Dreiundzwanzig

 

Ich wachte ziemlich bald wieder auf, und zwar davon, daß Friedrich mich über die Kloschüssel hielt und ohrfeigte.

Ich kotzte, er schlug, ich kotzte, er schlug.

»Das würde dir so passen, du feiges Luder!« schrie er außer sich. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht. »Deine Kinder im Stich zu lassen wegen irgend so einem Scheißtypen!«

Peng! Wieder knallte er mir eine. Ich gurgelte hilflos.

Endlich hatte mein Magen alles von sich gegeben, und ich sackte kraftlos am Boden zusammen.

Friedrich lief aus dem Bad. Draußen hörte ich Jonas und Lucy weinen. Beruhigend sprach Friedrich auf sie ein.

»Stirbt die Mami?« fragte Jonas schluchzend. Mir drehte sich gleich noch mal der Magen um. Was hatte ich bloß angerichtet, ich blöde Kuh! Ein Wagen bremste quietschend vor dem Haus, es klingelte, Sekunden später polterten Schritte die Treppe hoch. Die Badezimmertür flog auf, jemand kniete sich neben mich auf den Boden, fühlte meinen Puls und hob eines meiner Augenlider an.

»Was hat sie geschluckt?« hörte ich eine Männerstimme.

»Valium«, sagte Friedrich. »Aber ich glaube, sie hat alles wieder erbrochen.«

»Wir müssen sie trotzdem mitnehmen«, sagte die Stimme.

Oh nein, nicht ins Krankenhaus, dachte ich. Ich machte einen Versuch, mich zu wehren, aber ich war zu schwach.

Ich fühlte, wie mein Körper auf eine Trage gebettet, die Treppe hinuntergetragen und im Krankenwagen verstaut wurde. Auf der Fahrt kämpfte ich gegen die Übelkeit.

In der Klinik wurde mir der Magen ausgepumpt. Hätte ich geahnt, wie ekelhaft das ist, hätte ich sicher ein paar Pillen weniger genommen. Oder mich einfach nur zugesoffen. Danach wurden noch ein paar Untersuchungen vorgenommen, die ich stumm über mich ergehen ließ.

Ich hielt die Augen fest geschlossen, wollte niemanden sehen, niemandem ins Gesicht sehen müssen.

Endlich wurde ich in ein Zimmer gebracht und in Frieden gelassen. Die nächsten Stunden dämmerte ich vor mich hin.

Immer wenn ich wach wurde, versuchte ich, ganz schnell wieder einzuschlafen. Nur in diesem halbbetäubten Zustand glaubte ich, meinen Kummer ertragen zu können.

Irgendwann hörte ich, wie sich leise die Tür öffnete. Ich stellte mich schlafend.

»Anna?«

Es war Friedrich. Er setzte sich aufs Bett und nahm meine Hand.

»Warum hast du das getan, Anna?« sagte er mehr zu sich als zu mir. »Wir haben doch eine Chance. Warum willst du alles wegwerfen?«

Wimmernd drehte ich mich um und entzog ihm meine Hand.

»Laß mich«, bat ich ihn.

Er blieb noch eine Weile schweigend sitzen, dann strich er mir übers Haar und stand auf.

»Ich komme, wenn du mich brauchst«, flüsterte er.

Bis zum nächsten Tag verharrte ich in meinem Dämmerzustand. Irgendwann konnte ich bei aller Anstrengung nicht mehr schlafen.

Ich lag da und starrte vor mich hin.

Der Raum sah nicht aus wie ein Krankenhauszimmer.

Ein paar bunte Bilder hingen an der Wand, und mein Blick fiel auf fröhlich gemusterte Vorhänge. Die sollten wohl den gescheiterten Selbstmördern die Lust am Leben zurückgeben.

Hatte ich überhaupt sterben wollen? Wenn ich ehrlich war, nein. Ich war nur so unendlich erschöpft gewesen, als ich erkannt hatte, daß mein vermeintlich neues Leben bloß eine schlechte Kopie des alten war. Daß ich mich nur im Kreis gedreht hatte und an genau derselben Stelle wieder angekommen war, wo meine Flucht begonnen hatte.

