Das Duell

1802
Hoch im blauen Septemberhimmel schwebte eine blasse Sonne. Vereinzelt zogen weiße Wölkchen über die endlose Ebene. Sie kamen von Osten, überquerten die alte Grenzstadt Niznij Novgorod und schwebten nach Westen, in Richtung Moskau, hinweg über alte russische Städte – Rjazan, Murom, Suzdal und das prächtige Vladimir – oder über den schmalen, glitzernden Flußlauf, der sich seinen Weg durch den Wald bis hinunter zu dem Städtchen Russka und weiter zum nächsten Dorf bahnte.
Zwei Bauern standen am Flußufer und unterhielten sich. Hinter ihnen lag das Dörfchen, das Alexander Bobrov gehörte. Der Ort hatte sich in letzter Zeit beachtlich entwickelt. Es gab nur einen Holzsteg über den Fluß, und für die Fußgänger waren Bretter über die morastigen Stellen gelegt worden. Die Hütten befanden sich in gutem Zustand. Einige wenige, obwohl sie noch die Anordnung der traditionellen Bauern-isba zeigten, hatten ein Obergeschoß und geschnitzte Fensterläden – ihre Besitzer waren offensichtlich wohlhabend.
Die beiden Männer waren Vettern, wenn auch durch zwei Generationen getrennt. Sie stammten mit fünfzehn anderen Familien des Dorfes vom Mädchen Marjuschka ab, der einzigen Überlebenden des furchtbaren Kirchenbrands während der Regierungszeit Peters des Großen. Sie war lange danach ins Dorf zurückgekehrt. Zufällig waren beide Männer auf den Namen Ivan getauft.
Ansonsten gab es jedoch keine Ähnlichkeit zwischen ihnen. Ivan Suvorin war ein bärtiger Riese mit markantem Gesicht. Er überragte alle Männer des Ortes um Haupteslänge. Es hieß, er könne mit seinen kräftigen Armen ein Pferd heben.
Sein Vetter dagegen war nur mittelgroß und recht unauffällig. Er hatte gewelltes, volles Haar, sanfte blaue Augen, und wenn er Lust dazu hatte, sang er wunderschön. Er war ein freundlicher Mensch, wenn auch manchmal depressive Anwandlungen ihn zu plötzlichen Zornesausbrüchen oder zu Tränenströmen verleiteten. Aber nur selten tat er jemandem weh. Er hieß Ivan Romanov. Er freute sich, daß er den gleichen Namen hatte wie das Herrscherhaus, aber tatsächlich war der Name, den sich die kaiserliche Dynastie im 16. Jahrhundert gewählt hatte, einer der häufigsten in Rußland. Die beiden Männer waren Leibeigene Alexander Bobrovs. Aber während Romanov das Land bestellte und kleinere Holzschnitzereien anfertigte, um zusätzlich für die Zahlungen an seinen Herrn Geld zu verdienen, war Suvorin ein geborener Unternehmer. Er hatte eine Tuchweberei aufgebaut und verkaufte die Ware bisher auf dem kleinen Markt in Russka. Kürzlich hatte er jedoch herausgefunden, daß er in Vladimir, das eine Tagesreise entfernt lag, einen besseren Preis erzielen konnte. Und nun wollte er Seidenband herstellen. Seine Frage war, ob der Vetter sich daran beteiligen wolle. Die beiden Männer waren in Begleitung von Suvorins zehnjährigem Sohn. Er hieß Sawa und war die kleinere Ausgabe seines Vaters, auch was Stolz und Unnachgiebigkeit betraf. »Seidenbänder bringen viel ein. Es ginge uns allen gut, wenn du dich mit uns zusammentätest«, meinte Suvorin. Romanov zögerte noch. Er konnte das Geld gebrauchen, doch etwas ging ihm durch den Kopf – es war der Junge, Sawa. Er war zehn Jahre alt, aber Ivan Romanov hatte ihn noch nie lächeln sehen. »Nein«, sagte er, »ich glaube, ich bleibe lieber bei meiner Schnitzerei.«
»Wie du meinst. Ich kann dich nicht zu deinem Glück zwingen«, antwortete Suvorin. Und so gingen sie auseinander. An ebendiesem Tag wurde Alexander Bobrov noch einmal Vater. Als er das Kind im Arm hielt und es betrachtete, hatte er widerstreitende Gefühle. Dann blickte er Tatjana an, die in all den Jahren so viel für ihn durchgemacht hatte, und er lächelte ihr liebevoll zu. »Es ist ein Junge«, sagte er. Leider war es nicht sein Sohn. Es hatte ihn tief verletzt, daß Tatjana ihn gegen Ende des vorangegangenen Jahres betrogen hatte. Seltsamerweise gerade in dem Augenblick, als er neue Hoffnung geschöpft hatte. Die vergangenen fünf Jahre waren entmutigend gewesen. Wenn Zar Paul ihn auch aus der Haft entlassen hatte, zeigte er doch keinerlei Interesse an den Diensten des ehemaligen Staatskanzlers, und Alexander fühlte sich auf dem Gut, das seine Frau so zuverlässig ohne ihn geführt hatte, reichlich überflüssig. Andererseits jedoch war es zu jener Zeit entschieden besser, außerhalb von St. Petersburg zu leben. Der Zar hatte bald zu kränkeln begonnen und war schließlich dem Wahnsinn verfallen. Als eine Gruppe patriotischer Offiziere ihn 1801 ermordete und seinen Sohn auf den Thron brachte, atmete ganz Rußland auf – erleichtert und hoffnungsvoll. Auch Bobrov war voller Erwartung. Der junge Zar Alexander war Katharinas Enkel, den sie selbst unterwiesen hatte: Alleinherrscher über alle Russen und doch ein Kind der Aufklärung. Manche nannten ihn den Engel. Die Familie Bobrov wollte den Winter dieses Jahr in Moskau verbringen. Im November ließ Bobrov, erfüllt von neuer Energie, Tatjana und die Kinder in Moskau und fuhr allein nach St. Petersburg. Vielleicht, daß es jetzt eine Stellung für einen Mann mit seinen Fähigkeiten gab? Zwei Monate verbrachte er in der Hauptstadt, es wurden ihm auch einige hoffnungsvolle Versprechungen gemacht, aber letztlich erreichte er nichts. Im Januar kehrte er zurück.
Tatjana lernte während dieser Zeit einen jungen Husarenhauptmann kennen; er nahm sie völlig für sich ein, ehe er mit seinem Regiment in die Ukraine weiterzog. Dieser witzige, amüsante Mann konnte bereits eine ganze Reihe ähnlicher Affären für sich verbuchen. Er war fünfundzwanzig, Tatjana einunddreißig Jahre alt. Der Hauptmann verhielt sich diskret. Alexander wußte nicht mit Sicherheit, ob es überhaupt eine Affäre gegeben hatte, bis es sich im Frühjahr nicht mehr verheimlichen ließ: Tatjana war schwanger. Was sollte er tun? Er dachte an ein Duell, erfuhr jedoch, daß der Bursche in einem Scharmützel an der Grenze gefallen war. So verlor er über die Affäre kein Wort mehr. Das Kind würde als sein eigenes behandelt werden.
Der Junge wurde nach dem heiligen Sergius benannt, dessen Fest dem Geburtstag am nächsten lag, und hieß also Sergej. Dazu kam die Ableitung seines Vatersnamens, und das ergab Sergej Alexandrovitsch.
»Sergej.« Tatjana lächelte, dann flüsterte sie den Kosenamen: »Serjoscha, mein Kleiner!«
»Natürlich wird er nichts von mir erben«, sagte Alexander sehr ruhig. »Wenn ich sterbe, bekommst du deinen Witwenanteil. Davon kannst du für ihn sorgen. Bis dahin komme ich für seine Erziehung auf.«
Tatjana senkte den Kopf. Das Thema wurde nicht wieder berührt. Ein halbes Jahr danach nahm Alexander wieder die eheliche Beziehung zu seiner Frau auf. 1803 wurde eine Tochter, Olga, geboren.
1812
Welch eine turbulente Zeit war das, diese Tage zwischen Krieg und Frieden. Wer hätte gedacht, daß aus dem Feuer der Französischen Revolution – dem Feuer von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – dieser Eroberer hervorgehen würde, der die ganze Welt zum Erzittern brachte? Napoleon: Held für die einen, Ungeheuer für die anderen. Wahrscheinlich gedachte er, wie Julius Caesar oder Tschingis Khan, die Welt zu regieren. Zar Alexander hatte wohl versucht, Rußland vor den Schrecken der europäischen Kriege zu bewahren. Doch es hatte den Anschein, als bereiteten sich im Frühjahr 1812 Napoleon und seine gewaltige Armee auf eine Invasion vor. Ganz Rußland zitterte. Die orthodoxe Kirche erklärte Napoleon zum Antichrist. Der Zar rief das Land zu den Waffen. Es war ein kalter, trüber Tag kurz vor Frühlingsanfang. Die Erde war noch von Schnee bedeckt. Die Familie Bobrov saß im Wohnzimmer ihres Landhauses und wartete auf Nachrichten. Es war ein typisches Landhaus: eine zweistöckige, etwa vierundzwanzig Meter lange Holzkonstruktion mit grüngestrichenen Wänden und weiß abgesetzten Fenstern. Von dem oben an einem bewaldeten Abhang liegenden Haus war der Blick auf das Dorf nicht möglich. Bäume verstellten die Sicht. Hinter dem Haus befanden sich einige Nebengebäude. Etwas zur Linken lag eine Holzhütte, das Eishaus, wo das Eis des im Winter zugefrorenen Flusses für die warmen Sommermonate gelagert wurde. Zur Rechten des Haupthauses war das Badehaus.
Landhäuser waren in Rußland noch weitgehend unbekannt. Das ritterliche Landgut und das Schloß des Magnaten, wie sie in England oder Frankreich die Regel waren, gab es selbst in Polen, doch im alten Moskauer Reich kannte man sie nicht. Erst nach der Regierungszeit Peters des Großen begannen die Landbesitzer allmählich wie europäische Edelleute zu leben. Nur mit einer Sache waren die Bobrovs unzufrieden: mit dem Namen ihres Dorfes – Sumpfloch. Solange sie in Russka gelebt hatten, hatte es ihnen nichts ausgemacht. Doch jetzt lebten sie auf dem Gut, und Alexander fand den Namen peinlich. Er hatte verschiedene Namen in Erwägung gezogen, bis er sich für einen entschied, den er von seinem Familiennamen ableitete: Bobrovo. Das blieb von nun an die offizielle Bezeichnung des Dorfes und des Gutes.
In dem Gebiet um Moskau wurden eilig neue Regimenter zusammengestellt. Am Tag zuvor hatte Bobrov einen persönlichen Brief des Militärgouverneurs von Vladimir mit der Bitte erhalten, weitere Leibeigene als Rekruten zur Verfügung zu stellen. Die Bauern des Dorfes hatten am Morgen das Los gezogen, und bald würde Alexander erfahren, wer ausgelost worden war. Sein zweiter Sohn, Alexej, diente mit erst neunzehn Jahren als stolzer Infanterieoffizier. »Ich fürchte weniger Napoleons Truppen«, sagte Alexander zu Tatjana, »als unsere eigenen Leute.« Die Leibeigenen. In Berichten über Napoleons große Invasion in Rußland wird häufig übersehen, daß in den Monaten davor viele russische Grundbesitzer eine innere Revolution mehr fürchteten als den Eindringling. In ganz Europa hatte der französische Kaiser auf seinem Eroberungszug verkündet, er befreie im Namen der Revolution die Menschen von ihren Beherrschern; für viele war er ein Held. In Wirklichkeit aber waren von der riesigen Streitmacht, die mit ihm im Jahre 1812 nach Rußland einmarschierte – die legendäre grande armée –, weniger als die Hälfte echte Franzosen. Von allen europäischen Kontingenten kämpfte niemand verbissener als jene aus den benachbarten polnischen Territorien, die seinerzeit bei der Aufteilung des unglücklichen Polen von Österreich und Preußen vereinnahmt wurden und die Napoleon tatsächlich befreite. Kein Wunder also, wenn russische Führer fürchteten, daß die von ihnen unterjochten Polen und die unterdrückten russischen Leibeigenen sich erheben könnten, in Sympathie mit dieser Befreiungsarmee. Während die Welt draußen voller Gefahren war, herrschte im Wohnzimmer, in dem die Bobrovs beieinander saßen, ein stiller Frieden. Alexander und Tatjana saßen auf Lehnstühlen. Sie hielt eine Stickerei in der Hand. Neben dem Feuer saß, in einem Buche lesend, ihr ältester Sohn, der zweiundzwanzigjährige Ilja. Er hatte das runde Gesicht und das helle Haar seiner Mutter. Alexanders Meinung nach hätte der junge Mann, genau wie sein Bruder, als Soldat kämpfen sollen. Tatjana hatte ihn jedoch immer im Hause behalten unter dem Vorwand, er sei zu zart. Doch zart und zerbrechlich war er nur als Baby gewesen.
»Ich finde ihn gar nicht zart«, brummte Alexander, »er ist dick und faul.«
Dann gab's noch den kleinen Sergej. Alexanders Gesicht hellte sich auf, wenn er den Zehnjährigen ansah. Welch ein strahlender kleiner Kerl er doch war mit seinem schwarzen Haar, den lachenden braunen Augen und seiner fröhlichen Art. Er saß mit seiner Schwester Olga am Fenster und zeichnete lustige Bilder, um sie zum Lachen zu bringen. Die beiden waren unzertrennlich. Schließlich war da noch eine plumpe Bauersfrau Anfang Vierzig – Arina, die Kinderfrau. Soeben hatte sie ihnen aus ihrem unerschöpflichen Märchenschatz erzählt. Auf ihrem Schoß saß ein einjähriges Mädchen, Arinas verwaiste Nichte, die ebenfalls Arina hieß. Die Bobrovs hatten erlaubt, daß sie mit im Haus lebt. Es war eine heimelige Szene. Auf einem Tisch inmitten des Zimmers befanden sich geflochtene Körbe mit pirozki aus Reis und Ei, außerdem anderes Gebäck; auf einer Platte dufteten Zimthörnchen und daneben ein Apfelkuchen. Auf einem Beistelltisch blubberte der unverzichtbare Samovar vor sich hin. Alexander hatte ihn in Moskau gekauft und war sehr stolz darauf. Der Apparat war etwa sechzig Zentimeter hoch, aus Silber und wie eine griechische Vase geformt. Das Wasser darin wurde durch glühende Holzkohle immer auf dem Siedepunkt gehalten.
Plötzlich stand Sergej, der aus dem Fenster gesehen hatte, auf und sagte: »Schau, Papa! Besuch.« Es waren Ivan und Sawa Suvorin, die da kamen. Sawa war mit zwanzig Jahren genauso groß wie sein Vater, und nun gab es zwei Riesen im Ort. Beide Suvorins trugen immer Lederstiefel, im Gegensatz zu den meisten russischen Bauern, die Filz- oder Bastschuhe anhatten. Wie mit dem auffallend großen Hut, den jeder Suvorin trug, demonstrierten sie damit ihren Wohlstand. Am Gürtel des Älteren hing ein Geldbeutel. Ivan Suvorin machte aus der Tatsache, daß er Geld hatte, keinen Hehl. Daß die gleiche Anzahl Münzen in die Kleidung des Sohnes eingenäht war, wußte allerdings niemand. »Gott weiß, ob wir sie nicht brauchen«, meinte Ivan. »Bei diesem habgierigen Wolf kann man nie wissen.« Der reiche Leibeigene war auf dem Weg zu seinem Herrn Bobrov, und das Geld sollte das Leben seines Sohnes retten. Schweigend gingen die beiden den Hang zum Haus hinauf.
Alexander Bobrov war glücklich: Das Schicksal hatte sich wohl endlich entschlossen, ihm gnädig zu sein. Als er die beiden Suvorins in seinem Arbeitszimmer vor sich stehen sah, hatte er Mühe, ein Schmunzeln zurückzuhalten. Der Besuch konnte nur eines bedeuten: Geld. Die Frage war nur: Wieviel?
Bobrov war nicht habgierig. Obwohl er früher einmal von Reichtümern geträumt hatte, war ihm das Geldscheffeln immer zuwider gewesen. Doch er hatte Kinder, die versorgt werden mußten, und so war er einträglichen Geschäften nicht abgeneigt. »Dein Sohn, Suvorin, will also nicht Soldat werden?« fragte er aufgeräumt. Er wandte sich an Sawa: »Danach würdest du aber frei sein, das weißt du«, fügte er hinzu.
Seit der Zeit Peters des Großen, als ein bestimmter Prozentsatz der männlichen Bevölkerung Rußlands wehrpflichtig war, gab es ein Gesetz, das Leibeigene, die den Militärdienst geleistet hatten, befreite. Doch was half das, wenn diese fünfundzwanzig Pflichtjahre Wehrdienst einem Todesurteil gleichkamen? Es gab Fälle von Selbstverstümmelung, um diesem Schicksal zu entgehen. Der junge Sawa hatte das unselige Los gezogen – zu Alexander Bobrovs großem Glück.
Obwohl die Suvorins Eigentum Bobrovs waren, hatten sie Geld. Ihre Leistungen in den vergangenen zehn Jahren waren beachtlich gewesen. Sie hatten nicht nur große Mengen Seidenband produziert, sondern befehligten einen Stab anderer Leibeigener, die das Tuch aus der Weberei auf dem Markt von Vladimir verkauften. Der reiche Leibeigene war für Alexander von Nutzen. Während die Leibeigenen auf dem Besitz in Rjazan ihre Abgaben immer noch mit der barschtschina, der Drei-Tage-Arbeit, beglichen, ließ er sich von den Leibeigenen in Bobrovo den obrok in bar bezahlen, und die Höhe des obrok wurde nach Belieben vom Grundbesitzer festgesetzt. In den letzten drei Jahren hatte Alexander den obrok Suvorins zweimal erhöht; beide Male hatte der Bursche murrend bezahlt. Bobrov lehnte sich auf dem Stuhl zurück: »Was also kann ich für euch tun?«
Suvorin verneigte sich tief und verkündete: »Ich komme, weil ich einen Leibeigenen kaufen möchte, Alexander Prokofievitsch.« Bobrov lächelte. Ja, er hatte Leibeigene zu verkaufen. Um die Jahrhundertwende hatte die rechtliche Stellung der russischen Bauern ihren tiefsten Punkt erreicht. Die Bauern waren im Grunde Sklaven, gleichgültig, ob Leibeigene als Eigentum eines Grundbesitzers oder an staatliche Ländereien gebundene Staatsbauern, ob wohlhabend wie die Suvorins oder am Rande des Verhungerns. Ein Leibeigener hatte so gut wie keine Rechte. Leibeigene konnten zu jener Zeit gekauft und verkauft werden wie totes Eigentum. Ein hübsches Mädchen oder ein Mann mit besonderen Fähigkeiten konnten einen hohen Preis erzielen. Natürlich war das im Grunde eine unhaltbare Situation. In seiner radikalen Zeit in den Salons von St. Petersburg während der Regierung Katharinas hätte Alexander das auch bereitwillig eingeräumt. Doch heute sah er die Sache anders, auch wenn allgemein bekannt war, daß der Zar die Praxis der Leibeigenschaft als widerwärtig bezeichnete. Doch selbst der Zar konnte die Leibeigenschaft nicht abschaffen: Der Adel widersetzte sich.
Bei all diesem furchtbaren Seelenhandel war der Verkauf von Männern als Rekruten das üblichste. Normalerweise wurden diese nicht von Landbesitzern, sondern von anderen Leibeigenen erworben. Ein reicher Leibeigener wie Suvorin ließ demnach seinen eigenen Sohn nicht in den Krieg ziehen; er ging zum Landbesitzer und kaufte einen anderen Burschen, der den Militärdienst anstelle seines Sohnes leistete.
Jetzt ging es nur noch um den Preis. Bobrov überlegte lange, während die Suvorins warteten.
Zufällig trat in diesem Augenblick Tatjana mit dem jungen Sergej ins Zimmer. Die Frau des Grundbesitzers hatte den Betrieb lange genug geführt, um zu ahnen, was die Suvorins hergeführt haben mochte. Sie hatte die beiden finsteren Burschen immer gern gehabt. Fragend blickte sie ihren Mann an. Sergej lächelte den beiden zu.
Konnte es sein, daß ihr Erscheinen Bobrov veranlaßt hatte, den Preis zu ändern? War es die plötzliche Erinnerung an seine Demütigung bei Sergejs Geburt? War es ein Gefühl von Versagen, weil seine Frau während seines Gefängnisaufenthaltes die Geschäfte so erfolgreich geleitet hatte? Was auch der Grund sein mochte – statt der fünfhundert Rubel, die Bobrov ursprünglich verlangen wollte, erklärte er jetzt ruhig: »Ich verlange eintausend Rubel.« Die beiden Leibeigenen hielten den Atem an. Das war ein ungeheuerlicher Betrag. Der höchste Preis, den selbst die geldgierigsten Landbesitzer bisher für einen Ersatzmann verlangt hatten, waren etwa sechshundert Rubel gewesen.
Die Suvorins sahen einander an. Sie hatten achthundert Rubel dabei. Die fehlenden zweihundert mußten sie unter den Dielenbrettern hervorholen.
Mehr besaßen sie nicht. »Ich könnte eine solche Summe erst morgen vorbeibringen, Alexander Prokofievitsch«, sagte Suvorin verdrossen. »Also gut, ich lasse einen Leibeigenen von Rjazan kommen, der Sawas Platz einnehmen soll.« Alexander hatte ein plötzliches Glücksgefühl. Es war nicht einfach, den Besitz besser zu führen als seine Frau, aber er hatte entdeckt, daß das Ausnehmen der reicheren Leibeigenen eine Möglichkeit war.
Sawa blickte die Bobrovs an. Gegen Tatjana hatte er nichts. Er sah an ihrem unbeteiligten Gesichtsausdruck, daß sie mit der hohen Forderung nichts zu tun hatte. Die übrigen aber, Vater und Söhne, verachtete er zutiefst. Sawa wußte, daß diese Bobrovs seine Feinde waren. Und wie er sie so vor sich hatte, traf er eine unwiderrufliche Entscheidung. Er würde sich ihrer entledigen. Vielleicht würde ihn das viele Jahre kosten; er mußte schlau und stark sein, aber er besaß Stärke und Ausdauer. Herr gegen Knecht: Es würde ein Duell sein, vielleicht auf Leben und Tod.
Es war im Oktober des Jahres 1812. Unter einem schwermütigen, bleigrauen Himmel zogen zuerst Flüchtlinge dahin, dann folgten die Truppen.
Die Russen hatten ihr Vaterland verteidigt. Die Leibeigenen hatten sich loyal verhalten. Zuerst kam die Nachricht von der heftigen, doch ergebnislosen Schlacht von Borodino; bald darauf hieß es, Napoleon sei in Moskau einmarschiert. Und dann kam die Feuersbrunst. Ein Turm aus Feuer und Rauch ragte wie ein riesengroßer Pfeiler in den Septemberhimmel zum Zeichen dafür, daß Moskau niedergebrannt und der mächtige Eroberer damit seiner Trophäe beraubt wurde.
Auch Russka war Zeuge der Geschichte. Truppen zogen vorbei, als die russische Armee sich darauf vorbereitete, den Feind an der weiten Krümmung der Oka zu beschatten. Einige Tage davor war es ein ganzes Infanterieregiment gewesen, Soldaten in ihren grünen Jacken und weißen Hosen, dann Kavallerie. An einem Oktobermorgen um diese Zeit saßen Sergej und seine Schwester Olga mit der Kinderfrau Arina und ihrer kleinen Nichte am Feuer im Kinderzimmer. Jeden Tag hatte es neue Nachrichten und neue Gerüchte gegeben. Napoleon war immer noch in dem ausgebrannten Moskau eingeschlossen. Würde er sich nach St. Petersburg wenden, wo der Zar die Zufahrtsstraßen befestigen ließ, oder würde er einen Rückzug nach Smolensk versuchen? Falls er das tun sollte, erwarteten ihn der bärbeißige Veteran General Kutusov und die Kerntruppe der russischen Armee. Oder versuchte Napoleon in Moskau zu überwintern?
Während der vergangenen Tage war alles ruhig geblieben. Es kamen keine Truppen vorbei. Russka war so still wie eh und je. »Wenn Napoleon kommt, dann kämpfen wir alle, nicht wahr?« fragte Sergej erregt.
Das brachte Alexander Bobrov zum Lachen. »Aber natürlich, Serjoscha«, war die liebevolle Antwort.
Sergej hatte eine leidenschaftliche Natur. Er liebte seine Familie innig, besonders seine Mutter, die mit ihren zweiundvierzig Jahren zu einer klassischen, eher germanischen Schönheit geworden war. Sie war anders als alle Frauen, die der Junge bisher gesehen hatte, und sie behandelte ihn mit besonderer Sanftheit, was ihn mit Stolz erfüllte. Dann gab es noch den eisernen Alexej, der ständig im Krieg war. Sergej hatte ein bißchen Angst vor ihm, weil er ziemlich kühl und hochnäsig sein konnte. Aber er war schließlich ein Offizier, ein Held. Ilja saß zu Hause. Manche Leute lachten über den ältesten Bruder, weil er dick war und nichts tat. Sergej dagegen sagte voller Bewunderung: »Er hat so viel gelesen; er weiß einfach alles.« Und da war noch sein Vater. Sergej bewunderte ihn. Er sah in ihm einen Adligen vom Scheitel bis zur Sohle und einen Mann von Welt In Uniform würde er bestimmt fabelhaft aussehen, wie Alexej. Obendrein war er so gebildet wie Ilja. Für seine Überzeugung hatte er sogar im Gefängnis gesessen. Welch ein Glück, einen solchen Vater zu haben!
Das waren Sergejs Helden. Da gab es noch seine Spielkameraden: Olga, das kleine Mädchen mit dem langen dunkelbraunen Haar und den blitzenden Augen. Er nannte sie »die Kleine«, weil sie ein Jahr jünger war als er und er sich als ihr Beschützer fühlte. Jeder von ihnen beiden wußte immer, was der andere dachte. Welch ein Glück, zu einer solchen Familie zu gehören! Sergej und Olga saßen zu beiden Seiten Arinas. Wie üblich, hatte sie ihnen eine Geschichte erzählt. Ihr liebes, glänzendes rundes Gesicht hatte etwas sehr Tröstliches. Ihr Haar wurde grau, und sie hatte im vergangenen Sommer einen Schneidezahn verloren, trotzdem blieb sie dieselbe.
Sie wollte soeben eine neue Erzählung beginnen, als es unten im Haus plötzlich unruhig wurde und die Stimme der Mutter rief: »Alexej!«
Der Bruder sah großartig aus in seinem pelzgefütterten Mantel. In dem dämmrigen Licht der Diele wirkte er mit seinem dunklen, nachdenklichen Gesicht und den tiefliegenden blauen Augen wie ein Krieger aus einer anderen Zeit.
Alexej lächelte Sergej zu. »Hier«, rief er und holte zu Sergejs Überraschung eine Musketenkugel hervor. »Das ist ein französisches Geschoß. Hat mich knapp verfehlt und schlug in meinen Verpflegungswagen ein.« Sergej nahm sie begeistert. »Hast du Napoleon gesehen?« rief er. »Ja.« Alexej grinste. »Er ist fast genauso fett wie Ilja.« Bald darauf saßen sie um den Eßtisch und lauschten den Neuigkeiten. Nach der Schlacht von Borodino hatte der alte General Kutusov Alexej tatsächlich persönlich belobigt. Nach dem Fall Moskaus wurde er mit Spezialeinsätzen gegen Frankreich beauftragt.
Aber die aufregendste Nachricht kam erst jetzt. »Napoleon verläßt Moskau. Die Franzosen wollen nach Hause.« Alexej nickte nachdenklich. »Aber es ist zu spät. Napoleons Vorräte sind zusammengeschrumpft. Wahrscheinlich denkt er, daß er die Grenze erreicht, ehe der Schnee kommt. Aber selbst wenn es so ist, hat er etwas vergessen: den russischen Morast. Sie werden darin versinken. Unsere Kosaken machen jedes Einsatzkommando nieder, das auf der Suche nach Verpflegung ist. Der Winter holt Napoleon ein, bevor er Smolensk erreicht.«
»Werden wir noch einmal angreifen?« fragte Tatjana beunruhigt. »Ja, wahrscheinlich. Wenn es aber noch einmal eine so große Schlacht wie die von Borodino gibt, machen wir ihn fertig.« Alexej konnte nicht über Nacht bleiben. Die Familie stand dabei, als er und sein Vater einander zum Abschied umarmten. Dann war er fort.
