Revolution

1881
Alexander II. war tot – ermordet. Selbst jetzt, Monate danach, mochte das zehnjährige Mädchen es kaum glauben. Warum gab es so böse Menschen auf der Welt? In den vergangenen drei Jahren wurden Leute umgebracht – Polizisten, Beamte, sogar ein Gouverneur. Und nun hatte man durch eine schreckliche Bombe den guten Mann, den Zaren der Reformen, getötet. Rosa konnte es nicht begreifen.
Wer machte bloß so etwas? Anscheinend eine schlimme Gruppe, die sich »Partei des Volkswillens« nannte. Niemand wußte, wer sie waren und wie viele – vielleicht zwanzig, vielleicht zehntausend. Was bezweckten sie? Revolution. Die Zerstörung des gesamten russischen Staatsapparates, der das Volk von oben beherrschte. Und nun, nachdem der arme Zar tot war, hatten sie angenommen, das Volk werde sich erheben.
»Das zeigt, wie wenig diese Revolutionäre wissen«, sagte Rosas Vater. Es war nämlich nichts geschehen. Nicht in einem einzigen Dorf, nicht in einer einzigen Fabrik hatte es eine Erhebung gegeben. Das erschütternde Ereignis wurde nur mit großem russischen Schweigen aufgenommen. Der Zarensohn – der dritte Alexander – trat die Thronfolge an und schaffte unverzüglich Ordnung. Viele der Revolutionäre wurden verhaftet, und der größte Teil des russischen Reiches stand während dieser Zeit unter Kriegsrecht. Rußland war ruhig und friedlich. So schien es jedenfalls, bis diese neue furchtbare Sache begann. »Sie kommen nicht hierher«, versprach Rosas Vater. Was aber, wenn er sich irrte?
Es war früher Nachmittag – eine stille Zeit in diesem friedvollen südlichen Dorf an der Grenze zwischen Wald und Steppe. Rosas Eltern ruhten sich im Obergeschoß des soliden strohgedeckten Hauses aus. Obwohl es Herbst war, war es hier unten in der Ukraine immer noch warm. Rosa war ein schönes Mädchen. Ihr blasses ovales Gesicht, ihr langer Hals, eine gemessene Anmut in ihren Bewegungen hatte ihr im Dorf den Namen »das Schwanenmädchen« eingebracht. Sie trug das rabenschwarze Haar nach hinten zu einem dicken Zopf geflochten. Sie hatte eine gerade Nase und volle Lippen, doch das Auffallendste an ihr waren die Augen: unter dunklen Lidern, überwölbt von dichten schwarzen Brauen, waren sie blaugrau, sehr groß und sehr ernst.
Rosa saß am Klavier. Sie spielte in diesem Augenblick nicht, doch das Stück, das sie am Morgen geübt hatte, es war von Tschaikovskij, klang in ihr nach. Ihr gehörte das einzige Klavier im Ort. Sie würde niemals jenen wundervollen Tag vergessen, an dem es auf einem kleinen Kahn den Fluß heraufkam. Ihr Vater hatte ein Jahr lang gespart, um es zu kaufen und es den ganzen langen Weg von Kiev herzubefördern.
Alle Nachbarn hatten sich versammelt und zugesehen, wie er und Rosas zwei Brüder diese Sensation zu ihrem Haus begleiteten. Rosa war erst sieben Jahre alt gewesen, als ein Vetter, ein Musiker, bei ihnen zu Besuch war und den Eltern sagte, sie sei ein Wunderkind. Im Jahr darauf hatte sie während der Schulzeit bei dieser Familie gelebt, in der großen Stadt Odessa an der Schwarzmeerküste, wo es gute Musikpädagogen gab. Sie war bereits einmal öffentlich aufgetreten, und man sagte ihr eine Musikerkarriere voraus. »Wenn nur ihre Gesundheit mitmacht«, sagte die Mutter traurig. Die zermürbende Sorge um ihre schwache Lunge verließ sie selten. Mitunter mußte Rosa tagelang ruhen. »Du wirst der Sache entwachsen«, versprach der Vater. Und wie sie darum betete, daß er recht haben möge! Wie sehr sie sich wünschte, für die Musik zu leben! Aber da war das sonderbare Rätsel, das sie seit Monaten beschäftigte und das sie heute nachdenklich, ja melancholisch stimmte. Wenn es so war, daß Gott sie für ein Leben mit der Musik ausersehen hatte und daß sie für ihn spielen sollte – warum gab es böse Menschen, die vorhatten, sie zu töten?
Am Ostufer des Flüßchens reihten sich die gemütlichen, strohgedeckten Häuser mit ihren getünchten Mauern zu beiden Seiten der breiten, ungepflasterten Straße fast eine Meile lang auf. Einige, darunter ihr Elternhaus, hatten an der hinteren Seite einen kleinen Obstgarten. In der Nähe des Flusses lag ein Marktplatz, etwas weiter flußabwärts befand sich eine Brennerei. Im ärmeren russischen Norden, wo die Siedlungen kleiner waren als in der Ukraine, hätte man einen solchen Ort als Stadt bezeichnet. Durch den blühenden Handel und die natürliche Fruchtbarkeit der Gegend ging es den Bauern gut.
Rosas Großvater war hierhergekommen, um Land zu bebauen. Er war fünf Jahre zuvor gestorben, und ihr Vater hatte den Besitz übernommen. Er war ein unternehmerisch denkender Mann, handelte mit Weizen und war als Handelsvertreter für eine Firma tätig, die in Odessa landwirtschaftliche Geräte herstellte. Inzwischen gehörten sie zu den wohlhabenden Familien des Ortes. Rosa wußte nicht, daß diese Siedlung im Süden in früherer Zeit den Namen »Russka« getragen hatte. Seither hatte sie zwei Namen gehabt. Aus der Vergangenheit war weniges geblieben. Von dem kleinen Fort auf dem Westufer gab es nur noch Spuren im Grasland. Von der Kirche, die die Mongolen niedergebrannt hatten, war nichts mehr zu sehen. Selbst die Landschaft hatte sich verändert. Der Weiher mit den ehemals dort hausenden Geistern war ausgetrocknet. Selbst der Bienenwald war verschwunden. Das einzige Wahrzeichen aus alten Zeiten war der kleine Hügel des ehemaligen kurgan in einiger Entfernung auf der Steppe.
Rosa ging bis zum Ende des Ortes. Sie hatte eine Zeitlang dort gestanden, als ein Wagen in Sicht kam. Zwei Männer saßen darin: ein großer untersetzter Mann mit einem dichten schwarzen Schnurrbart lenkte den Wagen; daneben ein schlanker, hübscher, ebenfalls schwarzhaariger Junge, ein Jahr älter als Rosa. Es waren Taras Karpenko, ein Kosakenbauer, und sein jüngster Sohn Ivan. Als Rosa ihrer ansichtig wurde, lächelte sie. Seit sie denken konnte, hatte sie mit den Karpenko-Buben und den anderen Dorfkindern gespielt. Ivan war ihr Liebling. Immer schon hatte ihr Vater an Taras gutes Material verkauft, und der stämmige Kosak begegnete der Familie mit Wohlwollen.
Aber auch aus einem anderen Grund hatte Rosas Vater Sympathie bei Taras gefunden. Es war schwer vorstellbar, daß der vierschrötige Bauer der Neffe des illustren Dichters Karpenko war, dessen feine Gesichtszüge aus Zeichnungen oder Drucken in verschiedenen Häusern des Ortes herabblickten. Taras war ungeheuer stolz auf diese Tatsache und erwähnte den Namen seines Onkels im gleichen Atemzug mit dem berühmtesten aller ukrainischen Dichter, dem großen Schevtschenko. Als er feststellte, das Rosas Vater nicht nur eine Ausgabe der Gedichte Karpenkos besaß, sondern sie wirklich schätzte und viele davon auswendig hersagen konnte, klopfte er ihm freundschaftlich den Rücken. Von da ab sagte er jedesmal, wenn von Rosas Vater die Rede war: »Kein übler Bursche«, was Rosas Mutter häufig zu der Feststellung veranlaßte: »Dein Vater versteht's mit den Leuten.« Er war tatsächlich klug im Umgang mit Menschen und verhielt sich oft sehr ungewöhnlich – Verbindungen wie die zwischen ihm und dem Kosaken wurden immer seltener.
Die Zarenherrschaft in der Ukraine wurde nämlich mit jedem Jahrzehnt drückender. Die Zaren schätzten Gleichförmigkeit, die verständlicherweise in dem riesigen Reich nicht immer erreicht werden konnte. In Polen und den westlichsten Teilen der Ukraine hatten sie sich mit den Katholiken abzufinden; da das Imperium sich weiterhin bis nach Asien hin ausdehnte, mußten die Zaren steigende Zahlen von Moslems hinnehmen. Doch soweit das möglich war, sollte alles russifiziert werden. Deshalb erließ 1863 die russische Regierung eine Erklärung, der zufolge die ukrainische Sprache, die von einem Großteil der südlichen Bevölkerung gesprochen wurde, nicht existierte. In den kommenden Jahren wurde alles, was sich der ukrainischen Sprache bediente – Bücher, Zeitungen, Theater, Schulen, selbst ukrainische Musik –, verboten. Die Werke Schevtschenkos, Karpenkos und anderer ukrainischer Nationalhelden verschwanden aus der Öffentlichkeit. Die Intellektuellen sprachen und schrieben Russisch. Während im Norden die Bildung zunahm, verringerte sie sich im Süden, und im späten neunzehnten Jahrhundert waren achtzig Prozent der Ukrainer Analphabeten. Als die beiden Kosaken vorbeifuhren, grüßten Rosa freundlich, Ivan mit fröhlichem Grinsen, sein Vater mit einem verbindlichen Kopfnicken. Rosa war beruhigt. Sie werden nicht hierherkommen. Es gibt keinen Grund, sich zu ängstigen, sagte sie sich. Rosa Abramovitsch war Jüdin.
Bis ins letzte Jahrhundert, ehe Katharina die Große fast ganz Polen vereinnahmte, hatte es im russischen Reich kaum Juden gegeben. Mit diesen westlichen Ländern kam jedoch eine große jüdische Gemeinde zum russischen Gebiet. Was sollte man mit ihnen anfangen? Manche hielten die Juden für unaufrichtig wie die Katholiken, andere bezeichneten sie als halsstarrig wie die Altgläubigen. Jedenfalls waren sie weder Slawen noch Christen – und aus diesem Grunde verdächtig. Wie jedes andere nonkonforme Element im Zarenreich mußten sie zuerst einmal im Zaume gehalten, dann russifiziert werden. Deshalb hatte der Zar 1833 verfügt, daß die Juden sich hinfort nur in einem bestimmten Areal aufhalten durften: im jüdischen Siedlungsgebiet.
Dieser berühmte Bezirk umfaßte einen weitläufigen Bereich, eingeschlossen Polen, Litauen, die westlichen Provinzen, als Weißrußland bekannt, und einen Großteil der Ukraine mit allen Schwarzmeerhäfen – in anderen Worten die Länder, wo die Juden bereits lebten, und einige andere dazu. Der Zweck dieses Siedlungsgebietes war hauptsächlich der, die Einwanderung der Juden in das traditionelle orthodoxe Nordrußland zu begrenzen. Die Juden lebten meist in Städten oder in ihren eigenen Dörfern, den althergebrachten, eng ineinander verflochtenen Schtetl-Gemeinden. Untereinander sprachen sie gewöhnlich Jiddisch. Einige waren Handwerker oder Händler; viele waren arm und wurden zum Teil von ihren Glaubensgenossen unterstützt. Es gab jedoch auch jene, wie etwa Rosas Großvater, die in gewöhnlichen Dörfern wohnten und das Land bestellten.
Vom Regime wurde ständig Druck ausgeübt. Juden zahlten Sondersteuern; ihr eigenes Regierungssystem in den Gemeinden, Kahal, wurde für ungesetzlich erklärt; ihre Vertretung in örtlichen Wahlen durch unfaire Quoten eingeschränkt; noch spitzfindiger wurden sie zu den Schulen zugelassen, dann wurde ihnen die Konversion nahegelegt. Wenn aber ein Jude zum orthodoxen Glauben übergetreten war, galt er als guter Russe.
Zahlreiche Juden traten über. Wichtiger noch: Ein allmählicher Assimilierungsprozeß hatte begonnen, denn unter der jüngeren Generation war eine liberale, geistig-jüdische Bewegung entstanden – die Haskala. Sie trat dafür ein, daß Juden aktiver an der nichtjüdischen Gesellschaft teilhaben sollten. Rosas älterer Bruder, der verheiratet war und in Kiev lebte, hatte ihr davon berichtet »Wenn wir Juden überhaupt etwas im russischen Imperium erreichen wollen, sollten wir auf russische Schulen und Universitäten gehen. Wir müssen dazugehören. Das hindert uns nicht, Juden zu bleiben.« Ihr Vater jedoch war sehr mißtrauisch. Obwohl er nicht die Ansicht vieler strenggläubiger Juden vertrat, die sich so weit wie möglich von der nichtjüdischen Welt fernhielten, war er doch gegen die Haskala eingestellt. Wenn Rosas Familie auch auf gutem Fuße mit ihren ukrainischen Nachbarn stand, nahm sie gleichzeitig ihre religiösen Pflichten zusammen mit den übrigen jüdischen Familien der Gegend wahr. Die beiden Brüder Rosas erhielten religiöse Unterweisung, und der ältere erreichte die höchste Stufe, die Jeschiva, also die Talmudschule.
In einer Ausnahme jedoch wich der Vater von seiner strengen Einstellung ab, und dafür war Rosa Gott dankbar. »Es ist etwas anderes, wenn man in einer russischen Schule Musik studiert«, war seine Ansicht. Das gefährdete den Glauben nicht. Es war die beste Möglichkeit für einen Juden, in Rußland erfolgreich zu sein. Rosa wußte, daß es immer Spannungen zwischen ihrem Volk und den Ukrainern gegeben hatte. Die Ukrainer vergaßen nicht, daß die Juden Vertreter der polnischen Landeigner gewesen waren. Für die Juden andererseits waren diese Leute nicht nur Andersgläubige – die verhaßten Gojim –, sondern zumeist ungebildetes Landvolk. Trotzdem hätten sie in Frieden miteinander leben können, wäre da nicht das ungleiche Zahlenverhältnis gewesen. Tatsächlich hatte sich in der Ukraine in den vergangenen sechzig Jahren die Bevölkerung um das etwa Zweieinhalbfache erhöht, bei den Juden dagegen um mehr als das Achtfache. Und da wurden Rufe laut wie: »Diese Juden nehmen uns die Arbeit weg und ruinieren uns alle.«
Welche die Gründe dafür auch gewesen sein mochten: Im Jahr der Ermordung des Zaren begannen im gesamten Süden eine Reihe von Unruhen, die die Welt mit einem furchtbaren Begriff konfrontierten: dem Pogrom. Aber doch nicht hier bei uns! Doch nicht in dem stillen Ort an der Grenze zwischen Wald und Steppe! Mit diesem Gedanken machte Rosa sich auf den Heimweg. Nach dem halben Weg bemerkte sie die kleine Gruppe, nur zwei Nachbarinnen und drei Männer, die ihr unbekannt waren, vor dem Elternhaus. Von weitem sah es so aus, als stritten sie. Nun gesellten sich noch zwei Dorfbewohner dazu. Kurz darauf trat Rosas Vater aus dem Haus. Er trug einen langen, schwarzen Mantel und seinen runden, breitkrempigen Hut. Die Ringellöckchen zu beiden Seiten des Gesichts waren schwarz, sein gepflegter Bart dagegen grau. Rosa sah, wie er streng den Finger gegen sie erhob. Da scholl plötzlich ein einzelner Ruf durch die Straße, der sie erschauern ließ. »Jude!« Sie begann zu laufen.
Als sie die Gruppe erreichte, wurde ihr Vater bereits bedrängt. Einer der Männer stieß ihm den Hut vom Kopf, ein zweiter spuckte vor ihm aus. Die beiden Männer aus dem Dorf machten nach einem halbherzigen Versuch, sie aufzuhalten, einen Rückzieher. Rosa blickte die Straße hinunter.
Da kamen gerade eben sechs Wagen über die Brücke, und in ihnen saßen etwa fünfzig Mann. Einige trugen Knüppel; ein paar machten einen betrunkenen Eindruck.
Rosa sah zu ihrem Vater hin, der seinen Hut so würdevoll wie möglich aufnahm, während die drei Männer ihn beobachteten. Er war fünfzig Jahre alt, eher von zarter Statur, mit schmalen, feinen Zügen und großen Augen, wie die von Rosa. Sie sah voller Schrecken, daß ihr Vater ebenso große Furcht hatte wie sie. Was sollten sie nur tun? Sich ins Haus zurückziehen? Zwei Männer wollten sich ihnen in den Weg stellen. Die Gruppe kam auf der Straße näher. Rosa bemerkte, wie ihre Mutter aus dem Haus und auf sie zukam. Sie achtete nicht auf ihren Mann, der sie zurückwinkte. Wenn nur die Brüder da wären, dachte Rosa, aber sie waren diesen Monat beide in Kiev. Hilflos standen die drei da und warteten ab. Die Männer bildeten einen Kreis um die kleine Familie. Manche sahen völlig ungerührt drein, andere hatten den Ausdruck blöden Triumphs auf ihren Gesichtern. Nach einem kurzen Schweigen fragte der Vater: »Was wollt ihr?«
Einer, ein gewaltiger Bauer mit braunem Bart, antwortete: »Nicht viel, Jude. Wir brennen nur dein Haus nieder.«
»Und geben ihm eine Tracht Prügel«, schrie ein anderer. Rosa, sah, wie ihr Vater zitterte, jedoch versuchte, ruhig zu erscheinen. »Und was habe ich euch getan?«
»Eine Menge!« schrien einige. »Was hast du Rußland angetan, Jude?« rief einer. »Verdammte jüdische Schieber!« schrie der nächste. »Wucherer!« Da bahnte sich plötzlich ein kleiner alter Mann mit kahlem Schädel und weißem Bart den Weg durch die Menge und grölte: »Du kannst uns nicht zum Narren halten, Jude. Wir wissen, wer du bist: Du bist ein ausländischer Verräter, ein Zarenmörder. Du bist ein Revolutionär!« Es folgte zustimmendes Gebrüll. Sie wußte über die jüdischen Revolutionäre Bescheid. Einige Jahre zuvor hatten sich ein paar radikale Studenten aus jüdischen Familien jener Bewegung angeschlossen, die in dem berühmten »Gang ins Volk« im Jahre 1874 versucht hatte, den Bauern auf dem Land die Revolution zu bringen. Dies waren die radikalsten Juden, entschlossen, sich dem nichtjüdischen russischen Leben zu assimilieren. Viele waren – Ironie des Schicksals – nicht aus religiöser Überzeugung, sondern um der Landbevölkerung, die sie beeinflussen wollten, näherzustehen, tatsächlich zum orthodoxen Glauben übergetreten. Genau diese jungen Leute wurden von Rosas Vater und den meisten konservativen Juden am meisten verachtet. »Wir sollten immer dem Gesetz folgen und den Zaren unterstützen«, war seine Ansicht. »Er ist immer noch unsere größte Hoffnung.« Tatsächlich hatte der Zar mit seinen Reformen bis zu seinem schrecklichen Ende einige Beschränkungen, die den Juden auferlegt waren, in seinem Reich gelockert.
Die umstehenden Männer hatten in der Woche davor bereits einige jüdische Häuser in Perejaslavl niedergebrannt, und nun zogen sie durch die umliegenden Orte und suchten nach neuer Unterhaltung.
»Es ist Zeit anzufangen«, schrie jemand. Der große Mann mit dem braunen Bart ging in Begleitung des kleinen Alten auf Rosas Vater zu. In diesem Augenblick kam der Wagen, in dem Taras Karpenko und sein Sohn saßen, ratternd die Straße herauf. Die beiden Kosaken sahen sofort, daß etwas vor sich ging. »Gott sei Dank«, hörte Rosa ihre Mutter flüstern, »er kann uns retten.«
Der Kosak hatte keine Eile. Er fuhr den Wagen gemächlich heran, und die Männer wichen zur Seite, um ihn durchzulassen. Als er den Kreis um die kleine Familie erreichte, hielt er an und blickte fragend auf den braunbärtigen Kerl hinunter. »Guten Tag«, sagte er aufgeräumt, »was tut sich hier?«
Der Bauer sah den Kosaken an und zuckte die Achseln. »Nicht viel; der Jude kriegt nur seine Lektion.«
Karpenko nickte nachdenklich. »Er ist kein schlechter Bursche«, bemerkte er ruhig.
»Er ist immerhin Jude«, wandte ein Bauer ein. »Das stimmt. Was habt ihr vor?«
»Sein Haus niederzubrennen und ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen.«
Karpenko blickte Rosas Vater traurig an. »Ich fürchte, mein Freund, es wird Ihnen ziemlich dreckig gehen.«
Rosa starrte ihn ungläubig an. Der Freund ihres Vaters wollte ihnen nicht helfen? Sie sah, wie der die Zügel aufnahm, das Pferd wendete und davonfuhr.
»Vater!« Das war der junge Ivan. Er stand leichenblaß und zitterte an allen Gliedern. »Vater! Das können wir nicht tun!« Taras hielt den Wagen an. Langsam, eher unwillig, wandte er sich an den Braunbärtigen. »Sie kommen mit uns«, erklärte er barsch. »Wir sind fünfzig, Kosak«, schrie der kleine Alte. »Sie können nichts gegen uns machen.«
Doch Karpenko schüttelte nur den Kopf. Dann setzte er dem anderen auseinander, daß er diesem Juden einen persönlichen Dienst schulde. Er winkte Rosa und ihren Eltern zu, damit sie in den Wagen stiegen.
»Sie wollen ein Kosak sein? Judenfreund! Wir kommen und brennen Ihren Hof auch nieder«, schrie der alte Mann. Doch niemand hinderte die Abramovitschs am Einsteigen.
»Ich fürchte, man wird Ihr Haus niederbrennen«, sagte Karpenko zu Rosas Vater. »Aber ich habe Ihnen die Prügel erspart.« Dann ruckte er an den Zügeln, und der Wagen fuhr langsam die Straße hinunter.
Während sie das Dorf verließen, starrte Rosa zurück. Die Männer warfen soeben die Fenster ihres Hauses ein. Sie sah den alten Mann mit einer Fackel hineingehen. Sie verbrennen mein Klavier, dachte sie; das Klavier, für das der Vater ein ganzes Jahr gespart hatte. Sie blickte ihren Vater an. Er saß zitternd im Wagen, in seinen Augen standen Tränen, und die Mutter hatte ihre Arme um ihn gelegt. Rosa hatte ihren Vater nie vorher weinen sehen.
Ivan hatte sie gerettet. Das würde sie ihr ganzes Leben nicht vergessen. Sie würde sich aber auch an seinen Vater, den Freund der Familie, erinnern.
1891
Nikolaj Bobrov sagte sich, daß er sich nicht allzu viele Sorgen machen müsse. Die Nachricht seines Vaters war natürlich beunruhigend. Er fühlte sich auch plötzlich schuldig. Aber sicher würde es nicht so schlimm sein, wenn er nur erst dort wäre. Es war ein langer Weg, wenn man allein reiste. Während der geschlossene Schlitten ihn durch die breiten Straßen St. Petersburgs trug, blickte Nikolaj hinaus. Er liebte diese mächtige Stadt. Selbst an einem grauen Tag wie dem heutigen lag ein heller Schimmer darüber.
Wie die Herren in der westlichen Welt trug Nikolaj einen hinten geschlitzten Gehrock. Seine ziemlich engen Hosen waren aus dickem Tuch, seine Schuhe poliert, so daß sie blitzten und glänzten.
Über seiner Weste hing an einer Goldkette eine Taschenuhr. Sein weißes Hemd hatte einen steifen abnehmbaren Kragen; darum war eine schmale getupfte Seidenkrawatte in einer lockeren Schleife gebunden, die ihm etwas Künstlerisches verlieh. Die beiden einzigen Kleidungsstücke russischen Ursprungs waren der Überzieher mit Pelzkragen und die Pelzmütze, die neben ihm auf dem Sitz lag. Nikolaj Bobrov war siebenunddreißig Jahre alt. Sein Haar und der gepflegte Spitzbart waren vorzeitig ergraut, doch sein Gesicht war fast faltenlos und hatte oft noch den gleichen offenen Ausdruck wie in seiner Studentenzeit, als er versuchte, die Bauern seines Vaters zu einer neuen Welt zu überreden.
Nikolaj war inzwischen Familienvater geworden. Er hatte eine Tochter, einen älteren Sohn, nach dem Großvater Michail genannt, und im letzten Jahr war noch ein Junge, Alexander, dazugekommen. Nach seiner derzeitigen politischen Einstellung befragt, hätte er, ziemlich allgemein, geantwortet: »Ich bin liberal.« Es überraschte nicht, daß die revolutionäre Begeisterung der Studentenzeit nicht angehalten hatte. Nikolaj konnte die Demütigung des Jahres 1874 niemals vergessen. »Die Bauern waren ja noch nicht einmal interessiert«, mußte er bald zugeben. Er hatte sich auch von Popov hintergangen gefühlt. »Er war nichts als ein Opportunist, der einen Narren aus mir gemacht hat«, äußerte er seinen Eltern gegenüber. Als die Terroristen einige Jahre später den Zaren ermordeten, schüttelte Nikolaj nur betrübt den Kopf. »Selbst ein Zar ist besser als Chaos«, war seine jetzige Ansicht. Und er fügte hinzu: »Rußland wird eines Tages eine freie Demokratie sein; doch dafür sind wir wirklich noch nicht bereit. Es dauert noch eine Generation, vielleicht zwei.« Bis dahin war es in Rußland, Gott sei Dank, ruhig. Gleich nach dem Attentat auf seinen reformierenden Vater tat der neue Zar Alexander III. entscheidende Schritte. Der harte Kern der mörderischen Partei des Volkswillens wurde entdeckt und zerschlagen. Der gute alte Reaktionär, Dmitrij Graf Tolstoj, wurde wieder als Innenminister eingesetzt und verfügte bald über eine Sonderpolizeieinheit von nicht weniger als hunderttausend Gendarmen. Der größte Teil des Reiches stand durch die sogenannten Übergangsverordnungen des Zaren unter Kriegsrecht. Sie waren damals seit zehn Jahren in Kraft. Es gab außerdem Zensur und Inlandspässe; auf den Universitäten waren jegliche studentischen Körperschaften verboten; auf dem Land gab es einen neuen Beamtentyp, den sogenannten Landhauptmann, der Regierungsrechtsprechung ohne Beihilfe unabhängiger Gerichte für die Bauern übte. Den besten Ausdruck für die Einstellung dieser Beamten fand der Prokurator des Heiligen Synod, der auf die Frage der Rolle der Regierung in der Erziehung antwortete: »Die Leute müssen daran gehindert werden, etwas zu erfinden.« Rußland war ein Polizeistaat. Und doch ist das vielleicht das Beste, dachte Nikolaj. Es bedeutete zumindest Ordnung. Es hatte zwar ein paar Streiks gegeben, und im Süden hatten Judenpogrome stattgefunden. Das durfte man nicht gutheißen. Aber es hatte keine Bombenanschläge mehr gegeben.
Tatsächlich ist es so, als habe das russische Reich die vergangenen zehn Jahre unter einer Schneedecke geschlummert, war Nikolajs Ansicht. Vielleicht konnte sich Rußland unter dieser Zarenherrschaft allmählich auf eine neue, andere Zukunft in der modernen Welt vorbereiten.
In diesem Augenblick überquerte der Schlitten die eisbedeckte Neva. Auf dem gegenüberliegenden Ufer lag das Winterpalais; zur Linken der schmale Turm der Peter-undPauls-Kathedrale in fahlem Licht. Mitten auf dem Eis erhob sich ein hochaufragendes Holzgerüst, über fünfzehn Meter hoch, von dem aus eine steil abfallende, eisbedeckte Bahn nach unten führte. Dies war eins der beliebtesten Wintervergnügen der Stadt – ein Eisberg, wie man die Rutschbahn nannte. Wenige Minuten später befand sich der Schlitten auf dem Südufer, glitt am Palais vorbei, und nach dem Abbiegen kam der großzügig angelegte Nevskij-Prospekt in Sicht. »Straße der Duldung« nannte man ihn damals liebevoll. Dort befanden sich, nahezu Seite an Seite, die Kirchen der holländischen Calvinisten, der deutschen Lutheraner, der römisch-katholischen Gläubigen und der Armenier, ebenso natürlich die der Orthodoxen. In einiger Entfernung vom Prospekt lagen Konzerthallen, Theater und der elegante englische Club.
Nikolaj lebte seit fast zehn Jahren in St. Petersburg. Er war nicht reich, doch er hatte ein einträgliches Amt in einem Ministerium, wo er sich nur einmal wöchentlich zeigte, und kam mit seinen Einkünften gut zurecht. Er war Mitglied des Yachtclubs, wo es einen ausgezeichneten französischen Chef gab. Häufig führte er seine Frau in eines der vier Opernhäuser der Hauptstadt, wo man zu jener Zeit nicht nur die europäischen Genies hören konnte, die unvermittelt während der vergangenen Jahrzehnte die Welt aufhorchen ließen: Tschaikovskij, Mussorgskij, Borodin, Rimskij-Korsakov. Oder die Bobrovs gingen ins Marjinskij-Theater zu den besten Ballettaufführungen der Welt. Den Sommer verbrachte die Familie in dem hübschen gemieteten Sommerhaus. Einmal im Jahr machte Nikolaj seiner Frau ein Geschenk aus dem Haus des Juweliers Fabergé, der nicht nur die märchenhaften Ostereier für den Zaren herstellte, sondern in seinem Geschäft auch Hunderte entzückender Kleinigkeiten für etwas bescheidenere Geldbeutel wie den des Nikolaj Bobrov bereithielt.
Im St. Petersburg des Jahres 1891 hatte ein liberal gesinnter Mann wie Bobrov kaum einen Grund, sich um die Zukunft zu sorgen. Dennoch beunruhigte ihn die Aufforderung seines Vaters. In der vergangenen Woche hatte Nikolaj Mischas Brief erhalten.
Ehrlich gesagt, mein lieber Junge, ist die Lage in den hiesigen Ortschaften verzweifelt, und sie verschlimmert sich. Wir tun, was wir können, doch meine Gesundheit ist nicht mehr die, die sie einmal war, und ich kann kaum noch Schritt halten. Wenn Du irgend kannst, bitte ich Dich in Gottes Namen um Dein Kommen.
So machte sich an diesem grauen Dezembertag Nikolaj Bobrov mit unguten Vorahnungen auf den Weg nach Russka. Dampfendes Zischen, ein Pfiff, leichtes Knallen wie Trommelwirbel, und der Zug glitt durch die Vorstädte auf die schneebedeckte Ödnis zu. Das war der Expreß von St. Petersburg nach Moskau. In den mit prächtigen Wandbespannungen versehenen und weichgepolsterten Abteilen ließ es sich auf eine derart luxuriöse Weise essen und schlafen wie in keiner anderen Eisenbahn der Welt. Für Nikolaj bedeutete Eisenbahn: Zukunft. In ebendiesem Jahr hatte die Regierung ein kühnes Unternehmen in Angriff genommen – eine Eisenbahnlinie, die sich schließlich über Tausende von Meilen hin von Moskau über die weite eurasische Landmasse bis zum pazifischen Hafen Vladivostok erstrecken sollte: die Transsibirische Eisenbahn.
Dies war das neue Rußland, die kommende Welt. Riesige Kohlenreserven wurden in den fernen Wüsten und Bergen oberhalb der Mongolei gefördert; in den kahlen Gegenden Ostsibiriens gab es Gold. Deutsches und französisches Kapital strömte zur Finanzierung ehrgeiziger Regierungsprojekte ins Land: Die unermeßlichen Bodenschätze des Reiches wurden erstmals angezapft. Auch Rußlands militärische Macht wurde nicht bezweifelt. Es hatte die Demütigung des Krimkrieges hinter sich gelassen. Obwohl es zwei Jahrzehnte zuvor Alaska an die Vereinigten Staaten verkauft hatte, bedeckte das Reich immer noch den größten Teil der nordeurasischen Ebene zwischen Polen und dem Pazifik. Die Türkei zitterte vor Rußland; das britische Imperium beobachtete die russische Ausdehnung nach Asien hin mit vorsichtigem Respekt; das bröckelnde chinesische Reich in Fernost gab Rußland, was es haben wollte; Japan drängte auf Zusammenarbeit und Handel. Nikolaj war allein im Speisewagen. Er hatte sich gerade Kaviar, Blini und ein Glas Wodka bringen lassen. Es war für vier Personen gedeckt, doch Nikolaj saß allein am Tisch. Er langweilte sich ein wenig. Als der Kellner fragte, ob er noch zwei Herren dazusetzen dürfe, hatte Nikolaj daher nichts dagegen und blickte neugierig auf. Zwei Männer nahmen ihm gegenüber Platz und beachteten ihn kaum. Doch Nikolajs Blick hing wie gebannt an einem der beiden: Jevgenij Popov.
Nein, es konnte keine Verwechslung sein: die karottenrote Haarmähne, die gleichen grünen Augen. Popov hatte sich kaum verändert, doch in seinem Gesicht zeigte sich eine gewisse Reife, eine ruhige Kraft, die darauf hindeutete, daß er gelitten hatte. Als er Nikolajs Blick bemerkte, sagte er nur: »Nun, Nikolaj Michailovitsch, es ist lange her.«
Wie sonderbar! Auch wenn sie sich siebzehn Jahre lang nicht begegnet waren, hätte Nikolaj bei seinem früheren Freund doch eine Art von Verlegenheit erwartet. Schließlich hatte Popov ihn auf verletzende Weise ausgenützt und von seinem Vater Geld mehr oder weniger erpreßt. Doch Popov sah weder schuldbewußt noch herausfordernd drein; er fragte Nikolaj lediglich, wohin er reise. Und als er es erfuhr, meinte er nachdenklich: »Ach ja, Russka.« Dann wandte er sich an seinen Begleiter: »Die große Fabrik der Suvorins ist dort, weißt du.«
Nun blickte Nikolaj den anderen Mann genauer an. Er schätzte ihn Anfang Zwanzig, obwohl sein rötlichbraunes Haar bereits schütter wurde. Der Mann trug einen rötlichen Spitzbart. Kleidung und Haltung ließen auf die Zugehörigkeit zum niederen Provinzadel schließen, und wahrscheinlich war er für eine Karriere als kleinerer Beamter bestimmt.
»Das ist Vladimir Iljitsch Uljanov«, stellte Popov ihn vor. »Er hat gerade sein juristisches Examen in St. Petersburg gemacht und wird nun als Anwalt arbeiten.« Der Mann erwiderte Nikolajs Gruß höflich und ließ ihm ein winziges Lächeln zukommen. Uljanov? Wo hatte Nikolaj den Namen schon einmal gehört? Wenn sein Haar auch rötlichbraun war, war er unbedingt ein asiatischer Typ von untersetzter Statur, mit gewölbtem Schädel, hohen Backenknochen, Nase und Mund ziemlich breit, unverwechselbar mongolischen Augen. Er sah überhaupt nicht russisch aus. Aber der Name… warum schien er Nikolaj vertraut? Alexander Uljanov – natürlich! Vier Jahre zuvor war ein Student dieses Namens in ein dilettantisches Komplott verwickelt gewesen, in dem es um die Tötung des Zaren ging. Es war der tolle Plan verrückter junger Leute gewesen. Jener unglückliche junge Mann hatte es abgelehnt, sich zu entschuldigen, und mußte mit seinem Leben bezahlen.
Uljanov. Eine achtbare Familie, erinnerte sich Nikolaj; der Vater ein Schulinspektor einfacher Herkunft, der sich jedoch so weit hocharbeitete, daß ihm und seiner Familie der erbliche Adelsrang verliehen wurde.
Die Unterhaltung kam nur zögernd in Gang. Nikolaj erkundigte sich nach Popovs Tätigkeiten, dieser jedoch gab ausweichende Antworten. Und Uljanov gab sich damit zufrieden, die beiden schweigend zu beobachten. Nikolaj folgerte aus Andeutungen, daß Popov eine Zeit im Ausland verbracht hatte, aber das war auch alles. Immerhin wäre es schade gewesen, die Gelegenheit ungenutzt vorübergehen zu lassen. Also fragte Nikolaj schließlich geradeheraus: »Sage mir, Jevgenij Pavlovitsch, arbeitest du immer noch für die Revolution, und wann wird sie stattfinden?« Popov zuckte lediglich die Achseln. Gleich darauf stand Uljanov auf und ging für eine Weile hinaus. »Ein interessanter Mensch«, bemerkte Popov. »Woher kommt er?«
»Aus einer kleinen Provinzstadt im Osten an der Wolga. Er hat einen Besitz dort, einen kleinen mit ein paar armen Bauern. Er ist Gutsbesitzer und Adliger in einem. Erinnerst du dich denn nicht an den Namen?«
Nikolaj erwähnte den hingerichteten Studenten. »Genau. Dieser Mann ist sein Bruder.«
»Er würde sich selbst nicht an einer solchen Verschwörung beteiligen?« Popov lächelte. »Vladimir Iljitsch ist sehr viel vorsichtiger.«
Nikolaj machte eine Andeutung über das asiatische Aussehen des Anwalts, und Popov nickte. »Du hast recht. Tatsächlich ist er von der mütterlichen Seite her, soweit ich weiß, teils deutsch und teils schwedisch, doch die Familie väterlicherseits stammt aus Asien. Sie gehörte dem Tschuvaschen-Stamm an.«
Natürlich! Die Tschuvaschen waren ein alter Stamm asiatischen Ursprungs, an der Wolga angesiedelt, dessen Angehörige häufig rötliches Haar hatten. »Ich war sicher, daß er kein Russe ist«, sagte Nikolaj.
»Ich bezweifle, ob er überhaupt einen Tropfen russisches Blut in den Adern hat.«
»Und welches Interesse hast du an ihm?« erkundigte sich Nikolaj. Popov schwieg einen Augenblick, bevor er murmelte: »Ich sage dir nur, Nikolaj, wer dieser Typ auch sein mag – ich habe noch nie einen solchen Menschen getroffen.«
In diesem Augenblick kehrte Uljanov zurück, und die interessante Unterhaltung brach ab. Nikolaj bedauerte das. Sein Interesse an diesem schweigsamen TschuvaschenAnwalt-Gutsbesitzer war geweckt. Da jedoch wandte Popov sich mit einem leicht ironischen Lächeln an ihn: »Nun, Nikolaj Michailovitsch, du hast mich nach der Revolution gefragt.«
Noch nach Jahren dachte Nikolaj, daß die folgende Stunde die aufschlußreichste seines Lebens gewesen sein könnte. Popov berichtete ruhig und flüssig. Bald wurde deutlich, daß er großzügiger, weitgespannter in seinen Ideen geworden war im Gegensatz zu früher. Es kamen auch Einzelheiten aus seinem Privatleben zum Vorschein. Er war verheiratet gewesen, aber seine Frau war gestorben. Man hatte ihn für drei Jahre nach Sibirien und für ein weiteres Jahr ins Gefängnis geschickt. Er hatte mehrere europäische Länder, darunter Großbritannien, bereist. Nikolaj wußte, daß im Laufe der Jahre viele russische Radikale ihr Land verlassen und im Ausland leben mußten. Er hatte eine vage Vorstellung von diesem Leben: ständig unterwegs, oft mit gefälschten Papieren und unterschiedlicher Identität; Teilnahme an revolutionären Zusammenkünften, Abfassung von Artikeln für illegale, nach Rußland eingeschmuggelte Zeitungen, sich einen schmalen Lebensunterhalt durch Stundengeben und Übersetzen verdienen, sich von Sympathisanten Geld leihen und sogar stehlen. Während Nikolaj seinem ehemaligen Freund zuhörte, wurde ihm bewußt, daß Popov viel mehr über die Welt wußte als er. Popov berichtete über die radikalen Bewegungen in Westeuropa, von den Arbeitergewerkschaften bis zu den revolutionären politischen Parteien. Nikolaj war vor allem tief beeindruckt von Popovs Sicherheit. Er bemerkte, daß Popov sprach, als sei alles, was geschah, Teil eines konkreten historischen Prozesses, den er sehr wohl verstand. Als Nikolaj diesen Gedanken äußerte, lächelte der andere.
»Natürlich. Hast du niemals Karl Marx gelesen?« Nikolaj hatte durchaus von Marx gehört. Er versuchte sich zu erinnern. Es war ein deutscher Jude, der lange Zeit in England gelebt hatte und vor wenigen Jahren gestorben war; ein Wirtschaftswissenschaftler und Revolutionär. Sein enger Vertrauter, Engels, war noch tätig.
Die Werke dieser außerordentlichen Männer erschienen eben erst in Rußland, und Nikolaj mußte gestehen, daß er nichts davon gelesen hatte.
Marx' Theorien, so erläuterte Popov, leiteten sich von dem großen deutschen Philosophen Hegel ab, dessen Schriften seit Anfang des Jahrhunderts vorlagen. »Sicher erinnerst du dich noch aus deiner Studienzeit an das berühmte Hegelsche Weltsystem, nicht wahr?« meinte Popov vorwurfsvoll.
»Ich glaube, ja.« Nikolaj durchforschte eilig sein Gedächtnis. »Das war die Dialektik.«
»Genau. Die Dialektik ist der Schlüssel zu allem.« Nikolaj erinnerte sich jetzt genau – Hegels kosmisches System, das aufzeigte, daß die Welt sich auf ein letztes Stadium der Vollendung zu entwickelt: auf das Absolute. Und der Prozeß, der dazu führt? Es vollzieht sich alles in Stufen – in einem scheinbar endlosen Widerstreit von Ideen, doch jeder Widerstreit bezeichnet einen Schritt nach vorn. Auf diese Weise trifft auf eine These – eine scheinbare Wahrheit – ihr Gegenstück, die Antithese. Aus diesen beiden entsteht eine neue Idee: die Synthese, besser als die vorhergehende Idee, doch immer noch unvollendet. So wird aus der Synthese eine These, und alles beginnt von vorn. Die Dialektik weist auf Fortschritte hin. Das war zwingend.