Eigentlich hatte ich nur eine Weile nichts mehr fühlen wollen. Aber dafür waren fünfzehn Valium vielleicht ein bißchen übertrieben gewesen.

Ein freundlicher Krankenhauspsychologe wollte herausfinden, was die Hintergründe meiner Tat waren. Ich beruhigte ihn nach Kräften. Das Ganze sei ein Unfall gewesen, sagte ich, und ich hätte nicht die Absicht, mich von dieser Welt zu entfernen. Gleich danach teilte ich dem Arzt mit, ich würde nun gerne das Krankenhaus verlassen, und nach Rücksprache mit dem Psychologen stimmte er zu.

Friedrich holte mich ab. Schweigend fuhren wir nach Hause. Er fragte nichts, machte mir aber auch keine Vorwürfe. Hie und da warf er mir einen scheuen Seitenblick zu.

Ich war ziemlich klapprig und legte mich sofort wieder hin. Friedrich versorgte mich mit Essen und Trinken, ich rührte kaum etwas an, war aber dankbar für seine Zuwendung.

Lucy und Jonas schlichen auf Zehenspitzen an mein Bett. Sie sahen mich prüfend an, als wollten sie sich vergewissern, daß ich wirklich lebte.

»Wirst du bald wieder gesund?« wollte Jonas wissen.

Ich nickte.

»Was hast du denn?« fragte er weiter.

»Liebeskummer«, meinte Lucy, »stimmt’s, Mami?«

Ich versuchte ein Lächeln. »Lebenskummer paßt besser.«

Am nächsten Tag legte Friedrich mir kommentarlos einen Brief hin. Es war Rilkes Schrift.

Mit zitternden Fingern öffnete ich den Umschlag und entnahm ihm ein handbeschriebenes Blatt. Es war – was sonst – ein Gedicht.

Vergeblich war es dich zu suchen weil ich dich niemals wirklich fand.

Als ich versuchte dich zu sehen hab ich dich nicht einmal erkannt.

Als ich versuchte mich zu nähern hab ich mich immer mehr entfernt.

Als ich versuchte dich zu spüren zerfloß dein Bild in meiner Hand Darunter stand: »Verzeih mir. Danke für alles. Viel Glück, Dein Felix.«

Ich weinte nicht. Ich hielt das Papier ganz fest und wunderte mich, warum Rilke das aufgeschrieben hatte, was ich fühlte. Mit dem Brief in der Hand schlief ich ein.

Ich erwachte von lauten Stimmen im Haus und lauschte, um zu verstehen, was los war. Bevor ich die Stimmen unterscheiden konnte, öffnete sich die Tür und Queen Mum stand im Zimmer.

»Anna, was ist das für eine Geschichte? Ich komme extra von meinem Yoga-Wochenende zurück, weil Friedrich mir sagt, du hättest einen Suizidversuch unternommen, und nun höre ich, es ist alles in Ordnung?!«

»Tut mir leid, Mummy, nächstes Mal sorge ich dafür, daß du nicht umsonst kommst.«

Sie war näher gekommen und setzte sich auf die freie Betthälfte.

»Wolltest du wirklich … ich meine, wolltest du dich ernsthaft umbringen? Ich versteh dich einfach nicht, du hast doch alles! Wie konntest du nur auf eine so furchtbare Idee kommen!«

Sie sah so gesund und glücklich aus. Seit sie mit Martin zusammen war, schien sie immer jünger zu werden und strahlte noch mehr Kraft und Vitalität aus als vorher.

Wie sollte ich ihr klarmachen, was mit mir los war? Wie traurig ich war. Wie sehr ich mich schämte. Daß ich nicht wußte, wie es weitergehen sollte mit Friedrich, den Kindern, meinem ganzen Leben.

»Oder ist es etwa wegen dieses Jungen?« fragte Queen Mum ungläubig.

