KAPITEL 14
»Es tut mir leid, Sir, dass Rosie Sneddon mir aus dem Wagen ausgebüchst ist«, sagte Jess zerknirscht zu Superintendent Carter. »Das hätte nicht passieren dürfen. Sie rannte wie eine olympische Sprinterin über den Grasstreifen in Richtung Tankstelle davon, während sie immer wieder den Namen ihres Mannes rief. Dann traf das bewaffnete Einsatzkommando ein. Phil warf die Waffe aus der Tür und rief nach draußen, dass alles unter Kontrolle wäre. Danach war alles ziemlich schnell vorbei. Maureen, das heißt, Mrs. Wilson, wurde nach Hause gebracht, nach Weston St. Ambrose, um sich zu erholen. Ich werde sie später bitten, eine Aussage zu machen.«
»Sie nehmen sich auch besser den Rest des Tages frei und gehen nach Hause, Sergeant«, sagte Carter an Morton gewandt. »Ich übernehme das Verhör von Sneddon. Wo ist seine Frau jetzt, Inspector?«
»In einem Verhörzimmer unten im Erdgeschoss, Sir. Bennison ist bei ihr. Ich war auf dem Weg zu Sneddon's Farm, um mir ihre Version von Alfies Geschichte anzuhören, als Pete Sneddon mir in der Toby's Gutter Lane entgegenkam. Er fuhr wie ein Irrer, doch ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er es war oder was er vorhatte.« Jess schnitt eine Grimasse. »Rosie war zu dem Schluss gekommen, dass es an der Zeit war, ihrem Mann zu beichten. Sie erzählte ihm von ihrer Affäre mit Seb Pascal. Damit war alles in Gang gesetzt.«
Rosie Sneddon saß zusammengekauert auf einem Holzstuhl. Vor ihr auf dem Tisch stand eine unberührte Tasse Tee. Detective Constable Bennison leistete ihr Gesellschaft. Als Jess auftauchte, schaltete Bennison den Rekorder ein und erklärte: »Soeben hat Inspector Campbell das Zimmer betreten.« Bennison warf einen raschen Blick auf die Uhr und fügte die aktuelle Zeit hinzu.
»Also schön, Rosie«, begann Jess, indem sie sich setzte. »Fühlen Sie sich imstande, mir zu erzählen, was genau passiert ist?«
Die Frau blickte Jess elend an. »Was wird man jetzt mit Pete machen?«
»Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Warum erzählen Sie mir nicht einfach, wie es überhaupt dazu gekommen ist?«
»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt!«, antwortete Rosie fast unhörbar leise.
»Warum trinken Sie nicht erst einmal einen Schluck von Ihrem Tee?«, schlug Detective Constable Bennison vor und nickte aufmunternd, dass die Zöpfe tanzten. »Sie werden sehen, danach geht es Ihnen gleich besser. So eine Tasse Tee muntert einen immer wieder auf.«
Rosie nippte gehorsam an ihrem Tee und stellte die Tasse wieder ab. Als sie schließlich anfing zu reden, klang ihre Stimme in der Tat fester und lauter.
»Es war wirklich dumm von mir und Seb zu glauben, wir könnten es bis in alle Ewigkeit geheim halten.«
»Was meinen sie mit ›es‹?«, fragte Jess.
»Die Affäre, so würden Sie es vermutlich nennen.« Rosie sah sie verblüfft an. »Eigenartig, nicht wahr? Wenn man ›Affäre‹ sagt, dann klingt es so glamourös. Aber es war nicht glamourös. Ganz im Gegenteil. Es war ziemlich gewöhnlich. Überhaupt nicht romantisch.«
»Wie fing alles an?«, fragte Jess mitfühlend.
Rosie zuckte verzweifelt mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Es war vor ungefähr sechs Monaten. Pete ist ein guter Mann und Ehemann. Und ein guter Vater außerdem. Wir haben zwei Mädchen, beide inzwischen selbst erwachsen und verheiratet. Was soll ich ihnen jetzt nur sagen?« Sie hob hilflos die Hände. »Ich wollte Pete nicht wehtun, oder den Mädchen. Ich liebe Seb nicht. Ich liebe meinen Mann. Es ist nur so einsam draußen auf der Farm, jetzt, wo unsere Töchter ausgezogen sind. Pete ist den ganzen Tag draußen auf dem Feld oder macht sonst irgendetwas auf der Farm, und wenn er abends nach Hause kommt, ist er todmüde, und man kann sich nicht einmal mehr mit ihm unterhalten. Ich habe Gesellschaft gebraucht. Das ist alles, was es war, ehrlich. Es ging nicht um Sex. Es ging um Gesellschaft und ein wenig Aufregung. Hin und wieder wegzukommen von der Farm für eine Stunde, über die Stränge zu schlagen. Ich schätze, sie würden es einen Fall von Midlife-Crisis nennen. Ich habe so etwas noch nie vorher getan. Ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal tun würde. Aber dann ... es ist einfach passiert, und es war so einfach.«
Rosie schniefte und wischte mit dem Handrücken die Tränen weg, die über ihre Wangen zu strömen angefangen hatten. DC Bennison reichte ihr ein Päckchen Papiertaschentücher. Rosie nahm sie dankbar entgegen und tupfte sich die Augen.
