18

Ohrenbetäubende Stille folgte Elizabeths Worten. Ich rätselte darüber, warum ich unter Schock stand; schließlich war es nicht so, als käme ihr Verhalten völlig überraschend. Und obwohl ich mich fragte, warum ich überhaupt noch versuchte, sie vom Gegenteil zu überzeugen, sagte ich: »Das ist unmöglich. Wir können da nicht hinein. Dafür werden die Gemächer Seiner Majestät zu gut bewacht. Selbst wenn wir uns Zugang verschaffen könnten, kämen wir nicht wieder hinaus.«

Elizabeth blickte mich völlig unbeeindruckt an. »Bevor wir aufgeben, sollten wir vielleicht Master Fitzpatrick fragen, der in all den Jahren immer am Fuß des Bettes meines Bruders geschlafen hat. Er wird wissen, wie unmöglich das ist.« Sie wandte sich an Barnaby. »Gibt es einen Zugang zu Edwards Gemächern, über den wir zu ihm gelangen können, ohne ertappt zu werden?«

Fassungslos hörte ich Barnaby antworten: »Es gibt einen Geheimgang zu seinem Schlafgemach. Seine Majestät, Euer verstorbener Vater, hat ihn früher gern benutzt. Bei meiner letzten Überprüfung hatte der Herzog dort noch keine Wache aufgestellt. Aber ich muss Euch warnen: Wenn er das nachgeholt hat, führt der einzige Weg ins Freie durch die Gemächer. Und die sind verseucht mit seinen Speichelleckern.«

»Ich riskiere es trotzdem.« Elizabeth starrte mich mit bohrendem Blick an. »Versuch nicht, mich zurückzuhalten. Wenn du mir helfen möchtest, kannst du das gern tun. Wenn nicht, kannst du mich am Torhaus treffen. Aber ich muss das tun. Ich muss meinen Bruder sehen, bevor es zu spät ist.« Sie schwieg. »Ich … ich muss von ihm Abschied nehmen.«

Ihre Worte zerrten an meiner Seele. Das verstand ich nur zu gut.

Barnaby trat vor. »Ich zeige Eurer Hoheit den Weg.« Und mit einem kurzen Blick auf mich erklärte er: »Ich geleite Euch sicher zu Seiner Majestät und zurück zum Torhaus.«

»Danke, Barnaby.« Elizabeth wandte die Augen nicht von mir ab. Seufzend fügte ich mich in die Niederlage. Dann warf ich einen prüfenden Blick auf die hell erleuchteten Palastfenster. Das Feuerwerk war zu Ende. Aus rasend schnell aufziehenden Sturmwolken fielen die ersten Tropfen. Bald würde das Fest seinen Höhepunkt erreichen, und der von überreichlich fließendem Wein berauschte Hofstaat würde in fiebriger Ekstase tanzen, während das Brautpaar verdrießlich auf dem Podest hockte. Und da der König nicht wie versprochen seine Aufwartung machte, würde der Herzog die Feiernden mit seiner Anwesenheit beehren und außerdem die Adeligen im Auge behalten müssen. Insofern boten sich jetzt in der Tat die besten Voraussetzungen, sich in die königlichen Gemächer zu stehlen. Warum erfassten mich dann trotzdem schreckliche Vorahnungen?

»Ash Kat hat den Hof wissen lassen, dass ich indisponiert bin«, sagte Elizabeth, die mein Schweigen missverstanden hatte. »Meine Magenbeschwerden und Kopfschmerzen sind ja ebenso berüchtigt wie meine Zornesausbrüche, wenn mir eine Laus über die Leber gelaufen ist. Außerdem hat der Herzog bestimmt nicht vergessen, was er mir heute Nachmittag gesagt hat, und wird sein Glück nicht überstrapazieren wollen. Ich habe Robert natürlich nicht alles erzählt. In Wahrheit habe ich Northumberland keine komplette Abfuhr erteilt. Ich habe lediglich erklärt, dass ich Zeit brauche, um mir seinen Antrag durch den Kopf gehen zu lassen.«

Auf ihrem Gesicht erschien ein kaltes Lächeln. »Diese Zeit wird selbstverständlich bald ablaufen, aber wenn die Kerle nicht gerade auf die Idee kommen, die Tür zu meinem Schlafgemach aufzubrechen, wird keiner es wagen, mich zu stören.«

»Nicht, solange Seine Majestät lebt«, meinte ich. »Ist er erst einmal tot, könnt Ihr keine Gnade erwarten.«

»Das käme mir sowieso nie in den Sinn«, entgegnete sie. »Aber es ist mutig von Euch, mich daran zu erinnern.«

Ich blickte Barnaby an. »Seid Ihr sicher, dass wir den Geheimgang ohne Sorge benutzen können?«

»Vorausgesetzt, er wird nicht bewacht, und jemand von uns bleibt draußen, um uns im Notfall zu warnen. Nur der Liebling des Königs, Sidney, ist jetzt bei Edward. Er wird nicht Alarm schlagen.«

»Ich stehe Wache vor dem Eingang.« Kate zog ihren Dolch unter dem Umhang hervor. Mir lag schon ein Protest auf der Zunge, doch dann presste ich die Lippen zusammen. Wir waren nicht so viele, dass ich es mir leisten konnte, auf Hilfe zu verzichten. Und wir brauchten nun einmal jemanden, der uns den Rücken freihielt. »Schön. Peregrine kommt mit uns. Wenn die Lage sicher aussieht, kann er in die Stallungen gehen. Eure Hoheit, Euch ist bewusst, dass Euer Besuch bei Eurem Bruder kurz sein muss?«

Sie schlug ihre Kapuze hoch. »Ja.«

Während Kate und Peregrine Elizabeth in ihre Mitte nahmen, winkte ich Barnaby zu mir nach vorn, und wir huschten die Fassade des Palastes entlang, eine verschworene Fünferbande. Das von den Fenstern und Loggien nach draußen flutende Kerzenlicht mieden wir. Aus den geöffneten Fenstern drang hemmungsloses, fast fieberhaftes Lachen.