Ich machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich will nicht darüber sprechen, Mummy.«

»Du willst nie über irgendwas sprechen!« sagte sie heftig. »Lieber bringst du dich um, was? Man kann nicht vor sich selbst davonlaufen, Anna! Ich bin wirklich enttäuscht von dir.«

Das war mir ja nun völlig schnurz, außerdem war es wahrhaftig nichts Neues.

»Im übrigen hast du mir einen schlimmen Schrecken eingejagt«, fuhr sie mit leiserer Stimme fort und wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Aber es hat dich ja noch nie gekümmert, was du bei anderen anrichtest.«

Dann stand sie auf. An der Tür drehte sie sich noch mal um. »Es tut mir leid, daß es dir so schlecht geht, Anna.

Aber bitte finde heraus, welchen Anteil du selbst daran hast. Wenn ich irgend etwas für dich tun kann, laß es mich wissen.«

Damit schloß sie leise die Schlafzimmertür.

Es ist eine Woche vor meinem achtzehnten Geburtstag, und ich bin bei der ersten Beerdigung meines Lebens.

Umringt von Mitschülern stehe ich vor einem frisch ausgehobenen Grab und versuche mir vorzustellen, wie jemand aussieht, der einen tödlichen Motorradunfall hatte.

Julian, der Junge der mich entjungfert hat, ist vor ein paar Tagen achtzehn geworden. Das erste, was er gemacht hat, war die Führerscheinprüfung. Das zweite der Unfall. Er ist mit seiner Maschine unter einen Lastwagen gekommen.

Wir sind schon lange nicht mehr zusammen, und ich habe in der Zwischenzeit mindestens mit acht anderen Jungen geschlafen. Sex erscheint mir als unkompliziertes Vergnügen, es kostet nichts, ist leicht zu bekommen und dank der Pille ein Genuß ohne Reue.

Obwohl Julian und ich uns selten gesehen haben, habe ich das Gefühl einer besonderen Verbindung, eines Geheimnisses zwischen uns gehabt. Und nun ist er tot.

Sein Leben als Erwachsener hat kaum begonnen, da ist es schon beendet.

Neben mir schluchzt das Mädchen, mit dem er zuletzt gegangen ist. Uns gegenüber, auf der anderen Seite des Grabes, stützt sich eine verzweifelt weinende Frau auf einen Mann, dessen Gesicht völlig erstarrt ist. An seinen anderen Arm klammert sich ein ungefähr fünfzehnjähriges Mädchen. Der Mann wankt, fast stürzt er unter dem Ansturm des Leids.

Die Situation hat etwas Unwirkliches, es kommt mir vor, als handele es sich um einen Irrtum, einen bedauerlichen Regiefehler. Jeden Moment erwarte ich eine Stimme, die sagt: » Stop, Blödsinn, steh auf, Julian, du bist nicht tot. Doch nicht mit achtzehn, wem fällt denn so etwas ein! «

Aber die Stimme kommt nicht.

Wir schaufeln ein bißchen Erde auf Julians Sarg, und ich wundere mich, wie hohl es beim Aufprall klingt. Meine Mitschüler sehen blaß und erschrocken aus. Man sieht ihnen an, daß sie dankbar sind, daß es sie nicht getroffen hat.

Eine Woche später feiern wir meinen Geburtstag.

Von den dreißig Gästen sind elf mit dem Motorrad gekommen. Und ich bewerbe mich in aller Form bei Panne um die Aufnahme in den Rocker-Club. Der Tod geht uns nichts an. Der Tod ist etwas für die anderen.

Die großen Ferien waren da. Kein Kindergarten, keine Schule, die Kinder hingen den ganzen Tag zu Hause herum und stritten. Es herrschte eine lähmende Hitze, die einem fast das Gehirn rausbrannte.

Friedrich hatte Urlaub genommen, weil ich wie ein Schatten meiner selbst durch die Gegend schlich und nicht in der Lage war, den Haushalt zu führen und die Kinder zu versorgen.

