Acht

 

ERLEBEN SIE EIN UNVERGESSLICHES WOCHENENDE IN EXKLUSIVER UMGEBUNG, UND PROFITIEREN SIE VON UNSEREN SEMINARANGEBOTEN »MEHR SELBSTBEWUSSTSEIN«, »FARBTYP-BERATUNG« UND »ERFOLG IST LERNBAR«. ZUR ENTSPANNUNG STEHEN IHNEN IM SCHLOSSHOTEL EIN SWIMMINGPOOL UND EIN FITNESSCENTER ZUR VERFÜGUNG. EIN SCHÖNES WOCHENENDE WÜNSCHT IHNEN, LIEBE MITARBEITERIN, DIE LEITUNG VON »CALL YOUR BANK«!

 

Überwältigt ließ ich die Einladung sinken. Ich war tatsächlich unter den Auserwählten! Schon seit Wochen war im Kreise meiner Kolleginnen gerätselt worden, wer dieses Jahr zu den Glücklichen gehören würde, die als Dank für ihren Einsatz das begehrte Entspannungswochenende im bankeigenen Schloßhotel verbringen dürften.

Das war genau, was ich jetzt brauchte! Einfach mal raus aus dem Alltag, weg von Kindern, Müttern und Kiga-Kampfgruppen. Eigentlich hatte ich mir so ein Wochenende gemeinsam mit Friedrich vorgestellt, aber die Idee, auch ihn mal für drei Tage nicht zu sehen, erschien mir plötzlich verlockend.

Ich begann sofort, mir Gedanken über die Organisation zu machen. Ich hatte meine Familie noch nie für drei Tage alleingelassen, es kam mir vor, als stellte ich einen äußerst kühnen Plan auf. Endlich würde sich meine Gastfreundschaft auszahlen, meine Mutter würde Friedrich und die Kinder betreuen und dafür sorgen, daß sie was zu essen bekamen. Zwar körnermäßig, aber immerhin.

Ich stürmte in Queen Mums Zimmer, die gerade eine Lektion ihres japanischen Sprachkurses hörte.

»Yuroschku onigaischimas«, sagte eine Männerstimme.

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, antwortete Queen Mum.

»Matta yuroschku.«

»Bis zum nächsten Mal.«

»Idadaikimas.«

»Guten Appetit.«

»Gengki?«

»Wie geht’s?«

»Sayonara.«

»Auf Wiedersehen.«

»Du, Mummy«, sprudelte ich ungeduldig hervor, »vom Zwölften bis Vierzehnten bin ich zu einem Schulungs-Wochenende meiner Bank eingeladen (das klang besser, als »Entspannungs-Wochenende«.) Kümmerst du dich um Friedrich und die Kinder?«

Meine Mutter schaltete den Recorder aus und kramte nach ihrem Kalender.

»Zwölfter bis Vierzehnter? Da habe ich Klassentreffen in Travemünde, tut mir leid, Anna-Kind.«

Sie legte den Kalender weg, als sei damit das Thema beendet.

In mir braute sich ein unbändiger Zorn zusammen. Seit über drei Monaten wohnte meine Mutter unter meinem Dach, wir fütterten sie durch und ertrugen ihre Marotten.

Einmal, ein einziges Mal, bat ich sie um einen Gefallen, und sie lehnte ab.

»Ist gut, Mummy, war ja nur ’ne Frage«, sagte ich gepreßt.

Ich schloß die Tür hinter mir, meine Knöchel waren weiß, so sehr umklammerte ich den Türgriff beim Versuch, mich zu beherrschen. Ich platzte fast vor Wut.

Am meisten ärgerte ich mich darüber, daß ich es mal wieder nicht fertiggebracht hatte, ihr die Meinung zu sagen. Immer schluckte ich alles, und wenn ich mich doch mal zur Wehr setzte, hatte ich hinterher ein schlechtes Gewissen.