Ich fragte mich, ob der Herzog in letzter Minute mehr Höflinge in den Palast hereingelassen hatte, als ihm selbst recht war. Ich hoffte es jedenfalls. Alles, was ihn ablenkte, verschaffte uns mehr Zeit, Edward ungestört zu besuchen und zu verlassen. Elizabeths Fehlen bei der Hochzeitsfeier war gewiss aufgefallen. Nun, Northumberland konnte beschlossen haben, dass ein gewisser Anreiz nötig war, um Elizabeth das Überlegen zu erleichtern, und hatte vielleicht in diesem Augenblick Wachen vor ihren Gemächern aufstellen lassen. Sosehr mir dieser Gedanke missfiel, wir mussten auf alles vorbereitet sein.

Verstohlen blickte ich Barnaby an. Falls ich jemals in ein Handgemenge geriet, tat ich gut daran, jemanden wie ihn an meiner Seite zu haben. »Barnaby«, flüsterte ich. »Könnt Ihr mir eines versprechen?«

»Das kommt darauf an, was es ist.«

»Wenn irgendetwas fehlschlägt, könnt Ihr dann alles tun, was erforderlich ist, um sie in Sicherheit zu bringen?«

Seine Zähne schimmerten. »Glaubt Ihr etwa, ich würde sie diesem Wolfsrudel überlassen? Verlasst Euch darauf: Ich bringe sie in Sicherheit – und wenn ich dabei sterbe. Wie auch immer, sie fällt ihnen nicht in die Hände.«

Wir passierten einen ummauerten Innenhof gegenüber der Seitenfassade des Palasts. An seinem Ende erhob sich ein verlassen wirkender Turm. Ich roch den nahen Fluss.

Barnaby blieb abrupt stehen. »Der Eingang ist in diesem Turm.« Er kauerte sich nieder. Ich tat es ihm gleich, einen stummen Fluch auf den Lippen. Auch die anderen verharrten. In der Stille hörte ich Elizabeth scharf die Luft zwischen den Zähnen einsaugen. »Wachposten«, flüsterte sie.

Tatsächlich standen zwei bewaffnete Männer vor dem Turm, der sich im Vergleich zu dem in den Himmel ragenden Palast ausnahm wie eine verschrumpelte Kröte. Die Soldaten, die sich einen Weinschlauch teilten und angeregt miteinander schwatzten, achteten nicht weiter auf ihre Umgebung. Wahrscheinlich rechneten sie nicht damit, dass sich in einer Nacht, in der die Vermählung des Sohnes des Herzogs gefeiert wurde, irgendwelche Eindringlinge nähern könnten. Damit ließ sich erklären, warum sie halb betrunken an der Mauer lehnten. Während die Höflinge drinnen herumtollten und sich mit Braten vollstopften, mussten sie in der Kälte vor einer Tür Wache stehen, von der so gut wie niemand wusste.

»Habt Ihr nicht gesagt, der Gang wäre sicher?«, raunte ich Barnaby ins Ohr.

»Das ist er normalerweise auch«, zischte er. »Wahrscheinlich will unser Herr, der Herzog, jedes Risiko ausschließen. Das ist das erste Mal, dass er den Eingang bewachen lässt.«

Ich blickte zu Elizabeth hinüber. Unter der Kapuze ihres Umhangs wirkte ihr Gesicht wie eine blasse Ikone; ihre Augen gaben nichts davon preis, was ihr die Begegnung mit Robert abverlangt hatte. »Es sind nur zwei«, flüsterte sie zur Antwort auf meine lautlose Frage. Wie hatte ich annehmen können, sie würde etwas anderes sagen? »Wir werden uns eben etwas ausdenken müssen, um sie abzulenken.«

Bevor ich darauf antworten konnte, hatte sich Kate zu mir herübergeschlichen. Ihr Apfelduft erinnerte mich eindringlich daran, welche Wirkung sie inzwischen auf mich ausübte, mochte ich das auch noch so heftig vor mir selbst leugnen.

