KAPITEL 11

Jess fuhr zum zweiten Mal nach Weston St. Ambrose, diesmal jedoch allein. Sie hatten gehofft, nachdem sie Taylors Wohnung gefunden hatten, auch seine Familienangehörigen, seine Freunde und Geschäftspartner aufzuspüren.

Sie hatten tatsächlich einigermaßen Erfolg in ihren Bemühungen, doch bis jetzt war nichts ans Licht gekommen, das einen signifikanten Hinweis geliefert hätte, wer Taylors Tod gewollt haben konnte oder wohin er unterwegs gewesen war, als Hopkins ihn an jenem fatalen Morgen hatte gehen sehen.

Taylor war ein erfahrener Netzwerker gewesen, ein Mann, der zu den Pferderennen gegangen war, mit einem großen Bekanntenkreis, ein Partygänger. Auf der anderen Seite war er ein hochprofessioneller Autor gewesen, der das Leben von Prominenten minutiös analysierte - zugegebenermaßen auf ihre Bitte hin und in einem gemeinsamen Unterfangen -, und er war ihnen dabei unbehaglich nahegekommen. Vielleicht hatte ihm das das Misstrauen einer Menge von Leuten eingetragen.

Die Prominenten, deren Geständnisse er niedergeschrieben hatte, waren nicht schwer auffindbar gewesen - der Versuch hingegen, einen Termin für eine Befragung mit ihnen auszumachen, war eine ganz andere Sache. Sie hatten volle Kalender und waren ständig unterwegs. Einer war in den Vereinigten Staaten, um ein neues Musikalbum zu bewerben. Ein anderer hatte einen Zusammenbruch erlitten und war zurzeit in der Priory Clinic. Doch Carter und Jess schafften es. Ob persönlich befragt oder am Telefon zwischen zwei Auftritten (Sport, Fernsehen oder Photoshootings), alle waren erschüttert, als sie von seiner Ermordung hörten. Doch als sie nach Taylor gefragt wurden, zuckten sie nur die Schultern. Sie räumten ein, dass er sie interviewt hatte. Dass er sie dazu gebracht hatte, groß und breit über sich selbst und ihr Leben zu reden. Jess' Eindruck war, dass das in den meisten Fällen nicht weiter schwierig gewesen sein konnte. In einigen anderen jedoch musste es stundenlanges geduldiges, geschicktes Überreden erfordert haben. Genauso, wie sich einige in geschönten Bildern der Öffentlichkeit präsentierten, hätten andere am liebsten ein geschöntes Leben vorgetäuscht. Zu Taylors Gunsten sprach, dass er das nicht erlaubt hatte. Was immer er herausgefunden hatte, er hatte versprochen, taktvoll damit umzugehen, und im Nachhinein stimmten die Befragten überein, dass er sich an sein Wort gehalten hatte, wie Jess feststellte.

Sie - die Stars - hatten Taylor im Gegenzug nicht ermuntert, über sich selbst zu sprechen. Es hatte keine Notwendigkeit bestanden. Das war nicht der Zweck der Übung gewesen. Es war schließlich nur eine Geschäftsvereinbarung gewesen.

Seine Verleger redeten freundlicher über ihn und bedauerten den Verlust, den sein Berufsstand erlitten hatte. Einer von ihnen, befragt von Ian Carter, fasste es zusammen.

»Jay war einer der besten, ein verdammt guter Schreiber. Ja, er hat ziemlich gut verdient, aber er war auch ein Lebemann, das ist jedenfalls der Eindruck, den wir alle hatten. Es würde niemanden überraschen zu erfahren, dass er das Geld genauso schnell ausgegeben hat, wie er es verdient hat. Er war keiner von denen, die in Jeans und einer abgerissenen alten Jacke zum Lunch erscheinen. Er hatte eine Vorliebe für Designeranzüge. Abgesehen davon wussten wir nichts über sein Privatleben. Wir werden ihn vermissen, keine Frage. Man konnte sich immer auf Jay verlassen. Er arbeitete gründlich, und seine Manuskripte waren rechtzeitig da.«

Letzten Endes wussten Carter und Jess nicht viel mehr über den Toten als zu Beginn ihrer Nachforschungen. Sie waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Taylor, wie viele andere Menschen auch, weder beliebt noch unbeliebt gewesen war, sondern irgendetwas dazwischen. Er hatte keine offenen Feinde gehabt, und mit Ausnahme von Miss Jeffrey, seiner Nachbarin, gab es niemanden, der eine offene Abneigung gegen ihn einräumte. Hopkins mochte die Arbeit nicht gutgeheißen haben, mit der sein Mieter sich den Lebensunterhalt verdient hatte, doch Taylor hatte die Miete stets pünktlich gezahlt, und Jess nahm an, dass das alles war, worauf es dem Vermieter letzten Endes ankam.

Billy und Terri Hemmings waren die Einzigen, die ihn als Freund bezeichneten und die ehrlich erschüttert waren von seinem Tod, doch auch sie räumten ein, wenig über seinen Hintergrund zu wissen. Andere Bekanntschaften von der Rennbahn sagten, »so gut« hätten sie ihn auch wieder nicht gekannt. Niemand wollte ihn nicht gemocht haben. »Ein sehr angenehmer Zeitgenosse«, fanden alle mehr oder weniger einstimmig. Schwer vorstellbar, dass jemand den armen Kerl ermordet haben sollte.

Hatte das Motiv für den Mord möglicherweise etwas mit Taylors finanzieller Situation zu tun?

Hemmings hatte zwar gesagt, dass Jay Taylor beim Wetten ein Händchen für Sieger gehabt hatte, doch Jess und Carter fanden bald heraus, dass Taylor an manchen Tagen auch vom Pech geradezu verfolgt gewesen und das Geld ihm durch die Hände geronnen war. Woraus sich die Frage ergab, ob er möglicherweise Wettschulden gehabt hatte. Bisher gab es keinerlei Hinweise in dieser Richtung. Sein Bankkonto war nicht überzogen, auch wenn keine Riesensumme an Guthaben existierte. Er hatte sein Konto nie überzogen, erfuhren sie von seinem zuständigen Sachbearbeiter, auch wenn es ein paar Mal sehr eng gewesen war. Er war ein gern gesehener Kunde gewesen.