»Ich habe mich im Lauf der Jahre, seit ich dort tanke, mit Seb angefreundet ...«, flüsterte sie.
»Können Sie ein wenig lauter sprechen, Rosie?«, bat Jess.
Rosie nickte. Sie räusperte sich und begann von vorn. »Er hat mir ein paar Mal den Wagen repariert. Wir haben ein paar freundliche Worte gewechselt, über belanglose Dinge, Sie wissen schon. Eines Tages, ich kam aus dem Laden, wo ich mein Benzin bezahlt hatte, stand er einfach nur da und beobachtete die Straße. Dieser grässliche Alfie war nirgendwo zu sehen. Seb und ich kamen ins Reden. Während wir uns unterhielten, schlurfte Mr. Monty vorbei, auf dem Weg in die Stadt, der arme alte Mann. Seb meinte, er hätte ihm schon häufiger angeboten, ihn mit dem Wagen zu fahren, doch Mr. Monty hätte stets abgelehnt. Seb meinte, Mr. Monty wäre ein störrischer alter Esel.
Ich sagte, wir alle würden uns um ihn sorgen - Pete und ich und die Colleys. Wir alle kennen ihn schon unser ganzes Leben lang. Er wohnt ganz allein in diesem riesigen Haus, und er denkt nicht daran, tagsüber die Tür abzusperren.« Sie atmete tief durch. »Dann schlug Seb vor, dass wir uns in Balaclava House treffen könnten, während Mr. Monty in der Stadt war. Ich erschrak, als er das sagte. Ich hatte nicht im Traum an so etwas gedacht. Ich weigerte mich. Ich war empört. Ich hatte ihm nie irgendein Zeichen der Aufmunterung gegeben. Oder zumindest dachte ich das. Seb meinte nur, ich könnte es mir ja überlegen.
Am Abend dieses Tages kam Pete hundemüde von der Arbeit auf dem Feld nach Hause. Er saß nur da, aß sein Abendbrot und sagte kein Wort. Ich versuchte mich ein wenig mit ihm zu unterhalten, aber er grunzte nur oder nickte wortlos. Ich dachte: Soll das alles sein? Soll das für den Rest meines Lebens so weitergehen? Ich habe etwas Besseres verdient als das!« Sie blickte Jess in plötzlich erwachtem Trotz an.
DC Bennison nickte auf eine mitfühlende Weise, die andeutete, dass sie die gleichen Erfahrungen gemacht hatte wie Rosie Sneddon.
Rosie verstummte und trank von ihrem Tee. Schließlich stellte sie die leere Tasse auf die Untertasse zurück. Für eine ganze Minute saß sie nur schweigend da und starrte ins Leere. »Es muss eine oder zwei Wochen später gewesen sein, als ich zu Seb sagte, okay, meinetwegen. Aber wir müssten vorsichtig sein. Ich hatte lange und gründlich darüber nachgedacht. Es würde genauso kinderleicht sein wie ein Einbruch in Balaclava House, und ich hatte mir immer Gedanken gemacht, dass eines Tages jemand einbrechen könnte. Es gibt jede Menge altes Zeug in diesem Haus, und Antiquitäten erzielen heutzutage gute Preise, oder? Ich sehe die Fernsehsendungen darüber. Manche von diesen alten Sachen, richtig hässlichen Vasen oder Standuhren, die nicht mehr funktionieren ... manche von diesen Sachen haben einen geradezu schockierenden Wert. Wie dem auch sei, ich dachte, wenn Seb und ich das Haus als Treffpunkt benutzen und wenn wir überall unsere Fingerabdrücke hinterlassen und wenn dann eines Tages Einbrecher kommen und die Polizei Fingerabdrücke nimmt ...« Rosie starrte Jess und Bennison hilflos an. »Sie würde unsere Abdrücke finden und glauben, wir wären die Diebe gewesen!« Sie hob die Augenbrauen, wie um sich zu versichern, dass ihre Logik schlüssig war.