»Ich habe eine Idee. Ihre Hoheit und ich haben solche Spiele schon öfter gespielt, wenn auch mit Herren von einem ganz anderen Format. Aber Männer sind und bleiben Männer, und die zwei hier haben mehr getrunken, als ihnen guttut. Wenn Ihr und Barnaby mitmacht, werden wir die beiden wohl im Handumdrehen überwältigt haben.«

Ich starrte sie sprachlos an. Barnaby grinste breit. »Das nenne ich ein Mädchen nach meinem Geschmack.« Ich suchte noch nach einem stichhaltigen Grund für eine Ablehnung, als Elizabeth ihre Kapuze noch tiefer ins Gesicht zog und es vollends verbarg. Ich ergriff sie am Arm. »Hoheit!« Ihren pikierten Blick auf meine Finger ignorierte ich. »Bitte überlegt Euch das noch einmal genau!« Ich fuhr zu Kate herum. »Ihr könntet beide verhaftet werden.«

»Daran habe ich auch schon gedacht.« Elizabeth schüttelte meine Hand ab. »Aber das hier ist der einzige Grund, warum ich an den Hof zurückgekehrt bin. Ich habe es Euch doch gesagt: Ich muss es tun. Seid Ihr dazu bereit, mir dabei zu helfen, oder nicht?«

Ich blickte ihr in die Augen und nickte langsam. Kate murmelte kurz ein paar Anweisungen, dann schlug sie ihre Kapuze zurück. Das Gesicht solcherart entblößt, tänzelte sie mit schwingenden Hüften auf die zwei Männer zu, die gerade wieder den Weinschlauch zwischen sich hin- und herwandern ließen.

»Zeit zu fliehen, mein Freund«, flüsterte ich Peregrine zu, woraufhin dieser in die Dunkelheit davonstob.

Ich packte meinen Dolch fester und beobachtete, wie Kate und Elizabeth sich den Männern näherten. Die beiden hatten sich mittlerweile aufgerichtet, wirkten aber eher verblüfft als misstrauisch. Das fahle Licht des abnehmenden Mondes und der Widerschein der Kerzen in den Palastfenstern genügten, um den Soldaten zu bestätigen, dass die zwei Störenfriede Frauen waren, die im Park lustwandelten. Und Frauen, die nachts in einem Park lustwandelten, galten grundsätzlich nicht als Damen.

Der größere der beiden Männer torkelte ihnen mit einem lüsternen Grinsen entgegen. Kate schritt voran, Elizabeth folgte ihr, das Gesicht unter der Kapuze verborgen, auf den Fersen. Ihre elegante, schmale Statur wurde durch den Umhang zusätzlich betont. Ich bezweifelte, dass den Wachposten auffallen würde, wie kostbar der Samt ihrer Kleider war, doch sollte durch irgendein Missgeschick ihr Gesicht zum Vorschein kommen, machte ich mir keine Illusionen über den Wert ihrer Tarnung. In ganz England gab es kein Gesicht, das so bekannt war wie ihres.

»Haltet Euch bereit«, zischte ich Barnaby zu. Er grunzte zur Bestätigung.

Die Stimme des ersten Wächters drang durch die Nacht. »Und was treiben die zwei schönen Damen so spät hier draußen?« Schon streckte er seine schmutzige Hand nach Kate aus, und ich machte Anstalten, den Dolch zu zücken. »Ganz ruhig, Freund«, murmelte Barnaby. »Lasst ihr Zeit.«

Mühelos wich Kate den Händen des Mannes aus. Ihm die Hüfte verführerisch entgegenreckend und den Kopf kokett geneigt, verbarg sie die rechte Hand unter den Falten ihres Capes, wo sie ihren Dolch stecken hatte. »Meine Herrin und ich wollten der Luft im Palast entkommen«, zwitscherte sie. »Dort ist es schrecklich heiß und laut. Hier in der Nähe soll es einen Pavillon geben, ist uns gesagt worden, aber ich fürchte, wir haben uns verlaufen.«

Sie verstummte. Zwar konnte ich ihr Gesicht nicht sehen, war mir aber sicher, dass sie dem Mann ein hinreißendes Lächeln schenkte. Trotz der Gefahr ließ ihr Wagemut meine Bewunderung für sie ins Unermessliche steigen. Sie hatte wahrhaftig das Herz einer Löwin. Kein Wunder, dass Elizabeth ihr blind vertraute.

»Ein Pavillon?« Der Wächter drehte sich zu seinem Gefährten um, der neben ihm stand und die zwei Frauen argwöhnisch musterte. Er war weniger betrunken als der andere und darum der gefährlichere von den beiden. »Hast du das gehört, Rog? Die Damen suchen einen Pavillon. Hast du schon mal von so was hier in der Gegend gehört?«

Der Wächter namens Rog gab keine Antwort. Ich sah, wie Elizabeth sich unter ihrem Umhang anspannte und unwillkürlich die Schultern straffte. Doch es war nicht so sehr die Geste selbst, die den Mann in Alarmbereitschaft versetzte, sondern die Art der Bewegung. Denn damit gab Elizabeth sich als Frau von hohem Rang zu erkennen, die es nicht gewohnt war, Fragen zu beantworten. Rog reagierte sofort. Mit vorgerecktem Kinn baute er sich vor Kate auf – bei allen Männern der Welt die Pose des Kriegers, der sich für mächtig hält.

»Ich weiß nichts von einem Pavillon in dieser Gegend! Aber ich muss die Damen bitten, uns ihre Namen zu nennen. Jetzt ist nicht die Zeit, sich unbegleitet in der Dunkelheit aufzuhalten.« Er warf Elizabeth einen vielsagenden Blick zu. »Mylady, ich möchte dafür sorgen, dass Ihr sicher in den Palast zurückgebracht werdet.«

Kate lachte auf. »Mit den Festlichkeiten dort drinnen stellt der Palast natürlich keine Gefahr dar. Aber ich sehe, dass wir hier am falschen Ort sind. Eine Eskorte wäre uns sehr recht, wenn Ihr so freundlich wärt.«

Es verlief nicht nach Plan, doch sie improvisierte nach Kräften, um uns doch noch eine Gelegenheit zum Eingreifen zu verschaffen. Und es konnte klappen, wenn sie es nur schaffte, die Kerle zur Mauer zu locken, wo Barnaby und ich im Schatten des Turms auf der Lauer lagen.

