KAPITEL 10
Als Phil Morton diesmal vor dem Tor auftauchte, das die Grenze zwischen den Colleys und dem Rest der Welt markierte, kam ihm niemand entgegen. Als er aus dem Wagen stieg und lauschte, kam nicht nur keine Großmutter Colley, die ihm versicherte, dass die Hunde im Zwinger seien, nicht einmal Hundegebell war zu hören. Morton öffnete das Tor, stieg wieder in den Wagen und fuhr auf das Grundstück. Er hielt an, um das Tor zu schließen, während er unablässig lauschte - zuerst in nervöser Erwartung, dann in wachsender Verblüffung. Wo waren die Höllenhunde? Langsam fuhr er weiter über den Schotterweg, bis er das Durcheinander von Gebäuden erreichte. Er warf einen Blick auf den Zwinger - leer. Wo auch immer die Hunde sein mochten, sie waren frei, und das war alles andere als ein tröstlicher Gedanke. Zumindest waren sie nicht auf diesem Hof. Das für sich genommen erschien bereits so unheimlich und verlassen wie ein Geisterschiff.
Morton tippte zweimal auf die Hupe. Als Antwort erschien Tracy Colley in der Tür des Cottages, blickte böse in seine Richtung und kam herbeigetrottet. Sie war gekleidet wie zuvor in wenig schmeichelhafte Leggings und einen weiten ärmellosen Kittel. Sie hatte etwas mit ihrem Haar gemacht - es war jetzt von roten Strähnen durchzogen. Sie bildete sich doch wohl nicht ein, jetzt besser auszusehen? Tracy wäre eine gute Kandidatin für eine dieser Typberatungssendungen im Fernsehen, dachte Morton. Sie würde eine echte Herausforderung darstellen.
»Was wollen Sie diesmal wieder?«, erkundigte sie sich abweisend.
»Ich suche Ihren Bruder. Ist er hier?«
»Wofür?«, verlangte sie zu erfahren.
»Ich möchte mich nur mit ihm unterhalten. Ist er hier?«
»Hinter dem Haus, bei seinen Pferden«, antwortete sie und zeigte mit erhobenem Daumen über die Schulter in die fragliche Richtung.
»Danke«, sagte Morton. »Und die Hunde?«
Über Tracys teigige Gesichtszüge huschte ein boshaftes Grinsen. »Um die Hunde müssen Sie sich keine Gedanken machen. Dad hat sie mitgenommen zum Shooter's Hill. Außerdem würden die Hunde Ihnen nichts tun. Sie müssen keine Angst haben. Sie bellen nur. Das ist schließlich ihr Job, richtig? Uns Bescheid zu geben, wenn wir Besuch haben.«
Morton fragte sich, wie oft die Colleys wohl Besuch erhielten. Niemals, schätzte er, außer jemand kam geschäftlich oder dienstlich hierher wie Morton selbst. Unter Tracys verachtungsvollen Blicken stieg er zum zweiten Mal aus dem Wagen und ging hinter das Haus. Gary stand dort und schüttete den beiden Pferden Futter in einen Eimer.
Morton rief seinen Namen. Gary drehte sich um und näherte sich dem Zaun, als er Morton erkannte. Beide Tiere folgten ihm. Als er den Zaun erreichte, flankierten sie ihren Besitzer auf beiden Seiten, und das Trio stand da und starrte Morton aufmerksam an.
»Hätten Sie Zeit für ein paar kurze Fragen, Gary?, erkundigte sich Morton freundlich. Eines der Pferde blies ihm den warmen Atem in den Nacken.
»Was ist denn nun schon wieder?« Er machte keine Anstalten, das Feld zu verlassen. Die Unterhaltung musste offensichtlich über den Zaun hinweg geführt werden. Gary stand auf seinem eigenen Grund und Boden, zusammen mit seinen Pferdebeschützern. Morton war ein Außenseiter in jeder nur denkbaren Hinsicht.
»Ich habe eine Zeittafel der Ereignisse jenes Tages verfasst, an dem Mr. Bickerstaffe von Balaclava House eine Leiche in seinem Wohnzimmer antraf.«
Gary sagte nichts und starrte Morton wachsam aus dunklen Augen an.
»Sie ist nicht ganz stimmig«, fuhr Morton fort. Er wartete auf einen Kommentar.
»Was kann ich dafür?«, murmelte Gary unwirsch.
Morton zückte sein Notizbuch und klappte es auf. Er musste nicht darin nachlesen, doch die Aktion machte Gary sichtlich nervöser. Gut. Genau das war es, was Morton beabsichtigt hatte.
»Dann wollen wir mal sehen ...«, begann er. »Nach der Entdeckung des Leichnams traf zunächst die örtliche Polizei am Schauplatz ein, uniformierte Beamte. Anschließend der Polizeiarzt. Wenig später kamen Inspector Campbell und ich hinzu.«
»Die rothaarige Tussi.«
Morton ignorierte die Bemerkung, doch er betonte Jess Campbells Dienstrang, als er fortfuhr. »Inspector Campbell brachte Mr. Bickerstaffe nach draußen, wo Sie sich mit einem der uniformierten Beamten unterhielten. Sie wollten wissen, was passiert wäre, und beschwerten sich darüber, dass der Beamte Ihnen keine Auskunft geben wollte. Ist das bis hierher korrekt?«
Gary runzelte die Stirn. »Ja. Ich denke schon. Es sah in meinen Augen so aus, als wollten Sie den armen alten Mr. Monty verhaften.«
Morton blätterte immer noch demonstrativ in seinem Notizbuch, als er fortfuhr. »Dann verließen Sie den Schauplatz unter der Behauptung, Sie wären auf dem Weg in die Stadt.«
»Ja, das ist richtig.« Die Pferde spürten die Unruhe ihres Besitzers. Sie warfen nervös die Köpfe hin und her und schnaubten und entfernten sich ein wenig von ihm, bereit, beim kleinsten Anzeichen einer Bedrohung die Flucht zu ergreifen.
»So ...« In Morton keimte ein Gefühl von Befriedigung auf. Gary war ein außerordentlich irritierender Zeitgenosse, und es war schön zu sehen, dass er die Fassung verlor. »Zu diesem Zeitpunkt wussten Sie noch nichts von einem Toten im Haus von Mr. Bickerstaffe.«
»Richtig«, stimmte Gary ihm zu.
»Etwa eine Stunde später wurde Mr. Bickerstaffe von einer Verwandten weggebracht. Sie passierten eine Tankstelle an der Hauptstraße, die von einem gewissen Sebastian Pascal geführt wird ...«
»Der alte Seb ...« Gary klang verbittert - vielleicht weil er spürte, dass er seine gegenwärtige missliche Lage zu einem Teil auch dem Tankstellenpächter verdankte.