»Sie hätten sich zumindest in eine höchst peinliche Situation begeben«, pflichtete Jess ihr bei. »Also haben Sie sorgfältig jedes Mal sämtliche Oberflächen abgewischt, bevor Sie und Mr. Pascal gegangen sind. Sie waren sehr gründlich. Es hat uns verwirrt, und ich kann Ihnen sagen, Sie haben uns ziemliche Kopfschmerzen bereitet. Wir wussten nicht, wer das Zimmer benutzt hatte. Wir wussten nicht, wann saubergemacht worden war.«
Rosie nickte heftig. »Ich habe immer ein altes Laken mitgebracht ...« Sie errötete heftig. »Sie wissen schon ... ich hatte von DNS gelesen und diesen Sachen. Wir legten eine Decke - Seb brachte eine mit - auf eines der Betten, und ich spannte das Laken darüber, bevor wir ... Sie wissen schon. Ich nahm das Laken hinterher immer klein zusammengefaltet unter dem Mantel mit nach Hause und wusch es in der Maschine, jedes Mal.« Sie starrte wieder auf ihre Teetasse. »Jedes Mal, wenn ich das tat, dachte ich, wie schäbig das Ganze war. Wie ich bereits sagte, es war nicht romantisch. Es machte nicht einmal besonders viel Vergnügen. Ich fing an zu denken, dass ich es wieder beenden musste, dass ich Seb sagen müsste, es wäre zu riskant. Ich hatte immer Angst, man könnte uns überraschen. Dass Mr. Monty früher aus der Stadt zurückkäme als erwartet oder dass irgendjemand anders vor dem Haus auftauchte. Eines Tages kam tatsächlich jemand. Und er hätte uns um ein Haar geschnappt!«
Jess saß schlagartig kerzengerade da. »Was? Wann war das? Wer kam vorbei?«
»Es war vor fast zwei Monaten«, berichtete Rosie Sneddon und runzelte die Stirn. »Ich kann nicht genau sagen, welches Datum. Vielleicht fragen Sie Seb. Wir hörten, wie draußen ein Wagen hielt und eine Tür zugeworfen wurde. Dann hörten wir Schritte. Unser Zimmer ging nach hinten raus, zum Garten. Wer auch immer gekommen war, er war direkt um das Haus herum in den Garten gelaufen und stand unter unserem Fenster.« Rosie schluckte mühsam. »Ich war wie versteinert vor Angst, glauben Sie mir. Aber Seb ... er schlich zum Fenster und spähte ganz vorsichtig hinter dem Vorhang nach draußen. Er sagte, es wäre ein Fremder draußen, und er würde sich sehr eigenartig verhalten. Er würde durch das Küchenfenster ins Haus starren, mit dem Gesicht an der Scheibe, wie man das halt so macht, wenn man von draußen in ein Zimmer sehen möchte.«
Jess und Bennison nickten.
»Dann ging der Mann vom Fenster weg und erkundete das Grundstück, jedenfalls sah es danach aus, sagte Seb. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging ebenfalls zum Fenster, um nach draußen zu spähen. Und was soll ich sagen? Ich hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen, genauso wenig wie Seb. Er war ein großer Brocken, in den Vierzigern, schätze ich, oder vielleicht auch etwas jünger, vornehm gekleidet und elegant. Niemand, der gekommen war, um sich die Hände schmutzig zu machen, definitiv nicht. Ich fragte mich, ob er vielleicht ein Immobilienmakler war. Vielleicht trug sich Mr. Monty mit dem Gedanken, Balaclava House zu verkaufen?«
»Erinnern Sie sich noch, wie er angezogen war?«, fragte Jess.
Rosie Sneddon nickte. »Oh ja. Er war gekleidet wie ein richtiger Gentleman. Er trug ein braunes Jackett und eine helle Hose dazu. Das Jackett sah aus, als wäre es aus Leder, Wildleder. Er sah sich lange und gründlich um. Der Garten ist völlig verwildert, ganz schlimm, wie ein Dschungel. Sie haben ihn ja selbst gesehen. Wir verloren ihn jedenfalls immer wieder aus der Sicht unter den Bäumen und zwischen dem ganzen Gestrüpp. Dann tauchte er wieder auf. Er lief gut fünfzehn Minuten kreuz und quer durch den Garten. Gott weiß, wonach er gesucht hat.
