Katharina
1786
Alexander Bobrov saß an seinem Schreibtisch
und starrte auf die beiden vor ihm liegenden Bögen Papier. Der eine
war mit Zahlen von seiner eigenen Hand bedeckt, der andere war ein
Brief, der ihm eine halbe Stunde zuvor durch einen livrierten
Diener überbracht worden war. Während er auf die Papiere sah,
murmelte er: »Was zum Teufel soll ich bloß machen?«
Draußen vor dem Kollegium, wie die Ministerien jetzt genannt
wurden, war es bereits dunkel. Im Dezember gab es in St. Petersburg
nur fünfeinhalb Stunden Tageslicht. Den eisig pfeifenden Wind hörte
man nicht, denn wie in allen Häusern in St. Petersburg hatte man im
Kollegium bereits im Oktober die Doppelfenster eingesetzt.
Seit Monaten war Bobrov dabei, das schwierigste und
gefährlichste Spiel seines Lebens zu spielen; und er konnte kaum
fassen, was jetzt geschehen war. Auf einem der beiden Bögen hatte
er eine Liste seiner Schulden aufgestellt. Der Brief enthielt ein
Heiratsangebot oder vielmehr eine Aufforderung zur Heirat. »Es muß
doch einen Ausweg geben«, flüsterte er wieder und wieder.
Er schob die Papiere weg und rief in das Vorzimmer hinein.
Sofort erschien ein höflicher junger Mann in hellblauer Jacke mit
gelben Knöpfen und weißen Kniehosen – die Uniform der St.
Petersburger Regierung.
»Sage dem Lakaien, er soll den Kutscher holen!«
»Sogleich, Euer Hochgeboren.« Dieser Titel bezog sich nicht
auf Alexander Bobrovs Vorfahren, obwohl es Adlige waren, sondern
auf die Tatsache, daß er es, wenn auch erst Anfang Dreißig, bereits
zu einem schwindelerregenden fünften Rang innerhalb der vierzehn
Dienstränge gebracht hatte, die Peter der Große eingeführt hatte.
Niedrigere Ränge wurden lediglich mit »Wohlgeboren« tituliert; es
folgte »Hochwohlgeboren« und »Hochgeboren«. Wenn Bobrov seine
glänzende Karriere weiterverfolgen konnte, wäre ihm, so hoffte er,
der höchste und begehrteste Titel sicher – »Euer Höchste
Exzellenz«. Alexander Prokofievitsch Bobrov war ein gutaussehender
Mann von etwas mehr als durchschnittlicher Größe, einem eher
runden, glattrasierten Gesicht mit breiter Stirn, leicht
verhangenen braunen Augen und schmalen Lippen. Sein Haar war nach
der Mode jenes Jahrzehnts gepudert, und über jedem Ohr kringelte
sich eine einzelne Locke, die morgens mit Hilfe einer Brennschere
entstand. Sein Gehrock war aus schlichtem Tuch, nach englischem
Schnitt eng anliegend und knielang. Seine Weste war bestickt, die
Kniehosen weiß mit blauem Streifen. Ein Mann also, nach der besten
Mode der Zeit gekleidet.
Im goldenen Zeitalter Katharinas der Großen gab es in dem
hübschen St. Petersburg keinen besseren Spieler als Alexander
Prokofievitsch Bobrov. Er spielte allerdings nicht eigentlich um
Geld. Obwohl man ihn häufig an den Kartentischen der besten Häuser
sah, spielte er immer nur um geringe Summen. Er war an einem
größeren, geheimeren Spiel interessiert: am Spiel um die Macht.
Bisher hatte er gewonnen.
Er hatte für seinen Erfolg aber auch gearbeitet. Ebensogut
hätte er ein Niemand sein können, wie so mancher Provinzadlige der
damaligen Zeit. In seiner Kindheit, die er auf einer der
Familienbesitzungen in der Nähe Tulas verbrachte, bestand seine
Erziehung mehr oder weniger aus der Lektüre des orthodoxen Psalters
und aus den Märchen und russischen Liedern, die er von den
Leibeigenen lernte. Als er zehn Jahre alt war, lud ihn ein Freund
seines Vaters ein, in seinem Moskauer Haus zu leben und mit seinen
Kindern gemeinsam erzogen zu werden. Das war der Durchbruch für ihn
– mehr brauchte er nicht.
Er arbeitete zum Erstaunen seiner Lehrer unermüdlich, wurde
dann für das Elitekorps der Pagen am St. Petersburger Hof
ausgewählt, und während die meisten dieser jungen Männer spielten,
tranken oder es mit Frauen trieben, verwandte er mehr Zeit auf
seine Studien als je zuvor. Schließlich erlebte er seinen größten
Triumph – er wurde mit einer Handvoll Jugendlicher auf die berühmte
Leipziger Universität geschickt. Was trieb ihn eigentlich immer
weiter?
Er verdankte all seinen Erfolg seinem Ehrgeiz, und dieser war
ein grausamer Lehrmeister. Er spornte an, doch wenn man einmal
strauchelte, saß er einem wie eine Furie im Nacken. Andererseits
verlieh dieser Ehrgeiz dem Alexander Bobrov eine merkwürdige
Lauterkeit. Wie raffiniert er auch beim Kartenspielen vorgehen
mochte – es geschah alles im Dienst einer geheimen Idee, die er
verfolgte.
Wieder blickte er auf das mit Zahlen vollgeschriebene Papier.
Er hatte seit längerem gewußt, daß er in Schwierigkeiten steckte,
aber er hatte die genaue Rechnung immer wieder hinausgeschoben. Nun
war es soweit: Er war finanziell ruiniert. Dabei hatte er noch mehr
Glück gehabt als viele andere; sein Vater hatte ihm drei Güter
hinterlassen, eines bei Tula, ein anderes auf ertragreichem Land
südlich der Oka in der Provinz Rjazan und eines in Russka, südlich
von Vladimir. Außerdem war er an zwei weiteren beteiligt. Insgesamt
herrschte Alexander über fünfhundert Seelen – so nannte man die
erwachsenen männlichen Leibeigenen. Zu jener Zeit kein großes
Vermögen, aber immerhin ein gutes Erbe. Doch es reichte nicht
aus.
Die Hälfte aller Männer, die ich kenne, haben Schulden, suchte
er sich zu trösten. Das traf zu – auf reiche und arme Adlige
gleichermaßen. Die Behörden zeigten Verständnis; sie richteten
sogar eine Kreditbank ein, natürlich nur für den Adel, und das zu
guten Bedingungen. Da das Vermögen eines Adligen nach der Zahl
seiner Leibeigenen berechnet wurde, drückten sich die zu leistenden
Sicherheiten nicht in Rubeln, sondern in Seelen aus. Gott sei Dank
war in diesem Jahr das Kreditlimit von zwanzig auf vierzig Rubel
pro Seele angehoben worden. Das hatte Alexander die vergangenen
Monate über Wasser gehalten. Der Besitz bei Tula, auf dem er
aufgewachsen war, mußte jedoch verkauft werden, und seine ihm
verbliebenen Seelen wurden ihm als Hypothek belastet. Außerdem
hatte er noch wer weiß wie viele Schulden an Kaufleute. An diesem
Morgen war der Moment gekommen, daß Bobrov die Augen vor seiner
Lage nicht weiter verschließen konnte. Als sein Majordomo ihn um
Geld für Besorgungen auf dem Markt bat, stellte er fest, daß er
nichts mehr im Hause hatte. Er wies den Burschen an, es inzwischen
für ihn auszulegen. Als Alexander zu seiner Bank ging, wollte man
ihm dort kein Bargeld mehr vorstrecken. In seinem Büro sah er dann
seine Konten durch und entdeckte voller Schrecken, daß die
mittlerweile angefallenen Zinsen sein Einkommen bei weitem
überstiegen.
Und nun war dieser Brief gekommen! Die Heirat mit dem
deutschen Mädchen war zwar ein Weg aus seinem Dilemma. Aber er
wollte diese Sache doch lieber vermeiden. Aber wie? Vor vielen
Jahren war er schon einmal verheiratet gewesen. Seine Frau war nach
nur einem Jahr Ehe zu seiner großen Betrübnis im Kindbett
gestorben. Nun hatte er seit Jahren eine reizende Geliebte. Das
deutsche Mädchen war im Grunde nur eine von mehreren Gelegenheiten,
bei denen er in den vergangenen Jahren eher spielerisch um Frauen
geworben hatte, um seine Chancen zu testen, falls ihn seine
Finanzmisere tatsächlich zu einer Heirat zwingen sollte. Die
Familie dieses Mädchens gehörte dem baltischen Adel an, Nachkommen
der ehemaligen Deutschen Ordensritter; manche von ihnen waren in
russische Dienste getreten, nachdem Peter der Große ihre baltischen
Erblande annektiert hatte. Das Mädchen war fünfzehn Jahre alt, und
dummerweise hatte sie sich hoffnungslos in ihn verliebt. Da Tatjana
eine Erbin war, hätte er dafür sogar dankbar sein sollen.
