Neun

Silberne Türme

Eine blutige Rückkehr

Der Schleier dünnt aus

 

 

VON HIER AUS KONNTE ER das Pyramidendach des Athenaeums sehen, dessen goldene Paneele die tief stehende Abendsonne reflektierten, als stünden sie in Flammen, und obwohl Magnus wusste, dass er nur eine farbenprächtige Metapher benutzte, weckte doch die bloße Vorstellung den Stich eines Verlustgefühls in ihm. Sich vorzustellen, dass dieses ungeheure Depot des Wissens in Flammen aufging, war furchtbar, und er wendete den zyklopischen Blick von der Pyramide aus Kristallglas und Gold ab.

Tizca, die sogenannte Stadt des Lichts, erstreckte sich Vor ihm, ihre Marmorkolonnaden und breiten Prachtstraßen waren von Bäumen gesäumt und friedlich. Hoch aufragende Türme aus Silber und Gold überragten eine Stadt aus güldenen Bibliotheken, kuppelförmigen Museen und ausgedehnten Sitzen der Gelehrsamkeit. Der Großteil bestand aus weißem Marmor und goldgeädertem Basalt und leuchtete in der Sonne wie eine juwelenbesetzte Krone. Die Architektur kündete von einer längst verstrichenen Zeit, in der Gebäude von Handwerkern gestaltet worden waren, die ihr Gewerbe im Laufe der Jahrhunderte unter der Schirmherrschaft der Thousand Solls verfeinert hatten.

Auf seinem Balkon auf der Photeppyramide dachte Magnus der Rote, Primarch der Thousand Sons, über die Zukunft Prosperos nach.

Sein Kopf schmerzte immer noch von der Wildheit des Alptraums, und sein Auge pochte schmerzhaft in der vergrößerten Höhle. Er umklammerte die Marmorbalustrade und versuchte die Visionen zu vertreiben, die ihn in der Nacht zuvor heimgesucht hatten und ihm nun auch ins Tageslicht folgten. Mysterien der Nacht wurden im Tageslicht deutlich, aber diese Visionen der Dunkelheit ließen sich nicht so leicht zerstreuen.

Solange sich Magnus erinnern konnte, war er mit einer gewissen Voraussicht gesegnet und verflucht gewesen, und seine allegorische Interpretation eines brennenden Athanaeums beunruhigte ihn mehr, als er zuzugeben bereit war.

Er goss sich etwas Wein aus einem silbernen Krug ein und fuhr sich mit kupferhäutiger Hand durch die feuerrote Mähne. Der Wein half, die Schmerzen in Herz und Kopf zu dämpfen, aber er wusste, dass dies nur eine vorübergehende Lösung war. Er hatte die Macht, die Ereignisse mitzubestimmen, und wenngleich viel von dem, was er gesehen hatte, Wahnsinn und Durcheinander war und keinen Sinn ergab, hatte er genug begriffen, um bald eine Entscheidung treffen zu müssen — bevor alles außer Kontrolle geriet.

Magnus wendete sich von dem Ausblick über Tizca ab und ging in die Pyramide zurück, wobei er kurz verharrte, als er sein Spiegelbild in den funkelnden Silberpaneelen sah. Er war ein rothäutiger Riese mit einer üppigen Mähne. Seine patrizischen Züge waren edel und gerecht, das eine Auge golden und mit roten Sprenkeln durchsetzt. Wo das andere Auge hätte sein müssen, klaffte nur Leere, obwohl eine dünne Narbe vom Nasenrücken zum Wangenknochen verlief.

Zyklopenmagnus nannten sie ihn oder noch Schlimmeres. Seit ihrer Gründung wurden die Thousand Sons mit Argwohn betrachtet, weil sie Kräfte willkommen hießen, vor denen sich andere fürchteten.

Kräfte, die nicht verstanden und daher als etwas Unreines abgelehnt wurden, und zwar seit dem Konzil von Nikaea.

Magnus schleuderte seinen Kelch zu Boden, wütend über die Erinnerung an seine Demütigung zu Füßen des Imperators, als er gezwungen gewesen war, dem Studium aller magischen Dinge zu entsagen — aus Furcht vor dem, was er lernen mochte. Die Vorstellung war gewiss lächerlich, denn war das Reich seines Vaters nicht auf Wissen und Vernunft gegründet?

Welchen Schaden konnte Studieren und Lernen anrichten?

Zwar hatte er sich nach Prospero zurückgezogen und geschworen, all diesen Dingen zu entsagen, aber der Planet der Zauberer hatte eine Eigenschaft, die ihn zum perfekten Ort für derartige Studien machte — er war weit weg von den spionierenden Augen jener, die behaupteten, er pfusche mit Kräften herum, die sich seiner Kontrolle entzögen.

Magnus lächelte bei dem Gedanken und wünschte, er könnte seinen Anklägern die Dinge zeigen, die er gesehen hatte, die Wunder und die Schönheit dessen, was hinter dem Schleier der Realität existierte.

Vorstellungen von Gut und Böse fielen neben solcher Macht, wie sie im Warp wohnte, einfach unter den Tisch, denn sie waren antiquierte Vorstellungen einer religiösen Gesellschaft, die es längst nicht mehr gab.

Er bückte sich, um seinen Kelch aufzuheben und abermals zu füllen, bevor er in seine Gemächer zurückkehrte und sich an den Schreibtisch setzte. Drinnen war es kühl, und der Geruch nach verschiedenen Tinten und Pergamenten ließ ihn lächeln. Die Wände der großzügigen Kammer waren mit Regalen und Glasvitrinen vollgestellt, die von Kuriositäten und Überbleibseln verlorenen Wissens eroberter Welten überquollen. Magnus hatte selbst viele Texte in diesem Raum verfasst, obwohl auch andere zu dieser sehr persönlichen Bibliothek beigetragen hatten — Phosis T'kar, Ahriman und Uthizzar, um nur einige zu nennen.

Wissen war ihm schon immer eine Zuflucht gewesen — dieser berauschende Kitzel, das Unbekannte in seine Bestandteile zu zerlegen und es dadurch bekanntzumachen. Unwissenheit über die Abläufe im Universum hatte in der älteren Vergangenheit der Menschheit falsche Götter erschaffen, und ihr Verständnis war dazu geeignet, sie zu zerstören. Dies war Magnus' hehres Anliegen.

Sein Vater bestritt diese Dinge und hielt sein Volk in Unwissen über die wahren Kräfte, die in der Galaxis existierten, und wenngleich er eine Doktrin der Wissenschaft und Vernunft propagierte, war dies nur eine Lüge, eine tröstliche Decke, die über die Menschheit geworfen wurde, um sie gegen die Wahrheit abzuschirmen.

Magnus hatte jedoch tief in den Warp geschaut und wusste es besser.

Er schloss die Augen und sah wieder die Finsternis der verderbten Kammer, das Glitzern des Schwerts und den Hieb, der das Schicksal der Galaxis ändern würde. Er sah Tod und Verrat, Helden und Ungeheuer. Treue und Standhaftigkeit standen auf dem Prüfstand und fielen durch. Furchtbare Schicksale erwarteten seine Brüder, und das Schlimmste von allem war: Er wusste, dass sein Vater absolut keine Ahnung von dem Verhängnis hatte, das die Galaxis bedrohte.

Es klopfte leise an seine Tür, und die rot gerüstete Gestalt Ahrimans trat ein, der einen langen, in einem einzelnen Auge auslaufenden Stab vor sich hielt. »Haben Sie sich schon entschieden, Milord?«, fragte sein oberster Scriptor ohne Vorrede.

»Das habe ich, mein Freund«, erwiderte Magnus. »Dann soll ich den Zirkel zusammenrufen?«

»Ja«, seufzte er.

»In den Katakomben unter der Stadt. Befiehl den Leibeigenen, die Konjunktion zusammenzustellen, ich geselle mich in Bälde dazu.«

»Wie Sie wünschen, Milord«, sagte Ahriman.

»Was bekümmert dich?«, fragte Magnus, der einen Hauch Zurückhaltung bei seinem alten Freund spürte.

»Nein, Milord, es steht mir nicht zu, es zu sagen.«

»Unsinn. Wenn du ein Anliegen hast, gestatte ich dir, es vorzubringen.«

»Dann darf ich offen reden?«

»Selbstverständlich. Was bekümmert dich?«

Ahriman zögerte.

»Dieser Zauber, den Sie als gefährlich erachten, als sehr gefährlich ... keiner von uns versteht wirklich seine Feinheiten, und es könnte Konsequenzen geben, die wir nicht vorhersehen.«

Magnus lachte. »Ich habe noch nie erlebt, dass du vor der Kraft eines Zaubers zurückgescheut wärst, Ahriman. Wenn man Kräfte in dieser Größenordnung manipuliert, gibt es immer Unbekannte, aber nur durch ihre Anwendung können wir sie zur Räson bringen. Vergiss nie, dass wir die Meister des Warp sind, mein Freund. Er ist stark, ja, und in ihm wohnt große Macht, aber wir haben das Wissen und die Mittel, um ihn unserem Willen zu unterwerfen, oder nicht?«

»Das haben wir, Milord«, stimmte Ahriman zu.

»Aber warum setzen wir all das ein, um den Imperator vor dem Bevorstehenden zu warnen, wenn er uns verboten hat, dass wir uns mit diesen Dingen beschäftigen?«

Magnus erhob sich von seinem Platz, und seine kupferfarbene Haut verdunkelte sich vor Verärgerung. »Weil mein Vater, wenn er sieht, dass unsere Zauberei sein Imperium gerettet hat, anerkennen muss, dass unser Tun hier wichtig, nein, unerlässlich für das Überleben des Imperiums ist!«

Ahriman nickte nur, da er sich vor dem Zorn seines Primarchen fürchtete, und Magnus' Tonfall wurde weicher.

