Das Duell
1802
Hoch im blauen Septemberhimmel schwebte eine
blasse Sonne. Vereinzelt zogen weiße Wölkchen über die endlose
Ebene. Sie kamen von Osten, überquerten die alte Grenzstadt Niznij
Novgorod und schwebten nach Westen, in Richtung Moskau, hinweg über
alte russische Städte – Rjazan, Murom, Suzdal und das prächtige
Vladimir – oder über den schmalen, glitzernden Flußlauf, der sich
seinen Weg durch den Wald bis hinunter zu dem Städtchen Russka und
weiter zum nächsten Dorf bahnte.
Zwei Bauern standen am Flußufer und unterhielten sich. Hinter
ihnen lag das Dörfchen, das Alexander Bobrov gehörte. Der Ort hatte
sich in letzter Zeit beachtlich entwickelt. Es gab nur einen
Holzsteg über den Fluß, und für die Fußgänger waren Bretter über
die morastigen Stellen gelegt worden. Die Hütten befanden sich in
gutem Zustand. Einige wenige, obwohl sie noch die Anordnung der
traditionellen Bauern-isba zeigten, hatten ein Obergeschoß
und geschnitzte Fensterläden – ihre Besitzer waren offensichtlich
wohlhabend.
Die beiden Männer waren Vettern, wenn auch durch zwei
Generationen getrennt. Sie stammten mit fünfzehn anderen Familien
des Dorfes vom Mädchen Marjuschka ab, der einzigen Überlebenden des
furchtbaren Kirchenbrands während der Regierungszeit Peters des
Großen. Sie war lange danach ins Dorf zurückgekehrt. Zufällig waren
beide Männer auf den Namen Ivan getauft.
Ansonsten gab es jedoch keine Ähnlichkeit zwischen ihnen. Ivan
Suvorin war ein bärtiger Riese mit markantem Gesicht. Er überragte
alle Männer des Ortes um Haupteslänge. Es hieß, er könne mit seinen
kräftigen Armen ein Pferd heben.
Sein Vetter dagegen war nur mittelgroß und recht unauffällig.
Er hatte gewelltes, volles Haar, sanfte blaue Augen, und wenn er
Lust dazu hatte, sang er wunderschön. Er war ein freundlicher
Mensch, wenn auch manchmal depressive Anwandlungen ihn zu
plötzlichen Zornesausbrüchen oder zu Tränenströmen verleiteten.
Aber nur selten tat er jemandem weh. Er hieß Ivan Romanov. Er
freute sich, daß er den gleichen Namen hatte wie das Herrscherhaus,
aber tatsächlich war der Name, den sich die kaiserliche Dynastie im
16. Jahrhundert gewählt hatte, einer der häufigsten in Rußland. Die
beiden Männer waren Leibeigene Alexander Bobrovs. Aber während
Romanov das Land bestellte und kleinere Holzschnitzereien
anfertigte, um zusätzlich für die Zahlungen an seinen Herrn Geld zu
verdienen, war Suvorin ein geborener Unternehmer. Er hatte eine
Tuchweberei aufgebaut und verkaufte die Ware bisher auf dem kleinen
Markt in Russka. Kürzlich hatte er jedoch herausgefunden, daß er in
Vladimir, das eine Tagesreise entfernt lag, einen besseren Preis
erzielen konnte. Und nun wollte er Seidenband herstellen. Seine
Frage war, ob der Vetter sich daran beteiligen wolle. Die beiden
Männer waren in Begleitung von Suvorins zehnjährigem Sohn. Er hieß
Sawa und war die kleinere Ausgabe seines Vaters, auch was Stolz und
Unnachgiebigkeit betraf. »Seidenbänder bringen viel ein. Es ginge
uns allen gut, wenn du dich mit uns zusammentätest«, meinte
Suvorin. Romanov zögerte noch. Er konnte das Geld gebrauchen, doch
etwas ging ihm durch den Kopf – es war der Junge, Sawa. Er war zehn
Jahre alt, aber Ivan Romanov hatte ihn noch nie lächeln sehen.
»Nein«, sagte er, »ich glaube, ich bleibe lieber bei meiner
Schnitzerei.«
»Wie du meinst. Ich kann dich nicht zu deinem Glück zwingen«,
antwortete Suvorin. Und so gingen sie auseinander. An ebendiesem
Tag wurde Alexander Bobrov noch einmal Vater. Als er das Kind im
Arm hielt und es betrachtete, hatte er widerstreitende Gefühle.
Dann blickte er Tatjana an, die in all den Jahren so viel für ihn
durchgemacht hatte, und er lächelte ihr liebevoll zu. »Es ist ein
Junge«, sagte er. Leider war es nicht sein Sohn. Es hatte ihn tief
verletzt, daß Tatjana ihn gegen Ende des vorangegangenen Jahres
betrogen hatte. Seltsamerweise gerade in dem Augenblick, als er
neue Hoffnung geschöpft hatte. Die vergangenen fünf Jahre waren
entmutigend gewesen. Wenn Zar Paul ihn auch aus der Haft entlassen
hatte, zeigte er doch keinerlei Interesse an den Diensten des
ehemaligen Staatskanzlers, und Alexander fühlte sich auf dem Gut,
das seine Frau so zuverlässig ohne ihn geführt hatte, reichlich
überflüssig. Andererseits jedoch war es zu jener Zeit entschieden
besser, außerhalb von St. Petersburg zu leben. Der Zar hatte bald
zu kränkeln begonnen und war schließlich dem Wahnsinn verfallen.
Als eine Gruppe patriotischer Offiziere ihn 1801 ermordete und
seinen Sohn auf den Thron brachte, atmete ganz Rußland auf –
erleichtert und hoffnungsvoll. Auch Bobrov war voller Erwartung.
Der junge Zar Alexander war Katharinas Enkel, den sie selbst
unterwiesen hatte: Alleinherrscher über alle Russen und doch ein
Kind der Aufklärung. Manche nannten ihn den Engel. Die Familie
Bobrov wollte den Winter dieses Jahr in Moskau verbringen. Im
November ließ Bobrov, erfüllt von neuer Energie, Tatjana und die
Kinder in Moskau und fuhr allein nach St. Petersburg. Vielleicht,
daß es jetzt eine Stellung für einen Mann mit seinen Fähigkeiten
gab? Zwei Monate verbrachte er in der Hauptstadt, es wurden ihm
auch einige hoffnungsvolle Versprechungen gemacht, aber letztlich
erreichte er nichts. Im Januar kehrte er zurück.
Tatjana lernte während dieser Zeit einen jungen
Husarenhauptmann kennen; er nahm sie völlig für sich ein, ehe er
mit seinem Regiment in die Ukraine weiterzog. Dieser witzige,
amüsante Mann konnte bereits eine ganze Reihe ähnlicher Affären für
sich verbuchen. Er war fünfundzwanzig, Tatjana einunddreißig Jahre
alt. Der Hauptmann verhielt sich diskret. Alexander wußte nicht mit
Sicherheit, ob es überhaupt eine Affäre gegeben hatte, bis es sich
im Frühjahr nicht mehr verheimlichen ließ: Tatjana war schwanger.
Was sollte er tun? Er dachte an ein Duell, erfuhr jedoch, daß der
Bursche in einem Scharmützel an der Grenze gefallen war. So verlor
er über die Affäre kein Wort mehr. Das Kind würde als sein eigenes
behandelt werden.
Der Junge wurde nach dem heiligen Sergius benannt, dessen Fest
dem Geburtstag am nächsten lag, und hieß also Sergej. Dazu kam die
Ableitung seines Vatersnamens, und das ergab Sergej
Alexandrovitsch.
»Sergej.« Tatjana lächelte, dann flüsterte sie den Kosenamen:
»Serjoscha, mein Kleiner!«
»Natürlich wird er nichts von mir erben«, sagte Alexander sehr
ruhig. »Wenn ich sterbe, bekommst du deinen Witwenanteil. Davon
kannst du für ihn sorgen. Bis dahin komme ich für seine Erziehung
auf.«
Tatjana senkte den Kopf. Das Thema wurde nicht wieder berührt.
Ein halbes Jahr danach nahm Alexander wieder die eheliche Beziehung
zu seiner Frau auf. 1803 wurde eine Tochter, Olga, geboren.
1812
Welch eine turbulente Zeit war das, diese
Tage zwischen Krieg und Frieden. Wer hätte gedacht, daß aus dem
Feuer der Französischen Revolution – dem Feuer von Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit – dieser Eroberer hervorgehen würde, der
die ganze Welt zum Erzittern brachte? Napoleon: Held für die einen,
Ungeheuer für die anderen. Wahrscheinlich gedachte er, wie Julius
Caesar oder Tschingis Khan, die Welt zu regieren. Zar Alexander
hatte wohl versucht, Rußland vor den Schrecken der europäischen
Kriege zu bewahren. Doch es hatte den Anschein, als bereiteten sich
im Frühjahr 1812 Napoleon und seine gewaltige Armee auf eine
Invasion vor. Ganz Rußland zitterte. Die orthodoxe Kirche erklärte
Napoleon zum Antichrist. Der Zar rief das Land zu den Waffen. Es
war ein kalter, trüber Tag kurz vor Frühlingsanfang. Die Erde war
noch von Schnee bedeckt. Die Familie Bobrov saß im Wohnzimmer ihres
Landhauses und wartete auf Nachrichten. Es war ein typisches
Landhaus: eine zweistöckige, etwa vierundzwanzig Meter lange
Holzkonstruktion mit grüngestrichenen Wänden und weiß abgesetzten
Fenstern. Von dem oben an einem bewaldeten Abhang liegenden Haus
war der Blick auf das Dorf nicht möglich. Bäume verstellten die
Sicht. Hinter dem Haus befanden sich einige Nebengebäude. Etwas zur
Linken lag eine Holzhütte, das Eishaus, wo das Eis des im Winter
zugefrorenen Flusses für die warmen Sommermonate gelagert wurde.
Zur Rechten des Haupthauses war das Badehaus.
Landhäuser waren in Rußland noch weitgehend unbekannt. Das
ritterliche Landgut und das Schloß des Magnaten, wie sie in England
oder Frankreich die Regel waren, gab es selbst in Polen, doch im
alten Moskauer Reich kannte man sie nicht. Erst nach der
Regierungszeit Peters des Großen begannen die Landbesitzer
allmählich wie europäische Edelleute zu leben. Nur mit einer Sache
waren die Bobrovs unzufrieden: mit dem Namen ihres Dorfes –
Sumpfloch. Solange sie in Russka gelebt hatten, hatte es ihnen
nichts ausgemacht. Doch jetzt lebten sie auf dem Gut, und Alexander
fand den Namen peinlich. Er hatte verschiedene Namen in Erwägung
gezogen, bis er sich für einen entschied, den er von seinem
Familiennamen ableitete: Bobrovo. Das blieb von nun an die
offizielle Bezeichnung des Dorfes und des Gutes.
In dem Gebiet um Moskau wurden eilig neue Regimenter
zusammengestellt. Am Tag zuvor hatte Bobrov einen persönlichen
Brief des Militärgouverneurs von Vladimir mit der Bitte erhalten,
weitere Leibeigene als Rekruten zur Verfügung zu stellen. Die
Bauern des Dorfes hatten am Morgen das Los gezogen, und bald würde
Alexander erfahren, wer ausgelost worden war. Sein zweiter Sohn,
Alexej, diente mit erst neunzehn Jahren als stolzer
Infanterieoffizier. »Ich fürchte weniger Napoleons Truppen«, sagte
Alexander zu Tatjana, »als unsere eigenen Leute.« Die Leibeigenen.
In Berichten über Napoleons große Invasion in Rußland wird häufig
übersehen, daß in den Monaten davor viele russische Grundbesitzer
eine innere Revolution mehr fürchteten als den Eindringling. In
ganz Europa hatte der französische Kaiser auf seinem Eroberungszug
verkündet, er befreie im Namen der Revolution die Menschen von
ihren Beherrschern; für viele war er ein Held. In Wirklichkeit aber
waren von der riesigen Streitmacht, die mit ihm im Jahre 1812 nach
Rußland einmarschierte – die legendäre grande armée –,
weniger als die Hälfte echte Franzosen. Von allen europäischen
Kontingenten kämpfte niemand verbissener als jene aus den
benachbarten polnischen Territorien, die seinerzeit bei der
Aufteilung des unglücklichen Polen von Österreich und Preußen
vereinnahmt wurden und die Napoleon tatsächlich befreite. Kein
Wunder also, wenn russische Führer fürchteten, daß die von ihnen
unterjochten Polen und die unterdrückten russischen Leibeigenen
sich erheben könnten, in Sympathie mit dieser Befreiungsarmee.
Während die Welt draußen voller Gefahren war, herrschte im
Wohnzimmer, in dem die Bobrovs beieinander saßen, ein stiller
Frieden. Alexander und Tatjana saßen auf Lehnstühlen. Sie hielt
eine Stickerei in der Hand. Neben dem Feuer saß, in einem Buche
lesend, ihr ältester Sohn, der zweiundzwanzigjährige Ilja. Er hatte
das runde Gesicht und das helle Haar seiner Mutter. Alexanders
Meinung nach hätte der junge Mann, genau wie sein Bruder, als
Soldat kämpfen sollen. Tatjana hatte ihn jedoch immer im Hause
behalten unter dem Vorwand, er sei zu zart. Doch zart und
zerbrechlich war er nur als Baby gewesen.
»Ich finde ihn gar nicht zart«, brummte Alexander, »er ist
dick und faul.«
Dann gab's noch den kleinen Sergej. Alexanders Gesicht hellte
sich auf, wenn er den Zehnjährigen ansah. Welch ein strahlender
kleiner Kerl er doch war mit seinem schwarzen Haar, den lachenden
braunen Augen und seiner fröhlichen Art. Er saß mit seiner
Schwester Olga am Fenster und zeichnete lustige Bilder, um sie zum
Lachen zu bringen. Die beiden waren unzertrennlich. Schließlich war
da noch eine plumpe Bauersfrau Anfang Vierzig – Arina, die
Kinderfrau. Soeben hatte sie ihnen aus ihrem unerschöpflichen
Märchenschatz erzählt. Auf ihrem Schoß saß ein einjähriges Mädchen,
Arinas verwaiste Nichte, die ebenfalls Arina hieß. Die Bobrovs
hatten erlaubt, daß sie mit im Haus lebt. Es war eine heimelige
Szene. Auf einem Tisch inmitten des Zimmers befanden sich
geflochtene Körbe mit pirozki aus Reis und Ei, außerdem
anderes Gebäck; auf einer Platte dufteten Zimthörnchen und daneben
ein Apfelkuchen. Auf einem Beistelltisch blubberte der
unverzichtbare Samovar vor sich hin. Alexander hatte ihn in Moskau
gekauft und war sehr stolz darauf. Der Apparat war etwa sechzig
Zentimeter hoch, aus Silber und wie eine griechische Vase geformt.
Das Wasser darin wurde durch glühende Holzkohle immer auf dem
Siedepunkt gehalten.
Plötzlich stand Sergej, der aus dem Fenster gesehen hatte, auf
und sagte: »Schau, Papa! Besuch.« Es waren Ivan und Sawa Suvorin,
die da kamen. Sawa war mit zwanzig Jahren genauso groß wie sein
Vater, und nun gab es zwei Riesen im Ort. Beide Suvorins trugen
immer Lederstiefel, im Gegensatz zu den meisten russischen Bauern,
die Filz- oder Bastschuhe anhatten. Wie mit dem auffallend großen
Hut, den jeder Suvorin trug, demonstrierten sie damit ihren
Wohlstand. Am Gürtel des Älteren hing ein Geldbeutel. Ivan Suvorin
machte aus der Tatsache, daß er Geld hatte, keinen Hehl. Daß die
gleiche Anzahl Münzen in die Kleidung des Sohnes eingenäht war,
wußte allerdings niemand. »Gott weiß, ob wir sie nicht brauchen«,
meinte Ivan. »Bei diesem habgierigen Wolf kann man nie wissen.« Der
reiche Leibeigene war auf dem Weg zu seinem Herrn Bobrov, und das
Geld sollte das Leben seines Sohnes retten. Schweigend gingen die
beiden den Hang zum Haus hinauf.
Alexander Bobrov war glücklich: Das Schicksal hatte sich wohl
endlich entschlossen, ihm gnädig zu sein. Als er die beiden
Suvorins in seinem Arbeitszimmer vor sich stehen sah, hatte er
Mühe, ein Schmunzeln zurückzuhalten. Der Besuch konnte nur eines
bedeuten: Geld. Die Frage war nur: Wieviel?
Bobrov war nicht habgierig. Obwohl er früher einmal von
Reichtümern geträumt hatte, war ihm das Geldscheffeln immer zuwider
gewesen. Doch er hatte Kinder, die versorgt werden mußten, und so
war er einträglichen Geschäften nicht abgeneigt. »Dein Sohn,
Suvorin, will also nicht Soldat werden?« fragte er aufgeräumt. Er
wandte sich an Sawa: »Danach würdest du aber frei sein, das weißt
du«, fügte er hinzu.
Seit der Zeit Peters des Großen, als ein bestimmter
Prozentsatz der männlichen Bevölkerung Rußlands wehrpflichtig war,
gab es ein Gesetz, das Leibeigene, die den Militärdienst geleistet
hatten, befreite. Doch was half das, wenn diese fünfundzwanzig
Pflichtjahre Wehrdienst einem Todesurteil gleichkamen? Es gab Fälle
von Selbstverstümmelung, um diesem Schicksal zu entgehen. Der junge
Sawa hatte das unselige Los gezogen – zu Alexander Bobrovs großem
Glück.
Obwohl die Suvorins Eigentum Bobrovs waren, hatten sie Geld.
Ihre Leistungen in den vergangenen zehn Jahren waren beachtlich
gewesen. Sie hatten nicht nur große Mengen Seidenband produziert,
sondern befehligten einen Stab anderer Leibeigener, die das Tuch
aus der Weberei auf dem Markt von Vladimir verkauften. Der reiche
Leibeigene war für Alexander von Nutzen. Während die Leibeigenen
auf dem Besitz in Rjazan ihre Abgaben immer noch mit der
barschtschina, der Drei-Tage-Arbeit, beglichen, ließ er sich
von den Leibeigenen in Bobrovo den obrok in bar bezahlen,
und die Höhe des obrok wurde nach Belieben vom Grundbesitzer
festgesetzt. In den letzten drei Jahren hatte Alexander den
obrok Suvorins zweimal erhöht; beide Male hatte der Bursche
murrend bezahlt. Bobrov lehnte sich auf dem Stuhl zurück: »Was also
kann ich für euch tun?«
Suvorin verneigte sich tief und verkündete: »Ich komme, weil
ich einen Leibeigenen kaufen möchte, Alexander Prokofievitsch.«
Bobrov lächelte. Ja, er hatte Leibeigene zu verkaufen. Um die
Jahrhundertwende hatte die rechtliche Stellung der russischen
Bauern ihren tiefsten Punkt erreicht. Die Bauern waren im Grunde
Sklaven, gleichgültig, ob Leibeigene als Eigentum eines
Grundbesitzers oder an staatliche Ländereien gebundene
Staatsbauern, ob wohlhabend wie die Suvorins oder am Rande des
Verhungerns. Ein Leibeigener hatte so gut wie keine Rechte.
Leibeigene konnten zu jener Zeit gekauft und verkauft werden wie
totes Eigentum. Ein hübsches Mädchen oder ein Mann mit besonderen
Fähigkeiten konnten einen hohen Preis erzielen. Natürlich war das
im Grunde eine unhaltbare Situation. In seiner radikalen Zeit in
den Salons von St. Petersburg während der Regierung Katharinas
hätte Alexander das auch bereitwillig eingeräumt. Doch heute sah er
die Sache anders, auch wenn allgemein bekannt war, daß der Zar die
Praxis der Leibeigenschaft als widerwärtig bezeichnete. Doch selbst
der Zar konnte die Leibeigenschaft nicht abschaffen: Der Adel
widersetzte sich.
Bei all diesem furchtbaren Seelenhandel war der Verkauf von
Männern als Rekruten das üblichste. Normalerweise wurden diese
nicht von Landbesitzern, sondern von anderen Leibeigenen erworben.
Ein reicher Leibeigener wie Suvorin ließ demnach seinen eigenen
Sohn nicht in den Krieg ziehen; er ging zum Landbesitzer und kaufte
einen anderen Burschen, der den Militärdienst anstelle seines
Sohnes leistete.
Jetzt ging es nur noch um den Preis. Bobrov überlegte lange,
während die Suvorins warteten.
Zufällig trat in diesem Augenblick Tatjana mit dem jungen
Sergej ins Zimmer. Die Frau des Grundbesitzers hatte den Betrieb
lange genug geführt, um zu ahnen, was die Suvorins hergeführt haben
mochte. Sie hatte die beiden finsteren Burschen immer gern gehabt.
Fragend blickte sie ihren Mann an. Sergej lächelte den beiden
zu.
Konnte es sein, daß ihr Erscheinen Bobrov veranlaßt hatte, den
Preis zu ändern? War es die plötzliche Erinnerung an seine
Demütigung bei Sergejs Geburt? War es ein Gefühl von Versagen, weil
seine Frau während seines Gefängnisaufenthaltes die Geschäfte so
erfolgreich geleitet hatte? Was auch der Grund sein mochte – statt
der fünfhundert Rubel, die Bobrov ursprünglich verlangen wollte,
erklärte er jetzt ruhig: »Ich verlange eintausend Rubel.« Die
beiden Leibeigenen hielten den Atem an. Das war ein ungeheuerlicher
Betrag. Der höchste Preis, den selbst die geldgierigsten
Landbesitzer bisher für einen Ersatzmann verlangt hatten, waren
etwa sechshundert Rubel gewesen.
Die Suvorins sahen einander an. Sie hatten achthundert Rubel
dabei. Die fehlenden zweihundert mußten sie unter den
Dielenbrettern hervorholen.
Mehr besaßen sie nicht. »Ich könnte eine solche Summe erst
morgen vorbeibringen, Alexander Prokofievitsch«, sagte Suvorin
verdrossen. »Also gut, ich lasse einen Leibeigenen von Rjazan
kommen, der Sawas Platz einnehmen soll.« Alexander hatte ein
plötzliches Glücksgefühl. Es war nicht einfach, den Besitz besser
zu führen als seine Frau, aber er hatte entdeckt, daß das Ausnehmen
der reicheren Leibeigenen eine Möglichkeit war.
Sawa blickte die Bobrovs an. Gegen Tatjana hatte er nichts. Er
sah an ihrem unbeteiligten Gesichtsausdruck, daß sie mit der hohen
Forderung nichts zu tun hatte. Die übrigen aber, Vater und Söhne,
verachtete er zutiefst. Sawa wußte, daß diese Bobrovs seine Feinde
waren. Und wie er sie so vor sich hatte, traf er eine
unwiderrufliche Entscheidung. Er würde sich ihrer entledigen.
Vielleicht würde ihn das viele Jahre kosten; er mußte schlau und
stark sein, aber er besaß Stärke und Ausdauer. Herr gegen Knecht:
Es würde ein Duell sein, vielleicht auf Leben und Tod.
Es war im Oktober des Jahres 1812. Unter
einem schwermütigen, bleigrauen Himmel zogen zuerst Flüchtlinge
dahin, dann folgten die Truppen.
Die Russen hatten ihr Vaterland verteidigt. Die Leibeigenen
hatten sich loyal verhalten. Zuerst kam die Nachricht von der
heftigen, doch ergebnislosen Schlacht von Borodino; bald darauf
hieß es, Napoleon sei in Moskau einmarschiert. Und dann kam die
Feuersbrunst. Ein Turm aus Feuer und Rauch ragte wie ein
riesengroßer Pfeiler in den Septemberhimmel zum Zeichen dafür, daß
Moskau niedergebrannt und der mächtige Eroberer damit seiner
Trophäe beraubt wurde.
Auch Russka war Zeuge der Geschichte. Truppen zogen vorbei,
als die russische Armee sich darauf vorbereitete, den Feind an der
weiten Krümmung der Oka zu beschatten. Einige Tage davor war es ein
ganzes Infanterieregiment gewesen, Soldaten in ihren grünen Jacken
und weißen Hosen, dann Kavallerie. An einem Oktobermorgen um diese
Zeit saßen Sergej und seine Schwester Olga mit der Kinderfrau Arina
und ihrer kleinen Nichte am Feuer im Kinderzimmer. Jeden Tag hatte
es neue Nachrichten und neue Gerüchte gegeben. Napoleon war immer
noch in dem ausgebrannten Moskau eingeschlossen. Würde er sich nach
St. Petersburg wenden, wo der Zar die Zufahrtsstraßen befestigen
ließ, oder würde er einen Rückzug nach Smolensk versuchen? Falls er
das tun sollte, erwarteten ihn der bärbeißige Veteran General
Kutusov und die Kerntruppe der russischen Armee. Oder versuchte
Napoleon in Moskau zu überwintern?
Während der vergangenen Tage war alles ruhig geblieben. Es
kamen keine Truppen vorbei. Russka war so still wie eh und je.
»Wenn Napoleon kommt, dann kämpfen wir alle, nicht wahr?« fragte
Sergej erregt.
Das brachte Alexander Bobrov zum Lachen. »Aber natürlich,
Serjoscha«, war die liebevolle Antwort.
Sergej hatte eine leidenschaftliche Natur. Er liebte seine
Familie innig, besonders seine Mutter, die mit ihren zweiundvierzig
Jahren zu einer klassischen, eher germanischen Schönheit geworden
war. Sie war anders als alle Frauen, die der Junge bisher gesehen
hatte, und sie behandelte ihn mit besonderer Sanftheit, was ihn mit
Stolz erfüllte. Dann gab es noch den eisernen Alexej, der ständig
im Krieg war. Sergej hatte ein bißchen Angst vor ihm, weil er
ziemlich kühl und hochnäsig sein konnte. Aber er war schließlich
ein Offizier, ein Held. Ilja saß zu Hause. Manche Leute lachten
über den ältesten Bruder, weil er dick war und nichts tat. Sergej
dagegen sagte voller Bewunderung: »Er hat so viel gelesen; er weiß
einfach alles.« Und da war noch sein Vater. Sergej bewunderte ihn.
Er sah in ihm einen Adligen vom Scheitel bis zur Sohle und einen
Mann von Welt In Uniform würde er bestimmt fabelhaft aussehen, wie
Alexej. Obendrein war er so gebildet wie Ilja. Für seine
Überzeugung hatte er sogar im Gefängnis gesessen. Welch ein Glück,
einen solchen Vater zu haben!
Das waren Sergejs Helden. Da gab es noch seine Spielkameraden:
Olga, das kleine Mädchen mit dem langen dunkelbraunen Haar und den
blitzenden Augen. Er nannte sie »die Kleine«, weil sie ein Jahr
jünger war als er und er sich als ihr Beschützer fühlte. Jeder von
ihnen beiden wußte immer, was der andere dachte. Welch ein Glück,
zu einer solchen Familie zu gehören! Sergej und Olga saßen zu
beiden Seiten Arinas. Wie üblich, hatte sie ihnen eine Geschichte
erzählt. Ihr liebes, glänzendes rundes Gesicht hatte etwas sehr
Tröstliches. Ihr Haar wurde grau, und sie hatte im vergangenen
Sommer einen Schneidezahn verloren, trotzdem blieb sie
dieselbe.
Sie wollte soeben eine neue Erzählung beginnen, als es unten
im Haus plötzlich unruhig wurde und die Stimme der Mutter rief:
»Alexej!«
Der Bruder sah großartig aus in seinem pelzgefütterten Mantel.
In dem dämmrigen Licht der Diele wirkte er mit seinem dunklen,
nachdenklichen Gesicht und den tiefliegenden blauen Augen wie ein
Krieger aus einer anderen Zeit.
Alexej lächelte Sergej zu. »Hier«, rief er und holte zu
Sergejs Überraschung eine Musketenkugel hervor. »Das ist ein
französisches Geschoß. Hat mich knapp verfehlt und schlug in meinen
Verpflegungswagen ein.« Sergej nahm sie begeistert. »Hast du
Napoleon gesehen?« rief er. »Ja.« Alexej grinste. »Er ist fast
genauso fett wie Ilja.« Bald darauf saßen sie um den Eßtisch und
lauschten den Neuigkeiten. Nach der Schlacht von Borodino hatte der
alte General Kutusov Alexej tatsächlich persönlich belobigt. Nach
dem Fall Moskaus wurde er mit Spezialeinsätzen gegen Frankreich
beauftragt.
Aber die aufregendste Nachricht kam erst jetzt. »Napoleon
verläßt Moskau. Die Franzosen wollen nach Hause.« Alexej nickte
nachdenklich. »Aber es ist zu spät. Napoleons Vorräte sind
zusammengeschrumpft. Wahrscheinlich denkt er, daß er die Grenze
erreicht, ehe der Schnee kommt. Aber selbst wenn es so ist, hat er
etwas vergessen: den russischen Morast. Sie werden darin versinken.
Unsere Kosaken machen jedes Einsatzkommando nieder, das auf der
Suche nach Verpflegung ist. Der Winter holt Napoleon ein, bevor er
Smolensk erreicht.«
»Werden wir noch einmal angreifen?« fragte Tatjana beunruhigt.