»Der größte Meister der Dialektik war Karl Marx«, erläuterte Popov. »Mit ihrer Hilfe hat er die ganze Menschheitsgeschichte – und auch ihre Zukunft – erklärt.«
Nikolaj lauschte fasziniert, während Popov das System des Marxismus umriß. »Nur die Materie existiert«, begann er. »Sie ist die große Wahrheit, die allem zugrunde liegt. Deshalb wird das Marxsche System als Dialektischer Materialismus bezeichnet. Das materielle Produktionsmittel bestimmt nämlich alles«, führte Popov weiter aus, »wie wir uns ernähren, kleiden, wie wir Bodenschätze fördern und wie wir fabrizieren. Das ganze Bewußtsein des Menschen, seine Gesellschaft, seine Gesetze, alles leitet sich von dieser wirtschaftlichen Struktur her, und in jeder Gesellschaft bis auf den heutigen Tag gibt es grundsätzlich zwei Klassen: die Ausbeuter und die Ausgebeuteten. Jene, die die Produktionsmittel besitzen, und jene, die ihre Arbeit verkaufen.«
»Und die Dialektik?«
»Nun, der Klassenkampf – das ist Dialektik. Denke doch einmal nach: Wer besaß das Land im feudalen Europa? Der Adel. Und die ausgebeuteten Bauern bestellten es. Doch allmählich zerfiel diese Struktur, eine neue Welt entstand: die bürgerliche Welt, die zum Kapitalismus in seiner ganzen Größe führte. Nun sind die Fabrikbesitzer die Ausbeuter, und die Ausgebeuteten sind die Arbeiter – das Proletariat. These und Antithese.«
»Und die Synthese?«
»Das ist die Revolution. Die Arbeiter übernehmen die Produktionsmittel. Der Kapitalismus zerstört sich selbst, und wir treten ins neue Zeitalter ein. Das ist unvermeidlich.«
»Was geschieht im neuen Zeitalter?«
»Zuerst gibt es den Sozialismus. Der Arbeiterstaat besitzt die Produktionsmittel. Später gehen wir auf den vollkommenen Kommunismus zu, wo der Staat bekanntlich nicht einmal mehr gebraucht wird.«
»Wir bewegen uns also immer noch auf die neue Welt zu, von der wir als Studenten geträumt haben?«
Popov nickte. »Ja. Es war jedoch ein Fehler, daß wir im Jahre 74 eine Revolution mit den Bauern machen wollten. Die Revolution kann nur vom Proletariat ausgehen. Der große Unterschied ist, daß wir jetzt, dank Marx, wissen, was wir tun. Wir haben ein Gerüst. Die Revolution ist zur Wissenschaft geworden.«
»Gibt es in Rußland viele Marxisten?« wollte Nikolaj wissen. Popov schüttelte den Kopf. »Bisher nur wenige. Der Führer der russischen Marxisten ist Plechanov, und der lebt meistens in der Schweiz.«
»Und was hat all dies mit der russischen Revolution zu tun?« fragte Nikolaj. »Wie und wann wird sie stattfinden?«
»Es gibt, kurz gesagt, zwei Ansichten darüber. Der formale Marxismus sagt, daß alles zu seiner Zeit geschieht. Zuerst eine feudale Agrarökonomie, dann ein Bürgerstaat. Aus diesem entwickelt sich der Kapitalismus, wird mehr und mehr zentralisiert, bis er schließlich zusammenbricht. Die Arbeiter sprengen ihre Ketten – die sozialistische Revolution findet statt. Eine klare, logische Folge. Rußland ist immer noch rückständig«, fuhr er fort. »Entwicklungsmäßig befindet es sich auf dem Bürgerstadium. Sein Proletariat ist klein. Wenn wir eine eigene Revolution machen würden, würde dadurch wahrscheinlich die Monarchie abgeschafft werden und das Bürgertum an die Macht kommen. Lediglich Europa kann eine sozialistische Revolution führen, und dann könnte Rußland möglicherweise von der neuen, von Europa geschaffenen Weltordnung absorbiert werden.«
»Die Revolution kann also nicht in Rußland beginnen?«
»Dem klassischen Marx nach – nein. Wie ich schon sagte, gibt es zwei Aspekte. Der zweite, den selbst Marx für möglich halten mußte, ist folgender: Was wäre, wenn Rußland tatsächlich einen Sonderfall darstellte? Überlege einmal, Nikolaj – eine morbide Autokratie; ein geschwächter Adelsstand, völlig abhängig vom Zaren und ohne eigene wirtschaftliche Macht; eine kleine, kaum entwickelte Mittelschicht, und ein seit jeher in Kommunen organisierter Bauernstand. Vielleicht könnte in Rußland eine unvermutete Revolution unmittelbar in eine Art Ursozialismus führen. Das weiß keiner.«
»Und wie denkst du darüber?« fragte Nikolaj gespannt. Popov zuckte die Achseln. »Ich habe kein Vertrauen zu den Bauern, wie du weißt. Ich glaube an die Hauptdoktrin von Marx: Rußland muß zuerst durch einen bürgerlichen und einen kapitalistischen Status. Dann kann die proletarische Revolution folgen.«
»Du glaubst also nicht, daß die Revolution hier ihren Anfang nehmen kann?«
»Nein!«
Nikolaj hatte wohl bemerkt, daß Uljanov sich absichtlich aus der Unterhaltung heraushielt. Nun aber begann er sehr ruhig zu sprechen. »Der Marxismus ist einwandfrei. Wir sollten jedoch daran denken, daß Marx auch ein Revolutionär war, und eine Revolution ist ebenso eine praktische wie theoretische Angelegenheit.« Er nickte Popov zu. »Rußland ist enorm rückständig, natürlich, aber die Industrie ist jetzt auf dem Vormarsch. Die proletarische Klasse wächst. Die marxistischen Grundvoraussetzungen für eine Revolution sind in Rußland vielleicht schon während unserer Lebenszeit gegeben; dann aber muß das Proletariat erzogen und geführt werden. Man wird eine ausgebildete Stammorganisation als Zentrum brauchen, anders ist es nicht zu schaffen.«
»Sagen Sie: Ihre Stammorganisation – sollte sie Mittel zur Förderung einer Revolution einsetzen?«
Der Anwalt strich sich nachdenklich über seinen Bart. »Ich glaube, ja.«
»Auch Terrorismus?«
»Wenn es dem Zweck dient, warum nicht?« fragte Uljanov ruhig zurück.
Nun wechselte das Gespräch auf andere Themen über. Kurz darauf sagte Uljanov, er sei müde und wolle sich zurückziehen. Doch bevor sie sich trennten, kam noch etwas zur Sprache, das für alle Zeit in Nikolajs Gedächtnis haftenblieb. Es war von der Hungersnot die Rede, und er hatte den beiden vom Brief seines Vaters erzählt. »Es stimmt«, antwortete Popov, »die Situation in den Zentralprovinzen ist schrecklich.«
»Man macht einen großen Fehler«, bemerkte Uljanov, »wenn man versucht, die Hungersnot zu lindern. Wir sollten nicht helfen. Sollen die Bauern doch verhungern! Je schlimmer es kommt, um so mehr wird die zaristische Regierung geschwächt.« Das brachte er völlig sachlich vor.
Nikolaj dachte, daß wohl gerade dieser Mangel an Gefühl den sonderbaren Tschuvaschen so ungeheuer stark mache. Sie trennten sich freundlich voneinander. Nikolaj ahnte nicht, daß der Anwalt mit dem schütteren Haarwuchs und dem rötlichen Bärtchen einmal an der Spitze einer Revolution stehen würde. Immer wenn Nikolaj Bobrov sich später an diese wahre Begebenheit erinnerte, dachte er: Das war der Tag, an dem die Revolution begann. Fünf Monate später brach sie tatsächlich aus. Als Nikolaj zu Hause eintraf, fand er eine verzweifelte Situation vor. Im Jahre 1890 hatte es nicht nur in Russka, sondern auch auf dem anderen Besitz der Bobrovs in der Provinz Rjazan eine Mißernte gegeben. 1891 hatten Mischa Bobrov und die übrigen Mitglieder der zemstvo-Kommission versucht, die Situation dadurch zu retten, daß sie die Bauern anhielten, Mischsaat auf die Felder zu bringen.
»Kartoffeln zusätzlich«, war Mischas Ansicht. »Selbst wenn es kein Getreide gibt, haben wir doch etwas zu essen.« Aber die Aktion schlug fehl. Die gesamte Kartoffelernte war verfault, und auch alles übrige war nicht gediehen. Im Herbst war abzusehen, daß eine Hungersnot bevorstand.
Nikolaj wurde rasch klar, daß die Hungersnot für seinen Vater auch eine persönliche Krise bedeutete. Obwohl Mischa bereits siebzig war und seine Gesundheit nicht die beste, hatte er sich mit großem Eifer in neue Aufgaben gestürzt. Er gab zu, daß er als Mitglied des zemstvo-Adels sich in diesen Tagen doppelt belastet fühlte. Nikolaj verstand, was er damit meinte. Seit die zemstvo-Versammlungen von Zar Alexander im Zuge seiner Reformen eingerichtet worden waren, hatte die Regierung die Mitgliedschaft reichlich eigenmächtig gehandhabt. Beispielsweise hatte der gegenwärtige Zar es rundweg abgelehnt, gewählte Männer im Amt zu bestätigen, wenn er an ihrer Loyalität zweifelte. Doch der kritische Moment kam 1890, als der Zar kurzerhand beschloß, die Wahlgesetze zu ändern, und zwar derart drastisch, daß die Zahl der Wahlberechtigten sich oft um mehr als die Hälfte reduzierte und der niedere Adel die große Mehrheit der Kommissionsmitglieder bildete. Es war ein Akt purer Willkür, ein gezielter Schlag ins Gesicht des einfachen russischen Bauern. Nikolaj wußte, daß sein liberal gesinnter Vater davon tief betroffen war: Er hatte sich so sehr um Verbesserungen bemüht, doch erreicht hatte er nichts.
Das war nicht mal sein Fehler. Der zemstvo richtete Getreidevorräte ein; Lebensmittelzuteilungen wurden sorgfältig überwacht; Mischa und andere kontrollierten die Gegend unermüdlich. Und dennoch war es nicht zu verhindern, daß die Vorräte allmählich schwanden.
Die Bobrovs selbst litten zwar keinen Hunger, doch Nikolaj spürte, daß die Not um sie her seine Eltern überforderte. Sein Vater sah grau und eingefallen aus, sein früherer Optimismus war verschwunden. Die sonst so entschlossene Anna wirkte matt und zögernd. Sie nahm ihren Sohn einmal zur Seite und sagte: »Nikolaj, du mußt übernehmen. Dein Vater kann nicht mehr.« Nikolaj ging durch den Ort. Es war alles wie früher. Zu seiner Freude traf er Arina noch lebend an – eine kleine verhutzelte babuschka, deren Augen immer noch durchdringend blickten. Timofej Romanov und seine Frau hießen ihn herzlich willkommen. Ihre Tochter Arina, in Nikolajs Erinnerung ein kleines Kind, war nun ein liebenswertes, breitgesichtiges Mädchen von siebzehn Jahren. Nur Boris zeigte ihm die kalte Schulter, aber dem maß Nikolaj keine besondere Bedeutung zu. Überall im Dorf begegnete er schweigender Resignation. Der Dorfälteste sorgte dafür, daß jede Familie etwas Brot bekam. In manchen isbas gab es noch Pökelfleisch. Viele gingen täglich hinaus und versuchten, durch die Löcher im Eis Fische zu fangen.
Die Mönche des Klosters, das Getreidevorräte hatte, verteilten Mehl an die nächsten Bauern. »Unser Vorrat reicht noch neun Wochen«, sagten sie Nikolaj.
»Der Mann, von dem jetzt alles abhängt, ist zur Zeit in Russka«, meinte Mischa Bobrov. »Es ist Vladimir Suvorin.« Vladimir, der ältere Enkel jenes alten Schreckgespenstes Sawa und der Bruder Peter Suvorins. Mischa hatte seinem Sohn niemals von Peters belastendem Brief erzählt, und wie er Sawa damit erpreßt hatte. Nikolaj wußte deshalb über Peter nur, daß er weggelaufen und irgendwann wiederaufgetaucht war. »Ich glaube, er ist jetzt Professor in Moskau«, sagte Mischa. »Er kommt niemals hierher.« Über Vladimir Suvorin dagegen hatte Nikolaj mehr erfahren. Der mächtige Industrielle lenkte seine Unternehmen in Moskau und Russka mit eiserner, aber gerechter Hand. Seine Leute arbeiteten nicht mehr als zehn Stunden täglich; es gab keine Kinderarbeit und keine grausamen Strafen für geringe Vergehen. Anders als bei so manchem führenden Industriellen Rußlands wurde bei ihm nie gestreikt. Nikolaj hatte gehört, daß Vladimir in Moskau ein sehr großes Haus besitze, aber oft nach Russka komme.
Schon am übernächsten Morgen kam Vladimir Suvorin zu einem Besuch ins Haus der Bobrovs. Er war den Beschreibungen entsprechend riesengroß, aber nicht so, wie Nikolaj vermutet hatte. Er war anders als alle Menschen, die Nikolaj bis dahin kennengelernt hatte.
Vladimir Suvorin stieg aus dem Schlitten und ging auf die wartende Familie zu. Ruhig streifte er einen grauen Handschuh ab und streckte Mischa freundlich lächelnd seine große fleischige Hand hin.
»Mein lieber Freund«, sagte er mit warmer Stimme. Man ging ins Haus, und Vladimir legte den Pelzmantel ab. Darunter trug er ein gut geschnittenes Jackett, das den kleinen Bauchansatz geschickt kaschierte. Auch Vladimirs großes, kantiges Gesicht zeigte leichte Rundungen, die auf ein gutes, doch nicht unmäßiges Leben hindeuteten. Sein sich lichtendes Haar war kurz geschnitten, seine Nase groß, doch ebenmäßig.
Der dunkelbraune Schnurrbart und der kurze Bart wirkten höchst gepflegt. Ein leichter, angenehmer Duft von Eau de Cologne umwehte Vladimir.
Nikolaj beobachtete den Mann fasziniert. Wie alle Leute, die in St. Petersburg lebten, nahm auch er Moskau gegenüber eine leicht arrogante Haltung ein. Moskau galt ihm als provinziell, ein Ort für Kaufleute. In St. Petersburg hatte Nikolaj sich in den besten Kreisen bewegt. Er kannte Männer vom Reichsgericht, kosmopolitische Aristokraten. Er kannte Adlige, die ein großes Haus führten. Vladimir dagegen war ein Mann – Enkel eines Leibeigenen der Bobrovs –, der zwar nicht zu den Angehörigen der Oberschicht gehörte, aber trotzdem kosmopolitischer war als sie alle. Er sprach ein gepflegtes Russisch. Aus einigen Andeutungen ging hervor, daß er auch Französisch beherrschte, ebenso war er in Deutsch und Englisch daheim. Wie er sprach und wie er sich bewegte – er strahlte völlige Selbstsicherheit aus. Er ist wie ein Monarch oder ein östlicher Potentat, dachte Nikolaj.
Er hat vollendete Manieren, und dabei sagt und tut er doch genau, was er will – und jeder gehorcht ihm.
Es war nicht zu übersehen: Vladimir hatte sich, obwohl erst einundvierzig Jahre alt, längst an die angenehme Vorstellung gewöhnt, daß es fast nichts gab, was er nicht hätte bekommen können – durch Geld oder andere Mittel.
Nicht nur Nikolaj war vom ersten Augenblick beeindruckt, der imposante Mann hatte im Nu alle für sich eingenommen. Nikolaj behandelte er unverzüglich als einen vertrauenswürdigen Genossen. Mischa gegenüber verhielt er sich höflich und fürsorglich. »Sie haben so viel getan, lieber Freund. Es ist Zeit, daß die jüngere Generation einen Teil der Last übernimmt. Aber ich weiß, daß Sie auf uns alle ein wachsames Auge haben werden. Hier ist eine Nachricht vom Provinzgouverneur«, fügte er hinzu. »Die Regierung will Getreide verteilen. Es wird von der Ukraine geliefert, und wir bekommen es in einem Monat. Wie Sie wissen, haben wir noch für etwa acht Wochen Vorräte. Ich werde selbst mit dem Gouverneur sprechen, damit nichts schiefgeht.«
Vladimir hatte es sich inzwischen auf einem Sessel bequem gemacht.
Nun begann er, einiges über sich zu erzählen. Seine erste Frau war gestorben, aus der zweiten Ehe hatte er einen Sohn. Für gewöhnlich befand er sich zwei Monate des Jahres auf Reisen. Er kannte Paris ebenso gut wie Moskau. Er kannte Künstler wie Renoir und Monet persönlich wie auch den berühmten Schriftsteller Tolstoj, dessen Besitz, Jasnaja Poljana, er vor einiger Zeit besucht hatte. Auch mit Tschaikovskij war er bekannt. Vladimirs Welt war die glitzernde Welt der Literaten, überfüllter Salons, Kennerschaft und kluger Protektion – eine Welt, in die eine hohe Stellung oder großer Reichtum Einlaß verschafften, wo jedoch nur Begabung und außergewöhnliche Persönlichkeit geduldet wurden. Selbstverständlich war Suvorin obendrein ein großartiger Geschäftsmann. Nikolaj erfuhr weiterhin etwas über die Arbeit, die die zemstvos in den vergangenen Monaten geleistet hatten. »Ohne Ihren Vater wäre die örtliche Lebensmittelverwaltung zusammengebrochen«, erklärte Vladimir ganz offen. »Die Leute des zemstvo halten in Stadt und Land die Dinge zusammen, nicht die Zentralregierung.« Nachdem er gegangen war, bemerkte Mischa bewundernd: »Gott sei Dank haben wir ihn auf unserer Seite. Die Behörden wagen es nicht, seine Stimme zu ignorieren.«
Zu ebendieser Zeit war in der isba Timofej Romanovs ein heftiger Disput im Gange. Die Streitenden waren die alte Arina und Boris. Timofej und seine Frau sagten wenig; der Gegenstand dieses Streits, das siebzehnjährige Mädchen, die Namensschwester ihrer Großmutter, wurde überhaupt nicht gefragt. »Das kann man nicht machen«, schrie Boris ziemlich laut. »Diese Leute sind unsere Feinde, ihr seid nur alle zu dumm, um das zu begreifen. Außerdem soll sie hier ihren Eltern helfen.« Doch die alte Arina blieb hart. »Wir hätten einen Mund weniger zu füttern«, meinte Timofejs Frau schließlich. »Lieber verhungern«, knurrte Boris.
Die Jahre, seit Natalia bei dem Brand einen tragischen Tod gefunden hatte, hatten Boris Romanovs Gefühle keineswegs gemildert. Im Gegenteil: Mit der Zeit wurde seine Vorstellung, die Bobrovs und der gesamte Landadel hätten sich gegen ihn verschworen, immer zwingender. Zehn Jahre zuvor etwa war das Gerücht im Umlauf, die Regierung werde die Zahlungen der Bauern an ihre früheren Besitzer endlich abschaffen, doch kündigte die Verwaltung schließlich nur eine Senkung um klägliche fünfundzwanzig Prozent an. Boris sah darin den klaren Beweis einer Verschwörung gegen ihn. Und als während der Hungersnot Timofej auf das gute Werk Mischa Bobrovs hinwies, war Boris' verächtliche Antwort: »Was dieser alte Verbrecher kann, kann ein ehrlicher Bauer schon längst.«
Die Entscheidung der Großmutter, Arina solle in den Haushalt der Bobrovs gehen, machte ihn deshalb wütend. Da jedoch Timofej, das Familienoberhaupt, nicht in der Lage war, der entschlossenen alten Frau zu widersprechen, konnte auch Boris nichts unternehmen. Die Alte war unerbittlich. Es war erstaunlich, welch ein starker Wille in diesem kleinen Körper wohnte; merkwürdig auch, wie sich durch ihren Entschluß, das Überleben der Familie zu sichern, all ihre Gedanken von der geliebten Tochter weg auf die nächste Generation konzentrierten. »Ich spreche mit ihnen; sie werden sie aufnehmen«, sagte sie ruhig.
Vladimir Suvorin hatte die Bobrovs gerade verlassen, als Arina und das Mädchen die Familie Bobrov aufsuchte. Die Alte brauchte nicht viel zu sagen, Anna Bobrov verstand sogleich. »Natürlich nehmen wir sie auf«, versprach sie. »Mein Mann ist müde. Er wird froh um eine Hilfe sein.«
Am Nachmittag wurde das Mädchen eingewiesen. »Jetzt bist du sicher«, flüsterte ihr die Großmutter zu, bevor sie ging. In den kommenden sechs Wochen hatte Nikolaj Bobrov viel zu tun. Die Vorhersage seiner Mutter, das junge Mädchen der Romanovs werde von Nutzen sein, hatte sich schnell als richtig erwiesen: Mischa Bobrov wurde plötzlich krank. Er lag im Bett, zu schwach, sich zu bewegen. Nikolaj dachte, daß sie den Alten wohl verloren hätten, wäre da nicht die ständige Pflege des stillen Bauernmädchens gewesen.
Arina hatte helle Haut und hellbraunes Haar, und wenn man sie auch nicht als hübsch bezeichnen konnte, strahlte ihr eher breites Gesicht eine Ruhe aus, die es sehr anziehend machte. Sie war fromm. Anna und Arina gingen häufig zum Kloster, Tücher um den Kopf geschlungen.
Neben der Pflege genoß Mischa es vor allem, wenn Arina erzählte. Sie hatte von ihrer Großmutter eine Fülle von Volkssagen gelernt; und oft setzte sie sich ans Bett des Kranken und breitete eine bunte Märchenwelt vor ihm aus.
»Wenn dein Vater wieder gesund wird, haben wir es nur diesem Mädchen zu verdanken«, sagte Anna zu ihrem Sohn. Tatsächlich sah es so aus, als komme Mischa allmählich wieder zu Kräften. Drei Wochen später besuchte Nikolaj in St. Petersburg kurz seine Frau und die Kinder und kehrte dann wieder zurück. Die versprochenen Getreidevorräte trafen nicht ein. »Ich werde erst gesund, wenn sie kommen«, erklärte Mischa. Der zemstvo und Suvorin sandten Boten zum Gouverneur. Alle paar Tage hieß es, das Getreide treffe in aller Kürze ein. Mitte Februar kam die Nachricht an den örtlichen zemstvo: Bedauerlicherweise könnten die angekündigten Getreidelieferungen aufgrund von Transport- und Lagerungsschwierigkeiten nicht erfolgen. »Sind diese Leute sich im klaren darüber, was das bedeutet?« keuchte Mischa in seinem Bett. »Die Menschen hier werden sterben. Seit zwei Wochen hat niemand mehr einen Fisch aus dem Fluß geholt. Zwei Drittel des Viehs sind verendet. Ich kann nicht glauben, daß selbst diese einfältigen Bürokraten so etwas tun können.« In wenigen Stunden hatte sich die Nachricht in der ganzen Gegend verbreitet. Eine Woche verging. Die Bauern waren niedergeschlagen. Noch eine Woche. Viele Getreidespeicher waren inzwischen leer. Stille senkte sich übers Dorf.
Doch dann, eines Morgens, kam das Getreide. Die lange Reihe der Schlitten bot einen erfreulichen Anblick; ein, zwei, drei Dutzend. Es war wie der Nachschub für eine kleine Armee. Die Schlitten fuhren in Russka ein, wo Suvorins Verwalter sie in einem Lagerhaus erwarteten. Ein Dutzend der Schlitten zweigte ab und fuhr durch die Wälder nach Bobrovo hinüber, dort den Abhang hinauf zu Mischa Bobrovs Haus. Als sie sich näherten und die Leute im Haus an die Fenster eilten, sahen sie im ersten Schlitten eine mächtige Gestalt sitzen, die, eingehüllt in Pelz, das Gesicht gerötet von der eisigen Luft, wahrhaftig Ähnlichkeit mit einem riesigen russischen Bären hatte.
Es war der bärenstarke Vladimir Suvorin, der nun mit fröhlichem Schmunzeln aus dem Schlitten stieg und auf Mischa zuging, der es vor Aufregung nicht mehr im Bett ausgehalten hatte und, in eine Bettdecke gehüllt, dastand; Vladimir drückte ihn fest an sich. »Hier bringe ich Ihnen und Ihrem Dorf Getreide, Michail Alexejevitsch. Wir können meinen alten Freund doch nicht hungern lassen!«
»Was habe ich euch gesagt?« rief Mischa seiner Frau und seinem Sohn zu. »Nur Suvorin kann das zuwege bringen! Aber wie, zum Teufel, haben Sie das dem Gouverneur abgeluchst?« fragte er Suvorin.
»Die Behörden haben kein Getreide. Niemand bekommt eine Zuteilung, mein lieber Freund.« Mischa runzelte die Stirn. »Und dies hier?«
»Das habe ich gekauft. Meine Mittelsmänner haben es entdeckt und es aus dem Süden den ganzen Weg herbefördert. Die Behörden haben damit gar nichts zu tun.«
Zuerst konnte Mischa nicht sprechen. Nikolaj sah, wie Tränen in die Augen des alten Mannes stiegen. Er hielt Suvorin am Ärmel fest, dann murmelte er: »Wie kann ich Ihnen danken, Vladimir Ivanovitsch?«
Doch dann warf er plötzlich den Kopf zurück und schrie in einem Anfall von Enttäuschung, Scham und Verachtung: »Dieser verdammte Gouverneur! Diese verdammte Regierung in St. Petersburg! Ich sage euch, diese Leute nützen uns gar nichts. Sie sollen den örtlichen zemstvos Macht geben, da sie nicht fähig sind zu regieren.« Er schrie mit voller Lautstärke, und es machte ihm anscheinend nichts aus, daß Bedienstete, Kutscher und mehrere Dorfbewohner Zeuge waren. Mischa Bobrov, Landbesitzer, Adliger, liberal, loyaler Monarchist, war fertig mit der Regierung. Nikolaj wußte, daß es anderen Landbesitzern und Männern des zemstvo in allen zentralen Provinzen in diesem Winter der Hungersnot ebenso erging.
Und so blickte Nikolaj Bobrov nach Jahren auf diesen Tag zurück und dachte: Auch damit begann die Revolution. Im Frühjahr kam es zum ersten Ausbruch der Krankheit, und zwar in den Hütten, die verstreut am Flußufer unterhalb von Russka lagen. Zuerst, als mehrere Menschen an Durchfall litten, nahm kaum jemand Notiz davon. Nach zwei Tagen erbrach ein Mann plötzlich eine weißlichgelbe, molkeähnliche Masse. Kurz darauf erbrach er wieder heftig, schrie, seine Magengrube glühe wie Feuer und er verbrenne.
Am folgenden Tag litt der Kranke an akuten Krämpfen in den Beinen, sein Körper verfärbte sich blau. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, so daß sein Kopf aussah wie ein Totenschädel, und er brachte nur noch ein paar heisere Laute zustande. Bevor der nächste Morgen dämmerte, starb er. Nach dem Tod blieb der Körper eine Zeitlang merkwürdig warm. Die Frau des Verstorbenen meinte, er sei sogar noch wärmer geworden und noch nach geraumer Zeit seien Muskelzucken und Krämpfe zu spüren gewesen. Innerhalb weniger Stunden wußte es ganz Russka: Die Cholera war ausgebrochen. »Wenn wir sie nur vom Ort fernhalten können«, war Mischa Bobrovs tägliche Litanei. »Wenn Russka ordentlich verwaltet würde, müßte man das ganze Gebiet abriegeln.« Doch weder die örtliche noch die Provinzverwaltung konnte einen solchen Versuch wagen; die Menschen kamen und gingen. Aufgrund der Bemühungen der beiden Bobrovs und Suvorins wurde eine Art inoffizieller Quarantäne eingeführt, die die Ausbreitung der Cholera zu verhindern schien. Der Erfolg ihres bescheidenen Versuchs wurde bald von einem jungen Arzt bestätigt, den der zemstvo anstellen konnte, damit er sich mit der ausgebrochenen Seuche befasse. »In anderen Teilen des Landes wütet sie so, daß man keine Kontrolle mehr über sie hat«, berichtete er. »Die Hungersnot hat alle Menschen geschwächt und anfällig für Krankheiten gemacht.« Es gab einige Dutzend Fälle in der Stadt, etliche im Kloster und mehrere in den umliegenden Ortschaften. »Im Grunde kann ich nicht viel tun«, gab der junge Arzt zu, »im Frühstadium verabreiche ich Opium oder Silbernitrat; Senfpflaster und Chloroform, wenn Krämpfe auftreten. Wenn eine Chance auf Heilung besteht, verabreiche ich Kognak oder Ammoniak.«
Dem Doktor gingen bald die Medikamente aus. Wieder sagte die Zentralregierung medizinische Versorgung zu, aber diesmal erwarteten die Bobrovs erst gar nicht, daß diese eintreffen würde. Und so war es auch. Nikolaj fuhr in die Provinzhauptstadt wegen Medikamenten, doch vergeblich. Suvorin dagegen konnte in Moskau Nitrat auftreiben.
»Wie machen Sie es, daß Sie sich selbst nicht anstecken?« fragte Nikolaj den Arzt bei ihrer ersten Begegnung. »Manche Leute glauben, die Krankheit werde durch die Luft übertragen«, erklärte der Arzt. »Ich aber bin der Ansicht, daß die Ansteckung vor allem durch den Mund erfolgt. Trinken oder essen Sie nichts, das von einem Cholerakranken berührt worden ist. Wenn Erbrochenes oder die Körperflüssigkeit eines Kranken an Ihre Kleider gelangt, ziehen Sie sich um, und waschen Sie sich gründlich, ehe Sie etwas zu sich nehmen.«
Nikolaj befolgte diese Ratschläge genau, und tatsächlich geschah ihm nichts. Eine Woche verstrich, eine zweite, eine dritte. Und immer noch war die Cholera nicht bis Bobrovo vorgedrungen. Während die übrige Welt vor der Krankheit zitterte, erlangte Mischa Bobrov allmählich seine Kräfte zurück. Er ging häufig mit seiner Frau oder Arina durch die Wälder oberhalb des Hauses spazieren. Es war schön, daß sich der alte Mann und sein Sohn nun näherkamen.
Allmählich nahmen die Todesfälle ab. Nach einem Monat schien die Seuche abgeklungen zu sein. »Sie haben Glück gehabt«, meinte der Arzt. »Ich wurde gerade aufgefordert, in eine schwer betroffene Gegend in der Nähe von Murom zu gehen. Leben Sie wohl!« Mitte Mai beschloß Nikolaj, nach St. Petersburg zurückzukehren. »Ich komme im Juli wieder«, versprach er seinen Eltern. Höchst erleichtert machte er sich nach der Hauptstadt auf. Er reiste nicht allein. Die junge Arina wollte diese Stadt immer schon kennenlernen. Da Mischa inzwischen gesund war und Nikolajs Frau geschrieben hatte, sie könne zeitweilig eine Kinderfrau gebrauchen, kam man überein, daß Arina Nikolaj begleiten und den Sommer bei seiner Familie verbringen solle. Das Mädchen war sehr froh darüber. Und falls sie vor ihrer Abreise wirklich eine unangenehme Unterredung mit ihrem Bruder Boris gehabt hatte, behielt sie das für sich.
Drei Tage danach zeigte Timofej Romanov Krankheitssymptome. Innerhalb einer Stunde erbrach er eine weißliche Masse mit kleinen reisartigen Körnern darin. Er hatte Cholera, die rasch ins letzte Stadium trat. In der Abenddämmerung lag Timofej bereits in Agonie. Gegen Morgen war sein Körper durch das häufige Erbrechen völlig geschwächt und fast purpurrot. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Totenblässe stellte sich ein. Timofejs Frau und die alte Arina, die schon ein dutzendmal seine durchweichten Kleider gewechselt hatten, standen in dem bleichen Frühlicht da und blickten ihn voll Trauer an. Die Augen des alten Mannes waren weit aufgerissen, aber er konnte sich nicht mehr äußern. Zu Mischa Bobrovs Überraschung stand in aller Frühe Boris Romanov vor der Tür. Er konnte sich nicht entsinnen, wann dieser selbstsichere und abweisende Bursche das letztemal in diesem Haus gewesen war. Heute jedoch benahm er sich höflich, fast zuvorkommend. »Leider bringe ich schlechte Nachrichten, mein Herr«, erklärte er. »Mein Vater.« Und nun berichtete er die Einzelheiten.
»Mein Gott!« Nun hatte die Seuche Bobrovo doch noch erreicht. Gott sei Dank bin ich in so guter Verfassung, daß ich damit fertig werde, dachte Mischa. Er schickte unverzüglich nach einem Arzt und ließ die Menschen in Russka vor der Krankheit warnen. Boris stand immer noch herum. »Es ist so, mein Herr, daß er nach Ihnen gefragt hat. Er will sich verabschieden. Er wird diesen Tag nicht überleben.« Mischa zögerte. Er hatte keine Lust, in ein Haus zu gehen, in dem die Cholera herrschte. Ich kann es mir nicht leisten, mich anzustecken, dachte er verärgert. Es gibt zuviel zu tun. Doch sogleich schämte er sich seiner Reaktion. »Natürlich«, sagte er und zog den Mantel an.
Es war unerträglich heiß in der isba der Romanovs. Obwohl ein Fenster offenstand, war die Luft stickig und verbraucht. Vor Mischa lag der Spielgefährte aus Kindertagen, Timofej – oder das, was von ihm übriggeblieben war. Armer Teufel! Timofej sah Mischa freundlich-erstaunt an, aber sprechen konnte er nicht mehr. Mischa blickte sich im Zimmer um. Die alte Arina und ihre Tochter hielten es peinlich sauber. Tisch und Fußboden waren kürzlich geschrubbt worden. Timofej lag im frischbezogenen Bett neben dem Ofen. Boris nahm Mischa in überraschender Dienstfertigkeit den Mantel ab und bot ihm einen Stuhl an. Doch zog er es vor zu stehen, und zwar in gewissem Abstand vom Patienten, und war sehr darauf bedacht, nichts zu berühren. Da versuchte Timofej ein Lächeln. Mischa sprach alle Trostworte, die ihm einfielen. Er erinnerte an vergangene Zeiten, an gemeinsame Bekannte, und der alte Bauer hatte allem Anschein nach Freude daran. Boris schien froh darüber und schlüpfte kurz aus dem Zimmer. Merkwürdig, daß angesichts des Todes Zwistigkeiten von ehedem sich in nichts auflösten. Boris handelte rasch und lautlos. Sein Vater war beim Anblick des Landbesitzers so überrascht gewesen, daß Boris fürchtete, Mischa könnte daraus schließen, daß Timofej gar nicht nach ihm geschickt habe. Jetzt lief er in den Vorratsraum.
Die Bettwäsche und drei Hemden seines Vaters lagen in einem Winkel. Die alte Arina wollte sie verbrennen, hatte jedoch bisher keine Zeit dafür gefunden. Boris breitete Mischas Mantel aus, legte ihn auf den Wäschehaufen und preßte ihn mehrmals darauf, bis er dachte, die Krankheitserreger müßten sich übertragen haben. Dann trug er den Mantel ins Zimmer zurück. »Das ist für Natalia«, flüsterte er vor sich hin. Kurz darauf eilte Mischa nach Hause. Wie schrecklich heiß es doch in dem Krankenzimmer gewesen war! Gott sei Dank habe ich nichts berührt, man kann nicht vorsichtig genug sein, dachte er. Aber er war stolz auf sich. Er hatte das Richtige getan und hatte dem alten Bauern offensichtlich eine Freude gemacht. Anscheinend war er dort drinnen doch stärker ins Schwitzen gekommen, als er vermutet hatte. Als er den Hügel hinaufging, fühlte sich sogar sein Mantel feucht an. Er wischte sich die Stirn und den Schnurrbart mit dem Mantelärmel ab.
Eine Woche später erreichte Nikolaj in St. Petersburg die Nachricht, daß sein Vater die Cholera habe.
1892
In dem Raum war unterschwelliges Stimmengewirr zu hören. Bald würde der bekannte Redner eintreffen. Rosa Abramovitsch spürte eine erwartungsvolle Erregung. Sie war nie vorher auf einer solchen Versammlung gewesen. Die ungefähr dreißig Anwesenden waren alle Anfang Zwanzig. Draußen tauchte die sommerliche Abendsonne die litauische Hauptstadt Wilna und ihren alten Schloßberg in sanftes orangefarbenes Licht.
Rosa Abramovitsch, zwanzig Jahre alt, lebte seit zehn Jahren in Wilna. Sie hätte auch in Amerika sein können. Viele Juden waren nach den Pogromen 1881 dorthin ausgewandert, doch in einer Familienbesprechung, die ihr Vater in jenem furchtbaren Jahr einberufen hatte, wurde beschlossen, aus dem jüdischen Gebiet etwa fünfhundert Meilen nach Nordwesten, nach Litauen zu gehen. Erst wenn es Pogrome auch in Wilna gebe, meinte ihr Vater, würden sie Rußland verlassen. Er hatte immer noch Hoffnung. Rosa liebte ihre neue Heimat. Von der litauischen Hauptstadt war es nur eine Tagesreise zur Ostsee oder in die südwestlich gelegene frühere Hauptstadt Polens, Warschau. Im Norden lagen die baltischen Provinzen, wo die Letten und Esten zu Hause waren. Obwohl all diese Länder damals einen Teil des wachsenden Zarenreiches bildeten, bedeutete das nicht, daß sie in ihrem Charakter russische Züge hatten. Die litauischen Bauern, die in großen, hübschen Holzhäusern wohnten, erinnerten Rosa an die unabhängigen Kosakenbauern aus der Ukraine. Und Wilna war eine hübsche alte europäische Stadt, eine kosmopolitische Stadt mit einer aufstrebenden jüdischen Gemeinde.
Rosas Vater fand nur einen Makel an diesem Ort: Es gab zu viele von diesen freidenkerischen jungen Juden, die sich von ihrer Religion abgewandt hatten. Trotz aller Anstrengungen war es ihm kaum gelungen, seine beiden Söhne daran zu hindern, sich mit ihnen zusammenzutun. Über die kleine Rosa hatte er allerdings bis zu seinem plötzlichen Tod im vergangenen Jahr streng gewacht. Und nun war es eben eine solch gefährliche Gesellschaft, in die sie an jenem Abend geraten war. Sie fand alles sehr aufregend. Freunde ihrer Brüder hatten sie hergebracht. Die Hälfte der Menschen im Raum waren junge Männer und Frauen aus der angepaßten jüdischen Mittelklasse, Studenten, ein junger Arzt, ein Anwalt. Die übrigen waren jüdische Arbeiter. Es war eine sympathische, lebhafte Versammlung, doch Rosa kannte niemanden. Obwohl sie erst zwanzig Jahre alt war, hatte ihr das Leben bereits harte Schläge versetzt. Anfangs hatte ihre musikalische Karriere in Wilna große Fortschritte gemacht; mit sechzehn hatte sie bereits mehrere Klavierkonzerte gegeben und eine kleine Konzertreise hinter sich. Für das Jahr darauf hatte man ihr eine größere Tournee mit einem bedeutenden Dirigenten in Aussicht gestellt. Ihre Eltern waren begeistert, ihre Brüder stolz.
Die letzten drei Jahre waren dagegen ein Alptraum gewesen. Die Krankheit lastete mitunter schwer auf ihrer Brust, und der Husten bereitete ihr Schmerzen. Sie war tagelang so erschöpft, daß sie keine Kraft für irgendeine Tätigkeit hatte. Die Tournee mußte abgesagt werden. Rosa übte kaum noch auf dem Klavier. »Wenn ich nicht vollkommen spielen kann, will ich überhaupt nicht mehr spielen«, erklärte sie ihrem unglücklichen Vater. Sie verfiel in Depressionen.
»Wenn sie nur Freunde hätte, die ihr helfen könnten«, klagte die Mutter.
Leider waren fast all ihre Freunde in Wilna Musiker, und diese wollte sie nicht mehr sehen. Ihr blieb nur einer: der junge Ivan Karpenko in der Ukraine. Seit jenem schlimmen Tag, als er die Familie vor dem Pogrom gerettet hatte, bestand eine besondere Bindung zwischen Rosa und dem Kosakenjungen. Der plötzliche Tod des Vaters hatte Rosa aus ihrer Lethargie gerissen. Das Familienvermögen war zerronnen; die beiden Brüder mußten die Mutter unterstützen. Rosa war gezwungen, sich zu überlegen, wie sie ihr Leben gestalten wollte. Eine Musikerkarriere stand – zumindest im Moment – nicht zur Debatte. Welche Alternative gab es? Klavierstunden geben – für einen Hungerlohn? Rosa verabscheute den Gedanken. Es gab ein Lehrerseminar in der Stadt, wo jüdische Studenten für den Unterricht an staatlichen Schulen ausgebildet wurden. Ihre Brüder hielten das für besser. Was macht es schon aus, wenn ich ohnehin nicht tun kann, was ich möchte, hatte sie gedacht und sich angemeldet. Und nun war sie an einem Sommertag auf dieser jüdischen Arbeiterversammlung. Es gab viele solcher Versammlungen, manche davon Studiengruppen, in denen interessierte Arbeiter lesen und schreiben lernen konnten. Auf anderen wurde über die Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen diskutiert. Wieder andere hatten umfassende politische Veränderungen zum Thema. Das heutige Treffen stellte allerdings etwas Besonderes dar. Ein Professor aus Moskau sollte einen Vortrag über Arbeiterbewegungen innerhalb und außerhalb Rußlands halten. »Bestimmt wird es nicht dabei bleiben«, flüsterte ihr ein Nachbar zu. »Der Professor ist Marxist. Ein Revolutionär.« Ein Revolutionär. Wie mochte so einer aussehen? Peter Suvorin war ein guter Redner. Anfangs wirkte der Mann mit dem zerstreuten Ausdruck auf dem schmalen Gesicht eher wie ein sanft gearteter Schulmeister. Doch bald zog er die Zuhörer in seinen Bann – und zwar mit genau dieser Sanftheit, seiner geradlinigen Aufrichtigkeit und mit der wunderbaren Klarheit seiner Ausführungen. Mit seinen siebenunddreißig Jahren war Peter Suvorin immer noch der alte. Er gehörte zu jenen reinen und glücklichen Seelen, die in einem einzigen, machtvollen Ideal ihrem Schicksal begegnen. Peters Idee, das Thema seines Lebens, war einfach: Die Menschheit kann und muß einen Status erreichen, wo alle Menschen frei sind und keiner unterdrückt wird. Er hatte das im Jahre 1874 geglaubt, und er glaubte immer noch daran. Peter hatte ein merkwürdiges Leben hinter sich. 1874 war er nach seinem plötzlichen Verschwinden aus Russka monatelang durch die Ukraine gewandert. Danach hatte er, als er Geld brauchte, sich mit seinem Bruder Vladimir in Moskau in Verbindung gesetzt, und Vladimir hatte Sawa benachrichtigt, daß sein Enkel noch am Leben sei.
War es vielleicht Sawa Suvorin gewesen, der Peters Schicksal besiegelt hatte? Den Informationen nach hatte der alte Mann ihm vergeben. Der Brief, angeblich von Peter geschrieben, in dem er sich dazu bekannte, das Feuer gelegt zu haben, war ein furchtbarer Schlag für ihn. Es war schwer zu sagen, was ihn mehr getroffen hatte: der Verrat oder der Feuertod der beiden jungen Menschen. Er hatte zu niemandem, nicht einmal zu Vladimir, davon gesprochen. Als Sawa erfuhr, daß Peter lebte, forderte er ihn auf, unverzüglich zurückzukehren und Genugtuung zu leisten für sein furchtbares Verbrechen. Andernfalls werde er für immer aus der Familie ausgeschlossen. Peter weigerte sich zurückzukehren und traf den Alten damit schwer. »Sein Herz ist in Sünde verhärtet«, war seine Ansicht. Er sprach nie wieder von dem jungen Mann. Sawa Suvorin starb bald darauf, und sein Testament war eindeutig. Peter hatte keinerlei Mitspracherecht mehr in den Unternehmen der Suvorins, und es wurde ihm lediglich eine bescheidene Summe ausgesetzt. »Du kannst sein Testament anfechten«, erklärte Vladimir, »oder ich gebe dir einen Teil meines Vermögens.«
Doch Peter war jung und stolz. »Ich will überhaupt nichts haben«, war sein Kommentar. Er ging nach Moskau zurück und nahm seine Studien wieder auf. Er entdeckte seine physikalische Begabung, befaßte sich gründlich mit diesem Fachgebiet und schrieb sogar einen Leitfaden dazu, der mit Erfolg veröffentlicht wurde. Unbeirrt hielt er Ausschau nach einer besseren Welt. In den 1880er Jahren kam er zum Marxismus. Seit seiner ersten Begegnung mit Popov befaßte er sich mit dem revolutionären Gedanken. Der Marxismus zeigte ihm den Weg zu einem stärkeren persönlichen Format. Hier lag die von ihm seit langem angestrebte Utopie, zu der man jedoch durch die Wissenschaft gelangte, nicht durch einen gewaltsamen, verschwörerischen Umsturz, sondern durch einen allmählichen, sozusagen natürlichen historischen Prozeß. Im Innersten war er überzeugt, daß die Fabriken der Suvorins eines Tages in die Hände der Arbeiter übergehen würden, ohne daß dabei ein Schuß fallen müßte. Seltsamerweise hatte sein frühes Interesse am Marxismus die zaristischen Behörden davon überzeugt, daß dieser harmlose Professor dem Staat nicht gefährlich werden könne.
Zwischen den beiden Brüdern, dem reichen Industriellen und dem armen Professor, dem Familienvater und dem einsamen Junggesellen, bestand eine merkwürdige Beziehung. Sie hingen aneinander, wenn auch Spannungen unvermeidlich waren. Diese resultierten vor allem daher, daß Vladimirs zweite Frau, eine hübsche Person, die in Moskau ein großes Haus führte, Mitleid für diesen freundlichen Schwager empfand. Sie betrachtete ihn als armen Unglücklichen. Ihrer Ansicht nach sollte Peter heiraten, doch sie hielt ihn für zu schüchtern.