Doch Rog schluckte den Köder nicht. Er hatte seinen misstrauischen Blick nicht eine Sekunde von Elizabeth abgewandt, und gerade als ich dachte, die Situation sei zu angespannt, als dass Barnaby und ich tatenlos bleiben könnten, schoss die Hand des Mannes vor, und er riss der Prinzessin die Kapuze vom Kopf.

Totenstille breitete sich aus. Elizabeths blasses Gesicht und ihre feuerroten Locken schimmerten. Der größere der Wächter stieß ein ersticktes Keuchen aus. »Allmächtiger! Das ist … das ist …!«

Er brachte den Satz nicht zu Ende. Das Messer hoch erhoben, stürzte Kate sich auf ihn. Gleichzeitig brachen Barnaby und ich aus der Deckung. Nie hätte ich gedacht, dass wir gezwungen sein könnten, diese Männer zu ermorden, doch in dieser kritischen Situation erkannte ich, dass unser eigenes Überleben womöglich genau das erfordern würde.

Ich erreichte Kate, als sie mit dem Wächter rang. Wiehernd vor Lachen hatte er ihre Hand, die das Messer hielt, gepackt und drückte sie zurück. Mit einem heftigen Stoß an die Schulter beförderte ich Kate aus seiner Reichweite und rammte dem Mann die Faust so brutal ins Gesicht, dass ich seine Knochen spürte. Mit einem dumpfen Aufprall krachte er auf das Kopfsteinpflaster.

Ich wirbelte herum und sah, wie Barnaby Rogs Schwert auswich. Doch da Barnabys kleiner Dolch der mächtigen Waffe nicht gewachsen war, war es nur eine Frage von Sekunden, bis ihm der Mann den tödlichen Hieb versetzen konnte. Aber dann registrierte ich aus den Augenwinkeln eine verschwommene Bewegung – ein dunkler Stoff, der durch die Luft zischte.

Eine lange weiße Hand erschien wie aus dem Nichts.

Ich hörte ein Knacken. Zunächst zeigte Rog keine Regung, dann bebte sein Schwert und fiel klirrend zu Boden. Schwankend drehte er sich halb zu seiner Angreiferin um, auf dem Gesicht einen Ausdruck völliger Fassungslosigkeit. Eine dünne Blutspur sickerte von seiner Stirn herab.

Dann kippte er nach vorn.

Ich erhaschte Elizabeths Blick. Der Stein, mit dem sie zugeschlagen hatte, glitt ihr aus den Fingern. Ein Blutfleck besudelte ihre schmalen Hände. Kate stürzte auf die Prinzessin zu. »Eure Hoheit, seid Ihr verletzt?«

»Nein. Aber ich wette mit dir, dass dieser Kerl mit Kopfschmerzen aufwachen wird, die er nicht so bald vergessen wird.« Fast ungläubig starrte Elizabeth auf den zu ihren Füßen liegenden Soldaten hinab. Dann hob sie die Augen zu mir. Während ich mich ihr näherte, beugte sich Barnaby über Rog und fühlte ihm den Puls.

»Er lebt«, verkündete Barnaby.

Erleichtert atmete Elizabeth auf. »Gnädiger Gott! Sie haben ja nur ihre Pflicht getan.«

Kate strich sich das zerzauste Haar aus dem Gesicht. Darunter kamen hochrot verfärbte Wangen zum Vorschein. »Richtige Lümmel waren das! Kann Northumberland keine besseren Männer finden?«

»Hoffentlich nicht.« Barnaby packte Rog an den Handgelenken und schleifte ihn zum Eingang des Turmes. Ich winkte unterdessen Kate zu mir. »Kommt, helft mir.«

Wir begannen, fieberhaft zu arbeiten. Mit vereinten Kräften zerrten Kate, Elizabeth und ich den größeren und schwereren zweiten Wächter durch die Tür in einen kleinen, runden Raum, den man früher als Gerätelager benutzt haben mochte. Von dort führte eine Wendeltreppe zu einer gewölbten Decke.

Nachdem wir die Wächter Seite an Seite auf den Boden gebettet hatten, ging ich noch einmal ins Freie, um das Schwert zu bergen. Als ich zurückkehrte, fesselte Barnaby die regungslosen Männer gerade mit seinem Gürtel an den Handgelenken aneinander. Dann ließ er sich von Elizabeth deren Taschentuch geben, zerriss es in zwei Hälften und stopfte den Männern je eine in den Mund. »Kein wirkliches Hindernis, wenn sie unbedingt rauswollen«, brummte er. »Aber das wird sie eine Weile aufhalten.«

Kate nahm mir das Schwert aus der Hand. »Ich werde schon dafür sorgen, dass sie stillhalten. Wenn sie auch nur laut atmen, zerlege ich sie wie eine Kirchweihgans.«

Elizabeth hatte unterdessen die Wendeltreppe erreicht. Barnaby hielt sie zurück. »Nein, dort.« Er lief vorbei an der Treppe zur anscheinend massiven Mauer. An ihrem Fuß bückte er sich und hob eine Bodenplatte an. Verblüfft beobachtete ich, wie er mit den Zehenspitzen einen darunter verborgenen Hebel umlegte.