»Ja, wahrscheinlich. Wenn es aber noch einmal eine so große
Schlacht wie die von Borodino gibt, machen wir ihn fertig.« Alexej
konnte nicht über Nacht bleiben. Die Familie stand dabei, als er
und sein Vater einander zum Abschied umarmten. Dann war er
fort.
Drei Wochen vergingen. Es hatte den ersten Schnee gegeben, und
Napoleons aufgeriebene Armee war bis auf einen versprengten Haufen
zusammengeschmolzen. Gefallene wurden zurückgelassen.
Zu dieser Zeit bekamen die Bobrovs unerwarteten Besuch. Es war
der junge Sawa Suvorin.
Alexander Bobrov mochte die Suvorins nicht. Vielleicht hatte
er auch ein schlechtes Gewissen wegen seiner übertrieben hohen
Geldforderung im Fall des ausgetauschten Rekruten. Sein Gefühl
sagte ihm, daß sie ihn weder fürchteten noch achteten. Nun stand
dieser zwanzig Jahre alte Leibeigene mit seinem seltsam würdevollen
Gebaren vor Bobrov und brachte ruhig seine höchst ungewöhnliche
Bitte vor: »Ich erbitte einen Paß, Herr, um Moskau zu
besuchen.«
Als Leibeigener durfte Sawa ohne einen Paß seines Herrn
nirgendwohin reisen. Das war an sich keine bedeutungsvolle Sache,
doch Bobrov blickte ihn argwöhnisch an. »Warum, zum Teufel? Die
ganze Stadt wurde doch niedergebrannt!«
»Genau das, Herr. Also ist das Wichtigste für die Leute dort
warme Kleidung. Gerade jetzt könnten wir für unser Tuch einen guten
Preis bekommen.«
»Das wäre ja Wucher.«
»Das ist Geschäft, Herr«, war die gelassene Antwort des
Leibeigenen. »Nein, ich will das nicht«, schnappte Alexander
zurück. »Das ist unpatriotisch.« Und schon war der Leibeigene durch
einen Wink hinausgewiesen.
Hinterher überlegte Alexander oft, warum Tatjana sich an jenem
Abend in diese unwichtige Angelegenheit eingemischt hatte.
Vielleicht tat Sawa ihr einfach leid. Sobald er ihr nämlich davon
berichtet hatte, bat sie ihn, die Sache doch noch einmal zu
überdenken. Schließlich hatte er nachgegeben und einen Paß
unterzeichnet.
1817
Es war ein kühner Plan, den Sergej Bobrov
ausgeheckt hatte, doch mit einer genauen Zeiteinteilung müßte es
gutgehen. Zwei Freunde sollten bestätigen, daß er sich im Hause
befinde, ein dritter würde seinen Namen in die Anwesenheitsliste
eintragen. Er hatte sich durch Bestechung eines Schulangestellten
Pferde für den Hin- und Rückweg gesichert.
Die Schule in Zarskoje Sjelo bei St. Petersburg, in der
Sommerresidenz des Zaren, war streng und elitär. Die Schüler hatten
die persönliche Erlaubnis des Zaren zur Benutzung seiner
Privatbibliothek. Alexander hatte allerlei Beziehungen spielen
lassen müssen, damit Sergej aufgenommen worden war.
Die unerlaubte Fahrt würde nicht einfach werden. Es war April,
und die Schneeschmelze hatte die Straßen in Morast verwandelt. Und
wenn man ihn erwischte…
Sergej holte unter dem Bett die Schachtel mit seinen
persönlichen Papieren hervor. Darin befand sich auch ein Brief
seiner kleinen Schwester, den man drei Tage zuvor
hereingeschmuggelt hatte.
Lieber Serjoscha,
ich bin sehr unglücklich. Ich wünschte,
ich könnte Dich
sehen.
Olga.
sehen.
Olga.
Lächelnd las er ihn noch einmal. Das Leben an
der angesehenen Smolny-Schule für Mädchen in St. Petersburg konnte
mitunter hart sein. Es wunderte ihn nicht, daß seine lebhafte
Schwester das erste Jahr dort gräßlich fand. Und obwohl das Risiko
groß war, hatte er sich nach dem Empfang des Briefes nur eine Frage
gestellt: Was würde Puschkin in diesem Fall tun? Puschkin war sein
Idol. Sergej Bobrov fühlte sich wohl in Zarskoje Sjelo. Er faßte
rasch auf, war intelligent und begabt. Er zeichnete gut, und seine
Verse in Französisch oder Russisch waren besser als die seiner
Klassenkameraden. Wenn ich es nur so gut könnte wie Puschkin, war
sein heimlicher Wunsch. Puschkin, der schon als Junge kühne Verse
verfaßte, der Karikaturen zeichnen konnte. Puschkin mit seiner
gelockten Haarmähne, seinen sanften, dabei strahlenden Augen,
seinen schwankenden Stimmungen. Er brachte sich oft in heikle
Situationen und war ständig hinter den Frauen her. Es war sein
letztes Jahr an dieser Schule.
Ebendieser Puschkin hatte Sergej in ernsthafte Schwierigkeiten
gebracht. Es hatte mit einer Karikatur begonnen, die zwar
skandalös, dabei jedoch komisch war; Puschkin hatte sie nach der
endgültigen Niederlage Napoleons gezeichnet. Sie zeigte den
engelgleichen Zaren Alexander auf seiner triumphalen Heimkehr;
allerdings war er im Westen so dick geworden, daß die Triumphbögen
eilends für ihn erweitert werden mußten. Einige Monate später
wollte Sergej es seinem Idol nachtun. Seine Zielscheibe war jedoch
der neue, außerordentlich fromme Erziehungsminister, einer aus der
noblen Familie Golicyn. Die Karikatur zeigte den Minister, der die
Mädchen an der Smolny-Schule im Hinblick auf ihre Moral aufs
genaueste überprüfte. Obwohl nur wenige Angehörige des Lehrkörpers
Sympathie für den autoritären Minister an den Tag legten, erhielt
Sergej doch eine strenge Rüge für seine empörende Handlung: »Noch
so etwas, Bobrov, und du wirst der Schule verwiesen.« Welche
Probleme Sergej auch zu erwarten hatte, er würde seine Schwester
nicht im Stich lassen.
Es war noch dunkel, als Sergej sich frühmorgens aus dem Haus
schlich. Ein Diener erwartete ihn mit einem Pferd eine halbe Meile
von der Schule entfernt, und bald trabte er die leere Straße nach
St. Petersburg entlang. Ein Stück weiter ging das Land in eine
trostlose braune Öde über, die von grauen Scharten ungeschmolzenen
Schnees durchzogen wurde. Die eisige Luft brannte auf der Haut.
Einen Tag zuvor hatte er Olga eine Nachricht zukommen lassen, wo
sie ihn erwarten solle. Er konnte ihr blasses Gesicht und ihre
strahlenden Augen vor sich sehen und ihre Stimme hören: Ich wußte,
du würdest kommen. Er freute sich, daß er eine so schöne Schwester
hatte.
Und welch ein Glück war es, als Russe in einer solchen Zeit zu
leben! Wohl nie zuvor war die Welt so aufregend gewesen. Die große
Bedrohung durch Napoleon war endlich, 1815, mit der Schlacht von
Waterloo abgewendet worden. Nun hatten die Engländer den Mann, der
Europa in seine Hand hatte bringen wollen, auf die Insel Helena
verbannt, von der es kein Entkommen gab. Rußland war inzwischen
stärker geworden als je zuvor in seiner Geschichte. Im Südosten, im
Kaukasus, war das alte Königreich Georgien endlich dem russischen
Reich einverleibt worden. Finnland im Norden war ebenfalls vom
Zaren genommen worden. Jenseits des Meeres besaß Rußland nicht nur
Alaska, sondern es hatte auch eine Festung in Kalifornien
errichtet. Und als größte Trophäe hatte Rußland vom Wiener Kongreß,
wo die vereinten Mächte eine Neugestaltung der europäischen
Landkarte vornahmen, nahezu das gesamte, ehemals rivalisierende
Polen zugesprochen bekommen. Rußland nahm einen neuen Platz in der
Welt ein. Der Kongreß war vom russischen Zaren geleitet worden.
Rußland hatte seine eigene, seine Sonderaufgabe proklamiert.
»Machen wir diesen furchtbaren Kriegen und blutigen
Revolutionen ein Ende«, hatte der Zar erklärt. »Die europäischen
Mächte sollen sich in einer neuen, universellen Bruderschaft, die
allein auf christliche Nächstenliebe gegründet ist,
zusammenfinden.« Dies war die berühmte Heilige Allianz. Zugegeben:
Derlei großartige Ideen hatte es schon vorher, in den Tagen des
Römischen Reiches oder der mittelalterlichen Kirche gegeben, doch
die Heilige Allianz mit ihrer mystischen Sprache war etwas zutiefst
Russisches. Und als die hinterhältigen westlichen Diplomaten sie
mit zynischem Lächeln unterzeichneten und die pragmatischen Briten
ihre Unterschrift sogar verweigerten, wußte jeder Russe, daß der
Westen korrupt war.
St. Petersburg kam in Sergejs Blickfeld. Die
SmolnyKlosterschule lag etwa drei Meilen östlich vom Winterpalais,
am Ende des Nevabeckens, wo der Fluß eine Biegung nach Süden
machte. Da Sergej Zeit hatte, nahm er einen angenehmen Weg am Ufer
entlang, neben dem rosa Granit der Kais, an der großen Statue des
Bronzenen Reiters, der alten Admiralität und dem Palais vorbei.
Sergej tat einen glücklichen Atemzug. Es war schön, in Petersburg
zu sein.
Bald erreichte er die lange, geschlossene Mauer des
SmolnyKlosters. Er hatte Olga genaue Anweisungen gegeben. Puschkin
hatte ihm von dem kleinen Fenster berichtet, durch das man
unbemerkt einsteigen konnte. Es lag etwa drei Meter hoch. Nachdem
Sergej eine Stunde dort gewartet hatte, öffnete sich das
Fensterchen endlich.
Olga würde vor zwei Stunden nicht vermißt werden. Sie saßen
nebeneinander in dem kleinen, weißgetünchten Raum; er hatte ihr den
Arm um die Schultern gelegt, und sie ließ ihren Kopf an seiner
Brust ruhen, während sie leise miteinander sprachen. Er liebte sie.
Von den übrigen Bobrovs war sie Alexej am ähnlichsten. Sie war
schlank, doch keineswegs schwächlich mit ihren langen Gliedmaßen
und den schmalen Händen. Ihre tiefblauen Augen blickten mitunter
leicht verwundert in die Welt, aber sie konnten plötzlich strahlend
und fröhlich sein. Olga war nicht glücklich, und das war kein
Wunder. Die Erziehung in der Smolny-Schule war außergewöhnlich.
Neben den typischen Fächern für junge Damen, wie Sticken, Tanzen
und Kochen, lernten sie Sprachen, Geographie, Mathematik und Physik
– eine fortschrittliche Erziehung, die selbst Besucher aus Amerika
erstaunte. Doch die Disziplin war streng. »Wir singen vor jeder
Mahlzeit Psalmen«, berichtete Olga betrübt. Dann fuhr sie
kopfschüttelnd fort: »Es ist wie im Gefängnis.« Vom Herbst bis zum
Frühlingsende, wenn das Schuljahr vorüber war, wurden die Mädchen
in Smolny praktisch im Klosterbereich eingesperrt.
Sergej umfaßte sie sanft, ihr langes braunes Haar fiel über
seinen Arm. Er ließ sie fast eine Stunde lang sprechen, bis sie
allmählich heiterer wurde und schließlich sogar lachte. Dann
schmiegte sie sich an ihn und murmelte: »Genug von meinem
langweiligen Leben, Serjoscha. Erzähle mir, was draußen vorgeht.«
Es machte ihn stolz, daß sie zu ihm aufblickte. Er steckte voller
Ideen, und so dauerte es nicht lange, bis er ihr ein
hoffnungsvolles Zukunftsbild entwarf.
»Der Zar wird ein neues Rußland schaffen«, erklärte er ihr.
»Mit der Leibeigenschaft geht es zu Ende. Es wird eine neue
Verfassung geben. Denke nur, was er schon in den baltischen Staaten
und in Polen geschaffen hat. Das ist die Zukunft.« Zar Alexander
hatte in Litauen und den übrigen baltischen Gebieten nicht nur die
Leibeigenschaft aufgehoben, sondern auch dem neu hinzugekommenen
Königreich Polen eine sehr liberale Verfassung zugebilligt, daneben
ein gewähltes Repräsentantenhaus und Wahlrecht für große Teile der
Bevölkerung. Die Zensur war nahezu abgeschafft.
»Und das ist erst der Anfang«, versicherte Sergej seiner
Schwester. »Wenn Rußland eine neue Verfassung bekommt, sind wir
genau wie England oder sogar wie Amerika!«
Der aufgeklärte Zar Alexander hatte tatsächlich den Rat
englischer Diplomaten wie auch des Präsidenten der Vereinigten
Staaten, Jefferson, für eine neue Regierungsbildung eingeholt.
Jahre davor hatte sein begabter Minister Speranskij einen Vorschlag
unterbreitet, der Gewaltenteilung, ein gewähltes Parlament – eine
duma – und sogar gewählte Richter vorsah. Zu diesem
Zeitpunkt war auch ein offizielles Gremium mit der Ausarbeitung
eines Plans beschäftigt, nach dem Rußland in zwölf Provinzen mit
jeweils umfassender Autonomie aufgeteilt werden sollte.
»Und welche Rolle wirst du in diesem wundervollen neuen
Rußland spielen, Serjoscha?« fragte Olga.
»Ich werde ein großer Schriftsteller«, behauptete er kühn.
»Wie dein Freund Puschkin?«
»Ich hoffe es. Weißt du eigentlich, daß es bis zur Zeit
Katharinas kaum russische Literatur gab? Leute wie wir schrieben
Dichtung oder Schauspiele auf französisch. Niemand verfaßte etwas
Lesenswertes in modernem Russisch, bis Lomonossov kam, als unser
Vater noch jung war, und der Poet Derzavin, der noch lebt. Du
siehst also, daß wir am Anfang stehen«, rief er glücklich. »Du
solltest einmal Puschkins Verse hören. Sie sind außerordentlich!«
Olga lächelte. Sie freute sich über die Begeisterung ihres Bruders.
»Du mußt fest daran arbeiten, Serjoscha«, meinte sie nachdenklich.
»Natürlich.« Er schmunzelte. »Und was hast du vor, wenn du aus
diesem Klostergefängnis herauskommst?« fragte er munter. »Ich
heirate natürlich.«
»Und wen?«
»Einen attraktiven Gardeoffizier.«
Zu seiner Überraschung fühlte Sergej sich traurig bei diesem
Gedanken. Hätte er doch dieser Mann sein können! Er mußte sich
wieder auf den Heimweg machen. Es war bereits Nachmittag, als er
das Pferd zurückbrachte und die letzte halbe Meile durch den kalten
Morast zu Fuß bis zur Schule ging. Es war niemand zu sehen.
Heimlich schlich er sich in sein Zimmer, wo seine Freunde ihn
erwarten sollten. Er öffnete die Tür und blieb wie angewurzelt
stehen.
Der hohe Raum war leer bis auf eine schmale Gestalt in Uniform
und Reitstiefeln, die im grauen Licht stand, das durchs Fenster
hereinfiel. »Alexej! Was machst du denn hier?«
»Wo warst du?« Alexejs Stimme war eiskalt. »Seit zwei Stunden
sucht man dich in der ganzen Schule.«
»Tut mir leid.« Sergej ließ den Kopf hängen. »Das hilft
nichts«, erwiderte Alexej zornig. »Ich wollte dich besuchen, weil
ich geschäftlich hier zu tun hatte. Während ich auf dich wartete,
habe ich allerhand über dich erfahren. Du hast Karikaturen vom
Minister gezeichnet, und möglicherweise wirst du von der Schule
gewiesen. Ich nehme an, du weißt das.«
»Ja.«
»Ich habe sie überredet, dich hierzubehalten. Man sollte dich
durchprügeln. Ich bot ihnen an, das selbst zu übernehmen – für die
Familienehre.«
Was nur veranlaßte Sergej in diesem Augenblick, etwas zu
sagen, was er nicht einmal dachte? Ärgerte ihn Alexejs belehrender
Ton? Oder war es der plötzliche Wunsch zurückzuschlagen, weil der
von ihm geliebte und verehrte Bruder sich gegen ihn wandte? Es
platzte einfach aus ihm heraus: »Zum Teufel mit der Familienehre!«
Alexej blieb der Atem weg. Er hatte nie eine solche Schule besucht;
er war so bald wie möglich zu seinem Regiment gegangen. Dienst für
den Zaren, Familienehre – das waren seine Leitsterne. Er zischte
gehässig: »Das mag ja sein. Aber mir und der übrigen Familie
bedeutet sie sehr viel. Und würdest du dich vielleicht
freundlicherweise daran erinnern, daß du, obwohl du keiner von uns
bist, trotzdem unseren Namen trägst? Wir erwarten, daß du dich
entsprechend benimmst. Verstehst du?«
»Was meinst du – keiner von uns?«
»Ich meine, du kleiner braunäugiger Eindringling, daß du, zur
Schande deiner Eltern, kein Bobrov bist. Da uns Ehre aber etwas
bedeutet, behandeln wir dich so, als seist du einer. Als unsere
Mutter einmal eine Zeitlang einsam war, beging sie in Moskau eine
Unbesonnenheit. Das ist lange her. Es war auch schnell vorüber. Du
gehörst nicht zu uns, aber wir tun so, als wäre es so. Und da wir
dir unseren Namen geliehen haben, wirst du ihn in Ehren
halten.«
Nach einer Weile fuhr er fort: »Wenn du je zu irgend jemandem
ein Wort darüber verlauten läßt, bringe ich dich um.« Nachdem er
seinen Bruder so unbarmherzig verletzt hatte, ging Alexej
davon.
Als Sergej später an diesem Abend seinen Brief nach Hause
schrieb, den er durch einen Tränenschleier hindurch kaum sah, fügte
er hinzu:
Ich bin sehr gern in dieser Schule, meine
lieben Eltern. Heute hat mich Alexej besucht, dem es auch gutgeht,
und auch das machte mich glücklich. Ganz liebe Grüße an Arina und
ihre kleine Nichte.
Er hatte seine Mutter immer für vollkommen
gehalten und auch angenommen, daß sein Vater ihn liebte. Wenn er
gar kein Bobrov, wenn er unerwünscht war – welche Rolle spielte es
dann, was er aus seinem Leben machte?
1822
Tatjana blickte auf dem kleinen Marktplatz
umher. Zum erstenmal nach einer Reihe von trüben Tagen war der
Morgenhimmel klar, und überall in Russka glitzerte der
Januarschnee. Soeben stieg Sawa, der Leibeigene, in seinen
Schlitten. Er wollte nach Moskau zurückfahren. Nun verneigte er
sich tief vor ihr, und sie lächelte ihm zu. Sie hatten ein
Geheimnis miteinander. Wenn Russka auch an diesem Morgen ruhig
dalag, gab es doch viele Anzeichen, daß insgesamt mehr
Geschäftigkeit herrschte als früher. Innerhalb der Stadtmauern gab
es zwei breite Straßen mit Holzhäusern beiderseits des Marktes, die
wiederum von drei weiteren gekreuzt wurden. Hinter der Kirche
verlief nun eine breite Allee bis ins Zentrum, und auf einer Seite
standen drei hübsche Steinhäuser mit klassizistischen Attributen.
Sie gehörten Handelsherren. Am Ende dieser Allee lag ein kleiner
Park; hinter diesem war ein Stück der alten Festungsmauer
abgetragen und eine Promenade angelegt worden, von der aus man
einen hübschen Blick über den Fluß und die umliegende Landschaft
hatte. Außerhalb der Mauern lagen verstreut Hütten und kleinere
Landgüter. Die Bevölkerung zählte etwa tausend Menschen. Russka war
es gelungen, sich einen kleinstädtischen Charakter zu bewahren. Der
gute Sawa – wie nahe waren sie sich in den vergangenen Jahren
gekommen! Tatjana war jetzt manchmal ziemlich einsam. Alexander
kränkelte, und das machte ihn schweigsam. Sergej war im
Außenministerium beschäftigt, was ihn an St. Petersburg und Moskau
band. Olga hatte vor kurzem einen attraktiven jungen Gardeoffizier
mit einem Besitz in der Nähe von Smolensk geheiratet. Auch Alexej
war verheiratet; man hatte ihn ans Schwarze Meer in den bedeutenden
Hafen Odessa versetzt. Im vergangenen Monat war ihm ein Sohn
geboren worden, den er Michail nannte. Nun bleiben also nur noch
Ilja und ich, dachte Tatjana betrübt. Ilja war zwar zu Hause, aber
gewöhnlich war er in seiner friedlichen Art in ein Buch
vertieft.
Sawa und sein Vater führten zwei kleine Fabriken in Russka; in
jeder waren ein Dutzend Leute beschäftigt. In der einen wurde
wollenes Tuch gewebt, in der anderen Leinen. Im vergangenen Jahr
konnte Tatjana ihren Mann überreden, Sawas Vater als Aufseher auf
dem Besitz in Rjazan einzusetzen, mit dem Ergebnis, daß die Erträge
sehr bald erkennbar stiegen. Tatjana fuhr häufig nach Russka,
beobachtete die Betriebsamkeit der Suvorins und sprach mit Sawa
übers Geschäft. Diese Gespräche hatten sie auf eine Idee
gebracht.
Rußland veränderte sich, und die Veränderung fand genau in der
Gegend statt, in der sie lebte. Es hatte in Rußland immer Quellen
für Reichtum gegeben, die auszuschöpfen waren: Salzvorkommen und
Felle in der riesigen Wildnis des Nordens; die fruchtbare schwarze
Erde, der tschernozem der warmen Ukraine; und seit der Zeit
Ivans des Schrecklichen die Bodenschätze des Ural.
Und nun fand hier, im alten russischen Herzland um Moskau, der
größte Aufschwung statt, denn hier war die Wiege der russischen
Produktion: Lederwaren, Metallarbeiten, Ikonenmalerei, Tuch- und
Leinenweberei, Seidendrucke auf Importware und neuerdings
Baumwollerzeugung. Außerdem gab es die alten Eisenhütten bei Tula
und die großen Waffenfabriken in Moskau. Der größte Markt für Eisen
und andere Artikel befand sich nur einige Tagereisen entfernt im
Osten. Vor allem aber entwickelte sich die Provinzhauptstadt
Vladimir mit einem neuen Industrieort namens Ivanovo nördlich davon
zu einem bedeutenden Zentrum der Textilbranche. Gemessen am
westeuropäischen Standard war diese neue industrielle und
kommerzielle Entwicklung noch keineswegs großartig, aber sie war
immerhin ein Anfang.
»Wenn unsere Leibeigenen kleine Fabriken einrichten können,
könnten wir große bauen«, drängte Tatjana ihren Mann, doch Bobrov
zeigte kein Interesse. »Wer soll sie nach meinem Tod weiterführen?«
fragte er. »Alexej? Er ist Soldat. Ilja? Er ist nicht fähig dazu.«
Er schüttelte den Kopf. »Es ist viel einfacher, die Leibeigenen das
machen zu lassen. Wir haben unseren Vorteil, indem wir ihre Gewinne
in Form von obrok-Zählugen einstreichen.«
Tatjana hatte lange Zeit geglaubt, sie kenne Sawa genau; doch
erst ein Jahr zuvor war sie sich der geheimen Leidenschaft bewußt
geworden, die ihn vorwärtstrieb. Es kam heraus, als sie ihn eines
Tages vorsichtig über sein persönliches Leben ausfragte. Die beiden
Suvorins hatten neben ihrem Unternehmergeist eine weitere, höchst
ausgefallene Eigenschaft gemeinsam: Sie lebten beide allein. Sawas
Vater war Witwer, und er, Sawa, war mit dreiunddreißig Jahren immer
noch ledig. Der Priester von Russka hatte oft mit ihm darüber
gesprochen, doch Sawa verhielt sich immer merkwürdig ausweichend.
Erst da bekannte er Tatjana gegenüber: »Ich heirate erst, wenn ich
frei bin.«
»Wen wirst du denn heiraten?« fragte sie.
»Eine Kaufmannstochter«, war seine Antwort. »Aber kein
Kaufmann läßt seine Tochter einen Leibeigenen heiraten, denn dann
wird auch sie eine Leibeigene.«
Das also war es. Er wollte sich freikaufen. Mehrmals hatte er
deswegen schon bei Bobrov vorgesprochen, doch dieser schickte ihn
jedesmal fort.
So entwickelte sie ihren Plan, in Absprache mit Sawa. Zuerst
war Alexander Bobrov verwundert über den Wunsch seiner Frau, Sawa
und seinen Vater gegen Geld freizulassen. »Was bedeutet dir das?«
wollte er wissen. Im Lauf der Wochen und Monate setzte sie ihm
beharrlich zu: »Laß sie gehen, Alexander Prokofievitsch. Du sagst,
du möchtest Geld beiseite legen. Verkaufe ihnen ihre Freiheit, und
du wirst Gewinn damit machen!«
Eine Woche zuvor hatte er ihr, um endlich Frieden zu haben,
müde erklärt: »Nun gut. Wenn sie ihre Freiheit wollen, sollen sie
mir fünfzehntausend Rubel bezahlen – und kein bißchen weniger.« Er
rechnete damit, daß sie diese Summe nie würden aufbringen
können.
Tatjana lächelte nur. »Ich überrede Alexander Prokofievitsch,
euch die Freiheit zu verkaufen, Sawa. Ich leihe dir das Geld, das
euch fehlt. Ein Jahr nachdem ihr eure Freiheit bekommen habt, zahlt
ihr mir das Doppelte von dem zurück, was ich euch geliehen habe.
Einverstanden?« Er verneigte sich tief. »Also gut«, fuhr sie fort.
»Überlaßt alles mir und sprecht zu niemandem darüber.« Obwohl die
von Bobrov verlangte Summe für die Freiheit der Suvorins sehr hoch
war, hatte Tatjana Vertrauen in den Jungen. Er würde eine Zeitlang
brauchen, aber er würde das Geld schon zusammenbekommen. Sie hatte
ihm bereits tausend Rubel geliehen. Heute, an diesem klaren
Januarmorgen, war sie mit weiteren tausend nach Russka gekommen.
»Nimm es mit nach Moskau und verwende es klug«, sagte sie.
Sie wußte nicht, daß Sawa, der den Schlitten bestieg und sich
nochmals verneigte, auch vor ihr ein Geheimnis hatte. Nun hatte er
genügend Geld, um sich bereits Ende dieses Jahres freizukaufen. Das
Duell zwischen Herrn und Knecht war nahezu beendet. Olga blickte
ihren Mann liebevoll an. Sie hatten den Juni gemeinsam auf ihrem
Besitz bei Smolensk verbracht, und es kam ihr so vor, als habe sie
noch nie im Leben solches Glück erfahren. Ein Schimmer lag auf
ihrer Haut, eine Weichheit, wenn sie ihm nahe kam, daß selbst die
Leibeigenen auf dem Gut lächelten und meinten: »Das ist wahre
Liebe!« Lachend reichte sie ihm Sergejs Brief:
Meine liebe kleine Olga,
ohne jeden Zweifel wirst du von Deinem
Gatten auf die altmodische Art regelmäßig gezüchtigt; also berichte
ich Dir zur Aufheiterung einige Neuigkeiten. Ich habe einen
reizenden Freundeskreis gefunden. Wir treffen uns in den Archiven
des Moskauer Außenministeriums und nennen uns »Liebhaber der
Weisheit«. Wir lesen die großen deutschen Philosophen, vor allem
Hegel und Schelling. Und wir diskutieren über den Sinn des Lebens
und den Genius Rußlands. Weißt Du, daß das Universum sich im
Stadium des Entstehens befindet? Jede Idee hat eine
entgegengesetzte. Wenn sie sich verbinden, bringen sie eine neue,
bessere Idee hervor, die wiederum ihr Gegenstück findet, und so
fort, bis das ganze Universum auf diese wunderbare Weise sich der
Vollkommenheit nähert. Mit unserer menschlichen Gesellschaft hier
auf Erden ist es genau das gleiche. Wir alle entwickeln Ideen
innerhalb der großen kosmischen Ordnung. Ist das nicht herrlich?
Ich muß jetzt schließen. Meine Freunde und ich müssen unserer
kosmischen Bestimmung gehorchen und einen trinken gehen. Dann werde
ich mit einer gewissen Dame aus meinem Bekanntenkreis den Kosmos
weiter erforschen. Ach, noch etwas Interessantes: Unser geschätzter
Erziehungsminister hegt der Philosophie gegenüber einen derartigen
Argwohn, daß in St. Petersburg für diese Disziplin kein Lehrstuhl
eingerichtet ist. Ich habe von einem Mann gehört, der heimlich
Philosophievorlesungen in der Abteilung für Botanik hält, ein
anderer auf seinem Lehrstuhl für Agrikultur. Nur in unserem
geliebten Rußland kann die Natur des Universums als eine Art von
Agrikultur betrachtet werden!