»Mr. Pascal erkannte die Insassen des Wagens. Er rief Sie auf Ihrem Mobiltelefon an, um Sie zu fragen, ob Sie wüssten, was das zu bedeuten hätte. Sie erzählten Mr. Pascal, man hätte eine Leiche in Balaclava House gefunden. Das ist der Punkt, mit dem ich ein Problem habe, Sir.« Morton klappte sein Notizbuch zu. »Verstehen Sie - meine Frage ist, woher wussten Sie das? Der Tote war noch im Haus. Niemand hatte Ihnen gesagt, dass es einen Toten gegeben hatte. Laut der Aussage Ihres Vaters ging Ihre Großmutter erst sehr viel später nach Balaclava House, um nach dem Rechten zu sehen, und sah bei dieser Gelegenheit einen Leichenwagen wegfahren. Und das war, laut der Aussage Ihres Vaters, der Augenblick, in dem Sie alle erfuhren, dass jemand gestorben war. Aber Sie, Gary - Sie wussten es schon viel früher. Sehen Sie mein Problem?«
Gary wich Mortons Blicken aus. Er kaute eine oder zwei Sekunden lang auf der Unterlippe, bevor es aus ihm heraussprudelte. »Okay, okay. Hören Sie! Ich sage Ihnen, was passiert ist!«
Morton klappte das Notizbuch wieder auf. »Sie machen eine Aussage, ist das richtig?«
»Wenn Sie so wollen, ja. Nachdem ich gesehen hatte, wie der alte Mr. Monty in den Streifenwagen gesetzt wurde, ging ich nicht weiter in die Stadt, wie ich es gesagt hatte. Ich hatte es eigentlich vor, verstehen Sie? Ich hatte Inspector Campbell die Wahrheit gesagt, aber dann änderte ich meine Meinung. Das ist doch wohl nicht verboten, oder?«
Er wartete, während er auf Bestätigung hoffte, und als Morton schwieg, fuhr er widerwillig fort: »Ich setzte meinen Weg in die Stadt also fort, genau so, wie ich es zuerst gesagt hatte, und dann überlegte ich, dass ich eigentlich irgendwie herausfinden sollte, was das zu bedeuten hatte. Schließlich ist der alte Mr. Monty ein Nachbar«, bemerkte er selbstgerecht. »Ich habe auf ihn aufpassen wollen. Schließlich wollten Sie und Ihre Leute mir nicht verraten, warum Sie ihn aus dem Haus gezerrt haben. Also musste ich es selbst herausfinden, richtig? Ich bin also über die Felder und zur Rückseite von Balaclava House, zu den Gärten. Nur, dass die so verwildert sind, dass man sie kaum noch so nennen kann. Wie dem auch sei, ich bin über die Mauer geklettert und habe mich durch das Gestrüpp zum Haus geschlichen. Es war nicht schwierig; es gibt mehr als genug Deckung. Ich konnte die zwei Polizisten draußen reden hören. Einer sagte, sie sollten nach Spuren suchen, weil die Leiche wahrscheinlich ins Haus geschleift oder getragen worden wäre. Ein Toter ist ganz schön schwer, meinte der andere. Daher wusste ich, dass es einen Toten gegeben hatte. Ich wollte nicht, dass sie mich entdeckten, falls sie vorhatten, das Grundstück abzusuchen, also zog ich mich zurück und ging nach Hause, um Dad und dem Rest der Familie zu erzählen, was ich gehört hatte. Bevor ich dort ankam, rief Seb mich an. Ich hatte Glück, dass er nicht fünf Minuten vorher angerufen hatte, als ich in den Büschen versteckt die Polizisten belauscht hatte. Sie hätten das Telefon gehört und mich gefunden.
Eine ganze Weile später ist Großmutter die Straße raufgelaufen, genau wie sie es gesagt hat. Sie hat gesehen, wie der Leichenwagen weggefahren ist. Das ist die Wahrheit. Aber das konnte ich Ihnen doch nicht sagen, oder? Ich konnte Ihnen doch nicht verraten, dass ich die Polizisten belauscht hatte?«, beendete Gary sein Geständnis in einem beinahe flehenden Ton.
Jess Campbell wird sich freuen zu hören, dass sie recht hatte und Gary tatsächlich zurück nach Hause gelaufen ist, dachte Morton. Die Frage ist - erzählt der Mistkerl diesmal die Wahrheit, oder lügt er uns wieder an?
»Und das ist jetzt die endgültige Version?«, fragte er Gary. »Oder widerrufen Sie diese Geschichte bei nächster Gelegenheit erneut?«
»Nein, nein, so war es! Ich schwöre es!«
»Sind Sie bereit, Ihre Aussage zu unterschreiben?«
»Ja. Sicher, wenn Sie wollen.« Gary starrte Mortons Notizbuch an, als könnte es unversehens explodieren.
»Ihnen ist klar, dass Sie durch Ihre Handlungsweise möglicherweise den Schauplatz eines ungeklärten Todes kontaminiert haben?«
»Ich wusste nichts von einem Toten! Wie konnte ich davon wissen, wo Sie mir doch nichts sagen wollten?«, konterte Gary.
Womit er nicht ganz unrecht hatte, doch Morton ignorierte seinen Einwand.
»Außerdem haben Sie nicht gleich beim ersten Mal die Wahrheit gesagt und mich damit zu einem zweiten Besuch auf Ihrem Hof gezwungen. Glauben Sie etwa, ich hätte nichts Besseres zu tun? Sie haben unsere Zeit verschwendet, Mr. Colley. Sie haben die Polizei zum Narren gehalten, und das ist ein Vergehen.«
»Was?«, rief Gary erschrocken. Beide Pferde stiegen hoch und galoppierten zum anderen Ende ihrer Koppel. »Sie wollen mich deswegen belangen?«
»Ich werde alles Inspector Campbell berichten, und sie entscheidet dann.«
Morton ließ einen sehr unglücklichen Gary Colley zurück. Einige Minuten später stand er am Ende der Zufahrt zum Haus der Colleys und musste einem Fahrzeug Vorfahrt gewähren, das von Sneddon's Farm die Toby's Gutter Lane heraufkam. Er erkannte die Fahrerin als Rosie Sneddon. Morton folgte ihr bis zur Hauptstraße und in diskretem Abstand zur Tankstelle von Sebastian Pascal, wo sie abbog.
Morton fuhr stirnrunzelnd weiter. Nun denn, Rosie Sneddon, dachte er. Du hast mir erzählt, du hättest an dem Tag getankt, als Monty Bickerstaffe die Leiche in seinem Haus gefunden hat, und dass Sebastian Pascal dir die Neuigkeiten erzählt hätte. Warum fährst du heute schon wieder zur Tankstelle? Dein Tank müsste doch noch voll sein, es sei denn, du bist in den letzten beiden Tagen ständig unterwegs gewesen.
Sicherlich gab es eine ebenso plausible wie unschuldige Erklärung für Rosie Sneddons Verhalten. Vielleicht wollte sie in den Minimarkt. Die Tankstelle war das am nächsten gelegene Geschäft. Vielleicht wollte sie nur eine Packung Kekse oder eine Zeitung kaufen. Wie dem auch sei, Phil Morton hatte andere Dinge im Kopf als Rosie Sneddons Einkaufsgewohnheiten und fuhr weiter.
Rosie hatte gemerkt, dass ihr ein Wagen gefolgt war, doch auch sie hatte andere Dinge im Kopf. Sie fuhr auf das Gelände von Pascals Tankstelle und schaltete den Motor ab. Als sie ausstieg, blickte der kahlköpfige junge Kerl auf, der für Sebastian arbeitete. Er wischte sich die Hände an einem ölverschmierten Lappen sauber und kam herbei. Er grinste auf eine Weise, die ihr überhaupt nicht gefiel.
»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte er. Seine Schneidezähne waren abgebrochen. Es war ihr vorher noch nie aufgefallen. Doch sie hatte ihm vorher noch nie wirklich Aufmerksamkeit geschenkt. Sie fragte sich flüchtig, ob es die Folge eines Unfalls in jüngeren Jahren war oder einer Schlägerei.
»Ich komme zurecht, danke sehr.« Sie klappte den Tankdeckel hoch und hakte die Zapfpistole aus. Der Kerl stand immer noch da und grinste irritierend.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte sie in scharfem Ton.
»Die Polizei war hier«, sagte er. »Wegen dieser Sache in Balaclava House. Wissen Sie?«, fragte er.
