er muss zum Schweigen gebracht werden.«

»Zum Schweigen? Wie meinst du das?«, fragte Torgaddon.

»Willst du ihm auf die Finger klopfen? Ihm sagen, er soll nicht so ein ungezogener Junge sein? Etwas in der Art?«

»Du weißt, was ich meine, Tarik«, stellte Maloghurst fest.

»Stimmt, aber ich will es aus deinem Mund hören.« »Also gut, wenn du willst, dass ich direkt bin, bitte. Karkasy muss sterben.«

»Du bist verrückt, Mal, weißt du das? Du redest von Mord«, sagte Torgaddon.

»Es ist kein Mord, wenn man den Feind tötet, Tarik«, sagte Abaddon.

»Es ist Krieg.«

»Du willst Krieg gegen einen Dichter führen?«, lachte Torgaddon. »Oh, darüber werden sie Jahrhunderte Geschichten erzählen, Ezekyle. Kannst du schon hören, was sie sagen werden? Jedenfalls steht der Memorator unter Garviels Schutz. Rühr Karkasy an, und er überreicht dem Kriegsmeister deinen Kopf auf einem Silbertablett.«

Ein schuldbewusstes Schweigen senkte sich bei der Erwähnung von Lokens Namen über die Gruppe, und die Logenmitglieder vor Torgaddon wechselten einen unbehaglichen Blick.

Schließlich sagte Maloghurst: »Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommen würde, aber du lässt uns keine Wahl, Tarik.«

Torgaddon umklammerte das Heft seines Kampfmessers fester und fragte sich, ob er sich wohl den Weg durch seine Brüder würde freikämpfen müssen.

»Steck dein Messer weg, wir haben nicht vor, dich anzugreifen«, schnauzte Maloghurst, als er die Anspannung in seinen Augen sah.

»Nur weiter«, sagte Torgaddon. »Du hattest gehofft, dass es wozu nicht kommen würde?«

»Hektor Varvarus behauptet, den Senat zu Terra über die Ereignisse im Zusammenhang mit der Verwundung des Kriegsmeisters in Kenntnis gesetzt zu haben. Sollte er Malcador den Sigilliten noch nicht über die Vorfälle auf dem Hangardeck informiert haben, gilt es als sicher, dass er es bald tun wird. Er überschwemmt Horus täglich mit Eingaben, dass Gerechtigkeit geschehen möge.«

»Und was hat der Kriegsmeister gesagt? Ich war auch dort. Ezekyle auch. Und du, Klein-Horus.«

»Und Loken«, warf Erebus ein, indem er sich zu den anderen gesellte.

»Er hat euch auf das Hangardeck geführt und ist durch die Menge vorangeschritten.«

Torgaddon machte einen Schritt auf Erebus zu. »Ich sagte doch, du sollst still sein!«

Er wendete sich von Erebus ab, und Verzweiflung erfüllte ihn, als er die folgsamen Blicke seiner Brüder sah. Sie hatten die Idee bereits akzeptiert, Garviel Loken den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen.

»Das kannst du nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, Mal«, protestierte Torgaddon. »Ezekyle? Horus? Ihr würdet euren verschworenen Mournival-Bruder verraten?«

»Er hat uns bereits verraten, indem er zulässt, dass dieser Memorator Lügen verbreitet«, sagte Aximand.

»Nein, da mache ich nicht mit«, sagte Torgaddon.

»Du musst«, sagte Aximand. »Nur wenn du, Ezekyle und ich schwören, dass Loken das Massaker inszeniert hat, wird Varvarus ihn als Schuldigen akzeptieren.«

»Darum geht es also, nicht wahr?«, fragte Torgaddon. »Zwei Fliegen mit einer Klappe? Garviel wird zum Sündenbock gemacht, und ihr habt freie Hand, Karkasy zu ermorden. Wie könnt ihr das auch nur in Erwägung ziehen? Der Kriegsmeister wird dem niemals zustimmen.«

»Offen gesagt bist du im Irrtum, wenn du das glaubst«, sagte Targost.

»Es war sein Vorschlag.«

»Nein!«, rief Torgaddon. »Er würde nicht ...«

»Es gibt keinen anderen Weg, Tarik«, sagte Maloghurst.

»Das Überleben der Legion steht auf dem Spiel.«

Bei dem Gedanken, seinen Freund zu verraten, starb etwas in Torgaddon.

Sein Herz brach, als er die Wahl zwischen Loken und den Sons of Horus traf, aber kaum war der Gedanke aufgetaucht, als er auch schon wusste, was er zu tun hatte. Er schob sein Kampfmesser in die Scheide und sagte: »Wenn Verrat und Mord nötig sind, um die Legion zu retten, hat sie vielleicht nicht verdient zu überleben! Garviel Loken ist unser Bruder, und ihr wollt so seine Ehre verraten? Ich spucke auf euch, nur daran gedacht zu haben!«

Entsetztes Ächzen breitete sich in der Kammer aus, und Torgaddon hörte wütendes Gemurmel.

»Denk gut nach, Tarik«, warnte Maloghurst. »Du bist entweder für oder gegen uns.«

Torgaddon griff in sein Gewand und warf Maloghurst etwas silbern Glänzendes vor die Füße. Das Logenmedaillon glitzerte im Kerzenschein.

»Dann bin ich gegen euch«, sagte er.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neunzehn

Isoliert

Verbündete

Adlerschwinge

 

 

PETRONELLA SASS VOR IHREM SEKRETÄR und füllte Seite um Seite mit ihrer engen, ausdrucksvollen Handschrift. Die dunklen Haare waren nicht zusammengebunden und fielen ihr in unordentlichen Locken auf die Schultern, und ihr Teint war so blass, als hätte sie ewig lang kein Tageslicht gesehen.