Es tut mir schrecklich leid, daß Dein
Gatte ein solcher
Rohling ist. Schreibe mir unverzüglich, ob Du möchtest, daß
ich Dich befreie.
Dein Dich stets liebender Serjoscha.
Rohling ist. Schreibe mir unverzüglich, ob Du möchtest, daß
ich Dich befreie.
Dein Dich stets liebender Serjoscha.
Ein besonders langer Sommer ging zu Ende, die
Sonne gab schon herbstliches Licht. Der leichte Wagen klapperte auf
der staubigen Straße dahin – gemächlich, denn der alte Suvorin war
darauf bedacht, die zahlreichen Fahrrinnen und Schlaglöcher zu
vermeiden. Warum auch hätte er sich beeilen sollen, wenn er Ilja
Bobrov beförderte?
Drei Tage zuvor waren sie in Rjazan aufgebrochen; morgen
würden sie Russka erreichen. »Es hätte schon heute abend sein
können, Herr, wenn Sie morgens früher aus dem Bett kämen«, bemerkte
der graubärtige Knecht. Worauf Ilja einen Seufzer ausstieß. »Du
hast ja recht, Suvorin. Ich weiß auch nicht, warum es mir so
schwerfällt.«
Die Bäume lichteten sich, und weite Felder tauchten auf. Wie
an vielen Orten dieser Gegend wurde hier Flachs, Gerste und Roggen
angebaut. An der ersten isba wurden die beiden von einem
bellenden Hund und einer großen Frau mit einem Korb voll Pilzen
begrüßt. Bald darauf erreichten sie ein Gasthaus. »Wir müssen die
Nacht hier verbringen«, meinte Suvorin mürrisch. Das Gastzimmer war
ein großer Raum mit Tischen, Stühlen und einem großen Ofen in der
Ecke. Während Suvorin sich um die Pferde kümmerte, setzte Ilja sich
an den Ofen und bestellte Tee bei dem verdrießlichen Schankwirt. Es
war eine erfolgreiche Fahrt gewesen. Ilja war froh, daß Tatjana ihn
schließlich doch überredet hatte, den alten Suvorin zu begleiten.
Sie hatten den Besitz in Rjazan genauestens überprüft, das
Pachtgeld eingezogen, die Ernte und Schnittholz verkauft, und nun
kehrten sie mit einer ansehnlichen Summe nach Russka zurück. Da das
Gut in Rjazan ihm eines Tages gehören würde – Alexej sollte Russka
bekommen –, war es sicher nicht verkehrt gewesen, sich den Ort
einmal anzusehen.
Ilja Bobrov war kein Dummkopf. Als Kind hatte er oft krank im
Bett gelegen und gierig verschlungen, was es zu lesen gab. Von
seinem Vater hatte er die Liebe zur französischen Literatur und zur
aufgeklärten Philosophie geerbt. Unglücklicherweise jedoch hatte
sich Ilja, auch weil sein Vater in letzter Zeit viele Rückschläge
einstecken mußte, ganz unbewußt die Vorstellung angeeignet, daß
Versagen und Schwäche unvermeidlich seien. Obwohl er oft das
untrügliche Gefühl hatte, daß er sein Leben vergeudete, daß er
endlich seine Trägheit abschütteln müsse, blieb alles beim alten.
Nun war er mit seinen achtundzwanzig Jahren liebenswert, faul,
unverheiratet und ohne jeden Zweifel zu dick.
Diese Reise hatte ihn allerdings aufgerüttelt. Da war ihm doch
tatsächlich eine neue Idee gekommen, an die er den ganzen Tag über
gedacht hatte. Als Suvorin mit dem Mantelsack erschien und der Wirt
ein Glas mit dampfendem Tee brachte, nickte er den beiden nur zu,
legte seine Füße auf die Reisetruhe und überlegte mit geschlossenen
Augen, während er den Tee schlürfte: Ja, es ist Zeit, daß ich mit
diesem Faulenzen Schluß mache. Ich glaube, ich sollte mal ins
Ausland reisen. Ich werde nach Frankreich gehen. Die Reise hätte am
folgenden Tag zu Ende sein können, und zwar ohne Zwischenfall, wäre
da nicht der Wirt gewesen. Die kleine Taverne machte nur einen
bescheidenen Umsatz. Der Wirt hatte nicht die Absicht, einen
offenbar wohlhabenden Herrn wie Ilja billig davonkommen zu
lassen.
Ilja war begeistert von dem Vorschlag des Wirtes. Nach einem
Nickerchen und erfüllt von den neuen Plänen in seinem Kopf, fühlte
er sich ungewöhnlich tatendurstig. Also sagte er zum Wirt: »Ja,
hole sie her und bringe auch Wein und Wodka!« Der Wirt lächelte. Er
konnte von Glück sagen, daß diese Zigeuner gerade in der Gegend
waren. Er hatte mit ihnen abgemacht, daß sie den dicken Herrn
unterhalten sollten und mit dem Wirt teilten, was sie dafür bezahlt
bekamen. Als es dämmrig wurde, duftete es in dem Gasthaus nach
Speisen. Wein und Wodka wurden aufgetragen. Plötzlich erschienen
viele Leute, und dann kamen die Zigeuner. Sie waren zu acht, bunt
gekleidet, dunkelhäutig und gutaussehend. Sie sangen, und zwei
Frauen tanzten. Ilja schlug grinsend den Takt mit dem Fuß. Für
gewöhnlich trank er nicht viel, aber an diesem Abend… »Noch mehr
Wein«, rief er.
Als der Abend endete, hatte Ilja jeden im Gasthaus zu einem
halben Dutzend Gläsern eingeladen. Er hatte ausgiebig mit einer
Fünfzehnjährigen getanzt und war nun ziemlich verliebt, nicht
unbedingt in das Mädchen, sondern in das Leben. Es war weit nach
Mitternacht, als der Wirt notdürftig Ordnung machte und für Ilja
auf einer Bank ein Lager richtete, wo dieser sich nun niederlegte.
Der Knecht machte es sich leise auf einer anderen Bank bequem und
schloß die Augen.
Fünf Minuten später kam Ilja, der immer noch mit offenen Augen
dalag, ein Gedanke. Der Mantelsack auf dem Fußboden neben ihm war
nicht zu verschließen. Irgendwo in Rjazan hatte er selber den
Schlüssel dazu verlegt. In dem Sack befand sich das gesamte Geld.
Durch den Schleier des Alkohols gewann dieser Gedanke an
Bedrohlichkeit: die Zigeuner! Einer dieser Teufel, wahrscheinlich
das Mädchen, würde sich einschleichen und sie berauben – mit Hilfe
des Wirtes, natürlich. Ilja setzte sich kerzengerade auf. »Suvorin,
wach auf!« zischte er. Der alte Mann bewegte sich. »Komm her und
öffne den Mantelsack.« Suvorin gehorchte. »Nimm das Geld heraus.
Den Beutel und das Päckchen. Gut.« Im Beutel befanden sich
Silberrubel, im Päckchen die Banknoten, die seit der Regierung
Katharinas in Umlauf waren und von den Russen assignats
genannt wurden. »Behalte sie, Suvorin. Dich werden sie sicher nicht
ausrauben!« Der alte Mann zuckte schweigend die Achseln, und beide
legten sich wieder zum Schlafen nieder. Ilja schlief auch gleich
darauf ein.
Eine Stunde später weckte ihn etwas, vielleicht ein Geräusch
oder das Mondlicht draußen vor dem Fenster. Und wieder fiel ihm das
Geld ein. Was wäre, wenn alle Zigeuner plötzlich über den armen
alten Suvorin herfielen und ihm das Geld entrissen? Nein, er mußte
sie überlisten!
Mit einiger Schwierigkeit gelang es ihm, aufzustehen und
Suvorin aus dem Schlaf zu schütteln. »Das Päckchen. Gib mir das
Päckchen!« Wortlos suchte der Knecht in seinen Kleidern und zog es
hervor. Ilja ließ sich schwer auf sein Bett fallen und überlegte,
wo man es verstecken könnte. Er sah im Mantelsack zwischen seinen
Habseligkeiten nach. Ach ja, das würde genügen. Auf dem Boden lag
ein Gedichtband von Derzavin. Leider war der Rücken abgerissen, und
Ilja hatte das Buch mit einer Schnur zusammengebunden. Er löste die
Schnur, legte das Päckchen zwischen die Buchseiten und band sie
wieder zusammen. Ich nehme doch nicht an, daß ein Zigeuner auf die
Idee käme, in ein Buch zu schauen, dachte er, während er das Buch
in den Mantelsack legte. Suvorin schnarchte bereits. »Ich muß Wache
halten«, murmelte Ilja und fiel sogleich in einen tiefen Schlaf,
von dem er erst spät am nächsten Morgen erwachte.
Als erstes stellte Ilja zu Haus in seinem Zimmer Derzavins
Gedichtband ins Regal zurück. Er erinnerte sich nicht mehr, daß er
schlaftrunken das Geld hineingesteckt hatte. Daher war er völlig
verwirrt, daß die Hälfte des Geldes fehlte, als er und der alte
Suvorin dem Vater die Abrechnungen vorlegten.
»Aber du hattest es doch, Suvorin«, sagte er kläglich zu dem
alten Knecht.
»Sie haben die Banknoten in der Nacht an sich genommen, Herr«,
war die Antwort.
»Kannst du das beschwören?« fragte Alexander Bobrov
scharf.
»Das kann ich, Herr.«
Ilja konnte nur betreten dreinblicken. »Ich erinnere mich nur
noch, daß ich dir alles gegeben habe«, sagte er.
Nachdem Tatjana persönlich alle Kleider und den Mantelsack
durchsucht hatte und betroffen den Kopf schüttelte, traf Alexander
Bobrov seine entsetzliche Entscheidung. »Du hast es gestohlen,
Suvorin. Morgen werde ich beschließen, was mit dir geschehen
soll.«
Irgendwie war Alexander Bobrov froh. Er hatte es bereut, daß
er seiner Frau alle Macht über die Suvorins eingeräumt hatte. Nun,
da es immerhin eine Möglichkeit gab, den alten Suvorin für einen
Dieb zu halten, wollte er es unter allen Umständen glauben.
»Entweder ist er ein Lügner oder dein Sohn«, brauste er auf, als
Tatjana sich für den Leibeigenen einsetzte. Als sie ihn darauf
hinwies, daß Ilja nach Suvorins Aussage betrunken gewesen war,
bemerkte Bobrov lediglich: »Um so einfacher, ihn zu bestehlen.« Am
folgenden Tag saß Alexander Bobrov zu Gericht. Er befahl Suvorin zu
sich und trat, wie es sein Recht war, als Ankläger, Richter,
Geschworener und Vollstrecker auf. Da er Suvorin des schweren
Diebstahls für schuldig hielt, gab es ein hartes Urteil. »Ich
schicke dich nach Sibirien«, verkündete er.
Alexander Bobrov mußte nicht hinzufügen, was mit diesem Urteil
noch verbunden war: Alles, was die Familie Suvorin besaß, ging in
seine Hände über. Das Geld, das der alte Suvorin für seine Freiheit
bezahlt haben mochte, gehörte nun ohnehin Bobrov. Sein jetzt
mittelloser Sohn würde für immer Leibeigener bleiben.
»Aber das kannst du nicht tun«, protestierte Tatjana. »Es ist
gegen das Gesetz.« Laut Gesetz durfte ein Herr einen Leibeigenen
über fünfundvierzig Jahren nicht nach Sibirien schicken. Suvorin
war achtundvierzig. Doch das Gesetz war nicht allzu streng, wenn
ein Landeigentümer damit zu tun hatte.
»Ich sende ihn zum Militärgouverneur von Vladimir«, sagte
Alexander barsch. »Er ist ein Freund von mir.« Und obwohl Tatjana
den ganzen Tag versuchte, seine Meinung zu ändern, hatte sie keinen
Erfolg.
Insgeheim triumphierte Bobrov. Er hatte diese schlauen
Leibeigenen hinausbefördert und den Wert seines eigenen Besitzes
beträchtlich gesteigert.
Es gab zwar Momente, in denen Suvorin ihm auch leid tat. Doch
auf diese plötzlichen und willkürlichen Wendungen des Schicksals
muß jedermann gefaßt sein, beruhigte er sich selber. Schließlich
war es ihm auch so ergangen, als Katharina ihn ins Gefängnis hatte
werfen lassen.
Am nächsten Tag wurde Suvorin in Ketten nach Vladimir
gebracht, von wo aus regelmäßig kleine Gruppen auf den langen,
langen Weg nach Sibirien befördert wurden. An ebendiesem Tag
schrieb Tatjana einen Brief.
Sawa nahm den kleinen, nachgedunkelten
Gegenstand in die Hand. Endlich einmal lächelte er. Er hatte sich
diese Kostbarkeit seit langem gewünscht, und nun endlich hatte er
das Gefühl, sie sich leisten zu können. Sie waren in Sicherheit.
Noch zwei Wochen in Moskau, und er würde genügend Geld für die
eigene und seines Vaters Freiheit haben.
»Sie ist schön«, sagte der graubärtige Verkäufer. »Sehr alt.
Ich schätze, sie stammt noch aus der Zeit vor Ivan dem
Schrecklichen.« Sawa nickte. Er wußte es.
Es war eine kleine Ikone, nichts Aufsehenerregendes. Es gab
viele hier im Laden, die größer und farbiger waren. Wie auf vielen
alten Ikonen war auch bei dieser die Farbe mit den Jahren
nachgedunkelt, sie war übermalt und noch dunkler geworden. Warum
also war sie Sawa so wertvoll?
Er wußte, daß die Kunst der Ikone nur dem geübten Auge
sichtbar wurde, und selbst dann konnte sie nur vom Geistigen her
erfaßt werden. Eine Ikone war nicht einfach ein Gemälde, sie war
ein Gebet. Von frommen Händen gemalt und überarbeitet, sollten
diese Ikonen von jenen verehrt werden, die es verstanden. Wie Sawa.
Er schob dem alten Mann das Geld über den Tisch. Jetzt war es Zeit
zum Aufbruch. Doch es war, wie immer, nicht so einfach. Der alte
Kerl hatte sich zwischen Sawa und die Tür geschoben. Zwei junge
Männer hatten sich zu ihm gesellt. »Man würde Sie herzlich
aufnehmen, das wissen Sie«, sagte der Alte ihm zum wiederholten
Mal, »wenn Sie sich uns anschließen wollen.«
»Vielen Dank, nein«, antwortete Sawa wie schon so oft. »Wir
können Ihnen helfen, Ihre Freiheit zu erkaufen«, meinte der eine
der jungen Männer. Doch Sawa wollte nichts mit ihnen zu tun
haben.
Es waren Altgläubige. Mit diesem Namen bezeichnete man zu
jener Zeit die Sektierer, die ehemaligen raskolniki, die
sich anderthalb Jahrhunderte davor von der Kirche abgespalten
hatten. Seit die Kirche in Russka niedergebrannt worden war, hatte
es dort keine mehr gegeben, und die meisten waren während der Zeit
der Verfolgung in entfernter liegende Provinzen geflohen. Während
der Regierungszeit Katharinas waren sie allerdings offiziell
anerkannt worden, und nun gab es eine ansehnliche Gemeinde in
Moskau. Die Sekte der Theodosianer war reich und mächtig. Ihren
Sitz hatten sie bei ihrem Friedhof in dem ehemaligen Dorf
Preobrazenskoje, jetzt ein Vorort der Stadt. Sie hatten zahlreiche
Gemeinden innerhalb und außerhalb Moskaus. Sie waren an Industrie-
und Handelsbetrieben beteiligt, und aufgrund des durch Katharina
zugesagten Monopols brachten die Theodosianer die besten Ikonen auf
den Markt. Das Erstaunlichste an der Sekte war allerdings ihre
merkwürdige wirtschaftliche Organisation. Im Grunde bildeten die
Theodosianer Genossenschaften. Sektenmitglieder konnten aus den
Finanzmitteln der Sekte niedrigverzinsliche Darlehen zum Aufbau
eines Geschäfts erhalten. In all ihren Unternehmen, zu denen große
Textilfabriken gehörten, wurde durch die Gemeinde für die Armen
gesorgt.
Seit Sawa die Theodosianer in Moskau kennengelernt hatte,
drängten sie ihn, der Sekte beizutreten. Sie hätten ihn sicher
finanziell unterstützt. Er aber dachte: nein, ich will frei sein.
Er verließ den Laden der Theodosianer und machte sich auf den Weg
zu seiner bescheidenen Unterkunft in Moskau. Es war ein hübsches
Holzhaus in einer staubigen Straße. An der Tür war ein kleines
Schild mit einem Namen darauf – es war nicht sein Name, sondern der
seines Herrn: Bobrov. Bald wird darauf der Name Suvorin stehen. Er
trat wohlgemut ein.
Fünf Minuten später brachte ein Bote einen Brief von Tatjana.
Sie berichtete ihm alles. Daß sein Vater sich in Ketten auf dem Weg
nach Sibirien befinde; daß er all seine Habe verloren habe; daß
Bobrov einen Mann schicke, der ihn, Sawa, nach Russka zurückbringen
solle, wo er wieder als armer Leibeigener leben würde. Der Brief
endete mit einem großzügigen Angebot und einem sehr eindeutigen
Hinweis.
Was Du auch zu tun gedenkst, das Geld, das
ich Dir geliehen habe, gehört Dir. Ich will es nicht zurückhaben,
und ich bin nur froh, wenn ich weiß, daß es Dir gutgeht.
Die Frau seines Grundbesitzers sagte ihm, er
solle weglaufen und das Geld behalten. Er wußte, daß das für ein
Mitglied des Adels eine erstaunliche Geste einem Leibeigenen
gegenüber war. Doch er seufzte nur. Wenn ich das Geld nehme und
erwischt werde, heißt es doch nur, ich hätte es gestohlen. Ihr
Brief hilft mir gar nichts. Sorgfältig wickelte er die Banknoten in
Höhe ihres Darlehens ein. Er würde die Summe einem
vertrauenswürdigen Händler geben, der sie zu Tatjana bringen
sollte. Dann überlegte er, was weiter zu tun sei.
Er würde nicht zurückgehen. Nicht zu den Bobrovs, nach dem,
was sie ihm angetan hatten. Lieber wollte er sterben. Er würde
verschwinden. Da gab es viele Möglichkeiten. Männer zogen die
Lastkähne die Wolga hinunter. Zermürbende Arbeit. Tausende starben
dabei jedes Jahr. Aber auf diese Weise konnte man entkommen, weit
nach Süden und Osten, ohne daß viele Fragen gestellt wurden. Oder
vielleicht gleich zu den fernen sibirischen Kolonien, wo sie immer
Leute brauchten. Vielleicht würde er sogar versuchen, seinen Vater
zu finden. Zum Glück bin ich stark, dachte er. Hatte er sein Duell
mit den Bobrovs nun doch noch verloren? Selbst wenn das so war,
würde er nicht aufgeben, niemals!
An dem Tag, an dem sein Vater den alten
Suvorin von Russka fortschickte, machte Alexej Bobrov, weit weg in
der nordöstlichen Provinz Novgorod, eine Entdeckung, die ihn
beeindruckte. Es war ein klarer Tag, und ein scharfer Wind blies.
Drei junge Offiziere ritten mit ihm. »Auf jeden Fall werde ich
alles schlecht finden, was dieser Einfaltspinsel sich ausgedacht
hat«, bemerkte einer von ihnen spöttisch. Alexej dagegen war, als
er das Tor passiert hatte und die ordentliche Straße entlangritt,
voller Neugier. Der Einfaltspinsel war nämlich der berühmte General
Araktschejev.
Zu den seltsamen Fügungen während der Regierungszeit des
aufgeklärten, um nicht zu sagen poetischen Zaren Alexander gehörte
die Wahl General Araktschejevs zu seinem engsten Berater.
Vielleicht hatten sich dabei Gegensätze angezogen. Der General war
halbgebildet und hatte ein launisches Temperament. Alexej
bewunderte ihn wegen seiner glänzenden Führung der Artillerie im
großen Feldzug von 1812. »Er ist vielleicht ein rauher Bursche«,
sagte er seinen Kameraden gegenüber, »aber er ist ein treuer
Anhänger des Zaren, und er bringt etwas zuwege.« Hier, in der
Provinz Novgorod, hatte der General auf Befehl des Zaren eines der
größten sozialen Experimente der russischen Geschichte in Angriff
genommen.
Gleich beim Betreten des riesigen Areals fiel Alexej die
seltsame Atmosphäre auf. Das war keinesfalls ein russisches Dorf.
Die eher zufällige Ansammlung von bäuerlichen isbas von
ehemals war vollkommen niedergerissen worden; an ihrer Stelle
standen Reihen ordentlicher Hütten. Sie sahen alle gleich aus: blau
bemalt mit einer roten Veranda und einem weißen Zaun. »Mein Gott«,
murmelte Alexej, »die sehen ja aus wie Baracken.« Dann sah er die
Kinder. Die kleinen Jungen waren zum Teil nicht älter als sechs
Jahre. Sie zogen unter der Aufsicht eines Sergeanten singend und im
Gleichschritt marschierend an ihm vorüber. Sie trugen Uniformen.
Alexej stellte fest, daß alle Menschen gleich gekleidet waren und
keiner der Bauern einen Bart trug.
»Ja, Sie finden hier alles in bester Ordnung vor«, erklärte
der junge Offizier, der sie herumführte. »Wir haben die Uniformen
für die Kinder in drei Größen. Sie tragen sie die ganze Zeit.
Eiserne Disziplin! Wenn es Zeit ist für die Feldarbeit, wird die
Trommel gerührt.« Er grinste. »Sie können eine Wiese fast im
Gleichschritt mähen.«
»Wie halten Sie die Disziplin aufrecht?« fragte ein Offizier.
»Der Stock genügt. Ein kleiner Ausrutscher, und sie kriegen
Schläge. Der Stock wird übrigens in Salz gesteckt«, fügte er hinzu.
Alexej fiel noch etwas auf. Anders als in einem üblichen Ort gab es
anscheinend genauso viele Männer wie Frauen aller Altersklassen.
»Jeder muß heiraten«, erklärte ihr Führer, »ob er will oder nicht.
Es gibt hier keine Witwen oder alten Jungfern; wir versorgen sie
mit einem Mann. Das System funktioniert perfekt, sehen Sie das?
Jeder hat Arbeit, jeder gehorcht, und für jeden wird gesorgt.« Dies
also war General Araktschejevs Militärkolonie. Sie bedeckte ein
weites Areal in der Provinz, wo die Armee sich niedergelassen hatte
und die ansässigen Bauern zwangsweise zu Reservisten und
militarisierten Staatsarbeitern wurden. Weitere Kolonien entstanden
bereits unten im Süden, in der Ukraine. Doch warum hatte der
aufgeklärte Zar Alexander seinen Gefolgsmann dazu ermutigt, diese
totalitären Distrikte zu schaffen? War es nur der Einfachheit
halber? Auf alle Fälle war es eine billige Art, ein stehendes Heer
in Friedenszeiten zu beschäftigen und zu verpflegen. Oder machte
der Zar dieses Experiment – wie einige vermuteten –, um eines Tages
den Zugriff eines konservativen Adels auf Armee und Landbesitz zu
lockern, vielleicht schon auf diese Weise? Welche Erklärung der
Sache auch am nächsten kommen mochte: Jedenfalls wäre Peter der
Große von den Militärkolonien mit ihrer straffen Disziplin, ihrer
erschreckenden Gleichförmigkeit und ihrer absoluten Ausrichtung auf
den Staat begeistert gewesen. Für Alexej Bobrov war die Kolonie
eine Entdeckung. Araktschejevs Schöpfung war das Vollkommenste, das
er je gesehen hatte. Wie weit entfernt war es doch von dem
schäbigen Durcheinander Russkas oder von tausend ähnlichen
Ansiedlungen! Alexej sah nur, daß die Menschen hier fleißig und
wohlgenährt waren – er sah, was er zu sehen wünschte.
Von diesem Tag an setzte sich in seinem Kopf ein einziger,
unabweichlicher Leitsatz fest: Dem Zaren mußte in einer perfekten
Ordnung gedient werden. Aus diesem Prinzip leitete sich ein
nächstes ab: Was der Ordnung förderlich ist, muß auch recht sein.
Im Sommer des folgenden Jahres, als Ilja bereits mit einem Freund
der Familie seine Auslandsreise angetreten hatte, nahm Alexej eines
Tages während eines Besuches in Russka zufällig den zerrissenen
Band mit Derzavins Gedichten aus dem Regal. Als er die Banknoten
darin entdeckte, war ihm sofort klar, was geschehen war. Man konnte
nichts mehr unternehmen. Suvorin war in Sibirien, sein Sohn war
spurlos verschwunden. Und Alexander Bobrov kränkelte.
Außerdem wäre es für die Familie und für ihre
Gesellschaftsklasse ungut, jetzt die Verurteilung Suvorins als
Fehler einzugestehen. Überdies war es unvereinbar mit der Ordnung.
So brachte er das Geld an einen sicheren Platz und schwieg.
1825
Wenn ein Russe nach dem Datum des wichtigsten
Ereignisses vor dem 20. Jahrhundert gefragt wird, antwortet er
höchstwahrscheinlich: Dezember 1825. In diesem Monat fand der erste
Versuch einer Revolution statt.
Die Dekabristen-Verschwörung – so genannt nach dem russischen
Wort für Dezember – ist wegen ihres ungewöhnlichen Charakters wohl
einmalig in der Geschichte der Menschheit. Sie war der amateurhafte
Versuch einer Handvoll Adliger, aus durchaus ehrenhaften Motiven
dem Volk die Freiheit zu erobern. Während der Regierungszeit
Katharinas faßten die Ideen der Aufklärung erstmals Fuß in
russischen Adelskreisen. Trotz der Erschütterung durch die
Französische Revolution und der Angst vor Napoleon hatte der
Reformgedanke in Rußland sich unter dem aufgeklärten Zaren
Alexander weiter verbreitet. Und es gab in der Tat genügend zu
reformieren: ein Rechtssystem, das noch aus dem Mittelalter hätte
stammen können, die Einrichtung der Leibeigenschaft, eine
Regierung, die trotz der nominellen Existenz eines Gerichtssenats
in Wirklichkeit eine primitive Autokratie war.
Was also konnte getan werden? Die von Katharina
zusammengerufenen Vertreter des Adels, der Kaufmannschaft und der
Leibeigenen hatten untereinander nur gestritten. Es gab keine
Institutionen wie im Westen, auf die man hätte aufbauen können. Zar
Alexander sah sich vor den gleichen Problemen: großartige Programme
wurden erstellt, doch alle Versuche, sie zu realisieren,
scheiterten an dem in Rußland üblichen Widerstand und an
Unfähigkeit. Der Adel wollte nichts von der Befreiung seiner Bauern
wissen. Die Regierung sah, daß sie praktisch nur versuchen konnte,
die Ordnung aufrechtzuerhalten und Experimente wie die
Militärkolonien zu wagen, neue Wege zu suchen, die das Land aus
seiner althergebrachten sozialen Stagnation herausführen könnten.
Es war demnach nicht weiter verwunderlich, daß ein paar liberale
junge Adlige im Lauf der Jahre das Gefühl hatten, von ihrem
engelgleichen Zaren betrogen worden zu sein. Ihr geistiger Horizont
hatte sich durch die Aufklärung erweitert; der bedeutende
patriotische Sieg über Napoleon und die Verbindung einiger Adliger
mit dem mystischen Freimaurertum hatte sie mit romantischer
Inbrunst für ihr Vaterland erfüllt. Während die Heilige Allianz Zar
Alexanders sie in ihrem Blick über die Grenzen beflügeln mochte,
wurde Rußland im Innern zunehmend beherrscht von dem streng
autoritären Regierungssystem des Generals Araktschejev. So kam es,
daß sich in den Jahren nach dem Wiener Kongreß eine lockere Gruppe
zusammentat, die entschlossen war, Veränderungen, notfalls durch
eine Revolution, herbeizuführen. Sie hatten kein genau vorgefaßtes
Ziel. Einige wünschten eine konstitutionelle Monarchie nach
englischem Vorbild; andere, im Süden, wollten unter der Führung des
hitzigen Offiziers Pestel den Zaren töten und eine Republik
ausrufen. In aller Heimlichkeit wurde geplant, wurden Komplotte
geschmiedet, wurde gehofft – doch man unternahm nichts.
Da verstarb Ende 1825 Zar Alexander I. Ein plötzliches Fieber
raffte ihn dahin. Er hinterließ keinen Sohn. Nach der
Thronfolgeregel wäre die Herrschaft an seinen Bruder Konstantin
gefallen. Doch dieser Enkel Katharinas, von dem sie gehofft hatte,
er werde einst in Konstantinopel herrschen, hatte bereits 1822 auf
den Thron verzichtet, und Zar Alexander hatte in einem Manifest
Nikolaus, den nächsten Bruder, zum Thronfolger bestimmt. Von diesem
Manifest war der Öffentlichkeit allerdings nichts bekannt. Im
Dezember 1825 sollte nun jenem rechtschaffenen, aber völlig
phantasielosen Burschen der Treueeid abgelegt werden. Zu diesem
Anlaß beschlossen die Verschwörer, einen Coup zu landen. Sie
wollten eine Konspiration zugunsten Konstantins anzetteln, indem
sie die Truppen zu überreden versuchten, den Eid auf Nikolaus nicht
abzulegen. Es gab zwei Gruppen von Verschwörern: eine in St.