»Natürlich weiß ich davon. Die Polizei war auch auf der Farm und hat mit meinem Mann geredet.« Rosie versuchte sich auf die Anzeigen der Zapfsäule zu konzentrieren. Sie musste überhaupt nicht tanken. Sie hätte direkt in den Minimarkt gehen und das ein oder andere Lebensmittel kaufen sollen, dann hätte sie diese unangenehme Begegnung vermieden. Sie dachte nicht mehr logisch - sie musste sich zusammenreißen, um keine Dummheiten zu machen.
»Seb meinte, er hätte nichts zu erzählen. Seb ist gerade nicht da«, fuhr der Tankstellengehilfe fort.
Wäre Sebastian da gewesen, hätte diese Laus nicht faul herumgestanden und sie belästigt und ihr die Zeit gestohlen. Rosie meinte sich an den Namen des Kerls zu erinnern: Alfie. Entschieden erwiderte sie: »Ich wollte nicht zu Mr. Pascal, Alfie. Haben Sie eigentlich nichts zu tun?«
Alfie ignorierte den Wink mit dem Zaunpfahl. »Ihr Mann hatte den Bullen also auch nichts zu erzählen, oder wie?«
Erzürnt funkelte sie ihn an. »Nein. Wir wissen nicht, was in Balaclava House vorgeht.«
»Aber Sie kennen sicher den alten Monty?«
»Selbstverständlich kennen wir Mister Monty. Aber wir wissen nichts über den Toten. Wie sollten wir auch?«
»Sie haben niemanden rumhängen sehen?«
»Nein! Warum um alles in der Welt ...« Ihr wurde bewusst, dass sie die Stimme erhoben hatte, und sie unterbrach sich. Was wollte er ihr überhaupt sagen? Vielleicht war das der Weg, Alfie loszuwerden? Indem sie ihm etwas erzählte - irgendetwas. »Pete hat der Polizei den ausgebrannten Wagen im Steinbruch gemeldet, das ist alles.«
Sie bereute ihre Worte sofort. Sie hätte ihn auffordern sollen zu verschwinden und sie nicht länger zu belästigen. Stattdessen hatte sie seiner Neugier unnötig Vorschub geleistet. Verdammter Sebastian! Warum war er nicht hier?
Alfie starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Was für ein Wagen denn?«, wollte er wissen.
»Jemand hat einen Wagen in den Steinbruch gestürzt und in Brand gesteckt. Einen gestohlenen Wagen vermutlich. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand einen gestohlenen Wagen auf unserem Land zurücklässt. Pete hat die Nase ziemlich voll davon.« Sie hängte die Zapfpistole wieder ein.
Alfie musterte sie mit einem vielsagenden Grinsen. »Sie waren doch erst vorgestern zum Tanken hier, als der Tote gefunden wurde. Sie mussten heute eigentlich gar nicht tanken, oder?«
Doch er hatte den Bogen überspannt, und Rosie hatte genug von ihm.
»Entschuldigung. Ich muss nach drinnen und zahlen.« Sie marschierte in den Minimarkt und zum Tresen. Maureen, die an der Kasse stand, schenkte ihr einen mitfühlenden Blick.
»Belästigt Alfie Sie? Keine Sorge, ich wasche ihm gleich den Kopf. Es wird nicht noch einmal vorkommen.«
Beinahe hätte Rosie sie angefaucht: »Was geht Sie das überhaupt an?«, doch im letzten Moment hielt sie sich zurück. »Er interessiert sich für den Mordfall«, sagte sie stattdessen. »Ich schätze, es ist normal in seinem Alter.«
»Alfie interessiert sich für alles, was nichts mit seiner Arbeit zu tun hat«, widersprach Maureen wissend. Sie gab Rosie die Kreditkarte zusammen mit dem Tankbeleg zurück. »Ich bin seine Tante«, fügte sie hinzu.
»Oh, wie nett«, sagte Rosie und meinte das genaue Gegenteil.
Maureen verstand die Andeutung und seufzte. »Ich weiß. Seb hat ihm den Job nur deswegen gegeben, weil ich ihn darum gebeten habe. Ich dachte, Alfie strengt sich vielleicht an und macht endlich etwas aus dieser Chance.«
Von wegen, dachte Rosie. »Danke sehr«, sagte sie laut, dann wandte sie sich um und ging.
Draußen war Gott sei Dank nichts mehr von Alfie zu sehen. Rosie stieg in den Wagen und fuhr verunsichert nach Hause.
Jay Taylor hatte im obersten Stockwerk eines wunderschönen Hauses aus der Zeit des frühen neunzehnten Jahrhunderts in Cheltenham gewohnt. Die Wohnung war der ausgebaute ehemalige Dachboden, was den Räumen eine exzentrische Form gab mit schrägen Wänden und Giebeldecken. Die Gaubenfenster ließen nur wenig Licht herein. Der kombinierte Wohn-Essbereich war einigermaßen groß, doch der Rest der Zimmer war geradezu winzig, wie Jess und Ian Carter feststellen mussten, nachdem sie die Treppe hinaufgestiegen waren.
»Das Leben in einer Mansarde hat eine hübsche Entwicklung durchgemacht seit jenen Zeiten, als Autoren dort verhungerten«, stellte Carter schnaufend fest. »Trotzdem ist und bleibt es eine Mansarde - wenngleich eine äußerst kostspielige.«
Sie hatten sich gefragt, wie sie sich Zutritt verschaffen konnten und ob sie möglicherweise Gewalt anwenden mussten, um die Tür aufzubrechen. Doch an dieser Stelle hatte sich Terri Hemmings als unerwartet hilfsbereit erwiesen.
Etwa eine Stunde, nachdem sie sich von Billy Hemmings verabschiedet hatten, hatte dieser sie angerufen. Er hätte seiner Frau die Nachricht von Taylors Tod überbracht, hatte er gesagt, und sie wäre zutiefst schockiert darüber. Er hätte weiterhin erwähnt, dass die Polizei möglicherweise einen Blick in Jays Wohnung werfen wollte, und Terri hätte ihm gesagt, dass Jay die gleiche Reinigungsfirma beschäftigte wie die Hemmings auch. »Nur, dass Jay sie nur einmal im Monat kommen lässt, sagt Terri. Ich habe mir gedacht, wenn Sie seine Schlüssel benötigen - die Firma besitzt Schlüssel zu sämtlichen Wohnungen, in denen sie saubermacht.«
Ein Besuch im Büro der betreffenden Reinigungsfirma hatte denn auch tatsächlich nach einigen Diskussionen dazu geführt, dass sie den Schlüssel zu Jay Taylors Wohnung erhalten hatten.
Es war ziemlich offensichtlich, dass Jay in der Zeit zwischen den monatlichen Besuchen der Reinigungsfirma nicht viel geputzt hatte. Die Wohnung als unaufgeräumt zu bezeichnen war kaum eine adäquate Beschreibung dessen, was Carter und Jess vorfanden. Das winzige Badezimmer war ein Dschungel aus getrockneter Wäsche auf einer von einer Wand zur anderen gespannten Leine. Die Küchennische war übersät mit einem Sammelsurium durcheinandergewürfelter Kaffeebecher, alle benutzt, einige auf dem Trockenbrett, andere in wankenden Türmen auf dem Mikrowellenherd. Überall in der Wohnung standen oder lagen weitere Tassen, Teller, Schüsseln und Süßigkeiten- oder Fast-Food-Verpackungen herum. Wahrscheinlich hatte Jay immer erst etwas unternommen, wenn er überhaupt kein sauberes Geschirr mehr finden konnte, aber nicht vorher.