Wer sonst könnte einspringen? Ich zerbrach mir den Kopf, bis ich den rettenden Einfall hatte: Doro! Ich rief sie an und verabredete mich mit ihr für den Abend.

»Betrachte es als eine Art Probewohnen, drei Tage mit Familie im Reihenhaus, damit du weißt, was dir mal blüht!«

Doro sah mich überrascht an. »Können sich die drei nicht selbst versorgen?«

»Dann essen die Kinder nur Süßigkeiten, glotzen den ganzen Tag fern, gehen nicht ins Bett und lassen das Haus verkommen. Friedrich kommt Freitag abend spät heim und muß auch Samstag und Sonntag für ein paar Stunden ins Labor, weil er einen Versuch laufen hat. Mir wäre einfach wohler, wenn jemand da wäre.«

»Meine Kochkünste sind nicht gerade der Hit«, warnte Doro.

»Egal, die Kinder essen alles, und Friedrich läßt sicher mal ’ne Pizza springen oder eine Einladung ins Restaurant.«

Sie schaute immer noch skeptisch. Ich beugte mich vor, suchte ihren Blick.

»Bitte, Doro, ich habe mich so auf dieses Wochenende gefreut.«

Sie nickte zögernd.

»Also gut, aber auf deine Verantwortung!«

Ich umarmte sie. »Danke! Du bist eine echte Freundin!«

Wir verbrachten noch einen gemütlichen Abend, hechelten ihre neuesten Männergeschichten durch und tranken ein paar Gläser zuviel.

Friedrich war gar nicht begeistert.

»Das ist doch nicht nötig«, sagte er, »die Kinder sind groß genug.«

»Sei doch froh, wenn dir jemand hilft! Ich schicke dir ja keine Schwester von der Caritas, sondern eine nette Freundin.«

Friedrich brummte irgendwas.

Ich verstand nicht, warum er so ablehnend war. Ich nahm an, er war neidisch auf meinen Wochenendtrip; sicher wäre er genauso gerne weggefahren wie ich.

Weil es im Schloßhotel ein Schwimmbad gab, mußte ich mir dringend einen Badeanzug kaufen. An einem der nächsten Vormittage betrat ich forschen Schrittes einen Laden. Ich war die einzige Kundin, und zwei Verkäuferinnen, denen offenkundig sterbenslangweilig war, stürzten sich gleichzeitig auf mich. Wenig später fand ich mich mit einer Auswahl von zwölf Badeanzügen und Bikinis Größe 40/42 in einer der Garderoben wieder. Ich begann, meinen winterweißen Körper aus den Kleidern zu schälen, und mit jedem Stück, das ich ablegte, wuchs mein Entsetzen. Ich war nicht mollig, ich war fett. Mein Bauch wabbelte, meine Beine waren cellulitisch bis zum Knöchel, mein Hintern quoll in Wülsten aus dem Slip hervor, es war zum Erbrechen.

Die Beleuchtung in der Kabine ließ jede noch so winzige Delle in meiner Haut zu einem Krater anwachsen, und aus jeder Rundung wurde eine konturlose Masse. Ohne ein einziges Teil anprobiert zu haben, zog ich mich wieder an, drückte einer der Verkäuferinnen die zwölf Bügel in die Hand und verließ, mit den Tränen kämpfend, den Laden.

Ich ging schnell ein paar Schritte, dann begann ich zu heulen. Eine Welle von Selbsthaß überrollte mich, verzweifelt schniefte ich vor mich hin.

Dieser unförmige Fleischklumpen sollte ich sein? Das war mein Körper, meine sterbliche Hülle, der Anblick, den ich der Welt zumutete? In nacktem Zustand mutete ich ihn zwar nur Friedrich zu, aber die Vorstellung, daß jeder andere Mann bei diesem Anblick vermutlich schreiend davonlaufen würde, stürzte mich in Verzweiflung. In ein Hotelschwimmbad würden mich keine zehn Pferde bringen, am besten, ich sagte das Wochenende ab und buchte einen Monat in einer Fastenklinik! Ich stürzte in ein Café, erstand eine große Packung Champagnertrüffel und stopfte die klebrigen Kugeln in mich hinein. Dann betrat ich einen Gemüseladen und kaufte eine Tüte voller Gurken, Tomaten und Paprika.