Drei Wochen vergingen. Es hatte den ersten Schnee gegeben, und Napoleons aufgeriebene Armee war bis auf einen versprengten Haufen zusammengeschmolzen. Gefallene wurden zurückgelassen.
Zu dieser Zeit bekamen die Bobrovs unerwarteten Besuch. Es war der junge Sawa Suvorin.
Alexander Bobrov mochte die Suvorins nicht. Vielleicht hatte er auch ein schlechtes Gewissen wegen seiner übertrieben hohen Geldforderung im Fall des ausgetauschten Rekruten. Sein Gefühl sagte ihm, daß sie ihn weder fürchteten noch achteten. Nun stand dieser zwanzig Jahre alte Leibeigene mit seinem seltsam würdevollen Gebaren vor Bobrov und brachte ruhig seine höchst ungewöhnliche Bitte vor: »Ich erbitte einen Paß, Herr, um Moskau zu besuchen.«
Als Leibeigener durfte Sawa ohne einen Paß seines Herrn nirgendwohin reisen. Das war an sich keine bedeutungsvolle Sache, doch Bobrov blickte ihn argwöhnisch an. »Warum, zum Teufel? Die ganze Stadt wurde doch niedergebrannt!«
»Genau das, Herr. Also ist das Wichtigste für die Leute dort warme Kleidung. Gerade jetzt könnten wir für unser Tuch einen guten Preis bekommen.«
»Das wäre ja Wucher.«
»Das ist Geschäft, Herr«, war die gelassene Antwort des Leibeigenen. »Nein, ich will das nicht«, schnappte Alexander zurück. »Das ist unpatriotisch.« Und schon war der Leibeigene durch einen Wink hinausgewiesen.
Hinterher überlegte Alexander oft, warum Tatjana sich an jenem Abend in diese unwichtige Angelegenheit eingemischt hatte. Vielleicht tat Sawa ihr einfach leid. Sobald er ihr nämlich davon berichtet hatte, bat sie ihn, die Sache doch noch einmal zu überdenken. Schließlich hatte er nachgegeben und einen Paß unterzeichnet.
1817
Es war ein kühner Plan, den Sergej Bobrov ausgeheckt hatte, doch mit einer genauen Zeiteinteilung müßte es gutgehen. Zwei Freunde sollten bestätigen, daß er sich im Hause befinde, ein dritter würde seinen Namen in die Anwesenheitsliste eintragen. Er hatte sich durch Bestechung eines Schulangestellten Pferde für den Hin- und Rückweg gesichert.
Die Schule in Zarskoje Sjelo bei St. Petersburg, in der Sommerresidenz des Zaren, war streng und elitär. Die Schüler hatten die persönliche Erlaubnis des Zaren zur Benutzung seiner Privatbibliothek. Alexander hatte allerlei Beziehungen spielen lassen müssen, damit Sergej aufgenommen worden war.
Die unerlaubte Fahrt würde nicht einfach werden. Es war April, und die Schneeschmelze hatte die Straßen in Morast verwandelt. Und wenn man ihn erwischte…
Sergej holte unter dem Bett die Schachtel mit seinen persönlichen Papieren hervor. Darin befand sich auch ein Brief seiner kleinen Schwester, den man drei Tage zuvor hereingeschmuggelt hatte.
Lieber Serjoscha,
ich bin sehr unglücklich. Ich wünschte, ich könnte Dich
sehen.
Olga.
Lächelnd las er ihn noch einmal. Das Leben an der angesehenen Smolny-Schule für Mädchen in St. Petersburg konnte mitunter hart sein. Es wunderte ihn nicht, daß seine lebhafte Schwester das erste Jahr dort gräßlich fand. Und obwohl das Risiko groß war, hatte er sich nach dem Empfang des Briefes nur eine Frage gestellt: Was würde Puschkin in diesem Fall tun? Puschkin war sein Idol. Sergej Bobrov fühlte sich wohl in Zarskoje Sjelo. Er faßte rasch auf, war intelligent und begabt. Er zeichnete gut, und seine Verse in Französisch oder Russisch waren besser als die seiner Klassenkameraden. Wenn ich es nur so gut könnte wie Puschkin, war sein heimlicher Wunsch. Puschkin, der schon als Junge kühne Verse verfaßte, der Karikaturen zeichnen konnte. Puschkin mit seiner gelockten Haarmähne, seinen sanften, dabei strahlenden Augen, seinen schwankenden Stimmungen. Er brachte sich oft in heikle Situationen und war ständig hinter den Frauen her. Es war sein letztes Jahr an dieser Schule.
Ebendieser Puschkin hatte Sergej in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht. Es hatte mit einer Karikatur begonnen, die zwar skandalös, dabei jedoch komisch war; Puschkin hatte sie nach der endgültigen Niederlage Napoleons gezeichnet. Sie zeigte den engelgleichen Zaren Alexander auf seiner triumphalen Heimkehr; allerdings war er im Westen so dick geworden, daß die Triumphbögen eilends für ihn erweitert werden mußten. Einige Monate später wollte Sergej es seinem Idol nachtun. Seine Zielscheibe war jedoch der neue, außerordentlich fromme Erziehungsminister, einer aus der noblen Familie Golicyn. Die Karikatur zeigte den Minister, der die Mädchen an der Smolny-Schule im Hinblick auf ihre Moral aufs genaueste überprüfte. Obwohl nur wenige Angehörige des Lehrkörpers Sympathie für den autoritären Minister an den Tag legten, erhielt Sergej doch eine strenge Rüge für seine empörende Handlung: »Noch so etwas, Bobrov, und du wirst der Schule verwiesen.« Welche Probleme Sergej auch zu erwarten hatte, er würde seine Schwester nicht im Stich lassen.
Es war noch dunkel, als Sergej sich frühmorgens aus dem Haus schlich. Ein Diener erwartete ihn mit einem Pferd eine halbe Meile von der Schule entfernt, und bald trabte er die leere Straße nach St. Petersburg entlang. Ein Stück weiter ging das Land in eine trostlose braune Öde über, die von grauen Scharten ungeschmolzenen Schnees durchzogen wurde. Die eisige Luft brannte auf der Haut. Einen Tag zuvor hatte er Olga eine Nachricht zukommen lassen, wo sie ihn erwarten solle. Er konnte ihr blasses Gesicht und ihre strahlenden Augen vor sich sehen und ihre Stimme hören: Ich wußte, du würdest kommen. Er freute sich, daß er eine so schöne Schwester hatte.
Und welch ein Glück war es, als Russe in einer solchen Zeit zu leben! Wohl nie zuvor war die Welt so aufregend gewesen. Die große Bedrohung durch Napoleon war endlich, 1815, mit der Schlacht von Waterloo abgewendet worden. Nun hatten die Engländer den Mann, der Europa in seine Hand hatte bringen wollen, auf die Insel Helena verbannt, von der es kein Entkommen gab. Rußland war inzwischen stärker geworden als je zuvor in seiner Geschichte. Im Südosten, im Kaukasus, war das alte Königreich Georgien endlich dem russischen Reich einverleibt worden. Finnland im Norden war ebenfalls vom Zaren genommen worden. Jenseits des Meeres besaß Rußland nicht nur Alaska, sondern es hatte auch eine Festung in Kalifornien errichtet. Und als größte Trophäe hatte Rußland vom Wiener Kongreß, wo die vereinten Mächte eine Neugestaltung der europäischen Landkarte vornahmen, nahezu das gesamte, ehemals rivalisierende Polen zugesprochen bekommen. Rußland nahm einen neuen Platz in der Welt ein. Der Kongreß war vom russischen Zaren geleitet worden. Rußland hatte seine eigene, seine Sonderaufgabe proklamiert.
»Machen wir diesen furchtbaren Kriegen und blutigen Revolutionen ein Ende«, hatte der Zar erklärt. »Die europäischen Mächte sollen sich in einer neuen, universellen Bruderschaft, die allein auf christliche Nächstenliebe gegründet ist, zusammenfinden.« Dies war die berühmte Heilige Allianz. Zugegeben: Derlei großartige Ideen hatte es schon vorher, in den Tagen des Römischen Reiches oder der mittelalterlichen Kirche gegeben, doch die Heilige Allianz mit ihrer mystischen Sprache war etwas zutiefst Russisches. Und als die hinterhältigen westlichen Diplomaten sie mit zynischem Lächeln unterzeichneten und die pragmatischen Briten ihre Unterschrift sogar verweigerten, wußte jeder Russe, daß der Westen korrupt war.
St. Petersburg kam in Sergejs Blickfeld. Die SmolnyKlosterschule lag etwa drei Meilen östlich vom Winterpalais, am Ende des Nevabeckens, wo der Fluß eine Biegung nach Süden machte. Da Sergej Zeit hatte, nahm er einen angenehmen Weg am Ufer entlang, neben dem rosa Granit der Kais, an der großen Statue des Bronzenen Reiters, der alten Admiralität und dem Palais vorbei. Sergej tat einen glücklichen Atemzug. Es war schön, in Petersburg zu sein.
Bald erreichte er die lange, geschlossene Mauer des SmolnyKlosters. Er hatte Olga genaue Anweisungen gegeben. Puschkin hatte ihm von dem kleinen Fenster berichtet, durch das man unbemerkt einsteigen konnte. Es lag etwa drei Meter hoch. Nachdem Sergej eine Stunde dort gewartet hatte, öffnete sich das Fensterchen endlich.
Olga würde vor zwei Stunden nicht vermißt werden. Sie saßen nebeneinander in dem kleinen, weißgetünchten Raum; er hatte ihr den Arm um die Schultern gelegt, und sie ließ ihren Kopf an seiner Brust ruhen, während sie leise miteinander sprachen. Er liebte sie. Von den übrigen Bobrovs war sie Alexej am ähnlichsten. Sie war schlank, doch keineswegs schwächlich mit ihren langen Gliedmaßen und den schmalen Händen. Ihre tiefblauen Augen blickten mitunter leicht verwundert in die Welt, aber sie konnten plötzlich strahlend und fröhlich sein. Olga war nicht glücklich, und das war kein Wunder. Die Erziehung in der Smolny-Schule war außergewöhnlich. Neben den typischen Fächern für junge Damen, wie Sticken, Tanzen und Kochen, lernten sie Sprachen, Geographie, Mathematik und Physik – eine fortschrittliche Erziehung, die selbst Besucher aus Amerika erstaunte. Doch die Disziplin war streng. »Wir singen vor jeder Mahlzeit Psalmen«, berichtete Olga betrübt. Dann fuhr sie kopfschüttelnd fort: »Es ist wie im Gefängnis.« Vom Herbst bis zum Frühlingsende, wenn das Schuljahr vorüber war, wurden die Mädchen in Smolny praktisch im Klosterbereich eingesperrt.
Sergej umfaßte sie sanft, ihr langes braunes Haar fiel über seinen Arm. Er ließ sie fast eine Stunde lang sprechen, bis sie allmählich heiterer wurde und schließlich sogar lachte. Dann schmiegte sie sich an ihn und murmelte: »Genug von meinem langweiligen Leben, Serjoscha. Erzähle mir, was draußen vorgeht.« Es machte ihn stolz, daß sie zu ihm aufblickte. Er steckte voller Ideen, und so dauerte es nicht lange, bis er ihr ein hoffnungsvolles Zukunftsbild entwarf.
»Der Zar wird ein neues Rußland schaffen«, erklärte er ihr. »Mit der Leibeigenschaft geht es zu Ende. Es wird eine neue Verfassung geben. Denke nur, was er schon in den baltischen Staaten und in Polen geschaffen hat. Das ist die Zukunft.« Zar Alexander hatte in Litauen und den übrigen baltischen Gebieten nicht nur die Leibeigenschaft aufgehoben, sondern auch dem neu hinzugekommenen Königreich Polen eine sehr liberale Verfassung zugebilligt, daneben ein gewähltes Repräsentantenhaus und Wahlrecht für große Teile der Bevölkerung. Die Zensur war nahezu abgeschafft.
»Und das ist erst der Anfang«, versicherte Sergej seiner Schwester. »Wenn Rußland eine neue Verfassung bekommt, sind wir genau wie England oder sogar wie Amerika!«
Der aufgeklärte Zar Alexander hatte tatsächlich den Rat englischer Diplomaten wie auch des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Jefferson, für eine neue Regierungsbildung eingeholt. Jahre davor hatte sein begabter Minister Speranskij einen Vorschlag unterbreitet, der Gewaltenteilung, ein gewähltes Parlament – eine duma – und sogar gewählte Richter vorsah. Zu diesem Zeitpunkt war auch ein offizielles Gremium mit der Ausarbeitung eines Plans beschäftigt, nach dem Rußland in zwölf Provinzen mit jeweils umfassender Autonomie aufgeteilt werden sollte.
»Und welche Rolle wirst du in diesem wundervollen neuen Rußland spielen, Serjoscha?« fragte Olga.
»Ich werde ein großer Schriftsteller«, behauptete er kühn. »Wie dein Freund Puschkin?«
»Ich hoffe es. Weißt du eigentlich, daß es bis zur Zeit Katharinas kaum russische Literatur gab? Leute wie wir schrieben Dichtung oder Schauspiele auf französisch. Niemand verfaßte etwas Lesenswertes in modernem Russisch, bis Lomonossov kam, als unser Vater noch jung war, und der Poet Derzavin, der noch lebt. Du siehst also, daß wir am Anfang stehen«, rief er glücklich. »Du solltest einmal Puschkins Verse hören. Sie sind außerordentlich!« Olga lächelte. Sie freute sich über die Begeisterung ihres Bruders. »Du mußt fest daran arbeiten, Serjoscha«, meinte sie nachdenklich. »Natürlich.« Er schmunzelte. »Und was hast du vor, wenn du aus diesem Klostergefängnis herauskommst?« fragte er munter. »Ich heirate natürlich.«
»Und wen?«
»Einen attraktiven Gardeoffizier.«
Zu seiner Überraschung fühlte Sergej sich traurig bei diesem Gedanken. Hätte er doch dieser Mann sein können! Er mußte sich wieder auf den Heimweg machen. Es war bereits Nachmittag, als er das Pferd zurückbrachte und die letzte halbe Meile durch den kalten Morast zu Fuß bis zur Schule ging. Es war niemand zu sehen. Heimlich schlich er sich in sein Zimmer, wo seine Freunde ihn erwarten sollten. Er öffnete die Tür und blieb wie angewurzelt stehen.
Der hohe Raum war leer bis auf eine schmale Gestalt in Uniform und Reitstiefeln, die im grauen Licht stand, das durchs Fenster hereinfiel. »Alexej! Was machst du denn hier?«
»Wo warst du?« Alexejs Stimme war eiskalt. »Seit zwei Stunden sucht man dich in der ganzen Schule.«
»Tut mir leid.« Sergej ließ den Kopf hängen. »Das hilft nichts«, erwiderte Alexej zornig. »Ich wollte dich besuchen, weil ich geschäftlich hier zu tun hatte. Während ich auf dich wartete, habe ich allerhand über dich erfahren. Du hast Karikaturen vom Minister gezeichnet, und möglicherweise wirst du von der Schule gewiesen. Ich nehme an, du weißt das.«
»Ja.«
»Ich habe sie überredet, dich hierzubehalten. Man sollte dich durchprügeln. Ich bot ihnen an, das selbst zu übernehmen – für die Familienehre.«
Was nur veranlaßte Sergej in diesem Augenblick, etwas zu sagen, was er nicht einmal dachte? Ärgerte ihn Alexejs belehrender Ton? Oder war es der plötzliche Wunsch zurückzuschlagen, weil der von ihm geliebte und verehrte Bruder sich gegen ihn wandte? Es platzte einfach aus ihm heraus: »Zum Teufel mit der Familienehre!« Alexej blieb der Atem weg. Er hatte nie eine solche Schule besucht; er war so bald wie möglich zu seinem Regiment gegangen. Dienst für den Zaren, Familienehre – das waren seine Leitsterne. Er zischte gehässig: »Das mag ja sein. Aber mir und der übrigen Familie bedeutet sie sehr viel. Und würdest du dich vielleicht freundlicherweise daran erinnern, daß du, obwohl du keiner von uns bist, trotzdem unseren Namen trägst? Wir erwarten, daß du dich entsprechend benimmst. Verstehst du?«
»Was meinst du – keiner von uns?«
»Ich meine, du kleiner braunäugiger Eindringling, daß du, zur Schande deiner Eltern, kein Bobrov bist. Da uns Ehre aber etwas bedeutet, behandeln wir dich so, als seist du einer. Als unsere Mutter einmal eine Zeitlang einsam war, beging sie in Moskau eine Unbesonnenheit. Das ist lange her. Es war auch schnell vorüber. Du gehörst nicht zu uns, aber wir tun so, als wäre es so. Und da wir dir unseren Namen geliehen haben, wirst du ihn in Ehren halten.«
Nach einer Weile fuhr er fort: »Wenn du je zu irgend jemandem ein Wort darüber verlauten läßt, bringe ich dich um.« Nachdem er seinen Bruder so unbarmherzig verletzt hatte, ging Alexej davon.
Als Sergej später an diesem Abend seinen Brief nach Hause schrieb, den er durch einen Tränenschleier hindurch kaum sah, fügte er hinzu:
Ich bin sehr gern in dieser Schule, meine lieben Eltern. Heute hat mich Alexej besucht, dem es auch gutgeht, und auch das machte mich glücklich. Ganz liebe Grüße an Arina und ihre kleine Nichte.
Er hatte seine Mutter immer für vollkommen gehalten und auch angenommen, daß sein Vater ihn liebte. Wenn er gar kein Bobrov, wenn er unerwünscht war – welche Rolle spielte es dann, was er aus seinem Leben machte?
1822
Tatjana blickte auf dem kleinen Marktplatz umher. Zum erstenmal nach einer Reihe von trüben Tagen war der Morgenhimmel klar, und überall in Russka glitzerte der Januarschnee. Soeben stieg Sawa, der Leibeigene, in seinen Schlitten. Er wollte nach Moskau zurückfahren. Nun verneigte er sich tief vor ihr, und sie lächelte ihm zu. Sie hatten ein Geheimnis miteinander. Wenn Russka auch an diesem Morgen ruhig dalag, gab es doch viele Anzeichen, daß insgesamt mehr Geschäftigkeit herrschte als früher. Innerhalb der Stadtmauern gab es zwei breite Straßen mit Holzhäusern beiderseits des Marktes, die wiederum von drei weiteren gekreuzt wurden. Hinter der Kirche verlief nun eine breite Allee bis ins Zentrum, und auf einer Seite standen drei hübsche Steinhäuser mit klassizistischen Attributen. Sie gehörten Handelsherren. Am Ende dieser Allee lag ein kleiner Park; hinter diesem war ein Stück der alten Festungsmauer abgetragen und eine Promenade angelegt worden, von der aus man einen hübschen Blick über den Fluß und die umliegende Landschaft hatte. Außerhalb der Mauern lagen verstreut Hütten und kleinere Landgüter. Die Bevölkerung zählte etwa tausend Menschen. Russka war es gelungen, sich einen kleinstädtischen Charakter zu bewahren. Der gute Sawa – wie nahe waren sie sich in den vergangenen Jahren gekommen! Tatjana war jetzt manchmal ziemlich einsam. Alexander kränkelte, und das machte ihn schweigsam. Sergej war im Außenministerium beschäftigt, was ihn an St. Petersburg und Moskau band. Olga hatte vor kurzem einen attraktiven jungen Gardeoffizier mit einem Besitz in der Nähe von Smolensk geheiratet. Auch Alexej war verheiratet; man hatte ihn ans Schwarze Meer in den bedeutenden Hafen Odessa versetzt. Im vergangenen Monat war ihm ein Sohn geboren worden, den er Michail nannte. Nun bleiben also nur noch Ilja und ich, dachte Tatjana betrübt. Ilja war zwar zu Hause, aber gewöhnlich war er in seiner friedlichen Art in ein Buch vertieft.
Sawa und sein Vater führten zwei kleine Fabriken in Russka; in jeder waren ein Dutzend Leute beschäftigt. In der einen wurde wollenes Tuch gewebt, in der anderen Leinen. Im vergangenen Jahr konnte Tatjana ihren Mann überreden, Sawas Vater als Aufseher auf dem Besitz in Rjazan einzusetzen, mit dem Ergebnis, daß die Erträge sehr bald erkennbar stiegen. Tatjana fuhr häufig nach Russka, beobachtete die Betriebsamkeit der Suvorins und sprach mit Sawa übers Geschäft. Diese Gespräche hatten sie auf eine Idee gebracht.
Rußland veränderte sich, und die Veränderung fand genau in der Gegend statt, in der sie lebte. Es hatte in Rußland immer Quellen für Reichtum gegeben, die auszuschöpfen waren: Salzvorkommen und Felle in der riesigen Wildnis des Nordens; die fruchtbare schwarze Erde, der tschernozem der warmen Ukraine; und seit der Zeit Ivans des Schrecklichen die Bodenschätze des Ural.
Und nun fand hier, im alten russischen Herzland um Moskau, der größte Aufschwung statt, denn hier war die Wiege der russischen Produktion: Lederwaren, Metallarbeiten, Ikonenmalerei, Tuch- und Leinenweberei, Seidendrucke auf Importware und neuerdings Baumwollerzeugung. Außerdem gab es die alten Eisenhütten bei Tula und die großen Waffenfabriken in Moskau. Der größte Markt für Eisen und andere Artikel befand sich nur einige Tagereisen entfernt im Osten. Vor allem aber entwickelte sich die Provinzhauptstadt Vladimir mit einem neuen Industrieort namens Ivanovo nördlich davon zu einem bedeutenden Zentrum der Textilbranche. Gemessen am westeuropäischen Standard war diese neue industrielle und kommerzielle Entwicklung noch keineswegs großartig, aber sie war immerhin ein Anfang.
»Wenn unsere Leibeigenen kleine Fabriken einrichten können, könnten wir große bauen«, drängte Tatjana ihren Mann, doch Bobrov zeigte kein Interesse. »Wer soll sie nach meinem Tod weiterführen?« fragte er. »Alexej? Er ist Soldat. Ilja? Er ist nicht fähig dazu.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist viel einfacher, die Leibeigenen das machen zu lassen. Wir haben unseren Vorteil, indem wir ihre Gewinne in Form von obrok-Zählugen einstreichen.«
Tatjana hatte lange Zeit geglaubt, sie kenne Sawa genau; doch erst ein Jahr zuvor war sie sich der geheimen Leidenschaft bewußt geworden, die ihn vorwärtstrieb. Es kam heraus, als sie ihn eines Tages vorsichtig über sein persönliches Leben ausfragte. Die beiden Suvorins hatten neben ihrem Unternehmergeist eine weitere, höchst ausgefallene Eigenschaft gemeinsam: Sie lebten beide allein. Sawas Vater war Witwer, und er, Sawa, war mit dreiunddreißig Jahren immer noch ledig. Der Priester von Russka hatte oft mit ihm darüber gesprochen, doch Sawa verhielt sich immer merkwürdig ausweichend. Erst da bekannte er Tatjana gegenüber: »Ich heirate erst, wenn ich frei bin.«
»Wen wirst du denn heiraten?« fragte sie.
»Eine Kaufmannstochter«, war seine Antwort. »Aber kein Kaufmann läßt seine Tochter einen Leibeigenen heiraten, denn dann wird auch sie eine Leibeigene.«
Das also war es. Er wollte sich freikaufen. Mehrmals hatte er deswegen schon bei Bobrov vorgesprochen, doch dieser schickte ihn jedesmal fort.
So entwickelte sie ihren Plan, in Absprache mit Sawa. Zuerst war Alexander Bobrov verwundert über den Wunsch seiner Frau, Sawa und seinen Vater gegen Geld freizulassen. »Was bedeutet dir das?« wollte er wissen. Im Lauf der Wochen und Monate setzte sie ihm beharrlich zu: »Laß sie gehen, Alexander Prokofievitsch. Du sagst, du möchtest Geld beiseite legen. Verkaufe ihnen ihre Freiheit, und du wirst Gewinn damit machen!«
Eine Woche zuvor hatte er ihr, um endlich Frieden zu haben, müde erklärt: »Nun gut. Wenn sie ihre Freiheit wollen, sollen sie mir fünfzehntausend Rubel bezahlen – und kein bißchen weniger.« Er rechnete damit, daß sie diese Summe nie würden aufbringen können.
Tatjana lächelte nur. »Ich überrede Alexander Prokofievitsch, euch die Freiheit zu verkaufen, Sawa. Ich leihe dir das Geld, das euch fehlt. Ein Jahr nachdem ihr eure Freiheit bekommen habt, zahlt ihr mir das Doppelte von dem zurück, was ich euch geliehen habe. Einverstanden?« Er verneigte sich tief. »Also gut«, fuhr sie fort. »Überlaßt alles mir und sprecht zu niemandem darüber.« Obwohl die von Bobrov verlangte Summe für die Freiheit der Suvorins sehr hoch war, hatte Tatjana Vertrauen in den Jungen. Er würde eine Zeitlang brauchen, aber er würde das Geld schon zusammenbekommen. Sie hatte ihm bereits tausend Rubel geliehen. Heute, an diesem klaren Januarmorgen, war sie mit weiteren tausend nach Russka gekommen. »Nimm es mit nach Moskau und verwende es klug«, sagte sie.
Sie wußte nicht, daß Sawa, der den Schlitten bestieg und sich nochmals verneigte, auch vor ihr ein Geheimnis hatte. Nun hatte er genügend Geld, um sich bereits Ende dieses Jahres freizukaufen. Das Duell zwischen Herrn und Knecht war nahezu beendet. Olga blickte ihren Mann liebevoll an. Sie hatten den Juni gemeinsam auf ihrem Besitz bei Smolensk verbracht, und es kam ihr so vor, als habe sie noch nie im Leben solches Glück erfahren. Ein Schimmer lag auf ihrer Haut, eine Weichheit, wenn sie ihm nahe kam, daß selbst die Leibeigenen auf dem Gut lächelten und meinten: »Das ist wahre Liebe!« Lachend reichte sie ihm Sergejs Brief:
Meine liebe kleine Olga,
ohne jeden Zweifel wirst du von Deinem Gatten auf die altmodische Art regelmäßig gezüchtigt; also berichte ich Dir zur Aufheiterung einige Neuigkeiten. Ich habe einen reizenden Freundeskreis gefunden. Wir treffen uns in den Archiven des Moskauer Außenministeriums und nennen uns »Liebhaber der Weisheit«. Wir lesen die großen deutschen Philosophen, vor allem Hegel und Schelling. Und wir diskutieren über den Sinn des Lebens und den Genius Rußlands. Weißt Du, daß das Universum sich im Stadium des Entstehens befindet? Jede Idee hat eine entgegengesetzte. Wenn sie sich verbinden, bringen sie eine neue, bessere Idee hervor, die wiederum ihr Gegenstück findet, und so fort, bis das ganze Universum auf diese wunderbare Weise sich der Vollkommenheit nähert. Mit unserer menschlichen Gesellschaft hier auf Erden ist es genau das gleiche. Wir alle entwickeln Ideen innerhalb der großen kosmischen Ordnung. Ist das nicht herrlich? Ich muß jetzt schließen. Meine Freunde und ich müssen unserer kosmischen Bestimmung gehorchen und einen trinken gehen. Dann werde ich mit einer gewissen Dame aus meinem Bekanntenkreis den Kosmos weiter erforschen. Ach, noch etwas Interessantes: Unser geschätzter Erziehungsminister hegt der Philosophie gegenüber einen derartigen Argwohn, daß in St. Petersburg für diese Disziplin kein Lehrstuhl eingerichtet ist. Ich habe von einem Mann gehört, der heimlich Philosophievorlesungen in der Abteilung für Botanik hält, ein anderer auf seinem Lehrstuhl für Agrikultur. Nur in unserem geliebten Rußland kann die Natur des Universums als eine Art von Agrikultur betrachtet werden!
Es tut mir schrecklich leid, daß Dein Gatte ein solcher
Rohling ist. Schreibe mir unverzüglich, ob Du möchtest, daß
ich Dich befreie.