Das ganze Jahr über hatte das unschuldige Kind den Vater
bestürmt, die Angelegenheit zu einem Abschluß zu bringen. Im Laufe
der Zeit mußte Bobrov angesichts seiner unsicheren Finanzlage immer
mehr Verpflichtungen eingehen. Für den Fall, daß die Dinge
weiterhin nicht nach Plan verliefen, durfte er sich das Mädchen
nicht entgehen lassen. Seine Bedenken, der Vater könne die Wahrheit
über seine, Alexanders, Schulden herausfinden und die ganze Sache
auffliegen lassen, wurden immer größer. Bobrov hatte um Zeit
gepokert, und ausgerechnet heute war dieser ungewöhnliche Brief
gekommen. Das Mädchen schrieb sehr direkt. Alexander sei ihr drei
Wochen lang aus dem Weg gegangen, erklärte sie. Ihr Vater habe
andere Bewerber im Sinn. Der Brief endete so:
Ich werde meinen Vater morgen abend
fragen, ob er etwas von Ihnen gehört hat. Falls nicht, will ich
nichts mehr von Ihnen wissen.
Ein junges Mädchen schrieb persönlich in
einem solchen Ton an einen Mann – das durchbrach alle Regeln der
Etikette und war unerhört. Alexander konnte es kaum fassen. Er
lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloß die Augen. Mit
Tatjanas Geld könnte er sein schönes Haus in St. Petersburg und
seine Besitzungen halten. Er würde reich, abgesichert, geachtet
sein. Warum also zögerte er? Warum griff er nicht nach dem
Rettungsanker, den ihm das Schicksal zugeworfen hatte? Er öffnete
die Augen und starrte in die winterliche Dunkelheit draußen. Es gab
noch eine Chance für ihn, ein letztes gewagtes Würfelspiel: die
alte Dame.
Er seufzte. Es war ein unerhörtes Risiko. Selbst wenn er jetzt
bekam, was er wollte, konnte sie später ihre Meinung immer noch
ändern. Dann würde er wahrscheinlich alles verlieren – Geld,
Ansehen, selbst die Möglichkeit, wieder auf einen grünen Zweig zu
kommen. Alexander Bobrov blieb noch einige Zeit an seinem großen
Schreibtisch sitzen und überdachte seine Chancen. Dann richtete er
sich sehr gerade auf, ein grimmiges Lächeln im Gesicht. Heute abend
noch gehe ich zu ihr und frage sie, beschloß er. Bobrov, der
Spieler, spielte ein heimliches Spiel, und es ging um viel mehr als
das Vermögen der jungen Tatjana. Er spielte um St.
Petersburg.
St. Petersburg erschien den Zeitgenossen wie ein Wunder. Auf
demselben Breitengrad wie Grönland oder Alaska, zwölf hundert
Meilen nördlicher als Boston, dem nördlichen Polarkreis näher als
London oder Berlin, war die russische Hauptstadt ein zweites
Venedig. Wunderschön und einfach war es gebaut, um das breite
Becken herum, wo die Neva sich durch das große Dreieck der
Vassiljev-Insel gabelte, deren Spitze sich landeinwärts wandte und
deren breite Basis zur Flußmündung hin die Stadt vor den Unbilden
des Meeres schützte.
Gab es in Nordeuropa einen schöneren Anblick? Dann, in der
Strommitte, die Spitze der Insel, die Strelka, mit ihren
Wohnhäusern und Lagerhäusern und den vielen kleinen
klassizistischen Tempeln. In einiger Entfernung zur Linken auf
einer eigenen kleinen Insel die alte Peter-und-Pauls-Festung. Zur
Rechten, auf dem Südufer, lagen Zar Peters Admiralitätsgebäude, die
barocken und klassizistischen Fassaden des Winterpalais und der
Eremitage. Wie ruhig und heiter das alles wirkte! Die Stuckfassaden
waren zur damaligen Zeit meist gelb, rosa oder braun getüncht, was
ein zartes Zusammenspiel mit dem grauen Ton des Wassers
ergab.
Zar Peters Stadt; er hatte sie geplant. Als sollte stets an
seine militärischen und seefahrerischen Ambitionen erinnert werden,
waren die drei breiten Straßen – der berühmte NevskijProspekt war
die größte davon –, von der Mitte des Südufers ausgehend,
fächerförmig auf die Admiralität ausgerichtet. Und doch war die
Topographie der Stadt mit ihren weichen Konturen eher feminin. So
seltsam es erscheinen mag: Seit Peters Tod war seine Stadt fast
ausschließlich von Frauen regiert worden. Zuerst von Peters Witwe,
dann von seiner deutschen Nichte, der Kaiserin Anna, später zwanzig
Jahre lang von Peters Tochter Elisabeth. Jeder männliche
Thronanwärter war entweder verstorben oder nach kurzer Zeit
abgesetzt worden.
Als Bobrov geboren wurde, regierte noch Kaiserin Elisabeth. Es
waren sinnenfrohe, ausschweifende Jahre. Sie war eine vielseitig
interessierte Frau, ließ das Winterpalais erbauen; zu ihren
zahlreichen Liebhabern zählten bedeutende Männer wie Schuvalov, der
Begründer der Moskauer Universität, Rasumovskij, der große
Musikkenner. St. Petersburg war kosmopolitisch geworden, ahmte den
Glanz des französischen Hofs nach.
Und nun zog das goldene Zeitalter herauf. St. Petersburg – die
Stadt der Kaiserin Katharina. Wer hätte je gedacht, daß diese
unbedeutende junge Fürstin von einem kleinen deutschen Hof
Alleinherrscherin über Rußland werden würde? Sie war als liebe,
harmlose Gemahlin für den Thronerben, Elisabeths Neffen Peter,
gekommen. Das wäre sie auch geblieben, wäre ihr Gemahl nicht ein
extrem unausgeglichener Charakter gewesen. Obwohl durch seine
Mutter ein Nachfahre Peters des Großen, war der junge Mann ein
Deutscher, und Friedrich der Große war sein Idol. Er haßte Rußland,
und das sagte er auch. An seiner jungen Frau zeigte er keinerlei
Interesse.
Welch einen Gegensatz die beiden bildeten! Ein Erbe, der mit
seinem Erbteil nichts zu tun haben wollte, und diese ausländische
Fürstin, die zum orthodoxen Glauben übertrat und eifrig Russisch
lernte. Obwohl sie ihm einen Erben gebar, wandte Peter sich bald
von ihr ab, nahm sich eine Geliebte. Im Grunde trieb er seine Frau
dazu, in ihrer Verzweiflung selbst Liebhaber zu nehmen. Hatte er
versteckte selbstzerstörerische Tendenzen? Bobrov war jedenfalls
dieser Meinung. Als dieser verhaßte junge Mensch auf den russischen
Thron kam und die von Katharinas Liebhaber angeführten Palastwachen
ihn umbrachten, war Alexander Bobrov durchaus nicht der einzige,
der einen Seufzer der Erleichterung ausstieß. Wer wäre ein besserer
Thronfolger gewesen als seine beliebte junge Gemahlin, die Mutter
des nächsten männlichen Prätendenten, die alles Russische so sehr
schätzte? So begann durch einen glücklichen Zufall die glorreiche
Regierungszeit Katharinas II. Katharina die Große. Rußland
schüttelte seine letzten Fesseln ab. Im Westen war bereits einem
geschwächten Polen das restliche Weißrußland abgenommen worden. Im
Süden war die türkische Flotte vernichtet, und die uralte Bedrohung
durch die Steppentataren war endlich abgewehrt, nachdem Katharina
den Krim-Khan abgesetzt und seine Länder annektiert hatte. Nach
Osten zu beanspruchte Rußland nun die gesamte nordeurasische Ebene
bis zum Pazifik. Jenseits des Kaspischen Meeres waren russische
Truppen in die asiatischen Wüsten bis an die Grenzen des alten
Persien vorgedrungen. Außerdem hieß es, daß jenseits der
Beringstraße, an der Küste Alaskas, eine russische Kolonie
gegründet worden sei. Katharina die Reformerin. Wie schon Peter vor
ihr, wollte sie aus Rußland ein modernes, freigeistiges Imperium
machen. Slawen, Türken, Tataren, Finnen, zahllose Stämme – sie alle
waren nun Russen. Um das ausgedehnte Steppenland zu kolonisieren,
hatte sie sogar deutsche Siedler geholt. Im kaiserlichen St.
Petersburg wurden acht verschiedene Religionen in vierzehn Sprachen
praktiziert. In den ehemals polnischen Gebieten lebten sogar Juden.
