Einundzwanzig

 

Zwei Tage vor der Probesendung überfiel mich höllisches Lampenfieber. Es war Abend, ich brütete über meinern Fragenkatalog zum Thema: »Liebe am Arbeitsplatz.«

Ich würde zwei Expertinnen im Studio haben und mit Anrufern sprechen; die Musik, die zwischendurch laufen würde, sollte ich selbst aussuchen. Das war das kleinste Problem gewesen, ich hatte einfach eine Reihe meiner Lieblingssongs aufgelistet und zu jedem dazugeschrieben, warum ich ihn mochte.

»Die Sendung richtet sich vorwiegend an Frauen zwischen sechzehn und sechzig«, hatte Herr Bammer mir beim Vorbereitungsgespräch erklärt. »Sie stehen altersmäßig genau in der Mitte, wahrscheinlich haben Sie eine Mutter um die Sechzig und könnten eine sechzehnjährige Tochter haben.«

»Ich habe eine sechzehnjährige Tochter«, stellte ich fest.

»Na, um so besser. Dann wissen Sie ja, wie man mit jungen Leuten spricht. Es soll so persönlich und locker wie möglich werden. Stellen sie sich vor, sie plaudern mit den Frauen bei einer Tasse Kaffee.«

Ich stellte mir literweise Kaffee und plaudernde Frauen vor, aber die Aufregung blieb.

Als ich in Rilkes Zimmer schlich, um mich von ihm moralisch aufrüsten zu lassen, telefonierte er. Diskret wollte ich mich zurückziehen, aber im gleichen Moment beendete er das Gespräch.

»Bis später«, hörte ich. Seine Stimme klang weich, seine Augen glänzten.

»Gehst du noch weg?«

»Mmh.«

Ich wurde traurig und gleichzeitig wütend.

Nie war er da, wenn ich ihn brauchte. Nie fragte er, wie es mir ginge oder ob er etwas für mich tun könnte. Er redete mit mir, wenn er wollte. Er schlief mit mir, wenn er wollte. Und er ließ mich alleine, wenn er wollte.

»Könntest du nicht heute mal zu Hause bleiben?« fragte ich und schämte mich wegen meines unterwürfigen Tonfalls.

»Tut mir leid, hab mich gerade verabredet.«

»Immer sind die anderen wichtiger als ich.«

»Bella, ich bin nicht mit dir verheiratet«, sagte Rilke.

»Stimmt«, gab ich zurück. »Aber unter diesen Umständen hätte ich gleich bei meinem Mann bleiben können.«

Pfui Teufel, wie frustriert das klang! Fehlte nur, daß Rilke jetzt sagte: »Dann geh doch zurück.«

Aber er sah mich nur an und bat: »Mach es nicht kaputt, Bella.«

Ich wußte, jedes weitere Wort würde alles noch schlimmer machen. Ich biß mir auf die Lippen.

Später hörte ich von meinem Zimmer aus, wie Rilke sich duschte und die Zähne putzte. Sein Schrank klappte auf und zu, wenig später fiel die Wohnungstür ins Schloß.

Es gab kein Zurück mehr. Punkt fünfzehn Uhr würde die Sendung beginnen. Herr Bammer hatte mir mitgeteilt, daß live gesendet werden würde, wegen der Anrufer.

»Und wenn ich kein Wort rauskriege?«

»Dann legen wir schnell ein vorbereitetes Band ein«, beruhigte er mich.

Es war kurz nach vierzehn Uhr.

Frau Wüster tanzte um mich herum wie ein Boxtrainer um seinen Schützling und versuchte, mir alle Wünsche von den Augen abzulesen.

Ob ich mit den Expertinnen vorher schon mal reden wollte? Ob ich während der Sendung lieber ein Glas Wasser hätte oder einen Kaffee? Ob ich die Platten selbst auflegen oder das der Technikerin überlassen wollte?

Wieviel Information ich zu den Anrufern jeweils wollte?

Mir drehte sich der Kopf.

»Ich hätte gerne zehn Minuten meine Ruhe«, stöhnte ich, und sofort zauberte Frau Wüster den Schlüssel zu einem ungenutzten Aufnahmeraum hervor, in den ich mich zurückziehen konnte. Dort lief ich auf und ab und versuchte, mich mit Atemübungen zu beruhigen.

Ich hatte sowieso eine Menge anderer Probleme zur Zeit.