Ich würde mein Leben ändern. Jetzt, genau in diesem Moment.

Abends stellte ich mich noch mal vor den Spiegel.

Im weichen Licht der Schlafzimmerlampe war mein Anblick längst nicht mehr so schrecklich. Natürlich war ich nicht gerade schlank, aber die Horrorvision, die mir das Kabinenlicht vorgespiegelt hatte, entsprach auch nicht der Wirklichkeit. Wenn ich bis zur Abfahrt ein bißchen aufpaßte, könnte ich vielleicht ein, zwei Pfund abnehmen.

Und nach dem Besuch des Seminares »Mehr Selbstbewußtsein« würde ich es sicher locker schaffen, vor den Augen meiner schlanken Kolleginnen in den Pool zu springen. Zur Not auch mit dem alten Badeanzug.

Ich packte Paprika, Gurken und Tomaten und legte sie in Queen Mums Kühlschrankfach. Ich mußte es ja nicht gleich übertreiben!

Am Tag meiner Abfahrt wies ich Doro in ihre Aufgaben ein und sprach ihr Mut zu. »Du schaffst das schon, bei anderen Leuten sind meine Kinder immer total brav. Und Friedrich wird sich überschlagen, du wirst sehen. Im Keller steht ein Karton mit sehr gutem Rotwein, solltest du Stärkung benötigen.«

Das Schloßhotel übertraf meine kühnsten Erwartungen.

Es lag in einem wunderschönen Park und wirkte wie eine Oase der Entspannung. Auf meinem Zimmer fand ich ein Schreiben vor, in dem ich willkommen geheißen und mit dem Programm der nächsten Tage vertraut gemacht wurde.

Genüßlich warf ich mich aufs Bett und sah mich um.

Der Raum war in weichen Apricottönen gehalten, das Vorhangmuster wiederholte sich im Bettüberwurf. Der Teppich war taubenblau, ebenso die Handtücher im Bad.

Vom Bett aus konnte ich gemütlich fernsehen, zwei Schritte entfernt war die Minibar, direkt neben mir das Telefon. Bevor ich es richtig merkte, hatte ich schon die Nummer von zu Hause gewählt.

»Hallo, Lucy, alles in Ordnung bei euch?«

Lucy stöhnte am anderen Ende der Leitung auf.

»Oh, Mann, Mami, du bist gerade mal drei Stunden weg, was soll denn passiert sein?«

»Ist o. k., Lucy, du hast recht, ich laß euch jetzt. Wenn irgendwas ist, ihr könnt mich jederzeit erreichen.«

»Ist gut, Mami, viel Spaß!«

Weg war sie.

Nach einem Begrüßungscocktail und dem gemeinsamen Mittagessen stand das erste Seminar auf dem Programm.

»Farbtyp-Beratung« war angesagt, und gespannt betrat ich den Salon Mozart, in dem eine farbenprächtig gekleidete Seminarleiterin auf Interessentinnen wartete.

Ich hatte beim Mittagessen nur eine einzige Kollegin aus meiner Filiale entdeckt; zum Glück war sie auch hier.

Sie war Anfang Zwanzig, sah aus wie eine Schwester von Claudia Schiffer und konnte vermutlich jede Farbe tragen, weil man ohnehin nur auf ihre Figur achtete.

Ich setzte mich zu ihr, und wir unterhielten uns im Flüsterton. Die anderen Teilnehmerinnen tröpfelten nacheinander herein, als niemand mehr kam, schloß die Leiterin die Tür, knipste ein professionelles Lächeln an und begann ihren Vortrag.

