Die Wachen wollten Fabius abführen, doch er wehrte sich energisch und wollte sich umdrehen. »Was hast du vor,
Uiridus?« rief er. »Wie werden wir angreifen? Wie viele Männer...?«
So ging es noch eine Weile weiter, doch weder Wyrd noch der Legat beantworteten seine Fragen, und bald verlor sich seine Stimme in der Ferne.
7
Als ich wieder in der Kaserne angekommen war, fütterte ich meinen Juikabloth mit Speiseresten und kleinen
Stückchen Schinken, die von unserer Mahlzeit übrig
geblieben waren, und die Charismaten scharten sich um uns und zwitscherten selbst wie die Vögel.
Ich war gerade damit beschäftigt, unsere Bündel zu
entrollen, als Wyrd eintrat. Er trug etliche Gegenstände unter dem Arm und ließ eine Tasche aus Waschleder auf seine
Bettstatt fallen. Sie gab einen klirrenden Laut von sich.
»So schnell habe ich meine Felle noch nie verkauft. Noch dazu habe ich jeden Preis bekommen, den ich verlangte.
Und Calidius kaufte alles, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Außerdem bezahlte er einen guten Preis für die Steinbockhörner. Ich würde mich über diesen Überfluß ja wirklich freuen, wenn ich mir nur sicher wäre, daß wir überleben und unser Vergnügen daran haben werden.«
Er ließ die anderen Dinge fallen, die er trug.
»Der Legat hat uns auch Gaben überreicht, die wir
behalten können, falls wir überleben. Ein Gladiatorenschwert für dich und eine Streitaxt für mich. Beides in schönen, schaffellgefütterten Scheiden, damit die Öle des Vlieses ein Rosten der Klinge verhindern. Und, weil wir vielleicht lange auf der Lauer werden liegen müssen, ist für jeden von uns noch eine Feldflasche aus Zinn mit dabei, lederbezogen und innen verharzt, damit das Wasser kalt bleibt und auch nach langer Zeit kühl ist.«
»Ich habe noch nie so feine Dinge besessen«, sagte ich.
»Außerdem erhältst du vom Legaten ein eigenes Pferd.«
»Ein eigenes Pferd? Für immer?«
»Ja. Der Hunne kommt zu Pferd, und zu Pferd werden wir ihn auch verfolgen. Das könnten wir zwar besser zu Fuß, doch es kann sein, daß wir uns auf dem Weg zurück beeilen müssen wenn wir zurückkommen. Hast du jemals auf einem Pferd gesessen, Junge?«
»Nur auf unserem alten Gaul in der Abtei.«
»Das reicht. Für diesen Ritt brauchst du kein vollendeter Reiter zu sein. Im Schritt aus dem Lager und dann in
schnellem Galopp zurück in die Stadt. Der Charismate
Becga wird zuerst mit dir reiten und dann später hoffentlich der kleine Calidius.«
»Wie sieht Euer Plan genau aus, Fräuja?«
Wyrd kratzte sich den Bart.
»Wir werden am Stadtrand im Stall des Schmieds warten, bis der Hunne wieder abzieht. Ich bat den Legaten, den Boten bis zum Einbruch der Dämmerung hinzuhalten - wenn er den Kerl nicht vorher umbringt. Dann folgen wir ihm in die Hrau Albos, wo immer er auch hinreiten mag.«
Wir verbrachten fast den gesamten nächsten Tag in jenem Stall, weil wir und die Pferde bereits vor der Ankunft des Hunnen dort sein mußten, damit dieser während der Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt kein verräterisches Treiben bemerkte und Verdacht schöpfte. Wie bei unserer Ankunft war ganz Basilia so still, als würden alle Bürger den Atem anhalten, und alle Straßen und Gassen waren wie
ausgestorben.
Wyrd, Fabius und ich unterhielten uns nur selten, und
wenn, dann mit gedämpfter Stimme. Der Knabe Becga
schwieg beharrlich; ich hatte ihn bis jetzt noch nie sprechen gehört.
Fabius beklagte sich, sobald er den Mund aufmachte.
Meist darüber, daß wir so wenige waren und keine richtige Streitmacht darstellten, und warum Wyrd denn nicht mehr und kräftigere Männer verlangt habe.
»Bei Mithras«, murrte der Optio. »Nicht einmal meinen
Schildknappen durfte ich mitnehmen. Wir sind nur zu zweit, ein Junge, ein Eunuche und ein zahmer Adler.«
»Ich sage Euch nochmals«, antwortete Wyrd, »daß wir
nicht angreifen, sondern uns einschmuggeln. Je weniger wir sind, desto besser. Und wenn Ihr denkt, daß Euer Rang
nicht genügend respektiert wird, steht es Euch frei, Thorn als Euren Schildknappen zu betrachten.«
Wyrd erwähnte gegenüber Fabius mit keinem Wort, daß er nicht einmal plante, seine Gemahlin zu retten.
In der Zwischenzeit war ich sehr damit beschäftigt, das herrliche zu bewundern, das ich nun mein eigen nennen
durfte. Es war ein muskulöser, junger, schwarzer Hengst mit einer weißen Blesse, aufmerksamem Blick und stolzer
Haltung. Sein Name war Velox und versprach Schnelligkeit.
Soweit ich erkennen konnte, hatte das Pferd nur einen
einzigen körperlichen Mangel: eine Vertiefung an der
unteren linken Seite des Halses, die aussah wie ein großes Grübchen. Als ich dies erwähnte, vergaß der Optio seinen Kummer lang genug, um herablassend zu sagen:
»Unwissender Thorn. Dies Mal kennzeichnet ein Pferd, das großen Wert besitzt. Man nennt es den ›Daumendruck des Propheten‹. Welches Propheten weiß ich nicht, doch das Mal verheißt dir ein gutes Streitroß. Jedenfalls kommen alle unsere Pferde aus dem unübertrefflichen Stall der
Kehailaner, aus den Wüsten Arabiens. Man sagt, daß die Kehailaner aus der Zeit von Baz stammen, dem Ur-Ur-Enkel von Noah.«
Ich war gebührend davon beeindruckt, ein Pferd von solch alter Rasse zu besitzen, und ich wollte dies gerade zum Ausdruck bringen, als Wyrd uns mit einer Geste zum
Schweigen brachte. Er saß geduckt vor den Brettern der Stallwand und spähte durch eine Ritze. Dann hörten auch wir das ferne, doch schnell näherkommende Geräusch von Pferdehufen auf der schlammigen Straße. Ein sehr zottiges Pferd kam in unser Blickfeld. Es war viel kleiner als unsere.
»Gehört zur dreckigen Zucht der Zhmud«, murmelte Fabius abfällig, und abermals gebot ihm Wyrd zu schweigen.
Ich war mehr am Reiter interessiert, denn ich hatte noch nie einen Hunnen gesehen. Dieser hier war wie sein Pferd kleiner als die Goten, sogar kleiner als ich, und abstoßend häßlich. Sein Gesicht war von gelblichbrauner Farbe, sein Haar lang und fettig, er hatte Schlitzaugen und trug keinen Vollbart, sondern nur einer dünnen, strähnigen Schnurrbart.
So häßlich er auch war, er saß wie angewachsen auf
seinem Pferd, als ob er damit geboren wäre, und seine
Beine waren so gebogen, daß sie sich vollkommen dem
Pferdeleib anpaßten. Wie zuvor der kleine Becga war auch der Hunne in Lumpen gehüllt, und sein Pferd war mager.
Der Mann trug denselben Bogen wie Wyrd, nur war seiner nicht gespannt, und er hielt ihn hoch, weil um seine Spitze gut sichtbar ein dreckiges, weißes Tuch geschlungen war.
Fabius stand neben mir, und während der Hunne
vorüberzog, konnte ich fühlen, wie er bebte. Der Charismate Becga jedoch, dem noch niemand gesagt hatte, daß dieser oder ein anderer Hunne womöglich bald sein neuer Herr
sein würde, blinzelte uninteressiert durch die Planken.
Sobald der Reiter außer Hörweite war, richtete Wyrd sich auf und sagte: »Ich schleiche ihm nach, um sicher zu gehen, daß der Legat ihn empfängt und daß keine der Parteien die andere Seite betrügt. Es ist jetzt Mittag, und der Schmied muß uns mit einer Mahlzeit bewirten. Du gehst, Thorn, und richtest ihm aus, daß seine Frau alles vorbereiten soll. Wenn ich zurückkomme, essen wir, bis wir platzen, denn nicht einmal Mithras weiß, wann wir wieder etwas zwischen die Zähne bekommen.«
Also sagte ich dem Schmied, daß seine Frau uns reichlich mit Essen versorgen solle. Sie war gerade dabei, uns auf großen, runden Brotscheiben, die zugleich als Teller dienten, einen herzhaften Fischeintopf auszuteilen, als Wyrd
zurückkam. Er berichtete, daß der Legat und der Bote sich gegenseitig nicht die Köpfe einschlugen und daß Calidius offensichtlich wie abgesprochen die Verhandlungen in die Länge zog, um den Hunnen bis zum Abend aufzuhalten.
»Aber eßt schnell«, sagte er. »Der Satansbraten kann
jeden Augenblick Lunte riechen und in den Wald
davongaloppieren. Bis dann essen wir weiter, und zwar
soviel wir können.«
Dann senkte Wyrd die Stimme und sagte leise, so daß
Fabius es nicht hören konnte, zu mir: »Vermutlich sind die Geiseln noch am Leben. Jedenfalls brachte der Schurke
heute noch einen Finger Placidias daher, und soweit ich aus meinem Versteck erkennen konnte, ist er erst vor kurzem abgeschnitten worden.«
Offenbar passierte oben in der Garnison nichts, was das Mißtrauen des Boten erregt oder ihn alarmiert hätte. Der Legat mußte ihn gut mit Speisen und Wein versorgt haben, während er über die Einzelheiten des Austauschs römischen Armeebesitzes gegen die Geiseln verhandelte - wieviel, wo und wann er stattfinden sollte - denn der Tag verstrich ereignislos, doch spannungsgeladen.
Doch schließlich gab uns Wyrd wild gestikulierend zu
verstehen, daß wir ruhig sein sollten. Wieder schlichen wir alle zur Stallwand und spähten durch die Ritzen. Der Hunne war nun in größerer Eile, oder sein Gaul war nach der
langen Ruhepause erfrischt, oder beides, jedenfalls kamen sie in flottem Trab durch die frühe Dämmerung. Pferd und Reiter kreuzten wieder unser Blickfeld, diesmal in anderer Richtung, kaum hatten sie den Hof verlassen, da zischte Fabius: »Los, bevor er außer Sicht ist!«
»Ich will ihn außer Sicht!« schnappte Wyrd, aber nicht laut.
»Die Hunnen haben Augen am Hintern. Seine Spur reicht
uns. In den letzten Tagen sind hier nicht viele Reiter vorbeigekommen.«
Wir mußten also noch etwas länger warten, bis Wyrd
schließlich den Befehl zum Aufsitzen gab.
Ich kletterte unbeholfen in den Sattel, reichte Becga die Hand und half ihm auf das Kissen hinter mir. Mein Sattel, das Zaumzeug und die Zügel waren nicht wie die des Optio Fabius mit Medaillen, Anhängern und sonstigem Putz
geschmückt, doch es war eine echte Schlachtrüstung. Der Sattel war aus Leder, innen mit Bronze ausgeschlagen und genarbt, sodaß der Reiter besseren Halt fand. Ich war nicht überrascht zu sehen, daß Fabius sein Pferd viel eleganter bestieg als ich - er schwang sich von der Erde aus in den Sattel - und nicht allzu erstaunt, als ich sah, daß Wyrd dasselbe tat.
Der Schmied öffnete ein Tor für uns, und wir ritten
gemächlich hintereinander hinaus auf die Straße. In seinem Sattel vornübergebeugt ritt Wyrd voraus und prüfte
forschend die Hufabdrücke im Schmutz und Schlamm der
Straße, Fabius blieb dicht hinter ihm und tat es ihm nach.
Dann plötzlich zügelte Wyrd sein Pferd und machte ein
leicht verdutztes Gesicht: »Der Hunne hat hier die Straße verlassen. Warum so früh?«
Mit einem einzigen Satz stand Fabius plötzlich auf seinem Sattel. Er spähte durch die Bäume, die die Straße zu
unserer Linken säumten, und in die Richtung, die Wyrd
angezeigt hatte. Nach einem Augenblick verkündete er: »Er ist außer Sicht, nicht aber die Spuren.«
Also verließen wir die Straße ebenfalls und ritten mit Wyrd in Führung weiter, vorbei an Bäumen und Viehweiden und Ackerland. Wir ritten noch langsamer als zuvor, damit wir nicht in Sichtweite des Hunnen gerieten. Dann hielt Wyrd abermals abrupt an und knurrte: »Bei den selbstkastrierten Priestern der Zybele, der Hunne ist wieder abgebogen. Er reitet wieder zurück nach Basilia!«
»Vielleicht will er herausfinden, ob er verfolgt wird«, meinte Fabius. »Vielleicht. Doch uns bleibt keine andere Wahl, als weiter seiner Spur nachzureiten.«
Und das taten wir, obwohl wir nur sehr, sehr langsam
vorankamen. Nach langer, langer Zeit, als die
Abenddämmerung fast vollständig in Finsternis
übergegangen war, hielt Wyrd wieder an und bellte eine Reihe von Flüchen, die die Götter und Heiligen aller
Religionen hätten aufrütteln können. Ich fürchtete, daß der Hunne vor uns das Geschrei hören würde, doch diese
Gefahr bestand nicht, denn Wyrd schloß mit einem weiteren Fluch: »Beim aufgedunsenen und geplatzten Leib des Judas Ischariot, der Kerl ging nicht nach Basilia zurück! Er hat die Stadt umkreist und ist zum Flußufer hochgeritten. Ich nehme an, daß irgendein Kahn dort auf ihn gewartet hat, um ihn über den Rhein zu bringen. Optio Fabius! Reitet so schnell Ihr könnt zum Hafen. Organisiert Kähne und Bootsleute, um uns alle überzusetzen. Holt sie und treibt sie zur Eile an, peitscht sie, wenn nötig, stromaufwärts, wir warten dort auf Euch. Geht!«
Der Optio schoß wie ein Pfeil davon, und auch mein Velox schien nur noch auf einen Befehl zu warten, doch Wyrd
sagte: »Kein Grund zur Eile, Junge. Oh weh, wenn jener verräterische Sklave die Wahrheit sprach, als er sagte, daß sich das Lager der Hunnen im Süden, in Richtung der Hrau Albos befinde, dann täuschten sie ihn absichtlich. Und mich auch. Sie sind irgendwo nördlich des Rheins und vermutlich nicht weit vom Fluß entfernt, denn wer würde Bergräuber im Tiefland vermuten?«
Wir folgten der Spur also weiterhin, weder eilig noch
langsam, und die Nacht brach herein, so daß ich nicht
einmal mehr die Fährte im Schnee erkennen konnte. Doch Wyrd schien damit keinerlei Schwierigkeiten zu haben. Das Ufer wurde abschüssig und wie Wyrd vorausgesagt hatte, wiesen deutliche Spuren im Kies darauf hin, daß hier
irgendein Kahn angelegt hatte und wieder ins Wasser
geschoben worden war. Wyrd fluchte, aber uns blieb nichts anderes übrig, als abzusteigen, unsere Feldflaschen zu füllen und zu warten.
Wir mußten nicht lange warten. Fabius mochte zwar ein
chronischer Nörgler sein, doch wenn es darum ging zu
handeln, war er durchaus ein Mann der Tat. Die Nacht war nicht sehr weit fortgeschritten, als Wyrd, Becga und ich beobachteten, wie im Westen ein Licht auftauchte, das sich nach und nach in das Licht dreier Laternen teilte, die auf dem unruhigen Wasser des Flusses lange, verzerrte,
gezackte Spiegelungen hervorriefen. Oberhalb von Basilia fließt der Rhein sehr schnell, und die drei Kähne wurden jeweils von vielen Männern gerudert, so daß sie für die Fahrt nur wenig Zeit gebraucht hatten. Es hätte mich nicht
erstaunt, wenn Fabius die Männer höchstpersönlich mit
Peitschenhieben angetrieben hätte. Doch er kam am Ufer entlariggeritten, und die Kähne waren draußen auf dem
Wasser. Als er auf uns stieß, rief Fabius den Bootsleuten nichts zu, sondern schrie wie eine Eule was offensichtlich ein vorher vereinbartes Signal war - denn nun bewegten sich die Boote miteinander in Richtung Ufer.
»Gute Arbeit, Optio«, sagte Wyrd, als Fabius vom Pferd stieg. »Wenn die Hunnen am anderen Ufer einen Posten
aufgestellt haben, wird er nur drei Laternen gesehen haben.