»Es gibt keinen anderen Weg, mein Freund. Der Imperatorpalast ist vor der Macht des Warp geschützt, und nur eine Beschwörung von derartiger Stärke wird diese Schutzvorrichtungen überwinden.«

»Dann werde ich den Zirkel sofort zusammenrufen«, sagte Ahriman.

»Ja, rufe ihn zusammen, aber wartet auf mich, bevor ihr anfangt. Vielleicht überrascht Horus uns noch.«

 

Panik, Furcht, Unentschlossenheit: drei Gefühle, die Loken bisher unbekannt waren, packten ihn, als Horus fiel. Der Kriegsmeister brach in Zeitlupe zusammen, klatschte in den Schlamm und wurde vollkommen schlaff. Beunruhigte Rufe ertönten, aber alle, die nah dran standen, waren zur Untätigkeit erstarrt, als stehe die Zeit still.

Loken starrte Horus an. Starr wie ein Leichnam lag er vor ihm auf dem Boden lag, und Loken konnte nicht glauben, was er sah. Der Rest des Mournival stand ebenso reglos da, vor Ungläubigkeit wie angewurzelt. Es war, als sei die Luft dicker geworden und klebrig, und die sich ausweitenden Rufe der Furcht hallten wie aus weiter Ferne heran, als stammten sie aus einer zu langsam laufenden Holo-Bildeinheit.

Nur Petronella Vivar schien nicht von der Lähmung betroffen zu sein.

Weinend kniete sie im Schlamm neben dem Kriegsmeister und jammerte, er möge wieder aufstehen.

Dass sein Kommandant am Boden lag und eine Sterbliche vor allen Sons of Horus reagiert hatte, beschämte ihn so sehr, dass sich die Starre löste und er neben dem gefallenen Horus auf ein Knie sank.

»Apothekarius!«, rief Loken, und jäh normalisierte sich der Zeitablauf wieder.

Das Mournival sank neben ihm zu Boden.

»Was ist los?«, wollte Abaddon wissen. »Kommandant!«, rief Torgaddon.

»Lupercal!«, rief Aximand.

Loken ignorierte sie und zwang sich zur Konzentration.

Dies ist eine Gefechtsverwundung, und ich werde sie entsprechend behandeln.

Er untersuchte Horus, während die anderen ebenfalls an ihm herumtasteten und Petronella wegschoben. Alle bemühten sich, ihren Herrn und Meister zu wecken. Das Gedränge nahm zu, und Loken rief: »Aufhören. Zurück, ihr alle!«

Die Rüstung des Kriegsmeisters war verbeult und aufgerissen, aber Loken sah nur dort eine durchgehende Bruchstelle in den Panzerplatten, wo der Schulterschutz abgerissen war und die klaffende Stichwunde blutete.

»Helft mir, ihm die Rüstung auszuziehen!«, rief er.

Das in Brüderschaft verbundene Mournival nickte voller

Dankbarkeit: Endlich gab es ein gemeinsames Ziel, einen Befehl.

Augenblicke später hatten sie Horus den Brustharnisch und die Armschienen abgenommen und schnallten den anderen Schulterschutz ab.

Loken riss sich den Helm vom Kopf, warf ihn beiseite und legte ein Ohr auf die Brust des Kriegsmeisters. Er hörte den tödlich langsamen Doppelschlag seiner Herzen.

»Er lebt noch!«, sagte er.

»Macht Platz!«, rief eine Stimme hinter ihm, und er fuhr herum, um den Neuankömmling zurechtzuweisen, bevor er das Symbol der Doppelhelix um den Caduceus auf der Rüstung des Apothekarius sah.

Ein zweiter kam hinzu, und das Mournival wurde ohne viel Aufhebens beiseitegeschoben, als sie sich mit ihren Narthecii an die Arbeit machten.

Loken stand ohnmächtig und hilflos da und beobachtete sie, während sie darum rangen, Horus zu stabilisieren. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und er blickte sich vergeblich nach einer Aufgabe um, nach etwas, das ihm das Gefühl gäbe, nützlich zu sein. Doch da war nichts, und er wollte zum Himmel schreien, weil er so stark und doch so nutzlos war.

Abaddon weinte ganz offen. Den Ersten Hauptmann derart entmutigt zu sehen, steigerte Lokens Furcht noch mehr. Aximand sah den Bemühungen der Apothekarii mit grimmigem Gleichmut zu, während Torgaddon auf der Unterlippe kaute und die Memoratorin davon abhielt, im Weg zu sein.

Die Haut des Kriegsmeisters war aschfahl, die Lippen waren blau, die Glieder starr, und Loken wusste, dass sie die Kraft zerstören mussten, die Horus gefällt hatte. Er drehte sich um und ging zur Glorie von Terra zurück, um das Unglücksschiff auseinanderzunehmen, wenn es sein musste, Stück für Stück.

»Hauptmann!«, rief einer der Apothekarii, ein Krieger namens Vaddon. »Rufen Sie sofort einen Stormbird! Wir müssen ihn auf die Rächender Geist bringen!«

Loken blieb reglos stehen, hin- und hergerissen zwischen seinem Verlangen nach Rache und seiner Pflicht dem Kriegsmeister gegenüber.

»Sofort, Hauptmann!«, brüllte der Apothekarius, und der Bann war gebrochen.

Er nickte matt und öffnete einen Kanal zum Hauptmann der Stormbirds, im Grunde dankbar, in diesem Mahlstrom der Konfusion einen Zweck zu erfüllen. Augenblicke später war eines der Sanitätsschiffe unterwegs, und Loken sah wie hypnotisiert zu, wie die Apothekarii um Horus' Leben kämpften.

Ihre hektischen Anstrengungen verrieten, dass sie einen harten Kampf austrugen, während ihre Narthecii Miniatur-Zentrifugen mit Blut wirbeln ließen und Kunsthaut auftrugen. Ihre Unterhaltung ging an ihm vorbei, aber hier und da schnappte er das eine oder andere bekannte Wort auf.

»Larraman-Zellen wirkungslos ...«

»Hypoxische Vergiftung ...«

Aximand tauchte neben ihm auf und legte Loken die Hand auf die Schulter.

»Sag's nicht, Klein-Horus«, warnte er.

»Das hatte ich auch nicht vor, Garviel«, sagte Aximand.

»Er kommt wieder in Ordnung. Dieser Ort hat nichts aufzubieten, was den Kriegsmeister lange außer Gefecht setzen könnte.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Loken, dem beinahe die Stimme versagte.

»Ich weiß es einfach. Ich habe Zuversicht.« »Zuversicht?«

»Ja«, antwortete Aximand. »Zuversicht, dass der Kriegsmeister zu stark und zu stur ist, um sich von so etwas umbringen zu lassen. Bevor du weißt, wie dir geschieht, sind wir wieder seine Kriegshunde.«

Loken nickte nur, während ihm der heulende Fallwind eines landenden Stormbird den Atem raubte.

Das kreischende Schiff wirbelte Sumpfwasser auf, da es sich langsam abwärts schraubte. Landekufen fuhren aus, und es setzte in einer Gischt aus schlammigem Wasser auf.

Vor der Landung hatten das Mournival und die Apothekarii Horus bereits aufgehoben. Als die Sturmrampe ausfuhr, waren sie unterwegs und legten den Kriegsmeister auf eine der Tragen. Augenblicke später feuerten die Triebwerke des Stormbird wieder, um den Schub für den Start von Davins Mond aufzubauen.

Die Sturmrampe krachte hinter ihnen zu, und Loken spürte das Schiff nicken, als der Pilot abhob. Die Apothekarii schlossen Horus an medizinische Geräte an, stießen ihm Nadeln und zischende Schläuche in die Arme und legten ihm eine Sauerstoffmaske über Mund und Nase.

Plötzlich überflüssig, sank Loken auf einen der gepanzerten Klappsitze und schlug die Hände vors Gesicht.

Den anderen Mitgliedern des Mournival ging es nicht besser.

 

Die Behauptung, dass Ignace Karkasy kein glücklicher Mensch sei, wäre eine Untertreibung gewesen. Sein Mittagessen war kalt, Mersadie Oliton verspätete sich, und der Wein, den er trank, eignete sich nicht einmal als Maschinenöl. Um allem die Krone aufzusetzen, tippte sein Stift ohne jegliche Inspiration auf das dicke Papier in seinem Bondsman Nummer 7. Mittlerweile mied er die Zuflucht, teils aus Furcht davor, Wenduin wieder zu begegnen, aber hauptsächlich, weil sie ihn einfach zu sehr deprimierte. Der vorherrschende Vandalismus verlieh ihr einen unsagbar traurigen und düsteren Anstrich, und Karkasy gehörte nicht zu den Memoratoren, die Schmuddligkeit als Inspiration für ihre Arbeit brauchten, obwohl es einige davon gab.

Vielmehr entspannte er sich am besten auf dem Subdeck, wo sich die meisten Memoratoren zu ihren Mahlzeiten versammelten, das aber den größten Teil des Tages leer war. Die Einsamkeit half ihm, mit dem fertigzuwerden, was sich ereignet hatte, nachdem er Euphrati Keeler darauf angesprochen hatte, dass sie Pamphlete der Lectitio Divinitatus verteilte — obwohl ihm das gewiss nicht dabei half, Poesie zu komponieren.

Sie hatte keine Reue erkennen lassen, als er sie zur Rede stellte, und ihn gedrängt, sich ihr im Gebet zum Gott-Imperator vor einem improvisierten Schrein anzuschließen.