Der gesamte Kirchenbesitz war bereits säkularisiert worden. Alle
unbedeutenden Klöster waren geschlossen. Katharina versuchte
außerdem, die veralteten russischen Gesetze zu reformieren.
Katharina die Aufgeklärte. Es war das Zeitalter der
Aufklärung. Im 18. Jahrhundert hatten rationale Philosophie und
liberale politische Ideen in ganz Europa ihren Siegeszug
angetreten. Im nördlichen Amerika, das sich durch den
Unabhängigkeitskrieg soeben vom englischen König losgesagt hatte,
begann das Zeitalter der Freiheit. Katharina die Gesetzgeberin.
Katharina die Erzieherin, die Meisterin der freien Rede. Voltaire
selbst, der französische Freigeist, schrieb ihr zahlreiche Briefe.
Katharina die Weise; die Frau mit vielen Liebhabern.
Im Schatten neben dem Kollegiumseingang
wartete eine stille Gestalt im schweren Mantel. Da trat
Staatskanzler Bobrov, in einen dicken Pelzmantel gehüllt, aus der
Tür ins Licht der Lampe. Er wollte sich nach Hause begeben. Sein
Schlitten war noch nicht vorgefahren, und der Türsteher war
unterwegs, um ihn zu holen. Der Fremde löste sich aus dem Schatten.
Er machte ein kleines Zeichen und überreichte Bobrov verstohlen
eine Nachricht. Und schon war er wortlos verschwunden.
Der Platz lag wieder verlassen da. Bobrov erbrach das Siegel
und las:
Sie werden für morgen sechs Uhr zu einer
außerordentlichen Versammlung der Brüder ins rosa Haus gebeten.
Colovion
Es gab in ganz Rußland wohl kaum hundert
Personen, die gewußt hätten, worum es hier ging, doch für Alexander
Bobrov bedeutete diese Nachricht sehr viel. Zu Hause würde er sie
sofort vernichten – alle Mitteilungen dieser Art mußten verbrannt
werden, das war Vorschrift. Zunächst aber steckte er den Brief in
seine Jackentasche. Da kam auch schon sein Schlitten. An diesem
Abend hatte er noch vieles zu erledigen.
Der Mahagonitisch war für ein einsames Abendessen gedeckt:
Hühnchen, eine Schüssel mit Sauerkraut, Roggenbrot, Belugakaviar,
ein Glas mit deutschem Wein. Alexander hatte jedoch kaum etwas
angerührt. Er war für den Abend schon mit einer blauen Samtjacke
bekleidet. Obwohl er nervös war, zeigte sein Gesicht den
unbeweglichen Ausdruck des Spielers.
Sein Blick schweifte in dem großen hohen Raum umher. An den
dunkelgrün tapezierten Wänden hingen biblische Szenen in
klassizistischer Manier. In einer Ecke stand der große, rot und
grün gekachelte Ofen. Es war Zeit für die Begegnung mit der Gräfin
Turova.
Obwohl die Hierarchie des Imperiums – die vierzehn Ränge –
jedem gebildeten Mann offenstand, gab es doch Familien, die einen
Sonderstatus außerhalb des offiziellen Systems bekleideten. Einige
Familien von Bojaren und niederem Adel wie etwa die Bobrovs hatten
ihren Stand über die turbulenten Jahrhunderte hinwegretten können.
Da gab es Männer mit alten Fürstentiteln, Nachfahren der
Tataren-Khans oder des heiligen Vladimir selbst; es gab andere mit
ausländischen Titeln, die im allgemeinen aus dem Heiligen Römischen
Reich stammten; und neuerdings waren da auch Familien mit Titeln,
die Peter und seine Nachfolger für ihre Günstlinge eingeführt
hatten: Prinzen, Grafen, Barone. Graf Turov, ein großartiger Mann,
war einer dieser Favoriten gewesen. Vor seiner Witwe, der Gräfin
Turova, hatte selbst Alexander Respekt. Sie war die Kusine seines
Vaters. Sie und der Graf hatten ihre beiden Kinder verloren, und
bei seinem Tod hinterließ der Magnat einen Teil seines ungeheuren
Besitzes seiner Witwe. »Sie kann damit machen, was sie will«, hatte
Alexanders Vater erzählt. »Vielleicht kannst du etwas davon in die
Hand bekommen. Wirklich mit ihr rechnen kann man aber nicht. Sie
war immer eine exzentrische Person.«
Gerade darum ging es an diesem Abend für Alexander. Er konnte
die alte Dame nicht so ohne weiteres um Geld bitten. Doch
vielleicht hatte sie ihn ja in ihrem Testament bedacht? Es gab
allerdings Vettern, die ebenfalls Anwärter waren. Aber ein Viertel,
selbst ein Achtel ihres Vermögens würde genügen. Bobrov seufzte.
Obwohl er ihr bereits seit Jahren seine Aufwartung machte, hatte er
keinerlei Vorstellung, wie seine Aussichten standen. Manchmal
zeigte sie sich ihm gegenüber wohlwollend, dann wieder schien sie
sich mit Wonne über ihn lustig zu machen.
Was wäre, wenn sie an diesem Abend einwilligte? Sie war nun
über siebzig. Die Aussicht auf ein Legat gäbe ihm die Möglichkeit,
neue Risiken einzugehen. Er kannte Geldverleiher, die ihn auf
dieser Vertrauensbasis ein weiteres Jahr über Wasser halten würden.
Dann würde er dem deutschen Mädchen den Laufpaß geben, seine Zelte
abbrechen und die Ereignisse abwarten. Trotzdem war es ein äußerst
gewagtes Unternehmen. Was sollte etwa die Gräfin Turova daran
hindern, ihm Versprechungen zu machen und hinterher ihre Meinung zu
ändern? Oder was wäre, wenn sie neunzig Jahre alt würde? Alexander
schob die Zweifel beiseite. Er hatte sich entschieden, und dabei
blieb es. Er spürte die Silbermünze in seiner Hand. Im Haus der
Gräfin wollte er die Münze werfen. Wenn sie Revers zeigt, heirate
ich die Deutsche. Zeigt sie Avers, und die Alte verspricht mir ein
Legat, lasse ich's darauf ankommen, dachte er bei sich.
Der Schlitten flitzte durch die eisigen Straßen St.
Petersburgs, der blasse Schein von Lampen und erleuchteten Fenstern
huschte in der Finsternis vorüber. Ein paar Sterne waren zu sehen.
Der prächtige Schlitten war geschlossen. Zwei Lakaien standen auf
dem hinteren Trittbrett, auf dem Kasten vorn saß der Kutscher.
Nebenher ritt ein Junge. Er und der Kutscher hieben unbarmherzig
auf die Pferde ein. Was kümmerte sie's? Es waren nicht Bobrovs
Tiere. Obwohl der Staatskanzler erstklassige Pferde besaß, zog er,
wie die meisten Leute in St. Petersburg, für gewöhnliche Fahrten
Mietpferde vor. Bobrov ließ sich in die weichen Polster sinken. Der
südliche Teil von St. Petersburg wurde durch ein
Radialstraßensystem mit einer Ringstraße unterteilt; südlich war
das Areal von einem Wassergraben, der berühmten Fontanka, begrenzt.
Bobrovs Haus lag in dem vornehmen ersten Admiralitätsviertel am
Mittelring, und sein Weg führte ihn bald auf die aus Granit
errichtete Kaimauer an der zugefrorenen Neva. In wenigen Minuten
würde er im Herzen der Hauptstadt sein.
Er nahm die Münze in die Hand. Welch ein Spiel: Er würde mit
einer einzigen Münze um das russische Imperium spielen! Das war
sein Gewinn in dem heimlichen Spiel, dem er seit so langer Zeit
frönte. Aus diesem Grund wollte er auch nicht heiraten, und deshalb
mußte er finanziell unbedingt noch eine Weile durchhalten. Der
Gewinn würde die glänzendste Stellung im russischen Staat sein;
Alexander Bobrov strebte nichts Geringeres als die Position des
offiziellen Liebhabers von Katharina der Großen an. Am Hof der
Kaiserin gab es verschiedene Wege zur Macht, doch keine Karriere
bot derart grandiose Aussichten wie der Umstand, ihr Lager zu
teilen.
Wenn ihr auch ein unerhörter Verschleiß an Männern nachgesagt
wurde, war Katharina im Grunde eher gefühlsbetont. Sie war während
ihrer Ehe gedemütigt worden. Und aus ihren Briefen geht hervor, daß
sie die meiste Zeit ihres Lebens auf der Suche nach Zuneigung und
nach dem idealen Mann war; dabei ging sie keineswegs wahllos vor –
die Geschichte berichtet von weniger als zwanzig Liebhabern.