Löscht also diese Lichter nicht aus. Kommandiert drei der Bootsleute ab, sie sollen zu Fuß hier am Ufer entlanggehen, und jeder soll eine Laterne tragen. Sie sollen am Wasser bleiben und marschieren - bis zum Morgen, oder bis sie umfallen, was immer auch zuerst geschieht. Die übrigen Männer sollen uns in der Dunkelheit so leise wie möglich übersetzen.«
Ganz nach Plan stapften drei der Neuankömmlinge in
kurzen Zeitabständen hintereinander den Fluß hinauf und trugen die Laternen. Ein jeder, der vom anderen Ufer aus herüberspähte, hätte angenommen, daß die Kähne, ohne
anzulegen, an ihm vorübergefahren wären. Währenddessen gingen wir Verfolger so leise wie möglich an Bord.
Wyrd sagte, er könne nicht abschätzen, wie weit die starke Strömung das Boot des Hunnen während der Überfahrt
abgetrieben habe, also befahl er unseren Bootsleuten, so schnell wie möglich zu rudern, damit wir den Rhein in
gerader Linie überquerten. Wenn wir erst einmal auf der anderen Seite angekommen wären, so meinte er, könnten
wir immer noch am Ufer entlangreiten und herausfinden, wo der Hunne an Land gegangen sei.
Wir waren lange Zeit auf dem kalten, schwarzen Fluß - so erschien es mir jedenfalls - und die schwarze Luft war auf dem Wasser viel kälter als am Ufer und hüllte uns
vollständig ein, so daß wir erst Unbehagen verspürten, dann jämmerlich froren, und zuletzt wurden unsere Glieder fast taub. Doch plötzlich verfingen sich die Kapuze meines
Überwurfs und die Mähne des Pferdes in niedrigen Zweigen.
Entweder hatte das Wasser des Flusses die Wurzeln der
Bäume am Ufer überspült, oder wir waren im Unterholz von Bäumen gelandet, die im Wasser wuchsen - jedenfalls
gurgelte und schwappte das Wasser so laut, daß es alle Geräusche, die wir beim Aussteigen verursachten,
übertönte. Und Lärm machten wir, denn selbst die Pferde waren vor Kälte ganz steif und unbeholfen, als sie aus dem Kahn geführt wurden und versuchten, vom seichten Wasser auf trockenen Boden zu kommen.
Wyrd drückte Becga die Zügel der Pferde in die Hand,
nahm Fabius und mich beiseite und sagte: »Ab jetzt müssen wir leise sein, wenn wir herausfinden wollen, wo genau der Hunne an Land ging. Das heißt, wir werden zu Fuß gehen.«
»Warum?« fragte Fabius. »Das kann bis zum Morgen
dauern oder gar einen ganzen Tag. Der Kahn des Hunnen
ist möglicherweise meilenweit abgetrieben, vielleicht sogar weitab von Basilia.«
»Und vielleicht auch nicht. Sprecht also leise. Es kann sein, daß er nicht weit von hier an Land gegangen ist.
Deshalb gehen wir zu Fuß, und so leise wie möglich: mein Gehilfe, der Eunuche und ich. Optio, Ihr bleibt hier bei den Pferden, den Booten und den Männern.«
»Was?! Gerrae! Wie lange?«
»Ich sagte, Ihr sollt leise sein. Und Ihr habt versprochen, Euch nicht meinen Befehlen zu widersetzen. Ihr werdet
hierbleiben, bis Thorn und ich zurückkommen und wie ich innigst hoffe das mitbringen, wofür wir hergekommen sind.«
»Was?!« Fabius schrie es diesmal, und Wyrd schlug ihn
mit dem Handrücken ins Gesicht. Das brachte den wütenden Soldaten zwar nicht zum Schweigen, doch wenigstens
senkte er seine Stimme ein wenig. »Ihr und zwei Kinder wollt die Verfolgung ohne mich aufnehmen und ohne mich
angreifen? Und ich darf währenddessen Kindermädchen für Pferde und Hafenkulis spielen? Ich will verflucht sein, wenn ich das tue!«
»Verflucht oder nicht, Optio, das ist genau, was Ihr tun werdet. Wenn wir drei herausfinden, wo der Hunne an Land gegangen ist, bleibt uns keine Zeit mehr, hierher
zurückzukehren und Euch zu holen. Wir müssen ihm dicht auf den Fersen bleiben. Danach - was immer auch
passieren mag und wenn es überhaupt einen Rückweg gibt -
machen wir uns Hals über Kopf davon. Wir müssen uns
darauf verlassen können, daß die Pferde, die Kähne und die Bootsleute hier sind. Glaubt Ihr, daß die Hafenkulis, die wissen, daß hier irgendwo wilde Hunnen versteckt sind, brav auf uns warten, ohne daß sie jemand dazu zwingt? Ihr seid der einzige, der dies tun kann, und deshalb werdet Ihr es tun.«
Während Wyrd und ich uns vorbereiteten, hörte Fabius
nicht auf zu rechten, zu betteln und aufzubegehren -
abwechselnd vernünftig, bitter, wütend und um Mitleid
heischend -, doch Wyrd schenkte seinen Klagen kein Ohr.
Ich nahm meinen Degen von Velox' Sattel, befestigte ihn um meine Taille, steckte meine Schlinge dazu, wo sie griffbereit sein würde, und war mit meinem Juikabloth auf der Schulter bereit zu gehen. Wyrd gürtete seine kurzstielige Axt und richtete seinen Bogen und den Köcher mit Pfeilen auf
seinem Rücken aus. Der kleine Becga hatte nichts anderes zu tun, als Fabius die Zügel der Pferde zu reichen. Dieser stellte schließlich sein Bitten ein und sagte widerstrebend und resigniert: »Ave, Uiridus, atque vale.«
»Te morituri salutamus«, antwortete Wyrd nicht gänzlich ironisch und befahl mir und Becga, ihm zu folgen.
Ich weiß nicht, wie lange oder wie weit wir marschierten, doch in jedem Fall war es viel mehr als nur Stunden oder Meilen. Der hunnische Bote mußte zum Rudern des Kahns
fast genauso viele Männer gehabt haben wie wir, denn auch er hatte den Fluß überquert, ohne weit abzutreiben, und war ein gutes Stück oberhalb von Basilia an Land gegangen. Ich stieß in der Dunkelheit auf einmal gegen Wyrd, der
stehengeblieben war, und bemerkte, daß er am Ufer ein
Boot erspäht hatte. Als ich ihm über die Schulter blickte, konnte ich einen roh zusammengehauenen Leichter
erkennen, der aus dem Wasser gezogen und im dichten
Unterholz versteckt worden war. Er war leer. Wir standen einen Augenblick regungslos da und hielten den Atem an, während Wyrd die Ohren spitzte und sich umsah. Schließlich drückte er mir die Hand gegen die Brust, was bedeutete, daß Becga und ich bleiben sollten, wo wir waren. Er selbst verschwand leise wie ein Schatten in der Dunkelheit. Nach einer Weile erschien er wieder genauso magisch, wie er verschwunden war, und flüsterte: »Sie haben vermutlich keine Wachtposten aufgestellt. Hilf mir, den Leichter ins Wasser zu schieben, aber leise, leise!«
Aber natürlich konnte das nicht ohne Lärm vonstatten
gehen. Der Kahn war viel zu schwer, als daß wir ihn hätten heben können, und als wir ihn daher vom Ufer schoben,
ertönte ein lautes Scharren. Doch es lag auf der Hand, warum wir das tun mußten: Falls wir den Fluß auf dem
Rückweg überquerten, wären die Hunnen außerstande, uns zu verfolgen. Es war kein Hunne zu sehen, der uns
gehindert hätte, als wir das Boot zu Wasser brachten und zusahen, wie es langsam auf dem Fluß davontrieb. Also
sagte Wyrd, ohne zu flüstern, aber mit gesenkter Stimme:
»Ich bin ein Stück weit der Spur gefolgt. Sie waren in zu großer Eile, als daß sie es vermieden hätten, Spuren zu hinterlassen. Daraus schließe ich, daß sie hier in der Nähe sind. Wir werden nicht sehr schnell vorankommen, weil wir vorsichtig und leise sein müssen, doch ich gehe davon aus, daß wir lange vor Tagesanbruch auf das Lager stoßen
werden. Du und der Eunuche, ihr bleibt so weit wie möglich hinter mir, doch ihr solltet mich nicht aus den Augen
verlieren. Es ist möglich, daß sie am Weg entlang Posten aufgestellt haben, in jedem Fall aber wird das Lager bewacht sein. Sobald ihr hört oder seht, daß ich stehenbleibe, nehmt euch in acht.«
Wie Wyrd richtig erkannt hatte, dünkten sich die Hunnen frei von Verfolgern, weil sie wohl annahmen, daß niemand sie im Tiefland vermuten würde. Jedenfalls stießen wir am Weg auf keinen einzigen Wachtposten. Wyrd hielt nur ein Mal in jener Nacht inne, und zwar, als er - wie Becga und auch ich - zwischen den Bäumen ein zaghaftes rötliches Glimmen entdeckte. Es hätte die erste Färbung der
Morgenröte sein können, wenn es nicht im Norden gewesen wäre. Wyrd jedoch, der weit voraus marschierte, sah noch etwas, was Becga und ich nicht sehen konnten. Er schlüpfte leise in das Gehölz, und wir zwei kauerten uns nieder, wo wir waren. Ich vernahm ein entferntes Geräusch, das sich anhörte, als ob in den trockenen Sträuchern ein
Handgemenge stattfände, und dann stand Wyrd wieder da, wo wir ihn zuletzt gesehen hatten, und winkte uns zu sich.
Wir fanden ihn über einen toten Hunnen gebeugt, den er mit der Bogensehne erdrosselt hatte, welche er gerade vom
Hals der Leiche löste. Wyrd sagte nichts, und auch wir schwiegen, und wir krochen alle zusammen weiter in
Richtung des rötlichen Lichts. Aus dem Glimmen wurde ein Strahlen, als wir näherkamen und schließlich erkannten wir einen Hügel, der mit Bäumen bewachsen war, zwischen
denen wir keine weiteren Wachtposten erblicken konnten.
So arbeiteten wir uns auf Händen und Füßen den Hügel
hinauf, und auf halber Höhe legten wir uns flach auf den Bauch. Oben angelangt, sahen wir hinunter auf ein fast baumloses Tal, das von einigen Lagerfeuern hell erleuchtet war. Wie wir sehen konnten, waren Bäume gefällt und
daraus rohe Hütten gezimmert worden, und diese waren
umgeben von einigen zusammengeflickten Zelten. Auf der anderen Seite der Senke waren Pferde an Pflöcken
festgebunden, alles zottige, magere Mähren. Und selbst zu dieser Stunde befanden sich an die vierzig Menschen auf der Lichtung. Da Wyrd, Becga und ich mehr als hundert
Schritte vom Lager entfernt waren, konnte ich Männer und Frauen nicht unterscheiden, denn sie trugen alle dieselben Lumpen. Doch ihre Statur und ihre krummen Beine verrieten eindeutig, daß es Hunnen waren.
8
»Die Frau und der Junge sind sicher zusammen in einer
dieser Hütten, weil es so leichter ist, auf sie aufzupassen.«
Wyrd war an meine Seite gerückt, um mir besser ins Ohr flüstern zu können. »Du hältst Ausschau, ob es einen
Hinweis darauf gibt, in welcher Hütte sie sind. Ich muß noch einige Wachtposten zur Strecke bringen.«
Ich antwortete: »Ich weiß zwar, daß Ihr mit ungeheurer Schnelligkeit und Treffsicherheit Eure Pfeile abschießen könnt, aber da unten sind zu viele Hunnen...«
»Ja. Dennoch kann ihre Zahl für uns auch ein Vorteil sein.
Ich werde nur die anderen Wachtposten hier zur Strecke bringen, und das muß geschehen, solange es Nacht ist.
Währenddessen bestreichst du dir und dem Eunuchen
Gesicht und Hände mit Dreck, damit ihr in der Dunkelheit nicht so auffallt. Wenigstens ihr zwei werdet im Notfall wie Hunnen aussehen, was mir mit diesem Bart nicht möglich ist.«
»Was meint Ihr mit Notfall?«
»Daß ich vielleicht nicht zurückkomme. Sollte mich einer der Posten erwischen, bevor ich ihn kriege, wird es einen Aufruhr geben. Das nutzt Ihr dann aus, um unbemerkt zu fliehen. Oder um die Geiseln zu retten, wenn du das
schaffst.«
»Jesus!« Ich schnappte nach Luft. »Ich hoffe, daß es
soweit nicht kommt!«
»Ich auch«, meinte Wyrd trocken. Und er machte sich
davon.
Mit meinem Schwert wühlte ich die Erde auf, zerbröselte die Erdklumpen, vermischte sie mit Wasser aus meiner
Feldflasche und verrührte alles zu Dreck. Ich bestrich Becgas Gesicht und er meines, und damit waren auch
unsere Hände schmutzig genug. Wir waren am Ende zwar
nicht genau von derselben Farbe wie die Hunnen, doch
immerhin waren wir in der Dunkelheit etwas schwerer zu erkennen. Ich befahl Becga, er solle hinter mir gut Ausschau halten, aus Furcht, daß irgendein herumstreunender Hunne auf uns aufmerksam werden und uns aus dem Hinterhalt
überfallen könnte, dann konzentrierte ich mich darauf, das Lager zu beobachten.
Die Zeit verging und sie erschien mir recht lang, doch nichts passierte, was die allgemeine Aufmerksamkeit erregt hätte, und alles blieb ruhig. Aber plötzlich schraken mein Juikabloth und ich zusammen, als Becga mir durch eine
leichte Berührung bedeutete, daß jemand in der Nähe sei.
Ich hätte vor Erleichterung fast laut aufgeschluchzt, als es Wyrd war.
»Es waren fünf«, flüsterte er, als er sich neben mir
ausstreckte. »Mehr Wachen werden normalerweise für ein Lager dieser Größe nicht aufgestellt. Ich gehe davon aus, daß ich sie alle erwischt habe.«
Ich konnte ihn nur bewundernd anstarren. Dieser alte
Mann hatte soeben schnell und leise sechs bewaffnete,
wachsame und blutrünstige Wilde umgebracht, und er zeigte keinerlei Spuren von
Anstrengung. Ungeduldig fragte er: »Nun? Was hat sich
hier getan?«
Ich wies mit der Hand auf die Hütten und sagte: »Bei den meisten gingen zumindest ein oder zwei Hunnen aus und
ein. Aber bei der Hütte dort drüben am Hügel, die am
weitesten von uns entfernt ist, öffnete sich die Tür nur ein Mal, und zwar von innen. Jemand lehnte sich hinaus, ich glaube, es war eine Frau, und reichte einem anderen
Hunnen, der gerade vorüberkam, eine Art Napf. Der füllte ihn mit Kohlen aus einem der Feuer, gab sie der Frau
zurück, und seither wurde die Tür nicht mehr geöffnet.«
»Das war eine Kohlenpfanne, die dazu dient, die Hütte
warmzuhalten«, sagte Wyrd. »Und die Hütte liegt am
weitesten vom Pfad entfernt. Das muß sie sein. Gute Arbeit, Bursche. Wir werden uns jetzt zu dem Hügel hinter der Hütte schleichen.«
Da Wyrd das Tal schon einmal umrundet hatte und es
keine Wachen mehr gab, die uns hätten aufhalten können -
zwei davon sahen wir leblos im Gebüsch liegen - kamen wir recht schnell ans Ziel. Dennoch war die Nacht nun schon weit fortgeschritten, und es kam mir so vor, als würde der Himmel im Osten bereits heller. Auf dem Hang hinter der Hütte, in der wir die Geiseln vermuteten, legten wir drei uns wieder auf den Bauch und beobachteten, was sich um die Hütte herum abspielte.
Ab und zu ging ein Hunne mit einem Armvoll Feuerholz
oder Heu an der Hütte vorbei.
Wyrd murmelte, mehr zu sich selbst als zu mir: »Ich
glaube nicht, daß mehr als zwei Wachen auf die
Gefangenen achtgeben. Der Anführer der Horde, seine
besten Krieger und der soeben eingetroffene Bote werden sich alle in anderen Hütten aufhalten und ihren Erfolg feiern.
Doch wir sollten uns vergewissern: Du gehst hinunter und versuchst durch die Ritzen in der Wand der Hütte etwas zu erkennen. Ich werde inzwischen auf deinen Adler
aufpassen.«
»Was? Aber da unten wimmelt es von Hunnen!«
»Wie ich schon sagte, könnte das unser Vorteil sein. In der Dunkelheit fällst du nicht auf. Geh!«
Nicht sonderlich begeistert rutschte ich bäuchlings den Hang hinunter, wartete, bis alles ruhig war, stand dann auf und schlenderte gemächlich auf die Hütte zu.
