Vier
Queen Mum rückte an, mitsamt ihrem Bett, der Spezialmatratze aus Latex, ihrem ergonomischen Schreibtischstuhl, drei Koffern und vier Taschen. Das winzige Gästezimmer platzte aus allen Nähten. Eigentlich hätte ich Lucy bitten können, ihr Zimmer zu räumen und ins Gästezimmer zu ziehen, aber in einem letzten Anflug von Auflehnung hatte ich auf diese Geste der Höflichkeit verzichtet.
Friedrich hatte nur schicksalsergeben mit dem Kopf genickt, als er das Unvermeidliche erfuhr.
»Ich hoffe nur, du bist nicht wochenlang schlecht drauf«, war sein einziger Kommentar gewesen.
Er hatte eine aufreizende Fähigkeit entwickelt, sich aus allem rauszuhalten. Wenn ihm was nicht paßte, flüchtete er ins Labor und versenkte sich in seine Desoxyribonukleinsäuren.
Ich hatte bei der Bank beantragt, ab sofort fünf Vormittage die Woche eingesetzt zu werden, was zur Folge hatte, daß Herr Hinterseer mich leicht erreichen konnte. Der hatte nämlich seit dem Tag unseres ersten Gespräches jeden Tag nach mir gefragt. Ich war zum Gespött meiner Kollegen geworden und sah keine andere Chance mehr, mir den Kerl vom Leib zu schaffen, als ihn in einem persönlichen Gespräch aufzufordern, mich nicht weiter zu belästigen.
»Dann hab ich es also endlich geschafft«, frohlockte er, als ich hinter vorgehaltener Hand ins Telefon flüsterte, daß ich bereit sei, mich mit ihm zu treffen, aber nur, wenn er mich bis dahin nicht mehr in der Bank anriefe.
Für unser Treffen hatte ich ein Lokal vorgeschlagen, von dem Doro mir mal erzählt hatte. Da sie mit völlig anderen Leuten verkehrte, war ich ziemlich sicher, daß keiner unserer Freunde oder Bekannten dort auftauchen würde.
Es wäre einfach zu peinlich gewesen, mit Herrn Hinterseer gesehen zu werden; ganz zu schweigen davon, daß Friedrich nichts erfahren durfte. Ihm hatte ich gesagt, ich ginge mit einer Kollegin ins Kino.
Als ich mich zum Ausgehen fertigmachte, spürte ich ein ungewohntes Kribbeln im Bauch. Wie lange war es schon her, daß ich mich für einen anderen Mann schöngemacht hatte?
Natürlich schmiß ich mich nicht richtig in Schale, ich zog nur das einzig wirklich teure Kleid an, das ich besaß, und schminkte mir Augen und Lippen. Ich hatte ein bißchen Mühe, den durch Queen Mums Einzug verursachten neuerlichen Ausbruch der Urtikaria zu überschminken, aber mit einem Abdeckstift von Lucy gelang es mir einigermaßen.
Als ich fertig war, sprang Jonas in meine Arme.
»Du bist wunderschön, Mami! Und wie gut du riechst!«
Ich schob ihn vorsichtig von mir.
»Paß auf, Schätzchen, mein Kleid.«
Ich küßte mit meinem Lippenstiftmund an seinem Ohr vorbei. »Und sei brav zu Omi!«
Mit dem Gefühl, etwas aufregend Verbotenes zu tun, verließ ich das Haus.
Das bayerische Lokal paßte zu Herrn Hinterseers Dialekt. Die Gaststube war stilecht mit Hirschgeweihen und karierten Vorhängen ausgestattet. An klobigen Wirtshaustischen saßen Männer beim Bier, einige Familien und ältere Ehepaare aßen Schweinsbraten mit riesigen Knödeln. Suchend sah ich mich um. In meinem Kopf hatte ich ein ziemlich präzises Bild von dem Mann, mit dem ich verabredet war. Ich stellte ihn mir behäbig vor, mit einem Bart, vielleicht sogar in Lederhosen und Lodenjanker. Er hatte sich am Telefon nicht beschrieben; unser Erkennungszeichen war ein zusammengerolltes Exemplar der »Woche«.