Also war der Tote zwar ein Spieler gewesen, aber nicht unbesonnen. Er war nicht in die Schuldenfalle getappt. Aber vielleicht in eine andere? Das war die Frage.

Jess hatte angenommen, dass die Verwandten, sollten sie welche ausfindig machen, mehr Trauer zeigen würden. Dem war nicht so. Aus Gerald »Jay« Taylors Krankenakte ging hervor, dass die nächste Angehörige eine Miss Bryant war, eine Tante. Wie sich herausstellte, war die pensionierte Beamtin zugleich die letzte lebende Angehörige. Sie wohnte in einem aggressiv ordentlichen Bungalow direkt außerhalb von Bristol. Jess fuhr zu ihr, um die traurige Nachricht zu überbringen und - mit ein wenig Glück - etwas mehr über den privaten Hintergrund des Toten in Erfahrung zu bringen.

Sie hätte sich keine Gedanken machen müssen, dass Miss Bryant zu untröstlich sein könnte, um Fragen zu beantworten. Sie war eine untersetzte, grauhaarige Brillenträgerin in einem Plisseerock und einer weißen Bluse unter einem beigefarbenen Gilet. Sie saß kerzengerade in einem mit Chintz bezogenen Lehnsessel, musterte Jess missbilligend und verkündete sodann: »Natürlich ist es eine Schande, dass mein Neffe gestorben ist. Aber es überrascht mich nicht weiter, dass die Polizei darin verwickelt ist. Er war schon als Kind verschlossen ... pah!«

Der ältliche, übergewichtige Dackel, mit dem Miss Bryant ihr Heim teilte, blickte drein, als wäre er ganz genau der gleichen Meinung wie sein Frauchen. Er lag zusammengerollt in seinem Körbchen und behielt Jess sorgfältig im unheilvoll dreinblickenden Auge. Von Zeit zu Zeit zuckte sein Maul, und es sah aus wie ein höhnisches Grinsen.

Miss Bryant war trotz aller Missbilligung mehr als bereit zu reden, doch sie hatte - vom polizeilichen Standpunkt aus betrachtet - herzlich wenig zu berichten, schon gar nicht über die jüngsten Regungen ihres verstorbenen Neffen. Sie hatte ihn vor zehn oder zwölf Monaten zum letzten Mal gesehen, als er »aus dem Blauen heraus« aufgetaucht war, ohne jede Rücksicht, wie üblich. »Er saß dort, wo Sie jetzt sitzen, im gleichen Sessel, und fing an, auf eine rührselige Weise in Erinnerungen an seine Mutter, seinen Vater und seine Kindheit ganz allgemein zu schwelgen. Ich hielt es für durchaus möglich, dass er getrunken hatte.«

Miss Bryant beugte sich vor. »Er hat sich ein Photoalbum von mir ausgeliehen. Er sagte, er hätte keine Bilder von sich als kleinem Jungen, und er wollte einige Abzüge kopieren. Er hat es nicht zurückgebracht. Wenn es unter seinem Nachlass ist, will ich es auf der Stelle wiederhaben!«

»Ich glaube, es war ein Album dabei«, sagte Jess. »Ich kümmere mich darum.«

Abgesehen von diesem Besuch hatte Miss Bryant die übliche Weihnachtskarte erhalten sowie - mehr als sporadisch - den ein oder anderen kurzen Anruf. »Gerald«, wie sie ihn beharrlich nannte, war ein heller kleiner Junge gewesen und ein wirklich guter Schüler. Doch dann hatten sich die Dinge zum Schlechten hin entwickelt, ihrer Meinung nach. Sie beschrieb seinen Lebensstil als »ausgelassen« und bestätigte, dass er nie verheiratet gewesen war.

»Eine Frau hätte das nicht lange mitgemacht!«, sagte sie grimmig.

Sie hatte keine seiner Freundinnen gekannt.

»Alles völlige Vergeudung!«, schimpfte sie. »Deirdre wäre wirklich enttäuscht gewesen!« Der Grimm war immer noch in ihrer Stimme, gepaart mit einem selbstzufriedenen Unterton. Das Schicksal hatte gezeigt, dass Mrs. Bryant recht behalten hatte.

»Deirdre?«, hakte Jess nach.

»Meine verstorbene Schwester. Geralds Mutter.«

»Ich verstehe. Was ist mit seinem Vater?« Soweit sich Jess erinnern konnte, hatte es keine männliche Konstante in den Familienalben gegeben, die sie in Taylors Wohnung gefunden hatten.

Bei dieser Frage blitzten Miss Bryants Augen zornig auf. »Lionel? Er hat sich davongemacht, als das Baby noch in der Wiege lag. Ich muss gestehen, ich war nicht weiter überrascht. Er war ein Leichtfuß. Ich nehme an, Gerald ist nach ihm geschlagen. Ich hatte Deirdre schon vor der Hochzeit vor ihm gewarnt, doch sie wollte nicht auf mich hören. Lionel war, was man früher einen Schwerenöter nannte. Deirdre hat nie wieder etwas von ihm gehört; sie wusste nicht einmal, wo sie anfangen sollte, nach ihm zu suchen. Er hatte seine Arbeit gekündigt. Er hatte keine Familie, mit der sie in Verbindung treten konnte. Er war von Leuten namens Taylor aufgezogen worden - von ihnen hatte er auch seinen Nachnamen. Sie hatten ihn adoptiert und waren beide bereits tot, als Deirdre Lionel kennenlernte. Er hatte keine anderen Verwandten, oder jedenfalls hat er ihr das gesagt. Bei der Hochzeit war jedenfalls niemand zugegen. Es war eine standesamtliche Geschichte mit sechs anwesenden Personen, alle von Deirdres Seite. Seine ganze Geschichte war möglicherweise von vorne bis hinten gefälscht. Es würde mich nicht überraschen. So, da haben Sie die Bescherung. Oder besser, die arme Deirdre hatte sie. Ein Kind am Hals und keinen Ernährer, der sie unterstützt hätte. Lionel Taylor war wie vom Erdboden verschwunden. Wahrscheinlich hatte er ein halbes Dutzend Frauen überall im Land.«

