Zwei
Großkampftag im Supermarkt. Alle Vorort-Muttis waren unterwegs, um sich für Weihnachten einzudecken. Ich holte tief Luft und startete.
Nudeln, Knäckebrot, Cornflakes, Knödel halb und halb, Rotkraut – das lief ja wie geschmiert. Verdammt, keine konservierten Eßkastanien mehr für die Gänsebratenfüllung! Ich war zu spät dran, wie jedes Jahr.
Beim Schälen der frischen Kastanien würde ich mir wieder die Fingernägel ruinieren.
Kaffee, Honig, Marmelade, Erdnußbutter. Lange frühstücken war das Schönste an Feiertagen.
Den ersten Stau gab es bei den Milchprodukten; die Frischmilch war ausgegangen und aufgebrachte Kundinnen standen herum und warteten auf Nachschub.
Dann eben H-Milch, war mir egal. Joghurt, Sahne, Schokopudding, Butter.
Bei Wurst und Käse die Mega-Schlange. Ich versuchte, das Ende zu finden.
»Stellen Sie sich gefälligst hinten an!« keifte eine Kundin und preßte hektisch ihren Einkaufswagen in die kleine Lücke vor mir. Ich schluckte. Sie hatte sich eindeutig vorgedrängt, aber ich scheute Auseinandersetzungen vor Publikum.
Vor mir entdeckte ich ein paar bekannte Gesichter und grüßte mit einem Lächeln oder ein paar freundlichen Worten. Man kannte sich, schließlich lief man sich mindestens einmal pro Woche über den Weg.
Als mein Wagen vollgepackt war, steuerte ich die Kasse an. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Von den fünf Kassen waren nur drei besetzt, die Schlangen reichten durch den halben Laden.
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging nach vorne.
»Könnten Sie bitte eine zusätzliche Kasse öffnen?« bat ich eine der Kassiererinnen.
Sie warf mir einen genervten Blick zu und sprach in ein Mikrofon, das vor ihr installiert war.
»Bitte Kasse vier besetzen, Kasse vier, bitte!«
Erleichtert kehrte ich zu meinem Einkaufswagen zurück, da drängten sich blitzschnell zehn Leute vor und stellten sich bei Kasse vier an. Jetzt waren alle drei Schlangen ein klein wenig kürzer, aber ich stand immer noch ganz hinten. »Also, das ist doch …«, begann ich entrüstet. Ein paar Kunden drehten sich zu mir um, der Satz blieb mir im Hals stecken, ich lief rot an und schwieg. Immer wieder passierte mir das, und jedesmal ärgerte ich mich über mich selbst. Ich hatte einfach nicht den Mumm, laut und deutlich meine Meinung zu sagen. Statt dessen schluckte ich den Ärger runter und hatte hinterher Magenschmerzen.
Verärgert schob ich meinen Wagen Zentimeter für Zentimeter nach vorne. Kurz bevor ich dran war, knallte mir von hinten ein Einkaufswagen in die Fersen.
»Aua!« schrie ich auf und drehte mich um. Der kaugummikauende Schnösel, der den Wagen schob, schaute unbeteiligt in die Gegend.
Vorwurfsvoll sah ich ihn an und wartete auf eine Entschuldigung. Der Typ beachtete mich nicht. Ich hatte Lust, ihn vor allen Leuten anzuschreien, statt dessen murmelte ich halblaut: »Sie haben mir weh getan!«
Er schaute immer noch so, als wäre er nicht gemeint.
Warum reagierte der nicht, der arrogante Kerl? Ich fühlte mich hilflos und blamiert, mein Gesicht glühte, und am liebsten hätte ich angefangen zu heulen.
Endlich war ich dran. Frau Nessinger, die Kassiererin, grüßte. Sie war die Mutter von Jonas’ Freund Goofy.
Energisch schrubbte sie meine Waren über das elektronische Lesegerät.
»Und, kriegen Sie viel Besuch über die Feiertage?«
fragte sie mit Blick auf meinen Großeinkauf.
»Ja, meine Mutter kommt«, antwortete ich und schrieb einen Scheck aus.
»Na dann, frohes Fest!« wünschte sie lächelnd.
Ich weiß nicht, warum, aber mir kam ihr Lächeln schadenfroh vor.
Einen Tag vor Weihnachten begann das Jucken an meinem Auge. Ich kannte es schon, es war eine Urtikaria.
Eine quälende Hautreizung, die immer gleichzeitig mit meiner Mutter auftrat, manchmal sogar schon vor ihr.
Queen Mum kannte mich eigentlich nur mit juckendem, tränendem rechten Auge, und jedesmal, wenn sie kam, sah sie mich mitleidig an und meinte: »Kind, das ist ja chronisch geworden, warst du mal beim Arzt?«
Klar war ich beim Arzt gewesen, und nicht nur bei einem. Ich kannte sämtliche Ärzte in der Hautklinik und einige in der Augenklinik; ich war bei drei Homöopathen gewesen, bei einem Heilpraktiker und einer Schamanin.
