Revolution
1881
Alexander II. war tot – ermordet. Selbst
jetzt, Monate danach, mochte das zehnjährige Mädchen es kaum
glauben. Warum gab es so böse Menschen auf der Welt? In den
vergangenen drei Jahren wurden Leute umgebracht – Polizisten,
Beamte, sogar ein Gouverneur. Und nun hatte man durch eine
schreckliche Bombe den guten Mann, den Zaren der Reformen, getötet.
Rosa konnte es nicht begreifen.
Wer machte bloß so etwas? Anscheinend eine schlimme Gruppe,
die sich »Partei des Volkswillens« nannte. Niemand wußte, wer sie
waren und wie viele – vielleicht zwanzig, vielleicht zehntausend.
Was bezweckten sie? Revolution. Die Zerstörung des gesamten
russischen Staatsapparates, der das Volk von oben beherrschte. Und
nun, nachdem der arme Zar tot war, hatten sie angenommen, das Volk
werde sich erheben.
»Das zeigt, wie wenig diese Revolutionäre wissen«, sagte Rosas
Vater. Es war nämlich nichts geschehen. Nicht in einem einzigen
Dorf, nicht in einer einzigen Fabrik hatte es eine Erhebung
gegeben. Das erschütternde Ereignis wurde nur mit großem russischen
Schweigen aufgenommen. Der Zarensohn – der dritte Alexander – trat
die Thronfolge an und schaffte unverzüglich Ordnung. Viele der
Revolutionäre wurden verhaftet, und der größte Teil des russischen
Reiches stand während dieser Zeit unter Kriegsrecht. Rußland war
ruhig und friedlich. So schien es jedenfalls, bis diese neue
furchtbare Sache begann. »Sie kommen nicht hierher«, versprach
Rosas Vater. Was aber, wenn er sich irrte?
Es war früher Nachmittag – eine stille Zeit in diesem
friedvollen südlichen Dorf an der Grenze zwischen Wald und Steppe.
Rosas Eltern ruhten sich im Obergeschoß des soliden strohgedeckten
Hauses aus. Obwohl es Herbst war, war es hier unten in der Ukraine
immer noch warm. Rosa war ein schönes Mädchen. Ihr blasses ovales
Gesicht, ihr langer Hals, eine gemessene Anmut in ihren Bewegungen
hatte ihr im Dorf den Namen »das Schwanenmädchen« eingebracht. Sie
trug das rabenschwarze Haar nach hinten zu einem dicken Zopf
geflochten. Sie hatte eine gerade Nase und volle Lippen, doch das
Auffallendste an ihr waren die Augen: unter dunklen Lidern,
überwölbt von dichten schwarzen Brauen, waren sie blaugrau, sehr
groß und sehr ernst.
Rosa saß am Klavier. Sie spielte in diesem Augenblick nicht,
doch das Stück, das sie am Morgen geübt hatte, es war von
Tschaikovskij, klang in ihr nach. Ihr gehörte das einzige Klavier
im Ort. Sie würde niemals jenen wundervollen Tag vergessen, an dem
es auf einem kleinen Kahn den Fluß heraufkam. Ihr Vater hatte ein
Jahr lang gespart, um es zu kaufen und es den ganzen langen Weg von
Kiev herzubefördern.
Alle Nachbarn hatten sich versammelt und zugesehen, wie er und
Rosas zwei Brüder diese Sensation zu ihrem Haus begleiteten. Rosa
war erst sieben Jahre alt gewesen, als ein Vetter, ein Musiker, bei
ihnen zu Besuch war und den Eltern sagte, sie sei ein Wunderkind.
Im Jahr darauf hatte sie während der Schulzeit bei dieser Familie
gelebt, in der großen Stadt Odessa an der Schwarzmeerküste, wo es
gute Musikpädagogen gab. Sie war bereits einmal öffentlich
aufgetreten, und man sagte ihr eine Musikerkarriere voraus. »Wenn
nur ihre Gesundheit mitmacht«, sagte die Mutter traurig. Die
zermürbende Sorge um ihre schwache Lunge verließ sie selten.
Mitunter mußte Rosa tagelang ruhen. »Du wirst der Sache
entwachsen«, versprach der Vater. Und wie sie darum betete, daß er
recht haben möge! Wie sehr sie sich wünschte, für die Musik zu
leben! Aber da war das sonderbare Rätsel, das sie seit Monaten
beschäftigte und das sie heute nachdenklich, ja melancholisch
stimmte. Wenn es so war, daß Gott sie für ein Leben mit der Musik
ausersehen hatte und daß sie für ihn spielen sollte – warum gab es
böse Menschen, die vorhatten, sie zu töten?
Am Ostufer des Flüßchens reihten sich die gemütlichen,
strohgedeckten Häuser mit ihren getünchten Mauern zu beiden Seiten
der breiten, ungepflasterten Straße fast eine Meile lang auf.
Einige, darunter ihr Elternhaus, hatten an der hinteren Seite einen
kleinen Obstgarten. In der Nähe des Flusses lag ein Marktplatz,
etwas weiter flußabwärts befand sich eine Brennerei. Im ärmeren
russischen Norden, wo die Siedlungen kleiner waren als in der
Ukraine, hätte man einen solchen Ort als Stadt bezeichnet. Durch
den blühenden Handel und die natürliche Fruchtbarkeit der Gegend
ging es den Bauern gut.
Rosas Großvater war hierhergekommen, um Land zu bebauen. Er
war fünf Jahre zuvor gestorben, und ihr Vater hatte den Besitz
übernommen. Er war ein unternehmerisch denkender Mann, handelte mit
Weizen und war als Handelsvertreter für eine Firma tätig, die in
Odessa landwirtschaftliche Geräte herstellte. Inzwischen gehörten
sie zu den wohlhabenden Familien des Ortes. Rosa wußte nicht, daß
diese Siedlung im Süden in früherer Zeit den Namen »Russka«
getragen hatte. Seither hatte sie zwei Namen gehabt. Aus der
Vergangenheit war weniges geblieben. Von dem kleinen Fort auf dem
Westufer gab es nur noch Spuren im Grasland. Von der Kirche, die
die Mongolen niedergebrannt hatten, war nichts mehr zu sehen.
Selbst die Landschaft hatte sich verändert. Der Weiher mit den
ehemals dort hausenden Geistern war ausgetrocknet. Selbst der
Bienenwald war verschwunden. Das einzige Wahrzeichen aus alten
Zeiten war der kleine Hügel des ehemaligen kurgan in einiger
Entfernung auf der Steppe.
Rosa ging bis zum Ende des Ortes. Sie hatte eine Zeitlang dort
gestanden, als ein Wagen in Sicht kam. Zwei Männer saßen darin: ein
großer untersetzter Mann mit einem dichten schwarzen Schnurrbart
lenkte den Wagen; daneben ein schlanker, hübscher, ebenfalls
schwarzhaariger Junge, ein Jahr älter als Rosa. Es waren Taras
Karpenko, ein Kosakenbauer, und sein jüngster Sohn Ivan. Als Rosa
ihrer ansichtig wurde, lächelte sie. Seit sie denken konnte, hatte
sie mit den Karpenko-Buben und den anderen Dorfkindern gespielt.
Ivan war ihr Liebling. Immer schon hatte ihr Vater an Taras gutes
Material verkauft, und der stämmige Kosak begegnete der Familie mit
Wohlwollen.
Aber auch aus einem anderen Grund hatte Rosas Vater Sympathie
bei Taras gefunden. Es war schwer vorstellbar, daß der
vierschrötige Bauer der Neffe des illustren Dichters Karpenko war,
dessen feine Gesichtszüge aus Zeichnungen oder Drucken in
verschiedenen Häusern des Ortes herabblickten. Taras war ungeheuer
stolz auf diese Tatsache und erwähnte den Namen seines Onkels im
gleichen Atemzug mit dem berühmtesten aller ukrainischen Dichter,
dem großen Schevtschenko. Als er feststellte, das Rosas Vater nicht
nur eine Ausgabe der Gedichte Karpenkos besaß, sondern sie wirklich
schätzte und viele davon auswendig hersagen konnte, klopfte er ihm
freundschaftlich den Rücken. Von da ab sagte er jedesmal, wenn von
Rosas Vater die Rede war: »Kein übler Bursche«, was Rosas Mutter
häufig zu der Feststellung veranlaßte: »Dein Vater versteht's mit
den Leuten.« Er war tatsächlich klug im Umgang mit Menschen und
verhielt sich oft sehr ungewöhnlich – Verbindungen wie die zwischen
ihm und dem Kosaken wurden immer seltener.
Die Zarenherrschaft in der Ukraine wurde nämlich mit jedem
Jahrzehnt drückender. Die Zaren schätzten Gleichförmigkeit, die
verständlicherweise in dem riesigen Reich nicht immer erreicht
werden konnte. In Polen und den westlichsten Teilen der Ukraine
hatten sie sich mit den Katholiken abzufinden; da das Imperium sich
weiterhin bis nach Asien hin ausdehnte, mußten die Zaren steigende
Zahlen von Moslems hinnehmen. Doch soweit das möglich war, sollte
alles russifiziert werden. Deshalb erließ 1863 die russische
Regierung eine Erklärung, der zufolge die ukrainische Sprache, die
von einem Großteil der südlichen Bevölkerung gesprochen wurde,
nicht existierte. In den kommenden Jahren wurde alles, was sich der
ukrainischen Sprache bediente – Bücher, Zeitungen, Theater,
Schulen, selbst ukrainische Musik –, verboten. Die Werke
Schevtschenkos, Karpenkos und anderer ukrainischer Nationalhelden
verschwanden aus der Öffentlichkeit. Die Intellektuellen sprachen
und schrieben Russisch. Während im Norden die Bildung zunahm,
verringerte sie sich im Süden, und im späten neunzehnten
Jahrhundert waren achtzig Prozent der Ukrainer Analphabeten. Als
die beiden Kosaken vorbeifuhren, grüßten Rosa freundlich, Ivan mit
fröhlichem Grinsen, sein Vater mit einem verbindlichen Kopfnicken.
Rosa war beruhigt. Sie werden nicht hierherkommen. Es gibt keinen
Grund, sich zu ängstigen, sagte sie sich. Rosa Abramovitsch war
Jüdin.
Bis ins letzte Jahrhundert, ehe Katharina die Große fast ganz
Polen vereinnahmte, hatte es im russischen Reich kaum Juden
gegeben. Mit diesen westlichen Ländern kam jedoch eine große
jüdische Gemeinde zum russischen Gebiet. Was sollte man mit ihnen
anfangen? Manche hielten die Juden für unaufrichtig wie die
Katholiken, andere bezeichneten sie als halsstarrig wie die
Altgläubigen. Jedenfalls waren sie weder Slawen noch Christen – und
aus diesem Grunde verdächtig. Wie jedes andere nonkonforme Element
im Zarenreich mußten sie zuerst einmal im Zaume gehalten, dann
russifiziert werden. Deshalb hatte der Zar 1833 verfügt, daß die
Juden sich hinfort nur in einem bestimmten Areal aufhalten durften:
im jüdischen Siedlungsgebiet.
Dieser berühmte Bezirk umfaßte einen weitläufigen Bereich,
eingeschlossen Polen, Litauen, die westlichen Provinzen, als
Weißrußland bekannt, und einen Großteil der Ukraine mit allen
Schwarzmeerhäfen – in anderen Worten die Länder, wo die Juden
bereits lebten, und einige andere dazu. Der Zweck dieses
Siedlungsgebietes war hauptsächlich der, die Einwanderung der Juden
in das traditionelle orthodoxe Nordrußland zu begrenzen. Die Juden
lebten meist in Städten oder in ihren eigenen Dörfern, den
althergebrachten, eng ineinander verflochtenen
Schtetl-Gemeinden. Untereinander sprachen sie gewöhnlich
Jiddisch. Einige waren Handwerker oder Händler; viele waren arm und
wurden zum Teil von ihren Glaubensgenossen unterstützt. Es gab
jedoch auch jene, wie etwa Rosas Großvater, die in gewöhnlichen
Dörfern wohnten und das Land bestellten.
Vom Regime wurde ständig Druck ausgeübt. Juden zahlten
Sondersteuern; ihr eigenes Regierungssystem in den Gemeinden,
Kahal, wurde für ungesetzlich erklärt; ihre Vertretung in
örtlichen Wahlen durch unfaire Quoten eingeschränkt; noch
spitzfindiger wurden sie zu den Schulen zugelassen, dann wurde
ihnen die Konversion nahegelegt. Wenn aber ein Jude zum orthodoxen
Glauben übergetreten war, galt er als guter Russe.
Zahlreiche Juden traten über. Wichtiger noch: Ein allmählicher
Assimilierungsprozeß hatte begonnen, denn unter der jüngeren
Generation war eine liberale, geistig-jüdische Bewegung entstanden
– die Haskala. Sie trat dafür ein, daß Juden aktiver an der
nichtjüdischen Gesellschaft teilhaben sollten. Rosas älterer
Bruder, der verheiratet war und in Kiev lebte, hatte ihr davon
berichtet »Wenn wir Juden überhaupt etwas im russischen Imperium
erreichen wollen, sollten wir auf russische Schulen und
Universitäten gehen. Wir müssen dazugehören. Das hindert uns nicht,
Juden zu bleiben.« Ihr Vater jedoch war sehr mißtrauisch. Obwohl er
nicht die Ansicht vieler strenggläubiger Juden vertrat, die sich so
weit wie möglich von der nichtjüdischen Welt fernhielten, war er
doch gegen die Haskala eingestellt. Wenn Rosas Familie auch
auf gutem Fuße mit ihren ukrainischen Nachbarn stand, nahm sie
gleichzeitig ihre religiösen Pflichten zusammen mit den übrigen
jüdischen Familien der Gegend wahr. Die beiden Brüder Rosas
erhielten religiöse Unterweisung, und der ältere erreichte die
höchste Stufe, die Jeschiva, also die Talmudschule.
In einer Ausnahme jedoch wich der Vater von seiner strengen
Einstellung ab, und dafür war Rosa Gott dankbar. »Es ist etwas
anderes, wenn man in einer russischen Schule Musik studiert«, war
seine Ansicht. Das gefährdete den Glauben nicht. Es war die beste
Möglichkeit für einen Juden, in Rußland erfolgreich zu sein. Rosa
wußte, daß es immer Spannungen zwischen ihrem Volk und den
Ukrainern gegeben hatte. Die Ukrainer vergaßen nicht, daß die Juden
Vertreter der polnischen Landeigner gewesen waren. Für die Juden
andererseits waren diese Leute nicht nur Andersgläubige – die
verhaßten Gojim –, sondern zumeist ungebildetes Landvolk.
Trotzdem hätten sie in Frieden miteinander leben können, wäre da
nicht das ungleiche Zahlenverhältnis gewesen. Tatsächlich hatte
sich in der Ukraine in den vergangenen sechzig Jahren die
Bevölkerung um das etwa Zweieinhalbfache erhöht, bei den Juden
dagegen um mehr als das Achtfache. Und da wurden Rufe laut wie:
»Diese Juden nehmen uns die Arbeit weg und ruinieren uns
alle.«
Welche die Gründe dafür auch gewesen sein mochten: Im Jahr der
Ermordung des Zaren begannen im gesamten Süden eine Reihe von
Unruhen, die die Welt mit einem furchtbaren Begriff konfrontierten:
dem Pogrom. Aber doch nicht hier bei uns! Doch nicht in dem stillen
Ort an der Grenze zwischen Wald und Steppe! Mit diesem Gedanken
machte Rosa sich auf den Heimweg. Nach dem halben Weg bemerkte sie
die kleine Gruppe, nur zwei Nachbarinnen und drei Männer, die ihr
unbekannt waren, vor dem Elternhaus. Von weitem sah es so aus, als
stritten sie. Nun gesellten sich noch zwei Dorfbewohner dazu. Kurz
darauf trat Rosas Vater aus dem Haus. Er trug einen langen,
schwarzen Mantel und seinen runden, breitkrempigen Hut. Die
Ringellöckchen zu beiden Seiten des Gesichts waren schwarz, sein
gepflegter Bart dagegen grau. Rosa sah, wie er streng den Finger
gegen sie erhob. Da scholl plötzlich ein einzelner Ruf durch die
Straße, der sie erschauern ließ. »Jude!« Sie begann zu
laufen.
Als sie die Gruppe erreichte, wurde ihr Vater bereits
bedrängt. Einer der Männer stieß ihm den Hut vom Kopf, ein zweiter
spuckte vor ihm aus. Die beiden Männer aus dem Dorf machten nach
einem halbherzigen Versuch, sie aufzuhalten, einen Rückzieher. Rosa
blickte die Straße hinunter.
Da kamen gerade eben sechs Wagen über die Brücke, und in ihnen
saßen etwa fünfzig Mann. Einige trugen Knüppel; ein paar machten
einen betrunkenen Eindruck.
Rosa sah zu ihrem Vater hin, der seinen Hut so würdevoll wie
möglich aufnahm, während die drei Männer ihn beobachteten. Er war
fünfzig Jahre alt, eher von zarter Statur, mit schmalen, feinen
Zügen und großen Augen, wie die von Rosa. Sie sah voller Schrecken,
daß ihr Vater ebenso große Furcht hatte wie sie. Was sollten sie
nur tun? Sich ins Haus zurückziehen? Zwei Männer wollten sich ihnen
in den Weg stellen. Die Gruppe kam auf der Straße näher. Rosa
bemerkte, wie ihre Mutter aus dem Haus und auf sie zukam. Sie
achtete nicht auf ihren Mann, der sie zurückwinkte. Wenn nur die
Brüder da wären, dachte Rosa, aber sie waren diesen Monat beide in
Kiev. Hilflos standen die drei da und warteten ab. Die Männer
bildeten einen Kreis um die kleine Familie. Manche sahen völlig
ungerührt drein, andere hatten den Ausdruck blöden Triumphs auf
ihren Gesichtern. Nach einem kurzen Schweigen fragte der Vater:
»Was wollt ihr?«
Einer, ein gewaltiger Bauer mit braunem Bart, antwortete:
»Nicht viel, Jude. Wir brennen nur dein Haus nieder.«
»Und geben ihm eine Tracht Prügel«, schrie ein anderer. Rosa,
sah, wie ihr Vater zitterte, jedoch versuchte, ruhig zu erscheinen.
»Und was habe ich euch getan?«
»Eine Menge!« schrien einige. »Was hast du Rußland angetan,
Jude?« rief einer. »Verdammte jüdische Schieber!« schrie der
nächste. »Wucherer!« Da bahnte sich plötzlich ein kleiner alter
Mann mit kahlem Schädel und weißem Bart den Weg durch die Menge und
grölte: »Du kannst uns nicht zum Narren halten, Jude. Wir wissen,
wer du bist: Du bist ein ausländischer Verräter, ein Zarenmörder.
Du bist ein Revolutionär!« Es folgte zustimmendes Gebrüll. Sie
wußte über die jüdischen Revolutionäre Bescheid. Einige Jahre zuvor
hatten sich ein paar radikale Studenten aus jüdischen Familien
jener Bewegung angeschlossen, die in dem berühmten »Gang ins Volk«
im Jahre 1874 versucht hatte, den Bauern auf dem Land die
Revolution zu bringen. Dies waren die radikalsten Juden,
entschlossen, sich dem nichtjüdischen russischen Leben zu
assimilieren. Viele waren – Ironie des Schicksals – nicht aus
religiöser Überzeugung, sondern um der Landbevölkerung, die sie
beeinflussen wollten, näherzustehen, tatsächlich zum orthodoxen
Glauben übergetreten. Genau diese jungen Leute wurden von Rosas
Vater und den meisten konservativen Juden am meisten verachtet.
»Wir sollten immer dem Gesetz folgen und den Zaren unterstützen«,
war seine Ansicht. »Er ist immer noch unsere größte Hoffnung.«
Tatsächlich hatte der Zar mit seinen Reformen bis zu seinem
schrecklichen Ende einige Beschränkungen, die den Juden auferlegt
waren, in seinem Reich gelockert.
Die umstehenden Männer hatten in der Woche davor bereits
einige jüdische Häuser in Perejaslavl niedergebrannt, und nun zogen
sie durch die umliegenden Orte und suchten nach neuer
Unterhaltung.
»Es ist Zeit anzufangen«, schrie jemand. Der große Mann mit
dem braunen Bart ging in Begleitung des kleinen Alten auf Rosas
Vater zu. In diesem Augenblick kam der Wagen, in dem Taras Karpenko
und sein Sohn saßen, ratternd die Straße herauf. Die beiden Kosaken
sahen sofort, daß etwas vor sich ging. »Gott sei Dank«, hörte Rosa
ihre Mutter flüstern, »er kann uns retten.«
Der Kosak hatte keine Eile. Er fuhr den Wagen gemächlich
heran, und die Männer wichen zur Seite, um ihn durchzulassen. Als
er den Kreis um die kleine Familie erreichte, hielt er an und
blickte fragend auf den braunbärtigen Kerl hinunter. »Guten Tag«,
sagte er aufgeräumt, »was tut sich hier?«
Der Bauer sah den Kosaken an und zuckte die Achseln. »Nicht
viel; der Jude kriegt nur seine Lektion.«
Karpenko nickte nachdenklich. »Er ist kein schlechter
Bursche«, bemerkte er ruhig.
»Er ist immerhin Jude«, wandte ein Bauer ein. »Das stimmt. Was
habt ihr vor?«
»Sein Haus niederzubrennen und ihm eine Tracht Prügel zu
verabreichen.«
Karpenko blickte Rosas Vater traurig an. »Ich fürchte, mein
Freund, es wird Ihnen ziemlich dreckig gehen.«
Rosa starrte ihn ungläubig an. Der Freund ihres Vaters wollte
ihnen nicht helfen? Sie sah, wie der die Zügel aufnahm, das Pferd
wendete und davonfuhr.
»Vater!« Das war der junge Ivan. Er stand leichenblaß und
zitterte an allen Gliedern. »Vater! Das können wir nicht tun!«
Taras hielt den Wagen an. Langsam, eher unwillig, wandte er sich an
den Braunbärtigen. »Sie kommen mit uns«, erklärte er barsch. »Wir
sind fünfzig, Kosak«, schrie der kleine Alte. »Sie können nichts
gegen uns machen.«
Doch Karpenko schüttelte nur den Kopf. Dann setzte er dem
anderen auseinander, daß er diesem Juden einen persönlichen Dienst
schulde. Er winkte Rosa und ihren Eltern zu, damit sie in den Wagen
stiegen.
»Sie wollen ein Kosak sein? Judenfreund! Wir kommen und
brennen Ihren Hof auch nieder«, schrie der alte Mann. Doch niemand
hinderte die Abramovitschs am Einsteigen.
»Ich fürchte, man wird Ihr Haus niederbrennen«, sagte Karpenko
zu Rosas Vater. »Aber ich habe Ihnen die Prügel erspart.« Dann
ruckte er an den Zügeln, und der Wagen fuhr langsam die Straße
hinunter.
Während sie das Dorf verließen, starrte Rosa zurück. Die
Männer warfen soeben die Fenster ihres Hauses ein. Sie sah den
alten Mann mit einer Fackel hineingehen. Sie verbrennen mein
Klavier, dachte sie; das Klavier, für das der Vater ein ganzes Jahr
gespart hatte. Sie blickte ihren Vater an. Er saß zitternd im
Wagen, in seinen Augen standen Tränen, und die Mutter hatte ihre
Arme um ihn gelegt. Rosa hatte ihren Vater nie vorher weinen
sehen.
Ivan hatte sie gerettet. Das würde sie ihr ganzes Leben nicht
vergessen. Sie würde sich aber auch an seinen Vater, den Freund der
Familie, erinnern.
1891
Nikolaj Bobrov sagte sich, daß er sich nicht
allzu viele Sorgen machen müsse. Die Nachricht seines Vaters war
natürlich beunruhigend. Er fühlte sich auch plötzlich schuldig.
Aber sicher würde es nicht so schlimm sein, wenn er nur erst dort
wäre. Es war ein langer Weg, wenn man allein reiste. Während der
geschlossene Schlitten ihn durch die breiten Straßen St.
Petersburgs trug, blickte Nikolaj hinaus. Er liebte diese mächtige
Stadt. Selbst an einem grauen Tag wie dem heutigen lag ein heller
Schimmer darüber.
Wie die Herren in der westlichen Welt trug Nikolaj einen
hinten geschlitzten Gehrock. Seine ziemlich engen Hosen waren aus
dickem Tuch, seine Schuhe poliert, so daß sie blitzten und
glänzten.
Über seiner Weste hing an einer Goldkette eine Taschenuhr.
Sein weißes Hemd hatte einen steifen abnehmbaren Kragen; darum war
eine schmale getupfte Seidenkrawatte in einer lockeren Schleife
gebunden, die ihm etwas Künstlerisches verlieh. Die beiden einzigen
Kleidungsstücke russischen Ursprungs waren der Überzieher mit
Pelzkragen und die Pelzmütze, die neben ihm auf dem Sitz lag.
Nikolaj Bobrov war siebenunddreißig Jahre alt. Sein Haar und der
gepflegte Spitzbart waren vorzeitig ergraut, doch sein Gesicht war
fast faltenlos und hatte oft noch den gleichen offenen Ausdruck wie
in seiner Studentenzeit, als er versuchte, die Bauern seines Vaters
zu einer neuen Welt zu überreden.
Nikolaj war inzwischen Familienvater geworden. Er hatte eine
Tochter, einen älteren Sohn, nach dem Großvater Michail genannt,
und im letzten Jahr war noch ein Junge, Alexander, dazugekommen.
Nach seiner derzeitigen politischen Einstellung befragt, hätte er,
ziemlich allgemein, geantwortet: »Ich bin liberal.« Es überraschte
nicht, daß die revolutionäre Begeisterung der Studentenzeit nicht
angehalten hatte. Nikolaj konnte die Demütigung des Jahres 1874
niemals vergessen. »Die Bauern waren ja noch nicht einmal
interessiert«, mußte er bald zugeben. Er hatte sich auch von Popov
hintergangen gefühlt. »Er war nichts als ein Opportunist, der einen
Narren aus mir gemacht hat«, äußerte er seinen Eltern gegenüber.
Als die Terroristen einige Jahre später den Zaren ermordeten,
schüttelte Nikolaj nur betrübt den Kopf. »Selbst ein Zar ist besser
als Chaos«, war seine jetzige Ansicht. Und er fügte hinzu: »Rußland
wird eines Tages eine freie Demokratie sein; doch dafür sind wir
wirklich noch nicht bereit. Es dauert noch eine Generation,
vielleicht zwei.« Bis dahin war es in Rußland, Gott sei Dank,
ruhig. Gleich nach dem Attentat auf seinen reformierenden Vater tat
der neue Zar Alexander III. entscheidende Schritte. Der harte Kern
der mörderischen Partei des Volkswillens wurde entdeckt und
zerschlagen. Der gute alte Reaktionär, Dmitrij Graf Tolstoj, wurde
wieder als Innenminister eingesetzt und verfügte bald über eine
Sonderpolizeieinheit von nicht weniger als hunderttausend
Gendarmen. Der größte Teil des Reiches stand durch die sogenannten
Übergangsverordnungen des Zaren unter Kriegsrecht. Sie waren damals
seit zehn Jahren in Kraft. Es gab außerdem Zensur und Inlandspässe;
auf den Universitäten waren jegliche studentischen Körperschaften
verboten; auf dem Land gab es einen neuen Beamtentyp, den
sogenannten Landhauptmann, der Regierungsrechtsprechung ohne
Beihilfe unabhängiger Gerichte für die Bauern übte. Den besten
Ausdruck für die Einstellung dieser Beamten fand der Prokurator des
Heiligen Synod, der auf die Frage der Rolle der Regierung in der
Erziehung antwortete: »Die Leute müssen daran gehindert werden,
etwas zu erfinden.« Rußland war ein Polizeistaat. Und doch ist das
vielleicht das Beste, dachte Nikolaj. Es bedeutete zumindest
Ordnung. Es hatte zwar ein paar Streiks gegeben, und im Süden
hatten Judenpogrome stattgefunden. Das durfte man nicht gutheißen.
Aber es hatte keine Bombenanschläge mehr gegeben.
Tatsächlich ist es so, als habe das russische Reich die
vergangenen zehn Jahre unter einer Schneedecke geschlummert, war
Nikolajs Ansicht. Vielleicht konnte sich Rußland unter dieser
Zarenherrschaft allmählich auf eine neue, andere Zukunft in der
modernen Welt vorbereiten.
In diesem Augenblick überquerte der Schlitten die eisbedeckte
Neva. Auf dem gegenüberliegenden Ufer lag das Winterpalais; zur
Linken der schmale Turm der Peter-undPauls-Kathedrale in fahlem
Licht. Mitten auf dem Eis erhob sich ein hochaufragendes
Holzgerüst, über fünfzehn Meter hoch, von dem aus eine steil
abfallende, eisbedeckte Bahn nach unten führte. Dies war eins der
beliebtesten Wintervergnügen der Stadt – ein Eisberg, wie man die
Rutschbahn nannte. Wenige Minuten später befand sich der Schlitten
auf dem Südufer, glitt am Palais vorbei, und nach dem Abbiegen kam
der großzügig angelegte Nevskij-Prospekt in Sicht. »Straße der
Duldung« nannte man ihn damals liebevoll. Dort befanden sich,
nahezu Seite an Seite, die Kirchen der holländischen Calvinisten,
der deutschen Lutheraner, der römisch-katholischen Gläubigen und
der Armenier, ebenso natürlich die der Orthodoxen. In einiger
Entfernung vom Prospekt lagen Konzerthallen, Theater und der
elegante englische Club.
Nikolaj lebte seit fast zehn Jahren in St. Petersburg. Er war
nicht reich, doch er hatte ein einträgliches Amt in einem
Ministerium, wo er sich nur einmal wöchentlich zeigte, und kam mit
seinen Einkünften gut zurecht. Er war Mitglied des Yachtclubs, wo
es einen ausgezeichneten französischen Chef gab. Häufig führte er
seine Frau in eines der vier Opernhäuser der Hauptstadt, wo man zu
jener Zeit nicht nur die europäischen Genies hören konnte, die
unvermittelt während der vergangenen Jahrzehnte die Welt aufhorchen
ließen: Tschaikovskij, Mussorgskij, Borodin, Rimskij-Korsakov. Oder
die Bobrovs gingen ins Marjinskij-Theater zu den besten
Ballettaufführungen der Welt. Den Sommer verbrachte die Familie in
dem hübschen gemieteten Sommerhaus. Einmal im Jahr machte Nikolaj
seiner Frau ein Geschenk aus dem Haus des Juweliers Fabergé, der
nicht nur die märchenhaften Ostereier für den Zaren herstellte,
sondern in seinem Geschäft auch Hunderte entzückender Kleinigkeiten
für etwas bescheidenere Geldbeutel wie den des Nikolaj Bobrov
bereithielt.
Im St. Petersburg des Jahres 1891 hatte ein liberal gesinnter
Mann wie Bobrov kaum einen Grund, sich um die Zukunft zu sorgen.
Dennoch beunruhigte ihn die Aufforderung seines Vaters. In der
vergangenen Woche hatte Nikolaj Mischas Brief erhalten.
Ehrlich gesagt, mein lieber Junge, ist die
Lage in den hiesigen Ortschaften verzweifelt, und sie verschlimmert
sich. Wir tun, was wir können, doch meine Gesundheit ist nicht mehr
die, die sie einmal war, und ich kann kaum noch Schritt halten.
Wenn Du irgend kannst, bitte ich Dich in Gottes Namen um Dein
Kommen.
So machte sich an diesem grauen Dezembertag
Nikolaj Bobrov mit unguten Vorahnungen auf den Weg nach Russka.
Dampfendes Zischen, ein Pfiff, leichtes Knallen wie Trommelwirbel,
und der Zug glitt durch die Vorstädte auf die schneebedeckte Ödnis
zu. Das war der Expreß von St. Petersburg nach Moskau. In den mit
prächtigen Wandbespannungen versehenen und weichgepolsterten
Abteilen ließ es sich auf eine derart luxuriöse Weise essen und
schlafen wie in keiner anderen Eisenbahn der Welt. Für Nikolaj
bedeutete Eisenbahn: Zukunft. In ebendiesem Jahr hatte die
Regierung ein kühnes Unternehmen in Angriff genommen – eine
Eisenbahnlinie, die sich schließlich über Tausende von Meilen hin
von Moskau über die weite eurasische Landmasse bis zum pazifischen
Hafen Vladivostok erstrecken sollte: die Transsibirische
Eisenbahn.
Dies war das neue Rußland, die kommende Welt. Riesige
Kohlenreserven wurden in den fernen Wüsten und Bergen oberhalb der
Mongolei gefördert; in den kahlen Gegenden Ostsibiriens gab es
Gold. Deutsches und französisches Kapital strömte zur Finanzierung
ehrgeiziger Regierungsprojekte ins Land: Die unermeßlichen
Bodenschätze des Reiches wurden erstmals angezapft. Auch Rußlands
militärische Macht wurde nicht bezweifelt. Es hatte die Demütigung
des Krimkrieges hinter sich gelassen. Obwohl es zwei Jahrzehnte
zuvor Alaska an die Vereinigten Staaten verkauft hatte, bedeckte
das Reich immer noch den größten Teil der nordeurasischen Ebene
zwischen Polen und dem Pazifik. Die Türkei zitterte vor Rußland;
das britische Imperium beobachtete die russische Ausdehnung nach
Asien hin mit vorsichtigem Respekt; das bröckelnde chinesische
Reich in Fernost gab Rußland, was es haben wollte; Japan drängte
auf Zusammenarbeit und Handel. Nikolaj war allein im Speisewagen.
Er hatte sich gerade Kaviar, Blini und ein Glas Wodka bringen
lassen. Es war für vier Personen gedeckt, doch Nikolaj saß allein
am Tisch. Er langweilte sich ein wenig. Als der Kellner fragte, ob
er noch zwei Herren dazusetzen dürfe, hatte Nikolaj daher nichts
dagegen und blickte neugierig auf. Zwei Männer nahmen ihm gegenüber
Platz und beachteten ihn kaum. Doch Nikolajs Blick hing wie gebannt
an einem der beiden: Jevgenij Popov.
Nein, es konnte keine Verwechslung sein: die karottenrote
Haarmähne, die gleichen grünen Augen. Popov hatte sich kaum
verändert, doch in seinem Gesicht zeigte sich eine gewisse Reife,
eine ruhige Kraft, die darauf hindeutete, daß er gelitten hatte.
Als er Nikolajs Blick bemerkte, sagte er nur: »Nun, Nikolaj
Michailovitsch, es ist lange her.«
Wie sonderbar! Auch wenn sie sich siebzehn Jahre lang nicht
begegnet waren, hätte Nikolaj bei seinem früheren Freund doch eine
Art von Verlegenheit erwartet. Schließlich hatte Popov ihn auf
verletzende Weise ausgenützt und von seinem Vater Geld mehr oder
weniger erpreßt. Doch Popov sah weder schuldbewußt noch
herausfordernd drein; er fragte Nikolaj lediglich, wohin er reise.
Und als er es erfuhr, meinte er nachdenklich: »Ach ja, Russka.«
Dann wandte er sich an seinen Begleiter: »Die große Fabrik der
Suvorins ist dort, weißt du.«
Nun blickte Nikolaj den anderen Mann genauer an. Er schätzte
ihn Anfang Zwanzig, obwohl sein rötlichbraunes Haar bereits
schütter wurde. Der Mann trug einen rötlichen Spitzbart. Kleidung
und Haltung ließen auf die Zugehörigkeit zum niederen Provinzadel
schließen, und wahrscheinlich war er für eine Karriere als
kleinerer Beamter bestimmt.
»Das ist Vladimir Iljitsch Uljanov«, stellte Popov ihn vor.
»Er hat gerade sein juristisches Examen in St. Petersburg gemacht
und wird nun als Anwalt arbeiten.« Der Mann erwiderte Nikolajs Gruß
höflich und ließ ihm ein winziges Lächeln zukommen. Uljanov? Wo
hatte Nikolaj den Namen schon einmal gehört? Wenn sein Haar auch
rötlichbraun war, war er unbedingt ein asiatischer Typ von
untersetzter Statur, mit gewölbtem Schädel, hohen Backenknochen,
Nase und Mund ziemlich breit, unverwechselbar mongolischen Augen.
Er sah überhaupt nicht russisch aus. Aber der Name… warum schien er
Nikolaj vertraut? Alexander Uljanov – natürlich! Vier Jahre zuvor
war ein Student dieses Namens in ein dilettantisches Komplott
verwickelt gewesen, in dem es um die Tötung des Zaren ging. Es war
der tolle Plan verrückter junger Leute gewesen. Jener unglückliche
junge Mann hatte es abgelehnt, sich zu entschuldigen, und mußte mit
seinem Leben bezahlen.
Uljanov. Eine achtbare Familie, erinnerte sich Nikolaj; der
Vater ein Schulinspektor einfacher Herkunft, der sich jedoch so
weit hocharbeitete, daß ihm und seiner Familie der erbliche
Adelsrang verliehen wurde.
Die Unterhaltung kam nur zögernd in Gang. Nikolaj erkundigte
sich nach Popovs Tätigkeiten, dieser jedoch gab ausweichende
Antworten. Und Uljanov gab sich damit zufrieden, die beiden
schweigend zu beobachten. Nikolaj folgerte aus Andeutungen, daß
Popov eine Zeit im Ausland verbracht hatte, aber das war auch
alles. Immerhin wäre es schade gewesen, die Gelegenheit ungenutzt
vorübergehen zu lassen. Also fragte Nikolaj schließlich
geradeheraus: »Sage mir, Jevgenij Pavlovitsch, arbeitest du immer
noch für die Revolution, und wann wird sie stattfinden?« Popov
zuckte lediglich die Achseln. Gleich darauf stand Uljanov auf und
ging für eine Weile hinaus. »Ein interessanter Mensch«, bemerkte
Popov. »Woher kommt er?«
»Aus einer kleinen Provinzstadt im Osten an der Wolga. Er hat
einen Besitz dort, einen kleinen mit ein paar armen Bauern. Er ist
Gutsbesitzer und Adliger in einem. Erinnerst du dich denn nicht an
den Namen?«
Nikolaj erwähnte den hingerichteten Studenten. »Genau. Dieser
Mann ist sein Bruder.«
»Er würde sich selbst nicht an einer solchen Verschwörung
beteiligen?« Popov lächelte. »Vladimir Iljitsch ist sehr viel
vorsichtiger.«
Nikolaj machte eine Andeutung über das asiatische Aussehen des
Anwalts, und Popov nickte. »Du hast recht. Tatsächlich ist er von
der mütterlichen Seite her, soweit ich weiß, teils deutsch und
teils schwedisch, doch die Familie väterlicherseits stammt aus
Asien. Sie gehörte dem Tschuvaschen-Stamm an.«
Natürlich! Die Tschuvaschen waren ein alter Stamm asiatischen
Ursprungs, an der Wolga angesiedelt, dessen Angehörige häufig
rötliches Haar hatten. »Ich war sicher, daß er kein Russe ist«,
sagte Nikolaj.
»Ich bezweifle, ob er überhaupt einen Tropfen russisches Blut
in den Adern hat.«
»Und welches Interesse hast du an ihm?« erkundigte sich
Nikolaj. Popov schwieg einen Augenblick, bevor er murmelte: »Ich
sage dir nur, Nikolaj, wer dieser Typ auch sein mag – ich habe noch
nie einen solchen Menschen getroffen.«
In diesem Augenblick kehrte Uljanov zurück, und die
interessante Unterhaltung brach ab. Nikolaj bedauerte das. Sein
Interesse an diesem schweigsamen TschuvaschenAnwalt-Gutsbesitzer
war geweckt. Da jedoch wandte Popov sich mit einem leicht
ironischen Lächeln an ihn: »Nun, Nikolaj Michailovitsch, du hast
mich nach der Revolution gefragt.«
Noch nach Jahren dachte Nikolaj, daß die folgende Stunde die
aufschlußreichste seines Lebens gewesen sein könnte. Popov
berichtete ruhig und flüssig. Bald wurde deutlich, daß er
großzügiger, weitgespannter in seinen Ideen geworden war im
Gegensatz zu früher. Es kamen auch Einzelheiten aus seinem
Privatleben zum Vorschein. Er war verheiratet gewesen, aber seine
Frau war gestorben. Man hatte ihn für drei Jahre nach Sibirien und
für ein weiteres Jahr ins Gefängnis geschickt. Er hatte mehrere
europäische Länder, darunter Großbritannien, bereist. Nikolaj
wußte, daß im Laufe der Jahre viele russische Radikale ihr Land
verlassen und im Ausland leben mußten. Er hatte eine vage
Vorstellung von diesem Leben: ständig unterwegs, oft mit
gefälschten Papieren und unterschiedlicher Identität; Teilnahme an
revolutionären Zusammenkünften, Abfassung von Artikeln für
illegale, nach Rußland eingeschmuggelte Zeitungen, sich einen
schmalen Lebensunterhalt durch Stundengeben und Übersetzen
verdienen, sich von Sympathisanten Geld leihen und sogar stehlen.
Während Nikolaj seinem ehemaligen Freund zuhörte, wurde ihm bewußt,
daß Popov viel mehr über die Welt wußte als er. Popov berichtete
über die radikalen Bewegungen in Westeuropa, von den
Arbeitergewerkschaften bis zu den revolutionären politischen
Parteien. Nikolaj war vor allem tief beeindruckt von Popovs
Sicherheit. Er bemerkte, daß Popov sprach, als sei alles, was
geschah, Teil eines konkreten historischen Prozesses, den er sehr
wohl verstand. Als Nikolaj diesen Gedanken äußerte, lächelte der
andere.
»Natürlich. Hast du niemals Karl Marx gelesen?« Nikolaj hatte
durchaus von Marx gehört. Er versuchte sich zu erinnern. Es war ein
deutscher Jude, der lange Zeit in England gelebt hatte und vor
wenigen Jahren gestorben war; ein Wirtschaftswissenschaftler und
Revolutionär. Sein enger Vertrauter, Engels, war noch tätig.
Die Werke dieser außerordentlichen Männer erschienen eben erst
in Rußland, und Nikolaj mußte gestehen, daß er nichts davon gelesen
hatte.
Marx' Theorien, so erläuterte Popov, leiteten sich von dem
großen deutschen Philosophen Hegel ab, dessen Schriften seit Anfang
des Jahrhunderts vorlagen. »Sicher erinnerst du dich noch aus
deiner Studienzeit an das berühmte Hegelsche Weltsystem, nicht
wahr?« meinte Popov vorwurfsvoll.
»Ich glaube, ja.« Nikolaj durchforschte eilig sein Gedächtnis.
»Das war die Dialektik.«
»Genau. Die Dialektik ist der Schlüssel zu allem.« Nikolaj
erinnerte sich jetzt genau – Hegels kosmisches System, das
aufzeigte, daß die Welt sich auf ein letztes Stadium der Vollendung
zu entwickelt: auf das Absolute. Und der Prozeß, der dazu führt? Es
vollzieht sich alles in Stufen – in einem scheinbar endlosen
Widerstreit von Ideen, doch jeder Widerstreit bezeichnet einen
Schritt nach vorn. Auf diese Weise trifft auf eine These – eine
scheinbare Wahrheit – ihr Gegenstück, die Antithese. Aus diesen
beiden entsteht eine neue Idee: die Synthese, besser als die
vorhergehende Idee, doch immer noch unvollendet. So wird aus der
Synthese eine These, und alles beginnt von vorn. Die Dialektik
weist auf Fortschritte hin. Das war zwingend.
»Der größte Meister der Dialektik war Karl Marx«, erläuterte
Popov. »Mit ihrer Hilfe hat er die ganze Menschheitsgeschichte –
und auch ihre Zukunft – erklärt.«
Nikolaj lauschte fasziniert, während Popov das System des
Marxismus umriß. »Nur die Materie existiert«, begann er. »Sie ist
die große Wahrheit, die allem zugrunde liegt. Deshalb wird das
Marxsche System als Dialektischer Materialismus bezeichnet. Das
materielle Produktionsmittel bestimmt nämlich alles«, führte Popov
weiter aus, »wie wir uns ernähren, kleiden, wie wir Bodenschätze
fördern und wie wir fabrizieren. Das ganze Bewußtsein des Menschen,
seine Gesellschaft, seine Gesetze, alles leitet sich von dieser
wirtschaftlichen Struktur her, und in jeder Gesellschaft bis auf
den heutigen Tag gibt es grundsätzlich zwei Klassen: die Ausbeuter
und die Ausgebeuteten. Jene, die die Produktionsmittel besitzen,
und jene, die ihre Arbeit verkaufen.«
»Und die Dialektik?«
»Nun, der Klassenkampf – das ist Dialektik. Denke doch einmal
nach: Wer besaß das Land im feudalen Europa? Der Adel. Und die
ausgebeuteten Bauern bestellten es. Doch allmählich zerfiel diese
Struktur, eine neue Welt entstand: die bürgerliche Welt, die zum
Kapitalismus in seiner ganzen Größe führte. Nun sind die
Fabrikbesitzer die Ausbeuter, und die Ausgebeuteten sind die
Arbeiter – das Proletariat. These und Antithese.«
»Und die Synthese?«
»Das ist die Revolution. Die Arbeiter übernehmen die
Produktionsmittel. Der Kapitalismus zerstört sich selbst, und wir
treten ins neue Zeitalter ein. Das ist unvermeidlich.«
»Was geschieht im neuen Zeitalter?«
»Zuerst gibt es den Sozialismus. Der Arbeiterstaat besitzt die
Produktionsmittel. Später gehen wir auf den vollkommenen
Kommunismus zu, wo der Staat bekanntlich nicht einmal mehr
gebraucht wird.«
»Wir bewegen uns also immer noch auf die neue Welt zu, von der
wir als Studenten geträumt haben?«
Popov nickte. »Ja. Es war jedoch ein Fehler, daß wir im Jahre
74 eine Revolution mit den Bauern machen wollten. Die Revolution
kann nur vom Proletariat ausgehen. Der große Unterschied ist, daß
wir jetzt, dank Marx, wissen, was wir tun. Wir haben ein Gerüst.