Miss Bryant lehnte sich zurück und musterte Jess nachdenklich. »Ich nehme an, ich bin Geralds Erbin? Wenn ich die einzige Verwandte bin?«

»Ich fürchte, ich kann keine juristischen Auskünfte erteilen, Miss Bryant. Ich würde an Ihrer Stelle einen Anwalt konsultieren. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass wir bisher noch kein Testament gefunden haben.«

»Dann gehört es mir. Es gibt niemanden außer mir. Ich nehme an, es ist nicht viel«, sagte sie unzufrieden. Dann hellte sich ihre Miene auf. »Es gibt eine Wohnung in Cheltenham, sagen Sie?«

»Nur gemietet, leider. Der Wirt kann es kaum abwarten, dass sie geräumt wird, damit er renovieren und neu vermieten kann.«

»Hah!«, rief Miss Bryant aus. »Typisch Gerald! Keine Vorsorge für die Zukunft!«

Oder für Miss Bryants Zukunft, da seine ja zu Ende war.

»Ich schätze, man erwartet, dass ich für die Beerdigung aufkomme ... aus dem, was von seinem Besitz übrig ist«, sagte sie übellaunig, als Jess ging. »Und diese Wohnung muss ich wahrscheinlich auch räumen. Es ist typisch Gerald! Wie der Vater, so der Sohn. Taugenichtse!«

Der Dackel stieß ein bestätigendes Knurren aus.

Jess fuhr mit einem Gefühl der Erleichterung davon.

Wenigstens war Miss Bryant später imstande, den Toten eindeutig zu identifizieren. Sie tat es völlig nüchtern und zeigte genauso wenig Emotionen wie schon zuvor. Jess war geradezu erleichtert, als sie endlich in ein Taxi stieg und davonfuhr. »Was für eine grässliche Person«, sagte sie wenig taktvoll.

Phil Morton sah die Sache völlig anders. »Sehen Sie es so: Gut, dass eine Angehörige den Toten identifiziert hat, bevor die Verhandlung zur Feststellung der Todesursache eröffnet wird. Der Coroner wäre alles andere als begeistert, wenn Billy Hemmings der Einzige gewesen wäre, der Taylors Identität bestätigt hätte.«

Die Verhandlung am nächsten Tag beschränkte sich im Wesentlichen auf die Feststellung der Person des Toten sowie die Umstände, unter denen der Leichnam aufgefunden worden war. Es waren nur wenige Personen im Saal, auch wenn Mr. Hopkins, Taylors Vermieter, den Weg zum Gericht gefunden hatte. Er saß in der ersten Reihe, die Arme vor der Brust verschränkt, und starrte den Coroner streitlustig an. In der letzten Reihe saß ein Mann in einem alten Anorak, einen Notizblock in der Hand. Vermutlich hatte die örtliche Presse einen Reporter vorbeigeschickt für den Fall, dass sich eine Story ergab - auch wenn sie jetzt, im Verlauf der ersten amtlichen Untersuchung, sicher noch nicht ans Tageslicht kommen würde. Vielleicht war der Reporter auch freiberuflich tätig und auf der Suche nach einem Glückstreffer. Das Ehepaar Hemmings bot ein beeindruckendes Bild. Billy hatte sich in einen zu engen Anzug gequetscht. Terri war vollständig in Schwarz gekleidet: ein eklektisches Ensemble aus kurzer Kunstpelzjacke, zu kurzem Rock, schwarzen Nylons und modischen Stöckelschuhen mit extrem hohen Absätzen.

Monty hatte sich ebenfalls überreden lassen, zur Verhandlung zu erscheinen und sein Erlebnis zu schildern. Er tat dies in wenigen Worten:

»Ich kam rein, und da lag der Kerl. Keine Ahnung, wer er war. Sie haben mir zwar gesagt, wie er heißt, aber ich kenne ihn trotzdem nicht.«

»Es muss ein ziemlicher Schock für Sie gewesen sein, Mr. Bickerstaffe«, sagte der Coroner mitfühlend.

»Das können Sie laut sagen!«, erwiderte Monty aufgebracht. »Das ist es immer noch! Wann kann ich wieder nach Hause?«

Der Coroner antwortete, dass die Entscheidung darüber mehr oder weniger bei der zuständigen Polizeibehörde läge. Das Haus wäre immer noch als Tatort klassifiziert. Anschließend vertagte er das Verfahren auf ein späteres Datum, damit die Polizei Gelegenheit erhielt, ihre Ermittlungen abzuschließen. Der Mann im Anorak erhob sich und ging. Er hatte nicht viel in sein Notizbuch geschrieben.

Die Hemmings wurden erst gar nicht in den Zeugenstand gerufen. Billy saß die ganze Zeit über mit verschränkten Armen da und schien es zufrieden, dass er keine offiziellen Aussagen machen musste. Terri hingegen wirkte geradezu enttäuscht. Sie näherte sich Jess, nachdem alle den Gerichtssaal verlassen hatten.

»Wenn man überlegt, wie viele von diesen Prominenten Jay gekannt hat, dann sollte man wirklich meinen, dass die Lokalzeitung wenigstens einen Photographen vorbeischickt.«

Jess überlegte, dass es wahrscheinlich am besten war, wenn sie den Mann im Anorak und mit dem Notizbuch nicht erwähnte. Terri hätte sich vermutlich noch mehr aufgeregt, hätte sie erfahren, dass die Presse vor Ort gewesen war und weder sie noch Billy interviewt hatte.

