Zwanzig
Ich war schon wieder pleite. Die zwei seidenen Morgenmäntel im Partnerlook, mein Hochzeitsgeschenk für Martin und Queen Mum, hatten den Erlös meiner Verkaufsaktion endgültig aufgefressen.
Ich sah keinen anderen Weg, als Friedrich um Geld zu bitten. Der nutzte die Gelegenheit, mir einen reinzuwürgen.
» Ich soll dir Geld geben? Ich denke ja gar nicht daran.
Erst zahlst du die viertausend Mark zurück, die ich Doro für ihre versaute Einrichtung geben mußte.«
Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich an Geld kommen könnte, aber außer Raub, Erpressung und Glücksspiel fiel mir nichts ein.
Meine Suche nach einem Sprecherjob war erfolglos geblieben, auch ein paar andere halbherzige Bewerbungen hatten nichts ergeben. Es war mir einfach nicht gelungen, glaubwürdig rüberzubringen, daß ich als Fahrradbotin arbeiten wollte. Und der Aushilfsjob in einer Blumenhandlung scheiterte daran, daß ich Chrysanthemen nicht von Astern unterscheiden konnte.
Als ich kurz davor war, meinen netten Kollegen bei der Bank um einen weiteren persönlichen Kleinkredit zu bitten (obwohl ich die Zinsen für den alten schon länger nicht mehr bezahlt hatte), erhielt ich einen Anruf.
»Hier Wüster, Radio Süd«, tönte es eines Tages aus dem Telefon.
Das war ja eine Überraschung. Ich hatte meinen zweifelhaften Erfolg als Ansagerin schon fast verdrängt.
»Ich wollte Ihnen nur sagen, daß der Spot gut angekommen ist. Hätten Sie nicht Lust, an einem unserer Moderatoren-Trainings teilzunehmen?«
Das war zwar schmeichelhaft, klang aber nicht gerade nach Geldverdienen. Womöglich kostete so ein Training sogar was. Außerdem hatte ich das Gefühl, daß ich nicht zur Moderatorin geboren war. Ich hatte ja kaum die paar Sätze für den Spot rausgekriegt.
»Ich glaube, im Moment habe ich keine Zeit«, wehrte ich ab.
»Das ist aber schade, Sie haben wirklich eine gute Stimme. Außerdem muß es ja nicht gleich sein. Wollen Sie nicht wenigstens unseren Programmdirektor, Herrn Bammer, kennenlernen?«
Ich konnte mir nicht vorstellen, welche magischen Überzeugungskräfte sie Herrn Bammer zutraute, aber da ich auch nicht unhöflich sein wollte, ließ ich mir einen Termin geben.
»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, strahlte Herr Bammer, ein drahtiger Typ mit kugelrundem Kopf und angehender Platte. »Sie haben da einen sehr hübschen Spot gesprochen, Ihre Stimme ist gut. Was haben Sie denn bisher so gemacht?«
Ich erzählte Herrn Bammer von den beruflichen Stationen meines Lebens und versuchte, den Eindruck zu erwecken, nicht nur gescheitert zu sein, was ziemlich schwierig war.
»Also eine Frau mit Lebenserfahrung«, faßte er gnädig zusammen und zwinkerte mir zu.
Ich versuchte angestrengt, mein rechtes Bein zu verstecken. Eine Sekunde, bevor ich in das Büro getreten war, hatte ich nämlich eine Laufmasche entdeckt, die sich breit und unübersehbar wie eine helle Schneise durch das schwarze Gewebe zog.
»Also, wie sieht’s aus, haben Sie Lust, ein Moderatoren-Training mitzumachen?« erkundigte sich Herr Bammer.
»Ich bin … ich kann das sicher nicht. Ich habe so was noch nie gemacht«, sagte ich und wickelte meine Wade um das Stuhlbein.
»Aber Sie haben wirklich eine gute Stimme. Wenn man Sie sprechen hört, kriegt man Lust, Ihnen sein ganzes Leben zu erzählen. Solche Leute brauchen wir beim Radio«, sagte Herr Bammer und folgte meinem Bein mit den Augen.