Ich schlich nahe an der Hüttenwand entlang und spähte
durch eines der vielen Löcher. Im Licht der glühenden
Kohlen konnte ich zumindest erkennen, wie viele Menschen in der Hütte waren. Als ich ohne Schwierigkeiten wieder bei Wyrd und Becga ankam, berichtete ich: »Fräuja, Ihr hattet recht. Nur eine Frau paßt auf die Gefangenen auf; sie ist wach und stochert in den Kohlen. Eine andere Frau und ein Kind sitzen in Felle eingehüllt auf der Erde und schlafen anscheinend. Ich hatte den Eindruck, daß sie nicht gefesselt sind. Außer einem Wasserkrug und einigen Matten befindet sich nichts weiter dort. Die Hütte ist übrigens kein
unbezwingbares Gefängnis. Die Wand besteht aus Stecken, die mit Lederriemen zusammengebunden sind. Ich könnte
leicht ein Loch hineinschneiden, das für mich groß genug wäre. Nur würde die Wache dann nicht sofort Alarm
schlagen?«
»Nicht, wenn man sie ablenkt. Wenn das Reisigdach einer der Hütten plötzlich in Flammen aufgeht, dürfte das einige Unruhe verursachen, auch wenn die Hunnen denken es
handle sich nur um einen Unglücksfall. Du und der Eunuche, ihr geht jetzt wieder hinunter. Ihr schlendert herum, entfernt euch aber nicht von der Hütte und wartet, bis ich den Aufruhr organisiert habe.«
»Wir dürfen aber nicht zu lange warten«, gab ich zu
bedenken. »Es wird bald Tag.«
»Väi! Ich kann mich nicht so sorglos bewegen, weil ich mich unter den Hunnen nicht so leicht verstecken kann wie ihr, doch ich werde mich beeilen. Wie dem auch sei: sobald sich das Lager in Verwirrung befindet, tut ihr folgendes...« In sehr wenigen Worten sagte uns Wyrd, was wir zu tun hatten, setzte mir den Adler auf die Schulter, und dann war er auch schon verschwunden. Wie vereinbart, schlitterten Becga und ich den Hang hinunter, standen auf und schlenderten kühn und krummbeinig hinter der Hütte hin und her.
Auf einmal wurde aus dem Licht auf der
gegenüberliegenden Seite der Senke ein lebhaftes Rot, und ich konnte das Knacken brennenden Buschwerks hören, das bald von Stimmengewirr und dem Geräusch schneller
Schritte übertönt wurde. Rasch zog ich mein Schwert, zerrte Becga an die Rückseite der Hütte und spähte wieder durch die Ritzen in der Wand. Die Hunnin ging von der
Kohlenpfanne auf den Türschlag zu, hob ihn und lugte
hinaus. Ich blickte ihr über die Schulter und konnte die Hunnen wie wild "erumrennen sehen. Das Dach der jenseits der Senke gelegenen Hütte brannte fröhlich. So leise und so schnell ich konnte, durchschnitt ich die Lederriemen, die die Wand der Hütte zusammenhielten, und zog dann das lose
Holz hinaus.
Es dauerte nicht lange, und in der Wand war ein großes Loch, durch das ich mich in die Hütte zu zwängen versuchte, während ich Becga hinter mir herzog. Wir hielten kurz inne, weil sich seine Kleider im trockenen Gezweig verfangen hatten, und trotz des Lärms draußen hörte uns die Hunnin.
Sie ließ den Türschlag fallen, drehte sich um und öffnete den Mund wie zu einem Schrei. Da ich zu weit von ihr entfernt war, um sie niederzustrecken, keuchte ich »Släit!«, und mein Juikabloth flog auf sie los.
Die Hunnin wich ihm aus und schrie nicht, so daß ich Zeit hatte, vollends in die Hütte einzudringen, auf sie zu stürzen, mein Schwert zu schwingen und ihr die Kehle
durchzuschneiden.
Die Geiseln waren inzwischen natürlich wach geworden
und wimmerten, als sie sich aus den stinkenden Fellen
schälten, mit denen sie zugedeckt gewesen waren.
Schnell kniete ich mich neben die Frau und legte ihr die Hand auf den Mund. Becga tat dasselbe mit Calidius.
»Clarissima Placidia, wir sind Freunde und kommen, Euch zu helfen«, flüsterte ich, als sie sich verzweifelt mit den ihr noch verbleibenden Fingern an meine Hand klammerte.
»Schreit jetzt nicht. Wenn es überhaupt Rettung geben soll, müßt Ihr meinen Anweisungen genau Folge leisten. Gebt
das an Euren Sohn weiter.«
Es mußte ihr Vertrauen erweckt haben, daß ich Lateinisch sprach. Sie nickte, ich gab sie frei, und sie forderte den kleinen Calidius auf, meinen Befehlen zu gehorchen.
Ich sagte zu Becga: »Zieh' deinen Überwurf und deine
Stiefel aus.« Dann wandte ich mich an die Frau: »Placidia, helft Eurem Sohn schnell in die Kleider und Schuhe.«
Dann waren wir alle hektisch beschäftigt, weil ich während des Tausches noch Becgas Gesicht mit Wasser aus dem
Krug waschen und gleichzeitig etwas von dem Dreck auf
Calidius' Gesicht schmieren mußte.
Dann bückte ich mich nach einem der Felle, die auf dem Boden lagen. Ich wickelte es mir um die Hände und hob die Kohlenpfanne gegen das trockene Reisig, mit dem die Hütte gedeckt war. Es fing sofort an zu brennen. »Placidia, sobald das gesamte Dach brennt, nehmt Ihr Euren Sohn - oder
vielmehr dies Kind, das die Stelle Eures Sohnes einnehmen wird - und rennt hinaus auf die Lichtung, als würdet Ihr vor dem Feuer fliehen.«
»Aber...« sagte sie und hielt inne, denn sie hatte unseren Plan sofort begriffen. Sie schloß die Augen, schluckte ein oder zwei Mal, und ich konnte sehen, wie ein Zittern über ihren fast nackten, schwangeren Leib lief. Doch dann öffnete sie die Augen, sah mich mutig und entschieden an und
sagte: »Paßt gut auf Calidius auf.«
»Das verspreche ich Euch. Doch geht jetzt«, antwortete ich, weil das Feuer nun so lichterloh brannte, daß wir alle vor der Hitze zurückwichen.
Sie verweilte noch lange genug, um ihren Sohn zu
umarmen und zu küssen, legte dann einen Arm um den
Charismaten, verweilte nochmals, um auch diesen zu
küssen, bevor sie mit dem Jungen über die tote Wache stieg und zum Türschlag hinausstürzte. Weil dieser danach noch einige Male auf- und zuschlug, nahm ich wahr, daß einer der Hunnen draußen genug Geistesgegenwart besaß, um
Placidia und Becga zu ergreifen und festzuhalten.
»Juikabloth«, rief ich leise, und der Vogel kam bereitwillig, denn es lösten sich nun schon Funken vom Dach. Ich führte Calidius an der Hand durch die Lücke, die ich in die Wand der Hütte geschlagen hatte. Wie zu erwarten, war hinter der Hütte niemand zu sehen, doch der Tag war nicht mehr fern, und die Senke war nicht zuletzt von den beiden brennenden Dächern so hell erleuchtet, daß ich Angst hatte, gesehen zu werden, wenn wir uns den Hang hinaufarbeiteten. Deshalb zog ich den Jungen am Arm hinter einen dicken Baum. Von dort aus konnte ich gut beobachten, was auf der Lichtung vor sich ging, während ich auf Wyrd und dessen weitere Instruktionen wartete.
Der Tumult auf der Lichtung war plötzlich zum Chaos
geworden, denn ein Reiter war in das Lager galoppiert und schwang heftig und zielbewußt seine Streitaxt. Er hatte bereits zwei Hunnen niedergestreckt, als ich entdeckte, daß es nicht Wyrd war.
Es war der Optio Fabius, wer sonst, und er ritt nicht den Braunen, auf dem er Basilia verlassen hatte. Er ritt meinen schwarzen Hengst, weil dessen Sattel mit einem Kissen
ausgestattet war, auf welchem Fabius seine Gemahlin und seinen Sohn in die Freiheit Zu entführen hoffte. Doch das war eine trügerische Hoffnung, und er war ein Narr
gewesen, uns zu folgen. Hätte Wyrd nicht schon alle
Wachen im Umkreis beiseite geräumt, wäre der Optio schon längst tot gewesen. Und nun war er trotz der von Wyrd
vorbereiteten Ablenkungen und trotz des Vorteils eines Überraschungsangriffs schlicht der Unterlegene.
Er mag zwar ungeduldig, hitzig und auch töricht gewesen sein, aber er war durchaus auch tapfer. Soweit ich sehen konnte, streckte er während seines Galopps über die
Lichtung zwei weitere Hunnen nieder, bevor etwas geschah, was ihm Einhalt gebot. Der Hunne, der die beiden
Gefangenen festhielt, warf Becga zu Boden und stellte einen Fuß auf ihn, um einen Arm frei zu haben. Mit diesem zog er sein Schwert und legte dessen Schneide an Placidias Kehle, während er ihren Kopf an den Haaren nach hinten zog. Alle drei waren vom Schein der brennenden Hütte so gut
beleuchtet, daß Fabius sie sah. Er zugehe Velox abrupt, und das Pferd bäumte sich auf. Was der Optio als nächstes
getan hätte, sollten wir nie erfahren, denn die Hunnen nutzten den Augenblick, in dem er aus dem Gleichgewicht war, seine Axt nicht schwingen oder sich sonstwie
verteidigen konnte, und warfen sich auf ihn. Sie gebrauchten keine Waffen, sondern zogen Fabius mit vereinten Kräften vom Sattel, während sie Velox unversehrt laufen ließen.
Als Fabius auf der Erde lag und gegen die Horde von
Wilden auf ihm ankämpfte, nahm der Hunne, der Placidia hielt, die Schneide von deren Kehle, aber nur so weit es nötig war, um mit dem Schwert auszuholen. Es muß die
weibliche Hälfte meiner Natur gewesen sein, die mich dazu veranlaßte, instinktiv und ohne zu zögern die Hand über die Augen des kleinen Calidius zu legen. Und während der
folgenden Ereignisse ließ ich meine Hand auch dort.
Dann schrie ich selbst fast vor Entsetzen auf, als sich plötzlich von hinten eine schwere Hand auf meine Schulter legte. Es war Wyrd, der sehr müde und fast melancholisch auf die Szene blickte, die sich vor unseren Augen abspielte.
»Pluto würde aus der Hölle emporfahren, um dies zu
sehen«, murmelte er, und dann bat er Calidius und mich, ihm zu folgen.
Wir schlichen geduckt um die Lichtung herum, wo Wyrd an einem Baum zwei Pferde festgebunden hatte. Das eine war mein Velox, das andere eines der struppigen Zhmud-Pferde, dessen Sattel und Zügel noch abgenutzter waren als das Pferd selbst.
»Wir müssen immer noch sehr vorsichtig sein«, flüsterte Wyrd mir zu. »Doch sobald wir außer Hörweite sind,
galoppieren wir so schnell wie möglich los. Die Hunnen werden sich vorerst mit Fabius vergnügen, so daß es noch eine ganze Weile dauern wird, bis sie sich fragen, wie er trotz der Wachen überhaupt bis dahin durchkam.«
Er setzte den kleinen Jungen auf Velox' Sattel und sagte zu ihm: »Du bist bis jetzt sehr brav und mutig gewesen, Calidius. Wenn du so bleibst und schön leise bist, werden wir bald zu Hause sein.«
»Und meine Eltern?« fragte der Junge und runzelte die
Stirn angesichts dessen, was er gesehen hatte, bevor ich ihm die Augen zuhielt. »Kommen sie nach?«
»Früher oder später, Junge, kommen wir alle heim. Nun
schweig und freu dich auf den Ritt.«
Schnellen, doch leisen Schritts führten Wyrd und ich
unsere Pferde am Zügel in Richtung Westen. Zuerst dachte ich, wir würden einige Umwege machen, um eventuelle
Verfolger zu verwirren, doch wir gingen immer weiter
geradeaus in westlicher Richtung, und schließlich fragte ich Wyrd, warum wir nicht zu den Kähnen zurückgingen. »Weil die sicher nicht mehr da sind«, knurrte er. »Zumindest können wir nicht davon ausgehen, weil Fabius die
Bootsleute allein zurückgelassen hat. Deshalb gehen wir zum breiteren, seichteren, nördlichen Lauf des Rheins, wo er langsamer fließt und wo wir und die Pferde
hinüberschwimmen können. Wir müssen es zum Westufer
schaffen, bevor uns die Hunnen einholen, denn sie werden es nicht wagen, uns bis in die Nähe der Garnison zu
verfolgen.«
Nach kurzem Schweigen sagte ich: »Fabius war zwar
töricht, aber er war auch tapfer.«
»Ich weiß«, seufzte Wyrd. »Seine Ankunft überraschte
mich nicht. Ich konnte nur hoffen, daß du die Kinder
ausgetauscht hattest, bevor er kam und alles durcheinander brachte. Doch, bei Wotan, du hast gute Arbeit geleistet, Bursche.«
Ich kletterte auf einen Baumstumpf, um in den Sattel zu kommen, und Calidius rückte nach hinten auf sein Kissen und schlang seine Arme um mich, wie Becga es getan hatte.
Wyrd schwang sich wieder von ebener Erde aus in den
Sattel, und so altersschwach sein Pferd auch aussah, es reagierte auf seine Sporen sofort, fiel in einen schnellen Galopp und behielt dieses Tempo unermüdlich bei.
Wir begegneten keinen Hunnen mehr. Schließlich kamen
wir an eine Stelle des Rheins, an der das Ufer sanft abfiel und das Wasser von der schwachen Strömung nur wenig
aufgewühlt war. Wir legten eine Pause ein, versorgten uns und die Pferde mit Wasser und ließen die Tiere grasen.
Dann zogen wir weiter, und ich überquerte zum ersten Mal in meinem Leben schwimmend einen Fluß. Obwohl ich oft in den Kaskadenteichen in Balsan Hrinkhen gebadet und vor dem Wasser keine Angst hatte, traute ich es mir nicht zu, den Rhein zu überqueren, den ich an dieser Stelle auf
mindestens zwei Stadien breit schätzte. Wyrd zeigte mir, was ich zu tun hatte. Er setzte Calidius auf meinen Sattel, bat ihn, sich festzuhalten, und setzte den Adler auf seine Schulter. Dann führte er sein Pferd am Zügel ins Wasser, und ich folgte seinem Beispiel. Offenbar war dies keine neue Erfahrung für Velox und den Zhmud-Gaul, denn sie
wieherten nicht.
Als wir nach und nach untertauchten, hielten Wyrd und ich uns nicht mehr an den Zügeln, sondern an den Schwänzen der Tiere fest.
Wir ließen uns von den Tieren ziehen, und sie
schwammen viel kräftiger und ausdauernder, als ein Mensch es hätte tun können.
Am anderen Ufer suchten sich die Pferde sogar selbst
eine Stelle aus, wo sie Fuß fassen konnten, und Wyrd und ich konnten ihnen leicht aus dem Wasser folgen. Wieder auf trockenem Boden, schüttelten wir uns alle wie nasse Hunde, und während die Pferde ruhten, rannten Wyrd, Calidius und ich am Ufer auf und ab, um uns aufzuwärmen. Als wir dann schließlich wieder aufsaßen und stromaufwärts nach Basilia ritten, ließen wir uns Zeit, denn nun hatten wir von den schrecklichen Hunnen nichts mehr zu befürchten.
9
Nachdem der Legat Calidius seinen Enkelsohn, der seinen Namen trug, umarmt und liebkost hatte und ihn dann mit seinen Kindermädchen fortschickte, damit er gewaschen
und mit einer Mahlzeit versorgt würde, erzählte ihm Wyrd eine barmherzige Lüge: »Euer Sohn Fabius starb aufrecht, Clarissimus, er war bis zuletzt ein römischer Soldat.« Dann sprach er die Wahrheit: »Seine Gemahlin Placidia bot dem Tod mutig die Stirn, wie es sich für eine römische Matrone geziemt.« Dann sagte er etwas, dessen Tragweite ich noch nicht erfaßt hatte: »Die Hunnen gaben acht, daß dem
unglücklichen Charismaten nichts zustieß; das heißt, sie glauben immer noch, Euren Enkelsohn gefangenzuhalten.
Sie denken, sie hätten Euch in der Hand.«
Ganz in Gedanken versunken sagte der Legat: »Sie sind
also sicher noch an Ort und Stelle.«
»Ja. Sie werden annehmen, daß ein paar von uns -
vielleicht sogar ohne Euer Wissen - einen verzweifelten Angriff unternahmen und scheiterten. Sagt, Calidius, was habt Ihr mit den Hunnen vereinbart? Wann und wo sollte die Übergabe stattfinden?«
»Heute nachmittag, an einer südlich von hier gelegenen Biegung des Birsus.«
»In Richtung der Hrau Albos«, sagte Wyrd und nickte.