Denjenigen aber, die diese Position innehatten, waren kaum
Grenzen gesetzt. Meistens handelte es sich dabei um Männer aus
Familien wie die Bobrovs, manche waren unbedeutender. Ihre Namen
gingen in die russische Geschichte ein. Da war etwa Orlov, der
tapfere Gardist, der ihr zum Thron verholfen und dessen Bruder den
verhaßten Gemahl beseitigt hatte. Oder Saltikov, der charmante
Aristokrat. Dann Poniatovski – Katharina hatte ihn sogar zum König
von Polen gemacht! Und der Größte von allen, jenes seltsame,
schwerblütige Genie, der einäugige Krieger Potemkin, der nun ihr
mächtiger Statthalter auf der Krim war. Hatte sie einen neuen
Liebhaber gewählt, so durfte er im allgemeinen ein Präsent von
hunderttausend Rubeln nach der ersten Nacht erwarten. Danach…
Potemkin, so hieß es, habe an die fünfzig Millionen erhalten. Bei
Hofe munkelte man, Potemkin selbst wähle ihre neuen Liebhaber
aus.
Für Alexander war es ein leichtes gewesen, mit dem großen Mann
Freundschaft zu schließen. Er bewunderte ihn aufrichtig und wurde
einer seiner treuesten Anhänger. Als Katharinas junger Liebhaber
Lanskoj zwei Jahre zuvor plötzlich starb – er habe seine Gesundheit
mit Liebestränken ruiniert, so ging das Gerücht –, hatte Alexander
die Gelegenheit beim Schopf gepackt und war geradewegs zu Potemkin
gegangen, um sich in Erinnerung zu bringen. Doch ein junger
Gardeoffizier war gerade vor Alexander vorgelassen worden und
errang die Gunst der Herrscherin. Potemkin war aber durchaus von
Bobrov als möglichem Bewerber beeindruckt, nicht zuletzt wegen
seiner Loyalität.
Das war vor einem Jahr gewesen. Alexander wartete voller
Unruhe. Er kannte den jungen Offizier flüchtig und sammelte nun
alle Informationen, die er über ihn bekommen konnte. Seine Freunde
bei Hof berichteten ihm, der junge Mann habe seine verliebten Augen
auf eine der Hofdamen geworfen und sei seiner derzeitigen Stellung
überdrüssig.
Was, wenn nun er, Bobrov, an die Reihe käme? Die Kaiserin war
nie schön gewesen. Obwohl ihre Züge klug und ansprechend wirkten,
war ihr Körper stämmig, um nicht zu sagen: vierschrötig. Sie war
nun siebenundfünfzig, und es hieß, daß sie mitunter an
Kurzatmigkeit leide. Aber immerhin war sie die Allherrscherin über
Rußland. Ihre Macht, ihre grandiose Position, ihr außergewöhnlicher
Geist machten sie für einen Mann wie Bobrov, der die höchsten Höhen
zu erklimmen gedachte, über alle Maßen begehrenswert. Und dann…
welch ein Schicksal! Die Mutter Rußlands und ihr mächtiges Imperium
zu seinen Füßen – er würde dem engsten Kreis derer angehören, die
mit der Kaiserin herrschten. Es gab auf der ganzen Welt keine
höhere Position. Er mußte nur noch ein wenig durchhalten.
Draußen glitt das schweigende St. Petersburg vorüber. Sie
kamen nun auf den weitläufigen Petersplatz vor der Admiralität. Zur
linken sah Alexander die lange Hängebrücke, die über die Neva zur
Vassiljev-Insel führte. Gegenüber dem Winterpalais zeichnete sich
der schlanke Turm der Peter-undPauls-Kathedrale gegen den
Nachthimmel ab.
Da nahm etwas auf dem großen Platz plötzlich Bobrovs Blick
gefangen. Er öffnete das Fenster des Schlittens und wurde seltsam
berührt beim Anblick des bronzenen Reiterstandbildes. Es war in
jahrelanger Arbeit von dem französischen Bildhauer Falconet
gefertigt und erst vor kurzem aufgestellt worden und galt bereits
als das berühmteste Standbild in ganz Rußland. Auf einem kolossalen
Granitblock erhob sich ein Pferd in dreifacher Lebensgröße auf der
Hinterhand. Darunter lag eine Schlange. Auf dem Pferd saß, mit
einer römischen Toga angetan, die Statue Peters des Großen. Mit der
linken hielt er die Zügel, während die Rechte mit einer wirklichen
Herrschergeste über die Neva hinwegdeutete. Es hieß, daß es auf der
Welt keinen größeren Granitblock, keine so große Bronzestatue gebe.
Dieser Anblick nahm Alexander jedesmal den Atem. All seine Träume
und Sehnsüchte schienen sich in dieser Hymne an die Macht Rußlands
zu vereinigen. Auf der Sockelplatte stand nichts als dies:
Für Peter I. von Katharina II.
Während Alexander schaute und schaute, schien
die Statue zu ihm zu sprechen, und zwar mit der Stimme seines
eigenen Ehrgeizes: Kleiner Mann, du würdest jetzt besser umkehren!
Nein, dachte Alexander. Das kann ich nicht. Ich bin schon zu weit
gegangen. Es ist besser, noch ein einziges Mal zu spielen – ein
Imperium zu gewinnen oder alles zu verlieren. Kurzentschlossen warf
er die Silbermünze aus dem Fenster.
»Lieber Alexander!« Sie lächelte. »Ich freue mich sehr, daß
Sie gekommen sind.«
»Dana Michailovna, Sie sehen wunderbar aus.« Er küßte ihr die
Hand. Nein, die Gräfin sah nicht schlecht aus. Sie mußte einmal
eine attraktive Frau gewesen sein. Ihr kleines, zu stark
geschminktes Gesicht erinnerte ihn an einen bunten Vogel, um so
mehr, als ihre Nase jetzt im Alter sehr ausgeprägt war. Ihre
kleinen blauen Augen blickten lebhaft. Sie trug ein bodenlanges
Kleid aus malvenfarbener Gaze, verziert mit weißer Spitze und rosa
Schleifen. Es mochte aus einer anderen modischen Epoche stammen –
und so sah die Gräfin aus wie eine Person der letzten Generation am
französischen Hof. Ihr Haar war aufregend hochgetürmt, gekrönt von
Löckchen, geschmückt mit Perlen und einem blaßblauen Band. Zum
Empfang der Gäste thronte Gräfin Turova auf einem vergoldeten Stuhl
inmitten des Salons, zu dem man über die Treppe in der großen
Marmorhalle gelangte. Wie in allen russischen Palästen war dieser
Salon weiträumig und vornehm. Die Decke war über sechs Meter hoch,
und in der Mitte funkelte ein gigantischer Kronleuchter. Das
glänzende Parkett setzte sich aus mindestens zwölf verschiedenen
Holzarten zusammen.
Alexander kannte viele der Gäste. Da waren ein deutscher
Professor, ein englischer Kaufmann, zwei junge Schriftsteller, ein
vornehmer alter General, ein noch älterer Fürst. Es gehörte zu den
Vergnügungen von St. Petersburg, daß man in solchen
aristokratischen Kreisen Menschen aus allen Nationen und Klassen
traf. Es war schon eine lange Tradition, daß diese Leute einmal
wöchentlich im großen Turov-Haus auf der Vassiljev-Insel
zusammenkamen. Der Graf war ein bemerkenswerter Mann gewesen. Er
hatte dreißig Jahre zuvor zusammen mit dem berühmten Schuvalov die
Moskauer Universität gegründet. Die Schriftsteller um die Mitte des
18. Jahrhunderts – die erste intellektuelle Gruppe in Rußland –
zählten ihn zu ihrem Freundeskreis; selbst Lomonossov, der erste
russische Philosoph und Wissenschaftler, suchte ihn des öfteren
auf. Turov war weit gereist – er hatte sogar Voltaire besucht, und
von überall aus Europa hatte er kostbare Gemälde, Skulpturen und
Porzellan mitgebracht, ebenso wertvolle Bücher, die immer noch in
der Bibliothek des Hauses standen. Die Gräfin, eher eine
geschwätzige Natur, hatte im Lauf ihres Ehelebens einige seiner
Gedanken übernommen und hing nun an diesen Dingen mit einer
Zähigkeit, die im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Intelligenz
stand. Sie führte ein offenes Haus für Intellektuelle, die sich –
teils aus Gewohnheit, teils amüsiert durch das exzentrische Gehabe
der Gräfin – weiterhin bei ihr einfanden.
Nichts jedoch reichte an den Hauptgegenstand ihrer konstanten
Verehrung heran. Während sie ihren verstorbenen Gemahl hoch
achtete, hatte sie ihrem größten Helden, Voltaire, eine wahre
Kultstätte errichtet. Eine seiner Büsten stand auf einem Sockel in
der großen Marmorhalle, eine zweite auf dem Absatz des weitläufigen
Treppenhauses. Sein Porträt hing in der Galerie im oberen
Stockwerk, eine dritte Büste hatte ihren Platz in einer Ecke des
Salons. Der große Philosoph war ihre Ikone.