»Wahrscheinlich weiß die Zeitung, dass es nur eine vorläufige Anhörung war, eine reine Formalität, mehr nicht«, erklärte Jess. »Die endgültige Verhandlung findet zu einem späteren Zeitpunkt statt. Trotzdem würde ich selbst dann nicht auf eine Schar von Paparazzi zählen.«

»Wir waren nur ein paar Minuten da drin!«, stöhnte Terri. »Wenn ich gewusst hätte, dass alles so schnell geht, hätte ich mir nicht so viel Mühe gemacht.«

»Kommst du jetzt oder nicht?«, fragte ihr Mann, der plötzlich neben ihr aufgetaucht war.

Terri stöckelte immer noch murrend auf ihren hohen Absätzen zum Wagen. Die beiden fuhren sofort davon.

»Sollte das Trauerkleidung sein oder was?«, fragte Phil Morton in ehrfurchtsvollem Staunen.

»Etwas in der Art, Phil«, erwiderte Jess.

Monty war inzwischen ebenfalls aus dem Gebäude gekommen, begleitet von seiner Nichte. Er winkte ihnen mutlos zu, während er gleichzeitig den Kopf schüttelte. Er wollte nicht mit ihnen reden. Sie respektierten seinen Wunsch und sahen ihm hinterher, als er von Bridget weggefahren wurde, die sie mit einem knappen Nicken begrüßt hatte.

Hopkins hastete vorbei. »Sie haben bis Monatsende«, rief er ihnen im Gehen über die Schulter zu. »Danach werde ich die Wohnung in die Zeitung setzen. Sie ist gleich wieder vermietet. Sie sehen besser zu, dass Sie sich beeilen!«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Jess später im Büro von Superintendent Carter, nachdem sie von der Verhandlung zurück waren.

»Wir lernen unseren Mann genauer kennen«, antwortete Carter.

»Das haben wir bereits versucht«, erinnerte sie ihn. »Wir haben seine sämtlichen Papiere gesichtet, und Dave Nugent hat seinen Computer durchsucht. Wir haben mit seinem Vermieter geredet. Stubbs hat Miss Jeffrey befragt, die Nachbarin, und bekam ein religiöses Pamphlet in die Hand gedrückt. Sie hat Taylor allem Anschein nach eins unter der Tür hindurchgeschoben, und er hat ziemlich heftig darauf reagiert. Er und Miss Jeffrey hatten einen lautstarken Streit deswegen, und danach hat sie nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen. Wir haben mit seinen Verlegern, den Lektoren, den Protagonisten seiner Bücher und seiner einzigen lebenden Verwandten gesprochen. Ich habe trotzdem nicht das Gefühl, ihn zu kennen.«

Sie wusste, dass Frustration in ihrer Stimme mitschwang. Doch die Uhr lief unerbittlich weiter, und sie waren in einer Sackgasse angelangt. Die Worte des Coroners echoten hohl durch ihre Gedanken: »... damit die Polizei Gelegenheit erhält, ihre Ermittlungen abzuschließen.« Die Chancen stehen eher schlecht, hatte Jess bei sich gedacht.

»Wir versuchen es trotzdem weiter. Irgendwann, an irgendeinem Punkt in seinem Leben, hat er sich zu einem Mordkandidaten gemacht«, sagte Carter geduldig. »Versuchen Sie es so zu sehen: Haben wir so wenig Verständnis für die inneren Motive des Mannes, weil er sich so große Mühe gegeben hat, sie zu verschleiern? Und falls ja, was haben wir übersehen? Was gibt es über Mr. Taylor zu wissen, das niemand wissen sollte?«

Jess schien nicht überzeugt. »Vielleicht ist der Grund, dass wir nichts anderes finden können, einfach der, dass es nichts anderes gibt? Er war aktiv, sowohl beruflich als auch privat, doch er hatte keine Wurzeln geschlagen, keinen Besitz erworben, war keine Beziehung eingegangen und verließ sich auf einen stetigen Strom an neuen Aufträgen. Er hatte überhaupt nichts Bleibendes in seinem Leben.« Sie erwärmte sich mehr und mehr für das Thema. »Wenn man es genau bedenkt, bewegte er sich auf einem schmalen Grat zwischen Erfolg und Scheitern. Seine Verleger haben ausgesagt, dass er professionell und akribisch gearbeitet hat. Er hätte genügend Geld verdienen müssen, um komfortabel zu leben, theoretisch jedenfalls, und weiterhin Designeranzüge zu tragen. Er war alleinstehend und hatte keinerlei Verpflichtungen.«

»Nach dem, was Miss Bryant über seinen Vater Lionel Taylor sagt, wäre ich nicht weiter überrascht, hätte dieser sich gegenüber der nächsten Frau in seinem Leben, nachdem er Deirdre und ihr Baby sitzengelassen hatte, ebenfalls als ›alleinstehend und ohne Verpflichtungen beschrieben«, warf Carter ein. »Lionel Taylors Beschreibung klingt in meinen Ohren nach einem klassischen Bigamisten. Doch das liegt alles lange zurück und ist nicht unsere Sorge. Sein Sohn Gerald, genannt Jay, ist unser Problem. Und wir sind nicht sehr viel weitergekommen bei seiner Lösung.«

»Nun ja ...«, nahm Jess ihre Erläuterung behutsam wieder auf. »Wir wissen, dass er einen kostspieligen Geschmack hatte, möglicherweise inspiriert von den exotischen Vorlieben der Erfolgreichen und Hochbezahlten unter den Prominenten, über die er schrieb. Es könnte ihn buchstäblich teuer zu stehen gekommen sein. Er verdiente genug Geld, um gut zu leben, innerhalb vernünftiger Grenzen, und finanziell im Schwarzen zu bleiben, aber nicht, um mit den Mega-Verdienern zu konkurrieren.«