Wer hatte so was zuletzt gesagt?
Benno. Benno Hinterseer. Angeekelt schob ich die Erinnerung weg.
»Nein, ich glaube nicht, daß ich das kann«, sagte ich noch mal.
Herr Bammer hob den Blick von meinem Bein und sah mich überrascht an.
»Ja, aber warum haben Sie uns dann Ihre Kassette geschickt?«
»Ich wollte eigentlich Kindergeschichten vorlesen«, erklärte ich resigniert.
»Dann liegt wohl ein Mißverständnis vor«, bedauerte Herr Bammer und reichte mir die Hand.
Ich schraubte mich aus meinem Stuhl und ging schnell zur Tür. Als ich draußen war, lief ich Frau Wüster in die Arme.
»Und?« fragte sie und sah mich erwartungsvoll an, ob der magische Herr Bammer mich rumgekriegt hatte.
Ich schüttelte den Kopf. »Es ist wirklich nichts für mich, vielen Dank.«
»Schade«, meinte sie, »Sie haben so eine tolle Stimme.«
»Bist du wahnsinnig?« Rilke sah mich ungläubig an.
»Die bieten dir eine Sprecherausbildung an, und du lehnst ab?«
Wir lagen gemeinsam in der Badewanne. Rilke baute Skulpturen aus Schaum, und ich nuckelte an einem Milchshake. Zwischendurch erzählten wir uns, was in den letzten Tagen so los gewesen war.
Ich nickte beschämt. »Ich hab für die paar Sätze neulich schon ewig gebraucht und mich ständig versprochen. Vorlesen ist eine Sache, frei sprechen eine andere. Ich traue mir das nicht zu.«
Rilke schlug mit der Hand auf den Schaum, daß es spritzte.
»Wolltest du nicht lauter Sachen machen, vor denen du Angst hast? Gesungen hast du doch auch!«
Ich konnte ihm nicht sagen, daß ich es nur für ihn getan hatte. Weil ich mir so gewünscht hatte, daß die Musik etwas wäre, das uns miteinander verbindet. Damals hatte die Liebe mir Flügel verliehen. Aber noch mal würde ich eine solche Blamage nicht überstehen.
»Du mußt wissen, was du tust«, sagte Rilke, »auf jeden Fall muß Geld ins Haus, wir sind völlig pleite.«
Ich saugte schuldbewußt an meinem Strohhalm, bis der letzte Tropfen verschwunden war und ein obszönes Geräusch ertönte. Immerhin, er hatte »wir« gesagt. Er betrachtete uns also noch immer als zusammengehörig.
Das war viel wichtiger als ein Job. Trotzdem war mir klar, daß ich was unternehmen mußte.
Wir stiegen aus der Wanne, trockneten uns gegenseitig ab und betrachteten uns im Spiegel.
»Ein schönes Paar«, bemerkte Rilke.
»Ein ungleiches Paar«, verbesserte ich.
»Ja, aber trotzdem schön.«
Rilke spielte mit der Zunge an meinem Ohr, seine Hände glitten über meinen Rücken und krallten sich in meinen Po. In Sekundenschnelle hatte er eine Erektion.
Er drängte mich gegen die Tür, stemmte mich ein Stück hoch und wenig später dröhnte die Tür rhythmisch gegen den Rahmen.
»Himmel noch mal«, beschwerte sich Hartmann, als wir aus dem Bad kamen, »müßt ihr beim Rammeln immer so einen verdammten Lärm machen?«
»Ich geh nicht mit dir. Ich bin sauer auf dich.«
Mit beleidigter Miene hockte Jonas auf einer Mauer vor dem Kindergarten und weigerte sich, mich anzusehen.
Ich kniete mich vor ihn. »Was ist los, Schätzchen, warum bist du sauer auf mich?«
»Ich bin nicht mehr dein Schätzchen.«
»Und warum nicht?«
»Rilke ist dein Schätzchen. Den hast du viel lieber als mich.«
Ich wollte ihn umarmen, er schob mich weg. Ich erklärte ihm, daß die Liebe zu einem Mann eine ganz andere Liebe sei als die zu einem Sohn. Daß meine Liebe zu Rilke nichts wegnähme von meiner Liebe zu ihm. Es half nichts.