Aus Achtung vor Voltaire, Diderot und anderen französischen
Philosophen der Aufklärung wurde im Haus der Turova nur Französisch
gesprochen. Man mußte sich gut überlegen, was man sagte, denn die
alte Dame gefiel sich darin, andere bloßzustellen. Ihr
Lieblingsspruch lautete: »Vorsicht, Monsieur, ich schlafe mit
offenen Augen.«
Jetzt jedoch berührte sie leicht Bobrovs Arm. »Entfernen Sie
sich nicht zu weit, mon chér Alexandre; ich brauche Sie heute abend
unbedingt. Im Augenblick sind Sie entlassen. Ich sehe, da wartet
jemand auf Sie.« Alexander wandte sich um. Und lächelte.
Das Haus der Gräfin Turova war großzügig angelegt und hatte
einen klassischen Portikus zwischen zwei Flügeln. Die Räume des
tiefer liegenden Erdgeschosses hatten in etwa Straßenniveau; viele
Adlige mit ähnlichen Räumlichkeiten vermieteten diese an vornehme
Kaufleute und Ladenbesitzer. Die Gräfin dagegen zog es vor, das
Haus allein mit ihren Bediensteten zu bewohnen. Mit einer Ausnahme
allerdings: Eine verwitwete Französin, Madame de Ronville, durfte
eine Zimmerflucht im Ostflügel bewohnen. Dies kam der Gräfin sehr
gelegen: Madame war zwar keine bezahlte Gesellschafterin, jedoch
darauf angewiesen, daß die Miete für die hübsche Wohnung niedrig
blieb – und so war es selbstverständlich, daß sie der Gräfin
jederzeit zur Unterhaltung zur Verfügung stand. »Es ist für sie
höchst angenehm in meiner Nähe«, war die selbstgefällige Meinung
der Gräfin. Auch für Alexander Bobrov war die Situation angenehm:
Madame de Ronville war seine Geliebte. Konnte es eine charmantere
Person in St Petersburg geben? Sie waren seit zehn Jahren ein
Liebespaar, und obwohl sie fast fünfzig Jahre zählte, war er ihrer
noch nicht überdrüssig. Adelaide de Ronville trug ein rosafarbenes
Seidenkleid, das in der Taille eng eingehalten war und sich über
einem Reifrock öffnete. Die Corsage war mit applizierten
Seidenblumen verziert, was die vornehmen Franzosen als
complaintes indiscrètes bezeichneten. Das Haar war gelackt
und gepudert und auf reizende Weise von zwei kleinen
Diamantenspangen gekrönt. Als sie schweigend neben ihm stand, wurde
er sich ihres schmalen weißen Körpers bewußt, der unter der
seidenen Hülle verborgen war. Ihre großen blauen Augen strahlten
vor Vergnügen, während sie Alexander die Situation erklärte. »Ihre
beiden Stars des heutigen Abends, Radischtschev und Fürstin
Daschkova, sind nicht erschienen«, flüsterte sie. »Also müssen Sie
Hauptakteur – und ihr Gladiator sein. Viel Glück!«
Das hatte sich ja fabelhaft getroffen. Jetzt kann ich ihr so
einen Gefallen erweisen, daß sie mir schließlich alles hinterlassen
wird!
Es gab wahrscheinlich im ganzen aufgeklärten St. Petersburg
keine geistreicheren Personen als die Fürstin Daschkova und den
Schriftsteller Radischtschev. Sie war eine furchtlose Verfechterin
freiheitlicher Ideen, und die Kaiserin hatte sie an die Spitze der
russischen Akademie gestellt. Radischtschev verfaßte großartige
Essays. Wie gut für ihn, Alexander, daß die beiden nicht gekommen
waren. Denn trotz all seiner Bemühungen war Alexander sich nie
sicher, ob die alte Gräfin ihn überhaupt ernst nahm. Seine Artikel
wurden weithin gelobt. Er hatte sogar, wie Radischtschev, anonyme
Artikel für Zeitschriften über gewagte Themen wie etwa die
Demokratie oder die Abschaffung der Leibeigenschaft geschrieben,
die selbst in Katharinas aufgeklärtem Rußland immer noch zu radikal
für eine öffentliche Diskussion waren. Er hatte ihr diese Artikel
gezeigt und ihr gegenüber das Geheimnis der Urheberschaft gelüftet.
Trotzdem wußte er nicht, ob er sie damit beeindruckt hatte. Die
Rolle des Gladiators, wie die ständigen Gäste der Gräfin Turova das
nannten, war immer die gleiche. Während in anderen Salons die
subtile Kunst der kultivierten Debatte gepflegt wurde, liebte es
die Gräfin, wenn man sich in ihrem Beisein regelrechte Schlachten
lieferte. Das Opfer war jedesmal ein argloser Neuling mit
konservativen Ansichten, der einem Mann der Aufklärung
gegenübergestellt wurde – ihrem Gladiator –, dessen Aufgabe es war,
den Gegner außer Gefecht zu setzen und zu demütigen. Alexander
blickte zur Gräfin hinüber und sah, daß sich um sie bereits ein
Kreis von Gästen bildete. Zu ihrer linken bemerkte er einen neuen
Gast, einen General, einen gewandt wirkenden, grauhaarigen Mann,
klein, doch sehr aufrecht, mit durchdringenden dunklen Augen. Er
war vermutlich das Opfer. Das Ergötzliche an solchen Abenden war,
daß die Gräfin ohne viele Umschweife auf ihr Ziel lossteuerte. Sie
packte sozusagen einen der Kampfhähne und hetzte ihn auf sein
Gegenüber. In diesem Augenblick nun wandte sie sich dem General zu:
»Ich höre, daß Sie alle unsere Theater zu schließen wünschen«,
sagte sie vorwurfsvoll.
Der alte Herr starrte sie überrascht an. »Keineswegs, verehrte
Gräfin. Ich sagte nur, daß man in einem Stück zu weit gegangen sei
und daß es deshalb abgesetzt werden sollte. Es war
aufrührerisch.«
»Das sagen Sie. Und was meinen Sie, Alexander Prokofievitsch?«
Nun war er an der Reihe. Alexander liebte diese Debatten. Wenn auch
die Gräfin selbst oberflächlich sein mochte – bei den Diskussionen
in ihrem Salon ging es häufig um wichtige Themen, die Rußland und
seine Zukunft betrafen. Aus diesem Grunde hoffte er, den General
zur Strecke zu bringen, dabei war es ihm aber auch darum zu tun,
ein würdiger Gegner zu sein. Die Gräfin hatte das Thema vorgegeben:
Freiheit der Rede. Das war der Grundtenor der Aufklärung, den auch
die Kaiserin persönlich vertrat. Sie hatte nicht nur die private
Presse offiziell anerkannt, sondern auch selbst
Gesellschaftssatiren für die Bühne verfaßt. Nun also begann die
Debatte.
»Ich bin gegen die Zensur«, begann Bobrov. »Wenn Menschen die
Freiheit der Rede haben, wird die Stimme der Vernunft am Ende
siegen. Außer natürlich, Sie glauben nicht an die Existenz
menschlicher Vernunft.«
Die Gräfin hakte nach. »Glauben Sie daran, General?« Der
General, der die Kampfregeln noch nicht kannte, antwortete offen:
»Nicht unbedingt.«
»Die Geschichte mag ja auf Ihrer Seite sein, aber wie steht es
mit der Zukunft? Menschen können sich ändern, und damit auch die
Art und Weise, in der sie regiert werden. Denken Sie doch nur
daran, wie die Kaiserin ihre Enkel erziehen läßt. Lehnen Sie das
etwa ab?« Bobrov war zufrieden mit sich.
Es war allgemein bekannt, daß Katharina sich persönlich um
ihre Enkelsöhne Alexander und Konstantin kümmerte. Sie hatte ihnen
einen demokratisch gesinnten Schweizer Erfinder besorgt, der sie
lehrte, aufgeklärte Herrscher des riesigen Imperiums zu werden, das
sie ihnen zu hinterlassen gedachte.
»Ich bewundere die Kaiserin. Doch wenn ihr Enkel regiert, ob
er nun aufgeklärt ist oder nicht, wird er feststellen, daß seine
Handlungsmöglichkeiten beschränkt sind«, parierte der General. Die
Gräfin schien ungeduldig: »Zweifellos würden Sie demnach den
Großfürsten Paul als Regenten vorziehen?« Bobrov lächelte.