Carter nickte langsam. »Ja. Diese Vorlieben färben ab auf Leute mit weniger wohlhabendem Hintergrund. So geschehen möglicherweise bei Jay Taylor. Sie haben recht. Er bewunderte seine Klientel für ihren Erfolg und ihren Reichtum und wollte leben wie sie. War das seine tödliche Schwäche? Wenn er Geld hatte, warf er damit nur so um sich - beispielsweise, als er die Hemmings nach seinem Gewinn in Cheltenham zum Essen einlud. Was soll man auch erwarten? Wenn man mit den Reichen auf Du und Du steht, muss man auch sonst mit ihnen mithalten, aussehen wie sie und seinen Teil ausgeben. Jemand wie Billy Hemmings würde einen Schnorrer schnell durchschauen und verstoßen.«

Jess war unruhig. Bedeutete das alles, dass Taylor innerlich ein verzweifelter Mann gewesen war? War es das, was sie übersehen hatten? Er war gerade vierzig Jahre alt geworden. Hatte Miss Bryant etwa den Finger auf die treibende Kraft hinter alledem gelegt mit ihrer Andeutung, dass ihr Neffe keine Rücklagen für seine Zukunft gebildet hatte? Hatte der zurückliegende Geburtstag bei Taylor diese Erkenntnis geweckt? Die sogenannten mittleren Jahre dräuten am Horizont, und er hatte nicht einmal sein eigenes Zuhause? Das Geld war ihm durch die Finger geronnen. Er besaß nichts, woran er sich festhalten konnte, sollte er aus irgendeinem Grund nicht mehr schreiben können. Hatte er vielleicht gehofft, dass er unter all den so akribisch zusammengetragenen Informationen in seiner Wohnung etwas finden konnte, das sich als wahre Goldader herausstellte? Etwas, das ihm genügend Geld einbrachte, um seine Finanzen in Ordnung zu bringen, nicht nur für ein paar Monate, bis zum nächsten Auftrag, sondern für immer, ganz egal, ob er noch ein weiteres Buch schrieb oder nicht? Es war schwer sich vorzustellen, was das sein sollte. Und so schien der Grund für seinen Tod so rätselhaft wie eh und je.

»Ich würde gerne mit Ihrer Bekannten sprechen, Monica Farrell«, sagte sie zu Carter, der überrascht die Augenbrauen hob. »Ich möchte mehr erfahren über Taylors Besuche in Weston St. Ambrose und seine Freundschaft mit den Hemmings. War er oft bei ihnen zu Hause? Falls ja, erkennt Mrs. Farrell möglicherweise sein Bild wieder. Ich weiß, ich greife nach Strohhalmen«, fuhr sie hastig fort. »Aber Strohhalme sind alles, was wir haben, abgesehen von einem ausgebrannten Autowrack und einem Leichnam, wo keiner hätte sein dürfen. Darüber hinaus kennt Mrs. Farrell Monty. Ich würde mich gerne mit ihr über ihn unterhalten. Vielleicht könnte ich, sagen wir heute am frühen Abend, einfach hinfahren und eine Stunde mit ihr plaudern?«

Sie hatte das Gefühl, dass Carter im ersten Moment zögerte, doch dann nickte er.

»Ich rufe an und sage Monica, dass Sie kommen. Sie freut sich bestimmt über eine Besucherin.«

Jess verstand sein Zögern. Carter, so war ihr längst klar geworden, war ein Mensch, der sehr zurückgezogen lebte. Jess' Besuch bei der Tante seiner Exfrau bedeutete sensibles Gelände.

Es nieselte leicht - endlich, der Boden war völlig ausgetrocknet -, als sie über kurvenreiche Nebenstraßen nach Weston St. Ambrose fuhr. Der Scheibenwischer arbeitete unermüdlich, doch es war nicht viel zu sehen außer feuchter Landschaft. Es gab kaum Spuren menschlicher Bewohner, mit Ausnahme der gelegentlichen Wegweiser zu einer Farm. Das Erste, was vom Dorf selbst zu sehen war, war der Glockenturm der Kirche, der die Wipfel der umgebenden Kastanienbäume durchbrach. Die Kirche sah aus, als wäre sie nicht mehr in Benutzung, doch es musste eine Kirchengemeinde geben, denn ein frisches handgemaltes Schild draußen informierte Passanten, dass man dringend ein neues Dach benötigte und ein Spendenkonto eingerichtet worden sei. Sogar eine Webseite war vorhanden. Helfen Sie uns, diese alte Kirche zu erhalten, flehte die Überschrift.

Jess passierte die umgebaute Schule - das heutige Haus der Hemmings. Auch dort kein Zeichen von Leben, nicht einmal die Hunde schlugen an. Schließlich fand sie das Cottage von Monica Farrell. Es sah genauso aus, wie Ian Carter es ihr beschrieben hatte.

»Sie sind also Inspector Campbell!«, begrüßte eine pummelige, grauhaarige Frau ihre Besucherin freundlich. »Kommen Sie doch herein, kommen Sie nur. Sie werden ja ganz nass da draußen im Regen! Kein schöner Tag heute, fürchte ich.«

Im Innern war es gemütlich warm und trocken. Jess wurde ins Wohnzimmer geführt und in einem bequemen Sessel platziert, wo man sie anschließend mit Keksen und Tee beköstigte. Auf dem Fenstersims lag ein schwarzer Kater, doch nachdem er kurz den Kopf gehoben und die Besucherin fragend angesehen hatte, rollte er sich wieder zusammen und schlief unbeeindruckt weiter.

»Er war die ganze Nacht draußen«, sagte Monica Farrell mit einem Nicken in Richtung ihres Hausgenossen. »Er geht drüben im Kirchhof auf Mäusejagd, müssen Sie wissen. Manchmal bringt er seine Trophäen mit nach Hause, und nicht immer sind sie bereits tot. Dann muss ich sie einfangen und freilassen, wo er sie gefangen hat.«

»Wie ich sehe, hat die Kirchengemeinde einen Spendenaufruf gestartet, für ein neues Dach«, erwiderte Jess.