Ich sah mich um. Es waren nur drei Personen im Raum, die allein am Tisch saßen. Eine hagere ältere Frau, die in beängstigender Geschwindigkeit einen Teller Schinkennudeln in sich hineinschaufelte, und zwei Männer, der eine mit Anzug und Krawatte, der andere mit Bart und Lodenjanker.
Ich steuerte auf den Bärtigen zu. Als ich schon im Begriff war, mich an seinen Tisch zu setzen, bemerkte ich das Fehlen der verabredeten Zeitung. Verwirrt sah ich mich um. Der Anzugtyp schaute rüber und zeigte auf die
»Woche«, die neben seinem Weinglas lag.
Als ich auf ihn zuging, erhob er sich höflich und kam mir entgegen. »Frau Schrader?«
Ich nickte.
Dieser Typ entsprach so überhaupt nicht der Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht hatte, daß ich einen Moment brauchte, um mich von der Überraschung zu erholen. Mitte vierzig, schlank, kurzes, dunkelblondes Haar, ein sympathisches, eher weiches Gesicht, dessen hervorstechendes Merkmal ein schön geschnittener Mund war. Kein Tom Cruise, aber mit Rudolf Scharping konnte er’s allemal aufnehmen. Ich sollte ihn mit Doro bekannt machen, dachte ich flüchtig.
»Enttäuscht?« fragte er, unsicher lächelnd.
Ich erinnerte mich an den Zweck unserer Zusammenkunft und setzte ein unverbindliches Gesicht auf.
»Herr Hinterseer«, begann ich ohne Umschweife, »ich habe mich ausschließlich mit Ihnen getroffen, um Sie zu bitten, Ihre Anrufe in der Bank einzustellen. Ich habe Ihnen bereits mehrfach gesagt, daß ich eine glücklich verheiratete Frau bin und daß Ihre Bemühungen sinnlos sind.«
Mein Gegenüber sah mich träumerisch an. Er hatte gar nicht zugehört.
»Sie sehen genauso aus, wie ich Sie mir vorgestellt habe.
Weich und weiblich, wie Ihre Stimme. Wissen Sie, wenn man Ihre Stimme hört, kriegt man Lust, Ihnen sein ganzes Leben zu erzählen.«
Das hatte mir gerade noch gefehlt! Andererseits mußte ich den Abend ja nicht gleich beenden. Wofür hatte ich mich aufgeputzt? Ich konnte mich ja ein bißchen mit ihm unterhalten, einfach so. Ich setzte mich hin.
»Sie sind Weintrinker?« fragte ich wenig originell.
»Ja, obwohl ich ein echter Bayer bin, mag ich kein Bier.
Fast schon tragisch ist das, es nimmt einen ja keiner ernst hierzulande.«
»Ich mag Bier«, sagte ich in einem Ton, als wollte ich ihm vor Augen führen, wie unversöhnlich die Gegensätze zwischen uns waren. Ich winkte der Kellnerin.
»Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?« setzte ich die Konversation fort.
»Sie dürfen mich fragen, was Sie wollen«, lächelte er treuherzig.
Bevor es dazu kam, öffnete sich die Tür der Gaststube, und eine Gruppe von Leuten drängte lachend und schwatzend hinein. Ich streifte die Gesichter mit einem beiläufigen Blick und erstarrte. Eine der Personen war Doro. Im gleichen Moment sah sie mich, und obwohl mir der Schweiß ausbrach, merkte ich, daß auch sie ein betretenes Gesicht machte. Im nächsten Moment wußte ich, warum. Der letzte der Gruppe, der gerade die Tür hinter sich schloß, war Friedrich.
Er sah mich an, mit einem irgendwie abwesenden Ausdruck; einen Moment lang wirkte er, als wüßte er nicht genau, woher er mich kannte. Dann kam er auf mich zu.
Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg, meine Handinnenflächen wurden feucht.
»Anna, was machst du denn hier, ich dachte, du bist im Kino?« fragte Friedrich so freundlich, wie man eine Bekannte behandelt, die man lange nicht gesehen hat.