Großfürst Paul, Katharinas einziger legitimer Sohn, war für die
Gräfin ein Objekt abgrundtiefen Hasses. Er war ein merkwürdiger,
übellauniger Bursche und eiferte dem ermordeten Zaren Peter III.
nach. Er verabscheute die Kaiserin, weil sie ihm die Söhne genommen
hatte, und erschien selten bei Hof. Er war ein von militärischer
Disziplin Besessener und hatte kein Interesse an der Aufklärung; es
ging das Gerücht, Katharina werde ihn eines Tages bei der
Thronfolge zugunsten seiner Söhne übergehen. Trotzdem würde kein
vernünftiger Beamter wie der General schlecht über einen Mann
sprechen, der vielleicht eines Tages doch der Herrscher sein würde.
Klugerweise sagte der alte Mann also nichts.
Bobrov ließ nicht locker: »Um auf die Zensur zurückzukommen –
welchen Schaden kann ein Theaterstück praktisch anrichten?«
»Wahrscheinlich keinen«, gab der General zu, »doch ich habe
etwas gegen das Prinzip der freien Rede. Sie unterstützt den Geist
der Opposition um ihrer selbst willen. Die größte Gefahr aber ist
nicht die Wirkung auf das Volk, sondern auf seine Herrscher. Wenn
nämlich eine sogenannte aufgeklärte Regierung meint, sie müsse ihre
Handlungsweise mit Vernunft rechtfertigen, glaubt sie moralisch
verpflichtet zu sein, aus jeder Auseinandersetzung siegreich
hervorzugehen. Was geschieht nun, wenn eine mächtige und
zielgerichtete Gruppe, die sich nicht um Auseinandersetzung und
freie Rede kümmert, sich gegen eine solche Regierung stellt? Sie
wird hilflos. Es hat keinen Sinn, einen Philosophen zu bitten, uns
gegen Tschingis Khan zu verteidigen.«
»Immerhin fielen die Tataren in Rußland ein, weil es nicht
einig war«, gab Bobrov zu bedenken. »Ich glaube, daß heutzutage und
in Zukunft nur solche Regierungen stark und einig sind, die das
Vertrauen eines freien Volkes haben.«
»Dem stimme ich nicht zu«, widersprach der General. »Freiheit
schwächt.«
»Sie fürchten das Volk?« Bobrovs Stimme klang klar durch den
Raum.
»Ja, gewiß. Denken Sie nur an Pugatschev.« Es war, als käme
ein Aufseufzer von den Umstehenden. Seit dem letzten schrecklichen
Bauernaufstand unter der Führung des Kosaken Pugatschev waren erst
zwölf Jahre vergangen. Wie Razins Aufstand war er wegen fehlender
Strategie und Organisation niedergeschlagen worden, doch hatte er
den gesamten russischen Adel und die kaiserliche Regierung wieder
einmal an den düsteren Satz erinnert: Das Volk ist gefährlich, und
wir müssen es fürchten. Mehr brauchte man also nicht zu sagen als:
Denken Sie an Pugatschev.
Der General fuhr fort: »Rußland ist groß und rückständig, ein
Imperium aus Dörfern. Nur ein starker Autokrat kann es gemeinsam
mit dem Adel zusammenhalten. Die Kaufleute und Bauern haben keine
gemeinsamen Interessen mit dem Adel, und wenn man sie miteinander
debattieren läßt, wird es zu keiner Einigung kommen. Unsere
aufgeklärte Kaiserin weiß das nur zu gut.« Es stimmte, daß
Katharina als Autokratin regierte. Der von Peter eingesetzte Senat
und Rat ratifizierten lediglich ihre Entscheidungen. Was die
Debatten anbetraf: Als Katharina bei dem Versuch, Rußlands
veraltete Gesetze zu reformieren, einen Rat von Vertretern aller
Klassen einberief, lehnten diese es ab, miteinander zu arbeiten,
und so wurde der Rat aufgelöst. »Diese Dinge brauchen Zeit«,
beschwichtigte Bobrov. »Nein. Der Adel ist der einzige Stand in
Rußland, der fähig ist zu regieren«, beharrte der General. »Er hat
seine Privilegien, weil Rußland sie braucht. Wollen wir sie denn
verlieren?« Der von Peter eingesetzte Adelsstand hatte dem Staat zu
dienen, und er war stolz darauf. Katharina, die die Unterstützung
der Adligen brauchte, hatte ihnen die Gemeindeverwaltung
übertragen. Die im vergangenen Jahr verabschiedete
Verfassungsurkunde hatte sie mit allen nur möglichen Privilegien
ausgestattet. Kein anderer Stand durfte Land besitzen. Adlige
bezahlten keine Steuern. Sie durften nicht ausgepeitscht werden.
Sie durften sogar ins Ausland reisen. Auf diese Weise hatte der
General strategisch geschickt an die persönlichen Interessen der
meisten Anwesenden appelliert. Privilegien sind eine Sache –
Philosophie eine andere. Es war an der Zeit für Alexanders
Gegenangriff. »Sie vergessen dabei die Naturgesetze.«
Die Gräfin lächelte erleichtert. Die Naturgesetze gehörten zu
den bevorzugten Ideen der Aufklärung.
»Der Bauer ist ungebildet, aber er ist deshalb nicht weniger
ein Mensch als ich. Auch er ist vernünftiger Gedanken fähig. Das
ist unsere Hoffnung für die Zukunft.« Bobrov bewegte sich auf
vertrautem Terrain.
»Sie wollen ihm also Erziehung angedeihen lassen?« fragte der
General erstaunt. »Warum nicht?«
Da zuckte es in den Augen des Generals auf. Dieser schlaue
Staatsbeamte war zu weit gegangen. »Nun, Alexander Prokofievitsch,
wenn der Bauer so vernunftbegabt ist, wie Sie sagen, und eine
Erziehung erhält – wer soll dann das Land bestellen? Der Bauer wird
frei sein wollen. Er wird die Regierung und er wird die Kaiserin
absetzen wollen. Ihr eigenes Gesetz der Vernunft wird Sie
davonjagen. Es gäbe ein unvorstellbares Chaos. Wollen Sie das?«
Auch der alte Mann seinerseits fühlte sich auf sicherem Grund. Über
fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung waren Bauern –
halbstaatliche Bauern mit einigen unbedeutenden Rechten, und
halbprivate Leibeigene, die Leuten wie Bobrov gehörten. In jenem
Jahrhundert hatte man ihre Rechte noch weiter eingeschränkt: Sie
konnten, wie Vieh, gekauft und verkauft werden. Selbst die
aufgeklärte Kaiserin hatte lediglich gewagt, dem Adel zu empfehlen,
seine Leibeigenen gut zu behandeln.
Doch Alexander lächelte leise. Nun galt es den letzten Stoß zu
führen. »Gestatten Sie, daß ich Ihnen widerspreche. Die Vernunft,
General, zwingt mich nicht, so zu tun, als sei mein Leibeigener ein
Tier, dem ich die Menschenrechte abspreche. Vielleicht ist mein
Leibeigener noch nicht in der Lage, ein freier Mann zu sein, aber
möglicherweise seine Kinder. Die Vernunft zwingt mich nicht zu der
Annahme, daß freie Bauern mein Land nicht mehr bearbeiten wollen.
Sie sagen, daß ein Bauer mit Erziehung jede Art von Autorität
ablehnt und die Kaiserin zu stürzen versucht. Warum aber dienen wir
selbst als gebildete Männer mit Freuden einer Autokratie? Weil die
Vernunft uns sagt, daß das notwendig ist. Ich behaupte eher, daß
die Vernunft uns weise Gesetze gibt und so viel Freiheit, wie für
uns gut ist.
Ich bin froh, daß meine Kaiserin diese Dinge entscheidet und
daß sie vernünftigen Menschen gestattet, ohne Zensur darüber zu
diskutieren. Ich diene meiner Kaiserin gern, und ich hole mir meine
Inspiration vom großen Voltaire, so habe ich nichts zu befürchten.«
Genau dies hatte Gräfin Turova hören wollen. Wie die Kaiserin bei
ihren Untergebenen, entschied auch sie, was für die viertausend
vernünftigen Wesen, die ihr derzeit gehörten, das Beste war, und
zweifellos waren sie glücklich darüber, daß ihre Besitzerin so
aufgeklärt war.
Der kleine Kreis applaudierte heftig. Alexander hörte die alte
Dame murmeln: »Ach, mein Voltaire.« Der General sagte kein Wort.
Wie immer bei diesen Zusammenkünften gehörte der größte Teil des
Abends nach der Gladiatorendebatte dem Kartenspiel. Bobrov spielte
eine Stunde lang, und er spielte schlecht. Wie hätte er sich auch
konzentrieren sollen? So bald wie möglich entschuldigte er sich,
stellte sich unauffällig in den Hintergrund und beobachtete die
Gräfin. Als sie schließlich aufstand und sich ihm zuwandte, ging er
ihr entgegen.
