21

Mit einem Bündel Kleider und einem Tablett, beladen mit einem Berg Fleisch und Gemüse, kehrte Kate zurück. Peregrine trat grinsend nach ihr ein. Er trug einen zusammengeklappten Tisch. Nachdem er ihn aufgestellt hatte, verschwand er wieder, aber nur, um meine Satteltasche und noch etwas anderes zu holen. Zu meiner Überraschung erkannte ich das Schwert des Königs, das ich zuletzt gesehen hatte, als es bei dem Sprung aus dem Turmfenster im Palast von Greenwich in die Tiefe gepoltert war. Als Erstes öffnete ich die Tasche, um ihren bunt durcheinandergewürfelten Inhalt zu untersuchen. Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung entdeckte ich das gestohlene Psalmenbuch, das immer noch zum Schutz in das Tuch gewickelt war.

Ich wandte mich Kate zu. Sie hatte sich umgezogen und trug jetzt ein Cape aus rosafarbenem Samt, das das matte Gold ihres Haars hervorragend zur Geltung brachte. Und als sie die im ganzen Raum verteilten Kerzen anzündete, gestand ich mir ein, wie sehr ich sie begehrte. Nichts wünschte ich sehnlicher, als sie in die Arme zu schließen und die letzten Spuren meines Misstrauens mit Liebkosungen zu verbannen. Doch Peregrine, der wie ein Kobold mit Elizabeths silbernem Jagdhund durch das Zimmer tollte, lenkte mich ab.

»Du scheinst ja ganz schön zufrieden mit dir und der Welt zu sein«, meinte ich, als er mir half, aus dem Bett und in eine Robe zu steigen. »Und ist das nicht der Hund Ihrer Hoheit? Sag bloß, du hast wieder gestohlen!«

»Nein!«, beteuerte er. »Ihre Hoheit hat Urian bei uns zurückgelassen, damit er dich aufspüren kann. Er ist der beste Spürhund in ihrem Gehege, hat sie gesagt. Und sie kennt ihre Tiere. Er hat auch gleich deine Fährte am Flussufer unten aufgenommen.« Er rümpfte die Nase. »Was ist das nur mit dir und dem Wasser? Seit wir uns kennen, wirst du in einem fort durchnässt!«

Ich brach in herzhaftes Lachen aus. Auf einmal fühlte ich mich wunderbar. Dann ergriff ich Peregrines Hand und ging mit langsamen, aber schon recht sicheren Schritten zum Esstisch. »Wie immer keine Spur von Reue, was?« Ich grinste und ließ mich auf einem Hocker nieder. »Aber ich bin froh, dass du da bist, mein Freund.« Ich blickte Kate in die Augen. »Das gilt ebenso für Euch. Ich danke Gott für euch beide. Ihr habt mir das Leben gerettet. Das ist eine Schuld, die ich nie zurückzahlen kann.«

Der Schimmer in Kates Augen mochte von Tränen herrühren. Sie wischte sie mit dem Ärmel weg. Während sie das Essen auftrug, hockte sich Peregrine neben mich.

»Ich bin doch kein hilfloses Kind«, brummte ich, als der Junge mir meinen Teller reichte. »Ich kann durchaus allein essen.«

Kate drohte mir schelmisch mit dem Finger. »Er ist nicht hier, um Euch zu füttern. Ihr seid genug verwöhnt worden. Peregrine, entweder du befiehlst dem Hund, die Pfoten vom Tisch zu nehmen, oder ihr esst beide in der Küche.«

Unter fröhlichem Gelächter speisten wir im Schein der Kerzen und plauderten über unverfängliche Dinge. Erst als wir die letzten Reste der Soße mit Brot aufwischten und Peregrine zum hundertsten Mal erzählt hatte, wie er und Barnaby Urians feine Nase dafür eingesetzt hatten, mich aufzuspüren, störte ich auf einmal unsere gute Laune. Mich auf meinem Stuhl zurücklehnend, fragte ich in meinem beiläufigsten Ton: »Und wo steckt Fitzpatrick?«

Schlagartig trat Schweigen ein, das nur durch das Rascheln von Kates Röcken durchbrochen wurde, als sie aufstand, um die leeren Teller ineinanderzustapeln. Peregrine streichelte unterdessen Urian.

»Der König ist tot, nicht wahr?«, fragte ich.