Keiner hatte mir helfen können, aber dafür hatte ich es jetzt schwarz auf weiß. Ich hatte eine »lokal begrenzte, psychosomatisch bedingte Nesselsucht.« Im Klartext: Eine Allergie gegen meine Mutter.
Morgen sollte Queen Mum also kommen, und wie meistens war meine Allergie schneller. Sie begann ganz außen im Augenwinkel, wanderte langsam bogenförmig um mein Auge herum und stieß fast bis an die Nasenwurzel. Winzige Bläschen bildeten sich auf der geröteten Haut, und es juckte zum Wahnsinnigwerden.
Begonnen hatte es mit Lucys Geburt.
Ich liege wie ein Häufchen Elend in meinem Krankenhausbett, fix und fertig nach fünfundzwanzig Stunden Wehen, und ahne vage, daß dieses rotgesichtige, schnaufende Wesen neben mir meine hoffnungsvolle Jugend soeben abrupt beendet hat.
Meine Mutter rauscht herein, wirft ihren Mantel nebst einem Blumenstrauß auf einen Stuhl und reißt Lucy aus ihrem Bettchen.
» So, meine Kleine, jetzt hast du mich also zur Großmutter gemacht. So schnell wird man eine alte Frau!
Nun ja, unsere Enkel werden uns rächen, nicht wahr? «
Sie lacht bitter auf und legt das brüllende Neugeborene zurück. Prüfend sieht sie mich an, küßt mich flüchtig auf die Stirn.
» Klappt’s mit dem Stillen? Du mußt unbedingt stillen, das ist wichtig für das Kind. Ich habe dich über ein fahr gestillt, weißt du das eigentlich? «
Ich nicke stumm.
» Dein Vater läßt dich grüßen, er hat einen wichtigen Termin. Er kommt morgen vorbei, wenn sein Zeitplan es erlaubt. «
Sie sieht sich im Zimmer um. » Nettes Krankenhaus, wie ist das Essen? Du mußt ordentlich essen und viel trinken, damit du genug Milch hast. «
Ich bin sprachlos. Warum ist sie so kalt, so geschäftsmäßig? Kein mütterliches: » Wie geht’s dir, mein Anna-Kind? « , keine Frage nach dem Verlauf der Geburt.
Sie straft mich dafür, daß ich mit der Entscheidung für das Kind meinen eigenen Weg gegangen bin und ihre hochfahrenden Pläne durchkreuzt habe.
Die Stimmung zwischen meinen Eltern und mir ist seit der Hochzeit mehr als kühl, und ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine Versöhnung. Ich hatte mir vorgestellt, die Geburt eines Kindes würde alles auslöschen, wir würden uns weinend in die Arme fallen und alles vergessen, was an Groll zwischen uns war. Statt dessen läßt mein Vater sich entschuldigen, und meine Mutter verhält sich, als hätte ich eine Blinddarmoperation hinter mir, keine Geburt.
Nachdem sie gegangen ist, weine ich den restlichen Nachmittag, und am Abend zeigen sich die ersten Symptome der Urtikaria, die mich seither regelmäßig befällt. Manchmal reicht es sogar, daß nur die Rede von meiner Mutter ist, und der Ausschlag bricht aus.
Ich beschloß, die Symptome zu ignorieren. Ich bemühte mich um liebevolle, positive Gedanken. Morgen war Weihnachten, ich hatte eine Familie, mit der ich feiern konnte, und zu dieser Familie gehörte auch meine Mutter.
Andere wären froh, wenn sie noch eine Mutter hätten.
Oder sie häufiger sehen könnten. Ich war siebenunddreißig, ich war längst selbst Mutter – wenn Lucy genauso dämlich war wie ich, würde ich bald Großmutter werden –, warum nur fühlte ich mich Queen Mum gegenüber immer wie ein kleines Mädchen, das heimlich die Zuckerdose leergefressen hat und aufs elterliche Donnerwetter wartet?
Das Komische war, daß alle anderen Leute Queen Mum klasse fanden. Wie oft hatte ich erlebt, daß Freunde sie kennenlernten und ganz begeistert meinten: »Du hast aber eine sympathische Mutter! So temperamentvoll und aktiv!
Ich wünschte, meine Mutter wäre auch so und würde nicht nur zu Hause rumsitzen und jammern.«
Auch meine Kinder fuhren total auf ihre Großmutter ab.
»Die ist viel ausgeflippter als du!« fand Lucy, und Jonas war hingerissen von ihr, weil sie mal vier Stunden hintereinander Memory mit ihm gespielt hatte. Nicht mal Friedrich war besonders genervt von ihr, er nahm sie einfach nicht ernst.
Ich konnte niemandem erklären, was mein Problem mit ihr war. Daß ich mich erdrückt fühlte in ihrer Gegenwart.
Daß ich das Gefühl hatte zu schrumpfen, klein und mickrig zu werden. Daß ich ständig den Zwang spürte, mich vor ihr zu rechtfertigen, und gleichzeitig Lust hatte, sie zu provozieren. Vielleicht hatte ich, weil ich selbst so früh Mutter geworden war, versäumt, mich von meiner Mutter abzunabeln. So war ich die ewige Tochter mit dem ewig schlechten Gewissen geblieben.