Petersburg, die andere, unter Pestel, in der Ukraine. Sie hatten
kaum Verbindung miteinander, und außerdem verfolgten sie
unterschiedliche Ziele.
Als am Morgen des 14. Dezember die Armee und der Senat den Eid
leisten sollten, führte eine Gruppe von Offizieren an die
dreitausend ungeordnete Soldaten auf den Senatsplatz. Als sie
eintrafen, hatten die Senatoren ihren Eid bereits geschworen.
Nikolaus, der Blutvergießen vermeiden wollte, ließ sie umzingeln,
doch als sie sich in der Dämmerung immer noch nicht von der Stelle
gerührt hatten, wurden Kartätschen abgefeuert, einige Dutzend
Männer starben. Damit war der revolutionäre Spuk vorüber. Bald
darauf wurde Pestels Rebellion im Süden im Keim erstickt. Fünf
Rädelsführer wurden hingerichtet.
Das war die Dekabristen-Verschwörung – aristokratisch,
amateurhaft, absurd. Doch trotz ihrer heroischen Torheit – oder
vielleicht gerade deshalb – wurden jene Adligen von den nach ihnen
kommenden Revolutionären als Ansporn betrachtet, ähnlich den
frühchristlichen Märtyrern.
Für den neuen Zaren Nikolaus war die Revolte ein schwerer
Schlag. Er glaubte an die Pflicht des Dienens, und er erwartete
dies auch von seinen Adligen. Welchen Grund konnten diese Burschen
haben, die heilige Verpflichtung zu verraten? Er ließ alle
Geständnisse kopieren und in einem Buch zusammenfassen, das ständig
auf seinem Schreibtisch lag und sorgfältig von ihm gelesen wurde.
Daraus lernte er, daß Rußland Gesetze, Freiheit und eine Verfassung
brauchte. Er war nicht sonderlich klug, aber er dachte über diese
Dinge nach. Zuerst einmal mußte Ordnung geschaffen werden.
1827
Der Sommer begann, und Tatjana war froh, denn
plötzlich war das Haus voll von fröhlichen Stimmen nach so viel
Stille und Traurigkeit. Meine Kinder sind nach Haus gekommen,
dachte sie lächelnd. In den eineinhalb Jahren seit Alexander
Bobrovs Tod war sie oft einsam gewesen; nur Ilja hatte ihr
Gesellschaft geleistet. Während dieser Zeit war noch zweimal
Unglück über die Familie gekommen. Ein Jahr zuvor hatte Olga ihren
lieben Mann im Krieg verloren; er ließ sie mit einem Kind und einer
neuen Schwangerschaft zurück. Wenigstens war sie gut versorgt, denn
der Besitz in Smolensk war groß. Und im letzten Herbst hatte Alexej
seine Frau durch eine CholeraEpidemie verloren, gerade als er mit
seinem Regiment ausrücken mußte. An einem Wintermorgen brachte ein
Schlitten seinen fünfjährigen Sohn Michail nach Bobrovo, klein,
frierend und unglücklich, damit die Großmutter ihn in ihre Obhut
nähme. »Nur bis Alexej wieder heiratet«, sagte sie zu Ilja. Die
alte Arina wurde wieder als Kinderfrau eingestellt, und ihre Nichte
sollte ihr dabei zur Hand gehen. Unter ihrer Fürsorge wuchs der
kleine Michail – sie nannten ihn Mischa – zu einem liebenswerten
Abbild seines Vaters heran. Arina fand ein Kind seines Alters von
einem Leibeigenen aus dem Dorf, Ivan Romanovs jüngsten Sohn
Timofej; bald spielten die beiden Jungen jeden Tag fröhlich
miteinander.
Im Frühjahr kamen dann gute Nachrichten. Olga wollte mit ihren
beiden Kleinen für die Sommermonate kommen. Eine Woche darauf traf
ein Brief von Alexej ein. Ein neuer Feldzug gegen die Türken wurde
für den Herbst erwartet, doch im Sommer hatte er drei Monate Urlaub
bekommen. »Die möchte ich mit dir und meinem Sohn verbringen«, hieß
es in dem Brief.
So würde von all ihren Kindern nur Sergej fehlen. Und Tatjana
mußte zugeben, daß das ganz gut so war.
Olga war froh, wieder in dem bescheidenen grünweißen Haus zu
sein und vom Hügel aus hinunter zum Flußufer zu schauen, wo die süß
duftenden Kiefern wuchsen. Es war eine Rückkehr in die Kindheit und
in die Familie. Es tat gut, die beiden kleinen Mädchen in der Obhut
der beiden Arinas zu wissen. Ihre alte Kinderfrau hatte nur noch
drei Zähne, aber ihre Nichte, die junge Arina, wie sie genannt
wurde, war ein hübsches, heiteres Mädchen von sechzehn Jahren, das
alles sehr rasch von der älteren Frau lernte. Olga verbrachte
schöne Stunden mit ihnen draußen auf der Veranda; auch der kleine
Mischa war dabei, und sie hörten den wunderbaren Geschichten der
alten Arina zu.
Olgas Schmerz über den Tod ihres Mannes, so schrecklich er
auch gewesen war, verflüchtigte sich allmählich, und in dem
ruhevollen russischen Sommer fühlte sie sich gesunden. Tatsächlich
herrschte jetzt eine freundliche, herzliche Atmosphäre im Haus.
Alexej war durch den Verlust seiner Frau sanfter geworden. Obwohl
er es nicht sagte, fühlte Olga, wie kostbar ihm jeder Tag war, den
er mit seinem kleinen Sohn verbrachte.
Allerdings wurde nicht viel gelacht. Oft dachte Olga an Sergej
und seine ansteckende Fröhlichkeit. Sie hatte seit mehreren Wochen
keinen Brief von ihm erhalten. Das war ungewöhnlich. Trotzdem war
sie froh, daß er nicht auch zu Besuch kam. Denn achtzehn Monate
zuvor hatte es bei der Beerdigung des Vaters eine dramatische
Auseinandersetzung zwischen Sergej und Alexej gegeben. Der
fehlgeschlagene Coup der Dekabristen, der den Zündstoff lieferte,
lag damals erst zwei Monate zurück. Als die trauernde Familie sich
im Salon versammelt hatte, behauptete Alexej allen Ernstes, er
danke Gott, daß die Verschwörer so rasch zur Strecke gebracht
werden konnten. Darauf erwiderte Sergej munter: »Ich kannte ein
paar von diesen Burschen. Hätte ich nur gewußt, was sie vorhaben,
ich hätte sofort mitgemacht.« Alexej erbleichte vor Zorn und sagte
mit bebender Stimme: »Ich weiß eigentlich nicht, warum du überhaupt
hier bist, Sergej. Und es tut mir leid, daß du hier bist.« Von da
an wechselten die beiden kein Wort mehr miteinander.
Vielleicht weil jetzt alles so friedlich war, erkannte Olga
die Gefahr nicht. Alexej hatte seinen Freund Fjodor Petrovitsch
Pinegin für die Urlaubszeit eingeladen. Pinegin war ein ruhiger
Mensch, wohl noch nicht dreißig, mit einem schmalen, harten
Gesicht, rotblondem Haar und blaßblauen, ausdruckslosen Augen. »Er
ist ein guter Kerl, ein bißchen einsam«, hatte Alexej erklärt. »Er
war lange in der Armee, aber darüber mag er nicht sprechen.«
Während die anderen sich unterhielten, saß Pinegin gewöhnlich still
da und zog an seiner kurzen Pfeife. Er hatte eine auffallende
Angewohnheit: Er trug ständig einen weißen Uniformrock und
Uniformhosen. Nach seiner Lieblingsbeschäftigung befragt,
antwortete er sanft: »Jagen.« Da Alexej mit dem Gut beschäftigt war
und Ilja sich selten von seinen Büchern entfernte, fand Olga sich
auf ihren Spaziergängen häufig in Pinegins Gesellschaft; dabei
erwies er sich überraschenderweise als unterhaltsamer
Begleiter.
Olga wußte, daß sie schön war. Sie war jetzt vierundzwanzig,
hatte eine hochgewachsene, elegante Figur, große, strahlend blaue
Augen, langes braunes Haar und bewegte sich mit stolzer Anmut. Sie
ahnte, daß Pinegin sie mochte, doch darüber machte sie sich kaum
Gedanken.
Es gab wunderschöne Ausflugsziele. Nicht weit vom Haus führte
eine lange schattige Allee in ein Silberbirkenwäldchen. Man konnte
auch am Fluß entlangschlendern, wo die Kiefern duftenden Schatten
spendeten. Olgas bevorzugter Gang war jedoch zum Kloster. Sie
liebte es.
Zweimal ging Olga mit Pinegin zum Kloster und zeigte ihm stolz
die kleine Rublev-Ikone, die die Bobrovs vor langer Zeit gestiftet
hatten. Obwohl Pinegin wenig sprach, schien er doch beeindruckt.
Das zweitemal nahm Olga den kleinen Mischa mit. Er hatte eine
seltsame Scheu vor Pinegin und wollte nicht neben ihm gehen. Auf
dem Rückweg aber, als er zu müde zum Gehen war, nahm der Soldat ihn
auf die Schultern und trug ihn nach Hause. So vergingen die Tage:
Pinegin war manchmal mit dem Gewehr frühmorgens draußen; Ilja mit
einem Buch; spätnachmittägliche Spaziergänge; und abends wurde
Karten gespielt. Es war die reinste Sommeridylle. Das einzige, was
Olga in diesen Tagen Anlaß zur Sorge gab, betraf den Besitz.
Eigentlich war es mehr eine Folge von Kleinigkeiten, die sich,
Olgas Ansicht nach, einfach in Ordnung bringen ließen – wenn Alexej
damit einverstanden wäre. War nämlich eine Anschaffung nötig – ein
neuer Wagen oder eine Pumpe –, so gab er dem Knecht die schroffe
Anweisung, sich mit den alten Sachen mehr Mühe zu geben. Außerdem
ließ Alexej rascher abholzen als aufforsten. »Disziplin ist nötig,
nicht Geld«, war sein Motto. »Ich kümmere mich während seiner
Abwesenheit um alles«, erzählte Tatjana ihrer Tochter, »aber er
läßt mich keine Verbesserungen vornehmen. Und natürlich wirft das
Gut weniger ab, seit die Suvorins nicht mehr da sind«, räumte sie
ein.
Zwei Jahre zuvor war aus Sibirien die Nachricht vom Tod Ivan
Suvorins eingetroffen. Von Sawa hatte man nie wieder etwas gehört.
Olga war zwar traurig über diese Anzeichen von Vergänglichkeit in
ihrem früheren Zuhause, aber sie machte sich keine übermäßigen
Gedanken, sondern genoß die heiteren Sommertage. Als einen
positiven Charakterzug Alexejs betrachtete seine Mutter seinen
regelmäßigen sonntäglichen Kirchenbesuch. Es war nur natürlich, daß
er erwartete, von allen im Haus begleitet zu werden. Er ging
allerdings nicht in die kleine Holzkirche des Ortes, wo einmal
wöchentlich ein Priester von auswärts die Messe las, sondern in die
alte Steinkirche am Marktplatz in Russka. »Ich würde ja mitkommen«,
meinte Ilja verdrossen, »wenn nicht dieser verdammte Priester
wäre.«
Der Priester in Russka, das muß gesagt werden, war kein
angenehmer Mensch, groß, aufgeblasen, rothaarig und mit einer
Nachkommenschaft, die, so hieß es, auf dem Markt Lebensmittel
stahl. Der Priester selbst ließ keine Gelegenheit aus, bei der es
um Essen oder Geld ging. Doch Alexej stand jeden Sonntag
unerschütterlich die lange Messe durch, um den Segen von der
großen, fetten Hand zu empfangen. Olga begleitete ihn natürlich.
Als sie eines Sonntags zurück zur Kutsche gingen, sagte er zu ihr:
»Er hat zwar kein Geld, aber wenn du Pinegin heiraten willst – ich
habe nichts dagegen.«
»Heiraten?« Sie starrte ihn an. »Wie kommst du denn auf die
Idee?«
»Du verbringst doch viel Zeit mit ihm. Sicher denkt er, du
seist interessiert.«
»Hat er das gesagt?«
»Nein, aber ich bin ganz sicher.«
»Ich habe nie daran gedacht«, erklärte sie wahrheitsgemäß. Er
nickte. »Nun ja, du bist Witwe, und du bist reich. Du kannst
machen, was du willst. Aber spiele nicht mit ihm. Er kann ein sehr
gefährlicher Mann sein!«
In der nächsten Woche war sie deshalb vorsichtig. Sie war zwar
ebenso freundlich wie früher, doch nun ging sie öfters allein aus,
oder sie nahm ihre Mutter oder Alexej mit, wenn Pinegin dabei war.
Sie beobachtete ihn die ganze Zeit: War er wirklich gefährlich?
Eines Nachmittags in der ersten Juniwoche saß die Familie beim Tee
auf der Veranda, als eine kleine Staubwolke sich näherte; sie kam
den Weg herauf und machte vor dem Gartentor halt. »Mein Gott, eine
Troika«, schrie Ilja.
Die Troika, ein Pferdegespann, in dem drei Pferde
nebeneinander liefen, war höchst schwierig zu lenken. Andererseits
war es momentan in Mode, per Troika zu reisen – es galt als chic.
Drei Männer saßen darin; der prächtig gekleidete Lenker sprang mit
einem Schrei herunter – es war Sergej. Nach russischer Art küßte er
jeden dreimal und erklärte munter: »Hallo, Olga! Hallo, Mama!
Hallo, Alexej! Man hat mich ins Exil geschickt.« Früher oder später
hatte er ja einmal in Schwierigkeiten kommen müssen.
Zu den ersten Handlungen des Zaren Nikolaus zur Sicherung der
politischen Ordnung in seinem Reich gehörte die Errichtung eines
neuen, ganz speziellen Polizeiamtes, der »Dritten Abteilung«; an
ihre Spitze stellte er einen seiner Freunde, den gefürchteten
Grafen Alexander Benckendorff. Dessen Aufgabe war klar definiert:
Er hatte gründlich durchzugreifen. Der Zar hielt Reformen zur
rechten Zeit für durchaus angebracht; doch bis dahin durfte es
keine Dekabristen mehr geben. Benckendorffs Gendarmen waren überall
präsent. Insbesondere hatte die Abteilung ein wachsames Auge auf
enthusiastische junge Herren mit mangelndem Respekt vor der
Autorität – wie, zum Beispiel, Sergej.
Tatsächlich hatte alles mit Puschkin, dem Helden aus Sergejs
Jugendzeit, begonnen. Puschkin wurde allmählich bekannt. Einige
seiner ersten brillanten Schriften waren bereits veröffentlicht.
Die »Ode an die Freiheit« hatte den jungen Dichter schon in
Schwierigkeiten mit den Behörden gebracht. Der Zar hatte
Benckendorff persönlich beauftragt, das Werk Puschkins zu
zensieren. Es war nicht weiter verwunderlich, daß Sergej, den es
gelüstete, mit seinem Idol im Licht der Öffentlichkeit zu stehen,
eilends auch selbst etwas Schockierendes produzierte.
Sergej Bobrovs Gedicht »Der Feuervogel« ging auf Kosten des
Dichters in Druck. Dieses Werk war – müßig zu erwähnen – ein
Vorbote der Freiheit. Schon nach zwei Tagen, die Tinte war kaum
getrocknet, hatte Benckendorff das Gedicht des unbekannten Autors
beschlagnahmt.
Das Vorgehen der Dritten Abteilung war derart schnell, daß
Sergej eine Woche darauf den Befehl erhielt, sich unverzüglich auf
den Familienbesitz in Russka zu begeben und bis auf weitere
Anordnungen dort zu verbleiben. Und da war er nun. »Hier ist ein
Brief für dich, Alexej«, sagte Sergej. Er holte ihn aus den Tiefen
seines Mantels. Der Brief war von Benckendorff persönlich. Alexej
nahm ihn wortlos entgegen. Außer seinem Diener hatte Sergej einen
sympathischen jungen Mann namens Karpenko aus der Ukraine
mitgebracht, den er in St. Petersburg kennengelernt hatte.
Alexej bemühte sich, freundlich zu sein. Der Brief hatte ihn
einigermaßen besänftigt.
Wir glauben, daß der junge Mann ein
harmloser Bursche ist Es wird ihm jedoch nicht schaden, wenn er
sein Mütchen eine Weile auf dem Lande kühlen kann. Ich weiß, mein
lieber Alexej Alexandrevitsch, daß Sie ihn in Ihre väterliche Obhut
nehmen werden.
Alexej war fest entschlossen, dieser Bitte
nachzukommen. Doch gegen Sergejs Fröhlichkeit konnte er nichts
unternehmen. Sergej nahm alles auf die leichte Schulter. Niemand
konnte seiner guten Laune widerstehen.
Er begann sogleich die alte Arina zu necken. »Meine Liebe, es
geht nicht, daß so eine Alte wie du, die den Kopf voll von Märchen
hat, sich um den jungen Herrn Mischa kümmert. Er braucht eine
englische Gouvernante. Das hat man heutzutage.« Mischa war
fasziniert von diesem wunderbaren Onkel, der Verse schrieb und
lustige Zeichnungen machte. Sergej nannte ihn »mein kleiner Bär«.
Das Kind folgte ihm auf Schritt und Tritt.
Karpenko war zwanzig Jahre alt, klein, dunkel, hatte feine
Gesichtszüge und war sehr schüchtern. Offensichtlich war er Sergej
sehr zugetan, der liebevoll mit ihm umging. Wenn Sergej ihn dazu
ermutigte, konnte er alle Menschen – vom ukrainischen Bauern bis
zum Zaren – großartig imitieren. Karpenko brachte Mischa bei, wie
ein kleiner Bär zu tanzen.
Dem kleinen Jungen kam es nun so vor, als befinde er sich nach
dem kalten Winter und dem Tod seiner Mutter in einer seltsamen
neuen Welt voll von herrlichem Sonnenschein, die ihn glücklich
machte. Er fand auch die junge Arina mit ihrem eher schwerfälligen
Körper schön. Ihre blauen Augen strahlten vor Freude, wenn sie
Onkel Sergej oder Karpenko sah. Sergej gegenüber war sie ein wenig
schüchtern, aber der dunkle Ukrainer durfte schon einmal den Arm um
sie legen. Onkel Sergej war einfach wunderbar, daran gab es keinen
Zweifel. Stundenlang unterhielt er sich mit dem schlauen Onkel
Ilja, oft auf französisch.
Wenn sie alle durch die Birkenallee hinter dem Haus
spazierten, bemerkte Mischa des öfteren, daß Karpenko versuchte,
neben Tante Olga zu gehen. Einmal hörte er, wie sie zu Onkel Sergej
sagte: »Dein Freund ist in mich verliebt«, und dann lachte sie
silberhell. Und da war noch Pinegin mit seiner Pfeife und in dem
weißen Uniformrock. Er war immerzu da, beobachtete schweigend, hin
und wieder lächelte er ein wenig. Und doch hatte er etwas an sich,
das dem Kind angst machte. Als sie einmal alle miteinander auf der
Veranda saßen, fragte Mischa ihn: »Bist du ein Soldat?« Nach der
bejahenden Antwort fragte er weiter: »Und Soldaten töten Menschen?«
Pinegin nickte. »Er tötet Leute!« erklärte der kleine Kerl den
Erwachsenen, die daraufhin in Gelächter ausbrachen. Zu Olgas
Erleichterung verging mehr als eine Woche ohne Zwischenfall. Jeder
wußte, daß man Sergej und Alexej voneinander fernhalten mußte. Alle
paßten auf.
Sie hatte vergessen, wie amüsant Sergej war. Er erzählte ihr
Skandalgeschichten über gefährliche Situationen, Duelle und
gesetzeswidrige Angelegenheiten von allen möglichen Leuten in
Moskau und St. Petersburg, und dabei schmückte er die Einzelheiten
derart aus, daß sie sich lachend an seinen Arm klammerte. Eines
Abends fragte sie ihn neugierig nach seinem Liebesleben. Ob er
viele Frauen gehabt habe? Jede Antwort hatte sie erwartet, aber
nicht das, was nun kam. Sergej führte sie in eine stille Ecke, zog
ein Büchlein aus seiner Tasche und reichte es ihr. Auf jeder Seite
gab es zwei Spalten von Namen, jeder mit einem kleinen Kommentar
versehen. »Meine Eroberungen«, erklärte er. »Die auf der linken
Seite sind platonische Freundschaften, die auf der rechten Seite
habe ich wirklich gehabt«, erklärte er.
So offen Sergej im allgemeinen war, so hatte er doch ein
Geheimnis, über das er mit niemandem sprechen konnte. Wenige Tage
vor seiner Abreise war er mit seinem Diener, einem Leibeigenen vom
Gut in Russka, in Moskau unterwegs, als er plötzlich Sawa
begegnete. Er war so überrascht, daß er, ehe er überhaupt
überlegte, schon ein paar unbedachte Worte geäußert hatte, Worte,
die unter Umständen großen Schaden anrichten konnten. Er war nicht
sicher, wieviel der Knecht davon begriffen hatte. Deshalb sagte er
nur: »Was du auch denken magst – du hast nichts gehört, sonst setzt
es Prügel. Verstanden?« Dann hatte er dem Mann ein paar Rubel
gegeben, um sein Schweigen zu kaufen.
Sergej verliefen die Sommertage ein wenig zu ruhig. Deshalb
schlug er vor, sie sollten Theaterstücke aufführen. Er hatte in der
Bibliothek französische Übersetzungen von ShakespeareStücken
entdeckt. »Ilja und ich werden ein paar Szenen ins Russische
übertragen«, erklärte er. »Dann können wir sie alle zusammen
spielen.« Dann hätten sie endlich etwas zu tun. Selbst Alexej war
einverstanden.
Nur Olga hatte ungute Vorahnungen – sie sah Probleme zwischen
den so ungleichen Brüdern voraus. Doch zunächst bescherte ihr diese
neue Beschäftigung zwei überaus angenehme Überraschungen.
Die erste betraf Ilja. Olga hatte nie viel von ihrem ältesten
Bruder gehalten. Vor fünf Jahren hatte die ganze Familie gehofft,
seine Europareise werde seine Gesundheit bessern und ihn zu einer
Arbeit anregen. Tatsächlich kam er von seinem Aufenthalt in
Frankreich, Deutschland und Italien schlanker und zielstrebiger
zurück. Er bekam sogar einen guten Posten in St. Petersburg, und es
sah so aus, als habe er eine Karriere vor sich. Aber nach knapp
einem Jahr war dann alles vorbei: Er kündigte, verließ die
Hauptstadt und kam nach Russka zurück. Er hatte zwar versucht, in
Angelegenheiten der Provinz tätig zu werden, verlor jedoch bald den
Mut. Eine Art Lethargie lähmte ihn. Da war er nun, stand selten vor
dem Mittag auf und las den restlichen Tag.
Aber jetzt, bei den Vorbereitungen für die
Theateraufführungen, war er von einem Enthusiasmus erfüllt, den
Olga nie an ihm gesehen hatte. Stundenlang arbeitete er mit Sergej.
Sein sonst so ruhiges Gesicht zeigte verbissene Konzentration.
Während Sergej niederschrieb, was er diktierte, watschelte er umher
und fuchtelte aufgeregt mit den Händen. »Er übersetzt. Ich
poliere«, erklärte Sergej.
»Er macht das fabelhaft.« Zum erstenmal bekam Olga eine Ahnung
von dem, was Ilja eigentlich hätte sein können. Das Theaterspielen
begann in heiterer Stimmung. An den langen warmen Abenden trafen
sie sich unter einem Lindenbaum vor dem Haus und probten ihre
Rollen. Ihr erster Versuch waren einige Szenen aus »Hamlet« mit
Sergej als Hamlet und Olga als Ophelia. Tatjana kam dazu, und
Alexej verkörperte Hamlets bösen Onkel. Karpenko und Pinegin
teilten die übrigen Rollen zwischen sich auf.
Die zweite Überraschung freute Olga sogar noch mehr. Ilja
hatte zwar die Übersetzung gemacht, doch Sergej hatte sie in
russische Verse gebracht, und zwar glänzend. Und Sergejs Stimme
klang zudem noch wunderschön. Plötzlich entdeckte Olga unter der
frivolen Oberfläche einen anderen Sergej, eine lyrische Natur. »Du
mußt weiter schreiben, Serjoscha, du hast Talent.« Alexejs Spiel
war zwar steif, doch nicht allzu schlecht. Aber seine Sprache war
miserabel. Während Ilja und Sergej als gebildete Männer gepflegtes
Russisch und Französisch sprachen, hatte Alexej, der nie eine
höhere Schulbildung genossen hatte und noch fast im Kindesalter ins
Regiment eingetreten war, sein Französisch von fünftklassigen
Erziehern und Russisch von den Leibeigenen in Russka gelernt. Das
Resultat war ziemlich dürftig. Sergej faßte es so zusammen: »Er
spricht Französisch wie einer aus der Provinz und Russisch wie ein
Dienstbote.« Sergej mußte Alexejs Grammatik korrigieren, damit ein
Satz seinen Sinn bekam. »Ich spreche gut genug für einen einfachen
Soldaten«, grollte Alexej. Olga sah, daß er sich linkisch vorkam.
Trotzdem waren sie zufrieden mit ihrer »Hamlet«-Inszenierung, und
nun wollten sie als nächstes »Romeo und Julia« versuchen. Eines
Nachmittags, als Sergej und Ilja an ihrer Übersetzung arbeiteten,
beschloß Olga, mit dem jungen Karpenko und Pinegin auf der
niedrigen Hügelkette hinter dem Haus spazierenzugehen. Das Wetter
war strahlend schön. Die Silberbirken glänzten in der Sonne und
warfen gesprenkelte Schatten. Karpenko schickte Olga zwar
bewundernde Blicke hinüber, doch er war zu schüchtern, um viel zu
sprechen. Wie üblich trug Pinegin seinen weißen Uniformrock und
paffte seine Pfeife. Nach zwei Wochen ständiger Konversation mit
Sergej empfand Olga das Schweigen des Soldaten als eher
angenehm.
Sie versuchte, Karpenko aus sich herauszulocken, und erfuhr,
daß er aus der Provinz Poltava südöstlich von Kiev kam und aus
einer alten Kosakenfamilie stammte. Auch er hoffte, sich einen
literarischen Namen zu machen. Durch Olga ermutigt, erzählte der
junge Kosak schließlich von seiner geliebten Ukraine. »Es ist eine
andere Welt dort im Süden«, bekannte er. »Das Leben ist einfacher.
Wenn wir Land brauchen, pflügen wir sogar jetzt noch einfach ein
Stück der leeren Steppe um, die kein Ende hat.« Pinegin nickte
nachdenklich und bestätigte: »Es ist tatsächlich so. Ich bin selbst
dort gewesen.«
»Jetzt sind Sie dran, Fjodor Petrovitsch«, sagte Olga leise.
»Sie sagen, Sie sind im Süden gewesen. Was können Sie uns darüber
berichten?«
»Ich kam durch die Ukraine«, antwortete er. »Aber ich habe
weiter südlich gedient, im Kaukasus. Wollen Sie darüber
hören?«
»Aber natürlich«, lächelte sie.
Als er begann, nahm sein schmales, hartes Gesicht einen
versonnenen Ausdruck an. Er berichtete über die hohen georgischen
Pässe, die nun zu Rußland gehörten, und über jene dahinter
liegenden, wo immer noch wilde Stämme lebten. Er beschrieb die
Bergziegen, die Schluchten, wo man in dreihundert Metern Tiefe
Hirten mit ihren Herden sah, die wogenden Nebel, über denen die
Schneegipfel rosa und weiß in den kristallblauen Himmel ragten.
»Ich war einmal in der östlichen Steppe«, fuhr er fort, »am Rande
der Wüste. Das ist eine merkwürdige Region.«
Während Olga zuhörte, dachte sie über ihn nach. Irgend etwas
war an diesem Mann, etwas Fernes, etwas, das man nicht fassen
konnte.
War er, wie Alexej meinte, gefährlich? Wenn das wirklich so
war, fand sie das seltsam reizvoll.
Mitten in diese Gedanken hinein erschien Sergej auf dem Weg.
»Die Arbeit ist getan«, rief er. »Ich bin Romeo, und du bist
Julia.« Dann flüsterte er, und sie hoffte, daß Pinegin es nicht
hörte: »Hat er dich sehr gelangweilt?«
Wenn er es gehört hatte, so reagierte er jedenfalls nicht. Sie
gingen zu viert zurück.
Mischa Bobrov beobachtete die Erwachsenen. Die junge Arina war
bei ihm. Es war ein heißer Tag gewesen, und alle waren träge. Nun
probten sie eine Szene aus »Romeo und Julia«. Mischa hörte, daß
sein Vater sich zweimal versprach. Onkel Sergej mußte ihn
verbessern. Aber es war wohl nicht so schlimm, denn Onkel Sergej
lachte dabei. Aber sein Vater war rot angelaufen. »Es ist
wunderschön, Serjoscha«, sagte Olga schließlich, »aber genug für
heute. Ich muß mich ausruhen.«
»Tee«, rief Sergej der jungen Arina zu. »Wir möchten Tee.«
Während das Mädchen ins Haus ging, trat Mischa zu Onkel Sergej.