Die Revolution ist zur Wissenschaft geworden.«
»Gibt es in Rußland viele Marxisten?« wollte Nikolaj wissen.
Popov schüttelte den Kopf. »Bisher nur wenige. Der Führer der
russischen Marxisten ist Plechanov, und der lebt meistens in der
Schweiz.«
»Und was hat all dies mit der russischen Revolution zu tun?«
fragte Nikolaj. »Wie und wann wird sie stattfinden?«
»Es gibt, kurz gesagt, zwei Ansichten darüber. Der formale
Marxismus sagt, daß alles zu seiner Zeit geschieht. Zuerst eine
feudale Agrarökonomie, dann ein Bürgerstaat. Aus diesem entwickelt
sich der Kapitalismus, wird mehr und mehr zentralisiert, bis er
schließlich zusammenbricht. Die Arbeiter sprengen ihre Ketten – die
sozialistische Revolution findet statt. Eine klare, logische Folge.
Rußland ist immer noch rückständig«, fuhr er fort.
»Entwicklungsmäßig befindet es sich auf dem Bürgerstadium. Sein
Proletariat ist klein. Wenn wir eine eigene Revolution machen
würden, würde dadurch wahrscheinlich die Monarchie abgeschafft
werden und das Bürgertum an die Macht kommen. Lediglich Europa kann
eine sozialistische Revolution führen, und dann könnte Rußland
möglicherweise von der neuen, von Europa geschaffenen Weltordnung
absorbiert werden.«
»Die Revolution kann also nicht in Rußland beginnen?«
»Dem klassischen Marx nach – nein. Wie ich schon sagte, gibt
es zwei Aspekte. Der zweite, den selbst Marx für möglich halten
mußte, ist folgender: Was wäre, wenn Rußland tatsächlich einen
Sonderfall darstellte? Überlege einmal, Nikolaj – eine morbide
Autokratie; ein geschwächter Adelsstand, völlig abhängig vom Zaren
und ohne eigene wirtschaftliche Macht; eine kleine, kaum
entwickelte Mittelschicht, und ein seit jeher in Kommunen
organisierter Bauernstand. Vielleicht könnte in Rußland eine
unvermutete Revolution unmittelbar in eine Art Ursozialismus
führen. Das weiß keiner.«
»Und wie denkst du darüber?« fragte Nikolaj gespannt. Popov
zuckte die Achseln. »Ich habe kein Vertrauen zu den Bauern, wie du
weißt. Ich glaube an die Hauptdoktrin von Marx: Rußland muß zuerst
durch einen bürgerlichen und einen kapitalistischen Status. Dann
kann die proletarische Revolution folgen.«
»Du glaubst also nicht, daß die Revolution hier ihren Anfang
nehmen kann?«
»Nein!«
Nikolaj hatte wohl bemerkt, daß Uljanov sich absichtlich aus
der Unterhaltung heraushielt. Nun aber begann er sehr ruhig zu
sprechen. »Der Marxismus ist einwandfrei. Wir sollten jedoch daran
denken, daß Marx auch ein Revolutionär war, und eine Revolution ist
ebenso eine praktische wie theoretische Angelegenheit.« Er nickte
Popov zu. »Rußland ist enorm rückständig, natürlich, aber die
Industrie ist jetzt auf dem Vormarsch. Die proletarische Klasse
wächst. Die marxistischen Grundvoraussetzungen für eine Revolution
sind in Rußland vielleicht schon während unserer Lebenszeit
gegeben; dann aber muß das Proletariat erzogen und geführt werden.
Man wird eine ausgebildete Stammorganisation als Zentrum brauchen,
anders ist es nicht zu schaffen.«
»Sagen Sie: Ihre Stammorganisation – sollte sie Mittel zur
Förderung einer Revolution einsetzen?«
Der Anwalt strich sich nachdenklich über seinen Bart. »Ich
glaube, ja.«
»Auch Terrorismus?«
»Wenn es dem Zweck dient, warum nicht?« fragte Uljanov ruhig
zurück.
Nun wechselte das Gespräch auf andere Themen über. Kurz darauf
sagte Uljanov, er sei müde und wolle sich zurückziehen. Doch bevor
sie sich trennten, kam noch etwas zur Sprache, das für alle Zeit in
Nikolajs Gedächtnis haftenblieb. Es war von der Hungersnot die
Rede, und er hatte den beiden vom Brief seines Vaters erzählt. »Es
stimmt«, antwortete Popov, »die Situation in den Zentralprovinzen
ist schrecklich.«
»Man macht einen großen Fehler«, bemerkte Uljanov, »wenn man
versucht, die Hungersnot zu lindern. Wir sollten nicht helfen.
Sollen die Bauern doch verhungern! Je schlimmer es kommt, um so
mehr wird die zaristische Regierung geschwächt.« Das brachte er
völlig sachlich vor.
Nikolaj dachte, daß wohl gerade dieser Mangel an Gefühl den
sonderbaren Tschuvaschen so ungeheuer stark mache. Sie trennten
sich freundlich voneinander. Nikolaj ahnte nicht, daß der Anwalt
mit dem schütteren Haarwuchs und dem rötlichen Bärtchen einmal an
der Spitze einer Revolution stehen würde. Immer wenn Nikolaj Bobrov
sich später an diese wahre Begebenheit erinnerte, dachte er: Das
war der Tag, an dem die Revolution begann. Fünf Monate später brach
sie tatsächlich aus. Als Nikolaj zu Hause eintraf, fand er eine
verzweifelte Situation vor. Im Jahre 1890 hatte es nicht nur in
Russka, sondern auch auf dem anderen Besitz der Bobrovs in der
Provinz Rjazan eine Mißernte gegeben. 1891 hatten Mischa Bobrov und
die übrigen Mitglieder der zemstvo-Kommission versucht, die
Situation dadurch zu retten, daß sie die Bauern anhielten,
Mischsaat auf die Felder zu bringen.
»Kartoffeln zusätzlich«, war Mischas Ansicht. »Selbst wenn es
kein Getreide gibt, haben wir doch etwas zu essen.« Aber die Aktion
schlug fehl. Die gesamte Kartoffelernte war verfault, und auch
alles übrige war nicht gediehen. Im Herbst war abzusehen, daß eine
Hungersnot bevorstand.
Nikolaj wurde rasch klar, daß die Hungersnot für seinen Vater
auch eine persönliche Krise bedeutete. Obwohl Mischa bereits
siebzig war und seine Gesundheit nicht die beste, hatte er sich mit
großem Eifer in neue Aufgaben gestürzt. Er gab zu, daß er als
Mitglied des zemstvo-Adels sich in diesen Tagen doppelt
belastet fühlte. Nikolaj verstand, was er damit meinte. Seit die
zemstvo-Versammlungen von Zar Alexander im Zuge seiner
Reformen eingerichtet worden waren, hatte die Regierung die
Mitgliedschaft reichlich eigenmächtig gehandhabt. Beispielsweise
hatte der gegenwärtige Zar es rundweg abgelehnt, gewählte Männer im
Amt zu bestätigen, wenn er an ihrer Loyalität zweifelte. Doch der
kritische Moment kam 1890, als der Zar kurzerhand beschloß, die
Wahlgesetze zu ändern, und zwar derart drastisch, daß die Zahl der
Wahlberechtigten sich oft um mehr als die Hälfte reduzierte und der
niedere Adel die große Mehrheit der Kommissionsmitglieder bildete.
Es war ein Akt purer Willkür, ein gezielter Schlag ins Gesicht des
einfachen russischen Bauern. Nikolaj wußte, daß sein liberal
gesinnter Vater davon tief betroffen war: Er hatte sich so sehr um
Verbesserungen bemüht, doch erreicht hatte er nichts.
Das war nicht mal sein Fehler. Der zemstvo
richtete Getreidevorräte ein; Lebensmittelzuteilungen wurden
sorgfältig überwacht; Mischa und andere kontrollierten die Gegend
unermüdlich. Und dennoch war es nicht zu verhindern, daß die
Vorräte allmählich schwanden.
Die Bobrovs selbst litten zwar keinen Hunger, doch Nikolaj
spürte, daß die Not um sie her seine Eltern überforderte. Sein
Vater sah grau und eingefallen aus, sein früherer Optimismus war
verschwunden. Die sonst so entschlossene Anna wirkte matt und
zögernd. Sie nahm ihren Sohn einmal zur Seite und sagte: »Nikolaj,
du mußt übernehmen. Dein Vater kann nicht mehr.« Nikolaj ging durch
den Ort. Es war alles wie früher. Zu seiner Freude traf er Arina
noch lebend an – eine kleine verhutzelte babuschka, deren
Augen immer noch durchdringend blickten. Timofej Romanov und seine
Frau hießen ihn herzlich willkommen. Ihre Tochter Arina, in
Nikolajs Erinnerung ein kleines Kind, war nun ein liebenswertes,
breitgesichtiges Mädchen von siebzehn Jahren. Nur Boris zeigte ihm
die kalte Schulter, aber dem maß Nikolaj keine besondere Bedeutung
zu. Überall im Dorf begegnete er schweigender Resignation. Der
Dorfälteste sorgte dafür, daß jede Familie etwas Brot bekam. In
manchen isbas gab es noch Pökelfleisch. Viele gingen täglich
hinaus und versuchten, durch die Löcher im Eis Fische zu
fangen.
Die Mönche des Klosters, das Getreidevorräte hatte, verteilten
Mehl an die nächsten Bauern. »Unser Vorrat reicht noch neun
Wochen«, sagten sie Nikolaj.
»Der Mann, von dem jetzt alles abhängt, ist zur Zeit in
Russka«, meinte Mischa Bobrov. »Es ist Vladimir Suvorin.« Vladimir,
der ältere Enkel jenes alten Schreckgespenstes Sawa und der Bruder
Peter Suvorins. Mischa hatte seinem Sohn niemals von Peters
belastendem Brief erzählt, und wie er Sawa damit erpreßt hatte.
Nikolaj wußte deshalb über Peter nur, daß er weggelaufen und
irgendwann wiederaufgetaucht war. »Ich glaube, er ist jetzt
Professor in Moskau«, sagte Mischa. »Er kommt niemals hierher.«
Über Vladimir Suvorin dagegen hatte Nikolaj mehr erfahren. Der
mächtige Industrielle lenkte seine Unternehmen in Moskau und Russka
mit eiserner, aber gerechter Hand. Seine Leute arbeiteten nicht
mehr als zehn Stunden täglich; es gab keine Kinderarbeit und keine
grausamen Strafen für geringe Vergehen. Anders als bei so manchem
führenden Industriellen Rußlands wurde bei ihm nie gestreikt.
Nikolaj hatte gehört, daß Vladimir in Moskau ein sehr großes Haus
besitze, aber oft nach Russka komme.
Schon am übernächsten Morgen kam Vladimir Suvorin zu einem
Besuch ins Haus der Bobrovs. Er war den Beschreibungen entsprechend
riesengroß, aber nicht so, wie Nikolaj vermutet hatte. Er war
anders als alle Menschen, die Nikolaj bis dahin kennengelernt
hatte.
Vladimir Suvorin stieg aus dem Schlitten und ging auf die
wartende Familie zu. Ruhig streifte er einen grauen Handschuh ab
und streckte Mischa freundlich lächelnd seine große fleischige Hand
hin.
»Mein lieber Freund«, sagte er mit warmer Stimme. Man ging ins
Haus, und Vladimir legte den Pelzmantel ab. Darunter trug er ein
gut geschnittenes Jackett, das den kleinen Bauchansatz geschickt
kaschierte. Auch Vladimirs großes, kantiges Gesicht zeigte leichte
Rundungen, die auf ein gutes, doch nicht unmäßiges Leben
hindeuteten. Sein sich lichtendes Haar war kurz geschnitten, seine
Nase groß, doch ebenmäßig.
Der dunkelbraune Schnurrbart und der kurze Bart wirkten höchst
gepflegt. Ein leichter, angenehmer Duft von Eau de Cologne umwehte
Vladimir.
Nikolaj beobachtete den Mann fasziniert. Wie alle Leute, die
in St. Petersburg lebten, nahm auch er Moskau gegenüber eine leicht
arrogante Haltung ein. Moskau galt ihm als provinziell, ein Ort für
Kaufleute. In St. Petersburg hatte Nikolaj sich in den besten
Kreisen bewegt. Er kannte Männer vom Reichsgericht, kosmopolitische
Aristokraten. Er kannte Adlige, die ein großes Haus führten.
Vladimir dagegen war ein Mann – Enkel eines Leibeigenen der Bobrovs
–, der zwar nicht zu den Angehörigen der Oberschicht gehörte, aber
trotzdem kosmopolitischer war als sie alle. Er sprach ein
gepflegtes Russisch. Aus einigen Andeutungen ging hervor, daß er
auch Französisch beherrschte, ebenso war er in Deutsch und Englisch
daheim. Wie er sprach und wie er sich bewegte – er strahlte völlige
Selbstsicherheit aus. Er ist wie ein Monarch oder ein östlicher
Potentat, dachte Nikolaj.
Er hat vollendete Manieren, und dabei sagt und tut er doch
genau, was er will – und jeder gehorcht ihm.
Es war nicht zu übersehen: Vladimir hatte sich, obwohl erst
einundvierzig Jahre alt, längst an die angenehme Vorstellung
gewöhnt, daß es fast nichts gab, was er nicht hätte bekommen können
– durch Geld oder andere Mittel.
Nicht nur Nikolaj war vom ersten Augenblick beeindruckt, der
imposante Mann hatte im Nu alle für sich eingenommen. Nikolaj
behandelte er unverzüglich als einen vertrauenswürdigen Genossen.
Mischa gegenüber verhielt er sich höflich und fürsorglich. »Sie
haben so viel getan, lieber Freund. Es ist Zeit, daß die jüngere
Generation einen Teil der Last übernimmt. Aber ich weiß, daß Sie
auf uns alle ein wachsames Auge haben werden. Hier ist eine
Nachricht vom Provinzgouverneur«, fügte er hinzu. »Die Regierung
will Getreide verteilen. Es wird von der Ukraine geliefert, und wir
bekommen es in einem Monat. Wie Sie wissen, haben wir noch für etwa
acht Wochen Vorräte. Ich werde selbst mit dem Gouverneur sprechen,
damit nichts schiefgeht.«
Vladimir hatte es sich inzwischen auf einem Sessel bequem
gemacht.
Nun begann er, einiges über sich zu erzählen. Seine erste Frau
war gestorben, aus der zweiten Ehe hatte er einen Sohn. Für
gewöhnlich befand er sich zwei Monate des Jahres auf Reisen. Er
kannte Paris ebenso gut wie Moskau. Er kannte Künstler wie Renoir
und Monet persönlich wie auch den berühmten Schriftsteller Tolstoj,
dessen Besitz, Jasnaja Poljana, er vor einiger Zeit besucht hatte.
Auch mit Tschaikovskij war er bekannt. Vladimirs Welt war die
glitzernde Welt der Literaten, überfüllter Salons, Kennerschaft und
kluger Protektion – eine Welt, in die eine hohe Stellung oder
großer Reichtum Einlaß verschafften, wo jedoch nur Begabung und
außergewöhnliche Persönlichkeit geduldet wurden. Selbstverständlich
war Suvorin obendrein ein großartiger Geschäftsmann. Nikolaj erfuhr
weiterhin etwas über die Arbeit, die die zemstvos in den
vergangenen Monaten geleistet hatten. »Ohne Ihren Vater wäre die
örtliche Lebensmittelverwaltung zusammengebrochen«, erklärte
Vladimir ganz offen. »Die Leute des zemstvo halten in Stadt
und Land die Dinge zusammen, nicht die Zentralregierung.« Nachdem
er gegangen war, bemerkte Mischa bewundernd: »Gott sei Dank haben
wir ihn auf unserer Seite. Die Behörden wagen es nicht, seine
Stimme zu ignorieren.«
Zu ebendieser Zeit war in der isba Timofej Romanovs ein
heftiger Disput im Gange. Die Streitenden waren die alte Arina und
Boris. Timofej und seine Frau sagten wenig; der Gegenstand dieses
Streits, das siebzehnjährige Mädchen, die Namensschwester ihrer
Großmutter, wurde überhaupt nicht gefragt. »Das kann man nicht
machen«, schrie Boris ziemlich laut. »Diese Leute sind unsere
Feinde, ihr seid nur alle zu dumm, um das zu begreifen. Außerdem
soll sie hier ihren Eltern helfen.« Doch die alte Arina blieb hart.
»Wir hätten einen Mund weniger zu füttern«, meinte Timofejs Frau
schließlich. »Lieber verhungern«, knurrte Boris.
Die Jahre, seit Natalia bei dem Brand einen tragischen Tod
gefunden hatte, hatten Boris Romanovs Gefühle keineswegs gemildert.
Im Gegenteil: Mit der Zeit wurde seine Vorstellung, die Bobrovs und
der gesamte Landadel hätten sich gegen ihn verschworen, immer
zwingender. Zehn Jahre zuvor etwa war das Gerücht im Umlauf, die
Regierung werde die Zahlungen der Bauern an ihre früheren Besitzer
endlich abschaffen, doch kündigte die Verwaltung schließlich nur
eine Senkung um klägliche fünfundzwanzig Prozent an. Boris sah
darin den klaren Beweis einer Verschwörung gegen ihn. Und als
während der Hungersnot Timofej auf das gute Werk Mischa Bobrovs
hinwies, war Boris' verächtliche Antwort: »Was dieser alte
Verbrecher kann, kann ein ehrlicher Bauer schon längst.«
Die Entscheidung der Großmutter, Arina solle in den Haushalt
der Bobrovs gehen, machte ihn deshalb wütend. Da jedoch Timofej,
das Familienoberhaupt, nicht in der Lage war, der entschlossenen
alten Frau zu widersprechen, konnte auch Boris nichts unternehmen.
Die Alte war unerbittlich. Es war erstaunlich, welch ein starker
Wille in diesem kleinen Körper wohnte; merkwürdig auch, wie sich
durch ihren Entschluß, das Überleben der Familie zu sichern, all
ihre Gedanken von der geliebten Tochter weg auf die nächste
Generation konzentrierten. »Ich spreche mit ihnen; sie werden sie
aufnehmen«, sagte sie ruhig.
Vladimir Suvorin hatte die Bobrovs gerade verlassen, als Arina
und das Mädchen die Familie Bobrov aufsuchte. Die Alte brauchte
nicht viel zu sagen, Anna Bobrov verstand sogleich. »Natürlich
nehmen wir sie auf«, versprach sie. »Mein Mann ist müde. Er wird
froh um eine Hilfe sein.«
Am Nachmittag wurde das Mädchen eingewiesen. »Jetzt bist du
sicher«, flüsterte ihr die Großmutter zu, bevor sie ging. In den
kommenden sechs Wochen hatte Nikolaj Bobrov viel zu tun. Die
Vorhersage seiner Mutter, das junge Mädchen der Romanovs werde von
Nutzen sein, hatte sich schnell als richtig erwiesen: Mischa Bobrov
wurde plötzlich krank. Er lag im Bett, zu schwach, sich zu bewegen.
Nikolaj dachte, daß sie den Alten wohl verloren hätten, wäre da
nicht die ständige Pflege des stillen Bauernmädchens gewesen.
Arina hatte helle Haut und hellbraunes Haar, und wenn man sie
auch nicht als hübsch bezeichnen konnte, strahlte ihr eher breites
Gesicht eine Ruhe aus, die es sehr anziehend machte. Sie war fromm.
Anna und Arina gingen häufig zum Kloster, Tücher um den Kopf
geschlungen.
Neben der Pflege genoß Mischa es vor allem, wenn Arina
erzählte. Sie hatte von ihrer Großmutter eine Fülle von Volkssagen
gelernt; und oft setzte sie sich ans Bett des Kranken und breitete
eine bunte Märchenwelt vor ihm aus.
»Wenn dein Vater wieder gesund wird, haben wir es nur diesem
Mädchen zu verdanken«, sagte Anna zu ihrem Sohn. Tatsächlich sah es
so aus, als komme Mischa allmählich wieder zu Kräften. Drei Wochen
später besuchte Nikolaj in St. Petersburg kurz seine Frau und die
Kinder und kehrte dann wieder zurück. Die versprochenen
Getreidevorräte trafen nicht ein. »Ich werde erst gesund, wenn sie
kommen«, erklärte Mischa. Der zemstvo und Suvorin sandten
Boten zum Gouverneur. Alle paar Tage hieß es, das Getreide treffe
in aller Kürze ein. Mitte Februar kam die Nachricht an den
örtlichen zemstvo: Bedauerlicherweise könnten die
angekündigten Getreidelieferungen aufgrund von Transport- und
Lagerungsschwierigkeiten nicht erfolgen. »Sind diese Leute sich im
klaren darüber, was das bedeutet?« keuchte Mischa in seinem Bett.
»Die Menschen hier werden sterben. Seit zwei Wochen hat niemand
mehr einen Fisch aus dem Fluß geholt. Zwei Drittel des Viehs sind
verendet. Ich kann nicht glauben, daß selbst diese einfältigen
Bürokraten so etwas tun können.« In wenigen Stunden hatte sich die
Nachricht in der ganzen Gegend verbreitet. Eine Woche verging. Die
Bauern waren niedergeschlagen. Noch eine Woche. Viele
Getreidespeicher waren inzwischen leer. Stille senkte sich übers
Dorf.
Doch dann, eines Morgens, kam das Getreide. Die lange Reihe
der Schlitten bot einen erfreulichen Anblick; ein, zwei, drei
Dutzend. Es war wie der Nachschub für eine kleine Armee. Die
Schlitten fuhren in Russka ein, wo Suvorins Verwalter sie in einem
Lagerhaus erwarteten. Ein Dutzend der Schlitten zweigte ab und fuhr
durch die Wälder nach Bobrovo hinüber, dort den Abhang hinauf zu
Mischa Bobrovs Haus. Als sie sich näherten und die Leute im Haus an
die Fenster eilten, sahen sie im ersten Schlitten eine mächtige
Gestalt sitzen, die, eingehüllt in Pelz, das Gesicht gerötet von
der eisigen Luft, wahrhaftig Ähnlichkeit mit einem riesigen
russischen Bären hatte.
Es war der bärenstarke Vladimir Suvorin, der nun mit
fröhlichem Schmunzeln aus dem Schlitten stieg und auf Mischa
zuging, der es vor Aufregung nicht mehr im Bett ausgehalten hatte
und, in eine Bettdecke gehüllt, dastand; Vladimir drückte ihn fest
an sich. »Hier bringe ich Ihnen und Ihrem Dorf Getreide, Michail
Alexejevitsch. Wir können meinen alten Freund doch nicht hungern
lassen!«
»Was habe ich euch gesagt?« rief Mischa seiner Frau und seinem
Sohn zu. »Nur Suvorin kann das zuwege bringen! Aber wie, zum
Teufel, haben Sie das dem Gouverneur abgeluchst?« fragte er
Suvorin.
»Die Behörden haben kein Getreide. Niemand bekommt eine
Zuteilung, mein lieber Freund.« Mischa runzelte die Stirn. »Und
dies hier?«
»Das habe ich gekauft. Meine Mittelsmänner haben es entdeckt
und es aus dem Süden den ganzen Weg herbefördert. Die Behörden
haben damit gar nichts zu tun.«
Zuerst konnte Mischa nicht sprechen. Nikolaj sah, wie Tränen
in die Augen des alten Mannes stiegen. Er hielt Suvorin am Ärmel
fest, dann murmelte er: »Wie kann ich Ihnen danken, Vladimir
Ivanovitsch?«
Doch dann warf er plötzlich den Kopf zurück und schrie in
einem Anfall von Enttäuschung, Scham und Verachtung: »Dieser
verdammte Gouverneur! Diese verdammte Regierung in St. Petersburg!
Ich sage euch, diese Leute nützen uns gar nichts. Sie sollen den
örtlichen zemstvos Macht geben, da sie nicht fähig sind zu
regieren.« Er schrie mit voller Lautstärke, und es machte ihm
anscheinend nichts aus, daß Bedienstete, Kutscher und mehrere
Dorfbewohner Zeuge waren. Mischa Bobrov, Landbesitzer, Adliger,
liberal, loyaler Monarchist, war fertig mit der Regierung. Nikolaj
wußte, daß es anderen Landbesitzern und Männern des zemstvo
in allen zentralen Provinzen in diesem Winter der Hungersnot ebenso
erging.
Und so blickte Nikolaj Bobrov nach Jahren auf diesen Tag
zurück und dachte: Auch damit begann die Revolution. Im Frühjahr
kam es zum ersten Ausbruch der Krankheit, und zwar in den Hütten,
die verstreut am Flußufer unterhalb von Russka lagen. Zuerst, als
mehrere Menschen an Durchfall litten, nahm kaum jemand Notiz davon.
Nach zwei Tagen erbrach ein Mann plötzlich eine weißlichgelbe,
molkeähnliche Masse. Kurz darauf erbrach er wieder heftig, schrie,
seine Magengrube glühe wie Feuer und er verbrenne.
Am folgenden Tag litt der Kranke an akuten Krämpfen in den
Beinen, sein Körper verfärbte sich blau. Seine Augen lagen tief in
den Höhlen, so daß sein Kopf aussah wie ein Totenschädel, und er
brachte nur noch ein paar heisere Laute zustande. Bevor der nächste
Morgen dämmerte, starb er. Nach dem Tod blieb der Körper eine
Zeitlang merkwürdig warm. Die Frau des Verstorbenen meinte, er sei
sogar noch wärmer geworden und noch nach geraumer Zeit seien
Muskelzucken und Krämpfe zu spüren gewesen. Innerhalb weniger
Stunden wußte es ganz Russka: Die Cholera war ausgebrochen. »Wenn
wir sie nur vom Ort fernhalten können«, war Mischa Bobrovs tägliche
Litanei. »Wenn Russka ordentlich verwaltet würde, müßte man das
ganze Gebiet abriegeln.« Doch weder die örtliche noch die
Provinzverwaltung konnte einen solchen Versuch wagen; die Menschen
kamen und gingen. Aufgrund der Bemühungen der beiden Bobrovs und
Suvorins wurde eine Art inoffizieller Quarantäne eingeführt, die
die Ausbreitung der Cholera zu verhindern schien. Der Erfolg ihres
bescheidenen Versuchs wurde bald von einem jungen Arzt bestätigt,
den der zemstvo anstellen konnte, damit er sich mit der
ausgebrochenen Seuche befasse. »In anderen Teilen des Landes wütet
sie so, daß man keine Kontrolle mehr über sie hat«, berichtete er.
»Die Hungersnot hat alle Menschen geschwächt und anfällig für
Krankheiten gemacht.« Es gab einige Dutzend Fälle in der Stadt,
etliche im Kloster und mehrere in den umliegenden Ortschaften. »Im
Grunde kann ich nicht viel tun«, gab der junge Arzt zu, »im
Frühstadium verabreiche ich Opium oder Silbernitrat; Senfpflaster
und Chloroform, wenn Krämpfe auftreten. Wenn eine Chance auf
Heilung besteht, verabreiche ich Kognak oder Ammoniak.«
Dem Doktor gingen bald die Medikamente aus. Wieder sagte die
Zentralregierung medizinische Versorgung zu, aber diesmal
erwarteten die Bobrovs erst gar nicht, daß diese eintreffen würde.
Und so war es auch. Nikolaj fuhr in die Provinzhauptstadt wegen
Medikamenten, doch vergeblich. Suvorin dagegen konnte in Moskau
Nitrat auftreiben.
»Wie machen Sie es, daß Sie sich selbst nicht anstecken?«
fragte Nikolaj den Arzt bei ihrer ersten Begegnung. »Manche Leute
glauben, die Krankheit werde durch die Luft übertragen«, erklärte
der Arzt. »Ich aber bin der Ansicht, daß die Ansteckung vor allem
durch den Mund erfolgt. Trinken oder essen Sie nichts, das von
einem Cholerakranken berührt worden ist. Wenn Erbrochenes oder die
Körperflüssigkeit eines Kranken an Ihre Kleider gelangt, ziehen Sie
sich um, und waschen Sie sich gründlich, ehe Sie etwas zu sich
nehmen.«
Nikolaj befolgte diese Ratschläge genau, und tatsächlich
geschah ihm nichts. Eine Woche verstrich, eine zweite, eine dritte.
Und immer noch war die Cholera nicht bis Bobrovo vorgedrungen.
Während die übrige Welt vor der Krankheit zitterte, erlangte Mischa
Bobrov allmählich seine Kräfte zurück. Er ging häufig mit seiner
Frau oder Arina durch die Wälder oberhalb des Hauses spazieren. Es
war schön, daß sich der alte Mann und sein Sohn nun
näherkamen.
Allmählich nahmen die Todesfälle ab. Nach einem Monat schien
die Seuche abgeklungen zu sein. »Sie haben Glück gehabt«, meinte
der Arzt. »Ich wurde gerade aufgefordert, in eine schwer betroffene
Gegend in der Nähe von Murom zu gehen. Leben Sie wohl!« Mitte Mai
beschloß Nikolaj, nach St. Petersburg zurückzukehren. »Ich komme im
Juli wieder«, versprach er seinen Eltern. Höchst erleichtert machte
er sich nach der Hauptstadt auf. Er reiste nicht allein. Die junge
Arina wollte diese Stadt immer schon kennenlernen. Da Mischa
inzwischen gesund war und Nikolajs Frau geschrieben hatte, sie
könne zeitweilig eine Kinderfrau gebrauchen, kam man überein, daß
Arina Nikolaj begleiten und den Sommer bei seiner Familie
verbringen solle. Das Mädchen war sehr froh darüber. Und falls sie
vor ihrer Abreise wirklich eine unangenehme Unterredung mit ihrem
Bruder Boris gehabt hatte, behielt sie das für sich.
Drei Tage danach zeigte Timofej Romanov Krankheitssymptome.
Innerhalb einer Stunde erbrach er eine weißliche Masse mit kleinen
reisartigen Körnern darin. Er hatte Cholera, die rasch ins letzte
Stadium trat. In der Abenddämmerung lag Timofej bereits in Agonie.
Gegen Morgen war sein Körper durch das häufige Erbrechen völlig
geschwächt und fast purpurrot. Die Augen lagen tief in den Höhlen.
Totenblässe stellte sich ein. Timofejs Frau und die alte Arina, die
schon ein dutzendmal seine durchweichten Kleider gewechselt hatten,
standen in dem bleichen Frühlicht da und blickten ihn voll Trauer
an. Die Augen des alten Mannes waren weit aufgerissen, aber er
konnte sich nicht mehr äußern. Zu Mischa Bobrovs Überraschung stand
in aller Frühe Boris Romanov vor der Tür. Er konnte sich nicht
entsinnen, wann dieser selbstsichere und abweisende Bursche das
letztemal in diesem Haus gewesen war. Heute jedoch benahm er sich
höflich, fast zuvorkommend. »Leider bringe ich schlechte
Nachrichten, mein Herr«, erklärte er. »Mein Vater.« Und nun
berichtete er die Einzelheiten.
»Mein Gott!« Nun hatte die Seuche Bobrovo doch noch erreicht.
Gott sei Dank bin ich in so guter Verfassung, daß ich damit fertig
werde, dachte Mischa. Er schickte unverzüglich nach einem Arzt und
ließ die Menschen in Russka vor der Krankheit warnen. Boris stand
immer noch herum. »Es ist so, mein Herr, daß er nach Ihnen gefragt
hat. Er will sich verabschieden. Er wird diesen Tag nicht
überleben.« Mischa zögerte. Er hatte keine Lust, in ein Haus zu
gehen, in dem die Cholera herrschte. Ich kann es mir nicht leisten,
mich anzustecken, dachte er verärgert. Es gibt zuviel zu tun. Doch
sogleich schämte er sich seiner Reaktion. »Natürlich«, sagte er und
zog den Mantel an.
Es war unerträglich heiß in der isba der Romanovs.
Obwohl ein Fenster offenstand, war die Luft stickig und verbraucht.
Vor Mischa lag der Spielgefährte aus Kindertagen, Timofej – oder
das, was von ihm übriggeblieben war. Armer Teufel! Timofej sah
Mischa freundlich-erstaunt an, aber sprechen konnte er nicht mehr.
Mischa blickte sich im Zimmer um. Die alte Arina und ihre Tochter
hielten es peinlich sauber. Tisch und Fußboden waren kürzlich
geschrubbt worden. Timofej lag im frischbezogenen Bett neben dem
Ofen. Boris nahm Mischa in überraschender Dienstfertigkeit den
Mantel ab und bot ihm einen Stuhl an. Doch zog er es vor zu stehen,
und zwar in gewissem Abstand vom Patienten, und war sehr darauf
bedacht, nichts zu berühren. Da versuchte Timofej ein Lächeln.
Mischa sprach alle Trostworte, die ihm einfielen. Er erinnerte an
vergangene Zeiten, an gemeinsame Bekannte, und der alte Bauer hatte
allem Anschein nach Freude daran. Boris schien froh darüber und
schlüpfte kurz aus dem Zimmer. Merkwürdig, daß angesichts des Todes
Zwistigkeiten von ehedem sich in nichts auflösten. Boris handelte
rasch und lautlos. Sein Vater war beim Anblick des Landbesitzers so
überrascht gewesen, daß Boris fürchtete, Mischa könnte daraus
schließen, daß Timofej gar nicht nach ihm geschickt habe. Jetzt
lief er in den Vorratsraum.
Die Bettwäsche und drei Hemden seines Vaters lagen in einem
Winkel. Die alte Arina wollte sie verbrennen, hatte jedoch bisher
keine Zeit dafür gefunden. Boris breitete Mischas Mantel aus, legte
ihn auf den Wäschehaufen und preßte ihn mehrmals darauf, bis er
dachte, die Krankheitserreger müßten sich übertragen haben. Dann
trug er den Mantel ins Zimmer zurück. »Das ist für Natalia«,
flüsterte er vor sich hin. Kurz darauf eilte Mischa nach Hause. Wie
schrecklich heiß es doch in dem Krankenzimmer gewesen war! Gott sei
Dank habe ich nichts berührt, man kann nicht vorsichtig genug sein,
dachte er. Aber er war stolz auf sich. Er hatte das Richtige getan
und hatte dem alten Bauern offensichtlich eine Freude gemacht.
Anscheinend war er dort drinnen doch stärker ins Schwitzen
gekommen, als er vermutet hatte. Als er den Hügel hinaufging,
fühlte sich sogar sein Mantel feucht an. Er wischte sich die Stirn
und den Schnurrbart mit dem Mantelärmel ab.
Eine Woche später erreichte Nikolaj in St. Petersburg die
Nachricht, daß sein Vater die Cholera habe.
1892
In dem Raum war unterschwelliges
Stimmengewirr zu hören. Bald würde der bekannte Redner eintreffen.
Rosa Abramovitsch spürte eine erwartungsvolle Erregung. Sie war nie
vorher auf einer solchen Versammlung gewesen. Die ungefähr dreißig
Anwesenden waren alle Anfang Zwanzig. Draußen tauchte die
sommerliche Abendsonne die litauische Hauptstadt Wilna und ihren
alten Schloßberg in sanftes orangefarbenes Licht.
Rosa Abramovitsch, zwanzig Jahre alt, lebte seit zehn Jahren
in Wilna. Sie hätte auch in Amerika sein können. Viele Juden waren
nach den Pogromen 1881 dorthin ausgewandert, doch in einer
Familienbesprechung, die ihr Vater in jenem furchtbaren Jahr
einberufen hatte, wurde beschlossen, aus dem jüdischen Gebiet etwa
fünfhundert Meilen nach Nordwesten, nach Litauen zu gehen. Erst
wenn es Pogrome auch in Wilna gebe, meinte ihr Vater, würden sie
Rußland verlassen. Er hatte immer noch Hoffnung. Rosa liebte ihre
neue Heimat. Von der litauischen Hauptstadt war es nur eine
Tagesreise zur Ostsee oder in die südwestlich gelegene frühere
Hauptstadt Polens, Warschau. Im Norden lagen die baltischen
Provinzen, wo die Letten und Esten zu Hause waren. Obwohl all diese
Länder damals einen Teil des wachsenden Zarenreiches bildeten,
bedeutete das nicht, daß sie in ihrem Charakter russische Züge
hatten. Die litauischen Bauern, die in großen, hübschen Holzhäusern
wohnten, erinnerten Rosa an die unabhängigen Kosakenbauern aus der
Ukraine. Und Wilna war eine hübsche alte europäische Stadt, eine
kosmopolitische Stadt mit einer aufstrebenden jüdischen
Gemeinde.
Rosas Vater fand nur einen Makel an diesem Ort: Es gab zu
viele von diesen freidenkerischen jungen Juden, die sich von ihrer
Religion abgewandt hatten. Trotz aller Anstrengungen war es ihm
kaum gelungen, seine beiden Söhne daran zu hindern, sich mit ihnen
zusammenzutun. Über die kleine Rosa hatte er allerdings bis zu
seinem plötzlichen Tod im vergangenen Jahr streng gewacht. Und nun
war es eben eine solch gefährliche Gesellschaft, in die sie an
jenem Abend geraten war. Sie fand alles sehr aufregend. Freunde
ihrer Brüder hatten sie hergebracht. Die Hälfte der Menschen im
Raum waren junge Männer und Frauen aus der angepaßten jüdischen
Mittelklasse, Studenten, ein junger Arzt, ein Anwalt. Die übrigen
waren jüdische Arbeiter. Es war eine sympathische, lebhafte
Versammlung, doch Rosa kannte niemanden. Obwohl sie erst zwanzig
Jahre alt war, hatte ihr das Leben bereits harte Schläge versetzt.
Anfangs hatte ihre musikalische Karriere in Wilna große
Fortschritte gemacht; mit sechzehn hatte sie bereits mehrere
Klavierkonzerte gegeben und eine kleine Konzertreise hinter sich.
Für das Jahr darauf hatte man ihr eine größere Tournee mit einem
bedeutenden Dirigenten in Aussicht gestellt. Ihre Eltern waren
begeistert, ihre Brüder stolz.
Die letzten drei Jahre waren dagegen ein Alptraum gewesen. Die
Krankheit lastete mitunter schwer auf ihrer Brust, und der Husten
bereitete ihr Schmerzen. Sie war tagelang so erschöpft, daß sie
keine Kraft für irgendeine Tätigkeit hatte. Die Tournee mußte
abgesagt werden. Rosa übte kaum noch auf dem Klavier. »Wenn ich
nicht vollkommen spielen kann, will ich überhaupt nicht mehr
spielen«, erklärte sie ihrem unglücklichen Vater. Sie verfiel in
Depressionen.
»Wenn sie nur Freunde hätte, die ihr helfen könnten«, klagte
die Mutter.
Leider waren fast all ihre Freunde in Wilna Musiker, und diese
wollte sie nicht mehr sehen. Ihr blieb nur einer: der junge Ivan
Karpenko in der Ukraine. Seit jenem schlimmen Tag, als er die
Familie vor dem Pogrom gerettet hatte, bestand eine besondere
Bindung zwischen Rosa und dem Kosakenjungen. Der plötzliche Tod des
Vaters hatte Rosa aus ihrer Lethargie gerissen. Das
Familienvermögen war zerronnen; die beiden Brüder mußten die Mutter
unterstützen. Rosa war gezwungen, sich zu überlegen, wie sie ihr
Leben gestalten wollte. Eine Musikerkarriere stand – zumindest im
Moment – nicht zur Debatte. Welche Alternative gab es?
Klavierstunden geben – für einen Hungerlohn? Rosa verabscheute den
Gedanken. Es gab ein Lehrerseminar in der Stadt, wo jüdische
Studenten für den Unterricht an staatlichen Schulen ausgebildet
wurden. Ihre Brüder hielten das für besser. Was macht es schon aus,
wenn ich ohnehin nicht tun kann, was ich möchte, hatte sie gedacht
und sich angemeldet. Und nun war sie an einem Sommertag auf dieser
jüdischen Arbeiterversammlung. Es gab viele solcher Versammlungen,
manche davon Studiengruppen, in denen interessierte Arbeiter lesen
und schreiben lernen konnten. Auf anderen wurde über die
Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen diskutiert. Wieder
andere hatten umfassende politische Veränderungen zum Thema. Das
heutige Treffen stellte allerdings etwas Besonderes dar. Ein
Professor aus Moskau sollte einen Vortrag über Arbeiterbewegungen
innerhalb und außerhalb Rußlands halten. »Bestimmt wird es nicht
dabei bleiben«, flüsterte ihr ein Nachbar zu. »Der Professor ist
Marxist. Ein Revolutionär.« Ein Revolutionär. Wie mochte so einer
aussehen? Peter Suvorin war ein guter Redner. Anfangs wirkte der
Mann mit dem zerstreuten Ausdruck auf dem schmalen Gesicht eher wie
ein sanft gearteter Schulmeister. Doch bald zog er die Zuhörer in
seinen Bann – und zwar mit genau dieser Sanftheit, seiner
geradlinigen Aufrichtigkeit und mit der wunderbaren Klarheit seiner
Ausführungen. Mit seinen siebenunddreißig Jahren war Peter Suvorin
immer noch der alte. Er gehörte zu jenen reinen und glücklichen
Seelen, die in einem einzigen, machtvollen Ideal ihrem Schicksal
begegnen. Peters Idee, das Thema seines Lebens, war einfach: Die
Menschheit kann und muß einen Status erreichen, wo alle Menschen
frei sind und keiner unterdrückt wird. Er hatte das im Jahre 1874
geglaubt, und er glaubte immer noch daran. Peter hatte ein
merkwürdiges Leben hinter sich. 1874 war er nach seinem plötzlichen
Verschwinden aus Russka monatelang durch die Ukraine gewandert.
Danach hatte er, als er Geld brauchte, sich mit seinem Bruder
Vladimir in Moskau in Verbindung gesetzt, und Vladimir hatte Sawa
benachrichtigt, daß sein Enkel noch am Leben sei.
War es vielleicht Sawa Suvorin gewesen, der Peters Schicksal
besiegelt hatte? Den Informationen nach hatte der alte Mann ihm
vergeben. Der Brief, angeblich von Peter geschrieben, in dem er
sich dazu bekannte, das Feuer gelegt zu haben, war ein furchtbarer
Schlag für ihn. Es war schwer zu sagen, was ihn mehr getroffen
hatte: der Verrat oder der Feuertod der beiden jungen Menschen. Er
hatte zu niemandem, nicht einmal zu Vladimir, davon gesprochen. Als
Sawa erfuhr, daß Peter lebte, forderte er ihn auf, unverzüglich
zurückzukehren und Genugtuung zu leisten für sein furchtbares
Verbrechen. Andernfalls werde er für immer aus der Familie
ausgeschlossen. Peter weigerte sich zurückzukehren und traf den
Alten damit schwer. »Sein Herz ist in Sünde verhärtet«, war seine
Ansicht. Er sprach nie wieder von dem jungen Mann. Sawa Suvorin
starb bald darauf, und sein Testament war eindeutig. Peter hatte
keinerlei Mitspracherecht mehr in den Unternehmen der Suvorins, und
es wurde ihm lediglich eine bescheidene Summe ausgesetzt. »Du
kannst sein Testament anfechten«, erklärte Vladimir, »oder ich gebe
dir einen Teil meines Vermögens.«
Doch Peter war jung und stolz. »Ich will überhaupt nichts
haben«, war sein Kommentar. Er ging nach Moskau zurück und nahm
seine Studien wieder auf. Er entdeckte seine physikalische
Begabung, befaßte sich gründlich mit diesem Fachgebiet und schrieb
sogar einen Leitfaden dazu, der mit Erfolg veröffentlicht wurde.
Unbeirrt hielt er Ausschau nach einer besseren Welt. In den 1880er
Jahren kam er zum Marxismus. Seit seiner ersten Begegnung mit Popov
befaßte er sich mit dem revolutionären Gedanken. Der Marxismus
zeigte ihm den Weg zu einem stärkeren persönlichen Format. Hier lag
die von ihm seit langem angestrebte Utopie, zu der man jedoch durch
die Wissenschaft gelangte, nicht durch einen gewaltsamen,
verschwörerischen Umsturz, sondern durch einen allmählichen,
sozusagen natürlichen historischen Prozeß. Im Innersten war er
überzeugt, daß die Fabriken der Suvorins eines Tages in die Hände
der Arbeiter übergehen würden, ohne daß dabei ein Schuß fallen
müßte. Seltsamerweise hatte sein frühes Interesse am Marxismus die
zaristischen Behörden davon überzeugt, daß dieser harmlose
Professor dem Staat nicht gefährlich werden könne.
Zwischen den beiden Brüdern, dem reichen Industriellen und dem
armen Professor, dem Familienvater und dem einsamen Junggesellen,
bestand eine merkwürdige Beziehung. Sie hingen aneinander, wenn
auch Spannungen unvermeidlich waren. Diese resultierten vor allem
daher, daß Vladimirs zweite Frau, eine hübsche Person, die in
Moskau ein großes Haus führte, Mitleid für diesen freundlichen
Schwager empfand. Sie betrachtete ihn als armen Unglücklichen.
Ihrer Ansicht nach sollte Peter heiraten, doch sie hielt ihn für zu
schüchtern.