Wenn die Versammlung jenes Abends auch klein war, war Peter doch von ihrer Bedeutung überzeugt, und es lag ihm daran, sie erfolgreich zu gestalten. Während er sprach, versuchte er die Reaktion der Zuhörer richtig einzuschätzen. Mit größter Genauigkeit gab er diesen jungen Leuten einen Überblick über die Entwicklungen in Europa. Drei Jahre zuvor hatte es eine wichtige Konferenz, die Zweite Internationale, mit Abgeordneten vieler Länder gegeben. Im vergangenen Jahr hatten erstmals Arbeitergruppen in Rußland den Ersten Mai als Zeichen der Solidarität mit der internationalen Arbeiterbewegung gefeiert. Erst als Peter Suvorin sicher war, daß er die Zuhörer auf seiner Seite hatte, schnitt er das für ihn wichtige Thema an. Es handelte sich darum, daß sie Juden waren. Er begann vorsichtig und geschickt, spielte auf einige Mißstände an: In den vergangenen Jahren hatte sich die zaristische Regierung ganz offen gegen die jüdische Gemeinde gestellt. Es wurde den Juden untersagt, Land zu erwerben, und sie wurden angewiesen, in den Städten zu leben; die Bildungsquoten wurden geregelt, daß nur ein erbärmlich geringer Prozentsatz von jüdischen Studenten zu höheren Studiengängen zugelassen wurde, selbst in den großen Städten im jüdischen Bezirk. Die diesen Bezirk betreffenden Gesetze wurden plötzlich auf eine so hinterhältige Weise verschärft, daß im vergangenen Jahr an die siebzehntausend Juden Moskau verlassen mußten. Schlimmer noch waren die wiederholten Gewaltakte seit den Pogromen von 1881, und die Regierung tat wenig, um diese zu verhindern.
Aus diesen Gründen hatten in den vergangenen Jahren die jüdischen Arbeiter an die Einsetzung eigener unabhängiger Arbeiterkomitees gedacht. Peter konnte ihnen deswegen kaum einen Vorwurf machen.
»Die Arbeiter der Welt müssen sich vereinigen«, sagte er. »Alle Gruppen, alle Nationen sollten sich zusammentun.« Er sah diese Vision ganz klar vor sich. »Außerdem hat eure Stimme, wenn ihr Teil einer größeren Bewegung seid, viel mehr Gewicht«, schärfte er ihnen ein.
Sie hörten ihm höflich zu, aber er merkte, daß sie zweifelten. Da sprach ihn plötzlich ein junger Mann mit wirrem Haarschopf aus den vordersten Reihen an. »Sie sagen, wir sollten Teil einer größeren Bruderschaft werden. Schön und gut. Was aber machen wir, wenn unsere nichtjüdischen Brüder nicht für uns einstehen wollen?«
Auf diese Frage hatte Peter gewartet. Es traf zu, daß die russischen Arbeiter ihren jüdischen Brüdern gegenüber gemischte Gefühle hegten. In Rußland waren sie Ausländer; im jüdischen Bezirk galten sie als Konkurrenz. Im übrigen waren sie sogar Aktivisten und Sozialisten, denen es nicht gelungen war, gegen die Pogrome aufzustehen, aus Furcht, sich die Arbeiter zu entfremden, die sie doch für ihre Sache gewinnen wollten.
Peter war zu ehrlich, um das Problem zu leugnen; aber er sehe darin eine Übergangsphase, versicherte er dem jungen Mann. »Vergessen Sie nicht, daß wir ganz am Anfang stehen. Wenn die Bruderschaft an Größe und Bewußtsein zunimmt, wird sich dieses Problem lösen.«
Eine lange Pause trat ein. Peter war nicht sicher, ob er den jungen Mann überzeugt hatte. Schließlich wurden weitere Fragen gestellt. Als die Versammlung dem Ende zuging, stand das Mädchen auf. Sie saß ziemlich weit hinten, hinter einem großen jungen Mann, und Peter hatte nur ihre schwarze Haarmähne wahrgenommen. Nun starrte sie ihn plötzlich mit großen, leuchtenden Augen an, einen Ausdruck großer Verwirrung im Gesicht. Rosa Abramovitsch hatte den Ausführungen Peter Suvorins aufmerksam gelauscht. Als sie jedoch an ihr eigenes Leben dachte und daran, was in der Ukraine geschehen war, stand sie vor einem Rätsel. Wie waren Peters Worte und ihre eigenen Erlebnisse vereinbar? Deshalb fragte sie nun mit sanfter Stimme: »Wenn also die neue Welt sich bildet, wenn der sozialistische Staat entstanden ist – bedeutet das, daß die Juden nicht länger verfolgt werden, daß die Menschen sich geändert haben?«
Peter starrte sie an. Die Frage war von einer derart unerhörten Einfalt, daß er einen Augenblick lang nicht wußte, was er antworten sollte. Er lächelte. »In einem sozialistischen Arbeiterstaat sind alle Menschen gleich. Die Verfolgung von Minderheiten ist unvorstellbar.« Als er sah, daß sie immer noch zweifelte, fügte er hinzu: »Kommen Sie nach der Versammlung zu mir. Ich werde Ihnen verschiedene Bücher als Lektüre empfehlen.« Rosa setzte sich. Irgend jemand sagte etwas, aber sie hörte nicht zu. Ob sie dem Professor glauben sollte? Sie wußte es nicht. Eines aber wußte sie: Er war der schönste Mann, den sie je gesehen hatte. Vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an hatten Peter Suvorin und Rosa Abramovitsch das Gefühl, sich schon ein Leben lang zu kennen.
»Er ist fast doppelt so alt wie du«, gaben ihre Brüder zu bedenken. »Er ist ein Revolutionär, und er ist kein Jude«, hatte die Mutter einzuwenden.
Was also zog Rosa so sehr zu Peter Suvorin hin? War es sein Verstand? Seine brillante Sachkenntnis in bezug auf volkswirtschaftliche Theorien faszinierte sie, selbst wenn sie nicht immer folgen konnte. Doch was sie liebte, waren seine Reinheit, sein leidenschaftlicher Idealismus. Er hatte eine Pilgerseele, war ein Außenseiter, ein Leidender. Er war Junggeselle, hatte in all den Jahren keine Frau gefunden, die ihn hätte verstehen können. Peter seinerseits war überrascht von diesem poetischen Geschöpf, das wie vom Himmel in sein Leben gefallen zu sein schien. Nun ja, sie war Jüdin, aber das war sie nun eben einmal. Und außerdem sagte er sich, daß er niemandem auf der Welt darüber Rechenschaft schuldig war als sich selbst.
Wenn Peter das Gefühl hatte, ein neues Leben zu beginnen, so hatte Rosa den Eindruck, als habe sich ihr Dasein plötzlich geklärt. Es hatte plötzlich einen Sinn. Selbst ihre Gesundheit besserte sich auf unbegreifliche Weise. Obwohl sie ihre Mutter liebte und das Andenken an ihren Vater in Ehren hielt, fand sie sich nicht verpflichtet, weiterhin ihrer Denkweise zu folgen. Sie hatte die jüngere Generation, die Freunde ihrer Brüder gründlich kennengelernt. Viele von ihnen besuchten kaum noch eine Synagoge. Rosa war verliebt. Und nichts sonst zählte.
Im September brach sie mit Peter nach Moskau auf. Kurz darauf, ehe sie heirateten, tat sie den nächsten Schritt: Sie ließ sich in der russisch-orthodoxen Kirche taufen. An ihre Brüder schrieb sie:
Ihr wißt, daß das nichts zu bedeuten hat, aber es macht die Sache hier in Moskau einfacher, vor allem für zukünftige Kinder. Wahrscheinlich müssen wir es Mutter mitteilen.
Als die Mutter einen Monat später tatsächlich davon erfuhr, erklärte sie nur traurig: »Für mich ist Rosa damit gestorben.«
1905
Boris Romanov war jetzt das Familienoberhaupt. Timofej und seine Frau waren der Cholera von 1891 zum Opfer gefallen, die alte Arina war ein Jahr darauf gestorben. Boris hatte eine große Familie, einige Kinder waren schon erwachsen. Dazu hatte er seine Schwester Arina, deren Mann jung verstorben war, und ihren sechsjährigen Sohn Ivan aufgenommen. Ivan vergötterte seinen Onkel Boris. Von ihm hatte er aber auch aufregende Neuigkeiten erfahren. »Dieses Jahr, Ivan, ist das wichtigste in der Geschichte Rußlands. Weißt du auch, warum? Weil die Revolution begonnen hat.« Revolution. Das klang aufregend, auch wenn der Junge nicht genau wußte, was das bedeutete. Der Onkel erklärte es ihm so: »Es bedeutet, daß wir die Bobrovs hinauswerfen und uns das ganze Land nehmen. Was hältst du davon?« Ivan gab zu, daß sich das wunderbar anhörte. Er wußte natürlich, daß seine Mutter Arina die Bobrovs schätzte und nicht jeder im Ort schlecht über sie sprach. Aber Onkel Boris hatte immer recht.
Die außergewöhnlichen Ereignisse des Jahres 1905 hatten sich seit langem zusammengebraut. Die Regierung Alexanders III. war reaktionär gewesen, und die letzten elf Jahre unter seinem einfallslosen Sohn Nikolaus II. und seiner deutschen Gemahlin hatten eine traurige Fortsetzung der glanzlosen Zustände des früheren Regimes bedeutet. Fast ein Jahrhundert lang war Finnland selbständiges Herzogtum innerhalb des russischen Reiches gewesen. Nun hatte die Regierung plötzlich beschlossen, es zu russifizieren, wie es zuvor der Ukraine geschehen war. Daraufhin begehrten die Finnen auf.
In der Ukraine hatte es inzwischen einen Bauernaufstand und 1903 einen furchtbaren Pogrom gegeben. Die aufgeschreckte Regierung, entschlossen, die Lage in den Griff zu bekommen, handelte kopflos. Ohne jeden Grund wurde auf den
Universitäten scharf vorgegangen, und als einige Studenten protestierten, behandelte man sie wie politische Aufwiegler und steckte sie in die Armee. Die Regierung verlor schließlich auch ihre letzten Fürsprecher, als sie die Arbeit des liberalen Adels in den zemstvos einengte. Überall gab es Polizeispitzel.
Einen Lichtblick bildeten die Fortschritte, die unter dem brillanten Finanzminister Sergej Witte bei der russischen Eisenbahn und in der Schwerindustrie erzielt worden waren. Die Transsibirische Eisenbahn führte nun bis an den Pazifik. Fremdes Kapital, vor allem aus Frankreich, floß ins Land. Doch so wichtig diese Entwicklungen auch sein mochten, dem einfachen Volk bedeuteten sie vorerst wenig, und tatsächlich war in den vergangenen Jahren eine leichte wirtschaftliche Depression eingetreten.
Doch der Grund der sich abzeichnenden Katastrophe war der Krieg. Es war die gleiche Geschichte wie damals, als Rußland auf so verhängnisvolle Weise in den Krimkrieg hineingezogen worden war. Diesmal handelte es sich um den Fernen Osten, Die Transsibirische Eisenbahn veranlaßte Rußland zur Erweiterung seines Einflußbereichs, wobei es die Chinesen einschüchterte und mit den japanischen Interessen in jenem Gebiet in Konflikt geriet. In allzu großem Vertrauen in Heer und Flotte hatte das mächtige Landimperium sich auf einen Krieg mit der kleinen Inselnation eingelassen, und nun war es auf verheerende Weise geschlagen worden.
Im Januar dieses Jahres kam es zum Blutsonntag – dem Funken, der nach der allgemeinen Ansicht die große russische Feuersbrunst entfacht hat. Die von einem ukrainischen Geistlichen angeführte Demonstration, die lediglich die Beseitigung von Mißständen forderte, bahnte sich ungeordnet ihren Weg durch die winterlichen Straßen St. Petersburgs. Das Massaker spielte sich nicht vor dem Winterpalais ab, wie immer behauptet wird; der Zar war jedenfalls an jenem Tag nicht in der Stadt. Aus nicht bekannten Gründen feuerten die Soldaten plötzlich in die Menge, wobei mehrere Menschen am Narva-Stadttor den Tod fanden.
Daraufhin brach die Hölle los. Die liberalen zemstvos protestierten gegen die Ausschreitungen. Streiks brachen aus. In völliger Verkennung der Situation schloß die Regierung die Universitäten, und die Studenten saßen auf der Straße. Jede unzufriedene Gruppe im Reich sah ihre Chance zum Protest. Es gab Aufstände in Finnland, in den baltischen Staaten, in Polen und in Rußland selbst. Bis zum Sommer verzeichneten die Polizeiberichte 492 ernsthafte Ruhestörungen. Die Arbeiter der großen Textilfabriken in Ivanovo, nördlich von Vladimir, befanden sich in Aufruhr. In Zeitschriften und Broschüren erschienen unter dem Pseudonym V. I. Lenin, das bis dahin nur in revolutionären Kreisen bekannt war, revolutionäre Artikel. Im Mai und im Juni kamen noch vernichtendere Nachrichten aus dem Osten: Die gesamte russische Flotte war versenkt worden. Bald darauf brach im Hafen von Odessa am Schwarzen Meer auf dem russischen Panzerkreuzer Potemkin eine Meuterei aus. Was geschah mittlerweile in Russka? Bis zu diesem Morgen war es in der Stadt und in der Fabrik der Suvorins ruhig geblieben. Kurz vor Mittag jedoch kam ein Mann aus der Stadt zurück und berichtete: »Irgend etwas geht in den Webereien vor.« Am Nachmittag hieß es, ein Streik sei ausgebrochen. Dann erzählten drei Mädchen aus dem Dorf, die in der Spinnerei arbeiteten, man habe sie nach Hause geschickt. Aus diesen wenigen Anzeichen schloß der kleine Ivan, daß die Revolution nun auch bis Russka gekommen sei. Doch erst am späten Nachmittag fing sein Onkel Boris an, sich merkwürdig zu verhalten.
Tief in Gedanken versunken betrat Alexander Bobrov an diesem Tag den Marktplatz von Russka. Er war ein hübscher blonder Junge von vierzehn Jahren mit dem ersten Flaum auf der Oberlippe. Sobald er von den Schwierigkeiten erfahren hatte, war er in die Stadt geeilt, aber nicht, ehe er mit seinem Vater bestimmte Worte gewechselt hatte – Worte, die nicht ungesagt bleiben konnten. Sie, Vater und Sohn, waren ein seltsames Paar: Äußerlich waren sie sich sehr ähnlich, in ihrem Innern waren sie verschieden wie Tag und Nacht! Als Nikolaj an diesem Morgen seinen Sohn ansah, dachte er, daß manche Leute schon konservativ auf die Welt kommen. Vor einigen Jahren hatte der traurige Tod von Nikolajs älterem Sohn Alexander zum einzigen Erben gemacht, und der Junge nahm diese Position sehr ernst. Er war religiös und ging gern mit seiner Großmutter Anna zur Kirche; daneben war er außerordentlich stolz auf die alte Verbindung seiner Familie zur Monarchie. Vor allem wollte er unbedingt das Gut übernehmen, und dies war seit langem ein Grund für Spannungen zwischen Vater und Sohn. Der Besitz in Rjazan war nach und nach verlorengegangen. Nikolaj hatte zahlreiche Angebote für Teile der verbliebenen Wälder und Weiden in Russka gehabt, eines von der Dorfgemeinde und zwei für kleine Parzellen von Boris Romanov. Doch jedesmal hatte er wegen des Einspruchs seiner Mutter Anna und des jungen Alexander abgelehnt. Nun aber konnte er nicht länger durchhalten. Seit der Aufhebung der Leibeigenschaft war weder für ihn noch für die Bauern genügend Land vorhanden, sagte er immer wieder. Es ging ihm damit wie vielen Landbesitzern: Die Hälfte seiner Bekannten hatte in den vergangenen Jahren ihren Besitz veräußert, als der russische Adel allmählich seinen Untergang auf sich zukommen sah. Es hatte jedoch keinen Sinn, dem jungen Alexander dies zu sagen. Alexander kritisierte den Vater auch in anderer Hinsicht. »Warum stellen denn die Arbeiter solch schlimme Forderungen an den Zaren?« fragte er vorwurfsvoll und gab gleich die Antwort: »Es ist wegen der zemstvos, Vater, es ist deinetwegen.« Nikolaj wußte, daß er den Sohn wegen einer solchen Ungehörigkeit hätte bestrafen müssen. Doch als er ihn so vor sich stehen sah, Tränen des Zorns in den Augen, brachte er es nicht übers Herz. Und es stimmte ja, was der Junge sagte. Vergangenes Jahr, noch vor Ausbruch der Schwierigkeiten, waren er und andere liberale zemstvo-Mitglieder in St. Petersburg zusammengekommen und hatten ihren Vorschlag für den Zaren ausgearbeitet, in dem sie die Wahl einer Versammlung, eines Parlaments, zur Unterstützung der Regierung gefordert hatten. Und es traf auch zu, daß die Arbeiter und Revolutionäre die Forderungen der zemstvo-Leute aufgriffen und eine gewählte Versammlung forderten.
Wie deutlich zeigt sich doch die Rückständigkeit Rußlands, dachte Nikolaj, daß es selbst heute, im Jahre 1905, für die Regierung an Verrat grenzt, wenn das Volk ein Mitspracherecht in den Angelegenheiten des eigenen Landes fordert. Alexander jedenfalls betrachtete es als Verrat.
Als der Junge den Marktplatz zur Hälfte überquert hatte, sah er die vertraute Gestalt Vladimir Suvorins, und sogleich lächelte er. Die Beziehung zwischen dem jungen Adligen und dem Industriellen ist einfach beschrieben: Suvorin war Alexanders Idol. Der Mann hatte sich im Lauf der Jahre kaum verändert. Er war etwas voller geworden, seine Schläfen waren leicht ergraut, doch seine kräftige, gepflegte Erscheinung war die gleiche geblieben. Der Junge war natürlich von seinem außerordentlichen Charme eingenommen, aber entscheidend war, daß er in Suvorin den überlegenen Geschäftsmann und, vor allem, einen Konservativen sah. Da Vladimir Suvorin die Loyalität des Jungen dem Zaren gegenüber kannte, meinte er mitunter lachend: »Du solltest nicht zu gut von mir denken, lieber Freund. Meine Liebe zum Zaren ist reiner Egoismus.« Doch selbst diese sehr offenen Äußerungen änderten Alexanders Ansichten über Rußland oder sein Idol nur wenig. Suvorin unterstützte den Zaren, und das allein war wichtig. Suvorin war eben auf dem Weg zur Baumwollfabrik. Er nickte dem Jungen, der sich ihm wie selbstverständlich anschloß, kurz zu. »Ist es wirklich ein Streik?« fragte Alexander Bobrov. »Ja.« Suvorin wirkte ruhig.
»Was werden Sie tun?« flüsterte Alexander. »Holen Sie die Kosaken?« Er hatte gehört, daß mehrere Streiks bereits durch die verwegenen Kavallerie-Schwadronen der Kosaken niedergeschlagen worden waren.
Doch Suvorin schüttelte den Kopf. »Ein solcher Dummkopf bin ich nicht«, antwortete er.
Eine halbe Stunde lang gingen sie in verschiedenen Abteilungen des Suvorinschen Unternehmens umher: in der Spinnerei, in der Weberei, in den Unterkunftsräumen. Alle Maschinen waren abgeschaltet. Die Arbeiter standen meist in Gruppen umher und unterhielten sich leise, und als Suvorin vorbeikam, grüßte man sich gegenseitig höflich.
»Weißt du, der Streik geht nicht gegen mich oder die Arbeitsbedingungen in meinen Betrieben«, erklärte Suvorin Alexander. »Das hier ist etwas anderes. Leute von außerhalb sind gekommen und haben sie zu einem Sympathiestreik überredet. Sie fordern politische Reformen. Wenn ich die Kosaken holen würde, würde das die Lage nur verschlimmern.«
Alexander seufzte. »Das sind diese zemstvo-Leute wie mein Vater, nicht wahr?« murmelte er. »Sie haben all diese Schwierigkeiten angezettelt.«
Suvorin schüttelte energisch den Kopf. »Mache deinem Vater keine Vorwürfe«, antwortete er. Darauf schwieg er, bis sie wieder draußen auf der warmen, staubigen Straße waren. »Du verstehst nicht, was da vor sich geht, mein Junge. Rußland ist riesengroß, ungeordnet, es steht an den Anfängen. Ein weites Agrarland, wo eine bloß scheinbare Ordnung von einem autokratischen Zaren, von seiner Armee und Polizei, und von einer Minderheit privilegierter Menschen wie du aufrechterhalten wird. Aber das Ganze ist ein ungeheures Trugbild, siehst du das ein? Und zwar – da liegt der Kern –, weil niemand wirkliche Macht hat. Der Zar hat keine Macht, weil seine Armee im Osten steht und er keine echte Verbindung zu seinem Volk hat. Die Regierung ist gegen das Volk. Du und dein Vater, ihr habt keine Macht: ihr hängt mit all euren Privilegien vom Zaren ab. Ich habe keine Macht; ich hänge vom Zaren ab, um die Ordnung und mein Geschäft aufrechtzuerhalten. Das Volk hat keine Macht, weil es nicht organisiert ist und nicht weiß, was es wirklich will.« Suvorin zuckte die Achseln. »Die gegenwärtige Krise zeigt, daß der Zar nicht in der Lage ist, unsere Gesellschaft zu führen oder zu kontrollieren. Und in diesem unendlichen Durcheinander, das wir Imperium nennen, genügt ein Funke, um ein riesiges Feuer zu entfachen. Jeden Tag kann es eine Revolte geben. Totales, unkontrollierbares Chaos.« Er seufzte. »Deshalb tue ich nichts Unüberlegtes.« Suvorin machte eine Pause und fuhr dann fort: »Es gibt zweierlei organisierte Kräfte dort draußen: Zum einen die Bünde, die sich noch formieren und außer den Eisenbahnern alles Professionelle sind – Ärzte, Lehrer und Anwälte; zum anderen die zemstvo-Angehörigen wie dein Vater – die einzigen mit einem Programm. Der Zar muß sich mit ihnen einigen und hoffen, daß das Volk sich wieder beruhigt. Je länger er zögert, desto schlimmer wird es.«
»Aber was ist mit dem Zaren und dem Heiligen Rußland?« rief Alexander. »Die Bauern glauben doch daran!« Suvorin lächelte. »Das mag an den Feiertagen so sein«, antwortete er, »aber nur zwei Menschen glauben jeden Tag an das Heilige Rußland.«
»Und wer ist das?«
»Einmal der Zar selbst, mein junger Freund«, er schmunzelte, »und dann du!« Er neckte den Jungen gern. Während sie ihren Rundgang durch die Stadt fortsetzten, bemerkte Alexander, daß Suvorin nach etwas Ausschau hielt, und er fragte, wonach.
Suvorin lächelte. »Ich schaue nicht nach etwas, sondern nach jemandem. Ist dir nicht aufgefallen, daß wir während unseres ganzen Rundgangs keine Spur von den Leuten gesehen haben, die die Sache angezettelt haben? Aber ich habe herausgefunden, wer es ist – ein einzelner. Sie nennen ihn Ivanov.«
»Werden Sie ihn verhaften lassen?«
»Nein. Ich möchte es zwar, aber das würde noch mehr böses Blut geben.«
»Werden Sie mit ihm sprechen?«
»Ich habe es angeboten, aber er ist mir bisher strikt aus dem Weg gegangen. Er ist ein schlauer Fuchs. Ich möchte ihn gern einmal zu Gesicht bekommen, damit ich ihn später wiedererkenne.« Sie gingen an der Kirche vorbei auf den Marktplatz, und da plötzlich sahen sie ihn. Er stand in etwa hundert Meter Entfernung und sprach mit einigen Männern. Er bemerkte nicht, daß er von Suvorin und dem Jungen beobachtet wurde. Er war ein Mann gegen Ende der Vierzig. Sein Gesicht war glatt rasiert, und die Augenpartie war leicht geschwollen. Das leuchtendrote Haar trug er kurz geschoren. »Das ist er also«, murmelte Suvorin. »Komischer Kauz!« Er würde ihn auf alle Fälle wiedererkennen. Gleich darauf bemerkte der Fremde die beiden und eilte davon.
Auch Alexander prägte sich das Gesicht genau ein. So sieht also der Feind aus, dachte er.
Ivan beobachtete seinen Onkel Boris fasziniert. Dieser hatte sein Eintreten nicht bemerkt. Seit Boris' Gespräch mit einem Mann aus der Suvorinschen Fabrik draußen waren nur wenige Minuten vergangen. Er hatte dabei ziemlich gleichgültig gewirkt. »Ein rothaariger Kerl, sagen Sie? Keine Ahnung! Etwa mein Alter? Ivanov, sagen Sie? Nie gehört! Und wo soll der Kerl sich aufhalten? Geht Suvorin wahrscheinlich aus dem Weg. Ach ja, außerhalb der Stadt. Viel Glück für ihn und für euch alle!«
Jetzt aber wirkte der Onkel gar nicht mehr gelassen. Ivan hatte ihn nie so erregt gesehen wie jetzt, als er in dem großen Lagerraum auf und ab ging und vor sich hin murmelte. »Also tatsächlich Ivanov. Dieser Teufel. Dieser rothaarige Teufel. Mörder! Diesmal kriege ich dich! Diesmal entkommst du mir nicht! Ach, meine arme Natalia.« Es war ungewöhnlich, daß Onkel Boris in einer Sommernacht auf die Jagd ging. »Ich gehe nach Süden ins Moor«, sagte er ruhig. »Ich suche mir eine gute Stelle und sehe einmal, was die Dämmerung so bringt.« Die Nächte waren kurz und warm. Alle Arten von Wild kamen am frühen Morgen übers Moor. Bei Einbruch der Dunkelheit bereitete Boris sein Gewehr vor. Ivan sah, daß er vor dem Weggehen noch ein großes Jagdmesser in den Gürtel steckte. Als die Nacht kam, nahm er das Boot und ruderte südwärts.
Als Arina Ivan zu Bett brachte, erzählte er der Mutter von Onkel Boris' seltsamem Verhalten und fragte: »Wer war Natalia?« Wie merkwürdig sich die Leute an diesem Abend verhielten! Warum war seine Mutter so blaß geworden? Und warum war sie, nachdem sie ihm gesagt hatte, sie gehe noch zur Nachbarsfamilie, heimlich aus dem Dorf gelaufen? Er hatte sie vom Fenster aus genau beobachtet. Sie war den Hügel hinauf zum Haus der Bobrovs gegangen.
Als der Morgen dämmerte, wachte Ivan auf und ging hinaus. Da tauchte Boris aus der Dunkelheit auf. Ivan sah, daß sein Onkel wütend war. Die Wut richtete sich offenbar nicht gegen ihn, denn Onkel Boris blieb lächelnd stehen. »Ist irgend jemand letzte Nacht zu den Bobrovs hinaufgegangen?«
»Nur Mama.«
Und nun, als die Familie vor ihm in der isba stand, schrie Boris Romanov, vor Zorn zitternd: »Du hast ihn gewarnt, nicht wahr?« Arina war eingeschüchtert, trotzdem wagte sie aufzubegehren: »Und wenn schon!«
»Wenn schon? Ich werde es dir zeigen!« Mit einem Satz war er bei ihr, stieß sie zu Boden und schlug ihr zweimal hart ins Gesicht. »Du dummes Stück! Du Mordvinin!«
»Nein, nein!« schrie der kleine Junge und wollte seiner Mutter zu Hilfe eilen, doch Boris schleuderte ihn durchs Zimmer, daß er gegen eine Bank krachte.
Diese verdammte Arina! Boris hatte sein Boot flußabwärts am Ufer versteckt und war in der Dunkelheit zurück nach Russka gelaufen. Mit dem langen Jagdmesser bewaffnet, hatte er sich zu dem Haus am Stadtrand geschlichen, wo der verfluchte rothaarige Schuft wohnte. Boris lachte in sich hinein. Er wollte Popovs Mund zuhalten, ihm die Kehle durchschneiden und dabei flüstern: »Denke an Natalia.« Wenn ich ein bißchen Glück habe, wird man annehmen, einer von Suvorins Männern habe das getan, und dann wird auch er eingesperrt, dachte Boris zufrieden. Rache ist so unendlich süß, besonders wenn man dreißig Jahre darauf warten mußte. Aber da kamen plötzlich zwei Pferde die schmale Straße heraufgetrabt, eines mit einem Reiter, das andere war ein Ersatzpferd. Vor dem Haus, in dem Popov wohnte, sprang der Reiter ab und hämmerte gegen die Tür.
»Jevgenij Pavlovitsch! Popov, verdammt noch mal! Ich weiß, daß du da bist! Komm heraus! Ich bin's, Nikolaj Michailovitsch. Komm schnell!«
Bobrov! Wie, zum Teufel, konnte er das wissen? Und warum sollte er überhaupt die Haut dieses Burschen retten? Verdammt, alle miteinander! Sie steckten alle unter einer Decke. Würde er je wieder eine Möglichkeit zur Rache bekommen?
Er wandte sich wieder an seine Schwester. »Verräterin!« brüllte er. »Weißt du, was du da angerichtet hast?«
»Ja«, schrie sie ebenso zornig zurück, »ich habe Bobrov gebeten, dich von einem Mord abzuhalten. Du kannst nicht einfach herumgehen und Leute umbringen.«
»Auch nicht, wenn er Natalia getötet hat?«
»Nein.«
Er starrte Arina finster an. »Ich sehe, daß du auf der Seite von Bobrov und dem Rothaarigen stehst«, sagte er. »Aber eines verspreche ich dir: Diese Sache werde ich nicht vergessen.« Zwei Tage darauf vernichtete ein Feuer einen Teil von Nikolaj Bobrovs Wäldern. Die Brandursache wurde nie geklärt.
1906
Es war ein früher Abend im Mai, und in dem großen Moskauer Haus wurden Vorbereitungen getroffen. Unter den Angestellten herrschte eine ungewöhnlich erwartungsvolle Stimmung, denn an diesem Abend würden höchst merkwürdige Gäste anwesend sein. In dem behaglichen Zimmer im oberen Stock war jedoch alles ruhig. Frau Suvorin saß in einem langen malvenfarbenen Seidengewand, das dichte braune Haar nur locker zusammengesteckt, an ihrem kleinen Pult und schrieb Briefe. Ihre Tochter Nadeschda saß auf einem Empiresessel mit Stickereibezug. Vor ihr stand ein kleiner runder Tisch mit einem quastenbesetzten Tischtuch. Mit aufgestützten Ellbogen saß sie da und betrachtete ihre Mutter von der Seite. Sie ist wirklich hübsch, dachte die Achtjährige, aber ich wäre für Papa bestimmt eine bessere Ehefrau.
Nadeschda Suvorin hatte große, kluge Augen und wundervolles kastanienbraunes Haar. Sie durfte es offen tragen, und so fiel es in leuchtender Fülle weit über ihre Schultern. In dem Taftkleid, den Seidenstrümpfen, den mit Satinschleifen geschmückten Schuhen und einem großen, breitkrempigen Hut sah sie bezaubernd aus. Nadeschda wußte für ihr Alter erstaunlich viel. Wie hätte es auch anders sein sollen? Das Schicksal hatte ihr einen wesentlich älteren Bruder beschert – als sie sechs Jahre alt war, studierte er bereits im Ausland. So war es ganz natürlich, daß der Vater sich dieses kluge kleine Mädchen als Vertraute suchte. Sie kannte jedes Gemälde in dem großen Haus. Da gab es zeitgenössische Russen: Repin, Surikov, Seron, Levitan beschworen auf wundervolle Weise die russische Landschaft herauf. Im Eßzimmer hing ein Porträt ihrer Mutter von der Hand des Malers Repin und eines ihres Vaters, gemalt von Vrubel. Am liebsten jedoch führte das Mädchen die Besucher durch jene Räume, die Vladimirs Sammlung europäischer Malerei vorbehalten waren. Erwachsene Russen, die mit diesen Schätzen kaum vertraut waren, hörten sie überrascht vor sich hin plappern: »Das ist ein Monet, und hier ein Cezanne. Renoirs nackte Frauen haben immer die gleichen Gesichter, finden Sie nicht?« Oder: »Das hier ist von Gauguin. Er ist von seiner Frau und seinen Kindern weggegangen und nach Tahiti gefahren.« Von seiner letzten Parisreise hatte der Vater ihr sogar kleine Bilder von zwei jungen Künstlern mitgebracht, von Picasso und Matisse. »Sie stehen erst am Anfang, deshalb habe ich sie für dich gekauft«, meinte er.
Vladimir nahm die Kleine gern mit sich und zeigte ihr seine Welt. Als Förderer der schönen Künste war er viel unterwegs und kannte jeden. Nadeschda war schon in St. Petersburg bei einem Ballettabend der großen Pavlova gewesen; sie hatte den berühmten Tolstoj in seinem Moskauer Haus besucht und kannte alle Schauspieler des Moskauer Theaters.
Nadeschda liebte ihren Vater und fragte sich oft, warum ihre Mutter sich ihm gegenüber so kühl verhielt. Nach außen hin schienen sie einander sehr zugetan, doch das Kind beobachtete sehr genau. Vladimir nahm sie, die Tochter, als Begleitung mit, nicht die Mutter. Nadeschda hatte gesehen, wie die Mutter sich, wenn der Vater sich ihr unauffällig näherte, abwandte. So kam es, daß das Mädchen dachte, es würde dem Vater eine bessere Ehefrau sein. Nachdem Frau Suvorin den letzten Brief beendet hatte, stand sie auf. Sie war in der Tat eine auffallende Frau. Mit ihrer hohen, kräftigen Gestalt, den Kopf stolz zurückgeworfen, mit ihren braunen Augen gleichsam auf die Welt herabblickend, hatte sie etwas Fürstliches. Wie die Frau eines Kaufmanns sah sie jedenfalls nicht aus. Wenn Männer Frau Suvorin ansahen, und das taten sie immer, bemerkten sie die sanft geröteten Wangen, die blasse Haut ihrer wundervoll gerundeten Schultern, ihre vollendet schönen Brüste, und sogleich fühlten sie die gezügelte Sinnlichkeit, die auch die Eleganz der Erscheinung nicht verbergen konnte. Frau Suvorin stand in der Blüte ihrer Jahre.
Als sie sich erhob, spürte sie Nadeschdas Augen auf sich und blickte ihre Tochter nachdenklich an. Diese wäre überrascht gewesen, hätte sie geahnt, daß ihre Mutter sehr wohl wußte, was in ihrem Kopf vorging. Die Mutter wußte es seit langem, und deshalb fühlte sie sich schuldig. Als sie den forschenden Blick spürte, dachte sie daran, daß es in ihrem Leben Dinge gab, die sie Nadeschda noch nicht erklären konnte. Vielleicht, wenn sie älter war, vielleicht aber auch niemals. Was auch meine Fehler sein mögen, dachte sie betrübt – wenigstens bin ich diskret. »Ich muß mich jetzt umkleiden«, sagte sie rasch. Alexander Bobrov hielt den Atem an. Natürlich hatte er immer gewußt, daß sein Idol Suvorin ein reicher Mann war. Dieses Haus entsprach seiner Position; es gehörte zu dem halben Dutzend ehemaliger Fürstenpaläste, die in den vergangenen Jahrzehnten in die Hände neuer Kaufmannspersönlichkeiten wie Suvorin übergegangen waren.
Da sie noch Geschäftliches mit Suvorin zu besprechen hatten, waren Nikolaj und Alexander Bobrov vor den übrigen Gästen gekommen, und während sie auf den Hausherrn warteten, sah Alexander sich aufmerksam in dem Raum um, in den man sie geführt hatte. Er war lang, hoch und wie eine Kirche überwölbt. In der Mitte stand auf einem überdimensionalen Orientteppich ein massiver, mit grünem Tuch bespannter Tisch, auf dem sicher hundert Personen leicht hätten stehen können. Die darüber hängenden Messingleuchter brachten das vergoldete Mosaik des Gewölbes zum Leuchten. An den Wänden, die über und über mit Bildern behängt waren, standen hochlehnige Stühle und Tische aus dunklem Holz aufgereiht. Eines der Bilder zog Alexanders besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte Ivan den Schrecklichen. Seine furchteinflößenden Augen blickten – so schien es Alexander – streng auf Nikolaj Bobrov herunter; recht hat er, dachte Alexander, in Anbetracht des schmachvollen Vorhabens seines Vaters: Nikolaj wollte seinen Besitz Vladimir Suvorin veräußern.
Er war zum Ergebnis gekommen, daß er ihn nicht länger halten konnte. Seit dem letzten Jahr sahen sich zahlreiche Landbesitzer in ganz Rußland zum Verkauf gezwungen. Suvorin hatte Bobrov einen ausgezeichneten Preis geboten. »Mehr, als das Gut wert ist«, hatte Nikolaj seinem erbosten Sohn erklärt. Als er nun das unglückliche Gesicht des Jungen sah, murmelte er: »Es tut mir leid.«
Vladimir Suvorin ließ sie nicht lange warten. Er betrat den Raum mit seinem Anwalt, umarmte Nikolaj herzlich, drückte Alexanders Arm, und gleich darauf war der Tisch vor ihnen mit Papieren bedeckt.
Suvorin war in guter Stimmung. Seit langem hatte er an einen Landsitz in der Nähe seiner Fabriken in Russka gedacht. In den letzten Jahren interessierte er sich auch für das russische Handwerk. »Ich werde Werkstätten für Holzschnitzerei und Keramik auf dem Gut einrichten«, hatte er Nikolaj erzählt, »auch ein kleines Museum für Volkskunde.« Als er nun Vater und Sohn mit finsteren Mienen vor sich stehen sah, verstand er intuitiv, was in ihnen vorging. »Dein Vater hat eine kluge Entscheidung getroffen«, erklärte er Alexander ernst. »Alle klugen Leute verkaufen, liebe Freunde, nur Narren wie ich kaufen.« Und zu Nikolaj gewandt fuhr er fort: »Ich beneide Sie eigentlich. Sie sind jetzt so frei wie ein Vogel. Sie sollten eine Europareise machen. Adlige werden in Paris und Monte Carlo mit großem Respekt behandelt. Sie sollten Ihrem Sohn die Welt zeigen.«
Nicht einmal diese freundlichen Worte konnten Alexander ein Lächeln entlocken. Er wußte nur eines: Die Bobrovs hatten ihre Besitzungen gehalten, seit Rußland bestand; sein Vater dagegen hatte sie mit seinen liberalen Ideen verloren. Er hatte offenbar seine Pflichten nicht erfüllt. Als er bewundernd zu Suvorin hinüberblickte, dachte er wieder: Wenn er nur mein Vater wäre! Da winkte Vladimir sie heran. »Genug der Geschäfte, meine Freunde. Es ist Zeit, die anderen Gäste zu begrüßen.« Frau Suvorins Feste waren zu Recht berühmt. Bildende Künstler, Musiker und Schriftsteller verkehrten im Hause Suvorin, aber auch die Aristokratie verschmähte die Gastfreundschaft des Kaufmanns nicht, und selbst ein stolzer Petersburger Intellektueller wie Fürst Schtscherbatov war regelmäßig zu Gast. Der Einfluß Suvorins war allenthalben zu spüren – in den Theatern, den Kunstakademien, im Zeitungswesen. Auch ein merkwürdiger Mann namens Diaghilev, der sich anscheinend zum Fürsprecher der russischen Kunst und Kultur machen wollte, fand Protektion und Unterstützung im Haus Suvorin.
Frau Suvorin pflegte diese Abende unter wechselnde Themen zu stellen. »Heute abend geht es nur um Politik«, flüsterte Vladimir Nikolaj zu, als sie den großen Salon betraten. Das Motto bot auf jeden Fall reichlich Gesprächsstoff. Erstaunliches hatte sich in den vergangenen neun Monaten auf politischem Gebiet ereignet. Im letzten Sommer hatte sich die Situation verschlimmert, während der Zar weiterhin zögerte. Es hatte ständig terroristische Übergriffe und Schwierigkeiten in der Arbeiterschaft gegeben. Warum, zum Teufel, hört er nicht auf die zemstvos? hatte Nikolaj sich gefragt. Da trat im Oktober das Unvorstellbare ein. Es gab einen Generalstreik. Zehn furchtbare Tage bewegte sich nichts im gesamten russischen Reich. Die Regierung war machtlos. Schließlich lenkte der Zar ein. Er sagte dem Volk ein Parlament zu, die Duma. »Endlich ist der arme Mann zur Einsicht gekommen. Wir werden eine konstitutionelle Monarchie wie in England haben.« Nur mit der Ausnahme, daß es sich hier um Rußland handelte. Diese erste Duma des russischen Staates war folgendermaßen organisiert: Es wurden Wahlen abgehalten, an denen sich die meisten russischen Männer beteiligen konnten. Sie wurden dabei aber in Klassen eingeteilt, und jede Klasse durfte nur eine bestimmte Anzahl von Vertretern entsenden. Nach der Berechnung dieses Systems galt die Stimme eines Adligen wie Bobrov dreimal soviel wie die von drei Kaufleuten, fünfzehn Bauern oder fünfundvierzig Arbeitern aus den Städten. Gleichzeitig mit den Wahlen verabschiedete die Regierung jedoch ein Programm, das unter der überholten Bezeichnung »Grundrechte« bekannt wurde. Dadurch wurde der ersten Kammer eine zweite vorgesetzt, deren Mitglieder zur Hälfte vom Zaren ernannt, die übrigen durch streng konservative Elemente ausgesucht wurden. Dies lähmte die Duma nachhaltig. Selbst wenn die beiden Parlamente übereinstimmten, hatten sie dennoch keine wirkliche Kontrolle über die Bürokratie, die das Reich tatsächlich regierte. Weiterhin hatte der Zar die Autokratie bestätigt, sich das Recht vorbehalten, die Duma nach seinem Belieben aufzulösen. Ferner hatte er bekräftigt, daß er, wenn die Duma nicht tagte, gemäß einer entsprechenden Notverordnung regieren konnte. »Mit anderen Worten, diese Maßnahmen sind typisch russisch«, war Nikolajs Resümee. »Es gibt ein Parlament, und auch wieder nicht. Es darf sich äußern, aber nicht handeln. Der Zar gibt, und der Zar nimmt.«
Warum sollte er also fröhlich sein, als er an jenem Abend in Frau Suvorins Wohnzimmer trat? Erst einmal hatten die Sozialisten die gesamten Vorgänge boykottiert und keine Kandidaten aufgestellt; zum zweiten traf die Annahme des Zaren, die Mehrheit des niederen Adels und der Bauern werde loyal sein und konservative Kandidaten wählen, keineswegs zu. Die überwältigende Mehrheit wählte gegen das Regime und führte eine große Anzahl Fortschrittsliberaler zurück.
Nikolaj blickte sich interessiert im Festsaal um. Frau Suvorin begrüßte ihn liebenswürdig. »Ich habe meine Sache gut gemacht«, lächelte sie. »Wir haben von fast jeder politischen Richtung jemanden hier.« Nikolaj lächelte ebenfalls. Es war typisch für die Lage im zaristischen Rußland, daß im Augenblick nahezu alle politischen Parteien im Grunde illegal waren. Die Duma begann ihre Befreiungsaktionen mit Parteien, die offiziell nicht existierten. Frau Suvorin hatte nicht zuviel versprochen. Nikolaj erkannte bald einige Herren, die als einwandfreie Konservative ausgewiesen waren und die Duma abschaffen wollten. »Deine Freunde«, sagte er schmunzelnd zu seinem Sohn. Da gab es konservative Liberale, die eine Zusammenarbeit zwischen Duma und Zaren wünschten, und da waren Männer wie er, Konstitutionelle Demokraten, abgekürzt KD, auch »Kadetten« genannt. Sie waren entschlossen, den Zaren zu einer echten Demokratie zu drängen. »Wie steht es mit den Parteien der Linken?« fragte er.
Damals gab es zwei von ihnen, die Sozialistischen Revolutionäre, die den Bauernstand vertraten, leider jedoch teilweise terroristischen Methoden anhingen; weiterhin die Sozialdemokratische, die Arbeiterpartei. »Ich möchte Sie mit meinem Schwager, Professor Peter Suvorin, bekannt machen«, sagte da die Gastgeberin leichthin.
Peter und Rosa Suvorin kamen nicht oft in das große Haus Vladimirs. Die beiden Brüder schätzten einander, doch ihre Wege hatten sich seit langem getrennt. Rosa und Frau Suvorin hatten einander wenig zu sagen. Wäre da nicht die Freundschaft ihrer Kinder gewesen – die beiden Familien wären wohl kaum zusammengekommen.