»Dana Michailovna, darf ich Sie unter vier Augen sprechen? Es
handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.« Sie warf ihm einen
kühlen Blick zu und winkte ihm, ihr ins Vorzimmer zu folgen. Dort
setzte sie sich auf ein kleines vergoldetes Sofa, bot ihm jedoch
keinen Platz an. »Also, was wünschen Sie, Alexander
Prokofievitsch?«
»Wie Sie vielleicht gehört haben, Dana Michailovna, waren
Unterhandlungen mit verschiedenen Persönlichkeiten wegen meiner
möglichen Wiederverheiratung im Gange.« Ihr Gesicht blieb
unbeweglich. »Als vorbereitende Maßnahme zu diesen Unterhaltungen
baten mich natürlich einige Beteiligte um Aufdeckung meiner
Vermögensverhältnisse. Es tauchte die Frage auf«, fuhr er
vorsichtig fort, »ob ich neben meinen derzeitigen Besitzungen noch
Weiteres zu erwarten habe.« Er hielt inne in der Hoffnung, sie möge
ihm weiterhelfen.
Sie blickte auf. »Ich wußte nicht, daß Sie noch etwas
erwarten«, sagte sie zuckersüß.
»Ich nehme an, ich habe nichts zu erwarten, Dana Michailovna,
aber ich wagte zu hoffen, daß Sie als meine Verwandte die
Möglichkeit in Betracht gezogen haben könnten, mich in Ihrem
Testament zu bedenken. Wenn nicht, werde ich mich
selbstverständlich danach richten.«
Die alte Gräfin zeigte keinerlei Gefühlsregung. Er hatte keine
Ahnung, was sie dachte. »Können Sie mir wenigstens eine der
Familien nennen, mit denen Sie verhandelt haben?« Offensichtlich
glaubte sie ihm nicht. Er erwähnte die Familie des deutschen
Mädchens. »Ich gratuliere Ihnen. Eine gute baltische Familie.« Sie
lächelte ihn an. »Wie ich allerdings höre, Alexander
Prokofievitsch, hat das Mädchen ein beträchtliches Erbe. Bestimmt
brauchen Sie nicht mehr, als sie bereits hat. Außer natürlich«,
fuhr sie leise fort, »dies hätte überhaupt nichts mit Ihrer Heirat
zu tun. Vielleicht sind Sie einfach in einer heiklen finanziellen
Lage.«
»Aber nein!« Die alte Hexe!
»Haben Sie denn Schulden?«
»Alle Männer haben Schulden.«
»Das höre ich.« Die Gräfin zog hörbar die Luft ein. Eine Weile
hing sie ihren Gedanken nach. Dann fuhr sie fort: »Nun, wenn Sie
heiraten, wird man Sie ja hier nicht mehr so oft sehen.«
»Aber doch, Dana Michailovna. Ich werde meine Frau häufig
hierher bringen.«
»Ohne Zweifel… Sind Sie völlig ruiniert?«
»Nein«, log er.
»Ich sollte Ihnen sagen, Alexander Prokofievitsch, daß Sie
momentan in meinem Testament nicht erwähnt sind.« Er zuckte nicht
mit der Wimper, doch er merkte, daß er sehr blaß wurde. Trotzdem
blickte er sie tapfer an.
»Immerhin war Ihr Vater mein Verwandter«, sie schnaufte
hörbar, »und Sie sind offenbar in Schwierigkeiten. Deshalb werde
ich Sie in meinem Testament bedenken. Erwarten Sie kein großes
Vermögen, aber es wird genug sein.« Mein Gott, es gab also noch
Hoffnung.
»Es ist Zeit für mein Kartenspiel.« Ohne auf seine Hilfe zu
warten, stand sie rasch auf. Dann sagte sie unvermittelt: Ȇbrigens
knüpfe ich eine Bedingung daran, Alexander Prokofievitsch. Ja, ich
glaube, es wird Zeit, daß Sie heiraten. Sie bekommen Ihr Legat,
doch nur, wenn Sie das baltische Mädchen heiraten.« Sie lächelte
fröhlich. »Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen, Monsieur.« Und damit
verließ sie das Zimmer.
Er blickte ihr nach. Mit infernalischem Spürsinn hatte sie
herausgefunden, daß dies genau das war, was er nicht hatte hören
wollen.
Das große Haus lag ruhig da. Die Gäste waren gegangen.
Alexander und seine Geliebte hatten sich in ihre Wohnung im
Ostflügel zurückgezogen, und nun konnten sie sich endlich allein
unterhalten. Natürlich sprachen sie über seine Heirat. Der Flügel
war vom Haupthaus durch einen Verbindungsgang zu erreichen. Er
hatte auch einen separaten Eingang von einer kleinen Hintertreppe
aus, die auf die Straße führte. Alles war für eine diskrete Affäre
wie geschaffen. Adelaides Räume waren wunderhübsch eingerichtet.
Sie hätten sich auch in ihrem Heimatland Frankreich befinden
können: Möbel im Stil von Louis XV. und Louis XVI.; ein
Aubusson-Teppich mit einer umlaufenden Blumengirlande; schwere
Vorhänge aus geblümter Seide mit Volants und Quasten; Tapisserien
mit entzückenden Schäferszenen. Dies alles hatte Madame mit
spielerischer Leichtigkeit zusammengestellt, und das Ambiente
strahlte einen ganz persönlichen Charme aus. Als Alexander ihr von
der Bedingung der Gräfin berichtete, nahm die Geliebte Bobrov
zärtlich beim Arm und lächelte. »Sie müssen das Mädchen heiraten,
mein Freund.«
Sie war wirklich eine ungewöhnliche Frau. Halb Französin, halb
Polin, ziemlich groß, mit einer Alabasterhaut. Bis zum Alter von
fünfunddreißig Jahren war sie brünett gewesen, nun war ihre
natürliche Haarfarbe eisgrau. Sie hatte ein ovales Gesicht,
mandelförmige braune Augen und einen breiten, spöttischen Mund. Sie
war sehr schlank, hatte eher hohe Brüste, aber ihre Schenkel waren
ein wenig üppig, was Alexander beim Liebesspiel in höchste
Leidenschaft versetzte.
Es war erstaunlich, wie wenig Adelaide sich während ihrer
zehnjährigen Liaison verändert hatte. Sie war ihr ganzes Leben
schlank gewesen und hatte auch jetzt noch einen straffen Körper.
Sie bewegte sich mit einer wundervoll geschmeidigen Anmut. Als
Alexander hier und dort altersbedingte Veränderungen bemerkte, für
die sie ja nichts konnte, liebkosten seine Hände eben andere
Körperteile. Adelaide war für diese Verbindung sehr dankbar. Sie
genoß ihren kleinen Triumph, diesen selbstgefälligen Mann immer
noch in erotisches Entzücken zu versetzen. Bobrov liebte sie auf
seine Weise. Seine Affären mit jüngeren Frauen hatten ihm nie
soviel bedeutet. Außerdem konnte er sich mit ihr gut unterhalten.
Sie hatten kaum Geheimnisse voreinander. Sie kannte alle seine
Pläne, wußte sogar, daß er sie für das Lager der Kaiserin verlassen
würde.
»Das ist eine Karriere«, war ihre nüchterne Bemerkung dazu
gewesen. »Sie müssen sich dieses deutsche Mädchen sofort sichern«,
sagte sie nun.
»Ich habe eigentlich gar keine Lust dazu, wissen Sie.«
»Seien Sie dankbar, daß sie Sie liebt, chér ami. Vielleicht
tut es Ihnen gut.«
»Und Ihnen?«
Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Es ist gut, eine Familie
zu haben.«
»Vielleicht.«
»Enfin. Sie werden mich nicht mehr besuchen.«
»Selbstverständlich werde ich das.« Er wollte ein guter
Ehemann werden, aber er hatte nicht den Wunsch, Adelaide zu
verlassen. Sie schüttelte den Kopf. »Sie müssen viel Zeit mit Ihrer
Frau verbringen.«
»Ich weiß«, seufzte er. »Aber Sie werden mir nicht verbieten,
Sie zu besuchen?«
Sie zuckte die Achseln. »Wir werden sehen.« Ihm mißfiel der
Gedanke, sie könnte sich einen anderen Liebhaber nehmen. Ihr Blick
deutete an, daß es nun nichts mehr zu sagen gebe. Er folgte ihr ins
Schlafzimmer, das über eine kleine Treppe zu erreichen war.
Es war kurz nach ein Uhr nachts, als Alexander erwachte.
Nachdem sie sich geliebt hatten, war er sofort in tiefen Schlaf
gesunken, aber trotzdem war er unruhig. Er wurde von einem Bild
verfolgt, das so lebendig, so eindringlich war, daß es ihm mehr
eine Vision als ein normaler Traum schien.