Langsam öffnete sich die Wand und gab einen Bogengang frei. An seinem Ende wand sich in der Dunkelheit eine von Spinnweben verhangene zweite Wendeltreppe nach oben. Elizabeths skeptisch zusammengekniffene Augen wanderten von Barnaby zu mir. »Die ist aber sehr finster.«

»Wir können kein Licht riskieren«, erklärte Barnaby. Sie nickte und tastete sich zum Geheimgang vor.

Ich bedeutete Barnaby, ihr zu folgen. »Ich komme gleich nach.« Dann wandte ich mich zu Kate um. »Seid Ihr sicher, dass Ihr hierbleiben wollt?« Ich gab mir alle Mühe, meinen Ton neutral zu halten und meine Sorge nicht anklingen zu lassen, die mich gerade erst fast dazu getrieben hätte, den Wächter umzubringen. Nun widerstrebte es mir zutiefst, sie mutterseelenallein hier unten zurückzulassen. Andererseits passte es mir ganz und gar nicht, dass ich ausgerechnet jetzt Gefühle für sie empfand.

Sie bedachte mich mit einem wissenden Lächeln. »Immer noch misstrauisch, hm?« Und bevor ich etwas erwidern konnte, legte sie mir einen Finger auf die Lippen. »Psst. Ich weiß, dass ich Euch eine Erklärung schulde, aber seid fürs Erste versichert, dass ich mit einer Klinge mehr vermag, als nur Äpfel zu schälen.«

Daran hatte ich keine Zweifel. Aber selbst wenn sie eine Waffe schwingen konnte, wäre sie diesen Burschen nie und nimmer gewachsen, sobald sie auf die Idee kamen, ihre Fesseln zu sprengen.

»Kämpft nicht gegen sie.« Ich sah ihr tief in die Augen. »Das sind die Männer des Herzogs. Die Strafe wäre … drakonisch. Wenn es ernst wird, seht zu, dass Ihr flieht. Lauft zu Peregrine, und trefft uns auf der Straße.« Ich stockte. »Versprecht es mir.«

»Ich bin gerührt, dass Ihr Euch Sorgen macht«, erwiderte sie, immer noch mit diesem ironischen Lächeln um die Mundwinkel. »Aber jetzt ist wohl kaum der richtige Moment für Zweifel an den eigenen Verbündeten. Lauft los. Es gibt Wichtigeres, um das Ihr Euch sorgen müsst.«

Sie hatte recht. Eilig wandte ich mich um und trat in die erstickende Dunkelheit.

Der Gang und die Geheimtreppe waren entsetzlich eng, und die Decke war so niedrig, dass man kaum aufrecht gehen konnte. Die Knie gebeugt und den Kopf eingezogen, aber immer noch mit den Haaren kalten Stein streifend, fragte ich mich, wie König Henry sie mit seiner Körperfülle bewältigt haben mochte. Unwillkürlich keuchte ich auf, als jäh alles Raumgefühl verschwand.

Kate hatte den Hebel betätigt und die falsche Mauer wieder geschlossen.

Ich befand mich in einem nach oben führenden Tunnel. Nach und nach gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Auf den Stufen kauerten Ratten, die mich ohne jede Angst beäugten. Elizabeth und Barnaby stiegen hintereinander hinauf. Bei jeder Biegung verlor ich sie aus den Augen. Die feuchtkalte Luft trieb mir den Schweiß auf die Stirn.

Plötzlich endete die Treppe an einer Holztür. Barnaby verharrte. »Bevor wir hineingehen, sollten Eure Hoheit wissen, dass Edward … nicht mehr der Prinz ist, den wir einmal kannten. Die Krankheit und die Behandlungen haben einen schrecklichen Tribut von ihm gefordert.«

Elizabeth hielt sich dicht bei mir, als Barnaby an die Tür klopfte. In der Stille hörte ich sie zittrig atmen. Barnaby pochte erneut. Ich packte meinen Dolch.

Mit einem Knarzen ging die Tür einen Spaltbreit auf.

»Wer kommt da?«, fragte eine angstvolle Männerstimme leise.

»Sidney, ich bin’s«, flüsterte Barnaby. »Mach auf, schnell.«

Die Tür schwang nach innen auf, und ich erhaschte einen Blick auf eine Wandvertäfelung, die den geheimen Eingang zu einem kleinen, aber kostbar ausgestatteten Zimmer verdeckte. Eine überwältigende Hitze schlug mir entgegen. Sie kam aus den mit Duftstoffen angereicherten Kohlenpfannen in den Ecken, von einem in einer Nische eingemauerten Kamin und von den Fackeln, welche die in Scharlachrot und Gold bezogenen Stühle und die Vorhänge zu einem Alkoven beleuchteten, in dem sich ein Baldachin aus reinem Damast befand.

Ein junger Mann mit strähnigem blonden Haar und einem fein geschnittenen, eingefallenen Gesicht wandte sich Barnaby zu. »Was machst du hier? Du weißt doch, dass Seine Lordschaft dich weggeschickt hat. Du darfst nicht …« Seine Stimme erstarb, und seine blauen Augen weiteten sich. Elizabeth war an Barnaby vorbeigetreten und nahm ihre Haube ab.