Dein Dich stets liebender Serjoscha.
Ein besonders langer Sommer ging zu Ende, die Sonne gab schon herbstliches Licht. Der leichte Wagen klapperte auf der staubigen Straße dahin – gemächlich, denn der alte Suvorin war darauf bedacht, die zahlreichen Fahrrinnen und Schlaglöcher zu vermeiden. Warum auch hätte er sich beeilen sollen, wenn er Ilja Bobrov beförderte?
Drei Tage zuvor waren sie in Rjazan aufgebrochen; morgen würden sie Russka erreichen. »Es hätte schon heute abend sein können, Herr, wenn Sie morgens früher aus dem Bett kämen«, bemerkte der graubärtige Knecht. Worauf Ilja einen Seufzer ausstieß. »Du hast ja recht, Suvorin. Ich weiß auch nicht, warum es mir so schwerfällt.«
Die Bäume lichteten sich, und weite Felder tauchten auf. Wie an vielen Orten dieser Gegend wurde hier Flachs, Gerste und Roggen angebaut. An der ersten isba wurden die beiden von einem bellenden Hund und einer großen Frau mit einem Korb voll Pilzen begrüßt. Bald darauf erreichten sie ein Gasthaus. »Wir müssen die Nacht hier verbringen«, meinte Suvorin mürrisch. Das Gastzimmer war ein großer Raum mit Tischen, Stühlen und einem großen Ofen in der Ecke. Während Suvorin sich um die Pferde kümmerte, setzte Ilja sich an den Ofen und bestellte Tee bei dem verdrießlichen Schankwirt. Es war eine erfolgreiche Fahrt gewesen. Ilja war froh, daß Tatjana ihn schließlich doch überredet hatte, den alten Suvorin zu begleiten. Sie hatten den Besitz in Rjazan genauestens überprüft, das Pachtgeld eingezogen, die Ernte und Schnittholz verkauft, und nun kehrten sie mit einer ansehnlichen Summe nach Russka zurück. Da das Gut in Rjazan ihm eines Tages gehören würde – Alexej sollte Russka bekommen –, war es sicher nicht verkehrt gewesen, sich den Ort einmal anzusehen.
Ilja Bobrov war kein Dummkopf. Als Kind hatte er oft krank im Bett gelegen und gierig verschlungen, was es zu lesen gab. Von seinem Vater hatte er die Liebe zur französischen Literatur und zur aufgeklärten Philosophie geerbt. Unglücklicherweise jedoch hatte sich Ilja, auch weil sein Vater in letzter Zeit viele Rückschläge einstecken mußte, ganz unbewußt die Vorstellung angeeignet, daß Versagen und Schwäche unvermeidlich seien. Obwohl er oft das untrügliche Gefühl hatte, daß er sein Leben vergeudete, daß er endlich seine Trägheit abschütteln müsse, blieb alles beim alten. Nun war er mit seinen achtundzwanzig Jahren liebenswert, faul, unverheiratet und ohne jeden Zweifel zu dick.
Diese Reise hatte ihn allerdings aufgerüttelt. Da war ihm doch tatsächlich eine neue Idee gekommen, an die er den ganzen Tag über gedacht hatte. Als Suvorin mit dem Mantelsack erschien und der Wirt ein Glas mit dampfendem Tee brachte, nickte er den beiden nur zu, legte seine Füße auf die Reisetruhe und überlegte mit geschlossenen Augen, während er den Tee schlürfte: Ja, es ist Zeit, daß ich mit diesem Faulenzen Schluß mache. Ich glaube, ich sollte mal ins Ausland reisen. Ich werde nach Frankreich gehen. Die Reise hätte am folgenden Tag zu Ende sein können, und zwar ohne Zwischenfall, wäre da nicht der Wirt gewesen. Die kleine Taverne machte nur einen bescheidenen Umsatz. Der Wirt hatte nicht die Absicht, einen offenbar wohlhabenden Herrn wie Ilja billig davonkommen zu lassen.
Ilja war begeistert von dem Vorschlag des Wirtes. Nach einem Nickerchen und erfüllt von den neuen Plänen in seinem Kopf, fühlte er sich ungewöhnlich tatendurstig. Also sagte er zum Wirt: »Ja, hole sie her und bringe auch Wein und Wodka!« Der Wirt lächelte. Er konnte von Glück sagen, daß diese Zigeuner gerade in der Gegend waren. Er hatte mit ihnen abgemacht, daß sie den dicken Herrn unterhalten sollten und mit dem Wirt teilten, was sie dafür bezahlt bekamen. Als es dämmrig wurde, duftete es in dem Gasthaus nach Speisen. Wein und Wodka wurden aufgetragen. Plötzlich erschienen viele Leute, und dann kamen die Zigeuner. Sie waren zu acht, bunt gekleidet, dunkelhäutig und gutaussehend. Sie sangen, und zwei Frauen tanzten. Ilja schlug grinsend den Takt mit dem Fuß. Für gewöhnlich trank er nicht viel, aber an diesem Abend… »Noch mehr Wein«, rief er.
Als der Abend endete, hatte Ilja jeden im Gasthaus zu einem halben Dutzend Gläsern eingeladen. Er hatte ausgiebig mit einer Fünfzehnjährigen getanzt und war nun ziemlich verliebt, nicht unbedingt in das Mädchen, sondern in das Leben. Es war weit nach Mitternacht, als der Wirt notdürftig Ordnung machte und für Ilja auf einer Bank ein Lager richtete, wo dieser sich nun niederlegte. Der Knecht machte es sich leise auf einer anderen Bank bequem und schloß die Augen.
Fünf Minuten später kam Ilja, der immer noch mit offenen Augen dalag, ein Gedanke. Der Mantelsack auf dem Fußboden neben ihm war nicht zu verschließen. Irgendwo in Rjazan hatte er selber den Schlüssel dazu verlegt. In dem Sack befand sich das gesamte Geld. Durch den Schleier des Alkohols gewann dieser Gedanke an Bedrohlichkeit: die Zigeuner! Einer dieser Teufel, wahrscheinlich das Mädchen, würde sich einschleichen und sie berauben – mit Hilfe des Wirtes, natürlich. Ilja setzte sich kerzengerade auf. »Suvorin, wach auf!« zischte er. Der alte Mann bewegte sich. »Komm her und öffne den Mantelsack.« Suvorin gehorchte. »Nimm das Geld heraus. Den Beutel und das Päckchen. Gut.« Im Beutel befanden sich Silberrubel, im Päckchen die Banknoten, die seit der Regierung Katharinas in Umlauf waren und von den Russen assignats genannt wurden. »Behalte sie, Suvorin. Dich werden sie sicher nicht ausrauben!« Der alte Mann zuckte schweigend die Achseln, und beide legten sich wieder zum Schlafen nieder. Ilja schlief auch gleich darauf ein.
Eine Stunde später weckte ihn etwas, vielleicht ein Geräusch oder das Mondlicht draußen vor dem Fenster. Und wieder fiel ihm das Geld ein. Was wäre, wenn alle Zigeuner plötzlich über den armen alten Suvorin herfielen und ihm das Geld entrissen? Nein, er mußte sie überlisten!
Mit einiger Schwierigkeit gelang es ihm, aufzustehen und Suvorin aus dem Schlaf zu schütteln. »Das Päckchen. Gib mir das Päckchen!« Wortlos suchte der Knecht in seinen Kleidern und zog es hervor. Ilja ließ sich schwer auf sein Bett fallen und überlegte, wo man es verstecken könnte. Er sah im Mantelsack zwischen seinen Habseligkeiten nach. Ach ja, das würde genügen. Auf dem Boden lag ein Gedichtband von Derzavin. Leider war der Rücken abgerissen, und Ilja hatte das Buch mit einer Schnur zusammengebunden. Er löste die Schnur, legte das Päckchen zwischen die Buchseiten und band sie wieder zusammen. Ich nehme doch nicht an, daß ein Zigeuner auf die Idee käme, in ein Buch zu schauen, dachte er, während er das Buch in den Mantelsack legte. Suvorin schnarchte bereits. »Ich muß Wache halten«, murmelte Ilja und fiel sogleich in einen tiefen Schlaf, von dem er erst spät am nächsten Morgen erwachte.
Als erstes stellte Ilja zu Haus in seinem Zimmer Derzavins Gedichtband ins Regal zurück. Er erinnerte sich nicht mehr, daß er schlaftrunken das Geld hineingesteckt hatte. Daher war er völlig verwirrt, daß die Hälfte des Geldes fehlte, als er und der alte Suvorin dem Vater die Abrechnungen vorlegten.
»Aber du hattest es doch, Suvorin«, sagte er kläglich zu dem alten Knecht.
»Sie haben die Banknoten in der Nacht an sich genommen, Herr«, war die Antwort.
»Kannst du das beschwören?« fragte Alexander Bobrov scharf.
»Das kann ich, Herr.«
Ilja konnte nur betreten dreinblicken. »Ich erinnere mich nur noch, daß ich dir alles gegeben habe«, sagte er.
Nachdem Tatjana persönlich alle Kleider und den Mantelsack durchsucht hatte und betroffen den Kopf schüttelte, traf Alexander Bobrov seine entsetzliche Entscheidung. »Du hast es gestohlen, Suvorin. Morgen werde ich beschließen, was mit dir geschehen soll.«
Irgendwie war Alexander Bobrov froh. Er hatte es bereut, daß er seiner Frau alle Macht über die Suvorins eingeräumt hatte. Nun, da es immerhin eine Möglichkeit gab, den alten Suvorin für einen Dieb zu halten, wollte er es unter allen Umständen glauben. »Entweder ist er ein Lügner oder dein Sohn«, brauste er auf, als Tatjana sich für den Leibeigenen einsetzte. Als sie ihn darauf hinwies, daß Ilja nach Suvorins Aussage betrunken gewesen war, bemerkte Bobrov lediglich: »Um so einfacher, ihn zu bestehlen.« Am folgenden Tag saß Alexander Bobrov zu Gericht. Er befahl Suvorin zu sich und trat, wie es sein Recht war, als Ankläger, Richter, Geschworener und Vollstrecker auf. Da er Suvorin des schweren Diebstahls für schuldig hielt, gab es ein hartes Urteil. »Ich schicke dich nach Sibirien«, verkündete er.
Alexander Bobrov mußte nicht hinzufügen, was mit diesem Urteil noch verbunden war: Alles, was die Familie Suvorin besaß, ging in seine Hände über. Das Geld, das der alte Suvorin für seine Freiheit bezahlt haben mochte, gehörte nun ohnehin Bobrov. Sein jetzt mittelloser Sohn würde für immer Leibeigener bleiben.
»Aber das kannst du nicht tun«, protestierte Tatjana. »Es ist gegen das Gesetz.« Laut Gesetz durfte ein Herr einen Leibeigenen über fünfundvierzig Jahren nicht nach Sibirien schicken. Suvorin war achtundvierzig. Doch das Gesetz war nicht allzu streng, wenn ein Landeigentümer damit zu tun hatte.
»Ich sende ihn zum Militärgouverneur von Vladimir«, sagte Alexander barsch. »Er ist ein Freund von mir.« Und obwohl Tatjana den ganzen Tag versuchte, seine Meinung zu ändern, hatte sie keinen Erfolg.
Insgeheim triumphierte Bobrov. Er hatte diese schlauen Leibeigenen hinausbefördert und den Wert seines eigenen Besitzes beträchtlich gesteigert.
Es gab zwar Momente, in denen Suvorin ihm auch leid tat. Doch auf diese plötzlichen und willkürlichen Wendungen des Schicksals muß jedermann gefaßt sein, beruhigte er sich selber. Schließlich war es ihm auch so ergangen, als Katharina ihn ins Gefängnis hatte werfen lassen.
Am nächsten Tag wurde Suvorin in Ketten nach Vladimir gebracht, von wo aus regelmäßig kleine Gruppen auf den langen, langen Weg nach Sibirien befördert wurden. An ebendiesem Tag schrieb Tatjana einen Brief.
Sawa nahm den kleinen, nachgedunkelten Gegenstand in die Hand. Endlich einmal lächelte er. Er hatte sich diese Kostbarkeit seit langem gewünscht, und nun endlich hatte er das Gefühl, sie sich leisten zu können. Sie waren in Sicherheit. Noch zwei Wochen in Moskau, und er würde genügend Geld für die eigene und seines Vaters Freiheit haben.
»Sie ist schön«, sagte der graubärtige Verkäufer. »Sehr alt. Ich schätze, sie stammt noch aus der Zeit vor Ivan dem Schrecklichen.« Sawa nickte. Er wußte es.
Es war eine kleine Ikone, nichts Aufsehenerregendes. Es gab viele hier im Laden, die größer und farbiger waren. Wie auf vielen alten Ikonen war auch bei dieser die Farbe mit den Jahren nachgedunkelt, sie war übermalt und noch dunkler geworden. Warum also war sie Sawa so wertvoll?
Er wußte, daß die Kunst der Ikone nur dem geübten Auge sichtbar wurde, und selbst dann konnte sie nur vom Geistigen her erfaßt werden. Eine Ikone war nicht einfach ein Gemälde, sie war ein Gebet. Von frommen Händen gemalt und überarbeitet, sollten diese Ikonen von jenen verehrt werden, die es verstanden. Wie Sawa. Er schob dem alten Mann das Geld über den Tisch. Jetzt war es Zeit zum Aufbruch. Doch es war, wie immer, nicht so einfach. Der alte Kerl hatte sich zwischen Sawa und die Tür geschoben. Zwei junge Männer hatten sich zu ihm gesellt. »Man würde Sie herzlich aufnehmen, das wissen Sie«, sagte der Alte ihm zum wiederholten Mal, »wenn Sie sich uns anschließen wollen.«
»Vielen Dank, nein«, antwortete Sawa wie schon so oft. »Wir können Ihnen helfen, Ihre Freiheit zu erkaufen«, meinte der eine der jungen Männer. Doch Sawa wollte nichts mit ihnen zu tun haben.
Es waren Altgläubige. Mit diesem Namen bezeichnete man zu jener Zeit die Sektierer, die ehemaligen raskolniki, die sich anderthalb Jahrhunderte davor von der Kirche abgespalten hatten. Seit die Kirche in Russka niedergebrannt worden war, hatte es dort keine mehr gegeben, und die meisten waren während der Zeit der Verfolgung in entfernter liegende Provinzen geflohen. Während der Regierungszeit Katharinas waren sie allerdings offiziell anerkannt worden, und nun gab es eine ansehnliche Gemeinde in Moskau. Die Sekte der Theodosianer war reich und mächtig. Ihren Sitz hatten sie bei ihrem Friedhof in dem ehemaligen Dorf Preobrazenskoje, jetzt ein Vorort der Stadt. Sie hatten zahlreiche Gemeinden innerhalb und außerhalb Moskaus. Sie waren an Industrie- und Handelsbetrieben beteiligt, und aufgrund des durch Katharina zugesagten Monopols brachten die Theodosianer die besten Ikonen auf den Markt. Das Erstaunlichste an der Sekte war allerdings ihre merkwürdige wirtschaftliche Organisation. Im Grunde bildeten die Theodosianer Genossenschaften. Sektenmitglieder konnten aus den Finanzmitteln der Sekte niedrigverzinsliche Darlehen zum Aufbau eines Geschäfts erhalten. In all ihren Unternehmen, zu denen große Textilfabriken gehörten, wurde durch die Gemeinde für die Armen gesorgt.
Seit Sawa die Theodosianer in Moskau kennengelernt hatte, drängten sie ihn, der Sekte beizutreten. Sie hätten ihn sicher finanziell unterstützt. Er aber dachte: nein, ich will frei sein. Er verließ den Laden der Theodosianer und machte sich auf den Weg zu seiner bescheidenen Unterkunft in Moskau. Es war ein hübsches Holzhaus in einer staubigen Straße. An der Tür war ein kleines Schild mit einem Namen darauf – es war nicht sein Name, sondern der seines Herrn: Bobrov. Bald wird darauf der Name Suvorin stehen. Er trat wohlgemut ein.
Fünf Minuten später brachte ein Bote einen Brief von Tatjana. Sie berichtete ihm alles. Daß sein Vater sich in Ketten auf dem Weg nach Sibirien befinde; daß er all seine Habe verloren habe; daß Bobrov einen Mann schicke, der ihn, Sawa, nach Russka zurückbringen solle, wo er wieder als armer Leibeigener leben würde. Der Brief endete mit einem großzügigen Angebot und einem sehr eindeutigen Hinweis.
Was Du auch zu tun gedenkst, das Geld, das ich Dir geliehen habe, gehört Dir. Ich will es nicht zurückhaben, und ich bin nur froh, wenn ich weiß, daß es Dir gutgeht.
Die Frau seines Grundbesitzers sagte ihm, er solle weglaufen und das Geld behalten. Er wußte, daß das für ein Mitglied des Adels eine erstaunliche Geste einem Leibeigenen gegenüber war. Doch er seufzte nur. Wenn ich das Geld nehme und erwischt werde, heißt es doch nur, ich hätte es gestohlen. Ihr Brief hilft mir gar nichts. Sorgfältig wickelte er die Banknoten in Höhe ihres Darlehens ein. Er würde die Summe einem vertrauenswürdigen Händler geben, der sie zu Tatjana bringen sollte. Dann überlegte er, was weiter zu tun sei.
Er würde nicht zurückgehen. Nicht zu den Bobrovs, nach dem, was sie ihm angetan hatten. Lieber wollte er sterben. Er würde verschwinden. Da gab es viele Möglichkeiten. Männer zogen die Lastkähne die Wolga hinunter. Zermürbende Arbeit. Tausende starben dabei jedes Jahr. Aber auf diese Weise konnte man entkommen, weit nach Süden und Osten, ohne daß viele Fragen gestellt wurden. Oder vielleicht gleich zu den fernen sibirischen Kolonien, wo sie immer Leute brauchten. Vielleicht würde er sogar versuchen, seinen Vater zu finden. Zum Glück bin ich stark, dachte er. Hatte er sein Duell mit den Bobrovs nun doch noch verloren? Selbst wenn das so war, würde er nicht aufgeben, niemals!
An dem Tag, an dem sein Vater den alten Suvorin von Russka fortschickte, machte Alexej Bobrov, weit weg in der nordöstlichen Provinz Novgorod, eine Entdeckung, die ihn beeindruckte. Es war ein klarer Tag, und ein scharfer Wind blies. Drei junge Offiziere ritten mit ihm. »Auf jeden Fall werde ich alles schlecht finden, was dieser Einfaltspinsel sich ausgedacht hat«, bemerkte einer von ihnen spöttisch. Alexej dagegen war, als er das Tor passiert hatte und die ordentliche Straße entlangritt, voller Neugier. Der Einfaltspinsel war nämlich der berühmte General Araktschejev.
Zu den seltsamen Fügungen während der Regierungszeit des aufgeklärten, um nicht zu sagen poetischen Zaren Alexander gehörte die Wahl General Araktschejevs zu seinem engsten Berater. Vielleicht hatten sich dabei Gegensätze angezogen. Der General war halbgebildet und hatte ein launisches Temperament. Alexej bewunderte ihn wegen seiner glänzenden Führung der Artillerie im großen Feldzug von 1812. »Er ist vielleicht ein rauher Bursche«, sagte er seinen Kameraden gegenüber, »aber er ist ein treuer Anhänger des Zaren, und er bringt etwas zuwege.« Hier, in der Provinz Novgorod, hatte der General auf Befehl des Zaren eines der größten sozialen Experimente der russischen Geschichte in Angriff genommen.
Gleich beim Betreten des riesigen Areals fiel Alexej die seltsame Atmosphäre auf. Das war keinesfalls ein russisches Dorf. Die eher zufällige Ansammlung von bäuerlichen isbas von ehemals war vollkommen niedergerissen worden; an ihrer Stelle standen Reihen ordentlicher Hütten. Sie sahen alle gleich aus: blau bemalt mit einer roten Veranda und einem weißen Zaun. »Mein Gott«, murmelte Alexej, »die sehen ja aus wie Baracken.« Dann sah er die Kinder. Die kleinen Jungen waren zum Teil nicht älter als sechs Jahre. Sie zogen unter der Aufsicht eines Sergeanten singend und im Gleichschritt marschierend an ihm vorüber. Sie trugen Uniformen. Alexej stellte fest, daß alle Menschen gleich gekleidet waren und keiner der Bauern einen Bart trug.
»Ja, Sie finden hier alles in bester Ordnung vor«, erklärte der junge Offizier, der sie herumführte. »Wir haben die Uniformen für die Kinder in drei Größen. Sie tragen sie die ganze Zeit. Eiserne Disziplin! Wenn es Zeit ist für die Feldarbeit, wird die Trommel gerührt.« Er grinste. »Sie können eine Wiese fast im Gleichschritt mähen.«
»Wie halten Sie die Disziplin aufrecht?« fragte ein Offizier. »Der Stock genügt. Ein kleiner Ausrutscher, und sie kriegen Schläge. Der Stock wird übrigens in Salz gesteckt«, fügte er hinzu. Alexej fiel noch etwas auf. Anders als in einem üblichen Ort gab es anscheinend genauso viele Männer wie Frauen aller Altersklassen. »Jeder muß heiraten«, erklärte ihr Führer, »ob er will oder nicht. Es gibt hier keine Witwen oder alten Jungfern; wir versorgen sie mit einem Mann. Das System funktioniert perfekt, sehen Sie das? Jeder hat Arbeit, jeder gehorcht, und für jeden wird gesorgt.« Dies also war General Araktschejevs Militärkolonie. Sie bedeckte ein weites Areal in der Provinz, wo die Armee sich niedergelassen hatte und die ansässigen Bauern zwangsweise zu Reservisten und militarisierten Staatsarbeitern wurden. Weitere Kolonien entstanden bereits unten im Süden, in der Ukraine. Doch warum hatte der aufgeklärte Zar Alexander seinen Gefolgsmann dazu ermutigt, diese totalitären Distrikte zu schaffen? War es nur der Einfachheit halber? Auf alle Fälle war es eine billige Art, ein stehendes Heer in Friedenszeiten zu beschäftigen und zu verpflegen. Oder machte der Zar dieses Experiment – wie einige vermuteten –, um eines Tages den Zugriff eines konservativen Adels auf Armee und Landbesitz zu lockern, vielleicht schon auf diese Weise? Welche Erklärung der Sache auch am nächsten kommen mochte: Jedenfalls wäre Peter der Große von den Militärkolonien mit ihrer straffen Disziplin, ihrer erschreckenden Gleichförmigkeit und ihrer absoluten Ausrichtung auf den Staat begeistert gewesen. Für Alexej Bobrov war die Kolonie eine Entdeckung. Araktschejevs Schöpfung war das Vollkommenste, das er je gesehen hatte. Wie weit entfernt war es doch von dem schäbigen Durcheinander Russkas oder von tausend ähnlichen Ansiedlungen! Alexej sah nur, daß die Menschen hier fleißig und wohlgenährt waren – er sah, was er zu sehen wünschte.
Von diesem Tag an setzte sich in seinem Kopf ein einziger, unabweichlicher Leitsatz fest: Dem Zaren mußte in einer perfekten Ordnung gedient werden. Aus diesem Prinzip leitete sich ein nächstes ab: Was der Ordnung förderlich ist, muß auch recht sein. Im Sommer des folgenden Jahres, als Ilja bereits mit einem Freund der Familie seine Auslandsreise angetreten hatte, nahm Alexej eines Tages während eines Besuches in Russka zufällig den zerrissenen Band mit Derzavins Gedichten aus dem Regal. Als er die Banknoten darin entdeckte, war ihm sofort klar, was geschehen war. Man konnte nichts mehr unternehmen. Suvorin war in Sibirien, sein Sohn war spurlos verschwunden. Und Alexander Bobrov kränkelte.
Außerdem wäre es für die Familie und für ihre Gesellschaftsklasse ungut, jetzt die Verurteilung Suvorins als Fehler einzugestehen. Überdies war es unvereinbar mit der Ordnung. So brachte er das Geld an einen sicheren Platz und schwieg.
1825
Wenn ein Russe nach dem Datum des wichtigsten Ereignisses vor dem 20. Jahrhundert gefragt wird, antwortet er höchstwahrscheinlich: Dezember 1825. In diesem Monat fand der erste Versuch einer Revolution statt.
Die Dekabristen-Verschwörung – so genannt nach dem russischen Wort für Dezember – ist wegen ihres ungewöhnlichen Charakters wohl einmalig in der Geschichte der Menschheit. Sie war der amateurhafte Versuch einer Handvoll Adliger, aus durchaus ehrenhaften Motiven dem Volk die Freiheit zu erobern. Während der Regierungszeit Katharinas faßten die Ideen der Aufklärung erstmals Fuß in russischen Adelskreisen. Trotz der Erschütterung durch die Französische Revolution und der Angst vor Napoleon hatte der Reformgedanke in Rußland sich unter dem aufgeklärten Zaren Alexander weiter verbreitet. Und es gab in der Tat genügend zu reformieren: ein Rechtssystem, das noch aus dem Mittelalter hätte stammen können, die Einrichtung der Leibeigenschaft, eine Regierung, die trotz der nominellen Existenz eines Gerichtssenats in Wirklichkeit eine primitive Autokratie war.
Was also konnte getan werden? Die von Katharina zusammengerufenen Vertreter des Adels, der Kaufmannschaft und der Leibeigenen hatten untereinander nur gestritten. Es gab keine Institutionen wie im Westen, auf die man hätte aufbauen können. Zar Alexander sah sich vor den gleichen Problemen: großartige Programme wurden erstellt, doch alle Versuche, sie zu realisieren, scheiterten an dem in Rußland üblichen Widerstand und an Unfähigkeit. Der Adel wollte nichts von der Befreiung seiner Bauern wissen. Die Regierung sah, daß sie praktisch nur versuchen konnte, die Ordnung aufrechtzuerhalten und Experimente wie die Militärkolonien zu wagen, neue Wege zu suchen, die das Land aus seiner althergebrachten sozialen Stagnation herausführen könnten. Es war demnach nicht weiter verwunderlich, daß ein paar liberale junge Adlige im Lauf der Jahre das Gefühl hatten, von ihrem engelgleichen Zaren betrogen worden zu sein. Ihr geistiger Horizont hatte sich durch die Aufklärung erweitert; der bedeutende patriotische Sieg über Napoleon und die Verbindung einiger Adliger mit dem mystischen Freimaurertum hatte sie mit romantischer Inbrunst für ihr Vaterland erfüllt. Während die Heilige Allianz Zar Alexanders sie in ihrem Blick über die Grenzen beflügeln mochte, wurde Rußland im Innern zunehmend beherrscht von dem streng autoritären Regierungssystem des Generals Araktschejev. So kam es, daß sich in den Jahren nach dem Wiener Kongreß eine lockere Gruppe zusammentat, die entschlossen war, Veränderungen, notfalls durch eine Revolution, herbeizuführen. Sie hatten kein genau vorgefaßtes Ziel. Einige wünschten eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild; andere, im Süden, wollten unter der Führung des hitzigen Offiziers Pestel den Zaren töten und eine Republik ausrufen. In aller Heimlichkeit wurde geplant, wurden Komplotte geschmiedet, wurde gehofft – doch man unternahm nichts.
Da verstarb Ende 1825 Zar Alexander I. Ein plötzliches Fieber raffte ihn dahin. Er hinterließ keinen Sohn. Nach der Thronfolgeregel wäre die Herrschaft an seinen Bruder Konstantin gefallen. Doch dieser Enkel Katharinas, von dem sie gehofft hatte, er werde einst in Konstantinopel herrschen, hatte bereits 1822 auf den Thron verzichtet, und Zar Alexander hatte in einem Manifest Nikolaus, den nächsten Bruder, zum Thronfolger bestimmt. Von diesem Manifest war der Öffentlichkeit allerdings nichts bekannt. Im Dezember 1825 sollte nun jenem rechtschaffenen, aber völlig phantasielosen Burschen der Treueeid abgelegt werden. Zu diesem Anlaß beschlossen die Verschwörer, einen Coup zu landen. Sie wollten eine Konspiration zugunsten Konstantins anzetteln, indem sie die Truppen zu überreden versuchten, den Eid auf Nikolaus nicht abzulegen. Es gab zwei Gruppen von Verschwörern: eine in St. Petersburg, die andere, unter Pestel, in der Ukraine. Sie hatten kaum Verbindung miteinander, und außerdem verfolgten sie unterschiedliche Ziele.