Sie sprach darüber, wie wichtig heutzutage gutes Aussehen sei und wieviel leichter es sei, gut auszusehen, wenn man die eigenen Schwächen und Stärken kenne. Sie behauptete, man könne alle Frauen in Typen einteilen, und zwar nach Form und Farbe. Die verschiedenen Formtypen waren Kasten, Eieruhr, Trapez und Birne. Die Farbtypen hießen Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Unauffällig sah ich mir die anderen Teilnehmerinnen an.

Die kräftige Brünette mir gegenüber war sicher ein Kasten. Ob ein Sommer- oder Winterkasten, konnte ich noch nicht sagen. Sabine, meine Kollegin, war zweifellos eine Eieruhr und in dieser Eigenschaft sehr beliebt bei den wenigen männlichen Mitarbeitern der Telefon-Bank.

Irene, wie sich die Leiterin vorgestellt hatte, führte nun die Unterschiede zwischen den Farbtypen vor. Zu diesem Zweck hielt sie Sabine und einer blassen, schwarzhaarigen Frau abwechselnd pinkfarbene und orangefarbene Tücher ans Gesicht. Tatsächlich, Sabines Teint schien bei Orange aufzublühen, während Pink sie blaß aussehen ließ. Die Schwarzhaarige dagegen wurde durch Pink zum Leben erweckt, während sie mit Orange noch fahler wirkte.

»Hier sehen Sie also zwei typische Vertreterinnen des Winter- und des Frühlingstyps. Darf ich jetzt Sie beide zu mir bitten?« sagte Irene und zeigte auf mich und eine weitere Teilnehmerin. Auch wir wurden mit verschiedenfarbigen Tüchern behängt, und unter starker Anteilnahme der anwesenden Damen stellte sich heraus, daß ich ein Herbsttyp war, während es sich bei der Kollegin um einen Sommertyp handelte.

Ich erfuhr noch, daß ich eine Birne wäre, und mit dieser bewegenden Erkenntnis verließ ich das Seminar.

Beim Kaffee traf ich wieder auf Sabine. Sie zeigte sich begeistert von der Veranstaltung, endlich habe sie begriffen, daß ihr keine blaustichigen Farben stünden. Das einzig Dumme sei, daß bisher Blau ihre Lieblingsfarbe gewesen wäre und sie fast nur Kleidungsstücke in dieser Farbe besäße.

Als ich gerade begierig Richtung Kuchenbüffet schielte, schlug Sabine vor: »Laß uns ein bißchen an die Geräte gehen und danach schwimmen!«

Geräte? Was meinte sie bloß? Ach, natürlich diese Foltermaschinen im Fitnessraum. Bestimmt war Sabine eine eifrige Besucherin von Fitness-Studios, von allein kriegte man eben keine Eieruhrfigur.

»Ich habe leider zur Zeit einen Tennisarm«, flunkerte ich schnell, »mein Arzt hat mir streng verboten, an die Geräte zu gehen. Nicht mal schwimmen darf ich.«

»Schade. Na, dann bis später.«

Wie eine Feder schnellte Sabine aus ihrem Fauteuil und verschwand. Als sie außer Sichtweise war, aß ich mit schlechtem Gewissen ein Stück Himbeertorte mit Schlagsahne.

»Erfolg ist lernbar« hieß es am zweiten Tag, und ich war neugierig zu erfahren, wie. Der Veranstaltungsort war der Salon Beethoven, die Seminarleiterin hieß Frau Dr. Hemmler-Selber und war in ein dezentes graues Kostüm gewandet.

Sie hielt mit leicht näselnder Stimme ein Referat über Erfolg bei Männern und Frauen, persönlichen und beruflichen Erfolg und Erfolgshindernisse. Warum viele Frauen so unzufrieden mit ihrem Leben seien, fragte sie und lieferte die Antwort gleich mit: »Weil Frauen immer noch schlechter bezahlt werden als Männer. Weil deshalb meistens die Frauen den Beruf aufgeben oder pausieren, wenn Kinder kommen. Und weil Männer sich immer noch zu neunzig Prozent vor Hausarbeit und Kinderbetreuung drücken.«

Nach dem Vortrag brach eine hitzige Diskussion los.