Ich hielt mich hinter ihr. Neben der Hitze, die einem den Atem verschlug, stieg mir allmählich ein eigenartiger Geruch in die Nase – er war sehr schwach, aber seltsam faulig und ließ sich von dem Kräuterdampf aus den Kohlenpfannen nicht gänzlich übertünchen.

Elizabeth bemerkte es ebenfalls. »Himmelherrgott …«, murmelte sie, als Sidney vor ihr auf die Knie sank. »Dafür ist jetzt keine Zeit«, sagte sie leise und näherte sich dem Bett. Ein auf einer Stange hockender Falke, dessen Füße an einen goldenen Pfosten gekettet waren, beobachtete sie. In seinen dunklen Pupillen spiegelten sich die Kerzenflammen.

»Edward?«, flüsterte Elizabeth und öffnete die Bettvorhänge. Nach Luft schnappend, taumelte sie zurück.

Ich stürzte an ihre Seite. Als ich sah, was sie anstarrte, hätte ich fast aufgeschrien.

Der Gestank in diesem Raum ging von einer verschrumpelten Gestalt aus, die auf dem Rücken im Bett lag. Das Fleisch seiner ausgemergelten Arme und Beine hatte sich schwarz verfärbt; er verfaulte bei lebendigem Leib. Wie eine verfallende Marionette auf die Kissen gestützt, war er halb aufgerichtet. Nur die Bewegung des Brustkorbs ließ erkennen, dass das Herz des jungen Königs noch schlug. Ich konnte es nicht fassen, dass jemand in einem solchen Zustand noch bei Besinnung war. Insgeheim betete ich, er möge es nicht sein.

Dann öffnete Edward seine Augen, und sein verängstigter Blick verriet uns, dass er sich seiner Qualen, aber auch der Anwesenheit seiner Schwester vollkommen bewusst war. Er öffnete ausgetrocknete, aufgeplatzte Lippen und mühte sich damit ab, Worte zu bilden, wenn auch vergebens.

Sidney eilte an seine Seite. »Er kann nicht sprechen«, erklärte er Elizabeth. Diese stand da und starrte Edward entsetzt an, unfähig, ihre Gefühle zu verbergen.

»Was … was versucht er zu sagen?«, flüsterte sie.

Sidney beugte sich über die Lippen des sterbenden Königs. Edwards klauenartige Finger krallten sich um sein Handgelenk. Sidney blickte bekümmert auf. »Er bittet Euch um Vergebung.«

»Um Vergebung?« Elizabeths Hand fuhr an ihre Kehle. »Gütiger Jesus, wenn jemand um Vergebung bitten muss, dann ich. Ich war nicht hier. Ich war nicht hier, um zu verhindern, dass sie ihm dieses … grauenvolle Leid zufügen.«

»Über solche Sorgen ist er hinaus. Er wünscht sich nichts als Eure Vergebung. Er hatte nicht mehr die Kraft, dem Herzog zu widersprechen. Das weiß ich. Schließlich habe ich alles mitbekommen, was sich zwischen den beiden abgespielt hat, und zwar von dem Tag an, als Northumberland begann, ihn zu vergiften.«

»Ihn zu vergiften?« Elizabeths Stimme nahm einen harten, kalten Ton an. Ich konnte nur hoffen, dass ich niemals diesen Zorn auf mich ziehen würde, der jetzt in ihren Augen loderte. »Was sagt Ihr da?«

»Ich spreche von der Wahl, Eure Hoheit, von der grausamen Wahl, die sie ihm aufgezwungen haben. Er hatte hohes Fieber und spuckte Blut. Jeder wusste, dass er das nicht überleben konnte. Auch er wusste, dass sein Ende naht, und hatte sich damit abgefunden. Er hatte auch schon bestimmt, wer ihm nachfolgen sollte. Dann verlegte der Herzog ihn hierher und ordnete die Entlassung seiner Ärzte an. Stattdessen schaffte er diese Kräuterkundige herbei, die damit begann, ihn mit irgendeiner Arsenmischung zu behandeln. Ihm wurde gesagt, das würde ihm helfen, und das war tatsächlich der Fall – zumindest für eine Weile. Aber dann wurde es noch viel schlimmer.«

Sidney blickte auf Edward hinab. »Er begann, von innen zu verfaulen. Der Schmerz wurde zu einer nicht mehr endenden Folter. Northumberland bedrängte ihn Tag und Nacht – ohne Unterlass, ohne Gnade. Schließlich unterschrieb er aus Verzweiflung, denn er konnte das alles einfach nicht mehr ertragen. Außerdem hatte sie ihm Erlösung von diesem endlosen Höllenfeuer versprochen, in dem er verbrannte.«

»Er … er wurde gezwungen, etwas … zu unterschreiben?«, ächzte Elizabeth. Ich sah, wie die Adern an ihren Schläfen hervortraten. »Was war das? Was musste er unterschreiben?«

Sidney schaute weg. »Ein Dokument, mit dem er Lady Jane Grey zu seiner Erbin ernannte. Der Herzog hat ihn gezwungen, Euch und Lady Mary den Anspruch auf den Thron abzuerkennen.«

Elizabeth verriet keine Regung. Ich konnte sehen, wie ihr Gesicht sich verfärbte. Unvermittelt wirbelte sie wutentbrannt herum und machte Anstalten, zur Tür zu stapfen.