Wenn die Versammlung jenes Abends auch klein war, war Peter
doch von ihrer Bedeutung überzeugt, und es lag ihm daran, sie
erfolgreich zu gestalten. Während er sprach, versuchte er die
Reaktion der Zuhörer richtig einzuschätzen. Mit größter Genauigkeit
gab er diesen jungen Leuten einen Überblick über die Entwicklungen
in Europa. Drei Jahre zuvor hatte es eine wichtige Konferenz, die
Zweite Internationale, mit Abgeordneten vieler Länder gegeben. Im
vergangenen Jahr hatten erstmals Arbeitergruppen in Rußland den
Ersten Mai als Zeichen der Solidarität mit der internationalen
Arbeiterbewegung gefeiert. Erst als Peter Suvorin sicher war, daß
er die Zuhörer auf seiner Seite hatte, schnitt er das für ihn
wichtige Thema an. Es handelte sich darum, daß sie Juden waren. Er
begann vorsichtig und geschickt, spielte auf einige Mißstände an:
In den vergangenen Jahren hatte sich die zaristische Regierung ganz
offen gegen die jüdische Gemeinde gestellt. Es wurde den Juden
untersagt, Land zu erwerben, und sie wurden angewiesen, in den
Städten zu leben; die Bildungsquoten wurden geregelt, daß nur ein
erbärmlich geringer Prozentsatz von jüdischen Studenten zu höheren
Studiengängen zugelassen wurde, selbst in den großen Städten im
jüdischen Bezirk. Die diesen Bezirk betreffenden Gesetze wurden
plötzlich auf eine so hinterhältige Weise verschärft, daß im
vergangenen Jahr an die siebzehntausend Juden Moskau verlassen
mußten. Schlimmer noch waren die wiederholten Gewaltakte seit den
Pogromen von 1881, und die Regierung tat wenig, um diese zu
verhindern.
Aus diesen Gründen hatten in den vergangenen Jahren die
jüdischen Arbeiter an die Einsetzung eigener unabhängiger
Arbeiterkomitees gedacht. Peter konnte ihnen deswegen kaum einen
Vorwurf machen.
»Die Arbeiter der Welt müssen sich vereinigen«, sagte er.
»Alle Gruppen, alle Nationen sollten sich zusammentun.« Er sah
diese Vision ganz klar vor sich. »Außerdem hat eure Stimme, wenn
ihr Teil einer größeren Bewegung seid, viel mehr Gewicht«, schärfte
er ihnen ein.
Sie hörten ihm höflich zu, aber er merkte, daß sie zweifelten.
Da sprach ihn plötzlich ein junger Mann mit wirrem Haarschopf aus
den vordersten Reihen an. »Sie sagen, wir sollten Teil einer
größeren Bruderschaft werden. Schön und gut. Was aber machen wir,
wenn unsere nichtjüdischen Brüder nicht für uns einstehen
wollen?«
Auf diese Frage hatte Peter gewartet. Es traf zu, daß die
russischen Arbeiter ihren jüdischen Brüdern gegenüber gemischte
Gefühle hegten. In Rußland waren sie Ausländer; im jüdischen Bezirk
galten sie als Konkurrenz. Im übrigen waren sie sogar Aktivisten
und Sozialisten, denen es nicht gelungen war, gegen die Pogrome
aufzustehen, aus Furcht, sich die Arbeiter zu entfremden, die sie
doch für ihre Sache gewinnen wollten.
Peter war zu ehrlich, um das Problem zu leugnen; aber er sehe
darin eine Übergangsphase, versicherte er dem jungen Mann.
»Vergessen Sie nicht, daß wir ganz am Anfang stehen. Wenn die
Bruderschaft an Größe und Bewußtsein zunimmt, wird sich dieses
Problem lösen.«
Eine lange Pause trat ein. Peter war nicht sicher, ob er den
jungen Mann überzeugt hatte. Schließlich wurden weitere Fragen
gestellt. Als die Versammlung dem Ende zuging, stand das Mädchen
auf. Sie saß ziemlich weit hinten, hinter einem großen jungen Mann,
und Peter hatte nur ihre schwarze Haarmähne wahrgenommen. Nun
starrte sie ihn plötzlich mit großen, leuchtenden Augen an, einen
Ausdruck großer Verwirrung im Gesicht. Rosa Abramovitsch hatte den
Ausführungen Peter Suvorins aufmerksam gelauscht. Als sie jedoch an
ihr eigenes Leben dachte und daran, was in der Ukraine geschehen
war, stand sie vor einem Rätsel. Wie waren Peters Worte und ihre
eigenen Erlebnisse vereinbar? Deshalb fragte sie nun mit sanfter
Stimme: »Wenn also die neue Welt sich bildet, wenn der
sozialistische Staat entstanden ist – bedeutet das, daß die Juden
nicht länger verfolgt werden, daß die Menschen sich geändert
haben?«
Peter starrte sie an. Die Frage war von einer derart
unerhörten Einfalt, daß er einen Augenblick lang nicht wußte, was
er antworten sollte. Er lächelte. »In einem sozialistischen
Arbeiterstaat sind alle Menschen gleich. Die Verfolgung von
Minderheiten ist unvorstellbar.« Als er sah, daß sie immer noch
zweifelte, fügte er hinzu: »Kommen Sie nach der Versammlung zu mir.
Ich werde Ihnen verschiedene Bücher als Lektüre empfehlen.« Rosa
setzte sich. Irgend jemand sagte etwas, aber sie hörte nicht zu. Ob
sie dem Professor glauben sollte? Sie wußte es nicht. Eines aber
wußte sie: Er war der schönste Mann, den sie je gesehen hatte. Vom
ersten Augenblick ihrer Begegnung an hatten Peter Suvorin und Rosa
Abramovitsch das Gefühl, sich schon ein Leben lang zu kennen.
»Er ist fast doppelt so alt wie du«, gaben ihre Brüder zu
bedenken. »Er ist ein Revolutionär, und er ist kein Jude«, hatte
die Mutter einzuwenden.
Was also zog Rosa so sehr zu Peter Suvorin hin? War es sein
Verstand? Seine brillante Sachkenntnis in bezug auf
volkswirtschaftliche Theorien faszinierte sie, selbst wenn sie
nicht immer folgen konnte. Doch was sie liebte, waren seine
Reinheit, sein leidenschaftlicher Idealismus. Er hatte eine
Pilgerseele, war ein Außenseiter, ein Leidender. Er war
Junggeselle, hatte in all den Jahren keine Frau gefunden, die ihn
hätte verstehen können. Peter seinerseits war überrascht von diesem
poetischen Geschöpf, das wie vom Himmel in sein Leben gefallen zu
sein schien. Nun ja, sie war Jüdin, aber das war sie nun eben
einmal. Und außerdem sagte er sich, daß er niemandem auf der Welt
darüber Rechenschaft schuldig war als sich selbst.
Wenn Peter das Gefühl hatte, ein neues Leben zu beginnen, so
hatte Rosa den Eindruck, als habe sich ihr Dasein plötzlich
geklärt. Es hatte plötzlich einen Sinn. Selbst ihre Gesundheit
besserte sich auf unbegreifliche Weise. Obwohl sie ihre Mutter
liebte und das Andenken an ihren Vater in Ehren hielt, fand sie
sich nicht verpflichtet, weiterhin ihrer Denkweise zu folgen. Sie
hatte die jüngere Generation, die Freunde ihrer Brüder gründlich
kennengelernt. Viele von ihnen besuchten kaum noch eine Synagoge.
Rosa war verliebt. Und nichts sonst zählte.
Im September brach sie mit Peter nach Moskau auf. Kurz darauf,
ehe sie heirateten, tat sie den nächsten Schritt: Sie ließ sich in
der russisch-orthodoxen Kirche taufen. An ihre Brüder schrieb
sie:
Ihr wißt, daß das nichts zu bedeuten hat,
aber es macht die Sache hier in Moskau einfacher, vor allem für
zukünftige Kinder. Wahrscheinlich müssen wir es Mutter
mitteilen.
Als die Mutter einen Monat später tatsächlich
davon erfuhr, erklärte sie nur traurig: »Für mich ist Rosa damit
gestorben.«
1905
Boris Romanov war jetzt das
Familienoberhaupt. Timofej und seine Frau waren der Cholera von
1891 zum Opfer gefallen, die alte Arina war ein Jahr darauf
gestorben. Boris hatte eine große Familie, einige Kinder waren
schon erwachsen. Dazu hatte er seine Schwester Arina, deren Mann
jung verstorben war, und ihren sechsjährigen Sohn Ivan aufgenommen.
Ivan vergötterte seinen Onkel Boris. Von ihm hatte er aber auch
aufregende Neuigkeiten erfahren. »Dieses Jahr, Ivan, ist das
wichtigste in der Geschichte Rußlands. Weißt du auch, warum? Weil
die Revolution begonnen hat.« Revolution. Das klang aufregend, auch
wenn der Junge nicht genau wußte, was das bedeutete. Der Onkel
erklärte es ihm so: »Es bedeutet, daß wir die Bobrovs hinauswerfen
und uns das ganze Land nehmen. Was hältst du davon?« Ivan gab zu,
daß sich das wunderbar anhörte. Er wußte natürlich, daß seine
Mutter Arina die Bobrovs schätzte und nicht jeder im Ort schlecht
über sie sprach. Aber Onkel Boris hatte immer recht.
Die außergewöhnlichen Ereignisse des Jahres 1905 hatten sich
seit langem zusammengebraut. Die Regierung Alexanders III. war
reaktionär gewesen, und die letzten elf Jahre unter seinem
einfallslosen Sohn Nikolaus II. und seiner deutschen Gemahlin
hatten eine traurige Fortsetzung der glanzlosen Zustände des
früheren Regimes bedeutet. Fast ein Jahrhundert lang war Finnland
selbständiges Herzogtum innerhalb des russischen Reiches gewesen.
Nun hatte die Regierung plötzlich beschlossen, es zu russifizieren,
wie es zuvor der Ukraine geschehen war. Daraufhin begehrten die
Finnen auf.
In der Ukraine hatte es inzwischen einen Bauernaufstand und
1903 einen furchtbaren Pogrom gegeben. Die aufgeschreckte
Regierung, entschlossen, die Lage in den Griff zu bekommen,
handelte kopflos. Ohne jeden Grund wurde auf den
Universitäten scharf vorgegangen, und als
einige Studenten protestierten, behandelte man sie wie politische
Aufwiegler und steckte sie in die Armee. Die Regierung verlor
schließlich auch ihre letzten Fürsprecher, als sie die Arbeit des
liberalen Adels in den zemstvos einengte. Überall gab es
Polizeispitzel.
Einen Lichtblick bildeten die Fortschritte, die unter dem
brillanten Finanzminister Sergej Witte bei der russischen Eisenbahn
und in der Schwerindustrie erzielt worden waren. Die
Transsibirische Eisenbahn führte nun bis an den Pazifik. Fremdes
Kapital, vor allem aus Frankreich, floß ins Land. Doch so wichtig
diese Entwicklungen auch sein mochten, dem einfachen Volk
bedeuteten sie vorerst wenig, und tatsächlich war in den
vergangenen Jahren eine leichte wirtschaftliche Depression
eingetreten.
Doch der Grund der sich abzeichnenden Katastrophe war der
Krieg. Es war die gleiche Geschichte wie damals, als Rußland auf so
verhängnisvolle Weise in den Krimkrieg hineingezogen worden war.
Diesmal handelte es sich um den Fernen Osten, Die Transsibirische
Eisenbahn veranlaßte Rußland zur Erweiterung seines
Einflußbereichs, wobei es die Chinesen einschüchterte und mit den
japanischen Interessen in jenem Gebiet in Konflikt geriet. In allzu
großem Vertrauen in Heer und Flotte hatte das mächtige Landimperium
sich auf einen Krieg mit der kleinen Inselnation eingelassen, und
nun war es auf verheerende Weise geschlagen worden.
Im Januar dieses Jahres kam es zum Blutsonntag – dem Funken,
der nach der allgemeinen Ansicht die große russische Feuersbrunst
entfacht hat. Die von einem ukrainischen Geistlichen angeführte
Demonstration, die lediglich die Beseitigung von Mißständen
forderte, bahnte sich ungeordnet ihren Weg durch die winterlichen
Straßen St. Petersburgs. Das Massaker spielte sich nicht vor dem
Winterpalais ab, wie immer behauptet wird; der Zar war jedenfalls
an jenem Tag nicht in der Stadt. Aus nicht bekannten Gründen
feuerten die Soldaten plötzlich in die Menge, wobei mehrere
Menschen am Narva-Stadttor den Tod fanden.
Daraufhin brach die Hölle los. Die liberalen zemstvos
protestierten gegen die Ausschreitungen. Streiks brachen aus. In
völliger Verkennung der Situation schloß die Regierung die
Universitäten, und die Studenten saßen auf der Straße. Jede
unzufriedene Gruppe im Reich sah ihre Chance zum Protest. Es gab
Aufstände in Finnland, in den baltischen Staaten, in Polen und in
Rußland selbst. Bis zum Sommer verzeichneten die Polizeiberichte
492 ernsthafte Ruhestörungen. Die Arbeiter der großen
Textilfabriken in Ivanovo, nördlich von Vladimir, befanden sich in
Aufruhr. In Zeitschriften und Broschüren erschienen unter dem
Pseudonym V. I. Lenin, das bis dahin nur in revolutionären Kreisen
bekannt war, revolutionäre Artikel. Im Mai und im Juni kamen noch
vernichtendere Nachrichten aus dem Osten: Die gesamte russische
Flotte war versenkt worden. Bald darauf brach im Hafen von Odessa
am Schwarzen Meer auf dem russischen Panzerkreuzer Potemkin
eine Meuterei aus. Was geschah mittlerweile in Russka? Bis zu
diesem Morgen war es in der Stadt und in der Fabrik der Suvorins
ruhig geblieben. Kurz vor Mittag jedoch kam ein Mann aus der Stadt
zurück und berichtete: »Irgend etwas geht in den Webereien vor.« Am
Nachmittag hieß es, ein Streik sei ausgebrochen. Dann erzählten
drei Mädchen aus dem Dorf, die in der Spinnerei arbeiteten, man
habe sie nach Hause geschickt. Aus diesen wenigen Anzeichen schloß
der kleine Ivan, daß die Revolution nun auch bis Russka gekommen
sei. Doch erst am späten Nachmittag fing sein Onkel Boris an, sich
merkwürdig zu verhalten.
Tief in Gedanken versunken betrat Alexander Bobrov an diesem
Tag den Marktplatz von Russka. Er war ein hübscher blonder Junge
von vierzehn Jahren mit dem ersten Flaum auf der Oberlippe. Sobald
er von den Schwierigkeiten erfahren hatte, war er in die Stadt
geeilt, aber nicht, ehe er mit seinem Vater bestimmte Worte
gewechselt hatte – Worte, die nicht ungesagt bleiben konnten. Sie,
Vater und Sohn, waren ein seltsames Paar: Äußerlich waren sie sich
sehr ähnlich, in ihrem Innern waren sie verschieden wie Tag und
Nacht! Als Nikolaj an diesem Morgen seinen Sohn ansah, dachte er,
daß manche Leute schon konservativ auf die Welt kommen. Vor einigen
Jahren hatte der traurige Tod von Nikolajs älterem Sohn Alexander
zum einzigen Erben gemacht, und der Junge nahm diese Position sehr
ernst. Er war religiös und ging gern mit seiner Großmutter Anna zur
Kirche; daneben war er außerordentlich stolz auf die alte
Verbindung seiner Familie zur Monarchie. Vor allem wollte er
unbedingt das Gut übernehmen, und dies war seit langem ein Grund
für Spannungen zwischen Vater und Sohn. Der Besitz in Rjazan war
nach und nach verlorengegangen. Nikolaj hatte zahlreiche Angebote
für Teile der verbliebenen Wälder und Weiden in Russka gehabt,
eines von der Dorfgemeinde und zwei für kleine Parzellen von Boris
Romanov. Doch jedesmal hatte er wegen des Einspruchs seiner Mutter
Anna und des jungen Alexander abgelehnt. Nun aber konnte er nicht
länger durchhalten. Seit der Aufhebung der Leibeigenschaft war
weder für ihn noch für die Bauern genügend Land vorhanden, sagte er
immer wieder. Es ging ihm damit wie vielen Landbesitzern: Die
Hälfte seiner Bekannten hatte in den vergangenen Jahren ihren
Besitz veräußert, als der russische Adel allmählich seinen
Untergang auf sich zukommen sah. Es hatte jedoch keinen Sinn, dem
jungen Alexander dies zu sagen. Alexander kritisierte den Vater
auch in anderer Hinsicht. »Warum stellen denn die Arbeiter solch
schlimme Forderungen an den Zaren?« fragte er vorwurfsvoll und gab
gleich die Antwort: »Es ist wegen der zemstvos, Vater, es
ist deinetwegen.« Nikolaj wußte, daß er den Sohn wegen einer
solchen Ungehörigkeit hätte bestrafen müssen. Doch als er ihn so
vor sich stehen sah, Tränen des Zorns in den Augen, brachte er es
nicht übers Herz. Und es stimmte ja, was der Junge sagte.
Vergangenes Jahr, noch vor Ausbruch der Schwierigkeiten, waren er
und andere liberale zemstvo-Mitglieder in St. Petersburg
zusammengekommen und hatten ihren Vorschlag für den Zaren
ausgearbeitet, in dem sie die Wahl einer Versammlung, eines
Parlaments, zur Unterstützung der Regierung gefordert hatten. Und
es traf auch zu, daß die Arbeiter und Revolutionäre die Forderungen
der zemstvo-Leute aufgriffen und eine gewählte Versammlung
forderten.
Wie deutlich zeigt sich doch die Rückständigkeit Rußlands,
dachte Nikolaj, daß es selbst heute, im Jahre 1905, für die
Regierung an Verrat grenzt, wenn das Volk ein Mitspracherecht in
den Angelegenheiten des eigenen Landes fordert. Alexander
jedenfalls betrachtete es als Verrat.
Als der Junge den Marktplatz zur Hälfte überquert hatte, sah
er die vertraute Gestalt Vladimir Suvorins, und sogleich lächelte
er. Die Beziehung zwischen dem jungen Adligen und dem Industriellen
ist einfach beschrieben: Suvorin war Alexanders Idol. Der Mann
hatte sich im Lauf der Jahre kaum verändert. Er war etwas voller
geworden, seine Schläfen waren leicht ergraut, doch seine kräftige,
gepflegte Erscheinung war die gleiche geblieben. Der Junge war
natürlich von seinem außerordentlichen Charme eingenommen, aber
entscheidend war, daß er in Suvorin den überlegenen Geschäftsmann
und, vor allem, einen Konservativen sah. Da Vladimir Suvorin die
Loyalität des Jungen dem Zaren gegenüber kannte, meinte er mitunter
lachend: »Du solltest nicht zu gut von mir denken, lieber Freund.
Meine Liebe zum Zaren ist reiner Egoismus.« Doch selbst diese sehr
offenen Äußerungen änderten Alexanders Ansichten über Rußland oder
sein Idol nur wenig. Suvorin unterstützte den Zaren, und das
allein war wichtig. Suvorin war eben auf dem Weg zur
Baumwollfabrik. Er nickte dem Jungen, der sich ihm wie
selbstverständlich anschloß, kurz zu. »Ist es wirklich ein Streik?«
fragte Alexander Bobrov. »Ja.« Suvorin wirkte ruhig.
»Was werden Sie tun?« flüsterte Alexander. »Holen Sie die
Kosaken?« Er hatte gehört, daß mehrere Streiks bereits durch die
verwegenen Kavallerie-Schwadronen der Kosaken niedergeschlagen
worden waren.
Doch Suvorin schüttelte den Kopf. »Ein solcher Dummkopf bin
ich nicht«, antwortete er.
Eine halbe Stunde lang gingen sie in verschiedenen Abteilungen
des Suvorinschen Unternehmens umher: in der Spinnerei, in der
Weberei, in den Unterkunftsräumen. Alle Maschinen waren
abgeschaltet. Die Arbeiter standen meist in Gruppen umher und
unterhielten sich leise, und als Suvorin vorbeikam, grüßte man sich
gegenseitig höflich.
»Weißt du, der Streik geht nicht gegen mich oder die
Arbeitsbedingungen in meinen Betrieben«, erklärte Suvorin
Alexander. »Das hier ist etwas anderes. Leute von außerhalb sind
gekommen und haben sie zu einem Sympathiestreik überredet. Sie
fordern politische Reformen. Wenn ich die Kosaken holen würde,
würde das die Lage nur verschlimmern.«
Alexander seufzte. »Das sind diese zemstvo-Leute wie
mein Vater, nicht wahr?« murmelte er. »Sie haben all diese
Schwierigkeiten angezettelt.«
Suvorin schüttelte energisch den Kopf. »Mache deinem Vater
keine Vorwürfe«, antwortete er. Darauf schwieg er, bis sie wieder
draußen auf der warmen, staubigen Straße waren. »Du verstehst
nicht, was da vor sich geht, mein Junge. Rußland ist riesengroß,
ungeordnet, es steht an den Anfängen. Ein weites Agrarland, wo eine
bloß scheinbare Ordnung von einem autokratischen Zaren, von seiner
Armee und Polizei, und von einer Minderheit privilegierter Menschen
wie du aufrechterhalten wird. Aber das Ganze ist ein ungeheures
Trugbild, siehst du das ein? Und zwar – da liegt der Kern –, weil
niemand wirkliche Macht hat. Der Zar hat keine Macht, weil seine
Armee im Osten steht und er keine echte Verbindung zu seinem Volk
hat. Die Regierung ist gegen das Volk. Du und dein Vater, ihr habt
keine Macht: ihr hängt mit all euren Privilegien vom Zaren ab. Ich
habe keine Macht; ich hänge vom Zaren ab, um die Ordnung und mein
Geschäft aufrechtzuerhalten. Das Volk hat keine Macht, weil es
nicht organisiert ist und nicht weiß, was es wirklich will.«
Suvorin zuckte die Achseln. »Die gegenwärtige Krise zeigt, daß der
Zar nicht in der Lage ist, unsere Gesellschaft zu führen oder zu
kontrollieren. Und in diesem unendlichen Durcheinander, das wir
Imperium nennen, genügt ein Funke, um ein riesiges Feuer zu
entfachen. Jeden Tag kann es eine Revolte geben. Totales,
unkontrollierbares Chaos.« Er seufzte. »Deshalb tue ich nichts
Unüberlegtes.« Suvorin machte eine Pause und fuhr dann fort: »Es
gibt zweierlei organisierte Kräfte dort draußen: Zum einen die
Bünde, die sich noch formieren und außer den Eisenbahnern alles
Professionelle sind – Ärzte, Lehrer und Anwälte; zum anderen die
zemstvo-Angehörigen wie dein Vater – die einzigen mit einem
Programm. Der Zar muß sich mit ihnen einigen und hoffen, daß das
Volk sich wieder beruhigt. Je länger er zögert, desto schlimmer
wird es.«
»Aber was ist mit dem Zaren und dem Heiligen Rußland?« rief
Alexander. »Die Bauern glauben doch daran!« Suvorin lächelte. »Das
mag an den Feiertagen so sein«, antwortete er, »aber nur zwei
Menschen glauben jeden Tag an das Heilige Rußland.«
»Und wer ist das?«
»Einmal der Zar selbst, mein junger Freund«, er schmunzelte,
»und dann du!« Er neckte den Jungen gern. Während sie ihren
Rundgang durch die Stadt fortsetzten, bemerkte Alexander, daß
Suvorin nach etwas Ausschau hielt, und er fragte, wonach.
Suvorin lächelte. »Ich schaue nicht nach etwas, sondern nach
jemandem. Ist dir nicht aufgefallen, daß wir während unseres ganzen
Rundgangs keine Spur von den Leuten gesehen haben, die die Sache
angezettelt haben? Aber ich habe herausgefunden, wer es ist – ein
einzelner. Sie nennen ihn Ivanov.«
»Werden Sie ihn verhaften lassen?«
»Nein. Ich möchte es zwar, aber das würde noch mehr böses Blut
geben.«
»Werden Sie mit ihm sprechen?«
»Ich habe es angeboten, aber er ist mir bisher strikt aus dem
Weg gegangen. Er ist ein schlauer Fuchs. Ich möchte ihn gern einmal
zu Gesicht bekommen, damit ich ihn später wiedererkenne.« Sie
gingen an der Kirche vorbei auf den Marktplatz, und da plötzlich
sahen sie ihn. Er stand in etwa hundert Meter Entfernung und sprach
mit einigen Männern. Er bemerkte nicht, daß er von Suvorin und dem
Jungen beobachtet wurde. Er war ein Mann gegen Ende der Vierzig.
Sein Gesicht war glatt rasiert, und die Augenpartie war leicht
geschwollen. Das leuchtendrote Haar trug er kurz geschoren. »Das
ist er also«, murmelte Suvorin. »Komischer Kauz!« Er würde ihn auf
alle Fälle wiedererkennen. Gleich darauf bemerkte der Fremde die
beiden und eilte davon.
Auch Alexander prägte sich das Gesicht genau ein. So sieht
also der Feind aus, dachte er.
Ivan beobachtete seinen Onkel Boris fasziniert. Dieser hatte
sein Eintreten nicht bemerkt. Seit Boris' Gespräch mit einem Mann
aus der Suvorinschen Fabrik draußen waren nur wenige Minuten
vergangen. Er hatte dabei ziemlich gleichgültig gewirkt. »Ein
rothaariger Kerl, sagen Sie? Keine Ahnung! Etwa mein Alter? Ivanov,
sagen Sie? Nie gehört! Und wo soll der Kerl sich aufhalten? Geht
Suvorin wahrscheinlich aus dem Weg. Ach ja, außerhalb der Stadt.
Viel Glück für ihn und für euch alle!«
Jetzt aber wirkte der Onkel gar nicht mehr gelassen. Ivan
hatte ihn nie so erregt gesehen wie jetzt, als er in dem großen
Lagerraum auf und ab ging und vor sich hin murmelte. »Also
tatsächlich Ivanov. Dieser Teufel. Dieser rothaarige Teufel.
Mörder! Diesmal kriege ich dich! Diesmal entkommst du mir nicht!
Ach, meine arme Natalia.« Es war ungewöhnlich, daß Onkel Boris in
einer Sommernacht auf die Jagd ging. »Ich gehe nach Süden ins
Moor«, sagte er ruhig. »Ich suche mir eine gute Stelle und sehe
einmal, was die Dämmerung so bringt.« Die Nächte waren kurz und
warm. Alle Arten von Wild kamen am frühen Morgen übers Moor. Bei
Einbruch der Dunkelheit bereitete Boris sein Gewehr vor. Ivan sah,
daß er vor dem Weggehen noch ein großes Jagdmesser in den Gürtel
steckte. Als die Nacht kam, nahm er das Boot und ruderte
südwärts.
Als Arina Ivan zu Bett brachte, erzählte er der Mutter von
Onkel Boris' seltsamem Verhalten und fragte: »Wer war Natalia?« Wie
merkwürdig sich die Leute an diesem Abend verhielten! Warum war
seine Mutter so blaß geworden? Und warum war sie, nachdem sie ihm
gesagt hatte, sie gehe noch zur Nachbarsfamilie, heimlich aus dem
Dorf gelaufen? Er hatte sie vom Fenster aus genau beobachtet. Sie
war den Hügel hinauf zum Haus der Bobrovs gegangen.
Als der Morgen dämmerte, wachte Ivan auf und ging hinaus. Da
tauchte Boris aus der Dunkelheit auf. Ivan sah, daß sein Onkel
wütend war. Die Wut richtete sich offenbar nicht gegen ihn, denn
Onkel Boris blieb lächelnd stehen. »Ist irgend jemand letzte Nacht
zu den Bobrovs hinaufgegangen?«
»Nur Mama.«
Und nun, als die Familie vor ihm in der isba stand,
schrie Boris Romanov, vor Zorn zitternd: »Du hast ihn gewarnt,
nicht wahr?« Arina war eingeschüchtert, trotzdem wagte sie
aufzubegehren: »Und wenn schon!«
»Wenn schon? Ich werde es dir zeigen!« Mit einem Satz war er
bei ihr, stieß sie zu Boden und schlug ihr zweimal hart ins
Gesicht. »Du dummes Stück! Du Mordvinin!«
»Nein, nein!« schrie der kleine Junge und wollte seiner Mutter
zu Hilfe eilen, doch Boris schleuderte ihn durchs Zimmer, daß er
gegen eine Bank krachte.
Diese verdammte Arina! Boris hatte sein Boot flußabwärts am
Ufer versteckt und war in der Dunkelheit zurück nach Russka
gelaufen. Mit dem langen Jagdmesser bewaffnet, hatte er sich zu dem
Haus am Stadtrand geschlichen, wo der verfluchte rothaarige Schuft
wohnte. Boris lachte in sich hinein. Er wollte Popovs Mund
zuhalten, ihm die Kehle durchschneiden und dabei flüstern: »Denke
an Natalia.« Wenn ich ein bißchen Glück habe, wird man annehmen,
einer von Suvorins Männern habe das getan, und dann wird auch er
eingesperrt, dachte Boris zufrieden. Rache ist so unendlich süß,
besonders wenn man dreißig Jahre darauf warten mußte. Aber da kamen
plötzlich zwei Pferde die schmale Straße heraufgetrabt, eines mit
einem Reiter, das andere war ein Ersatzpferd. Vor dem Haus, in dem
Popov wohnte, sprang der Reiter ab und hämmerte gegen die
Tür.
»Jevgenij Pavlovitsch! Popov, verdammt noch mal! Ich weiß, daß
du da bist! Komm heraus! Ich bin's, Nikolaj Michailovitsch. Komm
schnell!«
Bobrov! Wie, zum Teufel, konnte er das wissen? Und warum
sollte er überhaupt die Haut dieses Burschen retten? Verdammt, alle
miteinander! Sie steckten alle unter einer Decke. Würde er je
wieder eine Möglichkeit zur Rache bekommen?
Er wandte sich wieder an seine Schwester. »Verräterin!«
brüllte er. »Weißt du, was du da angerichtet hast?«
»Ja«, schrie sie ebenso zornig zurück, »ich habe Bobrov
gebeten, dich von einem Mord abzuhalten. Du kannst nicht einfach
herumgehen und Leute umbringen.«
»Auch nicht, wenn er Natalia getötet hat?«
»Nein.«
Er starrte Arina finster an. »Ich sehe, daß du auf der Seite
von Bobrov und dem Rothaarigen stehst«, sagte er. »Aber eines
verspreche ich dir: Diese Sache werde ich nicht vergessen.« Zwei
Tage darauf vernichtete ein Feuer einen Teil von Nikolaj Bobrovs
Wäldern. Die Brandursache wurde nie geklärt.
1906
Es war ein früher Abend im Mai, und in dem
großen Moskauer Haus wurden Vorbereitungen getroffen. Unter den
Angestellten herrschte eine ungewöhnlich erwartungsvolle Stimmung,
denn an diesem Abend würden höchst merkwürdige Gäste anwesend sein.
In dem behaglichen Zimmer im oberen Stock war jedoch alles ruhig.
Frau Suvorin saß in einem langen malvenfarbenen Seidengewand, das
dichte braune Haar nur locker zusammengesteckt, an ihrem kleinen
Pult und schrieb Briefe. Ihre Tochter Nadeschda saß auf einem
Empiresessel mit Stickereibezug. Vor ihr stand ein kleiner runder
Tisch mit einem quastenbesetzten Tischtuch. Mit aufgestützten
Ellbogen saß sie da und betrachtete ihre Mutter von der Seite. Sie
ist wirklich hübsch, dachte die Achtjährige, aber ich wäre für Papa
bestimmt eine bessere Ehefrau.
Nadeschda Suvorin hatte große, kluge Augen und wundervolles
kastanienbraunes Haar. Sie durfte es offen tragen, und so fiel es
in leuchtender Fülle weit über ihre Schultern. In dem Taftkleid,
den Seidenstrümpfen, den mit Satinschleifen geschmückten Schuhen
und einem großen, breitkrempigen Hut sah sie bezaubernd aus.
Nadeschda wußte für ihr Alter erstaunlich viel. Wie hätte es auch
anders sein sollen? Das Schicksal hatte ihr einen wesentlich
älteren Bruder beschert – als sie sechs Jahre alt war, studierte er
bereits im Ausland. So war es ganz natürlich, daß der Vater sich
dieses kluge kleine Mädchen als Vertraute suchte. Sie kannte jedes
Gemälde in dem großen Haus. Da gab es zeitgenössische Russen:
Repin, Surikov, Seron, Levitan beschworen auf wundervolle Weise die
russische Landschaft herauf. Im Eßzimmer hing ein Porträt ihrer
Mutter von der Hand des Malers Repin und eines ihres Vaters, gemalt
von Vrubel. Am liebsten jedoch führte das Mädchen die Besucher
durch jene Räume, die Vladimirs Sammlung europäischer Malerei
vorbehalten waren. Erwachsene Russen, die mit diesen Schätzen kaum
vertraut waren, hörten sie überrascht vor sich hin plappern: »Das
ist ein Monet, und hier ein Cezanne. Renoirs nackte Frauen haben
immer die gleichen Gesichter, finden Sie nicht?« Oder: »Das hier
ist von Gauguin. Er ist von seiner Frau und seinen Kindern
weggegangen und nach Tahiti gefahren.« Von seiner letzten
Parisreise hatte der Vater ihr sogar kleine Bilder von zwei jungen
Künstlern mitgebracht, von Picasso und Matisse. »Sie stehen erst am
Anfang, deshalb habe ich sie für dich gekauft«, meinte er.
Vladimir nahm die Kleine gern mit sich und zeigte ihr seine
Welt. Als Förderer der schönen Künste war er viel unterwegs und
kannte jeden. Nadeschda war schon in St. Petersburg bei einem
Ballettabend der großen Pavlova gewesen; sie hatte den berühmten
Tolstoj in seinem Moskauer Haus besucht und kannte alle
Schauspieler des Moskauer Theaters.
Nadeschda liebte ihren Vater und fragte sich oft, warum ihre
Mutter sich ihm gegenüber so kühl verhielt. Nach außen hin schienen
sie einander sehr zugetan, doch das Kind beobachtete sehr genau.
Vladimir nahm sie, die Tochter, als Begleitung mit, nicht die
Mutter. Nadeschda hatte gesehen, wie die Mutter sich, wenn der
Vater sich ihr unauffällig näherte, abwandte. So kam es, daß das
Mädchen dachte, es würde dem Vater eine bessere Ehefrau sein.
Nachdem Frau Suvorin den letzten Brief beendet hatte, stand sie
auf. Sie war in der Tat eine auffallende Frau. Mit ihrer hohen,
kräftigen Gestalt, den Kopf stolz zurückgeworfen, mit ihren braunen
Augen gleichsam auf die Welt herabblickend, hatte sie etwas
Fürstliches. Wie die Frau eines Kaufmanns sah sie jedenfalls nicht
aus. Wenn Männer Frau Suvorin ansahen, und das taten sie immer,
bemerkten sie die sanft geröteten Wangen, die blasse Haut ihrer
wundervoll gerundeten Schultern, ihre vollendet schönen Brüste, und
sogleich fühlten sie die gezügelte Sinnlichkeit, die auch die
Eleganz der Erscheinung nicht verbergen konnte. Frau Suvorin stand
in der Blüte ihrer Jahre.
Als sie sich erhob, spürte sie Nadeschdas Augen auf sich und
blickte ihre Tochter nachdenklich an. Diese wäre überrascht
gewesen, hätte sie geahnt, daß ihre Mutter sehr wohl wußte, was in
ihrem Kopf vorging. Die Mutter wußte es seit langem, und deshalb
fühlte sie sich schuldig. Als sie den forschenden Blick spürte,
dachte sie daran, daß es in ihrem Leben Dinge gab, die sie
Nadeschda noch nicht erklären konnte. Vielleicht, wenn sie älter
war, vielleicht aber auch niemals. Was auch meine Fehler sein
mögen, dachte sie betrübt – wenigstens bin ich diskret. »Ich muß
mich jetzt umkleiden«, sagte sie rasch. Alexander Bobrov hielt den
Atem an. Natürlich hatte er immer gewußt, daß sein Idol Suvorin ein
reicher Mann war. Dieses Haus entsprach seiner Position; es gehörte
zu dem halben Dutzend ehemaliger Fürstenpaläste, die in den
vergangenen Jahrzehnten in die Hände neuer
Kaufmannspersönlichkeiten wie Suvorin übergegangen waren.
Da sie noch Geschäftliches mit Suvorin zu besprechen hatten,
waren Nikolaj und Alexander Bobrov vor den übrigen Gästen gekommen,
und während sie auf den Hausherrn warteten, sah Alexander sich
aufmerksam in dem Raum um, in den man sie geführt hatte. Er war
lang, hoch und wie eine Kirche überwölbt. In der Mitte stand auf
einem überdimensionalen Orientteppich ein massiver, mit grünem Tuch
bespannter Tisch, auf dem sicher hundert Personen leicht hätten
stehen können. Die darüber hängenden Messingleuchter brachten das
vergoldete Mosaik des Gewölbes zum Leuchten. An den Wänden, die
über und über mit Bildern behängt waren, standen hochlehnige Stühle
und Tische aus dunklem Holz aufgereiht. Eines der Bilder zog
Alexanders besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte Ivan den
Schrecklichen. Seine furchteinflößenden Augen blickten – so schien
es Alexander – streng auf Nikolaj Bobrov herunter; recht hat er,
dachte Alexander, in Anbetracht des schmachvollen Vorhabens seines
Vaters: Nikolaj wollte seinen Besitz Vladimir Suvorin
veräußern.
Er war zum Ergebnis gekommen, daß er ihn nicht länger halten
konnte. Seit dem letzten Jahr sahen sich zahlreiche Landbesitzer in
ganz Rußland zum Verkauf gezwungen. Suvorin hatte Bobrov einen
ausgezeichneten Preis geboten. »Mehr, als das Gut wert ist«, hatte
Nikolaj seinem erbosten Sohn erklärt. Als er nun das unglückliche
Gesicht des Jungen sah, murmelte er: »Es tut mir leid.«
Vladimir Suvorin ließ sie nicht lange warten. Er betrat den
Raum mit seinem Anwalt, umarmte Nikolaj herzlich, drückte
Alexanders Arm, und gleich darauf war der Tisch vor ihnen mit
Papieren bedeckt.
Suvorin war in guter Stimmung. Seit langem hatte er an einen
Landsitz in der Nähe seiner Fabriken in Russka gedacht. In den
letzten Jahren interessierte er sich auch für das russische
Handwerk. »Ich werde Werkstätten für Holzschnitzerei und Keramik
auf dem Gut einrichten«, hatte er Nikolaj erzählt, »auch ein
kleines Museum für Volkskunde.« Als er nun Vater und Sohn mit
finsteren Mienen vor sich stehen sah, verstand er intuitiv, was in
ihnen vorging. »Dein Vater hat eine kluge Entscheidung getroffen«,
erklärte er Alexander ernst. »Alle klugen Leute verkaufen, liebe
Freunde, nur Narren wie ich kaufen.« Und zu Nikolaj gewandt fuhr er
fort: »Ich beneide Sie eigentlich. Sie sind jetzt so frei wie ein
Vogel. Sie sollten eine Europareise machen. Adlige werden in Paris
und Monte Carlo mit großem Respekt behandelt. Sie sollten Ihrem
Sohn die Welt zeigen.«
Nicht einmal diese freundlichen Worte konnten Alexander ein
Lächeln entlocken. Er wußte nur eines: Die Bobrovs hatten ihre
Besitzungen gehalten, seit Rußland bestand; sein Vater dagegen
hatte sie mit seinen liberalen Ideen verloren. Er hatte offenbar
seine Pflichten nicht erfüllt. Als er bewundernd zu Suvorin
hinüberblickte, dachte er wieder: Wenn er nur mein Vater wäre! Da
winkte Vladimir sie heran. »Genug der Geschäfte, meine Freunde. Es
ist Zeit, die anderen Gäste zu begrüßen.« Frau Suvorins Feste waren
zu Recht berühmt. Bildende Künstler, Musiker und Schriftsteller
verkehrten im Hause Suvorin, aber auch die Aristokratie verschmähte
die Gastfreundschaft des Kaufmanns nicht, und selbst ein stolzer
Petersburger Intellektueller wie Fürst Schtscherbatov war
regelmäßig zu Gast. Der Einfluß Suvorins war allenthalben zu spüren
– in den Theatern, den Kunstakademien, im Zeitungswesen. Auch ein
merkwürdiger Mann namens Diaghilev, der sich anscheinend zum
Fürsprecher der russischen Kunst und Kultur machen wollte, fand
Protektion und Unterstützung im Haus Suvorin.
Frau Suvorin pflegte diese Abende unter wechselnde Themen zu
stellen. »Heute abend geht es nur um Politik«, flüsterte Vladimir
Nikolaj zu, als sie den großen Salon betraten. Das Motto bot auf
jeden Fall reichlich Gesprächsstoff. Erstaunliches hatte sich in
den vergangenen neun Monaten auf politischem Gebiet ereignet. Im
letzten Sommer hatte sich die Situation verschlimmert, während der
Zar weiterhin zögerte. Es hatte ständig terroristische Übergriffe
und Schwierigkeiten in der Arbeiterschaft gegeben. Warum, zum
Teufel, hört er nicht auf die zemstvos? hatte Nikolaj sich
gefragt. Da trat im Oktober das Unvorstellbare ein. Es gab einen
Generalstreik. Zehn furchtbare Tage bewegte sich nichts im gesamten
russischen Reich. Die Regierung war machtlos. Schließlich lenkte
der Zar ein. Er sagte dem Volk ein Parlament zu, die Duma. »Endlich
ist der arme Mann zur Einsicht gekommen. Wir werden eine
konstitutionelle Monarchie wie in England haben.« Nur mit der
Ausnahme, daß es sich hier um Rußland handelte. Diese erste Duma
des russischen Staates war folgendermaßen organisiert: Es wurden
Wahlen abgehalten, an denen sich die meisten russischen Männer
beteiligen konnten. Sie wurden dabei aber in Klassen eingeteilt,
und jede Klasse durfte nur eine bestimmte Anzahl von Vertretern
entsenden. Nach der Berechnung dieses Systems galt die Stimme eines
Adligen wie Bobrov dreimal soviel wie die von drei Kaufleuten,
fünfzehn Bauern oder fünfundvierzig Arbeitern aus den Städten.
Gleichzeitig mit den Wahlen verabschiedete die Regierung jedoch ein
Programm, das unter der überholten Bezeichnung »Grundrechte«
bekannt wurde. Dadurch wurde der ersten Kammer eine zweite
vorgesetzt, deren Mitglieder zur Hälfte vom Zaren ernannt, die
übrigen durch streng konservative Elemente ausgesucht wurden. Dies
lähmte die Duma nachhaltig. Selbst wenn die beiden Parlamente
übereinstimmten, hatten sie dennoch keine wirkliche Kontrolle über
die Bürokratie, die das Reich tatsächlich regierte. Weiterhin hatte
der Zar die Autokratie bestätigt, sich das Recht vorbehalten, die
Duma nach seinem Belieben aufzulösen. Ferner hatte er bekräftigt,
daß er, wenn die Duma nicht tagte, gemäß einer entsprechenden
Notverordnung regieren konnte. »Mit anderen Worten, diese Maßnahmen
sind typisch russisch«, war Nikolajs Resümee. »Es gibt ein
Parlament, und auch wieder nicht. Es darf sich äußern, aber nicht
handeln. Der Zar gibt, und der Zar nimmt.«
Warum sollte er also fröhlich sein, als er an jenem Abend in
Frau Suvorins Wohnzimmer trat? Erst einmal hatten die Sozialisten
die gesamten Vorgänge boykottiert und keine Kandidaten aufgestellt;
zum zweiten traf die Annahme des Zaren, die Mehrheit des niederen
Adels und der Bauern werde loyal sein und konservative Kandidaten
wählen, keineswegs zu. Die überwältigende Mehrheit wählte gegen das
Regime und führte eine große Anzahl Fortschrittsliberaler
zurück.
Nikolaj blickte sich interessiert im Festsaal um. Frau Suvorin
begrüßte ihn liebenswürdig. »Ich habe meine Sache gut gemacht«,
lächelte sie. »Wir haben von fast jeder politischen Richtung
jemanden hier.« Nikolaj lächelte ebenfalls. Es war typisch für die
Lage im zaristischen Rußland, daß im Augenblick nahezu alle
politischen Parteien im Grunde illegal waren. Die Duma begann ihre
Befreiungsaktionen mit Parteien, die offiziell nicht existierten.
Frau Suvorin hatte nicht zuviel versprochen. Nikolaj erkannte bald
einige Herren, die als einwandfreie Konservative ausgewiesen waren
und die Duma abschaffen wollten. »Deine Freunde«, sagte er
schmunzelnd zu seinem Sohn. Da gab es konservative Liberale, die
eine Zusammenarbeit zwischen Duma und Zaren wünschten, und da waren
Männer wie er, Konstitutionelle Demokraten, abgekürzt KD, auch
»Kadetten« genannt. Sie waren entschlossen, den Zaren zu einer
echten Demokratie zu drängen. »Wie steht es mit den Parteien der
Linken?« fragte er.
Damals gab es zwei von ihnen, die Sozialistischen
Revolutionäre, die den Bauernstand vertraten, leider jedoch
teilweise terroristischen Methoden anhingen; weiterhin die
Sozialdemokratische, die Arbeiterpartei. »Ich möchte Sie mit meinem
Schwager, Professor Peter Suvorin, bekannt machen«, sagte da die
Gastgeberin leichthin.
Peter und Rosa Suvorin kamen nicht oft in das große Haus
Vladimirs. Die beiden Brüder schätzten einander, doch ihre Wege
hatten sich seit langem getrennt. Rosa und Frau Suvorin hatten
einander wenig zu sagen. Wäre da nicht die Freundschaft ihrer
Kinder gewesen – die beiden Familien wären wohl kaum
zusammengekommen.
Rosa hatte drei Kinder geboren, doch nur eines blieb am Leben:
Dimitrij, ein dunkelhaariger Junge, drei Jahre älter als Nadeschda.