Rilke, der sich immer mehr zurückzog. Jonas, der vehement meine Heimkehr forderte. Und Friedrich, der sich weiterhin weigerte, mich finanziell zu unterstützen.

Es war seine Art, sich zu rächen.

Außerdem hatte er offenbar angefangen, unserer Trennung angenehme Seiten abzugewinnen. Von Lucy wußte ich, daß er kürzlich mit Christina ausgegangen war, seiner langmähnigen Tischdame von der Hochzeit. Sie war zu Besuch bei ihrem Vater gewesen und hatte ihn einfach angerufen.

Ich überlegte, ob Christina jetzt meine Stiefschwester wäre oder in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis wir zueinander stünden. Und was, wenn Friedrich sie heiratete? Könnte sie gleichzeitig meine Schwester und meine Schwägerin sein? Ich wurde mir nicht klar darüber, eigentlich war es mir auch egal.

Die einzige, die mir zur Zeit keine Schwierigkeiten machte, war Queen Mum. Die war mit ihrem neuen Ehemann ausgelastet. Momentweise war ich fast ein bißchen neidisch auf ihr ungetrübtes Glück.

»Sind Sie fertig, Bella?«

Ich schreckte aus meinen Gedanken. Draußen stand Frau Wüster und klopfte gegen die Tür.

»Ich komme«, rief ich.

Ich begrüßte die beiden Expertinnen, die Personalchefin einer großen Firma und eine Psychologin, und wir machten es uns gemütlich, soweit man in dem sterilen, schallgedämmten Raum von Gemütlichkeit sprechen konnte. Mit einer entspannten Kaffeeklatschsituation hatte das Ambiente ungefähr soviel Ähnlichkeit wie mit einem Aufenthalt auf dem Operationstisch.

Die Zeiger der riesigen Studiouhr rückten unbarmherzig nach vorne. Ich stülpte meine Kopfhörer über.

»Noch drei Minuten, dann Werbung, Wetter und Nachrichten. Nach den Verkehrsmeldungen der ›Talk-am-Nachmittag‹-Jingle, dann Begrüßungsmoderation und die erste Musik. Alles klar?« hörte ich die Stimme von Frau Wüster.

Ich nickte mechanisch. Die Zeit dehnte sich. Ich versuchte ein bißchen Small talk mit meinen Gästen, aber denen hatte die ungewohnte Situation die Sprache verschlagen.

Die Nachrichten und Verkehrsmeldungen rauschten an mir vorüber, die Erkennungsmelodie der Sendung erklang.

Mit dem letzten Ton leuchtete unter der Studio-Uhr eine rote Lampe auf.

Jetzt. Ich war dran. Genau in dieser Sekunde wartete der leere Äther darauf, von meiner Stimme gefüllt zu werden.

»Einen wunderschönen Nachmittag, liebe Hörerinnen und Hörer, ich freue mich, daß Sie dabei sind bei unserer Talkrunde zum Thema Liebe am Arbeitsplatz. Ich habe zwei Expertinnen im Studio, und natürlich können und sollen Sie anrufen, um uns über Ihre Erfahrungen mit dem Thema zu berichten. Gleich geht’s los, zum Einstieg Gute-Laune-Musik: Manfred Mann’s Earth Band mit »Davy’s on the road again«.«

Mein Herz klopfte zum Zerspringen, meine Hände waren schweißnaß. Aber immerhin hatte ich die erste Moderation ohne Fehler rübergebracht.

Ich warf einen Blick auf meinen Spickzettel.

»Telefonnummer«, stand da. Und »Vorstellung Gäste, erste Frage.«

Ich fühlte, wie meine Bluse unter den Armen feucht wurde. Das rote Licht ging wieder an, ich sagte noch mal das Thema an, gab die Telefonnummer durch und stellte die beiden Expertinnen vor.

Plötzlich kam es mir so vor, als hätte ich die Namen der zwei Frauen verwechselt. Welche hieß jetzt Maifarth, war das die Psychologin oder doch die andere? Und wie war noch der zweite Name, Simbuck oder Simbach? Panisch sah ich von der einen zur anderen. Beide verzogen keine Miene.

Ich fragte die Personalchefin, wie oft es passiert, daß Kollegen etwas miteinander anfangen; von der Psychologin wollte ich wissen, wie haltbar solche Beziehungen sind.

Plötzlich klingelte mein Telefon zum ersten Mal. Oh Gott, was mußte ich jetzt tun? Wohin mit dem Hörer? Mir fiel ein, daß ich nur einen Knopf drücken mußte, dann würde ich die Stimme im Kopfhörer hören.