Ich sah Seb an und flüsterte zu ihm. Rosie lächelte verlegen. »Ich weiß nicht, warum ich flüsterte, aber ich erinnere mich, geflüstert zu haben. Vielleicht, weil ich wusste, dass wir nicht da sein sollten, schätze ich. Jedenfalls, ich flüsterte zu Seb: ›Was machen wir, wenn er ins Haus kommt?‹, und Seb meinte, ›Wir fragen ihn, was zum Teufel er glaubt, was er hier tut?‹
Die gleiche Frage könnte er uns stellen, sagte ich. Aber Seb meinte nur, das würde er bestimmt nicht. Seb war nämlich überzeugt, dass der Kerl nichts Gutes im Schilde führte. Er glaubte offenbar, dass das Haus leer und er unbeobachtet war. ›Wenn er uns findet‹, meinte Seb, ›dann ist es für ihn sicher ein größerer Schreck als für dich oder mich, Rosie. Jede Wette.‹
Ich war nicht überzeugt, und ich fürchtete immer noch, der Fremde könnte versuchen, ins Haus einzudringen. Meine alte Angst vor Einbrechern fiel mir ein. Ich dachte, vielleicht ist das einer, auch wenn er nicht so aussah. Es war etwas entschieden Verstohlenes an der Art und Weise, wie er da draußen herumschnüffelte. Oder vielleicht war er einer von diesen verschlagenen Händlern? Es gibt Leute, die gehen überall herum und starren in die Fenster von leeren Häusern und suchen nach Antiquitäten, wissen Sie? Dann tauchen sie an der Haustür auf und belästigen die alten Leute und reden so lange auf sie ein, bis sie die Sachen billig kaufen können. Das ist Petes Tante so ergangen. Der Kerl sah aus, als wäre er einer von denen.
Wie dem auch sei, irgendwann war er fertig und ging wieder nach vorne. Wir hörten, wie er in den Wagen einstieg und die Tür zuschlug, und dann startete der Motor, und er fuhr davon. Ich war so erleichtert, dass meine Beine anfingen zu zittern. Ich konnte nicht mehr aufstehen. Ich saß eine ganze Weile einfach nur auf dem Bett und zitterte wie Espenlaub.«
»Haben Sie diesen Mann noch einmal in der Nähe von Balaclava House gesehen?«, fragte Jess. »Oder sonst irgendwo in der Umgebung? Hat Mr. Pascal ihn irgendwo gesehen? War er vielleicht bei Mr. Pascal tanken?«
Rosie schüttelte entschieden den Kopf. »Nein. Nein, ich habe ihn nie wieder gesehen. Seb auch nicht. Ich habe ihn gefragt. Seb war sicher, dass der Fremde nicht bei ihm tanken war, er hat nämlich nach ihm Ausschau gehalten. Es dauerte zwei Wochen, bis wir uns wieder im Haus von Mr. Monty trafen. Die Geschichte hatte mir einen solchen Schrecken eingejagt, dass ich nicht gleich wieder dorthin wollte. Ich glaube, Seb war auch erschrocken. Er versuchte zwar, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, aber er war nervös und starrte ständig aus dem Fenster. Wir hätten es damals dabei lassen und uns nicht mehr heimlich treffen sollen. Es war eine Warnung. Ein Wink des Schicksals. Wir hätten darauf hören sollen.«
Rosie war zunehmend verzweifelt und wieder den Tränen nahe.
»Schon gut, Rosie, schon gut«, sagte Jess beschwichtigend. »Ich weiß, wie schwierig das für Sie ist. Aber versuchen Sie ruhig zu bleiben und uns zu erzählen, was weiter passiert ist.«
»Entschuldigung ...«, schluchzte Rosie Sneddon und zog ein weiteres Taschentuch aus der Packung auf dem Tisch.
»Sie machen das gut. Hören Sie, ich möchte, dass Sie sich jetzt an den Tag zu erinnern versuchen, an dem der Tote in Balaclava House gefunden wurde.« Das war die Frage, die Rosie in blinde Panik verfallen lassen würde - falls sie etwas damit zu tun hatte. Jess hielt die Luft an.
Rosie starrte sie aus aufgerissenen Augen an und sprang halb von ihrem Stuhl auf. »Seb und ich hatten nichts damit zu tun!«
»Schon gut, Rosie. Ich sage ja nicht, dass es so ist. Aber meine Frage lautet, waren Sie und Mr. Pascal an jenem Tag auch in Balaclava House? Haben Sie sich dort getroffen?«
»Nein, nein, wir waren nicht dort, Gott sei Dank!« Sie beugte sich vor. »Es wäre uns recht geschehen, wenn wir dort gewesen und erwischt worden wären! Es war falsch, was wir getan haben, alles war falsch. Als ich von dem Toten erfuhr, war mein erster Gedanke, dass wir irgendwie bestraft werden sollten. Es ist ein törichter und selbstsüchtiger Gedanke, ich weiß, aber ich fühlte mich so schuldig! Seb hat es mir erzählt. Ich war zur Tankstelle gefahren, wie üblich, und als ich an Balaclava House vorbeifuhr, sah ich die Polizeiautos. Ich erzählte Seb davon und fragte ihn, ob er wüsste, was los wäre. Er sagte, er hätte Mr. Monty vorbeifahren sehen auf dem Beifahrersitz des Sportwagens von Mrs. Harwell. Er sagte, er hätte Gary Colley angerufen, und Gary hätte ihm verraten, dass man eine Leiche im Haus von Mr. Monty gefunden hätte. Ich wäre fast in Ohnmacht gefallen! Ich sagte zu Seb, dass die Polizei alles über uns herausfinden würde, früher oder später, aber Seb meinte, ich solle nicht die Nerven verlieren. Es gäbe nicht den geringsten Grund, warum die Polizei etwas herausfinden sollte. Wir hätten hinter uns sorgfältig saubergemacht. Selbst wenn die Polizei den ein oder anderen Fingerabdruck finden würde, hätte sie weder seine noch meine zum Vergleich, und es gäbe nicht den geringsten Grund, warum sie, das heißt, Sie ...« Rosie Sneddon nickte Jess entschuldigend zu, »... warum Sie unsere Fingerabdrücke verlangen sollten. Wir wären völlig sicher.