Ein Stapel Papier neben ihr war Beleg für die Monate, die sie in ihrer luxuriösen Kabine verbracht hatte, obwohl der Luxus längst nicht mehr dem entsprach, was sie bei ihrem Eintreffen auf der Rächender Geist vorgefunden hatte. Das Bett war ungemacht, und ihre Kleidung lag überall verstreut.

Ihr Dienstmädchen, Babeth, hatte getan, was sie konnte, um ihre Gebieterin zu ermutigen, eine Pause einzulegen, aber Petronella wollte nichts davon wissen. Die Abschiedsworte des Kriegsmeisters mussten minutiös niedergeschrieben und interpretiert werden, wenn sie seinem Geständnis gerecht werden wollte. Zwar hatten sich diese Worte nicht als seine letzten erwiesen, aber sie verdienten es dennoch, aufgezeichnet zu werden. Schließlich hatte sie einen Einblick in die innersten Gedanken des Kriegsmeisters erhalten. Sie hatte Informationen aus ihm herausgekitzelt, die noch keiner vor ihr bekommen hatte, Geheimnisse der Primarchen, die seit Beginn des Großen Kreuzzugs noch nie das Tageslicht erblickt hatten, und Wahrheiten, die das Imperium bis in den Kern erschüttern würden.

Dass solche Dinge vielleicht besser begraben blieben, war ihr erst später in der Einsamkeit aufgegangen, aber sie war die Palatina Majoria von Haus Carpinus, und solche Fragen hatten keine Bedeutung. Nur Wissen und Wahrheit zählten, und das Urteil, ob sie korrekt gehandelt hatte, blieb zukünftigen Generationen vorbehalten.

Sie konnte sich vage erinnern, mit irgendeinem Dichter über diese unglaublichen Wahrheiten gesprochen zu haben, in einer schmuddeligen Bar vor vielen Monaten, als sie sehr betrunken gewesen war, aber sie hatte keine Ahnung, was sich da eigentlich genau zwischen ihnen abgespielt hatte. Er hatte danach nicht versucht, Kontakt mit ihr aufzunehmen, also konnte sie nur annehmen, dass er nicht versucht hatte, sie zu verführen. Es war ohne Bedeutung. Sie hatte sich seit dem Beginn des Krieges mit der Technokratie weggesperrt und war jedes Fragment ihrer mnemonischen Implantate nach den Worten und Formulierungen durchgegangen, die Horus benutzt hatte.

Sie schrieb zu viel, das wusste sie, aber zur Hölle mit der Länge — ihre Geschichte war zu wichtig, um sich durch das begrenzte Format eines Buchs einengen zu lassen. Sie würde die Geschichte so lang erzählen, wie sie eben dauerte ... und dennoch fehlte etwas.

Im Laufe der Wochen und Monate wuchs sich das nagende Gefühl, dass die Geschichte nicht zusammenwuchs, von einem Verdacht zur Gewissheit aus, und erst kürzlich war ihr klargeworden, woran es mangelte: Kontext.

Sie hatte nur die Worte des Kriegsmeisters, es gab keinen Rahmen, in den sie sie einbetten konnte, und ohne einen solchen Rahmen war alles bedeutungslos. Als ihr schließlich aufging, was fehlte, hatte sie bei jeder Gelegenheit Kontakt zu Astartes-Kriegern gesucht, war aber auf ihr erstes echtes Hindernis gestoßen.

Niemand redete mit ihr.

Kaum ahnte jemand, was Petronella wollte, oder erfuhr, wer sie war, hüllte er sich in Schweigen, weigerte sich, auch nur ein Wort zu sagen, und entschuldigte sich mit höflicher Abruptheit.

Wohin sie sich auch wandte, sie stieß auf Mauern des Schweigens, und trotz wiederholter Bitten an das Büro des Kriegsmeisters, zu intervenieren, kam sie nicht weiter. Jedes ihrer Ersuchen um eine Audienz bei ihm wurde abgelehnt, und fast hatte sie den Glauben daran verloren, ihre Geschichte je erzählen zu können.

Die Inspiration, wie sie einen Weg aus dieser Sackgasse finden mochte, war gestern gekommen, nach einem weiteren Nachmittag völligen Scheiterns. Wie immer hatte Maggard sie begleitet, in seiner goldenen Schlachtrüstung und mit seinem Kirlian-Rapier und einer Pistole bewaffnet. Nach den Kämpfen auf Davin hatte er sich rasch erholt, und Petronella war aufgefallen, dass sein Gang sehr viel selbstbewusster geworden war. Außerdem hatte sie bemerkt, dass man ihm im Schiff mit sehr viel mehr Respekt begegnete als ihr.

Natürlich war dieser Zustand unerträglich, obwohl es seinem Eifer als Liebhaber zuträglich war und die Sache für sie heftiger und erfreulicher gestaltete.

Ein Astartes hatte respektvoll genickt, als Petronella mutlos in den Oberdecks des Schiffs zu ihrem Quartier unterwegs gewesen war. Sie hatte das Nicken erwidern wollen, als ihr aufging, dass der Astartes Maggard gegrüßt hatte und nicht sie.

Eine Schriftrolle auf dem Schulterschutz des Astartes war mit einer grünen Mondsichel gekennzeichnet, was ihn als Veteran des Davin-Feldzugs auswies, sodass er Maggards Fähigkeiten als Kämpfer zweifellos kannte.

Empörung hatte sich in ihr breitgemacht, doch dann war Petronella eine Idee gekommen, und sie war in ihr Quartier zurückgeeilt.