Rosa hatte drei Kinder geboren, doch nur eines blieb am Leben: Dimitrij, ein dunkelhaariger Junge, drei Jahre älter als Nadeschda. Die Kinder hatten sich an einem Weihnachtsfest kennengelernt, als Nadeschda drei Jahre alt war, und hatten sogleich Sympathie füreinander empfunden. Da das Mädchen unentwegt nach ihm verlangte, wurde Dimitrij häufig eingeladen, doch ließ Frau Suvorin ihre Tochter nie in das bescheidene Haus des Vetters gehen. Dennoch schien sie die beiden Kinder gern zusammen zu sehen. An diesem Abend jedoch hatte Frau Suvorin besonderen Wert auf die Anwesenheit des marxistischen Professors gelegt. »Er ist meine Verbindung zu all den Leuten von der extremen Linken«, hatte sie ihrem Mann erklärt. »Es wird Zeit, daß ich sie besser kennenlerne.« Sie wußte ein wenig über die Sozialdemokraten, und sie war sich darüber im klaren, daß sie sich in den vergangenen Jahren in zwei Lager gespalten hatten, von denen das kleinere die extremere Richtung vertrat. »Mit der typischen russischen Ungenauigkeit bezeichnet sich die Mehrheit als die kleine Partei und die Minderheit als die große – die Bolscheviken«, bemerkte Vladimir. Frau Suvorin hielt es für selbstverständlich, daß der liebe Peter zu der weniger extremen Mehrheit gehören mußte. Sie war neugierig in bezug auf die Bolscheviken, und einige Tage vor der Einladung hatte sie ihn gefragt: »Kennen Sie einen von diesen Burschen? Könnten Sie einen davon zu uns bringen?«
»Ich kenne einen solchen Mann, der sich zur Zeit in Moskau aufhält, aber ich glaube nicht, daß er kommen wird«, war Peters Antwort. »Fragen Sie ihn trotzdem«, bat sie ihn, und Peter tat es. Nikolaj Bobrov war gespannt auf die Begegnung mit Peter Suvorin, an den er sich aus seiner Jugend nur dunkel erinnerte. Die beiden Männer waren einander sympathisch. »Wir Kadetten üben so lange Opposition gegen den Zaren, bis er uns eine wirkliche Demokratie gibt«, versicherte Bobrov.
»Wir beide wollen das«, stimmte Peter liebenswürdig zu, »aber wir wollen eine Demokratie, die auf die Revolution hinführt, und Sie wollen eine, um die Revolution zu vermeiden.« Auf Nikolajs weitere Fragen legte er seine Ansichten über die Zukunft offen dar. »Die organisierte Arbeiterschaft ist der Schlüssel zu allem«, erklärte er, »und die Aufgabe der Marxisten ist es, die Arbeiter politisch zu interessieren, sie vorzubereiten auf eine sozialistische Revolution, wenn die Zeit dafür reif ist.«
»Wer wird das übernehmen?«
»In den westlichen Provinzen der jüdische Arbeiterbund«, antwortete Peter. Es tat ihm leid, daß seine früheren Versuche, die jungen jüdischen Reformer von ihrem Weg abzubringen, gescheitert waren, doch der jüdische Bund hatte sich in den Krisenmonaten als solide und stark erwiesen, und die Mitglieder waren gute Marxisten.
»Und das übrige Rußland?«
Peter lächelte. »Die neuen Arbeiterkomitees. Sie haben letztes Jahr ihre Arbeit aufgenommen und sind sehr tüchtig. In jeder Stadt haben sie politische Zellen.«
»Wie heißen sie?« fragte Nikolaj.
»Wir nennen sie Sowjets«, war die Antwort des Professors. Nikolaj zuckte die Achseln. Er war der Ansicht, daß die Sowjets bald vergessen sein würden, wenn die Duma ihre Aufgabe ordentlich erfüllte.
Während des Gesprächs beobachtete er seine Gastgeber. Frau Suvorin bewegte sich geschickt von Gruppe zu Gruppe mit gemessener Anmut, die den übrigen Damen Respekt abforderte, während alle Herren verstohlen hinter ihr herblickten. Sie flirtet, ohne wirklich zu flirten, dachte Nikolaj.
Vladimir wurde von den Herren offenbar geachtet, aber mit den Damen hatte er, das konnte man sehen, eine ganz besondere Art. Nikolaj fragte sich plötzlich, ob Vladimir seiner Frau wohl untreu sei. Zweifellos wären viele Frauen in diesem Raum einer Affäre mit Suvorin nicht abgeneigt.
Da bemerkte Nikolaj, daß Vladimir sich mit Rosa Suvorin unterhielt. Sein gewohnt angenehmes Lächeln war verschwunden. Sein Gesicht hatte den Ausdruck leichter Unruhe, und er sprach sehr ernst auf Rosa ein. Auch Peter blickte nun erstaunt zu seiner Frau hinüber, die plötzlich sehr blaß und müde aussah, den Kopf in heftiger Ablehnung schüttelte. Daraufhin drückte Vladimir leicht ihren Arm und verließ sie, während sie sich rasch einem Fenster zuwandte. Den beiden Beobachtern Nikolaj und Peter kam die Szene recht seltsam vor. Nun öffnete sich die Tür, und ein neuer Gast trat ein: Jevgenij Popov.
Alexander Bobrov stand neben Vladimir, gerade als Popov hereinkam, und zum erstenmal hörte er den sonst so überlegenen Industriellen einen Laut der Überraschung ausstoßen. »Das gibt es doch nicht! Es ist der Kerl, den wir während des Streiks gesehen haben.« So war es. Der rothaarige Mann, den man Ivanov nannte. »Werden Sie ihn hinauswerfen?« flüsterte Alexander. »Nein. Erinnern Sie sich nicht, daß ich damals mit ihm sprechen wollte? Und jetzt ist er hier.« Lächelnd und mit ausgestreckter Hand ging Vladimir durch das Zimmer auf den Revolutionär zu. »Willkommen!«
Alexanders Erstaunen über diesen Vorgang war nichts im Vergleich zu dem Schrecken, der ihn überkam, als der Rothaarige einen Moment später auf seinen Vater zuging, ihn herzlich umarmte und auf Frau Suvorins verblüffte Frage, ob sie beide einander kennten, ruhig antwortete: »Aber ja! Wir sind einen langen Weg gemeinsam gegangen.«
Sein Vater war also ein Freund dieses Menschen. Alexander hatte den Eindruck, die Dummheit und Untreue seines Vaters seien grenzenlos.
Die kleine Gruppe, die sich um Popov scharte, beäugte den neuen Gast neugierig. »Sie wollten einen Bolscheviken«, sagte Peter zu Frau Suvorin. »Hier ist er.«
Frau Suvorin lächelte. »Seien Sie herzlich willkommen«, sagte sie, und sie sagte damit sicher die Wahrheit: Denn so ausgesucht die Gesellschaft in ihrem Hause auch immer sein mochte – sie hatte in letzter Zeit etwas vermißt: die echten Revolutionäre. In späterer Zeit bezeichnete man es in privilegierten Kreisen als chic, Revolutionäre nach Hause einzuladen und sogar einen Beitrag zu ihrem Anliegen zu leisten.
Es wurde sogleich offensichtlich, daß Popov bestens unterrichtet war. Er kam gerade vom letzten Sozialistenkongreß in Stockholm zurück. Und obwohl er sehr genau überlegte, was er sagte, beantwortete er Fragen doch sehr bereitwillig. Frau Suvorins Erkundigungen über die Bolscheviken kam er offen entgegen. »Der Unterschied zwischen den Bolscheviken und den übrigen Sozialdemokraten, den Menscheviken, wie wir sie nennen, ist gar nicht so groß. Wir alle wollen eine sozialistische Gesellschaft; wir alle folgen Marx, aber es gibt verschiedene Ansichten über die Taktiken. Und manchmal über Persönlichkeiten.« Er zählte rasch die Namen einiger Menschevikenführer auf: Trotzki, Rosa Luxemburg in Polen, einige mehr. »Es ist jedoch der Bolscheviken-Führer, der tatsächlich die Spaltung herbeiführt.« Er schmunzelte. »Und das ist mein Freund Lenin. Er geht niemals Kompromisse ein.«
»Und wer ist dieser Lenin?« fragte Nikolaj Bobrov. »Sie sind ihm schon einmal begegnet, vor fünfzehn Jahren, im Zug – erinnern Sie sich?«
»Der Tschuvaschen-Anwalt mit dem Gut an der Wolga?«
»Genau dieser. Er hat die meiste Zeit im Exil gelebt. Er hält sich auch jetzt versteckt, denn anscheinend mag ihn die Obrigkeit nicht. Aber er ist der Mann, der hinter den Bolscheviken steht.«
»Und was macht ihn so anders?«
»Der Schlüssel zu Lenin liegt in seinem Buch«, antwortete Popov. »Es ist sein Manifest.« Und er begann zu erzählen. Dieses wichtige Werk war erst vier Jahre zuvor geschrieben und von Deutschland nach Rußland geschmuggelt worden. Für die meisten Revolutionäre war es bereits zur Bibel geworden. Lenin hatte den Titel der Schrift gewählt, die die vorhergehende Generation der Radikalen derart beflügelt hatte: »Was tun?« Es war nicht so sehr ein politisches Traktat wie ein Leitfaden, wie eine Revolution zu machen sei. »Der Marxismus sagt, daß die alte Ordnung zusammenbrechen wird.« Popov lächelte. »Lenin sagt uns, wie man ihr einen Stoß versetzen kann. Mit anderen Worten: Unsere Menschevikenfreunde möchten warten, bis die Massen bereit sind, die sozialistische Ordnung für eine neue und gerechte Gesellschaft zu schaffen. Wir Bolscheviken glauben, daß ein kleiner, wohlorganisierter Kader nötig ist, um den großen Wandel in der Gesellschaft durchzusetzen. Wir glauben, daß die Massen eine Führung brauchen.«
»Einige von uns sind der Meinung«, warf Peter Suvorin ein, »daß Lenin die Arbeiter lediglich als Kanonenfutter betrachtet.« Zu seiner Überraschung nickte Popov. »Das stimmt wahrscheinlich«, antwortete er. »Das ist Teil seiner Größe.« Ein kurzes Schweigen trat ein. Dann sagte Nikolaj Bobrov langsam: »Ich kann Ihre Überzeugung verstehen, daß die Massen Führer brauchen, aber besteht nicht die Gefahr, daß eine solche Führung zu mächtig, zu einer Art Diktatur wird?«
»Ja, theoretisch gesehen, besteht diese Gefahr. Doch vergessen Sie nicht, daß unser politisches Ziel nicht sehr weit von dem Ihren entfernt ist. Der einzige Weg für Rußland nach vorn, der einzige Weg zum Sozialismus führt über das Volk, über die Demokratie. Alle Sozialisten, eingeschlossen die Bolschevikische Partei, versuchen das gleiche zu erreichen – ein demokratisch gewähltes System. Wir wollen den Zaren nicht stürzen, um einen neuen Tyrannen an seine Stelle zu setzen.«
Das wurde mit großem Ernst und großer Überzeugungskraft geäußert. Alle, die es hörten, schienen den Worten Glauben zu schenken.
Doch dann brach Alexander Bobrov das Schweigen. Er hatte genau zugehört, aber für ihn war der rothaarige Bolschevik ein Feind. Es hatte ihn zornig gemacht, daß die Zuhörer offensichtlich beeindruckt waren von Popovs Worten. Sind sie denn alle so dumm wie mein Vater, überlegte er. Er spürte das brennende Verlangen, Popov zu demütigen. »Ich habe gehört, daß alle führenden Revolutionäre Jidden sind«, sagte er. »Stimmt das?« Das war eine genau kalkulierte Ungehörigkeit, eine Art genereller Beleidigung, die die Rechtsgerichteten gern aussprachen, um die Juden damit zu kränken, daß man sie alle als Revolutionäre und die Revolutionäre als Juden bezeichnete. Es folgte ein verlegenes Schweigen. Doch Popov lachte leise. »Nun, natürlich, Trotzki und Rosa Luxemburg sind beide Juden«, antwortete er. »Ein paar andere fallen mir auch noch ein. Aber ich muß Ihnen trotzdem sagen, lieber Freund, daß die Juden in unserer Partei in der Minderheit sind. Im übrigen«, fügte er hinzu, »sagte Lenin, der selbst kein Slave ist, daß die einzigen intelligenten Russen die jüdischen sind. Darauf können Sie sich jetzt selbst einen Reim machen.« Er hatte geschickt pariert, und die Gesellschaft lachte erleichtert.
»Und wie steht es mit dem Terrorismus? Ich höre, daß die Bolscheviken hinter einigen der Bombenleger stehen und daß sie auch Raubüberfälle verübt haben.« Diese Vorwürfe trafen zu. Lenin befürwortete damals beide Methoden, um die Spaltung zu verstärken und Geldmittel für die Bolscheviken zu bekommen – eine Tatsache, die Parteigänger wie Peter Suvorin unangenehm berührte.
»Auch ich habe von diesen Zwischenfällen und Eigentumsdelikten gehört«, antwortete Popov unverbindlich, »aber ich weiß nichts Genaues darüber.«
Da legte Vladimir seine Hand fest auf Alexanders Arm und flüsterte dem Jungen zu: »Genug, mein Freund!«
Aber der war noch nicht zu Ende. »Wissen Sie, daß ich Sie früher schon gesehen habe«, sagte Alexander etwas lauter, »als Sie die Arbeiter des Mannes aufgewiegelt haben, in dessen Haus Sie heute einzutreten wagten? Aber damals sind Sie ihm ausgewichen. Sie haben einen anderen Namen benutzt: Ivanov, und haben sich wie ein Hund davongeschlichen. Wie viele Namen führen Sie, Herr Popov?«
Einen Augenblick lang hatten Popovs grüne Augen einen Ausdruck, als starrte er eine Schlange an, dann entgegnete er sehr ruhig: »Es ist eine traurige Tatsache, daß seit langem, da jede Opposition in Rußland unter polizeilicher Überwachung steht, viele Menschen mehr als einen Namen verwenden mußten. Lenin hat, soweit ich weiß, mehr als hundert Namen gebraucht.« Popov war blaß geworden.
»Sie streiten ab, daß Sie ein Dieb und ein Feigling sind?« provozierte Alexander weiter.
Diesmal gab Popov keine Antwort, sondern sah den Jungen nur mit einem kleinen Lächeln an. Frau Suvorin beendete den Schlagabtausch, indem sie Popov mit einem kurzen Auflachen wegführte. »Du hast dir einen gefährlichen Feind geschaffen«, meinte Alexanders Vater kurz darauf. Worauf der junge Mann nur trotzig erwiderte: »Besser, als ihn zum Freund zu haben.« Trotz Alexanders peinlicher Attacke war man sich allgemein über den Erfolg des Abends einig. Nikolaj Bobrov blieb dieser Abend im Gedächtnis als der Abend, an dem sein Sohn sich Popov zum Feind gemacht hatte. Für Frau Suvorin war es die Gelegenheit, bei der dieser seltsame rothaarige Bolschevik nach einer gemeinsamen halben Stunde ihr versprochen hatte, bei seinem nächsten Besuch in Moskau wieder in ihrem Salon vorzusprechen. Nachdem Peter und Rosa Suvorin das Haus Vladimirs verlassen hatten, fragte er neugierig: »Worüber hat Vladimir mit dir gesprochen?«
»Oh, über gar nichts.«
»Du schienst aber ziemlich außer Fassung.«
»So? Nein, eigentlich nicht.«
Warum sah Rosa nach dieser harmlosen Anspielung auf das Gespräch mit Vladimir aus, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen?
»Ich halte meinen Bruder für einen guten Menschen«, sagte Peter. »Manche halten ihn sogar für weise.«
»Er weiß alles. Das ist ja gerade das Problem.« Diese Antwort ergab für Peter überhaupt keinen Sinn. Für Alexander Bobrov kam der Augenblick, der sein Leben ändern sollte, als er hinter seinem Vater durch die große Halle ging. Zufällig blickte er nach oben zu der Marmorgalerie, und da konnte er keinen Schritt mehr tun. Die kleine Nadeschda sah gerne zu, wenn die Gäste sich verabschiedeten. Sie lag den ganzen Abend wach, dann schlüpfte sie im Nachthemd hinaus und spähte zwischen den Marmorsäulen hindurch. Die meisten Gästen waren an diesem Abend schon gegangen, und das Mädchen stand nun hoch aufgerichtet da, ihr kastanienbraunes Haar fiel ihr lang über die Schultern. So sah Alexander sie. Der junge Mann starrte hinauf zu dem achtjährigen Mädchen. »Das muß Suvorins kleine Tochter sein«, murmelte er. Welch engelgleiches Gesicht! Was für wundervolles Haar! Und sie war Vladimirs Tochter, die Tochter seines Idols. Sofort war er sich ganz sicher. »Eines Tages wirst du mir gehören«, flüsterte er ihr zu, auch wenn sie ihn nicht hören konnte.
Nikolaj Bobrov starrte traurig auf das lange Holzhaus, das ein Leben lang sein Zuhause gewesen war. Er konnte es kaum fassen, daß er Russka vielleicht nie wiedersehen würde. Die restliche Familie war schon im Juni, also vor einem Monat, abgereist – seine alte Mutter Anna, seine Frau und der junge Alexander. Sie waren jetzt alle in Moskau, während er noch einmal zurückgekommen war, um die letzten Reste ihres jahrelangen Aufenthalts hier wegzuschaffen.
Gegen Mittag hatte er alles erledigt. Die drei Karren bei den Ställen waren von den Bauern hoch bepackt worden. Bei einem letzten Durchgang waren nur ein paar alte Kisten mit Papieren auf dem Speicher zum Vorschein gekommen. Nikolaj dachte, sie würden noch auf dem dritten Karren Platz finden. Er hatte verfügt, daß Arina und ihr Sohn vom Dorf heraufzogen und hier oben als Hausverwalter lebten. Sie würden sich gewissenhaft um alles kümmern. Als er einen Gang durch die Silberbirkenallee oberhalb des Hauses machte, wischte er sich eine Träne ab – was für ein hübscher Platz dies doch war!
Nun jedoch atmete er tief durch und straffte sich. Er war ein Bobrov, und sein Abschied sollte würdevoll sein.
»Es ist Zeit, ein neues Leben zu beginnen«, murmelte er. Nun ja, er war zweiundfünfzig, aber obwohl sein Haar grau war, blickten seine Augen klar, und seine Figur war immer noch ansehnlich. Er hatte vielleicht seinen Besitz verloren, aber es gab ja eine Zukunft. Die letzten drei Monate waren allerdings kaum vielversprechend gewesen. Die Duma erwies sich bei ihrer Versammlung als heilloses Durcheinander. Nikolaj hatte bei einem Besuch in St. Petersburg nur Streitereien erlebt. Die Mitglieder aus der Landbevölkerung hatten keine Vorstellung von dem, was zu tun war. Einige von ihnen betranken sich und stifteten Unruhe in den Kneipen. Das Verhalten seiner eigenen Partei, der liberalen Kadetten, entsetzte ihn allerdings noch mehr. Nachdem der Zar ihr Verlangen nach Massenumverteilung des Landes an die Bauern nicht berücksichtigt hatte, weigerten sie sich strikt, mit der Regierung zusammenzuarbeiten. Schlimmer noch: Während die Terroristen ihre Kampagnen in ganz Rußland fortsetzten, lehnten die Kadetten es sogar ab, die Gewalt zu verurteilen, bis die Regierung ihren Forderungen nachkam.
»Ich bin Kadett«, beschwerte er sich nach seiner Rückkehr nach Moskau bei Suvorin. »Tausende von Menschen werden getötet. Wir liberalen sind angeblich dafür verantwortlich – ich verstehe das nicht.«
Suvorin sah das von der philosophischen Warte. »Sie vergessen, lieber Freund, daß wir in Rußland sind«, meinte er. »Während unserer gesamten Geschichte haben wir nur zwei politische Richtungen gekannt: Autokratie und Rebellion. Die Sache mit der Demokratie und dem Parlament ist ganz neu für uns. Das braucht seine Zeit.«
Nikolaj mußte jetzt gehen. Es waren nur noch die Kisten vom Speicher zu holen. Wenn sie bald aufbrachen, konnten sie bei Einbruch des Abends in Vladimir sein. Nikolaj wollte gerade ins Haus gehen, als er eine Gestalt den Hügel herauf auf sich zukommen sah. Überrascht erkannte er Boris Romanov. Ihn hatte er am wenigsten erwartet. Als er sich tags zuvor unten im Dorf von den Bauern verabschiedet hatte, war Boris ihm offenbar aus dem Weg gegangen. Seit langem war Nikolaj sich bewußt, daß Boris einen Groll gegen die Familie hegte. Er seinerseits hatte nichts gegen Boris. So ging er ihm entgegen, um ihn zu begrüßen. Sie trafen sich an der Hausecke. Nikolaj nickte dem Bauern freundlich zu, während Boris einige Schritte von ihm entfernt stehenblieb. Es war einige Zeit her, daß Nikolaj Boris aus der Nähe gesehen hatte. Auch er war ergraut, aber er sah kräftig und gesund aus. Die beiden bildeten äußerlich einen typischen Gegensatz: der Adlige mit Strohhut, offener Leinenjacke, Weste, Taschenuhr, Krawatte, und der russische muschik in weiten Hosen, Bastschuhen, rotem Hemd und breitem Gürtel, unverändert seit den alten Zeiten des goldenen Kiev. Zwei Kulturen, beide nannten sich russisch, und doch hatten sie nichts gemeinsam außer ihrem Landbesitz, ihrer Sprache und einer Kirche, die normalerweise keiner von den beiden besuchte.
»Sie gehen also.« Der stämmige Bauer stand da mit hängenden Armen.
»Wie Sie sehen, Boris Timofejevitsch«, antwortete Nikolaj höflich. Boris betrachtete das Haus, von wo aus Arina und der kleine Ivan herübersahen. Er nickte nachdenklich. »Wir hätten Sie schon längst ausräuchern sollen.« Die Methode, durch Vandalismus und Brandstiftung in den vergangenen Jahren viele Landbesitzer dazu zu bringen, ihr Land an Bauern zu verkaufen, wurde allgemein als »Ausräuchern« bezeichnet. »Jetzt hat Suvorin das Land, nicht wir«, fuhr Boris bitter fort.
»Die Kadetten wollen die Landverteilung. Es gibt hier in der Gegend Staatsland, das Sie kaufen können, und es ist viel besser als meine armen Wälder«, sagte Nikolaj ruhig.
Boris jedoch beachtete ihn nicht. »Die Revolution hat erst angefangen, sie ist noch nicht zu Ende«, sagte er leise. »Wir werden bald alles Land haben.«
»Vielleicht. Ich muß jetzt gehen.«
»Ja. Endlich gehen die Bobrovs. Also, leben Sie wohl, Nikolaj Michailovitsch.« Er tat einen Schritt nach vorn, und es sah so aus, als wolle er sich halbwegs freundlich verabschieden. Als Nikolaj ihm die Hand entgegenstreckte, schnitt Boris eine Grimasse und spuckte aus.
Nikolaj zuckte zurück. Der Bauer zischte: »Gut, dich loszuwerden, du verdammter Bobrov. Und komm ja nicht zurück, sonst bringen wir dich um.«
Mit diesen Worten ging Boris davon.
Nikolaj war so entsetzt, daß er im Augenblick unfähig war, etwas zu tun. Ein Gefühl des Ekels, der Sinnlosigkeit überkam ihn. Er blickte zum Haus zurück und sah, daß Arina und der Junge ihn anstarrten. Die Bauern an den Karren beobachteten ihn ebenfalls gleichmütig. Haßten sie ihn vielleicht wirklich alle? »Wir fahren«, rief er mit aller Würde, die ihm zu Gebote stand. Gleich darauf saß er neben dem Kutscher des ersten Karrens, der den Hügel hinunterratterte. Er zitterte vor ohnmächtiger Wut und sah sich nicht mehr um. Erst als sie schon den halben Weg zum Kloster zurückgelegt hatten, fiel ihm ein, daß er die Kisten auf dem Speicher vergessen hatte. Er zuckte die Achseln. Es war gleichgültig. Sie konnten ebensogut dort bleiben. Und so gaben die Bobrovs den Besitz ihrer Vorväter auf.
1907
Im Alter von zwölf Jahren fand Dimitrij Suvorin die Welt wundervoll, auch wenn es Dinge gab, die er nicht verstand. Insbesondere, was mit seiner Mutter geschah.
Er war ein merkwürdiger Junge, klein und schlank. Sein schmales Gesicht erinnerte Rosa manchmal an ihren Vater. Dimitrij war kurzsichtig wie Peter und trug eine Brille. Seine körperliche Zerbrechlichkeit wurde jedoch wettgemacht durch eine außerordentliche Wachheit in dem blassen Gesicht unter dem wirren schwarzen Haarschopf.
Er war ein glückliches Kind. Obwohl die kleine Familie ganz auf sich bezogen lebte – die Eltern liebten einander sehr –, herrschte nie eine bedrückende Atmosphäre. Die drei wohnten in einer hübschen, ziemlich unordentlichen Wohnung mit hohen Räumen nahe dem Stadtzentrum. Das Gebäude hatte drei Stockwerke, und zur Straße hin war es mit cremefarbenem Stuck verziert. Im Hof, wo die Kinder spielten, stand ein Maulbeerbaum. In der Nähe befand sich die Malakademie und gleich daneben ein merkwürdiges Haus mit Glasdach, wo Fürst Trubetskoj, der Bildhauer, sein Atelier hatte. Es war herrlich, an warmen Sommerabenden durch die Stadt zu streifen. Das versnobte St. Petersburg mit seinen klassischen Fassaden war wohl das Haupt des Reiches, doch Moskau war immer noch das Herz. Obwohl die Stadt nahezu vierhunderttausend Einwohner hatte, war sie eine kuriose Mischung aus Industrie- und Moskoviter Zeitalter. Dimitrij verbrachte Stunden mit diesen Wanderungen durch die Straßen und auf den breiten, baumbestandenen Boulevards, die einen Ring um den Stadtkern bildeten; vorbei an den Kremlmauern, innerhalb derer man den silbrigen Klang der Kirchenglocken hören konnte. Manchmal kam es dem Jungen so vor, als wäre die ganze Stadt wie eine gigantische Komposition von Tschaikovskij, Mussorgskij oder einem anderen Großen der russischen Musik, die sich hier auf wundersame Weise in Stein verwandelt hatte.
Als er vier Jahre alt war, hatten sich die ersten Anzeichen seines musikalischen Talents gezeigt. Seine Mutter bemerkte sie sofort. Im Alter von sechs Jahren erhielt er auf eigenen Wunsch Unterricht in Klavier und Geige. Als er sieben Jahre alt war, meinte der Vater: »Vielleicht wird er einmal ein Konzertpianist.« Im Lauf der Zeit stellte sich heraus, daß Dimitrij trotz seiner erstaunlichen Begabung fürs Klavier am liebsten selbst komponierte. Nun besuchte er mit seinen zwölf Jahren die ausgezeichnete Fünfte Höhere Schule in Moskau in der Nähe des Arbat-Platzes und übte während seiner Freizeit fast ununterbrochen.
Und bereitete sich auf die Revolution vor. Darüber gab es im Hause von Professor Peter Suvorin keinerlei Frage. Sie alle arbeiteten dafür. Zwei Jahre zuvor blieben sie oftmals die Nächte über auf, und Rosa tippte revolutionäre Artikel; Dimitrij hatte sie dann an die verschiedenen Verteilungsstellen zu bringen. Er fand es aufregend, an der großen Sache mithelfen zu können. Nun war sein Vater Mitglied der Duma und war nach St. Petersburg gefahren. Es war ein wichtiger Schritt gewesen. Nachdem die Sozialisten die erste Duma boykottiert hatten, beschlossen sie, an der zweiten teilzunehmen. »Wenn wir genügend Sozialisten dazubekommen, können wir dieser Farce ein für allemal ein Ende machen«, erklärte Peter. »Wir benutzen die eigene Duma des Zaren, um ihn zu beseitigen.«
»Und dann?«
»Dann gibt es eine Konstituierende Versammlung, die vom ganzen Volk gewählt wird. Eine demokratische Regierung. Alle Sozialisten sind sich darüber einig.«
Freiheit. Demokratie. Die neue Welt nahm ihren Anfang. Und sein Vater, der bekannte Professor Suvorin, war ein Teil davon. Das Leben war wunderbar. Und trotzdem gab es Dinge, die er nicht verstand. Warum, zum Beispiel, war sein Onkel Vladimir so reich, während sie selbst so einfach lebten?
»Dein Vater hat an alldem kein Interesse«, hatte ihm seine Mutter mit einer wegwerfenden Geste erklärt. Doch mit den Jahren genügte ihm diese Erklärung nicht mehr. Obwohl er und Nadeschda wie Bruder und Schwester waren, standen sich ihre Eltern nicht nahe. »Wenn es nach deinem Vater ginge«, hatte das kleine Mädchen einmal bemerkt, »würdet ihr uns alle auf die Straße setzen, sagt Mama.« Dann fuhr sie mit entwaffnender Unschuld fort: »Wenn das passiert, Dimitrij, kann ich dann kommen und bei dir wohnen?« Das versprach er sofort.
Und da war noch seine Mutter. Warum machte sie sich immer so viele Sorgen? Als sein Vater nach St. Petersburg aufbrach, hatte Onkel Vladimir angeboten, Dimitrij zu sich zu nehmen, damit Rosa Peter begleiten könnte. Sie hatte abgelehnt, doch seither hatte sie ständig gejammert: »Glaubst du, daß dein Vater dort sicher ist? Bestimmt wird ihm etwas zustoßen.«
Ende März geschah es dann. Peter Suvorin war noch in der Hauptstadt, und Dimitrij kehrte eines Nachmittags auf Umwegen aus der Schule zurück. Plötzlich befand er sich in einer langen, schmalen Straße. Er hatte sie fast zur Hälfte hinter sich, als er die kleine Gruppe sah: vier junge Männer und zwei Jungen, etwa in seinem Alter. Sie kamen aus einem Hof und gingen ein paar Meter neben ihm her. Da sagte einer der Männer: »Ich glaube, er ist einer. He, du, wie heißt du?«
»Dimitrij Petrovitsch. Suvorin«, fügte er hinzu, so fest er konnte. »Gute russische Namen, junger Herr Suvorin, aber schaut euch doch mal seine Nase an.«
»Stimmt. Wir mögen deine Nase nicht, Dimitrij Petrovitsch.«
»Dimitrij Petrovitsch, weißt du genau, daß du kein Jude bist?«
»Ganz genau«, antwortete Dimitrij, während sie weitergingen. »Wie heißt deine Mutter?«
»Rosa Abramovitsch.«
»Aha. Woher kommt sie?«
»Aus Wilna.«
»Eine Rosa Abramovitsch aus Wilna. Dann ist deine Mutter eine Jüdin.«
»Das ist sie nicht«, entgegnete er heftig. »Sie ist Christin.« Angesichts des echten Zorns des Jungen zögerte die Bande. Da machte Dimitrij einen Fehler. »Rührt mich nicht an«, schrie er wütend. »Mein Vater ist Abgeordneter in der Duma, und ihr bekommt Ärger.«
»Welche Partei?«
»Sozialdemokraten«, sagte er stolz; doch sogleich erkannte er seinen Fehler. Er hatte natürlich von den Schwarzen Hundertschaften gehört, diesen rechtsgerichteten Mörderbanden, die Sozialisten und Juden im Namen des Zaren zusammenschlugen. »Jid! Sozialist! Verräter!«
Der kleine Kerl ging auf der Stelle zu Boden. Man hatte ihm ein blaues Auge und mehrere Tritte in die Rippen verpaßt, als ein Wagen in die Straße einfuhr und die Angreifer flüchteten. Eine halbe Stunde später war Dimitrij zu Hause, und obwohl er ziemlich durcheinander war, setzte er sich an den Abendbrottisch. »Sie haben gesagt, du seist Jüdin«, erzählte er seiner Mutter und war höchst überrascht, als sie das bestätigte. »Ich bin übergetreten, als ich heiratete.«
Von diesem Tag an schien ihre Unruhe noch zu wachsen. Was diese Ereignisse auch für seine Mutter bedeuten mochten – Dimitrij ließ sich davon nicht beeindrucken. Sein musikalisches Talent half ihm dabei. Seit seiner frühen Kindheit erklärte Dimitrij sich die Welt mit Hilfe der Musik. Noten waren Farben für ihn. Seit Rosa ihm die verschiedenen Tonarten auf dem Klavier erklärt hatte, besaß jede für ihn einen eigenen Charakter, eine eigene Stimmung. Anfangs verband er diese Entdeckungen mit den Instrumenten, die er spielte. Als er neun Jahre alt war, änderte sich das allerdings. Er war eines Abends in der kleinen Kirche nebenan zum Besuch der Vesper gewesen. Die Kirche hatte einen guten Chor, und die einprägsamen Gesänge gingen ihm nicht aus dem Kopf, als er die Kirche verließ. Gerade ging die Sonne unter, und der Himmel über Moskau war rotgolden. Minutenlang stand Dimitrij da und blickte nach Westen, in die herrlichen Farben. Er versuchte auszudrücken, was er sah, und wählte hierfür einen Akkord in c-Moll. Gleich darauf fügte er einen weiteren hinzu.
Es war seltsam, dachte er; er hatte die Akkorde gewählt, sie diesem Sonnenuntergang zugeordnet. Und doch war es, während er so schaute, als antwortete ihm der Himmel und sagte: Ja, das ist mein Klang. Nun ging Dimitrij in den Hof. Der rötliche Schein fing sich in den oberen Zweigen des Maulbeerbaumes, darunter lag warmer Schatten. Da hörte er einen neuen Akkord und eine kleine Melodie; diesmal kam die Musik so unmittelbar, daß es ihm war, als habe er sie nicht gewählt, sondern er hörte sie einfach. Es war wunderbar! Ein merkwürdig warmes Gefühl durchströmte seinen Magen. Gleich darauf kamen ein paar Kinder in den Hof, aber Dimitrij wollte sich von ihnen nicht ablenken lassen. Er stellte beglückt fest, daß er mit einiger Anstrengung die Akkorde im Kopf behalten konnte.
So fing alles an. Er brauchte sich nur ein wenig zu konzentrieren, und schon konnte er in diesen Traum eintreten, wann immer er wollte. Das ging so weit, daß er sich lange mit Leuten unterhalten konnte und sich danach nicht mehr daran erinnerte. Bald wurde ihm noch anderes bewußt. Sobald er sich in seine andere Welt begab, war es ihm, als würde nicht er Musik erfinden, sondern ihr einfach zuhören, während die wundervollen Harmonien außerhalb seiner selbst entstanden. Es dauerte nicht lange, da begann dieses musikalische Jenseits ins Diesseits einzufließen. Dimitrijs Gedankenwelt füllte sich mit musikalischen Traumgebilden; die Menschen, die täglich um ihn waren – seine Lehrer, seine Mutter, sein Onkel Vladimir –, wurden zu Singstimmen: sein Vater ein Tenor, der Onkel ein wohltönender Bariton – wie Charaktere in einer Oper, die ihm erst zum Teil offenbar wurde. Zwei Ereignisse jenes Sommers prägten sich Dimitrij tief ein. Im Juni löste der Zar die Duma auf, und am folgenden Tag wurde ein neues Wahlsystem verkündet. »Der Zar konnte sich nicht mit den Sozialisten abfinden«, erklärte Peter bei seiner Rückkehr. »Dieses neue System ist absurd. Unter den neuen Gesetzen des Zaren zählt die Stimme eines Landbesitzers ungefähr so viel wie die von fünfhundertvierzig Arbeitern. Der konservative Adel bekommt die Mehrheit. Ich bin auf jeden Fall draußen.«
»Aber ist das legal? Darf der Zar die Gesetze einfach so ändern?« fragte Dimitrij.
Peter zuckte die Achseln. »Nach der im letzten Jahr verabschiedeten Verfassung ist es illegal. Aber da der Zar damals die Gesetze gemacht hat, setzt er voraus, daß er sie jetzt ändern darf. Er meint, Rußland sei ein riesiger Familienbesitz, den er seinem Sohn so übergeben muß, wie er ihn von seinem Vater erhalten hat. Es ist schon fast komisch.«
Der neue Ministerpräsident des Zaren, Stolypin, war ein äußerst fähiger Mann, der die Reform des rückständigen Reiches anstrebte. »Reformen können jedoch nur stattfinden, wenn eine Säuberung erfolgt ist«, erklärte er. Diese wurde durchgeführt. Nicht weniger als tausend Personen, denen terroristische Aktivitäten angelastet wurden, hatte man im vergangenen Jahr hingerichtet. Die Russen nannten die Schlinge des Henkers nun »Stolypins Halstuch«. Überall lauerten Polizeispitzel. Popov und andere waren klugerweise verschwunden, hatten sich vielleicht ins Ausland abgesetzt. Zum erstenmal betrachtete Dimitrij die Revolution nicht mehr als einen positiven Zustand, der in Zukunft zwangsläufig eintreten mußte, sondern als eine erbitterte, gefährliche Auseinandersetzung zwischen seinem Vater und dem Zaren. Von da an lag ein Schatten auf dem Leben des Jungen.
Im Spätsommer traf ein Brief aus der Ukraine ein. Er kam von Rosas Jugendfreund Ivan Karpenko und enthielt eine unerwartete Bitte. Er hatte einen Sohn, gerade zwei Jahre älter als Dimitrij, ein begabter Junge, meinte er, der in Moskau studieren wollte. »Ich dachte mir, er könnte vielleicht bei Euch wohnen«, schrieb er. »Ich käme natürlich für seinen Unterhalt auf.«
»Wir haben keinen Platz für ihn«, gab Peter nach kurzem Überlegen zu bedenken.
Doch Rosa wollte nichts von Schwierigkeiten hören. »Das schaffen wir schon«, erklärte sie und schrieb unverzüglich an Karpenko, er solle seinen Sohn nur schicken.
Michail kam Anfang September, und sofort hielt Dimitrij ihn für ein Genie.
Michail Karpenko war ein schmaler, dunkler, hübscher Junge mit blitzenden schwarzen Augen. Er kam gerade in die Pubertät. Es war wirklich erstaunlich, was er schon alles wußte. Sehr bald zeigte es sich, daß er äußerst stolz auf sein ukrainisches Erbe und seinen bekannten Vorfahren, den Dichter, war. »Ihr müßt wissen, daß es in der ukrainischen Kultur in den letzten Jahren einen großen Aufschwung gegeben hat«, erzählte er Rosa, »und ich war dabei«, meinte er großspurig. Er war fasziniert von allem, was mit Kunst und Kultur zu tun hatte, und er nahm sehr rasch neue Anregungen auf. Dimitrij nahm ihn mit zu seiner Kusine Nadeschda, und Michail wurde dort herzlich empfangen. Selbst Vladimir war von dem Jungen beeindruckt. »Du weißt wirklich erstaunlich viel, mein kleiner Kosak«, sagte er schmunzelnd. Oft setzte er sich zu den jungen Leuten, auf der einen Seite seine Tochter und Dimitrij, auf der anderen Karpenko. Er legte die Arme um sie und berichtete von Neuigkeiten in der Kunstwelt.
Es war eine aufregende Zeit in der Familie Suvorin; in diesem Jahr nämlich hatte Vladimir sich entschlossen, zusätzlich zu seinem großen Wohnhaus ein neues Haus, etwa eine Meile entfernt, zu bauen. »Ein kleines Refugium«, erklärte er lächelnd. Das war reichlich untertrieben. Nur eine Handvoll Männer auf dieser Welt hätten das gewagt, was der russische Industrielle da vorhatte. Es war nichts weniger als ein ganzes Haus im Jugendstil. Der Plan, den er Dimitrij und Karpenko zeigte, war erstaunlich. Lediglich der Baukörper war einfach – ein Quader mit einem Seiteneingang, aber jede Säule, jede Decke zeigte die wirbelnden Kurven des Jugendstils. Das Ganze hatte etwas Magisch-Pflanzenhaftes. Karpenko verglich es mit einer herrlichen Orchidee. »In unserem neuen Haus wird es die modernsten Errungenschaften geben«, erläuterte Suvorin. »Elektrisches Licht, sogar ein Telefon.« Dimitrij, seine Kusine Nadeschda und Karpenko wurden bald gute Freunde. Das hochintelligente zehnjährige Mädchen lauschte fasziniert dem hübschen Jungen mit seiner ansteckenden Begeisterung. In diesem Jahr befaßte er sich eingehend mit den neuen russischen Dichtern der Symbolistischen Richtung. Er wußte ganze Verse des brillanten jungen Alexander Blok auswendig.
Die fröhliche Vertrautheit ihrer gemeinsamen Nachmittage wurde nur gelegentlich durch die Anwesenheit eines recht ernsten Sechzehnjährigen gedämpft. Im November wurde es ihnen zum erstenmal bewußt, daß Alexander Bobrov in ihr Leben getreten war. Sein Vater war zu der Zeit gerade Abgeordneter der liberalen Kadettenpartei in Moskau für die neue konservative Duma des Zaren geworden, was für die Familie ein gewisser Trost war, nachdem sie ihre Besitzungen verloren hatten. Da Dimitrijs Vater kurz zuvor aus der Duma ausgeschlossen worden war, hegte der Junge keine sonderlich freundschaftlichen Gefühle für den anderen. Nadeschda war höflich, weil es sich um Freunde ihres Vaters handelte. Karpenko jedoch, nur zwei Jahre jünger als Alexander, machte aus seiner Ablehnung keinen Hehl.
Alexander sprach selten. Er besuchte Suvorin unter einem Vorwand, betrat mit ihm das Zimmer, sagte ein paar höfliche Worte zu Nadeschda und hörte dem Gespräch der anderen verlegen zu. Bald hatte Karpenko auch einen Spitznamen für ihn gefunden. »Seht«, flüsterte er, »da kommt der russische Kalender.« Das war ein treffender Name. Peter der Große hatte zwar den Kalender reformiert, aber er hatte das alte Julianische System für die Zählung der Tage übernommen; während das übrige Europa seither zu dem moderneren Gregorianischen System übergegangen war, hatten Rußland und seine orthodoxe Kirche am Julianischen festgehalten. Infolgedessen war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das riesige Reich dreizehn Tage hinter dem Rest der Welt her. Der grausame Spitzname traf Alexanders konservative Mentalität genau.
Zu Ostern des nächsten Jahres zeigte eine kleine Begebenheit, was im Kopf des jungen Bobrov vorging. Wie überall in Rußland, herrschte auch im Hause Suvorin am Ostertag große Geschäftigkeit. Obwohl weder Vladimir noch sein Bruder Peter fromm waren, wäre es ihnen nie in den Sinn gekommen, die lange Ostervigil in der Vornacht zu versäumen. Am Ostertag selbst stand das Haus für einen nicht abreißenden Besucherstrom offen.
Im Speisesaal waren reiche Speisen aufgetürmt, die nach der Fastenzeit wieder erlaubt waren. In der Mitte befanden sich die beiden traditionellen Ostergerichte: kulitsch, das weiche dicke Brot mit dem Ostersymbol, und die weiße Süßspeise in Form einer kleinen Pyramide – die paskha. Überall lagen natürlich verzierte Ostereier. Die Bobrovs kamen gegen Mittag, gleich nach Peter Suvorin und seiner Familie, und so wurden Dimitrij und sein Freund Zeugen der kleinen Szene. Die kleine Nadeschda und ihre Mutter trugen die traditionelle Festtracht der russischen Frauen. Frau Suvorin trug außerdem ein hohes Diadem, den kokoschnik, aus Gold und Perlmutt, das ihr noch mehr als sonst ein fürstliches Aussehen verlieh. Wie es der Brauch war, ging jeder Neuankommende von einem zum anderen, küßte jeden dreimal, während der Ostergruß ausgetauscht wurde. »Christ ist erstanden.«
»Er ist wahrhaft erstanden.«
Als Alexander Bobrov vor Nadeschda stand, holte er ein Päckchen aus der Tasche. »Das ist ein Geschenk für dich«, sagte er feierlich. Überrascht öffnete das Mädchen die Schachtel und fand darin ein wundervolles kleines Osterei aus Silber, mit bunten Steinen verziert. Es kam aus der Werkstatt Fabergés. »Das ist hübsch. Ist es für mich?« Er lächelte. »Natürlich.«
Dimitrij und Karpenko beobachteten die Szene erstaunt. Es war zwar eines von Fabergés kleinsten Stücken, aber dennoch ein ungewöhnliches und wohl kaum passendes Geschenk eines Schuljungen.