Frau Wüster hielt einen Zettel gegen die Scheibe.

»Tanja, 26 Jahre.«

»Hallo, Tanja, schön, daß Sie anrufen! Was sind Sie von Beruf?«

»Ich arbeite in einer Werbeagentur«, piepste ein verschüchtertes Stimmchen.

»Und welche Erfahrungen haben Sie dort mit der Liebe gemacht?«

»Na ja, ich bin in einen Kollegen verliebt. Aber der reagiert gar nicht.«

Die Psychologin erklärte, daß viele Männer Angst vor einer Verbindung am Arbeitsplatz hätten, weil sie Nachteile für ihre Karriere befürchteten.

Die Personalchefin sagte, eine »prickelnde« Atmosphäre am Arbeitsplatz könne nicht schaden; die Unternehmen hätten meist nichts gegen solche Verbindungen.

Wir gaben Tanja den Rat, etwas offensiver um den Kollegen zu werben, und mit flatternden Fingern drückte ich alle möglichen Knöpfe, um die Verbindung zu beenden. Ich war ein Nervenbündel; am liebsten wäre ich geflüchtet.

Der zweite Anrufer suchte Rat, weil er sich von seiner Chefin erotisch verfolgt fühlte.

Ich mußte grinsen. »Wie sieht sie aus?« fragte ich.

»Ahm … na ja, ganz gut.«

»Na, dann greifen Sie doch zu!«

»Nein, lieber nicht«, schaltete sich Frau Maifarth ein.

Oder war es doch Frau Simbach?

»Hierarchieübergreifende Affären sind problematisch.

Wenn Macht ins Spiel kommt, kann es gefährlich werden.«

Als ich einwand, viele Sekretärinnen würden doch ihren Chef heiraten, brach im Studio eine heftige Diskussion über die Geschlechterrollen im Arbeitsleben aus. Ich hatte Mühe, die zwei Damen zu bremsen und verabschiedete schnell den Anrufer.

Ein Blick auf die Studiouhr: noch nicht mal die Hälfte der Zeit war vorbei. Meine Anspannung war so stark, daß ich einen steifen Nacken bekam und den Kopf kaum noch bewegen konnte. Wie eine Schildkröte drehte ich den Hals hin und her, wenn ich mit meinen Studiogästen sprach.

Endlich waren zwei Stunden vorbei. Ich bedankte mich bei den Zuhörern und den Expertinnen, der Ausstiegs-Jingle erklang, und da flog auch schon die Tür auf, und Frau Wüster stürmte herein.

»Phantastisch«, rief sie, »als hätten Sie Ihr Leben lang nichts anderes gemacht!«

Gemäßigteren Schrittes war ihr Programmdirektor Bammer gefolgt.

»Glückwunsch, Frau Schrader. Sie sind ein echtes Naturtalent.«

Ich war fix und fertig. Die Schwitzflecken unter meinen Armen hatten die Taille erreicht, meine Hände zitterten, ich fühlte mich, als wäre ich dem Schleudergang der Waschmaschine entstiegen.

»Nie wieder«, stieß ich hervor, »das ist ja schlimmer als die Abiturprüfung!«

Alle lachten.

»Man hat Ihnen die Nervosität überhaupt nicht angemerkt«, sagte die Psychologin bewundernd,

»übrigens, mein Name ist Simbuck, nicht Simbach.«

Wenn das mein einziger Fehler gewesen war, konnte ich wirklich froh sein, wenn man bedenkt, was noch alles hätte schiefgehen können. Ich war plötzlich ganz schön stolz auf mich.

»Wie viele Leute haben die Sendung jetzt ungefähr gehört?« fragte ich neugierig.

Herr Bammer lächelte nachsichtig.

»Liebe Frau Schrader! Glauben Sie wirklich, wir hätten eine blutige Anfängerin live auf Sendung gelassen? Das war natürlich eine Aufzeichnung. Wir haben Sie glauben lassen, wir seien live, um Ihre Nerven zu testen.«

Ich traute meinen Ohren nicht. »Und die Anrufer?«

»Hier aus dem Sender. Alles liebe Mitarbeiter von uns.«

Ich schnappte nach Luft. »Soll das heißen, ich habe mich völlig umsonst aufgeregt? Ich habe die ganze Zeit in eine Mülltüte geredet, und kein Schwein hat’s gehört?« kreischte ich hysterisch.