Als am Morgen des 14. Dezember die Armee und der Senat den Eid leisten sollten, führte eine Gruppe von Offizieren an die dreitausend ungeordnete Soldaten auf den Senatsplatz. Als sie eintrafen, hatten die Senatoren ihren Eid bereits geschworen. Nikolaus, der Blutvergießen vermeiden wollte, ließ sie umzingeln, doch als sie sich in der Dämmerung immer noch nicht von der Stelle gerührt hatten, wurden Kartätschen abgefeuert, einige Dutzend Männer starben. Damit war der revolutionäre Spuk vorüber. Bald darauf wurde Pestels Rebellion im Süden im Keim erstickt. Fünf Rädelsführer wurden hingerichtet.
Das war die Dekabristen-Verschwörung – aristokratisch, amateurhaft, absurd. Doch trotz ihrer heroischen Torheit – oder vielleicht gerade deshalb – wurden jene Adligen von den nach ihnen kommenden Revolutionären als Ansporn betrachtet, ähnlich den frühchristlichen Märtyrern.
Für den neuen Zaren Nikolaus war die Revolte ein schwerer Schlag. Er glaubte an die Pflicht des Dienens, und er erwartete dies auch von seinen Adligen. Welchen Grund konnten diese Burschen haben, die heilige Verpflichtung zu verraten? Er ließ alle Geständnisse kopieren und in einem Buch zusammenfassen, das ständig auf seinem Schreibtisch lag und sorgfältig von ihm gelesen wurde. Daraus lernte er, daß Rußland Gesetze, Freiheit und eine Verfassung brauchte. Er war nicht sonderlich klug, aber er dachte über diese Dinge nach. Zuerst einmal mußte Ordnung geschaffen werden.
1827
Der Sommer begann, und Tatjana war froh, denn plötzlich war das Haus voll von fröhlichen Stimmen nach so viel Stille und Traurigkeit. Meine Kinder sind nach Haus gekommen, dachte sie lächelnd. In den eineinhalb Jahren seit Alexander Bobrovs Tod war sie oft einsam gewesen; nur Ilja hatte ihr Gesellschaft geleistet. Während dieser Zeit war noch zweimal Unglück über die Familie gekommen. Ein Jahr zuvor hatte Olga ihren lieben Mann im Krieg verloren; er ließ sie mit einem Kind und einer neuen Schwangerschaft zurück. Wenigstens war sie gut versorgt, denn der Besitz in Smolensk war groß. Und im letzten Herbst hatte Alexej seine Frau durch eine CholeraEpidemie verloren, gerade als er mit seinem Regiment ausrücken mußte. An einem Wintermorgen brachte ein Schlitten seinen fünfjährigen Sohn Michail nach Bobrovo, klein, frierend und unglücklich, damit die Großmutter ihn in ihre Obhut nähme. »Nur bis Alexej wieder heiratet«, sagte sie zu Ilja. Die alte Arina wurde wieder als Kinderfrau eingestellt, und ihre Nichte sollte ihr dabei zur Hand gehen. Unter ihrer Fürsorge wuchs der kleine Michail – sie nannten ihn Mischa – zu einem liebenswerten Abbild seines Vaters heran. Arina fand ein Kind seines Alters von einem Leibeigenen aus dem Dorf, Ivan Romanovs jüngsten Sohn Timofej; bald spielten die beiden Jungen jeden Tag fröhlich miteinander.
Im Frühjahr kamen dann gute Nachrichten. Olga wollte mit ihren beiden Kleinen für die Sommermonate kommen. Eine Woche darauf traf ein Brief von Alexej ein. Ein neuer Feldzug gegen die Türken wurde für den Herbst erwartet, doch im Sommer hatte er drei Monate Urlaub bekommen. »Die möchte ich mit dir und meinem Sohn verbringen«, hieß es in dem Brief.
So würde von all ihren Kindern nur Sergej fehlen. Und Tatjana mußte zugeben, daß das ganz gut so war.
Olga war froh, wieder in dem bescheidenen grünweißen Haus zu sein und vom Hügel aus hinunter zum Flußufer zu schauen, wo die süß duftenden Kiefern wuchsen. Es war eine Rückkehr in die Kindheit und in die Familie. Es tat gut, die beiden kleinen Mädchen in der Obhut der beiden Arinas zu wissen. Ihre alte Kinderfrau hatte nur noch drei Zähne, aber ihre Nichte, die junge Arina, wie sie genannt wurde, war ein hübsches, heiteres Mädchen von sechzehn Jahren, das alles sehr rasch von der älteren Frau lernte. Olga verbrachte schöne Stunden mit ihnen draußen auf der Veranda; auch der kleine Mischa war dabei, und sie hörten den wunderbaren Geschichten der alten Arina zu.
Olgas Schmerz über den Tod ihres Mannes, so schrecklich er auch gewesen war, verflüchtigte sich allmählich, und in dem ruhevollen russischen Sommer fühlte sie sich gesunden. Tatsächlich herrschte jetzt eine freundliche, herzliche Atmosphäre im Haus. Alexej war durch den Verlust seiner Frau sanfter geworden. Obwohl er es nicht sagte, fühlte Olga, wie kostbar ihm jeder Tag war, den er mit seinem kleinen Sohn verbrachte.
Allerdings wurde nicht viel gelacht. Oft dachte Olga an Sergej und seine ansteckende Fröhlichkeit. Sie hatte seit mehreren Wochen keinen Brief von ihm erhalten. Das war ungewöhnlich. Trotzdem war sie froh, daß er nicht auch zu Besuch kam. Denn achtzehn Monate zuvor hatte es bei der Beerdigung des Vaters eine dramatische Auseinandersetzung zwischen Sergej und Alexej gegeben. Der fehlgeschlagene Coup der Dekabristen, der den Zündstoff lieferte, lag damals erst zwei Monate zurück. Als die trauernde Familie sich im Salon versammelt hatte, behauptete Alexej allen Ernstes, er danke Gott, daß die Verschwörer so rasch zur Strecke gebracht werden konnten. Darauf erwiderte Sergej munter: »Ich kannte ein paar von diesen Burschen. Hätte ich nur gewußt, was sie vorhaben, ich hätte sofort mitgemacht.« Alexej erbleichte vor Zorn und sagte mit bebender Stimme: »Ich weiß eigentlich nicht, warum du überhaupt hier bist, Sergej. Und es tut mir leid, daß du hier bist.« Von da an wechselten die beiden kein Wort mehr miteinander.
Vielleicht weil jetzt alles so friedlich war, erkannte Olga die Gefahr nicht. Alexej hatte seinen Freund Fjodor Petrovitsch Pinegin für die Urlaubszeit eingeladen. Pinegin war ein ruhiger Mensch, wohl noch nicht dreißig, mit einem schmalen, harten Gesicht, rotblondem Haar und blaßblauen, ausdruckslosen Augen. »Er ist ein guter Kerl, ein bißchen einsam«, hatte Alexej erklärt. »Er war lange in der Armee, aber darüber mag er nicht sprechen.« Während die anderen sich unterhielten, saß Pinegin gewöhnlich still da und zog an seiner kurzen Pfeife. Er hatte eine auffallende Angewohnheit: Er trug ständig einen weißen Uniformrock und Uniformhosen. Nach seiner Lieblingsbeschäftigung befragt, antwortete er sanft: »Jagen.« Da Alexej mit dem Gut beschäftigt war und Ilja sich selten von seinen Büchern entfernte, fand Olga sich auf ihren Spaziergängen häufig in Pinegins Gesellschaft; dabei erwies er sich überraschenderweise als unterhaltsamer Begleiter.
Olga wußte, daß sie schön war. Sie war jetzt vierundzwanzig, hatte eine hochgewachsene, elegante Figur, große, strahlend blaue Augen, langes braunes Haar und bewegte sich mit stolzer Anmut. Sie ahnte, daß Pinegin sie mochte, doch darüber machte sie sich kaum Gedanken.
Es gab wunderschöne Ausflugsziele. Nicht weit vom Haus führte eine lange schattige Allee in ein Silberbirkenwäldchen. Man konnte auch am Fluß entlangschlendern, wo die Kiefern duftenden Schatten spendeten. Olgas bevorzugter Gang war jedoch zum Kloster. Sie liebte es.
Zweimal ging Olga mit Pinegin zum Kloster und zeigte ihm stolz die kleine Rublev-Ikone, die die Bobrovs vor langer Zeit gestiftet hatten. Obwohl Pinegin wenig sprach, schien er doch beeindruckt. Das zweitemal nahm Olga den kleinen Mischa mit. Er hatte eine seltsame Scheu vor Pinegin und wollte nicht neben ihm gehen. Auf dem Rückweg aber, als er zu müde zum Gehen war, nahm der Soldat ihn auf die Schultern und trug ihn nach Hause. So vergingen die Tage: Pinegin war manchmal mit dem Gewehr frühmorgens draußen; Ilja mit einem Buch; spätnachmittägliche Spaziergänge; und abends wurde Karten gespielt. Es war die reinste Sommeridylle. Das einzige, was Olga in diesen Tagen Anlaß zur Sorge gab, betraf den Besitz. Eigentlich war es mehr eine Folge von Kleinigkeiten, die sich, Olgas Ansicht nach, einfach in Ordnung bringen ließen – wenn Alexej damit einverstanden wäre. War nämlich eine Anschaffung nötig – ein neuer Wagen oder eine Pumpe –, so gab er dem Knecht die schroffe Anweisung, sich mit den alten Sachen mehr Mühe zu geben. Außerdem ließ Alexej rascher abholzen als aufforsten. »Disziplin ist nötig, nicht Geld«, war sein Motto. »Ich kümmere mich während seiner Abwesenheit um alles«, erzählte Tatjana ihrer Tochter, »aber er läßt mich keine Verbesserungen vornehmen. Und natürlich wirft das Gut weniger ab, seit die Suvorins nicht mehr da sind«, räumte sie ein.
Zwei Jahre zuvor war aus Sibirien die Nachricht vom Tod Ivan Suvorins eingetroffen. Von Sawa hatte man nie wieder etwas gehört. Olga war zwar traurig über diese Anzeichen von Vergänglichkeit in ihrem früheren Zuhause, aber sie machte sich keine übermäßigen Gedanken, sondern genoß die heiteren Sommertage. Als einen positiven Charakterzug Alexejs betrachtete seine Mutter seinen regelmäßigen sonntäglichen Kirchenbesuch. Es war nur natürlich, daß er erwartete, von allen im Haus begleitet zu werden. Er ging allerdings nicht in die kleine Holzkirche des Ortes, wo einmal wöchentlich ein Priester von auswärts die Messe las, sondern in die alte Steinkirche am Marktplatz in Russka. »Ich würde ja mitkommen«, meinte Ilja verdrossen, »wenn nicht dieser verdammte Priester wäre.«
Der Priester in Russka, das muß gesagt werden, war kein angenehmer Mensch, groß, aufgeblasen, rothaarig und mit einer Nachkommenschaft, die, so hieß es, auf dem Markt Lebensmittel stahl. Der Priester selbst ließ keine Gelegenheit aus, bei der es um Essen oder Geld ging. Doch Alexej stand jeden Sonntag unerschütterlich die lange Messe durch, um den Segen von der großen, fetten Hand zu empfangen. Olga begleitete ihn natürlich. Als sie eines Sonntags zurück zur Kutsche gingen, sagte er zu ihr: »Er hat zwar kein Geld, aber wenn du Pinegin heiraten willst – ich habe nichts dagegen.«
»Heiraten?« Sie starrte ihn an. »Wie kommst du denn auf die Idee?«
»Du verbringst doch viel Zeit mit ihm. Sicher denkt er, du seist interessiert.«
»Hat er das gesagt?«
»Nein, aber ich bin ganz sicher.«
»Ich habe nie daran gedacht«, erklärte sie wahrheitsgemäß. Er nickte. »Nun ja, du bist Witwe, und du bist reich. Du kannst machen, was du willst. Aber spiele nicht mit ihm. Er kann ein sehr gefährlicher Mann sein!«
In der nächsten Woche war sie deshalb vorsichtig. Sie war zwar ebenso freundlich wie früher, doch nun ging sie öfters allein aus, oder sie nahm ihre Mutter oder Alexej mit, wenn Pinegin dabei war. Sie beobachtete ihn die ganze Zeit: War er wirklich gefährlich? Eines Nachmittags in der ersten Juniwoche saß die Familie beim Tee auf der Veranda, als eine kleine Staubwolke sich näherte; sie kam den Weg herauf und machte vor dem Gartentor halt. »Mein Gott, eine Troika«, schrie Ilja.
Die Troika, ein Pferdegespann, in dem drei Pferde nebeneinander liefen, war höchst schwierig zu lenken. Andererseits war es momentan in Mode, per Troika zu reisen – es galt als chic. Drei Männer saßen darin; der prächtig gekleidete Lenker sprang mit einem Schrei herunter – es war Sergej. Nach russischer Art küßte er jeden dreimal und erklärte munter: »Hallo, Olga! Hallo, Mama! Hallo, Alexej! Man hat mich ins Exil geschickt.« Früher oder später hatte er ja einmal in Schwierigkeiten kommen müssen.
Zu den ersten Handlungen des Zaren Nikolaus zur Sicherung der politischen Ordnung in seinem Reich gehörte die Errichtung eines neuen, ganz speziellen Polizeiamtes, der »Dritten Abteilung«; an ihre Spitze stellte er einen seiner Freunde, den gefürchteten Grafen Alexander Benckendorff. Dessen Aufgabe war klar definiert: Er hatte gründlich durchzugreifen. Der Zar hielt Reformen zur rechten Zeit für durchaus angebracht; doch bis dahin durfte es keine Dekabristen mehr geben. Benckendorffs Gendarmen waren überall präsent. Insbesondere hatte die Abteilung ein wachsames Auge auf enthusiastische junge Herren mit mangelndem Respekt vor der Autorität – wie, zum Beispiel, Sergej.
Tatsächlich hatte alles mit Puschkin, dem Helden aus Sergejs Jugendzeit, begonnen. Puschkin wurde allmählich bekannt. Einige seiner ersten brillanten Schriften waren bereits veröffentlicht. Die »Ode an die Freiheit« hatte den jungen Dichter schon in Schwierigkeiten mit den Behörden gebracht. Der Zar hatte Benckendorff persönlich beauftragt, das Werk Puschkins zu zensieren. Es war nicht weiter verwunderlich, daß Sergej, den es gelüstete, mit seinem Idol im Licht der Öffentlichkeit zu stehen, eilends auch selbst etwas Schockierendes produzierte.
Sergej Bobrovs Gedicht »Der Feuervogel« ging auf Kosten des Dichters in Druck. Dieses Werk war – müßig zu erwähnen – ein Vorbote der Freiheit. Schon nach zwei Tagen, die Tinte war kaum getrocknet, hatte Benckendorff das Gedicht des unbekannten Autors beschlagnahmt.
Das Vorgehen der Dritten Abteilung war derart schnell, daß Sergej eine Woche darauf den Befehl erhielt, sich unverzüglich auf den Familienbesitz in Russka zu begeben und bis auf weitere Anordnungen dort zu verbleiben. Und da war er nun. »Hier ist ein Brief für dich, Alexej«, sagte Sergej. Er holte ihn aus den Tiefen seines Mantels. Der Brief war von Benckendorff persönlich. Alexej nahm ihn wortlos entgegen. Außer seinem Diener hatte Sergej einen sympathischen jungen Mann namens Karpenko aus der Ukraine mitgebracht, den er in St. Petersburg kennengelernt hatte.
Alexej bemühte sich, freundlich zu sein. Der Brief hatte ihn einigermaßen besänftigt.
Wir glauben, daß der junge Mann ein harmloser Bursche ist Es wird ihm jedoch nicht schaden, wenn er sein Mütchen eine Weile auf dem Lande kühlen kann. Ich weiß, mein lieber Alexej Alexandrevitsch, daß Sie ihn in Ihre väterliche Obhut nehmen werden.
Alexej war fest entschlossen, dieser Bitte nachzukommen. Doch gegen Sergejs Fröhlichkeit konnte er nichts unternehmen. Sergej nahm alles auf die leichte Schulter. Niemand konnte seiner guten Laune widerstehen.
Er begann sogleich die alte Arina zu necken. »Meine Liebe, es geht nicht, daß so eine Alte wie du, die den Kopf voll von Märchen hat, sich um den jungen Herrn Mischa kümmert. Er braucht eine englische Gouvernante. Das hat man heutzutage.« Mischa war fasziniert von diesem wunderbaren Onkel, der Verse schrieb und lustige Zeichnungen machte. Sergej nannte ihn »mein kleiner Bär«. Das Kind folgte ihm auf Schritt und Tritt.
Karpenko war zwanzig Jahre alt, klein, dunkel, hatte feine Gesichtszüge und war sehr schüchtern. Offensichtlich war er Sergej sehr zugetan, der liebevoll mit ihm umging. Wenn Sergej ihn dazu ermutigte, konnte er alle Menschen – vom ukrainischen Bauern bis zum Zaren – großartig imitieren. Karpenko brachte Mischa bei, wie ein kleiner Bär zu tanzen.
Dem kleinen Jungen kam es nun so vor, als befinde er sich nach dem kalten Winter und dem Tod seiner Mutter in einer seltsamen neuen Welt voll von herrlichem Sonnenschein, die ihn glücklich machte. Er fand auch die junge Arina mit ihrem eher schwerfälligen Körper schön. Ihre blauen Augen strahlten vor Freude, wenn sie Onkel Sergej oder Karpenko sah. Sergej gegenüber war sie ein wenig schüchtern, aber der dunkle Ukrainer durfte schon einmal den Arm um sie legen. Onkel Sergej war einfach wunderbar, daran gab es keinen Zweifel. Stundenlang unterhielt er sich mit dem schlauen Onkel Ilja, oft auf französisch.
Wenn sie alle durch die Birkenallee hinter dem Haus spazierten, bemerkte Mischa des öfteren, daß Karpenko versuchte, neben Tante Olga zu gehen. Einmal hörte er, wie sie zu Onkel Sergej sagte: »Dein Freund ist in mich verliebt«, und dann lachte sie silberhell. Und da war noch Pinegin mit seiner Pfeife und in dem weißen Uniformrock. Er war immerzu da, beobachtete schweigend, hin und wieder lächelte er ein wenig. Und doch hatte er etwas an sich, das dem Kind angst machte. Als sie einmal alle miteinander auf der Veranda saßen, fragte Mischa ihn: »Bist du ein Soldat?« Nach der bejahenden Antwort fragte er weiter: »Und Soldaten töten Menschen?« Pinegin nickte. »Er tötet Leute!« erklärte der kleine Kerl den Erwachsenen, die daraufhin in Gelächter ausbrachen. Zu Olgas Erleichterung verging mehr als eine Woche ohne Zwischenfall. Jeder wußte, daß man Sergej und Alexej voneinander fernhalten mußte. Alle paßten auf.
Sie hatte vergessen, wie amüsant Sergej war. Er erzählte ihr Skandalgeschichten über gefährliche Situationen, Duelle und gesetzeswidrige Angelegenheiten von allen möglichen Leuten in Moskau und St. Petersburg, und dabei schmückte er die Einzelheiten derart aus, daß sie sich lachend an seinen Arm klammerte. Eines Abends fragte sie ihn neugierig nach seinem Liebesleben. Ob er viele Frauen gehabt habe? Jede Antwort hatte sie erwartet, aber nicht das, was nun kam. Sergej führte sie in eine stille Ecke, zog ein Büchlein aus seiner Tasche und reichte es ihr. Auf jeder Seite gab es zwei Spalten von Namen, jeder mit einem kleinen Kommentar versehen. »Meine Eroberungen«, erklärte er. »Die auf der linken Seite sind platonische Freundschaften, die auf der rechten Seite habe ich wirklich gehabt«, erklärte er.
So offen Sergej im allgemeinen war, so hatte er doch ein Geheimnis, über das er mit niemandem sprechen konnte. Wenige Tage vor seiner Abreise war er mit seinem Diener, einem Leibeigenen vom Gut in Russka, in Moskau unterwegs, als er plötzlich Sawa begegnete. Er war so überrascht, daß er, ehe er überhaupt überlegte, schon ein paar unbedachte Worte geäußert hatte, Worte, die unter Umständen großen Schaden anrichten konnten. Er war nicht sicher, wieviel der Knecht davon begriffen hatte. Deshalb sagte er nur: »Was du auch denken magst – du hast nichts gehört, sonst setzt es Prügel. Verstanden?« Dann hatte er dem Mann ein paar Rubel gegeben, um sein Schweigen zu kaufen.
Sergej verliefen die Sommertage ein wenig zu ruhig. Deshalb schlug er vor, sie sollten Theaterstücke aufführen. Er hatte in der Bibliothek französische Übersetzungen von ShakespeareStücken entdeckt. »Ilja und ich werden ein paar Szenen ins Russische übertragen«, erklärte er. »Dann können wir sie alle zusammen spielen.« Dann hätten sie endlich etwas zu tun. Selbst Alexej war einverstanden.
Nur Olga hatte ungute Vorahnungen – sie sah Probleme zwischen den so ungleichen Brüdern voraus. Doch zunächst bescherte ihr diese neue Beschäftigung zwei überaus angenehme Überraschungen.
Die erste betraf Ilja. Olga hatte nie viel von ihrem ältesten Bruder gehalten. Vor fünf Jahren hatte die ganze Familie gehofft, seine Europareise werde seine Gesundheit bessern und ihn zu einer Arbeit anregen. Tatsächlich kam er von seinem Aufenthalt in Frankreich, Deutschland und Italien schlanker und zielstrebiger zurück. Er bekam sogar einen guten Posten in St. Petersburg, und es sah so aus, als habe er eine Karriere vor sich. Aber nach knapp einem Jahr war dann alles vorbei: Er kündigte, verließ die Hauptstadt und kam nach Russka zurück. Er hatte zwar versucht, in Angelegenheiten der Provinz tätig zu werden, verlor jedoch bald den Mut. Eine Art Lethargie lähmte ihn. Da war er nun, stand selten vor dem Mittag auf und las den restlichen Tag.
Aber jetzt, bei den Vorbereitungen für die Theateraufführungen, war er von einem Enthusiasmus erfüllt, den Olga nie an ihm gesehen hatte. Stundenlang arbeitete er mit Sergej. Sein sonst so ruhiges Gesicht zeigte verbissene Konzentration. Während Sergej niederschrieb, was er diktierte, watschelte er umher und fuchtelte aufgeregt mit den Händen. »Er übersetzt. Ich poliere«, erklärte Sergej.
»Er macht das fabelhaft.« Zum erstenmal bekam Olga eine Ahnung von dem, was Ilja eigentlich hätte sein können. Das Theaterspielen begann in heiterer Stimmung. An den langen warmen Abenden trafen sie sich unter einem Lindenbaum vor dem Haus und probten ihre Rollen. Ihr erster Versuch waren einige Szenen aus »Hamlet« mit Sergej als Hamlet und Olga als Ophelia. Tatjana kam dazu, und Alexej verkörperte Hamlets bösen Onkel. Karpenko und Pinegin teilten die übrigen Rollen zwischen sich auf.
Die zweite Überraschung freute Olga sogar noch mehr. Ilja hatte zwar die Übersetzung gemacht, doch Sergej hatte sie in russische Verse gebracht, und zwar glänzend. Und Sergejs Stimme klang zudem noch wunderschön. Plötzlich entdeckte Olga unter der frivolen Oberfläche einen anderen Sergej, eine lyrische Natur. »Du mußt weiter schreiben, Serjoscha, du hast Talent.« Alexejs Spiel war zwar steif, doch nicht allzu schlecht. Aber seine Sprache war miserabel. Während Ilja und Sergej als gebildete Männer gepflegtes Russisch und Französisch sprachen, hatte Alexej, der nie eine höhere Schulbildung genossen hatte und noch fast im Kindesalter ins Regiment eingetreten war, sein Französisch von fünftklassigen Erziehern und Russisch von den Leibeigenen in Russka gelernt. Das Resultat war ziemlich dürftig. Sergej faßte es so zusammen: »Er spricht Französisch wie einer aus der Provinz und Russisch wie ein Dienstbote.« Sergej mußte Alexejs Grammatik korrigieren, damit ein Satz seinen Sinn bekam. »Ich spreche gut genug für einen einfachen Soldaten«, grollte Alexej. Olga sah, daß er sich linkisch vorkam. Trotzdem waren sie zufrieden mit ihrer »Hamlet«-Inszenierung, und nun wollten sie als nächstes »Romeo und Julia« versuchen. Eines Nachmittags, als Sergej und Ilja an ihrer Übersetzung arbeiteten, beschloß Olga, mit dem jungen Karpenko und Pinegin auf der niedrigen Hügelkette hinter dem Haus spazierenzugehen. Das Wetter war strahlend schön. Die Silberbirken glänzten in der Sonne und warfen gesprenkelte Schatten. Karpenko schickte Olga zwar bewundernde Blicke hinüber, doch er war zu schüchtern, um viel zu sprechen. Wie üblich trug Pinegin seinen weißen Uniformrock und paffte seine Pfeife. Nach zwei Wochen ständiger Konversation mit Sergej empfand Olga das Schweigen des Soldaten als eher angenehm.
Sie versuchte, Karpenko aus sich herauszulocken, und erfuhr, daß er aus der Provinz Poltava südöstlich von Kiev kam und aus einer alten Kosakenfamilie stammte. Auch er hoffte, sich einen literarischen Namen zu machen. Durch Olga ermutigt, erzählte der junge Kosak schließlich von seiner geliebten Ukraine. »Es ist eine andere Welt dort im Süden«, bekannte er. »Das Leben ist einfacher. Wenn wir Land brauchen, pflügen wir sogar jetzt noch einfach ein Stück der leeren Steppe um, die kein Ende hat.« Pinegin nickte nachdenklich und bestätigte: »Es ist tatsächlich so. Ich bin selbst dort gewesen.«
»Jetzt sind Sie dran, Fjodor Petrovitsch«, sagte Olga leise. »Sie sagen, Sie sind im Süden gewesen. Was können Sie uns darüber berichten?«
»Ich kam durch die Ukraine«, antwortete er. »Aber ich habe weiter südlich gedient, im Kaukasus. Wollen Sie darüber hören?«
»Aber natürlich«, lächelte sie.
Als er begann, nahm sein schmales, hartes Gesicht einen versonnenen Ausdruck an. Er berichtete über die hohen georgischen Pässe, die nun zu Rußland gehörten, und über jene dahinter liegenden, wo immer noch wilde Stämme lebten. Er beschrieb die Bergziegen, die Schluchten, wo man in dreihundert Metern Tiefe Hirten mit ihren Herden sah, die wogenden Nebel, über denen die Schneegipfel rosa und weiß in den kristallblauen Himmel ragten. »Ich war einmal in der östlichen Steppe«, fuhr er fort, »am Rande der Wüste. Das ist eine merkwürdige Region.«
Während Olga zuhörte, dachte sie über ihn nach. Irgend etwas war an diesem Mann, etwas Fernes, etwas, das man nicht fassen konnte.
War er, wie Alexej meinte, gefährlich? Wenn das wirklich so war, fand sie das seltsam reizvoll.
Mitten in diese Gedanken hinein erschien Sergej auf dem Weg. »Die Arbeit ist getan«, rief er. »Ich bin Romeo, und du bist Julia.« Dann flüsterte er, und sie hoffte, daß Pinegin es nicht hörte: »Hat er dich sehr gelangweilt?«
Wenn er es gehört hatte, so reagierte er jedenfalls nicht. Sie gingen zu viert zurück.