Ich war nicht überzeugt. Ich dachte immerzu, wie grässlich, dass dieser Tote gefunden wurde, und dass Seb und ich auch dort hätten sein können, als es passierte, was auch immer passiert sein mag. Als der arme Mann starb, meine ich. Mir war sofort klar, dass wir uns nie wieder in Balaclava House würden treffen können. Um ehrlich zu sein, ich wollte Seb überhaupt nicht mehr treffen, weder dort noch sonst irgendwo auf der Welt! Ich denke, Seb wusste es auch. Wir hatten großes Glück gehabt und wären um ein Haar in eine ganz schlimme Sache gezogen worden.
Dann kommt noch dieser Junge dazu, dieser Alfie. Ich bin sicher, dass er uns hinterhergeschnüffelt hat. Er kam eines Morgens zu mir, als ich zum Tanken da war und Seb unterwegs. Ich musste nicht tanken, aber ich fuhr trotzdem hin in der Hoffnung, Seb zu sehen und herauszufinden, ob er irgendetwas Neues in Erfahrung gebracht hatte. Alfie versuchte herauszufinden, was ich wusste. Er wollte mich nicht in Frieden lassen. Er grinste immerzu, ganz unverschämt, als wüsste er bereits etwas und als hielte er es für lustig. Er sagte mehr oder weniger deutlich, er wüsste, dass ich nicht zum Tanken gekommen wäre. Sondern nur, um Seb zu sehen. Mir wurde klar, dass ich nur eine Möglichkeit hatte, abgesehen davon, die Affäre auf der Stelle zu beenden. Ich musste Pete alles erzählen, meinen Fehltritt beichten. Es würde schwer werden, und Pete würde furchtbar wütend werden. Aber wenn er es von jemand anderem erfuhr, würde es nur noch schlimmer werden. Dieser Alfie, der ist durchaus imstande, richtige Schwierigkeiten zu machen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich, dass Alfie es wusste. Dass er alles über Seb und mich herausgefunden hatte. Und dass er vielleicht versuchen würde, Seb oder mich zu erpressen. Ich weiß, dass er schon eine Menge Scherereien am Hals gehabt hat. Maureen hat mir davon erzählt. Alfie ist ihr Neffe. Selbst sie sagt, dass er ein schlimmer Finger ist ...«
Rosie seufzte. »Also redete ich mit Pete ...«, beendete sie ihren Bericht kleinlaut. »Ich wusste, dass er wütend werden und verletzt reagieren würde - mehr verletzt als wütend, eigentlich. Ich war völlig überrascht, dass er so ausrastet und das alte Gewehr vom Haken reißt.«
Ein Mädchen mit strähnigen blonden Haaren und einem Metallstift durch eine Augenbraue stand hinter der Kasse des Tankstellen-Minimarkts, als Ian Carter den Laden betrat. Sie kassierte gerade Geld von einem Kunden. Pascal war nirgendwo zu sehe. Carter starrte nach oben zu der mit Klebeband über dem Loch in der Decke befestigten Plastikplane, während er darauf wartete, dass der Kunde ging.
Er fragte sich, ob Pascal überhaupt da war oder ob er inzwischen so viel Angst hatte, dass er sich nicht mehr in sein eigenes Geschäft traute, und das, obwohl Pete Sneddon noch in Polizeigewahrsam saß. Der Farmer würde später einem Friedensrichter vorgestellt werden, welcher den Fall direkt an ein Gericht der Krone weiterleiten würde. Ob Sneddon später auf Kaution wieder freikam, war eine ganz andere Frage. Angesichts seiner Verantwortung gegenüber den Tieren auf seinem Hof - gut möglich. Die Schrotflinte war konfisziert worden. Zurzeit musste die unglückselige Rosie Sneddon die Farm ganz alleine bewirtschaften, mit nichts als der Hilfe eines alten Farmers aus der Gegend, der sich längst zur Ruhe gesetzt hatte. Er war großmütig hinter dem Ofen seines behaglichen Ruhestandsbungalows hervorgekommen, um sich noch ein letztes Mal dem Leben auf einem Hof zu stellen und im Lehm herumzutrampeln.