»Ich kann nicht«, hatte er gesagt. »Das ist lächerlich, Euphrati, siehst du das denn nicht?«

»Was ist so lächerlich daran, Ig?«, hatte sie gefragt. »Denk darüber nach. Wir sind auf dem größten Kreuzzug, der der Menschheit bekannt ist. Ein Kreuzzug ist ein durch religiöse Überzeugungen motivierter Krieg!«

»Nein, nein«, protestierte er, »dieser nicht. Wir brauchen die Krücke der Religion nicht mehr, Euphrati, und wir sind nicht von Terra aufgebrochen, um einen Schritt zurück in derart überholte Vorstellungen zu machen. Nur durch die Vertreibung der Religion, der Wolken des Aberglaubens können wir Wahrheit, Vernunft und Moral finden.«

»Es ist kein Aberglaube, an einen Gott zu glauben, Ignace«, sagte Euphrati, wobei sie ihm ein anderes Pamphlet der Lectitio Divinitatus hinhielt. »Hör mal, lies einfach das hier und entscheide dann.«

»Ich brauche das nicht zu lesen«, schnauzte er und warf das Pamphlet auf den Boden. »Ich weiß, was darin stehen wird, und ich bin nicht interessiert.«

»Aber du hast keine Ahnung, Ignace. Für mich ist jetzt alles so klar. Seit dieses Ding mich angegriffen hat, habe ich mich versteckt. In meinem Quartier und im Kopf, aber jetzt habe ich begriffen, dass ich nur das Licht des Imperators in mein Herz zu lassen brauchte, um geheilt zu werden.«

»Hatten nicht Mersadie und ich etwas damit zu tun?«, konterte Karkasy höhnisch. »All die Stunden, an denen du dich an unserer Schulter ausgeweint hast?«

»Ja, ihr wart für mich da«, lächelte Euphrati, indem sie vortrat und ihm die Hände auf die Wangen legte. »Deswegen wollte ich dir die Botschaft vermitteln und dir sagen, was mir klargeworden ist. Es ist ganz einfach, Ignace. Wir erschaffen uns unsere Götter selbst, und der Gesegnete Imperator ist der Herr der Menschheit.«

»Wir erschaffen uns unsere Götter selbst?«, sagte Karkasy, indem er sich von ihr löste. »Nein, meine Liebe, Unwissenheit und Furcht erschaffen Götter, Begeisterung und Täuschung schmücken sie, und menschliche Schwäche betet sie an. Es war im Verlauf der Geschichte immer dasselbe. Wenn Menschen ihre alten Götter zerstören, finden sie neue, die deren Platz einnehmen. Warum glaubst du, dass es diesmal anders ist?«

»Weil ich das Licht des Imperators in mir spüre.«

»Tja, nun, dagegen komme ich natürlich nicht an, oder?«

»Erspar mir deinen Sarkasmus, Ignace«, sagte Euphrati, plötzlich feindselig. »Ich dachte, du wärst vielleicht offen genug, um dir die frohe Botschaft anzuhören, aber jetzt sehe ich, dass du nur ein engstirniger Dummkopf bist. Raus mit dir, Ignace, ich will dich nie wiedersehen.«

Dergestalt entlassen, hatte er sich draußen auf dem Niedergang wiedergefunden, allein und einer Freundschaft beraubt, die er gerade erst geschlossen hatte. Seither hatte sie kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Er hatte sie auch nur ein Mal gesehen, und sie hatte seine Begrüßung ignoriert.

»In Gedanken versunken, Ignace?«, fragte Mersadie Oliton, und er blickte ein wenig verblüfft auf, jäh aus seinen trübsinnigen Überlegungen gerissen.

»Verzeih mir«, sagte er. »Ich habe dich nicht kommen gehört. Ich war Meilen weit weg, einen neuen Vers komponieren, den Hauptmann Loken missverstehen und Sindermann ablehnen kann.«

Sie lächelte, was seine Laune augenblicklich hob. Es war unmöglich, in Mersadies Gesellschaft weinerlich zu sein, denn sie gab einem das Gefühl, dass es gut war, am Leben zu sein.

»Die Zurückgezogenheit bekommt dir, Ignace, da bist du weit weniger der Versuchung ausgesetzt.«

»Ach, ich weiß nicht«, sagte er, indem er die Weinflasche hochhob.

»In meinem Leben ist immer Platz für Versuchung. Ich betrachte einen Tag als vergeudet, an dem ich nicht durch das eine oder andere in Versuchung geführt worden bin.«

»Du bist unverbesserlich«, lachte sie, »aber genug davon. Was ist so wichtig, dass du mich von meinen Niederschriften weg und zu diesem Treffen hier zerrst? Ich will auf dem neuesten Stand sein, wenn die Speerspitze von diesem Mond zurückkehrt.«

Ein wenig perplex ob ihrer Direktheit, wusste Karkasy nicht recht, wie er beginnen sollte, und entschied sich daher für die sanfte Variante.

»Hast du Euphrati in letzter Zeit mal gesehen?«

»Gestern Abend, kurz vor dem Start der Stormbirds. Warum?«

»Hattest du den Eindruck, dass sie sie selbst war?«

»Ja, ich denke schon. Ich war etwas überrascht über die Veränderung in ihrem Auftreten, aber sie ist Imagologin. Ich nehme an, die machen so etwas hin und wieder.«

»Hat sie versucht, dir irgendwas zu geben?«

»Mir irgendwas zu geben? Nein. Hör mal, worauf willst du eigentlich hinaus?«

Karkasy schob Mersadie ein zerlesenes Pamphlet über den Tisch und beobachtete, wie sich ihre Miene veränderte, als sie es las und begriff, worum es sich handelte.

»Woher hast du das?«, fragte sie.

»Euphrati hat es mir gegeben«, erwiderte er. »Anscheinend will sie zuerst uns mit dem Wort des Gott-Imperators erleuchten, weil wir ihr geholfen haben, als sie Unterstützung brauchte.«

»Des Gott-Imperators? Hat sie ihrem Verstand Urlaub gegeben?«

»Ich weiß nicht, vielleicht«, sagte er, während er sich Wein einschenkte. Mersadie schob ein Glas zu ihm hin, das er ebenfalls füllte.

»Ich glaube nicht, dass sie ihr Erlebnis in den Flüsterspitzen schon verarbeitet hat, auch wenn sie anderer Ansicht ist.«

»Das ist doch Wahnsinn«, sagte Mersadie. »Man wird ihr die Zulassung entziehen. Hast du ihr das gesagt?«

»Dazu bin ich gar nicht gekommen«, erwiderte er.

»Ich habe versucht, vernünftig mit ihr zu reden, aber du weißt ja, wie das mit diesen religiösen Typen ist, da ist nie Platz für abweichende Meinungen.«

»Und?«

»Und nichts, danach hat sie mich aus ihrem Quartier geworfen.«

»Dann bist du die Sache also mit deinem üblichen Takt angegangen?«

»Vielleicht hätte ich etwas feinfühliger sein können«, gab Karkasy zu, »aber ich war ziemlich erschüttert darüber, dass eine intelligente Frau auf so einen Unsinn hereinfallen kann.«

»Was unternehmen wir also?«

»Das wollte ich dich fragen. Ich habe keinen Schimmer. Glaubst du, wir sollten jemandem von Euphrati erzählen?«

Mersadie trank einen ordentlichen Schluck Wein und sagte: »Ich glaube, das müssen wir.«

»Irgendeine Idee, wem?«

»Vielleicht Sindermann?«

Karkasy seufzte. »Ich hatte so eine Ahnung, dass du ihn vorschlagen würdest. Ich mag ihn nicht, aber dieser Tage ist er wahrscheinlich die beste Möglichkeit. Wenn jemand Euphrati zur Vernunft bringen kann, dann ein Iterator.«

Mersadie seufzte und schenkte noch eine Runde nach. »Willst du dich betrinken?«

»Jetzt verstehen wir uns«, grinste er.

Sie erzählten sich eine Stunde lang Geschichten und Erinnerungen aus weniger schwierigen Zeiten. Die Flasche Wein leerte sich, und sie beauftragten einen Servitor, eine neue zu holen. Nachdem die zweite Flasche halb geleert war, planten sie bereits eine große Sinfonie ihrer dokumentarischen Werke, geschmückt mit seinen Versen.

Sie lachten und mieden geflissentlich das Thema Euphrati Keeler und den Verrat, den sie bald an ihr begehen würden.

Diese Gedanken wurden sofort zerstreut, als plötzlich Alarmsirenen ertönten und sich der Korridor mit rennenden Leuten füllte. Zuerst ignorierten sie den Lärm, doch als die Zahl der Leute wuchs, beschlossen sie herauszufinden, was vorging. Sie nahmen die Flasche und die Gläser und gingen ein wenig schwankend zur Schleuse, wo sich ihnen ein Tohuwabohu bot.

Soldaten und Zivilisten, Memoratoren und Schiffsbesatzung eilten zu den Hangardecks. Sie sahen tränenüberströmte Gesichter und Gestalten, die einander weinend umarmten und sich in ihrem Elend gegenseitig trösteten.

»Was ist denn los?«, rief Karkasy einem vorbeikommenden Soldaten zu und hielt ihn an der Schulter fest.

Der Mann fuhr wütend zu ihm herum. »Lass mich los, du alter Trottel.«

»Ich will nur wissen, was los ist«, sagte Karkasy erschrocken.

»Hast du es denn nicht gehört?«, weinte der Soldat plötzlich los.

»Das ganze Schiff weiß es schon.«

»Was denn?«, wollte Mersadie wissen.

»Der Kriegsmeister ...«

»Was ist mit ihm? Ist alles in Ordnung?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Imperator helfe uns, aber der Kriegsmeister ist tot!«

 

Die Flasche entfiel Karkasys Händen und zerschellte auf dem Boden.

Er war schlagartig nüchtern. Der Kriegsmeister tot? Das konnte nur ein Irrtum sein. Horus musste doch über etwas wie Sterblichkeit erhaben sein. Er schaute Mersadie an und sah, dass ihr genau dieselben Gedanken durch den Kopf gingen.

Der Soldat schüttelte seine Hand ab und lief weiter den Korridor entlang. Die beiden standen wieder allein da, entsetzt über die furchtbare Nachricht.