Mischa Bobrov beobachtete die Erwachsenen. Die junge Arina war bei ihm. Es war ein heißer Tag gewesen, und alle waren träge. Nun probten sie eine Szene aus »Romeo und Julia«. Mischa hörte, daß sein Vater sich zweimal versprach. Onkel Sergej mußte ihn verbessern. Aber es war wohl nicht so schlimm, denn Onkel Sergej lachte dabei. Aber sein Vater war rot angelaufen. »Es ist wunderschön, Serjoscha«, sagte Olga schließlich, »aber genug für heute. Ich muß mich ausruhen.«
»Tee«, rief Sergej der jungen Arina zu. »Wir möchten Tee.« Während das Mädchen ins Haus ging, trat Mischa zu Onkel Sergej. »Na, mein kleiner Bär? Was können wir für dich tun?« fragte der und fuhr Mischa mit der Hand durch den Schopf. Da wandte der Vater sich ihm zu. Er hatte unvermittelt gesagt, er wolle einen Spaziergang machen. Da sich ihm niemand anschließen wollte, fragte er seinen Sohn, der gerade neben Sergej stand: »Nun, Mischa, kommst du mit?«
Das Kind blickte zögernd zu Sergej auf, es war nur eine winzige Geste. Aber sie genügte. Olga sah, wie Alexej leicht zusammenzuckte, dann erstarrte. »Du bist also lieber mit deinem Onkel Sergej zusammen als mit mir«, sagte er bitter.
Der Junge merkte, daß er etwas falsch gemacht hatte, und errötete verwirrt. »O nein«, sagte er ernsthaft, »du bist mein Papa.« Dann trat er neben Alexej.
Die beiden gingen miteinander weg, doch Olga sah, daß Alexej den Kleinen nicht an der Hand nahm. Sie dachte daran, daß er bald in den Krieg gegen die Türken ziehen würde, und die beiden taten ihr leid.
Der erste Donnerschlag des großen Sturmes, der über sie hinwegbrausen sollte, kam für alle, auch für Olga, völlig überraschend, und zwar am folgenden Morgen, als Sergej im Badehaus war. Niemand in Rußland, von der Herrscherfamilie bis zum armseligsten Knecht, konnte sich ein Leben ohne das traditionelle russische Bad vorstellen. Es ähnelte im Prinzip der finnischen Sauna. Im Badehaus befand sich ein Ofen, der ein tiefes Gestell mit großen Steinen beheizte, worauf Wasser gegossen wurde, damit der Raum sich mit Dampf füllte.
Auch Sergej liebte dieses Bad. Im Sommer sprang er danach in den Fluß, im Winter wälzte er sich im Schnee. Als er an diesem Morgen mit wirrem Haar und keuchend aus dem Wasser stieg, kam der kleine Mischa den Hügel heruntergelaufen und schrie: »Onkel Sergej, sie sperren den Priester aus Russka ein!« Zwei Stunden davor war der große rothaarige Priester von drei Gendarmen in blauen Mänteln der Dritten Abteilung überrascht worden, die sein Haus gründlich durchsuchten. Innerhalb einer Stunde raunte man sich in der Stadt, im Kloster und sogar in Bobrovo die Neuigkeit zu. Was bedeutete das? Olga ahnte es sofort. »Ach, Serjoscha«, flüsterte sie, »was hast du getan?«
»Nichts Besonderes«, grinste er. Er hatte einen anonymen Brief an die Abteilung geschrieben, in dem es hieß, der Priester betreibe eine illegale Freimaurerpresse und verteile Pamphlete. Auf Olgas Einwand, diese Anschuldigung sei unglaubwürdig, erwiderte Sergej: »Sie ist unglaublich, aber die Gendarmen sehen das anders, nicht wahr?«
»Ach, Serjoscha!« Olga wußte nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Es war bekannt, daß Benckendorffs Abteilung mit falschen Beschuldigungen aus allen Richtungen überschwemmt wurde. »Möge Gott dir beistehen, wenn Alexej das herausfindet«, sagte sie.
Mittags, als die Gendarmen, die nichts gefunden hatten, sich auf den Heimweg machten, kam Alexej von seinem Morgenritt zurück und passierte Russka, wo ihm der arg mitgenommene Geistliche seine Geschichte erzählte. Alexej ahnte, genau wie Olga, die Zusammenhänge sofort.
Als Alexej an jenem Nachmittag Sergej im Kreise der Familie sitzen sah, warf er ihm einen Blick eisiger Verachtung zu. Aber er sagte nur: »Das wirst du noch sehr bereuen, das verspreche ich dir.« Zu Alexejs Überraschung bat Sergejs Diener am frühen Abend um eine Unterredung mit ihm. Für Bobrovs Leibeigene war Sergejs Position immer undurchsichtig gewesen. Als sein Vater starb, gingen die Besitzungen an seine Brüder; es wurde jedoch allgemein angenommen, daß seine Jugend und seine ungebärdige Art der Grund dafür waren, daß er übergangen wurde. Dennoch stand fest: Wenn die Leibeigenen zwischen ihrem Herrn Alexej und Sergej hätten wählen können, hätte es keinen Zweifel gegeben, auf welche Seite sie sich geschlagen hätten. Die wachsende Kluft zwischen den Brüdern war unverzüglich zur Kenntnis genommen worden. Und auch der jüngste Ärger war nicht unbemerkt geblieben. Der junge Knecht hatte die Situation sehr sorgfältig geprüft, ehe er am Abend dem älteren Bruder einen genauen Bericht über eine gewisse Begebenheit in Moskau lieferte. Als er geendet hatte, schien der Gutsbesitzer erfreut.
»Es war recht von dir, mir das mitzuteilen«, sagte Alexej. »Du wirst mit niemandem sprechen. Und wenn alles gut ausgeht, erlasse ich deiner Familie ein Jahr lang den obrok.« Der Diener war beglückt. Am selben Tag noch setzte Alexej Nachforschungen in Gang. Am nächsten Tag herrschte eine unerträgliche Spannung im Haus. Alexej sah aus, als werde er jeden Augenblick losdonnern. Während des Essens wurde kaum ein Wort gesprochen. Am Abend gab es nur eine leise Unterhaltung, und Olga fürchtete, daß ein unbedachtes Wort einen Streit zwischen den Brüdern entfachen könnte. Insbesondere Sergej machte den Eindruck, als wollte er seinen älteren Bruder provozieren. Wie konnte sie nur Frieden stiften?
Als sie Karpenko anblickte, kam ihr plötzlich eine Idee. »Warum erzählen Sie uns nicht eine Kosakengeschichte?« schlug sie vor. Er errötete vor Freude, denn er verstand genau, was Olga wollte. Er war froh, etwas für Olga und Sergej tun zu können, für die beiden Menschen, die er liebte. Also begann er mit leiser Stimme zu sprechen. Karpenko war außerordentlich stolz auf seine Kosakenvorfahren. Er schlug alle in seinen Bann mit Geschichten aus alten Zeiten, von wilden Kosaken, die über die offene Steppe galoppierten, und von den Überfällen vom Zaporoger Lager aus, den mächtigen Dnjepr entlang. Er redete sich selbst in Begeisterung, doch als er zum Schluß kam, seufzte er betrübt: »Die Kosaken sind jetzt alle gute Russen geworden.«
Olga konnte es ihm nicht verdenken, daß er der Vergangenheit nachtrauerte.
Vor allem Ilja war tief beeindruckt. »Mein Gott«, rief er, »du erzählst diese Geschichten so großartig, daß du sie aufschreiben solltest. Damit kannst du dir einen Namen als Schriftsteller machen. Hast du schon darüber nachgedacht?«
Karpenko errötete vor Stolz. Ja, er hatte sich das bereits überlegt. Dann fügte er hinzu: »Wenn überhaupt, dann will ich die Geschichten in ukrainischer Sprache schreiben. Sie klingen dann tatsächlich noch schöner.«
»Auf ukrainisch?« fragte Ilja. »Bist du sicher?« Es gab nämlich keine Literatur im ukrainischen Dialekt, außer einer lustigen Versdichtung, obwohl der dem Russischen nah verwandt war. »Verzeih«, warf Alexej ruhig ein, »aber die Ukraine ist ein Teil von Rußland. Du solltest also auf russisch schreiben!« Seine Stimme klang nicht unfreundlich, aber sehr bestimmt. »Außerdem wird Ukrainisch nur von Bauern gesprochen«, fügte er mit einem abschließenden Achselzucken hinzu. Der kleine Kosak begriff sofort. »Es stimmt – Ukrainisch ist eine Bauernsprache«, räumte er bereitwillig ein. »Aber genau deshalb möchte ich sie verwenden – ich möchte ja über das Landleben schreiben, verstehst du?«
»Ganz recht!« Sergej wollte seinen Freund unbedingt verteidigen. »Schließlich gibt es unsere russische Literatur auch erst seit einer Generation. Warum sollten die Ukrainer sich nicht eine eigene schaffen? Oder betrachtet es der Zar als eine weitere Wohltat für die Ukrainer, wenn er ihre Literatur im Keim erstickt?« Olga hielt den Atem an: Das war eine Beleidigung. Alexej wurde blaß, doch er bemühte sich, Sergej zu ignorieren. Dagegen richtete er an Karpenko eine heikle Frage: »Lehnt das ukrainische Volk die Herrschaft des Zaren ab?«
Der Kosak lächelte vorsichtig. Er hätte sagen können, die ukrainischen Bauern hegten nicht gerade eine Vorliebe für Rußland; er hätte erwähnen können, daß die Städte durch das Programm der Russifizierung ihre frühere Freiheit einbüßten. Aber er ging diplomatisch vor. »Als Napoleon einmarschierte, hatte der Zar keine loyaleren Truppen als die Kosaken«, erinnerte er. »Und die Landbesitzer östlich des Dnjepr, woher ich komme, waren seit den Zeiten Bohdans froh über den Schutz von russischer Seite. Westlich des Dnjepr aber, wo der polnische Einfluß stärker ist, wird die russische Herrschaft zwar akzeptiert, sie ist jedoch nicht besonders beliebt.« Das war eine objektive Einschätzung, und selbst Alexej hatte keine Einwände. Im Augenblick schwieg er. Ohne nachzudenken, sprach Karpenko weiter. »Wißt ihr, es ist komisch; ungefähr zehn Meilen von hier gibt es einen Ort, wo meine Familie früher einmal einen Hof besaß. Er hat jetzt einen neuen Namen, aber zur Zeit Peters des Großen hieß er Sumpfloch.«
Niemand hatte je davon gehört. »Es würde mich interessieren, was das für ein Ort ist«, sagte Olga.
Und nun machte Karpenko einen großen Fehler. »Zur Zeit ist es eine Militärkolonie«, erklärte er zögernd. Sofort wußte er, daß er das nicht hätte sagen sollen. Alexej saß stocksteif da. Sergej schnitt eine Grimasse. Da lächelte Alexej plötzlich. »Eine Militärkolonie«, meinte er triumphierend. »Das ist ein grandioser Fortschritt.«
Bei diesen Worten zuckte der Kosak zusammen. Von allen Neuerungen, die die Regierung des Zaren in der Ukraine vorgenommen hatte, waren die Militärkolonien die am meisten gehaßte. Es gab etwa zwanzig davon, jede groß genug, um ein ganzes Regiment zu beherbergen. Da Karpenko nichts einfiel, was er zugunsten dieser fürchterlichen Einrichtungen hätte sagen können, schwieg er und biß sich auf die Lippen.
Sergej dagegen, der innerlich kochte, hatte keine derartigen Hemmungen. »Wenn es nach Alexej ginge, wäre ganz Rußland eine einzige Militärkolonie«, sagte er sehr ruhig. »Wie Ivan der Schreckliche und seine opritschnina, nicht wahr, Alexej?« Alexejs Gesicht war wie versteinert. »Junge Leute sollten von Dingen reden, die sie verstehen«, sagte er höhnisch, »wie, zum Beispiel, vom Verseschmieden.« Zu Pinegin gewandt, fuhr er fort: »Wenn das ganze Reich wie eine Militärkolonie regiert würde, ginge alles sehr viel reibungsloser.«
Sergejs Stimme klang schneidend. »Du willst doch wohl nicht behaupten, Alexej, daß beim Militär alles reibungslos geht?« Es folgte Stille. Man hätte fast annehmen können, Alexej hätte diese Bemerkung überhört, doch dann wandte er sich an Pinegin und meinte in gleichgültigem Ton: »Mir ist so, mein Freund, als hätte ich irgendwo einen Hund kläffen hören.« Sergejs Gesicht lief dunkelrot an; dann brüllte er los: »Wißt ihr, wie unsere elenden Soldaten lernen, eine Salve zu schießen? Ich will es euch sagen: Alle zusammen! Perfekte zeitliche Übereinstimmung. Es gibt nur ein Problem – sie lernen nicht, auf etwas zu zielen. Das ist Tatsache. Ich habe es gesehen. Niemand kümmert sich darum, wohin sie schießen, solange sie nur alle auf einmal feuern. Die Chancen, daß eine russische Salve den Feind trifft, sind gleich Null.
Und dies ist die militärische Tüchtigkeit meines Bruders«, schnaubte er verächtlich.
Alexej verlor seine Beherrschung. Es sah so aus, als wolle er Sergej schlagen.
Nun aber sprach Pinegin. Er wirkte gefaßt, doch seine Augen funkelten, und da war etwas Bedrohliches an ihm, als er fragte: »Du beleidigst die russische Armee?«
»Oh, viel mehr als das«, gab Sergej zurück. »Ich kritisiere das gesamte russische Reich, das glaubt, wenn man dem menschlichen Geist nur eine Ordnung aufzwingt – gleichgültig, wie absurd oder grausam diese ist –, so ist etwas erreicht worden. Ich kritisiere den Zaren und diesen üblen Benckendorff mit seinen idiotischen Gendarmen und seiner Zensur. Ich verachte eure Militärkolonien, wo versucht wird, aus Kindern Maschinen zu machen; ich verachte die Einrichtung der Leibeigenschaft, wo ein Mensch zum Eigentum eines anderen wird. Ja, und auf alle Fälle beleidige ich die Armee, die von den gleichen inkompetenten Leuten geführt wird, die dieses riesige Meer von Dummheit und Verderbtheit befehligen, das sich als russische Regierung bezeichnet.« Sergej wandte sich wieder an Alexej: »Nun sage mir, mein tüchtiger Bruder, wie viele Termine für Zielübungen haben russische Soldaten pro Jahr?« Alexej war zu wütend, um zu antworten. Sergej fuhr fort: »Ich werde es dir sagen. Drei Termine pro Jahr. So werden deine Leute ausgebildet, bevor ihr gegen die Türken loszieht.« Er lachte unbändig. »Zweifellos setzt du diese militärische Organisation sehr wirkungsvoll zum Ruin des Besitzes hier ein, vor allem jetzt, nachdem die Suvorins uns nicht länger stützen!«
»Nun, Bobrov«, warf Pinegin mit einem trockenen Lachen ein, »wenn dein Bruder mir dies in unserem Regiment gesagt hätte, hätte ich wahrscheinlich seinen Kopf als Zielscheibe benutzen müssen. Aber lassen wir das! Spielen wir lieber Karten.« Gott sei Dank, daß Pinegin hier ist, dachte Olga. Am folgenden Morgen erklärte Alexej, er müsse nach Vladimir reiten und den Gouverneur aufsuchen. Er wollte in einer Woche wieder zurück sein.
»Würdest du hierbleiben, mein Lieber, und auf meinen Bruder aufpassen?« bat er Pinegin.
Mittags war Alexej schon unterwegs. Er hatte einen Brief bei sich, den er vergangene Nacht geschrieben hatte. Er war an den Grafen Benckendorff gerichtet.
Liebte sie ihren Bruder Sergej, fragte sich Olga. Natürlich. Doch der Streit mit Alexej war so unnötig und seine Beleidigungen unverzeihlich gewesen. Am Morgen, als Sergej mit Mischa zum Angeln ging, ließ sie ihn links liegen. Den ganzen Vormittag beschäftigte sie sich mit ihren beiden Kindern.
Am frühen Nachmittag, während die junge Arina die Kinder zu Bett brachte, ging Olga in den Birkenwald oberhalb des Hauses. Da bemerkte sie Pinegin in seiner weißen Uniform allein in der Allee. Sie folgte ihm, und als sie neben ihm war, sagte sie: »Ich schulde Ihnen Dank, Fjodor Petrovitsch.«
Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Ich stehe Ihnen immer zu Diensten.«
Langsam gingen sie durch die Allee. »Ich bin sehr böse auf Sergej«, seufzte Olga schließlich.
»Verzeihen Sie ihm, er ist noch ein Kind«, sagte Pinegin leise. »Ja, wahrscheinlich haben Sie recht.«
Wieder blickte er sie an. »Aber auch Kinder, Olga Alexandrovna, können gefährlich sein.«
Sergej – gefährlich? Schweigend gingen sie weiter. Ermutigt von der Intimität des Augenblicks sagte sie plötzlich: »Sie haben mir einmal etwas aus Ihrem Leben erzählt, Fjodor Petrovitsch. Aber darf ich Sie fragen, woran Sie glauben? Glauben Sie, zum Beispiel, an Gott? Was hilft Ihnen, wenn Sie sich in Gefahr befinden?«
Er zuckte die Achseln. »Schicksal«, antwortete er. »Wenn man nie weiß, ob nicht irgendein Wilder einem eine Kugel in den Kopf schießt, fängt man an, ans Schicksal zu glauben.« Er lächelte. »Das ist beruhigend.«
»Sie sind anders als meine Brüder, nicht wahr?«
»Ja, das stimmt. Ihre Brüder hoffen immer auf irgend etwas.«
»Und Sie? Hoffen Sie nie?«
»Wie ich schon sagte: Ich glaube an das Schicksal. Die Dinge geschehen so, wie sie vorgesehen sind. Wir müssen unsere Bestimmung nur annehmen.«
Sie war sich bewußt, daß er sie musterte. Sie hatte das merkwürdige Gefühl vollkommener Sicherheit in seiner Nähe, aber sie fühlte auch Gefahr, und die Mischung fand sie faszinierend. »Ich glaube, ich verstehe das ein wenig«, sagte sie.
Er nickte. »Ja, Olga Alexandrovna«, sagte er leise, »wir verstehen einander, glaube ich.«
Sie spürte, daß das als Kompliment gemeint war, und da sie nicht wußte, wie sie sonst darauf reagieren sollte, berührte sie leicht seinen Arm. Dann gingen sie gemeinsam zurück. Nach diesem Erlebnis war Pinegin innerlich aufgewühlt. Es hielt ihn nicht im Haus. Allein nahm er den Weg nach Russka. Nachdenklich setzte er sich auf einen kleinen Grabhügel am Wegrand. Ja, warum sollte er eigentlich nicht? Er war schließlich ein Herr. Und diese Frau war etwas Besonderes, anders als die anderen. Da er arm war, hatte er sich den adligen Töchtern gegenüber immer ziemlich unbeholfen gefühlt. Und zur eigenen Beruhigung hatte er sich eingeredet, sie seien oberflächlich, fade und ohne Interessen. Olga jedoch war anders. Sie hat gelitten, sagte er sich. Sie kann mich wohl verstehen. Wahrscheinlich werde ich eine wie sie nie mehr finden.
Natürlich war er arm. Aber auch andere arme Männer hatten reiche Frauen geheiratet. Und oft hatten die Leute sogar eine hohe Meinung von ihnen, bewunderten sie sogar. Außerdem hatte er anderes zu bieten: Er konnte für sich selbst sorgen, er hatte allein gelebt. Und er hatte niemals Furcht gekannt.
Alexej würde in einigen Tagen zurückkommen. Dann wollte er, Pinegin, seinen Antrag machen.
Der junge Karpenko blickte Sergej mit einem erstaunten Stirnrunzeln an: Merkwürdiges ging mit seinem Freund vor. Da war eine Erregung in ihm, die Karpenko nicht ergründen konnte. Er wußte, daß sich hinter der Fassade, hinter jenem Sergej, der die üblichen blöden Witze erzählte, hinter dem Moralisten, der so zornig gegen den russischen Staat aufbegehrte, eine stille Poetenseele verbarg. Diesen Sergej liebte er. Nun aber diese seltsame Bitte. Warum bestand Sergej so sehr darauf?
»Ich werde tun, was ich kann«, sagte der Kosak, »obwohl ich nicht weiß, ob das gutgeht. Ich begreife einfach nicht…« Sergej seufzte. »Mach dir keine Sorgen«, versicherte er seinem Freund. »Tu nur, was ich dir sage, das ist alles.« Er verstand sich ja selbst kaum. Nur eines wußte er: »Es muß sein«, murmelte er, »es muß einfach sein.« Er hatte alles sorgfältig geplant. Es war der 24. Juni, das Fest des heiligen Johannes. In der vergangenen Woche, seit seinem Streit mit Alexej und dessen Abreise, war jeder von ihnen eher für sich geblieben, und Sergej war sich fast wie ein Ausgestoßener vorgekommen. Ilja war mit seinen Büchern beschäftigt; Pinegin ging häufig allein auf die Jagd. Tatjana sprach kaum mit ihm, und selbst der kleine Mischa hielt sich eher fern. Olga hatte betrübt zu ihm gesagt: »Ich habe wirklich versucht, Frieden zu halten, Serjoscha. Und du hast das kaputtgemacht. Du hast mir weh getan.«
Das bevorstehende Fest hatte die Atmosphäre jedoch entschärft. Es war geplant, daß man nach den Feierlichkeiten an diesem Tag gemeinsam einen Ausflug zu den alten heiligen Quellen machen würde. Es war Sitte, in der Johannisnacht in den Wald zu gehen. Zum Fest des heiligen Johannes des Täufers kleideten sich alle festlich. Am späten Vormittag erschienen die beiden Arinas, auch sie fein herausgeputzt. Wie prächtig ist doch die Tracht der russischen Landfrauen, dachte Sergej. Heute trugen die beiden bestickte Blusen mit bauschigen Ärmeln, darüber ein bis zum Boden reichendes, ärmelloses Gewand, den bekannten sarafan, aus rotem Stoff und nach der Sitte mit geometrischen Vögeln in orientalischem Stil bestickt. Die Krönung des Ganzen bildete der hohe, tiaraartige Kopfschmuck, der kokoschnik, ein mit Gold- und Silberfäden und mit Flußperlen verziertes Diadem.
Gegen Mittag gingen alle hinunter ins Dorf, um den Feierlichkeiten zuzusehen. Für diesen Tag fertigten die Bewohner von Bobrovo kleine Puppen von Yarillo, dem alten Fruchtbarkeitsgott, und Kupala, seinem weiblichen Pendant. Nachdem sie durchs Dorf getragen worden waren, wurden die Puppen in den Fluß geworfen, eine Verbindung aus Taufe und ritueller Tötung, was in früherer Zeit Wiedergeburt bedeutet hatte.
Dann gingen sie in der warmen Sonne nach Hause, wo ein köstliches Mahl vorbereitet war: pirozki aus Fleisch, kalter schtschi, die sommerliche Abwandlung der Kohlsuppe; Forelle, Truthahn und blinis. Es gab Kirsch-, Apfel- und Himbeerkuchen, begleitet von Bergen saurer Sahne. An Getränken wurden Kwaß, Wein und ein halbes Dutzend unterschiedlich schmeckender Wodkasorten serviert.
Bald darauf erschienen die Frauen aus dem Dorf in ihren wunderschönen Kleidern, stellten sich in einem Kreis auf und sangen die hübschesten russischen Volksmelodien, die alten Kupala-Lieder. Mischa und die beiden Kleinen waren zu Bett gebracht worden, und die rötliche Sonne schien sanft über dem Wald, als sie sich gemeinsam zu den Quellen aufmachten. Tatjana und Ilja fuhren in einem kleinen Wagen, den ein Knecht lenkte. Die übrigen gingen zu Fuß, nahmen den Weg durch den Wald, der zum Kloster führte. Dann überquerten sie den Fluß unterhalb der Stadt. Bald darauf mußten Tatjana und Ilja den Wagen stehenlassen und folgten dem Pfad, der sich am Fluß entlang bis zu den Quellen hinzog. Sie gingen paarweise: Olga und Pinegin vorne, dann Karpenko und die junge Arina, dahinter Sergej mit der alten Arina, Ilja und Tatjana schlossen allmählich auf.
Im Mondlicht war der Pfad gut zu erkennen. Sergej beobachtete die übrigen. Da war Pinegin, wie immer in Weiß, neben Olga, und das in gebührendem Abstand. Sergej sah Olgas anmutigen Gang. Karpenko legte verstohlen den Arm um Arina. Sergej bemerkte, wie Ilja über eine Wurzel stolperte, die seine Mutter geschickt umgangen hatte. Jeder ist in Gedanken versunken in dieser Nacht, überlegte er; jeder hat seine geheimen Hoffnungen.
Sergej hatte solche Gefühle noch nie gehabt. Während seiner Kindheit war Olga immer seine Freundin, seine Vertraute gewesen. Sie war wie ein Teil von ihm und er von ihr; jeder kannte die Gedanken des anderen, immer, ohne daß darüber gesprochen wurde. Doch dann wurden sie getrennt, was zu erwarten gewesen war. Das Leben schien Sergej recht hart. Seine Karriere als Schriftsteller ging nur langsam vorwärts. Das Geld war knapp, und oft war er ziemlich einsam. Abend für Abend machte er sich ans Schreiben. Doch die Verse kamen nur mühsam, und oft gab er auf. Die Hoffnung auf Ruhm schien sich nicht zu erfüllen. Er entwickelte beim Dichten allerdings eine Methode. Er stellte sich Olga als ständige Zuhörerin vor. Wenn er etwas Bewegendes schrieb, wollte er sie bewegen; war es etwas Lustiges, bedeutete dies, daß er sie zum Lachen bringen wollte. Oft rief er, allein in seiner Wohnung: »Meine Olga, du wenigstens wirst verstehen.« Und so war Olga, ohne daß sie es wußte, in all diesen Jahren Sergejs imaginäre Begleiterin.
Ob es wohl eine Enttäuschung sein würde, hatte er überlegt, wieder mit ihr im Haus der Familie zu leben? Verheiratet, verwitwet, mit Kindern – er dachte, daß sie sich verändert haben müsse. Er war keinesfalls auf jene überwältigende Entdeckung vorbereitet, die er gleich am ersten Tag machte und die ihn mitunter erzittern ließ: Olga erfüllte seine Gedanken. Alles tat er nur für sie. Seine ShakespeareÜbersetzungen, die sie so liebte, hatte er Wort für Wort für sie verfaßt. Alles andere – die üblichen Witze, der alberne Streit mit Alexej – war nur ein verrücktes Spiel, um sie beide abzulenken, gespielt von einem Mann, der eine Maske tragen mußte, weil seine Liebe verboten war. Niemals zuvor, das wußte er nun, hatte er Leidenschaft empfunden. Er war am Ende. Heute nacht, das hatte er sich gelobt, mußte die Sache bereinigt werden. Die Quellen stürzten noch immer, wie schon vor Jahrhunderten, in silbernen Kaskaden vom Hochufer in den Fluß. Es war tiefe Nacht. Die Sterne glänzten. Die kleine mondbeschienene Lichtung bildete einen schönen Ruheplatz, und die Gesellschaft setzte sich ins Gras. Sergej wandte sich an die alte Frau: »Komm, Arina, erzähle all deinen Kindern eine Geschichte.«
Mit leiser singender Stimme begann Arina zu sprechen. Sie erzählte von den heiligen Quellen und von den Geistern, die darin wohnten, von den Zauberfarnen und Blumen im Wald, von den Seelen der verlassenen Mädchen, den rusalki, die im Fluß lebten. Als sie geendet hatte und alle zufrieden dasaßen, meinte der kleine Kosak: »Sag uns ein paar von deinen Gedichten auf, Sergej. Du hast kürzlich ein paar wunderschöne verfaßt.« Als Sergej sich sträubte, schaltete Olga sich liebevoll ein: »Ja, Serjoscha, laß uns etwas hören.«
Er hatte sich sorgfältig darauf vorbereitet. Das erste Gedicht hatte eine alte Sage von der Hexe Baba Jaga zur Vorlage, das die Zuhörer zum Lachen brachte. Das zweite war ein Herbstgedicht und das dritte ein Liebesgedicht.
Es hatte nur ein paar Zeilen, aber Sergej wußte, daß es das Beste war, was er je geschrieben hatte. Es handelte von einem Dichter, der nach langer Abwesenheit eine geliebte Freundin wiedertrifft und spürt, daß seine Liebe sich in Leidenschaft verwandelt hat.
Es beschrieb, wie in den Jahren seines unglücklichen Lebens, während ihrer Trennung, die Erinnerung an die geliebte Frau ihm Kraft gegeben hatte. Und wie beim Wiedersehen mit seinem Engel seine Leidenschaft geweckt wurde. Er fühlte sich neu geboren. Und in seinem Herzen waren »Göttlichkeit, Gedankenflüge, Leben, Tränen, Liebe«.