»Na, mein kleiner Bär? Was können wir für dich tun?« fragte der und
fuhr Mischa mit der Hand durch den Schopf. Da wandte der Vater sich
ihm zu. Er hatte unvermittelt gesagt, er wolle einen Spaziergang
machen. Da sich ihm niemand anschließen wollte, fragte er seinen
Sohn, der gerade neben Sergej stand: »Nun, Mischa, kommst du
mit?«
Das Kind blickte zögernd zu Sergej auf, es war nur eine
winzige Geste. Aber sie genügte. Olga sah, wie Alexej leicht
zusammenzuckte, dann erstarrte. »Du bist also lieber mit deinem
Onkel Sergej zusammen als mit mir«, sagte er bitter.
Der Junge merkte, daß er etwas falsch gemacht hatte, und
errötete verwirrt. »O nein«, sagte er ernsthaft, »du bist mein
Papa.« Dann trat er neben Alexej.
Die beiden gingen miteinander weg, doch Olga sah, daß Alexej
den Kleinen nicht an der Hand nahm. Sie dachte daran, daß er bald
in den Krieg gegen die Türken ziehen würde, und die beiden taten
ihr leid.
Der erste Donnerschlag des großen Sturmes, der über sie
hinwegbrausen sollte, kam für alle, auch für Olga, völlig
überraschend, und zwar am folgenden Morgen, als Sergej im Badehaus
war. Niemand in Rußland, von der Herrscherfamilie bis zum
armseligsten Knecht, konnte sich ein Leben ohne das traditionelle
russische Bad vorstellen. Es ähnelte im Prinzip der finnischen
Sauna. Im Badehaus befand sich ein Ofen, der ein tiefes Gestell mit
großen Steinen beheizte, worauf Wasser gegossen wurde, damit der
Raum sich mit Dampf füllte.
Auch Sergej liebte dieses Bad. Im Sommer sprang er danach in
den Fluß, im Winter wälzte er sich im Schnee. Als er an diesem
Morgen mit wirrem Haar und keuchend aus dem Wasser stieg, kam der
kleine Mischa den Hügel heruntergelaufen und schrie: »Onkel Sergej,
sie sperren den Priester aus Russka ein!« Zwei Stunden davor war
der große rothaarige Priester von drei Gendarmen in blauen Mänteln
der Dritten Abteilung überrascht worden, die sein Haus gründlich
durchsuchten. Innerhalb einer Stunde raunte man sich in der Stadt,
im Kloster und sogar in Bobrovo die Neuigkeit zu. Was bedeutete
das? Olga ahnte es sofort. »Ach, Serjoscha«, flüsterte sie, »was
hast du getan?«
»Nichts Besonderes«, grinste er. Er hatte einen anonymen Brief
an die Abteilung geschrieben, in dem es hieß, der Priester betreibe
eine illegale Freimaurerpresse und verteile Pamphlete. Auf Olgas
Einwand, diese Anschuldigung sei unglaubwürdig, erwiderte Sergej:
»Sie ist unglaublich, aber die Gendarmen sehen das anders, nicht
wahr?«
»Ach, Serjoscha!« Olga wußte nicht, ob sie weinen oder lachen
sollte. Es war bekannt, daß Benckendorffs Abteilung mit falschen
Beschuldigungen aus allen Richtungen überschwemmt wurde. »Möge Gott
dir beistehen, wenn Alexej das herausfindet«, sagte sie.
Mittags, als die Gendarmen, die nichts gefunden hatten, sich
auf den Heimweg machten, kam Alexej von seinem Morgenritt zurück
und passierte Russka, wo ihm der arg mitgenommene Geistliche seine
Geschichte erzählte. Alexej ahnte, genau wie Olga, die
Zusammenhänge sofort.
Als Alexej an jenem Nachmittag Sergej im Kreise der Familie
sitzen sah, warf er ihm einen Blick eisiger Verachtung zu. Aber er
sagte nur: »Das wirst du noch sehr bereuen, das verspreche ich
dir.« Zu Alexejs Überraschung bat Sergejs Diener am frühen Abend um
eine Unterredung mit ihm. Für Bobrovs Leibeigene war Sergejs
Position immer undurchsichtig gewesen. Als sein Vater starb, gingen
die Besitzungen an seine Brüder; es wurde jedoch allgemein
angenommen, daß seine Jugend und seine ungebärdige Art der Grund
dafür waren, daß er übergangen wurde. Dennoch stand fest: Wenn die
Leibeigenen zwischen ihrem Herrn Alexej und Sergej hätten wählen
können, hätte es keinen Zweifel gegeben, auf welche Seite sie sich
geschlagen hätten. Die wachsende Kluft zwischen den Brüdern war
unverzüglich zur Kenntnis genommen worden. Und auch der jüngste
Ärger war nicht unbemerkt geblieben. Der junge Knecht hatte die
Situation sehr sorgfältig geprüft, ehe er am Abend dem älteren
Bruder einen genauen Bericht über eine gewisse Begebenheit in
Moskau lieferte. Als er geendet hatte, schien der Gutsbesitzer
erfreut.
»Es war recht von dir, mir das mitzuteilen«, sagte Alexej. »Du
wirst mit niemandem sprechen. Und wenn alles gut ausgeht, erlasse
ich deiner Familie ein Jahr lang den obrok.« Der Diener war
beglückt. Am selben Tag noch setzte Alexej Nachforschungen in Gang.
Am nächsten Tag herrschte eine unerträgliche Spannung im Haus.
Alexej sah aus, als werde er jeden Augenblick losdonnern. Während
des Essens wurde kaum ein Wort gesprochen. Am Abend gab es nur eine
leise Unterhaltung, und Olga fürchtete, daß ein unbedachtes Wort
einen Streit zwischen den Brüdern entfachen könnte. Insbesondere
Sergej machte den Eindruck, als wollte er seinen älteren Bruder
provozieren. Wie konnte sie nur Frieden stiften?
Als sie Karpenko anblickte, kam ihr plötzlich eine Idee.
»Warum erzählen Sie uns nicht eine Kosakengeschichte?« schlug sie
vor. Er errötete vor Freude, denn er verstand genau, was Olga
wollte. Er war froh, etwas für Olga und Sergej tun zu können, für
die beiden Menschen, die er liebte. Also begann er mit leiser
Stimme zu sprechen. Karpenko war außerordentlich stolz auf seine
Kosakenvorfahren. Er schlug alle in seinen Bann mit Geschichten aus
alten Zeiten, von wilden Kosaken, die über die offene Steppe
galoppierten, und von den Überfällen vom Zaporoger Lager aus, den
mächtigen Dnjepr entlang. Er redete sich selbst in Begeisterung,
doch als er zum Schluß kam, seufzte er betrübt: »Die Kosaken sind
jetzt alle gute Russen geworden.«
Olga konnte es ihm nicht verdenken, daß er der Vergangenheit
nachtrauerte.
Vor allem Ilja war tief beeindruckt. »Mein Gott«, rief er, »du
erzählst diese Geschichten so großartig, daß du sie aufschreiben
solltest. Damit kannst du dir einen Namen als Schriftsteller
machen. Hast du schon darüber nachgedacht?«
Karpenko errötete vor Stolz. Ja, er hatte sich das bereits
überlegt. Dann fügte er hinzu: »Wenn überhaupt, dann will ich die
Geschichten in ukrainischer Sprache schreiben. Sie klingen dann
tatsächlich noch schöner.«
»Auf ukrainisch?« fragte Ilja. »Bist du sicher?« Es gab
nämlich keine Literatur im ukrainischen Dialekt, außer einer
lustigen Versdichtung, obwohl der dem Russischen nah verwandt war.
»Verzeih«, warf Alexej ruhig ein, »aber die Ukraine ist ein Teil
von Rußland. Du solltest also auf russisch schreiben!« Seine Stimme
klang nicht unfreundlich, aber sehr bestimmt. »Außerdem wird
Ukrainisch nur von Bauern gesprochen«, fügte er mit einem
abschließenden Achselzucken hinzu. Der kleine Kosak begriff sofort.
»Es stimmt – Ukrainisch ist eine Bauernsprache«, räumte er
bereitwillig ein. »Aber genau deshalb möchte ich sie verwenden –
ich möchte ja über das Landleben schreiben, verstehst du?«
»Ganz recht!« Sergej wollte seinen Freund unbedingt
verteidigen. »Schließlich gibt es unsere russische Literatur auch
erst seit einer Generation. Warum sollten die Ukrainer sich nicht
eine eigene schaffen? Oder betrachtet es der Zar als eine weitere
Wohltat für die Ukrainer, wenn er ihre Literatur im Keim erstickt?«
Olga hielt den Atem an: Das war eine Beleidigung. Alexej wurde
blaß, doch er bemühte sich, Sergej zu ignorieren. Dagegen richtete
er an Karpenko eine heikle Frage: »Lehnt das ukrainische Volk die
Herrschaft des Zaren ab?«
Der Kosak lächelte vorsichtig. Er hätte sagen können, die
ukrainischen Bauern hegten nicht gerade eine Vorliebe für Rußland;
er hätte erwähnen können, daß die Städte durch das Programm der
Russifizierung ihre frühere Freiheit einbüßten. Aber er ging
diplomatisch vor. »Als Napoleon einmarschierte, hatte der Zar keine
loyaleren Truppen als die Kosaken«, erinnerte er. »Und die
Landbesitzer östlich des Dnjepr, woher ich komme, waren seit den
Zeiten Bohdans froh über den Schutz von russischer Seite. Westlich
des Dnjepr aber, wo der polnische Einfluß stärker ist, wird die
russische Herrschaft zwar akzeptiert, sie ist jedoch nicht
besonders beliebt.« Das war eine objektive Einschätzung, und selbst
Alexej hatte keine Einwände. Im Augenblick schwieg er. Ohne
nachzudenken, sprach Karpenko weiter. »Wißt ihr, es ist komisch;
ungefähr zehn Meilen von hier gibt es einen Ort, wo meine Familie
früher einmal einen Hof besaß. Er hat jetzt einen neuen Namen, aber
zur Zeit Peters des Großen hieß er Sumpfloch.«
Niemand hatte je davon gehört. »Es würde mich interessieren,
was das für ein Ort ist«, sagte Olga.
Und nun machte Karpenko einen großen Fehler. »Zur Zeit ist es
eine Militärkolonie«, erklärte er zögernd. Sofort wußte er, daß er
das nicht hätte sagen sollen. Alexej saß stocksteif da. Sergej
schnitt eine Grimasse. Da lächelte Alexej plötzlich. »Eine
Militärkolonie«, meinte er triumphierend. »Das ist ein grandioser
Fortschritt.«
Bei diesen Worten zuckte der Kosak zusammen. Von allen
Neuerungen, die die Regierung des Zaren in der Ukraine vorgenommen
hatte, waren die Militärkolonien die am meisten gehaßte. Es gab
etwa zwanzig davon, jede groß genug, um ein ganzes Regiment zu
beherbergen. Da Karpenko nichts einfiel, was er zugunsten dieser
fürchterlichen Einrichtungen hätte sagen können, schwieg er und biß
sich auf die Lippen.
Sergej dagegen, der innerlich kochte, hatte keine derartigen
Hemmungen. »Wenn es nach Alexej ginge, wäre ganz Rußland eine
einzige Militärkolonie«, sagte er sehr ruhig. »Wie Ivan der
Schreckliche und seine opritschnina, nicht wahr, Alexej?«
Alexejs Gesicht war wie versteinert. »Junge Leute sollten von
Dingen reden, die sie verstehen«, sagte er höhnisch, »wie, zum
Beispiel, vom Verseschmieden.« Zu Pinegin gewandt, fuhr er fort:
»Wenn das ganze Reich wie eine Militärkolonie regiert würde, ginge
alles sehr viel reibungsloser.«
Sergejs Stimme klang schneidend. »Du willst doch wohl nicht
behaupten, Alexej, daß beim Militär alles reibungslos geht?« Es
folgte Stille. Man hätte fast annehmen können, Alexej hätte diese
Bemerkung überhört, doch dann wandte er sich an Pinegin und meinte
in gleichgültigem Ton: »Mir ist so, mein Freund, als hätte ich
irgendwo einen Hund kläffen hören.« Sergejs Gesicht lief dunkelrot
an; dann brüllte er los: »Wißt ihr, wie unsere elenden Soldaten
lernen, eine Salve zu schießen? Ich will es euch sagen: Alle
zusammen! Perfekte zeitliche Übereinstimmung. Es gibt nur ein
Problem – sie lernen nicht, auf etwas zu zielen. Das ist Tatsache.
Ich habe es gesehen. Niemand kümmert sich darum, wohin sie
schießen, solange sie nur alle auf einmal feuern. Die Chancen, daß
eine russische Salve den Feind trifft, sind gleich Null.
Und dies ist die militärische Tüchtigkeit meines Bruders«,
schnaubte er verächtlich.
Alexej verlor seine Beherrschung. Es sah so aus, als wolle er
Sergej schlagen.
Nun aber sprach Pinegin. Er wirkte gefaßt, doch seine Augen
funkelten, und da war etwas Bedrohliches an ihm, als er fragte: »Du
beleidigst die russische Armee?«
»Oh, viel mehr als das«, gab Sergej zurück. »Ich kritisiere
das gesamte russische Reich, das glaubt, wenn man dem menschlichen
Geist nur eine Ordnung aufzwingt – gleichgültig, wie absurd oder
grausam diese ist –, so ist etwas erreicht worden. Ich kritisiere
den Zaren und diesen üblen Benckendorff mit seinen idiotischen
Gendarmen und seiner Zensur. Ich verachte eure Militärkolonien, wo
versucht wird, aus Kindern Maschinen zu machen; ich verachte die
Einrichtung der Leibeigenschaft, wo ein Mensch zum Eigentum eines
anderen wird. Ja, und auf alle Fälle beleidige ich die Armee, die
von den gleichen inkompetenten Leuten geführt wird, die dieses
riesige Meer von Dummheit und Verderbtheit befehligen, das sich als
russische Regierung bezeichnet.« Sergej wandte sich wieder an
Alexej: »Nun sage mir, mein tüchtiger Bruder, wie viele Termine für
Zielübungen haben russische Soldaten pro Jahr?« Alexej war zu
wütend, um zu antworten. Sergej fuhr fort: »Ich werde es dir sagen.
Drei Termine pro Jahr. So werden deine Leute ausgebildet, bevor ihr
gegen die Türken loszieht.« Er lachte unbändig. »Zweifellos setzt
du diese militärische Organisation sehr wirkungsvoll zum Ruin des
Besitzes hier ein, vor allem jetzt, nachdem die Suvorins uns nicht
länger stützen!«
»Nun, Bobrov«, warf Pinegin mit einem trockenen Lachen ein,
»wenn dein Bruder mir dies in unserem Regiment gesagt hätte, hätte
ich wahrscheinlich seinen Kopf als Zielscheibe benutzen müssen.
Aber lassen wir das! Spielen wir lieber Karten.« Gott sei Dank, daß
Pinegin hier ist, dachte Olga. Am folgenden Morgen erklärte Alexej,
er müsse nach Vladimir reiten und den Gouverneur aufsuchen. Er
wollte in einer Woche wieder zurück sein.
»Würdest du hierbleiben, mein Lieber, und auf meinen Bruder
aufpassen?« bat er Pinegin.
Mittags war Alexej schon unterwegs. Er hatte einen Brief bei
sich, den er vergangene Nacht geschrieben hatte. Er war an den
Grafen Benckendorff gerichtet.
Liebte sie ihren Bruder Sergej, fragte sich Olga. Natürlich.
Doch der Streit mit Alexej war so unnötig und seine Beleidigungen
unverzeihlich gewesen. Am Morgen, als Sergej mit Mischa zum Angeln
ging, ließ sie ihn links liegen. Den ganzen Vormittag beschäftigte
sie sich mit ihren beiden Kindern.
Am frühen Nachmittag, während die junge Arina die Kinder zu
Bett brachte, ging Olga in den Birkenwald oberhalb des Hauses. Da
bemerkte sie Pinegin in seiner weißen Uniform allein in der Allee.
Sie folgte ihm, und als sie neben ihm war, sagte sie: »Ich schulde
Ihnen Dank, Fjodor Petrovitsch.«
Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Ich stehe Ihnen immer zu
Diensten.«
Langsam gingen sie durch die Allee. »Ich bin sehr böse auf
Sergej«, seufzte Olga schließlich.
»Verzeihen Sie ihm, er ist noch ein Kind«, sagte Pinegin
leise. »Ja, wahrscheinlich haben Sie recht.«
Wieder blickte er sie an. »Aber auch Kinder, Olga
Alexandrovna, können gefährlich sein.«
Sergej – gefährlich? Schweigend gingen sie weiter. Ermutigt
von der Intimität des Augenblicks sagte sie plötzlich: »Sie haben
mir einmal etwas aus Ihrem Leben erzählt, Fjodor Petrovitsch. Aber
darf ich Sie fragen, woran Sie glauben? Glauben Sie, zum Beispiel,
an Gott? Was hilft Ihnen, wenn Sie sich in Gefahr befinden?«
Er zuckte die Achseln. »Schicksal«, antwortete er. »Wenn man
nie weiß, ob nicht irgendein Wilder einem eine Kugel in den Kopf
schießt, fängt man an, ans Schicksal zu glauben.« Er lächelte. »Das
ist beruhigend.«
»Sie sind anders als meine Brüder, nicht wahr?«
»Ja, das stimmt. Ihre Brüder hoffen immer auf irgend
etwas.«
»Und Sie? Hoffen Sie nie?«
»Wie ich schon sagte: Ich glaube an das Schicksal. Die Dinge
geschehen so, wie sie vorgesehen sind. Wir müssen unsere Bestimmung
nur annehmen.«
Sie war sich bewußt, daß er sie musterte. Sie hatte das
merkwürdige Gefühl vollkommener Sicherheit in seiner Nähe, aber sie
fühlte auch Gefahr, und die Mischung fand sie faszinierend. »Ich
glaube, ich verstehe das ein wenig«, sagte sie.
Er nickte. »Ja, Olga Alexandrovna«, sagte er leise, »wir
verstehen einander, glaube ich.«
Sie spürte, daß das als Kompliment gemeint war, und da sie
nicht wußte, wie sie sonst darauf reagieren sollte, berührte sie
leicht seinen Arm. Dann gingen sie gemeinsam zurück. Nach diesem
Erlebnis war Pinegin innerlich aufgewühlt. Es hielt ihn nicht im
Haus. Allein nahm er den Weg nach Russka. Nachdenklich setzte er
sich auf einen kleinen Grabhügel am Wegrand. Ja, warum sollte er
eigentlich nicht? Er war schließlich ein Herr. Und diese Frau war
etwas Besonderes, anders als die anderen. Da er arm war, hatte er
sich den adligen Töchtern gegenüber immer ziemlich unbeholfen
gefühlt. Und zur eigenen Beruhigung hatte er sich eingeredet, sie
seien oberflächlich, fade und ohne Interessen. Olga jedoch war
anders. Sie hat gelitten, sagte er sich. Sie kann mich wohl
verstehen. Wahrscheinlich werde ich eine wie sie nie mehr
finden.
Natürlich war er arm. Aber auch andere arme Männer hatten
reiche Frauen geheiratet. Und oft hatten die Leute sogar eine hohe
Meinung von ihnen, bewunderten sie sogar. Außerdem hatte er anderes
zu bieten: Er konnte für sich selbst sorgen, er hatte allein
gelebt. Und er hatte niemals Furcht gekannt.
Alexej würde in einigen Tagen zurückkommen. Dann wollte er,
Pinegin, seinen Antrag machen.
Der junge Karpenko blickte Sergej mit einem
erstaunten Stirnrunzeln an: Merkwürdiges ging mit seinem Freund
vor. Da war eine Erregung in ihm, die Karpenko nicht ergründen
konnte. Er wußte, daß sich hinter der Fassade, hinter jenem Sergej,
der die üblichen blöden Witze erzählte, hinter dem Moralisten, der
so zornig gegen den russischen Staat aufbegehrte, eine stille
Poetenseele verbarg. Diesen Sergej liebte er. Nun aber diese
seltsame Bitte. Warum bestand Sergej so sehr darauf?
»Ich werde tun, was ich kann«, sagte der Kosak, »obwohl ich
nicht weiß, ob das gutgeht. Ich begreife einfach nicht…« Sergej
seufzte. »Mach dir keine Sorgen«, versicherte er seinem Freund. »Tu
nur, was ich dir sage, das ist alles.« Er verstand sich ja selbst
kaum. Nur eines wußte er: »Es muß sein«, murmelte er, »es muß
einfach sein.« Er hatte alles sorgfältig geplant. Es war der 24.
Juni, das Fest des heiligen Johannes. In der vergangenen Woche,
seit seinem Streit mit Alexej und dessen Abreise, war jeder von
ihnen eher für sich geblieben, und Sergej war sich fast wie ein
Ausgestoßener vorgekommen. Ilja war mit seinen Büchern beschäftigt;
Pinegin ging häufig allein auf die Jagd. Tatjana sprach kaum mit
ihm, und selbst der kleine Mischa hielt sich eher fern. Olga hatte
betrübt zu ihm gesagt: »Ich habe wirklich versucht, Frieden zu
halten, Serjoscha. Und du hast das kaputtgemacht. Du hast mir weh
getan.«
Das bevorstehende Fest hatte die Atmosphäre jedoch entschärft.
Es war geplant, daß man nach den Feierlichkeiten an diesem Tag
gemeinsam einen Ausflug zu den alten heiligen Quellen machen würde.
Es war Sitte, in der Johannisnacht in den Wald zu gehen. Zum Fest
des heiligen Johannes des Täufers kleideten sich alle festlich. Am
späten Vormittag erschienen die beiden Arinas, auch sie fein
herausgeputzt. Wie prächtig ist doch die Tracht der russischen
Landfrauen, dachte Sergej. Heute trugen die beiden bestickte Blusen
mit bauschigen Ärmeln, darüber ein bis zum Boden reichendes,
ärmelloses Gewand, den bekannten sarafan, aus rotem Stoff
und nach der Sitte mit geometrischen Vögeln in orientalischem Stil
bestickt. Die Krönung des Ganzen bildete der hohe, tiaraartige
Kopfschmuck, der kokoschnik, ein mit Gold- und Silberfäden
und mit Flußperlen verziertes Diadem.
Gegen Mittag gingen alle hinunter ins Dorf, um den
Feierlichkeiten zuzusehen. Für diesen Tag fertigten die Bewohner
von Bobrovo kleine Puppen von Yarillo, dem alten
Fruchtbarkeitsgott, und Kupala, seinem weiblichen Pendant. Nachdem
sie durchs Dorf getragen worden waren, wurden die Puppen in den
Fluß geworfen, eine Verbindung aus Taufe und ritueller Tötung, was
in früherer Zeit Wiedergeburt bedeutet hatte.
Dann gingen sie in der warmen Sonne nach Hause, wo ein
köstliches Mahl vorbereitet war: pirozki aus Fleisch, kalter
schtschi, die sommerliche Abwandlung der Kohlsuppe; Forelle,
Truthahn und blinis. Es gab Kirsch-, Apfel- und
Himbeerkuchen, begleitet von Bergen saurer Sahne. An Getränken
wurden Kwaß, Wein und ein halbes Dutzend unterschiedlich
schmeckender Wodkasorten serviert.
Bald darauf erschienen die Frauen aus dem Dorf in ihren
wunderschönen Kleidern, stellten sich in einem Kreis auf und sangen
die hübschesten russischen Volksmelodien, die alten Kupala-Lieder.
Mischa und die beiden Kleinen waren zu Bett gebracht worden, und
die rötliche Sonne schien sanft über dem Wald, als sie sich
gemeinsam zu den Quellen aufmachten. Tatjana und Ilja fuhren in
einem kleinen Wagen, den ein Knecht lenkte. Die übrigen gingen zu
Fuß, nahmen den Weg durch den Wald, der zum Kloster führte. Dann
überquerten sie den Fluß unterhalb der Stadt. Bald darauf mußten
Tatjana und Ilja den Wagen stehenlassen und folgten dem Pfad, der
sich am Fluß entlang bis zu den Quellen hinzog. Sie gingen
paarweise: Olga und Pinegin vorne, dann Karpenko und die junge
Arina, dahinter Sergej mit der alten Arina, Ilja und Tatjana
schlossen allmählich auf.
Im Mondlicht war der Pfad gut zu erkennen. Sergej beobachtete
die übrigen. Da war Pinegin, wie immer in Weiß, neben Olga, und das
in gebührendem Abstand. Sergej sah Olgas anmutigen Gang. Karpenko
legte verstohlen den Arm um Arina. Sergej bemerkte, wie Ilja über
eine Wurzel stolperte, die seine Mutter geschickt umgangen hatte.
Jeder ist in Gedanken versunken in dieser Nacht, überlegte er;
jeder hat seine geheimen Hoffnungen.
Sergej hatte solche Gefühle noch nie gehabt. Während seiner
Kindheit war Olga immer seine Freundin, seine Vertraute gewesen.
Sie war wie ein Teil von ihm und er von ihr; jeder kannte die
Gedanken des anderen, immer, ohne daß darüber gesprochen wurde.
Doch dann wurden sie getrennt, was zu erwarten gewesen war. Das
Leben schien Sergej recht hart. Seine Karriere als Schriftsteller
ging nur langsam vorwärts. Das Geld war knapp, und oft war er
ziemlich einsam. Abend für Abend machte er sich ans Schreiben. Doch
die Verse kamen nur mühsam, und oft gab er auf. Die Hoffnung auf
Ruhm schien sich nicht zu erfüllen. Er entwickelte beim Dichten
allerdings eine Methode. Er stellte sich Olga als ständige
Zuhörerin vor. Wenn er etwas Bewegendes schrieb, wollte er sie
bewegen; war es etwas Lustiges, bedeutete dies, daß er sie zum
Lachen bringen wollte. Oft rief er, allein in seiner Wohnung:
»Meine Olga, du wenigstens wirst verstehen.« Und so war Olga, ohne
daß sie es wußte, in all diesen Jahren Sergejs imaginäre
Begleiterin.
Ob es wohl eine Enttäuschung sein würde, hatte er überlegt,
wieder mit ihr im Haus der Familie zu leben? Verheiratet,
verwitwet, mit Kindern – er dachte, daß sie sich verändert haben
müsse. Er war keinesfalls auf jene überwältigende Entdeckung
vorbereitet, die er gleich am ersten Tag machte und die ihn
mitunter erzittern ließ: Olga erfüllte seine Gedanken. Alles tat er
nur für sie. Seine ShakespeareÜbersetzungen, die sie so liebte,
hatte er Wort für Wort für sie verfaßt. Alles andere – die üblichen
Witze, der alberne Streit mit Alexej – war nur ein verrücktes
Spiel, um sie beide abzulenken, gespielt von einem Mann, der eine
Maske tragen mußte, weil seine Liebe verboten war. Niemals zuvor,
das wußte er nun, hatte er Leidenschaft empfunden. Er war am Ende.
Heute nacht, das hatte er sich gelobt, mußte die Sache bereinigt
werden. Die Quellen stürzten noch immer, wie schon vor
Jahrhunderten, in silbernen Kaskaden vom Hochufer in den Fluß. Es
war tiefe Nacht. Die Sterne glänzten. Die kleine mondbeschienene
Lichtung bildete einen schönen Ruheplatz, und die Gesellschaft
setzte sich ins Gras. Sergej wandte sich an die alte Frau: »Komm,
Arina, erzähle all deinen Kindern eine Geschichte.«
Mit leiser singender Stimme begann Arina zu sprechen. Sie
erzählte von den heiligen Quellen und von den Geistern, die darin
wohnten, von den Zauberfarnen und Blumen im Wald, von den Seelen
der verlassenen Mädchen, den rusalki, die im Fluß lebten.
Als sie geendet hatte und alle zufrieden dasaßen, meinte der kleine
Kosak: »Sag uns ein paar von deinen Gedichten auf, Sergej. Du hast
kürzlich ein paar wunderschöne verfaßt.« Als Sergej sich sträubte,
schaltete Olga sich liebevoll ein: »Ja, Serjoscha, laß uns etwas
hören.«
Er hatte sich sorgfältig darauf vorbereitet. Das erste Gedicht
hatte eine alte Sage von der Hexe Baba Jaga zur Vorlage, das die
Zuhörer zum Lachen brachte. Das zweite war ein Herbstgedicht und
das dritte ein Liebesgedicht.
Es hatte nur ein paar Zeilen, aber Sergej wußte, daß es das
Beste war, was er je geschrieben hatte. Es handelte von einem
Dichter, der nach langer Abwesenheit eine geliebte Freundin
wiedertrifft und spürt, daß seine Liebe sich in Leidenschaft
verwandelt hat.
Es beschrieb, wie in den Jahren seines unglücklichen Lebens,
während ihrer Trennung, die Erinnerung an die geliebte Frau ihm
Kraft gegeben hatte. Und wie beim Wiedersehen mit seinem Engel
seine Leidenschaft geweckt wurde. Er fühlte sich neu geboren. Und
in seinem Herzen waren »Göttlichkeit, Gedankenflüge, Leben, Tränen,
Liebe«.