Besonders schlimm war es, seit mein Vater tot war. Es war vier Jahre her, er war einfach so gestorben, ohne Vorankündigung, ohne Krankheit, ohne Grund. An dem Morgen war er zu einer Baustelle gefahren, weil es Probleme mit irgendwelchen Stahlverstrebungen gegeben hatte. Er hatte mit dem Bauleiter diskutiert, sie hatten Pläne verglichen und Materiallisten studiert. Als der Fehler gefunden war, hatte er sich fröhlich verabschiedet, war in seinen Wagen gestiegen und losgefahren. Immer geradeaus, geradeaus, bis er mit achtzig gegen eine Mauer des Rohbaues geknallt war. Die Obduktion hatte Herzversagen ergeben. Er hatte nicht geraucht, nicht getrunken und war von seiner Frau vollwertig ernährt worden.
Meine Mutter war so unter Schock gewesen, daß sie wochenlang getan hatte, als sei nichts vorgefallen. Sie hatte weitergelebt, als wäre mein Vater noch da, hatte einfach die Tatsache geleugnet, daß es ihn nicht mehr gab.
Eines Tages stürzte sie die Kellertreppe herunter und brach sich das Bein. Es war ein komplizierter Bruch, und sie lag lange im Krankenhaus. Als sie es verließ, war sie um zehn Jahre gealtert und hatte begriffen, daß sie Witwe war. Mit der gleichen Radikalität, mit der sie vorher für meinen Vater gelebt hatte, lebte sie nun für sich. Sie verkaufte unser Haus, zog in eine Wohnung in der Stadt und tat nur noch, was ihr gefiel. Sie besuchte Vorlesungen an der Uni, belegte Meditationskurse und esoterische Seminare. Obwohl sie so beschäftigt war, behauptete sie, wir würden uns nicht genug um sie kümmern.
Einerseits wollte sie ihre Ruhe, andererseits träumte sie von einer Großfamilie.
Ich hatte das Gefühl, im Grunde war sie nie wirklich zufrieden.
»Halloho, fröhliche Weihnachten!«
Ich hörte ihre Stimme durch die geschlossene Haustüre.
Was, zum Teufel, machte sie schon um neun Uhr morgens hier? Wir waren alle noch im Schlafanzug, ich hatte mich auf einen geruhsamen Vormittag gefreut, wollte die letzten Geschenke einpacken, mein Weihnachtsmenü vorbereiten, ein paar Anrufe machen.
Uns zu dieser unchristlichen Stunde zu überfallen, war mal wieder typisch!
»Juchhuu, Omi ist da«, jubelte Jonas und schoß die Treppe hinunter an die Haustür.
»Die traut sich ja was, hier so früh anzurücken«, hörte ich Lucy auf dem Weg ins Badezimmer motzen. Dann fiel die Tür ins Schloß, der Schlüssel drehte sich.
»Verdammt, Lucy, mach auf, ich muß pinkeln!« fluchte Friedrich.
Seit Lucy sich Morgen für Morgen eine
Dreiviertelstunde im Bad einschloß, kam es regelmäßig zu Streitereien.
Wir schafften es einfach nicht, Ordnung in die Reihenfolge unserer hygienischen Verrichtungen zu bringen.
Im Bademantel sauste Friedrich runter zum Gästeklo und lief schnurstracks Queen Mum in die Arme.
»Morgen, Mummy, tut mir leid, daß ich dich in dem Aufzug begrüße, wir haben wohl verschlafen«
»Schon gut, Friedrich, ich habe bereits Männer in Bademänteln gesehen«, scherzte Queen Mum.
»Hast du mir was mitgebracht?« fragte Jonas mit Hundeblick auf die zahlreichen Tüten und Taschen, die der Taxifahrer gerade auslud.
»Natürlich hab ich dir was mitgebracht, mein Schätzchen. Aber bis heute abend wirst du dich schon gedulden müssen«, lächelte meine Mutter und küßte ihn auf die Nase.
»Iiih, nicht küssen«, schrie Jonas und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht.
Ich war in Windeseile in meine Kleider geschlüpft und ging nun gemessenen Schrittes die Treppe hinunter, um den Eindruck zu erwecken, ich sei schon seit Stunden wach.
Wie sie da so im Eingang stand, jagte sie mir den vertrauten Schauder ein, eine Mischung aus Zärtlichkeit, Bewunderung, Ablehnung und Furcht. Als Kind hatte ich meine Mutter angebetet.