Endlich war der Kunde gegangen, und Carter trat zum Tresen, um dem Mädchen seinen Ausweis zu zeigen und nach Pascal zu fragen. Zuerst starrte das Mädchen unempfänglich auf den Ausweis, dann mit der gleichen Miene auf die Person dahinter. Schließlich erklärte sie unter großen Mühen, dass Mr. Pascal in seinem Büro war.
»Ich gehe selbst, keine Sorge«, sagte Carter. Pascal musste sich in einer verzweifelten Lage befinden, dass er dieses Mädchen nicht nur in seinen Laden, sondern sogar hinter die Kasse stellte.
Leichte Panik huschte über ihre Gesichtszüge. »Aber es ist privat!«, sagte sie.
»Ich bin dienstlich hier«, antwortete Carter so langsam und deutlich, wie er konnte.
»Ich weiß nicht«, sagte das Mädchen.
»Ich schon«, sagte Carter.
Pascal empfing seinen Besucher mit einem Ausdruck von trübseliger Resignation, gepaart mit nicht geringer Nervosität.
Dazu hast du auch jeden Grund, mein Freund!, dachte Carter. Es ist absolut nicht dein Verdienst, dass Sergeant Morton nicht schwer verwundet oder sogar tot ist.
»Wie geht es Ihrem Kollegen?«, fragte Pascal in diesem Moment, als hätte er Carters Gedanken gelesen. »Dem Police Sergeant?«
»Er ist wohlauf«, erwiderte Carter knapp.
»Ich hatte keine Ahnung, dass Pete mit einem Gewehr in den Laden stürmen würde, um mich über den Haufen zu schießen!« Seine Nervosität wich einem quengeligen Trotz. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob die Versicherungsgesellschaft für das Loch in der Decke aufkommen wird oder nicht.«
Carter ignorierte die letzte Bemerkung. Indem er mit dem Kopf in Richtung Kasse nickte, erkundigte er sich: »Diese junge Frau ist nicht Miss Wilson, nehme ich an?«
Pascal blickte womöglich noch trübseliger drein. »Nein. Maureen hat gekündigt. Sie sagt, sie glaubt nicht, dass sie je wieder hier arbeiten kann. Sie würde sich nicht mehr sicher fühlen. Ich habe zu ihr gesagt, hör zu, Pete ist im Moment eingesperrt, die Cops haben sein Gewehr beschlagnahmt - außerdem hatte er ja wohl nicht vor, den Laden auszuräumen. Es war eine rein persönliche Sache. Vergeblich. Sie wollte nichts hören. Ich musste jemand anders einstellen - und zwar schnell!«, fügte er hinzu, als müsste er sich rechtfertigen für jede Kritik, die Carter möglicherweise gegen seine neue Angestellte vorzubringen gedachte.
»Das überrascht mich nicht«, sagte Carter. »Es war ein äußerst haariger Augenblick. Es war reines Glück, dass niemand verletzt wurde.«
Pascal war in Gedanken immer noch bei seinem Personalproblem. »Vielleicht ändert Maureen ihre Meinung noch einmal, wenn sie ein wenig Zeit hatte, um über ihren Schreck hinwegzukommen«, murmelte er niedergeschlagen. Er sah nicht aus, als hätte er viel Zuversicht, was diesen Wunsch anging.
Carter andererseits hatte kein Interesse an Pascals Personalproblemen. »Sie und Mrs. Sneddon haben Balaclava House für eine Serie privater Stelldicheins benutzt, während der Besitzer, Mr. Bickerstaffe, nicht zu Hause war«, sagte er schroff.
Pascal riss sich zusammen. »Das ist richtig, und ich wüsste zu gerne, wer uns an die Polizei verpfiffen hat!«
»Das ist eine vertrauliche Information«, entgegnete Carter ausdruckslos.