Petronella hatte Maggard in die Mitte des Raums gezogen und gesagt: »Jetzt ist es so offensichtlich, ich muss mich schämen, dass ich nicht früher darauf gekommen bin.«

Maggard sah sie verwirrt an, und sie trat näher und strich mit der Hand über seinen Brustharnisch. Er schien sich unwohl zu fühlen, aber sie ließ nicht locker. Aus Furcht vor Bestrafung würde er alles für sie tun.

»Es liegt daran, dass ich eine Frau bin«, sagte sie.

»Ich gehöre nicht zu ihrer kleinen Bruderschaft.« Sie trat hinter ihn, stellte sich auf die Zehenspitzen und legte ihm die Hände auf die Schultern.

»Ich bin kein Krieger. Ich habe noch nie jemanden getötet, jedenfalls nicht persönlich, und das respektieren sie: töten. Du hast Menschen getötet, nicht wahr, Maggard?«

Er nickte knapp.

»Viele?«

Maggard nickte wieder, und sie lachte. »Ich bin sicher, auch das wissen sie. Du kannst nicht sprechen und mit deinem Können prahlen, aber ich bin sicher, dass die Astartes es wissen. Sogar diejenigen, die nicht auf Davin waren, werden sehen können, dass du ein richtiger Schlächter bist.«

Maggard leckte sich die Lippen und hielt den Blick seiner goldenen Augen von ihr abgewendet.

»Ich will, dass du dich unter sie mischst«, befahl sie. »Zeig dich. Lass dich in ihre täglichen Rituale einbeziehen. Finde heraus, was du kannst, und dann benutzen wir jeden Tag den Mnemo-Federhalter, um zu übertragen, was du erfahren hast. Du bist stumm, also werden sie dich für einfältig halten. Sollen sie. Sie werden weniger auf der Hut sein, wenn sie glauben, dass sie nur nett zu einem Gimpel sind.«

Sie konnte erkennen, dass Maggard nicht glücklich über diesen Auftrag war, aber sein Glück interessierte sie nicht. Am nächsten Morgen hatte sie ihn losgeschickt.

Den Rest des Tages hatte sie mit Schreiben verbracht und Babeth Nahrung und Wasser holen lassen, während sie verschiedene stilistische Herangehensweisen an die Einleitung für ihr Manuskript ausprobierte.

Die Tür ihres Quartiers öffnete sich, und Petronella blickte auf. Der Chronometer auf dem Sekretär verriet ihr, dass später Nachmittag war, Schiffszeit.

Sie drehte sich auf ihrem Stuhl, sah Maggard eintreten und lächelte, währen sie ihre Datentafel heranzog und dann den Mnemo-Federhalter aus dem Lethe-Fass zog.

»Du hast Zeit mit den Astartes verbracht?«, fragte sie.

Maggard nickte.

»Gut«, sagte Petronella und setzte die reaktive Feder auf die Tafel, während sie sich von allen eigenen Gedanken frei machte.

»Erzähl mir alles«, befahl sie, und der Federhalter begann mit der Aufzeichnung seiner Gedanken.

 

Im Allerheiligsten des Kriegsmeisters war alles still bis auf das gelegentliche Zischen und mechanische Summen von Regulus' augmetischem Körper und dem Rascheln von Stoff, wenn Maloghurst seine Stellung veränderte. Beide standen hinter dem Kriegsmeister, der mit grollender Miene auf seinem Stuhl am Ende des langen Tisches saß, die Hände zusammengelegt, sodass die Fingerspitzen nach oben wiesen.

»Die Bruderschaft müsste mittlerweile Leichenfraß sein«, sagte er.

»Warum haben die World Eater die Mauern der Eisernen Zitadelle noch nicht gestürmt?«

Hauptmann Khârn, Angrons Schildträger, hielt dem feindseligen Starren des Kriegsmeisters stand. Das matte Licht im Allerheiligsten wurde vom Blau und Weiß seiner Rüstung reflektiert.

»Milord, die Mauern sind so konzipiert, dass sie praktisch jeder Waffe standhalten können, die uns zur Verfügung steht, aber ich versichere Ihnen, dass die Festung binnen weniger Tage uns gehören wird«, sagte Khârn.

»Sie meinen mir«, grollte der Kriegsmeister.

»Natürlich, Milord Kriegsmeister«, erwiderte Khârn.

»Und sagen Sie meinem Bruder Angron, er soll zu mir kommen. Ich habe ihn seit Monaten nicht zu Gesicht bekommen. Ich kann nicht zulassen, dass er irgendwo in einem schlammigen Graben vor sich hin-schmollt, nur weil er seine Versprechen nicht erfüllen kann.«

»Mit Verlaub, mein Primarch hat Ihnen gesagt, dass diese Schlacht ihre Zeit brauchen würde«, erläuterte Khârn. »Die Zitadelle wurde mit alter Technologie gebaut, und eigentlich wären Belagerungsexperten wie die Iron Warriors nötig, um sie zu knacken.«

»Und wenn ich Perturabo erreichen könnte, würde ich ihn auch hinzuziehen«, sagte Horus.

Regulus meldete sich zu Wort. »Die STK-Maschinen werden einen Großteil des Mechanicum-Arsenals kontern können. Wenn die Texte aus dem Dunklen Zeitalter korrekt sind, werden sie sich anpassen, auf wechselnde Umstände reagieren und immer schlauere Mittel der Verteidigung ersinnen.«

»Die Zitadelle mag sich anpassen können«, sagte Hauptmann Khârn, während er wütend den Schaft seiner Axt umklammerte, »aber der Wut der XII. Legion wird sie nicht standhalten. Die Söhne Angrons werden dieser Festung für Sie, Kriegsmeister, das Herz herausreißen. Zweifeln Sie nicht daran.«

»Schöne Worte, Hauptmann Khârn«, sagte Horus.