Die Kinder hatten sich an einem Weihnachtsfest kennengelernt, als
Nadeschda drei Jahre alt war, und hatten sogleich Sympathie
füreinander empfunden. Da das Mädchen unentwegt nach ihm verlangte,
wurde Dimitrij häufig eingeladen, doch ließ Frau Suvorin ihre
Tochter nie in das bescheidene Haus des Vetters gehen. Dennoch
schien sie die beiden Kinder gern zusammen zu sehen. An diesem
Abend jedoch hatte Frau Suvorin besonderen Wert auf die Anwesenheit
des marxistischen Professors gelegt. »Er ist meine Verbindung zu
all den Leuten von der extremen Linken«, hatte sie ihrem Mann
erklärt. »Es wird Zeit, daß ich sie besser kennenlerne.« Sie wußte
ein wenig über die Sozialdemokraten, und sie war sich darüber im
klaren, daß sie sich in den vergangenen Jahren in zwei Lager
gespalten hatten, von denen das kleinere die extremere Richtung
vertrat. »Mit der typischen russischen Ungenauigkeit bezeichnet
sich die Mehrheit als die kleine Partei und die Minderheit als die
große – die Bolscheviken«, bemerkte Vladimir. Frau Suvorin hielt es
für selbstverständlich, daß der liebe Peter zu der weniger extremen
Mehrheit gehören mußte. Sie war neugierig in bezug auf die
Bolscheviken, und einige Tage vor der Einladung hatte sie ihn
gefragt: »Kennen Sie einen von diesen Burschen? Könnten Sie einen
davon zu uns bringen?«
»Ich kenne einen solchen Mann, der sich zur Zeit in Moskau
aufhält, aber ich glaube nicht, daß er kommen wird«, war Peters
Antwort. »Fragen Sie ihn trotzdem«, bat sie ihn, und Peter tat es.
Nikolaj Bobrov war gespannt auf die Begegnung mit Peter Suvorin, an
den er sich aus seiner Jugend nur dunkel erinnerte. Die beiden
Männer waren einander sympathisch. »Wir Kadetten üben so lange
Opposition gegen den Zaren, bis er uns eine wirkliche Demokratie
gibt«, versicherte Bobrov.
»Wir beide wollen das«, stimmte Peter liebenswürdig zu, »aber
wir wollen eine Demokratie, die auf die Revolution hinführt, und
Sie wollen eine, um die Revolution zu vermeiden.« Auf Nikolajs
weitere Fragen legte er seine Ansichten über die Zukunft offen dar.
»Die organisierte Arbeiterschaft ist der Schlüssel zu allem«,
erklärte er, »und die Aufgabe der Marxisten ist es, die Arbeiter
politisch zu interessieren, sie vorzubereiten auf eine
sozialistische Revolution, wenn die Zeit dafür reif ist.«
»Wer wird das übernehmen?«
»In den westlichen Provinzen der jüdische Arbeiterbund«,
antwortete Peter. Es tat ihm leid, daß seine früheren Versuche, die
jungen jüdischen Reformer von ihrem Weg abzubringen, gescheitert
waren, doch der jüdische Bund hatte sich in den Krisenmonaten als
solide und stark erwiesen, und die Mitglieder waren gute
Marxisten.
»Und das übrige Rußland?«
Peter lächelte. »Die neuen Arbeiterkomitees. Sie haben letztes
Jahr ihre Arbeit aufgenommen und sind sehr tüchtig. In jeder Stadt
haben sie politische Zellen.«
»Wie heißen sie?« fragte Nikolaj.
»Wir nennen sie Sowjets«, war die Antwort des Professors.
Nikolaj zuckte die Achseln. Er war der Ansicht, daß die Sowjets
bald vergessen sein würden, wenn die Duma ihre Aufgabe ordentlich
erfüllte.
Während des Gesprächs beobachtete er seine Gastgeber. Frau
Suvorin bewegte sich geschickt von Gruppe zu Gruppe mit gemessener
Anmut, die den übrigen Damen Respekt abforderte, während alle
Herren verstohlen hinter ihr herblickten. Sie flirtet, ohne
wirklich zu flirten, dachte Nikolaj.
Vladimir wurde von den Herren offenbar geachtet, aber mit den
Damen hatte er, das konnte man sehen, eine ganz besondere Art.
Nikolaj fragte sich plötzlich, ob Vladimir seiner Frau wohl untreu
sei. Zweifellos wären viele Frauen in diesem Raum einer Affäre mit
Suvorin nicht abgeneigt.
Da bemerkte Nikolaj, daß Vladimir sich mit Rosa Suvorin
unterhielt. Sein gewohnt angenehmes Lächeln war verschwunden. Sein
Gesicht hatte den Ausdruck leichter Unruhe, und er sprach sehr
ernst auf Rosa ein. Auch Peter blickte nun erstaunt zu seiner Frau
hinüber, die plötzlich sehr blaß und müde aussah, den Kopf in
heftiger Ablehnung schüttelte. Daraufhin drückte Vladimir leicht
ihren Arm und verließ sie, während sie sich rasch einem Fenster
zuwandte. Den beiden Beobachtern Nikolaj und Peter kam die Szene
recht seltsam vor. Nun öffnete sich die Tür, und ein neuer Gast
trat ein: Jevgenij Popov.
Alexander Bobrov stand neben Vladimir, gerade als Popov
hereinkam, und zum erstenmal hörte er den sonst so überlegenen
Industriellen einen Laut der Überraschung ausstoßen. »Das gibt es
doch nicht! Es ist der Kerl, den wir während des Streiks gesehen
haben.« So war es. Der rothaarige Mann, den man Ivanov nannte.
»Werden Sie ihn hinauswerfen?« flüsterte Alexander. »Nein. Erinnern
Sie sich nicht, daß ich damals mit ihm sprechen wollte? Und jetzt
ist er hier.« Lächelnd und mit ausgestreckter Hand ging Vladimir
durch das Zimmer auf den Revolutionär zu. »Willkommen!«
Alexanders Erstaunen über diesen Vorgang war nichts im
Vergleich zu dem Schrecken, der ihn überkam, als der Rothaarige
einen Moment später auf seinen Vater zuging, ihn herzlich umarmte
und auf Frau Suvorins verblüffte Frage, ob sie beide einander
kennten, ruhig antwortete: »Aber ja! Wir sind einen langen Weg
gemeinsam gegangen.«
Sein Vater war also ein Freund dieses Menschen. Alexander
hatte den Eindruck, die Dummheit und Untreue seines Vaters seien
grenzenlos.
Die kleine Gruppe, die sich um Popov scharte, beäugte den
neuen Gast neugierig. »Sie wollten einen Bolscheviken«, sagte Peter
zu Frau Suvorin. »Hier ist er.«
Frau Suvorin lächelte. »Seien Sie herzlich willkommen«, sagte
sie, und sie sagte damit sicher die Wahrheit: Denn so ausgesucht
die Gesellschaft in ihrem Hause auch immer sein mochte – sie hatte
in letzter Zeit etwas vermißt: die echten Revolutionäre. In
späterer Zeit bezeichnete man es in privilegierten Kreisen als
chic, Revolutionäre nach Hause einzuladen und sogar einen Beitrag
zu ihrem Anliegen zu leisten.
Es wurde sogleich offensichtlich, daß Popov bestens
unterrichtet war. Er kam gerade vom letzten Sozialistenkongreß in
Stockholm zurück. Und obwohl er sehr genau überlegte, was er sagte,
beantwortete er Fragen doch sehr bereitwillig. Frau Suvorins
Erkundigungen über die Bolscheviken kam er offen entgegen. »Der
Unterschied zwischen den Bolscheviken und den übrigen
Sozialdemokraten, den Menscheviken, wie wir sie nennen, ist gar
nicht so groß. Wir alle wollen eine sozialistische Gesellschaft;
wir alle folgen Marx, aber es gibt verschiedene Ansichten über die
Taktiken. Und manchmal über Persönlichkeiten.« Er zählte rasch die
Namen einiger Menschevikenführer auf: Trotzki, Rosa Luxemburg in
Polen, einige mehr. »Es ist jedoch der Bolscheviken-Führer, der
tatsächlich die Spaltung herbeiführt.« Er schmunzelte. »Und das ist
mein Freund Lenin. Er geht niemals Kompromisse ein.«
»Und wer ist dieser Lenin?« fragte Nikolaj Bobrov. »Sie sind
ihm schon einmal begegnet, vor fünfzehn Jahren, im Zug – erinnern
Sie sich?«
»Der Tschuvaschen-Anwalt mit dem Gut an der Wolga?«
»Genau dieser. Er hat die meiste Zeit im Exil gelebt. Er hält
sich auch jetzt versteckt, denn anscheinend mag ihn die Obrigkeit
nicht. Aber er ist der Mann, der hinter den Bolscheviken
steht.«
»Und was macht ihn so anders?«
»Der Schlüssel zu Lenin liegt in seinem Buch«, antwortete
Popov. »Es ist sein Manifest.« Und er begann zu erzählen. Dieses
wichtige Werk war erst vier Jahre zuvor geschrieben und von
Deutschland nach Rußland geschmuggelt worden. Für die meisten
Revolutionäre war es bereits zur Bibel geworden. Lenin hatte den
Titel der Schrift gewählt, die die vorhergehende Generation der
Radikalen derart beflügelt hatte: »Was tun?« Es war nicht so sehr
ein politisches Traktat wie ein Leitfaden, wie eine Revolution zu
machen sei. »Der Marxismus sagt, daß die alte Ordnung
zusammenbrechen wird.« Popov lächelte. »Lenin sagt uns, wie man ihr
einen Stoß versetzen kann. Mit anderen Worten: Unsere
Menschevikenfreunde möchten warten, bis die Massen bereit sind, die
sozialistische Ordnung für eine neue und gerechte Gesellschaft zu
schaffen. Wir Bolscheviken glauben, daß ein kleiner,
wohlorganisierter Kader nötig ist, um den großen Wandel in der
Gesellschaft durchzusetzen. Wir glauben, daß die Massen eine
Führung brauchen.«
»Einige von uns sind der Meinung«, warf Peter Suvorin ein,
»daß Lenin die Arbeiter lediglich als Kanonenfutter betrachtet.« Zu
seiner Überraschung nickte Popov. »Das stimmt wahrscheinlich«,
antwortete er. »Das ist Teil seiner Größe.« Ein kurzes Schweigen
trat ein. Dann sagte Nikolaj Bobrov langsam: »Ich kann Ihre
Überzeugung verstehen, daß die Massen Führer brauchen, aber besteht
nicht die Gefahr, daß eine solche Führung zu mächtig, zu einer Art
Diktatur wird?«
»Ja, theoretisch gesehen, besteht diese Gefahr. Doch vergessen
Sie nicht, daß unser politisches Ziel nicht sehr weit von dem Ihren
entfernt ist. Der einzige Weg für Rußland nach vorn, der einzige
Weg zum Sozialismus führt über das Volk, über die Demokratie. Alle
Sozialisten, eingeschlossen die Bolschevikische Partei, versuchen
das gleiche zu erreichen – ein demokratisch gewähltes System. Wir
wollen den Zaren nicht stürzen, um einen neuen Tyrannen an seine
Stelle zu setzen.«
Das wurde mit großem Ernst und großer Überzeugungskraft
geäußert. Alle, die es hörten, schienen den Worten Glauben zu
schenken.
Doch dann brach Alexander Bobrov das Schweigen. Er hatte genau
zugehört, aber für ihn war der rothaarige Bolschevik ein Feind. Es
hatte ihn zornig gemacht, daß die Zuhörer offensichtlich
beeindruckt waren von Popovs Worten. Sind sie denn alle so dumm wie
mein Vater, überlegte er. Er spürte das brennende Verlangen, Popov
zu demütigen. »Ich habe gehört, daß alle führenden Revolutionäre
Jidden sind«, sagte er. »Stimmt das?« Das war eine genau
kalkulierte Ungehörigkeit, eine Art genereller Beleidigung, die die
Rechtsgerichteten gern aussprachen, um die Juden damit zu kränken,
daß man sie alle als Revolutionäre und die Revolutionäre als Juden
bezeichnete. Es folgte ein verlegenes Schweigen. Doch Popov lachte
leise. »Nun, natürlich, Trotzki und Rosa Luxemburg sind beide
Juden«, antwortete er. »Ein paar andere fallen mir auch noch ein.
Aber ich muß Ihnen trotzdem sagen, lieber Freund, daß die Juden in
unserer Partei in der Minderheit sind. Im übrigen«, fügte er hinzu,
»sagte Lenin, der selbst kein Slave ist, daß die einzigen
intelligenten Russen die jüdischen sind. Darauf können Sie sich
jetzt selbst einen Reim machen.« Er hatte geschickt pariert, und
die Gesellschaft lachte erleichtert.
»Und wie steht es mit dem Terrorismus? Ich höre, daß die
Bolscheviken hinter einigen der Bombenleger stehen und daß sie auch
Raubüberfälle verübt haben.« Diese Vorwürfe trafen zu. Lenin
befürwortete damals beide Methoden, um die Spaltung zu verstärken
und Geldmittel für die Bolscheviken zu bekommen – eine Tatsache,
die Parteigänger wie Peter Suvorin unangenehm berührte.
»Auch ich habe von diesen Zwischenfällen und Eigentumsdelikten
gehört«, antwortete Popov unverbindlich, »aber ich weiß nichts
Genaues darüber.«
Da legte Vladimir seine Hand fest auf Alexanders Arm und
flüsterte dem Jungen zu: »Genug, mein Freund!«
Aber der war noch nicht zu Ende. »Wissen Sie, daß ich Sie
früher schon gesehen habe«, sagte Alexander etwas lauter, »als Sie
die Arbeiter des Mannes aufgewiegelt haben, in dessen Haus Sie
heute einzutreten wagten? Aber damals sind Sie ihm ausgewichen. Sie
haben einen anderen Namen benutzt: Ivanov, und haben sich wie ein
Hund davongeschlichen. Wie viele Namen führen Sie, Herr
Popov?«
Einen Augenblick lang hatten Popovs grüne Augen einen
Ausdruck, als starrte er eine Schlange an, dann entgegnete er sehr
ruhig: »Es ist eine traurige Tatsache, daß seit langem, da jede
Opposition in Rußland unter polizeilicher Überwachung steht, viele
Menschen mehr als einen Namen verwenden mußten. Lenin hat, soweit
ich weiß, mehr als hundert Namen gebraucht.« Popov war blaß
geworden.
»Sie streiten ab, daß Sie ein Dieb und ein Feigling sind?«
provozierte Alexander weiter.
Diesmal gab Popov keine Antwort, sondern sah den Jungen nur
mit einem kleinen Lächeln an. Frau Suvorin beendete den
Schlagabtausch, indem sie Popov mit einem kurzen Auflachen
wegführte. »Du hast dir einen gefährlichen Feind geschaffen«,
meinte Alexanders Vater kurz darauf. Worauf der junge Mann nur
trotzig erwiderte: »Besser, als ihn zum Freund zu haben.« Trotz
Alexanders peinlicher Attacke war man sich allgemein über den
Erfolg des Abends einig. Nikolaj Bobrov blieb dieser Abend im
Gedächtnis als der Abend, an dem sein Sohn sich Popov zum Feind
gemacht hatte. Für Frau Suvorin war es die Gelegenheit, bei der
dieser seltsame rothaarige Bolschevik nach einer gemeinsamen halben
Stunde ihr versprochen hatte, bei seinem nächsten Besuch in Moskau
wieder in ihrem Salon vorzusprechen. Nachdem Peter und Rosa Suvorin
das Haus Vladimirs verlassen hatten, fragte er neugierig: »Worüber
hat Vladimir mit dir gesprochen?«
»Oh, über gar nichts.«
»Du schienst aber ziemlich außer Fassung.«
»So? Nein, eigentlich nicht.«
Warum sah Rosa nach dieser harmlosen Anspielung auf das
Gespräch mit Vladimir aus, als würde sie jeden Augenblick in Tränen
ausbrechen?
»Ich halte meinen Bruder für einen guten Menschen«, sagte
Peter. »Manche halten ihn sogar für weise.«
»Er weiß alles. Das ist ja gerade das Problem.« Diese Antwort
ergab für Peter überhaupt keinen Sinn. Für Alexander Bobrov kam der
Augenblick, der sein Leben ändern sollte, als er hinter seinem
Vater durch die große Halle ging. Zufällig blickte er nach oben zu
der Marmorgalerie, und da konnte er keinen Schritt mehr tun. Die
kleine Nadeschda sah gerne zu, wenn die Gäste sich verabschiedeten.
Sie lag den ganzen Abend wach, dann schlüpfte sie im Nachthemd
hinaus und spähte zwischen den Marmorsäulen hindurch. Die meisten
Gästen waren an diesem Abend schon gegangen, und das Mädchen stand
nun hoch aufgerichtet da, ihr kastanienbraunes Haar fiel ihr lang
über die Schultern. So sah Alexander sie. Der junge Mann starrte
hinauf zu dem achtjährigen Mädchen. »Das muß Suvorins kleine
Tochter sein«, murmelte er. Welch engelgleiches Gesicht! Was für
wundervolles Haar! Und sie war Vladimirs Tochter, die Tochter
seines Idols. Sofort war er sich ganz sicher. »Eines Tages wirst du
mir gehören«, flüsterte er ihr zu, auch wenn sie ihn nicht hören
konnte.
Nikolaj Bobrov starrte traurig auf das lange
Holzhaus, das ein Leben lang sein Zuhause gewesen war. Er konnte es
kaum fassen, daß er Russka vielleicht nie wiedersehen würde. Die
restliche Familie war schon im Juni, also vor einem Monat,
abgereist – seine alte Mutter Anna, seine Frau und der junge
Alexander. Sie waren jetzt alle in Moskau, während er noch einmal
zurückgekommen war, um die letzten Reste ihres jahrelangen
Aufenthalts hier wegzuschaffen.
Gegen Mittag hatte er alles erledigt. Die drei Karren bei den
Ställen waren von den Bauern hoch bepackt worden. Bei einem letzten
Durchgang waren nur ein paar alte Kisten mit Papieren auf dem
Speicher zum Vorschein gekommen. Nikolaj dachte, sie würden noch
auf dem dritten Karren Platz finden. Er hatte verfügt, daß Arina
und ihr Sohn vom Dorf heraufzogen und hier oben als Hausverwalter
lebten. Sie würden sich gewissenhaft um alles kümmern. Als er einen
Gang durch die Silberbirkenallee oberhalb des Hauses machte,
wischte er sich eine Träne ab – was für ein hübscher Platz dies
doch war!
Nun jedoch atmete er tief durch und straffte sich. Er war ein
Bobrov, und sein Abschied sollte würdevoll sein.
»Es ist Zeit, ein neues Leben zu beginnen«, murmelte er. Nun
ja, er war zweiundfünfzig, aber obwohl sein Haar grau war, blickten
seine Augen klar, und seine Figur war immer noch ansehnlich. Er
hatte vielleicht seinen Besitz verloren, aber es gab ja eine
Zukunft. Die letzten drei Monate waren allerdings kaum
vielversprechend gewesen. Die Duma erwies sich bei ihrer
Versammlung als heilloses Durcheinander. Nikolaj hatte bei einem
Besuch in St. Petersburg nur Streitereien erlebt. Die Mitglieder
aus der Landbevölkerung hatten keine Vorstellung von dem, was zu
tun war. Einige von ihnen betranken sich und stifteten Unruhe in
den Kneipen. Das Verhalten seiner eigenen Partei, der liberalen
Kadetten, entsetzte ihn allerdings noch mehr. Nachdem der Zar ihr
Verlangen nach Massenumverteilung des Landes an die Bauern nicht
berücksichtigt hatte, weigerten sie sich strikt, mit der Regierung
zusammenzuarbeiten. Schlimmer noch: Während die Terroristen ihre
Kampagnen in ganz Rußland fortsetzten, lehnten die Kadetten es
sogar ab, die Gewalt zu verurteilen, bis die Regierung ihren
Forderungen nachkam.
»Ich bin Kadett«, beschwerte er sich nach seiner Rückkehr nach
Moskau bei Suvorin. »Tausende von Menschen werden getötet. Wir
liberalen sind angeblich dafür verantwortlich – ich verstehe das
nicht.«
Suvorin sah das von der philosophischen Warte. »Sie vergessen,
lieber Freund, daß wir in Rußland sind«, meinte er. »Während
unserer gesamten Geschichte haben wir nur zwei politische
Richtungen gekannt: Autokratie und Rebellion. Die Sache mit der
Demokratie und dem Parlament ist ganz neu für uns. Das braucht
seine Zeit.«
Nikolaj mußte jetzt gehen. Es waren nur noch die Kisten vom
Speicher zu holen. Wenn sie bald aufbrachen, konnten sie bei
Einbruch des Abends in Vladimir sein. Nikolaj wollte gerade ins
Haus gehen, als er eine Gestalt den Hügel herauf auf sich zukommen
sah. Überrascht erkannte er Boris Romanov. Ihn hatte er am
wenigsten erwartet. Als er sich tags zuvor unten im Dorf von den
Bauern verabschiedet hatte, war Boris ihm offenbar aus dem Weg
gegangen. Seit langem war Nikolaj sich bewußt, daß Boris einen
Groll gegen die Familie hegte. Er seinerseits hatte nichts gegen
Boris. So ging er ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. Sie trafen sich
an der Hausecke. Nikolaj nickte dem Bauern freundlich zu, während
Boris einige Schritte von ihm entfernt stehenblieb. Es war einige
Zeit her, daß Nikolaj Boris aus der Nähe gesehen hatte. Auch er war
ergraut, aber er sah kräftig und gesund aus. Die beiden bildeten
äußerlich einen typischen Gegensatz: der Adlige mit Strohhut,
offener Leinenjacke, Weste, Taschenuhr, Krawatte, und der russische
muschik in weiten Hosen, Bastschuhen, rotem Hemd und breitem
Gürtel, unverändert seit den alten Zeiten des goldenen Kiev. Zwei
Kulturen, beide nannten sich russisch, und doch hatten sie nichts
gemeinsam außer ihrem Landbesitz, ihrer Sprache und einer Kirche,
die normalerweise keiner von den beiden besuchte.
»Sie gehen also.« Der stämmige Bauer stand da mit hängenden
Armen.
»Wie Sie sehen, Boris Timofejevitsch«, antwortete Nikolaj
höflich. Boris betrachtete das Haus, von wo aus Arina und der
kleine Ivan herübersahen. Er nickte nachdenklich. »Wir hätten Sie
schon längst ausräuchern sollen.« Die Methode, durch Vandalismus
und Brandstiftung in den vergangenen Jahren viele Landbesitzer dazu
zu bringen, ihr Land an Bauern zu verkaufen, wurde allgemein als
»Ausräuchern« bezeichnet. »Jetzt hat Suvorin das Land, nicht wir«,
fuhr Boris bitter fort.
»Die Kadetten wollen die Landverteilung. Es gibt hier in der
Gegend Staatsland, das Sie kaufen können, und es ist viel besser
als meine armen Wälder«, sagte Nikolaj ruhig.
Boris jedoch beachtete ihn nicht. »Die Revolution hat erst
angefangen, sie ist noch nicht zu Ende«, sagte er leise. »Wir
werden bald alles Land haben.«
»Vielleicht. Ich muß jetzt gehen.«
»Ja. Endlich gehen die Bobrovs. Also, leben Sie wohl, Nikolaj
Michailovitsch.« Er tat einen Schritt nach vorn, und es sah so aus,
als wolle er sich halbwegs freundlich verabschieden. Als Nikolaj
ihm die Hand entgegenstreckte, schnitt Boris eine Grimasse und
spuckte aus.
Nikolaj zuckte zurück. Der Bauer zischte: »Gut, dich
loszuwerden, du verdammter Bobrov. Und komm ja nicht zurück, sonst
bringen wir dich um.«
Mit diesen Worten ging Boris davon.
Nikolaj war so entsetzt, daß er im Augenblick unfähig war,
etwas zu tun. Ein Gefühl des Ekels, der Sinnlosigkeit überkam ihn.
Er blickte zum Haus zurück und sah, daß Arina und der Junge ihn
anstarrten. Die Bauern an den Karren beobachteten ihn ebenfalls
gleichmütig. Haßten sie ihn vielleicht wirklich alle? »Wir fahren«,
rief er mit aller Würde, die ihm zu Gebote stand. Gleich darauf saß
er neben dem Kutscher des ersten Karrens, der den Hügel
hinunterratterte. Er zitterte vor ohnmächtiger Wut und sah sich
nicht mehr um. Erst als sie schon den halben Weg zum Kloster
zurückgelegt hatten, fiel ihm ein, daß er die Kisten auf dem
Speicher vergessen hatte. Er zuckte die Achseln. Es war
gleichgültig. Sie konnten ebensogut dort bleiben. Und so gaben die
Bobrovs den Besitz ihrer Vorväter auf.
1907
Im Alter von zwölf Jahren fand Dimitrij
Suvorin die Welt wundervoll, auch wenn es Dinge gab, die er nicht
verstand. Insbesondere, was mit seiner Mutter geschah.
Er war ein merkwürdiger Junge, klein und schlank. Sein
schmales Gesicht erinnerte Rosa manchmal an ihren Vater. Dimitrij
war kurzsichtig wie Peter und trug eine Brille. Seine körperliche
Zerbrechlichkeit wurde jedoch wettgemacht durch eine
außerordentliche Wachheit in dem blassen Gesicht unter dem wirren
schwarzen Haarschopf.
Er war ein glückliches Kind. Obwohl die kleine Familie ganz
auf sich bezogen lebte – die Eltern liebten einander sehr –,
herrschte nie eine bedrückende Atmosphäre. Die drei wohnten in
einer hübschen, ziemlich unordentlichen Wohnung mit hohen Räumen
nahe dem Stadtzentrum. Das Gebäude hatte drei Stockwerke, und zur
Straße hin war es mit cremefarbenem Stuck verziert. Im Hof, wo die
Kinder spielten, stand ein Maulbeerbaum. In der Nähe befand sich
die Malakademie und gleich daneben ein merkwürdiges Haus mit
Glasdach, wo Fürst Trubetskoj, der Bildhauer, sein Atelier hatte.
Es war herrlich, an warmen Sommerabenden durch die Stadt zu
streifen. Das versnobte St. Petersburg mit seinen klassischen
Fassaden war wohl das Haupt des Reiches, doch Moskau war immer noch
das Herz. Obwohl die Stadt nahezu vierhunderttausend Einwohner
hatte, war sie eine kuriose Mischung aus Industrie- und Moskoviter
Zeitalter. Dimitrij verbrachte Stunden mit diesen Wanderungen durch
die Straßen und auf den breiten, baumbestandenen Boulevards, die
einen Ring um den Stadtkern bildeten; vorbei an den Kremlmauern,
innerhalb derer man den silbrigen Klang der Kirchenglocken hören
konnte. Manchmal kam es dem Jungen so vor, als wäre die ganze Stadt
wie eine gigantische Komposition von Tschaikovskij, Mussorgskij
oder einem anderen Großen der russischen Musik, die sich hier auf
wundersame Weise in Stein verwandelt hatte.
Als er vier Jahre alt war, hatten sich die ersten Anzeichen
seines musikalischen Talents gezeigt. Seine Mutter bemerkte sie
sofort. Im Alter von sechs Jahren erhielt er auf eigenen Wunsch
Unterricht in Klavier und Geige. Als er sieben Jahre alt war,
meinte der Vater: »Vielleicht wird er einmal ein Konzertpianist.«
Im Lauf der Zeit stellte sich heraus, daß Dimitrij trotz seiner
erstaunlichen Begabung fürs Klavier am liebsten selbst komponierte.
Nun besuchte er mit seinen zwölf Jahren die ausgezeichnete Fünfte
Höhere Schule in Moskau in der Nähe des Arbat-Platzes und übte
während seiner Freizeit fast ununterbrochen.
Und bereitete sich auf die Revolution vor. Darüber gab es im
Hause von Professor Peter Suvorin keinerlei Frage. Sie alle
arbeiteten dafür. Zwei Jahre zuvor blieben sie oftmals die Nächte
über auf, und Rosa tippte revolutionäre Artikel; Dimitrij hatte sie
dann an die verschiedenen Verteilungsstellen zu bringen. Er fand es
aufregend, an der großen Sache mithelfen zu können. Nun war sein
Vater Mitglied der Duma und war nach St. Petersburg gefahren. Es
war ein wichtiger Schritt gewesen. Nachdem die Sozialisten die
erste Duma boykottiert hatten, beschlossen sie, an der zweiten
teilzunehmen. »Wenn wir genügend Sozialisten dazubekommen, können
wir dieser Farce ein für allemal ein Ende machen«, erklärte Peter.
»Wir benutzen die eigene Duma des Zaren, um ihn zu
beseitigen.«
»Und dann?«
»Dann gibt es eine Konstituierende Versammlung, die vom ganzen
Volk gewählt wird. Eine demokratische Regierung. Alle Sozialisten
sind sich darüber einig.«
Freiheit. Demokratie. Die neue Welt nahm ihren Anfang. Und
sein Vater, der bekannte Professor Suvorin, war ein Teil davon. Das
Leben war wunderbar. Und trotzdem gab es Dinge, die er nicht
verstand. Warum, zum Beispiel, war sein Onkel Vladimir so reich,
während sie selbst so einfach lebten?
»Dein Vater hat an alldem kein Interesse«, hatte ihm seine
Mutter mit einer wegwerfenden Geste erklärt. Doch mit den Jahren
genügte ihm diese Erklärung nicht mehr. Obwohl er und Nadeschda wie
Bruder und Schwester waren, standen sich ihre Eltern nicht nahe.
»Wenn es nach deinem Vater ginge«, hatte das kleine Mädchen einmal
bemerkt, »würdet ihr uns alle auf die Straße setzen, sagt Mama.«
Dann fuhr sie mit entwaffnender Unschuld fort: »Wenn das passiert,
Dimitrij, kann ich dann kommen und bei dir wohnen?« Das versprach
er sofort.
Und da war noch seine Mutter. Warum machte sie sich immer so
viele Sorgen? Als sein Vater nach St. Petersburg aufbrach, hatte
Onkel Vladimir angeboten, Dimitrij zu sich zu nehmen, damit Rosa
Peter begleiten könnte. Sie hatte abgelehnt, doch seither hatte sie
ständig gejammert: »Glaubst du, daß dein Vater dort sicher ist?
Bestimmt wird ihm etwas zustoßen.«
Ende März geschah es dann. Peter Suvorin war noch in der
Hauptstadt, und Dimitrij kehrte eines Nachmittags auf Umwegen aus
der Schule zurück. Plötzlich befand er sich in einer langen,
schmalen Straße. Er hatte sie fast zur Hälfte hinter sich, als er
die kleine Gruppe sah: vier junge Männer und zwei Jungen, etwa in
seinem Alter. Sie kamen aus einem Hof und gingen ein paar Meter
neben ihm her. Da sagte einer der Männer: »Ich glaube, er ist
einer. He, du, wie heißt du?«
»Dimitrij Petrovitsch. Suvorin«, fügte er hinzu, so fest er
konnte. »Gute russische Namen, junger Herr Suvorin, aber schaut
euch doch mal seine Nase an.«
»Stimmt. Wir mögen deine Nase nicht, Dimitrij
Petrovitsch.«
»Dimitrij Petrovitsch, weißt du genau, daß du kein Jude
bist?«
»Ganz genau«, antwortete Dimitrij, während sie weitergingen.
»Wie heißt deine Mutter?«
»Rosa Abramovitsch.«
»Aha. Woher kommt sie?«
»Aus Wilna.«
»Eine Rosa Abramovitsch aus Wilna. Dann ist deine Mutter eine
Jüdin.«
»Das ist sie nicht«, entgegnete er heftig. »Sie ist Christin.«
Angesichts des echten Zorns des Jungen zögerte die Bande. Da machte
Dimitrij einen Fehler. »Rührt mich nicht an«, schrie er wütend.
»Mein Vater ist Abgeordneter in der Duma, und ihr bekommt
Ärger.«
»Welche Partei?«
»Sozialdemokraten«, sagte er stolz; doch sogleich erkannte er
seinen Fehler. Er hatte natürlich von den Schwarzen Hundertschaften
gehört, diesen rechtsgerichteten Mörderbanden, die Sozialisten und
Juden im Namen des Zaren zusammenschlugen. »Jid! Sozialist!
Verräter!«
Der kleine Kerl ging auf der Stelle zu Boden. Man hatte ihm
ein blaues Auge und mehrere Tritte in die Rippen verpaßt, als ein
Wagen in die Straße einfuhr und die Angreifer flüchteten. Eine
halbe Stunde später war Dimitrij zu Hause, und obwohl er ziemlich
durcheinander war, setzte er sich an den Abendbrottisch. »Sie haben
gesagt, du seist Jüdin«, erzählte er seiner Mutter und war höchst
überrascht, als sie das bestätigte. »Ich bin übergetreten, als ich
heiratete.«
Von diesem Tag an schien ihre Unruhe noch zu wachsen. Was
diese Ereignisse auch für seine Mutter bedeuten mochten – Dimitrij
ließ sich davon nicht beeindrucken. Sein musikalisches Talent half
ihm dabei. Seit seiner frühen Kindheit erklärte Dimitrij sich die
Welt mit Hilfe der Musik. Noten waren Farben für ihn. Seit Rosa ihm
die verschiedenen Tonarten auf dem Klavier erklärt hatte, besaß
jede für ihn einen eigenen Charakter, eine eigene Stimmung. Anfangs
verband er diese Entdeckungen mit den Instrumenten, die er spielte.
Als er neun Jahre alt war, änderte sich das allerdings. Er war
eines Abends in der kleinen Kirche nebenan zum Besuch der Vesper
gewesen. Die Kirche hatte einen guten Chor, und die einprägsamen
Gesänge gingen ihm nicht aus dem Kopf, als er die Kirche verließ.
Gerade ging die Sonne unter, und der Himmel über Moskau war
rotgolden. Minutenlang stand Dimitrij da und blickte nach Westen,
in die herrlichen Farben. Er versuchte auszudrücken, was er sah,
und wählte hierfür einen Akkord in c-Moll. Gleich darauf fügte er
einen weiteren hinzu.
Es war seltsam, dachte er; er hatte die Akkorde gewählt, sie
diesem Sonnenuntergang zugeordnet. Und doch war es, während er so
schaute, als antwortete ihm der Himmel und sagte: Ja, das ist mein
Klang. Nun ging Dimitrij in den Hof. Der rötliche Schein fing sich
in den oberen Zweigen des Maulbeerbaumes, darunter lag warmer
Schatten. Da hörte er einen neuen Akkord und eine kleine Melodie;
diesmal kam die Musik so unmittelbar, daß es ihm war, als habe er
sie nicht gewählt, sondern er hörte sie einfach. Es war wunderbar!
Ein merkwürdig warmes Gefühl durchströmte seinen Magen. Gleich
darauf kamen ein paar Kinder in den Hof, aber Dimitrij wollte sich
von ihnen nicht ablenken lassen. Er stellte beglückt fest, daß er
mit einiger Anstrengung die Akkorde im Kopf behalten konnte.
So fing alles an. Er brauchte sich nur ein wenig zu
konzentrieren, und schon konnte er in diesen Traum eintreten, wann
immer er wollte. Das ging so weit, daß er sich lange mit Leuten
unterhalten konnte und sich danach nicht mehr daran erinnerte. Bald
wurde ihm noch anderes bewußt. Sobald er sich in seine andere Welt
begab, war es ihm, als würde nicht er Musik erfinden, sondern ihr
einfach zuhören, während die wundervollen Harmonien außerhalb
seiner selbst entstanden. Es dauerte nicht lange, da begann dieses
musikalische Jenseits ins Diesseits einzufließen. Dimitrijs
Gedankenwelt füllte sich mit musikalischen Traumgebilden; die
Menschen, die täglich um ihn waren – seine Lehrer, seine Mutter,
sein Onkel Vladimir –, wurden zu Singstimmen: sein Vater ein Tenor,
der Onkel ein wohltönender Bariton – wie Charaktere in einer Oper,
die ihm erst zum Teil offenbar wurde. Zwei Ereignisse jenes Sommers
prägten sich Dimitrij tief ein. Im Juni löste der Zar die Duma auf,
und am folgenden Tag wurde ein neues Wahlsystem verkündet. »Der Zar
konnte sich nicht mit den Sozialisten abfinden«, erklärte Peter bei
seiner Rückkehr. »Dieses neue System ist absurd. Unter den neuen
Gesetzen des Zaren zählt die Stimme eines Landbesitzers ungefähr so
viel wie die von fünfhundertvierzig Arbeitern. Der konservative
Adel bekommt die Mehrheit. Ich bin auf jeden Fall draußen.«
»Aber ist das legal? Darf der Zar die Gesetze einfach so
ändern?« fragte Dimitrij.
Peter zuckte die Achseln. »Nach der im letzten Jahr
verabschiedeten Verfassung ist es illegal. Aber da der Zar damals
die Gesetze gemacht hat, setzt er voraus, daß er sie jetzt ändern
darf. Er meint, Rußland sei ein riesiger Familienbesitz, den er
seinem Sohn so übergeben muß, wie er ihn von seinem Vater erhalten
hat. Es ist schon fast komisch.«
Der neue Ministerpräsident des Zaren, Stolypin, war ein
äußerst fähiger Mann, der die Reform des rückständigen Reiches
anstrebte. »Reformen können jedoch nur stattfinden, wenn eine
Säuberung erfolgt ist«, erklärte er. Diese wurde durchgeführt.
Nicht weniger als tausend Personen, denen terroristische
Aktivitäten angelastet wurden, hatte man im vergangenen Jahr
hingerichtet. Die Russen nannten die Schlinge des Henkers nun
»Stolypins Halstuch«. Überall lauerten Polizeispitzel. Popov und
andere waren klugerweise verschwunden, hatten sich vielleicht ins
Ausland abgesetzt. Zum erstenmal betrachtete Dimitrij die
Revolution nicht mehr als einen positiven Zustand, der in Zukunft
zwangsläufig eintreten mußte, sondern als eine erbitterte,
gefährliche Auseinandersetzung zwischen seinem Vater und dem Zaren.
Von da an lag ein Schatten auf dem Leben des Jungen.
Im Spätsommer traf ein Brief aus der Ukraine ein. Er kam von
Rosas Jugendfreund Ivan Karpenko und enthielt eine unerwartete
Bitte. Er hatte einen Sohn, gerade zwei Jahre älter als Dimitrij,
ein begabter Junge, meinte er, der in Moskau studieren wollte. »Ich
dachte mir, er könnte vielleicht bei Euch wohnen«, schrieb er. »Ich
käme natürlich für seinen Unterhalt auf.«
»Wir haben keinen Platz für ihn«, gab Peter nach kurzem
Überlegen zu bedenken.
Doch Rosa wollte nichts von Schwierigkeiten hören. »Das
schaffen wir schon«, erklärte sie und schrieb unverzüglich an
Karpenko, er solle seinen Sohn nur schicken.
Michail kam Anfang September, und sofort hielt Dimitrij ihn
für ein Genie.
Michail Karpenko war ein schmaler, dunkler, hübscher Junge mit
blitzenden schwarzen Augen. Er kam gerade in die Pubertät. Es war
wirklich erstaunlich, was er schon alles wußte. Sehr bald zeigte es
sich, daß er äußerst stolz auf sein ukrainisches Erbe und seinen
bekannten Vorfahren, den Dichter, war. »Ihr müßt wissen, daß es in
der ukrainischen Kultur in den letzten Jahren einen großen
Aufschwung gegeben hat«, erzählte er Rosa, »und ich war dabei«,
meinte er großspurig. Er war fasziniert von allem, was mit Kunst
und Kultur zu tun hatte, und er nahm sehr rasch neue Anregungen
auf. Dimitrij nahm ihn mit zu seiner Kusine Nadeschda, und Michail
wurde dort herzlich empfangen. Selbst Vladimir war von dem Jungen
beeindruckt. »Du weißt wirklich erstaunlich viel, mein kleiner
Kosak«, sagte er schmunzelnd. Oft setzte er sich zu den jungen
Leuten, auf der einen Seite seine Tochter und Dimitrij, auf der
anderen Karpenko. Er legte die Arme um sie und berichtete von
Neuigkeiten in der Kunstwelt.
Es war eine aufregende Zeit in der Familie Suvorin; in diesem
Jahr nämlich hatte Vladimir sich entschlossen, zusätzlich zu seinem
großen Wohnhaus ein neues Haus, etwa eine Meile entfernt, zu bauen.
»Ein kleines Refugium«, erklärte er lächelnd. Das war reichlich
untertrieben. Nur eine Handvoll Männer auf dieser Welt hätten das
gewagt, was der russische Industrielle da vorhatte. Es war nichts
weniger als ein ganzes Haus im Jugendstil. Der Plan, den er
Dimitrij und Karpenko zeigte, war erstaunlich. Lediglich der
Baukörper war einfach – ein Quader mit einem Seiteneingang, aber
jede Säule, jede Decke zeigte die wirbelnden Kurven des
Jugendstils. Das Ganze hatte etwas Magisch-Pflanzenhaftes. Karpenko
verglich es mit einer herrlichen Orchidee. »In unserem neuen Haus
wird es die modernsten Errungenschaften geben«, erläuterte Suvorin.
»Elektrisches Licht, sogar ein Telefon.« Dimitrij, seine Kusine
Nadeschda und Karpenko wurden bald gute Freunde. Das
hochintelligente zehnjährige Mädchen lauschte fasziniert dem
hübschen Jungen mit seiner ansteckenden Begeisterung. In diesem
Jahr befaßte er sich eingehend mit den neuen russischen Dichtern
der Symbolistischen Richtung. Er wußte ganze Verse des brillanten
jungen Alexander Blok auswendig.
Die fröhliche Vertrautheit ihrer gemeinsamen Nachmittage wurde
nur gelegentlich durch die Anwesenheit eines recht ernsten
Sechzehnjährigen gedämpft. Im November wurde es ihnen zum erstenmal
bewußt, daß Alexander Bobrov in ihr Leben getreten war. Sein Vater
war zu der Zeit gerade Abgeordneter der liberalen Kadettenpartei in
Moskau für die neue konservative Duma des Zaren geworden, was für
die Familie ein gewisser Trost war, nachdem sie ihre Besitzungen
verloren hatten. Da Dimitrijs Vater kurz zuvor aus der Duma
ausgeschlossen worden war, hegte der Junge keine sonderlich
freundschaftlichen Gefühle für den anderen. Nadeschda war höflich,
weil es sich um Freunde ihres Vaters handelte. Karpenko jedoch, nur
zwei Jahre jünger als Alexander, machte aus seiner Ablehnung keinen
Hehl.
Alexander sprach selten. Er besuchte Suvorin unter einem
Vorwand, betrat mit ihm das Zimmer, sagte ein paar höfliche Worte
zu Nadeschda und hörte dem Gespräch der anderen verlegen zu. Bald
hatte Karpenko auch einen Spitznamen für ihn gefunden. »Seht«,
flüsterte er, »da kommt der russische Kalender.« Das war ein
treffender Name. Peter der Große hatte zwar den Kalender
reformiert, aber er hatte das alte Julianische System für die
Zählung der Tage übernommen; während das übrige Europa seither zu
dem moderneren Gregorianischen System übergegangen war, hatten
Rußland und seine orthodoxe Kirche am Julianischen festgehalten.
Infolgedessen war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das
riesige Reich dreizehn Tage hinter dem Rest der Welt her. Der
grausame Spitzname traf Alexanders konservative Mentalität
genau.
Zu Ostern des nächsten Jahres zeigte eine kleine Begebenheit,
was im Kopf des jungen Bobrov vorging. Wie überall in Rußland,
herrschte auch im Hause Suvorin am Ostertag große Geschäftigkeit.
Obwohl weder Vladimir noch sein Bruder Peter fromm waren, wäre es
ihnen nie in den Sinn gekommen, die lange Ostervigil in der
Vornacht zu versäumen. Am Ostertag selbst stand das Haus für einen
nicht abreißenden Besucherstrom offen.
Im Speisesaal waren reiche Speisen aufgetürmt, die nach der
Fastenzeit wieder erlaubt waren. In der Mitte befanden sich die
beiden traditionellen Ostergerichte: kulitsch, das weiche
dicke Brot mit dem Ostersymbol, und die weiße Süßspeise in Form
einer kleinen Pyramide – die paskha. Überall lagen natürlich
verzierte Ostereier. Die Bobrovs kamen gegen Mittag, gleich nach
Peter Suvorin und seiner Familie, und so wurden Dimitrij und sein
Freund Zeugen der kleinen Szene. Die kleine Nadeschda und ihre
Mutter trugen die traditionelle Festtracht der russischen Frauen.
Frau Suvorin trug außerdem ein hohes Diadem, den kokoschnik,
aus Gold und Perlmutt, das ihr noch mehr als sonst ein fürstliches
Aussehen verlieh. Wie es der Brauch war, ging jeder Neuankommende
von einem zum anderen, küßte jeden dreimal, während der Ostergruß
ausgetauscht wurde. »Christ ist erstanden.«
»Er ist wahrhaft erstanden.«
Als Alexander Bobrov vor Nadeschda stand, holte er ein
Päckchen aus der Tasche. »Das ist ein Geschenk für dich«, sagte er
feierlich. Überrascht öffnete das Mädchen die Schachtel und fand
darin ein wundervolles kleines Osterei aus Silber, mit bunten
Steinen verziert. Es kam aus der Werkstatt Fabergés. »Das ist
hübsch. Ist es für mich?« Er lächelte. »Natürlich.«
Dimitrij und Karpenko beobachteten die Szene erstaunt. Es war
zwar eines von Fabergés kleinsten Stücken, aber dennoch ein
ungewöhnliches und wohl kaum passendes Geschenk eines
Schuljungen.