Keiner blickte zu Olga hin. Sie verstanden nichts. Als Tatjana
ihn nach einer Weile fragte, wer diese Dame sei, antwortete er:
»Eine Frau, die ich in St. Petersburg kannte.« Ilja murmelte:
»Wunderschön, mein lieber Serjoscha. Ausgezeichnet. Was für ein
Herz du hast!«
Olga saß ein Stück hinter Tatjana. Sie hatte ihr Gesicht in
den Schatten zurückgenommen und neigte den Kopf, doch Sergej hatte
vorher, im Mondlicht, Tränen auf ihren Wangen entdeckt. Mein Gott,
sie wußte es! Endlich hatte sie es begriffen. So saßen sie eine
Zeitlang, bis Sergej vorschlug, zum Kloster zu gehen. Die Nacht war
noch jung. Karpenko griff die Idee sogleich auf. Pinegin schien
ebenfalls einverstanden, doch Ilja und die beiden älteren Frauen
waren dagegen. »Wir gehen zum Wagen zurück und fahren nach Hause«,
erklärte Tatjana, »sollen doch die Jungen gehen.« So trennte sich
die Gesellschaft.
Sergej ging voraus, mit ihm die junge Arina und Pinegin. Olga
folgte mit Karpenko. Sergej schritt rasch aus. Plötzlich stellte er
überrascht fest, daß der Kosak und Olga so weit zurückgeblieben
waren, daß sie sich nicht mehr in Sichtweite befanden. »Geht
weiter«, sagte er zu Pinegin. »Ich werde sie antreiben.«
Bald darauf gesellte der kleine Kosak sich zu Pinegin und
meinte: »Olga unterhält sich mit ihrem Bruder. Sie kommen gleich
nach. Hier entlang.«
Als der Weg sich gabelte, war der kleine Kosak sicher, welche
Richtung Sergej ihm beschrieben hatte. Doch nach wenig mehr als
einer halben Meile hörte der Pfad auf. Karpenko sagte: »Teufel noch
eins! Ich muß mich wohl geirrt haben.«
Sergej und seine Schwester standen nebeneinander. Sie waren
ans Flußufer gegangen. Eine Weile schwiegen sie. Dann fragte Olga:
»Das Gedicht war für mich?«
»Natürlich.«
Sie starrte ins Wasser. »Ich… hatte ja keine Ahnung. Es war
sehr schön. Aber die Worte waren… nicht für eine Schwester
geschrieben. In deinem Gedicht war von einer Liebe die Rede,
die…«
»Von Leidenschaft.«
Sie nahm seine Hand. »Ich bin deine Schwester.«
»Wir wollen niemals mehr davon sprechen«, sagte er. »Aber nur,
damit ich es weiß, wenn ich einmal sterbe: Könntest du mich so
lieben, wie ich dich liebe?«
Sie zuckte die Achseln. »Ich liebe dich als meinen Bruder.«
Sie drückte leicht seine Hand. »Was möchtest du denn, Serjoscha?
Möchtest du mich?«
»Das Universum – dich! Für mich ist es ein und
dasselbe.«
»Hast du mich hierhergebracht, um mich zu verführen?«
»Du weißt es doch.«
Sie errötete. »Ich weiß es. Unmöglich. Nicht mit meinem
Bruder.«
»Weißt du, daß ich nur dein Halbbruder bin?« fragte er leise.
»Ja. Ist das Vergehen deswegen nur halb so schlimm?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht. Es ist stärker als ich. Es ist
ein Trieb.«
»Wir können unseren Trieben widerstehen.«
»Können wir das?«
Sie rührte sich nicht von der Stelle. Da legte er den Arm um
sie, und sie standen da und starrten schweigend in die flimmernde
Nacht. Er spürte, wie sie erschauerte, und er sagte leise: »Ich
möchte dich nur einmal im Leben küssen dürfen, nur dieses eine
Mal.« Sie schüttelte langsam den Kopf und seufzte mit einem seltsam
traurigen Lächeln. Dann legte sie ihre Arme um seinen Hals. Als sie
wieder an die Weggabelung gelangten, wurde Pinegin unruhig.
»Gehen wir lieber weiter zum Kloster«, meinte Karpenko. »Sie
sind wahrscheinlich an uns vorbeigegangen.« Pinegin war anderer
Meinung. »Ich gehe zurück«, sagte er. Zu Karpenkos Schrecken
schritt er rasch den Pfad hinunter.
Plötzlich nahm Pinegin eine Bewegung wahr, einen Umriß; er sah
zwei Menschen eng umschlungen stehen. Einen Augenblick lang
trennten sie sich, so daß er im Mondlicht die Gesichter deutlich
erkennen konnte.
Eine Minute lang war Pinegin keiner Bewegung fähig. Olga, um
deren Hand er bitten wollte, war mit einem anderen Mann zusammen –
mit ihrem verwünschten Bruder. Kalte Wut packte ihn. War sie nicht
fast schon sein eigen? Warum sollte er das zulassen? Er verließ den
Pfad und wollte zu den beiden hingehen. Dann aber überlegte er es
sich. Diese Frau, die er geliebt hatte, war für ihn
gestorben.
In diesem Augenblick kam Karpenko heran. »Pinegin! Was tun Sie
da?« rief er. »Nichts!«
»Gehen wir zu den Quellen und warten dort auf sie«, schlug der
Kosak laut vor, damit die Geschwister ihn hören konnten. Während
die Männer zu den Quellen gingen, war Pinegin sehr still. Kühl
zählte er die Minuten. Als er eben zum Schluß gelangte, daß das
Fürchterliche geschehen sein müßte, daß Sergej Olga besessen haben
müßte, kamen die beiden den Pfad entlang. »Wir haben überall nach
euch gesucht«, sagte Sergej. »Es ist spät«, murmelte Olga, »wir
sollten nach Hause gehen.« Sie trat neben Pinegin.
Auf dem langen Heimweg wurde wenig gesprochen. Als schließlich
das Haus in Bobrovo in Sicht kam, dämmerte schon fast der Morgen
herauf.
Unterwegs waren Pinegin verschiedene Gedanken gekommen. Was
auch Olgas Fehler sein mochte – alle Frauen waren wohl schwach –,
Sergej hatte ihn zum Narren gemacht. Er ahnt es, dachte Pinegin, er
hat mein Interesse bemerkt. Und nur deshalb hat er das getan! Das
einfachste wäre es wohl, Sergej herauszufordern, doch über ein
Duell, gleichgültig, wie es ausgehen mochte, würde auf alle Fälle
gesprochen werden. Das würde Olga der allgemeinen Verachtung
preisgeben. Das wäre unter seiner, Pinegins, Würde. Aber ich werde
mich rächen, dachte er.
Die große Kutsche kam die Auffahrt herauf, hielt jedoch nicht
vor dem Haupteingang, sondern vor den Ställen an der Seite. Sergej
sah zuerst seinen Bruder Alexej mit dem Ausdruck grimmigen
Triumphs, dann einen finster dreinblickenden Soldaten
aussteigen.
Sergej wurde plötzlich totenblaß. Aus der Kutsche zerrten sie
eine bärtige Gestalt, die Hände in Ketten, die, als sie sich
aufrichtete, alle überragte. Sie hatten Sawa Suvorin gefaßt. Sergej
wußte, daß es seine Schuld war. Es hatte nichts genutzt, daß er
sein Geheimnis bewahrt hatte!
Dieser winzige Augenblick von Unachtsamkeit damals auf jener
Moskauer Straße! Er hatte beim Anblick Sawa Suvorins laut seinen
Namen gerufen, und da er meinte, Sawa habe ihn nicht gehört, hatte
er dummerweise die Straße überquert und ihn beim Arm genommen. Erst
als er fühlte, wie Suvorin erstarrte, erinnerte er sich, daß der
Leibeigene ja ein Entlaufener war. Sergej war immer empört gewesen
über die Behandlung der Suvorins. »Keine Angst, ich verrate dich
nicht«, meinte er rasch. Aber Sawa ging kein Risiko ein. »Eine
Verwechslung«, murmelte er. »Ich heiße nicht Sawa.« Dann wandte er
sich ab und verschwand in einem Toreingang.
Sergej folgte ihm nicht. Er blieb einen Augenblick stehen, bis
er plötzlich bemerkte, daß sie nur einige Meter von der
Grundstücksmauer der Theodosianersekte entfernt waren. »Die
Theodosianer«, murmelte er, »natürlich, das muß es sein.« Er hatte
davon gehört, daß diese Altgläubigen Menschen aufnahmen und ihnen
manchmal falsche Namen und Papiere gaben. Sicher war das der Fall
mit Sawa Suvorin. Nun, soll er Glück haben. Sergej wandte sich um
und sah plötzlich seinen Diener neben sich stehen, und da erinnerte
er sich, daß dieser einer der Leibeigenen von dem Gut in Russka
war. Was hatte der Bursche mitgehört? Er hatte ihm Prügel
angedroht, falls er irgend etwas ausplaudern sollte. Offenbar hatte
das nicht gewirkt.
Da stand auch eine rundgesichtige Frau; es mußte Sawas Frau
sein, auch einen zweijährigen Jungen hatte man aus der Kutsche
geholt. Sie standen schweigend da. In diesem Augenblick sah Sawa
Suvorin Sergej. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung, er starrte
ihn nur an. Sergej hatte den dringenden Wunsch, auf ihn zuzugehen
und ihm zu erklären, daß er ihn nicht verraten habe. Doch was
nützte das? Durch seine Unachtsamkeit, durch seine Dummheit hatte
Sawa seine Freiheit verloren.
Sergej hörte Alexej sagen: »Nun, Suvorin, morgen wirst du
ausgepeitscht.«
Als er sich umwandte, entdeckte er Sergej. »Ach, Sergej! Ich
habe Neuigkeiten für dich. Komm herein.« Niedergeschlagen betrat
Sergej das Haus. Alexej benahm sich sehr geschäftsmäßig. Er kam
sofort zur Sache. »Wie du siehst, haben wir einen Entlaufenen
eingefangen, Sergej. Es heißt, du habest ihn in Moskau getroffen,
dich jedoch außerstande gesehen, mich davon zu informieren. Damit,
so vermute ich, hast du dich der Mittäterschaft an einem Diebstahl
schuldig gemacht. Das Entscheidende aber ist, daß Graf Benckendorff
mich gebeten hat, auf dich aufzupassen. Ich war nach dieser
Entdeckung leider nicht in der Lage, einen sehr günstigen Bericht
zu erstatten. Der Graf hat demnach bestimmt – ich zeige dir sein
Schreiben –, daß du für eine Weile von hier verschwindest. Morgen
lasse ich dich zum Militärgouverneur von Vladimir bringen. Er wird
das Nötige veranlassen und dich nach Osten schicken – nicht nach
Sibirien, nur in den Ural. Du sollst dort drei Jahre bleiben,
glaube ich.« Exil. Drei Jahre Exil im Ural, Hunderte von Meilen
jenseits der Wolga.
1844
Das Duell zwischen Sawa Suvorin und der
Familie Bobrov trat in diesem Jahr ins letzte Stadium.
Sawa Suvorin hatte niemals aufgegeben. Nachdem er Tatjanas
Brief mit der Nachricht über das Schicksal seines armen Vaters
erhalten hatte, floh er aus Moskau und nahm außer etwas Geld, das
er in seine Kleider eingenäht hatte, nur die kleine dunkle Ikone
mit. Zwei schreckliche Jahre hatte er dann, um unentdeckt zu
bleiben, Lastkähne auf der Wolga gezogen. Es war eine zermürbende
Arbeit. Viele Männer, die mit ihm arbeiteten, sah er dabei sterben.
Gott aber hatte ihn stark gemacht.
Danach ging er auf den großen Jahrmarkt in Niznij Novgorod,
doch es war schwierig, ohne gültige Papiere etwas anderes als
niedrigste Arbeit zu finden, und so kam er schließlich nach Moskau
zurück. Die Gemeinde der Theodosianer nahm ihn freundlich auf und
gab ihm falsche Papiere. In Moskau hatte er sich wohl gefühlt. In
der Gemeinde gab es viele tatkräftige Geschäftsleute, und bald
wurden sie auf Sawa aufmerksam. Er heiratete die Tochter eines
solchen Mannes, ein stilles Mädchen mit einem erstaunlichen Gespür
für das praktische Leben. Sie gaben ihrem Kind den Namen Ivan. Und
da, 1827, war ihm Sergej über den Weg gelaufen. Einen Tag nachdem
man ihn zurück nach Russka gebracht hatte, wurde er auf Alexejs
Geheiß ausgepeitscht. Als die Peitsche seinen Rücken striemte,
konzentrierte er sich mit aller Kraft auf einen Gedanken: Ich werde
leben, und eines Tages werde ich frei sein. Nach dem zwanzigsten
Peitschenhieb erschien Tatjana und schrie zornig: »Genug. Schluß
damit!« Ihre Wut war so groß, daß selbst Alexej nicht wagte,
fortzufahren.
Auch in Zukunft stellte Tatjana sich oft schützend vor Sawa
und sorgte dafür, daß Alexej seinen Leibeigenen nicht systematisch
ruinieren konnte. Zunächst lieh sie Sawa Geld für den Neuanfang.
Und Sawa Suvorin verlor keine Zeit. Er ging unbeirrbar seinen
Weg.
Bereits im Jahre 1830, als Alexej im militärischen Einsatz
war, um einen erneuten polnischen Aufstand niederzuschlagen,
gründete Sawa ein kleines Unternehmen für Baumwolldrucke, das
erstaunliche Gewinne abwarf. Als Alexej bei seiner Rückkehr sah,
was geschehen war, versuchte er, einen derart hohen obrok zu
fordern, daß er Sawa damit ruiniert hätte. Sawa sagte zu seiner
Frau: »Dieser Dummkopf will nicht von mir profitieren – er will
mich kaputtmachen.«
Tatjana, die während Alexejs Abwesenheit den Besitz geleitet
hatte, konnte ihren Sohn allerdings von seinem Vorhaben abbringen,
und Sawa war in der Lage weiterzuarbeiten. Tatjana war es zu
verdanken, daß er nicht nur einen vernünftigen obrok zu
entrichten hatte, sondern innerhalb von zehn Jahren in Russka eine
Tuchfabrik auf die Beine stellen konnte, die ihn reicher machte als
je zuvor. Aber dennoch wurde Alexej von Jahr zu Jahr ein wenig
ärmer. Tatjana konnte ihn zwar zu einer halbwegs vernünftigen
Leitung des Besitzes bringen, doch gegen seine persönlichen
Ausgaben konnte sie nichts unternehmen. Wenn er auch streng war –
das gute Leben gefiel ihm. Als Sohn Mischa heranwuchs und für die
Garde bestimmt wurde, sorgte Alexej großzügig für ihn. Für die
Familienehre, meinte er. Der Extra-bobrok aus Sawas
Tätigkeit, der eigentlich in den Besitz hätte zurückfließen sollen,
verleitete ihn zu noch größeren Ausgaben, die häufig seine
Einnahmen überschritten. Dagegen nahm Sawa seinen eigenen Sohn hart
heran. Der junge Ivan hatte zwar nicht die hochragende Gestalt des
Vaters, war jedoch ein schlauer Junge mit einer schönen Singstimme.
Sawa hatte an sich nichts dagegen, doch er bestimmte, wo das
Interesse seines Sohnes an Musik ein Ende haben mußte. Als Ivan im
Alter von dreizehn Jahren törichterweise mit einer soeben
erworbenen Violine nach Hause kam, nahm Sawa sie und zerschlug sie
auf dem Kopf des Sohnes, daß dieser fast betäubt wurde. »Dafür hast
du keine Zeit«, hieß es. Neben dem vielen anderen, was Herrn und
Knecht einander zum Feind machte, war auch Sawas religiöse
Überzeugung. Er war ein Altgläubiger. Seine Verbindung zu den
Theodosianern hatte er aufrechterhalten. Wenn er in Gesellschaft
aß, tat er es in der Manier der Altgläubigen: Er saß abseits und
benützte seine eigene Holzschüssel und einen kleinen Holzlöffel mit
einem Kreuz darauf. Für Alexej war Sawas stilles Bekenntnis zu
seinem Glauben höchst verdächtig. »Das ist gegen das Wohl
Rußlands«, war seine unumstößliche Ansicht.
Im Jahre 1832 nämlich hatte Zar Nikolaus' Regierung eine
Doktrin aufgestellt, die in gewissem Sinn die Weichen des gesamten
russischen Verwaltungsapparates für dieses Jahrhundert und darüber
hinaus stellte: die berühmte Doktrin des Staatsnationalismus. Darin
wurde weithin vernehmbar verkündet, das Wohl Rußlands liege in drei
Dingen begründet: Orthodoxie, Autokratie des Zaren und
Russentum.
Alexej galt diese Doktrin vom Augenblick ihrer Verbreitung an
als etwas Heiliges. Deshalb hielt der autoritäre Landbesitzer den
unbeugsamen Altgläubigen für hinterhältig, unloyal und ungehorsam.
Im Jahre 1837 fragte Sawa seinen Herrn, wieviel es ihn koste, die
Freiheit seiner Familie zu erkaufen.
»Nichts, denn ich werde dich niemals freilassen«, war die
Antwort. Im folgenden Jahr erhielt Sawa auf dieselbe Frage dieselbe
Antwort.
»Darf ich wissen, warum, Herr?« fragte er.
»Selbstverständlich«, erwiderte Alexej. »Weil ich dich lieber dort
behalte, wo du bist, Suvorin.«
1839 begann die Hungersnot. Jahrelang hatte es keine Mißernte
gegeben. Nun fiel die Ernte zwei Jahre hintereinander aus. Alexej
hielt sich in der Ukraine auf. Obwohl Tatjana fast siebzig war, lag
die Last auf ihren Schultern.
Für Russka waren die Mißernten und die darauffolgende
Hungersnot außerordentlich schlimm. »Das Gut in Rjazan ist völlig
am Ende«, jammerte Ilja. »Der Verwalter schreibt, sie haben das
Vieh schlachten müssen, weil es kein Futter für den Winter gibt.«
Im Winter 1840 war die Situation verzweifelt.
Tagtäglich ging Tatjana in den Ort und von Haus zu Haus. Im
Herrenhaus gab es noch einen eisernen Vorrat für Härtefalle. Zwei
Besuche waren ihr besonders wichtig, der eine bei den Romanovs,
denn ihr Sohn Timofej war der Spielgefährte des kleinen Mischa
gewesen. Der zweite führte sie zu der isba, wo die junge
Arina nun mit ihrem Mann und den vier Kindern lebte. Daß sie der
Nichte half, schuldete sie der alten Arina, die fünf Jahre zuvor
gestorben war. Es war eine elende Plackerei. Außer der Ältesten,
einem freundlichen Mädchen namens Varja, kränkelten die Kinder, und
innerhalb von vier Wochen sah Tatjana drei sterben. Was fast noch
schlimmer war – sie konnte Arina nicht überreden, selbst etwas zu
essen. Alles, was sie ihr gab, erhielt Varja. Im verzweifelten
Versuch, wenigstens eines ihrer Kinder zu retten, opferte die
Mutter sich auf. Tatjana war überzeugt, daß Arina sich lange Zeit
von einer einzigen Rübe ernährt hatte. Das Leiden dieser Leute, das
Tatjana mitgetragen hatte, schwächte auch ihre Gesundheit. Traurig
meinte sie zu Ilja: »Irgend etwas ist in meinem Inneren geschehen.
Ich glaube nicht, daß ich noch lang lebe.« Im Frühjahr 1840, als
die Dinge sehr schlecht standen, kam ein merkwürdiges Gerücht in
Umlauf. Tatjana hörte es von Ivan Romanov, als sie eines Morgens
ihren Besuch in der isba machte. »Der Zar«, sagte er, »der
Zar kommt hierher.«
»Du meinst Zar Nikolaus?«
»O nein. Der letzte Zar. Alexander. Der Engel.« Es war eines
dieser seltsamen Gerüchte der russischen Geschichte, daß Zar
Alexander I. im Jahre 1825 nicht gestorben sei, sondern als Mönch,
meist unter dem Namen Fedor Kuzmich, umherwandere. Tatjana lächelte
traurig dazu, aber es ging gegen ihre praktisch ausgerichtete
Natur. Da kam ihr jedoch eine neue Idee. Sie ließ Sawa Suvorin
kommen. »Einen Zaren brauchen wir hier nicht unbedingt, aber neues
Saatgut für Wechselanbau«, meinte sie.
»Ich möchte, daß du dich erkundigst und herausfindest, was es
da gibt.«
Drei Monate später erstattete Suvorin mit einem leichten
Schmunzeln Bericht. Er hatte ein Säckchen bei sich, aus dem er
etwas Schmutziges, Graubraunes nahm. »Hier haben Sie die Antwort.
Die deutschen Siedler bauen diese Dinger seit langem im Süden an,
aber wir hier oben haben sie nicht.«
»Was ist das?« fragte sie. »Eine Kartoffel«, antwortete
er.
So baute man eines der wichtigsten Nahrungsmittel der
kommenden Zeit, ehe es auf den Privatgütern der Provinz eingeführt
wurde, zuerst in Russka an. Obwohl Sawa Suvorin die Hungersnot
bedauerte, fand er doch ein grimmiges Vergnügen an den Mißernten
von 1839 und 1840. »Zwei Jahre lang hat er nun kein Einkommen
gehabt«, sagte er zu Frau und Sohn. »Dieser verflixte Alexej Bobrov
kann nicht mehr viel länger durchhalten. Es ist Zeit, ihm ein
Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann.« Im folgenden
Frühjahr bat er Tatjana um einen Paß für einen Moskaubesuch. Im Mai
1844 trat Sawa Suvorin vor Alexej Bobrov hin und machte sein
erstaunliches Angebot. »Fünfzigtausend Rubel.« Selbst Alexej war
wie vom Donner gerührt: Das war ein Vermögen! »Ich komme morgen
zurück, Herr, damit Sie es sich überlegen können.« Damit zog Sawa
sich diskret zurück. Sawas Plan war höchst ehrgeizig. Er hatte mit
den Theodosianern eine gigantische Anleihe ausgehandelt, zinsfrei
für die Dauer von fünf Jahren. Damit konnte er sich seine Freiheit
erkaufen und mit einer einzigen großen Investition das Unternehmen
Suvorin für immer in seinen Besitz bringen.
Zu jener Zeit gab es in Rußland kein besser florierendes
Geschäft als die Baumwollproduktion aus importiertem Rohmaterial.
Sawa plante nicht nur die Umstellung seiner Holzfabrik auf eine
Baumwollfabrik, sondern auch die Steigerung der Produktion durch
den Kauf einer großen, dampf betriebenen Feinspinnmaschine aus
England. »Ich mache das aber erst, wenn ich frei bin«, erklärte er
seiner Familie.
Fünfzigtausend Rubel. Dieses außergewöhnliche Angebot mußte
sich der Landbesitzer wohl überlegen. Alexej Bobrov war eine
eindrucksvolle Erscheinung, wenn er auch älter aussah als seine
einundfünfzig Jahre. Sein graues Haar war kurz geschoren, die
Wangen waren mit dem Alter fülliger geworden, was sein ehemals
scharf geschnittenes Gesicht veränderte. Auf seiner Uniform trug er
zahlreiche Orden und Ehrenzeichen. Da er zum zweitenmal verwitwet
war und infolge einer alten Kriegsverletzung leicht hinkte, hatte
er in diesem Jahr seinen ehrenvollen Abschied genommen und lebte
nun ständig auf seinem Besitz in Bobrovo. Als er seiner Mutter und
dem Bruder Ilja von dem Angebot erzählte, waren sie beide der
Meinung, er solle es annehmen. »Damit könntest du alle Schulden aus
den Mißernten tilgen, die nötigen Verbesserungen auf dem Gut
vornehmen und eine ganze Menge zurücklegen«, überlegte Tatjana. Für
mindestens eine Generation wären die Bobrovs aus allen
Schwierigkeiten heraus. Iljas Antwort war ein wenig anders. Wenn er
sich auch nie ganz klar über seinen Fehler mit dem gestohlenen Geld
geworden war, fühlte er sich doch schuldig wegen der Art und Weise,
wie seine Familie die Suvorins behandelte. Abgesehen davon aber gab
es noch eine Überlegung: »Entschuldige, mein lieber Bruder, wenn
ich das so ausdrücke, aber tatsächlich hält doch jeder zivilisierte
Mensch in Rußland die Leibeigenschaft für abscheulich. Selbst unser
Zar, den die meisten Menschen als reaktionär ansehen, denkt
offenbar daran, die Leibeigenschaft abzuschaffen. In jeder Saison
kommt ein neues Gerücht aus der Hauptstadt, daß etwas unternommen
werde. Was wird Suvorin dir anbieten, wenn er glaubt, daß er in ein
bis zwei Jahren seine Freiheit ohnehin erhält?«
Alexej ließ sich davon nicht überzeugen. Iljas Argument wies
er auf der Stelle von sich. »Seit ich lebe, wird schon von der
Befreiung der Leibeigenen gesprochen«, sagte er, »und doch ist nie
etwas geschehen. Der Adel gestattet das nicht.« Er war schlau
genug, um die Quelle von Sawas Reichtum zu ahnen. Es müssen diese
verwünschten Theodosianer sein, dachte er. Er erinnerte sich, was
ihm der rothaarige Priester in Russka im vergangenen Jahr erzählt
hatte: Wo immer diese Altgläubigen ihre Unternehmen errichten,
bekehren sie die ansässigen Bauern, und die orthodoxe Kirche
verliert ihre Schäfchen.
Alexej konnte sich ausmalen, was geschehen würde, wenn er
Suvorin nicht mehr unter seiner Aufsicht hätte. Die ganze Gegend
würde von Schismatikern überschwemmt werden. Als ein Verfechter der
Doktrin vom Staatsnationalismus war er entsetzt von dieser
Vorstellung. Schließlich, und das war das Wichtigste, sagte er sich
insgeheim: Meine Mutter lebt auch nicht ewig; und wenn sie einmal
nicht mehr ist, dann presse ich diesen Schismatiker Suvorin aus,
bis er aus dem letzten Loch pfeift. Soll er ruhig viel Geld
verdienen – ich werde dafür sorgen, daß er dennoch als armer Mann
stirbt. Als Sawa am nächsten Tag vorsprach, blickte Alexej Bobrov
ihn kühl an und erklärte: »Ich danke dir für dein Angebot, Suvorin,
doch die Antwort ist nein.«
Sawa wußte, daß diese Entscheidung keinesfalls in Bobrovs
Interesse war; deshalb fragte er, wann über das Thema noch einmal
gesprochen werden könne. »Niemals!« war die Antwort.
An jenem Abend erzählte Sawa seiner Frau von der Unterhaltung
und meinte: »Dieser Dummkopf ist keiner Vernunft zugänglich.« Als
sie ihren Mann trösten wollte, daß Alexej eines Tages vielleicht
seine Ansicht ändern werde, antwortete Sawa grimmig: »Er gibt nicht
nach, bis er ruiniert ist.«
Um diese Zeit fing Ilja an, sich merkwürdig zu verhalten.
Niemand wußte, was in ihn gefahren sein konnte. Normalerweise saß
er, wenn die Tage wärmer wurden, mit seiner Lektüre am Fenster im
Salon oder auf der Veranda. Nun aber verbrachte er Stunden in
seinem Zimmer und verschloß die Tür hinter sich, so daß das
Personal keinen Zugang hatte. Und wenn er auftauchte, murmelte er
mit gefurchter Stirn vor sich hin. Er lief stundenlang in der Allee
oberhalb des Hauses auf und ab. Wenn Alexej oder Tatjana fragten,
was mit ihm sei, bekamen sie nichtssagende Antworten. Als Ilja
wieder einmal ruhelos in der Allee spazieren lief, verspürte
Tatjana das erste Anzeichen; es war nicht viel, nur ein plötzlicher
Schwindel. Einige Stunden danach, als sie im Salon saß, verlor sie
für etwa eine halbe Minute das Bewußtsein. Sie sagte niemandem
etwas davon, verrichtete weiterhin ihre tägliche Arbeit, doch von
jenem Augenblick an dachte sie, daß ihre Tage gezählt seien. Eine
Woche darauf wurde sie wieder ohnmächtig. Sie war einsam und hatte
Angst. Sie wäre gern täglich in die Kirche gegangen, doch der
rothaarige Priester in Russka gab ihr wenig Trost. So ging Tatjana
ins Kloster und unterhielt sich mit den Mönchen, und das tat ihr
wohl. Nach einer Sonntagsmesse kam eine Bäuerin, die sie kaum
kannte, freundlich lächelnd auf sie zu und sagte: »Sie sollten den
alten Einsiedler aufsuchen.« Tatjana hatte von dem Mann gehört. Er
war einer der Mönche aus dem kleinen Kloster jenseits der Quellen,
und er hatte zwei Jahre zuvor die Erlaubnis erhalten, sich tiefer
im Wald in eine eigene Einsiedelei zurückzuziehen. Man erzählte
sich, daß Vater Basilius ein sehr heiliger Mann sei.