Man war sich einig, daß die gesellschaftlichen Gegebenheiten es unmöglich machten, alte Rollenmuster zu verändern. Solange Männer die Macht hätten, sei klar, daß Frauen keine echten Karrierechancen hätten. Nur die Schuldfrage blieb ungeklärt. Waren es nun die machtbesessenen Männer oder die unterwürfigen Frauen, die dafür sorgten, daß alles blieb, wie es war? Warum die Arbeit für die Familie so viel weniger wert sein soll als die Erwerbsarbeit der Männer, wagte ich schüchtern zu fragen. Die ganze Meute fiel über mich her, alle ließen plötzlich ihren angestauten Ärger an mir raus.

»Macht es Ihnen wirklich Spaß, Ihrem Mann die Socken zu waschen?« fragte eine verbittert aussehende Frau mit einem unvorteilhaften Damenbart.

»Haben Sie keine Lust, selbst Karriere zu machen, statt nur Ihren Mann bei seiner zu unterstützen?« setzte Frau Dr. Hemmler-Selber nach.

»Also, ich bin zufrieden mit meinem Leben«, stammelte ich, »ich führe eine gute Ehe, habe zwei tolle Kinder, und meinen Job mag ich auch.«

Erstens stimmte das, und zweitens war ich hier Gast meiner Bank, ich hätte es einfach ungehörig gefunden, über meine Arbeit zu meckern.

Die anderen zuckten die Schultern und wandten sich ab, als sei mir ohnehin nicht zu helfen. Mit rotem Kopf und dem Gefühl, eine dämliche Hausfrau ohne Ehrgeiz und feministisches Bewußtsein zu sein, saß ich in der Runde.

Nach dem Abendessen diskutierten die Frauen weiter.

Alle schienen unzufrieden zu sein, unausgefüllt, ja unglücklich. Die meisten waren entweder Single oder geschieden. Über ihre Kinder sprachen sie, als bestünde das Hauptproblem darin, sie möglichst rund um die Uhr irgendwo unterzubringen, wo sie der Selbstverwirklichung ihrer Mütter nicht im Weg wären. Männer waren entweder böse Chefs, die keine Frau hochkommen ließen, oder böse Ehemänner, die ihre Frauen unterdrückten.

In dieser Nacht lag ich lange wach.

Was wollten diese Frauen? Und warum wollte ich anscheinend nichts? Ich war irgendwann zu der Einsicht gelangt, daß man nicht alles haben kann. Eine Familie, Haus, Garten und Nebenjob – war das nicht eine Menge?

Warum sollte ich jetzt auch noch Karriere machen, Visionen verwirklichen, die Gesellschaft verändern?

Immer wollten andere mehr aus meinem Leben machen als ich selbst. Zugegeben, der Job in der Bank war vielleicht nicht das, was ich den Rest meiner Tage machen wollte. Ich hatte mal daran gedacht, als Sprecherin zu arbeiten, weil alle meine Stimme so lobten. Ich stellte mir vor, Kindergeschichten zu lesen, für Kassetten. Ich hatte mir sogar schon mal die Telefonnummer einer Firma rausgesucht, die solche Kassetten herstellt. Aber ich hatte mich nie getraut, dort angerufen.

Ich dachte an Doro, die erfolgreich in ihrem Beruf war, durch die Welt reiste, viel Geld verdiente und trotzdem nicht glücklich war. Und ich dachte an meine Eltern, die immer so enttäuscht gewesen waren, wenn ich ihre Erwartungen nicht erfüllt hatte.