»Du sollst endlich heimkommen. Eine Mama, die nicht bei ihren Kindern wohnt, ist keine Mama.«
»Wer sagt das?«
»Ich sag das.« Er machte eine Pause. »Und die Mama von Goofy.«
Wiltrud! Die hatte es nötig.
»Und wie ist das mit den Papas? Ist Goofys Papa zum Beispiel ein richtiger Papa?«
»Klar!«
»Aber der ist ganz oft weg von zu Hause, wegen seiner Arbeit. Findest du das o. k.?«
Jonas war verwirrt. Irgendwo in seinem Kopf geisterte die Vorstellung, daß Mamas und Papas unterschiedliche Jobs hatten. Und der Mama-Job fand seiner Erfahrung nach zu Hause statt, da interessierten ihn fünfundzwanzig Jahre Frauenbewegung nicht. Klar, lange genug hatte ich ja selbst so gedacht.
»Und was machen wir jetzt? Ich kann dich ja nicht allein hier sitzen lassen.«
Jonas schwieg trotzig und malte mit der Schuhspitze Kreise aufs Straßenpflaster.
»Wollten wir nicht ins Vogelmuseum gehen?« erinnerte ich ihn.
»Das heißt Vögelmuseum.«
»Wer hat dir denn das beigebracht?«
»Rilke.«
Ich mußte grinsen. »Einigen wir uns auf ornithologisches Museum, in Ordnung?«
Er nickte, rutschte von der Mauer und ging schweigend neben mir her mit zum Auto.
»Aber ich bin immer noch sauer auf dich«, stellte er klar, bevor er einstieg.
Es war so ekelhaft. Ich putzte seit kurzem in einer Berufsschule, und in den Klassenräumen sah es jeden Tag aus wie auf einer Müllkippe.
Auf den Tischen lagen angefressene Brote, Apfelreste und ausgespuckte Kirschkerne; vom Boden entfernte ich festgetretene Kaugummis und verkohlte Kippen. An den Wänden fanden sich ständig neue, mit Lippenstift gemalte Graffiti, die kaum abgingen. Die Klos sahen auch nicht besser aus, ich schrubbte mit zwei Paar Gummihandschuhen übereinander und angehaltenem Atem.
Wäre ich doch bei der Bank geblieben und hätte nicht in einem Anfall von Größenwahn Herrn Hübner meinen Job vor die Füße geschmissen! Die Arbeit bei CALL YOUR BANK erschien mir rückblickend wie das Paradies, von der Bezahlung ganz zu schweigen.
Ich schämte mich so für meinen Putzjob, daß ich Rilke und die Jungs angelogen hatte. Ich hatte behauptet, ich würde in einer Kneipe aushelfen. Trotzdem war ich froh, daß ich wenigstens wieder was zum Haushalt beisteuern konnte.
Nach drei Wochen zeigten sich an meinen Händen rote, heftig juckende Stellen. Der Hautarzt diagnostizierte eine Allergie.
»Aber wogegen denn?« fragte ich erstaunt. »Ich trage bei der Arbeit Gummihandschuhe.«
»Eben«, meinte er, »und gegen die sind sie allergisch.«
Jetzt stand ich wieder da. Kein Job, keine Kohle. Es war zum Verrücktwerden.
Jetzt hatte ich nur noch eine Möglichkeit. Ich mußte meine Mutter anpumpen. Widerstrebend wählte ich ihre Nummer. Es meldete sich Martin.
»Annabelle, wie schön, dich zu hören. Willst du uns nicht endlich mal besuchen?«
Ich war tatsächlich noch nie in ihrer Wohnung gewesen, und angesichts meiner verzweifelten Lage nahm ich die Einladung sofort an. Vielleicht wäre Martins Anwesenheit ja hilfreich bei meinem Bittgang.
Die Wohnung der beiden lag in einem teuren Viertel der Stadt und war so ausgestattet, daß ich fast die Schuhe ausgezogen hätte, um das edle Parkett nicht zu beschmutzen.