Keiner blickte zu Olga hin. Sie verstanden nichts. Als Tatjana ihn nach einer Weile fragte, wer diese Dame sei, antwortete er: »Eine Frau, die ich in St. Petersburg kannte.« Ilja murmelte: »Wunderschön, mein lieber Serjoscha. Ausgezeichnet. Was für ein Herz du hast!«
Olga saß ein Stück hinter Tatjana. Sie hatte ihr Gesicht in den Schatten zurückgenommen und neigte den Kopf, doch Sergej hatte vorher, im Mondlicht, Tränen auf ihren Wangen entdeckt. Mein Gott, sie wußte es! Endlich hatte sie es begriffen. So saßen sie eine Zeitlang, bis Sergej vorschlug, zum Kloster zu gehen. Die Nacht war noch jung. Karpenko griff die Idee sogleich auf. Pinegin schien ebenfalls einverstanden, doch Ilja und die beiden älteren Frauen waren dagegen. »Wir gehen zum Wagen zurück und fahren nach Hause«, erklärte Tatjana, »sollen doch die Jungen gehen.« So trennte sich die Gesellschaft.
Sergej ging voraus, mit ihm die junge Arina und Pinegin. Olga folgte mit Karpenko. Sergej schritt rasch aus. Plötzlich stellte er überrascht fest, daß der Kosak und Olga so weit zurückgeblieben waren, daß sie sich nicht mehr in Sichtweite befanden. »Geht weiter«, sagte er zu Pinegin. »Ich werde sie antreiben.«
Bald darauf gesellte der kleine Kosak sich zu Pinegin und meinte: »Olga unterhält sich mit ihrem Bruder. Sie kommen gleich nach. Hier entlang.«
Als der Weg sich gabelte, war der kleine Kosak sicher, welche Richtung Sergej ihm beschrieben hatte. Doch nach wenig mehr als einer halben Meile hörte der Pfad auf. Karpenko sagte: »Teufel noch eins! Ich muß mich wohl geirrt haben.«
Sergej und seine Schwester standen nebeneinander. Sie waren ans Flußufer gegangen. Eine Weile schwiegen sie. Dann fragte Olga: »Das Gedicht war für mich?«
»Natürlich.«
Sie starrte ins Wasser. »Ich… hatte ja keine Ahnung. Es war sehr schön. Aber die Worte waren… nicht für eine Schwester geschrieben. In deinem Gedicht war von einer Liebe die Rede, die…«
»Von Leidenschaft.«
Sie nahm seine Hand. »Ich bin deine Schwester.«
»Wir wollen niemals mehr davon sprechen«, sagte er. »Aber nur, damit ich es weiß, wenn ich einmal sterbe: Könntest du mich so lieben, wie ich dich liebe?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich liebe dich als meinen Bruder.« Sie drückte leicht seine Hand. »Was möchtest du denn, Serjoscha? Möchtest du mich?«
»Das Universum – dich! Für mich ist es ein und dasselbe.«
»Hast du mich hierhergebracht, um mich zu verführen?«
»Du weißt es doch.«
Sie errötete. »Ich weiß es. Unmöglich. Nicht mit meinem Bruder.«
»Weißt du, daß ich nur dein Halbbruder bin?« fragte er leise. »Ja. Ist das Vergehen deswegen nur halb so schlimm?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht. Es ist stärker als ich. Es ist ein Trieb.«
»Wir können unseren Trieben widerstehen.«
»Können wir das?«
Sie rührte sich nicht von der Stelle. Da legte er den Arm um sie, und sie standen da und starrten schweigend in die flimmernde Nacht. Er spürte, wie sie erschauerte, und er sagte leise: »Ich möchte dich nur einmal im Leben küssen dürfen, nur dieses eine Mal.« Sie schüttelte langsam den Kopf und seufzte mit einem seltsam traurigen Lächeln. Dann legte sie ihre Arme um seinen Hals. Als sie wieder an die Weggabelung gelangten, wurde Pinegin unruhig.
»Gehen wir lieber weiter zum Kloster«, meinte Karpenko. »Sie sind wahrscheinlich an uns vorbeigegangen.« Pinegin war anderer Meinung. »Ich gehe zurück«, sagte er. Zu Karpenkos Schrecken schritt er rasch den Pfad hinunter.
Plötzlich nahm Pinegin eine Bewegung wahr, einen Umriß; er sah zwei Menschen eng umschlungen stehen. Einen Augenblick lang trennten sie sich, so daß er im Mondlicht die Gesichter deutlich erkennen konnte.
Eine Minute lang war Pinegin keiner Bewegung fähig. Olga, um deren Hand er bitten wollte, war mit einem anderen Mann zusammen – mit ihrem verwünschten Bruder. Kalte Wut packte ihn. War sie nicht fast schon sein eigen? Warum sollte er das zulassen? Er verließ den Pfad und wollte zu den beiden hingehen. Dann aber überlegte er es sich. Diese Frau, die er geliebt hatte, war für ihn gestorben.
In diesem Augenblick kam Karpenko heran. »Pinegin! Was tun Sie da?« rief er. »Nichts!«
»Gehen wir zu den Quellen und warten dort auf sie«, schlug der Kosak laut vor, damit die Geschwister ihn hören konnten. Während die Männer zu den Quellen gingen, war Pinegin sehr still. Kühl zählte er die Minuten. Als er eben zum Schluß gelangte, daß das Fürchterliche geschehen sein müßte, daß Sergej Olga besessen haben müßte, kamen die beiden den Pfad entlang. »Wir haben überall nach euch gesucht«, sagte Sergej. »Es ist spät«, murmelte Olga, »wir sollten nach Hause gehen.« Sie trat neben Pinegin.
Auf dem langen Heimweg wurde wenig gesprochen. Als schließlich das Haus in Bobrovo in Sicht kam, dämmerte schon fast der Morgen herauf.
Unterwegs waren Pinegin verschiedene Gedanken gekommen. Was auch Olgas Fehler sein mochte – alle Frauen waren wohl schwach –, Sergej hatte ihn zum Narren gemacht. Er ahnt es, dachte Pinegin, er hat mein Interesse bemerkt. Und nur deshalb hat er das getan! Das einfachste wäre es wohl, Sergej herauszufordern, doch über ein Duell, gleichgültig, wie es ausgehen mochte, würde auf alle Fälle gesprochen werden. Das würde Olga der allgemeinen Verachtung preisgeben. Das wäre unter seiner, Pinegins, Würde. Aber ich werde mich rächen, dachte er.
Die große Kutsche kam die Auffahrt herauf, hielt jedoch nicht vor dem Haupteingang, sondern vor den Ställen an der Seite. Sergej sah zuerst seinen Bruder Alexej mit dem Ausdruck grimmigen Triumphs, dann einen finster dreinblickenden Soldaten aussteigen.
Sergej wurde plötzlich totenblaß. Aus der Kutsche zerrten sie eine bärtige Gestalt, die Hände in Ketten, die, als sie sich aufrichtete, alle überragte. Sie hatten Sawa Suvorin gefaßt. Sergej wußte, daß es seine Schuld war. Es hatte nichts genutzt, daß er sein Geheimnis bewahrt hatte!
Dieser winzige Augenblick von Unachtsamkeit damals auf jener Moskauer Straße! Er hatte beim Anblick Sawa Suvorins laut seinen Namen gerufen, und da er meinte, Sawa habe ihn nicht gehört, hatte er dummerweise die Straße überquert und ihn beim Arm genommen. Erst als er fühlte, wie Suvorin erstarrte, erinnerte er sich, daß der Leibeigene ja ein Entlaufener war. Sergej war immer empört gewesen über die Behandlung der Suvorins. »Keine Angst, ich verrate dich nicht«, meinte er rasch. Aber Sawa ging kein Risiko ein. »Eine Verwechslung«, murmelte er. »Ich heiße nicht Sawa.« Dann wandte er sich ab und verschwand in einem Toreingang.
Sergej folgte ihm nicht. Er blieb einen Augenblick stehen, bis er plötzlich bemerkte, daß sie nur einige Meter von der Grundstücksmauer der Theodosianersekte entfernt waren. »Die Theodosianer«, murmelte er, »natürlich, das muß es sein.« Er hatte davon gehört, daß diese Altgläubigen Menschen aufnahmen und ihnen manchmal falsche Namen und Papiere gaben. Sicher war das der Fall mit Sawa Suvorin. Nun, soll er Glück haben. Sergej wandte sich um und sah plötzlich seinen Diener neben sich stehen, und da erinnerte er sich, daß dieser einer der Leibeigenen von dem Gut in Russka war. Was hatte der Bursche mitgehört? Er hatte ihm Prügel angedroht, falls er irgend etwas ausplaudern sollte. Offenbar hatte das nicht gewirkt.
Da stand auch eine rundgesichtige Frau; es mußte Sawas Frau sein, auch einen zweijährigen Jungen hatte man aus der Kutsche geholt. Sie standen schweigend da. In diesem Augenblick sah Sawa Suvorin Sergej. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung, er starrte ihn nur an. Sergej hatte den dringenden Wunsch, auf ihn zuzugehen und ihm zu erklären, daß er ihn nicht verraten habe. Doch was nützte das? Durch seine Unachtsamkeit, durch seine Dummheit hatte Sawa seine Freiheit verloren.
Sergej hörte Alexej sagen: »Nun, Suvorin, morgen wirst du ausgepeitscht.«
Als er sich umwandte, entdeckte er Sergej. »Ach, Sergej! Ich habe Neuigkeiten für dich. Komm herein.« Niedergeschlagen betrat Sergej das Haus. Alexej benahm sich sehr geschäftsmäßig. Er kam sofort zur Sache. »Wie du siehst, haben wir einen Entlaufenen eingefangen, Sergej. Es heißt, du habest ihn in Moskau getroffen, dich jedoch außerstande gesehen, mich davon zu informieren. Damit, so vermute ich, hast du dich der Mittäterschaft an einem Diebstahl schuldig gemacht. Das Entscheidende aber ist, daß Graf Benckendorff mich gebeten hat, auf dich aufzupassen. Ich war nach dieser Entdeckung leider nicht in der Lage, einen sehr günstigen Bericht zu erstatten. Der Graf hat demnach bestimmt – ich zeige dir sein Schreiben –, daß du für eine Weile von hier verschwindest. Morgen lasse ich dich zum Militärgouverneur von Vladimir bringen. Er wird das Nötige veranlassen und dich nach Osten schicken – nicht nach Sibirien, nur in den Ural. Du sollst dort drei Jahre bleiben, glaube ich.« Exil. Drei Jahre Exil im Ural, Hunderte von Meilen jenseits der Wolga.
1844
Das Duell zwischen Sawa Suvorin und der Familie Bobrov trat in diesem Jahr ins letzte Stadium.
Sawa Suvorin hatte niemals aufgegeben. Nachdem er Tatjanas Brief mit der Nachricht über das Schicksal seines armen Vaters erhalten hatte, floh er aus Moskau und nahm außer etwas Geld, das er in seine Kleider eingenäht hatte, nur die kleine dunkle Ikone mit. Zwei schreckliche Jahre hatte er dann, um unentdeckt zu bleiben, Lastkähne auf der Wolga gezogen. Es war eine zermürbende Arbeit. Viele Männer, die mit ihm arbeiteten, sah er dabei sterben. Gott aber hatte ihn stark gemacht.
Danach ging er auf den großen Jahrmarkt in Niznij Novgorod, doch es war schwierig, ohne gültige Papiere etwas anderes als niedrigste Arbeit zu finden, und so kam er schließlich nach Moskau zurück. Die Gemeinde der Theodosianer nahm ihn freundlich auf und gab ihm falsche Papiere. In Moskau hatte er sich wohl gefühlt. In der Gemeinde gab es viele tatkräftige Geschäftsleute, und bald wurden sie auf Sawa aufmerksam. Er heiratete die Tochter eines solchen Mannes, ein stilles Mädchen mit einem erstaunlichen Gespür für das praktische Leben. Sie gaben ihrem Kind den Namen Ivan. Und da, 1827, war ihm Sergej über den Weg gelaufen. Einen Tag nachdem man ihn zurück nach Russka gebracht hatte, wurde er auf Alexejs Geheiß ausgepeitscht. Als die Peitsche seinen Rücken striemte, konzentrierte er sich mit aller Kraft auf einen Gedanken: Ich werde leben, und eines Tages werde ich frei sein. Nach dem zwanzigsten Peitschenhieb erschien Tatjana und schrie zornig: »Genug. Schluß damit!« Ihre Wut war so groß, daß selbst Alexej nicht wagte, fortzufahren.
Auch in Zukunft stellte Tatjana sich oft schützend vor Sawa und sorgte dafür, daß Alexej seinen Leibeigenen nicht systematisch ruinieren konnte. Zunächst lieh sie Sawa Geld für den Neuanfang. Und Sawa Suvorin verlor keine Zeit. Er ging unbeirrbar seinen Weg.
Bereits im Jahre 1830, als Alexej im militärischen Einsatz war, um einen erneuten polnischen Aufstand niederzuschlagen, gründete Sawa ein kleines Unternehmen für Baumwolldrucke, das erstaunliche Gewinne abwarf. Als Alexej bei seiner Rückkehr sah, was geschehen war, versuchte er, einen derart hohen obrok zu fordern, daß er Sawa damit ruiniert hätte. Sawa sagte zu seiner Frau: »Dieser Dummkopf will nicht von mir profitieren – er will mich kaputtmachen.«
Tatjana, die während Alexejs Abwesenheit den Besitz geleitet hatte, konnte ihren Sohn allerdings von seinem Vorhaben abbringen, und Sawa war in der Lage weiterzuarbeiten. Tatjana war es zu verdanken, daß er nicht nur einen vernünftigen obrok zu entrichten hatte, sondern innerhalb von zehn Jahren in Russka eine Tuchfabrik auf die Beine stellen konnte, die ihn reicher machte als je zuvor. Aber dennoch wurde Alexej von Jahr zu Jahr ein wenig ärmer. Tatjana konnte ihn zwar zu einer halbwegs vernünftigen Leitung des Besitzes bringen, doch gegen seine persönlichen Ausgaben konnte sie nichts unternehmen. Wenn er auch streng war – das gute Leben gefiel ihm. Als Sohn Mischa heranwuchs und für die Garde bestimmt wurde, sorgte Alexej großzügig für ihn. Für die Familienehre, meinte er. Der Extra-bobrok aus Sawas Tätigkeit, der eigentlich in den Besitz hätte zurückfließen sollen, verleitete ihn zu noch größeren Ausgaben, die häufig seine Einnahmen überschritten. Dagegen nahm Sawa seinen eigenen Sohn hart heran. Der junge Ivan hatte zwar nicht die hochragende Gestalt des Vaters, war jedoch ein schlauer Junge mit einer schönen Singstimme. Sawa hatte an sich nichts dagegen, doch er bestimmte, wo das Interesse seines Sohnes an Musik ein Ende haben mußte. Als Ivan im Alter von dreizehn Jahren törichterweise mit einer soeben erworbenen Violine nach Hause kam, nahm Sawa sie und zerschlug sie auf dem Kopf des Sohnes, daß dieser fast betäubt wurde. »Dafür hast du keine Zeit«, hieß es. Neben dem vielen anderen, was Herrn und Knecht einander zum Feind machte, war auch Sawas religiöse Überzeugung. Er war ein Altgläubiger. Seine Verbindung zu den Theodosianern hatte er aufrechterhalten. Wenn er in Gesellschaft aß, tat er es in der Manier der Altgläubigen: Er saß abseits und benützte seine eigene Holzschüssel und einen kleinen Holzlöffel mit einem Kreuz darauf. Für Alexej war Sawas stilles Bekenntnis zu seinem Glauben höchst verdächtig. »Das ist gegen das Wohl Rußlands«, war seine unumstößliche Ansicht.
Im Jahre 1832 nämlich hatte Zar Nikolaus' Regierung eine Doktrin aufgestellt, die in gewissem Sinn die Weichen des gesamten russischen Verwaltungsapparates für dieses Jahrhundert und darüber hinaus stellte: die berühmte Doktrin des Staatsnationalismus. Darin wurde weithin vernehmbar verkündet, das Wohl Rußlands liege in drei Dingen begründet: Orthodoxie, Autokratie des Zaren und Russentum.
Alexej galt diese Doktrin vom Augenblick ihrer Verbreitung an als etwas Heiliges. Deshalb hielt der autoritäre Landbesitzer den unbeugsamen Altgläubigen für hinterhältig, unloyal und ungehorsam. Im Jahre 1837 fragte Sawa seinen Herrn, wieviel es ihn koste, die Freiheit seiner Familie zu erkaufen.
»Nichts, denn ich werde dich niemals freilassen«, war die Antwort. Im folgenden Jahr erhielt Sawa auf dieselbe Frage dieselbe Antwort.
»Darf ich wissen, warum, Herr?« fragte er. »Selbstverständlich«, erwiderte Alexej. »Weil ich dich lieber dort behalte, wo du bist, Suvorin.«
1839 begann die Hungersnot. Jahrelang hatte es keine Mißernte gegeben. Nun fiel die Ernte zwei Jahre hintereinander aus. Alexej hielt sich in der Ukraine auf. Obwohl Tatjana fast siebzig war, lag die Last auf ihren Schultern.
Für Russka waren die Mißernten und die darauffolgende Hungersnot außerordentlich schlimm. »Das Gut in Rjazan ist völlig am Ende«, jammerte Ilja. »Der Verwalter schreibt, sie haben das Vieh schlachten müssen, weil es kein Futter für den Winter gibt.« Im Winter 1840 war die Situation verzweifelt.
Tagtäglich ging Tatjana in den Ort und von Haus zu Haus. Im Herrenhaus gab es noch einen eisernen Vorrat für Härtefalle. Zwei Besuche waren ihr besonders wichtig, der eine bei den Romanovs, denn ihr Sohn Timofej war der Spielgefährte des kleinen Mischa gewesen. Der zweite führte sie zu der isba, wo die junge Arina nun mit ihrem Mann und den vier Kindern lebte. Daß sie der Nichte half, schuldete sie der alten Arina, die fünf Jahre zuvor gestorben war. Es war eine elende Plackerei. Außer der Ältesten, einem freundlichen Mädchen namens Varja, kränkelten die Kinder, und innerhalb von vier Wochen sah Tatjana drei sterben. Was fast noch schlimmer war – sie konnte Arina nicht überreden, selbst etwas zu essen. Alles, was sie ihr gab, erhielt Varja. Im verzweifelten Versuch, wenigstens eines ihrer Kinder zu retten, opferte die Mutter sich auf. Tatjana war überzeugt, daß Arina sich lange Zeit von einer einzigen Rübe ernährt hatte. Das Leiden dieser Leute, das Tatjana mitgetragen hatte, schwächte auch ihre Gesundheit. Traurig meinte sie zu Ilja: »Irgend etwas ist in meinem Inneren geschehen. Ich glaube nicht, daß ich noch lang lebe.« Im Frühjahr 1840, als die Dinge sehr schlecht standen, kam ein merkwürdiges Gerücht in Umlauf. Tatjana hörte es von Ivan Romanov, als sie eines Morgens ihren Besuch in der isba machte. »Der Zar«, sagte er, »der Zar kommt hierher.«
»Du meinst Zar Nikolaus?«
»O nein. Der letzte Zar. Alexander. Der Engel.« Es war eines dieser seltsamen Gerüchte der russischen Geschichte, daß Zar Alexander I. im Jahre 1825 nicht gestorben sei, sondern als Mönch, meist unter dem Namen Fedor Kuzmich, umherwandere. Tatjana lächelte traurig dazu, aber es ging gegen ihre praktisch ausgerichtete Natur. Da kam ihr jedoch eine neue Idee. Sie ließ Sawa Suvorin kommen. »Einen Zaren brauchen wir hier nicht unbedingt, aber neues Saatgut für Wechselanbau«, meinte sie.
»Ich möchte, daß du dich erkundigst und herausfindest, was es da gibt.«
Drei Monate später erstattete Suvorin mit einem leichten Schmunzeln Bericht. Er hatte ein Säckchen bei sich, aus dem er etwas Schmutziges, Graubraunes nahm. »Hier haben Sie die Antwort. Die deutschen Siedler bauen diese Dinger seit langem im Süden an, aber wir hier oben haben sie nicht.«
»Was ist das?« fragte sie. »Eine Kartoffel«, antwortete er.
So baute man eines der wichtigsten Nahrungsmittel der kommenden Zeit, ehe es auf den Privatgütern der Provinz eingeführt wurde, zuerst in Russka an. Obwohl Sawa Suvorin die Hungersnot bedauerte, fand er doch ein grimmiges Vergnügen an den Mißernten von 1839 und 1840. »Zwei Jahre lang hat er nun kein Einkommen gehabt«, sagte er zu Frau und Sohn. »Dieser verflixte Alexej Bobrov kann nicht mehr viel länger durchhalten. Es ist Zeit, ihm ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann.« Im folgenden Frühjahr bat er Tatjana um einen Paß für einen Moskaubesuch. Im Mai 1844 trat Sawa Suvorin vor Alexej Bobrov hin und machte sein erstaunliches Angebot. »Fünfzigtausend Rubel.« Selbst Alexej war wie vom Donner gerührt: Das war ein Vermögen! »Ich komme morgen zurück, Herr, damit Sie es sich überlegen können.« Damit zog Sawa sich diskret zurück. Sawas Plan war höchst ehrgeizig. Er hatte mit den Theodosianern eine gigantische Anleihe ausgehandelt, zinsfrei für die Dauer von fünf Jahren. Damit konnte er sich seine Freiheit erkaufen und mit einer einzigen großen Investition das Unternehmen Suvorin für immer in seinen Besitz bringen.
Zu jener Zeit gab es in Rußland kein besser florierendes Geschäft als die Baumwollproduktion aus importiertem Rohmaterial. Sawa plante nicht nur die Umstellung seiner Holzfabrik auf eine Baumwollfabrik, sondern auch die Steigerung der Produktion durch den Kauf einer großen, dampf betriebenen Feinspinnmaschine aus England. »Ich mache das aber erst, wenn ich frei bin«, erklärte er seiner Familie.
Fünfzigtausend Rubel. Dieses außergewöhnliche Angebot mußte sich der Landbesitzer wohl überlegen. Alexej Bobrov war eine eindrucksvolle Erscheinung, wenn er auch älter aussah als seine einundfünfzig Jahre. Sein graues Haar war kurz geschoren, die Wangen waren mit dem Alter fülliger geworden, was sein ehemals scharf geschnittenes Gesicht veränderte. Auf seiner Uniform trug er zahlreiche Orden und Ehrenzeichen. Da er zum zweitenmal verwitwet war und infolge einer alten Kriegsverletzung leicht hinkte, hatte er in diesem Jahr seinen ehrenvollen Abschied genommen und lebte nun ständig auf seinem Besitz in Bobrovo. Als er seiner Mutter und dem Bruder Ilja von dem Angebot erzählte, waren sie beide der Meinung, er solle es annehmen. »Damit könntest du alle Schulden aus den Mißernten tilgen, die nötigen Verbesserungen auf dem Gut vornehmen und eine ganze Menge zurücklegen«, überlegte Tatjana. Für mindestens eine Generation wären die Bobrovs aus allen Schwierigkeiten heraus. Iljas Antwort war ein wenig anders. Wenn er sich auch nie ganz klar über seinen Fehler mit dem gestohlenen Geld geworden war, fühlte er sich doch schuldig wegen der Art und Weise, wie seine Familie die Suvorins behandelte. Abgesehen davon aber gab es noch eine Überlegung: »Entschuldige, mein lieber Bruder, wenn ich das so ausdrücke, aber tatsächlich hält doch jeder zivilisierte Mensch in Rußland die Leibeigenschaft für abscheulich. Selbst unser Zar, den die meisten Menschen als reaktionär ansehen, denkt offenbar daran, die Leibeigenschaft abzuschaffen. In jeder Saison kommt ein neues Gerücht aus der Hauptstadt, daß etwas unternommen werde. Was wird Suvorin dir anbieten, wenn er glaubt, daß er in ein bis zwei Jahren seine Freiheit ohnehin erhält?«
Alexej ließ sich davon nicht überzeugen. Iljas Argument wies er auf der Stelle von sich. »Seit ich lebe, wird schon von der Befreiung der Leibeigenen gesprochen«, sagte er, »und doch ist nie etwas geschehen. Der Adel gestattet das nicht.« Er war schlau genug, um die Quelle von Sawas Reichtum zu ahnen. Es müssen diese verwünschten Theodosianer sein, dachte er. Er erinnerte sich, was ihm der rothaarige Priester in Russka im vergangenen Jahr erzählt hatte: Wo immer diese Altgläubigen ihre Unternehmen errichten, bekehren sie die ansässigen Bauern, und die orthodoxe Kirche verliert ihre Schäfchen.
Alexej konnte sich ausmalen, was geschehen würde, wenn er Suvorin nicht mehr unter seiner Aufsicht hätte. Die ganze Gegend würde von Schismatikern überschwemmt werden. Als ein Verfechter der Doktrin vom Staatsnationalismus war er entsetzt von dieser Vorstellung. Schließlich, und das war das Wichtigste, sagte er sich insgeheim: Meine Mutter lebt auch nicht ewig; und wenn sie einmal nicht mehr ist, dann presse ich diesen Schismatiker Suvorin aus, bis er aus dem letzten Loch pfeift. Soll er ruhig viel Geld verdienen – ich werde dafür sorgen, daß er dennoch als armer Mann stirbt. Als Sawa am nächsten Tag vorsprach, blickte Alexej Bobrov ihn kühl an und erklärte: »Ich danke dir für dein Angebot, Suvorin, doch die Antwort ist nein.«
Sawa wußte, daß diese Entscheidung keinesfalls in Bobrovs Interesse war; deshalb fragte er, wann über das Thema noch einmal gesprochen werden könne. »Niemals!« war die Antwort.
An jenem Abend erzählte Sawa seiner Frau von der Unterhaltung und meinte: »Dieser Dummkopf ist keiner Vernunft zugänglich.« Als sie ihren Mann trösten wollte, daß Alexej eines Tages vielleicht seine Ansicht ändern werde, antwortete Sawa grimmig: »Er gibt nicht nach, bis er ruiniert ist.«
Um diese Zeit fing Ilja an, sich merkwürdig zu verhalten. Niemand wußte, was in ihn gefahren sein konnte. Normalerweise saß er, wenn die Tage wärmer wurden, mit seiner Lektüre am Fenster im Salon oder auf der Veranda. Nun aber verbrachte er Stunden in seinem Zimmer und verschloß die Tür hinter sich, so daß das Personal keinen Zugang hatte. Und wenn er auftauchte, murmelte er mit gefurchter Stirn vor sich hin. Er lief stundenlang in der Allee oberhalb des Hauses auf und ab. Wenn Alexej oder Tatjana fragten, was mit ihm sei, bekamen sie nichtssagende Antworten. Als Ilja wieder einmal ruhelos in der Allee spazieren lief, verspürte Tatjana das erste Anzeichen; es war nicht viel, nur ein plötzlicher Schwindel. Einige Stunden danach, als sie im Salon saß, verlor sie für etwa eine halbe Minute das Bewußtsein. Sie sagte niemandem etwas davon, verrichtete weiterhin ihre tägliche Arbeit, doch von jenem Augenblick an dachte sie, daß ihre Tage gezählt seien. Eine Woche darauf wurde sie wieder ohnmächtig. Sie war einsam und hatte Angst. Sie wäre gern täglich in die Kirche gegangen, doch der rothaarige Priester in Russka gab ihr wenig Trost. So ging Tatjana ins Kloster und unterhielt sich mit den Mönchen, und das tat ihr wohl. Nach einer Sonntagsmesse kam eine Bäuerin, die sie kaum kannte, freundlich lächelnd auf sie zu und sagte: »Sie sollten den alten Einsiedler aufsuchen.« Tatjana hatte von dem Mann gehört. Er war einer der Mönche aus dem kleinen Kloster jenseits der Quellen, und er hatte zwei Jahre zuvor die Erlaubnis erhalten, sich tiefer im Wald in eine eigene Einsiedelei zurückzuziehen. Man erzählte sich, daß Vater Basilius ein sehr heiliger Mann sei.