»Und auf dieser Seite des Rheins. Nun gut. Ich schlage vor, daß Ihr ohne weitere Verzögerung und ohne auf neue
Forderungen zu warten das Verlangte dorthin schickt, als wüßtet Ihr nichts von der gescheiterten Rettungsaktion, als wüßtet Ihr nicht, daß sich das Lager der Hunnen in
Wirklichkeit nördlich des Rheins befindet, als würdet Ihr wahrhaftig erwarten, daß eine Übergabe der Geiseln
stattfindet. Doch natürlich enthält das verlangte trojanische Pferd nichts anderes als schwerbewaffnete, erprobte
Soldaten, und ich hoffe, daß die Hunnen in der Schlacht bestraft werden.«
Ich erlaubte mir, eine Frage zu stellen: »Kann unser
unschuldiger Freund Becga in der Schlacht verschont und gerettet werden?«
Keiner der Männer ging auf meine Frage ein, und Wyrd
fuhr fort: »Zur gleichen Zeit schickt Ihr eine weitere und größere Truppe zum Lager der Hunnen und...«
»Werdet Ihr die Männer anführen, Dekurio Uiridus?«
»Verzeiht mir, Clarissimus«, gab Wyrd verdrossen zurück.
»Ich bin des Reitens müde, habe einen leeren Magen und kann keine Hunnen mehr sehen oder riechen. Und meinem
kecken Gehilfen hier geht es nicht anders. Aber ich kann Euren Leuten Instruktionen geben und schlage vor, daß
mein alter Freund Paccius sie anführt. Es ist an der Zeit, daß er befördert wird.«
»Ja, natürlich. Verzeiht, Uiridus. Ihr habt eine Ruhepause verdient, und mehr als das«, antwortete der Legat aufrichtig.
»Ich werde sofort die nötigen Befehle erteilen und auch eine Mahlzeit für Euch bringen lassen...«
»Nein, danke. Ich habe keine Lust auf feine Küche und
harzigen Urin. Besaufen will ich mich und mir den Bauch vollschlagen. Wir gehen zur Taverne des alten Dylas.
Paccius soll mich dort aufsuchen, wenn er bereit ist, meine Instruktionen entgegenzunehmen.«
»Wie Ihr wollt. Ich gebe Euch einen Herald mit, der
verkünden wird, daß alle Bürger ihre Tore wieder öffnen und die Straßen betreten dürfen. Uiridus, Ihr habt Basilia von einer schweren Last befreit, und dafür danke ich Euch
herzlichst - und dir auch, Thorn.«
Diesmal mußten wir also nicht gegen die Tür der Taverne hämmern. Gastfreundlich riß der Schankwirt Tür und Tor weit auf, und ich erblickte einen Mann, der mindestens so alt war wie Wyrd, ebenso graues Haar und einen grauen Bart hatte, doch um einiges größer und bulliger war und ein fleischiges Gesicht hatte. Wyrd und Dylas fielen sich in die Arme, trommelten sich gegenseitig mit den Fäusten auf den Rücken und beschimpften sich herzlich auf Gotisch und
Lateinisch mit schmutzigen Schimpfworten.
»Dein Ruf eilt dir voraus, alter Freund«, sagte Dylas. »Man sagt, daß du Basilia von den Hunnen befreit hast. Wie bist du vorgegangen?«
Wyrd erzählte es ihm - zumindest nahm ich das an, denn er sprach wieder diese Sprache, die ich nicht verstand.
»Ach, das erinnert mich an längstvergangene Tage«,
sagte Dylas bewundernd, und die beiden unterhielten sich weiter auf Lateinisch und Gotisch zugleich. »Doch du bist kein Legionär mehr, der befördert werden kann. Was hat dir dieses gefährliche Abenteuer eingebracht?«
»Einen sehr guten Preis für meine Pelze und ein
prächtiges Pferd mit Geschirr. Das erste Streitroß, das Calidius mir schenkte, habe ich verloren, doch ich kann mir ein anderes aussuchen. Das ist ein guter Sold für einen einzigen Tag, und ich habe damit mehr verdient als früher, als ich Dekurio war.«
»Bei den Färsen der Hertha, das ist wahr! Doch Wyrd,
wirst du nicht langsam zu alt für solche Streiche?«
»Was meinst du denn, Dickbauch?«
»Nun, in guten wie in schlechten Zeiten ist ein Schankwirt stets gut versorgt«, sagte Dylas und tätschelte sich
selbstzufrieden den Bauch. »Ich muß nicht in den Wäldern herumstreunen und erst erlegen, was ich essen möchte. Du und Juhiza, ihr hättet auch eine Taverne aufmachen sollen wie wir. Meine alte Magdalan war zwar nie so schön wie Juhiza, ist vielleicht nicht besonders intelligent oder anmutig, aber sie kann kochen.«
Als hätte sie auf diese Worte gewartet, kam in einer Wolke herrlichen Essensduftes ein altes, dickes und schmuddeliges Weib aus dem Hinterzimmer. Sie servierte jedem von uns eine große Scheibe Brot mit Sauerkraut, auf dem gekochte Schweinerippen lagen. Dazu brachte sie einen Teller mit verschiedenen Käsesorten der Region: Schweizer Käse,
Emmentaler und cremig weißen Novum Castellum.
Zu trinken gab es Wein und große Krüge dunklen Bieres, von dem Dylas stolz behauptete, er habe es selbst gebraut.
Wir aßen gerade das mit herzhaftem Sauerkrautsaft
vollgesogene Brot, als wir das Klirren von Metall und das Knirschen von Leder hörten und Paccius in voller
Schlachtrüstung die Taverne betrat. Wyrd entschuldigte sich bei uns mit einem Schluckauf und ging leicht schwankend mit dem Signifer zu einem sauberen Tisch, um ihm zu
erklären, wie er am besten zum Lager der Hunnen gelange und wie er es angreifen solle.
Da ich nicht wußte, worüber ich mit Dylas reden könnte, fragte ich: »Wer ist oder wer war Juhiza?«
Dylas leerte ein weiteres Trinkhorn und schüttelte den Kopf, ich hätte sie nicht erwähnen sollen. Du hast gesehen, welch harter Ausdruck plötzlich auf Wyrds Gesicht lag. Auch du solltest sie nie mehr erwähnen.«
Ich wechselte das Thema: »Euren Gesprächen nach kennt
Ihr Wyrd schon sehr lange?«
Er wischte sich mit der Hand den fettigen Bart ab und
sagte gedankenverloren: »Wir kennen uns, seit wir Rekruten der Zwanzigsten Legion in Deva waren. Ich weiß noch, wie er den Namen Wyrd, Freund der Wölfe, erhielt. Wyrd und ich, wir sind durch unseren Kriegsdienst Römer, doch von Geburt Kelten, deshalb sprechen wir manchmal noch das
Keltische in Erinnerung an die alten Zeiten.«
»Bis heute wußte ich nicht, woher er kommt. Warum habt Ihr die keltischen Inseln verlassen?«
»Ein Soldat ist immer da, wo er gebraucht wird. Wyrd und ich waren nur zwei von vielen Tausend, die von Rom nach und nach aus Britannien abgezogen wurden, als die
Barbaren hier in Europa Kolonien bedrohten, die Rom
wichtiger waren. Unsere letzte Schlacht fand gegen die Hunnen statt, als wir in den Hilfstruppen der Elften Legion kämpften.«
»Du trinkst ja gar nichts, Junge«, sagte Wyrd mit einem Schluckauf, als er sich wieder zu uns gesellte und Paccius die Taverne verließ, indem er im römischen Salut die rechte Hand ballte. »Du schläfst mir hier über den langweiligen Erinnerungen alter Haudegen noch ein. Mach' es dir doch in der Kaserne bequem. Doch zuvor - hier habe ich noch etwas für dich.«
Er löste seine Geldbörse vom Gürtel und schüttete eine Menge Münzen in meine Hand: Kupfer, Messing, Silber und eine gar aus Gold.
»Was soll ich damit tun, Fräuja«, fragte ich.
»Was immer du willst. Es ist dein Anteil an dem Erlös.«
Ich schnappte nach Luft. »Soviel habe ich nicht verdient!«
»Slaväith. Ich bestimme, was du verdient hast und was
nicht. Hick. Du solltest dir damit kaufen, was du für die Dauer unserer Reise brauchst oder was auch immer dir
gefällt.«
Ich dankte Wyrd aufrichtig für seine Großzügigkeit und Dylas für die kräftige Mahlzeit, wünschte den beiden alten Kameraden noch, daß sie sich weiterhin vergnüglich
unterhalten und dem Wein zusprechen möchten, und
machte mich davon. Erst draußen zählte ich mein Geld. Da war ein Goldsolidus, zahlreiche Silbersolidi, viele Sesterzen aus Messing und Kupfermünzen - alles in allem der
schwindelerregende Betrag von zwei Goldsolidi.
Als ich mich umsah, bemerkte ich, daß Basilia wieder zum Leben erwacht war. Ich sah Männer, Frauen und Kinder auf der Straße.
Die Läden hatten geöffnet, und die Bürger gingen darin aus und ein, weil sie nach der langen Barrikade Lebensmittel einkaufen mußten.
Mir selbst fiel nichts ein, was ich für die Dauer meiner weiteren Reise hätte gebrauchen können. Eher zufällig war ich in den Besitz von Schätzen gekommen, für die andere ein Leben lang arbeiteten: ein prächtiges Pferd mit Sattel und Zaumzeug, Scheide und Schwert, eine Feldflasche und all die Gegenstände, die ich in Vesontio erstanden hatte, darunter auch ein Kleid und ein Kopftuch, die ich mir nur für den Fall besorgt hatte, daß es einmal von Vorteil sein würde, öffentlich als Mädchen auftreten zu können.
Allerdings fehlte mir noch der entsprechende Putz und
Schmuck. Also suchte ich zuerst das Geschäft eines
Salbenhändlers auf. Ich ging in den Laden und erzählte dem Weib hinter dem Ladentisch, daß ich der Diener einer
Clarissima sei, denn einerseits wollte ich nicht verraten, daß ich für mich selbst einkaufte, und andererseits mußte ich einen Grund dafür angeben, daß ich so viel Geld besaß.
Natürlich kannte die Salbenhändlerin alle feinen Damen der Stadt, also log ich, daß meine Dame bald in Basilia
eintreffen würde, unterwegs jedoch ihr Kästchen mit
Kosmetika verloren hätte.
Das Weib machte sich sogleich eifrig im Laden zu
schaffen, und es wurde ein teurer Kauf, doch ich konnte es mir leisten. Ich verließ den Laden mit einem hübschen
Päckchen aus Tiegeln von Kreiden, salben und Pudern und Flaschen voll Schönheitswässerchen kurz, mit den
Schönheitsmitteln einer richtigen Dame, die nur noch
entfernt an all die Beerensäfte, Aufgüsse und Talge
erinnerten, mit denen wir Mädchen des Klosters St. Pelagia uns immer geschminkt hatten. was ich als nächstes in der Werkstatt eines Goldschmieds erstand, war noch teurer, denn ich entschloß mich, Schmuck für »meine feine Dame«
zu kaufen. Obgleich ich die exzellenten
Goldschmiedearbeiten des Händlers überging und nur
Silbergeschmeide ohne Edelsteine auswählte, erschöpfte dieser Kauf nahezu mein neuerworbenes Vermögen.
Als ich später in Richtung Garnison den Hügel hinaufstieg, machte ich mir etwas Sorgen über meine Wahl und meinen Geschmack. Ich war mir nicht sicher, ob das, was ich
erstanden hatte, feminin genug aussah. Doch dann kam ich zu folgendem Schluß: Wenn nun die männliche Hälfte
meiner Natur diesen Schmuck ausgewählt hatte, dann
müßte eigentlich jeder Mann den Schmuck und damit mich selbst bewundern - und war dies nicht der Grund, weshalb Frauen sich schmückten?
Die Garnison war nun nicht mehr so überfüllt wie zuvor, denn die meisten Bauern und Reisenden, die dort
untergebracht gewesen waren, gingen jetzt wieder ihren Pflichten nach. Nur der Syrer und seine Charismaten
wohnten noch dort, immer noch in derselben Unterkunft wie Wyrd und ich. Als ich mich auf meiner Bettstatt ausstreckte, wollte er mir erzählen, daß er darauf warte, daß Paccius den kleinen Becga unversehrt zurückbringe, doch ich war bald eingeschlafen.
Mitten in der Nacht wachte ich auf, denn zwei
angetrunkene Soldaten schleppten einen bewußtlosen Wyrd in unser Zimmer. Sie torkelten herum und fluchten, bis sie das leere Bett fanden und ihn darauf warfen. Beunruhigt fragte ich, was denn mit Wyrd los sei, doch sie lachten nur und sagten, ob ich das nicht rieche.
Als sie gegangen waren, roch ich tatsächlich an ihm, weil ich sichergehen wollte, daß er überhaupt atmete, und taumelte zurück, denn der Weindunst machte mich
schwindlig.
Es war bereits heller Tag, als ich aufwachte. Wyrd war schon aufgestanden, stand über die Waschschüssel
gebeugt und tauchte immer wieder seinen Kopf ins Wasser.
»Oh väi«, klagte er, indem er seinen Bart auswrang, »ich habe höllische Kopfschmerzen. Dieser Oglasa-Wein fordert einen schrecklichen Tribut von seinen Freunden. Doch er ist es wert, er ist es wert...«
Ich grinste nur und sagte: »Vielleicht fühlt Ihr Euch nach dem Frühstück besser. Wir wollen sehen, ob wir zu dieser Stunde im Speisesaal noch etwas zu essen bekommen.«
»Tote essen nicht. Ich will zuerst in die Thermen gehen.
Vielleicht stellt mich ein gründliches Bad wieder her.«
Doch Wyrd wurde zumindest ein wenig wiederbelebt,
bevor er das Bad auch nur bestieg, denn im Apodyterium trafen wir Paccius. Der zog gerade seine Rüstung aus,
deren Metall und Leder schmutzig, an manchen Stellen
abgestoßen und mit getrocknetem Blut beschmiert war.
Paccius selbst war auch schmutzig und sah müde aus, doch seine Augen und sein Lächeln waren munter.
»Ah, Signifer - salve, salve«, sagte Wyrd. »Es ging also gut?«
»Es ging gut, und es ist vorüber. Wir haben es hinter uns«, antwortete Paccius heiter. »Und ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mich von nun an als Zenturio anreden würdet.«
Wyrd und ich sagten einstimmig: »Gratulatio, Zenturio.«
»Ja, wir machten jedem einzelnen dieser Wilden im Lager den Garaus«, fuhr Paccius fort. »Und von Calidius weiß ich, daß die trojanische Truppe am Birsus dasselbe vollbrachte.
Diese Aasgeier werden uns nicht mehr ärgern, jedenfalls nicht diese eine Horde.«
»Und weiter...?« fragte Wyrd, als auch er anfing, sich auszuziehen.
»Nun, wie Ihr befohlen habt«, meinte Paccius fast
nüchtern. »Wir haben nicht versucht, die sterblichen
Überreste von Fabius und Placidia zu retten, sondern wir verbrannten sie mit all den anderen Leichen, und ich sagte dem Legaten, daß die Körper seines Sohnes und dessen
Gemahlin schon vernichtet waren, als wir ankamen. Er kann sie nun zwar nicht römisch bestatten, wie es sich schickt, doch wir ersparen ihm unnötigen Schmerz. Er soll nicht erfahren, wie Fabius sterben mußte.«
Neugierig fragte ich: »Was ist mit dem Charismaten
Becga?«
»Der ist auch tot«, lautete die gleichgültige Antwort.
»Starb er von der Hand eines Hunnen oder von der eines Römers?«
»Er starb von meiner Hand«, sagte Paccius zu mir und
wandte sich dann an Wyrd. »Wie Ihr befohlen habt, Uiridus.
Es war schnell vorbei, und der Eunuche mußte nicht leiden.«
"Auf Euren Befehl?« begehrte ich auf. »Aber Ihr wart doch auch der Meinung, daß Becga nur ein unschuldiges Opfer der Umstände war!«
Wyrd zuckte zusammen und sagte: »Nicht so laut,
Bursche. Du vergißt, daß du es warst, der ihn vorschlug.
Calidius hätte es uns nie verziehen, wenn wir diese
nichtswürdige charismatische Hure hätten leben lassen, denn später hätte er vielleicht damit angegeben, daß er gegen Calidius' Enkelsohn ausgetauscht worden ist.«
»Es kommt mir unnötig grausam vor, Becga umzubringen,
nur um die Gefühle des Legaten nicht zu verletzen.«
»Es war nicht grausam«, schnappte Wyrd, und diesmal
ließ ihn seine eigene laute Stimme zusammenzucken. »Du weißt, was für ein Leben ihn erwartet hätte, wenn er
zurückgekommen wäre.«
Wyrd hatte recht, und ich folgte ihm kleinlaut ins Innere des Bades. Ich war es gewesen, der »austauschen« gesagt und Becga dadurch zum Tode verurteilt hatte. Es war die männliche Hälfte meiner Natur gewesen, die dies getan
hatte, und es war unpassend von mir, mich nun wie eine Frau schuldig zu fühlen oder mich gar zu grämen.