»Und jetzt stürmen Sie die Zitadelle für mich. Töten Sie jeden, den Sie darin finden.«

Der World Eater verbeugte sich, machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Allerheiligste.

Als sich die Türen hinter Khärn geschlossen hatten, sagte Horus: »Das dürfte Angron Feuer unter der Kehrseite machen. Dieser Krieg dauert zu verdammt lang. Es gibt andere Dinge, die der Erledigung harren.«

Regulus und Maloghurst verließen ihre Plätze hinter Horus, und der Schildträger setzte sich, um seinen schmerzenden Knochen Linderung zu verschaffen.

»Wir brauchen diese STK-Maschinen«, sagte Regulus.

»Ja, danke, Adept, das hatte ich ganz vergessen«, sagte Horus. »Ich weiß sehr wohl, was diese Maschinen repräsentieren, auch wenn das auf die Narren, die sie kontrollieren, nicht zutrifft.«

»Mein Orden wird Sie reich für sie entschädigen, Milord«, sagte Regulus.

Horus lächelte. »Endlich kommen wir zur Sache, Adept.«

»Zu welcher Sache, Milord?«

»Halten Sie mich nicht für einfältig, Regulus«, warnte er. »Ich weiß von der Suche des Mechanicums nach altem Wissen. Vollkommen erhaltene Konstrukt-Maschinen wären eine ziemliche Beute, nicht wahr?«

»Jenseits aller Vorstellungskraft«, räumte Regulus ein.

»Die denkenden Maschinen wiederzuentdecken, welche die Menschheit zu den Sternen getrieben und die Kolonisierung der Galaxis ermöglicht haben, ist eine Beute, die jeden Preis wert ist.«

»Jeden?«, fragte Horus.

»Diese Maschinen werden uns ermöglichen, das Unvorstellbare zu vollbringen und die Halosterne zu erreichen, vielleicht sogar andere Galaxien«, sagte Regulus. »Also: ja. Jeden Preis.«

»Dann sollen Sie sie haben«, sagte Horus.

Regulus schien von diesem ungeheuerlichen Angebot überwältigt zu sein und sagte nach einer kurzen Pause: »Ich danke Ihnen, Kriegsmeister. Sie können sich nicht vorstellen, was Sie dem Mechanicum damit gewähren.«

Horus stand auf, trat hinter Regulus und betrachtete unverhohlen die Überreste von Fleisch, die noch an den metallischen Komponenten klebten. Schimmernde Felder enthielten die Organe des Adepten, und eine Messing-Muskulatur gab ihm ein gewisses Maß an Beweglichkeit.

»An Ihnen ist sehr wenig, was noch menschlich genannt werden kann, nicht wahr?«, fragte Horus.

»In dieser Hinsicht unterscheiden Sie sich nicht so sehr von Maloghurst und mir.«

»Milord?«, erwiderte Regulus. »Ich erstrebe die Perfektion des Maschinenstatus, würde mir aber nicht anmaßen, mich mit den Astartes zu vergleichen.«

»Und das sollten Sie auch nicht«, sagte Horus, der jetzt in seinem Allerheiligsten auf und ab ging. »Ich gebe Ihnen diese Konstrukt-Maschinen, aber wie wir vereinbart haben, wird ein Preis zu entrichten sein.«

»Nennen Sie ihn, Milord. Das Mechanicum wird ihn bezahlen.«

»Der Große Kreuzzug ist beinahe zu Ende, Regulus, aber unsere Bemühungen, die Galaxis zu sichern, haben gerade erst begonnen«, sagte Horus, indem er sich über den Tisch beugte und seine Hände auf die schwarze Platte stützte. »Ich bin entschlossen, das größte nur vorstellbare Unternehmen überhaupt anzugehen, aber ich brauche Verbündete, sonst ist alles umsonst. Kann ich auf Sie und das Mechanicum zählen?«

»Was für ein Unternehmen?«, fragte Regulus.

Horus winkte ab, kam um den Tisch, stellte sich wieder neben den Adepten des Mechanicums und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Messingkörper. »Im Augenblick besteht keine Notwendigkeit, ins Detail zu gehen«, sagte er. »Sagen Sie mir einfach, dass Sie und ihre Brüder mich unterstützen werden, wenn die Zeit gekommen ist und die Konstrukt-Maschinen Ihnen gehören.«

Ein surrender mechanischer Arm, der in goldenes Geflecht gehüllt war, schwang über den Tisch und legte sanft ein poliertes Zahnrad darauf ab.

»Der Teil des Mechanicums, der mir untersteht, gehört Ihnen, Kriegsmeister«, versprach Regulus, »und so viel Kraft vom Rest, wie ich aufbringen kann.«

Horus lächelte und sagte: »Ich danke Ihnen, Adept. Mehr wollte ich nicht hören.«

Am sechsten Tag im zehnten Monat des Krieges gegen die Technokratie von Aureus geriet die 63. Expedition vorübergehend in Panik, als eine Gruppe Schiffe in perfekter Angriffsformation aus dem Warp im System auftauchte.

Boas Comnenus versuchte seine Schiffe zu wenden, um sich den Neuankömmlingen zu stellen, wusste aber, dass sie es nicht rechtzeitig schaffen würden. Erst als die mysteriösen Schiffe die optimale Schussweite erreichten und passierten, ging den Anwesenden an Bord der chender Geist auf, dass sie keine feindseligen Absichten hatten.

Erleichterte Begrüßungen wurden vom Flaggschiff des Kriegsmeisters gesendet und von einer amüsierten Stimme beantwortet, die mit kultiviertem altterranischen Akzent sprach.