»Eure Hoheit«, mahnte ich.

Sie zögerte. »Nein! Sagt es nicht.«

Ich stellte mich vor sie. »Hört nur.«

Von draußen war ein Schlurfen zu hören, das sich näherte, bis es die Tür erreichte.

»Das ist die Kräuterkundige«, sagte Sidney in überraschtem Ton. Und während Barnaby an der Wand neben der Tür Stellung bezog, zerrte ich Elizabeth in den Alkoven hinter den Vorhang. Dort schirmte ich sie mit meinem Körper ab. Den Dolch hatte ich auch schon gezückt, doch er kam mir fast albern vor, wie ein Kinderspielzeug. Ich verstärkte meinen Griff und verfolgte durch eine Lücke, wie die Tür geöffnet wurde.

Eine verkrüppelte kleine Frau humpelte herein. Ihre Knöchel waren nach innen verkrümmt und wiesen grässliche Narben auf.

»Ich habe doch gesagt, es ist die Kräuterkundige«, wiederholte Sidney. Erleichtert ließ sich Barnaby gegen die Wand sinken.

Ich schaute genauer hin. Und mit einem Mal geriet meine ganze Welt aus den Fugen.

Langsam trat ich aus meinem Versteck hervor. Ich wusste es, ohne dass es eines Wortes bedurfte. Es war, als wäre mir ein Nagel ins Herz gerammt worden. Alles Blut in meinen Adern schien zu schwinden. Ich sah kein Zeichen des Erkennens in dem faltigen Gesicht, das von einer altmodischen Haube umrahmt wurde – ein Gesicht, von unsäglichem Leid fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Wie gelähmt starrte ich sie an, doch mitten in meine Zweifel hinein überwältigte mich der aus Kindheitstagen vertraute Duft von Rosmarin. Peregrines Worte fielen mir wieder ein.

Er hat diese alte Amme als Pflegerin … Sie ist einmal gekommen … um einen von Edwards Spaniels zu holen.

Einen schier endlosen Moment lang starrte ich sie an. Ihre Augen waren stumpf, schicksalsergeben. Zitternd hob ich eine Hand an ihre Wange und strich ihr mit den Fingern über die ausgetrocknete Haut. Die Berührung erschütterte mich zutiefst. Fast glaubte ich, ein Trugbild vor mir zu haben, das gleich zu Staub zerfallen würde. Das Herz hämmerte mir in den Ohren. Nie hätte ich für möglich gehalten, was ich hier erlebte.

Nicht nach all den kummervollen Jahren.

Hinter mir flüsterte Elizabeth: »Ihr kennt sie?«

Und ich hörte mich von fern antworten: »Ja. Das ist Mistress Alice. Sie war in meiner Kindheit wie eine Mutter für mich. Später wurde mir gesagt, sie sei tot.«

Stille trat ein. Barnaby schloss die Tür und stellte sich davor auf.

Ich konnte die Augen nicht von Alice wenden, konnte diese zerbrechliche alte Gestalt vor mir einfach nicht mit der geistreichen Frau in Verbindung bringen, die ich in meinem Gedächtnis verwahrt hatte. Sie war immer rege und flink gewesen, in Worten wie in ihren Bewegungen; ihre Augen waren scharf, wach und leuchtend gewesen, ganz anders als diese eingesunkenen, hohlen Halbkugeln, die ich nun vor mir sah.

Sie war wie jedes Jahr zu einer Reise nach Stratford aufgebrochen. Nur für ein paar Tage, die im Handumdrehen vorbei sind, hatte sie gesagt. Für Sorgen ist kein Platz, mein Spatz. Im Nu bin ich wieder zurück. Doch sie kam nicht zurück. Wegelagerer hatten sie überfallen. So erklärte es mir zumindest Master Shelton. Ich weinte nicht, bat nie darum, ihre Leiche oder ihr Grab zu sehen. Der Schmerz saß zu tief. All die Äußerlichkeiten bedeuteten nichts. Sie war nicht mehr da – allein das zählte. Sie war nicht mehr da und würde nie wieder zu mir zurückkehren. So hatte man es mir erklärt. Und das glaubte ich. Ich war zwölf Jahre alt und des einzigen Menschen auf der Welt beraubt worden, der mich je geliebt hatte. Ihr Verlust wurde zu einer niemals heilenden Wunde, die ich tief in meinem Innersten verbarg.

Plötzlich stieg die alte Frage mit der Macht eines Vulkanausbruchs in mir empor:

Warum? Warum hast du mich verlassen?

Doch ein einziger Blick auf ihre Gestalt gab mir die Antwort.

Die Narben an ihren Knöcheln – es waren dieselben wie bei Maultieren, die von ihren gefühllosen Herren dazu gezwungen werden, ein Leben lang mit aneinandergeketteten Beinen im Kreis zu humpeln, damit eine Tretmühle und die damit verbundenen Mühlräder sich unablässig bewegen. Meine Finger fuhren sachte über ihr Kinn, wie um eine verängstigte Stute zu beruhigen. Und wie eine Stute begriff sie. Sie öffnete die Lippen. Ihr Mund gähnte schwarz. Geschändet.

Sie hatten ihr die Zunge herausgeschnitten.