»Aber nicht doch«, winkte Martin ab, »wir haben ja keine krabbelnden Kleinkinder!«
Erlesene Antiquitäten und Erinnerungsstücke an Martins Zeit in Durban hatten zum Glück Queen Mums vernünftige Möbel fast vollständig verdrängt. Nur vereinzelt entdeckte ich Gegenstände, die ihr gehörten.
Sieh mal an, daß sie sich so dezent im Hintergrund halten würde, hätte ich ihr gar nicht zugetraut.
»Deine Mutter kommt gleich, sie hat noch Einkäufe gemacht und verspätet sich etwas«, entschuldigte Martin sich höflich und bot mir einen Platz an.
Er hatte bereits Tee gekocht und reichte mir eine silberne Schale mit Gebäck, das eindeutig nicht aus dem Naturkostladen stammte. Vielleicht würde er meiner Mutter ja tatsächlich noch Geschmack beibringen.
»Wie war eure Hochzeitsreise?« erkundigte ich mich.
Die beiden waren zwei Wochen durch Südafrika gereist; Martin hatte Queen Mum unbedingt seine langjährige Heimat zeigen wollen.
Er erzählte ein bißchen, aber er wirkte abwesend.
Plötzlich sagte er: »Annabelle, du weißt, daß deine Mutter eine wunderbare Frau ist, sonst hätte ich sie nicht geheiratet. Aber sie hat ein paar seltsame Eigenschaften.«
Oh, dachte ich, Schnellmerker.
»Ach ja? Welche denn?« fragte ich unschuldig.
»Nun ja, daß sie immer ihre Brille verlegt und mich verdächtigt, ich hätte sie versteckt, ist eher eine liebenswerte Schrulle. Daß sie dem Buddhismus zuneigt, Japanisch lernt und morgens immer ihre Gliedmaßen verrenkt, ist auch nicht weiter ungewöhnlich. Was mich wirklich beunruhigt hat, war, daß sie neulich alle Möbel umgestellt hat. Denkst du, da steckt so eine esoterische Spinnerei dahinter?«
Ich grinste in mich hinein. Hatte sie also mal wieder irgendwelche Strahlungen ausgemacht. Nun ja, wie sollte ich ihm das erklären, ohne seine Frau als meschugge hinzustellen?
»Kein Grund zur Sorge«, sagte ich beruhigend. »Ich weiß nicht, ob sie es dir erzählt hat, sie hat ja früher als Innenarchitektin gearbeitet. Tja, und manchmal überkommt es sie einfach, dann räumt sie alles um. Das hat gar nichts mit Esoterik zu tun, glaub mir.«
Die Haustüre ging und Queen Mum erschien.
»Anna-Kind, wie schön, dich zu sehen!« sagte sie überschwenglich und küßte mich auf beide Wangen.
Dann zog sie einen kleinen Kasten aus einer Tüte und hielt ihn hoch.
»Ratet, was ich hier habe!«
Martin und ich sahen uns fragend an.
»Keine Ahnung, Edda«, sagte Martin, »sieht aus wie ein Geigerzähler.«
»Ein Gerät zum Aufspüren von gefährlichem Elektrosmog«, sagte sie triumphierend.
»Elektrosmog?« Martin wirkte verwirrt. »Meines Wissens ist die Existenz von Elektrosmog wissenschaftlich noch nicht erwiesen.«
»Hast du eine Ahnung!« Queen Mum rollte unheilvoll mit den Augen.
Das durfte nicht wahr sein! Schon wieder so ein Hokuspokus, und ausgerechnet jetzt.
Martin wollte es nun offenbar genau wissen und sagte:
»Warum hast du mir eigentlich nie erzählt, daß du mal als Innenarchitektin tätig warst, Edda?«
Meine Mutter sah ihn verständnislos an. »Ich, als Innenarchitektin? Wer hat dir denn das erzählt?«
Ich spürte Martins Blick auf mir und wurde rot.