Mit Adleraugen hatte Frau Suvorin die Sache verfolgt und
rauschte heran. »Was für ein entzückendes Präsent.« Sie nahm den
Jungen und schob ihn eilends durch den Raum. »Aber mein lieber
Alexander«, sagte sie leise, doch bestimmt, »ich kann es nicht
gestatten, daß du Nadeschda in ihrem Alter so etwas schenkst. Sie
ist wirklich noch zu jung dafür.«
Alexander errötete tief. »Wenn Sie es nicht
wünschen…«
»Ich finde es rührend, daß du daran gedacht hast, aber sie ist
solche Geschenke nicht gewöhnt, Alexander. Wenn du willst, kannst
du es mir geben, und ich bewahre es für sie auf, bis sie älter
ist«, sagte sie freundlich.
Betrübt reichte Alexander ihr das Ei.
Der Hinweis war allzu deutlich. Er wollte sich irgendwie
erklären, und Frau Suvorin hatte es ihm verwehrt. Er fühlte sich
peinlich berührt und gedemütigt. Selbst als Vladimir seinen Arm
liebevoll um den Jungen legte und ihn in die Galerie führte, war
das ein geringer Trost.
1908
Im Sommer dieses Jahres sah es so aus, als
würde es schließlich doch Frieden in Rußland geben. Die Welle des
Terrorismus war vorüber. Stolypins harte Maßnahmen hatten den
Revolutionären großen Schaden zugefügt, und die jüngst publizierte
Entdeckung, daß der führende sozial-revolutionäre Terrorist seit
langem ein Polizeispitzel gewesen war, hatte die Partei in den
Augen des Volkes geschwächt. Die neue Duma war nicht, wie einige
gefürchtet hatten, das Schoßhündchen des Zaren. Liberale wie
Nikolaj Bobrov ergriffen kühn das Wort für die Demokratie, und
selbst die konservative Mehrheit stand hinter Ministerpräsident
Stolypin mit seinen Plänen für eine gemäßigte Reform. Schließlich
versprach in diesem Jahr anhaltend gutes Wetter eine Rekordernte.
Auf dem Lande war alles ruhig.
Vladimir hatte die Idee, daß sie nach Russka fahren sollten.
Das ganze Frühjahr über hatte Rosa schlecht ausgesehen, und
Vladimir wie auch Peter drängten sie, der Stadt in der Sommerhitze
zu entfliehen. Schließlich kam man überein, daß auch Dimitrij und
seine Freunde im Juni dorthin kommen sollten; Karpenko wollte
allerdings nur einen Monat bleiben, bevor er für den Rest der
Ferien in die Ukraine zurückkehren wollte, und Rosa hatte vor, mit
Peter im Juli nachzukommen.
Dimitrij war begeistert von dem Ort. Der grandiose Plan seines
Onkels nahm bereits Gestalt an. Dreißig Meter vor dem alten Haus
der Bobrovs entfernt stand nun ein langes, niedriges Holzgebäude,
das das Museum beherbergte, und am Ende befanden sich Werkstätten.
Hier hatte Vladimir schon einen erfahrenen Holzschnitzer und einen
Töpfer untergebracht. Das Museum barg bereits Schätze. Da gab es
die traditionellen Spinnrocken, reich geschnitzte und bemalte
Holzlöffel, Pressen für die Verzierung von Brot und Kuchen und
wundervoll bestickte Stoffe. Vladimir hatte auch mit einer
Ikonensammlung begonnen.
Im Wohnhaus gab es eine umfassende Bibliothek und einen
Flügel. Frau Suvorin, die vom Leben auf dem Land sichtlich
gelangweilt war, saß meistens auf der Veranda und las. Arina führte
den Haushalt umsichtig, und ihr kleiner Ivan trieb sich ständig
herum in der Hoffnung, einen Spielgefährten zu finden. Er und
Nadeschda waren ungefähr gleichaltrig, und die beiden spielten mit
Vergnügen Verstecken in den Wäldern oberhalb des Hauses.
Nachmittags nahm Vladimir Nadeschda und die Jungen oft mit an den
Fluß zum Baden. Er war noch sehr beweglich und ein erstklassiger
Schwimmer. Danach saßen sie auf der Bank und unterhielten
sich.
Vladimir war auch ein großartiger Erzähler. Er sprach mit den
Kindern über alles, als wären sie Erwachsene. Eines Nachmittags
erläuterte er ihnen seine Ansichten über Rußlands Zukunft. »Rußland
befindet sich in einem Wettlauf mit der Zeit«, sagte er. »Ich
persönlich bin auf der Seite Stolypins, und er weiß, daß er Rußland
modernisieren und zugleich die revolutionären Kräfte in Schranken
halten muß. Hat er Erfolg, behält der Zar seinen Thron; wenn nicht…
gibt es ein Chaos. Bauern und Städter werden rebellieren.«
»Was muß Stolypin denn tun?« fragte Karpenko.
»Im wesentlichen drei Dinge. Die Industrie muß ausgebaut
werden. Mit Hilfe von Fremdkapital geht das gut voran. Als nächstes
müssen die Massen erzogen werden. Früher oder später wird es eine
Art von Demokratie hier geben, und das Volk ist nicht darauf
vorbereitet. Stolypin ist in dieser Hinsicht erfolgreich. Als
drittes versucht er, die Landbevölkerung zu reformieren.« Er
seufzte. »Aber das, fürchte ich, wird schwierig sein.«
Der Versuch, den russischen Bauern zu ändern, war der
Kernpunkt der Reformen Stolypins, das wußte Dimitrij. In den
vergangenen zwei Jahren war bereits Wichtiges geschehen. Die
Zahlungen an die früheren Landbesitzer waren nicht mehr zu leisten.
Den Bauern waren volle bürgerliche Freiheiten zuerkannt worden; sie
konnten die gleichen Gerichtshöfe wie jeder andere Bürger in
Anspruch nehmen, sie erhielten Inlandspässe für Reisen, ohne die
Erlaubnis der Gemeinde einzuholen. Endlich war der Bauer, ein
halbes Jahrhundert nach der Befreiung von der Leibeigenschaft,
theoretisch und praktisch ein freier Mann. Doch immer noch gab es
ein Problem.
»Was aber kann für die Kommune getan werden?« überlegte
Vladimir laut. Der unrentable Streifenanbau aus dem Mittelalter
hatte sich in der Kommune noch kaum geändert. Die russische
Getreideernte betrug nur ein Drittel der westeuropäischen Ernten.
Um eine Verbesserung herbeizuführen, versuchte Stolypin die Bauern
dazu zu bringen, sich von der Kommune abzusetzen und eigenes Land
als unabhängige Landwirte zu bestellen. Günstige Kredite wurden von
der Landwirtschaftsbank gewährt. Aber noch ließ der Fortschritt auf
sich warten.
»Aber versucht Stolypin denn nicht, aus dem Bauern einen
Bürger, einen Kapitalisten zu machen?« wandte Dimitrij ein.
»Natürlich tut er das«, antwortete Vladimir. »Im Gegensatz zu dir
bin ich ein Kapitalist. Ich muß allerdings zugeben, daß es sehr
schwierig sein wird, das in die Praxis umzusetzen.«
»Ich dachte, es würde einfach sein«, warf Karpenko ein.
»Ja, mein Freund.« Vladimir fuhr dem Jungen liebevoll durchs
Haar. »Du kommst ja auch aus der Ukraine. Dort unten in den
westlichen Provinzen Weißrußlands gibt es die Tradition der
unabhängigen Landwirtschaft, aber hier in den zentralen Provinzen
ist das Kommunesystem festgefügt. Sieh dir doch nur diesen Ort hier
an! Sieh dir Boris Romanov, den Dorfältesten, an.« Dimitrij und
Karpenko hatten Romanov bald kennengelernt. Als Dorfältester war er
eine einflußreiche Persönlichkeit, was er offensichtlich genoß. Die
Familie mit ihren drei kräftigen Söhnen besaß zur Zeit den längsten
Feldstreifen des ganzen Dorfes. In jenem Frühjahr aber, als
Stolypins Reformen staatliches Land beim Kloster zum Verkauf
freigaben und Vladimir zu Romanov beiläufig bemerkte: »Nun, Boris
Timofejevitsch, ich denke doch, daß Sie selbst etwas davon kaufen«,
hatte dieser mit finsterer Miene geantwortet: »Die Kommune kauft
das Land.« Und er fügte zwar leise, doch hörbar hinzu: »Und Sie
räuchern wir eines Tages auch noch aus.«
»Nichts wird Romanov davon überzeugen, daß die Wegnahme dieses
Besitzes nicht die letzte Antwort ist«, fuhr Vladimir fort. »Und
wißt ihr, was das Schönste an der Sache ist? In vielen Provinzen
gibt es gar nicht genug Land, um es den Bauern abzutreten. Am
besten siedeln sie sich in weniger bevölkerten Gegenden an, was
Stolypin übrigens auch fördern möchte. Die Bauern unterstützen also
die Sozialrevolutionäre – selbst die Terroristen –, weil diese
versprechen, das ganze Land zu verteilen. Der einfache Bauer tut
von sich aus wenig, er wartet vielmehr auf ein Wunder – passiv,
aber verärgert. Er leidet lieber jahrzehntelang unnötig und greift
dann plötzlich zu sinnloser Gewalt. Im Jahre 1905 hatten wir einen
Krieg und Lebensmittelknappheit. Das hat schließlich die Revolution
verursacht. Ich nehme deshalb an, daß Stolypin zwei Dinge braucht,
um das Rennen zu gewinnen: Frieden und gute Ernten. Damit wird
Rußlands Schicksal entschieden.« Sie verbrachten einen friedvollen,
glücklichen Sommer. Morgens durchstreifte Karpenko oft das Land,
oder er zeichnete; dann wieder dachte er sich phantastische Spiele
für Ivan und Nadeschda aus, die voller Verehrung zu ihm
aufblickten. Inzwischen übte Dimitrij stundenlang Klavier.
Nachmittags gingen sie entweder mit Vladimir zum Baden, oder sie
saßen lesend auf der Veranda; manchmal spielten sie mit Frau
Suvorin Karten.
Die Abende genoß Dimitrij besonders. Während die anderen in
der Bibliothek lachten oder sprachen, saß er am Klavier und wagte
zaghaft seine eigenen Kompositionen. Bei dieser Gelegenheit
entdeckte er eine weitere besondere Eigenschaft seines Onkels.
Manchmal nämlich kam Vladimir leise herein und setzte sich in eine
dunkle Ecke. Wenn Dimitrij eine Pause machte, kam der Onkel herüber
und meinte mit seiner wohlklingenden Stimme: »Warum versuchst du es
nicht so?« Oder: »Wenn du den Rhythmus hier ändern würdest…«
Dimitrij stellte fest, daß der Onkel genau das traf, was er
selbst hatte ausdrücken wollen. »Woher kennst du meine Gedanken so
genau?« fragte er. »Komponierst du oder ich?«
Worauf der Onkel ein wenig traurig erwiderte: »Manchen ist es
gegeben, etwas zu schaffen, Dimitrij. Andere dagegen verstehen nur
den schöpferischen Akt.«
Dimitrij mußte diesen Mann bewundern, und er spürte, wie das
Band, das sie beide verknüpfte, immer stärker wurde. Einen Tag vor
seiner Abreise nahm Karpenko Dimitrij beiseite und sagte: »Machen
wir einen Spaziergang zu den Quellen, nur du und ich.«
Es war ein herrlicher Spaziergang. Karpenko hatte ein
ansteckendes Lachen, und Dimitrij dachte, was für ein Glück es doch
sei, einen solchen Freund zu haben. Karpenko wußte mehr als
Dimitrij und gab sein Wissen großzügig weiter wie ein beschützender
älterer Bruder, obwohl er, wohl wegen seiner weichen, makellosen
Haut, etwas Mädchenhaftes hatte. Nachdem sie eine Weile im Moos der
Quellen gerastet hatten, wandte Karpenko sich plötzlich ernst an
Dimitrij: »Hast du schon einmal von einer Sache gehört, die man als
das › Außerirdische Argument‹ bezeichnet?« Dimitrij schüttelte den
Kopf.
»Stelle dir vor, daß Lebewesen von einem anderen Planeten zu
uns kommen und sehen, wie wir leben – all die Ungerechtigkeit auf
unserer Welt. Und sie würden dich fragen: ›Was tut ihr dagegen?‹
Und du müßtest antworten: ›Nicht viel.‹ Was würden sie sagen,
Dimitrij? Wie sollten sie einen solchen Wahnsinn begreifen? Was ich
sagen will, bevor ich abreise: Sollten wir uns nicht verpflichten,
etwas für eine neue, eine bessere Welt zu unternehmen, du und
ich?«
»Aber ja!«
»Gut. Ich wußte, du würdest zustimmen.« Langsam zog er eine
Nadel aus seiner Tasche; damit stach er sich in den Finger und
preßte Blut heraus. Dann reichte er Dimitrij die Nadel. »Wir
schließen also einen Pakt«, sagte er. »Blutsbrüder.« Dimitrij
errötete vor Stolz. Es war zu jener Zeit Mode, vor allem zwischen
jungen Revolutionären beim Abschluß von Vereinbarungen, die alte
Sitte der Blutsbrüderschaft zu vollziehen. Daß Karpenko ihm,
Dimitrij, eine solche Ehre antat! Sie vermischten ihr Blut Karpenko
war erst wenige Tage fort, als Frau Suvorin aus St. Petersburg die
Nachricht erhielt, ihre Schwester sei erkrankt; sie fühlte sich
verpflichtet, hinzureisen. Nadeschda und Dimitrij blieben noch;
unter Aufsicht von Vladimir und Arina konnte ihnen kaum etwas
geschehen. So verging eine angenehme Woche. Es war üblich, daß die
Stallburschen täglich die Pferde an den Fluß führten. Wenn sie
beobachtet wurden, geschah das auf ordentliche Art und Weise,
andernfalls saßen sie ohne Sattel auf und jagten den Abhang
hinunter. Immer wenn der kleine Ivan Arinas aufmerksamen Augen
entwischen konnte, war er mit von der Partie. Hätte Nadeschda ihn
an diesem warmen Julitag nicht beobachtet, wäre es Dimitrij
vielleicht nicht passiert. Als jedoch der neunjährige Ivan fröhlich
von einem Pferderücken auf dem Stallhof auf ihn herabblickte,
beschloß Dimitrij, der Nadeschda imponieren wollte: Wenn der kleine
Kerl das kann, kann ich es auch. Einen Augenblick später war er auf
ein Pferd geklettert und ritt auf den Abhang zu. Zuerst im Schritt,
dann im Galopp; die Tiere waren erregt. Hufe stampften auf den
harten Boden, wilde Schreie waren zu hören. Dimitrij klammerte sich
an der Mähne fest. Der Boden kam auf ihn zu, bewegte sich wieder
von ihm weg. Plötzlich schlug ihm der Schößling eines Baumes ins
Gesicht. Dimitrij verlor das Gleichgewicht und fiel vornüber, als
ein anderes Pferd an ihm vorbeistob.
Dimitrij hörte, wie sein Bein splitterte. Er war noch bei
Bewußtsein, als Nadeschda schon neben ihm kniete.
Er begriff lange Zeit nicht, daß nun nichts mehr so sein würde
wie zuvor. Sie hatten sein Bett ins Erdgeschoß in den großen
luftigen Raum mit dem Klavier gebracht. Er langweilte sich nicht:
Es gab genügend Bücher, Arina sah häufig nach ihm, und Nadeschda
saß gern neben ihm und plauderte auf ihre unnachahmliche Weise.
Doch am meisten freute er sich auf seinen Onkel Vladimir, der ihm
erzählte oder stundenlang vorlas. Nur eines vermißte er – vorläufig
konnte er nicht Klavier spielen.
Dann kam seine Mutter. Sie sah nicht wohl aus bei ihrer
Ankunft. Ihre großen Augen waren eingesunken, ihr schwarzes Haar
mit grauen Strähnen durchzogen, und weil es dicht und lang
herabhing, wirkte es ungepflegt. Dimitrij liebte sie, aber
gleichzeitig tat sie ihm leid, denn sie war sicher nicht
glücklich.
Vladimir deckte eine neue Begabung der Mutter auf. »Du mußt
ausruhen, solange du hier bist, Rosa«, drängte er. »Und du mußt
spielen«, fügte er entschieden hinzu. »Wir dürfen diesen jungen
Mann keinesfalls ohne Musik lassen.« Zu Dimitrijs großem Erstaunen
begann seine Mutter gleich am folgenden Tag damit. Er hatte sie nie
vorher spielen hören, aber er wußte, daß sie früher einmal Klavier
gespielt hatte. Als er jünger war, hatte sie ihm oft über ein paar
Takte hinweggeholfen, wenn er in Schwierigkeiten kam, und daher
wußte er, daß sie eine großartige Technik hatte. Aus irgendeinem
Grunde jedoch hatte sie sich nie ans Klavier gesetzt. Nun aber
begann sie, wenn auch zögernd, mit einfachen Stücken. Dann folgte
eine Beethoven-Sonate, eine nächste. Später Stücke von
Tschaikovskij, Rimskij-Korsakov und anderen Russen. Sie spielte
eine Stunde oder auch zwei. Dimitrij hörte mit wachsender
Verwunderung zu. Sie spielt fabelhaft, dachte er; ein großes
Talent. Am fünften Tag hatte Rosa eine Verwandlung durchgemacht. Es
war, als hätte sie ihre Trauer wie eine ungewollte Haut
abgestreift. Ihr Haar war nun ordentlich zurückgekämmt. Die frische
Luft und ein paar Nächte Schlaf hatten ihr Gesicht entspannt und
die Falten geglättet. Nun warf sie still triumphierend den Kopf
zurück, während Beethovens Appassionata aus ihren Fingern
strömte.
»Ich wußte nicht, daß du so gut spielst«, bemerkte Dimitrij
eines Tages, und dann fügte er rasch hinzu: »Und auch nicht, daß du
so schön bist.«
»Es gibt vieles, das du nicht weißt«, erwiderte Rosa heiter
und lief lachend mit Vladimir und Nadeschda auf die Veranda. Und
dann war das ebenso plötzlich zu Ende. Es war an einem sonnigen
Nachmittag. Rosa war nun zehn Tage da. Am Tag vorher hatte Vladimir
ihr einige Partituren des von ihm bevorzugten russischen
Komponisten der damaligen Zeit, des brillanten Skrjabin,
mitgebracht. Rosa spielte sie, während Vladimir es sich in einem
Sessel bequem gemacht hatte.
Dimitrij war ganz gegen seine Gewohnheit eingeschlafen. Als er
aufwachte, hatte Rosa aufgehört zu spielen, und Vladimir stand
neben dem Klavier. Sie dachten wohl, daß er noch schlafe… er
verstand fast jedes Wort.
»Du kannst nicht so weitermachen. Ich sage dir das seit drei
Jahren.« Die Baritonstimme seines Onkel klang sanft beschwörend.
»Ich kann es nicht mit ansehen.«
»Man kann nichts dagegen tun. Aber, Volodja…« Dimitrij hatte
niemals jemanden diese Koseform zu seinem Onkel sagen hören.
»Volodja, ich habe solche Angst.«
»Du brauchst Schlaf. Höre auf, dich zu quälen. Bleibe
wenigstens eine Weile hier bei mir. Ich muß im nächsten Frühjahr
nach Berlin und Paris. Komm mit mir! Wir können in ein Bad fahren,
und du machst eine Kur. Ich glaube, du weißt, daß du sicher bist
bei mir.« Dimitrij starrte mit weit offenen Augen auf die Szene;
seine Mutter berührte liebevoll Vladimirs große Hand. »Ich weiß.«
Dimitrij saß kerzengerade, dann zuckte er schmerzlich zusammen.
Beide Gesichter wandten sich ihm zu: das seines Onkels irritiert,
das seiner Mutter abwesend. Da sagte Vladimir ruhig: »Ach, du bist
aufgewacht. Trinken wir Tee zusammen.« Dimitrij konnte sich keinen
Reim auf das machen, was er da eben gehört hatte. Am nächsten
Morgen erklärte Rosa, sie müsse nach Moskau zurückkehren. »Ich bin
schon zu lange von deinem Vater getrennt gewesen«, meinte sie. »Ich
mache mir solche Sorgen um ihn.« Wieder wirkte ihr Gesicht
eingefallen, und das bedeutete, daß sie vergangene Nacht nicht
geschlafen hatte. Wenige Tage später wurde auch Nadeschda von Frau
Suvorin nach Moskau zurückbeordert, und da der Arzt Dimitrij keine
Bewegung erlaubte, wurde er sozusagen allein in Russka
zurückgelassen. Vladimir nahm nun mit ruhiger Entschiedenheit das
Leben des Jungen in die Hand.
Zwei Tage nach Rosas Abreise erschien der Onkel mit mehreren
Büchern und stapelte sie auf dem Tisch neben dem Bett. »Du spielst
gut, mein Freund, und du hast ein paar hübsche Kompositionen zuwege
gebracht«, erklärte er. »Aber da du nun ans Bett gefesselt bist,
hast du Zeit, auch zu begreifen, was du da tust. Das sind Bücher
über Musiktheorie und Kompositionslehre. Lies sie gründlich!«
Zuerst war es harte, ja langweilige Arbeit. Jeden Abend aber ging
der Onkel mit ihm die Aufgaben durch: Harmonielehre, Kontrapunkt,
die Vielschichtigkeit musikalischer Regeln. Vladimir war zwar ein
Amateur, aber er hatte ein beträchtliches Musikverständnis, und er
war ein strenger Lehrer. »Jetzt begreife ich, warum deine Fabriken
einen hohen Gewinn abwerfen«, meinte Dimitrij lachend. In nur sechs
Wochen machte der Dreizehnjährige erstaunliche Fortschritte. Nun
hatte er den brennenden Wunsch, sein neuerworbenes Wissen in
Kompositionen anzuwenden. Als der Arzt im September Dimitrijs
Verlegung nach Moskau zustimmte, erklärte er Vladimir: »Weißt du,
ich glaube, ich werde tatsächlich Komponist.« Sein Onkel lächelte
einfach und sagte: »Natürlich wirst du einer.« Was diese
Studienzeit anbetraf, meinte Dimitrij Suvorin später, als er
bereits berühmt war: »Der Sturz vom Pferd machte mich zu dem, was
ich bin.«
Der Sturz vom Pferd hatte noch eine weitere Folge. Ob es nun
ein komplizierter Bruch war oder ob die technischen Kenntnisse des
Fabrikarztes nicht ausreichten – Dimitrijs rechtes Bein behielt
eine falsche Stellung bei, und der Musiker ging bis an sein
Lebensende am Stock.
Nicht nur, daß Alexander Bobrov jeden Vorwand ausnutzte, um in
Vladimir Suvorins großem Haus einen Besuch zu machen, oft ging er
auch nur daran vorbei, in der Hoffnung, einen Blick von Nadeschda
zu erhaschen. Trotz des peinlichen Zwischenfalls an Ostern hatte er
nicht für einen Moment seine Idee aufgegeben. »Ich werde sie
heiraten«, erklärte er seinem Vater rundheraus. An diesem Abend im
September war es schon spät. Vorhänge und Fensterläden waren alle
geschlossen, und nur aus Gewohnheit führte ihn sein Weg an Suvorins
Haus vorüber. Ein leichter Nebel lag über allem; die
Straßenlaternen bildeten undeutliche gelbe Flecken. Nur wenige
Menschen waren unterwegs. Alexander hätte wohl nicht einmal zum
Haus hingeblickt, wären nicht leise Schritte zu hören gewesen, die
vor der Eingangstür haltzumachen schienen. Er spähte über die
Straße. Vor dem Portikus konnte er eine vermummte Gestalt mit einem
breitrandigen Filzhut entdecken. Gleich darauf öffnete sich die Tür
ein wenig, und die Gestalt ging rasch hinein. Als die Tür sich
schloß, hielt Alexander den Atem an: Der Mann hatte den Hut
abgenommen, und das volle rote Haar war ein untrügliches Zeichen:
Der Mann war Jevgenij Popov. Was, zum Teufel, will sie nur mit mir?
Diese Frage hatte sich Popov oft gestellt. Sie besaß alles: einen
brillanten Ehemann, ein großes Vermögen, alles, was die bürgerliche
Welt anzubieten hatte. Natürlich langweilte sich die obere
Bourgeoisie manchmal. War das bei ihr der Fall? Er glaubte es
nicht. Unglücklich war sie vielleicht, aber nicht
gelangweilt.
An der Intelligenz von Frau Suvorin war nicht zu zweifeln.
Obwohl er in letzter Zeit erfahren hatte, daß die Behörden ihn
verhaften wollten, war es Popov gelungen, in den beiden vergangenen
Jahren heimlich in ihr Haus zu gelangen. Jedesmal hatte sie ihn
genau nach seinen Überzeugungen gefragt. Obwohl sie es ablehnte,
irgend etwas von Marx zu lesen, hatte Popov den Eindruck, sie sei
wirklich interessiert an dem, was er ihr berichtete. Es wurde
außerdem deutlich, daß sie persönliches Interesse an ihm, Popov,
zeigte. Warum aber? Anfangs kam Popov der Gedanke, Suvorin könnte
untreu sein. Falls seine Frau sich jedoch mit einer eigenen Affäre
an ihm rächen wollte, hatte sie doch wohl eine Menge ihresgleichen
zur Auswahl! Außer natürlich, sie begehrte ihn, weil er die
Revolution repräsentierte, die die Welt ihres Gatten zerstören
würde. Das wäre freilich eine besondere Art von Affront. Im Haus
herrschte Stille. Sie hatte die Dienerschaft längst zu Bett
geschickt. Vladimir wurde erst gegen Ende des Monats in Moskau
zurückerwartet. Sie saß in einem blaßblauen Neglige auf einem
niedrigen Stuhl vor dem glimmenden Feuer. »Sagen Sie mir«, fragte
sie langsam, »warum Sie hierherkommen.« Popov ließ sich Zeit mit
der Antwort. Es gab natürlich gute Gründe dafür. Zuerst einmal
fehlte es der Bolschevikischen Partei an Geld. Ob er von der Frau
des Industriellen Geld bekommen konnte, wußte er nicht, aber es
lohnte sich, die Lage zu sondieren. Es steckte jedoch noch mehr
dahinter. Popov war wirklich geschmeichelt, daß diese stolze, kluge
Frau sich zu ihm hingezogen fühlte, und er mußte zugeben, daß er
etwas für sie empfand. Er überlegte tatsächlich, ob sie verschont
werden könnte. »Ich finde Sie interessant«, sagte er schließlich.
Sie lächelte. »Sie sind einfach neugierig?«
»Warum nicht?« Natürlich war er neugierig. Suvorin
beeindruckte ihn. Der war kein Schwächling wie ein Bobrov, den man
einfach beiseite schieben konnte. Suvorin war mächtig und
intelligent. Als er im Hause Suvorin eingeführt wurde, spürte er
auch, daß hier etwas repräsentiert wurde, das er in seinem
bisherigen Leben vermißt hatte. Denn obwohl er auf Reisen gewesen
war, Geschichte und Betriebswirtschaft studiert hatte, fehlte ihm
das Interesse an der Kunst. In Frau Suvorins Gegenwart mußte er oft
seine Unkenntnis zugeben. Er ließ sich von ihr zu den modernen
Gemälden ihres Gatten führen und hörte fasziniert ihren Erklärungen
zu. An diesem Abend jedoch musterte sie ihn nachdenklich. »Sagen
Sie mir«, meinte sie, »wenn Sie mit Bestimmtheit wüßten, daß es für
mindestens hundert Jahre keine Revolution gäbe – was würden Sie
tun?«
»Ich glaube tatsächlich, daß Stolypin sich durchsetzen
könnte«, räumte er ein. »Ebenso Lenin. Vielleicht findet die
Revolution während meines Lebens nicht statt. Wahrscheinlich ist es
so«, erklärte er offen, »daß ich immer schon ein Revolutionär war
und nicht wüßte, was ich sonst sein sollte. Es ist ein Beruf wie
jeder andere.«
»Letzten Endes denken Sie doch, daß dies hier alles
verschwinden muß«, wandte sie ein, indem sie auf das kostbare
Mobiliar deutete.
»Selbstverständlich. Es gibt keinen Platz für derartige
Privilegien. Alle Menschen werden gleich sein.«
»Und wenn wir eine Revolution haben, vernichten Sie die
Kapitalisten und ihre Anhänger erbarmungslos.«
»Ja.«
»Dann sagen Sie mir eines«, fuhr sie fort. »Wenn die
Revolution tatsächlich bald beginnt und ich mich ihr zu widersetzen
gedenke – würden Sie mich ebenfalls töten?«
»Ich nehme nicht an, daß das notwendig wird«, antwortete er.
»Ich glaube, man könnte Sie verschonen.« Sie ist wie ein Vogel im
Käfig, dachte er, gefangen in diesem überdimensionalen Haus und in
ihrer bürgerlichen Welt; und doch noch ein freier Geist.
»Das ist wohl ein Kompliment«, lächelte sie.
»Ja.«
Einige Minuten lang saßen sie schweigend da. Da zischte
plötzlich das Feuer im Kamin, und Funken stoben hoch. Das bißchen
Glut, das herausflog, hätte ohne weiteres auf den Boden fallen und
dort verglühen können, doch zufällig blieb es am Saum von Frau
Suvorins Neglige liegen und züngelte sogleich hoch auf. Sie stieß
einen kleinen Schrei aus und zerrte an ihrem Neglige, da sprang der
Funke auf ihren Schoß. Sie wollte aufstehen und den kleinen Brand
austreten, doch Popov sah die Angst in ihrem Gesicht und stürzte,
ohne zu überlegen, vorwärts, griff mit bloßen Händen nach der Glut
und warf sie zurück in den Kamin.
Als Frau Suvorin sich sozusagen in Popovs Armen fand, sah sie
ihm ins Gesicht und entdeckte darin zu ihrem Erstaunen eine Spur
von Zärtlichkeit. »Nicht bewegen«, sagte sie nur.
Zwei Stunden später gab Alexander seine einsame Wacht in der
feuchten Kälte auf. Er verstand das nicht. Dieser Teufel Popov war
bei ihr; dafür konnte es nur einen Grund geben. Was, um alles in
der Welt, soll ich nun unternehmen, überlegte er.
1910
Auf den ersten Blick vermittelte das
Familienleben von Professor Peter Suvorin den Eindruck vollendeter
Harmonie. Es herrschte allenthalben Betriebsamkeit. Dimitrij hatte
nun zwei Musiklehrer und machte rasche Fortschritte. Karpenko war
in die Kunstakademie eingetreten und hatte bereits den Ruf eines
Burschen, dem ständig neue Ideen kommen. Vladimir unterstützte den
jungen Mann nach Kräften, lud ihn häufig zu sich, wenn er bekannte
Größen aus der Kunstwelt versammelt hatte, und stellte ihn mehreren
Künstlern vor. Peter Suvorin selbst war höchst aktiv; in diesen
Jahren verfaßte er sein klassisches Lehrbuch »Physik für
Studierende«, das seinen Namen einer ganzen Generation russischer
Schüler vertraut machte.
Rußland erlebte eine ruhige Zeit. Das Volk hörte kaum etwas
vom Leben des Zaren, seiner deutschen Gemahlin und seinen Kindern
in ihren Privatpalästen in St. Petersburg.
Dimitrij wußte, daß Stolypin und die Duma ihren Weg der
langsamen Reform weiterverfolgten. Doch wenn er die Zeitungen las,
gewann er den Eindruck, daß der große Minister, obwohl er Frieden
und Wohlstand brachte, wenig Freunde hatte. »Die liberalen hassen
ihn wegen seines scharfen Durchgreifens«, erklärte Vladimir, »und
die Reaktionäre hassen ihn, weil sein Regierungssystem die
Autokratie des Zaren zu schwächen scheint. Aber er wird ans Ziel
gelangen«, fügte er hinzu.
Für Dimitrij waren die Abende das Schönste, wenn alle zusammen
um den runden Tisch saßen und die Tagesereignisse besprachen. Die
Mutter bereitete Tee, der mit Himbeeren serviert wurde, und durch
das offene Fenster konnte man den zart türkisfarbenen Himmel sehen.
Karpenko wußte immer etwas zu erzählen. Er befand sich ständig in
geistiger Hochstimmung, und es verging kaum eine Woche, ohne daß er
eine neue kulturelle Entdeckung zur Veränderung der Welt nach Hause
gebracht hätte. Um diese Zeit gab es viele Dichter in Moskau und
St. Petersburg. Tatsächlich war Lyrik so populär, daß die Dichter
sogar davon leben konnten. Eines Abends brachte Karpenko eine
Gedichtsammlung mit, von deren Verfassern Dimitrij noch nie gehört
hatte. »Es ist eine neue Schule«, erklärte Karpenko. »Sie benutzen
keine Symbole und abstrakten Ideen mehr, sondern sie schreiben
unmittelbarer, über ihre Erfahrungen.« Zwei von ihnen gefielen
Dimitrij sofort: Ossip Mandelschtam und Anna Achmatova.
Trotz Karpenkos Brillanz lernte Dimitrij während dieser Abende
ein anderes Mitglied der engverbundenen Familie mehr und mehr
schätzen; das war sein Vater. Peter Suvorin machte nie viele Worte,
aber er saß mit seiner goldgeränderten Brille, die immer zur
Nasenspitze rutschte, über einem Schriftstück oder sah sein
Manuskript durch. Obwohl sein Haar ergraut und sein Gesicht von
feinen Linien durchzogen war, wirkte er jünger als seine
fünfundfünfzig Jahre. In seiner leisen Art hatte er doch alle Fäden
in der Hand. Peter Suvorin hatte allen Grund, mit seinem
zurückhaltenden, stetigen Kurs zufrieden zu sein. Die Bolscheviken
hatten in den vergangenen zwei Jahren mit ihrem Extremismus wenig
vorzuweisen. Polizeispitzel hatten sich in ihre Reihen
eingeschlichen und erschwerten ihre Unternehmungen. Ihr einsamer
Führer Lenin war anscheinend zum dauernden Exil in der Schweiz
gezwungen, und ihre Mitgliederzahl hatte sich verringert. Dagegen
hatten die gemäßigten Menscheviken-Sozialisten ihre Arbeit
fortgeführt, sich allmählich Anhängerschaft in den Fabriken
gewonnen, Gewerkschaften organisiert und Weiterbildung betrieben –
meist ganz legale Aktivitäten. Manche waren auch zu einer
Zusammenarbeit mit der Duma bereit. Es war sogar die Rede von einer
Änderung des Parteinamens in »Arbeiterpartei«. Peter Suvorin war
froh über das, was er seiner Familie gegenüber als Fortschritt
bezeichnete.
»Das neue Zeitalter bricht an«, war seine Redeweise, »aber
nicht, weil Sie, Karpenko, oder so ein schlauer Bursche wie Popov
es wollen. Wir wissen weder wann noch wie. Aber wir wissen, daß der
Prozeß nicht mehr aufzuhalten ist.«
Wenn Dimitrij seinem Vater zuhörte, hatte er das wundervolle
Gefühl, als stehe alles im Universum wissenschaftlich miteinander
in Zusammenhang. Nichts konnte anscheinend den Professor von seinem
Weg abbringen. Er lehrte; er schrieb; seine Schüler kamen zu ihm.
Sein Leben war ebenso ruhig und geordnet wie seine Gedanken.
Im Sommer 1910 schien es Dimitrij deutlich, daß seine Mutter
wahnsinnig wurde.
Nach seinem Unfall hatte es einige Monate lang so ausgesehen,
als habe sich Rosas Ängstlichkeit etwas gemildert. Es war, als habe
sie etwas Schlimmeres befürchtet und sei nun erleichtert, daß das
Schicksal endlich zugeschlagen hatte und alles vorüber war. Doch
dann, als Peter gerade anfing sein Buch zu schreiben, ging ein
Änderung vor sich. Warum bestand sie darauf, sein Buch selbst zu
tippen? Einige Male schlug er ihr vor, die Arbeit jemand anderem zu
überlassen, aber immer verharrte sie in starrer Entschlossenheit;
und da gab er nach.
Jeden Abend, nachdem das Essen beendet war, stellte sie ihre
Schreibmaschine in dem kleinen Eßzimmer auf und machte sich an die
Arbeit. Sie weigerte sich, währen des Tages zu schreiben, und
behauptete, sie habe keine Zeit. Wieder und wieder schrieb sie die
Texte ab, bis sie fand, daß alles fehlerlos sei. Manchmal saß sie
nur eine Stunde an der Arbeit, meist jedoch wurde es spätnachts,
und sie erschien am nächsten Morgen mit dunklen Ringen um die
Augen. Schlimmer noch als dieses zwanghafte Verhalten, das Rosa
auslaugte, war das Wiederaufleben ihrer früheren Ängstlichkeit, die
überraschend heftig zurückkehrte.
Sie nahm seltsame Formen an. Wenn es draußen nur ein bißchen
kühl war, mußte Peter seinen Mantel und eine Pelzmütze tragen; wenn
die Sonne warm schien, hatte sie Angst, er könnte sich einen
Sonnenstich zuziehen; wenn die Straße vereist war, wußte sie von
vornherein, daß er ausgerutscht war und sich verletzt hatte. Diese
ständige Besorgnis dehnte sich auch auf Dimitrij aus. Rosa wurde
erst wieder ruhiger, wenn ihr Mann und ihr Sohn abends sicher zu
Hause waren.
Dann begann sie ihnen zu folgen.
Anfänglich erfand sie absolut glaubhafte Ausreden – den Besuch
bei einer Freundin, Einkäufe –, um Peter zur Universität oder
Dimitrij zur Schule zu begleiten. Doch schon nach kurzer Zeit
gingen ihr die Ausflüchte aus, und es war offensichtlich, daß sie
die beiden lediglich unter schützender Aufsicht haben wollte. Peter
entschloß sich, ihr ihren Willen zu lassen, doch Dimitrij ertrug es
nicht und bat sie, ihn in Frieden zu lassen. Unangenehmer noch war
ihr Argwohn, völlig unbegründet zwar, aber sie litt darunter. Es
kam ihr, zum Beispiel, plötzlich in den Sinn, daß ein befreundeter
Nachbar ein Polizeispitzel sei, der die ganze Familie beobachtete.
Sie warnte Dimitrij nachdrücklich vor einer geheimen Verschwörung,
die mit der Schwarzen Hundertschaft zu tun hatte und alle Juden und
Sozialisten beseitigen wollte.
Eines Abends, als Rosa und Dimitrij allein waren, bat sie ihn,
sich an den Küchentisch zu setzen. Dann sagte sie eindringlich:
»Ich möchte, daß du mir etwas versprichst, Dimitrij. Wirst du das
tun?«
»Wenn ich kann«, antwortete er.
»Versprich mir, daß du Musiker wirst, daß du niemals ein
Revolutionär wie dein Vater wirst, sondern immer bei der Musik
bleibst.« Dimitrij zuckte die Achseln. Da es seine ganze Hoffnung
war, sein Leben der Musik widmen zu können, kam ihm das Versprechen
nicht zu schwierig vor. »Dein Wort?«
»Ja. Aber warum?«
Sie blickte ihn betrübt an. »Nur jüdische Musiker werden in
Sicherheit sein«, erklärte sie ihm. »Nur Musiker.« Auf dieses
offensichtliche Zeichen von Wahnsinn wußte er nichts zu
erwidern.
Im Frühjahr des Jahres 1910 versuchte Peter Rosa zu einem
Arztbesuch zu überreden, doch sie wollte nichts davon wissen. Er
besprach die Angelegenheit mit seinem Bruder Vladimir, der zweimal
zu ihnen in die Wohnung kam und ihr vorschlug, sie solle nach
Russka gehen, um dort Frieden und Ruhe zu finden. Auch dies lehnte
sie ab.
»Ich fahre im Mai nach Deutschland«, berichtete Vladimir. »Ich
glaube, es gibt dort einen Arzt, der ihr helfen könnte.« Doch Rosa
wollte sich nicht einmal Gedanken darüber machen. Anfang Mai wurde
Dimitrij Zeuge einer seltsamen Unterhaltung. Er und Karpenko
verbrachten den Abend mit Nadeschda. Wie immer verging die Zeit
angenehm, und nach einer langen Diskussion über Musik schlug
Dimitrij vor, den beiden Tschaikovskijs »Jahreszeiten«
vorzuspielen, stellte jedoch fest, daß die Partitur nicht im Hause
war. Er machte sich also auf, sie von zu Hause zu holen. Er wußte,
daß seine Mutter an diesem Abend allein war. Peter befand sich auf
einer Versammlung in der Nähe. Deshalb war er überrascht, als er
beim Öffnen der Haustür Stimmen aus dem kleinen Salon neben der
Diele hörte. Sie gehörten seiner Mutter und Vladimir. Die Stimme
seiner Mutter war nur ein leises Murmeln, während Vladimirs sonore
Stimme gut zu vernehmen war. »So kann es nicht weitergehen. Komm
doch um Himmels willen mit mir nach Deutschland!«
Dann die schwerverständlichen Worte seiner Mutter. »Ich sage
dir ehrlich, der Junge ist zur Zeit hier besser aufgehoben. Es gibt
keine besseren Musikpädagogen in der Welt als in Rußland.« Seine
Mutter sagte noch etwas von einem Brief. Nun wieder die Stimme des
Onkels. »Ja, ja. Ich gebe dir mein Wort. Wenn irgend etwas
geschieht, bringe ich ihn heraus. Ja, Dimitrij soll nach Amerika
gehen, wenn du das willst.« Danach trat eine lange Stille ein, und
Dimitrij glaubte, seine Mutter schluchzen zu hören. Er ging lautlos
hinaus, zurück zu seinen Freunden, denen er sagte, er habe die
Noten nicht finden können.
Es gab keinen Zweifel – Frau Suvorin konnte einen der größten
Erfolge ihrer bisherigen gesellschaftlichen Karriere verbuchen. Es
war ein persönlicher Triumph: Mitte Juni 1910 hatte sie den Mönch
Rasputin zu Gast. Er hatte sich zum Nachmittagstee angesagt, und so
hatte Frau Suvorin nur eine relativ intime Gesellschaft vorgesehen:
Familienmitglieder, ein paar wichtige Freunde und jene Damen, an
denen sie sich rächen wollte: Im Lauf der Jahre hatten sie ihre
Eitelkeit verletzt, und nun mußten sie wohl oder übel von diesem
Besucher beeindruckt sein, der auf bestem Fuße mit der kaiserlichen
Familie stand.
Vladimir war noch im Ausland, doch Frau Suvorin lud Peter und
Rosa ein, natürlich in Begleitung von Dimitrij und Karpenko. Und so
fanden sich die beiden jungen Leute in der Gesellschaft von etwa
vierzig Personen, die ungeduldig die Ankunft des seltsamen Mannes
erwarteten.
Fünf Jahre zuvor war Rasputin am Zarenhof erschienen. Die
Leute bezeichneten ihn als einen heiligen Mann, obwohl er niemals
Mönch war, wie manche irrtümlich glaubten. Tatsächlich hatte er
Frau und Kinder im fernen Ural, auch wenn er sie selten aufsuchte.
Obwohl in der Hauptstadt Stimmen gegen seinen sündhaften
Lebenswandel laut wurden, schrieben ihm viele Menschen
übernatürliche Kräfte zu. Es hieß, er habe das zweite Gesicht.
Außerdem wußte jeder, daß er in der Kaiserin eine ergebene
Bewunderin hatte. Was sie eigentlich in ihm sah, wußte niemand so
recht. Der kaiserliche Haushalt war eine Welt für sich, völlig
abgetrennt vom Rest der Gesellschaft, und zwar durch eine Phalanx
von adligen Höflingen aus alten Soldatenfamilien, die es für ihre
Pflicht hielten, die Monarchie so weit wie möglich von dem
barbarischen russischen Volk fernzuhalten. Der Zar, seine deutsche
Gemahlin, seine Töchter und der kleine Zarevitsch, der Thronerbe,
wurden selbst vor prominenten Untertanen so versteckt wie die
Familie eines orientalischen Herrschers.
Daß der Thronerbe die entsetzliche, lebensbedrohende
Bluterkrankheit hatte und daß dieser außergewöhnliche hypnotische
Bauer aus Sibirien ihn anscheinend zu heilen vermochte, ahnte nicht
einmal Frau Suvorin. Der Mann, Vertrauter der kaiserlichen Familie,
der das schlimmste medizinische Geheimnis im russischen Reich
kannte, war nicht unbedingt eine beeindruckende Gestalt; von
mittlerer Größe, eher schmächtig, schmalbrüstig, mit abfallenden
Schultern. Sein langes dunkles Haar war in der Mitte gescheitelt;
der dichte Bart reichte kaum bis zur Brust. Die stumpfe Nase bog
sich stark nach links. Er trug ein einfaches Gewand aus schwarzer
Seide, das ihm bis über die Knie reichte. Er hätte ein
unbedeutender Priester aus einem der unzähligen Dörfer sein können.
Obwohl die Kleidung sauber und der Bart gekämmt war, nahm man einen
scharfen Geruch an ihm wahr, der darauf schließen ließ, daß er sich
seltener wusch als andere Menschen.
Er verneigte sich höflich vor den Anwesenden und folgte der
Aufforderung von Frau Suvorin, auf einem Sofa Platz zu nehmen, wo
sie ihm Tee anbot.