Ich sitze auf dem Boden des Badezimmers, ganz versteckt unter dem Waschbecken, und sehe zu, wie sie sich zum Ausgehen fertigmacht. Ich sauge die Duftmischung aus Seife, Körpercreme, Puder und Haarspray ein und beobachte, wie sie ihre Wimpern tuscht und ihre Lippen rot bemalt. Sie trägt eine dieser Sechziger-Jahre-Beton-Frisuren, die aussehen, als wären sie in einem Stück über den Kopf gestülpt, und ich frage mich, wo sie die Frisur hinlegt, wenn sie schlafen geht. Ich verhalte mich mucksmäuschenstill und hoffe, daß sie mich nicht bemerkt. Mein Vater ruft nach ihr. » Edda, bist du soweit? « Sie klappert nervös mit ihren Pfennigabsätzen auf dem Badezimmerboden und ruft zurück:
» Ja, ja, ich komme gleich, fahr schon mal den Wagen aus der Garage. « Ich höre das Zuschlagen der Haustüre, die Schritte meines Vaters auf dem Gartenweg und wenig später das Starten des Motors. Mit einer abschließenden Bewegung hebt meine Mutter die Betonfrisur im Nacken etwas an und stößt ein befriedigtes » So! « aus.
In diesem Moment schieße ich aus meinem Versteck, werfe mich ihr in die Arme, will sie festhalten, einatmen, ein Teil von ihr werden.
Ärgerlich stößt sie mich weg. » Laß das, mein Kleid! «
Sie beugt sich herab, die roten Lippen küssen an mir vorbei, ich nehme den Duft ihres Parfüms in mich auf, der nur von dem leichten Geruch nach Zigarettenrauch gestört wird. Dann ergebe ich mich in die Einsamkeit.
» Sei brav zu Irma« , höre ich sie sagen, und schon ist sie weg.
Später, wenn ich Irma mit ihrem Freund knutschend vor dem Fernseher weiß, schleiche ich mich ins Badezimmer, schraube sämtliche Tiegel und Tuben auf und probiere all die duftenden Cremes und Lotionen. Meine Mutter wird Irma verdächtigen, und bald werde ich ein neues Kindermädchen haben. In einer Wolke aus Gerüchen schlafe ich schließlich ein und sehe im Traum meine Mutter, die lachend den Kopf in den Nacken wirft.
Ich war bei ihr angekommen. Sie war sechzig und sah sehr gut aus, sie war groß und kräftig, hatte üppiges, kaum ergrautes Haar und erstaunlich wenig Falten. Am schönsten hatte ich immer den Schnitt ihrer Augen gefunden, sie waren leicht schräg, die hohen Augenlider gaben ihrem Blick etwas Entrücktes, das allerdings schnell in Kälte umschlagen konnte. Ihre Nase wirkte elegant, ihr Mund, dem man am ehesten die Spuren des Alters ansah, war groß und früher sicher sehr verführerisch gewesen.
Zweifellos war sie noch immer eine attraktive Frau mit einer geradezu majestätischen Ausstrahlung.
Nicht umsonst trug sie den Kosenamen Queen Mum.
Es war an unserer Hochzeit gewesen, als mein Schwiegervater sich während der Ansprache meiner Mutter zu seiner Frau beugte und geflüstert hatte: »She’s acting like Queen Mum, isn’t she?«
Das vermeintliche Flüstern war wie ein Donnerhall, mein reizender Schwiegervater war nämlich hochgradig schwerhörig und brüllte, wenn er zu flüstern glaubte.
Die gesamte Hochzeitsgesellschaft hatte ihn gehört und verstanden, was er meinte. Von da an hatte Mummy ihren Spitznamen weg, von dem sie nicht sehr erbaut war.
»Königinmutter? Die sieht doch aus wie eine Brauereibesitzersgattin«, war ihr Kommentar.
Ich küßte sie auf die rechte, dann auf die linke Wange.
»Fröhliche Weihnachten, Mummy. Schön, daß du da bist!« Da war er wieder, der Zigarettengeruch.
Sie sah mich an. »Mein Gott, Kind, dein Auge! Das ist ja chronisch geworden, warst du schon beim Arzt?«
Wieder einmal erklärte ich ihr, daß es eine Allergie wäre, die sich mal stärker, mal schwächer zeigte und immer wieder ganz verschwände. Und wie jedesmal stellte sie Vermutungen darüber an, worauf ich wohl allergisch sei, und kam zu dem Schluß, daß es mit meiner Ernährung zu tun haben müsse.
Schon lange hatte sie diesen Ernährungs-Tick. Als ich ein Kind war, wurde ich mit Hirseküchlein und Grünkernschrot gefüttert; aus dieser Zeit hatte ich eine heftige Abneigung gegen gesundes Essen zurückbehalten.
Ich ernährte mich und meine Familie streng nach dem Lustprinzip und hegte eine ausgesprochene Vorliebe für Junkfood aller Art. Nur Hamburger mochte ich nicht, aber sonst liebte ich alles, was fett und ungesund war.
Durchaus möglich, daß daraus mein Übergewicht resultierte, aber die Auflehnung gegen Körnerkost war der einzige Akt der Rebellion, zu dem ich fähig war.
Heute aber war Weihnachten, und Rebellion war nicht angesagt. Ich war wild entschlossen, den Abend zu einem Erfolg zu machen. Freundlich lächelnd nahm ich den Topf mit Dinkel-Mangold-Lasagne in Empfang, den meine Mutter vorbereitet hatte. Die Menge hätte problemlos für eine weitere fünfköpfige Familie gereicht, aber ich würde mir meine Weihnachtsgans nicht nehmen lassen.