»Das kann nicht stimmen«, flüsterte Mersadie. »Es kann einfach nicht stimmen.«

»Ich weiß. Es muss irgendein Irrtum sein.«

»Und wenn nicht?«

»Ich weiß nicht«, sagte Karkasy, »aber wir müssen mehr herausfinden.«

Mersadie nickte und wartete, bis er sein Bondsman geholt hatte, bevor sie sich der dahineilenden Menge anschlossen, die wie eine kopflose Meute zu den Hangardecks lief. Unterwegs sprach niemand ein Wort — alle versuchten, sich die Folgen dieser ungeheuerlichen Nachricht vorzustellen. Karkasy spürte, wie sich die Muse in ihm regte, und versuchte kein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie es zu einem so schrecklichen Anlass tat.

Er sichtete den Korridor, der zu dem Aussichtsdeck neben der Hangarschleuse führte, durch die Stormbirds starteten und zurückkehrten. Mersadie widersetzte sich seinem Zug, bis er ihr seinen Plan erklärte.

»Sie lassen uns auf keinen Fall rein«, sagte er, durch die Anstrengung außer Atem. »Wir können die Ankunft der Stormbirds von hier aus beobachten, und es gibt eine Observationsbrücke mit Aussicht auf das Hangardeck selbst.«

Sie lösten sich aus dem menschlichen Strom und folgten dem Korridor mit der gewölbten Decke, der zum Observationsdeck führte. In dem länglichen Raum waren durch das großflächige Panzerglas Flecken von Sternenlicht und die funkelnden Rümpfe entfernter Kreuzer zu sehen, die der Armee und dem Mechanicum gehörten. Unter ihnen klaffte die schlundartige Öffnung des Hangardecks, deren blinkende Signallampen zornrot blinkten.

Mersadie dämpfte das Licht, und die Einzelheiten hinter dem Glas wurden deutlicher.

Die gelbbraune Schwellung von Davins Mond krümmte sich von ihnen weg, seine Oberfläche wirkte schmierig und war wolkenverhangen. Eine diesige Korona aus kränklichem Licht hüllte den Mond ein, und vom Observationsdeck sah er friedlich aus.

»Ich sehe nichts«, sagte Mersadie.

Karkasy presste sich gegen das Glas, um alle Reflexionen zu eliminieren, und versuchte etwas anderes zu erkennen als sich selbst und Mersadie.

Dann sah er ihn. Wie ein glimmendes Glühwürmchen hob sich ein entfernter Fleck aus Feuer aus der Korona des Mondes und strebte der Rächender Geist entgegen.

»Da!«, sagte er, indem er auf das sich nähernde Licht zeigte.

Karkasy beobachtete, wie es größer wurde und sich schließlich die Umrisse eines Stormbird abzeichneten, der auf das Hangardeck zuflog.

Karkasy war zwar kein Pilot, aber er konnte erkennen, dass der Anflug waghalsig schnell war und die Maschine im letzten Augenblick, kurz vor der gähnenden Schleuse, die Tragflächen anlegte.

»Los, komm! «, sagte er, indem er Mersadies Hand nahm und sie die Treppe zur Observationsbrücke emporführte. Die Treppe war steil und schmal, und Karkasy musste innehalten, um wieder zu Atem zu kommen.

Als sie schließlich auf der Brücke ankamen, war der Stormbird längst gelandet, und die Landerampe fuhr bereits aus.

Ein Heer Astartes versammelte sich um das Schiff, als die Glocke der Rückkehr läutete und vier Krieger herauskamen, deren Rüstungen verbeult und blutig waren. Die vier trugen einen in das Legionsbanner gehüllten Leichnam. Karkasy blieb der Atem in der Kehle stecken, und er spürte, wie sein Herz zu Stein wurde.

»Das Mournival«, sagte Mersadie. »O nein ...«

Den vier Kriegern folgte sehr rasch ein riesiger Rollwagen, auf dem ein teilweise gerüsteter Krieger von prächtiger Statur lag.

Trotz der Entfernung konnte Karkasy erkennen, dass es sich bei der Gestalt auf dem Wagen um Horus handelte, und obwohl ihm bei diesem Anblick unwillkürlich die Tränen kamen, war er doch erleichtert, dass der verhüllte Leichnam nicht der Kriegsmeister war. Er hörte Mersadie klick-blinzeln, obwohl er wusste, dass es keinen Sinn hatte.

Ihre Augen waren ebenfalls tränenverschleiert. Hinter dem Rollwagen kam die Memoratorin, Vivar, das Kleid zerrissen und blutig, aber Karkasy vergaß sie, als er weitere Krieger zum Rollwagen laufen sah. In weiße Plattenrüstung gehüllt, umringten sie Horus, während er eilig durch das Hangardeck geschoben wurde, und Karkasys Herz tat einen Sprung, als er in ihnen die Apothekarii der Legion erkannte.

»Er lebt noch ...«, sagte er.

»Was? Woher weißt du das?«

»Die Apothekarii kümmern sich noch um ihn«, lachte er, und die Erleichterung schmeckte wie lieblichster Wein. Sie warfen sich einander in die Arme, aus schierer Erleichterung darüber, dass Horus noch lebte.

»Er ist am Leben«, schluchzte Mersadie. »Ich wusste, dass es so sein musste. Er konnte nicht tot sein.«

»Nein«, stimmte Karkasy zu. »Das konnte er nicht.«

Sie lösten sich voneinander und sanken gegen das Geländer, während die Astartes den reglosen Körper über das Deck schoben. Als sich die riesige Schleuse öffnete, wogten die Massen der draußen versammelten Leute wie eine große Flut hinein, und ihre Rufe, die Kummer und Verlust zum Ausdruck brachten, waren sogar durch das Panzerglas der Observationsbrücke zu hören.

»Nein«, flüsterte Karkasy. »Nein, nein, nein.«

Die Astartes waren nicht in der Stimmung, sich von diesen Menschenmassen aufhalten zu lassen, und schlugen sie brutal beiseite, um sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Das Mournival führte den Rollwagen hindurch und räumte gnadenlos eine blutige Schneise durch die Leute vor ihnen frei. Karkasy sah, wie Männer und Frauen zu Boden gingen und niedergetrampelt wurden, und ihre Schreie waren schauderhaft.

Mersadie hielt seinen Arm, als sie beobachtete, wie sich die Astartes mit brutaler Gewalt einen Weg durch das Hangardeck bahnten. Sie verschwanden durch die Schleuse, und Karkasy verlor sie aus den Augen, da sie weiter zum Sanitätsdeck eilten.

»Diese armen Leute ...«, rief Mersadie, während sie auf die Knie sank und auf die Szene starrte, die wie ein Schlachtfeld aussah: verwundete Soldaten, Memoratoren und Zivilisten lagen, wo sie zu Boden gegangen waren, blutend und ramponiert, nur weil sie das Pech gehabt hatten, den Astartes im Weg gewesen zu sein.

»Es war ihnen egal«, sagte Karkasy, der die blutige Szene immer noch nicht glauben konnte. »Sie haben diese Leute getötet. Es war, als wäre es ihnen gleichgültig.«

Immer noch erschrocken über die beiläufige Leichtigkeit, mit der sich die Astartes durch die Menge gedrängt hatten, umklammerte er das Geländer, die Knöchel weiß und die Zähne vor Empörung fest zusammengebissen. »Wie können sie es wagen?«, zischte er. »Wie können sie es wagen?«

Sein Zorn brodelte immer noch dicht unter der Oberfläche. Doch er bemerkte eine berobte Gestalt in dem Gemetzel, die sich um die Verwundeten und Bewusstlosen kümmerte.

Seine Augen verengten sich, aber er erkannte die wohlgerundete Figur von Euphrati Keeler.

Sie verteilte Pamphlete der Lectitio Divinitatus, und sie war nicht allein.

 

Maloghurst beobachtete die Aufzeichnung vom Hangardeck mit grimmiger Miene und sah zu, wie sich die Sons of Horus einen Weg durch die Menge bahnten, die den reglos daliegenden Kriegsmeister umschwärmte. Die Bilder flackerten immer wieder über den im Tisch eingelassenen Bildschirm im Allerheiligsten des Kriegsmeisters, und jedes Mal, wenn er sie ansah, versuchte er sie mit der Kraft seines Willens zu ändern.

Doch die flackernden Bilder blieben standhaft dieselben.

»Wie viele Tote?«, fragte Hektor Varvarus, der neben Maloghurst stand.

»Ich habe die endgültigen Zahlen noch nicht, aber es sind mindestens einundzwanzig, und viele sind schwer verletzt oder liegen im Koma.«

Er verfluchte Loken und die anderen für ihre Plumpheit, als er die Aufzeichnung abermals sah, konnte ihnen ihren Übereifer aber nicht verübeln. Der Zustand des Kriegsmeisters war kritisch, und niemand wusste, ob er überleben würde, also war ihr verzweifeltes Bemühen, das Sanitätsdeck zu erreichen, verzeihlich, obwohl viele sagen mochten, dass dies nicht für ihre Taten galt.

»Eine schlimme Geschichte, Maloghurst«, sagte Varvarus unnötigerweise. »Die Astartes werden aus dieser Sache nicht gut hervorgehen.«

Maloghurst seufzte und sagte: »Sie dachten, der Kriegsmeister stirbt, und haben entsprechend gehandelt.«

»Entsprechend gehandelt?«, wiederholte Varvarus. »Ich glaube nicht, dass das viele Leute akzeptieren werden, mein Freund. Wenn das nach außen dringt, wird es ein verheerender Schlag für die Moral sein.«

»Es wird nicht nach außen dringen«, versicherte ihm Maloghurst. »Ich lasse alle internieren, die auf diesem Deck waren, und der gesamte Kom-Verkehr vom Schiff bis auf die Kommandofrequenzen ist gesperrt.«

Hektor Varvarus war groß, präzise, spindeldürr und eckig, und jede seiner Bewegungen war kalkuliert — Eigenschaften, die er mitnahm in seine Rolle als Lordkommandant der Armeestreitkräfte der 63. Expedition.