Die Gesellschaft ließ sich gut an. Frau Suvorin,
zurückhaltender als sonst, führte eine höfliche Konversation mit
dem Ehrengast. Die kaiserliche Familie wurde erwähnt, und fromme
Wünsche für sie wurden geäußert. Verschiedene Gäste wurden Rasputin
vorgestellt, und für jeden schien er freundliche, bescheidene Worte
zu haben. Als ihm Nadeschda vorgestellt wurde, meinte er ihrer
Mutter gegenüber, das Mädchen habe ein wunderbares Naturell. Zu
Peter Suvorin sagte er respektvoll: »Sie studieren die Wunder des
göttlichen Universums.«
»Merkst du etwas Besonderes an ihm?« fragte Dimitrij seinen
Freund Karpenko und sah enttäuscht aus. Doch als Frau Suvorin ihn
wenige Minuten später herbeiwinkte, entdeckte er, Auge in Auge mit
Rasputin, das hervorstechendste Merkmal dieses merkwürdigen
Menschen. Zuerst hatte Dimitrij diese Augen für listig gehalten;
die Blicke schossen unter der breiten Bauernstirn neugierig,
aufmerksam, vielleicht sogar verschlagen hierhin und dorthin. Nun
aber, als sie fest auf ihn gerichtet waren, empfand Dimitrij ihre
starke Wirkung. Sie brannten – es gab keinen anderen Ausdruck
dafür. Alles übrige an dem Mann war vergessen, sobald man die
erstaunliche, durchdringende Kraft seiner Augen spürte. Erst als
Dimitrij ganz nahe kam, schien sich der hypnotische Blick zu
mildern.
»Ein Musiker. Ach ja.« Mehr sagte Rasputin nicht zu ihm.
Anscheinend war er nicht besonders an Dimitrij interessiert, obwohl
der junge Mann ein seltsam prickelndes Gefühl im Rücken spürte, als
er auf seinen Platz zurückging.
Der übrige Nachmittag verlief sehr ruhig, und er wäre in
Dimitrijs Erinnerung wohl nichts anderes geblieben als ein
belangloses gesellschaftliches Ereignis, wären nicht kurz vor
Rasputins Weggang zwei kleine Zwischenfälle geschehen.
Rosa war gleich nach Peter vorgestellt worden, doch Rasputin
schien sie gar nicht zu bemerken. Er blickte nicht einmal in ihre
Richtung, als er sich plötzlich wie unter einem Zwang erhob, rasch
auf sie zuging und mit einer Hand ihren Unterarm ergriff; so stand
er fast eine Minute lang, schweigend, wie ein Arzt, der den Puls
fühlt. Dann ging er wortlos an seinen Platz zurück, wo er das
Gespräch mit Frau Suvorin wiederaufnahm, als wäre nichts
geschehen.
Der zweite, noch merkwürdigere Zwischenfall ereignete sich,
als Rasputin sich verabschiedete. Karpenko hatte Rasputin eine
Weile beobachtet und sich dann entschlossen, ihn nicht näher
kennenlernen zu wollen. Als es soweit war, daß Frau Suvorin ihn
gerade auffordern wollte, schlich er sich in eine entfernte Ecke
des Raumes. Rasputin war schon halbwegs an der Tür, als er
plötzlich stehenblieb, sich rasch umwandte und direkt auf Karpenko
zuging. Er blieb einige Meter vor dem jungen Mann stehen. Die
hypnotischen Augen starrten ihn derart an, daß Karpenko gleichsam
in sich zusammensank. Das Ganze dauerte einige Augenblicke. Dann
lächelte Rasputin. »Nun ja«, meinte er freundlich, »solche wie Sie
habe ich schon in Sibirien und in St. Petersburg getroffen.« Dann
wandte er sich an Frau Suvorin: »Was für einen klugen jungen
Kosaken haben Sie in Ihrem Haus!«
Was, in aller Welt, meinte er damit? Frau Suvorin schien es zu
verstehen; sie begleitete Rasputin zur Tür. Die Wirkung auf
Karpenko war allerdings verheerend. Als Rasputin gegangen und
Dimitrij zu ihm getreten war, war Karpenko totenblaß und zitterte.
Dimitrij legte den Arm um ihn. Karpenko konnte nur flüstern: »Er
hat durch mich hindurchgesehen. Er sieht alles. Er ist der Teufel
selbst.« Dimitrij blickte den Freund verständnislos an, und
Karpenko murmelte mit einem betretenen Blick auf Frau Suvorin: »Du
begreifst nichts. Du begreifst gar nichts.«
Die feuchtkühle Luft roch leicht nach Rauch,
als Rosa die Straße entlangging. Eine Stunde zuvor war es dunkel
geworden. Hier und da glühten Lampen auf. An der Ecke blieb sie
stehen und blickte zurück. Das Schlafzimmer, das sie mit Peter
teilte, ging als einziges Zimmer der Wohnung auf die Straße hinaus,
und aus irgendeinem Grund – sie wußte selbst nicht, warum – hatte
sie eine brennende Kerze aufs Fensterbrett gestellt. Sie konnte sie
gut sehen, ein kleines tropfendes Licht im dunklen Umriß des
Gebäudes, ein seltsamer kleiner Wächter. Eine Botschaft vielleicht
der Liebe und der Hoffnung. Sie hatte nichts als eine Nachricht
hinterlassen, daß sie Spazierengehen wolle.
Niemand würde es erfahren; das war tatsächlich das Geschenk
ihrer Liebe an sie, daß sie es nie erfahren sollten. Nur Vladimir
würde es wissen, und der war gerade mit seinem Sohn in Paris und
würde erst in einem Monat zurückkommen. Sie hatte ihm nicht
geschrieben, aber er würde ihr Geheimnis bewahren. Wann hatte alles
begonnen? Vielleicht wirklich schon ganz am Anfang: Sie hatte Peter
Suvorin geheiratet, als sie noch Depressionen hatte. Das war ihre
Schuld. Doch sie hatte ihn leidenschaftlich geliebt. Nein, dachte
sie, der wirkliche Anfang lag im Jahr 1900, als Dimitrij fünf Jahre
alt war und der Brief aus Amerika eintraf. Seit ihrer Heirat hatte
Rosa wenig Kontakt mit ihrer Familie in Wilna gehabt. Vier Jahre
danach verstarb ihre Mutter unerwartet, und der ältere Bruder
wanderte mit seiner Familie nach Amerika aus. 1899 folgte ihr
zweiter Bruder. Ihr Weggehen hatte Rosa nicht überrascht – viele
Juden wanderten damals und in den folgenden Jahren aus. Im Jahre
1914 hatten etwa zwei Millionen Juden Rußland in Richtung
Vereinigte Staaten verlassen, und die zaristische Regierung war
froh darüber.
Darum kam der Brief ihres zweiten Bruders, der normalerweise
ungern schrieb und von dem sie das letztemal einige Monate vor
seiner Auswanderung gehört hatte. Nun aber gab er einen genauen
Bericht von der Überfahrt und von den Neuigkeiten der Familie. Der
Brief schloß mit einem langen Absatz:
Wir kamen nach Ellis Island. Einen
Augenblick lang erschrak ich. Als ich das große, mit Platten
verkleidete Gebäude und die Reihen der anderen Einwanderer sah, die
zur Überprüfung in der riesigen Halle warteten, dachte ich: Mein
Gott, das ist ja wie in Rußland, nur noch schlimmer. Es ist ein
Gefängnis! Aber es war bald überstanden, und wir waren draußen. Und
dann… Deshalb schreibe ich Dir, liebe Rosa. Dann waren wir frei. Es
ist schwer zu beschreiben. Zu wissen, daß man frei ist! Keine
Gendarmen, keine Polizeispitzel. Man kann gehen, wohin man will.
Jeder darf wählen. Und ein Jude hat genauso viele Rechte wie jeder
andere.
Deshalb schreibe ich Dir jetzt, liebe
Rosa. Ich muß einfach an Dich denken. Natürlich bist du konvertiert
und lebst in Moskau. Aber bist zu sicher, daß dir deshalb nichts
zustoßen kann? Und der kleine Dimitrij: Nach jüdischer Ansicht ist
der Sohn einer Jüdin ein Jude. Ich will damit ja nur sagen, daß Ihr
um Gottes willen nach Amerika kommen sollt, wenn die Sache in
Rußland schiefgeht. Komm hierher zu uns, ich bitte Dich, wo Deine
ganze Familie in Sicherheit sein wird.
Der Brief hatte in Rosa einen bleibenden
Eindruck hinterlassen. Wenn sie auch in den vergangenen Jahren, mit
ihrem neuen Leben und dem Kind, selten an die Vergangenheit gedacht
hatte, brachte der Brief mit seltsamer Intensität alles zurück. Sie
dachte an ihren Vater und all das, was er für sie zu tun versucht
hatte. Sie dachte ans Klavierspielen, das sie seit ihrer Heirat
völlig aufgegeben hatte. Traurig dachte sie an den Kummer, den sie
ihrer Mutter verursacht hatte. Sie stellte sich ihre Brüder vor:
Wie gern würde sie sie wiedersehen!
Der Brief war außerdem Anlaß zur Beunruhigung. Obwohl ihr
Bruder nur die Juden als gefährdet erwähnte, entging ihr doch nicht
die versteckte Anspielung auf Polizeispitzel und Regimegegner. Auch
Peter mit seiner sozialistischen Betätigung konnte sich in Gefahr
befinden. Sie hatte vier Wochen lang über den Brief nachgegrübelt,
ehe sie ihn eines Morgens Peter zeigte und fragte, was er darüber
denke.
»Schreckliche Idee, Rußland zu verlassen.« Und als sie meinte,
es sei vielleicht besser für die Familie, nach Amerika zu gehen,
sah er sie nur völlig verständnislos an und empfahl ihr, sich
hinzulegen. Rosa hatte festgestellt, daß Peter neben seiner
Sanftheit und Güte auch eine seltsame Halsstarrigkeit besaß, die
ihn blind machte gegen alles, was nicht in seine Idee vom Universum
paßte. Sie würden niemals nach Amerika gehen.
Wie sehr hatte sie das bedauert! Damals hatte sie es nicht
geglaubt. Sie liebte Peter; er war so gut und einfach, und obwohl
er anfangs fast eine Vaterfigur für sie gewesen war, wurde es ihr
im Laufe der Jahre immer deutlicher, wie sehr er von ihr abhing,
und das tat er in rührender Offenheit.
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich ohne dich hätte
leben können«, sagte er manchmal. Und einmal hatte er ihr
gestanden: »Als du damals von Amerika gesprochen hast – das war der
schlimmste Tag in meinem Leben. Einen Augenblick dachte ich, du
hättest mir erklärt, du wollest dich von allem abwenden, was ich
liebe, weißt du. Gott sei Dank ist dieser Wahnsinn vorüber.«
Er brauchte sie. Er betete sie an. Wie konnte sie ihm also
sagen, was mit ihr geschah?
Im Jahre 1905 hatten die schrecklichen Träume begonnen. Sie
kamen plötzlich und ohne Vorwarnung. Das Thema war immer das
gleiche: der Pogrom. Nacht für Nacht kamen die Träume, und sie
wachte entsetzt, in kalten Schweiß gebadet, auf. Sie waren so
grauenhaft, daß sie sich manchmal fürchtete, zu Bett zu gehen.
Während des Wachseins begann sich jetzt eine neue schreckliche
Vorahnung in ihren Gedanken zu formen, die schmerzliche
Überzeugung, daß Peter und Dimitrij etwas zustoßen würde. Einige
Monate nachdem die Träume begonnen hatten, stellte sich ein
Weiteres Problem ein, das auch nicht weichen wollte: Sie konnte die
Berührungen ihres Mannes nicht mehr ertragen. Nun, fünf Jahre
danach, war sie wenigstens auf eines stolz: Peter hatte nie etwas
davon bemerkt. Sie liebte ihn. Sie wußte, daß er das nie begreifen
würde. Manchmal hatte sie zwar mit ihm geschlafen und dabei unter
größter Willensanstrengung ihre Abneigung verheimlichen können.
Später hatte sie sich dann immer neue Ausflüchte einfallen lassen,
um die nächtlichen Zärtlichkeiten zu umgehen, dafür aber hatte sie
ihn tagsüber mit ihrer Zuneigung überhäuft.
In dieser Gemütsverfassung befand sich Rosa, als Dimitrij
angegriffen wurde und man entdeckte, daß er Jude war. Nur Vladimir
hatte ihr Geheimnis geahnt.
Hatte sie kurzzeitig in ihrer Jugend an Vladimir als an ihren
Liebhaber gedacht? Eine unmögliche Liebe, eine Liebe, die nicht
sein durfte. Doch auch eine platonische Liebe wie die ihre hatte
ihre Freuden und Schmerzen. Was hieß es denn für eine Frau, zu
wissen, daß nicht ihr Mann, sondern dessen Bruder sie wirklich
verstand? Sie genoß seine Gesellschaft; da war sie glücklich. Und
doch fürchtete sie ihn, denn er brachte sie dazu, wieder zu
spielen. Er zeigte ihr nur allzu deutlich, was sie vor sich zu
verbergen suchte – den quälenden Abgrund, der sie von ihrem Mann
trennte. Und so floh sie von Vladimir zurück in ihr
Gefängnis.
Vladimir hatte versprochen, Dimitrij nach Amerika zu bringen.
Das allein war jetzt wichtig für sie.
Sie ging an einem Zeitungsstand vorüber. Neben der Tür waren
auf einer kleinen Tafel die Schlagzeilen zu lesen. Der arme
Stolypin, der loyale Ministerpräsident, war kurz zuvor in Kiev
erschossen worden. Nun hatte sich herausgestellt, daß sein Mörder
ein Doppelagent war – ein Polizeispitzel, der diese Greueltat nur
begangen hatte, da die revolutionäre Gruppe, in die er sich
eingeschleust hatte, allmählich Verdacht gegen ihn schöpfte. »Nur
in unserem armen Rußland müssen wir mit solchem Wahnsinn leben«,
murmelte sie.
Sie befand sich nun in einer Straße mit Trambahnschienen.
Schon vor der Jahrhundertwende hatte es in Moskau Bahnen gegeben,
solide, zweistöckige Fahrzeuge, die von zwei Pferden gezogen
wurden. Sie gingen einen angenehm leichten Trab. Im letzten Jahr
aber waren sie durch elektrische Trambahnen ersetzt worden, die
einstöckig waren und sich viel rascher fortbewegten. Die Schienen
trafen sich an einer Straßenkreuzung; darauf ging Rosa zu. Peter
Suvorins Buch war natürlich die letzten achtzehn Monate ihre Stütze
gewesen. Wie viele Nächte hatte sie bis in die frühen Morgenstunden
aufopfernd für ihren Mann geschrieben, während er tief geschlafen
hatte! Das war die Art von Aufopferung, die sie von seinem Lager
fernhielt. Das Buch war letzte Woche fertig geworden und ging nun
in Druck. Es würde ihn wahrscheinlich berühmt machen, und sie war
damit ihres Schutzes beraubt worden. Es war nicht schwierig. Die
elektrische Straßenbahn fuhr rasch auf sie zu durch die Nacht,
gerade, als sie die Kreuzung erreichte. Rosa hatte die Handschuhe
ausgezogen, als wollte sie in ihrer Tasche nach etwas suchen; nun
zog sie sie gleichgültig wieder an. Die Trambahn kam näher.
Alle hatten es gesehen. Es gab keinen Zweifel an dem, was
geschehen war. Die Frau, die am Randstein stand, hatte in ihrer
Tasche gesucht, hatte aufgeblickt und war ausgeglitten. Sie stieß
einen kurzen Schrei aus, als sie mit dem einen Fuß auf dem feuchten
Stein vergeblich nach Halt suchte. Sie fiel unmittelbar vor die
Räder der Straßenbahn. Es gab keinen Zweifel daran, daß es sich bei
der unglückseligen Geschichte, auch wenn Rosa unter Stimmungen
gelitten hatte, um einen Unfall handelte.
Zwei Monate danach vollendete Dimitrij Suvorin die drei
»Etüden« zu ihrem Andenken in Anlehnung an Skrjabin; und man war
sich darüber einig, daß sie seine ersten ernsthaften und reifen
Kompositionen darstellten.
1913
Als das Jahr seinem Ende zuging, blickte
Alexander Bobrov mit einer gewissen Zuversicht in eine angenehme
Zukunft. Es waren zwar noch einige Hindernisse zu überwinden, doch
er hatte seine persönliche Kampagne sorgfältig vorbereitet. Das
Mädchen war jetzt fünfzehn Jahre alt und bereits eine blendend
aussehende junge Dame. Bald wäre seine Zeit gekommen.
Alexander war zweiundzwanzig. Er war überdurchschnittlich
groß, von kräftiger Statur und besaß das gute Aussehen seines
Großvaters, allerdings war Alexej glatt rasiert.
Er war sich seiner Attraktivität bewußt, war jedoch nicht
unbedingt eitel. Als letzter Repräsentant einer Adelsfamilie und,
trotz der liberalen Einstellung seines Vaters, als Repräsentant
einer Ordnung, die dazu diente, den Zaren zu schützen und zu
erhalten, sah er es vielmehr als seine Pflicht an, gut auszusehen.
Neben sorgfältiger Kleidung war ihm eine militärisch straffe
Haltung wichtig. Außerdem ließ er sich, soweit er sich das leisten
konnte, an den passenden Orten blicken. Für seine Lebensstellung
brauchte er nur zwei Dinge anzustreben: einmal eine Anstellung bei
Hofe, zum zweiten die Heirat mit der Erbin Nadeschda Suvorin.
Wenn er an Rußlands Zukunft dachte, hatte Alexander ebenfalls
Grund zur Hoffnung. Die dritte Duma hatte ihre ganze
Fünf-Jahres-Periode bis zum vergangenen Jahr überstanden, und nun
tagte eine neue, die vierte Duma.
Dem Zaren war es gelungen, das konservative Element leicht zu
stärken, obwohl sich die Radikalen auf Kosten des Zentrums
ebenfalls gesteigert hatten. Im ganzen gesehen, war der neue
Staatskörper nicht schlechter als der vergangene. Alexejs
unermüdlicher Vater hatte sich wieder wählen lassen. Und, das mußte
gesagt werden, die Verhältnisse auf dem Lande waren insgesamt
erfreulich.
»Stolypin ist nicht mehr, und an seiner Stelle sitzen Nullen«,
erläuterte Nikolaj Bobrov seinem Sohn. »Doch sein Werk lebt fort.
Sieh dir die Resultate an.« Dann zählte er sie begeistert an seinen
Fingern ab. »Der Handel vervielfacht, ebenso die
landwirtschaftlichen Erträge, außerdem haben wir 1911
dreizehneinhalb Millionen Tonnen Getreide exportiert. Die
Staatsschulden sind gering. In drei von vier Jahren haben wir
Etatüberschüsse erzielt. Auf dem Lande herrscht Ruhe.« Er lächelte
zufrieden. Von Revolution war kaum etwas zu hören in jenen Jahren.
»Mit ein bißchen Glück haben wir sie vielleicht abgewendet«,
beliebte der ältere Bobrov zu sagen. Tatsächlich gab es nur Wolken
am ausländischen Horizont, doch weder die beiden Bobrovs noch einer
ihrer Bekannten waren sonderlich beunruhigt. »Die Diplomaten werden
die Schwierigkeiten aus der Welt schaffen«, meinte Nikolaj zu
seinem Sohn, »dafür haben wir die Allianzen.«
Das weitgespannte Netz der Allianzen sprach eigentlich
zugunsten Rußlands. Die Notwendigkeit einer kräftigen Anleihe beim
Geldgeber Frankreich und eine bessere Verständigung mit England
hatte Rußland mit diesen beiden Nationen zum sogenannten
Dreierbündnis zusammengefügt. Deutschland, Österreich und Italien
bildeten auf der anderen Seite die Dreierallianz. »Sie halten sich
gegenseitig die Waage«, erläuterte Nikolaj des öfteren.
Nur aus der gebirgigen Balkanregion nördlich von Griechenland
kamen Anzeichen wirklicher Gefahr. Hier war durch den endgültigen
Zerfall des nahezu erloschenen osmanischen Reiches Österreich im
Vormarsch. 1908 hatte es die beiden überwiegend von slawischen
Serben bewohnten Regionen Bosnien und Herzegovina genommen. Die
übrigen Serben fühlten sich bedroht; Rußland, auf seiten seiner
Slavenbrüder – außerdem hatte es ein Auge auf diese Region in der
Nähe Konstantinopels und des Schwarzen Meeres –, überwachte jede
Entwicklung sorgfältig. »Das wird alles geregelt«, sagte Nikolaj
voraus. »Niemand hat Interesse, einen Krieg anzufangen.« Nur wenige
europäische Staatsmänner hätten ihm hierin widersprochen.
Tatsächlich hatte in den vergangenen fünf Jahren nur ein eher
privates Problem Alexanders heitere Welt überschattet und ihm
Kopfzerbrechen verursacht: Jevgenij Popov. Was sollte mit ihm
geschehen? Alexander war sich durchaus im klaren darüber, daß Frau
Suvorins Affären ihn nichts angingen; sein Haß auf Popov war jedoch
so groß, seine Achtung vor Vladimir so gewaltig, daß Popovs Liaison
ihn in Gedanken quälte. Seit jener nebligen Nacht, als er den
Bolscheviken in Suvorins Haus schleichen sah, fühlte er sich
persönlich verletzt.
Er hatte es sich angewöhnt, spätabends durch jene Gegend zu
laufen; zweimal noch im selben Monat hatte er Popov zum
Stelldichein erscheinen sehen. Es bestand kein Zweifel: Die Familie
seiner zukünftigen Gattin und die Person seiner zukünftigen
Schwiegermutter wurden von dem rothaarigen Sozialisten entehrt. Es
war furchtbar.
Aber was sollte er machen? Vladimir war sein Freund. Wenn
dieser große Mann hintergangen wurde, war es auf alle Fälle seine
Pflicht, ihm ein Zeichen zu geben, überlegte Alexander. Es war auch
nicht die Entehrung; man konnte nie wissen, welche Ungelegenheiten
ein Mann wie Popov einer geachteten Familie verursachen konnte.
Alexander wollte auch Nadeschda schützen.
Aber wie sollte er vorgehen? Es dem alten Mann direkt zu sagen
war unangenehm. Wenn Frau Suvorin außerdem herausfand, was er getan
hatte, würde er sich ihren immerwährenden Haß zuziehen – keine sehr
verlockende Situation im Hinblick auf sein Ziel, künftig ihr
Schwiegersohn zu sein.
Endlich fand er die Lösung: Er schickte Vladimir einen
anonymen Brief, und zwar aus Zeitungsausschnitten zusammengesetzt
und primitiv abgefaßt. Er war stolz auf diese Aktion. Dabei nannte
er Popovs Namen nicht, sondern verwies nur auf »einen gewissen
rothaarigen Revolutionär«. Danach spazierte er, sooft er konnte,
spätabends an Suvorins Haus vorbei, und da er längere Zeit nichts
von Popov zu sehen bekam, nahm er an, der Brief habe seine Wirkung
getan. Doch einige Monate später sah er seinen Feind wieder dort
herumlungern.
Alexander kam ziemlich oft in Suvorins Haus, und teils als
Ausrede für die Besuche bei Vladimir, teils um etwas mit Nadeschda
gemeinsam zu haben, entwickelte er während dieser Jahre ein fast
professionelles Interesse an Malerei.
Sein Universitätsstudium belastete ihn nicht sonderlich. In
seiner freien Zeit arbeitete er fleißig. Er studierte von Grund auf
die Hauptströmungen der westlichen Malerei, ebenso beschäftigte er
sich intensiv mit der alten Kunst der Ikonenmalerei. Wie es seine
Art war, ging er dabei methodisch und ernsthaft vor. Mit der Zeit
entwickelte er auch ein wirkliches Gefühl für die Thematik.
Ehrgeizig wagte er sich in die zeitgenössische Malerei vor.
Vladimirs Sohn, der mehr Zeit in Europa als in Rußland verbrachte,
hatte kürzlich erstaunliche Werke von Chagall und Matisse
geschickt, außerdem von einer seltsamen neuen Figur in der Szene,
die anscheinend am Anfang einer neuen Ära der Malerei stand: Pablo
Picasso. Alexander befaßte sich so gründlich mit jedem neuen Thema,
als handle es sich dabei um die Lösung eines Rätsels, bis er an
Kenntnissen allen anderen überlegen war. Alexander stellte fest,
daß Nadeschda ihn aufgrund seines Wissens mit Respekt behandelte,
was ihm höchst angenehm war. Sie ließ sogar mit Freuden den stolzen
Dimitrij und Karpenko mit ihren Improvisationen am Klavier sitzen
und begleitete ihn für ein paar ruhige Minuten durch die Galerien
ihres Vaters, während er ihr von irgendeiner interessanten
Entdeckung berichtete. »Du weißt eine Menge«, sagte sie dann und
sah ihn mit ihren großen, ernsten Augen an.
Sie war jetzt in der Pubertät und bekam eine reizende Figur,
wie er erfreut feststellte. Bald würde sie eine junge Frau sein.
Alexander ging deshalb mit ihrer Beziehung sehr vorsichtig um,
hielt eine freundliche Distanz ein, wartete, daß sie auf ihn
zukäme. Im Augenblick gab es nur ein Problem, von dem Alexander
hoffte, es werde sich in nicht allzu ferner Zeit von selbst lösen:
Nadeschda war in Karpenko verliebt.
Für Dimitrij Suvorin war das Jahr 1913 nicht nur eine
vielversprechende, sondern auch eine wildbewegte Zeit. Nie zuvor
hatte die russische Kultur sich zu derart schwindelnden Höhen
erhoben. Es war, als hätten sich alle außergewöhnlichen
Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts plötzlich zusammengetan
und sich über die Welt ergossen.
Europa war der russischen Musik bereits verfallen, der Oper
und dem herrlichen Baß des legendären Schaljapin. Nun hatte
Diaghilevs »Ballet Russe« London, Paris und Monte Carlo im Sturm
genommen. Zwei Jahre zuvor hatte der unvergleichliche Nijinski
Strawinskys »Petruschka« getanzt; letztes Jahr das hinreißende,
heidnisch-erotische Ballett »L'après-midi d'un faune«. Im Mai 1913
übernahm er in Paris die Choreographie jenes Ereignisses, das die
Musikgeschichte verändern sollte: Strawinskys »Le sacre du
printemps«. Vladimir Suvorin hatte das Glück, sich zu dieser Zeit
gerade in Paris aufzuhalten. Er brachte Dimitrij eine Abschrift der
Partitur mit, und der junge Mann vertiefte sich tagelang darin,
fasziniert von der gigantischen, urwüchsigen Kraft, den nie zuvor
gehörten Dissonanzen und den erregenden Rhythmen.
»Rußland steht nicht länger hinter Europa zurück«, erklärte
Karpenko bei dieser Gelegenheit. »Wir liegen jetzt vorn.« Nur
wenige hätten leugnen wollen, daß Rußland in diesem erregenden
künstlerischen Gärungsprozeß die führende Rolle spielte. Seit Rosas
Tod hatten sie die Wohnung umgeräumt, und so hatten Peter, Dimitrij
und Karpenko jeder sein eigenes Zimmer; dieses gemeinsame
Junggesellenquartier sagte allen sehr zu. Durch Vladimirs
Großzügigkeit hatte Karpenko genügend Geld, um sein Studium
fortzusetzen und sich ein kleines Atelier nebenbei zu mieten.
Die Avantgarde, die in Rußland erstaunlicherweise von Männern
und Frauen angeführt wurde, schäumte über von Ideen, und
Karpenko hielt Dimitrij und seinen Vater immer über die neuesten
Wunder auf dem laufenden: Ein umstürzlerisches abstraktes Ölgemälde
von Kandinsky; ein brillantes Bühnenbild von Benois oder Chagall.
Und ständig ein neuer -ismus – im Jahre 1913 war vor allem die Rede
vom Futurismus. Zweifellos eine bemerkenswerte Strömung. Unter der
Führung brillanter junger Leute wie Malevitsch, Tatlin und
Majakovskij verbanden die russischen Futuristen mit Vorliebe
Malerei und Lyrik; sie veröffentlichten Bücher und Broschüren mit
Illustrationen, deren kühne Wirkung nie wieder erreicht wurde. »Der
Kubismus Picassos war eine Revolution«, erklärte Karpenko, »doch
der Futurismus geht viel weiter.« In der Malerei übernahmen die
Futuristen die gebrochenen geometrischen Formen des Kubismus und
übersetzten sie in berstende Vorwärtsbewegung. In der Lyrik wurde
die Sprache bis zum einfachen Klang hin zerlegt; durch Abweichungen
von der Grammatik entstand etwas Neues, Verblüffendes.
Mit seinen zwanzig Jahren hatte Karpenko sich zu einem
auffallend gut aussehenden jungen Mann entwickelt. Er trug keinen
Bart, und seine schmale, dunkle Gestalt war so auffallend, daß
Dimitrij oft amüsiert feststellte, wie achtbare Damen auf der
Straße sich vergaßen und hinter ihm herstarrten. Dimitrij sah ihn
in Begleitung kunstbeflissener junger Damen, die offensichtlich
sehr von ihm eingenommen waren. Karpenko zog es allerdings vor,
Details über sein Liebesleben für sich zu behalten.
Obwohl er so attraktiv war, war er nicht oberflächlich.
Mitunter hatte er sich während der vergangenen Jahre kurzzeitig in
nachdenkliches Schweigen gehüllt; das waren wohl, so dachte
Dimitrij, Perioden schöpferischer Konzentration gewesen. Er hatte
nur eines an seinem Freund zu bemängeln; manchmal fand er Karpenkos
witzige Bemerkungen ein wenig roh.
Wenn ihr Leben nun auch in verschiedenen Bahnen verlief,
gingen die beiden jungen Männer doch häufig miteinander aus.
Manchmal besuchten sie Vladimir Suvorin. Das Jugendstilhaus des
Industriellen war inzwischen fertiggestellt und glich einem
Kunstwerk. Vor allem die große Halle war atemberaubend mit dem
Fußboden aus farbigem Marmor und Granit in Spiralmuster, mit
fliederfarbenen Wänden, bunten Glasfenstern und einer Treppe aus
cremefarbenem Marmor, das Geländer in großzügig schwingenden Formen
geschnitzt. Vladimir hatte eine Bibliothek zeitgenössischer
Literatur zusammengetragen, in der er viel freie Zeit verbrachte.
Karpenko, der ihn beim Sammeln futuristischer Publikationen
unterstützte, kam selten ohne ein neues Werk, das immer sehr
willkommen war. Und natürlich kam er auch, um Nadeschda zu sehen.
Es waren stets anregende Besuche. Manchmal brachten sie Freunde
mit, und es ergaben sich häufig hitzige Diskussionen, an denen
Nadeschda, obwohl sie erst fünfzehn Jahre alt war, aktiv teilnahm.
Die Themen waren in jenen bewegten Tagen eher künstlerischer als
politischer Natur. Meinungen prallten aufeinander; Nadeschda hörte
zu und blickte mit leuchtenden Augen auf Karpenko. Manchmal tauchte
auch Alexander Bobrov bei solchen Gelegenheiten auf, und dann
fragte Karpenko, wenn die Gesellschaft gerade über den Dichter
Ivanov hergefallen war, ganz beiläufig: »Was hältst du von Ivanov,
Alexander Nikolajevitsch?« Und wenn Alexander dann, wie er es immer
tat, eine unverbindliche Antwort gab, wie etwa: »Nicht schlecht«,
sahen sich die übrigen Anwesenden vielsagend an oder brachen in
Hohngelächter aus. »Armer Alexander Nikolajevetisch«, sagte
Karpenko dann hinter seinem Rücken. »Er weiß alles und begreift
nichts.« Und ins Gesicht sagte er ihm: »Du lernst und lernst,
Alexander, aber du liegst immer hinter der neuesten Kunstströmung
zurück.« Warum haßte Karpenko den Bobrov so sehr? »Er ist der
Prototyp der sturen Russen«, behauptete der Ukrainer. Eines Tages
jedoch gestand er, daß er Alexanders Interesse an Nadeschda nicht
ertrage. Aber was wollte er selbst denn von dem Mädchen? Es wurde
immer offenkundiger, daß sie in ihn verliebt war. Und er tat
nichts, um ihrer Zuneigung entgegenzukommen. »Dir liegt also
wirklich an ihr?« fragte Dimitrij eines Tages auf dem Nachhauseweg.
»Ich fühle mich als ihr Beschützer«, antwortete Karpenko
geradeheraus. »Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie sich
an einen Dummkopf wie Bobrov verschwenden soll.«
»Aber was ist denn mit dir?«
Karpenko lachte kurz auf. »Sei nicht albern! Ich bin ein armer
Ukrainer.«
»Onkel Vladimir hat dich gern.«
»Seine Frau aber nicht.«
Dimitrij hatte gelegentlich bemerkt, daß Frau Suvorin, wenn
sie auch nie darüber sprach, Karpenkos charmanter Art, die ältere
Damen gewöhnlich entzückte, mit einer gewissen Arroganz begegnete.
»Du hast also nichts dagegen, daß sie dich liebt, nur damit die
Sache für Bobrov schlecht ausgeht, nicht wahr?« fragte er. Zu
seiner Überraschung stöhnte Karpenko plötzlich leise auf. »Ach, du
begreifst einfach gar nichts. Sie ist anders als alle Mädchen der
Welt.«
»Du liebst sie also?«
»Ja, verdammt, ich liebe sie.«
»Dann gibt es ja noch Hoffnung«, meinte Dimitrij fröhlich.
Doch Karpenko schüttelte den Kopf so mutlos, wie Dimitrij ihn noch
nie gesehen hatte. »Nein, es gibt keine Hoffnung für mich«,
erklärte er.
An einem Dezemberabend des Jahres 1913 kam die Krise, die seit
langem zwischen Nadeschda Suvorin und ihrer Mutter schwelte,
endlich zum Ausbruch. Der Funke, der die Flamme entfachte, war die
Tatsache, daß Frau Suvorin ihre Tochter vor Karpenko warnte. Was
denn nicht in Ordnung mit ihm sei, wollte Nadeschda wissen. War er
zu arm? Hatte ihre Mutter gesellschaftliche Ambitionen? Frau
Suvorin wies diesen Verdacht weit von sich. »Offen gesagt – es ist
sein Charakter. Um ehrlich zu sein, ich glaube, er spielt mit dir.
Verliere dein Herz nicht an ihn!« Mehr wollte sie nicht
sagen.
Nadeschda war entschlossen, ihre Mutter zu hassen. Sie war in
Karpenko verliebt. Sie hatte ihn schon als Kind bewundert, aber
nun, in der Glut des Heranreifens, durchlitt sie all die Sehnsüchte
der ersten Liebe. Sie hätte ihrer Mutter vielleicht die scharfe
Kritik verziehen, wäre da nicht etwas anderes gewesen. Ein Jahr
zuvor war sie dem Verhältnis mit Popov auf die Spur gekommen. Sie
war einmal spätnachts aufgewacht, und als sie den Flur entlangging,
hörte sie ein leises Geräusch in der Diele. Zu ihrer Überraschung
sah sie ihre Mutter zur Eingangstür huschen, wo sie einen Fremden
einließ. Nadeschda duckte sich auf der Galerie zusammen und sah,
wie die beiden die Treppe hinaufgingen. Ihre Mutter und der
Rotschopf Popov. Eine Zeitlang konnte sie es nicht fassen. Ihre
Mutter und dieser Sozialist? Neben dem Ekel, den sie empfand,
dachte sie: Wie kann sie dem armen Papa so etwas antun? Und
trotzdem läßt er sie gewähren. Er ist ein Heiliger. Und seither
betrachtete Nadeschda ihre Mutter als heimliche Feindin, auch wenn
sie nicht darüber sprach. Das Unglück wollte es, daß an ebendiesem
Abend, als Frau Suvorin die Bemerkung über Karpenko gemacht hatte,
Popov beschlossen hatte, wieder einen Besuch zu machen. Hätte
Nadeschda über Popovs Absicht in jener Nacht Bescheid gewußt, wäre
sie wohl noch erstaunter gewesen. Vielleicht sogar mehr noch als
Frau Suvorin, als sie sie hörte. »Würdest du mit mir weglaufen?«
fragte er einfach. In seinen jüngeren Jahren wäre diese Vorstellung
undenkbar gewesen, jetzt aber überlegte er, ob er aufgeben solle.
Einige Jahre zuvor hatte er gehofft, den Suvorins Geld für das
bolschevikische Anliegen zu entlocken. Nach allem, was er wußte,
wäre es vielleicht sogar gelungen. Und doch kam es nicht dazu. Die
Partei brauchte, weiß Gott, Geld. Vor kurzem war eine neue
bolschevikische Zeitung mit Artikeln eines merkwürdigen jungen
Burschen aus Georgien erschienen, dessen Stil an den liturgischen
Gesang eines Priesters erinnerte. Er nannte sich ganz im Stil der
Revolutionäre »Stalin« – ein Mann aus Stahl. Das ganze Jahr über
hatte Popov versucht, Geldmittel für die »Pravda« aufzutreiben,
aber er hatte nie Frau Suvorin darauf angesprochen. Mit ihr war es
inzwischen etwas Besonderes. Er glaubte fast, daß er sie liebte.
Und nun hatte er statt dessen vor, sie um die Finanzierung ihrer
beider Flucht zu bitten. Im Jahre 1913 fühlte Popov sich erschöpft.
Es gab keine Hoffnung auf eine Revolution. Lenins Versuch, die
sozialistische Linke wiederzuvereinigen, hatte wenig Erfolg
gezeitigt. Es waren neue Verhaftungen erfolgt. Selbst Stalin wurde
nach Sibirien verbannt. »Wir könnten ins Ausland gehen«, schlug
Popov vor. Zu ihrer eigenen Überraschung freundete Frau Suvorin
sich mit dem Gedanken an. Er war ein außergewöhnlicher Mann. Sie
hatte viel von ihm gelernt. Er hatte sie dazu gebracht, lange und
intensiv über ihr Leben nachzudenken, und er hatte sogar ihre
politischen Ansichten verändert. »Ich glaube tatsächlich, daß wir
eine Demokratie brauchen«, hatte sie schließlich zugegeben. »Ich
kann mir sonst nichts denken, was gerecht wäre. Ich persönlich
möchte zwar den Zaren behalten, aber wir brauchen eine
verfassunggebende Versammlung.« Das war eine geheime Passion für
sie geworden. Doch er beunruhigte sie auch. Wenn sie mit ihm über
die Revolution sprach, war es mitunter, als habe er sich eine
Schutzhülle zugelegt, die alle menschlichen Gefühle ausschloß, die
mit der anstehenden Aufgabe in Konflikt geraten konnten. Bei
solchen Gelegenheiten dachte sie, daß er töten könne, ohne daß es
ihm etwas ausmache. Nun hatte der Revolutionär sich ergeben. Sie
wollte ihn in ihre Arme schließen.
Die Tür flog auf, und Nadeschda trat ins Zimmer. Sie zitterte.
»Ja«, sagte sie ruhig, »meine Mutter macht sich Gedanken wegen
meiner Freunde. Sie hätte es wohl lieber, wenn sie Bolscheviken
wären.« Popov schwieg.
In einem Anflug von Zorn sagte Nadeschda: »Du sollst nur
wissen, daß ich weiß, wie du meinen armen Papa behandelst.« Und zu
Popov gewandt: »Man müßte Sie einsperren. Vielleicht wird es sogar
geschehen.«
»Nadeschda, geh in dein Zimmer«, sagte Frau Suvorin rasch, und
Popov flüsterte sie zu: »Du gehst jetzt besser.« Auf seinen
fragenden Blick erwiderte sie kopfschüttelnd: »Unmöglich.«
1914
Die Prozession wand sich langsam und
feierlich durch die staubige Sommerhitze. Sie wurde angeführt von
Priestern in juwelenbesetzten Gewändern und mit schweren Mitren.
Manche trugen Ikonen, andere riesige Banner. Ein Chor sang. Als sie
vorbeikam, hob sich eine Woge aus Händen, die das Kreuzzeichen
machten, während Köpfe und Rücken sich tief verneigten – dies war
noch immer das Heilige Rußland. Und Rußland befand sich im Krieg.
Alexander Bobrov sah das alles mit Tränen der Rührung in den Augen.
Welch ein Sommer war das gewesen! Zuerst hatte Dürre geherrscht,
dann gab es eine totale Sonnenfinsternis. Jeder Bauer in jedem Dorf
wußte deshalb, daß wahrscheinlich eine Katastrophe bevorstand. Aber
nun, nachdem sie eingetreten war, schien es, als vollziehe sich
hier in den Straßen Moskaus eine wundersame Bekehrung. Plötzlich
wurden alle Russen Brüder, vereint in der Verteidigung des
Vaterlandes.
Hinter den Ikonen wurde ein großes Bildnis des Zaren getragen.
Es war seltsam, daß dieser Mann, der kaum einen Tropfen russischen
Blutes in den Adern hatte und seinem Vetter, König Georg V. von
England, fast aufs Haar glich, die zentrale Figur in diesem eher
orientalischen Gepränge bilden sollte. Sein ernstes, ziemlich
gewöhnliches Gesicht mit dem kurzen braunen Bart ließ auf seine
Persönlichkeit schließen – ein leicht verwirrter, gutmütiger und
unschlüssiger deutscher Prinz, durch sein Schicksal in ein fremdes
östliches Reich verschlagen. Aber er war der Zar, Väterchen aller
Russen, und während sein Bildnis vorbeigetragen wurde, verneigte
sich das Volk.
Alexander verneigte sich ebenfalls. Er trug eine Uniform, und
am nächsten Tag würde er in den Kampf ziehen. Wie hatte diese
gigantische Mobilisierung begonnen, die die Welt erschüttern
sollte? Ereignisse in den Balkanländern hatten den Konflikt
entzündet.
Als Österreich 1908, von Deutschland unterstützt, Bosnien und
die Herzegovina annektiert hatte, machte es damit seine
Expansionsabsichten deutlich, aber es sah so aus, als sei die
Bedrohung abzuwenden. Der Sommer des Jahres 1914 machte diese
Hoffnung zunichte. Als bosnische Terroristen den österreichischen
Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo ermordeten, behauptete
Österreich, dies sei die Schuld des benachbarten Serbien gewesen,
und bestand auf einer Entschuldigung unter demütigenden
Bedingungen. Serbien hatte sich sogleich gefügt, Österreich dagegen
lehnte ab und traf Gegenmaßnahmen. »Es ist gar keine Frage –
Österreich und Deutschland haben vor, alle Balkanstaaten zu
beherrschen. Das bedeutet, daß sie die Kontrolle über
Konstantinopel und das Schwarze Meer haben«, erklärte Alexander
seinem Vater. Abgesehen jedoch von einer derart offensichtlichen
strategischen Überlegung gab es nach Alexanders Meinung eine
weitere, die mindestens ebenso ins Gewicht fiel. »Die Serben sind
Slaven wie wir, Orthodoxe wie wir«, meinte er. »Das Heilige Rußland
muß ihnen zu Hilfe kommen.« Und das tat Rußland denn auch.
Hätte sich der Konflikt nicht doch auf diese Region
beschränken können? Auf dem Balkan hatte es seit Jahrhunderten, mit
Unterbrechungen, Kriege gegeben. Durch die intensiven
diplomatischen Versuche des englischen Lord Grey sah es für kurze
Zeit so aus, als könne der Konflikt eingegrenzt werden. Doch es
sollte nicht sein. Der einmal in Bewegung gesetzte Kriegsmoloch
ließ sich nicht mehr aufhalten. Russische Truppen wurden zur
Unterstützung nach Serbien geschickt. Deutschland erklärte Rußland
den Krieg; dann folgten Frankreich und Großbritannien. Im August
begann der allgemeine Kampf der zivilisierten Welt. Gott sei Dank
würde es ein kurzer Krieg werden, darüber waren sich alle einig. An
ebendiesem Morgen hatte Alexander einen nachdenklichen Brief seines
Vaters erhalten, der immer noch Mitglied der Duma in St. Petersburg
war.
Das Ganze läuft auf eines hinaus, mein lieber Junge:
Deutschland spielt ein gewagtes Spiel, um einen Zweifrontenkrieg zu
vermeiden, und zwar einen gegen Frankreich im Westen und
gleichzeitig gegen Rußland im Osten. Der großsprecherische
Schlieffen-Plan sieht vor, daß es durch Belgien nach Nordfrankreich
vorstößt, Paris einkreist und in weniger als drei Monaten an der
Westfront klar siegt, bevor Rußland Zeit zur Mobilisierung hat.
Dann erst wendet es sich gegen uns. Ich kann Dir weiterhin
mitteilen, daß ich durch gut informierte Personen erfahren habe, es
gebe sehr genaue Pläne der Deutschen, was sie mit uns vorhaben: Das
Reich wird in verschiedene Regionen aufgeteilt – in
baltische Provinzen, die Ukraine, und so fort. Uns läßt man nur das
ehemalige Moskoviter Reich. Denke Dir nur – unser mächtiges
Imperium zerfallen! Doch das wird nicht geschehen, denn Deutschland
hat einen groben Fehler gemacht. Rußland kann viel schneller
mobilisieren, als der Plan es vorsieht Wenn wir mit unserem großen
Potential an Soldaten rasch angreifen, sieht sich Deutschland in
ebendiesen Zweifrontenkrieg verwickelt, den es nicht durchstehen
kann. Es wird kapitulieren müssen. Nach allgemeiner Überzeugung ist
der Krieg nach Weihnachten vorüber.
Alexander hatte sich, ohne zu zögern,
freiwillig gemeldet. Als einziger Sohn wäre er sofort freigestellt
worden, doch er wollte unbedingt dabeisein. Seinem sozialen Status
entsprechend würde er gleich Offizier werden; am folgenden Tag
begann seine Ausbildung. Er trug bereits seine Uniform, und darauf
war er stolz. Nur ein Gedanke bedrückte ihn: Er mußte sich bald von
Nadeschda verabschieden. Aber würde sie überhaupt noch mit ihm
sprechen nach dem, was geschehen war?
Er war zwei Tage zuvor ins Haus der Suvorins gegangen, um
Nadeschda mitzuteilen, daß er zur Armee gehe. Dort hatte er
Karpenko getroffen.