Pascal starrte ihn finster an. »Von wem? Niemand wusste davon! Vielleicht hat uns einer von den Colleys gesehen, aber die würden nie zur Polizei gehen!« Er kaute auf seiner Unterlippe. »War es vielleicht dieser verdammte nichtsnutzige Neffe von Maureen, der junge Alfie? Er war's, richtig?«
Als Carter nicht antwortete, fuhr Pascal fort: »Sie müssen mir nichts sagen. Er muss es gewesen sein. Wahrscheinlich hat er mir hinterherspioniert. Ich hab ihn nur bei mir aufgenommen, weil Maureen mich darum gebeten hat. Sie sagte, er wäre in Schwierigkeiten gewesen, und sie hoffte, er würde wieder auf den richtigen Weg finden, wenn er nur eine feste Arbeit hätte und fleißig wäre. Aber Sie haben ihn schon wieder aufgegriffen, richtig? Weil er Hasch verkauft hat und Ecstasy und so weiter? Er hat sich nicht wieder hergetraut seitdem. Aber keine Sorge, ich schnappe mir dieses Bürschchen. Er wohnt in Weston St. Ambrose, genau wie ich. Er kann mir nicht für alle Zeit aus dem Weg gehen.«
»Falls Sie überlegen, Gewalt anzuwenden, Mr. Pascal, so kann ich Ihnen nur dringend davon abraten«, warnte Carter ihn.
»Keine Sorge. Ich würde den kleinen Mistkerl zwar gerne zu Brei schlagen, aber das werde ich nicht«, sagte Pascal. »Ich kann ihm das Leben trotzdem schwermachen.« Er starrte Carter an. »Wir sind nicht schuldig des Einbruchs, wissen Sie?«, sagte er. »Monty verschließt die Haustür nie. Jeder kann reinspazieren, wie es ihm beliebt. Und wir haben nichts gestohlen. Ich gebe zu, wir waren unbefugt in seinem Haus, aber das ist alles.«
»Sie haben sich Ihre Antwort gründlich überlegt, nicht wahr?«, entgegnete Carter trocken. »Offensichtlich haben Sie sich anwaltlich beraten lassen. Das Haus wurde durchsucht, als der Tote gefunden wurde, und dabei entdeckten wir das Zimmer, das Sie unbefugt benutzten.«
Pascal stieß einen Seufzer aus. »Ja. Rosie hat gewusst, dass es so kommen würde. Sie hat mich angerufen und informiert. Sie hatte eine irrsinnige Angst, dass Sie uns irgendwie finden könnten. Sie wollte, dass ich noch einmal nach Balaclava House gehe und das Zimmer kontrolliere, um sicherzugehen, dass wir keine Spuren hinterlassen hatten. Ich sollte noch einmal sorgfältig über alles wischen. Wie ich bereits sagte, sie war außer sich vor Angst. Natürlich konnte ich nicht wieder zurück, selbst wenn ich gewollt hätte, nicht bei all der Polizei in der Gegend. Und selbst wenn mir das gelungen wäre, hätte ich nichts in diesem Zimmer anrühren können. Sie haben alles photographiert, oder? Sie hätten bemerkt, wenn irgendetwas auch nur ein paar Zentimeter anders gestanden hätte.« Pascal schüttelte den Kopf. »Rosie war in Panik, verstehen Sie? Um ehrlich zu sein, ich selbst war auch ziemlich nervös.«
»Ich fürchte, die Einsicht, dass Sie sich Sorgen machen sollten, kommt ziemlich spät, Mr. Pascal«, sagte Carter kühl. »Allerdings bin ich nicht wegen Ihrer Affäre mit Mrs. Sneddon hier. Ich bin gekommen wegen eines Besuchers, den Sie und Mrs. Sneddon angeblich vor einiger Zeit auf dem Grundstück von Balaclava House gesehen haben, als Sie beide in diesem Zimmer waren. Eines Fremden, wie Mrs. Sneddon sagt.«
Pascal nickte und schien erleichtert, dass er sich für den Augenblick nicht länger vor Carter verteidigen musste wegen seiner Aktivitäten in Balaclava House. »Das ist richtig. Wir hörten einen Wagen vorfahren, und mein erster Gedanke war, dass es Mrs. Harwell sein könnte. Sie kommt von Zeit zu Zeit vorbei, um nach Monty zu sehen. Ich weiß überhaupt nicht, warum sie sich die Mühe macht, aber vermutlich muss der alte Knabe sein Anwesen ja irgendwem hinterlassen. Er ist völlig pleite, aber das Haus steht voll mit Antiquitäten, Massen von Antiquitäten. Die sind bestimmt einiges an Geld wert.«
»Mrs. Sneddon ist der gleichen Ansicht.«
»Wir haben nichts mitgenommen, das sagte ich bereits!«, schnappte Pascal. »Wir hätten uns bedienen können, nach Belieben. Jeder hätte das tun können. Es ist ein Wunder, dass das Haus nicht längst leergeräumt wurde! Aber Rosie und ich haben nie irgendetwas auch nur angefasst!«
Weil ihr keine Fingerabdrücke zurücklassen wolltet ..., dachte Carter säuerlich.