»Glauben Sie mir, Maloghurst, es wird nach außen dringen, auf die eine oder andere Art. Nichts bleibt ewig geheim. Solche Dinge haben die Angewohnheit, erzählt werden zu wollen, und in diesem Fall wird es nicht anders sein.«

»Was schlagen Sie also vor, Lordkommandant?«, fragte Maloghurst.

»Fragen Sie mich ernsthaft, Mal, oder sind Sie nur höflich?«

»Ich frage Sie ernsthaft«, sagte er und lächelte, als ihm aufging, dass es stimmte. Varvarus war ein gewiefter Soldat, der Herz und Verstand sterblicher Menschen verstand.

»Dann müssen Sie den Leuten sagen, was passiert ist. Seien Sie ehrlich.«

»Dann müssen Köpfe rollen«, warnte Maloghurst. »Die Leute werden Blut dafür sehen wollen.«

»Dann geben Sie es ihnen. Jemand muss öffentlich für diese Gräueltat büßen.«

»Gräueltat? Nennen wir es jetzt so?«

»Wie wollen Sie es sonst nennen? Krieger der Astartes haben gemordet.«

Die Ungeheuerlichkeit von Varvarus' Vorschlag ließ Maloghurst schwindeln, und er sank langsam auf einen der Stühle am Tisch des Kriegsmeisters. »Ich soll einen Astartes-Krieger dafür opfern? Das kann ich nicht machen.«

Varvarus beugte sich über den Tisch, und die Auszeichnungen und Orden auf der Brust seiner Galauniform spiegelten sich wie goldene Sonnen auf der schwarzen Oberfläche. »Unschuldiges Blut wurde vergossen, und ich kann zwar die Gründe für die Aktionen ihrer Männer verstehen, aber das ändert nichts.«

»Das kann ich nicht machen, Hektor«, sagte Maloghurst kopfschüttelnd.

Varvarus stellte sich neben ihn. »Sie und ich, wir haben beide dem Imperium einen Treueeid geschworen, oder nicht?«

»Das haben wir, aber was hat das damit zu tun?«

Der alte General blickte Maloghurst in die Augen und sagte: »Wir haben geschworen, die Ideale des Edelmuts und der Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten, für die das Imperium steht, nicht?«

»Ja, aber das hier ist etwas anderes. Es gab mildernde Umstände ...«

»Irrelevant«, schnauzte Varvarus. »Das Imperium muss für etwas stehen, sonst steht es für nichts. Wenn Sie sich abwenden, brechen Sie Ihren Treueeid. Sind Sie dazu bereit, Maloghurst?«

Bevor er darauf antworten konnte, klopfte es leise ans Glas des Allerheiligsten, und Maloghurst drehte sich um.

Ing Mae Sing, die Meisterin der Astropathie, stand vor ihnen wie ein skelettdürrer Geist in einer weißen Kapuzenrobe, welche die obere Hälfte ihres Gesichts in Schatten hüllte.

»Meisterin Sing«, sagte Varvarus mit einer tiefen Verbeugung vor der Telepathin.

»Lord Varvarus«, erwiderte sie mit leiser, federleichter Stimme. Sie erwiderte die Verbeugung des Lordkommandanten und neigte den Kopf trotz ihrer Blindheit genau in die richtige Richtung — ein Talent, das es niemals unterließ, Maloghurst aus der Fassung zu bringen.

»Was gibt es, Meisterin Sing?«, fragte er, obwohl er in Wahrheit froh über die Störung war.

»Ich bringe Nachrichten, die Sie beunruhigen dürften, Milord Maloghurst«, sagte sie, indem sie ihren blinden Blick auf ihn richtete.

»Die astropathischen Chöre sind erschüttert. Sie spüren ein gewaltiges Wogen in den Strömungen des Warp, das stark ist und immer stärker wird.«

»Was bedeutet es?«, fragte er.

»Dass der Schleier zwischen den Welten ausdünnt«, sagte Ing Mae Sing.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zehn

Apothekarium

Gebete

Geständnis

 

 

OHNE SEINE RÜSTUNG und mit einem blutigen Chirurgenkittel angetan, war Vaddon der Verzweiflung so nah wie noch nie in seinem langen Leben als Apothekarius der Sons of Horus. Der Kriegsmeister lag vor ihm, nackt und bloß und den Messern und Sonden der medizinischen Maschinen ausgeliefert. Er bekam Sauerstoff durch eine Maske und hing an Infusionen, die Salzlösungen in seine Adern pumpten, um seinen Blutdruck zu normalisieren. Medizinische Servitoren brachten frisches Blut für sofortige Transfusionen, und der Operationssaal sprühte vor Anspannung und hektischer Betriebsamkeit.

»Wir verlieren ihn!«, rief Apothekarius Logaan, der die Herz-Monitore beobachtete. »Blutdruck sinkt rapide, Puls steigt. Er nähert sich dem Herzstillstand!«

»Verdammt«, fluchte Vaddon. »Ich brauche mehr Larraman-Serum, sein Blut gerinnt nicht, und legt ihm noch einen Tropf an.«

Ein surrendes chirurgisches Narthecium schwang von der Decke herunter, und eine Vielzahl Glieder klirrten, da sie Vaddons gebrüllten Befehlen gehorchten. Frische Larraman-Zellen wurden direkt in Horus' Schulter gepumpt, und die Blutung verlangsamte sich, obwohl Vaddon erkennen konnte, dass sie immer noch nicht abbrach. Die Nadeln in den Armen füllten sie mit extrem sauerstoffhaltigem Blut, aber ihr Vorrat ging schneller zur Neige, als er es für möglich gehalten hätte.

»Stabilisiert sich«, hauchte Logaan. »Puls verlangsamt sich, Blutdruck steigt wieder.«

»Gut«, sagte Vaddon. »Dann haben wir jetzt eine Atempause. «

»Er hält das nicht mehr lange durch«, sagte Logaan. »Uns gehen die Möglichkeiten aus.«

»In meinem OP will ich so etwas nicht hören, Logaan«, schnauzte Vaddon. »Wir werden ihn nicht verlieren.«

Die Brust des Kriegsmeisters hob und senkte sich rasch, da er sich ans Leben klammerte, und sein Atem kam in kurzen, hyperventilierenden Stößen. Das Blutrinnsal aus der Schulter nahm wieder zu.

Von den beiden Wunden, die Horus erlitten hatte, war sie die weit weniger ernste, aber Vaddon wusste, dass sie ihn umbringen konnte.

Die Wunde in der Brust war praktisch bereits verheilt.

Ultraschallaufnahmen zeigten, dass sich die Lunge vom pulmonalen System abgekapselt hatte, während sie sich heilte. Einstweilen wurde er von seinen sekundären Lungenflügeln versorgt.

Das Mournival benahm sich wie werdende Väter, während die Apothekarii härter arbeiteten als je zuvor. Vaddon hätte nie damit gerechnet, einmal Horus als Patienten zu haben. Die Biologie des Primarchen war so weit oberhalb eines normalen Astartes-Kriegers angesiedelt wie seine eigene oberhalb eines Sterblichen, und Vaddon wusste, dass sie seine Fähigkeiten und Kenntnisse überstieg. Nur der Imperator verfügte über das Wissen, sich mit Zuversicht am Körper eines Primarchen zu schaffen zu machen, und die Ungeheuerlichkeit der Vorgänge war ihm nicht entgangen.

Auf dem Narthecium blinkte ein grünes Licht, und er nahm die Datentafel aus der Buchse in der silbernen Stahl-Oberfläche. Zahlen und Text flimmerten über die glänzende Oberfläche, und obwohl vieles davon keinen Sinn für ihn ergab, spürte er doch, wie sein Mut sank, denn ein wenig davon begriff er.

Da Horus für den Moment stabil war, ging er um den Operationstisch zum Mournival, wünschte sich, er hätte bessere Neuigkeiten für sie.

»Was stimmt nicht mit ihm?«, wollte Abaddon wissen. »Warum liegt er noch da?«

»Ehrlich, Erster Hauptmann, ich weiß es nicht.«

»Was soll das heißen, >Ich weiß es nicht<?«, brüllte Abaddon, während er Vaddon packte und gegen die Wand des Operationssaals schmetterte.

Silberne Tabletts mit Skalpellen, Sägen und Zangen klirrten auf den gefliesten Boden. »Warum wissen Sie es nicht?«

Loken und Aximand versuchten dazwischenzugehen, während Vaddon spürte, wie Abaddon ihm mit seinen enormen Kräften langsam den Nacken zerquetschte.

»Lass ihn los, Ezekyle!«, rief Loken. »Das hilft ihm nicht!«

»Sie werden ihn nicht sterben lassen!«, fauchte Abaddon, und Vaddon sah zu seinem Erstaunen eine entsetzliche Furcht in seinen Augen. »Er ist der Kriegsmeister!«

»Glauben Sie, das wüsste ich nicht?«, ächzte Vaddon, nachdem die anderen Abaddons Hand um seinen Nacken gelöst hatten. Er glitt die Wand hinunter, wobei er die Schwellung an seinem misshandelten Hals bereits spürte.

»Der Imperator verdamme Sie, wenn Sie ihn sterben lassen«, zischte Abaddon, während er wie ein Raubtier durch den OP tigerte. »Wenn er stirbt, töte ich Sie.«

Aximand führte ihn von Vaddon weg und sprach beruhigend auf ihn ein, während Loken und Torgaddon ihm aufhalfen.