Es war merkwürdig, diesem Mann, mit dem ich Nacht für Nacht im gleichen Bett schlief, der mir bei der Geburt unserer Kinder den Rücken massiert hatte und der mich kannte wie kein anderer, an einem fremden Ort zu begegnen. Ich hatte immer gedacht, wir wüßten alles voneinander, aber plötzlich sah es so aus, als hätte jeder von uns ein eigenes Leben, von dem der andere nichts ahnte.
»Das ist Herr Hinterseer.« Ich zeigte unbeholfen auf meinen Begleiter.
»Herr Hinterseer, mein Mann.«
Die beiden Männer begrüßten sich per Handschlag. Jetzt kam auch Doro an den Tisch.
»Na, das ist ja ’ne Überraschung!« sagte sie munter und küßte mich. Dann streckte sie Herrn Hinterseer die Hand entgegen.
»Doro Tanning, sehr angenehm!«
Obwohl ich durch dieses unerwartete Zusammentreffen im höchsten Grade alarmiert war, beobachtete ich neugierig, wie er auf Doro reagierte. Ich hatte gelegentlich mit Neid bemerkt, wie sich bei Doros Anblick die Pupillen von Männern schlagartig weiteten und ihre Muskulatur sich straffte. Herr Hinterseer grüßte freundlich, aber seine Pupillen blieben unverändert. Vielleicht war Doro nicht sein Typ.
Der Abend ging weiter, wie ich es mir am wenigsten vorgestellt hatte: Doro und Friedrich setzten sich zu uns, wir unterhielten uns wie Leute, die sich zufällig kennengelernt hatten. Friedrich war geistreich und gesprächig wie lange nicht, Doro drehte ein paar Papierkügelchen und versuchte, Hinterseer zu beflirten.
Der erzählte von seiner Tätigkeit als Optiker, und Doro tat so, als könne sie sich keinen spannenderen Beruf vorstellen.
Die Situation hatte etwas durchaus Stimulierendes, wie durch eine geheime Verabredung wurden die entscheidenden Fragen nicht gestellt.
Kaum waren Friedrich und ich wieder zu Hause, war es vorbei mit der vornehmen Zurückhaltung.
»Erklär mir bitte, warum du mit einem wildfremden Mann zusammensitzt, während du angeblich mit einer Kollegin im Kino bist?« brüllte Friedrich.
»Schrei mich nicht so an!« brüllte ich zurück.
Im gleichen Moment fiel mir ein, daß Queen Mum im Zimmer gegenüber schlief. Beziehungsweise nicht mehr schlief, wie ich annahm. Den Spaß wollte ich ihr nicht gönnen, sie an unserem Ehekrach teilhaben zu lassen.
Mit einem wildfremden Mann! Wie er das so sagte, klang es in der Tat nach einer schwerwiegenden Verfehlung.
Aber ich hatte mir längst eine Ausrede zurechtgelegt.
Mit deutlich leiserer Stimme sagte ich: »Herr Hinterseer ist der Freund meiner Kollegin. Sie hatte einen schweren Migräneanfall, und bis sie entschieden hatte, daß sie sich ins Bett legt, war es zu spät fürs Kino. Da hat er vorgeschlagen, daß wir was trinken gehen. Ich wollte nicht unhöflich sein.«
Ich wunderte mich, wie leicht mir diese Lüge von den Lippen ging. Gleichzeitig begann ich mich zu fragen, warum ich ihm überhaupt eine Lüge auftischte. Aber die Wahrheit klang eben viel unwahrscheinlicher.
»Das soll ich dir glauben?« Friedrich schaute skeptisch.
Ich hatte beschlossen, so schnell wie möglich von mir abzulenken. Schließlich war es auch ungewöhnlich, daß er mit Doro zusammen aufgetaucht war. Mit ein bißchen bösem Willen könnte auch ich ihm einiges unterstellen.
»Darf ich wenigstens erfahren, wie es kommt, daß du in Gesellschaft meiner Freundin warst?«
Friedrich machte eine ungeduldige Handbewegung, um zu zeigen, daß es darum jetzt überhaupt nicht ginge.