Kate hielt inne. Peregrine antwortete mir mit einem traurigen Nicken: »Es ist noch nicht offiziell bestätigt worden, aber Master Walsingham hat uns gesagt, dass er gestern gestorben ist. Sobald wir dich gefunden hatten, ist Barnaby an den Hof zurückgekehrt, um an seiner Seite zu sein. Es heißt, dass der Himmel in der Stunde von Edwards Tod geweint hat.«

Der Regen. Ich hatte ihn gehört.

Bei der Erinnerung an den Knaben, der in jenem übelriechenden Gemach bei lebendigem Leib verfaulte, wanderte mein Blick zu dem Schwert auf dem Bett. Mit gepresster Stimme fragte ich: »Und die Kräuterkundige? Hat Walsingham etwas über sie gesagt?«

»Brendan, bitte lasst das!«, rief Kate hastig. »Dafür ist es zu früh. Ihr seid doch noch geschwächt.«

»Nein. Ich will es wissen. Ich … ich muss es wissen.«

»Nun gut, dann sage ich es Euch.« Sie setzte sich neben mich. »Sie ist tot. Sidney hat es Walsingham berichtet. Jemand hat ihre Leiche weggeschafft. Wohin, das weiß niemand. Die Dudleys haben gedroht, Sidney umzubringen, weil er Euch geholfen hat, aber inzwischen hat sich die Nachricht von Elizabeths Entkommen verbreitet, und seitdem herrscht im Palast das Chaos. Brendan, nein! Setzt Euch! Ihr könnt doch nicht …«

Doch ich war bereits aufgesprungen. Ich überwand das plötzliche Schwindelgefühl, erreichte das Fenster und starrte in die schwarze Nacht hinaus. Meine treue Alice war tot. Jetzt war sie für immer von mir gegangen. Lady Dudley hatte ihr die Kehle aufgeschlitzt wie einem Raubtier, das sich in den Hühnerstall geschlichen hatte, und sie einfach verbluten lassen.

Ich konnte den Gedanken nicht ertragen. Das konnte ich einfach nicht. Er würde mich in den Wahnsinn treiben.

»Was ist mit Jane Grey?«, fragte ich leise. »Ist sie schon zur Königin ausgerufen worden?«

»Noch nicht. Aber der Herzog hat sie und Guilford nach London gebracht. Und laut Gerüchten beabsichtigt er, Soldaten auszusenden, damit sie Lady Mary ergreifen.«

»Ich dachte, das hätte er längst getan. Soviel ich weiß, hat er Lord Robert damit beauftragt.«

»Das hat sich anscheinend verzögert. Als er von Elizabeths Flucht aus Greenwich erfuhr, wollte er offenbar zuallererst Lady Jane an einen sicheren Ort bringen. Sie ist jetzt alles, was er hat.«

Ich nickte. »Peregrine«, sagte ich. »Kannst du uns bitte allein lassen?«

Der Junge stand auf und ging hinaus. Urian trottete hinterher. Kate und ich blickten einander an. Unvermittelt wandte sie sich dem Tablett zu und machte Anstalten, danach zu greifen. »Wir können ja morgen weitersprechen.«

Ich trat auf sie zu. »Das ist richtig. Aber … geh jetzt nicht.« Meine Stimme brach. »Bitte.«

Sie strich mir mit der Hand über die bärtige Wange. »Der ist ja so rot«, murmelte sie. »Und dicht. Ich hätte nie gedacht, dass dir ein derart dichter Bart wächst.«

»Und ich«, flüsterte ich, »hätte nie gedacht, dass dir das etwas bedeutet.«

Sie blickte mich mit festem Blick an. »Ich auch nicht. Aber so ist es nun mal.«

Ich zog sie an mich, legte beide Arme um sie.

»Ich habe das noch nie getan«, gestand ich.

»Noch nie?« Sie hob in echtem Erstaunen die Augen.

»Noch nie. Bisher habe ich nur eine Frau geliebt.« Ich streichelte ihr die Wange. »Und du?«

Sie lächelte. »Natürlich haben schon seit meiner frühesten Kindheit alle möglichen Freier um meine Hand angehalten.«

»Dann erweitere die Liste um meinen Namen.« Diese Worte beunruhigten mich nicht so sehr, wie ich gedacht hatte. Noch nie war ich verliebt gewesen, doch jetzt kam mir das wie die natürlichste Sache auf der Welt vor.