»Horus, mein Bruder«, sagte die Stimme. »Anscheinend kann ich dir immer noch das eine oder andere beibringen.«

Auf der Brücke der Rächender Geist sagte Horus: »Fulgrim.«

 

Trotz der Entbehrungen des Krieges erregte Loken die Aussicht, die Krieger der Emperors Children wiederzusehen. Er hatte so viel Zeit mit der Reparatur seiner Rüstung verbracht, wie seine Pflichten ihm gestatteten, obwohl sie sich immer noch in einem traurigen Zustand befand. Er und das Mournival standen hinter Horus, der stolz im oberen Transitdock der Rächender Geist wartete, um den Primarchen der III. Legion zu empfangen.

Fulgrim war seit Horus' Ernennung zum Kriegsmeister einer seiner standhaftesten Befürworter und hatte Angrons, Perturabos und Curzes Bedenken zerstreut, als sie getobt hatten, weil Horus diese Ehre erwiesen worden war und ihnen nicht. Fulgrims Stimme war der Hauch der Ruhe gewesen, der kriegerische Herzen und gekränkten Stolz besänftigt hatte.

Ohne Fulgrims Weisheit, das wusste Loken, wäre Horus die Loyalität aller Legionen mit Sicherheit nicht so vollständig zuteilgeworden.

Er hörte metallisches Kratzen auf der anderen Seite der Druckschleuse.

Loken hatte Fulgrim ein Mal zuvor beim Großen Triumphzug auf Ullanor gesehen. Zwar nur aus der Ferne, als er mit Zehntausenden anderer Astartes an ihm vorbeimarschiert war, doch Loken hatte sich seinen Eindruck vom Primarchen bewahrt.

Es war eine Ehre, wieder in Gegenwart zwei so gottgleicher Wesen zu sein.

Die mit einem Adler gestempelte Druckschleuse glitt auf, und der Primarch der Emperors Children betrat die Rächender Geist.

Lokens erster Eindruck war der von großen goldenen Adlerschwingen, die über Fulgrims linke Schulter reichten. Die Rüstung des Primarchen leuchtete purpurrot, war golden abgesetzt und mit erlesenen Intarsien geschmückt. Träger unter Kapuzen hielten den langen Schuppenumhang, und von seinen Schulterschützern hingen langen Pergamente herab.

Ein hoher Kragen in einem sehr dunklen Purpurton rahmte ein ungeheuer blasses Gesicht ein. Die Augen waren so dunkel, dass sie fast nur aus Pupillen bestanden. Der Anflug eines Lächelns spielte um seine Lippen, und seine Haare waren schimmernd weiß.

Loken hatte Hastur Sejanus einmal als einen schönen Mann beschrieben, der von allen bewundert wurde, aber als er den Primarchen der Emperors Children zum ersten Mal aus der Nähe sah, wusste er, dass sein bescheidenes Vokabular nicht ausreichte, um die Perfektion zu beschreiben, die er in Fulgrim erblickte.

Fulgrim öffnete die Arme, und die beiden Primarchen umarmten einander wie lange verschollene Geschwister.

»Es ist so lange her, Horus«, sagte Fulgrim.

»Das ist es, mein Bruder, das ist es«, erwiderte er. »Mein Herz jubelt, dich wiederzusehen, aber warum bist du hier? Warst du nicht auf einem Feldzug in der Perdus-Anomalie? Ist die Region bereits eingegliedert?«

»Die Welten, die wir dort gefunden haben, sind jetzt eingegliedert, ja«, nickte Fulgrim, während hinter ihm vier Krieger durch die Druckschleuse traten. Loken lächelte, als er Saul Tarvitz erkannte.

Seine patrizischen Züge konnten seine Freude nicht verhehlen, wieder mit seinen Brüdern von den Sons of Horus vereint zu sein.

Lordkommandant Eidolon kam als Nächster und sah noch genauso unbußfertig und giftig aus, wie Torgaddon ihn beschrieben hatte.

Lucius der Schwertkämpfer folgte, immer noch mit der sarkastischen Miene der Überlegenheit, die Loken im Gedächtnis hatte, obwohl sein Gesicht stark vernarbt war. Hinter ihm kam ein Krieger, den Loken nicht kannte, ein blasshäutiger Astartes in der Rüstung eines Apothekarius mit hohlen Wangen und einer langen Haarmähne, so weiß wie die seines Primarchen.

Fulgrim wandte sich von Horus ab und sagte: »Ich glaube, du kennst einige meiner Brüder bereits, Tarvitz, Lucius und Lordkommandant Eidolon, aber meinen Ersten Apothekarius Fabius hast du, glaube ich, noch nicht kennengelernt.«

»Es ist eine Ehre, Sie kennenzulernen, Lord Horus«, sagte Fabius mit einer tiefen Verbeugung.

Horus erwiderte die respektvolle Geste: »Also, Fulgrim, du weißt, dass du mich nicht hinhalten kannst. Was ist so wichtig, dass du hier unangekündigt auftauchst und bei meiner halben Besatzung Herzanfälle verursachst?«

Das Lächeln wich von Fulgrims blassen Lippen. »Es hat Berichte gegeben, Horus.«

»Berichte? Wie meinst du das?«

»Berichte, dass bestimmte Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Dass du und deine Krieger für die Brutalität dieses Feldzugs zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Führt Angron wieder seine üblichen Tricks im Schilde?«

»Angron ist so wie immer.«

»So schlimm?«

»Nein, ich halte ihn an der kurzen Leine, und sein Schildträger Khârn scheint den schlimmsten Exzessen seiner Brüder Einhalt zu gebieten.«