»Doro hat angerufen, als du gerade das Haus verlassen hattest. Sie wollte eigentlich fragen, ob du Lust auf ein Bier hast. Als sie hörte, daß du nicht da bist, hat sie aus purer Verlegenheit mich gefragt.«
Genauso hatte ich es mir vorgestellt. Eigentlich schade, dachte ich. Wenn er ein schlechtes Gewissen hätte, würde er mich vielleicht jetzt in Ruhe lassen. So mußte ich mich weiter bemühen, ihn zu beruhigen.
Ich legte ihm die Arme um den Hals.
»Schatz, glaubst du wirklich, ich würde mich mit meinem Geliebten stundenlang in eine blöde bayerische Bierwirtschaft setzen? Da wäre mir die Zeit doch zu schade.«
Das schien ihm einzuleuchten.
»Also gut, ich glaub dir jetzt einfach mal. Oder nein, aus Mangel an Beweisen spreche ich dich vorläufig frei«, flachste er unbeholfen.
Unser Versöhnungskuß wurde schnell zu einem wilden Liebesakt, dessen besondere Leidenschaft ich der Tatsache zuschrieb, daß Friedrich heute abend mit dem schleichenden Gift der Eifersucht in Berührung gekommen war, und das hatte sich ja schon immer als anregend erwiesen.
Das Zusammenleben mit Queen Mum war wie ein Spaziergang auf einem Minenfeld. Wir schlichen vorsichtig umeinander herum, immer bestrebt, die Kreise des anderen nicht zu stören.
Mit spitzen Fingern entfernte ich volle Aschenbecher, riß demonstrativ die Fenster auf und räumte ärgerlich ihre Naturkosmetiktöpfchen im Badezimmer hin und her, weil sie mir überall im Weg waren. Sie verstreute hie und da kritische Bemerkungen über unsere Eßgewohnheiten, die Manieren meiner Kinder und meine Qualitäten als Mutter.
Nur Friedrich ließ sie ungeschoren, für ihn hegte sie eine Mischung aus Respekt und echter Zuneigung.
Gelegentlich flirtete sie regelrecht mit ihm.
Weil wir beide spürten, daß jeder unbedachte Schritt eine Explosion auslösen könnte, war unser Umgangston ungewohnt höflich und rücksichtsvoll. Aber es kam, wie es kommen mußte, eines Tages war es vorbei mit dem trügerischen Frieden.
Lucy, die mir seit Wochen wegen des Konzertes irgendeiner dämlichen Boy Group in den Ohren gelegen hatte, nahm heimlich Geld aus meiner Handtasche. Ich hatte mich geweigert, ihr welches zu geben, weil ich ihre miesen Schulnoten nicht mit einer achtzig Mark teuren Konzertkarte belohnen wollte. Ich war wütend und erschrocken über ihren Diebstahl; so was hatte sie noch nie gemacht. Streng stellte ich sie zur Rede.
»Wenn du mir keine Kohle gibst, dann zwingst du mich ja zum Klauen«, heulte sie. »Alle gehen da heute abend hin, das kannst du mir einfach nicht antun.«
Die Wimperntusche lief über ihr Kindergesicht, die Unterlippe zitterte, plötzlich war sie kein gräßlicher Teenager mehr, sondern ein armes kleines Mädchen, das in den Arm genommen werden wollte. Fast hätte sie mein Mutterherz erweicht.
Konsequenz! blinkte es da warnend, Konsequenz ist das A und O der Erziehung!
»Nein, Lucy, klauen geht einfach zu weit. Wenn ich dir nicht mehr vertrauen kann, kann ich auch nicht mehr großzügig sein. Diesmal mußt du die Konsequenzen tragen.«
Ich mußte einfach hart bleiben. Weil es zum Besten meines Kindes war. Weil ich mir später nicht vorwerfen lassen wollte, ihr keine Grenzen gesetzt zu haben.
Queen Mum kam, eine Zigarette zwischen den Lippen, in die Küche geschlendert, wo unsere Auseinandersetzung stattfand.
Lucy witterte ihre letzte Chance.
»Omi, Mami will mir kein Geld fürs Konzert geben!«
Queen Mum sah mich verständnislos an.