Nun gut, sagte ich mir, ich würde einfach froh sein, Becga nicht gut oder lange genug gekannt zu haben, um an ihm zu hängen. Ich würde jede Verantwortung für seinen Tod und jedes Gefühl der Reue weit von mir weisen. Ich würde von nun an jeden Vorteil ausnutzen, den es hatte, Thorn
Mannamawi zu sein: ein Wesen ohne Gewissen, Erbarmen,
Reue. Ein Wesen, so unerbittlich und amoralisch wie mein Juikabloth und jeder andere Greif dieser Erde. Das schwor ich mir.
Am Lacus Brigantinus
1
Gemeinsam zogen wir von Basilia weiter, ich und Wyrd,
der Waldläufer, der Freund der Wölfe. Seine eigenen
Wanderungen führten ihn ostwärts, in die Richtung, in die auch ich wollte, in das von den Goten besetzte Land. Und da ich nicht in Eile war und der weise, alte Waldmensch mich immer neue und nützliche Dinge lehrte, war ich es mehr als zufrieden, in seiner Gesellschaft zu bleiben und mich seiner Geschwindigkeit anzupassen.
In den ersten Wochen nach unserer Abreise aus Basilia
unterwies Wyrd mich vor allem in der Pflege der Pferde und den höheren Weihen der Reitkunst.
»Denke daran«, sagte er, »die Götter der Natur haben
niemals beabsichtigt, daß ein Pferd etwas anderes sei als ein Pferd, ungezähmt, frei und herrenlos. Größe und Form des Tieres lassen zwar denken, die Natur hätte es dazu bestimmt, einen Reiter zu tragen, aber dem ist nicht so.
Wenn du auf einem Pferd sitzt, bist du ihm lediglich eine unwillkommene Last, ein Parasit. Aber du darfst das Pferd niemals fühlen lassen, daß du nur ein Parasit bist. Es muß dich als Gefährten annehmen - als Gefährten, der über es bestimmt.«
Einmal stellte ich Wyrds Regeln und seine Treue
gegenüber den althergebrachten Traditionen der Reitkunst allerdings in Frage. Ich übte mich unter seiner Anleitung im Kampf zu Pferde und führte mein Kurzschwert gegen
feindliche Büsche und Bäume, während Velox auf meine
Befehle hin wendete und drehte und vorwärts stürmte.
»Genauso«, rief Wyrd. »Und jetzt den Schlag mit der
Rückhand! Denk dran, du kannst mit einem Pferd aus dem Galopp eine Kehrtwende machen. Nimm ihn ran, Junge!
Jetzt den Flankenhieb! Und jetzt den Befreiungsschlag! Gut gemacht, Junge.«
»Es wäre... doch einfacher«, sagte ich keuchend vor
Anstrengung, »wenn man für die Füße... eine Art Klammer hätte... die einem hilft, oben zu bleiben...«
»Dafür sind die Schenkel da«, entgegnete Wyrd. »Deine
sind bereits in der Zeit, in der ich dich kenne, länger und stärker geworden.«
»Trotzdem...« Ich überlegte. »Wenn man irgendwie
verhindern könnte, daß die Füße hin- und herschlenkern...«
»Seit den Anfängen der Zeit reiten die Menschen ohne
eine solche Vorrichtung, und sie reiten gut. Lerne zu reiten, statt herumzustreiten.«
Aber ich gab nicht auf und versuchte mich als Erfinder. Mir fiel ein, wie ich im Scheunenhof von St. Damian das alte Zugpferd geritten hatte, bis die Milch zu Butter geworden war. Damals waren meine Schenkel weder kräftig noch lang gewesen, aber ich hatte die Füße unter die auf beiden
Seiten herunterhängenden, mit Milch gefüllten Behälter geschoben und mich so auf dem breiten Rücken des Pferds halten können. Natürlich konnte ich einem Kriegspferd keine solchen Behälter auflegen, was ja auch lächerlich
ausgesehen hätte, aber wenn ich irgend etwas hätte, unter das ich meine Füße schieben könnte... Da fiel mir ein, daß ich mir in Balsan Hrinkhen beim Erklettern astloser Stämme mit Hilfe meiner Gürtelschnur den nötigen Halt verschafft hatte...
»Und jetzt?« brummte Wyrd, als ich ihm voller Stolz
vorführte, was ich mir ausgedacht hatte. »Du hast dich an dein Pferd gefesselt?«
»Nicht ganz«, erwiderte ich hochmütig. »Schau her. Ich habe drei von unseren festen Packschnüren genommen und sie zu einem dicken Seil geflochten. Dann habe ich das Seil Velox knapp vor den Rippen um den Leib geschlungen, so daß es nicht nach hinten rutschen kann. Dabei habe ich es nicht zu fest angezogen, sondern so lose, daß ich auf beiden Seiten mit den Füßen hineinschlüpfen kann - und siehst du, Fräuja! Es hält mich so sicher, als würde ich mit beiden Füßen auf dem Boden auf einem Stuhl sitzen.
»Und was sagt dein Pferd zu dieser plumpen
Vorrichtung?« fragte Wyrd bissig. »Mag es den dicken
Knoten am Bauch?«
»Na ja, ich gebe zu, der Knoten ist hinderlich. Ich wollte ihn hier oben am Widerrist befestigen, doch er rutscht immer wieder nach unten. Aber ich glaube, daß es Velox lieber ist, wenn ich sicher sitze, als wenn ich jedesmal, wenn er
Richtung oder Geschwindigkeit ändert, im Sattel hin- und herrutsche.«
»Sicher sitzen, aha. Ich habe gesehen, wie die Reiter der Alanen einen solchen Seiltrick ausprobiert und wie sie es bereut haben. Warte ab, mein Junge, bis dich der Hieb eines Gegners aus dem Sattel wirft und du am Geschirr hängend kopfüber durch die Gegend schleifst.«
»Dann muß ich eben dafür sorgen, daß mich niemand aus
dem Sattel wirft«, erwiderte ich selbstgefällig.
Wyrd schüttelte den Kopf wie mißbilligend, aber ich
glaube, er bewunderte mich auch, denn er sagte: »Dazu
hast du vielleicht noch oft Gelegenheit. Du siehst mit deiner Schnur so komisch aus, daß jeder vorbeikommende Goliath versucht sein dürfte, dich aus dem Sattel zu heben. Aber reite, wie du willst, Junge. Ich zeige dir, wie du das Seil spleißen kannst, um den lästigen Knoten zu vermeiden.«
»Velox wird es dir danken, Fräuja«, sagte ich erfreut. »Und ich ebenfalls.«
Natürlich lernte ich auf den Reisen mit Wyrd mehr als nur den Umgang mit Pferden und die Kunst des Reitens.
Während unseres ersten gemeinsamen Sommers ritten wir
einmal durch ein spärlich bewaldetes Gebiet. Der graue Himmel lastete schwer und heiß auf uns wie eine wollene Decke, als Wyrd plötzlich sagte: »Hörst du den Schrei, Junge?«
»Ich höre nur eine Krähe. In der Baumkrone da drüben.«
»Nur eine Krähe? Hör genau hin.«
Aber ich hörte nur ein heiseres Krächzen. Es klang
vielleicht entschiedener als sonst, aber weiter fiel mir nichts daran auf.
»Die Krähe stößt einen besonderen Warnruf aus«, erklärte Wyrd. »Eine Sturmwarnung! Lerne, diesen Ruf zu erkennen.
Aber jetzt sieh dich nach einem Unterstand um. Ich möchte nicht hier im offenen Land in einen Sturm geraten.«
Wir fanden eine flache Höhle, kurz bevor es plötzlich
stockfinster wurde und der Sturm losbrach. Grelle Blitze zuckten durch die Nacht, ein Brüllen erfüllte die Luft, und ein Sturzregen ging nieder. Es war furchteinflößend, aber nicht unnatürlich. Nach einiger Zeit jedoch wurde unsere Höhle plötzlich von einem unheimlichen, beständigen blauen
Leuchten erhellt. Wir sahen hinaus und stellten fest, daß alle Bäume in Sichtweite von einem blauen Feuer umhüllt waren, das an allen Ästen brannte und von den Spitzen der Zweige himmelwärts strömte.
»Jesus!« schrie ich und sprang auf. »Wir müssen die
Pferde retten. Sie sind an einem der Bäume angebunden.«
»Immer mit der Ruhe, mein Junge.« Wyrd blieb
bewegungslos sitzen. »Das ist das Feuer der Zwillinge, ein gutes Omen.«
»Seit wann ist ein Waldbrand ein gutes Omen?«
»Sieh genau hin. Das Feuer verbrennt kein einziges Blatt.
Es ist nur hell, nicht heiß. Die Seefahrer verehren die Zwillingsgötter Castor und Pollux, denn wenn ihre Feuer bei einem Sturm auf dem Meer erscheinen, lassen Sturm und
Seegang alsbald nach. Schau, das kalte, blaue Licht der Zwillinge verblaßt, und schon verliert auch der Sturm an Gewalt.«
Als ich im Herbst eines Tages damit beschäftigt war, eine Hirschkuh in die Richtung Wyrds zu treiben, der mit Pfeil und Bogen auf der Lauer lag, prallte ich gegen einen Baum.
Wenn ich nicht die Füße fest unter Velox' Gurt geklemmt hätte, wäre ich wahrscheinlich aus dem Sattel geworfen worden. So trug ich keine Verletzung davon außer einem großen blauen Fleck an der Hüfte. Was dagegen beschädigt wurde, war meine schöne, aus Leder und Zinn gefertigte Wasserflasche. Sie hatte eine tiefe Beule, und ich war untröstlich, durch mein Ungeschick ein so wertvolles und nützliches Geschenk beschädigt zu haben.
Aber Wyrd tröstete mich: »Sei nicht traurig, mein Junge.
Während ich diese prächtige Hirschkuh häute und zerlege und uns ein Mahl bereite, sammelst du von den Büschen
und Gräsern der Umgebung alle möglichen Samen.«
Ich hielt den Saum meines Kittels hoch und füllte die
dadurch entstandene Tasche mit Samen. Als ich
zurückkehrte, sagte Wyrd: »Schütte die Samen in deine
zerbeulte Flasche, bis sie ganz voll ist.« Dann gab er mir seine eigene, wassergefüllte Flasche. »Jetzt fülle sie bis oben mit Wasser. Verkorke sie so fest, wie du kannst, lege sie hin, und denk nicht mehr dran. Hier, die Innereien kannst du deinem Adler füttern. Dann brate dieses saftige Fleisch, und sorge dafür, daß das Feuer nicht ausgeht, während ich mich etwas hinlege. Wecke mich, wenn das Essen fertig
ist.«
Das frische Fleisch, gekocht in der gut gefetteten Haut der Hirschkuh und leicht gewürzt vom Feuer, für das Wyrd
aromatisches Lorbeerbaumholz genommen hatte,
schmeckte so köstlich, daß ich jeden Gedanken an meine Flasche vergaß. Aber noch während Wyrd und ich
schmatzend unser Mahl verzehrten, hörte ich einen lauten Knall aus der Richtung meiner ausgerollten Decken. Ich stand auf, um nachzusehen, und entdeckte, daß meine
Flasche keine Beule mehr hatte. Abgesehen von einer
rauhen Stelle am Lederriemen war sie so gut wie neu.
»Samen, Körner, Bohnen und ähnliches«, sagte Wyrd.
»Du brauchst sie nur zu befeuchten, und ihr Drang zu
wachsen erzeugt sofort einen unglaublichen Druck. Leere die Flasche jetzt aus, bevor die Samen den Korken über die Bäume fliegen lassen - oder die Flasche sprengen.«
Natürlich bestanden unsere Gespräche nicht immer darin, daß er erklärte und ich zuhörte - oder herumstritt, wie er mir so oft vorwarf. Meist unterhielten wir uns über weniger wichtige Dinge. Ich weiß noch, daß er mich einmal beiläufig fragte, warum ich nur den Namen einer Rune und nicht
einen richtigen Namen hätte. Ich erzählte ihm, wie die Mönche von St. Damian mich auf ihrer Schwelle gefunden und diese Rune auf meinen Windeln entdeckt hätten.
»Wahrscheinlich bedeutete sie Theodahad oder Theudis
oder so etwas.«
»Eher Theoderich«, sagte Wyrd. »Denn dieser Name
wurde männlichen Neugeborenen damals im Westen oft
verliehen. Der erste Theoderich, König der Westgoten, war kurz zuvor im Kampf gegen die Hunnen auf den
Katalaunischen Feldern den Heldentod gestorben. Und
wenig später folgte ihm einer seiner Söhne auf den Thron, der ebenfalls Theoderich hieß, ein weiser und milder
Herrscher, der sehr beliebt war.«
Ich erwiderte nichts. Ich hatte von diesen Theoderichs gehört, bezweifelte aber stark, daß meine Mutter ihr Kind, das weder Junge noch Mädchen war, nach einem König
benannt hatte.
»Heute«, fuhr Wyrd fort, »gibt es irgendwo im Osten einen neuen Theoderich, Theoderich Strabo, den unbedeutenden König eines Teil des ostgotischen Reiches. Aber da sein Name Theoderich Schielauge bedeutet, wette ich, daß nur wenige Eltern ihre Söhne ihm zu Ehren benennen. Und dann gibt es da noch einen Theoderich, einen Burschen ungefähr in deinem Alter, Theoderich den Amaler, dessen Vater,
Großvater und wahrscheinlich sämtliche Vorfahren Könige der Ostgoten gewesen sind.«
Dies war das erste Mal, daß ich den Namen jenes
Theoderich hörte, mit dem mein Leben später so eng
verknüpft sein sollte. Da ich jedoch weder Weissager noch sonst ein Hellseher war, hörte ich nur mit halbem Ohr zu, als Wyrd weitersprach.
»Dieser Theoderich ist zur Zeit eine Geisel am
kaiserlichen Hof in Konstantinopel, eine Rückversicherung, daß sein königlicher Vater und sein königlicher Onkel den Frieden im Ostreich nicht stören. Der Junge hat Glück. Eine Geisel Kaiser Leons zu sein, ist erheblich angenehmer als, sagen wir, eine Geisel der Hunnen. Ich habe gehört, daß Theoderich mit all den Privilegien aufwächst, die dem Sohn eines römischen Patriziers edelster Abstammung zustehen.
Es heißt, daß er am Hof sehr beliebt ist und daß er sehr begabt ist, sowohl in den Sprachen wie in den sportlichen Disziplinen. Zweifellos wird er, wenn er das richtige Alter erreicht hat, das Königreich der Ostgoten erben und
wahrscheinlich dem römischen Imperium Ärger machen.
Und wer weiß, vielleicht werden dann ganze Generationen von Kindern nach ihm benannt.«
2
Wyrd und ich betraten die Stadt Constantia zu Fuß und
führten unsere Pferde, denn die Pelze stapelten sich auf den Sätteln. Wir waren dem Rhein von Basilia flußaufwärts
gefolgt und hatten unterwegs jedes pelztragende Geschöpf, das unseren Weg kreuzte, erlegt.
Bei dem Tod eines Geschöpfes vergoß ich Tränen - und
ich konnte mich nicht erinnern, jemals zuvor in meinem Leben geweint zu haben. Seit vielen Wochen hatte mein
Juikabloth nur aus Spaß, oder um nicht aus der Übung zu geraten, Jagd auf Reptilien gemacht, so gut konnte er sich von den Gedärmen der Tiere ernähren, die wir erlegten. Als er nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr jagte und auch nur noch sehr selten flog, sondern lieber, lethargisch auf meiner Schulter, dem Sattelzwiesel oder einem Baumstamm an
unseren Lagerplätzen sitzen blieb, dachte ich zuerst, er sei nur vollgefressen und faul. Aber dann, eines Tages, tat er etwas sehr Unziemliches, etwas, das er niemals zuvor getan hatte. Während wir ritten, ließ er seinen Kot auf meinen Umhang fallen, und ich bemerkte, daß sein Kot nicht, wie üblich, weiß mit schwarzen Flecken war, sondern
grünlichgelb.
Besorgt wandte ich mich an Wyrd. Er hielt den Vogel - der es sich teilnahmslos gefallen ließ - fest, untersuchte ihn eingehend und schüttelte dann den Kopf.
»Seine Augen sind matt, und die Lider wollen sich nicht mehr öffnen. Das Fleisch um den Schnabel herum ist
trocken und blaß. Ich fürchte, er leidet an der
Schweinepest.«
»Schweinepest? Das ist ein Adler.«
»Ein Adler, der mit dem ungekochten Gekröse von Ebern
gefüttert wurde. Manche Schweine sind mit einem Parasiten infiziert, der auf einen anderen Wirt übertragen werden kann.«
»Wie eine Laus? Ich kämme seine Federn und...«
»Ne, Junge«, sagte Wyrd mitleidig. »Dieser Parasit ist eine Art Wurm. Er frißt sich von innen nach außen. Er kann einen Menschen töten. Er wird so gut wie sicher diesen Vogel töten. Ich weiß nicht, was man dagegen tun kann. Wir
können höchstens versuchen, ihm hin und wieder ein wenig anregendes Kastoröl zu verabreichen.«
Also versuchte er das, und der Juikabloth schluckte das Öl teilnahmslos. Früher hätte er - wählerisch wie er war - etwas so Übelriechendes zurückgewiesen. Ich fuhr fort, dem Vogel Kastoröl einzuflössen, aber ohne sichtbaren Erfolg. Ich entfernte sogar, heimlich, den schweren Kupferdeckel von dem Glasfläschchen, das ich Wyrd weder gezeigt noch
jemals ihm gegenüber erwähnt hatte, und bot dem Vogel, ohne mich zu schämen, von der wertvollen Milch der
Jungfrau an. Aber er schaute mich nur halb verächtlich, halb mitleidig aus seinen müden Augen an und lehnte das
Angebot ab.