Mit Adleraugen hatte Frau Suvorin die Sache verfolgt und rauschte heran. »Was für ein entzückendes Präsent.« Sie nahm den Jungen und schob ihn eilends durch den Raum. »Aber mein lieber Alexander«, sagte sie leise, doch bestimmt, »ich kann es nicht gestatten, daß du Nadeschda in ihrem Alter so etwas schenkst. Sie ist wirklich noch zu jung dafür.«
Alexander errötete tief. »Wenn Sie es nicht wünschen…«
»Ich finde es rührend, daß du daran gedacht hast, aber sie ist solche Geschenke nicht gewöhnt, Alexander. Wenn du willst, kannst du es mir geben, und ich bewahre es für sie auf, bis sie älter ist«, sagte sie freundlich.
Betrübt reichte Alexander ihr das Ei.
Der Hinweis war allzu deutlich. Er wollte sich irgendwie erklären, und Frau Suvorin hatte es ihm verwehrt. Er fühlte sich peinlich berührt und gedemütigt. Selbst als Vladimir seinen Arm liebevoll um den Jungen legte und ihn in die Galerie führte, war das ein geringer Trost.
1908
Im Sommer dieses Jahres sah es so aus, als würde es schließlich doch Frieden in Rußland geben. Die Welle des Terrorismus war vorüber. Stolypins harte Maßnahmen hatten den Revolutionären großen Schaden zugefügt, und die jüngst publizierte Entdeckung, daß der führende sozial-revolutionäre Terrorist seit langem ein Polizeispitzel gewesen war, hatte die Partei in den Augen des Volkes geschwächt. Die neue Duma war nicht, wie einige gefürchtet hatten, das Schoßhündchen des Zaren. Liberale wie Nikolaj Bobrov ergriffen kühn das Wort für die Demokratie, und selbst die konservative Mehrheit stand hinter Ministerpräsident Stolypin mit seinen Plänen für eine gemäßigte Reform. Schließlich versprach in diesem Jahr anhaltend gutes Wetter eine Rekordernte. Auf dem Lande war alles ruhig.
Vladimir hatte die Idee, daß sie nach Russka fahren sollten. Das ganze Frühjahr über hatte Rosa schlecht ausgesehen, und Vladimir wie auch Peter drängten sie, der Stadt in der Sommerhitze zu entfliehen. Schließlich kam man überein, daß auch Dimitrij und seine Freunde im Juni dorthin kommen sollten; Karpenko wollte allerdings nur einen Monat bleiben, bevor er für den Rest der Ferien in die Ukraine zurückkehren wollte, und Rosa hatte vor, mit Peter im Juli nachzukommen.
Dimitrij war begeistert von dem Ort. Der grandiose Plan seines Onkels nahm bereits Gestalt an. Dreißig Meter vor dem alten Haus der Bobrovs entfernt stand nun ein langes, niedriges Holzgebäude, das das Museum beherbergte, und am Ende befanden sich Werkstätten. Hier hatte Vladimir schon einen erfahrenen Holzschnitzer und einen Töpfer untergebracht. Das Museum barg bereits Schätze. Da gab es die traditionellen Spinnrocken, reich geschnitzte und bemalte Holzlöffel, Pressen für die Verzierung von Brot und Kuchen und wundervoll bestickte Stoffe. Vladimir hatte auch mit einer Ikonensammlung begonnen.
Im Wohnhaus gab es eine umfassende Bibliothek und einen Flügel. Frau Suvorin, die vom Leben auf dem Land sichtlich gelangweilt war, saß meistens auf der Veranda und las. Arina führte den Haushalt umsichtig, und ihr kleiner Ivan trieb sich ständig herum in der Hoffnung, einen Spielgefährten zu finden. Er und Nadeschda waren ungefähr gleichaltrig, und die beiden spielten mit Vergnügen Verstecken in den Wäldern oberhalb des Hauses. Nachmittags nahm Vladimir Nadeschda und die Jungen oft mit an den Fluß zum Baden. Er war noch sehr beweglich und ein erstklassiger Schwimmer. Danach saßen sie auf der Bank und unterhielten sich.
Vladimir war auch ein großartiger Erzähler. Er sprach mit den Kindern über alles, als wären sie Erwachsene. Eines Nachmittags erläuterte er ihnen seine Ansichten über Rußlands Zukunft. »Rußland befindet sich in einem Wettlauf mit der Zeit«, sagte er. »Ich persönlich bin auf der Seite Stolypins, und er weiß, daß er Rußland modernisieren und zugleich die revolutionären Kräfte in Schranken halten muß. Hat er Erfolg, behält der Zar seinen Thron; wenn nicht… gibt es ein Chaos. Bauern und Städter werden rebellieren.«
»Was muß Stolypin denn tun?« fragte Karpenko.
»Im wesentlichen drei Dinge. Die Industrie muß ausgebaut werden. Mit Hilfe von Fremdkapital geht das gut voran. Als nächstes müssen die Massen erzogen werden. Früher oder später wird es eine Art von Demokratie hier geben, und das Volk ist nicht darauf vorbereitet. Stolypin ist in dieser Hinsicht erfolgreich. Als drittes versucht er, die Landbevölkerung zu reformieren.« Er seufzte. »Aber das, fürchte ich, wird schwierig sein.«
Der Versuch, den russischen Bauern zu ändern, war der Kernpunkt der Reformen Stolypins, das wußte Dimitrij. In den vergangenen zwei Jahren war bereits Wichtiges geschehen. Die Zahlungen an die früheren Landbesitzer waren nicht mehr zu leisten. Den Bauern waren volle bürgerliche Freiheiten zuerkannt worden; sie konnten die gleichen Gerichtshöfe wie jeder andere Bürger in Anspruch nehmen, sie erhielten Inlandspässe für Reisen, ohne die Erlaubnis der Gemeinde einzuholen. Endlich war der Bauer, ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung von der Leibeigenschaft, theoretisch und praktisch ein freier Mann. Doch immer noch gab es ein Problem.
»Was aber kann für die Kommune getan werden?« überlegte Vladimir laut. Der unrentable Streifenanbau aus dem Mittelalter hatte sich in der Kommune noch kaum geändert. Die russische Getreideernte betrug nur ein Drittel der westeuropäischen Ernten. Um eine Verbesserung herbeizuführen, versuchte Stolypin die Bauern dazu zu bringen, sich von der Kommune abzusetzen und eigenes Land als unabhängige Landwirte zu bestellen. Günstige Kredite wurden von der Landwirtschaftsbank gewährt. Aber noch ließ der Fortschritt auf sich warten.
»Aber versucht Stolypin denn nicht, aus dem Bauern einen Bürger, einen Kapitalisten zu machen?« wandte Dimitrij ein. »Natürlich tut er das«, antwortete Vladimir. »Im Gegensatz zu dir bin ich ein Kapitalist. Ich muß allerdings zugeben, daß es sehr schwierig sein wird, das in die Praxis umzusetzen.«
»Ich dachte, es würde einfach sein«, warf Karpenko ein.
»Ja, mein Freund.« Vladimir fuhr dem Jungen liebevoll durchs Haar. »Du kommst ja auch aus der Ukraine. Dort unten in den westlichen Provinzen Weißrußlands gibt es die Tradition der unabhängigen Landwirtschaft, aber hier in den zentralen Provinzen ist das Kommunesystem festgefügt. Sieh dir doch nur diesen Ort hier an! Sieh dir Boris Romanov, den Dorfältesten, an.« Dimitrij und Karpenko hatten Romanov bald kennengelernt. Als Dorfältester war er eine einflußreiche Persönlichkeit, was er offensichtlich genoß. Die Familie mit ihren drei kräftigen Söhnen besaß zur Zeit den längsten Feldstreifen des ganzen Dorfes. In jenem Frühjahr aber, als Stolypins Reformen staatliches Land beim Kloster zum Verkauf freigaben und Vladimir zu Romanov beiläufig bemerkte: »Nun, Boris Timofejevitsch, ich denke doch, daß Sie selbst etwas davon kaufen«, hatte dieser mit finsterer Miene geantwortet: »Die Kommune kauft das Land.« Und er fügte zwar leise, doch hörbar hinzu: »Und Sie räuchern wir eines Tages auch noch aus.«
»Nichts wird Romanov davon überzeugen, daß die Wegnahme dieses Besitzes nicht die letzte Antwort ist«, fuhr Vladimir fort. »Und wißt ihr, was das Schönste an der Sache ist? In vielen Provinzen gibt es gar nicht genug Land, um es den Bauern abzutreten. Am besten siedeln sie sich in weniger bevölkerten Gegenden an, was Stolypin übrigens auch fördern möchte. Die Bauern unterstützen also die Sozialrevolutionäre – selbst die Terroristen –, weil diese versprechen, das ganze Land zu verteilen. Der einfache Bauer tut von sich aus wenig, er wartet vielmehr auf ein Wunder – passiv, aber verärgert. Er leidet lieber jahrzehntelang unnötig und greift dann plötzlich zu sinnloser Gewalt. Im Jahre 1905 hatten wir einen Krieg und Lebensmittelknappheit. Das hat schließlich die Revolution verursacht. Ich nehme deshalb an, daß Stolypin zwei Dinge braucht, um das Rennen zu gewinnen: Frieden und gute Ernten. Damit wird Rußlands Schicksal entschieden.« Sie verbrachten einen friedvollen, glücklichen Sommer. Morgens durchstreifte Karpenko oft das Land, oder er zeichnete; dann wieder dachte er sich phantastische Spiele für Ivan und Nadeschda aus, die voller Verehrung zu ihm aufblickten. Inzwischen übte Dimitrij stundenlang Klavier. Nachmittags gingen sie entweder mit Vladimir zum Baden, oder sie saßen lesend auf der Veranda; manchmal spielten sie mit Frau Suvorin Karten.
Die Abende genoß Dimitrij besonders. Während die anderen in der Bibliothek lachten oder sprachen, saß er am Klavier und wagte zaghaft seine eigenen Kompositionen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er eine weitere besondere Eigenschaft seines Onkels. Manchmal nämlich kam Vladimir leise herein und setzte sich in eine dunkle Ecke. Wenn Dimitrij eine Pause machte, kam der Onkel herüber und meinte mit seiner wohlklingenden Stimme: »Warum versuchst du es nicht so?« Oder: »Wenn du den Rhythmus hier ändern würdest…«
Dimitrij stellte fest, daß der Onkel genau das traf, was er selbst hatte ausdrücken wollen. »Woher kennst du meine Gedanken so genau?« fragte er. »Komponierst du oder ich?«
Worauf der Onkel ein wenig traurig erwiderte: »Manchen ist es gegeben, etwas zu schaffen, Dimitrij. Andere dagegen verstehen nur den schöpferischen Akt.«
Dimitrij mußte diesen Mann bewundern, und er spürte, wie das Band, das sie beide verknüpfte, immer stärker wurde. Einen Tag vor seiner Abreise nahm Karpenko Dimitrij beiseite und sagte: »Machen wir einen Spaziergang zu den Quellen, nur du und ich.«
Es war ein herrlicher Spaziergang. Karpenko hatte ein ansteckendes Lachen, und Dimitrij dachte, was für ein Glück es doch sei, einen solchen Freund zu haben. Karpenko wußte mehr als Dimitrij und gab sein Wissen großzügig weiter wie ein beschützender älterer Bruder, obwohl er, wohl wegen seiner weichen, makellosen Haut, etwas Mädchenhaftes hatte. Nachdem sie eine Weile im Moos der Quellen gerastet hatten, wandte Karpenko sich plötzlich ernst an Dimitrij: »Hast du schon einmal von einer Sache gehört, die man als das › Außerirdische Argument‹ bezeichnet?« Dimitrij schüttelte den Kopf.
»Stelle dir vor, daß Lebewesen von einem anderen Planeten zu uns kommen und sehen, wie wir leben – all die Ungerechtigkeit auf unserer Welt. Und sie würden dich fragen: ›Was tut ihr dagegen?‹ Und du müßtest antworten: ›Nicht viel.‹ Was würden sie sagen, Dimitrij? Wie sollten sie einen solchen Wahnsinn begreifen? Was ich sagen will, bevor ich abreise: Sollten wir uns nicht verpflichten, etwas für eine neue, eine bessere Welt zu unternehmen, du und ich?«
»Aber ja!«
»Gut. Ich wußte, du würdest zustimmen.« Langsam zog er eine Nadel aus seiner Tasche; damit stach er sich in den Finger und preßte Blut heraus. Dann reichte er Dimitrij die Nadel. »Wir schließen also einen Pakt«, sagte er. »Blutsbrüder.« Dimitrij errötete vor Stolz. Es war zu jener Zeit Mode, vor allem zwischen jungen Revolutionären beim Abschluß von Vereinbarungen, die alte Sitte der Blutsbrüderschaft zu vollziehen. Daß Karpenko ihm, Dimitrij, eine solche Ehre antat! Sie vermischten ihr Blut Karpenko war erst wenige Tage fort, als Frau Suvorin aus St. Petersburg die Nachricht erhielt, ihre Schwester sei erkrankt; sie fühlte sich verpflichtet, hinzureisen. Nadeschda und Dimitrij blieben noch; unter Aufsicht von Vladimir und Arina konnte ihnen kaum etwas geschehen. So verging eine angenehme Woche. Es war üblich, daß die Stallburschen täglich die Pferde an den Fluß führten. Wenn sie beobachtet wurden, geschah das auf ordentliche Art und Weise, andernfalls saßen sie ohne Sattel auf und jagten den Abhang hinunter. Immer wenn der kleine Ivan Arinas aufmerksamen Augen entwischen konnte, war er mit von der Partie. Hätte Nadeschda ihn an diesem warmen Julitag nicht beobachtet, wäre es Dimitrij vielleicht nicht passiert. Als jedoch der neunjährige Ivan fröhlich von einem Pferderücken auf dem Stallhof auf ihn herabblickte, beschloß Dimitrij, der Nadeschda imponieren wollte: Wenn der kleine Kerl das kann, kann ich es auch. Einen Augenblick später war er auf ein Pferd geklettert und ritt auf den Abhang zu. Zuerst im Schritt, dann im Galopp; die Tiere waren erregt. Hufe stampften auf den harten Boden, wilde Schreie waren zu hören. Dimitrij klammerte sich an der Mähne fest. Der Boden kam auf ihn zu, bewegte sich wieder von ihm weg. Plötzlich schlug ihm der Schößling eines Baumes ins Gesicht. Dimitrij verlor das Gleichgewicht und fiel vornüber, als ein anderes Pferd an ihm vorbeistob.
Dimitrij hörte, wie sein Bein splitterte. Er war noch bei Bewußtsein, als Nadeschda schon neben ihm kniete.
Er begriff lange Zeit nicht, daß nun nichts mehr so sein würde wie zuvor. Sie hatten sein Bett ins Erdgeschoß in den großen luftigen Raum mit dem Klavier gebracht. Er langweilte sich nicht: Es gab genügend Bücher, Arina sah häufig nach ihm, und Nadeschda saß gern neben ihm und plauderte auf ihre unnachahmliche Weise. Doch am meisten freute er sich auf seinen Onkel Vladimir, der ihm erzählte oder stundenlang vorlas. Nur eines vermißte er – vorläufig konnte er nicht Klavier spielen.
Dann kam seine Mutter. Sie sah nicht wohl aus bei ihrer Ankunft. Ihre großen Augen waren eingesunken, ihr schwarzes Haar mit grauen Strähnen durchzogen, und weil es dicht und lang herabhing, wirkte es ungepflegt. Dimitrij liebte sie, aber gleichzeitig tat sie ihm leid, denn sie war sicher nicht glücklich.
Vladimir deckte eine neue Begabung der Mutter auf. »Du mußt ausruhen, solange du hier bist, Rosa«, drängte er. »Und du mußt spielen«, fügte er entschieden hinzu. »Wir dürfen diesen jungen Mann keinesfalls ohne Musik lassen.« Zu Dimitrijs großem Erstaunen begann seine Mutter gleich am folgenden Tag damit. Er hatte sie nie vorher spielen hören, aber er wußte, daß sie früher einmal Klavier gespielt hatte. Als er jünger war, hatte sie ihm oft über ein paar Takte hinweggeholfen, wenn er in Schwierigkeiten kam, und daher wußte er, daß sie eine großartige Technik hatte. Aus irgendeinem Grunde jedoch hatte sie sich nie ans Klavier gesetzt. Nun aber begann sie, wenn auch zögernd, mit einfachen Stücken. Dann folgte eine Beethoven-Sonate, eine nächste. Später Stücke von Tschaikovskij, Rimskij-Korsakov und anderen Russen. Sie spielte eine Stunde oder auch zwei. Dimitrij hörte mit wachsender Verwunderung zu. Sie spielt fabelhaft, dachte er; ein großes Talent. Am fünften Tag hatte Rosa eine Verwandlung durchgemacht. Es war, als hätte sie ihre Trauer wie eine ungewollte Haut abgestreift. Ihr Haar war nun ordentlich zurückgekämmt. Die frische Luft und ein paar Nächte Schlaf hatten ihr Gesicht entspannt und die Falten geglättet. Nun warf sie still triumphierend den Kopf zurück, während Beethovens Appassionata aus ihren Fingern strömte.
»Ich wußte nicht, daß du so gut spielst«, bemerkte Dimitrij eines Tages, und dann fügte er rasch hinzu: »Und auch nicht, daß du so schön bist.«
»Es gibt vieles, das du nicht weißt«, erwiderte Rosa heiter und lief lachend mit Vladimir und Nadeschda auf die Veranda. Und dann war das ebenso plötzlich zu Ende. Es war an einem sonnigen Nachmittag. Rosa war nun zehn Tage da. Am Tag vorher hatte Vladimir ihr einige Partituren des von ihm bevorzugten russischen Komponisten der damaligen Zeit, des brillanten Skrjabin, mitgebracht. Rosa spielte sie, während Vladimir es sich in einem Sessel bequem gemacht hatte.
Dimitrij war ganz gegen seine Gewohnheit eingeschlafen. Als er aufwachte, hatte Rosa aufgehört zu spielen, und Vladimir stand neben dem Klavier. Sie dachten wohl, daß er noch schlafe… er verstand fast jedes Wort.
»Du kannst nicht so weitermachen. Ich sage dir das seit drei Jahren.« Die Baritonstimme seines Onkel klang sanft beschwörend. »Ich kann es nicht mit ansehen.«
»Man kann nichts dagegen tun. Aber, Volodja…« Dimitrij hatte niemals jemanden diese Koseform zu seinem Onkel sagen hören. »Volodja, ich habe solche Angst.«
»Du brauchst Schlaf. Höre auf, dich zu quälen. Bleibe wenigstens eine Weile hier bei mir. Ich muß im nächsten Frühjahr nach Berlin und Paris. Komm mit mir! Wir können in ein Bad fahren, und du machst eine Kur. Ich glaube, du weißt, daß du sicher bist bei mir.« Dimitrij starrte mit weit offenen Augen auf die Szene; seine Mutter berührte liebevoll Vladimirs große Hand. »Ich weiß.« Dimitrij saß kerzengerade, dann zuckte er schmerzlich zusammen. Beide Gesichter wandten sich ihm zu: das seines Onkels irritiert, das seiner Mutter abwesend. Da sagte Vladimir ruhig: »Ach, du bist aufgewacht. Trinken wir Tee zusammen.« Dimitrij konnte sich keinen Reim auf das machen, was er da eben gehört hatte. Am nächsten Morgen erklärte Rosa, sie müsse nach Moskau zurückkehren. »Ich bin schon zu lange von deinem Vater getrennt gewesen«, meinte sie. »Ich mache mir solche Sorgen um ihn.« Wieder wirkte ihr Gesicht eingefallen, und das bedeutete, daß sie vergangene Nacht nicht geschlafen hatte. Wenige Tage später wurde auch Nadeschda von Frau Suvorin nach Moskau zurückbeordert, und da der Arzt Dimitrij keine Bewegung erlaubte, wurde er sozusagen allein in Russka zurückgelassen. Vladimir nahm nun mit ruhiger Entschiedenheit das Leben des Jungen in die Hand.
Zwei Tage nach Rosas Abreise erschien der Onkel mit mehreren Büchern und stapelte sie auf dem Tisch neben dem Bett. »Du spielst gut, mein Freund, und du hast ein paar hübsche Kompositionen zuwege gebracht«, erklärte er. »Aber da du nun ans Bett gefesselt bist, hast du Zeit, auch zu begreifen, was du da tust. Das sind Bücher über Musiktheorie und Kompositionslehre. Lies sie gründlich!« Zuerst war es harte, ja langweilige Arbeit. Jeden Abend aber ging der Onkel mit ihm die Aufgaben durch: Harmonielehre, Kontrapunkt, die Vielschichtigkeit musikalischer Regeln. Vladimir war zwar ein Amateur, aber er hatte ein beträchtliches Musikverständnis, und er war ein strenger Lehrer. »Jetzt begreife ich, warum deine Fabriken einen hohen Gewinn abwerfen«, meinte Dimitrij lachend. In nur sechs Wochen machte der Dreizehnjährige erstaunliche Fortschritte. Nun hatte er den brennenden Wunsch, sein neuerworbenes Wissen in Kompositionen anzuwenden. Als der Arzt im September Dimitrijs Verlegung nach Moskau zustimmte, erklärte er Vladimir: »Weißt du, ich glaube, ich werde tatsächlich Komponist.« Sein Onkel lächelte einfach und sagte: »Natürlich wirst du einer.« Was diese Studienzeit anbetraf, meinte Dimitrij Suvorin später, als er bereits berühmt war: »Der Sturz vom Pferd machte mich zu dem, was ich bin.«
Der Sturz vom Pferd hatte noch eine weitere Folge. Ob es nun ein komplizierter Bruch war oder ob die technischen Kenntnisse des Fabrikarztes nicht ausreichten – Dimitrijs rechtes Bein behielt eine falsche Stellung bei, und der Musiker ging bis an sein Lebensende am Stock.
Nicht nur, daß Alexander Bobrov jeden Vorwand ausnutzte, um in Vladimir Suvorins großem Haus einen Besuch zu machen, oft ging er auch nur daran vorbei, in der Hoffnung, einen Blick von Nadeschda zu erhaschen. Trotz des peinlichen Zwischenfalls an Ostern hatte er nicht für einen Moment seine Idee aufgegeben. »Ich werde sie heiraten«, erklärte er seinem Vater rundheraus. An diesem Abend im September war es schon spät. Vorhänge und Fensterläden waren alle geschlossen, und nur aus Gewohnheit führte ihn sein Weg an Suvorins Haus vorüber. Ein leichter Nebel lag über allem; die Straßenlaternen bildeten undeutliche gelbe Flecken. Nur wenige Menschen waren unterwegs. Alexander hätte wohl nicht einmal zum Haus hingeblickt, wären nicht leise Schritte zu hören gewesen, die vor der Eingangstür haltzumachen schienen. Er spähte über die Straße. Vor dem Portikus konnte er eine vermummte Gestalt mit einem breitrandigen Filzhut entdecken. Gleich darauf öffnete sich die Tür ein wenig, und die Gestalt ging rasch hinein. Als die Tür sich schloß, hielt Alexander den Atem an: Der Mann hatte den Hut abgenommen, und das volle rote Haar war ein untrügliches Zeichen: Der Mann war Jevgenij Popov. Was, zum Teufel, will sie nur mit mir? Diese Frage hatte sich Popov oft gestellt. Sie besaß alles: einen brillanten Ehemann, ein großes Vermögen, alles, was die bürgerliche Welt anzubieten hatte. Natürlich langweilte sich die obere Bourgeoisie manchmal. War das bei ihr der Fall? Er glaubte es nicht. Unglücklich war sie vielleicht, aber nicht gelangweilt.
An der Intelligenz von Frau Suvorin war nicht zu zweifeln. Obwohl er in letzter Zeit erfahren hatte, daß die Behörden ihn verhaften wollten, war es Popov gelungen, in den beiden vergangenen Jahren heimlich in ihr Haus zu gelangen. Jedesmal hatte sie ihn genau nach seinen Überzeugungen gefragt. Obwohl sie es ablehnte, irgend etwas von Marx zu lesen, hatte Popov den Eindruck, sie sei wirklich interessiert an dem, was er ihr berichtete. Es wurde außerdem deutlich, daß sie persönliches Interesse an ihm, Popov, zeigte. Warum aber? Anfangs kam Popov der Gedanke, Suvorin könnte untreu sein. Falls seine Frau sich jedoch mit einer eigenen Affäre an ihm rächen wollte, hatte sie doch wohl eine Menge ihresgleichen zur Auswahl! Außer natürlich, sie begehrte ihn, weil er die Revolution repräsentierte, die die Welt ihres Gatten zerstören würde. Das wäre freilich eine besondere Art von Affront. Im Haus herrschte Stille. Sie hatte die Dienerschaft längst zu Bett geschickt. Vladimir wurde erst gegen Ende des Monats in Moskau zurückerwartet. Sie saß in einem blaßblauen Neglige auf einem niedrigen Stuhl vor dem glimmenden Feuer. »Sagen Sie mir«, fragte sie langsam, »warum Sie hierherkommen.« Popov ließ sich Zeit mit der Antwort. Es gab natürlich gute Gründe dafür. Zuerst einmal fehlte es der Bolschevikischen Partei an Geld. Ob er von der Frau des Industriellen Geld bekommen konnte, wußte er nicht, aber es lohnte sich, die Lage zu sondieren. Es steckte jedoch noch mehr dahinter. Popov war wirklich geschmeichelt, daß diese stolze, kluge Frau sich zu ihm hingezogen fühlte, und er mußte zugeben, daß er etwas für sie empfand. Er überlegte tatsächlich, ob sie verschont werden könnte. »Ich finde Sie interessant«, sagte er schließlich. Sie lächelte. »Sie sind einfach neugierig?«
»Warum nicht?« Natürlich war er neugierig. Suvorin beeindruckte ihn. Der war kein Schwächling wie ein Bobrov, den man einfach beiseite schieben konnte. Suvorin war mächtig und intelligent. Als er im Hause Suvorin eingeführt wurde, spürte er auch, daß hier etwas repräsentiert wurde, das er in seinem bisherigen Leben vermißt hatte. Denn obwohl er auf Reisen gewesen war, Geschichte und Betriebswirtschaft studiert hatte, fehlte ihm das Interesse an der Kunst. In Frau Suvorins Gegenwart mußte er oft seine Unkenntnis zugeben. Er ließ sich von ihr zu den modernen Gemälden ihres Gatten führen und hörte fasziniert ihren Erklärungen zu. An diesem Abend jedoch musterte sie ihn nachdenklich. »Sagen Sie mir«, meinte sie, »wenn Sie mit Bestimmtheit wüßten, daß es für mindestens hundert Jahre keine Revolution gäbe – was würden Sie tun?«
»Ich glaube tatsächlich, daß Stolypin sich durchsetzen könnte«, räumte er ein. »Ebenso Lenin. Vielleicht findet die Revolution während meines Lebens nicht statt. Wahrscheinlich ist es so«, erklärte er offen, »daß ich immer schon ein Revolutionär war und nicht wüßte, was ich sonst sein sollte. Es ist ein Beruf wie jeder andere.«
»Letzten Endes denken Sie doch, daß dies hier alles verschwinden muß«, wandte sie ein, indem sie auf das kostbare Mobiliar deutete.
»Selbstverständlich. Es gibt keinen Platz für derartige Privilegien. Alle Menschen werden gleich sein.«
»Und wenn wir eine Revolution haben, vernichten Sie die Kapitalisten und ihre Anhänger erbarmungslos.«
»Ja.«
»Dann sagen Sie mir eines«, fuhr sie fort. »Wenn die Revolution tatsächlich bald beginnt und ich mich ihr zu widersetzen gedenke – würden Sie mich ebenfalls töten?«
»Ich nehme nicht an, daß das notwendig wird«, antwortete er. »Ich glaube, man könnte Sie verschonen.« Sie ist wie ein Vogel im Käfig, dachte er, gefangen in diesem überdimensionalen Haus und in ihrer bürgerlichen Welt; und doch noch ein freier Geist.
»Das ist wohl ein Kompliment«, lächelte sie.
»Ja.«
Einige Minuten lang saßen sie schweigend da. Da zischte plötzlich das Feuer im Kamin, und Funken stoben hoch. Das bißchen Glut, das herausflog, hätte ohne weiteres auf den Boden fallen und dort verglühen können, doch zufällig blieb es am Saum von Frau Suvorins Neglige liegen und züngelte sogleich hoch auf. Sie stieß einen kleinen Schrei aus und zerrte an ihrem Neglige, da sprang der Funke auf ihren Schoß. Sie wollte aufstehen und den kleinen Brand austreten, doch Popov sah die Angst in ihrem Gesicht und stürzte, ohne zu überlegen, vorwärts, griff mit bloßen Händen nach der Glut und warf sie zurück in den Kamin.
Als Frau Suvorin sich sozusagen in Popovs Armen fand, sah sie ihm ins Gesicht und entdeckte darin zu ihrem Erstaunen eine Spur von Zärtlichkeit. »Nicht bewegen«, sagte sie nur.
Zwei Stunden später gab Alexander seine einsame Wacht in der feuchten Kälte auf. Er verstand das nicht. Dieser Teufel Popov war bei ihr; dafür konnte es nur einen Grund geben. Was, um alles in der Welt, soll ich nun unternehmen, überlegte er.
1910
Auf den ersten Blick vermittelte das Familienleben von Professor Peter Suvorin den Eindruck vollendeter Harmonie. Es herrschte allenthalben Betriebsamkeit. Dimitrij hatte nun zwei Musiklehrer und machte rasche Fortschritte. Karpenko war in die Kunstakademie eingetreten und hatte bereits den Ruf eines Burschen, dem ständig neue Ideen kommen. Vladimir unterstützte den jungen Mann nach Kräften, lud ihn häufig zu sich, wenn er bekannte Größen aus der Kunstwelt versammelt hatte, und stellte ihn mehreren Künstlern vor. Peter Suvorin selbst war höchst aktiv; in diesen Jahren verfaßte er sein klassisches Lehrbuch »Physik für Studierende«, das seinen Namen einer ganzen Generation russischer Schüler vertraut machte.
Rußland erlebte eine ruhige Zeit. Das Volk hörte kaum etwas vom Leben des Zaren, seiner deutschen Gemahlin und seinen Kindern in ihren Privatpalästen in St. Petersburg.
Dimitrij wußte, daß Stolypin und die Duma ihren Weg der langsamen Reform weiterverfolgten. Doch wenn er die Zeitungen las, gewann er den Eindruck, daß der große Minister, obwohl er Frieden und Wohlstand brachte, wenig Freunde hatte. »Die liberalen hassen ihn wegen seines scharfen Durchgreifens«, erklärte Vladimir, »und die Reaktionäre hassen ihn, weil sein Regierungssystem die Autokratie des Zaren zu schwächen scheint. Aber er wird ans Ziel gelangen«, fügte er hinzu.
Für Dimitrij waren die Abende das Schönste, wenn alle zusammen um den runden Tisch saßen und die Tagesereignisse besprachen. Die Mutter bereitete Tee, der mit Himbeeren serviert wurde, und durch das offene Fenster konnte man den zart türkisfarbenen Himmel sehen. Karpenko wußte immer etwas zu erzählen. Er befand sich ständig in geistiger Hochstimmung, und es verging kaum eine Woche, ohne daß er eine neue kulturelle Entdeckung zur Veränderung der Welt nach Hause gebracht hätte. Um diese Zeit gab es viele Dichter in Moskau und St. Petersburg. Tatsächlich war Lyrik so populär, daß die Dichter sogar davon leben konnten. Eines Abends brachte Karpenko eine Gedichtsammlung mit, von deren Verfassern Dimitrij noch nie gehört hatte. »Es ist eine neue Schule«, erklärte Karpenko. »Sie benutzen keine Symbole und abstrakten Ideen mehr, sondern sie schreiben unmittelbarer, über ihre Erfahrungen.« Zwei von ihnen gefielen Dimitrij sofort: Ossip Mandelschtam und Anna Achmatova.
Trotz Karpenkos Brillanz lernte Dimitrij während dieser Abende ein anderes Mitglied der engverbundenen Familie mehr und mehr schätzen; das war sein Vater. Peter Suvorin machte nie viele Worte, aber er saß mit seiner goldgeränderten Brille, die immer zur Nasenspitze rutschte, über einem Schriftstück oder sah sein Manuskript durch. Obwohl sein Haar ergraut und sein Gesicht von feinen Linien durchzogen war, wirkte er jünger als seine fünfundfünfzig Jahre. In seiner leisen Art hatte er doch alle Fäden in der Hand. Peter Suvorin hatte allen Grund, mit seinem zurückhaltenden, stetigen Kurs zufrieden zu sein. Die Bolscheviken hatten in den vergangenen zwei Jahren mit ihrem Extremismus wenig vorzuweisen. Polizeispitzel hatten sich in ihre Reihen eingeschlichen und erschwerten ihre Unternehmungen. Ihr einsamer Führer Lenin war anscheinend zum dauernden Exil in der Schweiz gezwungen, und ihre Mitgliederzahl hatte sich verringert. Dagegen hatten die gemäßigten Menscheviken-Sozialisten ihre Arbeit fortgeführt, sich allmählich Anhängerschaft in den Fabriken gewonnen, Gewerkschaften organisiert und Weiterbildung betrieben – meist ganz legale Aktivitäten. Manche waren auch zu einer Zusammenarbeit mit der Duma bereit. Es war sogar die Rede von einer Änderung des Parteinamens in »Arbeiterpartei«. Peter Suvorin war froh über das, was er seiner Familie gegenüber als Fortschritt bezeichnete.
»Das neue Zeitalter bricht an«, war seine Redeweise, »aber nicht, weil Sie, Karpenko, oder so ein schlauer Bursche wie Popov es wollen. Wir wissen weder wann noch wie. Aber wir wissen, daß der Prozeß nicht mehr aufzuhalten ist.«
Wenn Dimitrij seinem Vater zuhörte, hatte er das wundervolle Gefühl, als stehe alles im Universum wissenschaftlich miteinander in Zusammenhang. Nichts konnte anscheinend den Professor von seinem Weg abbringen. Er lehrte; er schrieb; seine Schüler kamen zu ihm. Sein Leben war ebenso ruhig und geordnet wie seine Gedanken.
Im Sommer 1910 schien es Dimitrij deutlich, daß seine Mutter wahnsinnig wurde.
Nach seinem Unfall hatte es einige Monate lang so ausgesehen, als habe sich Rosas Ängstlichkeit etwas gemildert. Es war, als habe sie etwas Schlimmeres befürchtet und sei nun erleichtert, daß das Schicksal endlich zugeschlagen hatte und alles vorüber war. Doch dann, als Peter gerade anfing sein Buch zu schreiben, ging ein Änderung vor sich. Warum bestand sie darauf, sein Buch selbst zu tippen? Einige Male schlug er ihr vor, die Arbeit jemand anderem zu überlassen, aber immer verharrte sie in starrer Entschlossenheit; und da gab er nach.
Jeden Abend, nachdem das Essen beendet war, stellte sie ihre Schreibmaschine in dem kleinen Eßzimmer auf und machte sich an die Arbeit. Sie weigerte sich, währen des Tages zu schreiben, und behauptete, sie habe keine Zeit. Wieder und wieder schrieb sie die Texte ab, bis sie fand, daß alles fehlerlos sei. Manchmal saß sie nur eine Stunde an der Arbeit, meist jedoch wurde es spätnachts, und sie erschien am nächsten Morgen mit dunklen Ringen um die Augen. Schlimmer noch als dieses zwanghafte Verhalten, das Rosa auslaugte, war das Wiederaufleben ihrer früheren Ängstlichkeit, die überraschend heftig zurückkehrte.
Sie nahm seltsame Formen an. Wenn es draußen nur ein bißchen kühl war, mußte Peter seinen Mantel und eine Pelzmütze tragen; wenn die Sonne warm schien, hatte sie Angst, er könnte sich einen Sonnenstich zuziehen; wenn die Straße vereist war, wußte sie von vornherein, daß er ausgerutscht war und sich verletzt hatte. Diese ständige Besorgnis dehnte sich auch auf Dimitrij aus. Rosa wurde erst wieder ruhiger, wenn ihr Mann und ihr Sohn abends sicher zu Hause waren.
Dann begann sie ihnen zu folgen.
Anfänglich erfand sie absolut glaubhafte Ausreden – den Besuch bei einer Freundin, Einkäufe –, um Peter zur Universität oder Dimitrij zur Schule zu begleiten. Doch schon nach kurzer Zeit gingen ihr die Ausflüchte aus, und es war offensichtlich, daß sie die beiden lediglich unter schützender Aufsicht haben wollte. Peter entschloß sich, ihr ihren Willen zu lassen, doch Dimitrij ertrug es nicht und bat sie, ihn in Frieden zu lassen. Unangenehmer noch war ihr Argwohn, völlig unbegründet zwar, aber sie litt darunter. Es kam ihr, zum Beispiel, plötzlich in den Sinn, daß ein befreundeter Nachbar ein Polizeispitzel sei, der die ganze Familie beobachtete. Sie warnte Dimitrij nachdrücklich vor einer geheimen Verschwörung, die mit der Schwarzen Hundertschaft zu tun hatte und alle Juden und Sozialisten beseitigen wollte.
Eines Abends, als Rosa und Dimitrij allein waren, bat sie ihn, sich an den Küchentisch zu setzen. Dann sagte sie eindringlich: »Ich möchte, daß du mir etwas versprichst, Dimitrij. Wirst du das tun?«
»Wenn ich kann«, antwortete er.
»Versprich mir, daß du Musiker wirst, daß du niemals ein Revolutionär wie dein Vater wirst, sondern immer bei der Musik bleibst.« Dimitrij zuckte die Achseln. Da es seine ganze Hoffnung war, sein Leben der Musik widmen zu können, kam ihm das Versprechen nicht zu schwierig vor. »Dein Wort?«
»Ja. Aber warum?«
Sie blickte ihn betrübt an. »Nur jüdische Musiker werden in Sicherheit sein«, erklärte sie ihm. »Nur Musiker.« Auf dieses offensichtliche Zeichen von Wahnsinn wußte er nichts zu erwidern.
Im Frühjahr des Jahres 1910 versuchte Peter Rosa zu einem Arztbesuch zu überreden, doch sie wollte nichts davon wissen. Er besprach die Angelegenheit mit seinem Bruder Vladimir, der zweimal zu ihnen in die Wohnung kam und ihr vorschlug, sie solle nach Russka gehen, um dort Frieden und Ruhe zu finden. Auch dies lehnte sie ab.
»Ich fahre im Mai nach Deutschland«, berichtete Vladimir. »Ich glaube, es gibt dort einen Arzt, der ihr helfen könnte.« Doch Rosa wollte sich nicht einmal Gedanken darüber machen. Anfang Mai wurde Dimitrij Zeuge einer seltsamen Unterhaltung. Er und Karpenko verbrachten den Abend mit Nadeschda. Wie immer verging die Zeit angenehm, und nach einer langen Diskussion über Musik schlug Dimitrij vor, den beiden Tschaikovskijs »Jahreszeiten« vorzuspielen, stellte jedoch fest, daß die Partitur nicht im Hause war. Er machte sich also auf, sie von zu Hause zu holen. Er wußte, daß seine Mutter an diesem Abend allein war. Peter befand sich auf einer Versammlung in der Nähe. Deshalb war er überrascht, als er beim Öffnen der Haustür Stimmen aus dem kleinen Salon neben der Diele hörte. Sie gehörten seiner Mutter und Vladimir. Die Stimme seiner Mutter war nur ein leises Murmeln, während Vladimirs sonore Stimme gut zu vernehmen war. »So kann es nicht weitergehen. Komm doch um Himmels willen mit mir nach Deutschland!«
Dann die schwerverständlichen Worte seiner Mutter. »Ich sage dir ehrlich, der Junge ist zur Zeit hier besser aufgehoben. Es gibt keine besseren Musikpädagogen in der Welt als in Rußland.« Seine Mutter sagte noch etwas von einem Brief. Nun wieder die Stimme des Onkels. »Ja, ja. Ich gebe dir mein Wort. Wenn irgend etwas geschieht, bringe ich ihn heraus. Ja, Dimitrij soll nach Amerika gehen, wenn du das willst.« Danach trat eine lange Stille ein, und Dimitrij glaubte, seine Mutter schluchzen zu hören. Er ging lautlos hinaus, zurück zu seinen Freunden, denen er sagte, er habe die Noten nicht finden können.
Es gab keinen Zweifel – Frau Suvorin konnte einen der größten Erfolge ihrer bisherigen gesellschaftlichen Karriere verbuchen. Es war ein persönlicher Triumph: Mitte Juni 1910 hatte sie den Mönch Rasputin zu Gast. Er hatte sich zum Nachmittagstee angesagt, und so hatte Frau Suvorin nur eine relativ intime Gesellschaft vorgesehen: Familienmitglieder, ein paar wichtige Freunde und jene Damen, an denen sie sich rächen wollte: Im Lauf der Jahre hatten sie ihre Eitelkeit verletzt, und nun mußten sie wohl oder übel von diesem Besucher beeindruckt sein, der auf bestem Fuße mit der kaiserlichen Familie stand.
Vladimir war noch im Ausland, doch Frau Suvorin lud Peter und Rosa ein, natürlich in Begleitung von Dimitrij und Karpenko. Und so fanden sich die beiden jungen Leute in der Gesellschaft von etwa vierzig Personen, die ungeduldig die Ankunft des seltsamen Mannes erwarteten.
Fünf Jahre zuvor war Rasputin am Zarenhof erschienen. Die Leute bezeichneten ihn als einen heiligen Mann, obwohl er niemals Mönch war, wie manche irrtümlich glaubten. Tatsächlich hatte er Frau und Kinder im fernen Ural, auch wenn er sie selten aufsuchte. Obwohl in der Hauptstadt Stimmen gegen seinen sündhaften Lebenswandel laut wurden, schrieben ihm viele Menschen übernatürliche Kräfte zu. Es hieß, er habe das zweite Gesicht. Außerdem wußte jeder, daß er in der Kaiserin eine ergebene Bewunderin hatte. Was sie eigentlich in ihm sah, wußte niemand so recht. Der kaiserliche Haushalt war eine Welt für sich, völlig abgetrennt vom Rest der Gesellschaft, und zwar durch eine Phalanx von adligen Höflingen aus alten Soldatenfamilien, die es für ihre Pflicht hielten, die Monarchie so weit wie möglich von dem barbarischen russischen Volk fernzuhalten. Der Zar, seine deutsche Gemahlin, seine Töchter und der kleine Zarevitsch, der Thronerbe, wurden selbst vor prominenten Untertanen so versteckt wie die Familie eines orientalischen Herrschers.
Daß der Thronerbe die entsetzliche, lebensbedrohende Bluterkrankheit hatte und daß dieser außergewöhnliche hypnotische Bauer aus Sibirien ihn anscheinend zu heilen vermochte, ahnte nicht einmal Frau Suvorin. Der Mann, Vertrauter der kaiserlichen Familie, der das schlimmste medizinische Geheimnis im russischen Reich kannte, war nicht unbedingt eine beeindruckende Gestalt; von mittlerer Größe, eher schmächtig, schmalbrüstig, mit abfallenden Schultern. Sein langes dunkles Haar war in der Mitte gescheitelt; der dichte Bart reichte kaum bis zur Brust. Die stumpfe Nase bog sich stark nach links. Er trug ein einfaches Gewand aus schwarzer Seide, das ihm bis über die Knie reichte. Er hätte ein unbedeutender Priester aus einem der unzähligen Dörfer sein können. Obwohl die Kleidung sauber und der Bart gekämmt war, nahm man einen scharfen Geruch an ihm wahr, der darauf schließen ließ, daß er sich seltener wusch als andere Menschen.
Er verneigte sich höflich vor den Anwesenden und folgte der Aufforderung von Frau Suvorin, auf einem Sofa Platz zu nehmen, wo sie ihm Tee anbot.