Sie schaute mir in die Augen. »Müssen wir so lange warten?« Dann ergriff sie meine Hände und führte sie an ihr Mieder. Ich löste die Bänder. Das Mieder glitt von ihren Schultern. Im nächsten Moment stieg sie auch schon aus ihren Röcken und wand sich aus dem Hemdchen, bis sie splitternackt vor mir stand – so begehrenswert, wie es noch nie eine Frau in meinem Leben gewesen war.

Ich hob sie hoch und vergrub mein Gesicht zwischen ihren Brüsten. Unwillkürlich schnappte sie nach Luft, als ich sie zum Bett trug. Sie beobachtete, wie ich meinen Umhang abstreifte, dann erhob sie sich auf die Knie, um mir dabei zu helfen, mir das Hemd über den Kopf zu ziehen. Die Schulter tat mir immer noch weh. Und als sie die frischen Blutflecken an meinem Verband entdeckte, runzelte sie die Stirn. »Den sollte ich wirklich wechseln«, sagte sie.

»Das kann warten«, flüsterte ich gegen ihre Lippen. Als ich mich von ihr löste, wanderte ihr Blick an meinem Oberkörper hinunter, um kurz bei dem Fleck an meiner Hüfte zu verweilen.

Ich legte mich neben sie. Ihr erfahrenes Gebaren vermochte mich nicht zu täuschen. Ich spürte, wie ihr Puls unter meiner Hand raste. Und obwohl sie die Freuden des Fleisches schon bis zu einem bestimmten Grad erkundet haben mochte, war es, wie ich bald feststellen sollte, noch nie zum Vollzug der Liebe gekommen.

Doch bald entdeckte ich, dass auch ich unschuldig war, und zwar in jeder Hinsicht. Während ich sie an mich presste und wir einander voller Hingabe erkundeten, merkte ich bald, dass unsere verschwenderische Vereinigung nicht das Geringste mit den ungestümen Spielchen mit den Dienstmädchen auf der Burg oder den jungen Damen auf Jahrmärkten gemein hatte. Ich betete sie regelrecht an, wie ich das vielleicht auch in einem Tempel getan hätte, bis sich das Begehren in Kates Augen in eine Flamme verwandelte, sie unter mir erschauerte und ihre Leidenschaft meiner Glut ebenbürtig wurde. Nur ein einziges Mal schrie sie auf, wenn auch gedämpft.

Nachdem wir uns verausgabt hatten und sie in meinen Armen lag, flüsterte ich: »Habe ich dir wehgetan?«

Mit einem zittrigen Lachen antwortete sie: »Wenn das Schmerz war, möchte ich nie etwas anderes erleben.« Sie spreizte die Hände über meiner Brust und legte die Finger flach auf mein Herz. »Alles, was ich will, ist hier.«

Ich lächelte sie an. »Sei es, wie es wolle, ich möchte immer noch eine rechtschaffene Frau aus dir machen.«

»Nur damit du es weißt«, entgegnete sie. »Ich bin achtzehn Jahre alt und kann meine Entscheidungen selbst treffen. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich jetzt schon eine rechtschaffene Frau sein will.«

Ich lachte. »Na gut, wenn es so weit ist, dann lass es mich wissen. Ich müsste zumindest Ihre Hoheit um ihren Segen bitten. Schließlich bist du ihre Kammerfrau. Und dann auch noch deine Mutter. Sie wird sicher auch gefragt werden wollen.«

Kate seufzte. »Meine Mutter ist tot. Aber ich glaube, dass sie dich gemocht hätte.«

Ich entdeckte einen alten Schmerz in ihrer Stimme. »Das tut mir leid. Wann ist sie gestorben?«

»Als ich fünf Jahre alt war.« Sie lächelte. »Sie war selbst noch so jung, als sie mich auf die Welt brachte – erst vierzehn.«

»Und dein Vater … war er auch jung?«

Sie bedachte mich mit einem eigenartigen Blick. »Ich bin ein Bastard. Und nein, er war nicht so jung wie sie.«