»Dann bin ich gerade rechtzeitig eingetroffen.«

»Ich verstehe«, sagte Horus. »Bist du also gekommen, um mich abzulösen?«

Fulgrim konnte seine ernste Miene nicht mehr aufrechterhalten und lachte. In seinen dunklen Augen funkelte Belustigung. »Dich abzulösen? Nein, mein Bruder, ich bin hier, damit ich zurückkehren und diesen Gecken und Schreibern auf Terra sagen kann, dass Horus Kriege so austrägt, wie sie ausgetragen werden sollen: hart, schnell und grausam.«

»Krieg ist grausam. Es hat keinen Sinn zu versuchen, ihn zu reformieren. Je grausamer er ist, desto schneller ist er vorbei.«

»In der Tat, mein Bruder. Komm, wir haben viel zu besprechen, denn wir leben in absonderlichen Zeiten. Anscheinend hat unser Bruder Magnus wieder etwas getan, das den Imperator gegen ihn aufgebracht hat, und der Wolf von Fenris wurde von der Leine gelassen, um ihn nach Terra zu begleiten.«

»Magnus?«, fragte Horus plötzlich sehr ernst. »Was hat er angestellt?«

»Reden wir in privaterer Umgebung darüber«, sagte Fulgrim.

»Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass meine Männer hier die Gelegenheit begrüßen würden, die Bekanntschaft zu erneuern mit deinem ... wie nennst du es noch? Mournival?«

»Ja«, lächelte Horus, »zweifellos Erinnerungen an Mord.«

Loken spürte, wie es ihn kalt überlief, als er das Lächeln auf Horus' Lippen wiedererkannte. Dasselbe hatte er aufgesetzt, nachdem er das Hirn des Konsuls von Aureus über das Hangardeck verspritzt hatte.

 

Als Horus und Fulgrim gegangen waren, folgten Abaddon und Aximand gemeinsam mit Eidolon den beiden Primarchen, während Loken und Torgaddon die Emperors Children begrüßten.

Die Sons of Horus hießen ihre Brüder lachend und mit Umarmungen willkommen, die Emperors Children reagierten mit Anstand und Zurückhaltung.

Für Torgaddon und Tarvitz war es ein Wiedersehen mit Kameraden, deren gegenseitige Hochachtung in der Hitze der Schlacht geschmiedet worden war, und ihre lockere Freundschaft war offenkundig.

Apothekarius Fabius erbat eine Wegbeschreibung zum Sanitätsdeck und entschuldigte sich dann mit einer Verbeugung.

Lucius blieb bei den beiden Mitgliedern des Mournival, und Torgaddon konnte es sich nicht verkneifen, ihn ein wenig zu reizen: »Na, Lucius, wie wär's mit einer weiteren Runde mit Garviel in den Übungskäfigen? Dem Aussehen Ihres Gesichts nach zu urteilen, könnten Sie das Training brauchen.«

Der Schwertkämpfer hatte die Geistesgegenwart zu lächeln, wobei sich die vielen Narben in seinem Gesicht kräuselten, und sagte: »Nein danke. Ich fürchte, ich bin über Hauptmann Lokens letzte Lektion hinausgewachsen. Ich würde ihn diesmal nicht demütigen wollen.«

»Kommen Sie — eine Runde?«, fragte Loken. »Ich verspreche Ihnen, sanft zu sein.«

»Ja, komm, Lucius«, sagte Tarvitz. »Die Ehre der Emperors Children steht auf dem Spiel.«

Lucius lächelte. »Wenn es so ist — gut.«

 

Loken konnte sich hinterher kaum an etwas erinnern, so schnell war es vorbei gewesen. Augenscheinlich hatte Lucius seine Lektion in der Tat begriffen. Der Übungskäfig hatte sich kaum geschlossen, als der Schwertkämpfer auch schon angriff. Loken war auf ein derartiges Manöver gefasst, wurde aber dennoch beinahe in den ersten Augenblicken überwältigt.

Die beiden Krieger fochten hin und her. Torgaddon und Saul Tarvitz johlten.

Der Kampf zog rasch Zuschauer an, und Loken wünschte, Torgaddon hätte das Ereignis nicht so herumposaunt.

Er kämpfte mit allem Geschick, das er besaß, während Lucius mit lässiger Verspieltheit focht. Kurze Zeit später steckte Lokens Schwert in der Decke des Übungskäfigs und Lucius' Klinge an seinem Hals.

Lucius war kaum ins Schwitzen geraten, und Loken wusste, dass er ihm hoffnungslos unterlegen war. Mit Lucius einen Kampf auf Leben und Tod auszutragen und sich dabei auf eine Klinge verlassen zu müssen, verhieß den sicheren Tod, und er hatte den Verdacht, dass es keinen Son of Horus gab, der ihn mit einer Klinge besiegen konnte.

Loken verbeugte sich vor Lucius und sagte: »Damit steht es eins zu eins.«

»Wie wär's mit einem Entscheidungskampf?«, grinste Lucius, wobei er auf den Fußballen hin und her tänzelte und seine Schwerter durch die Luft zischen ließ.

»Diesmal nicht«, sagte Loken. »Bei unserer nächsten Begegnung setzen wir etwas auf den Ausgang, einverstanden?«

»Jederzeit, Loken«, sagte Lucius, »aber ich werde gewinnen. Das wissen Sie, oder?«

»Sie sind sehr gut, aber vergessen Sie nicht, dass es irgendwo dort draußen jemanden gibt, der Sie schlagen kann.«

»Nicht in diesem Leben«, sagte Lucius.

Der stille Orden traf sich wieder in der Rüstkammer, obwohl sich eine erlesenere Gruppe als sonst versammelt hatte. Logenmeister Serghar Targost hatte den Vorsitz über eine Versammlung hoher Offiziere der Legion.