Die Gesellschaft ließ sich gut an. Frau Suvorin, zurückhaltender als sonst, führte eine höfliche Konversation mit dem Ehrengast. Die kaiserliche Familie wurde erwähnt, und fromme Wünsche für sie wurden geäußert. Verschiedene Gäste wurden Rasputin vorgestellt, und für jeden schien er freundliche, bescheidene Worte zu haben. Als ihm Nadeschda vorgestellt wurde, meinte er ihrer Mutter gegenüber, das Mädchen habe ein wunderbares Naturell. Zu Peter Suvorin sagte er respektvoll: »Sie studieren die Wunder des göttlichen Universums.«
»Merkst du etwas Besonderes an ihm?« fragte Dimitrij seinen Freund Karpenko und sah enttäuscht aus. Doch als Frau Suvorin ihn wenige Minuten später herbeiwinkte, entdeckte er, Auge in Auge mit Rasputin, das hervorstechendste Merkmal dieses merkwürdigen Menschen. Zuerst hatte Dimitrij diese Augen für listig gehalten; die Blicke schossen unter der breiten Bauernstirn neugierig, aufmerksam, vielleicht sogar verschlagen hierhin und dorthin. Nun aber, als sie fest auf ihn gerichtet waren, empfand Dimitrij ihre starke Wirkung. Sie brannten – es gab keinen anderen Ausdruck dafür. Alles übrige an dem Mann war vergessen, sobald man die erstaunliche, durchdringende Kraft seiner Augen spürte. Erst als Dimitrij ganz nahe kam, schien sich der hypnotische Blick zu mildern.
»Ein Musiker. Ach ja.« Mehr sagte Rasputin nicht zu ihm. Anscheinend war er nicht besonders an Dimitrij interessiert, obwohl der junge Mann ein seltsam prickelndes Gefühl im Rücken spürte, als er auf seinen Platz zurückging.
Der übrige Nachmittag verlief sehr ruhig, und er wäre in Dimitrijs Erinnerung wohl nichts anderes geblieben als ein belangloses gesellschaftliches Ereignis, wären nicht kurz vor Rasputins Weggang zwei kleine Zwischenfälle geschehen.
Rosa war gleich nach Peter vorgestellt worden, doch Rasputin schien sie gar nicht zu bemerken. Er blickte nicht einmal in ihre Richtung, als er sich plötzlich wie unter einem Zwang erhob, rasch auf sie zuging und mit einer Hand ihren Unterarm ergriff; so stand er fast eine Minute lang, schweigend, wie ein Arzt, der den Puls fühlt. Dann ging er wortlos an seinen Platz zurück, wo er das Gespräch mit Frau Suvorin wiederaufnahm, als wäre nichts geschehen.
Der zweite, noch merkwürdigere Zwischenfall ereignete sich, als Rasputin sich verabschiedete. Karpenko hatte Rasputin eine Weile beobachtet und sich dann entschlossen, ihn nicht näher kennenlernen zu wollen. Als es soweit war, daß Frau Suvorin ihn gerade auffordern wollte, schlich er sich in eine entfernte Ecke des Raumes. Rasputin war schon halbwegs an der Tür, als er plötzlich stehenblieb, sich rasch umwandte und direkt auf Karpenko zuging. Er blieb einige Meter vor dem jungen Mann stehen. Die hypnotischen Augen starrten ihn derart an, daß Karpenko gleichsam in sich zusammensank. Das Ganze dauerte einige Augenblicke. Dann lächelte Rasputin. »Nun ja«, meinte er freundlich, »solche wie Sie habe ich schon in Sibirien und in St. Petersburg getroffen.« Dann wandte er sich an Frau Suvorin: »Was für einen klugen jungen Kosaken haben Sie in Ihrem Haus!«
Was, in aller Welt, meinte er damit? Frau Suvorin schien es zu verstehen; sie begleitete Rasputin zur Tür. Die Wirkung auf Karpenko war allerdings verheerend. Als Rasputin gegangen und Dimitrij zu ihm getreten war, war Karpenko totenblaß und zitterte. Dimitrij legte den Arm um ihn. Karpenko konnte nur flüstern: »Er hat durch mich hindurchgesehen. Er sieht alles. Er ist der Teufel selbst.« Dimitrij blickte den Freund verständnislos an, und Karpenko murmelte mit einem betretenen Blick auf Frau Suvorin: »Du begreifst nichts. Du begreifst gar nichts.«
Die feuchtkühle Luft roch leicht nach Rauch, als Rosa die Straße entlangging. Eine Stunde zuvor war es dunkel geworden. Hier und da glühten Lampen auf. An der Ecke blieb sie stehen und blickte zurück. Das Schlafzimmer, das sie mit Peter teilte, ging als einziges Zimmer der Wohnung auf die Straße hinaus, und aus irgendeinem Grund – sie wußte selbst nicht, warum – hatte sie eine brennende Kerze aufs Fensterbrett gestellt. Sie konnte sie gut sehen, ein kleines tropfendes Licht im dunklen Umriß des Gebäudes, ein seltsamer kleiner Wächter. Eine Botschaft vielleicht der Liebe und der Hoffnung. Sie hatte nichts als eine Nachricht hinterlassen, daß sie Spazierengehen wolle.
Niemand würde es erfahren; das war tatsächlich das Geschenk ihrer Liebe an sie, daß sie es nie erfahren sollten. Nur Vladimir würde es wissen, und der war gerade mit seinem Sohn in Paris und würde erst in einem Monat zurückkommen. Sie hatte ihm nicht geschrieben, aber er würde ihr Geheimnis bewahren. Wann hatte alles begonnen? Vielleicht wirklich schon ganz am Anfang: Sie hatte Peter Suvorin geheiratet, als sie noch Depressionen hatte. Das war ihre Schuld. Doch sie hatte ihn leidenschaftlich geliebt. Nein, dachte sie, der wirkliche Anfang lag im Jahr 1900, als Dimitrij fünf Jahre alt war und der Brief aus Amerika eintraf. Seit ihrer Heirat hatte Rosa wenig Kontakt mit ihrer Familie in Wilna gehabt. Vier Jahre danach verstarb ihre Mutter unerwartet, und der ältere Bruder wanderte mit seiner Familie nach Amerika aus. 1899 folgte ihr zweiter Bruder. Ihr Weggehen hatte Rosa nicht überrascht – viele Juden wanderten damals und in den folgenden Jahren aus. Im Jahre 1914 hatten etwa zwei Millionen Juden Rußland in Richtung Vereinigte Staaten verlassen, und die zaristische Regierung war froh darüber.
Darum kam der Brief ihres zweiten Bruders, der normalerweise ungern schrieb und von dem sie das letztemal einige Monate vor seiner Auswanderung gehört hatte. Nun aber gab er einen genauen Bericht von der Überfahrt und von den Neuigkeiten der Familie. Der Brief schloß mit einem langen Absatz:
Wir kamen nach Ellis Island. Einen Augenblick lang erschrak ich. Als ich das große, mit Platten verkleidete Gebäude und die Reihen der anderen Einwanderer sah, die zur Überprüfung in der riesigen Halle warteten, dachte ich: Mein Gott, das ist ja wie in Rußland, nur noch schlimmer. Es ist ein Gefängnis! Aber es war bald überstanden, und wir waren draußen. Und dann… Deshalb schreibe ich Dir, liebe Rosa. Dann waren wir frei. Es ist schwer zu beschreiben. Zu wissen, daß man frei ist! Keine Gendarmen, keine Polizeispitzel. Man kann gehen, wohin man will. Jeder darf wählen. Und ein Jude hat genauso viele Rechte wie jeder andere.
Deshalb schreibe ich Dir jetzt, liebe Rosa. Ich muß einfach an Dich denken. Natürlich bist du konvertiert und lebst in Moskau. Aber bist zu sicher, daß dir deshalb nichts zustoßen kann? Und der kleine Dimitrij: Nach jüdischer Ansicht ist der Sohn einer Jüdin ein Jude. Ich will damit ja nur sagen, daß Ihr um Gottes willen nach Amerika kommen sollt, wenn die Sache in Rußland schiefgeht. Komm hierher zu uns, ich bitte Dich, wo Deine ganze Familie in Sicherheit sein wird.
Der Brief hatte in Rosa einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wenn sie auch in den vergangenen Jahren, mit ihrem neuen Leben und dem Kind, selten an die Vergangenheit gedacht hatte, brachte der Brief mit seltsamer Intensität alles zurück. Sie dachte an ihren Vater und all das, was er für sie zu tun versucht hatte. Sie dachte ans Klavierspielen, das sie seit ihrer Heirat völlig aufgegeben hatte. Traurig dachte sie an den Kummer, den sie ihrer Mutter verursacht hatte. Sie stellte sich ihre Brüder vor: Wie gern würde sie sie wiedersehen!
Der Brief war außerdem Anlaß zur Beunruhigung. Obwohl ihr Bruder nur die Juden als gefährdet erwähnte, entging ihr doch nicht die versteckte Anspielung auf Polizeispitzel und Regimegegner. Auch Peter mit seiner sozialistischen Betätigung konnte sich in Gefahr befinden. Sie hatte vier Wochen lang über den Brief nachgegrübelt, ehe sie ihn eines Morgens Peter zeigte und fragte, was er darüber denke.
»Schreckliche Idee, Rußland zu verlassen.« Und als sie meinte, es sei vielleicht besser für die Familie, nach Amerika zu gehen, sah er sie nur völlig verständnislos an und empfahl ihr, sich hinzulegen. Rosa hatte festgestellt, daß Peter neben seiner Sanftheit und Güte auch eine seltsame Halsstarrigkeit besaß, die ihn blind machte gegen alles, was nicht in seine Idee vom Universum paßte. Sie würden niemals nach Amerika gehen.
Wie sehr hatte sie das bedauert! Damals hatte sie es nicht geglaubt. Sie liebte Peter; er war so gut und einfach, und obwohl er anfangs fast eine Vaterfigur für sie gewesen war, wurde es ihr im Laufe der Jahre immer deutlicher, wie sehr er von ihr abhing, und das tat er in rührender Offenheit.
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich ohne dich hätte leben können«, sagte er manchmal. Und einmal hatte er ihr gestanden: »Als du damals von Amerika gesprochen hast – das war der schlimmste Tag in meinem Leben. Einen Augenblick dachte ich, du hättest mir erklärt, du wollest dich von allem abwenden, was ich liebe, weißt du. Gott sei Dank ist dieser Wahnsinn vorüber.«
Er brauchte sie. Er betete sie an. Wie konnte sie ihm also sagen, was mit ihr geschah?
Im Jahre 1905 hatten die schrecklichen Träume begonnen. Sie kamen plötzlich und ohne Vorwarnung. Das Thema war immer das gleiche: der Pogrom. Nacht für Nacht kamen die Träume, und sie wachte entsetzt, in kalten Schweiß gebadet, auf. Sie waren so grauenhaft, daß sie sich manchmal fürchtete, zu Bett zu gehen. Während des Wachseins begann sich jetzt eine neue schreckliche Vorahnung in ihren Gedanken zu formen, die schmerzliche Überzeugung, daß Peter und Dimitrij etwas zustoßen würde. Einige Monate nachdem die Träume begonnen hatten, stellte sich ein Weiteres Problem ein, das auch nicht weichen wollte: Sie konnte die Berührungen ihres Mannes nicht mehr ertragen. Nun, fünf Jahre danach, war sie wenigstens auf eines stolz: Peter hatte nie etwas davon bemerkt. Sie liebte ihn. Sie wußte, daß er das nie begreifen würde. Manchmal hatte sie zwar mit ihm geschlafen und dabei unter größter Willensanstrengung ihre Abneigung verheimlichen können. Später hatte sie sich dann immer neue Ausflüchte einfallen lassen, um die nächtlichen Zärtlichkeiten zu umgehen, dafür aber hatte sie ihn tagsüber mit ihrer Zuneigung überhäuft.
In dieser Gemütsverfassung befand sich Rosa, als Dimitrij angegriffen wurde und man entdeckte, daß er Jude war. Nur Vladimir hatte ihr Geheimnis geahnt.
Hatte sie kurzzeitig in ihrer Jugend an Vladimir als an ihren Liebhaber gedacht? Eine unmögliche Liebe, eine Liebe, die nicht sein durfte. Doch auch eine platonische Liebe wie die ihre hatte ihre Freuden und Schmerzen. Was hieß es denn für eine Frau, zu wissen, daß nicht ihr Mann, sondern dessen Bruder sie wirklich verstand? Sie genoß seine Gesellschaft; da war sie glücklich. Und doch fürchtete sie ihn, denn er brachte sie dazu, wieder zu spielen. Er zeigte ihr nur allzu deutlich, was sie vor sich zu verbergen suchte – den quälenden Abgrund, der sie von ihrem Mann trennte. Und so floh sie von Vladimir zurück in ihr Gefängnis.
Vladimir hatte versprochen, Dimitrij nach Amerika zu bringen. Das allein war jetzt wichtig für sie.
Sie ging an einem Zeitungsstand vorüber. Neben der Tür waren auf einer kleinen Tafel die Schlagzeilen zu lesen. Der arme Stolypin, der loyale Ministerpräsident, war kurz zuvor in Kiev erschossen worden. Nun hatte sich herausgestellt, daß sein Mörder ein Doppelagent war – ein Polizeispitzel, der diese Greueltat nur begangen hatte, da die revolutionäre Gruppe, in die er sich eingeschleust hatte, allmählich Verdacht gegen ihn schöpfte. »Nur in unserem armen Rußland müssen wir mit solchem Wahnsinn leben«, murmelte sie.
Sie befand sich nun in einer Straße mit Trambahnschienen. Schon vor der Jahrhundertwende hatte es in Moskau Bahnen gegeben, solide, zweistöckige Fahrzeuge, die von zwei Pferden gezogen wurden. Sie gingen einen angenehm leichten Trab. Im letzten Jahr aber waren sie durch elektrische Trambahnen ersetzt worden, die einstöckig waren und sich viel rascher fortbewegten. Die Schienen trafen sich an einer Straßenkreuzung; darauf ging Rosa zu. Peter Suvorins Buch war natürlich die letzten achtzehn Monate ihre Stütze gewesen. Wie viele Nächte hatte sie bis in die frühen Morgenstunden aufopfernd für ihren Mann geschrieben, während er tief geschlafen hatte! Das war die Art von Aufopferung, die sie von seinem Lager fernhielt. Das Buch war letzte Woche fertig geworden und ging nun in Druck. Es würde ihn wahrscheinlich berühmt machen, und sie war damit ihres Schutzes beraubt worden. Es war nicht schwierig. Die elektrische Straßenbahn fuhr rasch auf sie zu durch die Nacht, gerade, als sie die Kreuzung erreichte. Rosa hatte die Handschuhe ausgezogen, als wollte sie in ihrer Tasche nach etwas suchen; nun zog sie sie gleichgültig wieder an. Die Trambahn kam näher.
Alle hatten es gesehen. Es gab keinen Zweifel an dem, was geschehen war. Die Frau, die am Randstein stand, hatte in ihrer Tasche gesucht, hatte aufgeblickt und war ausgeglitten. Sie stieß einen kurzen Schrei aus, als sie mit dem einen Fuß auf dem feuchten Stein vergeblich nach Halt suchte. Sie fiel unmittelbar vor die Räder der Straßenbahn. Es gab keinen Zweifel daran, daß es sich bei der unglückseligen Geschichte, auch wenn Rosa unter Stimmungen gelitten hatte, um einen Unfall handelte.
Zwei Monate danach vollendete Dimitrij Suvorin die drei »Etüden« zu ihrem Andenken in Anlehnung an Skrjabin; und man war sich darüber einig, daß sie seine ersten ernsthaften und reifen Kompositionen darstellten.
1913
Als das Jahr seinem Ende zuging, blickte Alexander Bobrov mit einer gewissen Zuversicht in eine angenehme Zukunft. Es waren zwar noch einige Hindernisse zu überwinden, doch er hatte seine persönliche Kampagne sorgfältig vorbereitet. Das Mädchen war jetzt fünfzehn Jahre alt und bereits eine blendend aussehende junge Dame. Bald wäre seine Zeit gekommen.
Alexander war zweiundzwanzig. Er war überdurchschnittlich groß, von kräftiger Statur und besaß das gute Aussehen seines Großvaters, allerdings war Alexej glatt rasiert.
Er war sich seiner Attraktivität bewußt, war jedoch nicht unbedingt eitel. Als letzter Repräsentant einer Adelsfamilie und, trotz der liberalen Einstellung seines Vaters, als Repräsentant einer Ordnung, die dazu diente, den Zaren zu schützen und zu erhalten, sah er es vielmehr als seine Pflicht an, gut auszusehen. Neben sorgfältiger Kleidung war ihm eine militärisch straffe Haltung wichtig. Außerdem ließ er sich, soweit er sich das leisten konnte, an den passenden Orten blicken. Für seine Lebensstellung brauchte er nur zwei Dinge anzustreben: einmal eine Anstellung bei Hofe, zum zweiten die Heirat mit der Erbin Nadeschda Suvorin.
Wenn er an Rußlands Zukunft dachte, hatte Alexander ebenfalls Grund zur Hoffnung. Die dritte Duma hatte ihre ganze Fünf-Jahres-Periode bis zum vergangenen Jahr überstanden, und nun tagte eine neue, die vierte Duma.
Dem Zaren war es gelungen, das konservative Element leicht zu stärken, obwohl sich die Radikalen auf Kosten des Zentrums ebenfalls gesteigert hatten. Im ganzen gesehen, war der neue Staatskörper nicht schlechter als der vergangene. Alexejs unermüdlicher Vater hatte sich wieder wählen lassen. Und, das mußte gesagt werden, die Verhältnisse auf dem Lande waren insgesamt erfreulich.
»Stolypin ist nicht mehr, und an seiner Stelle sitzen Nullen«, erläuterte Nikolaj Bobrov seinem Sohn. »Doch sein Werk lebt fort. Sieh dir die Resultate an.« Dann zählte er sie begeistert an seinen Fingern ab. »Der Handel vervielfacht, ebenso die landwirtschaftlichen Erträge, außerdem haben wir 1911 dreizehneinhalb Millionen Tonnen Getreide exportiert. Die Staatsschulden sind gering. In drei von vier Jahren haben wir Etatüberschüsse erzielt. Auf dem Lande herrscht Ruhe.« Er lächelte zufrieden. Von Revolution war kaum etwas zu hören in jenen Jahren. »Mit ein bißchen Glück haben wir sie vielleicht abgewendet«, beliebte der ältere Bobrov zu sagen. Tatsächlich gab es nur Wolken am ausländischen Horizont, doch weder die beiden Bobrovs noch einer ihrer Bekannten waren sonderlich beunruhigt. »Die Diplomaten werden die Schwierigkeiten aus der Welt schaffen«, meinte Nikolaj zu seinem Sohn, »dafür haben wir die Allianzen.«
Das weitgespannte Netz der Allianzen sprach eigentlich zugunsten Rußlands. Die Notwendigkeit einer kräftigen Anleihe beim Geldgeber Frankreich und eine bessere Verständigung mit England hatte Rußland mit diesen beiden Nationen zum sogenannten Dreierbündnis zusammengefügt. Deutschland, Österreich und Italien bildeten auf der anderen Seite die Dreierallianz. »Sie halten sich gegenseitig die Waage«, erläuterte Nikolaj des öfteren.
Nur aus der gebirgigen Balkanregion nördlich von Griechenland kamen Anzeichen wirklicher Gefahr. Hier war durch den endgültigen Zerfall des nahezu erloschenen osmanischen Reiches Österreich im Vormarsch. 1908 hatte es die beiden überwiegend von slawischen Serben bewohnten Regionen Bosnien und Herzegovina genommen. Die übrigen Serben fühlten sich bedroht; Rußland, auf seiten seiner Slavenbrüder – außerdem hatte es ein Auge auf diese Region in der Nähe Konstantinopels und des Schwarzen Meeres –, überwachte jede Entwicklung sorgfältig. »Das wird alles geregelt«, sagte Nikolaj voraus. »Niemand hat Interesse, einen Krieg anzufangen.« Nur wenige europäische Staatsmänner hätten ihm hierin widersprochen.
Tatsächlich hatte in den vergangenen fünf Jahren nur ein eher privates Problem Alexanders heitere Welt überschattet und ihm Kopfzerbrechen verursacht: Jevgenij Popov. Was sollte mit ihm geschehen? Alexander war sich durchaus im klaren darüber, daß Frau Suvorins Affären ihn nichts angingen; sein Haß auf Popov war jedoch so groß, seine Achtung vor Vladimir so gewaltig, daß Popovs Liaison ihn in Gedanken quälte. Seit jener nebligen Nacht, als er den Bolscheviken in Suvorins Haus schleichen sah, fühlte er sich persönlich verletzt.
Er hatte es sich angewöhnt, spätabends durch jene Gegend zu laufen; zweimal noch im selben Monat hatte er Popov zum Stelldichein erscheinen sehen. Es bestand kein Zweifel: Die Familie seiner zukünftigen Gattin und die Person seiner zukünftigen Schwiegermutter wurden von dem rothaarigen Sozialisten entehrt. Es war furchtbar.
Aber was sollte er machen? Vladimir war sein Freund. Wenn dieser große Mann hintergangen wurde, war es auf alle Fälle seine Pflicht, ihm ein Zeichen zu geben, überlegte Alexander. Es war auch nicht die Entehrung; man konnte nie wissen, welche Ungelegenheiten ein Mann wie Popov einer geachteten Familie verursachen konnte. Alexander wollte auch Nadeschda schützen.
Aber wie sollte er vorgehen? Es dem alten Mann direkt zu sagen war unangenehm. Wenn Frau Suvorin außerdem herausfand, was er getan hatte, würde er sich ihren immerwährenden Haß zuziehen – keine sehr verlockende Situation im Hinblick auf sein Ziel, künftig ihr Schwiegersohn zu sein.
Endlich fand er die Lösung: Er schickte Vladimir einen anonymen Brief, und zwar aus Zeitungsausschnitten zusammengesetzt und primitiv abgefaßt. Er war stolz auf diese Aktion. Dabei nannte er Popovs Namen nicht, sondern verwies nur auf »einen gewissen rothaarigen Revolutionär«. Danach spazierte er, sooft er konnte, spätabends an Suvorins Haus vorbei, und da er längere Zeit nichts von Popov zu sehen bekam, nahm er an, der Brief habe seine Wirkung getan. Doch einige Monate später sah er seinen Feind wieder dort herumlungern.
Alexander kam ziemlich oft in Suvorins Haus, und teils als Ausrede für die Besuche bei Vladimir, teils um etwas mit Nadeschda gemeinsam zu haben, entwickelte er während dieser Jahre ein fast professionelles Interesse an Malerei.
Sein Universitätsstudium belastete ihn nicht sonderlich. In seiner freien Zeit arbeitete er fleißig. Er studierte von Grund auf die Hauptströmungen der westlichen Malerei, ebenso beschäftigte er sich intensiv mit der alten Kunst der Ikonenmalerei. Wie es seine Art war, ging er dabei methodisch und ernsthaft vor. Mit der Zeit entwickelte er auch ein wirkliches Gefühl für die Thematik. Ehrgeizig wagte er sich in die zeitgenössische Malerei vor. Vladimirs Sohn, der mehr Zeit in Europa als in Rußland verbrachte, hatte kürzlich erstaunliche Werke von Chagall und Matisse geschickt, außerdem von einer seltsamen neuen Figur in der Szene, die anscheinend am Anfang einer neuen Ära der Malerei stand: Pablo Picasso. Alexander befaßte sich so gründlich mit jedem neuen Thema, als handle es sich dabei um die Lösung eines Rätsels, bis er an Kenntnissen allen anderen überlegen war. Alexander stellte fest, daß Nadeschda ihn aufgrund seines Wissens mit Respekt behandelte, was ihm höchst angenehm war. Sie ließ sogar mit Freuden den stolzen Dimitrij und Karpenko mit ihren Improvisationen am Klavier sitzen und begleitete ihn für ein paar ruhige Minuten durch die Galerien ihres Vaters, während er ihr von irgendeiner interessanten Entdeckung berichtete. »Du weißt eine Menge«, sagte sie dann und sah ihn mit ihren großen, ernsten Augen an.
Sie war jetzt in der Pubertät und bekam eine reizende Figur, wie er erfreut feststellte. Bald würde sie eine junge Frau sein. Alexander ging deshalb mit ihrer Beziehung sehr vorsichtig um, hielt eine freundliche Distanz ein, wartete, daß sie auf ihn zukäme. Im Augenblick gab es nur ein Problem, von dem Alexander hoffte, es werde sich in nicht allzu ferner Zeit von selbst lösen: Nadeschda war in Karpenko verliebt.
Für Dimitrij Suvorin war das Jahr 1913 nicht nur eine vielversprechende, sondern auch eine wildbewegte Zeit. Nie zuvor hatte die russische Kultur sich zu derart schwindelnden Höhen erhoben. Es war, als hätten sich alle außergewöhnlichen Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts plötzlich zusammengetan und sich über die Welt ergossen.
Europa war der russischen Musik bereits verfallen, der Oper und dem herrlichen Baß des legendären Schaljapin. Nun hatte Diaghilevs »Ballet Russe« London, Paris und Monte Carlo im Sturm genommen. Zwei Jahre zuvor hatte der unvergleichliche Nijinski Strawinskys »Petruschka« getanzt; letztes Jahr das hinreißende, heidnisch-erotische Ballett »L'après-midi d'un faune«. Im Mai 1913 übernahm er in Paris die Choreographie jenes Ereignisses, das die Musikgeschichte verändern sollte: Strawinskys »Le sacre du printemps«. Vladimir Suvorin hatte das Glück, sich zu dieser Zeit gerade in Paris aufzuhalten. Er brachte Dimitrij eine Abschrift der Partitur mit, und der junge Mann vertiefte sich tagelang darin, fasziniert von der gigantischen, urwüchsigen Kraft, den nie zuvor gehörten Dissonanzen und den erregenden Rhythmen.
»Rußland steht nicht länger hinter Europa zurück«, erklärte Karpenko bei dieser Gelegenheit. »Wir liegen jetzt vorn.« Nur wenige hätten leugnen wollen, daß Rußland in diesem erregenden künstlerischen Gärungsprozeß die führende Rolle spielte. Seit Rosas Tod hatten sie die Wohnung umgeräumt, und so hatten Peter, Dimitrij und Karpenko jeder sein eigenes Zimmer; dieses gemeinsame Junggesellenquartier sagte allen sehr zu. Durch Vladimirs Großzügigkeit hatte Karpenko genügend Geld, um sein Studium fortzusetzen und sich ein kleines Atelier nebenbei zu mieten.
Die Avantgarde, die in Rußland erstaunlicherweise von Männern und Frauen angeführt wurde, schäumte über von Ideen, und Karpenko hielt Dimitrij und seinen Vater immer über die neuesten Wunder auf dem laufenden: Ein umstürzlerisches abstraktes Ölgemälde von Kandinsky; ein brillantes Bühnenbild von Benois oder Chagall. Und ständig ein neuer -ismus – im Jahre 1913 war vor allem die Rede vom Futurismus. Zweifellos eine bemerkenswerte Strömung. Unter der Führung brillanter junger Leute wie Malevitsch, Tatlin und Majakovskij verbanden die russischen Futuristen mit Vorliebe Malerei und Lyrik; sie veröffentlichten Bücher und Broschüren mit Illustrationen, deren kühne Wirkung nie wieder erreicht wurde. »Der Kubismus Picassos war eine Revolution«, erklärte Karpenko, »doch der Futurismus geht viel weiter.« In der Malerei übernahmen die Futuristen die gebrochenen geometrischen Formen des Kubismus und übersetzten sie in berstende Vorwärtsbewegung. In der Lyrik wurde die Sprache bis zum einfachen Klang hin zerlegt; durch Abweichungen von der Grammatik entstand etwas Neues, Verblüffendes.
Mit seinen zwanzig Jahren hatte Karpenko sich zu einem auffallend gut aussehenden jungen Mann entwickelt. Er trug keinen Bart, und seine schmale, dunkle Gestalt war so auffallend, daß Dimitrij oft amüsiert feststellte, wie achtbare Damen auf der Straße sich vergaßen und hinter ihm herstarrten. Dimitrij sah ihn in Begleitung kunstbeflissener junger Damen, die offensichtlich sehr von ihm eingenommen waren. Karpenko zog es allerdings vor, Details über sein Liebesleben für sich zu behalten.
Obwohl er so attraktiv war, war er nicht oberflächlich. Mitunter hatte er sich während der vergangenen Jahre kurzzeitig in nachdenkliches Schweigen gehüllt; das waren wohl, so dachte Dimitrij, Perioden schöpferischer Konzentration gewesen. Er hatte nur eines an seinem Freund zu bemängeln; manchmal fand er Karpenkos witzige Bemerkungen ein wenig roh.
Wenn ihr Leben nun auch in verschiedenen Bahnen verlief, gingen die beiden jungen Männer doch häufig miteinander aus. Manchmal besuchten sie Vladimir Suvorin. Das Jugendstilhaus des Industriellen war inzwischen fertiggestellt und glich einem Kunstwerk. Vor allem die große Halle war atemberaubend mit dem Fußboden aus farbigem Marmor und Granit in Spiralmuster, mit fliederfarbenen Wänden, bunten Glasfenstern und einer Treppe aus cremefarbenem Marmor, das Geländer in großzügig schwingenden Formen geschnitzt. Vladimir hatte eine Bibliothek zeitgenössischer Literatur zusammengetragen, in der er viel freie Zeit verbrachte. Karpenko, der ihn beim Sammeln futuristischer Publikationen unterstützte, kam selten ohne ein neues Werk, das immer sehr willkommen war. Und natürlich kam er auch, um Nadeschda zu sehen. Es waren stets anregende Besuche. Manchmal brachten sie Freunde mit, und es ergaben sich häufig hitzige Diskussionen, an denen Nadeschda, obwohl sie erst fünfzehn Jahre alt war, aktiv teilnahm. Die Themen waren in jenen bewegten Tagen eher künstlerischer als politischer Natur. Meinungen prallten aufeinander; Nadeschda hörte zu und blickte mit leuchtenden Augen auf Karpenko. Manchmal tauchte auch Alexander Bobrov bei solchen Gelegenheiten auf, und dann fragte Karpenko, wenn die Gesellschaft gerade über den Dichter Ivanov hergefallen war, ganz beiläufig: »Was hältst du von Ivanov, Alexander Nikolajevitsch?« Und wenn Alexander dann, wie er es immer tat, eine unverbindliche Antwort gab, wie etwa: »Nicht schlecht«, sahen sich die übrigen Anwesenden vielsagend an oder brachen in Hohngelächter aus. »Armer Alexander Nikolajevetisch«, sagte Karpenko dann hinter seinem Rücken. »Er weiß alles und begreift nichts.« Und ins Gesicht sagte er ihm: »Du lernst und lernst, Alexander, aber du liegst immer hinter der neuesten Kunstströmung zurück.« Warum haßte Karpenko den Bobrov so sehr? »Er ist der Prototyp der sturen Russen«, behauptete der Ukrainer. Eines Tages jedoch gestand er, daß er Alexanders Interesse an Nadeschda nicht ertrage. Aber was wollte er selbst denn von dem Mädchen? Es wurde immer offenkundiger, daß sie in ihn verliebt war. Und er tat nichts, um ihrer Zuneigung entgegenzukommen. »Dir liegt also wirklich an ihr?« fragte Dimitrij eines Tages auf dem Nachhauseweg. »Ich fühle mich als ihr Beschützer«, antwortete Karpenko geradeheraus. »Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß sie sich an einen Dummkopf wie Bobrov verschwenden soll.«
»Aber was ist denn mit dir?«
Karpenko lachte kurz auf. »Sei nicht albern! Ich bin ein armer Ukrainer.«
»Onkel Vladimir hat dich gern.«
»Seine Frau aber nicht.«
Dimitrij hatte gelegentlich bemerkt, daß Frau Suvorin, wenn sie auch nie darüber sprach, Karpenkos charmanter Art, die ältere Damen gewöhnlich entzückte, mit einer gewissen Arroganz begegnete. »Du hast also nichts dagegen, daß sie dich liebt, nur damit die Sache für Bobrov schlecht ausgeht, nicht wahr?« fragte er. Zu seiner Überraschung stöhnte Karpenko plötzlich leise auf. »Ach, du begreifst einfach gar nichts. Sie ist anders als alle Mädchen der Welt.«
»Du liebst sie also?«
»Ja, verdammt, ich liebe sie.«
»Dann gibt es ja noch Hoffnung«, meinte Dimitrij fröhlich. Doch Karpenko schüttelte den Kopf so mutlos, wie Dimitrij ihn noch nie gesehen hatte. »Nein, es gibt keine Hoffnung für mich«, erklärte er.
An einem Dezemberabend des Jahres 1913 kam die Krise, die seit langem zwischen Nadeschda Suvorin und ihrer Mutter schwelte, endlich zum Ausbruch. Der Funke, der die Flamme entfachte, war die Tatsache, daß Frau Suvorin ihre Tochter vor Karpenko warnte. Was denn nicht in Ordnung mit ihm sei, wollte Nadeschda wissen. War er zu arm? Hatte ihre Mutter gesellschaftliche Ambitionen? Frau Suvorin wies diesen Verdacht weit von sich. »Offen gesagt – es ist sein Charakter. Um ehrlich zu sein, ich glaube, er spielt mit dir. Verliere dein Herz nicht an ihn!« Mehr wollte sie nicht sagen.
Nadeschda war entschlossen, ihre Mutter zu hassen. Sie war in Karpenko verliebt. Sie hatte ihn schon als Kind bewundert, aber nun, in der Glut des Heranreifens, durchlitt sie all die Sehnsüchte der ersten Liebe. Sie hätte ihrer Mutter vielleicht die scharfe Kritik verziehen, wäre da nicht etwas anderes gewesen. Ein Jahr zuvor war sie dem Verhältnis mit Popov auf die Spur gekommen. Sie war einmal spätnachts aufgewacht, und als sie den Flur entlangging, hörte sie ein leises Geräusch in der Diele. Zu ihrer Überraschung sah sie ihre Mutter zur Eingangstür huschen, wo sie einen Fremden einließ. Nadeschda duckte sich auf der Galerie zusammen und sah, wie die beiden die Treppe hinaufgingen. Ihre Mutter und der Rotschopf Popov. Eine Zeitlang konnte sie es nicht fassen. Ihre Mutter und dieser Sozialist? Neben dem Ekel, den sie empfand, dachte sie: Wie kann sie dem armen Papa so etwas antun? Und trotzdem läßt er sie gewähren. Er ist ein Heiliger. Und seither betrachtete Nadeschda ihre Mutter als heimliche Feindin, auch wenn sie nicht darüber sprach. Das Unglück wollte es, daß an ebendiesem Abend, als Frau Suvorin die Bemerkung über Karpenko gemacht hatte, Popov beschlossen hatte, wieder einen Besuch zu machen. Hätte Nadeschda über Popovs Absicht in jener Nacht Bescheid gewußt, wäre sie wohl noch erstaunter gewesen. Vielleicht sogar mehr noch als Frau Suvorin, als sie sie hörte. »Würdest du mit mir weglaufen?« fragte er einfach. In seinen jüngeren Jahren wäre diese Vorstellung undenkbar gewesen, jetzt aber überlegte er, ob er aufgeben solle. Einige Jahre zuvor hatte er gehofft, den Suvorins Geld für das bolschevikische Anliegen zu entlocken. Nach allem, was er wußte, wäre es vielleicht sogar gelungen. Und doch kam es nicht dazu. Die Partei brauchte, weiß Gott, Geld. Vor kurzem war eine neue bolschevikische Zeitung mit Artikeln eines merkwürdigen jungen Burschen aus Georgien erschienen, dessen Stil an den liturgischen Gesang eines Priesters erinnerte. Er nannte sich ganz im Stil der Revolutionäre »Stalin« – ein Mann aus Stahl. Das ganze Jahr über hatte Popov versucht, Geldmittel für die »Pravda« aufzutreiben, aber er hatte nie Frau Suvorin darauf angesprochen. Mit ihr war es inzwischen etwas Besonderes. Er glaubte fast, daß er sie liebte. Und nun hatte er statt dessen vor, sie um die Finanzierung ihrer beider Flucht zu bitten. Im Jahre 1913 fühlte Popov sich erschöpft. Es gab keine Hoffnung auf eine Revolution. Lenins Versuch, die sozialistische Linke wiederzuvereinigen, hatte wenig Erfolg gezeitigt. Es waren neue Verhaftungen erfolgt. Selbst Stalin wurde nach Sibirien verbannt. »Wir könnten ins Ausland gehen«, schlug Popov vor. Zu ihrer eigenen Überraschung freundete Frau Suvorin sich mit dem Gedanken an. Er war ein außergewöhnlicher Mann. Sie hatte viel von ihm gelernt. Er hatte sie dazu gebracht, lange und intensiv über ihr Leben nachzudenken, und er hatte sogar ihre politischen Ansichten verändert. »Ich glaube tatsächlich, daß wir eine Demokratie brauchen«, hatte sie schließlich zugegeben. »Ich kann mir sonst nichts denken, was gerecht wäre. Ich persönlich möchte zwar den Zaren behalten, aber wir brauchen eine verfassunggebende Versammlung.« Das war eine geheime Passion für sie geworden. Doch er beunruhigte sie auch. Wenn sie mit ihm über die Revolution sprach, war es mitunter, als habe er sich eine Schutzhülle zugelegt, die alle menschlichen Gefühle ausschloß, die mit der anstehenden Aufgabe in Konflikt geraten konnten. Bei solchen Gelegenheiten dachte sie, daß er töten könne, ohne daß es ihm etwas ausmache. Nun hatte der Revolutionär sich ergeben. Sie wollte ihn in ihre Arme schließen.
Die Tür flog auf, und Nadeschda trat ins Zimmer. Sie zitterte. »Ja«, sagte sie ruhig, »meine Mutter macht sich Gedanken wegen meiner Freunde. Sie hätte es wohl lieber, wenn sie Bolscheviken wären.« Popov schwieg.
In einem Anflug von Zorn sagte Nadeschda: »Du sollst nur wissen, daß ich weiß, wie du meinen armen Papa behandelst.« Und zu Popov gewandt: »Man müßte Sie einsperren. Vielleicht wird es sogar geschehen.«
»Nadeschda, geh in dein Zimmer«, sagte Frau Suvorin rasch, und Popov flüsterte sie zu: »Du gehst jetzt besser.« Auf seinen fragenden Blick erwiderte sie kopfschüttelnd: »Unmöglich.«
1914
Die Prozession wand sich langsam und feierlich durch die staubige Sommerhitze. Sie wurde angeführt von Priestern in juwelenbesetzten Gewändern und mit schweren Mitren. Manche trugen Ikonen, andere riesige Banner. Ein Chor sang. Als sie vorbeikam, hob sich eine Woge aus Händen, die das Kreuzzeichen machten, während Köpfe und Rücken sich tief verneigten – dies war noch immer das Heilige Rußland. Und Rußland befand sich im Krieg. Alexander Bobrov sah das alles mit Tränen der Rührung in den Augen. Welch ein Sommer war das gewesen! Zuerst hatte Dürre geherrscht, dann gab es eine totale Sonnenfinsternis. Jeder Bauer in jedem Dorf wußte deshalb, daß wahrscheinlich eine Katastrophe bevorstand. Aber nun, nachdem sie eingetreten war, schien es, als vollziehe sich hier in den Straßen Moskaus eine wundersame Bekehrung. Plötzlich wurden alle Russen Brüder, vereint in der Verteidigung des Vaterlandes.
Hinter den Ikonen wurde ein großes Bildnis des Zaren getragen. Es war seltsam, daß dieser Mann, der kaum einen Tropfen russischen Blutes in den Adern hatte und seinem Vetter, König Georg V. von England, fast aufs Haar glich, die zentrale Figur in diesem eher orientalischen Gepränge bilden sollte. Sein ernstes, ziemlich gewöhnliches Gesicht mit dem kurzen braunen Bart ließ auf seine Persönlichkeit schließen – ein leicht verwirrter, gutmütiger und unschlüssiger deutscher Prinz, durch sein Schicksal in ein fremdes östliches Reich verschlagen. Aber er war der Zar, Väterchen aller Russen, und während sein Bildnis vorbeigetragen wurde, verneigte sich das Volk.
Alexander verneigte sich ebenfalls. Er trug eine Uniform, und am nächsten Tag würde er in den Kampf ziehen. Wie hatte diese gigantische Mobilisierung begonnen, die die Welt erschüttern sollte? Ereignisse in den Balkanländern hatten den Konflikt entzündet.
Als Österreich 1908, von Deutschland unterstützt, Bosnien und die Herzegovina annektiert hatte, machte es damit seine Expansionsabsichten deutlich, aber es sah so aus, als sei die Bedrohung abzuwenden. Der Sommer des Jahres 1914 machte diese Hoffnung zunichte. Als bosnische Terroristen den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo ermordeten, behauptete Österreich, dies sei die Schuld des benachbarten Serbien gewesen, und bestand auf einer Entschuldigung unter demütigenden Bedingungen. Serbien hatte sich sogleich gefügt, Österreich dagegen lehnte ab und traf Gegenmaßnahmen. »Es ist gar keine Frage – Österreich und Deutschland haben vor, alle Balkanstaaten zu beherrschen. Das bedeutet, daß sie die Kontrolle über Konstantinopel und das Schwarze Meer haben«, erklärte Alexander seinem Vater. Abgesehen jedoch von einer derart offensichtlichen strategischen Überlegung gab es nach Alexanders Meinung eine weitere, die mindestens ebenso ins Gewicht fiel. »Die Serben sind Slaven wie wir, Orthodoxe wie wir«, meinte er. »Das Heilige Rußland muß ihnen zu Hilfe kommen.« Und das tat Rußland denn auch.
Hätte sich der Konflikt nicht doch auf diese Region beschränken können? Auf dem Balkan hatte es seit Jahrhunderten, mit Unterbrechungen, Kriege gegeben. Durch die intensiven diplomatischen Versuche des englischen Lord Grey sah es für kurze Zeit so aus, als könne der Konflikt eingegrenzt werden. Doch es sollte nicht sein. Der einmal in Bewegung gesetzte Kriegsmoloch ließ sich nicht mehr aufhalten. Russische Truppen wurden zur Unterstützung nach Serbien geschickt. Deutschland erklärte Rußland den Krieg; dann folgten Frankreich und Großbritannien. Im August begann der allgemeine Kampf der zivilisierten Welt. Gott sei Dank würde es ein kurzer Krieg werden, darüber waren sich alle einig. An ebendiesem Morgen hatte Alexander einen nachdenklichen Brief seines Vaters erhalten, der immer noch Mitglied der Duma in St. Petersburg war.
Das Ganze läuft auf eines hinaus, mein lieber Junge: Deutschland spielt ein gewagtes Spiel, um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, und zwar einen gegen Frankreich im Westen und gleichzeitig gegen Rußland im Osten. Der großsprecherische Schlieffen-Plan sieht vor, daß es durch Belgien nach Nordfrankreich vorstößt, Paris einkreist und in weniger als drei Monaten an der Westfront klar siegt, bevor Rußland Zeit zur Mobilisierung hat. Dann erst wendet es sich gegen uns. Ich kann Dir weiterhin mitteilen, daß ich durch gut informierte Personen erfahren habe, es gebe sehr genaue Pläne der Deutschen, was sie mit uns vorhaben: Das Reich wird in verschiedene Regionen aufgeteiltin baltische Provinzen, die Ukraine, und so fort. Uns läßt man nur das ehemalige Moskoviter Reich. Denke Dir nur – unser mächtiges Imperium zerfallen! Doch das wird nicht geschehen, denn Deutschland hat einen groben Fehler gemacht. Rußland kann viel schneller mobilisieren, als der Plan es vorsieht Wenn wir mit unserem großen Potential an Soldaten rasch angreifen, sieht sich Deutschland in ebendiesen Zweifrontenkrieg verwickelt, den es nicht durchstehen kann. Es wird kapitulieren müssen. Nach allgemeiner Überzeugung ist der Krieg nach Weihnachten vorüber.
Alexander hatte sich, ohne zu zögern, freiwillig gemeldet. Als einziger Sohn wäre er sofort freigestellt worden, doch er wollte unbedingt dabeisein. Seinem sozialen Status entsprechend würde er gleich Offizier werden; am folgenden Tag begann seine Ausbildung. Er trug bereits seine Uniform, und darauf war er stolz. Nur ein Gedanke bedrückte ihn: Er mußte sich bald von Nadeschda verabschieden. Aber würde sie überhaupt noch mit ihm sprechen nach dem, was geschehen war?
Er war zwei Tage zuvor ins Haus der Suvorins gegangen, um Nadeschda mitzuteilen, daß er zur Armee gehe. Dort hatte er Karpenko getroffen.