Eine Woche lang schob Tatjana den Gedanken von sich, doch dann
wurde sie wieder ohnmächtig und spürte einen Schmerz in der Brust,
der sie zusammenzucken ließ. Zwei Tage darauf ließ sie den Kutscher
einen kleinen einsitzigen Wagen anspannen und fuhr davon, ohne
jemandem zu sagen, wohin.
Die Fahrt dauerte den ganzen Vormittag. Zuletzt mußte
sie den Kutscher zurücklassen und das letzte Wegstück zu Fuß
zurücklegen. Sie hatte sich den Ort ganz anders vorgestellt. Auf
der ziemlich großen Lichtung stand eine einfache, doch solid
gebaute Hütte, davor befand sich ein Gemüsegärtchen. Auf einer
Seite sah Tatjana zwei Bienenstöcke in hohlen Baumstämmen. Vor der
Tür stand ein Tisch mit Büchern und Papieren, und daran saß ein
Mönch. Er sah Tatjana freundlich entgegen. Sie hatte gehört, er sei
Asket und fünfundsiebzig Jahre alt. Zu ihrer Überraschung wirkte
der Mann höchst kultiviert und energisch. Seine braunen Augen
blickten sie klar und offen an.
»Oh, mir war so, als spürte ich jemanden kommen«, sagte er. Er
nickte höflich, als Tatjana sich vorstellte, und holte einen
Schemel für sie.
Es war angenehm warm. Die leichte Brise, die in den Blättern
raschelte, war auf der Lichtung kaum zu spüren. Als Tatjana aber
den Bären entdeckte, konnte sie kaum einen Schrei unterdrücken. Er
trottete über die Lichtung auf sie zu.
»Ach, Mischa«, sagte der Einsiedler sanft. Er lächelte Tatjana
zu. »Er kommt, weil er Honig möchte und weiß, daß er nicht an die
Bienenstöcke gehen darf.« Er strich dem Bären liebevoll über den
Kopf. »Fort mit dir, du böser Bursche«, sagte er freundlich, und
der Bär trollte sich.
Nun setzte Vater Basilius sich wieder. Dann begann er leise zu
sprechen, ohne Fragen zu stellen.
»Was unser Leben nach dem Tode anbetrifft, hat der orthodoxe
Glaube eine sehr klare Vorstellung. Sie müssen nicht fürchten, daß
Sie im Augenblick des Todes Ihr IchBewußtsein verlieren. Das ist
nicht der Fall. Sie sehen die vertraute Welt um sich herum, sind
jedoch nicht fähig, mit ihr in Kontakt zu treten. Gleichzeitig
werden Sie den Geistern derer begegnen, die verstorben sind,
wahrscheinlich jenen, die Sie gekannt und geliebt haben. Ihre
Seele, von der umklammernden Vergänglichkeit des Körpers befreit,
wird lebendiger sein als vorher. Zwei Tage lang haben Sie die
Freiheit, durch die Welt zu ziehen. Am dritten Tag jedoch müssen
Sie sich einem großen, schrecklichen Verhör stellen. Diesen Tag
sollen Sie fürchten. Erst wird Ihnen ein böser Geist, dann ein
weiterer begegnen; und das Ausmaß Ihres Kampfes gegen dieses Übel
im Leben wird Ihnen Kraft geben – oder auch nicht –, um es zu
bestehen. Diejenigen, die versagen, kommen direkt in die Hölle. An
diesem Tag bedeuten die Gebete der noch Lebenden eine große Hilfe.«
Tatjana blickte den Einsiedler nachdenklich an. Falls sie auf Trost
gehofft hatte, so hatte sie ihn nicht gefunden. Wer würde an jenem
Tag für sie beten? Ihre Familie vielleicht, der gestrenge Alexej?
Der Einsiedler lächelte ihr beruhigend zu. »Ich werde dann für Sie
beten, wenn Sie das wollen.«
Tatjana neigte den Kopf. »Vielleicht werden Sie von meinem Tod
nichts erfahren.«
»Ich werde es erfahren«, antwortete er. »Nach dem dritten Tag
werden Sie siebenunddreißig Tage lang durch Himmel und Hölle
ziehen, ohne Ihre eigene Bestimmung zu kennen. Dann wird Ihnen Ihr
Platz zugewiesen. Ich erzähle Ihnen das, damit Sie wissen, daß Ihre
Seele durch den Tod nicht verlorengeht, sondern unverzüglich in
einen anderen Zustand übergeht. Ihr Leben ist nur dazu da, um den
Geist für diese letzte Reise vorzubereiten. Machen Sie sich also
ohne Furcht bereit. Bereuen Sie Ihre Sünden. Bitten Sie um
Vergebung. Sorgen Sie dafür, daß Ihr Geist auf der Schwelle zu
seiner Reise demütig ist.« Er stand auf.
Tatjana erhob sich ebenfalls. Er segnete sie und reichte ihr
ein kleines Holzkreuz.
Eine Woche darauf fuhr eine bescheidene Kutsche, gelenkt von
einem schlechtgekleideten, mürrisch dreinblickenden Kutscher, vor.
Darin saßen Sergej und seine Frau. Sergej Bobrov war jetzt Anfang
Vierzig und bot das Bild eines Mannes, dessen Fähigkeiten ihm einen
bescheidenen Stand eingebracht haben, der sich aber mehr erhoffte.
Die beiden literarischen Genies seiner Generation – sein alter
Freund Puschkin und der jüngere Lermontov – waren nach einem
kometenhaften Aufstieg in der Blüte ihrer Jahre gestorben. Manche
sahen in Sergej den Mann, der in seinen mittleren Lebensjahren
fortsetzen könnte, was sie in ihrer Jugend begonnen hatten. Es war
ihm bisher noch nicht gelungen, diese Hoffnung zu rechtfertigen,
und das mochte ein Grund für die tiefen Falten auf seinem Gesicht
sein. Sein dunkles Haar lichtete sich über der Stirn. Der dichte
Backenbart ergraute; die Augen wirkten müde. Sergej kam nur selten
nach Russka, und Tatjana kannte seine ewigen Geldprobleme; aber er
beschwerte sich nie. Sobald die beiden im Haus waren und die
üblichen Höflichkeiten ausgetauscht worden waren, nahm Sergej seine
Mutter beiseite und sagte: »Ich bin übrigens gekommen, um euch alle
um einen Gefallen zu bitten.«
Sein alter Freund Karpenko, der nun in Kiev lebte, hatte
Sergej zu einer Reise durch die Ukraine eingeladen, die schwierig,
teilweise zu Pferd geplant und für eine Frau nicht geeignet war.
Sergej gedachte in zwei Monaten wieder zurück zu sein. Inzwischen
wollte er gern seine Frau bei der Familie lassen. Tatjana hätte es
unhöflich gefunden, abzulehnen. Am Abendtisch saß eine vergnügte
Runde. Tatjana war vor allem froh, Alexej und Sergej miteinander zu
beobachten. Sie hatten sich eine eiserne Regel zur Vermeidung von
Streitereien zu eigen gemacht: Über gewisse Themen wie das Militär
oder Sawa Suvorin wurde nie gesprochen. Ilja strahlte. Dieser
hochgebildete Mann konnte wenige seiner Gedanken mit Tatjana,
geschweige denn mit Alexej teilen. Seit Sergejs Anwesenheit blühte
er auf, und vor dem Essen hörte Tatjana ihn murmeln: »Ach,
Serjoscha! Wir haben so vieles miteinander zu bereden.«
Die einzige undurchschaubare Person am Tisch war Sergejs junge
Frau. Was sollte man nur von ihr halten? Er hatte Nadja drei Jahre
zuvor geheiratet. Sie kam aus guter Familie, war die Tochter eines
Generals, und wegen ihres blonden Haares und ihrer hübschen
Erscheinung galt sie eine Zeitlang in der Gesellschaft als
ätherische Schönheit. Um ebendiese Zeit war auch Sergej kurzfristig
im Gespräch. Anscheinend hatten das Mädchen und der Lebemann sich
auf Grund ihres saisonbedingten Rufs ineinander verliebt. »Blond
ist sie tatsächlich«, bemerkte Ilja nach ihrer ersten Begegnung,
»aber etwas Ätherisches kann ich nicht an ihr entdecken.«
Seit der Hochzeit hatte Sergejs Familie kaum etwas von der
jungen Frau zu sehen bekommen. Das erste Kind starb schon nach
einer Woche, und von einer neuen Schwangerschaft war keine Rede. So
saß sie still da, wirkte leicht gelangweilt und unterhielt sich
vorwiegend mit Alexej, bei dem sie sich anscheinend wohler fühlte
als bei Ilja.
Nach der Mahlzeit zogen Tatjana und Nadja sich zurück, während
die Herren sich auf die Veranda begaben, wo sie ihre Pfeifen
rauchten und sich unterhielten. Selbst Alexej war in bester
Stimmung. Nachdem Sergej den neuesten Klatsch aus der Hauptstadt
zum besten gegeben hatte, wandte Alexej sich an Ilja und erkundigte
sich: »Nun, Bruder, wo Sergej jetzt hier ist, willst du uns endlich
erklären, was zum Teufel dich die letzten Wochen umgetrieben
hat?«
Und da gab Ilja sein Geheimnis preis. »Es ist tatsächlich so,
daß ich Rußland verlasse«, antwortete er lächelnd. »Ich gehe ins
Ausland, um ein Buch zu schreiben, und zwar mit dem Titel ›Rußland
und der Westen‹. Es wird mein Lebenswerk.«
Vielleicht war es ein spontaner Einfall gewesen, vielleicht
der Höhepunkt jahrelanger Studien. Vielleicht aber war es auch der
Anblick von Alexejs Orden, der Ilja plötzlich klarmachte, daß der
Bruder sich bereits mit dem Beweis eines lebenslangen Erfolgs in
den Ruhestand begeben hatte, während er, Ilja, mit seinen
fünfundfünfzig Jahren auf dieser Welt absolut nichts vorzuweisen
hatte. Er hatte sein Leben lang studiert; er war ein
fortschrittlicher Europäer; was also lag näher, als ein Buch zu
schreiben, das sein geliebtes Rußland auf sein Schicksal hinführte,
so daß zukünftige Generationen rückblickend sagen würden: Ilja
Bobrov hat uns den Weg gewiesen.
Nun umriß er mit sichtlichem Stolz sein Projekt. »Meine These
ist ganz einfach. Rußland war in seiner gesamten Geschichte nicht
in der Lage, sich selbst zu regieren. Von außen wurden Ordnung und
Kultur in unser Land gebracht. In den Tagen des Goldenen Kiev
wurden wir von Nordländern regiert, und die Griechen gaben uns
unsere Religion. Jahrhundertelang lebten wir in der Dämmerung des
Tatarenjochs; als wir dann erwachten – wer führte uns in die
moderne Welt? Nun, es waren englische, holländische und deutsche
Wissenschaftler und Techniker, die Peter der Große ins Land holte.
Wer gab uns unsere heutige Kultur? Katharina die Große, die uns die
Aufklärung aus Frankreich brachte. Und welche Philosophen
inspirieren dich und mich, Sergej? Nun, die großen deutschen
Denker.
Es muß so sein, denn Rußland selbst hat so wenig anzubieten,
und was wir haben, gehört ins Mittelalter. Seht euch nur unsere
Gesetzgebung an! Vor ein paar Jahren hat unser edler Speranskij
endlich die große Kodifizierung der russischen Gesetze beendet, und
was ist dabei herausgekommen? Eine Rechtsauffassung, die den
westlichen Ländern schon vor tausend Jahren barbarisch erschienen
wäre. Das Individuum hat keine Rechte; es gibt keine unabhängigen
Richter, kein Verfahren mit einer Jury. Alles geschieht nach der
Laune des Zaren. Und alldem unterwerfen wir Russen uns freudigen
Herzens wie orientalische Sklaven. Kein Wunder, daß ein Fortschritt
unmöglich ist.
In England, Frankreich und Deutschland werde ich Material für
den Entwurf eines neuen Rußland sammeln. Ein Rußland nach dem
Vorbild des Westens. Eine vollständige Umstrukturierung unserer
Gesellschaft.« Ilja blickte triumphierend in die Runde. »Mein
lieber Bruder«, meinte Sergej lachend, »wenn du so sprichst, denken
die Leute, du seist verrückt.«
Ilja war keineswegs verlegen. »Ich werde beweisen, daß der
Schlüssel zu unserer geistigen Rettung nicht in der Religion, nicht
in der Politik, nicht einmal in der Rechtsprechung, sondern in der
Wirtschaft liegt. Und hier«, er lächelte selbstzufrieden, »habe ich
meine Bibel und meinen Propheten; ich spreche natürlich von dem
großen Schotten Adam Smith und seinem Werk. Eine Untersuchung über
Natur und Ursachen des Volkswohlstandes!«
Tatsächlich waren die Schriften von Adam Smith, dem Vater der
kapitalistischen Nationalökonomie und des freien Marktes, den
russischen Intellektuellen jener Zeit wohlbekannt. »Daraus
entwickelt sich alles«, erklärte Ilja, »sogar die Befreiung der
Leibeigenen.«
Alexej wurde plötzlich hellhörig. »Befreiung der Leibeigenen –
warum?«
»Weil mehrere russische Ökonomen während der letzten beiden
Jahrzehnte schlüssig aufgezeigt haben, daß du selbst besser daran
bist, wenn du deinen Leibeigenen die Freiheit gibst«, setzte Ilja
ihm auseinander. Ȇberlege doch: Ein freier Bauer bekommt einen
Anreiz, wenn er für das, was er produziert, bezahlt wird. Dein
Knecht, der ohne Belohnung zur Arbeit gezwungen wird, tut sowenig
wie nur möglich.«
»Du glaubst also tatsächlich, daß der Bauer versuchen wird, so
reich wie möglich zu werden, und sich dabei nur auf seine eigene
harte Arbeit verläßt?« fragte Alexej. »Ja, sehr
wahrscheinlich.«
»Und wenn sein schwächerer Nachbar zurückfällt, darf der denn
leiden?«
»Ja, aber man kann ihn unterstützen.«
»Und wie steht es mit einer Familie wie der unseren? Unsere
Rolle in der Geschichte war es seit jeher, dem Zaren und unserem
Land zu dienen. Soll ich mich vielleicht zu Hause um den Profit
kümmern wie ein Kaufmann?«
»Wir alle wollen einer Sache dienen, Alexej«, erklärte Ilja,
»aber ich spreche von Geld und Marktlage.«
»Nein«, erwiderte der andere, »du sprichst von Menschen und
ihrer Handlungsweise. Wenn alle Menschen nur für sich selbst
handeln, wie du es vorschlägst – wo bleiben da die Religion, die
Disziplin, der Gehorsam, die Demut? Ich sehe nur Chaos und Habgier.
Tut mir leid, Ilja, wenn das deine Vorstellung von Fortschritt ist
– meine ist es jedenfalls nicht. Es ist der unheilvolle,
selbstherrliche Weg des Westens. Dagegen hat Rußland
jahrhundertelang gekämpft. Ich und unsere Kirche, und ich nehme
sogar an, unsere Leibeigenen werden dagegen sein, solange wir einen
Funken Leben in uns haben.« Er erhob sich verärgert, wünschte eine
gute Nacht und zog sich zurück.
Sergej und Ilja blieben noch lange sitzen. Sie sprachen über
Iljas Reise, die er für den kommenden Herbst geplant hatte, über
Literatur, Philosophie und viele andere Themen. Spätnachts meinte
Sergej schließlich: »Weißt du, lieber Bruder, Alexej hat gar nicht
so unrecht, was deine Ideen anbelangt. Du greifst unser armes altes
Rußland an, aber du täuschst dich in diesem Land.«
»Wieso?«
Sergej seufzte. »In erster Linie möchtest du, daß Rußland
bessere Leistungen erbringt. Ehrlich gesagt, das ist unmöglich.
Rußland ist zu groß, das Klima ist zu schlecht. Wir sind das
Ödland, das die Römer niemals eroberten. Im Westen sind die Städte
durch Straßen verbunden. Und was haben wir? Eine Schotterstraße im
ganzen Reich, von Moskau nach St. Petersburg, von Peter dem Großen
geplant, doch erst 1830, mehr als hundert Jahre nach seinem Tod,
ausgeführt. Europa hat Eisenbahnen. Was haben wir? Man begann mit
dem Bau einer Eisenbahn letztes Jahr, und zwar von der russischen
zur österreichischen Hauptstadt, doch der Zar selbst erklärte, er
halte es für gefährlich, wenn Menschen sich derart rasch
fortbewegten. Rußland ist nicht der geschäftige Westen und wird es
niemals sein. Rußland wird weiterhin langsam und leistungsschwach
sein. Und soll ich dir etwas verraten? Es macht nichts aus. Damit
komme ich zum zweiten Einwand. Deine Vorschläge für Rußland
entstammen deinem Gehirn. Sie sind logisch, vernünftig, klar
umrissen. Deshalb haben sie mit der Sache an sich nichts zu tun.
Die Russen werden sich auf diese Weise nie motivieren lassen, und
das kann der Westen nicht verstehen. Du mußt Rußlands Herz
anrühren. Das Herz, die Seele, Ilja, nicht das Hirn. Inspiration,
Verständnis, Sehnsucht, Energie – all das kommt aus dem
Herzen.
Unser Begriff von Heiligkeit, von wahrer Gerechtigkeit, von
Gemeinschaft – das alles kommt aus dem Geist und läßt sich nicht in
Gesetze und Regeln zwingen. Wir sind weder Deutsche noch Holländer,
noch Engländer. Wir sind Teil des Heiligen Rußland, das all diesen
Ländern überlegen ist. Ich, ein Intellektueller, ein Europäer wie
du, sagt dir dies.«
»Du gehörst also zu dieser neuen Gruppe, die für Rußland
außerhalb des übrigen Europa eine Sonderstellung beanspruchen, die
man Slavophile nennt, wenn ich dich recht verstehe?« fragte Ilja.
»Das stimmt«, antwortete Sergej, »und ich sage dir, Ilja, es ist
die einzige Möglichkeit.«
Schließlich umarmten sich die beiden Brüder innig, erfüllt von
all diesen Gedanken, und gingen zu Bett. Am nächsten Morgen brach
Sergej in die Ukraine auf. Alexej Bobrov war guter Laute, als er an
diesem Augustmorgen durch Vladimir schlenderte. Vor seiner Abreise
hatte er einen Brief seines Sohnes Mischa erhalten, in dem jener
mitteilte, daß er auf dem Weg von seinem Regiment nach St.
Petersburg für zehn Tage nach Russka komme. Also wird er hier sein,
wenn ich wieder zurück bin, dachte Alexej.
Der Sommer war gut vorübergegangen. Der verflixte Sawa Suvorin
hatte sich ruhig verhalten. Arinas Tochter Varja hatte den jungen
Timofej Romanov, Mischas Jugendgespielen, geheiratet. Alexej hatte
beide gern. Die Romanovs verhielten sich immer respektvoll. Er war
auch im Bezirk tätig gewesen, war dem Adelsmarschall als Beistand
zugeordnet, dessen Pflichten weitgehend darin bestanden, die
Register des ansässigen Adels auf dem laufenden zu halten. Nun
hatte er Zeit übrig, und er machte Besuche bei den benachbarten
Landbesitzern – um den Anschluß nicht zu verlieren, wie er es
ausdrückte.
Er war außerdem angenehm überrascht von Sergejs Frau. Er fand
es erstaunlich, wie eine so sensible junge Frau seinen Bruder hatte
heiraten können. Er stellte eine weitgehende Übereinstimmung
zwischen ihr und sich fest. Leider schienen Tatjana und Ilja nicht
sonderlich gut mit ihr auszukommen. Sie jedoch zeigte sich ihm von
ihrer liebenswürdigsten Seite. »Ich finde es schlimm, daß Sergej
mich in einem solchen Land zurückläßt«, sagte sie zu Alexej, »wo
den ganzen Tag nichts los ist. Ich bin so froh, daß ich Sie zur
Gesellschaft habe.«
Alexej war auf dem Weg zu einem mehrtägigen Besuch bei einem
benachbarten Landbesitzer über Vladimir gekommen. Er hatte soeben
dem Gouverneur einen Besuch abgestattet und wollte die Kathedrale
besuchen. Und an niemanden hätte er jetzt weniger gedacht als an
die Person, der er in diesem Augenblick seine offenen Arme
entgegenstreckte und rief: »Mein lieber Freund! Was machen Sie denn
hier? Besuchen Sie uns doch wieder einmal!« Es war Pinegin.
Die Willkommensfeier war wunderbar. Mischa war froh, wieder
daheim zu sein. Er war einige Tage früher als erwartet in Bobrovo
eingetroffen und freute sich, Sergejs Frau Nadja dort zu begegnen.
Sie war nur ein paar Jahre älter als er, und er fand sie recht
schön. Es war verständlich, warum Mischa Bobrov in seinem Regiment
beliebt war. Er sah seinem Vater Alexej ähnlich, allerdings etwas
kleiner und stämmiger. Intellektuell war er dem Vater weit voraus.
Er unterhielt sich gern mit seinem Onkel Ilja über Lebensfragen.
Mischa war optimistisch und temperamentvoll, und er nahm die Dinge
leicht. Selbst Alexejs gelegentliche trübe Stimmungen lösten sich
in Gegenwart des Sohnes meistens auf. Wie gewöhnlich widmete Mischa
den ersten Tag den Menschen, die ihm am nächsten standen. Eine
Stunde lang saß er bei seiner Großmutter, der restliche Vormittag
gehörte Ilja. Mischa machte auch Besuche im Dorf, küßte Arina,
schaute bei seinem Jugendfreund Tunofej Romanov und dessen Frau
Varja vorbei. Kurz und gut, Mischa war daheim, und die Welt war im
Lot. Dieser Fremde, Pinegin, interessierte ihn. Er hatte eine vage
Erinnerung an den Mann aus seiner frühen Kindheit, der damals
schon, wie heute, stets in einem weißen Uniformrock und mit einer
Pfeife im Mund zu sehen war. Pinegin war in den Vierzigern, hatte
sich jedoch bis auf ein paar Augenfältchen und die Tatsache, daß
sein ehemals rötliches Haar ergraut war, kaum verändert. Er
begrüßte Mischa mit einem freundlichen, wenn auch zurückhaltenden
Lächeln. Pinegin versuchte, sich bei Sergejs Frau Nadja beliebt zu
machen, gab für sie und Tatjana auf der Veranda seine Anekdoten zum
besten oder begleitete sie auf ihren Spaziergängen in der Allee. Am
zweiten Nachmittag schlenderte Mischa dort hinauf, um die beiden zu
treffen. Wie vor den Kopf geschlagen blieb er stehen, als er sie
auf der Lichtung neben dem Park in enger Umarmung entdeckte. Mischa
verhielt sich ganz still – er konnte es nicht fassen, daß Nadja und
Pinegin sich küßten.
Das war denkbar einfach gewesen. Vielleicht, so dachte
Pinegin, wäre die Rache noch süßer gewesen, wenn die junge Frau
ihren Mann wenigstens ein bißchen lieben würde. Es war seltsam,
wieder in Russka zu sein. »Du mußt sofort kommen, mein lieber. Ich
komme in ein paar Tagen nach. Unterhalte bitte bis dahin die
Damen.« Das waren Alexejs Worte gewesen. Während Pinegin die Straße
entlangeilte, zuckte er die Achseln. Ihre Begegnung mitten auf der
Straße hatte schon etwas Seltsames. Doch wer an ein
vorherbestimmtes Schicksal glaubt, den überrascht nichts
wirklich.
Siebzehn lange Jahre waren inzwischen vergangen, Jahre der
Kämpfe in der Ferne. Oft hatte er sich in Gefahr befunden, doch er
war immer ruhig geblieben – dem Schicksal konnte man nicht
entgehen. Mancher Mann war zwar ein Held, wurde aber trotzdem
vergessen von der Stelle, die die Beförderungen vergab. Ein reicher
Mann wie etwa Olgas zweiter Gatte wurde schleunigst befördert, doch
er, Pinegin, war immer noch Hauptmann. Siebzehn lange Jahre waren
vergangen. Nach dem Türkenfeldzug von 1827 hatte er jeden Kontakt
mit Alexej verloren. Aber auch über die Entfernungen hinweg erhielt
er Nachrichten. Er erfuhr, daß Olga wieder geheiratet hatte; er
hörte, daß Sergej aus dem Exil zurück war, und las alle seine
Werke, kaum daß sie erschienen waren. Ihn erreichte auch die
Neuigkeit von Sergejs Heirat mit einer Generalstochter, und es
gelang ihm, durch einen Bekannten ein Miniaturbild des Mädchens zu
erhalten. Er wußte, daß sie ein Kind verloren hatten. All diese
Details über die Familie, von der er sich beleidigt fühlte,
bewahrte Pinegin sorgfältig in seinem Gedächtnis auf.
Da er an das Schicksal glaubte, hatte er nichts weiter zu tun,
als geduldig auf das Zeichen zu warten, das die Götter ihm
beizeiten geben würden; im richtigen Moment wäre er bereit. Das
erwartete Zeichen war nun unbezweifelbar gegeben worden, und
Pinegin war eiskalt und berechnend zu Werke gegangen. Wie du mir,
so ich dir: Demütigung gegen Demütigung. Er würde Sergejs Frau
verführen. Was Alexej vor langer Zeit geäußert hatte, traf zu:
Pinegin war gefährlich.
Mischa überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Er liebte
seinen Onkel Sergej, und er würde diese furchtbare Sache nicht
einfach so laufenlassen.
Während die übrigen am Abend auf der Veranda Karten spielten,
fand Mischa einen Vorwand, um allein mit Pinegin zur Allee
hinaufzugehen. Er bemühte sich, liebenswürdig und höflich zu sein.
Als sie aber nahe der Stelle angelangt waren, wo Pinegin Nadja
geküßt hatte, sagte Mischa leise: »Ich war heute nachmittag hier,
wissen Sie?«
Pinegin antwortete nicht.
»Ich kenne meine Schwägerin kaum«, fuhr Mischa ruhig fort.
»Sie war den ganzen Sommer allein hier. Ich habe das, was ich
gesehen habe, wahrscheinlich falsch ausgelegt. Sie werden jedoch
sicher verstehen, Hauptmann Pinegin, daß ich Sie bitten muß, in
Abwesenheit meines Vaters und meines Onkels alles zu unterlassen,
was meine Familie entehren könnte.« Pinegin schwieg immer noch und
zog an seiner Pfeife. Mit diesem jungen Mann hatte er nicht
gerechnet. Die Tat war das Mittel zum Zweck. Pinegin hatte es sogar
dem Schicksal überlassen, ob Sergej diesen Racheakt entdecken
würde. Wenn ja – um so besser. Der junge Mischa war jedoch eine von
den Göttern eingeführte Nebenfigur. Was war nun zu tun? Er wandte
sich um und schlenderte die Allee hinunter, Mischa an seiner
Seite.
»Gewiß habe ich keinen Grund, mit Ihnen zu streiten, Michail
Alexejevitsch«, sagte er schließlich, »und Sie haben klug
gesprochen. Ich glaube, Sie sollten sich keine Gedanken machen
wegen dieser Sache. Vergessen Sie sie einfach!« Mischa war
beruhigt. Um so bestürzter sah er früh am nächsten Morgen Pinegin
leise aus Nadjas Zimmer kommen. Eine Stunde später forderte Mischa
den Hauptmann zum Duell. »Leider kann ich Ihre Herausforderung
nicht annehmen.« Mischa starrte ihn an. »Wie bitte?«
»Ich weigere mich, gegen Sie anzutreten«, erklärte Pinegin
kurz. »Streiten Sie ab, hier in diesem Haus mit der Frau meines
Onkels zu schlafen?«
»Nein.«
»Darf ich fragen, warum Sie meine Herausforderung nicht
annehmen?«
»Ich möchte nicht gegen Sie kämpfen.«
Mischa wußte nicht, was tun. »Dann muß ich Sie als Feigling
bezeichnen.«
Pinegin verbeugte sich. »Für diese Schmähung, Michail
Alexejevitsch, werde ich gegen Sie antreten. Sind Sie damit
einverstanden, daß ich die Zeit des Duells bestimme?«
»Wie Sie wünschen. Je eher, desto besser.«
»Ich teile Ihnen mit, wann ich bereit bin. Vielleicht nächstes
Jahr.« Und damit ging Pinegin und ließ Mischa in völliger
Verwirrung zurück.
Wenig später stieg Ilja Bobrov langsam die Treppe herunter,
stülpte sich einen großen, breitkrempigen Hut auf, nahm einen
kräftigen Spazierstock und verließ das Haus, ohne jemanden davon zu
unterrichten. Kurz darauf sahen die Leute im Dorf ihn dahinkeuchen,
auf seinem von der Anstrengung geröteten Gesicht den Ausdruck
wilder Entschlossenheit. Niemand hatte Ilja bisher in einer
derartigen Verfassung gesehen. Nachdem er den Ort durchquert hatte,
nahm er den Weg durch die Wälder zum Kloster. Nach Monaten
intensiver Arbeit an seinem Projekt steckte Ilja nun in einer
absoluten Krise und war einem Zusammenbruch nahe. Die letzte Nacht
hatte er kein Auge zugetan, und wäre ihm jemand auf seinem Gang
durch die Wälder begegnet, hätte er den Eindruck eines
verzweifelten Pilgers auf der Suche nach dem Gral gehabt.