Eine Woche lang schob Tatjana den Gedanken von sich, doch dann wurde sie wieder ohnmächtig und spürte einen Schmerz in der Brust, der sie zusammenzucken ließ. Zwei Tage darauf ließ sie den Kutscher einen kleinen einsitzigen Wagen anspannen und fuhr davon, ohne jemandem zu sagen, wohin.
Die Fahrt dauerte den ganzen Vormittag. Zuletzt mußte sie den Kutscher zurücklassen und das letzte Wegstück zu Fuß zurücklegen. Sie hatte sich den Ort ganz anders vorgestellt. Auf der ziemlich großen Lichtung stand eine einfache, doch solid gebaute Hütte, davor befand sich ein Gemüsegärtchen. Auf einer Seite sah Tatjana zwei Bienenstöcke in hohlen Baumstämmen. Vor der Tür stand ein Tisch mit Büchern und Papieren, und daran saß ein Mönch. Er sah Tatjana freundlich entgegen. Sie hatte gehört, er sei Asket und fünfundsiebzig Jahre alt. Zu ihrer Überraschung wirkte der Mann höchst kultiviert und energisch. Seine braunen Augen blickten sie klar und offen an.
»Oh, mir war so, als spürte ich jemanden kommen«, sagte er. Er nickte höflich, als Tatjana sich vorstellte, und holte einen Schemel für sie.
Es war angenehm warm. Die leichte Brise, die in den Blättern raschelte, war auf der Lichtung kaum zu spüren. Als Tatjana aber den Bären entdeckte, konnte sie kaum einen Schrei unterdrücken. Er trottete über die Lichtung auf sie zu.
»Ach, Mischa«, sagte der Einsiedler sanft. Er lächelte Tatjana zu. »Er kommt, weil er Honig möchte und weiß, daß er nicht an die Bienenstöcke gehen darf.« Er strich dem Bären liebevoll über den Kopf. »Fort mit dir, du böser Bursche«, sagte er freundlich, und der Bär trollte sich.
Nun setzte Vater Basilius sich wieder. Dann begann er leise zu sprechen, ohne Fragen zu stellen.
»Was unser Leben nach dem Tode anbetrifft, hat der orthodoxe Glaube eine sehr klare Vorstellung. Sie müssen nicht fürchten, daß Sie im Augenblick des Todes Ihr IchBewußtsein verlieren. Das ist nicht der Fall. Sie sehen die vertraute Welt um sich herum, sind jedoch nicht fähig, mit ihr in Kontakt zu treten. Gleichzeitig werden Sie den Geistern derer begegnen, die verstorben sind, wahrscheinlich jenen, die Sie gekannt und geliebt haben. Ihre Seele, von der umklammernden Vergänglichkeit des Körpers befreit, wird lebendiger sein als vorher. Zwei Tage lang haben Sie die Freiheit, durch die Welt zu ziehen. Am dritten Tag jedoch müssen Sie sich einem großen, schrecklichen Verhör stellen. Diesen Tag sollen Sie fürchten. Erst wird Ihnen ein böser Geist, dann ein weiterer begegnen; und das Ausmaß Ihres Kampfes gegen dieses Übel im Leben wird Ihnen Kraft geben – oder auch nicht –, um es zu bestehen. Diejenigen, die versagen, kommen direkt in die Hölle. An diesem Tag bedeuten die Gebete der noch Lebenden eine große Hilfe.« Tatjana blickte den Einsiedler nachdenklich an. Falls sie auf Trost gehofft hatte, so hatte sie ihn nicht gefunden. Wer würde an jenem Tag für sie beten? Ihre Familie vielleicht, der gestrenge Alexej? Der Einsiedler lächelte ihr beruhigend zu. »Ich werde dann für Sie beten, wenn Sie das wollen.«
Tatjana neigte den Kopf. »Vielleicht werden Sie von meinem Tod nichts erfahren.«
»Ich werde es erfahren«, antwortete er. »Nach dem dritten Tag werden Sie siebenunddreißig Tage lang durch Himmel und Hölle ziehen, ohne Ihre eigene Bestimmung zu kennen. Dann wird Ihnen Ihr Platz zugewiesen. Ich erzähle Ihnen das, damit Sie wissen, daß Ihre Seele durch den Tod nicht verlorengeht, sondern unverzüglich in einen anderen Zustand übergeht. Ihr Leben ist nur dazu da, um den Geist für diese letzte Reise vorzubereiten. Machen Sie sich also ohne Furcht bereit. Bereuen Sie Ihre Sünden. Bitten Sie um Vergebung. Sorgen Sie dafür, daß Ihr Geist auf der Schwelle zu seiner Reise demütig ist.« Er stand auf.
Tatjana erhob sich ebenfalls. Er segnete sie und reichte ihr ein kleines Holzkreuz.
Eine Woche darauf fuhr eine bescheidene Kutsche, gelenkt von einem schlechtgekleideten, mürrisch dreinblickenden Kutscher, vor. Darin saßen Sergej und seine Frau. Sergej Bobrov war jetzt Anfang Vierzig und bot das Bild eines Mannes, dessen Fähigkeiten ihm einen bescheidenen Stand eingebracht haben, der sich aber mehr erhoffte. Die beiden literarischen Genies seiner Generation – sein alter Freund Puschkin und der jüngere Lermontov – waren nach einem kometenhaften Aufstieg in der Blüte ihrer Jahre gestorben. Manche sahen in Sergej den Mann, der in seinen mittleren Lebensjahren fortsetzen könnte, was sie in ihrer Jugend begonnen hatten. Es war ihm bisher noch nicht gelungen, diese Hoffnung zu rechtfertigen, und das mochte ein Grund für die tiefen Falten auf seinem Gesicht sein. Sein dunkles Haar lichtete sich über der Stirn. Der dichte Backenbart ergraute; die Augen wirkten müde. Sergej kam nur selten nach Russka, und Tatjana kannte seine ewigen Geldprobleme; aber er beschwerte sich nie. Sobald die beiden im Haus waren und die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht worden waren, nahm Sergej seine Mutter beiseite und sagte: »Ich bin übrigens gekommen, um euch alle um einen Gefallen zu bitten.«
Sein alter Freund Karpenko, der nun in Kiev lebte, hatte Sergej zu einer Reise durch die Ukraine eingeladen, die schwierig, teilweise zu Pferd geplant und für eine Frau nicht geeignet war. Sergej gedachte in zwei Monaten wieder zurück zu sein. Inzwischen wollte er gern seine Frau bei der Familie lassen. Tatjana hätte es unhöflich gefunden, abzulehnen. Am Abendtisch saß eine vergnügte Runde. Tatjana war vor allem froh, Alexej und Sergej miteinander zu beobachten. Sie hatten sich eine eiserne Regel zur Vermeidung von Streitereien zu eigen gemacht: Über gewisse Themen wie das Militär oder Sawa Suvorin wurde nie gesprochen. Ilja strahlte. Dieser hochgebildete Mann konnte wenige seiner Gedanken mit Tatjana, geschweige denn mit Alexej teilen. Seit Sergejs Anwesenheit blühte er auf, und vor dem Essen hörte Tatjana ihn murmeln: »Ach, Serjoscha! Wir haben so vieles miteinander zu bereden.«
Die einzige undurchschaubare Person am Tisch war Sergejs junge Frau. Was sollte man nur von ihr halten? Er hatte Nadja drei Jahre zuvor geheiratet. Sie kam aus guter Familie, war die Tochter eines Generals, und wegen ihres blonden Haares und ihrer hübschen Erscheinung galt sie eine Zeitlang in der Gesellschaft als ätherische Schönheit. Um ebendiese Zeit war auch Sergej kurzfristig im Gespräch. Anscheinend hatten das Mädchen und der Lebemann sich auf Grund ihres saisonbedingten Rufs ineinander verliebt. »Blond ist sie tatsächlich«, bemerkte Ilja nach ihrer ersten Begegnung, »aber etwas Ätherisches kann ich nicht an ihr entdecken.«
Seit der Hochzeit hatte Sergejs Familie kaum etwas von der jungen Frau zu sehen bekommen. Das erste Kind starb schon nach einer Woche, und von einer neuen Schwangerschaft war keine Rede. So saß sie still da, wirkte leicht gelangweilt und unterhielt sich vorwiegend mit Alexej, bei dem sie sich anscheinend wohler fühlte als bei Ilja.
Nach der Mahlzeit zogen Tatjana und Nadja sich zurück, während die Herren sich auf die Veranda begaben, wo sie ihre Pfeifen rauchten und sich unterhielten. Selbst Alexej war in bester Stimmung. Nachdem Sergej den neuesten Klatsch aus der Hauptstadt zum besten gegeben hatte, wandte Alexej sich an Ilja und erkundigte sich: »Nun, Bruder, wo Sergej jetzt hier ist, willst du uns endlich erklären, was zum Teufel dich die letzten Wochen umgetrieben hat?«
Und da gab Ilja sein Geheimnis preis. »Es ist tatsächlich so, daß ich Rußland verlasse«, antwortete er lächelnd. »Ich gehe ins Ausland, um ein Buch zu schreiben, und zwar mit dem Titel ›Rußland und der Westen‹. Es wird mein Lebenswerk.«
Vielleicht war es ein spontaner Einfall gewesen, vielleicht der Höhepunkt jahrelanger Studien. Vielleicht aber war es auch der Anblick von Alexejs Orden, der Ilja plötzlich klarmachte, daß der Bruder sich bereits mit dem Beweis eines lebenslangen Erfolgs in den Ruhestand begeben hatte, während er, Ilja, mit seinen fünfundfünfzig Jahren auf dieser Welt absolut nichts vorzuweisen hatte. Er hatte sein Leben lang studiert; er war ein fortschrittlicher Europäer; was also lag näher, als ein Buch zu schreiben, das sein geliebtes Rußland auf sein Schicksal hinführte, so daß zukünftige Generationen rückblickend sagen würden: Ilja Bobrov hat uns den Weg gewiesen.
Nun umriß er mit sichtlichem Stolz sein Projekt. »Meine These ist ganz einfach. Rußland war in seiner gesamten Geschichte nicht in der Lage, sich selbst zu regieren. Von außen wurden Ordnung und Kultur in unser Land gebracht. In den Tagen des Goldenen Kiev wurden wir von Nordländern regiert, und die Griechen gaben uns unsere Religion. Jahrhundertelang lebten wir in der Dämmerung des Tatarenjochs; als wir dann erwachten – wer führte uns in die moderne Welt? Nun, es waren englische, holländische und deutsche Wissenschaftler und Techniker, die Peter der Große ins Land holte. Wer gab uns unsere heutige Kultur? Katharina die Große, die uns die Aufklärung aus Frankreich brachte. Und welche Philosophen inspirieren dich und mich, Sergej? Nun, die großen deutschen Denker.
Es muß so sein, denn Rußland selbst hat so wenig anzubieten, und was wir haben, gehört ins Mittelalter. Seht euch nur unsere Gesetzgebung an! Vor ein paar Jahren hat unser edler Speranskij endlich die große Kodifizierung der russischen Gesetze beendet, und was ist dabei herausgekommen? Eine Rechtsauffassung, die den westlichen Ländern schon vor tausend Jahren barbarisch erschienen wäre. Das Individuum hat keine Rechte; es gibt keine unabhängigen Richter, kein Verfahren mit einer Jury. Alles geschieht nach der Laune des Zaren. Und alldem unterwerfen wir Russen uns freudigen Herzens wie orientalische Sklaven. Kein Wunder, daß ein Fortschritt unmöglich ist.
In England, Frankreich und Deutschland werde ich Material für den Entwurf eines neuen Rußland sammeln. Ein Rußland nach dem Vorbild des Westens. Eine vollständige Umstrukturierung unserer Gesellschaft.« Ilja blickte triumphierend in die Runde. »Mein lieber Bruder«, meinte Sergej lachend, »wenn du so sprichst, denken die Leute, du seist verrückt.«
Ilja war keineswegs verlegen. »Ich werde beweisen, daß der Schlüssel zu unserer geistigen Rettung nicht in der Religion, nicht in der Politik, nicht einmal in der Rechtsprechung, sondern in der Wirtschaft liegt. Und hier«, er lächelte selbstzufrieden, »habe ich meine Bibel und meinen Propheten; ich spreche natürlich von dem großen Schotten Adam Smith und seinem Werk. Eine Untersuchung über Natur und Ursachen des Volkswohlstandes!«
Tatsächlich waren die Schriften von Adam Smith, dem Vater der kapitalistischen Nationalökonomie und des freien Marktes, den russischen Intellektuellen jener Zeit wohlbekannt. »Daraus entwickelt sich alles«, erklärte Ilja, »sogar die Befreiung der Leibeigenen.«
Alexej wurde plötzlich hellhörig. »Befreiung der Leibeigenen – warum?«
»Weil mehrere russische Ökonomen während der letzten beiden Jahrzehnte schlüssig aufgezeigt haben, daß du selbst besser daran bist, wenn du deinen Leibeigenen die Freiheit gibst«, setzte Ilja ihm auseinander. »Überlege doch: Ein freier Bauer bekommt einen Anreiz, wenn er für das, was er produziert, bezahlt wird. Dein Knecht, der ohne Belohnung zur Arbeit gezwungen wird, tut sowenig wie nur möglich.«
»Du glaubst also tatsächlich, daß der Bauer versuchen wird, so reich wie möglich zu werden, und sich dabei nur auf seine eigene harte Arbeit verläßt?« fragte Alexej. »Ja, sehr wahrscheinlich.«
»Und wenn sein schwächerer Nachbar zurückfällt, darf der denn leiden?«
»Ja, aber man kann ihn unterstützen.«
»Und wie steht es mit einer Familie wie der unseren? Unsere Rolle in der Geschichte war es seit jeher, dem Zaren und unserem Land zu dienen. Soll ich mich vielleicht zu Hause um den Profit kümmern wie ein Kaufmann?«
»Wir alle wollen einer Sache dienen, Alexej«, erklärte Ilja, »aber ich spreche von Geld und Marktlage.«
»Nein«, erwiderte der andere, »du sprichst von Menschen und ihrer Handlungsweise. Wenn alle Menschen nur für sich selbst handeln, wie du es vorschlägst – wo bleiben da die Religion, die Disziplin, der Gehorsam, die Demut? Ich sehe nur Chaos und Habgier. Tut mir leid, Ilja, wenn das deine Vorstellung von Fortschritt ist – meine ist es jedenfalls nicht. Es ist der unheilvolle, selbstherrliche Weg des Westens. Dagegen hat Rußland jahrhundertelang gekämpft. Ich und unsere Kirche, und ich nehme sogar an, unsere Leibeigenen werden dagegen sein, solange wir einen Funken Leben in uns haben.« Er erhob sich verärgert, wünschte eine gute Nacht und zog sich zurück.
Sergej und Ilja blieben noch lange sitzen. Sie sprachen über Iljas Reise, die er für den kommenden Herbst geplant hatte, über Literatur, Philosophie und viele andere Themen. Spätnachts meinte Sergej schließlich: »Weißt du, lieber Bruder, Alexej hat gar nicht so unrecht, was deine Ideen anbelangt. Du greifst unser armes altes Rußland an, aber du täuschst dich in diesem Land.«
»Wieso?«
Sergej seufzte. »In erster Linie möchtest du, daß Rußland bessere Leistungen erbringt. Ehrlich gesagt, das ist unmöglich. Rußland ist zu groß, das Klima ist zu schlecht. Wir sind das Ödland, das die Römer niemals eroberten. Im Westen sind die Städte durch Straßen verbunden. Und was haben wir? Eine Schotterstraße im ganzen Reich, von Moskau nach St. Petersburg, von Peter dem Großen geplant, doch erst 1830, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod, ausgeführt. Europa hat Eisenbahnen. Was haben wir? Man begann mit dem Bau einer Eisenbahn letztes Jahr, und zwar von der russischen zur österreichischen Hauptstadt, doch der Zar selbst erklärte, er halte es für gefährlich, wenn Menschen sich derart rasch fortbewegten. Rußland ist nicht der geschäftige Westen und wird es niemals sein. Rußland wird weiterhin langsam und leistungsschwach sein. Und soll ich dir etwas verraten? Es macht nichts aus. Damit komme ich zum zweiten Einwand. Deine Vorschläge für Rußland entstammen deinem Gehirn. Sie sind logisch, vernünftig, klar umrissen. Deshalb haben sie mit der Sache an sich nichts zu tun. Die Russen werden sich auf diese Weise nie motivieren lassen, und das kann der Westen nicht verstehen. Du mußt Rußlands Herz anrühren. Das Herz, die Seele, Ilja, nicht das Hirn. Inspiration, Verständnis, Sehnsucht, Energie – all das kommt aus dem Herzen.
Unser Begriff von Heiligkeit, von wahrer Gerechtigkeit, von Gemeinschaft – das alles kommt aus dem Geist und läßt sich nicht in Gesetze und Regeln zwingen. Wir sind weder Deutsche noch Holländer, noch Engländer. Wir sind Teil des Heiligen Rußland, das all diesen Ländern überlegen ist. Ich, ein Intellektueller, ein Europäer wie du, sagt dir dies.«
»Du gehörst also zu dieser neuen Gruppe, die für Rußland außerhalb des übrigen Europa eine Sonderstellung beanspruchen, die man Slavophile nennt, wenn ich dich recht verstehe?« fragte Ilja. »Das stimmt«, antwortete Sergej, »und ich sage dir, Ilja, es ist die einzige Möglichkeit.«
Schließlich umarmten sich die beiden Brüder innig, erfüllt von all diesen Gedanken, und gingen zu Bett. Am nächsten Morgen brach Sergej in die Ukraine auf. Alexej Bobrov war guter Laute, als er an diesem Augustmorgen durch Vladimir schlenderte. Vor seiner Abreise hatte er einen Brief seines Sohnes Mischa erhalten, in dem jener mitteilte, daß er auf dem Weg von seinem Regiment nach St. Petersburg für zehn Tage nach Russka komme. Also wird er hier sein, wenn ich wieder zurück bin, dachte Alexej.
Der Sommer war gut vorübergegangen. Der verflixte Sawa Suvorin hatte sich ruhig verhalten. Arinas Tochter Varja hatte den jungen Timofej Romanov, Mischas Jugendgespielen, geheiratet. Alexej hatte beide gern. Die Romanovs verhielten sich immer respektvoll. Er war auch im Bezirk tätig gewesen, war dem Adelsmarschall als Beistand zugeordnet, dessen Pflichten weitgehend darin bestanden, die Register des ansässigen Adels auf dem laufenden zu halten. Nun hatte er Zeit übrig, und er machte Besuche bei den benachbarten Landbesitzern – um den Anschluß nicht zu verlieren, wie er es ausdrückte.
Er war außerdem angenehm überrascht von Sergejs Frau. Er fand es erstaunlich, wie eine so sensible junge Frau seinen Bruder hatte heiraten können. Er stellte eine weitgehende Übereinstimmung zwischen ihr und sich fest. Leider schienen Tatjana und Ilja nicht sonderlich gut mit ihr auszukommen. Sie jedoch zeigte sich ihm von ihrer liebenswürdigsten Seite. »Ich finde es schlimm, daß Sergej mich in einem solchen Land zurückläßt«, sagte sie zu Alexej, »wo den ganzen Tag nichts los ist. Ich bin so froh, daß ich Sie zur Gesellschaft habe.«
Alexej war auf dem Weg zu einem mehrtägigen Besuch bei einem benachbarten Landbesitzer über Vladimir gekommen. Er hatte soeben dem Gouverneur einen Besuch abgestattet und wollte die Kathedrale besuchen. Und an niemanden hätte er jetzt weniger gedacht als an die Person, der er in diesem Augenblick seine offenen Arme entgegenstreckte und rief: »Mein lieber Freund! Was machen Sie denn hier? Besuchen Sie uns doch wieder einmal!« Es war Pinegin.
Die Willkommensfeier war wunderbar. Mischa war froh, wieder daheim zu sein. Er war einige Tage früher als erwartet in Bobrovo eingetroffen und freute sich, Sergejs Frau Nadja dort zu begegnen. Sie war nur ein paar Jahre älter als er, und er fand sie recht schön. Es war verständlich, warum Mischa Bobrov in seinem Regiment beliebt war. Er sah seinem Vater Alexej ähnlich, allerdings etwas kleiner und stämmiger. Intellektuell war er dem Vater weit voraus. Er unterhielt sich gern mit seinem Onkel Ilja über Lebensfragen. Mischa war optimistisch und temperamentvoll, und er nahm die Dinge leicht. Selbst Alexejs gelegentliche trübe Stimmungen lösten sich in Gegenwart des Sohnes meistens auf. Wie gewöhnlich widmete Mischa den ersten Tag den Menschen, die ihm am nächsten standen. Eine Stunde lang saß er bei seiner Großmutter, der restliche Vormittag gehörte Ilja. Mischa machte auch Besuche im Dorf, küßte Arina, schaute bei seinem Jugendfreund Tunofej Romanov und dessen Frau Varja vorbei. Kurz und gut, Mischa war daheim, und die Welt war im Lot. Dieser Fremde, Pinegin, interessierte ihn. Er hatte eine vage Erinnerung an den Mann aus seiner frühen Kindheit, der damals schon, wie heute, stets in einem weißen Uniformrock und mit einer Pfeife im Mund zu sehen war. Pinegin war in den Vierzigern, hatte sich jedoch bis auf ein paar Augenfältchen und die Tatsache, daß sein ehemals rötliches Haar ergraut war, kaum verändert. Er begrüßte Mischa mit einem freundlichen, wenn auch zurückhaltenden Lächeln. Pinegin versuchte, sich bei Sergejs Frau Nadja beliebt zu machen, gab für sie und Tatjana auf der Veranda seine Anekdoten zum besten oder begleitete sie auf ihren Spaziergängen in der Allee. Am zweiten Nachmittag schlenderte Mischa dort hinauf, um die beiden zu treffen. Wie vor den Kopf geschlagen blieb er stehen, als er sie auf der Lichtung neben dem Park in enger Umarmung entdeckte. Mischa verhielt sich ganz still – er konnte es nicht fassen, daß Nadja und Pinegin sich küßten.
Das war denkbar einfach gewesen. Vielleicht, so dachte Pinegin, wäre die Rache noch süßer gewesen, wenn die junge Frau ihren Mann wenigstens ein bißchen lieben würde. Es war seltsam, wieder in Russka zu sein. »Du mußt sofort kommen, mein lieber. Ich komme in ein paar Tagen nach. Unterhalte bitte bis dahin die Damen.« Das waren Alexejs Worte gewesen. Während Pinegin die Straße entlangeilte, zuckte er die Achseln. Ihre Begegnung mitten auf der Straße hatte schon etwas Seltsames. Doch wer an ein vorherbestimmtes Schicksal glaubt, den überrascht nichts wirklich.
Siebzehn lange Jahre waren inzwischen vergangen, Jahre der Kämpfe in der Ferne. Oft hatte er sich in Gefahr befunden, doch er war immer ruhig geblieben – dem Schicksal konnte man nicht entgehen. Mancher Mann war zwar ein Held, wurde aber trotzdem vergessen von der Stelle, die die Beförderungen vergab. Ein reicher Mann wie etwa Olgas zweiter Gatte wurde schleunigst befördert, doch er, Pinegin, war immer noch Hauptmann. Siebzehn lange Jahre waren vergangen. Nach dem Türkenfeldzug von 1827 hatte er jeden Kontakt mit Alexej verloren. Aber auch über die Entfernungen hinweg erhielt er Nachrichten. Er erfuhr, daß Olga wieder geheiratet hatte; er hörte, daß Sergej aus dem Exil zurück war, und las alle seine Werke, kaum daß sie erschienen waren. Ihn erreichte auch die Neuigkeit von Sergejs Heirat mit einer Generalstochter, und es gelang ihm, durch einen Bekannten ein Miniaturbild des Mädchens zu erhalten. Er wußte, daß sie ein Kind verloren hatten. All diese Details über die Familie, von der er sich beleidigt fühlte, bewahrte Pinegin sorgfältig in seinem Gedächtnis auf.
Da er an das Schicksal glaubte, hatte er nichts weiter zu tun, als geduldig auf das Zeichen zu warten, das die Götter ihm beizeiten geben würden; im richtigen Moment wäre er bereit. Das erwartete Zeichen war nun unbezweifelbar gegeben worden, und Pinegin war eiskalt und berechnend zu Werke gegangen. Wie du mir, so ich dir: Demütigung gegen Demütigung. Er würde Sergejs Frau verführen. Was Alexej vor langer Zeit geäußert hatte, traf zu: Pinegin war gefährlich.
Mischa überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Er liebte seinen Onkel Sergej, und er würde diese furchtbare Sache nicht einfach so laufenlassen.
Während die übrigen am Abend auf der Veranda Karten spielten, fand Mischa einen Vorwand, um allein mit Pinegin zur Allee hinaufzugehen. Er bemühte sich, liebenswürdig und höflich zu sein. Als sie aber nahe der Stelle angelangt waren, wo Pinegin Nadja geküßt hatte, sagte Mischa leise: »Ich war heute nachmittag hier, wissen Sie?«
Pinegin antwortete nicht.
»Ich kenne meine Schwägerin kaum«, fuhr Mischa ruhig fort. »Sie war den ganzen Sommer allein hier. Ich habe das, was ich gesehen habe, wahrscheinlich falsch ausgelegt. Sie werden jedoch sicher verstehen, Hauptmann Pinegin, daß ich Sie bitten muß, in Abwesenheit meines Vaters und meines Onkels alles zu unterlassen, was meine Familie entehren könnte.« Pinegin schwieg immer noch und zog an seiner Pfeife. Mit diesem jungen Mann hatte er nicht gerechnet. Die Tat war das Mittel zum Zweck. Pinegin hatte es sogar dem Schicksal überlassen, ob Sergej diesen Racheakt entdecken würde. Wenn ja – um so besser. Der junge Mischa war jedoch eine von den Göttern eingeführte Nebenfigur. Was war nun zu tun? Er wandte sich um und schlenderte die Allee hinunter, Mischa an seiner Seite.
»Gewiß habe ich keinen Grund, mit Ihnen zu streiten, Michail Alexejevitsch«, sagte er schließlich, »und Sie haben klug gesprochen. Ich glaube, Sie sollten sich keine Gedanken machen wegen dieser Sache. Vergessen Sie sie einfach!« Mischa war beruhigt. Um so bestürzter sah er früh am nächsten Morgen Pinegin leise aus Nadjas Zimmer kommen. Eine Stunde später forderte Mischa den Hauptmann zum Duell. »Leider kann ich Ihre Herausforderung nicht annehmen.« Mischa starrte ihn an. »Wie bitte?«
»Ich weigere mich, gegen Sie anzutreten«, erklärte Pinegin kurz. »Streiten Sie ab, hier in diesem Haus mit der Frau meines Onkels zu schlafen?«
»Nein.«
»Darf ich fragen, warum Sie meine Herausforderung nicht annehmen?«
»Ich möchte nicht gegen Sie kämpfen.«
Mischa wußte nicht, was tun. »Dann muß ich Sie als Feigling bezeichnen.«
Pinegin verbeugte sich. »Für diese Schmähung, Michail Alexejevitsch, werde ich gegen Sie antreten. Sind Sie damit einverstanden, daß ich die Zeit des Duells bestimme?«
»Wie Sie wünschen. Je eher, desto besser.«
»Ich teile Ihnen mit, wann ich bereit bin. Vielleicht nächstes Jahr.« Und damit ging Pinegin und ließ Mischa in völliger Verwirrung zurück.
Wenig später stieg Ilja Bobrov langsam die Treppe herunter, stülpte sich einen großen, breitkrempigen Hut auf, nahm einen kräftigen Spazierstock und verließ das Haus, ohne jemanden davon zu unterrichten. Kurz darauf sahen die Leute im Dorf ihn dahinkeuchen, auf seinem von der Anstrengung geröteten Gesicht den Ausdruck wilder Entschlossenheit. Niemand hatte Ilja bisher in einer derartigen Verfassung gesehen. Nachdem er den Ort durchquert hatte, nahm er den Weg durch die Wälder zum Kloster. Nach Monaten intensiver Arbeit an seinem Projekt steckte Ilja nun in einer absoluten Krise und war einem Zusammenbruch nahe. Die letzte Nacht hatte er kein Auge zugetan, und wäre ihm jemand auf seinem Gang durch die Wälder begegnet, hätte er den Eindruck eines verzweifelten Pilgers auf der Suche nach dem Gral gehabt.