Er seufzte. Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen: Während der letzten sechs Monate hatte Nadeschda sich tief in Karpenko verliebt Welch eine Ironie des Schicksals! Er, Alexander, war dreiundzwanzig Jahre alt und beendete gerade sein Studium. Nadeschda war sechzehn und eine junge Frau. In jenem Jahr hatte er sich vorgenommen, den Schritt zu wagen. Nun entschloß er sich statt dessen, sie immer noch als Kind zu betrachten, das der Sache mit Karpenko entwachsen würde. Also hieß es noch warten! Als er ins Zimmer trat, standen die beiden am Fenster. Man sah, daß sie einander sympathisch waren. Da wandte Karpenko sich um und sagte etwas. Was hatte der Kerl eigentlich gesagt? Irgend so etwas wie: »Da kommt ja unser Kriegsheld, Bobrov, der bogatir.« Da hatte Alexander seine Selbstbeherrschung verloren. »Ich wüßte nicht, wie ich als Ukrainer diesen Krieg sehen würde«, meinte er kühl.
Es stimmte, und das wußten sie beide, daß Ukrainer in Österreich lebten, ebenso eine kleine Gruppe ukrainischer Nationalisten, die im kommenden Krieg eine Möglichkeit sahen, die Ukraine von der russischen Herrschaft zu befreien. Es war die Rede davon, daß einige davon interniert werden sollten. Es traf jedoch auch zu, daß Hunderttausende von Ukrainern in der russischen Armee kämpfen sollten.
Karpenko wurde sehr blaß. »Ukrainer sind keine Verräter. Wir kämpfen für den Zaren«, sagte er leise.
Bitter wandte Alexander ein: »Tatsächlich? Wird man dich in Uniform sehen, oder hast du vielleicht keine Lust, der Gefahr ins Auge zu blicken?«
Eine schreckliche Stille trat ein. Die Frage war unfair, denn die meisten Studenten waren freigestellt, und die meisten jungen Männer mit einflußreichen Freunden nutzten diese Chance unverzüglich, um Freistellungen zu erwirken. Diesmal lief Karpenko rot an. »Ich finde, es ist furchtbar, so etwas zu sagen.« Nadeschdas Augen sprühten Funken. »Und ich meine, Alexander Nikolajevitsch, du solltest uns jetzt verlassen.«
Was hatte er nur getan! Welche Torheit hatte ihn dazu veranlaßt? Konnte er es heute wagen, noch einmal einen Besuch zu machen? Er mußte es. »Ich kann nicht gehen und die Dinge auf sich beruhen lassen«, murmelte er. So war er reichlich nervös auf dem Weg zu dem großen Haus der Suvorins.
Alexander wäre, hätte er davon gewußt, überrascht gewesen von der kurzen Unterredung, die eine Stunde zuvor zwischen Michail und Nadeschda stattgefunden hatte. Frau Suvorin hatte den jungen Mann veranlaßt, dieses Gespräch zu fuhren. Sie hatte ihn an diesem Morgen rufen lassen. Ruhig und eher beiläufig ging sie die Sache an. »Dieses Mädchen ist in Sie verliebt, und das geht schon zu weit«, meinte sie kurz und bündig. »Sie und ich, wir wissen beide, was Sie zu tun haben.« Karpenko stand leicht verlegen neben einem großen, hochlehnigen Sessel.
Nadeschda stand in einiger Entfernung von ihm. »Ich glaube, du weißt, daß ich dich sehr gern habe«, begann er. Er setzte ihr liebevoll auseinander, wieviel ihm ihre Freundschaft bedeutete, und lenkte allmählich auf seinen Auftrag hin. »Falls ich dich unbeabsichtigt getäuscht haben sollte – es gibt da etwas, das du wissen müßtest.« Er hielt inne. »Unsere Freundschaft kann niemals mehr sein als eben eine Freundschaft.«
Sie wurde blaß, blickte ihn jedoch weiterhin unverwandt an. Dann runzelte sie die Stirn. »Du meinst, es gibt jemand anderen?«
»Ja.«
»Das wußte ich nicht. Schon länger?«
»Ja.«
Sie krauste wieder die Stirn. »Aber du bist nicht verheiratet, nicht wahr?«
»Nein. Aber mein Herz ist anderweitig vergeben«, sagte er und wurde verlegen wegen der geschraubten Ausdrucksweise. »Danke, daß du es mir gesagt hast«, meinte sie nur. »Du solltest jetzt wohl lieber gehen.«
Für Dimitrij Suvorin hatte dieser warme Augustnachmittag etwas von einem Traum. Vielleicht war es der Klang der Glocken oder der Gesang der Priester; vielleicht auch diese mittelalterlich anmutenden russischen Volksmassen, die sich außerhalb jeglicher Zeit durch die Straßen des zwanzigsten Jahrhunderts bewegten. Möglicherweise waren es auch die Menschen in den Häusern – Tausende von bleichen Gesichtern, an jedem Fenster, auf jedem Balkon, die sich seltsam und wie verloren ausnahmen in dieser mächtigen Stadt, die zum Bühnenbild geworden war. Im Laufe des Nachmittags kam er zufällig in die Nähe des Hauses der Suvorins, als die Prozession soeben vorüberzog. Er wußte, daß Karpenko an diesem Tag dort einen Besuch machen wollte, und so trat er ein in der Annahme, seinen Freund noch vorzufinden. In dem oberen kleinen Salon traf er auf Nadeschda. Sie stand am Fenster und starrte auf die Straße, wo die Priester mit den Ikonen die lange Prozession anführten. »Merkwürdig«, sagte sie, »der letzte Krieg, den wir gegen die Japaner führten, kam mir so unwirklich vor. Vielleicht weil ich noch sehr jung war.«
»Das war auch sehr weit weg.«
»Waren die Menschen damals vor dem Krieg auch so patriotisch?«
»Ich glaube nicht.«
»Heiliges Rußland. Es ist schwer vorstellbar, daß Menschen, die man kennt, sterben müssen«, fuhr sie fort. Dimitrij nickte. Mit seinem steifen Bein würde er niemals die Musterung für den Militärdienst bestehen. »Hast du übrigens Karpenko gesehen?« fragte er. »Ja, er ist gegangen.«
»Hast du eine Ahnung, wohin?«
»Nein.« Sie schwieg kurze Zeit, dann sagte sie: »Ich bin ziemlich müde, Dimitrij. Komm bald wieder.«
Draußen überkam ihn plötzlich die Laune nachzusehen, ob Karpenko ins neue Haus seines Onkels Vladimir gegangen sei. Auf dem Weg dorthin fand Dimitrij die Nebenstraßen fast menschenleer. Auch das Jugendstilhaus wirkte trübe und verlassen. Er ging die Stufen zum Eingang hinauf und läutete. Nichts rührte sich. Vladimir hielt nur sein Stammpersonal, aber trotzdem war es ungewöhnlich, daß niemand zu Hause sein sollte. Vielleicht sehen sie sich die Prozession an, dachte Dimitrij achselzuckend. Aus einem Impuls heraus drehte er am Griff der schweren Tür, die sich überraschenderweise öffnen ließ. Anscheinend hatte man vergessen, sie abzuschließen. Da es draußen heiß war und Dimitrij nichts Besseres zu tun hatte, trat er ein.
Die hohe Halle mit der cremefarbenen Treppe lag still da. Wohnzimmer, Eßzimmer und Bibliothek führten alle auf die Halle. Er ging von einem Zimmer ins andere, fand jedoch niemanden. Er war erst einmal im Obergeschoß des Hauses gewesen. Er wußte, daß sich dort ein Wohnzimmer und ein Arbeitszimmer befanden. Oben an der geschwungenen Treppe angekommen, öffnete er eine Tür nach der anderen, fand ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, nicht jedoch das Arbeitszimmer. Als er schon wieder hinuntergehen wollte, bemerkte er eine weitere Tür, die er öffnete. Es war ein großzügiger Raum mit blauen Wänden. Das Jugendstilfenster stellte in buntem Glas eine fremdartige Traumlandschaft dar, mit Bergen in der Ferne und Bäumen voll rotgoldener Früchte im Vordergrund. An einer Wand hing ein Gemälde von Gauguin, links gab es einen Schreibtisch, in der Mitte eine Chaiselongue, und im Hintergrund des Raumes befand sich ein großes Bett. Darauf lagen sein Onkel Vladimir und Karpenko. Beide waren nackt. Vladimirs große behaarte Gestalt lag von Dimitrij abgewandt, aber die Situation war eindeutig. Karpenko dagegen hatte den Kopf der Tür zugewandt und sah dem Freund geradewegs in die Augen. Dimitrij starrte einfach nur. Da lächelte Karpenko ihn merkwürdig schuldbewußt an, als wollte er sagen: Nun weißt du's, nicht wahr? Dimitrij zog sich lautlos zurück, ging in die stille Halle hinunter und verließ das Haus.
Auf dem Nachhauseweg war er sich über seine Empfindungen nicht im klaren, der Schock und das Entsetzen waren zu groß. Als er den Hof mit dem staubbedeckten Maulbeerbaum betrat, stellte er überraschend fest, daß er für seinen Freund eine neue Art von Fürsorglichkeit empfand. Im Hinblick auf Onkel Vladimir fühlte er sich betrogen, und zugleich dachte er entschlossen, daß Nadeschda das nie erfahren dürfe. Und an diesem traumhaften Tag kam ihm auch zu Bewußtsein, wie vieles in den Menschen verborgen lag, das er nicht begriff.
Am Spätnachmittag betrat Alexander Bobrov nach Aufbietung all seines Mutes das Haus der Suvorins und erfuhr zu seinem Erstaunen, daß Nadeschda bereit war, ihn zu empfangen. Noch ehe er die sorgfältig überlegte Entschuldigung stammeln konnte, berührte sie mit einem Finger leicht seine Lippen und sagte nichts als: »Ist schon gut.« Dann hängte sie sich bei ihm ein und schlug einen Gang durch die Galerie vor.
Als Alexander sie ansah, hatte er den Eindruck, sie habe vorher geweint. Überdies lag eine Weichheit in ihrem Verhalten, die er noch nie an ihr bemerkt hatte.
Als er sich verabschiedete, trat sie auf ihn zu und meinte: »Nun, Alexander, du ziehst in den Krieg. Vergiß nicht, wieder zu mir zurückzukommen, hörst du?« Dann hob sie ihm das Gesicht entgegen und lächelte: »Vielleicht möchtest du mich küssen.« Sie streckte die Arme nach ihm aus.
1915
Gerade hatte es geregnet. Der feuchte Boden dampfte im Sonnenschein, während Alexander mit seinen Männern wartete. Vor ihnen breitete sich ein weites polnisches Feld, dahinter befand sich eine Baumreihe. Der Einsatz der Soldaten stand bevor. Alexander Bobrov überprüfte seine Leute, dreiunddreißig an der Zahl; alle bis auf einen waren unerfahrene Rekruten, in jenem Winter eingezogen, mit einer vierwöchigen Grundausbildung. Den einzigen Veteranen, einen siebenundzwanzigjährigen Reservisten, hatte Alexander als Feldwebel eingesetzt.
Der Graben, in dem sie standen, war nicht sonderlich tief. Als sie ihn noch nicht ganz zwei Meter ausgehoben hatten, erklärte der diensthabende Hauptmann ungeduldig, das genüge; sie seien schließlich hier, um zu kämpfen, nicht, um zu graben. Er war klein und dick, der Hauptmann, ein Offizier der alten Schule, mit einem wilden grauen Backenbart und rotem Gesicht. »Dauert nicht mehr lange«, hatte er eine Stunde zuvor verkündet. »Seid tapfer, Jungs!« Dann war er verschwunden. Alexander blickte über das große Schlammfeld. Würden plötzlich irgendwo deutsche Stahlhelme auftauchen? Oder Rauchwölkchen? Wie sollte Alexander das wissen? Es war sein erster Einsatz, seine erste Begegnung mit dem Krieg.
Krieg. Mit dem Operationsziel war das russische Oberkommando erfolgreich gewesen. Die direkten Blitzangriffe im Sommer 1914 hatten den Feind überrumpelt. Im Norden waren die russischen Streitkräfte rasch über Polen vorgedrungen und in Ostpreußen auf die Deutschen gestoßen, die sie dadurch zu einem panikartigen Rückzug zwangen. Im Süden war eine russische Armee von der Ukraine aus westlich in österreichisches Territorium gezogen und wurde gerade noch daran gehindert, durch Schlesien nach Deutschland und in Richtung auf Berlin vorzudringen. Allerdings hatten diese Anfangserfolge entsetzliche Opfer gefordert. Beim deutschen Gegenangriff waren die Verluste ungeheuer. Eine Viertelmillion Mann fielen in der Augustoffensive im Norden. Ende 1914 betrugen die Verluste auf der russischen Seite, die Kriegsgefangenen mitgerechnet, 1200000 Mann. Deutschland kämpfte jedoch an zwei Fronten. Sein grandioser Plan hatte versagt. Das russische Reich, das in seinen beiden letzten Kriegen – auf der Krim und gegen Japan – derart gedemütigt worden war, hatte sich nun als eine militärische Macht erwiesen, mit der man rechnen mußte. Zu Beginn des Jahres 1915 konzentrierte Deutschland seine ganze Kraft auf Rußland. Im März war dieses Reich für Frankreich und Großbritannien so wichtig geworden, daß diese Alliierten zögernd einwilligen mußten, Rußland nach Kriegsende nicht weniger als die alte Stadt Konstantinopel zuzugestehen. Im Jahre 1915 begannen die Deutschen allerdings mit ihrem Gegenangriff.
Alexander Bobrovs Männer waren leider nicht entsprechend ausgerüstet. Während die Großoffensive von 1914 dramatisch gewesen war, zeigte sich die zweite Runde, im Jahre 1915, von einer ganz anderen Seite. Alexander vergaß nie sein Erstaunen an dem Tag, als Waffen ausgegeben wurden. Als zwanzig seiner Männer Gewehre erhalten hatten, erklärte der diensthabende Offizier, daß es nun genug sei.
»Was ist denn mit den übrigen?« fragte Alexander. »Die bekommen ihre Gewehre an der Front.«
»Sie meinen also, daß es dort Waffenlager gibt?«
»Sie kriegen Gewehre von ihren Kameraden, von denen, die gefallen sind«, erklärte der Offizier. Bald darauf erfuhr Alexander, daß in einigen Regimentern in diesem Abschnitt fünfundzwanzig Prozent der Soldaten unbewaffnet losgeschickt wurden. Irgendwie war es ihm gelungen, für seine Leute Gewehre zu erbetteln oder zu stehlen, aber er wußte von einer Einheit, in der die Hälfte der Männer mit Mistgabeln ausgerüstet wurden, und er hatte gehört, daß eine Kompanie im Süden dem Feind mit den bloßen Fäusten entgegenzog. Alexander wußte außerdem, daß die Artillerie, die ihnen Feuerschutz gab, lediglich zwei Schüsse pro Feldgeschütz hatte.
Da war noch die Sache mit dem Funkgerät. Zwei Tage zuvor war Alexander beim Gefechtsstand der Kompanie, wo dieses Gerät installiert war. Der Hauptmann war eifrig damit beschäftigt, dem Obersten die genaue Beschreibung ihrer Position und Truppenaufstellung durchzugeben. Etwas allerdings gab Bobrov zu denken. »Geben wir alles auf diese Weise durch, Hauptmann?« fragte er. »Was meinen Sie?«
»Nun ja, Sie benutzen keinen Code. Sie geben alles im Klartext weiter. Was ist, wenn der Feind unsere Funksprüche abfängt? Dann weiß er doch über unsere Dispositionen Bescheid.«
»Seien Sie nicht albern, Bobrov«, grinste der Hauptmann. »Wir funken auf russisch, Mann. Davon verstehen die Deutschen kein Wort.«
Das war die übliche Einstellung. Die Funksprüche über die gesamte russische Armee wurden in Klartext durchgegeben, was, wie der deutsche Oberkommandierende später zugab, die Dinge an der Ostfront wesentlich vereinfachte.
Warum war alles so unzureichend organisiert? Zum Teil kam es daher, das wußte Alexander, daß das Oberkommando von Männern wie dem Hauptmann besetzt war: rückständige Exerzierplatzsoldaten, die moderne Kampfmittel und moderne Methoden kategorisch ablehnten. Der Oberbefehlshaber, General Suchomlinov, war solch ein Mann. Es gab, auch das wußte Alexander, einen Kader von aufstrebenden jungen Offizieren, die unter dieser Obrigkeit litten, doch diese Männer hatten keine Möglichkeit, sich durchzusetzen. Es waren nicht nur die Generäle. In einem Augenblick der Aufrichtigkeit gestand der Hauptmann: »Das Problem ist, daß wir nur Munition für einen kurzen Krieg hatten, für einen längeren reicht sie nicht aus. Unsere Fabriken produzieren grundsätzlich nicht genug – und angesichts der großen Materialverluste sind sie hoffnungslos im Hintertreffen.«
Es begann ganz plötzlich, und es war anders, als Alexander es erwartet hatte. Da waren keine deutschen Stahlhelme, kein Artilleriebataillon und keine blitzenden Schwerter, da rückten keine geschlossenen Reihen bewaffneter Männer an. Nichts als ein fernes dumpfes Grollen. Und dann die Einschläge. Zuerst fielen die deutschen Granaten in die hinter ihnen liegenden Wälder, dann knallten mehrere in das Feld davor, jagten kleine Schlammfontänen hoch. Der Feind kannte ihre Position offenbar genau. Und während Alexanders Männer erschrocken und verwirrt in dem unzureichenden Schützengraben kauerten, nahm der Geschützdonner seinen Fortgang. Im Frühjahr und Sommer 1915 erlebte die russische Armee das ganze Ausmaß des deutschen Bombardements. Zwei Stunden nach dem Angriff kam der Hauptmann vorüber; sein bärtiges, schmutzbedecktes Gesicht erschien über dem Graben. Es hatte nur einen direkten Einschlag gegeben. »Los, Bobrov, kommt raus«, schrie der Hauptmann. »Wir gehen zurück.« Sie kletterten aus dem Graben und folgten ihm durch den Wald, wo keine Granaten einschlugen. Nach einer Weile erreichten sie den Befehlsstand, der dem Erdboden gleich gemacht worden war.
»Diese verdammten Deutschen! Sie verstehen sich aufs Schießen, das muß man ihnen lassen«, meinte der Hauptmann mit schiefem Lächeln. Er ist gar kein so übler Bursche, dachte Alexander, nur ein bißchen rückständig. Er schaute nach hinten, um sicherzugehen, daß alle seine Leute da waren. Da pfiff eine Granate heran, und noch eine. Dann gab es einen entsetzlichen Knall, und gleißende Helligkeit blendete die Augen.
Er tauchte wie aus einem Nebel auf, und vernahm von ferne die Töne eines Klaviers. Vorsichtig blickte er sich um und wußte sofort, wo er sich befand: Er konnte den vertrauten Baum vor dem Fenster sehen. Dann schloß er die Augen wieder.
Er fühlte, wie Nadeschda sich über ihn beugte. Ihre Stimme klang aufgeregt: »Dimitrij, Dimitrij! Er ist zu sich gekommen.« Die Musik verstummte.
Als Alexander, noch kaum bei Bewußtsein, im Juli nach Moskau zurückgebracht worden war und sein Vater überlegte, was für ihn zu tun sei, hatte Vladimir alles in die Hand genommen. Alexander lag drei Wochen im Delirium, wurde von einem Arzt überwacht und von einer Krankenschwester gepflegt.
Nach und nach erfuhr er, was geschehen war. Die Granate, deren Detonation ihn fast getötet hätte, war Teil eines schweren Bombardements, das die russische Armee in Polen um fast dreihundert Meilen zurückwarf.
»Es ist eine Katastrophe«, berichtete Nadeschda am dritten Tag, als Alexander sich kräftig genug fühlte, um zu sprechen. »Der größte Teil Litauens ist verloren. Sie stoßen über Lettland vor, und unsere Leute sind weiterhin auf dem Rückzug. Der alte General Suchomlinov wurde entlassen. Alle sagen, die Regierung sei unfähig. Es heißt, wir können nur auf die Hilfe des heiligen Nikolaus hoffen.« Die wirklich aufregenden Nachrichten brachte jedoch sein Vater. Der Zar hatte die Duma Anfang des Jahres aufgelöst und per Dekret regiert. Doch die Rückschläge im Krieg waren so groß, daß er gezwungen war, die Duma wieder zur Sitzung einzuberufen, aus diesem Grund befand Nikolaj Bobrov sich in der Hauptstadt. Die antideutsche Einstellung war seit Kriegsbeginn derart gewachsen, daß die Regierung den Namen der Hauptstadt St. Petersburg, der zu deutsch klang, in Petrograd abänderte.
Nikolajs Briefe waren voll von Informationen. Er beschrieb seinem Sohn den Charakter der wichtigen Männer im Parlament: Rodsjanko, dem ebenso wohlbeleibten wie weisen Duma-Präsidenten; von Kerenskij, dem liberalen Sozialistenführer – »ein guter Redner, doch ohne wirkliches politisches Konzept, außer der Vernichtung des Zaren« –, und von anderen mehr. Rasputin, der Freund der Kaiserin, schrieb der Vater, mache derartige Schwierigkeiten wegen seines ausschweifenden Lebenswandels, daß er zu seiner Familie in Sibirien zurückgeschickt worden sei. Zu Alexanders Erstaunen gab sein Vater sich insgesamt optimistisch.
Die derzeitige Krise ist unsere letzte und die beste Gelegenheit zur Regierungsumbildung. Wir zwingen den Zaren zu einem gewissen Maß an Demokratie und retten Rußland dadurch. Aus der Niederlage kommt der Sieg, mein lieber Junge.
Alexander blieb noch längere Zeit sehr geschwächt. Seine schwere Verwundung bereitete ihm starke Schmerzen. »Sie sind jung, Sie werden wieder ganz gesund«, meinte der Arzt. Sie richteten ihm ein Zimmer im Erdgeschoß ein, von wo aus er mit dem Rollstuhl auf die Veranda fahren konnte.
Im Haus herrschte rege Betriebsamkeit. Arina, die Haushälterin, war außerordentlich tüchtig. Trotz des Krieges blieben die Werkstätten und das kleine Museum geöffnet. Arinas Sohn Ivan, jetzt sechzehn Jahre alt, ging bei dem dortigen Holzschnitzer in die Lehre.
Während Peter Suvorin und Karpenko in Moskau blieben, hatte sich die übrige Familie aufs Land begeben. Frau Suvorin betätigte sich in einer neuen zemtsvo-Organisation und half besonders bei der Unterbringung des Flüchtlingsstromes von der Front. Vladimir hatte die Tuchfirma von Russka in eine kleine Waffenfabrik zur Herstellung von Patronen und Granaten umgewandelt. Dimitrij seinerseits übte und komponierte täglich. Ein Dutzend Suiten für Klavier und zwei Sätze seiner ersten Symphonie waren schon zu Papier gebracht. Die Partituren wurden in einem Schrank verschlossen aufbewahrt.
Vladimir hatte in Russka ein kleines Pflegeheim eingerichtet, wo verwundete Soldaten sich erholen konnten, und Nadeschda kümmerte sich täglich um sie. Manchmal wurden diejenigen, die sich schon besser fühlten, zum Tee ins Wohnhaus geholt. So vergingen die Monate Juli und August. Im August gestattete der Arzt Alexander zweimal, sich mit dem Wagen zum Kloster fahren zu lassen. »Der Ort ist großartig«, meinte er zu Vladimir, »ich habe noch nie ein so blühendes Dorf gesehen.«
Während im Sommer 1915 die großen Städte durch den Krieg litten, begann auf dem Land eine Periode des Reichtums. »Wie es in Kriegszeiten oft der Fall ist, bezahlt die Regierung, indem sie Geld druckt; die Folge ist eine Inflation. Was jeder braucht – und nur die Bauern haben es –, ist Getreide. Die Preise dafür sind hoch, und wir haben gerade eine Rekordernte gehabt. So haben die Bauern übermäßig viel eingenommen.« Vladimir machte eine Pause und fuhr dann schmunzelnd fort: »Stell dir vor, Boris Romanov, dieser Schuft, hat sich sogar ein Grammophon gekauft.« Ende August löste der Zar die Duma auf. Gleichzeitig beschloß er, die Position des Oberkommandierenden des russischen Heeres persönlich einzunehmen. Er wollte sich selbst an die Front begeben.
In der ersten Septemberwoche erhielt Alexander einen langen Brief seines Vaters. Er klang nun nicht mehr optimistisch, und der Schluß war voll böser Vorahnungen.
Jeder versuchte, den Zaren umzustimmen, aber er ist ein uneinsichtiger Bursche, der es für seine Pflicht hält, Autokrat zu sei. Also ist die Demokratie unter der Zarenherrschaft gestorben, dessen bin ich sicher. Die Versuche des Zaren, die Armee wieder zu stärken, sind zum Scheitern verurteilt. Ich sehe in der Zukunft nur Chaos. Rasputin ist wieder erschienen. Gott helfe uns!
1917
Am 2. März dieses Jahres endete die Herrschaft des Zaren. Rußland war frei!
Nikolaj Bobrov stand am Fenster und blickte gespannt hinaus. Ein Stirnhöhlenkatarrh hatte ihn gezwungen, an diesem Tag zu Hause zu bleiben. An seiner Stelle war sein Sohn Alexander zum Tauridapalast gegangen, wo die Duma tagte, um das Neueste zu erfahren. Er mußte jeden Augenblick zurück sein.
Sicher hatte der Zar bereits seine Abdankung unterzeichnet. »Gott weiß«, murmelte Nikolaj, »daß der Zar nicht so weitermachen kann.« Noch hatten Bobrov und seine Freunde die Macht nicht übernommen; schließlich hatte die Duma den Zaren abgesetzt.
Die Bedenken, die Nikolaj im schicksalhaften Sommer 1915 geäußert hatte, hatten sich bewahrheitet. Der Zar war häufig an der Front gewesen. Die Armee war wirklich nicht ganz erfolglos. Die große Brusilov-Offensive von 1916, die während eines britischen Großangriffs an der Somme gestartet wurde, konnte den Feind zwar nicht schlagen, brachte jedoch einige Vorteile an der Westfront. Vom Kaukasus her waren russische Truppen in die Türkei vorgedrungen. Im Süden allerdings stießen Deutschland und Österreich durch Rumänien bis an die Westküste des Schwarzen Meeres vor, und die Engländer wurden gezwungen, sich aus Gallipoli zurückzuziehen. Dadurch wurde Rußland der Zugang zum Schwarzen Meer weiterhin blockiert, so daß es kein Getreide exportieren konnte. Der Krieg an der russischen wie an der Westfront war ein grimmiges Auf-der-Stelle-Treten. In Rußland selbst geriet die Lage zu einem Alptraum. Die Kaiserin hielt nun die Zügel der Regierung in der Hand. Sie hatte wohl die Idee, eine zweite Katharina die Große zu sein – zumindest ließ sie dies einen verblüfften Beamten wissen. Und neben der Kaiserin stand – Rasputin.
Es kam Bobrov manchmal vor, als würde jeder, der nur einen Funken Verstand besaß, entlassen. Nur blinder Gehorsam dem Zaren gegenüber wurde belohnt. Die endlose Liste von Berufungen und Entlassungen – über vierzig neue Provinzgouverneure innerhalb eines Jahres! – veranlaßten einen Witzbold in der Duma zu der Bemerkung, die Verwaltung leide unter epileptischen Anfällen. Jedes Vertrauen in die Regierung war geschwunden. Häßliche Gerüchte über die Kaiserin und Rasputin waren bis zu den Fronttruppen vorgedrungen. Es hieß sogar, sie seien insgeheim mit den Deutschen im Bunde. Im Dezember 1916 töteten zwei adlige Patrioten Rasputin, doch dieser Mord konnte den Lauf der Geschichte nicht mehr ändern.
Jede Partei der Duma, selbst die Konservativen, hatte sich gegen den Zaren gewandt. Wenn die Armee auch ihre Stellungen an der Front hielt, gab es doch eine Million Desertierte. In der Hauptstadt herrschte Mangel an Lebensmitteln und Heizmaterial. So konnte es nicht weitergehen. Seit Wochen war die gesamte Duma in Aufruhr. Die dem Zaren Nahestehenden befanden sich in depressiver Verfassung.
Als nach einem harten Winter im Februar 1917 ein zeitiges Frühjahr einsetzte, begaben sich in Petrograd alle auf die Straßen. Das Volk hatte genug. Es gab spontane Demonstrationen; nicht nur Streiks, auch massive Straßenschlachten fanden statt. Polizei und Kosaken befanden sich hoffnungslos in der Minderzahl. Und da begingen die Behörden einen schweren Fehler: Sie holten die Garnisonen zu Hilfe. Die meisten von diesen waren Rekruten, die aus ihren Dörfern geholt und in Baracken gepfercht worden waren. Sie meuterten und schlossen sich den Protestierenden an. Am 28. Februar war es vorüber. Der Zar verfügte die Auflösung der Duma bis zum April. »Doch wir weigerten uns«, berichtete Bobrov mit leisem Lächeln. »Wir weigerten uns zu gehen, und plötzlich wurde uns klar, daß wir die Regierung sind.« Die Deputierten gaben die Erklärung ab. Der Pöbel auf der Straße war anscheinend einverstanden. Was sonst gab es denn außer der Duma? Am folgenden Tag verlangte die Duma die Abdankung des Zaren, und da stellte der russische Monarch fest, daß er auf der ganzen Welt keinen Freund mehr hatte.
Alexander konnte sich inzwischen wieder aus eigener Kraft fortbewegen; er war noch immer Offizier, jedoch für den aktiven Dienst untauglich geschrieben und hatte die beiden letzten Wochen mit seinem Vater in der Hauptstadt verbracht. Obwohl noch immer Monarchist, fand er sich mit den liberalen Ansichten seines Vaters ab. Selbst er war betroffen vom Verhalten der Regierung während der vergangenen Monate.
Wie merkwürdig, dachte Nikolaj. Da bin ich nun, ein Witwer von zweiundsechzig Jahren, der seinen Besitz verloren hat. Mein Land ist in einen schrecklichen Krieg verwickelt, dessen Ende nicht abzusehen ist. Der Monarch ist gestürzt, und doch fühle ich mich heute so, als beginne mein Leben von neuem. Er schüttelte lächelnd den Kopf.
Er hielt den Zaren nicht für ein Ungeheuer, sondern nur für den falschen Mann in der falschen Position. Und er tat ihm eigentlich leid. Nun, nachdem Nikolaus II. gegangen war, merkte Nikolaj, daß er erleichtert war: Endlich konnte die Demokratie in Rußland beginnen.
Die Duma leistete nach seiner Ansicht gute Arbeit. Schließlich stellte sie als einzige Institution ein demokratisches Element in Rußland dar. Sie hatte bereits eine Reihe von Leuten als Provisorische Regierung bestimmt, und fast alle Parteien hatten ihre Unterstützung zugesagt. Nikolaj hatte erfahren, daß mehrere Arbeiterführer und Menscheviken in Petrograd eine Art Arbeiterrat, den sogenannten Sowjet, gegründet hatten. Er kannte zwei der Führer – keine schlechten Kerle. Sie konnten auf jeden Fall dazu beitragen, die Ordnung in den Fabriken wiederherzustellen. Das Programm der Provisorischen Regierung stand bereits fest: Der Krieg wurde fortgesetzt. Alle, außer den Bolscheviken, waren damit einverstanden, und die Bolscheviken hatten um diese Zeit kein großes Gewicht. Dann sollten möglichst rasch Wahlen für eine neue gesetzgebende Versammlung als Ersatz für die Duma abgehalten werden. Damit wäre eine gut funktionierende Demokratie geschaffen. Die linken wie die Rechten stimmten dem zu. Nikolaj fühlte tatsächlich so etwas wie Hoffnung, während er wartend auf die Straße blickte. Und da entdeckte er Alexander. Der Junge hatte es eilig. Er hielt ein Stück Papier in der Hand, wirkte aufgeregt. Sicher hatte er gute Nachrichten. Mit glücklichem Lächeln ging Nikolaj seinem Sohn entgegen. »Die Abdankung ist also durchgekommen?« erkundigte er sich.
»Nein. Der Zar kann sich nicht zur Unterschrift durchringen. Aber er muß! Er hat keine andere Wahl. Auch die Armeeführer drängen ihn dazu.«
»Was hast du denn da?« Nikolaj deutete auf das Papier. Alexander reichte es ihm wortlos, und Nikolaj las. Es war nicht lang, gerichtet an die Garnison in Petrograd, und es enthielt sieben knappe Klauseln. Jede Kompanie wurde angewiesen, je ein Komitee zu gründen, das den Offizieren die Kontrolle über Waffen und Ausrüstung abnehmen sollte. Offiziere sollten nicht länger mit Ehrentiteln angesprochen oder außerhalb des Dienstes gegrüßt werden. Die Komitees sollten außerdem Vertreter in den Petrograder Sowjet wählen, der erklärte, daß nur er, und nicht die Provisorische Regierung, die höchste Autorität in allen militärischen Angelegenheiten darstelle. Das Papier war unterschrieben vom Komitee des Petrograder Sowjet. Darüber stand, einfach und ohne nähere Erklärung: »Befehl Nr. 1«.
Nikolaj starrte ungläubig darauf. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. »Das ist absurd! Der Petrograder Sowjet ist nur ein inoffizieller Arbeiterrat. Er wurde von niemandem gewählt und hat keinerlei Amtsgewalt. Niemand wird ihm auch nur die geringste Beachtung schenken.«
»Aber sie tun es bereits. Ich bin in einigen Baracken gewesen. Alle wollen mitmachen. Manche haben mich ausgelacht, weil ich eine Offiziersuniform trug.«
»Aber die regulären Truppen, unsere Frontsoldaten…«
»Der Befehl ist schon unterwegs zu ihnen. Ich sage dir, die meisten Truppen werden ihn befolgen.«
Nikolaj schwieg, wie vom Donner gerührt. »Wer trägt jetzt die Verantwortung?« rief er. Alexander zuckte die Achseln. »Gott weiß es!« Es war ein wunderbarer Julitag. Boris Romanov brummte zufrieden vor sich hin, als er von der schattigen Veranda in den Salon ging. Er liebte das Haus mit seinen grünen Wänden, den kleinen weißen Vorbau und das kühle Innere. Er kam seit Wochen jeden Nachmittag herauf und saß auf der Veranda. Früher hatte es den Bobrovs gehört, dann Vladimir Suvorin, und nun gehörte es ihm. Bei diesem Gedanken lächelte er. Die Revolution – seine Revolution – hatte endlich stattgefunden.
Nach Russka, wie in andere Provinzorte, war die Nachricht von der Abdankung des Zaren und von der neuen Provisorischen Regierung mit Verzögerung gekommen. Boris hatte die sichere Bestätigung erst zehn Tage später erhalten.
Die Provisorische Regierung hatte eine gesetzgebende Versammlung zugesagt. Es gab nun völlige Freiheit der Rede und der Zusammenkünfte. Das war jedenfalls kein Schaden. Für Boris bedeutete der Sturz des Zaren aber vor allem eins: »Jetzt bekommen wir das Land!«
Jedermann wußte Bescheid. Die Provisorische Regierung diskutierte das Verfahren. Das ganze Frühjahr über desertierten Soldaten von der Front in ihre Heimatorte, um die Landverteilung nicht zu versäumen. Zwei von diesen waren im Ort aufgetaucht. Aber nichts geschah. Die Provisorische Regierung ging, wie in allen Angelegenheiten, langsam, gesetzestreu und zögernd vor. Ende April führte Boris die Dorfbewohner auf den Besitz. Niemand hielt sie auf. Als er das Haus betrat, begehrte einzig Arina auf. »Welches Recht habt ihr dazu?«
»Das Recht des Volkes.« Als sie versuchte, ihm den Weg zu verstellen, schob er sie nur lachend beiseite. »Wir sind die Revolution«, erklärte er.
Theoretisch gehörte der Besitz immer noch Vladimir Suvorin, ebenso wie die Fabriken in Russka. Doch Vladimir hielt sich zur Zeit in Moskau auf. Arina lebte weiterhin in diesem Haus, ebenso wie ihr Sohn Ivan, der sich vorläufig noch mit der Holzschnitzerei beschäftigte. In der Zwischenzeit fällten die Dorfbewohner Suvorins Bäume und ließen ihr Vieh am Abhang vor dem Haus weiden. Die gesetzliche Regelung war nur noch eine Frage der Zeit. In Boris Romanovs Augen hatte damit die Revolution ihr Ziel erreicht. Für andere stand allerdings mehr dahinter. In ebendiesem Monat wurde versucht, die Provisorische Regierung zu übernehmen. Es gab einen bewaffneten Aufstand seitens der Bolscheviken. Boris wußte Bescheid über sie. Das waren Burschen wie dieser verdammte Rotschopf – Popov. Ihre Anhängerschaft hatte in letzter Zeit zugenommen dank ihres Propagandarufs: »Alle Macht den Sowjets« und dank schriller Leitartikel in ihrem Parteiorgan »Pravda«. Die Revolte wurde jedoch niedergeschlagen. Einer ihrer Führer, Trotzki, befand sich im Gefängnis. Ein zweiter, Lenin, war ins Ausland geflohen. Ein neuer Mann stand an der Spitze der Regierung, ein Sozialist namens Kerenskij. Mit der Wiederherstellung der Ordnung hatte er General Kornilov betraut. Langsam stieg Boris die Treppe hinauf. Während der letzten drei Monate hatte er voller Interesse das Hausinnere inspiziert. Es gab tatsächlich interessant aussehende Bücher und Gemälde hier. Den imposanten Flügel hatte er schon früher bewundert. Heute aber fiel ihm ein, daß er den Speicher noch gar nicht untersucht hatte.
Der lange niedrige Raum unter dem Dach war fast leer. An einem Ende standen jedoch ein paar verstaubte Schachteln unter einem kleinen runden Fenster. Er öffnete sie, ohne viel zu erwarten. Papiere. Alte Briefe, Rechnungen und anderer Kram der Bobrovs. Boris zuckte die Achseln. Er wollte sich gerade abwenden, als sein Blick auf ein Stück Papier fiel, das zwischen den übrigen Blättern herausragte und mit einem roten Bändchen umschlungen war. Er zog es heraus und fand darin, zusammengefaltet, einen Brief. Er war von Peter Suvorin unterzeichnet.
Es war ein Uhr morgens, und sie waren allein. Während der Moskauer Kreml immer noch standhielt, hatte es in der letzten Nacht, der Nacht zum 2. November, Straßenschlachten gegeben. Jetzt aber war es still in der Stadt. In Petrograd und in Moskau waren Lenin und seine Bolscheviken nun an der Macht. Waren sie es tatsächlich?
Popov lächelte Frau Suvorin zu, und trotz allem, was vorging, lächelte sie zurück. Sie fand, daß er jünger aussah. »Erzähle mir, was wirklich geschehen ist.«
Das welterschütternde Ereignis, bekannt als Oktoberrevolution, war, genaugenommen, alles andere als welterschütternd. Es war der verwegene Bubenstreich einer Minoritätenpartei, von der der größte Teil der Bevölkerung nicht einmal Kenntnis hatte. Seit der Abdankung des Zaren war Rußland unter einer merkwürdigen Doppelherrschaft durch das Jahr 1917 geschlingert: einer Provisorischen Regierung, die im Grunde wenig Macht hatte, und eines Rätekongresses, der zwar ein wachsendes Netz von örtlichen Basen in Fabriken, Städten und Dörfern, jedoch keine wirkliche Legitimität besaß. Für eine demokratische konstituierende Versammlung wären Wahlen notwendig gewesen, doch die Regierung, selbst als Kerenskij die Führung übernommen hatte, reagierte nur langsam. Mittlerweile brach die Wirtschaft zusammen, es herrschte Lebensmittelknappheit, und die Regierungsmitglieder verloren allmählich den Mut. Die Bolschevikische Partei gewann im Petrograder Rat allmählich an Boden. Anfang September hatten Trotzki und seine Bolscheviken im dortigen Rätekongreß die Mehrheit. Einige Tage später ergab sich die gleiche Situation in Moskau. Aufs ganze Land umgerechnet, waren sie allerdings in der Minderzahl. Es sah so aus, als würden die Bolscheviken mit der Zeit die dominierende Linkspartei werden; dann wiederum hielt man eher das Gegenteil für möglich. In dieser ziemlich unsicheren Situation brachte Lenin seine bolschevikischen Mitstreiter dazu, das Spiel um die unverzügliche Machtergreifung nochmals zu wagen. Es begann in der Nacht des 24. Oktober und wurde hauptsächlich von Trotzki geleitet, und zwar vom Smolny-Seminar aus – ehemals Kloster und Mädchenschule und nun Sitz der Petrograder Räte. Den ganzen Abend hatten die Verschwörer eine wichtige Berufung nach der anderen vorgenommen, sie sicherten oder übernahmen Posten, und nur wenige der abgelösten Arbeiter opponierten. Sie hatten alles versucht, um die militärischen Garnisonen auf ihre Seite zu ziehen, aber darum hätten sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, denn das Militär hatte wenig Lust zu agieren, und Kerenskij versäumte es, genaue Verteidigungspläne aufzustellen. Gegen Morgen waren fast alle Schlüsselstellungen der Stadt kampflos besetzt worden.
»Kerenskij versuchte außerhalb der Stadt militärische Unterstützung zu bekommen«, erzählte Popov Frau Suvorin, »aber er hatte wenig Glück. Die Minister der Provisorischen Regierung saßen weiterhin im Winterpalais mit einer Kosakenwache und – man stelle sich vor! – dem FrauenTodesbataillon. Und außerdem, du lieber Himmel, vierzig Kriegsinvaliden.«
»Ich habe gehört, das Winterpalais sei beschossen worden.«
»Das stimmt. Das besorgte der Kreuzer ›Aurora‹. Sie hatten leider keine scharfe Munition, so gaben sie einen blinden Schuß ab.«
»Und dann?«
»Ach, sie gaben schließlich auf, und unsere Leute gingen hinein und plünderten.« Popov lachte leise vor sich hin. »Sicher erzählen wir diese Geschichte in den Geschichtsbüchern ein bißchen anders.«
Frau Suvorin sah Popov nachdenklich an. Sie hatten sich im vergangenen Jahr selten gesehen, fühlten sich aber immer noch zueinander hingezogen. Sie verstand, warum er im Augenblick des Triumphs eine Nachricht gesandt hatte, daß er sie an diesem Abend aufsuchen werde.
Ihr ging Verschiedenes durch den Kopf. Was würde dieser Wechsel politisch bedeuten? Einigen Menschen wurde großes Unrecht zugefügt, das wußte sie. Die Zivilverwaltung, die Banken und eine Anzahl von Körperschaften hatten sich der widerrechtlichen Machtergreifung der Duma durch Streiks entgegengestellt. Es war immer noch damit zu rechnen, daß Streitkräfte gegen die Bolscheviken eingesetzt werden würden. Die Petrograder Börse hatte überhaupt nicht reagiert; die Preise blieben stabil. Als erste Maßnahme verkündete die neue Gruppe, daß aller Besitz unter den Bauern aufgeteilt werden solle, doch das stand ja ohnehin schon fest. Frau Suvorin wußte sehr wohl, daß die Bauern den Besitz in Russka bereits besetzt hatten. Damit hatte sie sich abgefunden.
Wie aber stand es mit den beteiligten Männern? Über Lenin wußte sie Bescheid, auch über Trotzki, dachte sie. Sie fürchtete die beiden. Lunatscharskij dagegen, den Kultusminister, hatte sie kennengelernt und fand ihn gebildet und sympathisch. Andere Namen sagten ihr weniger. Einer vor allem, ein gewisser Stalin, Vorsitzender des Kommissariats für Nationalitätenfragen, war ihr gänzlich unbekannt.
Das führte ihre Gedanken zurück zu Popov. Selbst nach nunmehr zehn Jahren kannte sie ihn nicht wirklich. Manchmal hatte sie einen warm empfindenden Menschen in ihm entdeckt, dann wiederum hatte sie das Gefühl, er könnte unbarmherzig töten. Und ohne zu zögern, würde er lügen.