Bis zum Nachmittag ging alles gut. Wir plauderten über Mummys jüngsten Kulturtrip in die Ukraine und über die Weihnachtsbräuche der Neuseeländer. Reizthemen wie Ernährung, Kindererziehung oder Esoterik umschifften wir geflissentlich, und ich verkniff mir jeglichen Kommentar zu ihrer Qualmerei. Friedrich ließ seinen geballten Charme spielen, und die Kinder waren vorweihnachtlich brav. Erst beim Christbaumschmücken begannen sie zu streiten.
»Ich will kein Lametta, das ist aus Alu und ’ne totale Umweltsauerei«, schimpfte Lucy.
»Aber ich will Lametta, Lametta ist das Schönste am ganzen Christbaum«, heulte Jonas.
Ich versuchte zu schlichten. »Du hast ja recht, Lucy, aber wo das Lametta doch schon mal da ist …«
»Immer hältst du zu Jonas, dann schmückt euren Scheiß-
Baum doch alleine!« Lucy stampfte aus dem Zimmer und knallte die Tür zu.
Queen Mum hob eine Augenbraue.
»Sie ist zur Zeit ein bißchen schwierig«, entschuldigte ich mich. Warum mußten mir diese Gören immer in den Rücken fallen?
»Hast du’s mal mit Chakra-Stimulation probiert?« erkundigte sich Queen Mum, »das Kind hat Energieblockaden, die muß man auflösen. Nur wenn die Energie frei fließt, kann ein Mensch glücklich sein.«
Ich wußte genau, daß ein Live-Konzert der Backstreet Boys eine ungleich höhere therapeutische Wirkung haben und mein Kind im Handumdrehen glücklich machen würde, aber ich verzichtete auf eine Antwort.
»War ich als Teenager eigentlich auch so schrecklich?« fragte ich.
»Das kann man wohl sagen! Zwischen zwölf und zwanzig hast du alles nur beschissen gefunden, ich glaube, in dieser Zeit hast du kein freundliches Wort zu mir oder deinem Vater gesagt. Na ja, und mit einundzwanzig warst du schwanger.«
Da war sie wieder, die alte Bitterkeit. Warum konnte sie nicht akzeptieren, daß es mein Leben war und daß sie kein Recht hatte, ständig daran herumzukritisieren!
»Wie war’s mit einem Kaffee, Mummy?« fragte ich betont freundlich.
»Danke, hast du auch Kräutertee?«
Ich wühlte in den hintersten Winkeln meines Küchenschrankes, bis ich eine verstaubte Tüte Pfefferminztee gefunden hatte.
Queen Mum half Jonas, der triumphierend den Inhalt von drei Lamettapackungen über die Tannenzweige verteilte. »Wo sind denn die wunderschönen alten Engelsfigürchen, die ich dir mal geschenkt habe?« fragte sie plötzlich.
Ich zuckte zusammen. Ich hatte sie immer schrecklich gefunden, diese kitschigen Engel mit ihren dicken Kindergesichtern, die jahrelang unseren Christbaum zu Hause verunstaltet hatten. Irgendwann hatte ich sie weggeschmissen.
»Äh, die waren zum Teil kaputt … ich glaube, die Kinder hatten sie … ich weiß nicht genau«, stotterte ich verlegen herum.
»Schade«, sagte sie.
Ihr Gesichtsausdruck sagte mehr. Du liebst mich nicht, sagte er, du bist eine schlechte Tochter und heute noch genauso lieblos wie damals, als du ein Teenager warst.
Das Jucken an meinem Auge flammte auf, mit gepreßter Stimme sagte ich: »Entschuldige mich bitte einen Moment« und lief ins Bad. Ich schmierte eine dicke Schicht Cortisonsalbe auf die entzündeten Stellen. Dieser Tag war stressig genug, da mußte ich nicht obendrein die Juckerei aushalten.
Gegen vier Uhr machten Friedrich, Mummy, Lucy und Jonas traditionell einen Spaziergang und brachten einen Korb voller Leckereien und Geschenke in ein nahegelegenes Asylbewerberheim.
Ich nutzte die Zeit, um die Bescherung vorzubereiten.
Jonas nannte das »dem Weihnachtsmann helfen«, denn er war felsenfest davon überzeugt, daß ein bärtiger Typ mit einem Schlitten die Geschenke brachte, ich ihm die Türe öffnete und beim Reintragen half.
»Hast du mit dem Weihnachtsmann geredet?« wollte er danach immer wissen. »Was hat er gesagt? Hast du ihm auch was von unseren Plätzchen gegeben, zur Belohnung?«
Ich erzählte ihm jedesmal die tollsten Geschichten von meinem Zusammentreffen mit dem Weihnachtsmann, darin bestand für Jonas ein Großteil der weihnachtlichen Vorfreude.
»Ich komme nicht mit«, verkündete Lucy, als die anderen dabei waren, sich Stiefel und Mäntel anzuziehen.
»Natürlich kommst du mit«, bestimmte Friedrich.