Am Mittag – Tatjana war mit Pinegin nach Russka
hinübergefahren – wurde Mischa, der allein in dem stillen Haus
seinen Gedanken nachhing, durch Gepolter an der Tür und durch
fröhliche Stimmen aufgeschreckt. Sergej war aus der Ukraine
zurückgekommen, und er hatte seinen Freund Karpenko mitgebracht.
Sergej stürmte in die Diele, braungebrannt, erholt, sprühend voll
Lebenslust und guter Laune. Er umarmte Mischa. »Sieh dir das an«,
rief er Karpenko zu. »Schau nur, was aus unserem kleinen Bären
geworden ist!«
Auch Karpenko war völlig verändert. Das war nicht mehr der
nervöse Junge von einst, der Olga angehimmelt hatte, sondern ein
charmanter, selbstbewußter Mann Ende Dreißig mit glänzendem
schwarzen Bart und sensiblen Augen. Es hieß, er habe großen Erfolg
bei Frauen. Und Karpenko war zufrieden mit seinem Leben: Die
meisten seiner Hoffnungen hatten sich erfüllt. Er hatte mit drei
Bühnenstücken Furore gemacht, die Zeitschrift, die er in Kiev
herausbrachte, verkaufte sich blendend. Er hatte auch miterlebt,
wie seine geliebte Ukraine literarische Ehren einheimste. Sein
ukrainischer Mitbürger, der Satiriker Nikolaj Gogol, hatte sich
bereits einen Namen in Rußland gemacht. Und das Wichtigste war:
Sein Land hatte endlich einen wahrhaft großen Schriftsteller
hervorgebracht, den Dichter Taras Schevtschenko, der herrliche
Poesie in ukrainischer Sprache schrieb.
»Wir fahren morgen nach Moskau«, verkündete Sergej fröhlich,
»dann nach St. Petersburg. Karpenko und ich haben eine Menge Ideen.
Wir werden die Hauptstadt im Sturm nehmen!« Er blickte umher. »Wo,
zum Teufel, ist Ilja? Wir wollen ihn unbedingt sehen.« Die Diener
wurden ausgeschickt, ihn zu suchen. Sergej ging nach oben, um seine
Frau zu begrüßen, kehrte aber schnell wieder zurück und schien
ziemlich verwundert. »Das ist doch merkwürdig«, meinte er zu
Mischa. »Ich hatte gedacht, sie haßt das Landleben; nun möchte sie
noch ein bis zwei Wochen hierbleiben, während wir nach Moskau
fahren.« Er starrte in das bekümmerte Gesicht seines Neffen: »Was
ist denn nur mit dir los, Mischa?«
Da hielt Mischa es für angebracht, seinen Onkel über die
Wahrheit aufzuklären.
Die Vorkehrungen wurden an jenem Nachmittag diskret getroffen.
Als Austragungsort wurde eine kleine Lichtung bei dem Grabhügel
neben dem zum Kloster führenden Weg gewählt. In der Morgendämmerung
würde dort sicher niemand vorüberkommen. Da Pinegin keinen
Sekundanten hatte, hatte Karpenko auf Sergejs Wunsch hin
widerstrebend diesen Part übernommen. Das frühe Abendessen verlief
ruhig, wobei Sergej, Pinegin und Karpenko höfliche Konversation
führten. Weder Tatjana noch Nadja ahnten auch nur das geringste von
dem Bevorstehenden. Alle rätselten statt dessen über das
Verschwinden Iljas, der noch immer nicht zurückgekehrt war. Er war
jedoch auf dem Weg nach Russka gesehen worden, und so beruhigten
sich alle. Nach dem Essen übernahm Karpenko es, die Damen zu
unterhalten, während Sergej sich in sein Zimmer zurückzog, um für
den Fall der Fälle die letzten Dinge zu regeln.
Er hatte einige Briefe zu schreiben: einen an Olga, einen an
seine Mutter und einen dritten an seine Frau; dieser enthielt
keinerlei Vorwürfe; der Brief, der ihm am schwersten fiel, war an
Alexej gerichtet.
Als die Sonne bereits hinter dem hohen Wachturm in Russka
versunken war, kam Ilja zurück. Er schleppte sich nur langsam
vorwärts, weil er so müde war. Aber das war ihm nicht bewußt. Der
Ausdruck auf seinem Gesicht ließ sich nur als religiöse Ekstase
deuten. Ilja hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Zusammen mit
Sergej machte er an diesem Abend eine wundervolle Entdeckung.
Es war eine seltsame Szene: der eine Bruder angespannt und mit
jeder Faser dem nächsten Morgen entgegenfiebernd; der andere, ohne
im geringsten zu ahnen, was sich abspielte, mit seinem von Erregung
geröteten Gesicht.
Ilja hatte den ganzen Sommer an der Planung seines großen
Werkes gesessen und all seine Gedanken darauf verwendet.
Schließlich hatte er einen Entwurf für ein neues, modernes Rußland
mit westlichen Gesetzen und Institutionen und einem starken
Wirtschaftssystem erstellt. Das Projekt war intelligent, praktisch,
logisch. Ilja sah es gleichsam vor sich, wie Rußland frei und
erfolgreich wie jede andere Nation werden könnte. Doch dann begann
Iljas Krise. Sergej lauschte den erregten Ausführungen seines
Bruders. Er verstand Iljas Problem sofort – im wesentlichen war es
die Tragödie ihres Landes.
»Das war mein verzweifeltes Problem, Serjoscha: Je plausibler
mein Plan aussah, desto klarer wurde mir, daß er nicht realisierbar
war. Wenn man den Glauben an sein eigenes Land verliert, an das
Land, das man liebt… zu begreifen, daß ein sinnvoller Plan zum
Scheitern verurteilt ist, eben weil er sinnvoll ist… das ist
einfach furchtbar.« Sergej hatte so manchen klugen Mann gekannt,
der unter genau den gleichen Qualen gelitten hatte. Wie viele vor
ihm und zweifellos viele nach ihm wurde Ilja, der gebildete
»Westler«, vom eigenen instinktiven Verständnis seiner russischen
Heimat gelähmt. Und doch hatte er den ganzen Sommer über nicht
aufgegeben. »Das sollte mein Lebenswerk werden, Serjoscha. Ich
konnte es nicht plötzlich zum flüchtigen Unterfangen deklarieren.«
Woche für Woche hatte er weitergearbeitet, bis schließlich nach
einer schlaflosen Nacht an jenem Morgen die Krise ihren Höhepunkt
erreicht hatte: Ilja konnte nicht mehr.
Er hatte den Weg zum Kloster eingeschlagen, ohne genau zu
wissen, warum: vielleicht eine Kindheitserinnerung, vielleicht eine
unbewußte hilflose Hinwendung zum Glauben. Er wanderte stundenlang
in der Gegend des Klosters herum, ohne daß er eine Erleuchtung
empfangen hätte. Da kam ihm plötzlich die Idee, zu der kleinen
Rublev-Ikone zu gehen, die seine Familie dem Kloster vor vielen
Jahrhunderten gestiftet hatte. Zuerst empfand er nichts, doch dann
hatte Ilja den Eindruck, daß die Ikone ihre Wirkung auf ihn ausübe.
Zwei Stunden lang stand er davor. »Und dann wußte ich endlich,
Serjoscha.« Ilja griff aufgeregt nach Sergejs Arm. »Ich wußte, was
an meiner Konstruktion falsch war. Genau das hattest du mir schon
gesagt: Ich versuchte Rußlands Probleme mit meinem Hirn, mit
Logik zu lösen. Ich hätte es mit dem Herzen tun sollen.
Jetzt bin ich bekehrt und ein Slavophile!«
»Und was wird mit deinem Buch?«
Ilja lächelte. »Ich brauche jetzt nicht mehr ins Ausland zu
reisen. Die Antwort auf Rußlands Probleme liegt hier im Land
selbst. Ich denke, die Kirche ist der Schlüssel«, führte er aus.
»Ohne die führende Kraft der Religion bleibt das russische Volk
teilnahmslos. Wir können zwar westliche Gesetze, unabhängige
Richter, vielleicht sogar ein Parlament haben, doch nur, wenn sie
allmählich aus der geistigen Erneuerung heraus sich entwickeln. Die
muß zuerst kommen.«
»Und Adam Smith?«
»Die Gesetze der Ökonomie gelten immer noch, aber wir müssen
unsere Landwirtschaft und unsere Betriebe für die Gemeinschaft,
nicht für das Individuum organisieren. Rußland kann dem Westen
niemals gleich sein.«
Sergej lächelte. Er wußte nicht, ob sein Bruder recht oder
unrecht hatte, doch er war froh, daß Iljas Seelenqualen endlich
beendet zu sein schienen. »Es ist sehr spät, ich möchte mich gern
ausruhen«, bat er. Bis zur Morgendämmerung blieben ihm noch einige
Stunden, die er allein verbringen wollte.
Die kleine Lichtung lag in völliger Ruhe. Die ersten
Sonnenstrahlen fingen sich im Tau. In einiger Entfernung war das
Kloster zu sehen, dessen Glocke soeben ihr Läuten beendet hatte.
Die beiden Männer legten ihre Jacken ab. Die kühle Morgenluft ließ
Sergej leicht erschauern. Karpenko und Mischa, beide sehr bleich,
luden die Pistolen und reichten sie den Kontrahenten. Als sie ihre
Plätze einnahmen, war nichts außer dem leisen Rascheln ihrer Füße
in dem kurzen feuchten Gras zu hören. Die Duellanten fixierten
einander, zwei Schüsse zerrissen die Luft. Die Sekundanten stürzten
mit einem Aufschrei hin zu Sergej. Die Kugel hatte ihn mitten ins
Herz getroffen. Seit seiner Jugend war Pinegin für seine
Zielsicherheit bekannt. Das war einer der Gründe, warum Alexej ihn
immer für gefährlich gehalten hatte. Als Alexej an diesem
Nachmittag bei seiner Rückkehr nach Russka hörte, was vorgefallen
war, brach er weinend zusammen. Auf seinen Wunsch reiste Pinegin
sofort ab.
Der Brief des Toten bewegte den älteren Bruder zutiefst Sergej
bat ihn darin um Vergebung für allen Schmerz, den er der Familie
zugefügt habe. Er sagte Alexej offen, wie schwer es ihm gefallen
sei, dem Bruder das Exil im Ural, das dieser in die Wege geleitet
hatte, zu vergeben, und er dankte ihm für die freundliche
Zurückhaltung während der letzten Jahre. Der Brief endete mit der
Bitte, Sawa Suvorin freizulassen.
Du stimmst mir wohl nicht zu, denn Du
befolgst die gesetzlichen Regeln hinsichtlich der Leibeigenschaft
–, aber ich empfinde es als größte Schuld meines Lebens, daß Sawa
Suvorin meinetwegen wieder ergriffen wurde.
Ich weiß von unserer Mutter, daß er Dir
eine große Summe für seine Freiheit geboten hat Wenn Du mich ein
wenig liebhast, Alexej, so bitte ich Dich, nimm das Geld an und
lasse den armen Kerl dafür frei.
Alexej las den Brief zweimal. Traurig
schüttelte er den Kopf, als er an die Banknoten dachte, die er so
viele Jahre zuvor in Iljas Buch entdeckt und versteckt hatte.
Nach jahrzehntelangem vergeblichen Kampf wurde Sawa Suvorin an
diesem Abend ins Herrenhaus gerufen, und Alexej teilte ihm mit
mattem Lächeln mit: »Ich habe mich entschieden, dein Angebot
anzunehmen, Suvorin. Du bist ein freier Mann.«
1855
Sevastopol. Mitunter hatte Mischa Bobrov den
Eindruck, daß keiner hier jemals wieder herauskommen werde. Wir
sind wie auf einer verlassenen Insel ausgesetzt, dachte er oft.
Aber ist von all denen, die die Stadt verteidigen, die in diesem
verrückten Krimkrieg kämpfen, einer in einer so seltsamen Lage wie
ich, überlegte er. Ich kämpfe hier in Sevastopol ums Überleben, und
wenn ich herauskomme, erwartet mich wiederum ein fast sicheres
Todesurteil. Zumindest danke ich Gott, daß ich einen Sohn
hinterlasse. Sein Sohn Nikolaj war im vergangenen Jahr geboren.
Mischas Gefühl, sich in Sevastopol wie auf einer verlassenen Insel
zu befinden, war nicht so abwegig. Der große befestigte Hafen lag
umgeben von gelbbraunen Hügeln nahe der Südspitze der
Krimhalbinsel, nicht weit von der ehemaligen Tatarenhauptstadt
Bachtschisaraj entfernt, also ungefähr hundertundfünfzig Meilen
außerhalb des russischen Festlandes im Schwarzen Meer. Südlich
davon, vor den massiv aufragenden Hafenbefestigungen, lagerten die
Streitkräfte dreier europäischer Großmächte – Frankreich, England,
Türkei. Seit elf Monaten beschossen sie Sevastopol. Nur die schier
grenzenlose Beharrlichkeit und das Heldentum der einfachen
russischen Soldaten hatte die Einnahme der Stadt bisher
verhindert.
Was war dieser Krimkrieg doch für ein Wahnsinn! Einerseits war
er wohl unvermeidlich gewesen, dachte Mischa. Seit Generationen
verlor das osmanische Türkenreich an Bedeutung, und bei jeder
Gelegenheit erweiterte Rußland seinen Einfluß in der Region des
Schwarzen Meeres. Wenn Rußland jemals die Balkanprovinzen
kontrollieren könnte, hätte die russische Flotte freie Durchfahrt
vom Schwarzen zum Mittelmeer. Kein Wunder also, daß die übrigen
europäischen Mächte Rußlands Hinwendung zur Türkei mit wachsendem
Argwohn beobachteten.
In seiner selbstgewählten Rolle als Verteidiger der Orthodoxie
fand der Zar sich im Widerspruch zum Sultan, als dieser in seinem
Reich einige Privilegien der orthodoxen Kirche abschaffte. Als
Warnung sandte Zar Nikolaus Truppen in die türkische Provinz der
Moldau. Die Türkei erklärte den Krieg, und unverzüglich traten die
europäischen Mächte in den Krieg gegen Rußland ein. Es gab faktisch
drei Kriegsschauplätze: einen an der Donau, wo die Österreicher die
Russen einkesselten; einen weiteren im Kaukasus, wo die Russen eine
wichtige Festung der Türken nahmen, und schließlich die
Krimhalbinsel, den russischen Flottenstützpunkt, den die Alliierten
angriffen.
Es war im Grunde ein Engpaß, wobei beide Seiten sich auf der
Halbinsel festgesetzt hatten. Der Typhus raffte bei weitem mehr
Menschen hinweg als die tatsächlichen Kampfhandlungen. Dieser Krieg
war, ob gewonnen oder verloren, vor allem eine Demütigung für
Rußland. Waffen und technische Kriegführung der russischen Armee
waren hoffnungslos veraltet. Mit den hölzernen Schiffen konnten
zwar die Türken besiegt werden, doch den Franzosen oder Briten
gegenüber waren sie eine reine Farce. Das Prestige des Zaren im
Ausland nahm ab.
Der Krieg hatte 1854 begonnen. Am Ende dieses Jahres war sich
jeder, bis hinunter zum einfachsten Bauern, der Dienst tat, der
verheerenden Tatsache bewußt, daß mit dem Zarenreich, mit dem
Heiligen Rußland, etwas nicht stimmte.
Wenn ich hier herauskomme, hatte Mischa beschlossen, werde ich
meinen Dienst quittieren und in Russka leben. Sein Vater und Ilja
waren tot. Jemand mußte sich um den Besitz kümmern. Und außerdem
hatte er einfach genug.
Kaum war er eine Woche in Sevastopol, war er dort auf Pinegin
gestoßen. Er hatte den Mann fast vergessen, und da stand er nun
plötzlich, kaum verändert; immer noch im Rang eines Hauptmanns, das
wettergebräunte Gesicht ruhig wie eh und je, die unvermeidliche
Pfeife im Mund.
»Ach, Michail Alexejevitsch«, sagte er, als sei ihre Begegnung
das Natürlichste von der Welt. »Wir haben etwas zu klären, glaube
ich.« Ist es möglich, daß Pinegin dies nach all den Jahren ernst
meint, überlegte Mischa. Anfangs hatte er die Sache eher als einen
makabren Scherz betrachtet. Im Laufe der Monate allerdings wurde
ihm bewußt, daß es für Pinegin mit seinem strengen Ehrenkodex
keinen anderen Weg gab. Mischa hatte ihn einen Feigling genannt,
deshalb stand das Duell zwischen ihnen an. Daß seit der Kränkung
Jahre vergangen waren, spielte keine Rolle. Es war gegen alle
militärischen Regeln, solche Angelegenheiten während eines Krieges
zu regeln. »Wenn das hier vorüber ist und wir beide noch am Leben
sind, werden wir die Sache bereinigen«, meinte Pinegin leichthin.
Er wird mich auf alle Fälle töten, dachte Mischa.
Während dieser furchtbaren Belagerungszeit begegneten sie
einander ziemlich häufig, und das auf fast freundlicher Basis.
Einmal holten sie nach einem schweren Bombardement, in dem Hunderte
von Mitsoldaten verwundet worden waren, gemeinsam Leute aus einem
brennenden Gebäude. Manchmal sah Mischa, wie Pinegin zwischen
Kranken umherging, offenbar nicht auf die Ansteckungsgefahr
achtend. Er war, das mußte Mischa zugeben, ein Mann ohne
Furcht.
Die Monate vergingen. Anfang jenes Jahres starb Zar Nikolaus
I. und sein Sohn Alexander II. bestieg den Thron. Es gab Gerüchte,
daß der Krieg zum Ende komme, doch die Verhandlungen platzten, und
die Belagerung nahm ihren Fortgang. Am Morgen des 11. September
endlich ging der Befehl zum Rückzug wie ein Lauffeuer durch den
Hafen. Alles rüstete sich zum Abmarsch, Packtiere wurden
fertiggemacht, Verwundete auf Wagen geladen. Überall herrschte
Verwirrung. Am Vormittag gingen Spezialeinheiten an die Arbeit. Von
diesen gab es mehrere. Sie hatten sämtliche noch verbliebenen
Verteidigungsanlagen Sevastopols zu zerstören. »Wenn der Feind die
Stadt besetzt, findet er nur noch Ruinen«, war der Kommentar des
Kommandeurs. »Ich habe sofort einige Offiziere und Mannschaften
abzustellen. Sie haben sich umgehend bei der neunten Kompanie zu
melden.«
So kam es, daß Mischa dem Kommando des Hauptmanns Pinegin
zugeteilt wurde. Es war ein gefährliches Unternehmen, sich dem
ersten Angriffsziel zu nähern. Als sie einen kleinen Platz
überquerten, zischte eine Granate über ihre Köpfe weg und
detonierte in einem Haus etwa dreißig Meter hinter ihnen. Endlich
gelangten sie an einen Mauerabschnitt, hinter dem eine
Feuerstellung eingerichtet war. Um diese zu erreichen, mußten die
Männer eine ungedeckte Strecke hinter sich bringen, die von einer
Gruppe französischer Heckenschützen, verschanzt in Häuserruinen,
eingesehen werden konnte. Zweimal riß Pinegin Mischa zu Boden, als
die Kugel eines Heckenschützen über sie hinwegsauste. Die Männer
stellten Pulverfässer auf. Mischa und Pinegin legten die Zündschnur
an der Wand entlang. Die Männer mit den übrigen Sprengkörpern hatte
Pinegin weggeschickt.
Während sie an der Arbeit waren, war es plötzlich vollkommen
ruhig geworden. Mit Sicherheit lagen die Heckenschützen auf der
Lauer und warteten nur darauf, daß die beiden auftauchten. Der
Beschuß hatte ausgesetzt.
Mischa Bobrov wurde sich plötzlich bewußt, daß er in diesem
Augenblick die Gelegenheit zu einem Mord hatte. Sie waren völlig
allein, die anderen Soldaten außer Sichtweite. Pinegin war nicht
bewaffnet. Er kniete mit dem Rücken zu Mischa, nestelte an der
Zündschnur herum und kroch dann im Schutz der Mauer weiter. Er
hätte nur einen Augenblick über der Brustwehr auftauchen müssen,
lange genug, um einen Heckenschützen zu einem Schuß zu bewegen. Ein
einziger Schuß würde genügen – die Soldaten würden ihn hören. Und
dann… Mischas Hand lag an seiner Pistole. Er brauchte nur auf den
Hinterkopf zu zielen. Er würde Pinegin liegenlassen, die Stellung
in die Luft jagen und den Leuten erzählen, ein Heckenschütze habe
den Hauptmann erwischt. War er, Mischa Bobrov, tatsächlich fähig,
einen Mord zu begehen? Vielleicht waren es die Monate in diesem
Höllenloch, die ihm das menschliche Leben weniger wert erscheinen
ließen. Oder war es vielmehr der bloße Selbsterhaltungstrieb?
Pinegin würde ihn kaltblütig töten. Er, Mischa, hatte jetzt die
Chance, das gleiche zu tun. Und sein Schuß würde zuerst
treffen.
Immer noch zögerte Mischa. Was hielt ihn denn davon ab? Moral?
Welche Moral gab es letztlich in einem Duell? Es steht doch fest,
daß ein Mord begangen wird! Nein, entschied Mischa, nichts hielt
ihn davon ab, Pinegin zu töten. Höchstens ein gewisser Ehrenkodex,
der, bei Licht betrachtet, blödsinnig war. Mischas Hand ruhte auf
seiner Pistole. Er hatte sich immer noch nicht von der Stelle
gerührt.
Plötzlich wandte Pinegin sich um und sah ihn durchdringend an.
Mischa fühlte, daß die blaßblauen Augen erkannten, was in ihm
vorging. Doch da lächelte Pinegin, drehte ihm wieder den Rücken zu
und fummelte weiter an der Zündschnur. Minuten später entzündeten
sie die Schnur und beobachteten, wie der Funke von ihnen weg auf
sein Ziel zulief. Kurz bevor er die Fässer erreicht hatte, duckten
sich die beiden Männer und hielten den Atem an. Doch es geschah
nichts. »Verdammtes Material«, murmelte Pinegin. »Gott weiß, was da
schiefgegangen ist. Warte hier«, befahl er. Er rannte los, mit
gesenktem Kopf an der Mauer entlang. Er hatte die Fässer fast
erreicht, als die Kugel eines Heckenschützen vorüberzischte. Dann
flogen die Fässer in die Luft.
1857
Der Krimkrieg war unter demütigenden
Bedingungen für Rußland zu Ende gegangen. Es hatte sein Recht auf
eine Flotte im Schwarzen Meer eingebüßt. Niemand verspürte mehr
Lust auf weitere Feindseligkeiten. Der neue Zar, Alexander II.
kündigte zahlreiche Reformen an. Und alle waren auch überzeugt, daß
es Veränderungen geben mußte. Von allen Neuerungen, die im Gespräch
waren, lag Mischa die mögliche Abschaffung der Leibeigenschaft am
meisten am Herzen.
Schon seit dem Vorjahr wurde ganz Rußland von Gerüchten über
dieses wichtige Thema überschwemmt. Vom europäischen Ausland aus
forderte der radikale Schriftsteller Alexander Herzen den Zaren
auf, seine Untertanen freizustellen.
Mitten in all der Erregung blieb Mischa Bobrov, obwohl er
persönlich die Befreiung für wünschenswert hielt, zurückhaltend.
»Das Volk mißversteht den neuen Zaren«, sagte er zu seiner Frau.
»Sie halten ihn für einen Reformer, und vielleicht ist er das in
mancher Hinsicht auch. Aber im Grunde ist er ein sehr konservativer
Mann, genau wie sein Vater, und ein Pragmatiker. Sein höchstes Ziel
wird es sein, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wenn dazu die
Abschaffung der Leibeigenschaft nötig ist, wird er sie durchsetzen.
Wenn nicht, dann bleibt alles beim alten.«
Viele Landbesitzer waren, anders als Mischa, höchst
beunruhigt. »Ich verrate Ihnen einen guten Trick«, sagte ein
Gutsherr aus der Nachbarschaft. »Manche von uns rechnen damit, daß
wir im Fall des Falles den Leibeigenen das Land überlassen müssen,
das sie bebauen. Nehmen Sie also die Leute von der Landarbeit weg,
und bringen Sie sie vorläufig als Hausangestellte bei sich unter.
Wenn es zu der befürchteten Entscheidung kommen sollte, können Sie
immerhin sagen, daß die Leute nicht auf den Feldern gearbeitet
haben. Dann brauchen Sie ihnen vielleicht gar nichts zu
geben.«
Was auch an Reformen kommen mochte – Mischa freute sich, daß
er wieder zu Hause war. Er hatte nicht nur Bobrovo, sondern auch
Iljas Besitz in Rjazan geerbt. »Ich will mich der Landwirtschaft
und verschiedenen Studien widmen«, erklärte er. Nach Iljas Tod fünf
Jahre zuvor hatte er das umfangreiche unvollendete Manuskript des
großen Werkes seines Onkels entdeckt. Vielleicht würde er es
abschließen.
Ja, es gab vieles zu bedenken, und trotzdem interessierte ihn
am meisten die Sache mit Suvorin und dem Priester. »Wenn ich
Suvorin einmal nicht mehr unter Kontrolle habe, weil er frei ist,
dann bringt er sicher seine Altgläubigen hierher, und sie fangen
an, die Leute zu bekehren. Ich habe dem Priester fest versprochen,
daß ich das nicht zulassen werde.«
Beim Militär hatte Mischa nicht mehr daran gedacht.
Erkundigungen, die er nach seiner Rückkehr einzog, machten klar,
daß sich eine Wandlung vollzogen hatte.
Das Unternehmen der freien Suvorins wuchs rasch. Die aus
England importierte Feinspinnmaschine für die Baumwollfabrik war
ein großer Erfolg geworden. Sawa Suvorin beschäftigte inzwischen
die halbe Einwohnerschaft Russkas. Sein Sohn Ivan leitete das
Geschäft in Moskau. Wenn Mischa auch nicht wußte, ob alle
Angestellten Suvorins Altgläubige waren, so bildeten sie doch
zumindest den harten Kern der Belegschaft. Die Tatsache, daß eine
kürzlich erfolgte neue Gesetzgebung einige Gruppen der
Altgläubigen, darunter auch die radikalen Theodosianer,
aufgebrochen hatte, verhinderte offenbar nicht, daß gewisse
religiöse Feiern weiterhin praktisch in aller Offenheit zelebriert
wurden. Und doch kam keinerlei Protest seitens des Priesters in
Russka. Das war es, was Mischa in höchstem Maß verwunderte.
Als er den Priester das erstemal daraufhin ansprach, leugnete
der. »Die Gemeinde in Russka ist loyal, Michail Alexejevitsch. Sie
sollten sich keine Gedanken darüber machen.«
Da stellte Mischa Sawa Suvorin selbst zur Rede. Der hatte nur
ein Achselzucken übrig: »Altgläubige in Russka? Darüber weiß ich
nichts.«
An einem Sonntagmorgen im Dezember fand Mischa plötzlich die
Antwort. Er stand auf dem verschneiten Marktplatz in Russka. Der
Gottesdienst war gerade vorüber und war schlecht besucht gewesen.
Um diese Zeit kam gewöhnlich der Schlitten mit Zeitungen aus
Vladimir, und Mischa blieb noch, in der Hoffnung, die letzten
Neuigkeiten zu erfahren.
Da sah er den rothaarigen Priester aus der Kirche kommen und
mit großen Schritten seinem Haus zustreben. In seiner Begleitung
war ein griesgrämig dreinschauender Bursche, ebenfalls rothaarig,
in dem Mischa den Sohn des Priesters erkannte. Pavlo Popov – so
hieß er – war Büroangestellter in Moskau und dem Hörensagen nach
einer aus der Schar der unterbezahlten Beamten, die zu jener Zeit
die Dinge durch allerhand Mauscheleien und Bestechungen
regelten.
Da überquerte Sawa Suvorin den Platz in der Nähe der beiden.
Dabei nickte er dem Priester kurz zu. Sofort verneigten sich Vater
und Sohn tief vor dem früheren Leibeigenen. Das war nicht nur eine
höfliche Verneigung, sondern eine, wie sie vom Diener zum Herrn,
vom Angestellten zum Geldgeber üblich war. Da plötzlich begriff
Mischa. In diesem Augenblick bimmelte der langerwartete Schlitten
über den Platz.
Mischa beachtete ihn nicht. Er konnte seine plötzliche innere
Erregung nicht bezähmen. Er ging quer über den Marktplatz und
sprach den Priester in der Mitte des Platzes laut an. »Sagen Sie,
werden Sie von Suvorin und den Altgläubigen dafür bezahlt, daß Sie
ihnen Ihre Gemeinde überlassen?« Der Priester lief dunkelrot
an.
Mischa hatte ins Schwarze getroffen. Er bekam jedoch keine
Antwort, denn in diesem Augenblick tönte eine aufgeregte Stimme vom
anderen Ende des Platzes, wo die Zeitungen abgeladen wurden. »Es
ist amtlich. Vom Zaren. Die Leibeigenen werden frei.« Da vergaß
Mischa selbst den Priester und eilte über den Platz.