Zentraler Punkt der Wohnung war der Computer auf einem Schreibtisch und ringsherum Hinweise auf seine Arbeit. Sie fanden bestimmt zwanzig Notizbücher, alle vollgekritzelt mit Taylors nahezu unentzifferbarer Handschrift, durchsetzt von seitenweise Steno. Kisten voller Bandaufzeichnungen von Unterhaltungen mit seinen Autoren. Sammelalben voller Zeitschriftenartikel hauptsächlich über sattsam bekannte Namen aus der Welt des Sports oder der Unterhaltung.
Jess fand es ein wenig traurig, dass sich nahezu alles, was sie fanden, um andere Personen drehte. Berufliche Kontakte aus der Vergangenheit oder Zukunft. Der Rest war eigenartig steril und unpersönlich mit einer einzigen Ausnahme - ein kleines schwarzes, abgewetztes Album voller Familienphotos, die hauptsächlich eine nie lächelnde, nichtssagende Frau und einen kleinen, ebenfalls nicht lächelnden Jungen zeigten. Jay und seine Mutter? Es war die übliche Mischung aus Urlaubsbildern am Meer, Schulsportfesten und Bildern von Pfadfindertreffen. Jay - falls es Jay war - hatte es bis zum Wölfling gebracht, jedoch nicht bis zum Späher. Zu schade, dachte Jess. Vielleicht hätte es ihn aufgemuntert.
»Mit mehr Zeit und einer größeren Wohnung hätte er wahrscheinlich geendet wie Monty Bickerstaffe!«, stellte Carter fest.
Jess hatte auf dem durchgesessenen Sofa Platz genommen und blätterte die Notizbücher durch. Gelegentlich hielt sie inne und schrieb eine Anmerkung in ihr eigenes Notizbuch. »Das hier ist quasi seine Handbibliothek!«, verkündete sie plötzlich. »Es ist nicht so chaotisch, wie es im ersten Moment aussieht. Jedes Notizbuch bezieht sich ausschließlich auf eine Person. Ein Buch, eine Biographie. Die Alben sind eine andere Geschichte. Jay wusste nie, wann er einen Anruf bekam von jemandem, der einen Ghostwriter benötigte, sei es eine Berühmtheit aus dem Showgeschäft, ein Filmstar oder ein Sportler. Also sammelte er alles, was er an Artikeln über das Leben oder die Interessen berühmter Leute finden konnte. Es war sein Hintergrundmaterial. Er war besessen vom Leben anderer Leute - erfolgreicher Leute, heißt das, die im Licht der Öffentlichkeit standen. Die Ausschnitte in den Alben waren sein Rohmaterial. Selbst seine Besuche auf der Rennstrecke sind unter diesem neuen Aspekt zu betrachten. Er war nicht nur dort, um die Pferde zu beobachten und zu wetten. Er beobachtete die Besucher. Prominente.«
Carter blickte sich um. »Und wer hat ihn umgebracht? Einer seiner ›Kunden‹, falls das der richtige Ausdruck ist? Hat irgendjemandem die Version vielleicht nicht gefallen, die Taylor von seinem oder ihrem Leben aufgeschrieben hatte? Hat sich ein Buch nicht in der erwarteten Auflage verkauft? Hatte er mit irgendjemandem Streit? Hat er bei seinen Recherchen vielleicht etwas Peinliches über jemanden herausgefunden?« Er zögerte. »Sollten wir vielleicht nach Hinweisen suchen, dass er ein Erpresser war? Wir brauchen eine Genehmigung, um seine Bankkonten zu überprüfen. Hatte er einen Agenten? Wer sind seine nächsten Angehörigen?«
»Wenn Sie mich fragen ... es muss alles hier irgendwo sein«, sagte Jess langsam.
Doch es wurde relativ schnell offensichtlich, dass es sehr, sehr lange dauern würde, alles zu sichten. Sie packten einen Teil der Notizbücher in Plastiktüten und ließen den Rest in der verschlossenen Wohnung, um sich später darum zu kümmern.
»Das wird Sergeant Nugent beschäftigen«, sagte Carter, nachdem er die Tüten mit den Unterlagen in den Kofferraum seines Wagens geschlossen hatte. Dave Nugent war der Computerspezialist des lokalen Hauptquartiers.
»Nicht nur Dave Nugent, sondern auch mich«, murmelte Jess, die bereits endlose neue Ermittlungsansätze vor sich sah. Doch dann bemerkte sie etwas anderes. Sie wurden beobachtet. Das leichte Zucken eines Vorhangs in einem Erdgeschossfenster verriet den heimlichen Beobachter.
»Unten links«, murmelte sie an Carter gewandt.
Er blickte in die angegebene Richtung, doch der Vorhang bewegte sich nicht mehr. »Wir müssen ohnehin mit den Nachbarn reden.«
»Ich mache das«, sagte Jess.
Sie kehrte zum Haus zurück und läutete die Klingel der Wohnung des heimlichen Beobachters. Als Zugabe trat sie ein paar Schritte zurück und klopfte auch noch an der Fensterscheibe. Einen Moment wurde der Vorhang zur Seite gerissen, und ein Gesicht erschien.
Fast hätte Jess vor Überraschung aufgelacht - das Gesicht war das eines ältlichen und erzürnten Babys. Es war rund und rosig und gerahmt von Büscheln blonden Haares, und der kleine rote Mund war missbilligend geschürzt. Jess hielt ihren Dienstausweis hoch.
Das »Baby« runzelte noch wilder die Stirn und ließ den Vorhang fallen. Sekunden später rasselte es an der Tür, und die Gestalt mit dem Babygesicht erschien. Vor ihnen stand ein kleinwüchsiges, untersetztes Individuum in einer fuchsroten Strickjacke, weiten braunen Cordhosen und Hauspantoffeln.
»Was wollen Sie?«, giftete es.
»Wir waren in der Wohnung von Mr. Taylor, oben im Dachgeschoss«, begann Jess.
Sie wurde gleich unterbrochen.
»Das weiß ich! Sie hätten sich zuerst anmelden sollen! Ich wusste ja gar nicht, wer Sie sind! Einfach hier hereinzukommen und die Nase in alles zu stecken! Woher haben Sie überhaupt die Schlüssel? Sie hätten Diebe sein können! Ich habe die Augen offen gehalten und gesehen, dass Sie Sachen mitgenommen haben. Sie haben Tüten in den Kofferraum Ihres Wagens getan! Ich habe mir die Nummer aufgeschrieben. Ich wollte gerade die Polizei anrufen.«
»Wir sind von der Polizei«, erwiderte Jess geduldig.
»Das weiß ich jetzt auch. Vorhin wusste ich es aber noch nicht! Sie haben sich nicht vorgestellt. Sie hätten Bescheid sagen müssen. Ich bin der Hausbesitzer. Sie hätten zuerst bei mir läuten müssen. Ich muss wissen, ob einer meiner Mieter Besuch von der Polizei hat, erst recht, wenn er gerade nicht da ist. Hat er Probleme mit dem Gesetz? Ich dulde keinen Mieter, der bei der Polizei aktenkundig ist. Ich würde das niemals zulassen!«
»Mr. Taylor war nicht aktenkundig ...«, begann Jess.
Doch der Vermieter war noch nicht fertig mit seiner Tirade. »Sie haben in Mr. Taylors Wohnung herumgeschnüffelt! Wenn er ein gesetzestreuer Bürger ist, was hatten Sie dann dort oben zu suchen? Was würde er wohl dazu sagen, wenn er es wüsste? Er hat mir gegenüber mit keinem Wort erwähnt, dass Sie kommen würden.«
Du lieber Gott, dachte Jess. Er weiß nicht, dass Taylor tot ist. Taylor scheint häufig für ein paar Tage weg zu sein, und er macht sich nicht die Mühe, seinen Vermieter vorher zu informieren.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Sie sind Mister ...?«
»Hopkins!«, sagte der Mann.