Monica Farrell schnitt eine Grimasse. »Es kostet eine unglaubliche Summe! Ich bezweifle, dass so viele Spendengelder zusammenkommen. Die Diözese will uns zwar ein wenig helfen, und auch die verschiedenen anderen Fonds für historische Gebäude haben sich angeboten, doch es fehlen gewaltige Summen. Die Gemeinde kann die Summe unmöglich aufbringen. Wir sind nur noch ungefähr ein Dutzend oder so, an den besten Tagen.«

»Haben Sie einen eigenen Vikar?«

»Gütiger Himmel, nein!«, rief Monica kichernd. »Wir haben einen Vikar aus einer der Nachbargemeinden, der beinahe immer bereit ist zu kommen und sich um unser Seelenwohl zu kümmern. Eine Schande, wirklich, weil es doch eine so interessante alte Kirche ist. Wir haben sie die meiste Zeit über abgesperrt, aber ich habe einen Schlüssel. Ich bin Kirchendienerin. Falls es Sie interessiert, können wir das kleine Stück gehen, und ich zeige Ihnen alles.«

»Sehr gerne«, antwortete Jess. Es war Zeit, das Thema anzuschneiden, dessentwegen sie hergekommen war. »Sie wissen, dass wir in einer Mordsache ermitteln und dass das Opfer in Balaclava House gefunden wurde?«

»Oh, Ian hat mir alles darüber erzählt«, sagte Monica Farrell. »Er hat mir auch verraten, dass Sie die Ermittlungen leiten und dass er volles Vertrauen in Sie hat, die Wahrheit herauszufinden und den Schuldigen dingfest zu machen.«

»Das hat er gesagt?«, fragte Jess verblüfft.

»Mehr oder weniger wörtlich, ja. Noch etwas Tee?«

»Im Moment nicht, nein danke. Sie haben Superintendent Carter viel über Monty Bickerstaffe erzählt, den betagten Herrn, der in Balaclava House wohnt.«

»Ja, der arme alte Monty. Er tut mir wirklich leid, auch wenn ich um der Wahrheit willen gestehen muss, dass er schon immer ein störrischer Mistkerl war. Er ist mehr oder weniger ganz alleine für all seinen Ärger und seine Scherereien verantwortlich. Es war eine richtige Schande, wissen Sie, dass ein großer Konzern das Geschäft der Familie gekauft hat. Es verschaffte ihnen zwar damals genügend Geld, um über die Runden zu kommen, doch es verhinderte, dass Monty sich anstrengte, um einen anständigen Beruf zu erlernen. Wenn er nur genug verdient hätte, um sich um seine Mutter zu kümmern oder später seine Frau. Es wäre für ihn viel besser gewesen, wenn Bickerstaffe's in die Insolvenz gegangen wäre. Monty hätte sich zusammenreißen und dem wirklichen Leben stellen und einen Bürojob annehmen müssen. Ich war schon immer der Meinung, dass Monty Probleme mit der Realität hatte. Er schien in Gedanken ständig irgendwo anders. Ich kannte seine verstorbene Frau sehr gut. Ich weiß überhaupt nicht, wie sie es so lange mit ihm aushalten konnte. Ich hätte das nicht geschafft!«

Sie musterte Jess. »Es ist wirklich eigenartig, aber Sie sehen aus wie Penny, wissen Sie das? Als sie noch jünger war, meine ich.«

»Das habe ich schon häufiger gehört«, gestand Jess. »Sagen Sie mir, würden Sie Monty Bickerstaffe als einen unaufrichtigen Menschen beschreiben?«

»Er war gut darin, seine Schnapsflaschen vor Penny zu verstecken«, sagte Monica Farrell. »Er pflegte sich nach draußen zu schleichen und sie im Garten zu vergraben. Penny grub sie immer wieder aus.«

»Oh«, sagte Jess. »Aber das meinte ich eigentlich nicht. Was mich interessiert ist die Frage, wie Monty es mit Fakten hält? Sie sagen, er hätte schon immer Probleme mit der Realität gehabt? Er besteht darauf, dass er den Toten noch nie zuvor gesehen hat. Könnte es sein, dass er es einfach vergessen hat? Oder will er uns die Wahrheit vorenthalten, aus welchem Grund auch immer? Es wäre hilfreich, wenn wir das wüssten.«

»Monty würde nicht lügen!«, sagte Monica Farrell entschieden. »Ganz bestimmt nicht absichtlich, um jemanden zu täuschen. Wenn er sagt, dass er den Toten nicht kennt und ihn noch nie gesehen hat, dann ist das die Wahrheit. Oder jedenfalls das, was er als die Wahrheit betrachtet. Wie gut sein Gedächtnis noch funktioniert ist eine andere Frage. Ich nehme an, er könnte ihn vergessen haben. Alles in allem jedoch halte ich das für unwahrscheinlich. Es gab in den vergangenen Jahren nicht mehr viele Leute, die sich mit ihm abgegeben haben. Er würde sich an einen Fremden erinnern.«

»Das ist doch etwas«, sagte Jess. »Und es erleichtert mich, das zu hören. Ich hatte mich nämlich schon gefragt, ob Monty einfach nur den Kopf in den Sand steckt, weil er nicht von uns belästigt werden will, und Informationen zurückhält.«

»Denken Sie an die vergrabenen Whiskyflaschen«, warnte Monica. »Ich sage nicht, dass er nicht verschlagen sein kann. Doch ich glaube nicht, dass er die Polizei vorsätzlich belügt.« Sie zögerte und musterte Jess einmal mehr auf diese verwirrende Weise. »Und er würde Sie nicht belügen. Sie sehen aus wie Penny. Er würde Sie nie belügen, genauso wenig, wie er Penny belogen hätte.«

»Und trotzdem hat er seinen Schnaps vor ihr versteckt«, warf Jess ein.