»Sonst kommt der Weihnachtsmann nicht! Der kommt nur, wenn niemand im Haus ist außer Mami.« Jonas trippelte aufgeregt von einem Fuß auf den anderen.
»Quatsch«, blaffte Lucy, »es gibt ihn gar nicht, deinen Scheiß-Weihnachtsmann.«
»Du lügst«, schrie Jonas, »natürlich gibt es den Weihnachtsmann! Woher kommen sonst die Geschenke?«
Bevor Lucy hinterherschicken konnte, daß Mama die Geschenke kaufte und höchstpersönlich unter den Weihnachtsbaum legte, ertönte ein häßliches, knallendes Geräusch. Ich hatte ausgeholt und meiner Tochter eine geschmiert. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wer den größeren Schrecken bekam, sie oder ich. In dem Moment, als es passiert war, tat es mir schon leid.
»Da siehst du’s, Omi, die Mami haut mich!« brüllte Lucy und warf sich ihrer Großmutter in die Arme. Die hatte ihren Das-kommt-davon-daß-keiner-auf-michhört-Blick drauf.
Jonas brüllte: »Du lügst, du lügst, nicht wahr, Mami, es gibt den Weihnachtsmann?« Mein Mann verdrehte die Augen und flüsterte mir ein unüberhörbares »Blöde Kuh« zu.
Ich sank auf eine Treppenstufe und raufte mir die Haare.
Immer, wenn ich es besonders gut machen wollte, ging alles schief. Wieder einmal hatte meine Mutter einen unwiderlegbaren Beweis für meine Unfähigkeit. Ich biß die Zähne zusammen, um nicht vor Wut loszuheulen.
Bis zum Abend hatten wir uns alle einigermaßen beruhigt.
Lucy hatte sich bei Jonas entschuldigt, ich hatte mich bei Lucy entschuldigt, und Friedrich hatte sich bei mir entschuldigt. Jonas hatte sich mit der Version zufriedengegeben, daß der Weihnachtsmann so lange kommt, wie ein Kind an ihn glaubt, und daß danach die Eltern für die Geschenke sorgen. »Sonst wäre es ja auch zuviel Arbeit für den Weihnachtsmann«, meinte er verständnisvoll.
Trotzdem hatte ich mir Lucy noch mal vorgeknöpft. Als ich an ihre Zimmertür klopfte, gab sie keine Antwort.
Ich ging trotzdem hinein. Sie lag auf dem Bett, drehte mir demonstrativ den Rücken zu. Der Anblick ihrer Bude verlangte mir, wie immer, ein Höchstmaß an mütterlicher Toleranz ab. Sämtliche Wände waren bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Postern tapeziert, dazwischen klebten Sinnsprüche wie »Liebe ist ein Kind der Freiheit« oder »Anarchie – jetzt oder nie!« Den Boden zierten mehrere Schichten achtlos fallengelassener Klamotten, und auf dem teuren Bücherregal aus massiver Buche tummelte sich eine krude Mischung aus Tierskeletten, Buddhafiguren, getrockneten Blumen und symbolträchtigen Fundstücken aller Art. Der gesamte Raum war mit einer ungefähr drei Monate alten Staubschicht überzogen, der einzige, durch ständigen Gebrauch staubfreie Gegenstand war die Stereoanlage.
»Kannst du mir sagen, was mit dir los ist?« fragte ich Lucys Hinterkopf.
»Laß mich in Ruhe.«
»Verdammt noch mal, Lucy, es ist Weihnachten.«
»Mir doch scheißegal. Interessiert mich nicht, der Spießerkram.«
»Geschenke zu kriegen findest du aber nicht spießig, oder?«
Keine Antwort.
Ich setzte mich zu ihr aufs Bett, streichelte ihren Rücken.
»Lucy, was immer es ist, du kannst mit mir drüber reden.«
Sie richtete sich auf und schleuderte mir entgegen: »Es ist aber nichts!«
Ich stand auf. Genausogut hätte ich gegen eine Wand reden können.
»Könntest du dich nicht wenigstens mir zuliebe ein bißchen zusammenreißen?« bat ich im Rausgehen.
»Und wieso ausgerechnet dir zuliebe?«
Weil ich mir seit Wochen ein Bein rausreiße, um euch ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten, dachte ich. Weil ich Tag für Tag eine Menge Sachen für dich mache und nie ein Dankeschön kriege. Weil ich manchmal ganz schön wütend darüber bin, wie du mich behandelst.
Ohne zu antworten verließ ich ihr Zimmer. Ich beschloß, mir den Abend nicht verderben zu lassen, und stürzte mich in die Zubereitung von Gänsebraten, Knödeln und Rotkraut. Queen Mum ließ es sich nicht nehmen, mir gute Ratschläge zu geben.
»Du mußt gestoßene Wacholderbeeren dazugeben. Und in die Soße kann auch ein Spritzer Zitrone.«
»Mummy, du bist Vegetarierin. Halt dich bitte aus meiner Gans raus!«
Die viel zu lang gewordenen Asche ihrer Zigarette drohte, in den Rotkohl zu fallen. Schnell hielt ich einen Aschenbecher drunter.