Aximand verspürte einen Stich des Bedauerns, als er sah, dass von den Hauptmännern der Legion nur Loken, Torgaddon, Iacton Qruze und Tybalt Marr abwesend waren.

Kerzen erleuchteten die Rüstkammer, und alle hatten die Kapuzengewänder abgelegt. Diese Versammlung diente der Debatte, nicht der Theatralik.

»Brüder«, sagte Targost, »dies ist eine Zeit der Entscheidungen. Schwerer Entscheidungen. Wir sind mit Dissens von innen konfrontiert, und jetzt kommt Fulgrim wie aus heiterem Himmel, um uns nachzuspionieren.«

»Nachzuspionieren?«, sagte Aximand. »Ihr glaubt doch wohl nicht, dass Fulgrim seinen Bruder verraten würde? Der Kriegsmeister steht Fulgrim näher als Sanguinius.«

»Wie soll man es sonst nennen?«, fragte Abaddon. »Fulgrim hat bei seinem Eintreffen praktisch so etwas gesagt.«

»Fulgrim ist ebenso frustriert über die Situation auf Terra wie wir«, sagte Maloghurst. »Er weiß, dass jene, die mit so viel Sehnsucht auf den Ausgang des Krieges warten, ganz und gar keine Sehnsucht danach haben, das darin vergossene Blut zu sehen. Seine Legion sucht Perfektion in allen Dingen, vor allem im Krieg, und wir haben alle gesehen, wie die Emperors Children kämpfen: mit unablässiger Rücksichtslosigkeit und Tüchtigkeit. Sie kämpfen vielleicht anders als wir, aber sie erzielen dieselben Resultate.«

»Wenn Fulgrims Krieger sehen, wie dieser Krieg auf Aureus ausgetragen wird, werden sie wissen, dass keine Ehre darin liegt«, fügte Luc Sedirae hinzu. »Die World Eaters schockieren sogar mich. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich für den Kampf lebe und mir etwas auf meine Fähigkeiten zu töten einbilde, aber die Söhne Angrons sind ... unzivilisiert. Sie kämpfen nicht, sie schlachten ab.«

»Sie machen ihre Arbeit, Luc«, sagte Abaddon. »Nur das zählt. Wenn die Titanen des Mechanicums die Mauern der Eisernen Zitadelle geknackt haben, wirst du froh sein, sie bei dir zu haben, wenn die Zeit gekommen ist, die Breschen zu stürmen.«

Sedirae nickte und sagte: »Darin liegt Wahrheit. Der Kriegsmeister führt sie wie eine Waffe, aber wird Fulgrim das sehen?«

»Überlass Fulgrim mir, Luc«, sagte eine kraftvolle Stimme aus dem Schatten, und die Krieger des ruhigen Ordens drehten sich überrascht um, als drei Gestalten aus der Finsternis traten.

Die führende Gestalt trug eine feierlich geschmückte Rüstung, die im Kerzenlicht weiß schimmerte, und das rote Auge auf dem Brustharnisch leuchtete in reflektiertem Feuer.

Aximand und die anderen Hauptmänner sanken auf ein Knie, als Horus den Kreis betrat und den Blick über die Versammelten wandern ließ.

»Hier versammelt ihr euch also insgeheim?«

»Milord ...«, begann Targost, doch Horus hob eine Hand.

»Ruhig, Serghar«, sagte er. »Erklärungen sind unnötig. Ich habe eure Ausführungen gehört und bin gekommen, um etwas Licht auf sie zu werfen und frisches Blut in euren stillen Orden zu bringen.«

Bei diesen Worten bedeutete Horus seinen beiden Begleitern, vorzutreten. Aximand sah, dass der eine ein Astartes war, Tybalt Marr, und der andere ein Sterblicher in einer goldenen Rüstung, der Krieger, der die Dokumentatorin des Kriegsmeisters auf Davin beschützt hatte.

»Tybalt kennt ihr bereits«, fuhr der Kriegsmeister fort.

»Seit Verulams schrecklichem Tod bemüht er sich, den Verlust zu verwinden. Ich glaube, dass er in unserem Orden die Unterstützung finden wird, die er braucht. Der andere ist ein Sterblicher — kein Astartes, aber doch ein Krieger mit Mut und Kraft.«

Serghar Targost hob den Kopf und sagte: »Ein Sterblicher im Orden? Der Orden ist nur für Astartes.«

»Ist er das, Serghar? Ich hatte den Eindruck, er sei ein Ort, wo sich Männer ungezwungen treffen und ohne die Beschränkungen des Rangs und des militärischen Ordens vertraulich miteinander reden können.«

»Der Kriegsmeister hat recht«, sagte Aximand, indem er sich erhob. »Ein Mann braucht nur eine Qualifikation, um zu unserem stillen Orden zu gehören. Er muss Krieger sein.«

Targost nickte, obwohl er eindeutig nicht glücklich über die Entscheidung war.

»Nun gut, sie sollen vortreten und das Abzeichen zeigen«, sagte er.

Marr und der golden gerüstete Krieger traten vor und streckten jeweils eine Hand aus. Auf jeder Handfläche funkelte ein silbernes Logenmedaillon.

»Sie sollen ihre Namen nennen«, sagte Targost.

»Tybalt Marr«, sagte der Hauptmann der 18. Kompanie.

Der Sterbliche sagte nichts, sondern sah Horus nur hilflos an. Die Logenmitglieder warteten darauf, dass er sich vorstellte, doch kein Name wurde genannt.

»Warum stellt er sich nicht vor?«, fragte Aximand.