»Gönn dem Kind doch ein bißchen Kultur«, meinte sie, zog einen Hundertmarkschein aus der Tasche und gab ihn Lucy. »Hier, lad dir noch eine Freundin ein. Und für den Rest könnt ihr was trinken. Aber keine Cola!«
»Danke, Omi!« jubelte Lucy und machte, daß sie wegkam.
»Was fällt dir ein, Mummy!« schrie ich empört. »Lucy hat mich beklaut, und du schenkst ihr hundert Mark?«
»Ich bin ihre Großmutter, ich muß sie nicht erziehen«, antwortete sie lächelnd.
»Aber ich muß sie erziehen, und ich finde es unglaublich, wie du dich hier einmischst!« brüllte ich, jetzt völlig außer mir.
Der Gesichtsausdruck meiner Mutter veränderte sich schlagartig. Plötzlich sah sie traurig und gequält aus.
»Dir kann ich es sowieso nicht recht machen. Alles, was ich mache, empfindest du als Einmischung. Dabei meine ich es nur gut. Aber du kannst nichts von mir annehmen.
Am besten ist, ich gehe doch ins Hotel.«
Sie verließ die Küche.
Ich blieb zurück, die Fäuste geballt.
Es war so ungerecht! Ich hatte mir solche Mühe gegeben.
Was konnte ich dafür, daß alles so schwierig zwischen uns war? Es war doch ganz gut gelaufen, und jetzt kam sie wieder mit der alten Nummer: Du liebst mich nicht genug.
Dagegen war ich machtlos, damit war jede Diskussion beendet. Dabei hatte doch sie einen Fehler gemacht! In meiner Wut flüchtete ich ins Schlafzimmer, warf mich aufs Bett, trommelte mit den Fäusten auf die Matratze.
Ich liege auf dem Boden meines Kinderzimmers, das Gesicht in den Armen vergraben, der Körper von Schluchzen geschüttelt. Meine Klassenkameraden machen einen Schulausflug, ich darf nicht mit, ich habe Hausarrest.
Der Grund für die Strafe ist, daß ich gelogen habe. Ich habe der Lehrerin gesagt, daß ich nicht weiß, wer die Topfpflanze in unserem Klassenzimmer runtergeworfen hat. Dabei weiß ich es, es war Britta. Und Britta ist meine Freundin. Ich habe überlegt, was schlimmer ist: die Lehrerin anzulügen oder eine Freundin zu versetzen.
Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es besser ist, die Lehrerin zu belügen. Andere Kinder in meiner Klasse haben das anders gesehen und mich verpetzt.
Meine Eltern interessieren sich nicht für die Hintergründe, ihnen reicht es, daß ich gelogen habe. Und so liege ich in meinem Zimmer und weine und wünsche mir, tot zu sein. Ich stelle mir vor, wie alle zu meiner Beerdigung kommen. Die Lehrerin, meine Mitschüler, meine Eltern.
Die Wahrheit ist inzwischen ans Licht gekommen, alle bewundern mein edelmütiges Verhalten, meine Eltern werfen sich schluchzend über meinen Sarg und machen sich die entsetzlichsten Vorwürfe, weil sie mich so ungerecht behandelt haben.
Die Vorstellung ist so wahnsinnig rührend, daß ich noch mehr weinen muß. Gleichzeitig ist sie tröstlich, und so schlafe ich über meinem Kummer ein.
Plötzlich stand Jonas im Zimmer.
»Was ist mit dir, Mami?«
Ich schreckte hoch, lächelte ihn mit rotgeweinten Augen an und versuchte, meiner Stimme einen normalen Klang zu geben. »Alles o. k., Schätzchen. Komm her.«
Ich nahm ihn in die Arme und wiegte ihn wie ein Baby.
Dabei kamen mir wieder die Tränen. So zart waren sie, so zerbrechlich, die Körper und Seelen dieser kleinen Biester. Und ständig machte man alles falsch, obwohl man sich geschworen hatte, alles besser zu machen. Besser als die eigenen Eltern, diese Versager.