Er seufzte. Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen: Während der
letzten sechs Monate hatte Nadeschda sich tief in Karpenko verliebt
Welch eine Ironie des Schicksals! Er, Alexander, war dreiundzwanzig
Jahre alt und beendete gerade sein Studium. Nadeschda war sechzehn
und eine junge Frau. In jenem Jahr hatte er sich vorgenommen, den
Schritt zu wagen. Nun entschloß er sich statt dessen, sie immer
noch als Kind zu betrachten, das der Sache mit Karpenko entwachsen
würde. Also hieß es noch warten! Als er ins Zimmer trat, standen
die beiden am Fenster. Man sah, daß sie einander sympathisch waren.
Da wandte Karpenko sich um und sagte etwas. Was hatte der Kerl
eigentlich gesagt? Irgend so etwas wie: »Da kommt ja unser
Kriegsheld, Bobrov, der bogatir.« Da hatte Alexander seine
Selbstbeherrschung verloren. »Ich wüßte nicht, wie ich als Ukrainer
diesen Krieg sehen würde«, meinte er kühl.
Es stimmte, und das wußten sie beide, daß Ukrainer in
Österreich lebten, ebenso eine kleine Gruppe ukrainischer
Nationalisten, die im kommenden Krieg eine Möglichkeit sahen, die
Ukraine von der russischen Herrschaft zu befreien. Es war die Rede
davon, daß einige davon interniert werden sollten. Es traf jedoch
auch zu, daß Hunderttausende von Ukrainern in der russischen Armee
kämpfen sollten.
Karpenko wurde sehr blaß. »Ukrainer sind keine Verräter. Wir
kämpfen für den Zaren«, sagte er leise.
Bitter wandte Alexander ein: »Tatsächlich? Wird man dich in
Uniform sehen, oder hast du vielleicht keine Lust, der Gefahr ins
Auge zu blicken?«
Eine schreckliche Stille trat ein. Die Frage war unfair, denn
die meisten Studenten waren freigestellt, und die meisten jungen
Männer mit einflußreichen Freunden nutzten diese Chance
unverzüglich, um Freistellungen zu erwirken. Diesmal lief Karpenko
rot an. »Ich finde, es ist furchtbar, so etwas zu sagen.«
Nadeschdas Augen sprühten Funken. »Und ich meine, Alexander
Nikolajevitsch, du solltest uns jetzt verlassen.«
Was hatte er nur getan! Welche Torheit hatte ihn dazu
veranlaßt? Konnte er es heute wagen, noch einmal einen Besuch zu
machen? Er mußte es. »Ich kann nicht gehen und die Dinge auf sich
beruhen lassen«, murmelte er. So war er reichlich nervös auf dem
Weg zu dem großen Haus der Suvorins.
Alexander wäre, hätte er davon gewußt, überrascht gewesen von
der kurzen Unterredung, die eine Stunde zuvor zwischen Michail und
Nadeschda stattgefunden hatte. Frau Suvorin hatte den jungen Mann
veranlaßt, dieses Gespräch zu fuhren. Sie hatte ihn an diesem
Morgen rufen lassen. Ruhig und eher beiläufig ging sie die Sache
an. »Dieses Mädchen ist in Sie verliebt, und das geht schon zu
weit«, meinte sie kurz und bündig. »Sie und ich, wir wissen beide,
was Sie zu tun haben.« Karpenko stand leicht verlegen neben einem
großen, hochlehnigen Sessel.
Nadeschda stand in einiger Entfernung von ihm. »Ich glaube, du
weißt, daß ich dich sehr gern habe«, begann er. Er setzte ihr
liebevoll auseinander, wieviel ihm ihre Freundschaft bedeutete, und
lenkte allmählich auf seinen Auftrag hin. »Falls ich dich
unbeabsichtigt getäuscht haben sollte – es gibt da etwas, das du
wissen müßtest.« Er hielt inne. »Unsere Freundschaft kann niemals
mehr sein als eben eine Freundschaft.«
Sie wurde blaß, blickte ihn jedoch weiterhin unverwandt an.
Dann runzelte sie die Stirn. »Du meinst, es gibt jemand
anderen?«
»Ja.«
»Das wußte ich nicht. Schon länger?«
»Ja.«
Sie krauste wieder die Stirn. »Aber du bist nicht verheiratet,
nicht wahr?«
»Nein. Aber mein Herz ist anderweitig vergeben«, sagte er und
wurde verlegen wegen der geschraubten Ausdrucksweise. »Danke, daß
du es mir gesagt hast«, meinte sie nur. »Du solltest jetzt wohl
lieber gehen.«
Für Dimitrij Suvorin hatte dieser warme Augustnachmittag etwas
von einem Traum. Vielleicht war es der Klang der Glocken oder der
Gesang der Priester; vielleicht auch diese mittelalterlich
anmutenden russischen Volksmassen, die sich außerhalb jeglicher
Zeit durch die Straßen des zwanzigsten Jahrhunderts bewegten.
Möglicherweise waren es auch die Menschen in den Häusern – Tausende
von bleichen Gesichtern, an jedem Fenster, auf jedem Balkon, die
sich seltsam und wie verloren ausnahmen in dieser mächtigen Stadt,
die zum Bühnenbild geworden war. Im Laufe des Nachmittags kam er
zufällig in die Nähe des Hauses der Suvorins, als die Prozession
soeben vorüberzog. Er wußte, daß Karpenko an diesem Tag dort einen
Besuch machen wollte, und so trat er ein in der Annahme, seinen
Freund noch vorzufinden. In dem oberen kleinen Salon traf er auf
Nadeschda. Sie stand am Fenster und starrte auf die Straße, wo die
Priester mit den Ikonen die lange Prozession anführten.
»Merkwürdig«, sagte sie, »der letzte Krieg, den wir gegen die
Japaner führten, kam mir so unwirklich vor. Vielleicht weil ich
noch sehr jung war.«
»Das war auch sehr weit weg.«
»Waren die Menschen damals vor dem Krieg auch so
patriotisch?«
»Ich glaube nicht.«
»Heiliges Rußland. Es ist schwer vorstellbar, daß Menschen,
die man kennt, sterben müssen«, fuhr sie fort. Dimitrij nickte. Mit
seinem steifen Bein würde er niemals die Musterung für den
Militärdienst bestehen. »Hast du übrigens Karpenko gesehen?« fragte
er. »Ja, er ist gegangen.«
»Hast du eine Ahnung, wohin?«
»Nein.« Sie schwieg kurze Zeit, dann sagte sie: »Ich bin
ziemlich müde, Dimitrij. Komm bald wieder.«
Draußen überkam ihn plötzlich die Laune nachzusehen, ob
Karpenko ins neue Haus seines Onkels Vladimir gegangen sei. Auf dem
Weg dorthin fand Dimitrij die Nebenstraßen fast menschenleer. Auch
das Jugendstilhaus wirkte trübe und verlassen. Er ging die Stufen
zum Eingang hinauf und läutete. Nichts rührte sich. Vladimir hielt
nur sein Stammpersonal, aber trotzdem war es ungewöhnlich, daß
niemand zu Hause sein sollte. Vielleicht sehen sie sich die
Prozession an, dachte Dimitrij achselzuckend. Aus einem Impuls
heraus drehte er am Griff der schweren Tür, die sich
überraschenderweise öffnen ließ. Anscheinend hatte man vergessen,
sie abzuschließen. Da es draußen heiß war und Dimitrij nichts
Besseres zu tun hatte, trat er ein.
Die hohe Halle mit der cremefarbenen Treppe lag still da.
Wohnzimmer, Eßzimmer und Bibliothek führten alle auf die Halle. Er
ging von einem Zimmer ins andere, fand jedoch niemanden. Er war
erst einmal im Obergeschoß des Hauses gewesen. Er wußte, daß sich
dort ein Wohnzimmer und ein Arbeitszimmer befanden. Oben an der
geschwungenen Treppe angekommen, öffnete er eine Tür nach der
anderen, fand ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, nicht jedoch das
Arbeitszimmer. Als er schon wieder hinuntergehen wollte, bemerkte
er eine weitere Tür, die er öffnete. Es war ein großzügiger Raum
mit blauen Wänden. Das Jugendstilfenster stellte in buntem Glas
eine fremdartige Traumlandschaft dar, mit Bergen in der Ferne und
Bäumen voll rotgoldener Früchte im Vordergrund. An einer Wand hing
ein Gemälde von Gauguin, links gab es einen Schreibtisch, in der
Mitte eine Chaiselongue, und im Hintergrund des Raumes befand sich
ein großes Bett. Darauf lagen sein Onkel Vladimir und Karpenko.
Beide waren nackt. Vladimirs große behaarte Gestalt lag von
Dimitrij abgewandt, aber die Situation war eindeutig. Karpenko
dagegen hatte den Kopf der Tür zugewandt und sah dem Freund
geradewegs in die Augen. Dimitrij starrte einfach nur. Da lächelte
Karpenko ihn merkwürdig schuldbewußt an, als wollte er sagen: Nun
weißt du's, nicht wahr? Dimitrij zog sich lautlos zurück, ging in
die stille Halle hinunter und verließ das Haus.
Auf dem Nachhauseweg war er sich über seine Empfindungen nicht
im klaren, der Schock und das Entsetzen waren zu groß. Als er den
Hof mit dem staubbedeckten Maulbeerbaum betrat, stellte er
überraschend fest, daß er für seinen Freund eine neue Art von
Fürsorglichkeit empfand. Im Hinblick auf Onkel Vladimir fühlte er
sich betrogen, und zugleich dachte er entschlossen, daß Nadeschda
das nie erfahren dürfe. Und an diesem traumhaften Tag kam ihm auch
zu Bewußtsein, wie vieles in den Menschen verborgen lag, das er
nicht begriff.
Am Spätnachmittag betrat Alexander Bobrov nach Aufbietung all
seines Mutes das Haus der Suvorins und erfuhr zu seinem Erstaunen,
daß Nadeschda bereit war, ihn zu empfangen. Noch ehe er die
sorgfältig überlegte Entschuldigung stammeln konnte, berührte sie
mit einem Finger leicht seine Lippen und sagte nichts als: »Ist
schon gut.« Dann hängte sie sich bei ihm ein und schlug einen Gang
durch die Galerie vor.
Als Alexander sie ansah, hatte er den Eindruck, sie habe
vorher geweint. Überdies lag eine Weichheit in ihrem Verhalten, die
er noch nie an ihr bemerkt hatte.
Als er sich verabschiedete, trat sie auf ihn zu und meinte:
»Nun, Alexander, du ziehst in den Krieg. Vergiß nicht, wieder zu
mir zurückzukommen, hörst du?« Dann hob sie ihm das Gesicht
entgegen und lächelte: »Vielleicht möchtest du mich küssen.« Sie
streckte die Arme nach ihm aus.
1915
Gerade hatte es geregnet. Der feuchte Boden
dampfte im Sonnenschein, während Alexander mit seinen Männern
wartete. Vor ihnen breitete sich ein weites polnisches Feld,
dahinter befand sich eine Baumreihe. Der Einsatz der Soldaten stand
bevor. Alexander Bobrov überprüfte seine Leute, dreiunddreißig an
der Zahl; alle bis auf einen waren unerfahrene Rekruten, in jenem
Winter eingezogen, mit einer vierwöchigen Grundausbildung. Den
einzigen Veteranen, einen siebenundzwanzigjährigen Reservisten,
hatte Alexander als Feldwebel eingesetzt.
Der Graben, in dem sie standen, war nicht sonderlich tief. Als
sie ihn noch nicht ganz zwei Meter ausgehoben hatten, erklärte der
diensthabende Hauptmann ungeduldig, das genüge; sie seien
schließlich hier, um zu kämpfen, nicht, um zu graben. Er war klein
und dick, der Hauptmann, ein Offizier der alten Schule, mit einem
wilden grauen Backenbart und rotem Gesicht. »Dauert nicht mehr
lange«, hatte er eine Stunde zuvor verkündet. »Seid tapfer, Jungs!«
Dann war er verschwunden. Alexander blickte über das große
Schlammfeld. Würden plötzlich irgendwo deutsche Stahlhelme
auftauchen? Oder Rauchwölkchen? Wie sollte Alexander das wissen? Es
war sein erster Einsatz, seine erste Begegnung mit dem Krieg.
Krieg. Mit dem Operationsziel war das russische Oberkommando
erfolgreich gewesen. Die direkten Blitzangriffe im Sommer 1914
hatten den Feind überrumpelt. Im Norden waren die russischen
Streitkräfte rasch über Polen vorgedrungen und in Ostpreußen auf
die Deutschen gestoßen, die sie dadurch zu einem panikartigen
Rückzug zwangen. Im Süden war eine russische Armee von der Ukraine
aus westlich in österreichisches Territorium gezogen und wurde
gerade noch daran gehindert, durch Schlesien nach Deutschland und
in Richtung auf Berlin vorzudringen. Allerdings hatten diese
Anfangserfolge entsetzliche Opfer gefordert. Beim deutschen
Gegenangriff waren die Verluste ungeheuer. Eine Viertelmillion Mann
fielen in der Augustoffensive im Norden. Ende 1914 betrugen die
Verluste auf der russischen Seite, die Kriegsgefangenen
mitgerechnet, 1200000 Mann. Deutschland kämpfte jedoch an zwei
Fronten. Sein grandioser Plan hatte versagt. Das russische Reich,
das in seinen beiden letzten Kriegen – auf der Krim und gegen Japan
– derart gedemütigt worden war, hatte sich nun als eine
militärische Macht erwiesen, mit der man rechnen mußte. Zu Beginn
des Jahres 1915 konzentrierte Deutschland seine ganze Kraft auf
Rußland. Im März war dieses Reich für Frankreich und Großbritannien
so wichtig geworden, daß diese Alliierten zögernd einwilligen
mußten, Rußland nach Kriegsende nicht weniger als die alte Stadt
Konstantinopel zuzugestehen. Im Jahre 1915 begannen die Deutschen
allerdings mit ihrem Gegenangriff.
Alexander Bobrovs Männer waren leider nicht entsprechend
ausgerüstet. Während die Großoffensive von 1914 dramatisch gewesen
war, zeigte sich die zweite Runde, im Jahre 1915, von einer ganz
anderen Seite. Alexander vergaß nie sein Erstaunen an dem Tag, als
Waffen ausgegeben wurden. Als zwanzig seiner Männer Gewehre
erhalten hatten, erklärte der diensthabende Offizier, daß es nun
genug sei.
»Was ist denn mit den übrigen?« fragte Alexander. »Die
bekommen ihre Gewehre an der Front.«
»Sie meinen also, daß es dort Waffenlager gibt?«
»Sie kriegen Gewehre von ihren Kameraden, von denen, die
gefallen sind«, erklärte der Offizier. Bald darauf erfuhr
Alexander, daß in einigen Regimentern in diesem Abschnitt
fünfundzwanzig Prozent der Soldaten unbewaffnet losgeschickt
wurden. Irgendwie war es ihm gelungen, für seine Leute Gewehre zu
erbetteln oder zu stehlen, aber er wußte von einer Einheit, in der
die Hälfte der Männer mit Mistgabeln ausgerüstet wurden, und er
hatte gehört, daß eine Kompanie im Süden dem Feind mit den bloßen
Fäusten entgegenzog. Alexander wußte außerdem, daß die Artillerie,
die ihnen Feuerschutz gab, lediglich zwei Schüsse pro Feldgeschütz
hatte.
Da war noch die Sache mit dem Funkgerät. Zwei Tage zuvor war
Alexander beim Gefechtsstand der Kompanie, wo dieses Gerät
installiert war. Der Hauptmann war eifrig damit beschäftigt, dem
Obersten die genaue Beschreibung ihrer Position und
Truppenaufstellung durchzugeben. Etwas allerdings gab Bobrov zu
denken. »Geben wir alles auf diese Weise durch, Hauptmann?« fragte
er. »Was meinen Sie?«
»Nun ja, Sie benutzen keinen Code. Sie geben alles im Klartext
weiter. Was ist, wenn der Feind unsere Funksprüche abfängt? Dann
weiß er doch über unsere Dispositionen Bescheid.«
»Seien Sie nicht albern, Bobrov«, grinste der Hauptmann. »Wir
funken auf russisch, Mann. Davon verstehen die Deutschen kein
Wort.«
Das war die übliche Einstellung. Die Funksprüche über die
gesamte russische Armee wurden in Klartext durchgegeben, was, wie
der deutsche Oberkommandierende später zugab, die Dinge an der
Ostfront wesentlich vereinfachte.
Warum war alles so unzureichend organisiert? Zum Teil kam es
daher, das wußte Alexander, daß das Oberkommando von Männern wie
dem Hauptmann besetzt war: rückständige Exerzierplatzsoldaten, die
moderne Kampfmittel und moderne Methoden kategorisch ablehnten. Der
Oberbefehlshaber, General Suchomlinov, war solch ein Mann. Es gab,
auch das wußte Alexander, einen Kader von aufstrebenden jungen
Offizieren, die unter dieser Obrigkeit litten, doch diese Männer
hatten keine Möglichkeit, sich durchzusetzen. Es waren nicht nur
die Generäle. In einem Augenblick der Aufrichtigkeit gestand der
Hauptmann: »Das Problem ist, daß wir nur Munition für einen kurzen
Krieg hatten, für einen längeren reicht sie nicht aus. Unsere
Fabriken produzieren grundsätzlich nicht genug – und angesichts der
großen Materialverluste sind sie hoffnungslos im
Hintertreffen.«
Es begann ganz plötzlich, und es war anders, als Alexander es
erwartet hatte. Da waren keine deutschen Stahlhelme, kein
Artilleriebataillon und keine blitzenden Schwerter, da rückten
keine geschlossenen Reihen bewaffneter Männer an. Nichts als ein
fernes dumpfes Grollen. Und dann die Einschläge. Zuerst fielen die
deutschen Granaten in die hinter ihnen liegenden Wälder, dann
knallten mehrere in das Feld davor, jagten kleine Schlammfontänen
hoch. Der Feind kannte ihre Position offenbar genau. Und während
Alexanders Männer erschrocken und verwirrt in dem unzureichenden
Schützengraben kauerten, nahm der Geschützdonner seinen Fortgang.
Im Frühjahr und Sommer 1915 erlebte die russische Armee das ganze
Ausmaß des deutschen Bombardements. Zwei Stunden nach dem Angriff
kam der Hauptmann vorüber; sein bärtiges, schmutzbedecktes Gesicht
erschien über dem Graben. Es hatte nur einen direkten Einschlag
gegeben. »Los, Bobrov, kommt raus«, schrie der Hauptmann. »Wir
gehen zurück.« Sie kletterten aus dem Graben und folgten ihm durch
den Wald, wo keine Granaten einschlugen. Nach einer Weile
erreichten sie den Befehlsstand, der dem Erdboden gleich gemacht
worden war.
»Diese verdammten Deutschen! Sie verstehen sich aufs Schießen,
das muß man ihnen lassen«, meinte der Hauptmann mit schiefem
Lächeln. Er ist gar kein so übler Bursche, dachte Alexander, nur
ein bißchen rückständig. Er schaute nach hinten, um sicherzugehen,
daß alle seine Leute da waren. Da pfiff eine Granate heran, und
noch eine. Dann gab es einen entsetzlichen Knall, und gleißende
Helligkeit blendete die Augen.
Er tauchte wie aus einem Nebel auf, und
vernahm von ferne die Töne eines Klaviers. Vorsichtig blickte er
sich um und wußte sofort, wo er sich befand: Er konnte den
vertrauten Baum vor dem Fenster sehen. Dann schloß er die Augen
wieder.
Er fühlte, wie Nadeschda sich über ihn beugte. Ihre Stimme
klang aufgeregt: »Dimitrij, Dimitrij! Er ist zu sich gekommen.« Die
Musik verstummte.
Als Alexander, noch kaum bei Bewußtsein, im Juli nach Moskau
zurückgebracht worden war und sein Vater überlegte, was für ihn zu
tun sei, hatte Vladimir alles in die Hand genommen. Alexander lag
drei Wochen im Delirium, wurde von einem Arzt überwacht und von
einer Krankenschwester gepflegt.
Nach und nach erfuhr er, was geschehen war. Die Granate, deren
Detonation ihn fast getötet hätte, war Teil eines schweren
Bombardements, das die russische Armee in Polen um fast dreihundert
Meilen zurückwarf.
»Es ist eine Katastrophe«, berichtete Nadeschda am dritten
Tag, als Alexander sich kräftig genug fühlte, um zu sprechen. »Der
größte Teil Litauens ist verloren. Sie stoßen über Lettland vor,
und unsere Leute sind weiterhin auf dem Rückzug. Der alte General
Suchomlinov wurde entlassen. Alle sagen, die Regierung sei unfähig.
Es heißt, wir können nur auf die Hilfe des heiligen Nikolaus
hoffen.« Die wirklich aufregenden Nachrichten brachte jedoch sein
Vater. Der Zar hatte die Duma Anfang des Jahres aufgelöst und per
Dekret regiert. Doch die Rückschläge im Krieg waren so groß, daß er
gezwungen war, die Duma wieder zur Sitzung einzuberufen, aus diesem
Grund befand Nikolaj Bobrov sich in der Hauptstadt. Die
antideutsche Einstellung war seit Kriegsbeginn derart gewachsen,
daß die Regierung den Namen der Hauptstadt St. Petersburg, der zu
deutsch klang, in Petrograd abänderte.
Nikolajs Briefe waren voll von Informationen. Er beschrieb
seinem Sohn den Charakter der wichtigen Männer im Parlament:
Rodsjanko, dem ebenso wohlbeleibten wie weisen Duma-Präsidenten;
von Kerenskij, dem liberalen Sozialistenführer – »ein guter Redner,
doch ohne wirkliches politisches Konzept, außer der Vernichtung des
Zaren« –, und von anderen mehr. Rasputin, der Freund der Kaiserin,
schrieb der Vater, mache derartige Schwierigkeiten wegen seines
ausschweifenden Lebenswandels, daß er zu seiner Familie in Sibirien
zurückgeschickt worden sei. Zu Alexanders Erstaunen gab sein Vater
sich insgesamt optimistisch.
Die derzeitige Krise ist unsere letzte und
die beste Gelegenheit zur Regierungsumbildung. Wir zwingen den
Zaren zu einem gewissen Maß an Demokratie und retten Rußland
dadurch. Aus der Niederlage kommt der Sieg, mein lieber
Junge.
Alexander blieb noch längere Zeit sehr
geschwächt. Seine schwere Verwundung bereitete ihm starke
Schmerzen. »Sie sind jung, Sie werden wieder ganz gesund«, meinte
der Arzt. Sie richteten ihm ein Zimmer im Erdgeschoß ein, von wo
aus er mit dem Rollstuhl auf die Veranda fahren konnte.
Im Haus herrschte rege Betriebsamkeit. Arina, die
Haushälterin, war außerordentlich tüchtig. Trotz des Krieges
blieben die Werkstätten und das kleine Museum geöffnet. Arinas Sohn
Ivan, jetzt sechzehn Jahre alt, ging bei dem dortigen Holzschnitzer
in die Lehre.
Während Peter Suvorin und Karpenko in Moskau blieben, hatte
sich die übrige Familie aufs Land begeben. Frau Suvorin betätigte
sich in einer neuen zemtsvo-Organisation und half besonders
bei der Unterbringung des Flüchtlingsstromes von der Front.
Vladimir hatte die Tuchfirma von Russka in eine kleine Waffenfabrik
zur Herstellung von Patronen und Granaten umgewandelt. Dimitrij
seinerseits übte und komponierte täglich. Ein Dutzend Suiten für
Klavier und zwei Sätze seiner ersten Symphonie waren schon zu
Papier gebracht. Die Partituren wurden in einem Schrank
verschlossen aufbewahrt.
Vladimir hatte in Russka ein kleines Pflegeheim eingerichtet,
wo verwundete Soldaten sich erholen konnten, und Nadeschda kümmerte
sich täglich um sie. Manchmal wurden diejenigen, die sich schon
besser fühlten, zum Tee ins Wohnhaus geholt. So vergingen die
Monate Juli und August. Im August gestattete der Arzt Alexander
zweimal, sich mit dem Wagen zum Kloster fahren zu lassen. »Der Ort
ist großartig«, meinte er zu Vladimir, »ich habe noch nie ein so
blühendes Dorf gesehen.«
Während im Sommer 1915 die großen Städte durch den Krieg
litten, begann auf dem Land eine Periode des Reichtums. »Wie es in
Kriegszeiten oft der Fall ist, bezahlt die Regierung, indem sie
Geld druckt; die Folge ist eine Inflation. Was jeder braucht – und
nur die Bauern haben es –, ist Getreide. Die Preise dafür sind
hoch, und wir haben gerade eine Rekordernte gehabt. So haben die
Bauern übermäßig viel eingenommen.« Vladimir machte eine Pause und
fuhr dann schmunzelnd fort: »Stell dir vor, Boris Romanov, dieser
Schuft, hat sich sogar ein Grammophon gekauft.« Ende August löste
der Zar die Duma auf. Gleichzeitig beschloß er, die Position des
Oberkommandierenden des russischen Heeres persönlich einzunehmen.
Er wollte sich selbst an die Front begeben.
In der ersten Septemberwoche erhielt Alexander einen langen
Brief seines Vaters. Er klang nun nicht mehr optimistisch, und der
Schluß war voll böser Vorahnungen.
Jeder versuchte, den Zaren umzustimmen,
aber er ist ein uneinsichtiger Bursche, der es für seine Pflicht
hält, Autokrat zu sei. Also ist die Demokratie unter der
Zarenherrschaft gestorben, dessen bin ich sicher. Die Versuche des
Zaren, die Armee wieder zu stärken, sind zum Scheitern verurteilt.
Ich sehe in der Zukunft nur Chaos. Rasputin ist wieder erschienen.
Gott helfe uns!
1917
Am 2. März dieses Jahres endete die
Herrschaft des Zaren. Rußland war frei!
Nikolaj Bobrov stand am Fenster und blickte gespannt hinaus.
Ein Stirnhöhlenkatarrh hatte ihn gezwungen, an diesem Tag zu Hause
zu bleiben. An seiner Stelle war sein Sohn Alexander zum
Tauridapalast gegangen, wo die Duma tagte, um das Neueste zu
erfahren. Er mußte jeden Augenblick zurück sein.
Sicher hatte der Zar bereits seine Abdankung unterzeichnet.
»Gott weiß«, murmelte Nikolaj, »daß der Zar nicht so weitermachen
kann.« Noch hatten Bobrov und seine Freunde die Macht nicht
übernommen; schließlich hatte die Duma den Zaren abgesetzt.
Die Bedenken, die Nikolaj im schicksalhaften Sommer 1915
geäußert hatte, hatten sich bewahrheitet. Der Zar war häufig an der
Front gewesen. Die Armee war wirklich nicht ganz erfolglos. Die
große Brusilov-Offensive von 1916, die während eines britischen
Großangriffs an der Somme gestartet wurde, konnte den Feind zwar
nicht schlagen, brachte jedoch einige Vorteile an der Westfront.
Vom Kaukasus her waren russische Truppen in die Türkei
vorgedrungen. Im Süden allerdings stießen Deutschland und
Österreich durch Rumänien bis an die Westküste des Schwarzen Meeres
vor, und die Engländer wurden gezwungen, sich aus Gallipoli
zurückzuziehen. Dadurch wurde Rußland der Zugang zum Schwarzen Meer
weiterhin blockiert, so daß es kein Getreide exportieren konnte.
Der Krieg an der russischen wie an der Westfront war ein grimmiges
Auf-der-Stelle-Treten. In Rußland selbst geriet die Lage zu einem
Alptraum. Die Kaiserin hielt nun die Zügel der Regierung in der
Hand. Sie hatte wohl die Idee, eine zweite Katharina die Große zu
sein – zumindest ließ sie dies einen verblüfften Beamten wissen.
Und neben der Kaiserin stand – Rasputin.
Es kam Bobrov manchmal vor, als würde jeder, der nur einen
Funken Verstand besaß, entlassen. Nur blinder Gehorsam dem Zaren
gegenüber wurde belohnt. Die endlose Liste von Berufungen und
Entlassungen – über vierzig neue Provinzgouverneure innerhalb eines
Jahres! – veranlaßten einen Witzbold in der Duma zu der Bemerkung,
die Verwaltung leide unter epileptischen Anfällen. Jedes Vertrauen
in die Regierung war geschwunden. Häßliche Gerüchte über die
Kaiserin und Rasputin waren bis zu den Fronttruppen vorgedrungen.
Es hieß sogar, sie seien insgeheim mit den Deutschen im Bunde. Im
Dezember 1916 töteten zwei adlige Patrioten Rasputin, doch dieser
Mord konnte den Lauf der Geschichte nicht mehr ändern.
Jede Partei der Duma, selbst die Konservativen, hatte sich
gegen den Zaren gewandt. Wenn die Armee auch ihre Stellungen an der
Front hielt, gab es doch eine Million Desertierte. In der
Hauptstadt herrschte Mangel an Lebensmitteln und Heizmaterial. So
konnte es nicht weitergehen. Seit Wochen war die gesamte Duma in
Aufruhr. Die dem Zaren Nahestehenden befanden sich in depressiver
Verfassung.
Als nach einem harten Winter im Februar 1917 ein zeitiges
Frühjahr einsetzte, begaben sich in Petrograd alle auf die Straßen.
Das Volk hatte genug. Es gab spontane Demonstrationen; nicht nur
Streiks, auch massive Straßenschlachten fanden statt. Polizei und
Kosaken befanden sich hoffnungslos in der Minderzahl. Und da
begingen die Behörden einen schweren Fehler: Sie holten die
Garnisonen zu Hilfe. Die meisten von diesen waren Rekruten, die aus
ihren Dörfern geholt und in Baracken gepfercht worden waren. Sie
meuterten und schlossen sich den Protestierenden an. Am 28. Februar
war es vorüber. Der Zar verfügte die Auflösung der Duma bis zum
April. »Doch wir weigerten uns«, berichtete Bobrov mit leisem
Lächeln. »Wir weigerten uns zu gehen, und plötzlich wurde uns klar,
daß wir die Regierung sind.« Die Deputierten gaben die Erklärung
ab. Der Pöbel auf der Straße war anscheinend einverstanden. Was
sonst gab es denn außer der Duma? Am folgenden Tag verlangte die
Duma die Abdankung des Zaren, und da stellte der russische Monarch
fest, daß er auf der ganzen Welt keinen Freund mehr hatte.
Alexander konnte sich inzwischen wieder aus eigener Kraft
fortbewegen; er war noch immer Offizier, jedoch für den aktiven
Dienst untauglich geschrieben und hatte die beiden letzten Wochen
mit seinem Vater in der Hauptstadt verbracht. Obwohl noch immer
Monarchist, fand er sich mit den liberalen Ansichten seines Vaters
ab. Selbst er war betroffen vom Verhalten der Regierung während der
vergangenen Monate.
Wie merkwürdig, dachte Nikolaj. Da bin ich nun, ein Witwer von
zweiundsechzig Jahren, der seinen Besitz verloren hat. Mein Land
ist in einen schrecklichen Krieg verwickelt, dessen Ende nicht
abzusehen ist. Der Monarch ist gestürzt, und doch fühle ich mich
heute so, als beginne mein Leben von neuem. Er schüttelte lächelnd
den Kopf.
Er hielt den Zaren nicht für ein Ungeheuer, sondern nur für
den falschen Mann in der falschen Position. Und er tat ihm
eigentlich leid. Nun, nachdem Nikolaus II. gegangen war, merkte
Nikolaj, daß er erleichtert war: Endlich konnte die Demokratie in
Rußland beginnen.
Die Duma leistete nach seiner Ansicht gute Arbeit. Schließlich
stellte sie als einzige Institution ein demokratisches Element in
Rußland dar. Sie hatte bereits eine Reihe von Leuten als
Provisorische Regierung bestimmt, und fast alle Parteien hatten
ihre Unterstützung zugesagt. Nikolaj hatte erfahren, daß mehrere
Arbeiterführer und Menscheviken in Petrograd eine Art Arbeiterrat,
den sogenannten Sowjet, gegründet hatten. Er kannte zwei der Führer
– keine schlechten Kerle. Sie konnten auf jeden Fall dazu
beitragen, die Ordnung in den Fabriken wiederherzustellen. Das
Programm der Provisorischen Regierung stand bereits fest: Der Krieg
wurde fortgesetzt. Alle, außer den Bolscheviken, waren damit
einverstanden, und die Bolscheviken hatten um diese Zeit kein
großes Gewicht. Dann sollten möglichst rasch Wahlen für eine neue
gesetzgebende Versammlung als Ersatz für die Duma abgehalten
werden. Damit wäre eine gut funktionierende Demokratie geschaffen.
Die linken wie die Rechten stimmten dem zu. Nikolaj fühlte
tatsächlich so etwas wie Hoffnung, während er wartend auf die
Straße blickte. Und da entdeckte er Alexander. Der Junge hatte es
eilig. Er hielt ein Stück Papier in der Hand, wirkte aufgeregt.
Sicher hatte er gute Nachrichten. Mit glücklichem Lächeln ging
Nikolaj seinem Sohn entgegen. »Die Abdankung ist also
durchgekommen?« erkundigte er sich.
»Nein. Der Zar kann sich nicht zur Unterschrift durchringen.
Aber er muß! Er hat keine andere Wahl. Auch die Armeeführer drängen
ihn dazu.«
»Was hast du denn da?« Nikolaj deutete auf das Papier.
Alexander reichte es ihm wortlos, und Nikolaj las. Es war nicht
lang, gerichtet an die Garnison in Petrograd, und es enthielt
sieben knappe Klauseln. Jede Kompanie wurde angewiesen, je ein
Komitee zu gründen, das den Offizieren die Kontrolle über Waffen
und Ausrüstung abnehmen sollte. Offiziere sollten nicht länger mit
Ehrentiteln angesprochen oder außerhalb des Dienstes gegrüßt
werden. Die Komitees sollten außerdem Vertreter in den Petrograder
Sowjet wählen, der erklärte, daß nur er, und nicht die
Provisorische Regierung, die höchste Autorität in allen
militärischen Angelegenheiten darstelle. Das Papier war
unterschrieben vom Komitee des Petrograder Sowjet. Darüber stand,
einfach und ohne nähere Erklärung: »Befehl Nr. 1«.
Nikolaj starrte ungläubig darauf. Dann brach er in schallendes
Gelächter aus. »Das ist absurd! Der Petrograder Sowjet ist nur ein
inoffizieller Arbeiterrat. Er wurde von niemandem gewählt und hat
keinerlei Amtsgewalt. Niemand wird ihm auch nur die geringste
Beachtung schenken.«
»Aber sie tun es bereits. Ich bin in einigen Baracken gewesen.
Alle wollen mitmachen. Manche haben mich ausgelacht, weil ich eine
Offiziersuniform trug.«
»Aber die regulären Truppen, unsere Frontsoldaten…«
»Der Befehl ist schon unterwegs zu ihnen. Ich sage dir, die
meisten Truppen werden ihn befolgen.«
Nikolaj schwieg, wie vom Donner gerührt. »Wer trägt jetzt die
Verantwortung?« rief er. Alexander zuckte die Achseln. »Gott weiß
es!« Es war ein wunderbarer Julitag. Boris Romanov brummte
zufrieden vor sich hin, als er von der schattigen Veranda in den
Salon ging. Er liebte das Haus mit seinen grünen Wänden, den
kleinen weißen Vorbau und das kühle Innere. Er kam seit Wochen
jeden Nachmittag herauf und saß auf der Veranda. Früher hatte es
den Bobrovs gehört, dann Vladimir Suvorin, und nun gehörte es ihm.
Bei diesem Gedanken lächelte er. Die Revolution – seine Revolution
– hatte endlich stattgefunden.
Nach Russka, wie in andere Provinzorte, war die Nachricht von
der Abdankung des Zaren und von der neuen Provisorischen Regierung
mit Verzögerung gekommen. Boris hatte die sichere Bestätigung erst
zehn Tage später erhalten.
Die Provisorische Regierung hatte eine gesetzgebende
Versammlung zugesagt. Es gab nun völlige Freiheit der Rede und der
Zusammenkünfte. Das war jedenfalls kein Schaden. Für Boris
bedeutete der Sturz des Zaren aber vor allem eins: »Jetzt bekommen
wir das Land!«
Jedermann wußte Bescheid. Die Provisorische Regierung
diskutierte das Verfahren. Das ganze Frühjahr über desertierten
Soldaten von der Front in ihre Heimatorte, um die Landverteilung
nicht zu versäumen. Zwei von diesen waren im Ort aufgetaucht. Aber
nichts geschah. Die Provisorische Regierung ging, wie in allen
Angelegenheiten, langsam, gesetzestreu und zögernd vor. Ende April
führte Boris die Dorfbewohner auf den Besitz. Niemand hielt sie
auf. Als er das Haus betrat, begehrte einzig Arina auf. »Welches
Recht habt ihr dazu?«
»Das Recht des Volkes.« Als sie versuchte, ihm den Weg zu
verstellen, schob er sie nur lachend beiseite. »Wir sind die
Revolution«, erklärte er.
Theoretisch gehörte der Besitz immer noch Vladimir Suvorin,
ebenso wie die Fabriken in Russka. Doch Vladimir hielt sich zur
Zeit in Moskau auf. Arina lebte weiterhin in diesem Haus, ebenso
wie ihr Sohn Ivan, der sich vorläufig noch mit der Holzschnitzerei
beschäftigte. In der Zwischenzeit fällten die Dorfbewohner Suvorins
Bäume und ließen ihr Vieh am Abhang vor dem Haus weiden. Die
gesetzliche Regelung war nur noch eine Frage der Zeit. In Boris
Romanovs Augen hatte damit die Revolution ihr Ziel erreicht. Für
andere stand allerdings mehr dahinter. In ebendiesem Monat wurde
versucht, die Provisorische Regierung zu übernehmen. Es gab einen
bewaffneten Aufstand seitens der Bolscheviken. Boris wußte Bescheid
über sie. Das waren Burschen wie dieser verdammte Rotschopf –
Popov. Ihre Anhängerschaft hatte in letzter Zeit zugenommen dank
ihres Propagandarufs: »Alle Macht den Sowjets« und dank schriller
Leitartikel in ihrem Parteiorgan »Pravda«. Die Revolte wurde jedoch
niedergeschlagen. Einer ihrer Führer, Trotzki, befand sich im
Gefängnis. Ein zweiter, Lenin, war ins Ausland geflohen. Ein neuer
Mann stand an der Spitze der Regierung, ein Sozialist namens
Kerenskij. Mit der Wiederherstellung der Ordnung hatte er General
Kornilov betraut. Langsam stieg Boris die Treppe hinauf. Während
der letzten drei Monate hatte er voller Interesse das Hausinnere
inspiziert. Es gab tatsächlich interessant aussehende Bücher und
Gemälde hier. Den imposanten Flügel hatte er schon früher
bewundert. Heute aber fiel ihm ein, daß er den Speicher noch gar
nicht untersucht hatte.
Der lange niedrige Raum unter dem Dach war fast leer. An einem
Ende standen jedoch ein paar verstaubte Schachteln unter einem
kleinen runden Fenster. Er öffnete sie, ohne viel zu erwarten.
Papiere. Alte Briefe, Rechnungen und anderer Kram der Bobrovs.
Boris zuckte die Achseln. Er wollte sich gerade abwenden, als sein
Blick auf ein Stück Papier fiel, das zwischen den übrigen Blättern
herausragte und mit einem roten Bändchen umschlungen war. Er zog es
heraus und fand darin, zusammengefaltet, einen Brief. Er war von
Peter Suvorin unterzeichnet.
Es war ein Uhr morgens, und sie waren allein.
Während der Moskauer Kreml immer noch standhielt, hatte es in der
letzten Nacht, der Nacht zum 2. November, Straßenschlachten
gegeben. Jetzt aber war es still in der Stadt. In Petrograd und in
Moskau waren Lenin und seine Bolscheviken nun an der Macht. Waren
sie es tatsächlich?
Popov lächelte Frau Suvorin zu, und trotz allem, was vorging,
lächelte sie zurück. Sie fand, daß er jünger aussah. »Erzähle mir,
was wirklich geschehen ist.«
Das welterschütternde Ereignis, bekannt als Oktoberrevolution,
war, genaugenommen, alles andere als welterschütternd. Es war der
verwegene Bubenstreich einer Minoritätenpartei, von der der größte
Teil der Bevölkerung nicht einmal Kenntnis hatte. Seit der
Abdankung des Zaren war Rußland unter einer merkwürdigen
Doppelherrschaft durch das Jahr 1917 geschlingert: einer
Provisorischen Regierung, die im Grunde wenig Macht hatte, und
eines Rätekongresses, der zwar ein wachsendes Netz von örtlichen
Basen in Fabriken, Städten und Dörfern, jedoch keine wirkliche
Legitimität besaß. Für eine demokratische konstituierende
Versammlung wären Wahlen notwendig gewesen, doch die Regierung,
selbst als Kerenskij die Führung übernommen hatte, reagierte nur
langsam. Mittlerweile brach die Wirtschaft zusammen, es herrschte
Lebensmittelknappheit, und die Regierungsmitglieder verloren
allmählich den Mut. Die Bolschevikische Partei gewann im
Petrograder Rat allmählich an Boden. Anfang September hatten
Trotzki und seine Bolscheviken im dortigen Rätekongreß die
Mehrheit. Einige Tage später ergab sich die gleiche Situation in
Moskau. Aufs ganze Land umgerechnet, waren sie allerdings in der
Minderzahl. Es sah so aus, als würden die Bolscheviken mit der Zeit
die dominierende Linkspartei werden; dann wiederum hielt man eher
das Gegenteil für möglich. In dieser ziemlich unsicheren Situation
brachte Lenin seine bolschevikischen Mitstreiter dazu, das Spiel um
die unverzügliche Machtergreifung nochmals zu wagen. Es begann in
der Nacht des 24. Oktober und wurde hauptsächlich von Trotzki
geleitet, und zwar vom Smolny-Seminar aus – ehemals Kloster und
Mädchenschule und nun Sitz der Petrograder Räte. Den ganzen Abend
hatten die Verschwörer eine wichtige Berufung nach der anderen
vorgenommen, sie sicherten oder übernahmen Posten, und nur wenige
der abgelösten Arbeiter opponierten. Sie hatten alles versucht, um
die militärischen Garnisonen auf ihre Seite zu ziehen, aber darum
hätten sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, denn das Militär
hatte wenig Lust zu agieren, und Kerenskij versäumte es, genaue
Verteidigungspläne aufzustellen. Gegen Morgen waren fast alle
Schlüsselstellungen der Stadt kampflos besetzt worden.
»Kerenskij versuchte außerhalb der Stadt militärische
Unterstützung zu bekommen«, erzählte Popov Frau Suvorin, »aber er
hatte wenig Glück. Die Minister der Provisorischen Regierung saßen
weiterhin im Winterpalais mit einer Kosakenwache und – man stelle
sich vor! – dem FrauenTodesbataillon. Und außerdem, du lieber
Himmel, vierzig Kriegsinvaliden.«
»Ich habe gehört, das Winterpalais sei beschossen
worden.«
»Das stimmt. Das besorgte der Kreuzer ›Aurora‹. Sie hatten
leider keine scharfe Munition, so gaben sie einen blinden Schuß
ab.«
»Und dann?«
»Ach, sie gaben schließlich auf, und unsere Leute gingen
hinein und plünderten.« Popov lachte leise vor sich hin. »Sicher
erzählen wir diese Geschichte in den Geschichtsbüchern ein bißchen
anders.«
Frau Suvorin sah Popov nachdenklich an. Sie hatten sich im
vergangenen Jahr selten gesehen, fühlten sich aber immer noch
zueinander hingezogen. Sie verstand, warum er im Augenblick des
Triumphs eine Nachricht gesandt hatte, daß er sie an diesem Abend
aufsuchen werde.
Ihr ging Verschiedenes durch den Kopf. Was würde dieser
Wechsel politisch bedeuten? Einigen Menschen wurde großes Unrecht
zugefügt, das wußte sie. Die Zivilverwaltung, die Banken und eine
Anzahl von Körperschaften hatten sich der widerrechtlichen
Machtergreifung der Duma durch Streiks entgegengestellt. Es war
immer noch damit zu rechnen, daß Streitkräfte gegen die
Bolscheviken eingesetzt werden würden. Die Petrograder Börse hatte
überhaupt nicht reagiert; die Preise blieben stabil. Als erste
Maßnahme verkündete die neue Gruppe, daß aller Besitz unter den
Bauern aufgeteilt werden solle, doch das stand ja ohnehin schon
fest. Frau Suvorin wußte sehr wohl, daß die Bauern den Besitz in
Russka bereits besetzt hatten. Damit hatte sie sich
abgefunden.
Wie aber stand es mit den beteiligten Männern? Über Lenin
wußte sie Bescheid, auch über Trotzki, dachte sie. Sie fürchtete
die beiden. Lunatscharskij dagegen, den Kultusminister, hatte sie
kennengelernt und fand ihn gebildet und sympathisch. Andere Namen
sagten ihr weniger. Einer vor allem, ein gewisser Stalin,
Vorsitzender des Kommissariats für Nationalitätenfragen, war ihr
gänzlich unbekannt.
Das führte ihre Gedanken zurück zu Popov. Selbst nach nunmehr
zehn Jahren kannte sie ihn nicht wirklich. Manchmal hatte sie einen
warm empfindenden Menschen in ihm entdeckt, dann wiederum hatte sie
das Gefühl, er könnte unbarmherzig töten. Und ohne zu zögern, würde
er lügen.