»Vielleicht könnten wir uns für einen Moment mit Ihnen unterhalten, Mr. Hopkins? Das hier ist Superintendent Carter.«
Carter war während der Unterhaltung hinzugekommen und stand nun neben ihr.
Hopkins musterte Carter von oben bis unten, dann wanderte sein Blick zurück zu Jess. »Also schön«, gab er widerwillig nach. »Kommen Sie.«
Er drehte sich um und kehrte in seine Wohnung zurück. Sie folgten ihm.
Das Wohnzimmer von Hopkins war ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit. Es war vollgestellt und klaustrophobisch, und an den Wänden reihten sich Bücherregale voller Krimskrams. Ein Kanarienvogel in einem Käfig begann beim Eintreten der Fremden nervös von einer Stange zur anderen zu hüpfen.
»Ich decke Osbert zu«, sagte Hopkins. »Er mag keine Besucher.«
Wie sein Besitzer, dachte Jess, während sie zusah, wie Hopkins etwas über den Käfig warf, das aussah wie ein alter Vorhang.
»Nun denn«, sagte Hopkins, als er fertig war. »Worum geht es denn eigentlich? Wer hat Ihnen die Befugnis gegeben, etwas aus der Wohnung von Mr. Taylor zu entfernen? Wo ist Ihr Durchsuchungsbefehl? Ich möchte Ihren Durchsuchungsbefehl sehen!«
»Mr. Hopkins.« Carter meldete sich zum ersten Mal zu Wort. »Vielleicht sollten Sie sich zuerst setzen. Wir haben eine traurige Nachricht für Sie.«
»Was?« Hopkins funkelte ihn an. »Was für eine Nachricht?«
»Dieser Sessel sieht hübsch bequem aus«, schlug Jess vor und deutete auf einen Lehnsessel, der seinem abgewetzten Aussehen nach zu urteilen regelmäßig in Gebrauch war.
»Es ist ein bequemer Sessel, aber was hat das mit irgendetwas zu tun?«, begehrte Hopkins auf. Er setzte sich.
»Ich fürchte, ich muss Ihnen mitteilen, dass Mr. Taylor verstorben ist«, sagte Carter.
Das brachte Hopkins für eine Minute zum Verstummen - ansonsten reagierte er auf die Neuigkeit, wie er auf alles zu reagieren schien: mit Empörung.
»Verstorben? Was soll das heißen, verstorben? Mr. Taylor ist ein junger Mann, jedenfalls halbwegs jung. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist - war. Er war nicht krank. Jedenfalls nicht das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe!«
»Und wann war das? Wann genau haben Sie Mr. Taylor das letzte Mal gesehen oder gesprochen?«, wollte Carter wissen.
Hopkins packte mit seinen fetten kleinen Händen die Armlehnen seines Sessels, während er die Stirn in nachdenkliche Falten legte. »Vor drei Tagen, frühmorgens, würde ich sagen. Er kam und ging zu unregelmäßigen Zeiten. Hatte keinen ordentlichen Job, soweit ich das beurteilen kann. Als er eingezogen ist, hat er mir erzählt, dass er Bücher schreibt. Ich wollte von ihm wissen, was für Bücher. Autobiographien, sagte er. ›Aber man kann nur eine Autobiographie schreiben‹, sagte ich zu ihm. ›Nämlich seine eigene. Haben Sie Ihre Autobiographie geschrieben oder was? Was haben Sie so Bemerkenswertes getan, worüber es sich zu schreiben lohnt?‹, fragte ich ihn. ›Nein, nein‹, antwortete er. ›Nicht meine eigene Autobiographie. Die von anderen Leuten.‹ Ich sagte ihm, in diesem Fall wären es Biographien, die er schrieb, nicht Autobiographien. Man könnte nicht die Autobiographie von jemand anderem schreiben, weil jeder das selbst machen müsste. Er beharrte darauf, dass es Autobiographien wären, weil sie in der ersten Person geschrieben wären. Wir hatten eine Diskussion deswegen.« Der Vermieter sog die Luft ein. »Aber er hat seine Miete immer rechtzeitig gezahlt. Woran ist er denn gestorben?«
»Das untersuchen wir noch, Mr. Hopkins«, antwortete Jess.
Hopkins legte den Kopf auf die Seite, und ihr fiel auf, wie hell seine Augen waren. Es war, als wäre Osbert aus seinem Käfig entkommen, größer und größer geworden und als säße nun er dort und beobachtete sie.
»Hat er sich in seinem Auto zu Tode gefahren oder was?«, fragte der Vermieter.
»Nein, das nicht. Als Sie ihn das letzte Mal gesehen haben, vor drei Tagen - haben Sie sich da mit ihm unterhalten?«
»Nein. Unterhaltung kann man das nicht nennen. Er wünschte mir einen guten Morgen, und ich erwiderte seinen Gruß, das war alles. Ich habe mich nie mit ihm unterhalten. Ich weiß nicht, wohin er ging oder was er gemacht hat. Hätte ich gedacht, dass er etwas Zwielichtiges im Schilde führt, hätte ich ihn rausgeworfen. Ich hätte ihm gesagt, dass das nicht geht, dass ich das nicht dulde bei einem meiner Mieter.«
»Wie war er angezogen an jenem Morgen, als Sie ihn gesehen haben? Hat er das Haus betreten oder verlassen?«
»Verlassen. Es war gegen halb elf. Er war sehr schick gekleidet. Vornehm. Aber so lief er eigentlich immer rum, das muss man ihm lassen«, räumte Hopkins eher widerwillig ein. »Ich habe mir nichts dabei gedacht. Wie ich bereits sagte, er kam und ging zu unregelmäßigen Zeiten.«
»Wer wohnt sonst noch im Haus?«, fragte Jess. Vermutlich hatte Hopkins mit jedem seiner Mieter Streit, wegen aller möglichen Lappalien. Seine Mieter lernten rasch, keine Informationen herauszurücken und sich nicht auf eine Unterhaltung mit Hopkins einzulassen. Sie huschten rein und raus und gingen dem Vermieter nach Möglichkeit aus dem Weg. Unglücklicherweise bedeutete das, dass Taylor nicht gesagt hatte, wohin er wollte. Genauso wenig, wie sein schicker Anzug ungewöhnlich war. Doch wenn Tom Palmer recht hatte mit seiner Vermutung, dass irgendjemand Taylors letzte Mahlzeit manipuliert hatte, dann ergab die Annahme Sinn, dass er mit jemandem zum Essen verabredet gewesen war. Nur - wo?