»Willst du nicht doch mal zum Arzt?« fragte er immer wieder, aber ich winkte ab. Es war mir egal, wie es mir ging. Es war mir auch egal, wie es den anderen ging. Mir war alles egal.

Zwischen Friedrich und mir hatte sich eine neue Rollenverteilung herausgebildet. Anders als früher war er plötzlich sehr fürsorglich und kümmerte sich rührend um mich. Er machte mir keine Vorwürfe mehr, und seine Wut war einer stillen Traurigkeit gewichen.

Ich dagegen war launisch und reizbar, manchmal verfiel ich in depressive Stimmungen oder zog mich unvermittelt ganz zurück. Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich aufgehört, mich verantwortlich zu fühlen. Ich überließ Friedrich die Organisation des Alltags, die Kämpfe mit den Kindern, das Schwätzchen mit den Nachbarn. Ich kümmerte mich um nichts, tat nichts und wollte nichts.

Eines Tages klingelte es an der Tür. Friedrich war nicht da, ich dachte nicht daran, zu öffnen. Bevor ich ihn daran hindern konnte, rannte Jonas zur Tür.

»Da ist eine Frau, die will zu dir«, meldete er.

»Schick sie weg«, befahl ich.

Er kam wieder.

»Die will nicht gehen.«

Seufzend erhob ich mich vom Sofa und schlurfte zur Tür.

Es war Frau Wüster. Sie hielt einen Blumenstrauß in der Hand und sah mich verschüchtert an.

»Ich wollte nicht stören, am besten ich gehe doch wieder.«

»Schon gut, kommen Sie rein«, sagte ich und versuchte zu lächeln. Ich nahm ihr die Blumen ab und stellte sie in eine Vase.

Mein Blick fiel in den Garderobenspiegel. Ich sah zum Fürchten aus. Ich hatte seit Tagen meine Haare nicht gekämmt, war blaß und aufgequollen.

Ich bat Frau Wüster, sich einen Moment zu gedulden, und ging ins Bad. Dort machte ich mir eine Art Frisur, legte Rouge und Lippenstift auf und besprühte mich mit Parfüm. Ich holte tief Luft und ging aufrecht die Treppe herunter.

»Mir geht’s zur Zeit nicht so gut«, entschuldigte ich mich, »aber ich freue mich, Sie zu sehen.«

Das war nicht mal gelogen, ich freute mich wirklich, daß es jemanden gab, der sich an mich erinnerte. Und Frau Wüster mit ihrer direkten Art und der frechen Stachelfrisur war mir von Anfang an sympathisch gewesen.

»Was fehlt Ihnen denn?« fragte sie und musterte mich, ob irgendwelche Krankheitssymptome zu erkennen waren.

»Ach, nur ein bißchen Weltschmerz«, sagte ich wegwerfend. Es klang, als hätte ich meine Tage und nicht die Nachwehen einer Überdosis Valium.

»Das mit der Sendung läßt mich einfach nicht los«, sagte Frau Wüster. »Es hat mir wirklich leid getan, daß Sie so wütend waren, wir haben es doch nur gut gemeint.«

»Schon o.k.«, winkte ich großmütig ab, »längst vergessen.«

»Ich wollte sie fragen, ob Sie nicht vielleicht doch Lust hätten? Der Radio-Talk soll jetzt täglich laufen, wir brauchten noch jemanden fürs Moderatorenteam.«

Ohne nachzudenken schüttelte ich den Kopf. Die Vorstellung, daß ich in meinem Leben noch mal was anderes tun sollte, als auf dem Sofa zu liegen und alles schrecklich zu finden, überforderte mich völlig.

Jetzt ging plötzlich eine merkwürdige Veränderung mit Frau Wüster vor sich. Die sonst so sanfte Frau setzte sich aufrecht hin, sah mich streng an und schimpfte:

»Mensch, Bella, verdammt noch mal! Tausende von Leuten wünschen sich diesen Job, und Ihnen tragen wir ihn auf dem Silbertablett nach! Das ist Ihre letzte Chance, und wenn Sie jetzt nicht zugreifen, können Sie mich mal gern haben.«

Sie machte Anstalten aufzustehen.