»Was wollt ihr denn gegen die Konstituierende Versammlung
unternehmen?«
Er blickte sie überrascht an. »Die Wahlen sind schon
anberaumt.«
»Werden sie stattfinden?«
»Selbstverständlich.«
»Nichts ist selbstverständlich. Woher soll ich denn wissen,
daß dein Lenin kein Diktator ist?«
»Du hast mein Wort darauf.« Popov sah sie sehr ernst an. »Ich
versichere dir, daß die Konstituierende Versammlung einberufen
wird. Es ist ein Teil unseres Programms. Alle Entscheidungen dieser
Regierung, die Landverteilung und alles andere, hängen von der
Ratifizierung durch die Versammlung ab.«
»Kannst du das versprechen?«
»Das tue ich.«
1918
Am 5. Januar dieses Jahres trat die
Konstituierende Versammlung in Petrograd zusammen. Da die Wahl
gleich nach dem bolschevikischen Putsch stattgefunden hatte, war
kaum zu widerlegen, daß die Ergebnisse den Willen des Volkes unter
den derzeitigen Umständen widerspiegelten.
Von den 707 Mitgliedern gehörte die größte Gruppe mit 370
Mitgliedern der Bauernpartei, den Sozialrevolutionären, an. Die
Bolscheviken mit 170 Mitgliedern wurden den kleineren Parteien
zugerechnet. Auch die Menscheviken bildeten eine Partei; über
hundert Mitglieder gehörten Randgruppen an oder waren an keine
Partei gebunden. Die regierenden Bolscheviken waren mit nur 24
Prozent der Wählerstimmen in der absoluten Minderheit.
Die Konstituierende Versammlung beriet einen Tag lang. Lenin
verfolgte das Geschehen von einem Balkon aus. Die Versammlung
weigerte sich, die bolschevikische Regierung als höchste Macht
anzuerkennen oder sich den Entscheidungen der Sowjets zu beugen.
Noch an diesem Abend löste Lenin sie mit einem militärischen
Aufgebot auf.
So erfreute sich Rußland, nach Jahrhunderten zaristischer
Herrschaft und nach den Februar- und Oktoberrevolutionen, nur einen
einzigen Tag der Demokratie. Popov unterrichtete Frau Suvorin
schriftlich von der Entwicklung.
»Es ist schade, aber« – hier gebrauchte er eine ehemals
liebevolle Titulierung des Zaren, die nun auf Lenin angewandt wurde
–, »Väterchen mag die Demokratie einfach nicht.« Frau Suvorins
Antwort an Jevgenij Popov lautete: »Du hast gelogen. Du hast es
vorher schon gewußt. Es war alles geplant. Komme nie wieder
hierher!«
Für die beiden Bobrovs war es an der Zeit
wegzugehen; das stand fest. »Es sieht so aus, als würden wir im
modernen Zeitalter nicht mehr gebraucht«, meinte Alexander
lakonisch. Das neue Zeitalter hatte, auch was den Kalender
betrifft, begonnen, und zwar offiziell mit dem 31. Januar; denn am
1. Februar 1918 glich sich Rußland durch Regierungsbeschluß dem
westlichen, dem Gregorianischen Kalender an und war somit nicht
länger dreizehn Tage hinter der übrigen Welt zurück. Trotzdem löste
sich Rußland, so sah es zumindest Alexander, auf die merkwürdigste
Weise auf.
Es herrschte weder Krieg noch Frieden. Es war ein
Waffenstillstand mit Deutschland unterzeichnet worden, doch den von
Trotzki ausgearbeiteten Bedingungen mußte noch zugestimmt werden.
Die europäische Revolution, auf die einige, auch Lenin, gehofft
hatten, blieb offenbar aus, und es gab alle Anzeichen dafür, daß
das alte russische Reich auseinanderfiel. Im Norden hatten
Finnland, Litauen und Lettland bereits ihre Unabhängigkeit erklärt.
Polen im Westen würde mit Sicherheit verlorengehen. Im Süden war
die formale Staatsgewalt über die Ukraine zusammengebrochen.
Während aber die Bolscheviken versuchten, dort Macht auszuüben,
hatten die ukrainischen Nationalisten bereits einen neuen
ukrainischen Staat ausgerufen.
Das Land gehörte dem Volk. Das Programm zur Verstaatlichung
der Industrie wurde in Angriff genommen, und der orthodoxen Kirche
wurde mitgeteilt, daß ihr gesamter Besitz konfisziert werde und sie
alle Rechte verliere. »Innerhalb von sechs Monaten bauen wir einen
sozialistischen Staat auf«, erklärte Lenin. Es sah so aus, als
sollte er Erfolg haben.
Auch wenn die Bolscheviken immer noch eine Minderheit
darstellten, so waren sie doch zu allem entschlossen. Die
Opposition war in keiner Weise organisiert. Lenin hatte einige
Extremisten der Bauernpartei, die Terroristen, in seine Regierung
eingeschleust, damit sie sich nicht gegen ihn stellten.
Rotgardisten und andere Einheiten standen überall. In den Fabriken
bildeten sich bolschevikische Zellen; und, was für die Bobrovs von
großer Bedeutung war: In den vergangenen zwei Monaten war eine neue
Organisation unter der Führung eines kaltblütigen Burschen namens
Dserschinskij, die Tscheka, aktiv geworden.
Die Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen
konterrevolutionäre Umtriebe, Sabotageakte und Dienstvergehen war
ein höchst erfolgreiches Organ. Es war erstaunlich, was es alles
herausfand. Anscheinend hatte sich eine Reihe politischer Gegner
der Bolscheviken des politischen Aufruhrs schuldig gemacht,
darunter viele der liberalen Kadetten. Sie wurden zu Volksfeinden
erklärt. Nikolaj Bobrov hatte soeben erfahren, daß er
dazugehörte.
Alexander Bobrov ging langsam, gedankenverloren, vor sich hin.
Er trug einen alten Mantel, eine Arbeitermütze und schwere Stiefel.
Vor einem Monat hatte er sich entschlossen, sich wie ein Arbeiter
zu kleiden. Sein Vater hatte sich versteckt. Ihre Flucht war von
Vladimir Suvorin vorbereitet worden. Frau Suvorin sollte zuerst
nach Finnland reisen und von dort aus in Etappen nach Paris, wo
Vladimirs Sohn sie erwartete. Die beiden Bobrovs sollten sie, als
Arbeiter verkleidet, begleiten. »Haltet euch bis zur Abreise
versteckt«, riet Vladimir.
Vladimir Suvorin, der Industrielle, befand sich in einer
seltsamen Situation. Obwohl die Bolscheviken die gesamte Industrie
verstaatlichen wollten, wußten sie nicht genau, was sie mit Männern
wie Suvorin anfangen sollten. Wenn er mit seinem Wissen und seinen
Verbindungen mitmachte, war er für sie vielleicht von Nutzen.
»Sie wissen, daß Industrie und Finanzen weiterhin
funktionieren müssen«, erklärte Vladimir Alexander. »Ich habe ja
auch einen Freund im Kultusministerium, Lunatscharskij. Trotz allem
glaube ich, daß ich dir in einigen Monaten folgen werde.« Nadeschda
hatte trotz der Einwände des Vaters darauf bestanden, bei ihm zu
bleiben, und Alexander war gerade eine Stunde zuvor gekommen, um
sich von ihr zu verabschieden. Seit der Zeit in Russka, als er sich
dort von seiner Verwundung erholte, waren sie einander sehr nahe
gekommen. Zweimal hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, doch in
all den Veränderungen, die um sie her geschahen, hatte sie ihn nur
gebeten: »Nicht jetzt!« Alexander rechnete damit, daß sie und
Vladimir innerhalb des nächsten Jahres nach Westeuropa kommen
würden. »Paß auf dich auf, mein Aljoscha«, sagte sie und gab ihm
zum Abschied einen innigen Kuß.
»Hast du 'nen Glimmstengel?« Der Soldat stand vor ihm und sah
ihn von unten herauf an.
Alexander nahm nur wahr, daß noch sechs oder sieben weitere
Soldaten herumstanden. Rotgardisten, die ihn beobachteten.
Derjenige, der ihn angesprochen hatte, hatte ein unangenehmes
Gesicht.
»Er will also eine Zigarette?« fragte er irritiert. »Leider,
ich rauche nicht.« Und damit wollte er seinen Weg fortsetzen. Was,
zum Teufel, war mit dem Kerl los? Der packte ihn plötzlich am
Mantel, und sein anfangs erwartungsvoller Blick war nun böse. Er
rief die anderen Gardisten herbei, die auf ihn zukamen, wobei einer
sein Gewehr entsicherte.
Da wurde Alexander die Situation klar. Er hatte vergessen,
seine Stimme zu verstellen, die die unverwechselbare Färbung der
oberen Klasse besaß. Er hatte den Mann mit einer gewissen Arroganz
angesprochen. Das schlimmste war, daß er dabei die Anrede »Er«
benutzt hatte, die zwischen Offizieren und ihren Untergebenen
üblich war.
»Ich bin Offizier. Wie heißt du?«
»Ivanov. Ich bin kein Offizier.«
»Aber du warst doch einer, nicht wahr? Ich habe das Gefühl,
Jungs, daß wir hier einen Gegner vor uns haben. Du denkst wohl, daß
du ein muschik bist, oder?«
Alexander krümmte sich vor Schmerzen, als ihm plötzlich der
Gewehrkolben in den Magen gestoßen wurde. Er ging zu Boden. »Was
machen wir jetzt mit ihm, Jungs?«
»Vielleicht mal durchsuchen.«
»Ich glaube, du möchtest dich gern mal mit der Tscheka
unterhalten«, meinte der erste lachend. »Auf mit dir, Baron. Kommt
schon, Exzellenz!«
Alexander rappelte sich hoch. Gott sei Dank hatte er keine
Papiere bei sich. »Ich heiße Ivanov«, sagte er schwach. Da rief
einer der Soldaten: »Hier ist der Mann, den wir brauchen. Er ist
vom Komitee. Fragen wir ihn doch!« Als Alexander hochblickte, stand
da Jevgenij Popov, der ihn erstaunt ansah.
»Behauptet, er heißt Ivanov«, sagte der erste Soldat. Ein paar
lange Sekunden schwieg Popov. Seine grünen Augen ruhten auf
Alexander. Endlich sagte er: »Dieser Mann ist ein guter Bolschevik,
Kameraden. Er ist einer von uns.«
»Aber er spricht wie ein feiner Mann«, widersprach der Soldat.
Popov lächelte. »Habt ihr schon einmal Vladimir Iljitsch sprechen
hören?«
Es gab immer wieder Anlaß zur Heiterkeit, daß Lenin seine
Schmähreden gegen die kapitalistischen Klassen in einer Sprache
hielt, die deutlich der oberen Mittelschicht eigen war. »Außerdem
gibt es Offiziere, die in der kaiserlichen Armee gedient haben,
Genosse, und jetzt treue Bolscheviken sind. Wir erschießen sie
einfach, wenn sie es nicht sind«, fügte Popov aufgeräumt hinzu. Die
Männer sahen ihn voller Zweifel an. »Bist du sicher, Genosse?«
Popov zuckte die Achseln. »Fragt ihn doch«, antwortete er. Später
überlegte Alexander oft, wie er die folgenden Minuten
durchgestanden hatte. »Ich heiße Alexander Pavlovitsch Ivanov«,
begann er langsam. Er berichtete, daß er im Kampf verwundet worden
sei, daß er bei seiner Rückkehr über das alte Regime verärgert war
und sich sofort nach der Oktoberrevolution in den Dienst der
Bolscheviken gestellt habe. »Ich habe kein Geld bekommen, und
leider bin ich immer noch nicht ganz gesund.« Er wollte ihnen seine
Verwundungen zeigen.
»Es lebe die Revolution!« sagte Popov leise. »Es lebe die
Revolution!« wiederholte Alexander. »Ihr habt ihn gehört«, wandte
Popov sich an die Soldaten. »Ich bürge für ihn.«
»Na schön, wenn du einer von uns bist«, sagte der erste
Soldat, schlug Alexander auf den Rücken, und die Soldaten machten
sich davon.
Als Alexander dastand und sich von Popov beobachtet fühlte,
wurde ihm übel. Es war nicht nur der Stoß mit dem Gewehrkolben,
auch nicht Furcht; es war die Demütigung, sich vor dem Mann, den er
am meisten auf der Welt haßte und verachtete, zu diesen
pathetischen Lügen erniedrigt zu haben. Widerstrebend trafen sich
ihre Blicke. »Warum hast du das getan?« fragte Alexander
schließlich. Popov schwieg. Offensichtlich überlegte auch er.
»Erinnerst du dich, daß du mich einmal einen Lügner genannt hast?«
fragte er nach einer Weile. »Ich benutzte auch einen falschen
Namen. Das hat dich geärgert, weißt du noch? Du hast mich auch als
Feigling bezeichnet, fällt mir da ein.« Er nickte langsam. »Und
warum hast du eben jetzt so überzeugend gelogen, Alexander
Nikolajevitsch? Ich werde es dir sagen. Du hast es nicht für ein
bestimmtes Anliegen getan. Du hast kein Anliegen. Du wolltest nur
deine Haut retten.« Alexander konnte es nicht abstreiten.
»Ich wollte es nur mal sehen«, sagte Popov sehr ruhig. »Es war
interessant, das zu beobachten. Morgen oder übermorgen oder
irgendwann wird man dich kriegen. Und dann rette ich dich nicht.
Inzwischen aber wirst du erfahren, daß du nicht besser bist als
ich, im Gegenteil, du bist schlimmer. Du bist ein Nichts.« Damit
drehte er sich um und ging davon.
Alexander blickte hinter ihm her und überlegte, ob Popov wohl
recht habe. Am folgenden Tag brachen die Bobrovs nach Finnland
auf.
In den letzten Monaten waren mit Vladimir
Suvorin große Veränderungen vor sich gegangen.
Einen Schwächeren hätten die Ereignisse jenes Frühlings wohl
zerbrochen.
Eine Woche nach der Abreise seiner Frau wurde er vor die
Tscheka gerufen und nach ihrem Aufenthalt gefragt. Er erklärte in
aller Offenheit, sie sei nach Finnland gereist. »Wir schätzen Ihr
Vermögen auf fünfundzwanzig Millionen Rubel«, bemerkte einer der
Männer. »Was haben Sie dazu zu sagen?«
»Ich wußte nicht, daß ich so viel besitze«, antwortete
Vladimir höflich und wahrheitsgemäß. »Das wird auch nicht mehr
lange so sein.«
Im März des Jahres 1918 wurde Vladimir mitgeteilt, daß sein
Jugendstilhaus nunmehr dem Staat gehöre; zwei Tage darauf wurde es
zum Museum umfunktioniert. Im April übernahm man Suvorins Fabriken
in Russka und Ende Mai seine Moskauer Betriebe. Im Juni hatte
Vladimir keinerlei Befugnisse mehr. Da er nie besonderes Interesse
an Geschäften außerhalb Rußlands gehabt hatte, sofern es sich nicht
um Kunst handelte, hatte er auch nie im Ausland investiert.
Suvorins einzige Standorte befanden sich in London und Paris, wo
sein Sohn und er erworbene Kunstgegenstände lagerten. Außerdem gab
es im Ausland genügend Mittel, von denen Frau Suvorin eine Zeitlang
leben konnte. Nun also war Vladimir ein armer Mann.
Er wurde allerdings nicht persönlich schikaniert. Als sein
Haus zum Museum gemacht wurde, erhielt er den persönlichen Besuch
von Minister Lunatscharskij, einem zuvorkommenden Mann, der
sogleich zur Sache kam: »Das Museum braucht einen Kustos, mein
Lieber. Wer wäre besser geeignet als Sie? Nadeschda kann Ihre
Stellvertreterin werden.«
Die Suvorins erhielten die Erlaubnis, die kleine Wohnung an
der Rückseite des Hauses zu beziehen, die früher der Hausmeister
bewohnt hatte. So kam es, daß Vladimir täglich Arbeitergruppen
würdevoll durch die Räume führte. Nadeschda ihrerseits versuchte,
Bäuerinnen etwas über Picasso zu erzählen, oder aber sie wischte
den Boden.
Die Katastrophen seines Lebens zeigten ihre Spuren auch an
Vladimirs äußerer Erscheinung. Er verlor an Gewicht, so daß die
Kleider viel zu weit um seine hohe Gestalt hingen, und sein Gesicht
schien um Jahre gealtert. Der Unterkiefer wirkte länger, die Augen
lagen tiefer in den Höhlen, die Nase wurde länger und zugleich
fleischiger. Schließlich sah Vladimir genauso aus wie sein
Großvater, Sawa Suvorin.
Er beobachtete die Ereignisse sehr genau. Im Frühjahr hatte
sich eine wichtige Entwicklung abgezeichnet, die seinen neuen
Status stützen oder zerbrechen konnte: Unter Lenins unmittelbarer
Leitung war mit Deutschland in Brest-Litovsk ein Friedensvertrag
unterzeichnet worden, der alle deutschen Ansprüche erfüllte. Polen,
Litauen, Estland und Lettland hatte Rußland abzutreten, ferner
mußte man Finnland und die Ukraine als unabhängige Staaten
anerkennen. Das war im Hinblick auf landwirtschaftliche Reserven
und Erzvorkommen ein verheerender Verlust. Da Rußland nun nicht
mehr der tatsächliche Verbündete der Westmächte war, veranlaßte der
Friedensvertrag diese zu einem sehr genauen Blick auf die neue
sozialistische Regierung, deren Führer sich lange und intensiv mit
der Frage einer Weltrevolution beschäftigt hatten. Im Sommer hatte
britisches Militär bereits einen Brückenkopf im hohen Norden
errichtet, und bald darauf waren japanische Truppen im fernen
Vladivostok an der Pazifikküste gelandet. Auch andere Streitmächte
waren nicht untätig. Weit unten im Süden bereiteten sich die
Don-Kosaken auf einen Widerstand gegen die Bolscheviken vor.
Weitere Oppositionsgruppen sammelten sich im Osten jenseits der
Wolga. Der sichtlich beunruhigte Lenin war emsig damit beschäftigt,
eine neue Rote Armee aufzustellen. »Es wird zum Bürgerkrieg
kommen«, sagte Vladimir zu Nadeschda. Er beobachtete still, sehr
aufmerksam. Der Juni ging vorüber, dann der Juli. Ende Juli kam die
Nachricht, die auch über Vladimirs Schicksal entschied. Man hatte
den Zaren erschossen.
Dimitrij sah nachdenklich von seinem Onkel Vladimir zu seinem
Vater. Zum erstenmal spürte er eine Spannung zwischen ihnen.
Merkwürdiger noch war, daß sein Vater in fast schneidendem Ton mit
seinem Bruder sprach: »Ich bin überrascht, daß du mir vorzuschlagen
wagst, ich solle mein Land verlassen.« Vorsichtig und mit großer
Geduld hatte Vladimir seine Absichten deutlich zu machen versucht.
Da war einerseits der wachsende Terror seitens der Tscheka,
andererseits die Gefahr von außen. »Es gibt nur zwei Lösungen, wenn
ein Regime in einer solchen Lage ist«, argumentierte er. »Entweder
wird es gestürzt, oder es baut eine Diktatur auf. Wenn du mich
fragst: Ich bin jetzt sicher, daß die Bolscheviken an der Macht
bleiben. Der Mord am Zaren setzt ein Zeichen für ihre Absichten.
Sie werden standhalten und kämpfen. Ich jedenfalls werde dabei
zugrunde gehen.« Professor Suvorin war nicht sonderlich am
Schicksal des Zaren interessiert. Vladimir betrachtete seinen
Bruder und dachte, daß Peter manchmal überraschend ignorant sei.
Was hatte Sawa nur aus Peter gemacht? Verglichen mit Vladimirs
tiefem, weit gespanntem Geist dachte sein Bruder, wenn auch auf
seine Art brillant, eher oberflächlich. Er hatte ihn gründlich über
die Ereignisse der vergangenen Monate ausgefragt: über die
bolschevikische Machtergreifung, die Amtsenthebung gemäßigter
Sozialisten wie des Professors selbst. All das, gab Peter zu, hatte
ihn sehr erregt. »Letzten Endes mußte es vielleicht so kommen,
sieht du das nicht, Vladimir? Wir haben eine Revolution; das ist
doch der entscheidende Punkt.« Sein Lächeln, der kindlich-klare
Blick seiner Augen veranlaßte Vladimir zu der mürrischen Bemerkung:
»Vielleicht täusche ich mich, aber ich glaube, du siehst nur das,
was du sehen willst.« Warum nur drängt mich Onkel Vladimir dermaßen
zur Abreise, obwohl mein Vater dagegen ist? überlegte Dimitrij. Ich
habe nicht die geringste Lust fortzugehen.
Die letzten Monate waren aufregend gewesen. In der gärenden
Revolution gingen die Künstler der Avantgarde auf die Straße.
Plakate und Proklamationen wurden von Dichtern wie Majakovskij
unterzeichnet. »Jeder Künstler ist ein Revolutionär, und jeder
Revolutionär ist ein Künstler«, hatte einer von Dimitrijs jungen
Freunden erklärt. Karpenko malte fleißig, und er, Dimitrij, würde
sie alle mit seiner neuen Symphonie überraschen – eine Hymne auf
die Revolution. Wie sollte er da den Wunsch haben, abzureisen? Als
Peter schließlich das Zimmer verlassen hatte, erklärte Vladimir
offen: »Ich muß dich bitten, mit nach Kiev zu kommen, Dimitrij,
denn ich habe es deiner Mutter lange vor ihrem Tod
versprochen.«
»Aber warum bestand sie nur darauf?«
Vladimir seufzte. »Sie hatte geträumt, dir werde etwas
geschehen, wenn du bleibst.«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Ich kann meinen Vater nicht
verlassen – ich möchte auch selbst nicht fort von hier. Außerdem
hat meine Mutter immer gesagt, daß ich ein Musiker sein
werde.«
Vladimir gab auf. Nur Karpenko erklärte sich mit der Abreise
einverstanden. Ruhig sagte er: »Ich fahre mit Ihnen nach Kiev. Ich
möchte nach Hause.«
Am nächsten Tag bat Dimitrij seinen Vater um einen Gefallen.
Mit der Symphonie an die Revolution kam er gut voran. In dem
langsamen Satz wollte er etwas einbauen, das er bereits komponiert
und orchestriert hatte, als er zwei Jahre zuvor auf dem Land
gearbeitet hatte. »Wahrscheinlich habe ich es in Russka in Onkel
Vladimirs Haus liegengelassen. Wie ich höre, geht kaum jemand
dorthin, und so wird es wohl noch dort sein. Aber ich habe keine
Zeit hinzufahren.«
Peter lächelte. »Das erledige ich gern für dich.« Nadeschda
hatte sich längst an ihr neues Leben gewöhnt. Sie hatte die
einfachen Arbeiter gern, die sie im Haus herumführte. Es machte ihr
auch nichts aus, wenn sie ihr beim Putzen zusahen. Aus reiner
Bequemlichkeit kleidete sie sich häufig wie eine Bäuerin, mit einem
Schal um den Kopf. Vor allem war es schön für sie zu wissen, daß
sie in der großen Lebenskrise ihres Vaters an seiner Seite war. Sie
dachte bitter an ihre Mutter: Ich wenigstens bleibe bei ihm! Das
Erscheinen Jevgenij Popovs verärgerte sie allerdings. Zwei- bis
dreimal kam er wöchentlich vorbei, inspizierte neugierig das Haus,
warf einen Blick in ihre Wohnung und verschwand mit einem kurzen
Nicken. »Ich hätte Lust, ihm die Türe vor der Nase zuzuschlagen«,
sagte sie einmal erbost zu ihrem Vater, aber er meinte nur ruhig:
»Du darfst einen Mann wie ihn nicht erzürnen. In solchen Zeiten ist
er gefährlich.«
Wußte ihr Vater über Popov und ihre Mutter Bescheid? Sie
vermutete es, hatte jedoch nie danach gefragt. Wie konnte es dieser
Mensch nur wagen, herzukommen und ihren Vater in seiner Armut zu
beobachten? Es war also verständlich, daß sie davon träumte, den
Eindringling endlich loszuwerden. Und daher freute sie sich auf die
Abreise. Vladimirs Fluchtplan war einfach. Er hatte festgestellt,
daß auf dem Bemskij-Bahnhof zu bestimmten Zeiten das reine Chaos
herrschte. Von dieser Station fuhren die Züge an die ukrainische
Grenze ab. Noch war es nicht allzu schwierig, gefälschte Papiere zu
bekommen. Wichtig war, daß Vladimir unerkannt blieb. Der Plan wurde
geheimgehalten. Als das Datum feststand, durften es nicht einmal
Dimitrij oder Peter erfahren. Am Nachmittag vor ihrer Abreise kam
Popov wieder einmal vorbei. Er machte seine übliche
Inspektionsrunde, sah sich auch gründlich in der Wohnung um, wo er
Nadeschda allein vorfand. Sicher wäre er schnell wieder gegangen,
hätte sie nicht diese Bemerkung gemacht: »Willst du wieder wie
üblich glotzen? Niemand hat etwas gestohlen, außer natürlich, du
hättest gestohlen.«
Er blickte sie erstaunt an. »Vielleicht solltest du zu einem
Volkskommissar etwas freundlicher sein. Aber ich weiß ja, du magst
mich nicht.«
Sie zuckte die Achseln, und da sie wußte, sie würde abreisen,
ließ sie unvorsichtigerweise ihren Gefühlen freien Lauf. »Sicher
bist du ein Dieb. Ich kann mir auch vorstellen, daß du ein Mörder
wärst. Und du hast versucht, meinem Vater meine Mutter wegzunehmen.
Ich kann nicht anders – ich muß dich verachten.« Popov schwieg
längere Zeit und dachte nach. Doch warum sollte dieses unverschämte
Mädchen nicht einfach die Wahrheit erfahren? Also erzählte er ihr
von Vladimir. Dann ging er. Nadeschda blieb blaß und wie gelähmt
auf ihrem Stuhl sitzen. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie hatte
natürlich von solchen Dingen schon gehört. Aber ihr Vater – dieser
wunderbare Mann, den sie angebetet und zu dem sie ihr Leben lang
aufgesehen hatte! Sie war so erschüttert, daß sie nicht einmal
weinen konnte. Sie redete sich ein, daß es nicht wahr sei. Am
frühen Abend kam Dimitrij vorbei, und sie fragte ihn mit gespielter
Leichtigkeit: »Also, weißt du über meinen Vater und Karpenko
Bescheid?« Die Frage traf ihn so unvorbereitet, daß er rot anlief
und heiser hervorstieß: »Wie, zum Teufel, hast du das
erfahren?«
Es war Abend. Um das Risiko der Entdeckung zu vermindern,
betraten sie den überfüllten Bemskij-Bahnhof einzeln. Vladimir sah
mit seinem gegürteten Bauernkittel, einen Sack über die Schulter
geworfen, wie ein russischer muschik aus, genau wie sein
Großvater Sawa, als er den Bahnsteig entlangschritt. Wenige Minuten
später bestieg auch ein schüchternes junges Bauernpärchen den Zug.
Karpenko war freudig erregt. Erstens war die ganze Sache ein
Abenteuer; zweitens würde er zum erstenmal seit einem Jahr seine
Familie wiedersehen, und drittens kehrte er in die geliebte Ukraine
zurück. Es war Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Das mit der
Revolution war ja ganz in Ordnung. Er hatte sie wie jeder andere
unterstützt. Aber wie konnte er gutheißen, wie sie mit seiner
Heimat umgingen? Die Bolscheviken hatten weder für das ukrainische
Volk noch für seine Sprache etwas übrig. Anfang des Jahres hatte
der Chef der Tscheka in Kiev Leute auf der Straße erschossen, wenn
er sie Ukrainisch sprechen hörte. Wie hätte ein Karpenko das
einfach hinnehmen können?
Es fiel ihm auf, daß Nadeschda angespannt und unruhig wirkte,
aber er dachte nicht weiter darüber nach. Schließlich ging er zu
Vladimir in den anderen Wagen, um ihm mitzuteilen, daß sie alle
sicher im Zug seien. Nadeschda meinte, er solle ruhig bei ihrem
Vater bleiben. »Ich möchte heute nacht allein sein«, sagte sie nur.
So bemerkte Karpenko nicht, daß das Mädchen einige Minuten vor der
Abfahrt den Zug verließ.
Popov hatte es eilig. Er hatte einen Militärwagen organisiert,
der ihn zum Haus der Suvorins brachte; nun ließ er sich rasch
weiterfahren. Wie hatte er nur so dumm sein können! Nadeschda hatte
es nur deshalb gewagt, ihn zu beleidigen, weil sie wußte, daß sie
ihn nie wiedersehen würde.
Zwei Möglichkeiten, die Stadt zu verlassen, lagen für die
Suvorins auf der Hand. Welche Spur sollte er aufnehmen? Popov warf
eine Münze. Mit tränenblinden Augen ging Nadeschda den Bahnsteig
entlang.
Seit dem gestrigen Abend hatte sie sich unglaublich
beherrscht. Sie hatte den Vater bei seiner Rückkehr wie üblich
geküßt. Am Morgen hatte sie noch einige Fabrikarbeiter durchs
Museum geführt, abends dann, wie geplant, das große Haus
verschlossen, sich wie eine Bäuerin gekleidet und war
hinausgeschlüpft, um Karpenko zu treffen. Doch sie wollte nicht mit
ihnen abreisen, mit ihrem Vater und seinem Geliebten. Sie würde
diese geheime Schande, diesen Betrug nicht mit ihnen teilen, der
sich wie ein furchtbar tiefer und dunkler Abgrund vor ihr auftat.
Es war entsetzlich – viel schlimmer als der finanzielle Ruin, der
sie getroffen hatte. Alles, woran sie geglaubt hatte, war
zerbrochen.
Was würde nun aus ihr werden? Vielleicht ließ man sie weiter
im Museum arbeiten, oder Onkel Peter und Dimitrij würden ihr
helfen. Oder Popov würde sie erschießen lassen. Was auch immer
geschehen würde, es war ihr egal.
Sie war am Ende des Bahnsteigs angelangt. Gleichgültig hörte
sie das Pfeifen. Da stieß plötzlich jemand sie an, hielt sie fest.
Es war Popov. Auch noch Jahre danach begriff sie nicht, was dann
geschehen war. Popov, der verhaßte Mann, hielt sie fest in seinen
Armen. Popov, erstaunlich sanft und doch bestimmt, drehte sie um,
zwang sie, den Bahnsteig wieder zurückzugehen. Seine Stimme war an
ihrem Haar. »Bist du ihnen davongelaufen, schönes Kind? Weil ich
dir das erzählt habe, nicht wahr? Ich glaube schon. Sag nichts!
Glaub mir, es gibt viel Schlimmeres. Er ist nicht so übel, dein
Vater. Da sind wir schon.«
Er führte sie am Zug entlang und sah in jedes Abteilfenster.
Er würde die beiden entdecken. O Gott, was hatte sie angerichtet!
Sie versuchte sich loszureißen.
»Flieg mir nicht weg, Vögelchen. Ach, da sind sie ja.« Er
öffnete die Waggontür. Sie sah wie durch einen Schleier ihren Vater
und Karpenko. Popov murmelte etwas. Etwas über ihre Mutter. Was
sollte sie ihr ausrichten? Daß er sie liebe? Da wurde sie in den
Waggon, in die Arme ihres Vaters gestoßen, und die Tür schlug
geräuschvoll zu. Der Zug setzte sich mit einem Ruck in
Bewegung.
Popov blickte mit verlegenem Lächeln hinterher. Monatelang war
er in dieses Haus gegangen, um zu sehen, ob das Mädchen sicher war,
ob es ihm gutgehe. Es war albern von ihm gewesen, auf sie böse zu
sein. Als ihm klar wurde, daß die Suvorins an Flucht dachten, hatte
er zunächst beabsichtigt, sie zu verhaften. Doch dann hatte er
seine Meinung geändert. Warum sollte er das nicht zugeben? Es war
der Anblick dieses verrückten weinenden Mädchens gewesen. Moskau
war kein Ort für sie. Sollte sie doch wegfahren; sollte der Vater
sie doch dorthin mitnehmen, wohin sie gehörte! Zu Frau Suvorin.
Frau Suvorin – jene einzige Insel der Liebe, der er in vielen
Jahren auf dem großen Strom begegnet war, auf dem Strom, der ihn
mächtig und unerbittlich mit sich führte. Popov erlaubte sich
selten eine Schwäche. Vielleicht würde er nie mehr aus der harten
schützenden Hülle heraustreten, die sich wie ein Panzer um ihn
herum gebildet hatte. Frau Suvorin und seine letzte Verbindung zu
ihr waren aus seinem Leben verschwunden. Jetzt gab es nur noch die
Revolution. Schließlich hatte er sein Leben lang dafür
gelebt.
Niemand konnte je klären, was mit Peter
Suvorin geschehen war. An einem Tag Ende Juli wurde er in Russka
gesehen. Von dort ging er ins Dorf und fragte den Dorfältesten, ob
man ihn in das große Haus einlasse.
Einige in der Nähe stehende Leute erinnerten sich später an
die Überraschung des Ältesten, Boris Romanov, als Suvorin seinen
Namen nannte. Romanov zeigte sich dann sofort sehr hilfreich. Er
führte Peter ins Haus und half ihm den Stoß Papiere suchen, nach
dem er forschte, Noten, die in einem Schrank eingeschlossen waren.
Dann begleitete Romanov den Fremden persönlich durch den Wald nach
Russka. Danach wurde er nicht mehr gesehen, es wurde auch nie eine
Spur von ihm gefunden.
Dimitrij Suvorin vollendete den herrlichen langsamen Satz
seiner Revolutionssymphonie aus dem Gedächtnis. Er widmete sie
selbstverständlich seinem Vater.
Der kleine Ivan beobachtete die Ankunft der
Roten Armee sehr aufmerksam. Sie hatten zwei politische Kommissare
dabei, von denen der Ältere ein ziemlich wichtiger Mann zu sein
schien. Der Kommissar und sein Onkel Boris. Ivan war gespannt, wer
der Stärkere sein würde.
Das Dorf hatte sich sorgfältig vorbereitet. Eine Woche zuvor,
Anfang August, hatten Männer und Frauen das Getreide in neue
Verstecke gebracht. Weil er mit seiner Mutter oben in dem großen
Haus wohnte und sein Onkel Arina haßte, wurden sie nicht
aufgefordert, teilzunehmen. Aber Ivan war hinausgeschlüpft und
hatte die Vorgänge mit angesehen. Zwei Lager befanden sich unter
der Erde am Waldrand. Noch klüger versteckt waren zwei versiegelte
Behälter, die man ein Stück flußaufwärts im Wasser versenkt hatte.
Ein Rest Getreide lag noch gut sichtbar in einem großen Lagerhaus
am Ende des Dorfes. »Das können die Räuber ruhig mitnehmen«, hatte
Onkel Boris gemeint.
In ganz Rußland schwelte Empörung auf dem Lande. Eine Woche
zuvor hatten die Leute in einem Weiler zwei bolschevikische Beamte
mit Mistgabeln verjagt und einen dritten getötet. Im vergangenen
Jahr hatte die Provisorische Regierung verfügt, daß alles
überschüssige Getreide zu Festpreisen an die Regierung verkauft
werden müsse. Doch da die Preise niedrig waren, hatten die meisten
Bauern diese Verordnung ignoriert. Nun behaupteten die Bolscheviken
– oder Kommunisten, wie sie sich inzwischen nannten –, das sei
Spekulation, und die Tscheka-Offiziere hatten Leute
gefangengenommen und erschossen. »Sie bezahlen sechzehn Rubel für
ein pud Roggen. Wißt ihr, was ich dafür in Moskau bekommen
würde? Fast dreihundert Rubel!« wetterte Boris. »Sollen sie nur
kommen und sehen, was sie finden können.«
Da kamen sie: dreißig bewaffnete Männer, in ziemlich
schmutzigen Uniformen. An ihrer Spitze gingen zwei Gestalten in
Ledermänteln, der eine jung, der andere vielleicht sechzig, mit
grauem Haar, das einen rötlichen Schimmer hatte. Als sie näher
kamen, hörte Ivan seinen Onkel murmeln: »Verdammt, das ist doch
dieser verfluchte Rotschopf!«
Popov näherte sich dem Ort ohne sentimentale Regungen. Er kam
nur in diese Gegend, weil Lenin persönlich ihm das aufgetragen
hatte. Er hatte doppelte Order: Getreide einzukaufen und die
Dorfbewohner zur Räson zu bringen. Lenin hatte es präzise
formuliert.
Popov lächelte grimmig, als er an seine Erfahrungen hier in
früherer Zeit dachte. Wer war ein Kulak – ein erfolgreicher Bauer?
Seiner Ansicht nach waren alle Bauern pétits bourgeois. Es
war an der Zeit, mit eisernem Besen zu kehren.
Nun standen Popov und der Dorfälteste einander gegenüber.
Falls sie einander tatsächlich erkannten, ließen sie es sich nicht
anmerken.
»Wo ist das Getreide?« fragte Popov leise. »Dort drüben,
Genosse Kommissar.« Boris deutete auf das Lagerhaus.
Popov warf nicht einmal einen Blick dorthin. »Durchsucht das
Dorf«, befahl er den Soldaten barsch.
Die beiden Kommissare gingen durchs Dorf, inspizierten die
Hütten, begleitet von Boris, der sich, so schien es, beeilte, ihnen
alles zu zeigen. Ivan hatte seinen stämmigen, arroganten Onkel noch
nie in einer solchen Situation gesehen: Er verneigte sich und
machte Kratzfüße wie ein Kneipenwirt aus früheren Tagen, und er
titulierte Popov »Genosse Kommissar«. Doch Popovs Gesicht glich
einer Maske.
»Nichts, Kommissar« berichtete der Feldwebel. Popov wandte
sich an Boris mit der Frage: »Was ist dort oben in dem großen
Haus?«
»Nichts Besonderes, geschätzter Genosse Kommissar. Nur seine
Mutter.« Damit deutete er auf Ivan. »Schön. Wir wollen es
sehen.«
Sie stiegen den Abhang hinauf. Oben machte Popov einen kurzen
Rundgang. Er bestand auf einer Inspektion des Speichers, der
Außengebäude und der Werkstätten. Nachdem er sich vergewissert
hatte, daß das Gebäude keine Lagerräume enthielt, trat er heraus
und forderte die Leute auf, sich vor der Veranda zu
versammeln.
Es waren sechs Dorfbewohner, die ihnen aus reiner Neugier
gefolgt waren, außerdem Boris, Ivan, Arina und drei Rotarmisten.
Popov wandte sich an Boris. »Du bist der Dorfälteste. Schwörst du,
daß ihr kein Getreide habt?«
»Ja, Genosse Kommissar.« Boris nickte bestätigend. »Sehr
schön.« Popov winkte einen der Soldaten herbei. »Kümmere dich um
sie!« Dabei deutete er auf Arina. Dann wandte er sich an den
kleinen Ivan. »Nun sage mir, wo es versteckt ist«, sagte er
freundlich. Als der zweite Behälter mit Getreide aus dem Fluß
gezogen worden war, wurde Boris von einem Rotarmisten erschossen.
»Und jetzt wird ein richtiges Dorfkomitee aufgestellt«, verkündete
Popov.
Es war nicht einfach, die Revolution aufs Land zu bringen,
doch der neue Plan, den die Führer ausgearbeitet hatten, besaß eine
gewisse brutale Logik. Die Kulaks, die Schwindler, die reichen
Bauern, mußten vertrieben werden, und wer konnte das besser tun als
die armen Bauern, die Mehrheit also. Komitees der Armen mußten
unverzüglich gebildet werden und die Kontrolle über die Dörfer
übernehmen.
Was Popov betraf, war dies eine der wenigen Ideen Lenins, mit
denen er nicht einverstanden war. »Es ist so«, war sein Argument,
»daß die meisten Bauern nicht arm sind, sondern ganz gut
zurechtkommen. Sie können zwar meist keine Arbeitskräfte
einstellen, aber sie erwirtschaften sich doch immerhin einen
bescheidenen Mehrertrag. Die Hälfte der armen Bauern sind einfache
Bauern, die zu Trinkern wurden.«
Aber gut, wenn Vladimir Iljitsch seine Armenkomitees wollte,
sollte er sie haben. Popov blickte umher. »Du dort«, er deutete
plötzlich auf Ivan, »deine Mutter ist Witwe. Welches Land gehört
euch im Dorf?«
Als Waise und ohne die Unterstützung seines Onkels besaß Ivan
damals tatsächlich das kleinste Stück Land von allen männlichen
Bewohnern des Ortes.
»Du übernimmst den Vorsitz des Komitees«, sagte Popov. Das
Komitee würde ohnehin nur auf dem Papier existieren. Er war
gespannt, wie lange der Junge durchhalten würde. Am späten
Nachmittag kehrte Popov, zufrieden mit seiner Tagesleistung, nach
Russka zurück. Unterwegs kam er am Kloster vorüber. Es war jetzt
leer. Die Mönche hatten es nach der Konfiszierung im Januar
verlassen müssen. In der Hoffnung jedoch, die Regierung möge
einlenken oder gestürzt werden, hatten sie alles zurückgelassen.
Ein alter Priester, der noch in der Stadt wohnte, kümmerte sich
darum. Da er nun einmal hier war, dachte Popov, er könne auch das
Kloster inspizieren. »Gehen wir hinein«, befahl er. Es war ganz
leer und sehr still. Küche und Lagerraum waren weitgehend
geplündert, einige Fenster eingeschlagen, doch ansonsten war das
Kloster in gutem Zustand. Popov besichtigte alles sehr genau,
allein. Aus dem Kloster in Russka könnte man ein ordentliches
kleines Gefängnis oder eine Besserungsanstalt machen, dachte er.
Schließlich machte er sich eine kurze Notiz: Tscheka Bescheid
sagen.
Am Eingang hatten die Soldaten ein kleines Feuer angezündet.
Der junge Kommissar brachte eilig Gegenstände aus dem Kloster, um
sie zu verbrennen. Eben waren Ikonen an der Reihe. »Ich wußte
nicht, daß du so antireligiös bist«, meinte Popov freundlich. »O
doch! Sind wir das denn nicht alle?«
Popov zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich.« Er warf einen
Blick auf die Ikone, die dieser Bursche gerade in die Flammen warf.
Sie kam ihm bekannt vor. »Ich finde die hier ziemlich schön.«
»Es gibt keine schönen Ikonen«, erwiderte der Jüngere.
»Vielleicht.« Popov sah zu, wie das kleine Bild Feuer fing. Und so
verschwand das größte Geschenk der Bobrovs an das kleine Kloster:
die berühmte Rublev-Ikone.
Als die Dunkelheit hereinbrach, löste sich eine einzelne
Gestalt vom Wald hinter dem Dorf und ging zum Flußufer, wo Arina
mit einem kleinen Boot wartete. Ivan hatte sich versteckt gehalten,
seit die Soldaten abgezogen waren. Nach den Ereignissen des
Nachmittags blieb ihm keine Wahl. Würden die Söhne Boris Romanovs
es ihm je verzeihen, daß er an ihres Vaters Tod schuld war? Würden
die Dorfbewohner es vergessen können, daß er ihr Getreide
weggegeben hatte? »Wenn ich am Morgen noch hier bin, bin ich ein
toter Mann«, sagte er zu seiner Mutter. »In welche Richtung fährst
du?« fragte sie. »Nach Süden, hinunter bis zur Oka, dann folge ich
ihr bis Murom.«
»Und was wirst du machen?«
Er zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Vielleicht gehe ich
zum Militär.«
»Hier ist Geld.« Arina küßte ihn. »Du bist mein einziger
Sohn«, sagte sie einfach. »Wenn du stirbst, möchte ich es erfahren.
Sonst glaube ich, daß du immer noch lebst.«
»Ich werde leben.« Noch einmal umarmte er sie, dann stieg er
ins Boot. Fern im Süden stand ein halber Mond. Ivan stieß das Boot
vom Ufer ab.
1920
Es war Oktober, und es wurde kalt, aber die
Arbeit war fast getan; eine einfache Säuberungsaktion. Der
Lastwagen und die Überbleibsel des Geschützes vor ihnen waren nicht
viel mehr als geschmolzenes Metall. Ein halbes Dutzend Gefallene
lagen umher, einer lebte wohl noch, ein Offizier.
Ivan bewegte sich vorsichtig weiter. Um ihn her dehnte sich
die leere Steppe Südrußlands bis zum Horizont. Der Krieg stand kurz
vor seinem Ende. Die Weißen und ihre ausländischen Alliierten waren
ein- oder zweimal fast erfolgreich gewesen. Eine kurze Zeit hatte
es so ausgesehen, als würde Petrograd fallen. Denikin, Wrangel und
andere hatten tapfer gekämpft, doch es hatte ihnen immer der
Zusammenhalt gefehlt, den es bei den Roten gab, und vielleicht auch
die Entschlossenheit. Nun wurde die letzte Weiße Front
zurückgenommen, und die kapitalistischen Alliierten – England,
Amerika, Japan, Italien – hatten alles aufgegeben. Und hier lag nun
der Kosakenoffizier und lebte noch. Ein hübscher Kerl zwar, aber
erledigt.
Karpenko beobachtete, unter halbgeschlossenen Lidern hervor,
wie Ivan näher kam. Es war traurig zu sterben. Vor zwei Jahren
hätte er es sich nicht träumen lassen, daß er einmal so kämpfen
würde. Doch zu seiner großen Überraschung hatte es ihm eine Art
Befriedigung verschafft. Die Schmerzen in seinem Magen brannten nun
wie Feuer. Irgendwie kam ihm der junge Rote bekannt vor, aber so
etwas spielte jetzt keine Rolle mehr. »Na, Genosse, könntest du
mich nicht aus diesem Elend befreien?« meinte er. Ivan tat es, so
sanft wie möglich. Er erledigte es mit der letzten Kugel, die ihm
geblieben war. Die Revolution hatte gewonnen.