Hopkins deutete zur Decke. »Miss Jeffrey wohnt im ersten Stock. Sie war immer der Meinung, dass er verwegen aussieht. Das waren ihre Worte. Verwegen. Sie wollte sich nicht mit ihm unterhalten, kein Wort - sie ist sehr religiös. Sie spricht mit niemandem, der nicht ein Mitglied ihrer Kirche ist. Sie spricht auch sonst kaum, schätze ich. Andererseits würde es mich überraschen, wenn irgendjemand von den anderen mit ihr redete.«
Hopkins stieß erneut den Finger in Richtung Decke. »Auf der zweiten Etage wohnen Mr. und Mrs. Simpson. Sie sind zurzeit in Neuseeland, wo sie Verwandte besuchen, seit einem Monat inzwischen. Taylor hatte die oberste Wohnung, den ehemaligen Speicher. Ich hab ihn ausbauen lassen. Ich lebe davon, die Wohnungen in diesem Haus zu vermieten. Räumen Sie die Wohnung von Taylor aus? Er hat bis zum Monatsende bezahlt, und danach muss ich sie weitervermieten. Ich kann es mir nicht leisten, sie leer stehen zu lassen. Das kostet mich bares Geld. Ich schätze, ich muss auch noch renovieren. Er hat wahrscheinlich alles herunterkommen lassen. Ich werde seine Kaution für die Renovierung verwenden. Ich verlange immer eine Kaution von meinen Mietern, zur Sicherheit. Sie glauben ja gar nicht, was die Leute so alles anstellen! Ich hatte schon Mieter, die haben Haken in die Küchenfliesen geschlagen, um Tassen daran aufzuhängen!« Ohne Pause wechselte er das Thema. »Er ist immer zu den Rennen gegangen, das weiß ich. Zu den Pferderennen.«
»Mr. Taylor ist oft zu Pferderennen gegangen?«
Hopkins nickte. »Es gibt eine Menge Rennen hier in Cheltenham. Die Leute kommen aus dem ganzen Land herbeigeströmt. Auch eine Menge Iren. Miss Jeffrey hat mir erzählt, dass Mr. Taylor wohl ein Spieler sein muss, und das ist eine Sünde. Aber das ist ja nicht anders zu erwarten. Dass sie so etwas sagt, meine ich.«
»Danke sehr, Mr. Hopkins«, sagte Carter. »Haben Sie einen Schlüssel zur oberen Wohnung?«
Hopkins bedachte ihn mit einem säuerlichen Blick. »Ich habe Schlüssel zu sämtlichen Wohnungen! Ich muss Schlüssel haben! Angenommen, es gibt einen Wasserrohrbruch, während einer der Mieter nicht zu Hause ist?«
»Ich fürchte, Sir, wir müssen Sie um den Schlüssel zur oberen Wohnung bitten«, sagte Carter entschieden.
»Es ist meine Wohnung! Mein Haus!« Hopkins war außer sich vor Empörung. Seine Baby-Gesichtszüge leuchteten purpurn. »Ich gebe den Schlüssel nicht her!«
»Ich fürchte, die Wohnung ist von diesem Moment an als versiegelt zu betrachten, Sir, für die Dauer unserer Ermittlungen«, fuhr Carter unbarmherzig fort. »Wir senden jemanden her, der ein Band über die Tür klebt und mit Miss Jeffrey spricht. Bis dahin darf niemand die Wohnung betreten. Kann ich also bitte den Schlüssel haben, Sir? Er wird Ihnen zurückgegeben, sobald wir fertig sind.«
Widerwillig murrend stemmte sich Hopkins aus seinem Sessel und ging zu einem Sideboard, um nach dem Schlüssel zu kramen. Er kehrte mit einem Schlüssel an einem Kofferanhänger zurück. »Dieser hier ist es.« Er hielt ihn hoch. »Und versiegelt für die Dauer Ihrer Ermittlungen oder nicht - die Miete ist nur bis zum Monatsende bezahlt. Bis dahin müssen Sie die Wohnung geräumt haben - und mit Ihren Ermittlungen fertig sein.«
»Was denken Sie?«, fragte Carter, als er und Jess gegangen waren. »War er zum Essen ausgegangen?«
»Ja, genau das dachte ich, als wir vorhin mit Hopkins geredet haben. Ich musste an das denken, was Tom Palmer über Taylors letzte Mahlzeit gesagt hat. Klappern wir die Restaurants ab?«
Carter überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Es gibt einfach zu viele in der Stadt und im näheren Umkreis. Wir würden sämtliches Personal dazu benötigen, und die Chance, dass wir etwas finden, ist mehr als gering. Falls Palmer recht hat mit seiner Vermutung, dass Taylors letzte Mahlzeit mit zerstampften Tabletten manipuliert wurde, dann glaube ich nicht, dass es in einem Restaurant passiert ist. Wie sollte der Mörder das anstellen? Nein, ich halte es für sehr viel wahrscheinlicher, dass er irgendwo privat zum Essen eingeladen war. Und das könnte überall gewesen sein.«
Jess seufzte. Es sah danach aus, als wären sie trotz allem nicht viel weitergekommen.
»Vielleicht hat ja Nugent mehr Glück mit Taylors Computer«, sagte sie.
Carter grunzte nur.
Das Entscheidende bei einem Geheimnis besteht nicht nur darin, mit niemandem darüber zu reden. Sondern man kann nie wissen, ob man es für sich alleine hat oder ob andere, Dritte, das gleiche Geheimnis in ihrer Brust mit sich herumtragen, die es möglicherweise auf einem völlig anderen Weg herausgefunden haben. Falls dem so ist, dann ist es überhaupt kein Geheimnis - das ist die bittere Ironie von allem. Kein Geheimnis, sondern etwas, das jeder weiß und keiner erwähnt. Ohne es zu wissen ist man Teil einer großen Verschwörung mit dem Ziel, eine ungenießbare Wahrheit zu verbergen.
Monty kam erst viel später im Leben dahinter - viel zu spät, als dass seine Erkenntnis ihm noch irgendwie von Nutzen hätte sein können. Und während all der Jahre eiterte das Geheimnis dessen, was er an jenem schicksalhaften Tag im Shooter's Wood gesehen hatte, wie all die Dinge, über die niemand redet, weiter in ihm wie eine unsichtbare Geschwulst. Die richtige Antwort wäre logischerweise gewesen, den Horror freizulassen, ihn schreiend und keifend und um sich tretend ans Licht zu zerren und auf die Konsequenzen zu pfeifen.
»Aber so ist das nun mal, nicht wahr, Hamlet?«, murmelte Monty in die Dunkelheit, rast- und ruhelos in dem bequemen Bett, das seine Nichte Bridget ihm gegeben hatte. Er warf sich hin und her und fragte sich verzweifelt, warum er hier nicht halb so gut schlief wie daheim auf der harten Chaiselongue im Wohnzimmer von Balaclava House.
Es war die Angst vor den Konsequenzen, die einen schweigen ließ. Die einen daran hinderte, zu enthüllen, was nach Enthüllung rief. Reden oder nicht reden. Sein oder Nichtsein. Wie dem auch sei, schloss Monty mit jener Weisheit, die einem nur mitten in der Nacht zuteil wird, man ist auf jeden Fall in den Arsch gekniffen. Tückische kleine Biester, diese Geheimnisse.
Er fragte sich, wieso Ereignisse, die mit seinem Familiensitz in Zusammenhang standen und eigentlich dort bleiben sollten, wenn er fortging, es fertig bringen konnten, ihm bis zu Bridget zu folgen. Er kniff die Augen zusammen, als würde das einen Unterschied machen, und stellte sich ihnen erneut.
Die Erkenntnis, dass er nicht der Einzige war, der wusste oder ahnte, was in Shooter's Wood geschah, dämmerte ihm ebenfalls viel zu spät. Jahrelang hatte er als Heranwachsender versucht, zu vergessen, was er gesehen hatte - vergeblich. Dinge, die nicht weggehen, kehren irgendwann wieder an die Oberfläche zurück. Früher oder später.