»Ich verstehe.« Ich wich ihrem Blick nicht aus. »Möchtest du es mir erzählen?«

Einen Moment lang blieb sie stumm. Schließlich sagte sie: »Es war keine Liebesaffäre. Meine Mutter war das Kind von Bediensteten im Haus Carey. Ihre Eltern starben während jener Schweißfieberepidemie, die auch Mary Boleyns ersten Mann das Leben kostete. Als diese sich wieder verheiratete und Mistress Stafford wurde, wurde meine Mutter ihre Dienerin. Mistress Stafford war nicht reich. Ihr neuer Mann, Will Stafford, war ein einfacher Soldat, aber sie hatte aus ihrer ersten Ehe zwei Kinder, dazu eine Leibrente, und ihr verstorbener Mann hatte ihr ein Haus vermacht. Sie mochte meine Mutter gern. Deshalb bot sie ihr diese Stellung an.«

»Diese Mary Stafford ist die Schwester von Anne Boleyn, nicht wahr?«

»Ja, aber sie hatte nichts von dem Stolz ihrer Schwester. Gott sei ihrer Seele gnädig. Als meine Mutter schwanger wurde, blieb das nicht lange geheim. Das morgendliche Erbrechen verriet sie. Sie geriet in Panik, aber Mistress Stafford machte ihr nie Vorhaltungen. Und da sie die Nöte kannte, in die Frauen geraten können, gab sie sie kurzerhand in die Obhut von Lady Cecil. Ich wurde auf Lady Cecils Anwesen geboren.«

Damit war also Kates Bekanntschaft mit Cecil geklärt. Sie hatte unter seinem Dach gelebt.

»Wusste Mistress Stafford, wer dein Vater war?«, erkundigte ich mich.

»Sie muss einen Verdacht gehabt haben. Meine Mutter hat seinen Namen nie in den Mund genommen, aber auf Mistress Staffords Anwesen gab es nicht viele Männer, die alt genug waren und sich diese Freiheit hätten nehmen können. Es musste sie zutiefst geschmerzt haben. Mary war mit Stafford noch nicht einmal ein Jahr verheiratet gewesen und hatte seinetwegen den Zorn ihrer Familie und das Exil vom Hof auf sich genommen.« Kate setzte sich auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Er lebt noch. Ich habe ihn bei Mistress Staffords Beerdigung gesehen. Wir haben dieselben Augen.«

Ich schwieg. Die Ähnlichkeiten – und die entscheidenden Unterschiede – zwischen uns hatten mich nachdenklich gestimmt.

»Mistress Stafford hätte das natürlich verstanden«, fügte sie hinzu. »Schließlich war sie die Geliebte von Henry dem Achten gewesen, ehe er ein Auge auf ihre Schwester Anne warf. Sie wusste, dass Treue nicht unbedingt die größte Stärke der Männer ist, und keine Frau beschwört wissentlich Unglück auf sich herab. Doch sie gab das Geheimnis meiner Mutter nicht preis und gestattete ihr, mich aufzuziehen. Auch ließ sie uns bei den Cecils bleiben. Ich glaube, sie wollte meine Mutter von ihrem Mann fernhalten.«

Sie hielt inne und schluckte. Nach einer kurzen Weile fuhr sie wieder fort: »Ich verdanke ihr alles. Weil sie so freundlich zu ihr war, musste meine Mutter nie betteln gehen. Wir lebten gut; ich hatte eine schöne Kindheit. Ich erhielt sogar Unterricht. Dafür sorgte Lady Mildred, die selbst gebildet war. Ich bin eine der wenigen Damen in Diensten Ihrer Hoheit, die lesen und schreiben können. Das ist der Grund, warum sie mir vertraut. Wenn eine Nachricht vernichtet werden muss, kann ich sie auswendig lernen.«

»Ich kann gut verstehen, dass sie dir vertraut«, sagte ich. »Aber erzähl mir: Wie ist deine Mutter gestorben?«

»Sie bekam Fieber. Es war kurz und schmerzlos. Nach dem Tod meiner Mutter habe ich Mistress Stafford noch ein paarmal gesehen. Sie war immer sehr freundlich. Drei Jahre später ist sie selbst gestorben.«

»Und der Mann, den du für deinen Vater hältst …?«

»Er hat wieder geheiratet. Er hat Kinder. Ich mache ihm keine Vorwürfe. Ich glaube, er hat meine Mutter genommen, wie Männer das eben machen – in einem Moment der Lust, ohne an die Folgen zu denken. Wenn er von mir weiß, hat er das nie zu erkennen gegeben. Seit ich auf der Welt bin, habe ich immer ohne ihn gelebt. Aber seinen Nachnamen trage ich. Das ist das Mindeste, was er tun kann.« Ein schelmisches Lächeln spielte um ihre Lippen. »Und es ist ja nicht so, als ob es in England Hunderte von Staffords gäbe.«