Am Mittag – Tatjana war mit Pinegin nach Russka hinübergefahren – wurde Mischa, der allein in dem stillen Haus seinen Gedanken nachhing, durch Gepolter an der Tür und durch fröhliche Stimmen aufgeschreckt. Sergej war aus der Ukraine zurückgekommen, und er hatte seinen Freund Karpenko mitgebracht. Sergej stürmte in die Diele, braungebrannt, erholt, sprühend voll Lebenslust und guter Laune. Er umarmte Mischa. »Sieh dir das an«, rief er Karpenko zu. »Schau nur, was aus unserem kleinen Bären geworden ist!«
Auch Karpenko war völlig verändert. Das war nicht mehr der nervöse Junge von einst, der Olga angehimmelt hatte, sondern ein charmanter, selbstbewußter Mann Ende Dreißig mit glänzendem schwarzen Bart und sensiblen Augen. Es hieß, er habe großen Erfolg bei Frauen. Und Karpenko war zufrieden mit seinem Leben: Die meisten seiner Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er hatte mit drei Bühnenstücken Furore gemacht, die Zeitschrift, die er in Kiev herausbrachte, verkaufte sich blendend. Er hatte auch miterlebt, wie seine geliebte Ukraine literarische Ehren einheimste. Sein ukrainischer Mitbürger, der Satiriker Nikolaj Gogol, hatte sich bereits einen Namen in Rußland gemacht. Und das Wichtigste war: Sein Land hatte endlich einen wahrhaft großen Schriftsteller hervorgebracht, den Dichter Taras Schevtschenko, der herrliche Poesie in ukrainischer Sprache schrieb.
»Wir fahren morgen nach Moskau«, verkündete Sergej fröhlich, »dann nach St. Petersburg. Karpenko und ich haben eine Menge Ideen. Wir werden die Hauptstadt im Sturm nehmen!« Er blickte umher. »Wo, zum Teufel, ist Ilja? Wir wollen ihn unbedingt sehen.« Die Diener wurden ausgeschickt, ihn zu suchen. Sergej ging nach oben, um seine Frau zu begrüßen, kehrte aber schnell wieder zurück und schien ziemlich verwundert. »Das ist doch merkwürdig«, meinte er zu Mischa. »Ich hatte gedacht, sie haßt das Landleben; nun möchte sie noch ein bis zwei Wochen hierbleiben, während wir nach Moskau fahren.« Er starrte in das bekümmerte Gesicht seines Neffen: »Was ist denn nur mit dir los, Mischa?«
Da hielt Mischa es für angebracht, seinen Onkel über die Wahrheit aufzuklären.
Die Vorkehrungen wurden an jenem Nachmittag diskret getroffen. Als Austragungsort wurde eine kleine Lichtung bei dem Grabhügel neben dem zum Kloster führenden Weg gewählt. In der Morgendämmerung würde dort sicher niemand vorüberkommen. Da Pinegin keinen Sekundanten hatte, hatte Karpenko auf Sergejs Wunsch hin widerstrebend diesen Part übernommen. Das frühe Abendessen verlief ruhig, wobei Sergej, Pinegin und Karpenko höfliche Konversation führten. Weder Tatjana noch Nadja ahnten auch nur das geringste von dem Bevorstehenden. Alle rätselten statt dessen über das Verschwinden Iljas, der noch immer nicht zurückgekehrt war. Er war jedoch auf dem Weg nach Russka gesehen worden, und so beruhigten sich alle. Nach dem Essen übernahm Karpenko es, die Damen zu unterhalten, während Sergej sich in sein Zimmer zurückzog, um für den Fall der Fälle die letzten Dinge zu regeln.
Er hatte einige Briefe zu schreiben: einen an Olga, einen an seine Mutter und einen dritten an seine Frau; dieser enthielt keinerlei Vorwürfe; der Brief, der ihm am schwersten fiel, war an Alexej gerichtet.
Als die Sonne bereits hinter dem hohen Wachturm in Russka versunken war, kam Ilja zurück. Er schleppte sich nur langsam vorwärts, weil er so müde war. Aber das war ihm nicht bewußt. Der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ sich nur als religiöse Ekstase deuten. Ilja hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Zusammen mit Sergej machte er an diesem Abend eine wundervolle Entdeckung.
Es war eine seltsame Szene: der eine Bruder angespannt und mit jeder Faser dem nächsten Morgen entgegenfiebernd; der andere, ohne im geringsten zu ahnen, was sich abspielte, mit seinem von Erregung geröteten Gesicht.
Ilja hatte den ganzen Sommer an der Planung seines großen Werkes gesessen und all seine Gedanken darauf verwendet. Schließlich hatte er einen Entwurf für ein neues, modernes Rußland mit westlichen Gesetzen und Institutionen und einem starken Wirtschaftssystem erstellt. Das Projekt war intelligent, praktisch, logisch. Ilja sah es gleichsam vor sich, wie Rußland frei und erfolgreich wie jede andere Nation werden könnte. Doch dann begann Iljas Krise. Sergej lauschte den erregten Ausführungen seines Bruders. Er verstand Iljas Problem sofort – im wesentlichen war es die Tragödie ihres Landes.
»Das war mein verzweifeltes Problem, Serjoscha: Je plausibler mein Plan aussah, desto klarer wurde mir, daß er nicht realisierbar war. Wenn man den Glauben an sein eigenes Land verliert, an das Land, das man liebt… zu begreifen, daß ein sinnvoller Plan zum Scheitern verurteilt ist, eben weil er sinnvoll ist… das ist einfach furchtbar.« Sergej hatte so manchen klugen Mann gekannt, der unter genau den gleichen Qualen gelitten hatte. Wie viele vor ihm und zweifellos viele nach ihm wurde Ilja, der gebildete »Westler«, vom eigenen instinktiven Verständnis seiner russischen Heimat gelähmt. Und doch hatte er den ganzen Sommer über nicht aufgegeben. »Das sollte mein Lebenswerk werden, Serjoscha. Ich konnte es nicht plötzlich zum flüchtigen Unterfangen deklarieren.« Woche für Woche hatte er weitergearbeitet, bis schließlich nach einer schlaflosen Nacht an jenem Morgen die Krise ihren Höhepunkt erreicht hatte: Ilja konnte nicht mehr.
Er hatte den Weg zum Kloster eingeschlagen, ohne genau zu wissen, warum: vielleicht eine Kindheitserinnerung, vielleicht eine unbewußte hilflose Hinwendung zum Glauben. Er wanderte stundenlang in der Gegend des Klosters herum, ohne daß er eine Erleuchtung empfangen hätte. Da kam ihm plötzlich die Idee, zu der kleinen Rublev-Ikone zu gehen, die seine Familie dem Kloster vor vielen Jahrhunderten gestiftet hatte. Zuerst empfand er nichts, doch dann hatte Ilja den Eindruck, daß die Ikone ihre Wirkung auf ihn ausübe. Zwei Stunden lang stand er davor. »Und dann wußte ich endlich, Serjoscha.« Ilja griff aufgeregt nach Sergejs Arm. »Ich wußte, was an meiner Konstruktion falsch war. Genau das hattest du mir schon gesagt: Ich versuchte Rußlands Probleme mit meinem Hirn, mit Logik zu lösen. Ich hätte es mit dem Herzen tun sollen. Jetzt bin ich bekehrt und ein Slavophile!«
»Und was wird mit deinem Buch?«
Ilja lächelte. »Ich brauche jetzt nicht mehr ins Ausland zu reisen. Die Antwort auf Rußlands Probleme liegt hier im Land selbst. Ich denke, die Kirche ist der Schlüssel«, führte er aus. »Ohne die führende Kraft der Religion bleibt das russische Volk teilnahmslos. Wir können zwar westliche Gesetze, unabhängige Richter, vielleicht sogar ein Parlament haben, doch nur, wenn sie allmählich aus der geistigen Erneuerung heraus sich entwickeln. Die muß zuerst kommen.«
»Und Adam Smith?«
»Die Gesetze der Ökonomie gelten immer noch, aber wir müssen unsere Landwirtschaft und unsere Betriebe für die Gemeinschaft, nicht für das Individuum organisieren. Rußland kann dem Westen niemals gleich sein.«
Sergej lächelte. Er wußte nicht, ob sein Bruder recht oder unrecht hatte, doch er war froh, daß Iljas Seelenqualen endlich beendet zu sein schienen. »Es ist sehr spät, ich möchte mich gern ausruhen«, bat er. Bis zur Morgendämmerung blieben ihm noch einige Stunden, die er allein verbringen wollte.
Die kleine Lichtung lag in völliger Ruhe. Die ersten Sonnenstrahlen fingen sich im Tau. In einiger Entfernung war das Kloster zu sehen, dessen Glocke soeben ihr Läuten beendet hatte. Die beiden Männer legten ihre Jacken ab. Die kühle Morgenluft ließ Sergej leicht erschauern. Karpenko und Mischa, beide sehr bleich, luden die Pistolen und reichten sie den Kontrahenten. Als sie ihre Plätze einnahmen, war nichts außer dem leisen Rascheln ihrer Füße in dem kurzen feuchten Gras zu hören. Die Duellanten fixierten einander, zwei Schüsse zerrissen die Luft. Die Sekundanten stürzten mit einem Aufschrei hin zu Sergej. Die Kugel hatte ihn mitten ins Herz getroffen. Seit seiner Jugend war Pinegin für seine Zielsicherheit bekannt. Das war einer der Gründe, warum Alexej ihn immer für gefährlich gehalten hatte. Als Alexej an diesem Nachmittag bei seiner Rückkehr nach Russka hörte, was vorgefallen war, brach er weinend zusammen. Auf seinen Wunsch reiste Pinegin sofort ab.
Der Brief des Toten bewegte den älteren Bruder zutiefst Sergej bat ihn darin um Vergebung für allen Schmerz, den er der Familie zugefügt habe. Er sagte Alexej offen, wie schwer es ihm gefallen sei, dem Bruder das Exil im Ural, das dieser in die Wege geleitet hatte, zu vergeben, und er dankte ihm für die freundliche Zurückhaltung während der letzten Jahre. Der Brief endete mit der Bitte, Sawa Suvorin freizulassen.
Du stimmst mir wohl nicht zu, denn Du befolgst die gesetzlichen Regeln hinsichtlich der Leibeigenschaft –, aber ich empfinde es als größte Schuld meines Lebens, daß Sawa Suvorin meinetwegen wieder ergriffen wurde.
Ich weiß von unserer Mutter, daß er Dir eine große Summe für seine Freiheit geboten hat Wenn Du mich ein wenig liebhast, Alexej, so bitte ich Dich, nimm das Geld an und lasse den armen Kerl dafür frei.
Alexej las den Brief zweimal. Traurig schüttelte er den Kopf, als er an die Banknoten dachte, die er so viele Jahre zuvor in Iljas Buch entdeckt und versteckt hatte.
Nach jahrzehntelangem vergeblichen Kampf wurde Sawa Suvorin an diesem Abend ins Herrenhaus gerufen, und Alexej teilte ihm mit mattem Lächeln mit: »Ich habe mich entschieden, dein Angebot anzunehmen, Suvorin. Du bist ein freier Mann.«
1855
Sevastopol. Mitunter hatte Mischa Bobrov den Eindruck, daß keiner hier jemals wieder herauskommen werde. Wir sind wie auf einer verlassenen Insel ausgesetzt, dachte er oft. Aber ist von all denen, die die Stadt verteidigen, die in diesem verrückten Krimkrieg kämpfen, einer in einer so seltsamen Lage wie ich, überlegte er. Ich kämpfe hier in Sevastopol ums Überleben, und wenn ich herauskomme, erwartet mich wiederum ein fast sicheres Todesurteil. Zumindest danke ich Gott, daß ich einen Sohn hinterlasse. Sein Sohn Nikolaj war im vergangenen Jahr geboren. Mischas Gefühl, sich in Sevastopol wie auf einer verlassenen Insel zu befinden, war nicht so abwegig. Der große befestigte Hafen lag umgeben von gelbbraunen Hügeln nahe der Südspitze der Krimhalbinsel, nicht weit von der ehemaligen Tatarenhauptstadt Bachtschisaraj entfernt, also ungefähr hundertundfünfzig Meilen außerhalb des russischen Festlandes im Schwarzen Meer. Südlich davon, vor den massiv aufragenden Hafenbefestigungen, lagerten die Streitkräfte dreier europäischer Großmächte – Frankreich, England, Türkei. Seit elf Monaten beschossen sie Sevastopol. Nur die schier grenzenlose Beharrlichkeit und das Heldentum der einfachen russischen Soldaten hatte die Einnahme der Stadt bisher verhindert.
Was war dieser Krimkrieg doch für ein Wahnsinn! Einerseits war er wohl unvermeidlich gewesen, dachte Mischa. Seit Generationen verlor das osmanische Türkenreich an Bedeutung, und bei jeder Gelegenheit erweiterte Rußland seinen Einfluß in der Region des Schwarzen Meeres. Wenn Rußland jemals die Balkanprovinzen kontrollieren könnte, hätte die russische Flotte freie Durchfahrt vom Schwarzen zum Mittelmeer. Kein Wunder also, daß die übrigen europäischen Mächte Rußlands Hinwendung zur Türkei mit wachsendem Argwohn beobachteten.
In seiner selbstgewählten Rolle als Verteidiger der Orthodoxie fand der Zar sich im Widerspruch zum Sultan, als dieser in seinem Reich einige Privilegien der orthodoxen Kirche abschaffte. Als Warnung sandte Zar Nikolaus Truppen in die türkische Provinz der Moldau. Die Türkei erklärte den Krieg, und unverzüglich traten die europäischen Mächte in den Krieg gegen Rußland ein. Es gab faktisch drei Kriegsschauplätze: einen an der Donau, wo die Österreicher die Russen einkesselten; einen weiteren im Kaukasus, wo die Russen eine wichtige Festung der Türken nahmen, und schließlich die Krimhalbinsel, den russischen Flottenstützpunkt, den die Alliierten angriffen.
Es war im Grunde ein Engpaß, wobei beide Seiten sich auf der Halbinsel festgesetzt hatten. Der Typhus raffte bei weitem mehr Menschen hinweg als die tatsächlichen Kampfhandlungen. Dieser Krieg war, ob gewonnen oder verloren, vor allem eine Demütigung für Rußland. Waffen und technische Kriegführung der russischen Armee waren hoffnungslos veraltet. Mit den hölzernen Schiffen konnten zwar die Türken besiegt werden, doch den Franzosen oder Briten gegenüber waren sie eine reine Farce. Das Prestige des Zaren im Ausland nahm ab.
Der Krieg hatte 1854 begonnen. Am Ende dieses Jahres war sich jeder, bis hinunter zum einfachsten Bauern, der Dienst tat, der verheerenden Tatsache bewußt, daß mit dem Zarenreich, mit dem Heiligen Rußland, etwas nicht stimmte.
Wenn ich hier herauskomme, hatte Mischa beschlossen, werde ich meinen Dienst quittieren und in Russka leben. Sein Vater und Ilja waren tot. Jemand mußte sich um den Besitz kümmern. Und außerdem hatte er einfach genug.
Kaum war er eine Woche in Sevastopol, war er dort auf Pinegin gestoßen. Er hatte den Mann fast vergessen, und da stand er nun plötzlich, kaum verändert; immer noch im Rang eines Hauptmanns, das wettergebräunte Gesicht ruhig wie eh und je, die unvermeidliche Pfeife im Mund.
»Ach, Michail Alexejevitsch«, sagte er, als sei ihre Begegnung das Natürlichste von der Welt. »Wir haben etwas zu klären, glaube ich.« Ist es möglich, daß Pinegin dies nach all den Jahren ernst meint, überlegte Mischa. Anfangs hatte er die Sache eher als einen makabren Scherz betrachtet. Im Laufe der Monate allerdings wurde ihm bewußt, daß es für Pinegin mit seinem strengen Ehrenkodex keinen anderen Weg gab. Mischa hatte ihn einen Feigling genannt, deshalb stand das Duell zwischen ihnen an. Daß seit der Kränkung Jahre vergangen waren, spielte keine Rolle. Es war gegen alle militärischen Regeln, solche Angelegenheiten während eines Krieges zu regeln. »Wenn das hier vorüber ist und wir beide noch am Leben sind, werden wir die Sache bereinigen«, meinte Pinegin leichthin. Er wird mich auf alle Fälle töten, dachte Mischa.
Während dieser furchtbaren Belagerungszeit begegneten sie einander ziemlich häufig, und das auf fast freundlicher Basis. Einmal holten sie nach einem schweren Bombardement, in dem Hunderte von Mitsoldaten verwundet worden waren, gemeinsam Leute aus einem brennenden Gebäude. Manchmal sah Mischa, wie Pinegin zwischen Kranken umherging, offenbar nicht auf die Ansteckungsgefahr achtend. Er war, das mußte Mischa zugeben, ein Mann ohne Furcht.
Die Monate vergingen. Anfang jenes Jahres starb Zar Nikolaus I. und sein Sohn Alexander II. bestieg den Thron. Es gab Gerüchte, daß der Krieg zum Ende komme, doch die Verhandlungen platzten, und die Belagerung nahm ihren Fortgang. Am Morgen des 11. September endlich ging der Befehl zum Rückzug wie ein Lauffeuer durch den Hafen. Alles rüstete sich zum Abmarsch, Packtiere wurden fertiggemacht, Verwundete auf Wagen geladen. Überall herrschte Verwirrung. Am Vormittag gingen Spezialeinheiten an die Arbeit. Von diesen gab es mehrere. Sie hatten sämtliche noch verbliebenen Verteidigungsanlagen Sevastopols zu zerstören. »Wenn der Feind die Stadt besetzt, findet er nur noch Ruinen«, war der Kommentar des Kommandeurs. »Ich habe sofort einige Offiziere und Mannschaften abzustellen. Sie haben sich umgehend bei der neunten Kompanie zu melden.«
So kam es, daß Mischa dem Kommando des Hauptmanns Pinegin zugeteilt wurde. Es war ein gefährliches Unternehmen, sich dem ersten Angriffsziel zu nähern. Als sie einen kleinen Platz überquerten, zischte eine Granate über ihre Köpfe weg und detonierte in einem Haus etwa dreißig Meter hinter ihnen. Endlich gelangten sie an einen Mauerabschnitt, hinter dem eine Feuerstellung eingerichtet war. Um diese zu erreichen, mußten die Männer eine ungedeckte Strecke hinter sich bringen, die von einer Gruppe französischer Heckenschützen, verschanzt in Häuserruinen, eingesehen werden konnte. Zweimal riß Pinegin Mischa zu Boden, als die Kugel eines Heckenschützen über sie hinwegsauste. Die Männer stellten Pulverfässer auf. Mischa und Pinegin legten die Zündschnur an der Wand entlang. Die Männer mit den übrigen Sprengkörpern hatte Pinegin weggeschickt.
Während sie an der Arbeit waren, war es plötzlich vollkommen ruhig geworden. Mit Sicherheit lagen die Heckenschützen auf der Lauer und warteten nur darauf, daß die beiden auftauchten. Der Beschuß hatte ausgesetzt.
Mischa Bobrov wurde sich plötzlich bewußt, daß er in diesem Augenblick die Gelegenheit zu einem Mord hatte. Sie waren völlig allein, die anderen Soldaten außer Sichtweite. Pinegin war nicht bewaffnet. Er kniete mit dem Rücken zu Mischa, nestelte an der Zündschnur herum und kroch dann im Schutz der Mauer weiter. Er hätte nur einen Augenblick über der Brustwehr auftauchen müssen, lange genug, um einen Heckenschützen zu einem Schuß zu bewegen. Ein einziger Schuß würde genügen – die Soldaten würden ihn hören. Und dann… Mischas Hand lag an seiner Pistole. Er brauchte nur auf den Hinterkopf zu zielen. Er würde Pinegin liegenlassen, die Stellung in die Luft jagen und den Leuten erzählen, ein Heckenschütze habe den Hauptmann erwischt. War er, Mischa Bobrov, tatsächlich fähig, einen Mord zu begehen? Vielleicht waren es die Monate in diesem Höllenloch, die ihm das menschliche Leben weniger wert erscheinen ließen. Oder war es vielmehr der bloße Selbsterhaltungstrieb? Pinegin würde ihn kaltblütig töten. Er, Mischa, hatte jetzt die Chance, das gleiche zu tun. Und sein Schuß würde zuerst treffen.
Immer noch zögerte Mischa. Was hielt ihn denn davon ab? Moral? Welche Moral gab es letztlich in einem Duell? Es steht doch fest, daß ein Mord begangen wird! Nein, entschied Mischa, nichts hielt ihn davon ab, Pinegin zu töten. Höchstens ein gewisser Ehrenkodex, der, bei Licht betrachtet, blödsinnig war. Mischas Hand ruhte auf seiner Pistole. Er hatte sich immer noch nicht von der Stelle gerührt.
Plötzlich wandte Pinegin sich um und sah ihn durchdringend an. Mischa fühlte, daß die blaßblauen Augen erkannten, was in ihm vorging. Doch da lächelte Pinegin, drehte ihm wieder den Rücken zu und fummelte weiter an der Zündschnur. Minuten später entzündeten sie die Schnur und beobachteten, wie der Funke von ihnen weg auf sein Ziel zulief. Kurz bevor er die Fässer erreicht hatte, duckten sich die beiden Männer und hielten den Atem an. Doch es geschah nichts. »Verdammtes Material«, murmelte Pinegin. »Gott weiß, was da schiefgegangen ist. Warte hier«, befahl er. Er rannte los, mit gesenktem Kopf an der Mauer entlang. Er hatte die Fässer fast erreicht, als die Kugel eines Heckenschützen vorüberzischte. Dann flogen die Fässer in die Luft.
1857
Der Krimkrieg war unter demütigenden Bedingungen für Rußland zu Ende gegangen. Es hatte sein Recht auf eine Flotte im Schwarzen Meer eingebüßt. Niemand verspürte mehr Lust auf weitere Feindseligkeiten. Der neue Zar, Alexander II. kündigte zahlreiche Reformen an. Und alle waren auch überzeugt, daß es Veränderungen geben mußte. Von allen Neuerungen, die im Gespräch waren, lag Mischa die mögliche Abschaffung der Leibeigenschaft am meisten am Herzen.
Schon seit dem Vorjahr wurde ganz Rußland von Gerüchten über dieses wichtige Thema überschwemmt. Vom europäischen Ausland aus forderte der radikale Schriftsteller Alexander Herzen den Zaren auf, seine Untertanen freizustellen.
Mitten in all der Erregung blieb Mischa Bobrov, obwohl er persönlich die Befreiung für wünschenswert hielt, zurückhaltend. »Das Volk mißversteht den neuen Zaren«, sagte er zu seiner Frau. »Sie halten ihn für einen Reformer, und vielleicht ist er das in mancher Hinsicht auch. Aber im Grunde ist er ein sehr konservativer Mann, genau wie sein Vater, und ein Pragmatiker. Sein höchstes Ziel wird es sein, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wenn dazu die Abschaffung der Leibeigenschaft nötig ist, wird er sie durchsetzen. Wenn nicht, dann bleibt alles beim alten.«
Viele Landbesitzer waren, anders als Mischa, höchst beunruhigt. »Ich verrate Ihnen einen guten Trick«, sagte ein Gutsherr aus der Nachbarschaft. »Manche von uns rechnen damit, daß wir im Fall des Falles den Leibeigenen das Land überlassen müssen, das sie bebauen. Nehmen Sie also die Leute von der Landarbeit weg, und bringen Sie sie vorläufig als Hausangestellte bei sich unter. Wenn es zu der befürchteten Entscheidung kommen sollte, können Sie immerhin sagen, daß die Leute nicht auf den Feldern gearbeitet haben. Dann brauchen Sie ihnen vielleicht gar nichts zu geben.«
Was auch an Reformen kommen mochte – Mischa freute sich, daß er wieder zu Hause war. Er hatte nicht nur Bobrovo, sondern auch Iljas Besitz in Rjazan geerbt. »Ich will mich der Landwirtschaft und verschiedenen Studien widmen«, erklärte er. Nach Iljas Tod fünf Jahre zuvor hatte er das umfangreiche unvollendete Manuskript des großen Werkes seines Onkels entdeckt. Vielleicht würde er es abschließen.
Ja, es gab vieles zu bedenken, und trotzdem interessierte ihn am meisten die Sache mit Suvorin und dem Priester. »Wenn ich Suvorin einmal nicht mehr unter Kontrolle habe, weil er frei ist, dann bringt er sicher seine Altgläubigen hierher, und sie fangen an, die Leute zu bekehren. Ich habe dem Priester fest versprochen, daß ich das nicht zulassen werde.«
Beim Militär hatte Mischa nicht mehr daran gedacht. Erkundigungen, die er nach seiner Rückkehr einzog, machten klar, daß sich eine Wandlung vollzogen hatte.
Das Unternehmen der freien Suvorins wuchs rasch. Die aus England importierte Feinspinnmaschine für die Baumwollfabrik war ein großer Erfolg geworden. Sawa Suvorin beschäftigte inzwischen die halbe Einwohnerschaft Russkas. Sein Sohn Ivan leitete das Geschäft in Moskau. Wenn Mischa auch nicht wußte, ob alle Angestellten Suvorins Altgläubige waren, so bildeten sie doch zumindest den harten Kern der Belegschaft. Die Tatsache, daß eine kürzlich erfolgte neue Gesetzgebung einige Gruppen der Altgläubigen, darunter auch die radikalen Theodosianer, aufgebrochen hatte, verhinderte offenbar nicht, daß gewisse religiöse Feiern weiterhin praktisch in aller Offenheit zelebriert wurden. Und doch kam keinerlei Protest seitens des Priesters in Russka. Das war es, was Mischa in höchstem Maß verwunderte.
Als er den Priester das erstemal daraufhin ansprach, leugnete der. »Die Gemeinde in Russka ist loyal, Michail Alexejevitsch. Sie sollten sich keine Gedanken darüber machen.«
Da stellte Mischa Sawa Suvorin selbst zur Rede. Der hatte nur ein Achselzucken übrig: »Altgläubige in Russka? Darüber weiß ich nichts.«
An einem Sonntagmorgen im Dezember fand Mischa plötzlich die Antwort. Er stand auf dem verschneiten Marktplatz in Russka. Der Gottesdienst war gerade vorüber und war schlecht besucht gewesen. Um diese Zeit kam gewöhnlich der Schlitten mit Zeitungen aus Vladimir, und Mischa blieb noch, in der Hoffnung, die letzten Neuigkeiten zu erfahren.
Da sah er den rothaarigen Priester aus der Kirche kommen und mit großen Schritten seinem Haus zustreben. In seiner Begleitung war ein griesgrämig dreinschauender Bursche, ebenfalls rothaarig, in dem Mischa den Sohn des Priesters erkannte. Pavlo Popov – so hieß er – war Büroangestellter in Moskau und dem Hörensagen nach einer aus der Schar der unterbezahlten Beamten, die zu jener Zeit die Dinge durch allerhand Mauscheleien und Bestechungen regelten.
Da überquerte Sawa Suvorin den Platz in der Nähe der beiden. Dabei nickte er dem Priester kurz zu. Sofort verneigten sich Vater und Sohn tief vor dem früheren Leibeigenen. Das war nicht nur eine höfliche Verneigung, sondern eine, wie sie vom Diener zum Herrn, vom Angestellten zum Geldgeber üblich war. Da plötzlich begriff Mischa. In diesem Augenblick bimmelte der langerwartete Schlitten über den Platz.
Mischa beachtete ihn nicht. Er konnte seine plötzliche innere Erregung nicht bezähmen. Er ging quer über den Marktplatz und sprach den Priester in der Mitte des Platzes laut an. »Sagen Sie, werden Sie von Suvorin und den Altgläubigen dafür bezahlt, daß Sie ihnen Ihre Gemeinde überlassen?« Der Priester lief dunkelrot an.
Mischa hatte ins Schwarze getroffen. Er bekam jedoch keine Antwort, denn in diesem Augenblick tönte eine aufgeregte Stimme vom anderen Ende des Platzes, wo die Zeitungen abgeladen wurden. »Es ist amtlich. Vom Zaren. Die Leibeigenen werden frei.« Da vergaß Mischa selbst den Priester und eilte über den Platz.