»Findest du das eigentlich konsequent, dich so bewußt zu ernähren und gleichzeitig zu quarzen wie ein alter Schornstein?« fragte ich gereizt.
»Nun stell dich nicht so an, meine paar Zigaretten schaden sicher weniger als das verseuchte Fleisch, das du deiner Familie vorsetzt!«
Aufgebracht wollte ich mich zur Wehr setzen, aber im letzten Moment gelang es mir, mich zurückzuhalten.
Ich sagte nichts, und ein ungemütliches Schweigen ballte sich zwischen uns zusammen.
»Wußtest du, daß Darmkrebs durch den Verzehr von zuviel tierischen Fetten ausgelöst wird?« sagte sie nach einer Weile.
Ich sah sie an. »Wollen wir diese Diskussion wirklich schon wieder führen, Mummy? Ich wollte damit nur sagen, daß mich der Rauch stört.«
»Mich stört auch vieles, aber ich übe mich in Toleranz«, sagte sie schmallippig und verschwand Richtung Wohnzimmer, wo der Rest der Familie vor der Glotze hing und die Zeit bis zur Bescherung mit »Ferien auf dem Immenhof« totschlug. Es war beruhigend, daß die Schmonzetten aus meiner Kindheit immer noch gezeigt wurden.
Für einen Moment erlag ich der Illusion, daß diese Kindheit solange noch nicht vorbei war.
Dann war es soweit. Ich hatte die Tür zum Wohnzimmer von innen abgeschlossen, damit keiner vorzeitig reinstürmte. Der Raum war geschmückt, die Geschenke aufgebaut, die Kerzen am Christbaum brannten. Ich hatte das Weihnachtsoratorium aufgelegt und die Fotokamera mit Blitz bereitgelegt. Vorsichtig bewegte ich das kleine Glasglöckchen hin und her, das einen so wunderbar feinen Ton von sich gab und das Mummy schon für mich geläutet hatte, als ich noch ein Kind war.
Ich öffnete die Tür und nahm meine Familie in Empfang.
Mit hochroten Bäckchen sprang Jonas ins Zimmer, gefolgt von Lucy, die mit Absicht ihre abgerissensten Klamotten angezogen hatte, um ihren Protest gegen diese Spießerveranstaltung zum Ausdruck zu bringen. Mit muffiger Miene latschte sie hinter ihrem kleinen Bruder her. Friedrich hatte sich bei Mummy eingehakt und sein Feiertagsgesicht aufgesetzt.
»Fröhliche Weihnachten!« wünschten wir uns gegenseitig, und alle taten so, als nähmen sie keinerlei Notiz von den Geschenken.
»Was für ein schöner Baum!« sagte Queen Mum wie in jedem Jahr und schlug entzückt die Hände zusammen.
Nach einigen zustimmenden »Aahs!« und »Oohs!«
wollten sich die Kinder auf ihre Päckchen stürzen.
»Halt!« Queen Mum hob gebieterisch die Hand. »Ich habe eine Überraschung für euch.«
Sie ging rasch durch den Hausflur, öffnete die Eingangstür und kam mit drei Personen, die offenbar draußen gewartet hatten, ins Wohnzimmer zurück. Es waren Inderinnen, höchstens sechzehn oder siebzehn Jahre alt, die mit gesenktem Blick den Raum betraten und sich scheu umsahen. Schnell zogen sie ihre Jacken aus und schlüpften aus Schuhen und Strümpfen. Dann drückten sie Queen Mum eine CD in die Hand und stellten sich in graziöser Pose nebeneinander auf. Sie trugen farbenprächtige Saris aus Seide, klirrenden Goldschmuck und bunte Bänder im schwarzglänzenden Haar.
Staunend betrachtete ich die zarten, nackten Mädchenfüße auf dem Wohnzimmerteppich, die neben den kräftigen Beinen meiner Mutter noch winziger wirkten.
»Heute ist Weihnachten«, begann Queen Mum und gab ihrer Stimme einen bedeutsamen Klang, »und eigentlich ist das ein Fest der Christen. Aber in Zeiten, in denen wieder Religionskriege stattfinden und religiöser Fanatismus viele Menschen ins Unglück stürzt, sollten wir uns ganz bewußt in religiöser Toleranz üben. Mein Geschenk an euch sind deshalb diese Hindi-Tänzerinnen, als Erinnerung daran, daß alle Religionen heilig sind und alle Götter gleichberechtigt.«
Sie stoppte das Weihnachtsoratorium und legte die CD ein. Die klagenden Laute einer Sitar, begleitet von Schlaginstrumenten und monotonem Gesang, erklangen.
Die Mädchen begannen ihren Tanz.
Jonas stand mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund da. Lucy tat, als seien indische Tempeltänzerinnen in unserem Wohnzimmer das Normalste überhaupt.
Friedrich lächelte nachsichtig.