Sie stupste mir mit dem Zeigefinger gegen die Brust. »Du bist dran. Ich möchte einen rechtschaffenen Mann aus dir machen.«

Kaum hatte sie das gesagt, erschrak sie und schaute mir eindringlich ins Gesicht. »Vergib mir. Manchmal rede ich, bevor ich denke. Wenn du nicht sprechen möchtest, verstehe ich das.«

Ich umfasste ihr Kinn mit zwei Fingern. »Frag ruhig. Es soll keine Geheimnisse zwischen uns geben.« Ich zögerte. »Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht, wer meine Mutter ist. Ich wurde als Baby ausgesetzt. Mistress Alice hat mich aufgezogen.«

»Du wurdest ausgesetzt?«, wiederholte Kate.

Ich nickte, sagte aber nichts, weil ich ihr Zeit lassen wollte, ihre Gedanken zu sammeln.

»Dann war Mistress Alice … war das die Frau im Gemach des Königs?«

»Ja. Sie hat mich gerettet.« Während ich diese Worte sagte, verspürte ich einen übermächtigen Drang, über all das zu reden, damit noch jemand anders die Erinnerung mit mir teilte und Alice nicht in Vergessenheit geriet. »Ich wurde im Pfarrhäuschen bei Dudley Castle mir selbst überlassen. Wahrscheinlich sollte ich sterben. Später wurde mir gesagt, dass solche Dinge öfter geschehen, als man meint – dass ungewollte Babys vor den Häusern von Adeligen ausgesetzt werden. Die Mütter hoffen, dass die Reichen Mitleid bekommen und ihnen das geben, was sich die Armen nicht leisten können. Vom Sterben wollte ich jedenfalls nichts wissen. Laut Mistress Alice habe ich einen Krawall veranstaltet, der Tote hätte aufwecken können. Sie hörte mich bis zum Komposthaufen heulen, wo sie gerade einen Korb Laub ausleerte. Sie ging dann gleich nachsehen.«

Meine Stimme versagte mir den Dienst. Ich gab mir einen Ruck und konzentrierte mich auf Kates Augen, um darin Kraft zu finden. »Sie war für mich die Mutter, die ich nie kennengelernt habe. Als sie starb – oder vielmehr, als mir gesagt wurde, sie sei tot –, konnte ich ihr nicht vergeben, dass sie mich ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte.«

»Deshalb warst du also bereit, Ihrer Hoheit zu helfen. Du wusstest, dass sie von ihrem Bruder Abschied nehmen musste.«

»Ja. Ich konnte sie nicht das erleiden lassen, was ich am eigenen Leibe erfahren habe. Ich weiß, was es heißt, jemanden unerwartet zu verlieren. Ich hielt Mistress Alice ja für tot. Als ich Peregrine kennenlernte, hat er eine Frau erwähnt, die den König pflegte, und einen Moment lang hatte ich ein Gefühl … Aber ich habe nicht ernsthaft daran geglaubt, dass sie das sein könnte. Wie denn auch? Selbst als ich sie dann gesehen habe …« Erneut stockte ich. Meine Stimme zitterte. »Sie hatten ihr die Zunge herausgeschnitten und etwas mit ihren Beinen gemacht, damit sie nur noch humpeln konnte. Und Master Shelton, ihr Haushofmeister, zu dem ich immer aufgesehen und der mir die Nachricht von ihrem Tod beigebracht hatte, stand tatenlos da, als Lady Dudley ihr die Kehle aufschlitzte. Sie ist verblutet, und er hat keinen Finger gerührt.«

Die Erinnerung bohrte sich wie Glassplitter durch meine Innereien. Ich war ein Narr gewesen, dass ich geglaubt hatte, Master Shelton würde mich für wichtiger halten als seine Pflicht. Ein treuer Diener in allem zu sein, gleichgültig, was das mit sich brachte – das war das Einzige, was er kannte. Ich hätte angesichts seines stumpfsinnigen, sinnlosen Lebens Mitleid mit ihm haben können, hätte ich nicht nach Rache gedürstet.