»Halt, warten Sie doch!« Ich hielt sie am Arm fest.

Sie hatte ja recht. Ich war eine dumme Gans. Nur weil ich mich fürchtete, wollte ich nicht mehr moderieren.

Was hatte ich mir mal vorgenommen? Ich wollte all das tun, wovor ich Angst hatte. Eine Menge davon hatte ich schon getan. Warum nicht auch das?

»Wie oft wäre ich denn dran?« fragte ich.

»Einmal in der Woche. Das schaffen Sie spielend.«

»Ich brauche ein bißchen Zeit, um mich zu erholen«, bat ich, »aber dann versuche ich es. Sagen wir in drei Wochen?«

»In drei Wochen«, sagte Frau Wüster und schien sich richtig zu freuen.

Eifrig erkundigte sie sich, ob ich Themenvorschläge hätte und welche Gäste ich mir vorstellen könnte. Ich wollte gerade antworten, da kam Lucy ins Zimmer, griff sich grußlos eine Handvoll Kekse vom Tisch und wollte wieder verschwinden.

»Könntest du bitte Guten Tag sagen«, forderte ich sie auf.

»Guten Tag«, äffte sie mich nach.

Ich sah sie an und traute meinen Augen nicht.

In ihrer Oberlippe, leicht rechts von der Mitte, hing ein kleiner, silberner Ring. Die Haut um die Stelle, wo das Metall sich durch das Fleisch bohrte, war rot und angeschwollen.

Sie hatte sich tatsächlich piercen lassen. Sie wußte genau, wie ich das haßte. Natürlich war sie genau jetzt ins Zimmer gekommen, damit ich es sehen sollte.

Ich tat ihr nicht den Gefallen, vor meinem Gast auszuflippen, sondern plauderte locker noch ein bißchen mit Frau Wüster.

»Vielleicht sollten wir »Mütter und Töchter« als erstes Thema nehmen«, sagte ich zum Abschied.

Ich hatte es scherzhaft gemeint, aber Frau Wüster fand, das sei eine tolle Idee.

»Ich melde mich«, versprach sie und stieg in ihr kleines rotes Auto.

Aufreizend stolzierte Lucy vor mir auf und ab. Ich sah ihr an, wie sie auf meine Reaktion brannte.

»Jetzt soll ich dir wahrscheinlich erzählen, wie beschissen ich Piercing finde«, sagte ich ruhig.

»Du sollst mir gar nichts erzählen. Oder ich erzähle dir mal, was ich alles beschissen an dir finde.«

Lucy war Aggression pur. Sie strafte mich für meine Abwesenheit und für die Sache mit dem Valium, obwohl ich ihr längst erklärt hatte, daß ich keineswegs die Absicht gehabt hätte, mich umzubringen.

Am meisten aber strafte sie mich für meine Affäre mit Rilke, die sie als Eindringen auf ihr Territorium wertete.

Dreiundzwanzigjährige waren ihre Welt, was hatte ihre Mutter dort zu suchen?

Ich erinnerte mich an einen Moment, als wir uns einmal zufällig im »Rio«, ihrem Stammcafe, getroffen hatten.

Ihre Augen waren vor Entsetzen geweitet, als sie mich und Rilke gesehen hatte. Sie war aufgestanden und rausgelaufen, so sehr hatte sie sich vor ihren Freunden für mich geschämt.

Seit ich aus dem Krankenhaus zurück war, ließ sie mich für alles büßen. Ich fühlte mich zu geschwächt, um den Kampf mit ihr aufzunehmen, und meine Zurückhaltung provozierte sie nur noch mehr.

»Warum mußte das jetzt auch noch sein, daß sie sich einen Ring durch die Lippe treiben läßt wie ein Stück Vieh?« fragte ich Friedrich verzweifelt.

Er sah mich nachdenklich an. »Vielleicht hatte sie das Bedürfnis, wenigstens einmal selbst zu entscheiden, wer ihr weh tut.«