Immer wieder erschrak ich bei dem Gedanken, daß ich verantwortlich für meine Kinder war, daß ich sie an der Hand nehmen und ins Leben führen sollte. Dabei hatte ich das Gefühl, daß ich ganz dringend jemanden brauchte, der mich an der Hand nahm.
Ich dachte an den Moment, als ich Jonas nach der Geburt zum ersten Mal angesehen hatte. Seine Augen waren weit geöffnet gewesen, auf seinem Gesicht hatte ein Ausdruck von Weisheit gelegen. Ich hatte gefühlt, daß er in diesem Augenblick noch Dinge wußte, die aus einer anderen Welt waren, die bald für immer vergessen sein würden. Ich hatte eine unendliche Ehrfurcht vor dem Leben empfunden, vor dieser gewaltigen Fähigkeit der Natur, sich immer wieder neu zu erschaffen.
Jonas lag entspannt in meinem Arm und nuckelte gemütlich am Daumen, trotz seiner fünf Jahre.
»Hast du geweint, Mami?«
»Ja, hab ich. Auch Erwachsene sind manchmal traurig.«
Seine kleine, warme Hand fuhr täppisch in meinem Gesicht hin und her beim Versuch, mich zu trösten.
»Ist es wieder gut?«
Energisch zog ich die Nase hoch. »Ja, jetzt ist es wieder gut.«
Natürlich dachte Queen Mum nicht daran, ins Hotel zu ziehen. Beim Abendessen saß sie putzmunter am Tisch und tat, als sei nichts gewesen. Auch ich ließ mir nicht anmerken, wie sehr der Vorfall mich mitgenommen hatte.
Das einzig Verdächtige war Lucys Verhalten. Sie war zuckersüß wie schon lange nicht mehr.
»Was ist los, Töchterlein«, flachste Friedrich, »bist du krank?«
»Lucy ist verliehiebt, Lucy ist verliehiebt!« sang Jonas.
Lucy gab ihm eine Kopfnuß. »Jonas ist ein Blödmann, Jonas ist ein Blödmann«, sang sie zurück.
»Was ist das eigentlich für ein Konzert, Lucy?« fragte Queen Mum. »Klavier, Gesang oder Orchester?«
Lucy lief rot an. »Äh … von allem so’n bißchen.«
Ich feixte innerlich. Queen Mum würde durchdrehen, wenn sie erführe, daß Lucy ihr Geld dafür ausgeben wollte, fünf halbwüchsigen Bengeln in idiotischen Klamotten dabei zuzusehen, wie sie zu Playback-Musik den Mund auf- und zuklappten.
»Bring doch ein Programm mit«, forderte ich Lucy auf.
»Gute Idee«, stimmte Queen Mum zu. Lucy warf mir einen vernichtenden Blick zu.
Als ich mich bei Friedrich über meine Mutter beklagte, schaute er kurz von seinem Wissenschaftsmagazin hoch.
»Nimm sie einfach nicht so ernst. Du regst dich viel zu sehr auf.«
Ich schnaubte. »Du hast gut reden! Du hältst dich aus allem raus und überläßt mir den ganzen Ärger.«
»Darf ich dich daran erinnern, daß sie deine Mutter ist?«
Er wollte sich wieder in seinen Artikel über Organtransplantation versenken. Wütend riß ich ihm die Zeitschrift weg.
»Kannst du dich einmal für das interessieren, was mich beschäftigt?«
Er nahm mir die Zeitschrift wieder ab.
»Du bist fast vierzig und benimmst dich wie ein kleines Mädchen. Ich habe diese ewigen Streitereien zwischen euch wirklich satt.«
Wieder machte er einen Versuch weiterzulesen. Jetzt wurde ich hysterisch.
»Du könntest wenigstens einmal meine Partei ergreifen oder irgendwie zeigen, daß du solidarisch mit mir bist.
Aber du willst immer nur deine Ruhe. Du bist echt der letzte Macho!«
Friedrich warf mir einen kühlen Blick zu.
»Wenn du nicht aufpaßt, wirst du wie deine Mutter.«
Ich war so außer mir, daß ich ihm am liebsten eine geknallt hätte. Wütend drehte ich mich weg. Hatte ich wirklich so ein Arschloch geheiratet?