Der Juikabloth wurde immer schwächer, sein einst
strahlendes und glänzendes, jetzt aber ungepflegtes
Gefieder wurde stumpf und struppig. Ich warf mir immer und immer wieder, manchmal auch laut, vor:
»Dieser tapfere Vogel hat mir nur Gutes getan, und ich habe es ihm mit Schaden vergolten. Mein Freund stirbt.«
»Hör auf zu heulen«, sagte Wyrd. »Der Adler tut es auch nicht, und er würde dich dafür verachten. Junge, jeder von uns muß an irgend etwas sterben. Und ein Greif weiß besser als alle anderen Geschöpfe, daß selbst Raubvögel nicht ewig leben.«
»Aber es war mein Fehler«, beharrte ich. »Hätte ich nicht seine angeborenen Angewohnheiten und seine
Lebensweise verändert, dann hätte er nur reine Dinge zu sich genommen«, fügte ich bitter hinzu. »Gerade ich hätte am besten wissen müssen, daß man nicht mit der Natur
eines anderen Geschöpfes spielen darf.«
Wyrd blickte mich verständnislos an und sagte nichts.
Wahrscheinlich dachte er, ich redete - verwirrt vom Leid -
irre.
»Wenn der Juikabloth schon sterben muß«, fuhr ich fort,
»dann hätte er im blutigen Kampf sterben sollen. Das hätte seiner Natur entsprochen. Wenn er wenigstens in der Luft, in seinem Element, gestorben wäre, dort, wo er am
glücklichsten und am meisten zu Hause war.«
»Das«, sagte Wyrd, »kann er immer noch. Nimm dies« - er streckte mir seinen Kriegsbogen, einen Pfeil schon in der Kerbe, entgegen - »und wirf den Adler in die Luft.«
»Gerne würde ich«, entgegnete ich jämmerlich, »aber,
Fräuja, ich habe nur selten mit diesem Bogen geübt. Ich könnte niemals einen Vogel im Flug treffen.«
»Versuch es. Tu es jetzt, solange dein Freund noch fliegen kann.«
Ich neigte den Kopf zur Seite, um meine Wange am Adler zu reiben, woraufhin er sich an mich drückte. Ich hob meine Hand und, das erste Mal seit Tagen, stieg er aus eigenem Antrieb auf meinen Finger. Ich schaute ihm ein letztes Mal in die Augen, die einst so scharf gewesen waren und jetzt so verschwommen blickten. Der Adler blickte mich an, so wild und so stolz er konnte. Stumm verabschiedete ich mich von dem einzigen lebenden Geschöpf, das mich mit Balsan
Hrinkhen und meiner Kindheit verband. Und ich glaube, daß sich der Vogel, auf seine eigene Weise, auch von mir
verabschiedete.
Ich wippte meine Hand und der Juikabloth flog. Er schoß nicht steil in die Höhe, in der freudigen Art und Weise, die ihm früher zu eigen gewesen war. Er schlug so angestrengt mit seinen Schwingen, als ob sie nicht länger instinktiv die Luft fühlen, sie sich Untertan machen und beherrschen
könnten. Aber er war immer noch stark, er floh nicht vor mir, sondern hielt sich vor mir in der Höhe, so daß er mich hören und schnell gehorchen und zurückkommen konnte, falls ich rufen würde. Aber ich rief nicht, und ich konnte ihn noch nicht einmal mehr sehen, weil meine Augen voller Tränen waren.
Blindlings spannte ich den Bogen und ließ den Pfeil los.
Als nächstes hörte ich das Geräusch des durch die Federn dringenden Pfeils, und dann den traurigen, weichen
Aufschlag des leblosen Körpers auf dem Boden. Ich hatte nicht gezielt; ich hätte es nicht tun können. Ich war mir vollkommen im klaren darüber, daß der Juikabloth in den Pfeil hineingeflogen war. Damals schwor ich mir: Wenn
meine Zeit kommt, werde ich danach streben, genauso
heldenhaft zu sterben.
Nach einiger Zeit, als ich wieder sprechen konnte, flüsterte ich dem Vogel zu: »Huarbodau mith gawairthja.« Dann sagte ich zu Wyrd: »Der Adler verdient ein Heldenbegräbnis.«
»Begräbnisse sind für gezähmte Tiere«, grummelte er,
»wie Soldaten, Frauen und Christen. Ne, überlaß ihn den Ameisen und Käfern. Adlerfleisch ist zäh und nicht sehr schmackhaft, kein höheres Wesen wird davon essen und
sich infizieren. Aber die Insekten werden ihn zu Kompost umwandeln, und so wird unser Freund ein neues Leben
beginnen.«
»Was? Wie das?«
»Vielleicht als eine Blume. Irgendwann wird er vielleicht einem Schmetterling als Nahrung dienen, der Schmetterling einer Lerche, und die Lerche einem zukünftigen Adler.«
»Das ist kaum der Weg, in den Himmel zu gelangen«,
spottete ich.
»Das ist der Himmel: mit jedem Tod der Erde neues Leben und neue Schönheit zu geben. Nicht viele von uns kommen dazu, das zu tun. Laß deinen Freund hier. Atgadjats!«
Als es wieder auf den Sommer zuging wurde die
Beschaffenheit der Felle, die wir erbeuteten, immer
schlechter, und Wyrd verkündete schließlich, daß wir jetzt genug Felle hätten. So stiegen wir von den Quellen des Flusses, wo wir uns aufhielten, hinab und verließen die Wälder. Vor uns lag der Lacus Brigantinus, die größte
Wasserfläche, die ich bisher in meinem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Wyrd erzählte mir, wieviele römische
Meilen der See lang und breit war und daß an seinem
tiefsten Punkt einhundertundfünfzig Männer, die einander auf den Schultern standen, nicht vom Grund an die
Oberfläche reichen würden. Aber ich brauchte keine Zahlen, um seine Größe zu erfassen. Die Tatsache, daß ich nicht einmal an seiner engsten Stelle das andere Ufer sehen konnte, genügte, mich, den Eingeborenen eines
landumschlossenen Tals, mit Ehrfurcht zu erfüllen.
Constantia ist nicht so groß wie Vesontio. Auch liegt es nicht auf einem Hügel und besitzt keine große Kathedrale, der einzige Ausblick ist der auf den melancholischen
Brigantinus. Aber ansonsten erinnert es sehr an Vesontio: eine Stadt am Wasser, ein Kreuzungspunkt von Verkehr und Handel. Die meisten der ständigen Bewohner stammen von den Helvetiern ab, einst ein umherziehendes, kriegerisches Volk, das aber schon vor langer Zeit seßhaft wurde, das römische Bürgerrecht erhielt, und dessen Nachfahren jetzt friedlich ihren Wohlstand mehrten, indem sie die Bedürfnisse der heutigen Nomaden - Kaufleute, Fuhrleute, Händler, Missionare, sogar Armeen fremder Nationen, die den Krieg hierhin und dorthin trugen - erfüllten. Es wurde gesagt, daß die Helvetier, indem sie der Neutralität einen Beruf machten, mehr an den Kriegen verdienten als die Sieger.
Da Constantia Kreuzungspunkt so vieler römischer
Heerstraßen ist, sind die helvetischen Bewohner gegenüber den durchreisenden Besuchern, die aus allen Ecken und
Enden des römischen Reiches kommen, deutlich in der
Unterzahl. Und die Bürger der Stadt scheinen sämtliche Sprachen des Reiches gelernt zu haben.
Während der nächsten Tage zog Wyrd durch Constantia,
mit einem Käufer nach dem anderen schachernd, um den
bestmöglichen Preis für unsere Pelze und das Kastoröl
herauszuschlagen. Ich, noch ein Novize in der Kunst, die Qualität und den Wert solcher Dinge einzuschätzen, und noch weniger bewanden in der Kunst des Handelns und
Verhandeins mit erfahrenen Kaufleuten, konnte Wvrd dabei nicht helfen. Also wanderte ich alleine durch Constantia und erforschte die Stadt.
Schon bald erfuhr ich aus dem, was auf den Plätzen
geredet wurde, daß die Bürger sich in einer Art Aufruhr befanden. Wyrd und ich hatten davon in den Badehäusern und Tavernen oder in unserer Herberge bisher noch nichts gehört, vor allem wohl, weil es zeitweilige Gäste wie uns und andere durchreisende Besucher nicht betraf. Aber die
helvetischen Bürger der Stadt regten sich so sehr sich die gleichmütigen Helvetier eben aufregen konnten wegen der Wahl eines neuen Priesters für die Basilika des Heiligen Beatus auf. Der bisherige Priester war vor kurzem gestorben (an zuviel Bier wie die Gerüchte gingen). Die Aufgabe, einen neuen Priester zu wählen, hatte das Stadtvolk ganz in
seinen Bann geschlagen. Ich war, wie immer, neugierig.
Wann immer ich also Leute in einer Sprache, die ich
verstand, über dieses Thema sprechen hörte, blieb ich in der Nähe und hörte zu.
»Ich werde Tigurinex nominieren«, sagte einer aus einer Gruppe von mittelalten Männern, die alle äußerst
wohlhabend und gutgenährt aussahen und ausnahmslos
Latein sprachen: »Caius Tigurinex juckt es schon seit
langem, mehr als nur ein erfolgreicher und sparsamer
Kaufmann zu sein.«
»Eine gute Wahl«, sagte ein anderer. »Tigurinex besitzt mehr Geschäfte und Lagerhäuser und er beschäftigt mehr Gemeine und kauft mehr Sklaven als irgendein anderer
Händler der Stadt.«
»Man hört Gerüchte vom anderen Ende des Sees«, sagte
ein dritter Mann, »daß auch Brigantinum in Bälde einen neuen Priester nötig haben wird. Angenommen, sie wählen Tigurinex?«
»So unwichtig diese Stadt auch ist«, sagte ein vierter,
»trotzdem würde Tigurinex dann bestimmt alle seine
Besitztümer nach Brigantium übertragen - bei Christo! Er würde sie in die Hölle bringen - wenn man ihm dort ein Priesteramt anbieten würde.«
»Eheu! Wir müssen ihn hierhalten.«
»Bietet Tigurinex die Stola an.«
Meine Neugier trieb mich in die Basilika des Heiligen
Beatus. Ich wollte sehen, wie der Kaufmann Tigurinex zum Priester geweiht wurde. Wie die Männer, die ich über ihn hatte reden hören, war er mittleren Alters, von ansehnlichem Körperumfang und glatzköpfig; er würde sich keine Tonsur rasieren müssen. Auch trug er keinen Bart, und sein Gesicht war anscheinend gepudert, damit seine Haut, von Natur aus ölig wie die eines Syrers, weniger glänzte.
Ohne zu stottern oder linkisch mit den Füßen zu scharren -
nicht einmal ein mäßiges Zucken des Kopfes war feststellbar
- verkündete er mit einer so sicheren Stimme die Annahme der Priesterschaft, als sei diese Ehre selbstverständlich und längst überfällig. Aber nicht einmal an diesem Tag hatte sich Tigurinex dazu herabgelassen, den einfachen Talar und die Mönchskutte überzuziehen. Er kam gekleidet als das, was er war und immer sein würde, Priester oder nicht: ein Krämer, der mit den Erzeugnissen der Arbeit anderer Menschen
handelte - ein sehr erfolgreicher, wohlhabender, eitler und herausgeputzter Krämer. Aber die reine und einfache weiße Stola über seine Schultern gelegt zu sehen, über die teuren, protzigen Gewänder, hätte selbst seine Kaufmannskollegen und Speichellecker unangenehm berühren müssen.
»Als meinen priesterlichen Namen«, schloß Tigurinex
seine Erklärung, »erwähle ich Tiburnius, als Ehrerbietung gegenüber diesem alten Heiligen. Hinfort werde ich euch ein strenger, aber liebender Vater sein, Tata Tiburnius. Wie es die Tradition verlangt, frage ich, ob es in dieser
Versammlung jemanden gibt, der meine Eignung zum
priesterlichen Dienst in Frage stellt.«
Die Kirche war überfüllt, aber keiner der Versammelten erhob seine Stimme. Verständlich, waren doch sämtliche Anwesende vor allem praktisch denkende, im Handel tätige Helvetier. Der vor und über ihnen thronende Mann konnte mit einem Wort oder sogar nur einem tadelnden Blick die Geschäftsaussichten jedes einzelnen Gemeindemitglieds
auf immer ruinieren.
Zu meiner Überraschung erhob sich dann doch eine
Stimme. Zu meiner noch größeren Überraschung war es
nicht die Stimme eines Helvetiers, es war die Wyrds. Ich wußte, es war ihm völlig gleichgültig, ob Tigurinex oder der Satan selbst Priester der Basilika des Heiligen Beatus war.
Vielleicht war er betrunken und wollte einfach Unruhe stiften.
Jedenfalls rief er zu dem Altar hinauf:
»Lieber Vater, lieber Tata Tiburnius, wie vereinbarst du deine christlichen Prinzipien mit der Tatsache, daß diese Stadt ihren Reichtum vor allem den ewigen Kriegen
zwischen den verschiedenen Fraktionen des Reiches
verdankt? Wirst du dagegen predigen?«
»Das werde ich nicht tun«, fuhr Tiburnius ohne Zögern
Wyrd an und warf ihm einen giftigen Blick zu. »Das
Christentum verbietet nicht, Krieg zu führen, solange der Krieg ein gerechter ist. Da jeder Krieg den Frieden zum Ziel hat, und da Frieden eine göttliche Gnade ist, kann jeder Krieg gerecht genannt werden.«
Tiburnius forderte keinen weiteren Widerspruch heraus -
auch Wyrd hielt sich zurück - und fuhr fort:
»Söhne und Töchter, bevor ich die Auflösung des
Gottesdienstes verkünde, bitte ich um die Erlaubnis, zu euch aus den Briefen des Paulus lesen zu dürfen.«
Tiburnius hatte aus den Briefen des Apostels Auszüge
ausgewählt, die seinesgleichen in der Kongregation erfreuen würden, die anwesenden Gemeinen, Arbeiter, Tagelöhner
und Sklaven einschüchtern und ihn, für den Fall daß eine hiesige oder durchreisende Persönlichkeit anwesend sein sollte, in einem schmeichelhaften Licht erscheinen lassen würden. »Der Apostel Paulus spricht: Jedermann sei
untenan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seit: Steuer, dem die Steuer gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt. So spricht der Apostel Paulus.«
Ich bahnte mir meinen Weg durch die verzückte Menge,
um rechtzeitig den Ausgang zu erreichen. Ich dachte, daß Constantia nicht nur den Priester bekommen hatte, den es gewollt, sondern auch den, den es verdient hatte. Tiburnius kam ans Ende seiner Ansprache:
»Laßt den Heiligen Augustinus die einzige Homilie über diesen Text sprechen. Der Heilige schrieb: ›Du bist es, Mutter Kirche, die die Frau dem Manne Untertan macht und den Manne über die Frau stellt. Du lehrst die Sklaven, ihren Herren Gehorsam zu erweisen. Du ermahnst die Könige,
zum Vorteil ihres Volkes zu regieren, und du bist es, die die Untertanen ermahnt, ihren Königen zu dienen...‹ « In meiner Eile stieß ich am Ausgang mit einem jungen Mann
zusammen, der offensichtlich auch darauf bedacht war, von hier wegzukommen. Wir traten zurück, murmelten
Entschuldigungen, boten einander den Vortritt an, bewegten uns gleichzeitig und stießen prompt wieder zusammen. Wir lachten und schritten schließlich Seite an Seite durch die Tür.
3
Und so traf ich Gudinand. Obwohl Gudinand drei oder vier Jahre älter war als ich, wurden wir Freunde und blieben es auch für den Rest des Sommers. Von seiner Familie lebte nur noch seine behinderte Mutter. Er arbeitete, um sie und sich selbst zu ernähren. Wir verbrachten fast seine ganze freie Zeit miteinander. Wir vergnügten uns häufig mit den typischen Streichen junger Burschen (obwohl ich erwartet hatte, daß Gudinand, angesichts seines Alters, solche
Spielereien als unter seiner Würde betrachten würde). Wir stibitzten Früchte von dem Karren eines Straßenhändlers und rannten ohne zu zahlen davon. Oder wir banden eine Schnur an einen Pfosten und versteckten uns auf der
anderen Straßenseite, bis irgendein pompös ausschauender Mann des Weges kam. Dann spannten wir die Schnur an,
um ihn in höchst belustigenden Verrenkungen hinfallen zu sehen. Solche Dinge eben. Wir unternahmen aber auch
weniger schelmenhafte Aktivitäten. Wir veranstalteten
Wettrennen gegeneinander, kletterten um die Wette auf
Bäume oder rangen miteinander. Hin und wieder borgte
Gudinand ein Tomus, mit dem wir zum Fischen auf den See hinausfuhren.