Schweigen breitete sich aus. Kate saß zusammengesunken da; schließlich hob sie den Blick zu mir. Ihre Augen schwammen in Tränen. »Vergib mir die Art und Weise, wie ich über ihren Tod gesprochen habe. Das war selbstsüchtig von mir. Ich … ich wollte dir nicht wehtun.«

Ich küsste sie. »Meine tapfere Kate, du hättest mir die Schmerzen nicht ersparen können. Die habe ich vor langer Zeit erlitten, als wir noch gar nichts voneinander wussten. Ich habe Alice an dem Tag verloren, als sie sie mir weggenommen haben. Die Frau, der ich im Gemach Seiner Majestät begegnet bin, war nicht die Frau, die ich damals kannte. Jetzt kenne ich die Wahrheit. Jetzt weiß ich, dass sie mich nicht verlassen hat. Lady Dudley muss ihre Verschleppung von der Straße angeordnet haben. Und Shelton war ihr Komplize.«

»Aber warum haben sie ihr etwas derart Schreckliches angetan? Das ist ja lange vor der Erkrankung des Königs geschehen, richtig? Warum wollten sie unbedingt, dass du sie für tot hältst?«

»Dasselbe habe ich mich auch gefragt«, stieß ich mit einem grimmigen Lächeln hervor. »Ich denke, sie wusste zu viel. Dessen bin ich mir ganz sicher. Mistress Alice wusste, wer ich bin.«

Kate starrte mich entsetzt an. »Hat das vielleicht mit diesem Schmuckstück zu tun?«

Statt einer Antwort tapste ich nackt vom Bett zu meinem Umhang und zog das Kleinod aus der Tasche. Der Rubin glitzerte im Licht des Mondes, als ich ihr das Schmuckstück reichte. »Ich glaube, es ist ein Teil meiner Vergangenheit«, erklärte ich und erschauerte jäh. »Ich glaube, Mistress Alice hat es mir in dem Moment gegeben, als sie mich erkannt hatte. Vorher hatte sie mich wohl gar nicht wirklich wahrgenommen. Sie hatte zu viel gelitten. Aber sie hat die goldene Blüte aus einem ganz bestimmten Grund aufbewahrt. Das hat etwas zu bedeuten. Das muss einfach so sein.«

Kate betrachtete sie nachdenklich. »Ja, aber was?«

Ich nahm ihr das Schmuckstück aus der Hand und strich mit den Fingerkuppen über das zarte, fein geäderte Gold. »Außer ihren Kräutern hatte Mistress Alice nie für materielle Güter Verwendung. So etwas begehrte sie nicht. Sie sagte immer, Dinge beanspruchten einfach zu viel Platz. Und doch hielt sie dieses Stück weiß Gott wie viele Jahre in ihrer Medizintruhe verborgen. Ich habe die Truhe oft durchsucht. Und jedes Mal hat sie mich getadelt und gesagt, eines Tages würde ich mich noch mit irgendeinem Kraut berauschen. Aber dieses Stück habe ich nie entdeckt. Sie muss es in einem geheimen Fach verborgen haben. Und ich habe so ein Gefühl, dass nicht einmal Lady Dudley davon wusste.«

Ich schaute an ihr vorbei zum Fenster. »Lady Dudley ist der Schlüssel zu alldem. Sie hat mich benutzt, um die Herzogin zur Einwilligung in die Verheiratung ihrer Tochter Jane Grey mit Guilford zu zwingen. Das hat die Herzogin auch bestätigt, als sie mich in dieser Zelle gefangen hielt. Was immer diese Blüte bedeutet, sie muss eine gewaltige Macht haben, wenn man mich deswegen umbringen will. Es könnte womöglich sogar die Waffe sein, die ich benötige, um mir die Dudleys vom Hals zu halten – und zwar für immer.«

Kate verschränkte die Arme vor der Brust, als fröstelte sie. »Du willst Rache für das, was sie dir angetan hat.«

Ich erwiderte ihren Blick. »Wie könnte ich das nicht? Mistress Alice war alles, was ich auf der Welt hatte, und sie hat sie zerstört. Ja, ich will Rache. Aber mehr noch als das suche ich die Wahrheit.« Ich beugte mich nahe zu ihr. »Kate, ich muss wissen, wer ich bin.«