»Was wollt ihr denn gegen die Konstituierende Versammlung unternehmen?«
Er blickte sie überrascht an. »Die Wahlen sind schon anberaumt.«
»Werden sie stattfinden?«
»Selbstverständlich.«
»Nichts ist selbstverständlich. Woher soll ich denn wissen, daß dein Lenin kein Diktator ist?«
»Du hast mein Wort darauf.« Popov sah sie sehr ernst an. »Ich versichere dir, daß die Konstituierende Versammlung einberufen wird. Es ist ein Teil unseres Programms. Alle Entscheidungen dieser Regierung, die Landverteilung und alles andere, hängen von der Ratifizierung durch die Versammlung ab.«
»Kannst du das versprechen?«
»Das tue ich.«
1918
Am 5. Januar dieses Jahres trat die Konstituierende Versammlung in Petrograd zusammen. Da die Wahl gleich nach dem bolschevikischen Putsch stattgefunden hatte, war kaum zu widerlegen, daß die Ergebnisse den Willen des Volkes unter den derzeitigen Umständen widerspiegelten.
Von den 707 Mitgliedern gehörte die größte Gruppe mit 370 Mitgliedern der Bauernpartei, den Sozialrevolutionären, an. Die Bolscheviken mit 170 Mitgliedern wurden den kleineren Parteien zugerechnet. Auch die Menscheviken bildeten eine Partei; über hundert Mitglieder gehörten Randgruppen an oder waren an keine Partei gebunden. Die regierenden Bolscheviken waren mit nur 24 Prozent der Wählerstimmen in der absoluten Minderheit.
Die Konstituierende Versammlung beriet einen Tag lang. Lenin verfolgte das Geschehen von einem Balkon aus. Die Versammlung weigerte sich, die bolschevikische Regierung als höchste Macht anzuerkennen oder sich den Entscheidungen der Sowjets zu beugen. Noch an diesem Abend löste Lenin sie mit einem militärischen Aufgebot auf.
So erfreute sich Rußland, nach Jahrhunderten zaristischer Herrschaft und nach den Februar- und Oktoberrevolutionen, nur einen einzigen Tag der Demokratie. Popov unterrichtete Frau Suvorin schriftlich von der Entwicklung.
»Es ist schade, aber« – hier gebrauchte er eine ehemals liebevolle Titulierung des Zaren, die nun auf Lenin angewandt wurde –, »Väterchen mag die Demokratie einfach nicht.« Frau Suvorins Antwort an Jevgenij Popov lautete: »Du hast gelogen. Du hast es vorher schon gewußt. Es war alles geplant. Komme nie wieder hierher!«
Für die beiden Bobrovs war es an der Zeit wegzugehen; das stand fest. »Es sieht so aus, als würden wir im modernen Zeitalter nicht mehr gebraucht«, meinte Alexander lakonisch. Das neue Zeitalter hatte, auch was den Kalender betrifft, begonnen, und zwar offiziell mit dem 31. Januar; denn am 1. Februar 1918 glich sich Rußland durch Regierungsbeschluß dem westlichen, dem Gregorianischen Kalender an und war somit nicht länger dreizehn Tage hinter der übrigen Welt zurück. Trotzdem löste sich Rußland, so sah es zumindest Alexander, auf die merkwürdigste Weise auf.
Es herrschte weder Krieg noch Frieden. Es war ein Waffenstillstand mit Deutschland unterzeichnet worden, doch den von Trotzki ausgearbeiteten Bedingungen mußte noch zugestimmt werden. Die europäische Revolution, auf die einige, auch Lenin, gehofft hatten, blieb offenbar aus, und es gab alle Anzeichen dafür, daß das alte russische Reich auseinanderfiel. Im Norden hatten Finnland, Litauen und Lettland bereits ihre Unabhängigkeit erklärt. Polen im Westen würde mit Sicherheit verlorengehen. Im Süden war die formale Staatsgewalt über die Ukraine zusammengebrochen. Während aber die Bolscheviken versuchten, dort Macht auszuüben, hatten die ukrainischen Nationalisten bereits einen neuen ukrainischen Staat ausgerufen.
Das Land gehörte dem Volk. Das Programm zur Verstaatlichung der Industrie wurde in Angriff genommen, und der orthodoxen Kirche wurde mitgeteilt, daß ihr gesamter Besitz konfisziert werde und sie alle Rechte verliere. »Innerhalb von sechs Monaten bauen wir einen sozialistischen Staat auf«, erklärte Lenin. Es sah so aus, als sollte er Erfolg haben.
Auch wenn die Bolscheviken immer noch eine Minderheit darstellten, so waren sie doch zu allem entschlossen. Die Opposition war in keiner Weise organisiert. Lenin hatte einige Extremisten der Bauernpartei, die Terroristen, in seine Regierung eingeschleust, damit sie sich nicht gegen ihn stellten. Rotgardisten und andere Einheiten standen überall. In den Fabriken bildeten sich bolschevikische Zellen; und, was für die Bobrovs von großer Bedeutung war: In den vergangenen zwei Monaten war eine neue Organisation unter der Führung eines kaltblütigen Burschen namens Dserschinskij, die Tscheka, aktiv geworden.
Die Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen konterrevolutionäre Umtriebe, Sabotageakte und Dienstvergehen war ein höchst erfolgreiches Organ. Es war erstaunlich, was es alles herausfand. Anscheinend hatte sich eine Reihe politischer Gegner der Bolscheviken des politischen Aufruhrs schuldig gemacht, darunter viele der liberalen Kadetten. Sie wurden zu Volksfeinden erklärt. Nikolaj Bobrov hatte soeben erfahren, daß er dazugehörte.
Alexander Bobrov ging langsam, gedankenverloren, vor sich hin. Er trug einen alten Mantel, eine Arbeitermütze und schwere Stiefel. Vor einem Monat hatte er sich entschlossen, sich wie ein Arbeiter zu kleiden. Sein Vater hatte sich versteckt. Ihre Flucht war von Vladimir Suvorin vorbereitet worden. Frau Suvorin sollte zuerst nach Finnland reisen und von dort aus in Etappen nach Paris, wo Vladimirs Sohn sie erwartete. Die beiden Bobrovs sollten sie, als Arbeiter verkleidet, begleiten. »Haltet euch bis zur Abreise versteckt«, riet Vladimir.
Vladimir Suvorin, der Industrielle, befand sich in einer seltsamen Situation. Obwohl die Bolscheviken die gesamte Industrie verstaatlichen wollten, wußten sie nicht genau, was sie mit Männern wie Suvorin anfangen sollten. Wenn er mit seinem Wissen und seinen Verbindungen mitmachte, war er für sie vielleicht von Nutzen.
»Sie wissen, daß Industrie und Finanzen weiterhin funktionieren müssen«, erklärte Vladimir Alexander. »Ich habe ja auch einen Freund im Kultusministerium, Lunatscharskij. Trotz allem glaube ich, daß ich dir in einigen Monaten folgen werde.« Nadeschda hatte trotz der Einwände des Vaters darauf bestanden, bei ihm zu bleiben, und Alexander war gerade eine Stunde zuvor gekommen, um sich von ihr zu verabschieden. Seit der Zeit in Russka, als er sich dort von seiner Verwundung erholte, waren sie einander sehr nahe gekommen. Zweimal hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, doch in all den Veränderungen, die um sie her geschahen, hatte sie ihn nur gebeten: »Nicht jetzt!« Alexander rechnete damit, daß sie und Vladimir innerhalb des nächsten Jahres nach Westeuropa kommen würden. »Paß auf dich auf, mein Aljoscha«, sagte sie und gab ihm zum Abschied einen innigen Kuß.
»Hast du 'nen Glimmstengel?« Der Soldat stand vor ihm und sah ihn von unten herauf an.
Alexander nahm nur wahr, daß noch sechs oder sieben weitere Soldaten herumstanden. Rotgardisten, die ihn beobachteten. Derjenige, der ihn angesprochen hatte, hatte ein unangenehmes Gesicht.
»Er will also eine Zigarette?« fragte er irritiert. »Leider, ich rauche nicht.« Und damit wollte er seinen Weg fortsetzen. Was, zum Teufel, war mit dem Kerl los? Der packte ihn plötzlich am Mantel, und sein anfangs erwartungsvoller Blick war nun böse. Er rief die anderen Gardisten herbei, die auf ihn zukamen, wobei einer sein Gewehr entsicherte.
Da wurde Alexander die Situation klar. Er hatte vergessen, seine Stimme zu verstellen, die die unverwechselbare Färbung der oberen Klasse besaß. Er hatte den Mann mit einer gewissen Arroganz angesprochen. Das schlimmste war, daß er dabei die Anrede »Er« benutzt hatte, die zwischen Offizieren und ihren Untergebenen üblich war.
»Ich bin Offizier. Wie heißt du?«
»Ivanov. Ich bin kein Offizier.«
»Aber du warst doch einer, nicht wahr? Ich habe das Gefühl, Jungs, daß wir hier einen Gegner vor uns haben. Du denkst wohl, daß du ein muschik bist, oder?«
Alexander krümmte sich vor Schmerzen, als ihm plötzlich der Gewehrkolben in den Magen gestoßen wurde. Er ging zu Boden. »Was machen wir jetzt mit ihm, Jungs?«
»Vielleicht mal durchsuchen.«
»Ich glaube, du möchtest dich gern mal mit der Tscheka unterhalten«, meinte der erste lachend. »Auf mit dir, Baron. Kommt schon, Exzellenz!«
Alexander rappelte sich hoch. Gott sei Dank hatte er keine Papiere bei sich. »Ich heiße Ivanov«, sagte er schwach. Da rief einer der Soldaten: »Hier ist der Mann, den wir brauchen. Er ist vom Komitee. Fragen wir ihn doch!« Als Alexander hochblickte, stand da Jevgenij Popov, der ihn erstaunt ansah.
»Behauptet, er heißt Ivanov«, sagte der erste Soldat. Ein paar lange Sekunden schwieg Popov. Seine grünen Augen ruhten auf Alexander. Endlich sagte er: »Dieser Mann ist ein guter Bolschevik, Kameraden. Er ist einer von uns.«
»Aber er spricht wie ein feiner Mann«, widersprach der Soldat. Popov lächelte. »Habt ihr schon einmal Vladimir Iljitsch sprechen hören?«
Es gab immer wieder Anlaß zur Heiterkeit, daß Lenin seine Schmähreden gegen die kapitalistischen Klassen in einer Sprache hielt, die deutlich der oberen Mittelschicht eigen war. »Außerdem gibt es Offiziere, die in der kaiserlichen Armee gedient haben, Genosse, und jetzt treue Bolscheviken sind. Wir erschießen sie einfach, wenn sie es nicht sind«, fügte Popov aufgeräumt hinzu. Die Männer sahen ihn voller Zweifel an. »Bist du sicher, Genosse?« Popov zuckte die Achseln. »Fragt ihn doch«, antwortete er. Später überlegte Alexander oft, wie er die folgenden Minuten durchgestanden hatte. »Ich heiße Alexander Pavlovitsch Ivanov«, begann er langsam. Er berichtete, daß er im Kampf verwundet worden sei, daß er bei seiner Rückkehr über das alte Regime verärgert war und sich sofort nach der Oktoberrevolution in den Dienst der Bolscheviken gestellt habe. »Ich habe kein Geld bekommen, und leider bin ich immer noch nicht ganz gesund.« Er wollte ihnen seine Verwundungen zeigen.
»Es lebe die Revolution!« sagte Popov leise. »Es lebe die Revolution!« wiederholte Alexander. »Ihr habt ihn gehört«, wandte Popov sich an die Soldaten. »Ich bürge für ihn.«
»Na schön, wenn du einer von uns bist«, sagte der erste Soldat, schlug Alexander auf den Rücken, und die Soldaten machten sich davon.
Als Alexander dastand und sich von Popov beobachtet fühlte, wurde ihm übel. Es war nicht nur der Stoß mit dem Gewehrkolben, auch nicht Furcht; es war die Demütigung, sich vor dem Mann, den er am meisten auf der Welt haßte und verachtete, zu diesen pathetischen Lügen erniedrigt zu haben. Widerstrebend trafen sich ihre Blicke. »Warum hast du das getan?« fragte Alexander schließlich. Popov schwieg. Offensichtlich überlegte auch er. »Erinnerst du dich, daß du mich einmal einen Lügner genannt hast?« fragte er nach einer Weile. »Ich benutzte auch einen falschen Namen. Das hat dich geärgert, weißt du noch? Du hast mich auch als Feigling bezeichnet, fällt mir da ein.« Er nickte langsam. »Und warum hast du eben jetzt so überzeugend gelogen, Alexander Nikolajevitsch? Ich werde es dir sagen. Du hast es nicht für ein bestimmtes Anliegen getan. Du hast kein Anliegen. Du wolltest nur deine Haut retten.« Alexander konnte es nicht abstreiten.
»Ich wollte es nur mal sehen«, sagte Popov sehr ruhig. »Es war interessant, das zu beobachten. Morgen oder übermorgen oder irgendwann wird man dich kriegen. Und dann rette ich dich nicht. Inzwischen aber wirst du erfahren, daß du nicht besser bist als ich, im Gegenteil, du bist schlimmer. Du bist ein Nichts.« Damit drehte er sich um und ging davon.
Alexander blickte hinter ihm her und überlegte, ob Popov wohl recht habe. Am folgenden Tag brachen die Bobrovs nach Finnland auf.
In den letzten Monaten waren mit Vladimir Suvorin große Veränderungen vor sich gegangen.
Einen Schwächeren hätten die Ereignisse jenes Frühlings wohl zerbrochen.
Eine Woche nach der Abreise seiner Frau wurde er vor die Tscheka gerufen und nach ihrem Aufenthalt gefragt. Er erklärte in aller Offenheit, sie sei nach Finnland gereist. »Wir schätzen Ihr Vermögen auf fünfundzwanzig Millionen Rubel«, bemerkte einer der Männer. »Was haben Sie dazu zu sagen?«
»Ich wußte nicht, daß ich so viel besitze«, antwortete Vladimir höflich und wahrheitsgemäß. »Das wird auch nicht mehr lange so sein.«
Im März des Jahres 1918 wurde Vladimir mitgeteilt, daß sein Jugendstilhaus nunmehr dem Staat gehöre; zwei Tage darauf wurde es zum Museum umfunktioniert. Im April übernahm man Suvorins Fabriken in Russka und Ende Mai seine Moskauer Betriebe. Im Juni hatte Vladimir keinerlei Befugnisse mehr. Da er nie besonderes Interesse an Geschäften außerhalb Rußlands gehabt hatte, sofern es sich nicht um Kunst handelte, hatte er auch nie im Ausland investiert. Suvorins einzige Standorte befanden sich in London und Paris, wo sein Sohn und er erworbene Kunstgegenstände lagerten. Außerdem gab es im Ausland genügend Mittel, von denen Frau Suvorin eine Zeitlang leben konnte. Nun also war Vladimir ein armer Mann.
Er wurde allerdings nicht persönlich schikaniert. Als sein Haus zum Museum gemacht wurde, erhielt er den persönlichen Besuch von Minister Lunatscharskij, einem zuvorkommenden Mann, der sogleich zur Sache kam: »Das Museum braucht einen Kustos, mein Lieber. Wer wäre besser geeignet als Sie? Nadeschda kann Ihre Stellvertreterin werden.«
Die Suvorins erhielten die Erlaubnis, die kleine Wohnung an der Rückseite des Hauses zu beziehen, die früher der Hausmeister bewohnt hatte. So kam es, daß Vladimir täglich Arbeitergruppen würdevoll durch die Räume führte. Nadeschda ihrerseits versuchte, Bäuerinnen etwas über Picasso zu erzählen, oder aber sie wischte den Boden.
Die Katastrophen seines Lebens zeigten ihre Spuren auch an Vladimirs äußerer Erscheinung. Er verlor an Gewicht, so daß die Kleider viel zu weit um seine hohe Gestalt hingen, und sein Gesicht schien um Jahre gealtert. Der Unterkiefer wirkte länger, die Augen lagen tiefer in den Höhlen, die Nase wurde länger und zugleich fleischiger. Schließlich sah Vladimir genauso aus wie sein Großvater, Sawa Suvorin.
Er beobachtete die Ereignisse sehr genau. Im Frühjahr hatte sich eine wichtige Entwicklung abgezeichnet, die seinen neuen Status stützen oder zerbrechen konnte: Unter Lenins unmittelbarer Leitung war mit Deutschland in Brest-Litovsk ein Friedensvertrag unterzeichnet worden, der alle deutschen Ansprüche erfüllte. Polen, Litauen, Estland und Lettland hatte Rußland abzutreten, ferner mußte man Finnland und die Ukraine als unabhängige Staaten anerkennen. Das war im Hinblick auf landwirtschaftliche Reserven und Erzvorkommen ein verheerender Verlust. Da Rußland nun nicht mehr der tatsächliche Verbündete der Westmächte war, veranlaßte der Friedensvertrag diese zu einem sehr genauen Blick auf die neue sozialistische Regierung, deren Führer sich lange und intensiv mit der Frage einer Weltrevolution beschäftigt hatten. Im Sommer hatte britisches Militär bereits einen Brückenkopf im hohen Norden errichtet, und bald darauf waren japanische Truppen im fernen Vladivostok an der Pazifikküste gelandet. Auch andere Streitmächte waren nicht untätig. Weit unten im Süden bereiteten sich die Don-Kosaken auf einen Widerstand gegen die Bolscheviken vor. Weitere Oppositionsgruppen sammelten sich im Osten jenseits der Wolga. Der sichtlich beunruhigte Lenin war emsig damit beschäftigt, eine neue Rote Armee aufzustellen. »Es wird zum Bürgerkrieg kommen«, sagte Vladimir zu Nadeschda. Er beobachtete still, sehr aufmerksam. Der Juni ging vorüber, dann der Juli. Ende Juli kam die Nachricht, die auch über Vladimirs Schicksal entschied. Man hatte den Zaren erschossen.
Dimitrij sah nachdenklich von seinem Onkel Vladimir zu seinem Vater. Zum erstenmal spürte er eine Spannung zwischen ihnen. Merkwürdiger noch war, daß sein Vater in fast schneidendem Ton mit seinem Bruder sprach: »Ich bin überrascht, daß du mir vorzuschlagen wagst, ich solle mein Land verlassen.« Vorsichtig und mit großer Geduld hatte Vladimir seine Absichten deutlich zu machen versucht. Da war einerseits der wachsende Terror seitens der Tscheka, andererseits die Gefahr von außen. »Es gibt nur zwei Lösungen, wenn ein Regime in einer solchen Lage ist«, argumentierte er. »Entweder wird es gestürzt, oder es baut eine Diktatur auf. Wenn du mich fragst: Ich bin jetzt sicher, daß die Bolscheviken an der Macht bleiben. Der Mord am Zaren setzt ein Zeichen für ihre Absichten. Sie werden standhalten und kämpfen. Ich jedenfalls werde dabei zugrunde gehen.« Professor Suvorin war nicht sonderlich am Schicksal des Zaren interessiert. Vladimir betrachtete seinen Bruder und dachte, daß Peter manchmal überraschend ignorant sei. Was hatte Sawa nur aus Peter gemacht? Verglichen mit Vladimirs tiefem, weit gespanntem Geist dachte sein Bruder, wenn auch auf seine Art brillant, eher oberflächlich. Er hatte ihn gründlich über die Ereignisse der vergangenen Monate ausgefragt: über die bolschevikische Machtergreifung, die Amtsenthebung gemäßigter Sozialisten wie des Professors selbst. All das, gab Peter zu, hatte ihn sehr erregt. »Letzten Endes mußte es vielleicht so kommen, sieht du das nicht, Vladimir? Wir haben eine Revolution; das ist doch der entscheidende Punkt.« Sein Lächeln, der kindlich-klare Blick seiner Augen veranlaßte Vladimir zu der mürrischen Bemerkung: »Vielleicht täusche ich mich, aber ich glaube, du siehst nur das, was du sehen willst.« Warum nur drängt mich Onkel Vladimir dermaßen zur Abreise, obwohl mein Vater dagegen ist? überlegte Dimitrij. Ich habe nicht die geringste Lust fortzugehen.
Die letzten Monate waren aufregend gewesen. In der gärenden Revolution gingen die Künstler der Avantgarde auf die Straße. Plakate und Proklamationen wurden von Dichtern wie Majakovskij unterzeichnet. »Jeder Künstler ist ein Revolutionär, und jeder Revolutionär ist ein Künstler«, hatte einer von Dimitrijs jungen Freunden erklärt. Karpenko malte fleißig, und er, Dimitrij, würde sie alle mit seiner neuen Symphonie überraschen – eine Hymne auf die Revolution. Wie sollte er da den Wunsch haben, abzureisen? Als Peter schließlich das Zimmer verlassen hatte, erklärte Vladimir offen: »Ich muß dich bitten, mit nach Kiev zu kommen, Dimitrij, denn ich habe es deiner Mutter lange vor ihrem Tod versprochen.«
»Aber warum bestand sie nur darauf?«
Vladimir seufzte. »Sie hatte geträumt, dir werde etwas geschehen, wenn du bleibst.«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Ich kann meinen Vater nicht verlassen – ich möchte auch selbst nicht fort von hier. Außerdem hat meine Mutter immer gesagt, daß ich ein Musiker sein werde.«
Vladimir gab auf. Nur Karpenko erklärte sich mit der Abreise einverstanden. Ruhig sagte er: »Ich fahre mit Ihnen nach Kiev. Ich möchte nach Hause.«
Am nächsten Tag bat Dimitrij seinen Vater um einen Gefallen. Mit der Symphonie an die Revolution kam er gut voran. In dem langsamen Satz wollte er etwas einbauen, das er bereits komponiert und orchestriert hatte, als er zwei Jahre zuvor auf dem Land gearbeitet hatte. »Wahrscheinlich habe ich es in Russka in Onkel Vladimirs Haus liegengelassen. Wie ich höre, geht kaum jemand dorthin, und so wird es wohl noch dort sein. Aber ich habe keine Zeit hinzufahren.«
Peter lächelte. »Das erledige ich gern für dich.« Nadeschda hatte sich längst an ihr neues Leben gewöhnt. Sie hatte die einfachen Arbeiter gern, die sie im Haus herumführte. Es machte ihr auch nichts aus, wenn sie ihr beim Putzen zusahen. Aus reiner Bequemlichkeit kleidete sie sich häufig wie eine Bäuerin, mit einem Schal um den Kopf. Vor allem war es schön für sie zu wissen, daß sie in der großen Lebenskrise ihres Vaters an seiner Seite war. Sie dachte bitter an ihre Mutter: Ich wenigstens bleibe bei ihm! Das Erscheinen Jevgenij Popovs verärgerte sie allerdings. Zwei- bis dreimal kam er wöchentlich vorbei, inspizierte neugierig das Haus, warf einen Blick in ihre Wohnung und verschwand mit einem kurzen Nicken. »Ich hätte Lust, ihm die Türe vor der Nase zuzuschlagen«, sagte sie einmal erbost zu ihrem Vater, aber er meinte nur ruhig: »Du darfst einen Mann wie ihn nicht erzürnen. In solchen Zeiten ist er gefährlich.«
Wußte ihr Vater über Popov und ihre Mutter Bescheid? Sie vermutete es, hatte jedoch nie danach gefragt. Wie konnte es dieser Mensch nur wagen, herzukommen und ihren Vater in seiner Armut zu beobachten? Es war also verständlich, daß sie davon träumte, den Eindringling endlich loszuwerden. Und daher freute sie sich auf die Abreise. Vladimirs Fluchtplan war einfach. Er hatte festgestellt, daß auf dem Bemskij-Bahnhof zu bestimmten Zeiten das reine Chaos herrschte. Von dieser Station fuhren die Züge an die ukrainische Grenze ab. Noch war es nicht allzu schwierig, gefälschte Papiere zu bekommen. Wichtig war, daß Vladimir unerkannt blieb. Der Plan wurde geheimgehalten. Als das Datum feststand, durften es nicht einmal Dimitrij oder Peter erfahren. Am Nachmittag vor ihrer Abreise kam Popov wieder einmal vorbei. Er machte seine übliche Inspektionsrunde, sah sich auch gründlich in der Wohnung um, wo er Nadeschda allein vorfand. Sicher wäre er schnell wieder gegangen, hätte sie nicht diese Bemerkung gemacht: »Willst du wieder wie üblich glotzen? Niemand hat etwas gestohlen, außer natürlich, du hättest gestohlen.«
Er blickte sie erstaunt an. »Vielleicht solltest du zu einem Volkskommissar etwas freundlicher sein. Aber ich weiß ja, du magst mich nicht.«
Sie zuckte die Achseln, und da sie wußte, sie würde abreisen, ließ sie unvorsichtigerweise ihren Gefühlen freien Lauf. »Sicher bist du ein Dieb. Ich kann mir auch vorstellen, daß du ein Mörder wärst. Und du hast versucht, meinem Vater meine Mutter wegzunehmen. Ich kann nicht anders – ich muß dich verachten.« Popov schwieg längere Zeit und dachte nach. Doch warum sollte dieses unverschämte Mädchen nicht einfach die Wahrheit erfahren? Also erzählte er ihr von Vladimir. Dann ging er. Nadeschda blieb blaß und wie gelähmt auf ihrem Stuhl sitzen. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie hatte natürlich von solchen Dingen schon gehört. Aber ihr Vater – dieser wunderbare Mann, den sie angebetet und zu dem sie ihr Leben lang aufgesehen hatte! Sie war so erschüttert, daß sie nicht einmal weinen konnte. Sie redete sich ein, daß es nicht wahr sei. Am frühen Abend kam Dimitrij vorbei, und sie fragte ihn mit gespielter Leichtigkeit: »Also, weißt du über meinen Vater und Karpenko Bescheid?« Die Frage traf ihn so unvorbereitet, daß er rot anlief und heiser hervorstieß: »Wie, zum Teufel, hast du das erfahren?«
Es war Abend. Um das Risiko der Entdeckung zu vermindern, betraten sie den überfüllten Bemskij-Bahnhof einzeln. Vladimir sah mit seinem gegürteten Bauernkittel, einen Sack über die Schulter geworfen, wie ein russischer muschik aus, genau wie sein Großvater Sawa, als er den Bahnsteig entlangschritt. Wenige Minuten später bestieg auch ein schüchternes junges Bauernpärchen den Zug. Karpenko war freudig erregt. Erstens war die ganze Sache ein Abenteuer; zweitens würde er zum erstenmal seit einem Jahr seine Familie wiedersehen, und drittens kehrte er in die geliebte Ukraine zurück. Es war Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Das mit der Revolution war ja ganz in Ordnung. Er hatte sie wie jeder andere unterstützt. Aber wie konnte er gutheißen, wie sie mit seiner Heimat umgingen? Die Bolscheviken hatten weder für das ukrainische Volk noch für seine Sprache etwas übrig. Anfang des Jahres hatte der Chef der Tscheka in Kiev Leute auf der Straße erschossen, wenn er sie Ukrainisch sprechen hörte. Wie hätte ein Karpenko das einfach hinnehmen können?
Es fiel ihm auf, daß Nadeschda angespannt und unruhig wirkte, aber er dachte nicht weiter darüber nach. Schließlich ging er zu Vladimir in den anderen Wagen, um ihm mitzuteilen, daß sie alle sicher im Zug seien. Nadeschda meinte, er solle ruhig bei ihrem Vater bleiben. »Ich möchte heute nacht allein sein«, sagte sie nur. So bemerkte Karpenko nicht, daß das Mädchen einige Minuten vor der Abfahrt den Zug verließ.
Popov hatte es eilig. Er hatte einen Militärwagen organisiert, der ihn zum Haus der Suvorins brachte; nun ließ er sich rasch weiterfahren. Wie hatte er nur so dumm sein können! Nadeschda hatte es nur deshalb gewagt, ihn zu beleidigen, weil sie wußte, daß sie ihn nie wiedersehen würde.
Zwei Möglichkeiten, die Stadt zu verlassen, lagen für die Suvorins auf der Hand. Welche Spur sollte er aufnehmen? Popov warf eine Münze. Mit tränenblinden Augen ging Nadeschda den Bahnsteig entlang.
Seit dem gestrigen Abend hatte sie sich unglaublich beherrscht. Sie hatte den Vater bei seiner Rückkehr wie üblich geküßt. Am Morgen hatte sie noch einige Fabrikarbeiter durchs Museum geführt, abends dann, wie geplant, das große Haus verschlossen, sich wie eine Bäuerin gekleidet und war hinausgeschlüpft, um Karpenko zu treffen. Doch sie wollte nicht mit ihnen abreisen, mit ihrem Vater und seinem Geliebten. Sie würde diese geheime Schande, diesen Betrug nicht mit ihnen teilen, der sich wie ein furchtbar tiefer und dunkler Abgrund vor ihr auftat. Es war entsetzlich – viel schlimmer als der finanzielle Ruin, der sie getroffen hatte. Alles, woran sie geglaubt hatte, war zerbrochen.
Was würde nun aus ihr werden? Vielleicht ließ man sie weiter im Museum arbeiten, oder Onkel Peter und Dimitrij würden ihr helfen. Oder Popov würde sie erschießen lassen. Was auch immer geschehen würde, es war ihr egal.
Sie war am Ende des Bahnsteigs angelangt. Gleichgültig hörte sie das Pfeifen. Da stieß plötzlich jemand sie an, hielt sie fest. Es war Popov. Auch noch Jahre danach begriff sie nicht, was dann geschehen war. Popov, der verhaßte Mann, hielt sie fest in seinen Armen. Popov, erstaunlich sanft und doch bestimmt, drehte sie um, zwang sie, den Bahnsteig wieder zurückzugehen. Seine Stimme war an ihrem Haar. »Bist du ihnen davongelaufen, schönes Kind? Weil ich dir das erzählt habe, nicht wahr? Ich glaube schon. Sag nichts! Glaub mir, es gibt viel Schlimmeres. Er ist nicht so übel, dein Vater. Da sind wir schon.«
Er führte sie am Zug entlang und sah in jedes Abteilfenster. Er würde die beiden entdecken. O Gott, was hatte sie angerichtet! Sie versuchte sich loszureißen.
»Flieg mir nicht weg, Vögelchen. Ach, da sind sie ja.« Er öffnete die Waggontür. Sie sah wie durch einen Schleier ihren Vater und Karpenko. Popov murmelte etwas. Etwas über ihre Mutter. Was sollte sie ihr ausrichten? Daß er sie liebe? Da wurde sie in den Waggon, in die Arme ihres Vaters gestoßen, und die Tür schlug geräuschvoll zu. Der Zug setzte sich mit einem Ruck in Bewegung.
Popov blickte mit verlegenem Lächeln hinterher. Monatelang war er in dieses Haus gegangen, um zu sehen, ob das Mädchen sicher war, ob es ihm gutgehe. Es war albern von ihm gewesen, auf sie böse zu sein. Als ihm klar wurde, daß die Suvorins an Flucht dachten, hatte er zunächst beabsichtigt, sie zu verhaften. Doch dann hatte er seine Meinung geändert. Warum sollte er das nicht zugeben? Es war der Anblick dieses verrückten weinenden Mädchens gewesen. Moskau war kein Ort für sie. Sollte sie doch wegfahren; sollte der Vater sie doch dorthin mitnehmen, wohin sie gehörte! Zu Frau Suvorin. Frau Suvorin – jene einzige Insel der Liebe, der er in vielen Jahren auf dem großen Strom begegnet war, auf dem Strom, der ihn mächtig und unerbittlich mit sich führte. Popov erlaubte sich selten eine Schwäche. Vielleicht würde er nie mehr aus der harten schützenden Hülle heraustreten, die sich wie ein Panzer um ihn herum gebildet hatte. Frau Suvorin und seine letzte Verbindung zu ihr waren aus seinem Leben verschwunden. Jetzt gab es nur noch die Revolution. Schließlich hatte er sein Leben lang dafür gelebt.
Niemand konnte je klären, was mit Peter Suvorin geschehen war. An einem Tag Ende Juli wurde er in Russka gesehen. Von dort ging er ins Dorf und fragte den Dorfältesten, ob man ihn in das große Haus einlasse.
Einige in der Nähe stehende Leute erinnerten sich später an die Überraschung des Ältesten, Boris Romanov, als Suvorin seinen Namen nannte. Romanov zeigte sich dann sofort sehr hilfreich. Er führte Peter ins Haus und half ihm den Stoß Papiere suchen, nach dem er forschte, Noten, die in einem Schrank eingeschlossen waren. Dann begleitete Romanov den Fremden persönlich durch den Wald nach Russka. Danach wurde er nicht mehr gesehen, es wurde auch nie eine Spur von ihm gefunden.
Dimitrij Suvorin vollendete den herrlichen langsamen Satz seiner Revolutionssymphonie aus dem Gedächtnis. Er widmete sie selbstverständlich seinem Vater.
Der kleine Ivan beobachtete die Ankunft der Roten Armee sehr aufmerksam. Sie hatten zwei politische Kommissare dabei, von denen der Ältere ein ziemlich wichtiger Mann zu sein schien. Der Kommissar und sein Onkel Boris. Ivan war gespannt, wer der Stärkere sein würde.
Das Dorf hatte sich sorgfältig vorbereitet. Eine Woche zuvor, Anfang August, hatten Männer und Frauen das Getreide in neue Verstecke gebracht. Weil er mit seiner Mutter oben in dem großen Haus wohnte und sein Onkel Arina haßte, wurden sie nicht aufgefordert, teilzunehmen. Aber Ivan war hinausgeschlüpft und hatte die Vorgänge mit angesehen. Zwei Lager befanden sich unter der Erde am Waldrand. Noch klüger versteckt waren zwei versiegelte Behälter, die man ein Stück flußaufwärts im Wasser versenkt hatte. Ein Rest Getreide lag noch gut sichtbar in einem großen Lagerhaus am Ende des Dorfes. »Das können die Räuber ruhig mitnehmen«, hatte Onkel Boris gemeint.
In ganz Rußland schwelte Empörung auf dem Lande. Eine Woche zuvor hatten die Leute in einem Weiler zwei bolschevikische Beamte mit Mistgabeln verjagt und einen dritten getötet. Im vergangenen Jahr hatte die Provisorische Regierung verfügt, daß alles überschüssige Getreide zu Festpreisen an die Regierung verkauft werden müsse. Doch da die Preise niedrig waren, hatten die meisten Bauern diese Verordnung ignoriert. Nun behaupteten die Bolscheviken – oder Kommunisten, wie sie sich inzwischen nannten –, das sei Spekulation, und die Tscheka-Offiziere hatten Leute gefangengenommen und erschossen. »Sie bezahlen sechzehn Rubel für ein pud Roggen. Wißt ihr, was ich dafür in Moskau bekommen würde? Fast dreihundert Rubel!« wetterte Boris. »Sollen sie nur kommen und sehen, was sie finden können.«
Da kamen sie: dreißig bewaffnete Männer, in ziemlich schmutzigen Uniformen. An ihrer Spitze gingen zwei Gestalten in Ledermänteln, der eine jung, der andere vielleicht sechzig, mit grauem Haar, das einen rötlichen Schimmer hatte. Als sie näher kamen, hörte Ivan seinen Onkel murmeln: »Verdammt, das ist doch dieser verfluchte Rotschopf!«
Popov näherte sich dem Ort ohne sentimentale Regungen. Er kam nur in diese Gegend, weil Lenin persönlich ihm das aufgetragen hatte. Er hatte doppelte Order: Getreide einzukaufen und die Dorfbewohner zur Räson zu bringen. Lenin hatte es präzise formuliert.
Popov lächelte grimmig, als er an seine Erfahrungen hier in früherer Zeit dachte. Wer war ein Kulak – ein erfolgreicher Bauer? Seiner Ansicht nach waren alle Bauern pétits bourgeois. Es war an der Zeit, mit eisernem Besen zu kehren.
Nun standen Popov und der Dorfälteste einander gegenüber. Falls sie einander tatsächlich erkannten, ließen sie es sich nicht anmerken.
»Wo ist das Getreide?« fragte Popov leise. »Dort drüben, Genosse Kommissar.« Boris deutete auf das Lagerhaus.
Popov warf nicht einmal einen Blick dorthin. »Durchsucht das Dorf«, befahl er den Soldaten barsch.
Die beiden Kommissare gingen durchs Dorf, inspizierten die Hütten, begleitet von Boris, der sich, so schien es, beeilte, ihnen alles zu zeigen. Ivan hatte seinen stämmigen, arroganten Onkel noch nie in einer solchen Situation gesehen: Er verneigte sich und machte Kratzfüße wie ein Kneipenwirt aus früheren Tagen, und er titulierte Popov »Genosse Kommissar«. Doch Popovs Gesicht glich einer Maske.
»Nichts, Kommissar« berichtete der Feldwebel. Popov wandte sich an Boris mit der Frage: »Was ist dort oben in dem großen Haus?«
»Nichts Besonderes, geschätzter Genosse Kommissar. Nur seine Mutter.« Damit deutete er auf Ivan. »Schön. Wir wollen es sehen.«
Sie stiegen den Abhang hinauf. Oben machte Popov einen kurzen Rundgang. Er bestand auf einer Inspektion des Speichers, der Außengebäude und der Werkstätten. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß das Gebäude keine Lagerräume enthielt, trat er heraus und forderte die Leute auf, sich vor der Veranda zu versammeln.
Es waren sechs Dorfbewohner, die ihnen aus reiner Neugier gefolgt waren, außerdem Boris, Ivan, Arina und drei Rotarmisten. Popov wandte sich an Boris. »Du bist der Dorfälteste. Schwörst du, daß ihr kein Getreide habt?«
»Ja, Genosse Kommissar.« Boris nickte bestätigend. »Sehr schön.« Popov winkte einen der Soldaten herbei. »Kümmere dich um sie!« Dabei deutete er auf Arina. Dann wandte er sich an den kleinen Ivan. »Nun sage mir, wo es versteckt ist«, sagte er freundlich. Als der zweite Behälter mit Getreide aus dem Fluß gezogen worden war, wurde Boris von einem Rotarmisten erschossen. »Und jetzt wird ein richtiges Dorfkomitee aufgestellt«, verkündete Popov.
Es war nicht einfach, die Revolution aufs Land zu bringen, doch der neue Plan, den die Führer ausgearbeitet hatten, besaß eine gewisse brutale Logik. Die Kulaks, die Schwindler, die reichen Bauern, mußten vertrieben werden, und wer konnte das besser tun als die armen Bauern, die Mehrheit also. Komitees der Armen mußten unverzüglich gebildet werden und die Kontrolle über die Dörfer übernehmen.
Was Popov betraf, war dies eine der wenigen Ideen Lenins, mit denen er nicht einverstanden war. »Es ist so«, war sein Argument, »daß die meisten Bauern nicht arm sind, sondern ganz gut zurechtkommen. Sie können zwar meist keine Arbeitskräfte einstellen, aber sie erwirtschaften sich doch immerhin einen bescheidenen Mehrertrag. Die Hälfte der armen Bauern sind einfache Bauern, die zu Trinkern wurden.«
Aber gut, wenn Vladimir Iljitsch seine Armenkomitees wollte, sollte er sie haben. Popov blickte umher. »Du dort«, er deutete plötzlich auf Ivan, »deine Mutter ist Witwe. Welches Land gehört euch im Dorf?«
Als Waise und ohne die Unterstützung seines Onkels besaß Ivan damals tatsächlich das kleinste Stück Land von allen männlichen Bewohnern des Ortes.
»Du übernimmst den Vorsitz des Komitees«, sagte Popov. Das Komitee würde ohnehin nur auf dem Papier existieren. Er war gespannt, wie lange der Junge durchhalten würde. Am späten Nachmittag kehrte Popov, zufrieden mit seiner Tagesleistung, nach Russka zurück. Unterwegs kam er am Kloster vorüber. Es war jetzt leer. Die Mönche hatten es nach der Konfiszierung im Januar verlassen müssen. In der Hoffnung jedoch, die Regierung möge einlenken oder gestürzt werden, hatten sie alles zurückgelassen. Ein alter Priester, der noch in der Stadt wohnte, kümmerte sich darum. Da er nun einmal hier war, dachte Popov, er könne auch das Kloster inspizieren. »Gehen wir hinein«, befahl er. Es war ganz leer und sehr still. Küche und Lagerraum waren weitgehend geplündert, einige Fenster eingeschlagen, doch ansonsten war das Kloster in gutem Zustand. Popov besichtigte alles sehr genau, allein. Aus dem Kloster in Russka könnte man ein ordentliches kleines Gefängnis oder eine Besserungsanstalt machen, dachte er. Schließlich machte er sich eine kurze Notiz: Tscheka Bescheid sagen.
Am Eingang hatten die Soldaten ein kleines Feuer angezündet. Der junge Kommissar brachte eilig Gegenstände aus dem Kloster, um sie zu verbrennen. Eben waren Ikonen an der Reihe. »Ich wußte nicht, daß du so antireligiös bist«, meinte Popov freundlich. »O doch! Sind wir das denn nicht alle?«
Popov zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich.« Er warf einen Blick auf die Ikone, die dieser Bursche gerade in die Flammen warf. Sie kam ihm bekannt vor. »Ich finde die hier ziemlich schön.«
»Es gibt keine schönen Ikonen«, erwiderte der Jüngere. »Vielleicht.« Popov sah zu, wie das kleine Bild Feuer fing. Und so verschwand das größte Geschenk der Bobrovs an das kleine Kloster: die berühmte Rublev-Ikone.
Als die Dunkelheit hereinbrach, löste sich eine einzelne Gestalt vom Wald hinter dem Dorf und ging zum Flußufer, wo Arina mit einem kleinen Boot wartete. Ivan hatte sich versteckt gehalten, seit die Soldaten abgezogen waren. Nach den Ereignissen des Nachmittags blieb ihm keine Wahl. Würden die Söhne Boris Romanovs es ihm je verzeihen, daß er an ihres Vaters Tod schuld war? Würden die Dorfbewohner es vergessen können, daß er ihr Getreide weggegeben hatte? »Wenn ich am Morgen noch hier bin, bin ich ein toter Mann«, sagte er zu seiner Mutter. »In welche Richtung fährst du?« fragte sie. »Nach Süden, hinunter bis zur Oka, dann folge ich ihr bis Murom.«
»Und was wirst du machen?«
Er zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Vielleicht gehe ich zum Militär.«
»Hier ist Geld.« Arina küßte ihn. »Du bist mein einziger Sohn«, sagte sie einfach. »Wenn du stirbst, möchte ich es erfahren. Sonst glaube ich, daß du immer noch lebst.«
»Ich werde leben.« Noch einmal umarmte er sie, dann stieg er ins Boot. Fern im Süden stand ein halber Mond. Ivan stieß das Boot vom Ufer ab.
1920
Es war Oktober, und es wurde kalt, aber die Arbeit war fast getan; eine einfache Säuberungsaktion. Der Lastwagen und die Überbleibsel des Geschützes vor ihnen waren nicht viel mehr als geschmolzenes Metall. Ein halbes Dutzend Gefallene lagen umher, einer lebte wohl noch, ein Offizier.
Ivan bewegte sich vorsichtig weiter. Um ihn her dehnte sich die leere Steppe Südrußlands bis zum Horizont. Der Krieg stand kurz vor seinem Ende. Die Weißen und ihre ausländischen Alliierten waren ein- oder zweimal fast erfolgreich gewesen. Eine kurze Zeit hatte es so ausgesehen, als würde Petrograd fallen. Denikin, Wrangel und andere hatten tapfer gekämpft, doch es hatte ihnen immer der Zusammenhalt gefehlt, den es bei den Roten gab, und vielleicht auch die Entschlossenheit. Nun wurde die letzte Weiße Front zurückgenommen, und die kapitalistischen Alliierten – England, Amerika, Japan, Italien – hatten alles aufgegeben. Und hier lag nun der Kosakenoffizier und lebte noch. Ein hübscher Kerl zwar, aber erledigt.
Karpenko beobachtete, unter halbgeschlossenen Lidern hervor, wie Ivan näher kam. Es war traurig zu sterben. Vor zwei Jahren hätte er es sich nicht träumen lassen, daß er einmal so kämpfen würde. Doch zu seiner großen Überraschung hatte es ihm eine Art Befriedigung verschafft. Die Schmerzen in seinem Magen brannten nun wie Feuer. Irgendwie kam ihm der junge Rote bekannt vor, aber so etwas spielte jetzt keine Rolle mehr. »Na, Genosse, könntest du mich nicht aus diesem Elend befreien?« meinte er. Ivan tat es, so sanft wie möglich. Er erledigte es mit der letzten Kugel, die ihm geblieben war. Die Revolution hatte gewonnen.