Frau Wüster, Herr Bammer und die zwei Damen schauten betreten beiseite.

Dann nickte Herr Bammer.

»Es war zu Ihrem eigenen Schutz. Viele halten den Streß beim ersten Mal nicht durch.«

Die trauen mir’s also doch nicht zu, dachte ich wütend.

Ich fühlte mich hintergangen und gedemütigt. Was sollte ich den Kindern sagen, die umsonst vor dem Radio gesessen hatten, und was Friedrich? Der würde sich doch schlapplachen, wenn er die Geschichte hörte.

»Sonst noch Überraschungen?« fragte ich.

»Ja«, meinte Bammer, »wenn Sie wollen, machen wir bald die nächste Sendung. Die geht dann garantiert nach draußen.«

»Das muß ich mir erst noch überlegen«, schnauzte ich und verließ grußlos das Studio.

»Was zahlen sie?« wollte Rilke als erstes wissen.

»Keine Ahnung. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es mache, so wie die mich verarscht haben.«

»Sei bloß nicht zickig. Die haben dich vor einer möglichen Blamage bewahrt, du solltest denen dankbar sein.«

Er griff nach einem Buch und begann zu blättern.

Wir lagen nackt auf seinem Bett, gerade hatten wir zusammen geschlafen, und er schien so weit weg, als säße er auf dem Mars.

»Rilke, was ist los mit dir?« fragte ich. »Du hast dich verändert.«

Er ließ das Buch sinken, legte es aber nicht weg.

»Ich habe mich nicht verändert, es hat sich verändert.«

»Es?«

Ich spürte, daß er nicht reden wollte. Aber ich hielt es nicht aus, innerlich so getrennt von ihm zu sein. Ich fuhr ihm mit der Hand durch die Haare, wollte mit der Berührung die Distanz überwinden.

»Was meinst du mit ›es‹?« fragte ich noch mal.

»Das zwischen uns«, antwortete Rilke widerwillig. »Die Spannung ist weg, der Alltag erdrückt uns. Am Anfang war alles leicht. Jetzt diskutieren wir über Geld und streiten uns, weil du eifersüchtig bist.«

Das war ungerecht. Nie hatte ich versucht, ihn einzuengen, seine Bewegungsfreiheit zu beschränken. Daß ich ihn begehrte und ihm nahe sein wollte, konnte er mir doch nicht zum Vorwurf machen!

»Du hast vorgeschlagen, daß ich bei dir wohnen soll«, erinnerte ich ihn.

»Für eine Weile. Bis du was anderes gefunden hast. Du hast ja überhaupt nicht gesucht.«

Ich war wie vom Donner gerührt. Zugegeben, wir hatten die »Weile« nie genau definiert, aber ich hatte immer den Eindruck gehabt, es sei in Ordnung für ihn, daß ich da war. Jetzt tat er so, als hätte ich mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bei ihm eingenistet.

Gut, das mit Friedrichs Annäherungsversuch war geschwindelt gewesen. Aber anders hätte Rilke sich doch nie einen Ruck gegeben und seine verdammte Angst vor Nähe überwunden.

»Soll ich gehen?« fragte ich.

»Nein, so habe ich es nicht gemeint. Nur, irgendwas muß sich ändern. Mir ist das zu … zu spießig.«

Ohne ein weiteres Wort zog ich mich an und ging rüber in mein Zimmer. Dort legte ich mich aufs Bett und starrte an die Decke. Spießig. Ich war ihm zu spießig.

Ich wusch seine Klamotten, weil sie im Bad rumflogen, und das war spießig. Ich kaufte ein und kochte, weil ich gerne was anderes aß als Tiefkühlpizza, und das war spießig. Ich vermißte ihn, wenn er weg war und freute mich, wenn er kam, und das war spießig.

Irgendwann wurde mir klar, daß es um etwas anderes ging.

Er war jung und neugierig und hatte alles noch vor sich.

Ich war nicht mehr jung und ziemlich abgeklärt und hatte das meiste schon hinter mir. Er suchte das Abenteuer, das Neue, noch nie Erlebte. Und ich konnte ihm, obwohl ich so gerne gewollt hätte, dabei nicht folgen.

Manche Reisen kann man nur mit jemandem machen, der am gleichen Punkt steht wie man selbst. Wir standen an völlig unterschiedlichen Punkten unseres Lebens.

Und trotzdem war ich so in den Kerl verliebt, daß ich es kaum ertrug. Was sollte ich bloß machen?