Während Wyrd noch in Constantia war und unsere Pelze
verkaufte - gegen einen sehr guten Preis, von dem er mir eine ausreichende Menge für den täglichen Bedarf gab (den Rest meines Verdienstes verwahrte er in einem sicheren Versteck) - traf er Gudinand ein- oder zweimal und war anscheinend darüber erfreut, daß ich einen neuen Freund gefunden hatte.
Nachdem ich Gudinand Wyrd vorgestellt hatte, sagte
Gudinand zu mir: »Er sieht zu alt aus, um dein Vater zu sein.
Ist er dein Großvater?«
»Wir sind überhaupt nicht verwandt«, antwortete ich. Und dann, da ich Gudinands Hochachtung für mich nicht durch das Eingeständnis mindern wollte, daß ich nichts weiter als der Lehrling eines Meisters war, log ich: »Ich bin sein Schützling. Wyrd ist mein Beschützer« - gerade so, als wäre ich der umsorgte Sprößling einer vornehmen Familie.
Gudinand fragte sich bestimmt, wovor ich beschützt
werden mußte und warum ein adliger Sproß einem
ungehobelten Waldbewohner zum Schütze anbefohlen
wurde, aber er fragte nicht nach.
Als Wyrd unsere Geschäfte in Constantia abgeschlossen
hatte wir konnten uns bis zum Herbst nicht wieder auf die Pelzjagd begeben -, verbrachte er den Rest des Sommers damit, durch die Gegend zu reiten und bei alten Freunden aus Soldatenzeiten vorbeizuschauen, etwa im befestigten Lager Arbor Felix, in der Bergstadt Brigantium und in der Inselgarnison Castrum Tiberii. Ich legte keinen allzu großen Wert darauf, den Sommer damit zu vertun, mit Wyrd und
seinen alten Freunden zu trinken und mir ihre endlosen Geschichten aus der Vergangenheit anzuhören. Ich blieb lieber in Constantia und traf mich so oft wie möglich mit Gudinand.
Mit ihm konnte ich nach Herzenslust umherstreifen,
herumtollen und Streiche aushecken. Unternehmungen, die mir viel Spaß machten - noch nie zuvor hatte ich einen mir so entsprechenden Freund gehabt. Aber es gab Dinge an
Gudinand, die mich verwirrten. Hier war er, ein junger Mann, achtzehn oder neunzehn Jahre alt, groß, gut gebaut,
intelligent und fast immer gut gelaunt - aber bis ich
auftauchte schien er nicht einen einzigen Freund zu besitzen, egal ob männlich oder weiblich. Ich wußte, daß er ein Einzelkind war und in mir vielleicht so etwas wie einen Bruderersatz sah. Aber ich konnte nicht feststellen, ob er es war, der seine Altersgenossen mied, oder ob umgekehrt sie ihn mieden. Alles, was ich wußte, war, daß ich ihn niemals in Gesellschaft von jemand anderem sah und daß sich an
unseren Spielen und Tollereien niemals ein anderes Kind beteiligte.
Außerdem machte Gudinand, vor dem ich feige meinen
Status als einfacher Lehrling verborgen hatte, kein
Geheimnis aus dem, was er war. Auf der sozialen Leiter stand er sogar noch unter nur, denn er verrichtete die übelste und dreckigste Arbeit in einer der Gerbereien der Stadt. Seit fünf Jahren arbeitete er als Lehrling im Hof jener Gerberei, wo die neu eingekauften Felle »geledert«, - das heißt in eine Grube getaucht wurden, die mit Urin,
angereichert mit verschiedenen Mineralsalzen und anderen Substanzen, gefüllt war. In dieser Brühe mußten die Felle eingeweicht, bewegt, gepresst, ausgewrungen und wieder eingeweicht werden.
Gudinands Aufgabe: den ganzen Tag bis zum Hals in
dieser Grube voll abgestandenem Urin, anderer stinkender Substanzen und noch übler stinkender unbearbeiteter Felle stehen, sie mit den Füßen treten und kneten und ein Fell nach dem anderen mit den Händen auswringen. Nach der
Arbeit verbrachte Gudinand immer lange Zeit in einer der billigeren Thermen der Stadt oder seifte sich mehrmals im See ab, bevor wir uns zum Spielen trafen. Er verbot mir strikt, ihn jemals bei der Arbeit zu besuchen, aber ich hatte dieselbe abstoßende Arbeit bereits in anderen Gerbereien in Constantia beobachten können. Also wußte ich, was er zu tun hatte - »Jesus, dachte ich, wahrscheinlich gerbte
Gudinand einige meiner Felle!« - und ich wußte auch, daß es eine so niedrige Arbeit war, daß üblicherweise nur die wertlosesten Sklaven dazu gezwungen wurden.
Ich konnte nicht verstehen, warum Gudinand diese
trostlose Arbeit angenommen hatte, oder warum seine
Herren ihm noch keine würdigere Position gegeben hatten.
Unvorstellbar, daß er diese abstoßende Arbeit seit so vielen Jahren ohne zu klagen auf sich nahm und sich damit
abgefunden zu haben schien, sie vielleicht für den Rest seines Lebens zu machen. Ich sage es nochmals: Gudinand war ein gutaussehender, sympathischer, umgänglicher
junger Mann, zwar nicht sehr gesprächig, aber auch nicht auf den Kopf gefallen - er hatte nicht, wie ich, die Schule besuchen können, aber sein Vater hatte ihm, als er noch lebte, beigebracht, die gotische Schrift zu lesen und zu schreiben.
Eigentlich hätte jeder Kaufmann in Constantia danach
trachten müssen, Gudinand für den Empfang von Kunden
einzusetzen, ihn die ersten Angelegenheiten regeln und die Kunden in eine spendable Stimmung versetzen zu lassen, bevor der Kaufmann selbst erscheinen und die harten
Verhandlungen über die anstehenden Geschäfte in die Hand nehmen würde. Gudinand wäre im Empfang ideal gewesen.
Warum er sich niemals um eine solche Anstellung bemüht oder warum kein Kaufmann ihm sie angeboten hatte, konnte ich nicht verstehen. Da aber Gudinand mir nur wenige
Fragen über mich stellte, nahm ich Abstand davon, ihm
Fragen über ihn und seinen zurückgezogenen
Lebenswandel zu stellen. Er war mein Freund und ich
seiner. Müssen zwei gute Freunde wirklich noch mehr
voneinander wissen?
Es gab jedoch noch etwas an ihm, daß mich nicht nur
verwirrte, sondern mir wirklich Schwierigkeiten bereitete. Hin und wieder manchmal waren wir mitten in irgendeinem
lustigen Spiel - hielt Gudinand plötzlich inne und fragte, sehr ernst oder sogar erschreckt aussehend, etwas wie:
»Thorn, hast du den grünen Vogel gesehen, der gerade
eben vorbeiflog?«
»Ne, Gudinand«, würde ich dann antworten, »ich habe
keinen Vogel gesehen. Und einen grünen Vogel habe ich noch nie im Leben gesehen.«
Oder er machte eine Bemerkung über den heißen Wind,
oder den kalten Wind, der auf einmal wehte, wenn ich nicht den geringsten Hauch verspürte und sich an keinem der
umliegenden Büsche oder Bäume auch nur ein Blatt rührte.
Nachdem Gudinand mehrmals in meiner Gegenwart etwas
mir nicht Wahrnehmbares gesehen oder gefühlt hatte, fiel mir noch etwas auf. Jedesmal nämlich preßte er die Daumen so stark gegen die Handteller, daß es aussah, als ob seine Hände jeweils nur vier Finger hätten. Wenn er zufällig barfuß war, krümmten sich seine Zehen so eng unter seine
Fußsohlen, daß es beinah aussah, als hätte er die Hufe eines Tieres. Noch mehr bestürzte mich, daß er im selben Moment, ohne ein weiteres Wort, so schnell er mit diesen behuften Füßen nur konnte, davonrannte und ich ihn für den Rest des Tages nicht mehr zu Gesicht bekam. Niemals bot er mir eine Erklärung oder eine Entschuldigung für sein seltsames Verhalten und sein abruptes Verschwinden an, wenn wir uns wieder sahen. Jedesmal verhielt er sich, als ob er sich an sein Verhalten nicht erinnern könnte und das machte alles nur noch rätselhafter.
Da es aber so selten vorkam, daß es unsere Freundschaft nicht ernsthaft gefährden konnte, verbot ich mir, ihn
deswegen mit Fragen zu bedrängen. Außerdem muß ich
zugeben, daß ich selbst in dieser Zeit so seltsame Gefühle, Gedanken und Tagträume in mir entdeckte, wie ich sie
bisher nicht kannte. Und diese Einsicht gab mir noch mehr Grund zur Verwirrung als Gudinands exzentrisches
Verhalten.
Zu Beginn unserer Freundschaft hatte ich Gudinand aus
denselben Gründen bewundert, aus denen es jeder andere jüngere Bursche tun würde - weil er älter war, athletischer, selbstsicherer - und weil er mich ohne die für ältere Brüder so typische Arroganz zum Freund genommen hatte. Nach
einer Weile jedoch, besonders wenn wir uns für einen
Wettlauf oder einen Ringkampf bis auf einen Lendenschurz auszogen und ich Gudinand so gut wie nackt sehen konnte, entdeckte ich, daß ich ihn mehr wie ein verliebtes junges Mädchen bewunderte - seiner Schönheit, seiner Stärke,
seiner maskulinen Anmut und Attraktivität wegen.
Es wäre untertrieben zu sagen, daß ich davon überrascht war. Ich hatte angenommen, daß meine weibliche Hälfte
sanft, passiv und schüchtern sei. Aber, so mußte ich jetzt feststellen, sie konnte Wünsche und Gelüste genauso
unmißverständlich wie meine männliche Hälfte zum
Ausdruck bringen. Wieder, wie schon damals, als Becga, das Kind, erschlagen wurde, stürzte mich der Mißklang
meiner verschiedenen Hälften in Verwirrung. Damals war es mir, das heißt meinem männlichen Teil, mit relativ wenigen Schwierigkeiten gelungen, die Empfindsamkeit des
weiblichen Teils zu unterdrücken. Aber jetzt schien die Frau in mir die dominante Rolle zu spielen, während mein
maskuliner Teil nur dabeistehen und mit einiger Bestürzung sehen konnte, was mit mir geschah.
Es dauerte nicht lange, bis ich nur noch mit Anstrengung meine Hand davon abhalten konnte, Gudinands
bronzefarbene Haut zu liebkosen oder sein lohfarbenes
Haar zu streicheln. Schließlich mußte ich dazu sogar meine gesamte Willenskraft aufwenden, aber irgendwie gelang es mir, diese Regungen und Gefühle zu verbergen. Gudinand, das wußte ich, würde sehr erstaunt sein, vielleicht aus der Fassung geraten oder sich sogar abgestoßen fühlen, wenn er jemals einen Blick auf diese Seite von mir werfen könnte.
Unsere Männerfreundschaft war mir zu wertvoll, um sie der kurzen und trivialen Befriedigung einer vorübergehenden Laune zu opfern. Leider war diese Laune weder eine Laune noch vorübergehend, sondern eine Sehnsucht, die immer
mehr Besitz von mir ergriff, bis in mir ein andauerndes Verlangen brannte, das nach Linderung schrie.
Wenn wir miteinander rangen, lag meistens ich schließlich hilflos auf dem Rücken. Obwohl ich für mein Alter und meine schlanke Gestalt stark war, war Gudinand schwerer und
gewandter mit den Griffen und Hebeln dieser Kampfart.
Wann immer er die Oberhand behielt, gab ich vor, ärgerlich und verdrießlich zu sein, weil ich verloren hatte. Aber in Wahrheit gefiel es mir, ihn siegreich auf mir sitzen zu fühlen, meine Handgelenke mit seinen Händen festhaltend und
meine Beine mit seinen Beinen niederdrückend, während wir beide schwer atmeten, er ohne Schwierigkeiten meine
Ausbruchsversuche unterband, mich angrinste und aus
seinem schwitzenden Gesicht warmer Schweiß auf mein
Gesicht tropfte. Die wenigen Male, da es mir gelang, ihn auf den Rücken zu werfen und siegreich seinen hingestreckten Körper unten zu halten, erfüllte mich das fast
unüberwindliche Verlangen, mich in voller Länge auf ihn zu legen, ihn sanft statt hart zu umfassen, mich mit ihm auf dem Boden zu wälzen und ihn über mir zu spüren.
Mir wurde - vielleicht mit ebensoviel Schrecken und
beinahe Entsetzen wie Gudinand es wohl gefühlt hätte, hätte er es nur gewußt - eins klar. Ich wollte, daß er mich hielt, mich liebkoste, küßte, sogar sexuell besaß. Aber während mein Verstand schon vor dem Gedanken an solch absurdes Tun zurückschreckte, bebte und zitterte ein etwas weniger vernünftiger Teil meines Geistes vor Erregung, wann immer ich mir diese Dinge bildlich vorstellte. Dasselbe galt, auf eine mir gänzlich neue Weise, für meinen Körper.
In vergangenen Zeiten, wenn ich wußte, daß Deidamia
und ich bald ineinander verschlungen daliegen würden -
oder vor noch nicht allzu langer Zeit, wenn ich an einem Ort wie Vesontio oder auch Constantia ein schönes Mädchen
oder eine begehrenswerte junge Frau erspähte - verspürte ich ein seltsames, aber angenehmes Gefühl in meinem Hals.
Ich spürte es unterhalb meines Kiefergelenks - warum dort, weiß ich nicht - und die Drüsen unter der Zunge sonderten plötzlich mehr Speichel ab, so daß ich wiederholt schlucken mußte. Ob diese besondere Reaktion auf sexuelle Reizung nur mir zu eigen war, weiß ich nicht, und ich habe nie einen anderen Mann gefragt, ob es ihm ähnlich erging. Trotzdem bin ich sicher, das es eine eindeutig männliche Reaktion war.
Denn jetzt, in Gudinands Gesellschaft, fühlte ich eine andere, gleichfalls seltsame, gleichfalls angenehme
Empfindung. Diese jedoch fühlte ich in und um meine Augen
- warum dort, weiß ich ebenfalls nicht. Die Lider wurden mir schwer, aber die Augen selbst nicht schläfrig. Wenn ich in einem solchen Moment mein Spiegelbild betrachtete, dann konnte ich sehen, daß meine Pupillen weit geöffnet waren, selbst im hellsten Tageslicht. Ich bin mir sicher, daß diese Reaktion das weibliche Gegenstück zu jenem männlichen
Gefühl in der Kehle ist.
Ich fühlte auch physische Veränderungen an
offensichtlicheren Stellen. Meine Brustwarzen stellten sich auf und wurden so empfindlich, daß bereits der Stoff meiner Tunika, der sich an ihnen rieb, Schauer der Erregung durch mich jagte. Ich fühlte, wie meine unteren weiblichen Organe anschwollen und warm und feucht wurden. Aber, seltsam, obwohl mein männliches Organ bei solchen Anlässen auf
Berührungen noch empfindlicher reagierte als meine
Brustwarzen, versteifte es sich weder, noch richtete es sich auf, wie es geschehen war, wenn ich sexuellen Verkehr mit Bruder Petrus oder Schwester Deidamia gehabt hatte.
Diesen neuen und anomalen Zustand - sexuelle Erregung
ohne die Erektion des Fascinums - konnte ich nur der
Tatsache zuschreiben, daß, während Petrus mich belästigte, ich davon überzeugt war, ein Junge zu sein, und als
Deidamia und ich uns miteinander vergnügten, sie ganz
unzweifelhaft ein verführerisches Mädchen war. Also hatte mein viriles Organ offensichtlich so reagiert, wie es von einem Jungen erwartet wurde. Aber jetzt wußte ich - und alles in mir schien es zu wissen - Gudinand war ohne
Zweifel ein Mann. Und ich begehrte ihn, wie eine Frau es tun würde - mein weibliches Selbst beherrschte jeden Teil von mir.
Schließlich hatten meine Wunschträume so sehr von mir
Gewalt ergriffen und ihre Unerfüllbarkeit mich so frustiert, daß ich ernsthaft in Erwägung zog, mich von Gudinand zu verabschieden und südwärts um den See herum hinter dem alten Wyrd herzuziehen. Aber dann, an einem Sonntag - es war zu heiß und stickig für anstrengende Spiele - rekelten Gudinand und ich uns in einer Wildblumenwiese vor der
Stadt. Wir hatten Brot und Käse mitgenommen und aßen
davon, während wir träge darüber diskutierten, mit welchen Streichen man den Tag verbringen könnte, etwa in die
kleinen Gassen von Constantia zurückkehren und die
jüdischen Ladenbesitzer schikanieren und verspotten, als Gudinand plötzlich sagte:
»Horch, Thorn. Ich höre eine Eule schreien.«
Ich lachte. »Um die Mittagszeit, im Hochsommer, eine
Eule? Ich glaube kaum...«
Auf Gudinands Gesicht erschien ein angstvoller Blick und seine Daumen preßten sich gegen die Handteller. Aber
diesmal war etwas anders: Kurz bevor er von mir wegrannte, stieß er einen gequälten Schrei aus, so als peinigten ihn schlimme Schmerzen. Noch nie war ich ihm gefolgt, wenn sich ein solches Ereignis zutrug. Dieses Mal tat ich es.