Wie ich den Handarbeitsunterricht hasse! Seit Wochen quäle ich mich mit einem kleinen gestrickten Bärchen, dessen Wolle schon ganz verfilzt ist von den unzähligen Stunden in meinen verschwitzten Kinderhänden. Mit einer Stopfnadel versuche ich, die mit Watte ausgestopften Einzelteile zusammenzunähen; es ist eine Tortur, ich steche mich, verliere ständig den Faden und bin den Tränen nahe. Endlich erbarmt sich eine Mitschülerin, fügt mit ein paar tanzenden Stichen die Teile zusammen, die Form eines Bären wird erkennbar. Ich sticke zwei Augen und eine schiefe Nase und präsentiere das mit Blut, Schweiß und Tränen getränkte Tier vor Stolz berstend meinen Eltern. Die loben es über Gebühr, versprechen zwecks Betrachtung lebender Bären einen Zoobesuch in naher Zukunft und geben dem Bärchen einen Ehrenplatz auf der Lehne des Sofas, im Wohnzimmer, das sonst Tabuzone für profanen Kinderkram ist.

Mit dem Gefühl, Großartiges geleistet zu haben, schlafe ich an diesem Abend ein. Mitten in der Nacht wache ich auf. Meine Eltern haben Gäste, es wird gelacht, geredet, Zigarettenrauch kriecht durchs Haus bis in mein Zimmer.

Ich steige aus dem Bett, tapse mit bloßen Füßen im Nachthemd die Treppe hinunter, bis ich an der angelehnten Wohnzimmertür angekommen bin. Wenn ich jetzt ein bißchen weine und sage, daß ich Angst habe, darf ich mich auf dem Schoß meines Vaters zusammenkuscheln, bis ich eingeschlafen bin und er mich ins Bett zurückträgt.

Ich spähe durch den Türspalt. Meine Mutter zeigt gerade das Bärchen herum, kreischend vor Lachen. » Was für eine Mißgeburt! Stellt euch vor, damit quälen sie unsere Kinder! «

» Was soll es denn darstellen? « fragt ein Mann, » sieht aus wie Ludwig Erhard. «

Dröhnendes Gelächter der anderen Gäste ist die Antwort. Wie gelähmt stehe ich an der Tür, die Kälte kriecht mir die Beine hoch, lautloses Schluchzen schüttelt meinen Körper. Plötzlich entdeckt mich mein Vater, er springt auf und kommt zu mir.

» Anna-Mäuschen, was ist los, kannst du nicht schlafen! «

Stumm schüttle ich den Kopf. Meine Mutter steht auf.

» Ich bringe sie ins Bett. «

Sie nimmt mich bei der Hand, zieht mich die Treppe hoch in mein Zimmer. Sie breitet die Decke über meinen zitternden Körper.

» Jetzt schlaf, mein Anna-Kind. « Sie will gehen.

» Mummy, was ist eine Mißgeburt? «

Erschreckt dreht sie sich um.

» Nichts, Anna, gar nichts. Dein Bärchen ist wunderschön. Schlaf jetzt. «

Am nächsten Tag zerfetze ich den Bären.

Den letzten Morgen im Schloßhotel verschlief ich. Ich hatte vergessen, den Wecker zu stellen, und so pennte ich über zuklappende Türen, die Geräusche aus dem Frühstücksraum, das Zwitschern der Vögel und das Klopfen des Zimmermädchens hinweg. Als ich gegen Mittag aufwachte, hatte ich das Gefühl, den versäumten Schlaf von Jahren nachgeholt zu haben.

Das Selbstbewußtseins-Seminar hatte ich verpaßt, aber mein Bedarf an Gruppendynamik war ohnehin gedeckt.

Vermutlich hätte ich auch dort nur erfahren, daß ich ein hoffnungsloser Fall wäre.

Nach dem Mittagessen beschloß ich, auf das Angebot einer Wanderung in die Umgebung zu verzichten und gleich nach Hause zu fahren. Zweieinhalb Tage ohne meine Familie erschienen mir völlig ausreichend, ich hatte nicht das Gefühl, mich weiter erholen zu müssen.

Ich aß noch schnell ein Stück Käsesahnetorte, verabschiedete mich von den anderen Teilnehmerinnen und trat den Heimweg an. Halb stolz, halb erschrocken fiel mir ein, daß ich kein einziges Mal mehr zu Hause angerufen hatte.