»Der Mann ist ein Irrer«, zischte Vaddon. »Schaffen Sie ihn aus meinem Operationssaal. Sofort!«

»Er ist nicht er selbst, Apothekarius«, erklärte Loken. »Keiner von uns ist das im Moment.«

»Halten Sie ihn einfach von hier fern, Hauptmann«, warnte Vaddon.

»Er hat sich nicht im Griff, und das macht ihn gefährlich.«

»Das werden wir«, versprach ihm Torgaddon. »Was können Sie uns sagen? Wird er überleben?«

Vaddon sammelte sich einen Moment und hob seine auf den Boden gefallene Datentafel auf. »Wie ich schon sagte: Ich weiß es nicht. Wir sind wie Kinder, die versuchen, eine Logikmaschine zu reparieren, die aus dem Orbit gefallen ist. Wir verstehen nicht einmal im Ansatz, wozu sein Körper fähig ist und wie er funktioniert. Ich kann nicht einmal vermuten, was für eine Art Schaden er erlitten hat.«

»Was passiert denn mit ihm?«, fragte Loken.

»Es ist die Schulterwunde. Die Blutung hört nicht auf, und wir können sie nicht stoppen. Wir haben zersetzte genetische Rückstände in der Wunde gefunden, die eine Art Gift sein könnten, aber sicher sind wir nicht.«

»Könnte es eine Infektion durch Bakterien oder Viren sein?«, fragte Torgaddon. »Das Wasser auf Davins Mond war stark verunreinigt. Ich muss es wissen, ich habe einen ordentlichen Schluck davon getrunken.«

»Nein«, sagte Vaddon. »Der Kriegsmeister ist theoretisch wie praktisch immun gegen solche Dinge.«

»Woran liegt es dann?«

»Das ist nur eine Vermutung, aber es sieht so aus, als verursachte dieses spezielle Gift eine Form von anämischer Hypoxie. Einmal im Blutkreislauf, wird es exponentiell von den roten Blutkörperchen aufgenommen, und zwar vor Sauerstoff. Durch den beschleunigten Stoffwechsel des Kriegsmeisters breitet sich das Gift auf seinen gesamten Kreislauf aus und schädigt die Zellen, sodass sie den reduzierten Sauerstoffgehalt nicht richtig nutzen können.«

»Was ist die Ursache?«, fragte Loken. »Ich dachte, er wäre immun gegen solche Dinge.«

»Und das ist er auch, aber so etwas wie dies habe ich noch nie gesehen ... es ist, als sei es speziell ersonnen worden, um ihn zu töten. Es hat genau die richtige genetische Tarnung, um seine verstärkten Abwehrmechanismen zu täuschen und maximalen Schaden anzurichten. Es ist ein Primarchentöter — schlicht und einfach.«

»Wie halten wir es auf?«

»Das hier ist kein Feind, dem Sie mit Schwert oder Boltgewehr beikommen können, Hauptmann Loken. Es ist ein Gift«, sagte er. »Wenn ich wüsste, wodurch er vergiftet worden ist, könnten wir vielleicht etwas tun.«

»Wenn wir also die Waffe fänden, die ihm diese Wunde beigebracht hat, wäre das eine Hilfe?«, fragte Loken.

Vaddon sah das verzweifelte Sehnen nach Hoffnung in den Augen des Hauptmanns und nickte. »Vielleicht. Die Wunde sieht aus wie ein Stich von einem Schwert. Wenn Sie die Klinge finden, können wir vielleicht etwas für ihn tun.«

»Ich finde sie«, schwor Loken. Er wendete sich von Vaddon ab und ging zum Ausgang.

»Gehst du wieder zurück?«, fragte Torgaddon, der ihm hinterherlief.

»Ja, und versuch nicht, mich aufzuhalten«, warnte Loken.

»Dich aufhalten?«, sagte Torgaddon. »Werde nicht hysterisch, Garvi. Ich begleite dich.«

 

Einen Titan nach einem Gefecht einzuholen, war ein langer, mühsamer Vorgang, voller technischer, logistischer und manueller Schwierigkeiten.

Ganze Schiffsflotten kamen aus dem Orbit und brachten riesige Stapler, Grabemaschinen und Kräne. Die Landefahrzeuge mussten aus ihren Einschlagkratern gegraben werden, und eine Armee Servitoren des Mechanicums war für die Durchführung erforderlich.

Titus Cassar war erschöpft. Er hatte einen Großteil des Tages damit verbracht, den Titan für die Bergung vorzubereiten, und alles war für die Rückkehr zur Flotte bereit. Bis sie geborgen waren, blieb nichts zu tun, außer zu warten, und das war das Schlimmste für alle Männer, die auf Davins Mond zurückgelassen worden waren.

Mit der Wartezeit gab es auch Zeit zum Nachdenken. Und mit Zeit zum Nachdenken konnte der menschliche Geist alle möglichen Dinge aus den Tiefen seiner Einbildung heraufbeschwören. Titus konnte immer noch nicht glauben, dass Horus gefallen war. Ein Wesen von solcher Macht war nicht dazu bestimmt, in der Schlacht zu fallen — es war unüberwindlich, der Sohn eines Gottes.

Im Schatten des Dies Irae fischte Titus seine Fibel der Lectitio Divinitatus heraus, und nachdem er sich vergewissert hatte, dass er allein war, las er darin. Die schlecht gedruckte Schrift spendete ihm Trost und richtete seine Gedanken auf die Herrlichkeit des göttlichen Imperators der Menschheit.

»Ach, Imperator, unser Herr und Gott über uns allen, erhöre mich in dieser Stunde der Not. Dein Diener liegt danieder mit der kalten Hand des Todes auf sich, und ich bitte dich, deinen wohlmeinenden Blick auf ihn zu richten.« Beim Lesen fischte er einen Anhänger unter seiner Uniformjacke hervor. Es war ein zierlich geschmiedetes Medaillon aus Silber und Gold, das er von einem verständnislosen Servitor hatte anfertigen lassen. In der Mitte prangte ein silbernes großes »I« mit einem goldenen Stern, ein Symbol für Hoffnung und das Versprechen auf eine bessere Zukunft.

Er drückte es an die Brust, während er weitere Worte der Lectitio Divinitatus rezitierte, und spürte, wie ihn vertraute Wärme erfüllte.

Titus spürte es einen Moment zu spät. Als er sich umdrehte, sah er Jonah Aruken und einen Teil der Besatzung des Titans hinter sich.

Wie er selbst waren sie nach dem Kampf gegen die Ungeheuer verdreckt und müde, aber anders als er hatten sie keinen Glauben.

Schuldbewusst klappte er seine Fibel zu und wartete auf Jonahs unvermeidliche Stichelei. Niemand sagte etwas, und als er genauer hinsah, entdeckte er die spröde Nervosität des Kummers und das Bedürfnis nach Trost in den Gesichtern der Männer.

»Titus«, sagte Jonah Aruken. »Wir ... äh ... das heißt ... der Kriegsmeister. Wir fragen uns, ob ...«

Titus lächelte einladend, als er begriff, weswegen sie gekommen waren. Er schlug seine Fibel wieder auf.

»Lasst uns beten, Brüder.«

 

Das Sanitätsdeck war eine sterile, funkelnde Wildnis aus gefliesten Wänden und Vitrinen aus gebürstetem Stahl, ein Irrgarten aus seelenlosen Glasräumen und Laboratorien. Petronella hatte in ihrer Verblüffung über den eiligen Ruf, der sie von der Mondoberfläche in die chender Geist zurückgeführt hatte, vollkommen die Orientierung verloren.

Auf dem Weg durch das blutige Hangardeck sah sie, dass die oberen Schiffsdecks in Aufruhr waren, nachdem sich die Nachricht vom Tod des Kriegsmeisters mit der furchterregenden Schnelligkeit einer Epidemie von Schiff zu Schiff ausgebreitet hatte.

Maloghurst der Verdrehte hatte eine flottenweite Verlautbarung herausgegeben, in der dementiert wurde, dass der Kriegsmeister tot war, aber Hysterie und Paranoia hatten einen beachtlichen Vorsprung vor seinen Worten. Auf mehreren Schiffen war es zu Unruhen gekommen, als Unheilsverkünder und Demagogen aufgestanden waren und verkündet hatten, das Ende der Zeit sei angebrochen.

Einheiten der Armee waren rücksichtslos gegen alle derartigen Aufwiegler vorgegangen, aber die Unruhen brachen schneller aus, als sie sie unterdrücken konnten.

Der Fall des Kriegsmeisters lag erst Stunden zurück, aber die 63. Expedition begann bereits, sich zu zerfleischen.

Maggard folgte Petronella, nachdem seine Wunden auf dem Rückflug zum Flaggschiff des Kriegsmeisters von einem Apothekarius der Legion verbunden und mit Kunsthaut versiegelt worden waren. Seine Haut hatte immer noch eine ungesunde Blässe, die Rüstung war verbeult und eingerissen, aber er war am Leben und großartig. Maggard war nur ein Dienstverpflichteter, aber er hatte sie beeindruckt, und sie beschloss, ihn mit dem Respekt zu behandeln, der seinen Talenten gebührte.

Ein behelmter Krieger der Astartes führte sie durch das verwirrende Labyrinth des Sanitätsdecks und bedeutete ihr schließlich, durch eine unauffällige weiße Tür zu treten, der mit einem geflügelten und zwei gewundenen Schlangen umwundenen Stab gekennzeichnet war.

Maggard öffnete die Tür für sie, und sie betrat einen funkelnden Operationssaal, dessen runde Wände bis in Hüfthöhe mit grünen emaillierten Kacheln gefliest waren. Silberne Vitrinen und zischende, pumpende Maschinen umringten den Kriegsmeister, der in einem Gewirr aus Schläuchen und Drähten auf dem Operationstisch lag. Neben dem Tisch stand ein glänzender Metallhocker.

Sanitätsservitoren warteten in Wandnischen, und eine über dem Kriegsmeister hängende gurgelnde Maschine fütterte seinen Körper mit Blut und Flüssigkeit.