Laut sagte er: »Mrs. Sneddon hatte Angst vor einem Einbruchdiebstahl und davor, dass man Sie beide beschuldigen könnte. Und als Sie diesen Fremden beobachteten, der allem Anschein nach das Haus auskundschaftete, befürchtete Mrs. Sneddon, er könnte ein Einbrecher sein.«
»Ich auch.« Pascal nickte. »Er führte jedenfalls nichts Gutes im Schilde, so, wie er über das Grundstück geschlichen ist! Ich weiß nicht, ob er versucht hat, die Haustür zu öffnen. Vermutlich nicht - sonst hätte er festgestellt, dass sie unversperrt war, und er wäre ins Haus gekommen. Ich habe von oben gesehen, wie er ins Küchenfenster gestarrt hat. Dann ist er in den Garten gewandert. Es ist ein ziemlich großer Garten, völlig verwildert, und er hat sich bestimmt zwanzig Minuten darin herumgetrieben. Er verschwand immer wieder unter Bäumen oder hinter Büschen. Rosie war in Panik. Ich wusste nicht, was mich nervöser machte - der Fremde oder Rosie. Ich dachte, sie würde vielleicht einen hysterischen Anfall erleiden oder so. Gott sei Dank ging der Fremde dann irgendwann.«
»Sie haben ihn nie wieder gesehen?«
»Nein, nie wieder. Er kam nicht zur Tankstelle, und wenn ich ihn noch mal in Balaclava House gesehen hätte, wäre ich vielleicht runtergegangen und hätte ihn gefragt, was er dort zu suchen hat.«
Carter hob die Augenbrauen. »Sie waren wohl kaum in einer Position, diese Frage zu stellen!«
»Wenn ich um die Ecke gekommen wäre und ihn zur Rede gestellt hätte, hätte er nicht wissen können, dass ich aus dem Haus gekommen bin«, sagte Pascal. »Er könnte es vermuten, aber er hätte mich nicht gesehen. Er war hinten, im Garten, und Rosie und ich benutzten den Vordereingang.«
Carter griff in die Innentasche seiner Jacke und zog das Photo von der Rennbahn hervor, auf dem Taylor zusammen mit Terri Hemmings zu sehen war. Wortlos reichte er Pascal die Aufnahme.
Pascal zögerte, doch dann starrte er stirnrunzelnd auf das Bild. »Das ist der Kerl«, sagte er schließlich. »Er war anders angezogen, aber das ist er. Ich hab mir sein Gesicht eingeprägt, weil ich dachte, dass er vielleicht wiederkommen oder bei mir tanken würde.« Er gab Carter das Photo zurück und sah ihn nachdenklich an. »Dann ist er also der Tote? Das ist der Grund, aus dem Sie das Photo mit sich herumtragen?«
»Ja«, sagte Carter. »Das ist richtig.«
»Eigenartig«, bemerkte Pascal. Auf seinem Gesicht stand die Andeutung eines Grinsens.
Er glaubt, er ist aus dem Schneider, aber das werden wir gleich sehen, dachte Carter.
»Haben Sie mit oder ohne die Hilfe von Mrs. Sneddon das Opfer, den Mann auf dem Photo, tot oder lebendig, in das Haus geschafft und ihn dort auf dem Sofa zurückgelassen?«, fragte er.
Pascal wurde blass. Das Grinsen verschwand. Er starrte Carter zuerst überrascht, dann entsetzt an.
»Was denn, ich? Wir? Nein! Wir waren überhaupt nicht dort an jenem Tag! Wir haben nicht das Geringste zu tun mit irgendeiner Leiche!«
»Lassen Sie mich die Frage erneut stellen. Überlegen Sie genau, Mr. Pascal. Sie haben ihn nicht draußen vor dem Haus gefunden, als Sie gehen wollten? Vielleicht dachten Sie ja, er wäre schwer krank. Sie waren hauptsächlich um ihren Ruf besorgt und ließen ihn zurück, damit der Hausbesitzer ihn bei seiner Rückkehr finden und einen Arzt rufen konnte?«
»Nein!« Pascal kreischte beinahe. »Nein, nein und nochmals nein! Wir waren nicht da an diesem Tag!«
Carter glaubte ihm. So viel zu Phil Mortons Theorie. Jess Campbell hatte sie von Anfang an nicht geglaubt, doch Carter hatte die Möglichkeit nicht verworfen. Jetzt wusste er, dass es nicht so gewesen war.
»Ich danke Ihnen, Mr. Pascal«, sagte er laut. »Wir werden uns möglicherweise wieder bei Ihnen melden. Oder vielleicht Mr. Bickerstaffe.« Carter lächelte. »Oder wahrscheinlicher Mrs. Harwell, im Namen von Mr. Bickerstaffe.«
Pascal schlug die Hände vor das Gesicht. »O Gott!«, murmelte er.