»Das kann er nicht sagen«, erwiderte Horus mit einem Lächeln. »Tut mir leid, ich konnte nicht widerstehen, Serghar. Das ist Maggard, und er ist stumm. Mir ist zu Ohren gekommen, dass er mehr über unsere Legion erfahren möchte, und ich dachte, dies könnte eine Möglichkeit sein, ihm unsere wahren Gesichter zu zeigen.«

»Er wird herzlich aufgenommen«, versicherte Aximand, »aber Sie sind doch nicht extra gekommen, um uns zwei neue Mitglieder zu bringen, oder?«

»Immer der Denker, Klein-Horus«, lachte Horus.

»Ich habe schon immer gesagt, dass du der Weise bist.«

»Warum sind Sie also hier?«, fragte Aximand. »Aximand!«, zischte Targost.

»Du sprichst mit dem Kriegsmeister. Er geht, wohin er will.«

Horus hob eine Hand und sagte: »Schon gut, Serghar, Klein-Horus hat das Recht zu fragen. Ich habe mich lange genug aus euren Angelegenheiten herausgehalten, also ist es nur recht und billig, wenn ich meinen unerwarteten Besuch erkläre.«

Lächelnd trat er zwischen sie und umhüllte sie mit der Kraft seiner Persönlichkeit. Er blieb vor Aximand stehen, und die Wirkung war berauschend. Horus war schon immer ein Wesen von überragender Erhabenheit gewesen; seine Schönheit und sein Charisma konnten das stoischste Herz verhexen.

Als er dem Blick des Kriegsmeisters begegnete, sah Aximand, dass seine Verführungskraft alles überstieg, was er bisher erlebt hatte, und er empfand Scham darüber, von diesem strahlenden Wesen Auskunft verlangt zu haben. Welches Recht hatte er, irgendetwas von ihm zu verlangen?

Horus blinzelte, und der Bann war gebrochen. Er trat in die Mitte der Gruppe und sagte: »Ihr tut recht daran, euch zu versammeln und über die bevorstehenden Tage zu debattieren, meine Söhne, denn sie werden in der Tat schwierig. Zeiten liegen vor uns, in denen wir schwierige Entscheidungen treffen müssen, und es wird jene geben, die nicht verstehen, warum wir tun, was wir tun, weil sie nicht hier bei uns waren.«

Horus blieb der Reihe nach vor jedem Hauptmann stehen, und Aximand sah, welche Wirkung seine Worte auf sie hatten. Die Gesichter hellten sich auf, als scheine die Sonne auf sie.

»Ich habe mich für einen Kurs entschieden, der Auswirkungen auf jeden Mann unter meinem Kommando haben wird, und die Bürde meiner Entscheidung ist eine schwere Last auf meinen Schultern, meine Söhne.«

»Teilen Sie sie mit uns!«, rief Abaddon. »Wir sind bereit zu dienen.«

Horus lächelte und sagte: »Ich weiß, dass ihr das seid, Ezekyle, und das Wissen, Krieger bei mir zu haben, die so standhaft und treu sind wie ihr, gibt mir Kraft.«

»Gebieten Sie über uns, wir gehorchen«, versprach Serghar Targost. »Unsere erste Loyalität gilt Ihnen.«

»Ich bin stolz auf euch alle«, sagte Horus mit bewegter Stimme, »aber ich muss noch ein Letztes von euch verlangen.«

»Verlangen Sie«, sagte Abaddon.

Horus legte dankbar eine Hand auf Abaddons Schulterschutz und sagte: »Bevor ihr antwortet, denkt gut über das nach, was ich euch sagen werde. Wenn ihr mir in dieses große Abenteuer folgen wollt, gibt es kein Zurück mehr. Zum Guten oder zum Schlechten, wir gehen immer vorwärts, niemals zurück.«

»Sie hatten schon immer einen Hang zur Theatralik«, stellte Aximand fest. »Kommen Sie jetzt zur Sache?«

Horus nickte und sagte: »Ja, natürlich, Klein-Horus, aber du hast hoffentlich ein wenig Verständnis für meinen Sinn für Dramatik?«

»Andernfalls wären Sie nicht Sie.«

»Zugegeben«, sagte Horus. »Aber um zur Sache zu kommen: Ich bin dabei, einen äußerst gefährlichen Weg einzuschlagen, und nicht alle von uns werden überleben. Manche im Imperium werden uns Verräter und Rebellen nennen, aber ihr müsst ihr Geblöke ignorieren und darauf vertrauen, dass ich unseres Kurses gewiss bin. Die vor uns liegenden Zeiten werden hart und schmerzlich, aber wir müssen sie bis zum Ende durchstehen.«

»Was sollen wir tun?«, fragte Abaddon.

»Alles zu seiner Zeit, Ezekyle, alles zu seiner Zeit«, sagte Horus. »Ich muss nur wissen, ob ihr zu mir haltet, meine Söhne. Haltet ihr zu mir?«

»Wir halten zu Ihnen!«, riefen die Krieger wie aus einem Mund.

»Danke«, sagte Horus dankbar, »aber bevor wir handeln, müssen wir unser eigenes Haus in Ordnung bringen. Hektor Varvarus und dieser Memorator, Karkasy. Sie müssen zum Schweigen gebracht werden, während wir unsere Kräfte sammeln. Sie lenken unwillkommene Aufmerksamkeit auf uns, und das ist inakzeptabel.«

»Varvarus ist kein Mann, der seine Meinung ändert, Milord«, warnte Aximand, »und der Memorator steht unter Garviels Schutz.«

»Um Varvarus kümmere ich mich«, sagte der Kriegsmeister, »und der Memorator ... Nun, ich bin sicher, mit den korrekten Argumenten konfrontiert, wird er das Richtige tun.«

»Was haben Sie vor, Milord?«, fragte Aximand.

»Sie in Bezug auf ihren Irrtum zu erleuchten«, sagte Horus.