Ihre Augen trübten sich, als sie ihn in diesem Zustand sah, und ihr kamen die Tränen angesichts dieser Verletzung der natürlichen Ordnung. Ein riesiger Astartes in Chirurgenkittel und Maske näherte sich ihr und sagte: »Ich bin Apothekarius Vaddon, Fräulein Vivar.«

Sie fuhr sich mit den Händen über die Augen, und ihr wurde klar, wie sie aussehen musste — ihre Kleider zerrissen und dreckverklebt, die Augen schwarz von verschmierter Schminke. Sie wollte schon die Hand zu einem Kuss ausstrecken, aber dann ging ihr auf, wie albern das wäre, und sie nickte nur. »Ich bin Petronella Vivar«, brachte sie heraus. »Ich bin die Dokumentatorin des Kriegsmeisters.«

»Ich weiß«, sagte Vaddon. »Er hat namentlich nach Ihnen verlangt.«

Jähe Hoffnung regte sich in ihrer Brust. »Er ist wach?«

Vaddon nickte. »Ja. Ginge es nach mir, wären Sie jetzt nicht hier, aber ich gehorche den Anweisungen des Kommandanten, und er wünscht mit Ihnen zu reden.«

»Wie geht es ihm?«

Der Apothekarius schüttelte den Kopf. »Perioden der Klarheit kommen und gehen, also erwarten Sie nicht zu viel von ihm. Wenn ich entscheide, dass es Zeit für Sie wird, gehen Sie. Haben Sie verstanden?«

»Ja«, sagte sie, »aber, bitte, kann ich jetzt mit ihm reden?«

Vaddon schien es zu widerstreben, sie in die Nähe des Kriegsmeisters zu lassen, trat aber beiseite und machte Platz. Sie nickte dankend und machte einen zögernden Schritt zum Operationstisch, erpicht darauf, Horus zu sehen, und voller Angst vor dem, was sie vorfinden würde.

Petronellas Hand fuhr zum Mund, um einen unwillkürlichen Seufzer zu unterdrücken. Seine Wangen waren eingefallen und hohl, die Augen matt und glanzlos. Graue Haut hing von seinem Schädel, runzlig und alt, und seine Lippen waren blau wie die einer Leiche.

»Sehe ich so schlimm aus?«, fragte Horus mit rasselnder und weit entfernter Stimme.

»Nein«, stammelte sie. »Ganz und gar nicht, ich ...«

»Belügen Sie mich nicht, Fräulein Vivar. Wenn Sie meine Abschiedsworte hören wollen, darf es keine Falschheit zwischen uns geben.«

»Abschiedsworte? Nein! Auf keinen Fall. Sie müssen leben.«

»Glauben Sie mir, ich würde nichts lieber tun«, rasselte er, »aber Vaddon hat mir gesagt, dass die Aussichten nicht besonders gut sind, und ich habe nicht die Absicht, ohne Vermächtnis aus dem Leben zu treten. Eine Aufzeichnung, in der die Dinge gesagt werden, die vor dem Ende gesagt werden müssen.«

»Milord, ihre Taten allein sind ein ewiges Vermächtnis, bitte verlangen Sie das nicht von mir.«

Horus hustete blutigen Schaum auf seine Brust und nahm alle Kraft zusammen, und plötzlich war seine Stimme wieder so stark und kraftvoll, wie sie sie in Erinnerung hatte. »Sie haben gesagt, es sei Ihre Berufung, mich unsterblich zu machen, Horus' Herrlichkeit für zukünftige Generationen aufzuzeichnen, ist es nicht so?«

»Ja, so ist es«, schluchzte sie.

»Dann tun Sie mir diesen letzten Gefallen, Fräulein Vivar«, sagte er.

Sie schluckte, dann holte sie Datentafel und Mnemo-Federhalter aus ihrem Netz, bevor sie sich auf den hohen Hocker neben dem Operationstisch setzte. »Also gut«, sagte sie schließlich. »Beginnen wir mit dem Anfang.«

»Es war zu viel«, begann Horus. »Ich habe meinem Vater versprochen, ich würde keine Fehler machen, und jetzt ist es zu dem hier gekommen.«

»Fehler?«, fragte Petronella, obwohl sie den Verdacht hatte, dass sie wusste, was er meinte.

»Temba, ihn zum Statthalter von Davin zu machen«, sagte Horus. »Er hat mich angefleht, ihn nicht zurückzulassen, behauptet, es sei zu viel für ihn. Ich hätte auf ihn hören sollen, aber ich war zu versessen darauf, zu einer neuen Eroberung aufzubrechen.«

»Tembas Schwäche ist nicht Ihre Schuld, Milord«, sagte sie.

»Es ist nett von Ihnen, das zu sagen, Fräulein Vivar, aber ich habe ihn ernannt«, sagte Horus. »Die Verantwortung liegt bei mir. Thron! Guillaume wird lachen, wenn er davon hört, er und auch Lion. Sie werden sagen, dass ich nicht zum Kriegsmeister tauge, weil ich die Herzen der Männer nicht lesen konnte.«

»Niemals!«, rief Petronella. »Das würden sie nicht wagen.«

»Oh, sie werden, Mädchen, glauben Sie mir. Wir sind Brüder, gewiss, aber wie alle Brüder zanken wir und versuchen einander zu übertreffen.«

Petronella fiel darauf keine Erwiderung ein. Die Vorstellung, wie die übermenschlichen Primarchen miteinander stritten, überstieg ihre Fantasie.

»Sie waren eifersüchtig, sie alle«, fuhr Horus fort. »Als der Imperator mich zum Kriegsmeister ernannt hat, mussten sich manche überwinden, mir zu gratulieren. Vor allem Angron, er ist ohnehin ziemlich wild, und ich kann ihn kaum in Schach halten. Guillaume war nicht viel besser. Es war kaum zu übersehen, dass er dachte, er hätte es werden sollen.«

»Sie waren eifersüchtig auf Sie?«, fragte Petronella, die nicht glauben konnte, was sie da hörte, während der Mnemo-Federhalter als Reaktion auf ihre Gedanken über die Tafel kratzte.

»O ja«, nickte Horus verbittert. »Nur ein paar von meinen Brüdern waren so gütig, den Kopf zu neigen und es auch ehrlich zu meinen. Lorgar, Mortarion, Sanguinius, Fulgrim und Dorn — das sind wahre Brüder. Ich weiß noch, wie ich dem Stormbird des Imperators hinterhergeschaut habe, als er Ullanor verließ, wie ich über seinen Abschied geweint habe. Aber am deutlichsten erinnere ich mich an die Dolche, die ich in meinem Rücken spürte. Ich konnte ihre Gedanken so laut und deutlich hören, als hätten sie sie ausgesprochen: Warum sollte ich, Horus, zum Kriegsmeister ernannt werden, wenn es andere gab, die dieser Ehre würdiger waren?«

»Sie wurden zum Kriegsmeister gemacht, weil Sie der Würdigste waren, Milord«, sagte Petronella.

»Nein«, sagte Horus. »Das war ich nicht. Ich war nur derjenige, der zu diesem Zeitpunkt am besten verkörperte, was der Imperator brauchte. Wissen Sie, in den ersten drei Jahrzehnten des Großen Kreuzzugs habe ich neben dem Imperator gekämpft, und da habe ich allein das volle Gewicht seiner Ambitionen gespürt, die Galaxis zu beherrschen. Er hat diese Vision auf mich übertragen, und ich habe sie im Herzen getragen, während wir unseren Weg zwischen den Sternen beschritten. Wir erlebten ein großes Abenteuer, ein System nach dem anderen, das mit dem Herrn der Menschheit wiedervereint wurde. Sie können sich nicht vorstellen, wie das Leben in diesen Zeiten war, Fräulein Vivar.«

»Es klingt herrlich.«

»Das war es«, sagte Horus. »Das war es, aber es konnte nicht von Dauer sein. Bald wurden wir zu anderen Welten gezogen, wo wir meine Brüder, die anderen Primarchen fanden. Wir waren nicht lange nach unserer Geburt in der gesamten Galaxis verstreut worden, und der Imperator hat uns einen nach dem anderen wiedergefunden.«

»Es muss eigenartig gewesen sein, sich mit Brüdern wiederzuvereinen, die man vorher nicht gekannt hat.«

»Nicht so eigenartig, wie Sie vielleicht glauben. Wenn ich einem begegnete, verspürte ich eine sofortige Verwandtschaft zu ihm, ein Band, das nicht einmal Zeit oder Entfernung hatte zerreißen können. Ich will nicht bestreiten, dass manche schwerer zu mögen waren als andere. Sollten Sie jemals Night Haunter begegnen, werden Sie verstehen, was ich meine. Ein launischer Bastard, aber praktisch in einer Zwangslage, wenn es nötig ist, dass sich irgendein nichtmenschliches Reich vor Ihrem Angriff in die Hose scheißt. Angron ist wohlgemerkt nicht viel besser. So ein Temperament haben Sie noch nicht erlebt. Wenn Sie zu wissen glauben, was Wut ist, sage ich Ihnen jetzt, dass Sie keine Ahnung haben, bis Sie erlebt haben, wie Angron die Beherrschung verliert. Und von Lion will ich gar nicht erst anfangen.«

»Von den Dark Angels? Das ist die Erste Legion, oder nicht?«

»Das ist sie«, bestätigte Horus, »und wie es ihm gefällt, jeden daran zu erinnern. Ich konnte in seinen Augen sehen, dass er der Ansicht ist, er müsste Kriegsmeister sein, weil seine Legion die erste war. Wussten Sie, dass er wie ein Tier in der Wildnis aufgewachsen ist, kaum anders als ein primitiver Wilder? Ich frage Sie, ist das die Sorte Mann, die Sie als Kriegsmeister wollen? Nein, ist sie nicht«, beantwortete er die Frage selbst.