Vielleicht jagte ich nur wegen des ungewöhnlichen Schreis, den er ausgestoßen hatte, hinter ihm her, vielleicht auch, weil ich in letzter Zeit so viele weibliche Gefühle für ihn empfunden hatte, daß ich jetzt eine Spur mütterlicher
Besorgtheit empfand.
Gudinand hätte mich vielleicht, trotz seiner hufartigen Füße, abhängen können, aber ich holte ihn in einem
Wäldchen nahe dem See ein, wo er auf den Boden gestürzt war. Offensichtlich war er nur so weit gerannt, bis er ein Versteck gefunden hatte, wo er dem Krampf, der ihn jetzt fest im Griff hatte, nachgeben konnte. Er wälzte sich nicht auf dem Boden herum; er lag auf dem Rücken und sein
Körper war stocksteif, aber seine Arme und Beine zuckten, zitternd wie eine Bogensehne, nachdem der Pfeil
abgeschossen wurde. Seine Gesichtszüge waren dermaßen
verzerrt, daß ich sie kaum wiedererkannte. Seine Augen hatten sich nach innen verdreht, so daß man nur das Weiße sehen konnte. Die Zunge hing weit aus dem Mund heraus, und er verspuckte Speichel in großen Mengen. Außerdem
stank er ekelerregend, denn sowohl seine Blase als auch sein Darm hatten sich entleert. Ich hatte solche Krämpfe noch nie zuvor gesehen, aber ich wußte, was es war: die Fallsucht. In St. Damian hatte ein älterer Mönch, ein
gewisser Bruder Philotheus, an diesem Übel gelitten. Das war auch der Grund gewesen, warum er die Mönchskutte
übergezogen hatte. Seine Anfälle waren so häufig
gekommen, daß er für keinen anderen Beruf geeignet
gewesen war. Niemals erlitt Philotheus einen Anfall in meiner Gegenwart, und er starb, als ich noch ziemlich jung war. Nichtsdestoweniger erklärte unser heilkundiger Bruder Hormisdas allen im Kloster, wie diese Anfälle verliefen, und er lehrte uns, wie wir unserem Bruder helfen könnten, wenn wir bei einem seiner Anfälle in seiner Nähe wären.
An diese Anweisungen hielt ich mich nun. Von einem der Schößlinge in dem Wäldchen brach ich einen Zweig, kniete neben Gudinand, seinen abscheulichen Gestank und
Anblick tapfer ertragend, nieder und schob den Zweig
zwischen Oberkiefer und Zunge, so daß er sie nicht
abbeißen konnte. Aus der Gürteltasche, in der ich meine Mahlzeit verstaut hatte, nahm ich ein Tütchen voll Salz und streute es in der Hoffnung, daß etwas davon in seinen Hals gelangen würde, auf seine weit herausgestreckte Zunge. Ich hatte an meinem Gürtel einen Dolch, den ich jetzt aus der Scheide zog. Die Klinge klemmte ich unter einen von
Gudinands verkrampften Daumen, so daß er sie gegen
seinen Handteller drückte. Bruder Hormisdas hatte gesagt:
»Lege ein kaltes Metall in die Hand des Opfers.« Die Klinge war zwar kaum kalt, aber es war das einzige Stück Metall, das ich bei mir hatte. Zuletzt beugte ich mich über ihn, atmete dabei so gut es ging nur durch den Mund, um
Gudinands Geruch aus der Nase zu bekommen, preßte
meine Hände auf seinen Bauch und hielt den Druck
aufrecht. Diese Hilfestellungen würden, so hatte der
heilkundige Bruder versichert, den Anfall schneller und weniger intensiv verlaufen lassen.
Ob sie das taten oder nicht weiß ich nicht, denn es kam mir so vor, als verharrte ich eine Ewigkeit über Gudinands Bauch gebeugt. Endlich, und so plötzlich, wie er den Schrei der Eule erwähnt hatte, entspannten sich seine verhärteten Bauchmuskeln unter meinen Händen. Das Zucken seiner
Gliedmaßen hörte auf, seine Zunge zog sich wieder zurück und der Zweig fiel zu Boden. Seine Gesichtszüge waren
wieder die des Gudinand, den ich kannte. Dann lag er
einfach da, und sein Brustkorb hob und senkte sich so
heftig, als wäre er gerade nach einem langen Wettrennen zusammengebrochen. Ich riß ein Büschel Gras aus und
wischte den Speichel, der über sein Gesicht und seinen Hals lief, weg. Wegen der anderen Exkremente konnte ich nichts tun, denn sie waren unter seiner Kleidung. Eher dankbar zog ich mich ein Stück zurück, setzte mich gegen einen Baum gelehnt hin und wartete.
Langsam ließ sein rasender Atem nach. Einige Zeit später öffnete er die Augen und schaute sich um, ohne seinen Kopf zu bewegen. Offensichtlich versuchte er herauszufinden, wo er war und wie er dahin gekommen war. Dann richtete er sich vorsichtig in eine sitzende Stellung auf und drehte seinen Kopf, um sich besser orientieren zu können. Als er mich in einiger Entfernung von ihm erblickte, tat er etwas, was mich sehr erstaunte. Ich hatte erwartet, daß seine Gesichtszüge Scham oder Schmerz darüber zeigen würden, daß ich seinen Anfall miterlebt hatte. Stattdessen grinste er mich breit an und rief so lebhaft, als sei unsere ursprüngliche Unterhaltung durch nichts unterbrochen worden:
»Nun, wollen wir jetzt die Juden ärgern? Oder einfach den ganzen Tag faul herumliegen?«
Wie bereits gesagt, ich hatte mich früher oft gefragt, ob er diese Vorfälle vergaß oder bloß vorzog, so zu tun, als habe er es vergessen. Jetzt wurde mir klar, daß er wirklich keine Erinnerung an das hatte, was geschehen war. Denn es war ganz offensichtlich, daß Gudinand sich überhaupt nicht daran erinnerte, daß er eine nichtexistierende Eule erwähnt hatte, einen Schrei ausgestoßen hatte und davongerannt war, oder daß er hier in diesem Wäldchen eine Agonie
durchgemacht hatte - oder wieviel Zeit vergangen war, seit einer von uns zuletzt über irgendwelche Streiche
gesprochen hatte. Ich blieb sitzen, wo ich war, und starrte ihn ungläubig an.
Er stand umständlich auf, um zu mir herüberzukommen;
seine Muskeln mußten von der eben erst durchgemachten
Anstrengung noch schmerzen. Aber kaum war er
aufgestanden, als ihm der Gestank, der von ihm ausging, in die Nase stieg. Wie vom Blitz getroffen blieb er stehen. Sein Gesicht verzerrte sich vor Scham und Selbstverachtung, und
- beinahe heulend - schloß er krampfhaft seine Augen und schüttelte in größter Verzweiflung den Kopf. »Leb wohl, du hast es gesehen. Ich gehe mich waschen.« Mit diesen
Worten stakste er Richtung See davon, wobei er darauf
achtete, einen gehörigen Abstand von mir zu halten.
Als er zurückkehrte, trug er nur seinen tropfnassen
Lendenschurz, den Rest seiner gleichermaßen nassen
Kleidung hielt er in den Armen. Als er mich erblickte, sah er ehrlich überrascht aus.
»Thorn! Du bist nicht weggegangen?«
»Ne. Warum sollte ich?«
»Außer meiner alten Mutter hat jeder, der von meiner..., von mir erfahren hat, mich verlassen und ist weggeblieben.
Du hast dich sicherlich schon gefragt, warum ich keine Freunde habe. Ich hatte welche, von Zeit zu Zeit, aber ich habe sie alle verloren.«
»Dann hatten sie es nicht verdient, Freunde genannt zu werden«, sagte ich. »Ist das der Grund, warum du immer noch diese schmutzige Arbeit in der Gerberei machen
mußt?«
Er nickte. »Niemand wird einen Arbeiter einstellen, der jeden Moment in aller Öffentlichkeit einen Anfall erleiden kann. Da, wo ich jetzt arbeite, sieht mich niemand, und« - er lachte bitter - »falls ich in der Grube einen Anfall erleide, hat das keine Auswirkung auf meine Arbeit. Die Zuckungen
helfen sogar dabei, die Felle zu bewegen. Meine einzige Sorge ist, daß ich irgendwann nicht rechtzeitig bemerke, daß ein Anfall bevorsteht, und dann keine Zeit mehr habe, mich am Rand der Grube festzuklammern. Wenn das passiert,
dann werde ich in dieser abscheulichen Brühe ertrinken.«
»Ich kannte einst einen alten Mönch«, sagte ich, »der am selben Übel litt. Sein Medicus gab ihm regelmäßig einen Absud aus Lolchgrassamen zu trinken, was die Häufigkeit und Stärke der Anfälle vermindern sollte. Hast du das schon versucht?«
Gudinand nickte erneut. »Meine Mutter verabreichte mir das Zeug mit geradezu religiösem Eifer gleich löffelweise.
Aber eine Überdosis des Lolchabsuds kann leicht tödlich sein - und die Dosis ist schwer abzuschätzen. Also hörte sie damit auf. Sie wollte lieber mit einer lebendigen als mit einer toten Ungeheuerlichkeit leben.«
»Du bist keine Ungeheuerlichkeit«, entfuhr es mir.
»Manche der großen Männer der Geschichte waren ihr
ganzes Leben lang von der Fallsucht besessen. Alexander der Große; der Cäsar Julius; sogar der Heilige Paulus. Das hat sie nicht daran gehindert, große Männer zu sein.«
»Es gibt«, seufzte er, »eine entfernte Chance, daß ich nicht mein ganzes Leben lang daran leiden werde.«
»Wie das? Ich dachte, die Krankheit wäre unheilbar.«
»Das ist sie auch, zumindest für jene, die sich erst als Erwachsene damit anstecken - so war es vermutlich bei
deinem alten Mönch. Aber für jemanden, der die Fallsucht seit seiner Geburt hat, wie ich..., nun, sie sagen, die Krankheit verschwindet, wenn ein Mädchen ihre erste
Monatsblutung oder ein Junge seine, äh, sexuelle Initiation hat.« Gudinand errötete. »Was ich noch nicht hatte.«
»Das würde dich heilen?« rief ich aufgeregt aus. »Das ist ja wunderbar! Aber warum in aller Welt bist du dann immer noch jungfräulich? Du hättest dich in meinem Alter zu einer Frau legen können. Oder noch früher.«
»Scherze nicht mit mir, Thorn«, sagte er verzweifelt. »Mit welcher Frau denn? Jedes weibliche Wesen in Constantia und viele Meilen in der Umgebung weiß, was mit mir los ist.
Jedes Mädchen wird von seinen Eltern vor mir gewarnt.
Keine Frau würde es riskieren, sich von mir schwängern zu lassen und ein mit der Fallsucht geschlagenes Kind
auszutragen. Selbst Männer und Jungen meiden mich, denn sie haben Angst, daß ich sie anstecke. Ich müßte schon sehr weit von hier weggehen und eine nichtsahnende Frau zur Freundin gewinnen oder verführen. Aber ich kann meine gebrechliche Mutter nicht alleine lassen.«
»Ah, Gudinand! Es gibt doch Dirnen hier. Sie kosten nicht viel für einen...«
»Ne. Selbst die käuflichen Frauen verweigern sich mir, entweder, weil sie Angst haben, sich anzustecken, oder weil sie fürchten, daß ich, während ich bei ihnen liege, einen Anfall erleide und sie irgendwie verletze. Meine einzige Hoffnung ist, ein Mädchen oder eine Frau zu treffen, die neu in der Stadt ist, und ihre Liebe zu gewinnen - oder zumindest ihre Einwilligung -, bevor sie vom Geschwätz der Leute gewarnt wird. Aber es gibt nur wenige weibliche Reisende.
Außerdem wüßte ich auch gar nicht, wie ich mich einer Frau nähern sollte. Ich war so lange allein, daß ich ungeschickt und wenig redselig im Umgang mit anderen Menschen
geworden bin. Mir erschien es bereits als eine Segnung, dich durch bloßen Zufall kennengelernt zu haben.« Ich sann einige Zeit nach. Eine unmögliche Idee kam mir in den Sinn (und meine Augenlider wurden schwer). Jetzt war es an mir, zu erröten. Aber ich erinnerte mich daran: Vor langer Zeit hatte ich mir geschworen, mich niemals von meinem
Gewissen oder dem, was die Welt Moral nennt, einengen zu lassen. Davon abgesehen, müßte selbst der fanatischste Moralapostel es als eine gute Tat anerkennen, selbst wenn mein Einfall teilweise auf meine selbstsüchtigen Gelüste zurückging. Schließlich war es das einzige Heilmittel, das den guten Gudinand von seinem heimtückischen Leiden zu befreien vermochte.
»Zufälligerweise«, fing ich an, »kenne ich eine erst kürzlich in Constantia eingetroffene junge Frau. Und ich kann für dich ein Treffen mit ihr arrangieren.«
»Wirklich? Das könntest du?« sagte er eifrig. Dann flog ein Schatten über sein Gesicht. »Aber sicherlich hört sie alles über mich, bevor ich...«
» Ich werde ihr alles von dir erzählen. Und du wirst keine Zeit mit langwierigem Hofieren oder ausgefeilten
Verführungskünsten vertun müssen. Sie würde sich sowieso nicht in dich verlieben. Sie hat geschworen, sich niemals mehr zu verlieben. Aber sie wird sich gerne zu dir legen, und es so oft tun, wie es nötig ist, dich von der Fallsucht zu kurieren.«
»Was?« rief Gudinand ungläubig aus. »Warum im Namen
Gottes sollte sie das tun wollen?«
»Ein Grund ist, daß sie keine Schwangerschaft fürchtet.
Ihr Medicus hat ihr vor langer Zeit versichert, daß sie unfruchtbar ist. Einer anderer Grund ist, daß sie es mir zum Gefallen tun wird.«
»Was?« rief der absolut fassungslose Gudinand aus.
» Warum? «
»Weil ich dein Freund bin und sie meine Schwester ist.
Meine Zwillingsschwester.«
»Liufs Guth«, schrie Gudinand. »Du willst deine eigene Schwester verkuppeln?«
»Ne. Das braucht es nicht. Ich habe dich ihr gegenüber den ganzen Sommer lang in höchsten Tönen gelobt, sie
kennt also deine vielen guten Eigenschaften. Und sie hat dich gesehen, wenn du mich gelegentlich nach Hause
begleitet hast. Sie weiß also, daß du anziehend bist. Vor allem aber ist sie ein sehr warmherziger Mensch und würde alles tun, um dein Leid zu lindern.«
»Wie konnte sie mich sehen, ohne daß ich sie sah? Ich
wußte nicht einmal, daß du eine Schwester hast. Wie heißt sie?«
»Ahm... ehm... Juhiza«, sagte ich, der erste weibliche Name, der mir einfiel. Er war während einer Unterhaltung mit dem Schankwirt Dylas in Basilia gefallen. »Wie ich selbst ist Juhiza dem alten Mann Wyrd, den du getroffen hast,
anvertraut. Er ist sehr streng mit ihr. Ihr ist es verboten, auch nur einen Fuß aus unseren Räumen zu setzen, bevor wir
alle drei bereit sind, von hier abzureisen. Sie hat dich von ihrem Fenster in der Herberge aus gesehen. Jetzt aber, da Wyrd die Stadt verlassen hat, werde ich seine Befehle
mißachten und es so einrichten, daß du sie treffen kannst.
Juhiza wird diesen Fehltritt genausowenig wie ich jemals unserem Beschützer beichten. Und du wirst uns wohl kaum verraten. «
»Natürlich nicht«, sagte Gudinand benommen. »Aber...
aber wenn sie deine Zwillingsschwester ist... so jung
noch...«
»Leider«, sagte ich mit bedrückter Stimme, »nicht mehr jung genug, um noch im Besitz ihrer Jungfräulichkeit zu sein.
Sie hat eine unglückliche Liebe hinter sich, mit einem ihrer Erzieher, der sich als treulos erwies und eine andere
ehelichte. Das ist auch der Grund, warum unser Beschützer sie so streng bewacht. Und es ist der Grund dafür, daß sie gelobt hat, niemals mehr zu lieben.«
»Nun...«, sagte der angesichts dieser glücklichen Aussicht strahlende Gudinand. »Wahrscheinlich ist es besser, wenn sie keine Jungfrau mehr ist, dann weiß sie... ehm... was zu tun ist.«