»Äh … ich. Du hast doch immer wieder mal mit Papa zusammengearbeitet, wenn es um die Innenraumgestaltung ging und so«, sagte ich in beschwörendem Tonfall.
»Ich habe höchstens überprüft, ob gefährliche Strahlungen in den Räumen sind«, sagte Queen Mum energisch und machte alle meine Rettungsversuche zunichte. Nun würde Martin seine Frau für eine Spinnerin halten und mich für eine Lügnerin. Und natürlich für eine Schnorrerin, denn in Wahrheit war ich ja gekommen, weil ich um Geld bitten wollte.
»Du mußt mir unbedingt aus Afrika erzählen, Mummy«, forderte ich sie schnell auf.
Das ließ Queen Mum sich nicht zweimal sagen. Wie ein Wasserfall sprudelte sie los, und ich ließ die ganze Hochzeitsreise noch mal über mich ergehen. Als sie ihre Schilderung beendet hatte, paßte ich einen geschickten Moment ab und brachte mein eigentliches Anliegen vor.
»Du brauchst Geld?« fragte sie verständnislos, »aber du hast doch einen Job.«
»Nein, den habe ich nicht mehr, und bis ich was Neues gefunden habe, brauchte ich ein bißchen Unterstützung.«
»Verdient Friedrich denn nicht genug?« erkundigte sich Martin erstaunt.
Schnell schaltete Queen Mum sich ein, weil sie fürchtete, daß ich die Wahrheit über Friedrich und mich ausplaudern könnte. Martin wußte immer noch nicht, daß wir getrennt lebten. Die ganze Zeit über hatte sie ihr Friede-Freude-Eierkuchen-Szenario aufrechterhalten.
»Das müssen wir ja auch nicht jetzt besprechen«, sagte sie und bedachte mich mit einem warnenden Blick.
»Doch«, beharrte ich, »es ist dringend.«
Martin sah aufmerksam von ihr zu mir. Der Mann war nicht blöd, der merkte, daß was im Busch war. Dieser Umstand kam mir zugute.
»Also gut, dann regeln wir es eben schnell«, lenkte Queen Mum, die aus der Gefahrenzone wollte, ein. Sie holte ihre Handtasche und schrieb einen Scheck aus.
Dreitausend Mark, immerhin. Ich atmete auf.
Ich zahlte die aufgelaufenen Bankzinsen und meine Schulden in der WG. Lange würde der Rest nicht reichen, deshalb beschloß ich, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.
Ich rief bei Radio Süd an und verlangte Herrn Bammer.
»Ich wollte Ihnen nur sagen, ich habe es mir überlegt, ich würde doch gerne das Moderatoren-Training machen.«
»Schön, Frau Schrader. In drei Monaten können Sie anfangen.«
Ich schluckte. »So spät? Gibt es nicht irgendeine Möglichkeit, früher einzusteigen?«
»Also, Sie sind eine merkwürdige Person. Erst wollen Sie gar nicht, und dann kann es nicht schnell genug gehen.
Ich werde sehen, was sich machen läßt.«
»Eine Frage noch«, sagte ich schüchtern, »ist das Training … ähm, ich meine, kostet das was?«
»Nein, wir bilden den Nachwuchs ja für uns aus, das ist unsere Investition in die Zukunft des Radios«, erklärte Herr Bammer stolz.
Daß ich mit fast vierzig zum Nachwuchs zählen sollte, fand ich zwar überraschend, ansonsten erleichterte mich die Auskunft aber natürlich.
»Munnimanni munnimanni muuuh! Ha ha, ho ho, hu hu!«
Ich stand aufrecht da, mit der rechten Hand auf dem Zwerchfell, und machte komische Geräusche. Das nannte sich »Stimmbildung«, und Frau Kranz, die Ausbilderin, nickte mir aufmunternd zu. Es war meine zweite Stunde und nachdem ich meine anfänglichen Hemmungen abgelegt hatte, fing es an, richtig Spaß zu machen.
»Stoßen Sie den Atem richtig aus, so: Ho! ha! hu!«
befahl Frau Kranz und machte es mir so übertrieben vor, daß wir beide lachen mußten.