»Ganz genau. Aber das ist etwas anderes, und ich denke, Sie verstehen das. Wenn Sie etwas von Monty wissen wollen, fragen Sie ihn direkt. Das ist der schnellste und einfachste Weg.«

»Danke sehr. Ich werde es beherzigen.« Jess lächelte. »Wenn wir jetzt vielleicht über das Ehepaar Hemmings sprechen könnten, das in das ehemalige Schulhaus gezogen ist ...«

»Sind sie denn in die Sache verwickelt?«, unterbrach sie Monica, und ihre Miene hellte sich auf. »Sagen Sie mir, dass die Hemmings ihre Finger im Spiel haben. Ich würde mit Freuden sehen, wie sie in Handschellen abgeführt werden!«

»Nein, nicht wirklich verwickelt, aber sie kannten den Toten. Er war am Tag seines Todes zu einer Dinnerparty bei ihnen eingeladen. Als Superintendent Carter nach seinem Besuch bei Ihnen vor dem ehemaligen Schulgebäude hielt, dachte Mrs. Hemmings im ersten Augenblick, es wäre Jay Taylor, der Tote, weil er ebenfalls einen Lexus fuhr.«

Jess kramte in ihrer Tasche und zog den Schnappschuss hervor, den Billy Hemmings ihr gegeben hatte. »Ich frage mich, ob Sie den Mann auf diesem Photo erkennen - vielleicht haben Sie ihn ja in der Gegend von Weston St. Ambrose gesehen?«

Monica Farrell griff über das Teegeschirr hinweg nach dem Photo und betrachtete es eingehend. »Das ist er, nehme ich an? Der Tote? Nur lebendig und beim Pferderennen, wenn ich das richtig sehe? Gütiger Himmel, sehen Sie nur den Hut, den diese Mrs. Hemmings trägt! Sie sieht aus wie eine Stehlampe!«

Jess versuchte nicht zu lachen. »Der Mann?«, drängte sie.

»Oh, richtig.« Monica schürzte die Lippen. »Ich bin nicht sicher, aber ja - ich denke, ich habe ihn schon einmal gesehen. Vor ein paar Wochen muss das gewesen sein. Er und Hemmings sind hier vorbeispaziert, auf dem Weg zu unserem einzigen überlebenden Pub, schätze ich. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte, dass sie aussahen wie zwei vom gleichen Schlag. Wenn es nicht der auf dem Photo war, dann war es jemand, der ihm zumindest sehr ähnlich gesehen hat.«

»Haben die beiden sich unterhalten, als Sie sie an Ihrem Haus vorbeigehen sehen haben?«

»Was? Oh. Ja, richtig, einer von beiden hat geredet. Nicht Hemmings, sondern der andere, der auf dem Photo - falls es der gleiche ist. Er redete in einem fort und sah aus, als wäre er höchst zufrieden mit sich.«

»Vielleicht hatte er einen ordentlichen Gewinn beim Pferderennen«, vermutete Jess, indem sie das Photo wieder an sich nahm. »Es hilft uns jedenfalls weiter, irgendwie.«

Haben die beiden etwas ausgeheckt, Hemmings und Taylor?, sinnierte sie. Und falls ja, wie finde ich heraus, was es war?

Sie bedankte sich bei ihrer Gastgeberin für die Informationen und die geopferte Zeit sowie für den Tee und das Gebäck. Monica fragte einmal mehr, ob sie vielleicht die Kirche von innen besichtigen wollte. Es erschien Jess unhöflich, das Angebot auszuschlagen, also nahm Monica den Schlüssel vom Haken. Dann zog sie einen voluminösen Plastikregenmantel über und führte Jess nach draußen. Sie marschierten über die Straße und den von Herbstlaub übersäten Kirchhof mit seinen schiefen, von Flechten überwucherten Grabsteinen und den längst nicht mehr zu entziffernden Inschriften und betraten die Vorhalle vor dem Haupteingang.

Der Schlüssel war riesig und sicher fast genauso alt wie das massive Eichentor, dessen Schloss er aufsperrte. Sie stiegen ein paar Stufen hinunter zu dem mit Steinplatten gefliesten Boden. Von außen mochte die Kirche heruntergekommen aussehen, doch das Innere war offensichtlich liebevoll gepflegt und wurde von einer Gruppe treuer Helfer instand gehalten. An den Wänden gab es Gedenktafeln für die gefallenen Söhne von Familien, die längst nicht mehr in Weston St. Ambrose lebten. Eine kunstvolle Figurengruppe zierte ein Grabmal aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert. Ehemann und Ehefrau, vornehm gekleidet, auch wenn die aufgemalten Farben längst verblasst waren, lagen im Tod Seite an Seite, begleitet von einem winzigen Säugling in Schwarz, der glückselig lächelte.

»Sie starb während der Geburt, verstehen Sie?«, sagte Monica und deutete auf die Inschrift an der Seite des Grabmals. »Damals starben viele Frauen bei der Geburt ihrer Kinder. Das Baby starb ebenfalls. Er hat das Grabmal für sie und das Kind erbauen lassen und sein restliches Leben darauf gewartet, sie am Ende wiederzusehen. Er lebte noch fünfzig Jahre, wie hier zu lesen steht.« Sie tätschelte das schwarz verhüllte Baby. »Immer, wenn Millie mich besucht hat, wollte sie unbedingt hierher und das Baby sehen. Kinder sind manchmal eigenartig.«

»Millie?«, fragte Jess.

Für einen Moment blickte Monica verlegen drein. »O du liebe Güte. Millie ist Ians Tochter. Sie ist inzwischen sicher schon elf. Sie war seit einer Weile nicht mehr bei mir. Sophie, ihre Mutter, hat wieder geheiratet, und sie hat ihr Leben und das von Millie völlig umgekrempelt. Ich überlege, ob ich Sophie bitten soll, Millie für eine Weile zu mir kommen zu lassen, jetzt, wo Ian in der Nähe lebt. Dann kann er vorbeikommen und Zeit mit ihr verbringen. Oh, vielleicht wussten Sie gar nicht, dass er geschieden ist?« Sie sah Jess nervös an.