Tolle Idee, dachte ich. Echt tolle Idee. Aber warum hier bei mir, in meinem Haus, bei meiner Weihnachtsfeier, mit meiner Familie? Wütend sah ich zu Queen Mum, die zufrieden die Sprünge und Verrenkungen der Mädchen verfolgte, vermutlich in der Überzeugung, einen Beitrag für den Weltfrieden geleistet zu haben. Ich war außer mir.
Mit welcher Dreistigkeit meine Mutter mir die Inszenierung des Weihnachtsabends aus der Hand nahm!
Um ein Haar hätte ich türenknallend den Raum verlassen.
Nach vier Musiknummern verbeugten sich die Mädchen artig, zogen Schuhe, Strümpfe und Jacken wieder an, nahmen die CD und verabschiedeten sich. Meine Mutter begleitete sie an die Tür und steckte der Ältesten einen Umschlag zu. Ich drückte der zweiten eine Dose mit Plätzchen und Süßigkeiten in die Hand, und schon waren die Heiligen Drei Königinnen in der Winternacht verschwunden.
Erwartungsvoll drehte Queen Mum sich zu mir. Nie hegte sie Zweifel daran, das Richtige getan zu haben. Ich haßte sie für ihre Selbstgewißheit, am liebsten hätte ich sie vor die Tür gesetzt.
»Vielen Dank, Mummy, das war eine wunderbare Überraschung«, flötete ich und umarmte sie.
Sie strahlte. »Ich habe die Mädchen beim Dritte-Welt-Festival kennengelernt. Sind sie nicht bezaubernd?«
»Doch, ganz bezaubernd, wirklich«, stimmte ich zu.
Ruhig bleiben, Anna, sagte ich zu mir selbst.
Übermorgen ist sie weg, und dann wird es mindestens Ostern bis zum nächsten Urtikaria-Schub.
»Dürfen wir jetzt endlich die Geschenke auspacken?«
Jonas’ flehender Blick war zum Steinerweichen.
»Jetzt wird erst mal gesungen!« bestimmte Queen Mum und summte die ersten Töne von »Stille Nacht, heilige Nacht«. Heldenhaft sang Jonas mit, seine Augen fest auf die Pakete und Päckchen unter dem Baum geheftet.
»Und jetzt lese ich euch die Weihnachtsgeschichte vor«, verkündete meine Mutter und griff nach dem Buch.
Jonas’ Augen füllten sich mit Tränen. Ich war kurz vorm Explodieren. Da griff Friedrich ein.
»Laß gut sein, Mummy«, bat er. »Die Kinder stehen nicht auf das ganze Brimborium, laß sie endlich ihre Geschenke auspacken.«
Eingeschnappt knallte meine Mutter das Buch auf den Tisch. »Gut, wenn ihr gar keinen Wert auf Tradition legt, dann eben nicht. Wir haben Weihnachten immer so gefeiert, nicht wahr, Anna-Kind, und das war sehr schön und stimmungsvoll. Aber heutzutage geht es ja nur noch ums Materielle.«
Ich spürte, daß sich jetzt entscheiden würde, ob dieser Weihnachtsabend zum Fiasko abdriftete oder nicht.
Obwohl ich innerlich schäumte, riß ich mich mit aller Kraft zusammen.
»Ja, Mummy, es war immer sehr schön früher. Aber wir feiern eben ein bißchen anders, bitte akzeptiere das.«
Meine Stimme troff vor Sanftmut. Queen Mum zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief.
»Schon gut, ich bin ja nur Gast. Macht alles so, wie ihr es wollt.«
Der Rest des Abends verlief einigermaßen friedlich.
Der Weihnachtsmann hatte ganze Arbeit geleistet, und so lief Jonas verzückt zwischen einem Zauberkasten, einem Kassettenrecorder und einem lenkbaren Schlittenbob hin und her, blätterte in seinen neuen Bilderbüchern und überlegte, ob er zuerst »Der gestiefelte Kater« oder »Das kleine Gespenst« hören wollte. Das von ihm ebenfalls gewünschte Präparierbesteck für Vögel war zwar nicht mitgeliefert worden, aber der Hinweis auf bevorstehende Geburtstage und andere Festivitäten tröstete ihn. Ich hoffte, bis dahin würde seine Leidenschaft für ausgestopfte Flugtiere nachlassen.
Lucy hatte sich Kopfhörer übergestülpt und summte die neuesten Hits ihrer Lieblingsband mit. Liebevoll hielt sie ein Paar selten abscheulicher Turnschuhe mit Plateausohlen und eine viel zu große, neongrüne Windjacke im Arm, die sie sich dringend gewünscht hatte.
Friedrich und ich tauschten die obligatorischen Geschenkgutscheine, die wir nie einlösen würden, und Mummy freute sich, glaube ich, tatsächlich über einen prächtigen Bildband mit dem Titel »Das Wirken der Schamanen«.
Den hatte mir die letzte Wunderheilerin ans Herz gelegt, die erfolglos meine Allergie behandelt hatte.
Als endlich alle Geschenke ausgepackt waren, wollte ich nur noch eine riesige Gänsekeule verschlingen, mir gemeinsam mit meinem Ehemann einen gnädigen Rausch ansaufen und später unüberhörbar laut und heftig mit ihm schlafen.