»Das verstehe ich. Es ist nur so, dass ich mich um dich sorge. Um uns. Dieses Geheimnis muss schrecklich sein, wenn die Herzogin von Suffolk dich töten will, nur damit niemand davon erfährt. Und wenn die Dudleys es gegen sie verwendet haben, müssen sie es kennen.«

»Nicht einmal Dudley selbst weiß Bescheid. Nur Lady Dudley. Ich glaube nicht, dass sie den Herzog jemals aufgeklärt hat. Sie muss die Befürchtung gehegt haben, dass er sie verraten würde. Sie machte keinerlei Anstalten, ihm die einzige Waffe anzuvertrauen, die sie besaß – ihre Fähigkeit, der Herzogin von Suffolk ihren Willen aufzuzwingen. Ohne ihr Druckmittel, ohne dieses Geheimnis, hätte die Herzogin sich wohl nie bereit erklärt, ihre Tochter einem …«

»Emporkömmling wie Dudley zu geben«, vollendete Kate. Sie betrachtete mich nachdenklich. »Warum sprichst du nicht mit Master Cecil darüber? Er kennt bedeutende Persönlichkeiten. Vielleicht kann er dir helfen.«

»Nein.« Ich ergriff ihre Hände. »Versprich mir, dass du niemandem ein Wort davon verrätst, nicht einmal der Prinzessin – vor allem nicht ihr! Northumberland hat immer noch enorme Macht, vielleicht sogar mehr als je zuvor, und vielleicht ist sie noch einmal auf unsere Hilfe angewiesen. Da ist es besser, wenn ich diese Bürde fürs Erste allein trage.«

Insgeheim bat ich sie um Vergebung für meine Lüge. Aber ich konnte es einfach nicht riskieren, sie diesem kalten Hass auszusetzen, den ich in Lady Dudleys Augen gesehen hatte. Ebenso wenig wollte ich, dass ihr dieser mörderische Stokes im Auftrag der Herzogin nachstellte. Wenn erst einmal ans Licht kam, dass ich noch lebte, wäre die Jagd auf mich eröffnet. Was immer geschah, Kates Sicherheit hatte absoluten Vorrang. Gleichwohl würde ihr das, worum ich sie als Nächstes bitten musste, sehr wehtun.

»Kannst du etwas für mich tun? Es ist sehr wichtig. Du musst mir versprechen, nach Hatfield zurückzukehren.«

Sie biss sich auf die Lippe. »Und wenn ich mich weigere?«

»Dann erinnere ich dich daran, dass Elizabeth nach wie vor auf dich angewiesen ist. Keiner ihrer anderen Bediensteten hat deine Fähigkeiten. Es kann gut sein, dass sie bald darauf zurückgreifen muss. Und das weißt du so gut wie ich. So, wie du längst weißt, auch wenn du es mir noch nicht gesagt hast, dass Cecil einen neuen Auftrag für mich hat. Das ist doch der Grund, warum Walsingham in einem fort gekommen und gegangen ist und sich nach meiner Gesundheit erkundigt hat. Aus Sorge um mich hat er das gewiss nicht getan.«

»Das ist mir gleichgültig«, flüsterte Kate und schlug mit der Faust auf die Matratze. »Sollen sie doch jemand anders finden. Du hast genug aufs Spiel gesetzt. Nicht einmal Ihre Hoheit würde mehr von dir verlangen.«

»Trotzdem würde ich mehr tun. Und du auch. Wie könntest du nicht? Du liebst sie.«

»Und du?«, fragte sie stockend. »Liebst … du sie?«

Ich drückte Kate an mich. »Nur als meine Prinzessin. So viel verdient sie, glaube ich.«

In meinen Armen liegend, murmelte Kate: »Es heißt, ihre Mutter hätte unter einem Fluch gestanden. Manchmal frage ich mich, ob Elizabeth denselben Fluch in sich trägt. Robert Dudley hat sich ihr zu Füßen geworfen. Sein Vater ebenfalls. Doch als sie ihnen einen Korb gab, stürzten sie sich auf sie wie die Wölfe. Ist es möglich, dass der Zauber, den sie ausübt, Männer genauso schnell in Hass verfallen lässt, wie er sie zur Liebe treibt?«

»Ich bete um ihretwillen zu Gott, dass das nicht der Fall ist. Du auch?«

Sie seufzte. »Jetzt gerade nicht.«