»Wen hätten Sie denn zum Kriegsmeister gemacht, wenn nicht sich selbst?«, fragte Petronella.

Ihre Frage schien Horus vorübergehend aus der Fassung zu bringen, aber er antwortete: »Sanguinius. Er hätte es sein müssen. Er hat genug Weitblick und Stärke, uns zum Sieg zu führen, und die Weisheit zu herrschen, sobald der Sieg errungen ist. Trotz seiner kühlen Unnahbarkeit hat er allein die Seele des Imperators in seinem Blut. Jeder von uns trägt einen Teil unseres Vaters in uns, ob es sein Schlachtenhunger ist, sein psionisches Talent oder seine Entschlossenheit. Sanguinius hat alles. Er hätte es sein müssen ...«

»Und welchen Teil des Imperators tragen Sie in sich, Milord?«

»Ich? Ich trage seinen Ehrgeiz zu herrschen in mir. Solange die Eroberung der Galaxis vor uns lag, war das genug, doch nun nähern wir uns dem Ende. Es gibt ein kretisches Sprichwort, das besagt, der Frieden ist immer >hinter der nächsten Ecke<, aber das stimmt nicht mehr: Er liegt in Reichweite. Die Arbeit ist beinahe getan, und was bleibt einem ambitionierten Mann, wenn die Arbeit getan ist?«

»Sie sind die rechte Hand des Imperators, Milord«, protestierte Petronella. »Sein Lieblingssohn.«

»Nicht mehr«, sagte Horus traurig. »Kleingeistige Funktionäre und Administratoren haben mich verdrängt. Den Kriegsrat gibt es nicht mehr, und ich empfange meine Befehle jetzt vom Senat zu Terra. Früher war alles im Imperium auf Krieg und Eroberung ausgelegt, doch nun müssen wir Eaxectoren, Schreiber und Buchhalter ertragen, die für alles den Preis von uns wissen wollen. Das Imperium verändert sich, und ich bin nicht sicher, ob ich weiß, wie ich mich mit ihm verändern muss.«

»In welcher Hinsicht verändert sich das Imperium?«

»Bürokratie und Beamtentum nehmen überhand, Fräulein Vivar.

Amtsschimmel, Verwalter und Angestellte ersetzen die Helden des Zeitalters, und wenn wir das nicht ändern, wird unsere Größe als Imperium bald nur noch eine Fußnote in den Geschichtsbüchern sein. Alles, was ich erreicht habe, wird nur noch eine ferne Erinnerung an ehemalige Herrlichkeit sein, verloren im Nebel der Zeit wie die Zivilisationen Altterras, derer man wegen ihrer noblen Vergangenheit gedenkt.«

»Aber der Kreuzzug war doch gewiss nur der erste Schritt hin zur Errichtung eines neuen Imperiums der Menschheit, das über die Galaxis herrscht. In so einer Galaxis brauchen wir Administratoren, Gesetze und Schreiber.«

»Und was ist mit den Kriegern, die es erobert haben?«, knurrte er. »Was wird aus uns? Sollen wir Aufseher und Friedensbewahrer sein? Wir wurden für den Krieg gezüchtet, für das Töten. Dafür wurden wir erschaffen, aber aus uns ist so viel mehr geworden. Ich bin mehr als das.«

»Fortschritt ist schwierig, Milord, und man muss sich immer anpassen, wenn die Zeiten sich ändern«, sagte Petronella voller Unbehagen ob seines Stimmungsumschwungs.

»Es ist nicht sonderbar, Veränderung mit Fortschritt zu verwechseln, Fräulein Vivar«, sagte Horus.

»Mir wurden wundersame Fähigkeiten angezüchtet, aber ich habe mich nicht zu dem Mann geträumt, der ich heute bin. Ich habe mich auf dem Amboss der Schlacht und der Eroberungen gehämmert. Alles, was ich in den letzten beiden Jahrhunderten erreicht habe, wird an schwache Männer und Frauen weggegeben, die nicht hier waren, um an den düstersten Orten der Galaxis ihr Blut mit uns zu vergießen. Wo liegt die Gerechtigkeit darin? Geringere Menschen werden über das herrschen, was ich erobert habe, aber worin wird meine Belohnung bestehen, wenn die Kämpfe vorbei sind?«

Petronella schaute zu Apothekarius Vaddon, doch der sah nur ungerührt zu, wie sie Horus' Worte aufzeichnete. Sie fragte sich kurz, ob ihn die Verärgerung des Kriegsmeisters ebenso bestürzte wie sie.

So schockiert sie auch war, ihr ehrgeiziges Wesen erkannte, dass sie alles für das sensationellste Memoratorium überhaupt hatte, eines, das mit dem Mythos des Kreuzzugs als eines einigen Bandes von Brüdern, die ihre Bestimmung zwischen den Sternen erfüllten, für immer aufräumen würde. Horus' Worte zeichneten ein Bild des Misstrauens und der Uneinigkeit, wie es sich niemand je hätte träumen lassen.

Als Horus ihre Miene sah, streckte er eine zitternde Hand aus und berührte ihren Arm.

»Es tut mir leid, Fräulein Vivar. Meine Gedanken sind nicht so klar, wie sie es sein sollten.«

»Nein«, sagte sie.

»Ich glaube, sie sind jetzt klarer denn je.«

»Mir ist bewusst, dass ich Sie schockiere. Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Illusionen geraubt habe.«

»Ich muss zugeben, dass ich ... überrascht bin über vieles von dem, was Sie sagen, Milord.«

»Aber es gefällt Ihnen, nicht? Deswegen sind Sie doch gekommen. «

Sie versuchte es abzustreiten, aber der Anblick des sterbenden Primarchen ließ sie stutzen, und sie nickte. »Ja«, sagte sie.

»Deswegen bin ich gekommen. Werden Sie mir alles erzählen?«

Er blickte auf und begegnete ihrem Blick.

»Ja«, sagte er. »Das werde ich.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elf

Antworten

Ein Pakt mit dem Teufel

Anathame

 

 

DIE GEPANZERTEN FLANKEN des Thunderhawk waren nicht so schnittig wie die eines Stormbird, aber es war funktionell und würde sie schneller zu Davins Mond zurückbringen als das größere Schiff.

Techservitoren und Wartungspersonal des Mechanicums machten es startbereit, und Loken trieb sie in Gedanken an. Jede verstreichende Sekunde brachte den Horus dem Tod näher, und das konnte er nicht zulassen.

Mehrere Stunden waren vergangen, seit sie den Kriegsmeister an Bord gebracht hatten, aber Loken hatte weder seine Rüstung noch seine Waffen gereinigt und zog es vor, so zurückzukehren, wie er gekommen war.

Lediglich seinen Munitionsvorrat hatte er aufgefrischt. Das Deck war immer noch glitschig vom Blut derjenigen, die sie aus dem Weg geräumt hatten, und erst jetzt, mit genügend Zeit, um über ihre Handlungsweise nachzudenken, schämte sich Loken.

Er konnte sich an keines der Gesichter erinnern, aber er erinnerte sich genau an das Knacken der Schädel und die Schmerzensschreie. All die noblen Ideale der Astartes ... Was bedeuteten sie, wenn sie so leicht abgeschüttelt werden konnten? Kyril Sindermann hatte recht: Anstand und zivilisiertes Benehmen waren nur ein dünner Firnis über dem animalischen Kern, der im Herzen aller Menschen lauerte ... sogar in denen der Astartes.

Wenn die Regeln zivilisierten Verhaltens so leicht vergessen werden konnten, was mochte unter schwierigen Umständen sonst noch ungestraft verraten werden?

Als sich Loken umsah, konnte er einen kaum wahrnehmbaren Unterschied spüren. Zwar schlugen immer noch Hämmer, krachten Schleusen zu und rollten Wagen mit Munition über das Deck, aber es herrschte eine gedrückte Atmosphäre, als liege die Erinnerung an die Geschehnisse noch in der Luft.

Die Deckschleusen waren fest geschlossen, aber Loken konnte noch immer die gedämpften Sprechchöre und Lieder der draußen versammelten Menge hören.

Hunderte hielten in den breiten Gängen rings um das Hangardeck eine Mahnwache bei Kerzenlicht ab und füllten die Observationsbuchten.

Fünfzig oder sechzig beobachteten ihn durch das Fenster der Brücke oben. Sie hatten Opfergaben bei sich und Votivpapiere, die mit Bitten um das Überleben des Kriegsmeisters, wahllosem Gekritzel und Gefühlsausbrüchen vollgeschrieben waren.

Der Adressat dieser Fürbitten war ein Rätsel, aber sie schienen den Leuten Halt zu geben, und Loken konnte sich vorstellen, wie wertvoll ein solcher Halt in diesen dunklen Stunden sein musste.

Die Männer von Trupp Locasta waren bereits an Bord, obwohl ihr Marsch zum Hangardeck beinahe eine heillose Flucht verängstigter Leute ausgelöst hatte — die Erinnerung an den letzten Auftritt der Astartes war noch frisch und blutig.

Torgaddon und Vipus nahmen den letzten Rapport ihrer Männer ab, und ihm blieb nur noch, das Startzeichen zu geben.

Er hörte Schritte hinter sich, und als er sich umdrehte, sah er die gerüstete Gestalt Tybalt Marrs, des Hauptmanns der 18. Kompanie. Manchmal auch wegen seiner unheimlichen Ähnlichkeit mit Verulam Moy — der den Beinamen »Oder« gehabt hatte — als der »Entweder« bekannt, war er ein so getreues Ebenbild des Kriegsmeisters, dass Loken der Atem stockte. Er verbeugte sich leicht vor dem anderen Hauptmann.

»Hauptmann Loken«, sagte Marr, indem er die Verbeugung erwiderte.

»Ich bitte um eine kurze Unterredung.«

»Natürlich, Tybalt«, sagte er.