Es war Weihnachten, und Monty hatte die Festtage damit eingeleitet, dass er sich den Knöchel gebrochen hatte. Alle möglichen Leute wollten von ihm wissen, ob es beim Skifahren passiert wäre. Doch es war passiert, als er am Piccadilly Circus zu hastig aus einem Bus gesprungen war, noch bevor dieser richtig gestanden hatte. Er hatte sich auf das nasse Pflaster gelegt, umgeben von Leuten, die Weihnachtseinkäufe machten, und ein wütender Busfahrer hatte ihm von seiner Plattform aus zugerufen: »Geschieht Ihnen recht, Freundchen!«
Es war sein letztes Jahr in der Schule, und man hatte ihm eine Ausbildung als Zeichner für den nächsten Sommer angeboten, falls es ihm gelang, den drohenden Wehrdienst lange genug zu vermeiden. Er hatte noch keine Entscheidung getroffen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen wollte. Alles war erschwert worden durch eine Änderung im Zusammenleben der Familie. Eine Änderung, die eigentlich zum Besseren hätte führen sollen, doch letztendlich dafür sorgte, dass die schwärende Wunde, die ihr Gift so lange in seinen Kreislauf gestreut hatte, endlich platzte und sichtbar wurde.
Die gute Nachricht, die positive Änderung im Leben der Bickerstaffes, war ein multinationales Monster gewesen, das den Markennamen und das damit verbundene kränkelnde Familienunternehmen geschluckt hatte. Bickerstaffe's Cakes & Biscuits stellten im nationalen Bewusstsein immer noch etwas dar. Es war ein Markenname, der für Qualität stand. Die überlebenden Bickerstaffes einschließlich Monty stellten überrascht fest, dass sie, wenn sie vernünftig wirtschafteten mit dem Erlös, für den Rest ihres Lebens ein bescheidenes Einkommen sicher hatten.
Zum ersten Mal, seit Monty sich erinnern konnte, hatte seine Mutter einen Truthahn zum Weihnachtstag eingekauft. In früheren, magereren Jahren hatten sie regelmäßig mit einer billigen Schweinekeule Vorlieb nehmen müssen, freundlicherweise gestiftet von den Colleys.
Jetzt würden sie die Schweinekeule am Neujahrstag essen anstelle des üblichen zähen Geflügels von der gleichen Quelle. Als Weihnachtskuchen gab es regelmäßig einen Bickerstaffe's Boiled Fruit Cake, obwohl die Produktion in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen war. Die berühmte Delikatesse war wahrscheinlich das erste Produkt, das die Firma einstellen würde, nachdem die neuen Bosse das Sagen hatten.
»Es ist eine verdammte Schande, natürlich!«, sagte Montys Vater. »Nach so vielen Jahren ... nun ja.« Es gelang ihm nicht, so zu tun, als interessierte es ihn tatsächlich.
Monty war der Niedergang des Dosenkuchens völlig egal. Er hatte ihn noch nie gemocht. Also humpelte er mit eingegipstem Knöchel heim und in das kühle Zwielicht von Balaclava House. Die düstere Atmosphäre wurde einzig durch die alljährlich wiederkehrenden Bemühungen der Mutter in Bezug auf Weihnachtsdekoration ein wenig abgemildert. Was immer die gleichen zerfledderten Papierketten und den gleichen Kranz beinhaltete (der jedes Jahr ein paar Zweige und Beeren mehr verlor und inzwischen mehr an eine Grabbeigabe erinnerte). Monty ärgerte sich darüber, dass niemand daran dachte, diese traurigen Ausreden für das Fest der Freude zu ersetzen. Doch er konnte auch verstehen, dass seine Mutter zögerte, den neu gewonnenen Reichtum für Papierlampions und künstliche Gebilde aus namenlosem Grünzeug auszugeben. Das sparsame Wirtschaften war ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen. Nichtsdestotrotz brachte ihm der Anblick den ganzen Horror der familiären Weihnachtsfeiern zu Bewusstsein. Monty biss die Zähne zusammen und bereitete sich auf das zynische Vortäuschen von Heiterkeit vor - und auf die Fleischkuchen seiner Mutter, in denen kaum Fleisch zu finden war.
Es war ein verregneter Winter, der Husten, Schnupfen und Heiserkeit am laufenden Band mit sich brachte. Montys Vater war vor zehn Tagen krank geworden, eine Erkältung. Inzwischen hatte er einen hartnäckigen Husten entwickelt, gepaart mit Kurzatmigkeit und Keuchen. Er saß vor dem viel zu kleinen Kaminfeuer und hatte eine alte Reisedecke um die Schultern geschlungen. Es war die gleiche Decke, die der zwölfjährige Monty den Hügel hinaufgeschleppt hatte, mit Penny neben sich, die Anweisungen erteilte.
Als Montys Vater die Hand ausstreckte, um den Sohn zu begrüßen, da sah sie aus wie die Hand eines alten Mannes. Dünnhäutig, mit braunen Flecken übersät und von dicken Adern überzogen. Doch er war kein alter Mann. Er war erst neunundvierzig.
Trotz der Erkrankung hatte Montys Vater nicht aufgehört zu rauchen, wie ein Aschenbecher voll ausgedrückter Stummel verriet.
»Vielleicht solltest du damit für eine Weile aussetzen, Dad«, schlug Monty vor und deutete auf die Kippen. »Es würde deiner Lunge sicher helfen.«
»Es schadet nicht«, schnaufte sein Vater. »Bis Weihnachten bin ich wieder auf den Beinen«, fügte er hinzu, als er sah, dass Monty sich ernsthaft sorgte. Es sah nämlich überhaupt nicht so aus.
Was Montys gebrochenen Knöchel anging, so war die Reaktion seiner Eltern mehr oder weniger die gleiche wie die des Busfahrers.
»Pech gehabt, alter Junge«, schnaufte sein Vater. »Ziemlich dumm, aus dem fahrenden Bus zu springen, meinst du nicht?«
»Also wirklich, Monty!«, schimpfte seine Mutter. »Warum um alles in der Welt musstest du dir ausgerechnet jetzt den Fuß brechen?«
Die Bickerstaffes gehörten nicht zu den Leuten, die vorschnell den Rat eines Arztes suchten. Monty humpelte mithilfe einer Krücke unter Schmerzen Toby's Gutter Lane hinunter und fragte den betagten, nichtsdestotrotz noch sehr aktiven Jed Colley, ob zufällig jemand aus seinem Clan in die Stadt fuhr und ob er oder sie vielleicht eine Flasche Whisky mitbringen könnte. Jed hatte ohne Zögern eine Flasche aus seinem eigenen Vorrat gezückt und Monty in die Hände gedrückt.
Monty hatte versucht, den Schnaps zu bezahlen, doch Jed wollte nichts davon hören.
»Frohe Weihnachten, auch deinem Dad und deiner Mum«, sagte er.
Also war Monty mit der Flasche in der Jackentasche zurück nach Balaclava House gehumpelt, und seine Mutter hatte sich darangemacht, heißen Grog zuzubereiten.
»Das wird mir guttun«, hatte sein Vater geschnauft.
Zwei Tage vor Weihnachten verkroch er sich in sein Bett, was noch nie da gewesen war, und endlich wurde der Doktor gerufen.
Er sagte, es wäre die Grippe, erschwert durch eine Brustkorbinfektion, und er wollte Edward Bickerstaffe unverzüglich in ein Krankenhaus einweisen.
Edward und seine Frau reagierten mit Entsetzen und weigerten sich. Nun, gab der Arzt zögernd nach, die Krankenhäuser wären ohnehin derzeit überfüllt mit Grippekranken. Edward könne zu Hause bleiben, vorausgesetzt, er schlief in einem eigenen Zimmer mit einem Feuer im Kamin und bekäme die nötige Ruhe. Und sie müssten den Arzt unverzüglich rufen, sollte sich der Zustand von Montys Vater verschlimmern.
»Vergessen Sie nicht das Feuer!«, wiederholte der Doktor eindringlich, als er ging. Die Temperaturen in den Schlafzimmern von Balaclava House waren des Winters immer eisig.