»Ich wusste von seiner Scheidung«, antwortete Jess. »Aber nicht, dass er eine Tochter hat.«

»Ich verstehe. Nun, jetzt wissen Sie's, und ich wüsste auch nicht, was daran geheim sein soll«, sagte Monica. »Ich bin sicher, Ian hat nichts dagegen, dass ich es Ihnen erzählt habe.«

Draußen hatte es aufgehört zu regnen, doch die Luft war erfüllt von einem penetranten Gestank.

»Füchse«, sagte Monica, als sie sah, wie Jess schnüffelte und eine Grimasse schnitt. »Ich mache mir Sorgen um Henry, den schwarzen Kater. Er ist schon ziemlich alt, und ich weiß nicht, was passiert, wenn er des Nachts hier auf Mäusejagd geht und einem Fuchs begegnet. Andererseits kann ich ihn nicht einsperren - er miaut die ganze Nacht, bis ich nachgebe. Sein Bruder Mickey ist ganz anders. Er geht kaum raus, und nach Einbruch der Dunkelheit niemals. Abgesehen davon lassen die Hemmings ihre Terrier auf ihren sogenannten Spaziergängen frei über den Kirchhof laufen, und wenn sie Henry erwischen, dann hat er wohl kaum eine Chance. Ich habe Mrs. Hemmings gesagt, dass sie ihre Terrier auf dem Kirchhof an die Leine nehmen soll, nicht nur wegen der Katzen. Wenn sie irgendwo einen Fuchsbau wittern, dringen sie in das Loch ein und bleiben womöglich stecken. Sie wollte mir nicht glauben. Sie meint, ihre Hunde würden sich nicht für Füchse interessieren. Sie redet ständig so ein dummes Zeug. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass es Jack-Russell-Terrier sind, eigens gezüchtet, um Füchse aus ihrem Bau zu graben. Es liegt ihnen im Blut, sozusagen. Sie hat mich nur verständnislos angeglotzt.«

Vor Monicas Cottage verabschiedete sich Jess von ihrer Gastgeberin. Sie stieg in ihren Wagen und fuhr langsam durch das Dorf, während ihre Gedanken bei dem waren, was sie soeben erfahren hatte. Wenn Carter befürchtet hatte, Monica könnte über private Dinge schwatzen, dann waren diese Bedenken durchaus begründet. Auf der anderen Seite war die Existenz einer elfjährigen Tochter kaum etwas, das man geheim hielt.

Sie glitt in gemächlichem Tempo an der alten Schule vorbei. Das Haus lag völlig im Dunkeln. Waren die Hemmings möglicherweise schon in den Urlaub nach Marbella gefahren, von dem Terri gesprochen hatte? Hoffentlich nicht - sie hatten unter Umständen noch eine Reihe von Fragen an Billy Hemmings. Sie hatte fast die Grenze der Ortschaft erreicht, als sie überrascht anhielt. Sie war nicht die einzige Polizeibeamtin in Weston St. Ambrose.

Das Erste, was ihre Aufmerksamkeit erweckte, war ein Streifenwagen. Er parkte vor einem Backsteinhaus mit einem ungepflegten Vorgarten. Das Gartentor stand offen, und auf dem Weg zum Haus rangelten zwei uniformierte Beamte mit einem jungen Mann mit kahlrasiertem Schädel. Sie versuchten ihn zum Streifenwagen zu bugsieren, und er wehrte sich vehement.

Jess stieg aus. Als sie sich dem Geschehen näherte, hörte sie, wie der junge Mann seine Häscher beschimpfte und ihnen vorwarf, dass es eine Falle gewesen wäre.

»Was geht hier vor?«, rief Jess und hielt ihren Dienstausweis hoch, sodass die beiden Constables ihn sehen konnten.

»Wer ist diese Frau?«, wollte der glatzköpfige Bursche wissen. Er hatte seine Gegenwehr vorübergehend eingestellt und starrte Jess feindselig an.

»Inspector Campbell«, stellte Jess sich vor.

»Jetzt schickt ihr schon Inspektoren, um mich einzukassieren?«, empörte sich der Glatzköpfige an die beiden Constables gewandt, die ihn hielten.

»Das ist Alfie Darrow, Ma'am«, rief einer der Uniformierten zu Jess. »Er ist der Drogendealer von Weston St. Ambrose, ein richtig großer Fisch, stimmt's nicht, Alfie?«

»Sie haben mir eine Falle gestellt!«, protestierte Alfie Darrow an Jess gewandt.

Der andere Beamte zog einen kleinen transparenten Plastikbeutel mit einem Haufen Pillen aus der Jacke. »Das hier haben wir unter den Bodendielen gefunden, Ma'am. Im ersten Stock.«

»Brauchen Sie Verstärkung?«, fragte Jess.

»Nein, Ma'am. Alfie weiß, dass er keine andere Wahl hat, als mit uns zu kommen. Er spielt nur seine Rolle, das ist alles.«

»Es ist doch nur Ecstasy, Herrgott!«, rief Darrow aufgebracht.

»Und woher willst du das wissen, wenn die Pillen nicht dir gehören?«, fragte der Beamte.

Darrow hing zwischen den beiden Constables wie eine Marionette mit ausgekugelten Gelenken. Er starrte Jess nachdenklich an. »Sie sind in Zivil. Heißt das, Sie gehören zum CID?«

»Das ist richtig«, antwortete Jess.

»Sie untersuchen diesen Mord in Balaclava House, stimmt's?«

Jess' Nackenhaare richteten sich auf. »Ja.«

»Ich hab vielleicht ein paar Informationen für Sie, Ma'am«, sagte Darrow. »Was würden Sie dazu sagen, wenn die beiden mich mit einer Verwarnung laufen lassen ...«, er sah die beiden Uniformierten an, »... und ich Ihnen als Gegenleistung erzähle, was ich weiß?«

»Was würden Sie dazu sagen, Alfie, wenn ich Sie belange, weil Sie Informationen in einem Mordfall zurückhalten?«

Darrow starrte sie an wie ein begossener Pudel. »Die Polizei weiß einfach nicht, was Dankbarkeit ist«, sagte er bitter.