Ein Schrei stieg mir in die Kehle. Ich unterdrückte ihn, als ich Elizabeth stöhnen hörte: »Ist das die Frau, die meinen Bruder vergiftet hat?«

Vom Bett her hörte ich Sidney antworten: »Ja. Lady Dudley hat sie hierhergebracht … Sie hat ihr befohlen, die Behandlungen durchzuführen. Aber sie … sie …«

»Was?«, blaffte Elizabeth. »Raus mit der Sprache!«

»Mistress Alice ist eine hervorragende Kräuterkundige«, erklärte ich mit erstickter Stimme. »Sie hat mich in meiner Kindheit von vielen Krankheiten geheilt. Etwas wie das hier hätte sie nie von sich aus getan.«

Elizabeth deutete auf ihren Bruder. »Und das könnt Ihr nach allem, was sie angerichtet hat, noch sagen?«

Mistress Alice’ verstümmelte Hand zupfte an meinem Wams. Ich sah ihr in die Augen, und mit einem Schlag schmolz der Klumpen in meiner Brust. Barnaby fing meinen warnenden Blick auf, dann wandte ich mich auch schon zu Elizabeth um. »So etwas würde sie einem Lebewesen, geschweige denn einem Menschen, nie und nimmer antun – es sei denn, man zwingt sie dazu! Man hat sie verletzt, gefoltert. Der Herzog hat das befohlen.«

»Warum?« Elizabeth brach die Stimme. »Lieber Gott im Himmel, warum tun sie ihm das an?«

»Um ihn am Leben zu halten. Um Zeit zu gewinnen«, lautete meine grimmige Antwort.

Elizabeth starrte mich an. »Ich kann ihn nicht so zurücklassen. Wir müssen ihn aus diesem Bett wegschaffen.«

»Das können wir nicht«, widersprach ich, wofür ich einen verächtlichen Blick erntete. »Wir müssen weg von hier«, fügte ich entschlossen hinzu. »Sofort.«

Elizabeth warf Barnaby einen fragenden Blick zu. »Ich höre nichts.«

»Ich auch nicht«, antwortete ich. »Aber Mistress Alice sehr wohl! Schaut sie Euch nur an!«

Elizabeth gehorchte. Mistress Alice war zur Geheimtür geschlurft und gab uns aufgeregt Zeichen. Ihre Hände waren grausam verkrümmt worden, und die Finger und Gelenke waren kaum noch als menschlich zu erkennen. In den Jahren der Gefangenschaft war ihr alle Kraft, alles Leben geraubt worden. Bei ihrem Verschwinden war sie noch keine fünfzig Jahre alt gewesen.

Ich musste meine Wut mit Gewalt unterdrücken. Schweigend kehrte ich zu Elizabeth zurück. Sie blickte mir herausfordernd in die Augen, um sich dann abrupt zur Tür umzuwenden.

Barnaby trat an ihre Seite. Sidney stürzte zu einem Kasten und riss den Deckel auf. Dort ruhte in einer Lederscheide ein Schwert mit juwelenbesetztem Griff. Er packte es und warf es mir zu. »Edward hat dafür keine Verwendung mehr. Es ist aus Toledo-Stahl, ein Geschenk des kaiserlichen Botschafters. Ich werde versuchen, die Kerle aufzuhalten. Seht zu, dass Ihr entkommt.«

So, wie sich das Schwert in meinen Händen anfühlte, war mir sofort klar, dass es für jemanden von geringer Statur wie mich geschmiedet worden war. Nur hätte ich mir nie eine derart kostbare Waffe leisten können.

Mistress Alice schlurfte unterdessen zum Bett. »Bringt Ihre Hoheit in Sicherheit!«, befahl ich Barnaby und trat die Geheimtür so fest hinter ihnen zu, dass sie ihm fast ins Gesicht schlug. Sidney, der zur Eingangstür geeilt war, sah, dass ich geblieben war, und erstarrte. »Was wollt Ihr hier noch? Sie sind fast schon da!«

Ich lief zu Alice hinüber, die vor dem Nachttisch stand und in einer Holztruhe herumwühlte – ihre Medizintruhe, die sie immer außerhalb meiner Reichweite auf dem obersten Küchenregal verstaut hatte. Es versetzte mir einen eisigen Schock, als ich erkannte, dass ich sie nicht vermisst hatte, obwohl Mistress Alice sie nie auf ihren Reisen mitgenommen hatte. Wann immer ich versuchte hineinzuspähen, hatte sie gesagt:

Da drin ist nichts für einen neugierigen Jungen mit großen Augen; keine Geheimnisse, die er entdecken könnte …

Mit einem Mal drehte sie sich zu mir um und starrte mich an, als wäre ich ein völlig Fremder. Und als sie meine Hand ergriff, schossen mir Tränen in die Augen. Mit zitternden Fingern legte sie mir einen in ein Öltuch gewickelten Gegenstand auf die Handfläche und schloss dann meine Finger darüber. Gebannt verfolgte ich, wie ihr Gesicht einen seligen Ausdruck annahm, als hätte sie endlich ihre Erlösung gefunden.

Im nächsten Moment flog die Tür auf. Sidney wurde zurückgestoßen.

Mit Mistress Alice Geschenk in der einen Hand und dem Schwert in der anderen, wirbelte ich herum und sah mich meiner Vergangenheit gegenüber.