»Das bedeutet, dass du dich von deinem Vater fernhalten wirst, Monty«, befahl seine Mutter, als das verlangte Feuer im Kamin angezündet war und zunächst eine Lawine aus Ruß und Teilen von einem Vogelnest niederging. Der Kranke musste anfangs noch mehr husten. Als der Raum wärmer wurde, konnte man förmlich spüren, wie die Feuchtigkeit durch die Wände hindurch verdunstete.
»Ich möchte nicht, dass du dich ansteckst. Es ist schlimm genug, dass du dir den Fuß gebrochen hast!« Sie war damit beschäftigt, die Reste des Familiensilbers zu polieren, das für die weihnachtliche Tafel hervorgeholt wurde. Der Lappen, der mit irgendeiner Flüssigkeit getränkt war, hatte ihre Finger schwarz gefärbt.
Monty schleppte sich mühsam nach oben und durch den Korridor, bis er vor der Tür vom Zimmer seines Vaters stand.
»Wie geht es dir, Dad?«, rief er.
»Hundserbärmlich!«, krächzte der Kranke. »Geh weg!«
Also ging Monty weg.
Spät am Heiligen Abend schrak er aus dem Schlaf, als sein Vater einen scheußlichen Hustenanfall erlitt. Dann hörte er seine Mutter über den Korridor eilen. Er stieg aus dem Bett und schlich zur Zimmertür, öffnete sie einen Spaltbreit und spähte nach draußen. Seine Mutter kam vom Krankenzimmer zurück, gehüllt in ihren alten Morgenmantel. Sie bemerkte Monty nicht und ging die Treppe hinunter.
Monty setzte sich über die Anordnung seiner Eltern hinweg und ging selbst zum Krankenzimmer. Auf dem Nachttisch brannte eine kleine Lampe mit einem staubigen, verblichenen Schirm aus rosafarbener Seide. Monty sah die Lampe deutlich vor seinem geistigen Auge, mit dem Porzellanfuß in Form eines Mädchens im Stil der 1920er Jahre, zwei angeleinte Windhunde an der einen Hand. Die glühenden Kohlen im Kamin, angezündet in der vergeblichen Hoffnung, die Genesung des Kranken zu beschleunigen, trugen ihren Teil zur düsteren Beleuchtung bei. Montys Vater saß aufrecht im Bett, gestützt von feuchten Kissen, und Schweiß rann ihm über das Gesicht. Er atmete mühsam in tiefen Zügen, nur um die Luft hustend und spuckend wieder auszustoßen.
»Ich fühle mich ein wenig absonderlich, alter Junge«, stieß er hervor.
Monty erschrak zutiefst. »Ich gehe nach unten und rufe den Arzt an, damit er sofort kommt ... oder gleich einen Krankenwagen. Ja, ein Krankenwagen ist wahrscheinlich noch besser.«
»Nicht nötig«, keuchte Montys Vater. »Deine Mutter ist schon nach unten gegangen, um den Arzt zu rufen. Er ist sicher bald hier. Du gehst zurück in dein Zimmer, damit du dich nicht mit dieser verdammten Grippe ansteckst!« Er streckte die Hand aus und gestikulierte kraftlos. »Geh jetzt ...«, stieß er aus, bevor ihn ein weiterer Hustenanfall übermannte.
Also humpelte Monty zu seiner immerwährenden Schande zurück in sein Zimmer.
Der Doktor erschien erst am Weihnachtsmorgen um neun Uhr. Zu diesem Zeitpunkt war Edward Bickerstaffe tot.
»Warum zum Teufel sind Sie nicht sofort gekommen?«, schrie Monty den Mann in verzweifelter Wut an. Er hatte den Arzt auf der Treppe unter dem Bleiglasfenster mit dem Isebel-Motiv abgefangen. »Ich weiß, dass wir Weihnachten haben, verdammt, aber mein Vater war Ihr Patient! Sie wussten, dass er krank war! Sie hätten sofort kommen sollen, als meine Mutter Sie angerufen hat!«
»Ich bin doch sofort gekommen!«, schnappte der Arzt zurück. »Ihr Vater hätte ins Krankenhaus gehört! Ich weiß sehr wohl, wie ernst seine Erkrankung war! Er war seit Jahren krank, ein körperliches Wrack! Ich habe versucht, ihn zu einem Herzspezialisten zu schicken. Ich habe ihm das Rauchen verboten. Er hat nicht auf mich gehört. Er war nicht mehr stark genug, um gegen die Grippe anzukämpfen. Sein Körper hatte keine Abwehrkräfte mehr. Als Ihre Mutter anrief, war mir klar, was das bedeutet. Ich habe meine Tasche gepackt und bin sofort losgefahren, noch vor dem Frühstück!«
»Aber sie hat ...«, begann Monty.
Dann verstummte er. Natürlich. Sie hatte nicht. Sie hatte nicht mitten in der Nacht angerufen. Sie war nach unten gegangen - ohne zu telefonieren. Wäre er, Monty, nicht schwach und widerspruchslos in sein Bett zurückgekehrt, sondern selbst nach unten in den Flur gestiegen, so mühselig es auch gewesen wäre, hätte er dafür gesorgt, dass sie angerufen hätte. Aber so ... sie hatte gewartet, bis sie gewusst hatte, dass es zu spät war.
Mit einem Gefühl von Übelkeit wurde ihm bewusst, warum sie so gehandelt hatte. Sie hatte von der Affäre seines Vaters mit Pennys Mutter gewusst. Sie hatte es die ganze Zeit gewusst, all die Jahre. Wie konnte er, Monty, so naiv gewesen sein zu glauben, dass sie, die betrogene Ehefrau, nicht die Wahrheit herausgefunden hatte - sie nicht irgendwie instinktiv gewusst hatte? Dass sie nicht all die kleinen verräterischen Zeichen entziffert hatte wie ein Archäologe die Inschriften auf antiken Ruinen? All die Jahre, die sie arm gewesen waren, hatte die Affäre ihre eigene Stellung nicht bedroht. Weder sie noch Montys Vater hatten eine andere Wahl gehabt als zusammen weiterzuleben, Ehemann und Ehefrau, in diesem kalten, freudlosen Haus. Doch jetzt, da sich ihre finanzielle Lage geändert hatte, hatte Montys Vater möglicherweise angefangen, über eine Scheidung nachzudenken. Davon zu träumen, mit der Frau, die er liebte, noch einmal neu anzufangen. Doch Montys Mutter hatte nichts außer Balaclava House und ihrer Stellung als seine Frau, als Mrs. Bickerstaffe. Sie hatte jahrelang geschuftet und gerackert, ohne ordentliche Hausangestellte und ohne angemessenes Budget, und jetzt sollte die Belohnung darin bestehen, einfach weggeschoben zu werden? Nein. Sie war nicht die Sorte Frau, die so etwas mit sich machen ließ.
Also entschuldigte sich Monty bei dem Arzt. »Ja, natürlich. Selbstverständlich sind Sie sofort gekommen, und es ist außerdem Weihnachten. Es tut mir leid, dass ich die Nerven verloren und Sie so angegriffen habe. Ich bin ganz durcheinander. Meine Mutter und ich wissen sehr wohl zu schätzen, was Sie getan haben.«
»Natürlich sind Sie durcheinander und schockiert, alter Freund«, sagte der Arzt, indem er Monty die Schulter tätschelte. »Es tut mir sehr leid, dass es so zu Ende gegangen ist.«
Zu Ende? Nein, es war nicht zu Ende. Wie konnte es auch? Das Leben musste weitergehen. Montys Leben, das Leben seiner Mutter, ihr gemeinsames Leben als Mutter und Sohn - wie konnten sie so weiterleben, nach dem, was sie getan hatte? Was sollte er jetzt machen? Würde es denn niemals ein Ende geben?