Die nette Frau Wüster, die aus irgendeinem merkwürdigen Grund einen Narren an mir gefressen hatte, mußte sich so vehement für meine vorzeitige Aufnahme ins Moderatoren-Training eingesetzt haben, daß Herr Bammer kapituliert hatte.
Ich bedankte mich bei ihr mit einem Blumenstrauß.
»Wissen Sie«, erklärte sie, »ich habe selbst davon geträumt, Sprecherin zu werden, aber mir fehlen alle Voraussetzungen. Wenn jemand so eine wunderbare Stimme hat wie Sie, wäre es ein Jammer, nichts daraus zu machen.«
So besuchte ich also nun dreimal in der Woche Kurse in Stimmbildung, Interviewtechnik und praktischer Radioarbeit. Ich lernte, wie man seine Atmung kontrolliert, wie man eine müde Stimme munter klingen läßt und wie man einen schweigsamen Gesprächspartner zum Reden bringt. Ich übte den Umgang mit Plattenspieler, Kopfhörer und Studiotelefon und lernte, wie man einen aufgezeichneten Beitrag schneidet. Ich sprach unendlich viele Jingles, Spots und Ansagen, und bald kam Frau Wüster und sagte: »Demnächst sind Sie reif für eine Probesendung.«
»Radiomoderatorin? Was ist das denn wieder für eine Spinnerei?«
Mißmutig hackte Friedrich die Gabel in den selbstgebackenen Kuchen, den ich zu meinem ersten offiziellen Besuch zu Hause mitgebracht hatte. Ich wollte die Situation so gut es ging entspannen und hegte außerdem die heimliche Hoffnung, Friedrich dazu bewegen zu können, etwas Geld rauszurücken.
»Es ist keine Spinnerei, ich mache eine Sprecherausbildung und bald schon meine erste Sendung.«
»Echt, Mami, können wir dich dann im Radio hören?« fragte Lucy beeindruckt, ich nickte, Friedrich verdrehte die Augen.
»Ich verstehe nicht, wieso du mit fast vierzig alles machen mußt, was andere mit Anfang Zwanzig machen.«
»Erstens bin ich erst siebenunddreißig und außerdem … vielleicht muß ich ein paar Sachen nachholen, gerade weil ich sie mit Anfang Zwanzig nicht gemacht habe.«
»Das ist doch lächerlich«, brummte Friedrich und nahm sich ein zweites Stück Kuchen.
»Schön, daß dir mein Kuchen schmeckt«, lächelte ich ihn an.
»Das kannst du wenigstens«, gab er zurück.
Ich ermahnte mich innerlich zur Zurückhaltung. Er war in seinem männlichen Stolz gekränkt, soviel war klar.
Und wenn Männer sich schwach fühlen, werden sie bösartig.
»Ich hoffe, du laberst dann nicht so viel Mist wie die meisten Moderatoren«, sagte Lucy.
Ich grinste. »Ich bin ja nicht mehr Anfang Zwanzig. Zum Glück.«
Später machte ich mit Jonas und Lucy einen Spaziergang.
Lucy gab mir Tips.
»Wenn du Zeit gewinnen willst, wiederholst du einfach, was der andere gesagt hast. Und wenn jemand was Saublödes sagt, fragst du: Habe ich das richtig verstanden, daß Sie meinen … dann muß der noch mal drüber nachdenken, ob er den Mist weiter vertritt.«
Ich war erstaunt. Wie genau Lucy offenbar hinhörte. Ich hatte immer gedacht, ihr ginge es nur um die Musik.
Jonas lief voraus und probierte, mit einem Schmetterlingsnetz Vögel zu fangen. Glücklicherweise waren sie schneller als er. Was den kleinen Kerl an den Biestern bloß so faszinierte?
»Und wenn du eine Musik ansagst, dann sag nicht einfach, das ist der Titel Soundso aus der neuen CD, sondern gib dir ein bißchen Mühe. Erzähl was über die Band oder über deine Erinnerungen an das Lied, irgendwas Persönliches.«
»Ich werde dran denken«, sagte ich ernsthaft, »danke für die Tips!«