Es war die Gräfin. Sie blickte ihn anklagend an, erhob ihren
drohenden Finger gegen ihn und sagte: »Voltaire, Voltaire.« Obwohl
dies keinen Sinn ergab, war dieser Traum für Alexander zutiefst
beeindruckend und erschreckend.
Er lag eine Zeitlang da und versuchte seine Gedanken zu
ordnen. Es war tröstlich, Adelaide schlafend neben sich zu wissen.
Allmählich fühlte er sich wieder besser. Als er sie leise berührte,
öffnete sie verschlafen die Augen: »Wollen Sie es noch einmal?« Sie
streckte die Arme nach ihm aus. »Kommen Sie!« Als er sich jedoch
ganz in diese zweite Vereinigung eingelassen hatte, tauchte vor der
hellen Gestalt der Geliebten eine andere vor seinen Augen auf. Es
war wieder die alte Gräfin. Diesmal sagte sie nichts; ihr weißes
Gesicht war tatsächlich so bewegungslos, daß es aussah, als schlafe
sie – außer daß sie mit weit offenen Augen vor sich hinstarrte.
Sosehr er auch versuchte, die Erscheinung zu bannen, sie blieb
hartnäckig zwischen ihnen, starrte ihn unverwandt an, als wollte
sie sagen: Sehen Sie, ich schlafe mit offenen Augen.
Es war absurd. Er versuchte nicht an sie zu denken, doch die
Erscheinung ließ ihn nicht los. Schlief sie wirklich mit offenen
Augen? Während sich sein Körper langsam im Liebesakt bewegte,
konnten sich seine Gedanken nicht von dieser Vorstellung losreißen.
Schlief sie gerade jetzt und starrte dabei die ganze Zeit in die
Ferne? Diese Frage wurde mit jedem Augenblick dringlicher für
ihn.
Plötzlich hielt er inne und entzog sich Adelaides Umarmung.
»Ich muß gehen. Ich muß sie sehen. Die alte Frau.«
»Gräfin Turova? Sie sind verrückt. Sie schläft doch.«
»Ich muß sie schlafend sehen. Ich muß wissen, ob ihre Augen
offen sind.«
Adelaide setzte sich auf. »Meinen Sie das im Ernst? Sie wollen
zu ihr hinüber, in ihr Schlafzimmer gehen?« Sie schüttelte den
Kopf, wußte nicht, ob sie ärgerlich oder amüsiert über seine
abwegige Idee sein sollte.
»Ich bleibe nicht lange.« Er zog sich nur die Jacke über,
falls es im Gang kalt sein sollte. Auf Strümpfen machte er sich auf
den Weg in das Haupthaus.
Alles war still. An der marmornen Treppe gab eine tropfende
Kerze ein wenig Licht. Neben dem Eingang schlief ein alter Lakai
auf einer Bank. Alexander wußte, daß sich im Obergeschoß außer der
Gräfin und einer alten Dienerin, die in einem kleinen Zimmer
schlief, niemand befand. Er kannte das Haus gut. Leise stieg er die
Holztreppe zum Schlafgemach der Gräfin hinauf. Oben war ein kleiner
Absatz. Von rechts hörte er die gleichmäßigen tiefen Atemzüge der
Dienerin. Zur linken war die Tür des größeren Raumes nur angelehnt.
Ein Lichtschein drang heraus, aber kein Laut. Alexander warf einen
Blick durch den Spalt.
Auf einem bemalten Holztisch stand ein großer, dreiarmiger
Silberkandelaber. Die Kerzen waren heruntergebrannt, aber sie
verbreiteten immer noch genügend Helligkeit. Das Bett war nicht zu
sehen. Alexander stand eine volle Minute unschlüssig da. Wenn sie
nicht schlief und er die Tür öffnete, würde sie das sicher
bemerken. Sie würde schreien, das ganze Haus würde aufwachen, und
wie sollte er sich dann rechtfertigen? Er horchte angestrengt, ob
sie atmete. Er hörte nichts.
Gewiß schlief sie schon. Als er vorsichtig die Tür öffnete,
knarrte sie. Er wartete, sein Herz klopfte wild. Immer noch kein
Laut. Nun öffnete er die Tür ganz und trat ins Zimmer. Das Bett
stand rechts. Es war ein gewaltiges Möbel mit vier geschnitzten
Pfosten und einem Baldachin, mit schwerer geraffter Seide behangen.
Zu beiden Seiten stand je ein Nachttisch mit einer brennenden Kerze
darauf. Inmitten dieses prächtigen Arrangements saß, von Kissen
gestützt, Gräfin Turova. Das Haar hing ihr lose auf die Schultern,
ihr Kinn ruhte auf dem reichen Spitzeneinsatz ihres Nachthemdes,
und ihr Mund stand ein wenig offen. Alexander starrte geradewegs in
ihre geöffneten Augen. Er stand stocksteif da und wartete darauf,
daß sie etwas sagte. Würde sie jetzt schreien, würde sie böse
werden? Ihr Gesicht war ausdruckslos. Er konnte jedoch sehen, daß
sie atmete. So verblieben die beiden eine Weile in völliger Stille;
dann kam von ihren Lippen ein kleiner schmatzender Laut, ein
einzelner leiser Schnarchton. Da wurde es Alexander bewußt: Mein
Gott, es ist wahr! Sie schläft tatsächlich mit offenen Augen. Er
dachte, daß er jetzt wieder gehen sollte. Er hatte gesehen, was er
sehen wollte. Doch etwas hielt ihn noch zurück. Er sah sich im
Zimmer um. In einer Ecke stand eine weitere Büste von Voltaire; auf
einem Tisch lagen einige Bücher, daneben stand ein Stuhl. Im
übrigen war das Zimmer sparsamer möbliert, als er es sich
vorgestellt hatte. Auf dem Boden lag nur ein dünner Teppich. Als
Alexander leise durchs Zimmer ging, blieben ihre Augen vollkommen
unbeweglich. Er stand am Fußende des Bettes und blickte sie an.
Plötzlich verneigte er sich tief vor ihr. Ihre Augen bewegten sich
nicht. Er lächelte vor sich hin und verbeugte sich noch einmal. Wie
waren seine Gefühle für sie? Haßte er sie für das, was sie ihm
angetan hatte? Eigentlich nicht. Sie war immer schon eigenwillig
und exzentrisch gewesen. In diesem Augenblick war er tatsächlich
erleichtert, daß er so vor ihr stehen konnte, ohne sie, wie sonst,
fürchten zu müssen.
Er ging an den Tisch und warf einen flüchtigen Blick auf die
Bücher. Da waren ein paar französische Schauspiele und mehrere
Zeitschriften. Eine enthielt einen radikalen Artikel von
Radischtschev. Als er die übrigen ansah, war er höchst überrascht
bei der Feststellung, daß sie Artikel von seiner Hand enthielten.
Dies waren die anonymen Artikel, die gewagten Aufsätze über
Demokratie und Leibeigenschaft, gerade noch an der Grenze des
Erlaubten. In diesen Artikeln war vieles unterstrichen, es gab
Randbemerkungen von der Hand der Gräfin. Sie interessierte sich
also wirklich dafür.
Schließlich stand Alexander auf, und zum Abschluß dieser
kuriosen Posse, die das Schicksal ihm beschert hatte, vollführte er
ein paar Tanzschritte vor der Gräfin, verbeugte sich noch einmal
feierlich und zog sich zurück. Als er durchs Haus ging, war kein
Laut zu hören.
Als Gräfin Turova sicher war, daß Alexander das Haus verlassen
hatte, rief sie nach ihrer Zofe.
Tatjana war so verliebt, daß es fast
schmerzte. Kam Alexander ihr nahe, zitterte sie; lächelte er sie
an, errötete sie; hörte sie einen Tag lang nichts von ihm, wurde
sie blaß und stumm. Zur Zeit sah sie sehr schmal aus – sie hatte
zwei Wochen lang kaum etwas gegessen.
Seit dem frühen Morgen stand sie am Fenster und sah hinaus. Es
wurde bereits dunkel, als sie von unten Geräusche hörte. Nach einer
Weile erschien ihr Vater in der Tür.
»Alexander Prokofievitsch macht dir seine Aufwartung. Er
möchte dir etwas sagen.«
Tatjana stand auf, sie zitterte ein wenig. Zu ihrem Schrecken
sah ihr Vater besorgt aus. »Ehe du hinuntergehst, Tatjana, muß ich
dich etwas fragen: Bist du dir absolut sicher, daß du diesen Mann
willst?« Sie starrte ihn an. Also war Alexander gekommen, um sie zu
holen. Sie errötete. Wie konnte ihr Vater nur so etwas fragen!
»Einen Augenblick, Papa.« Sie lief in ihr Zimmer, die Mutter folgte
ihr, der Vater blieb zurück. Er hatte seine Vorbehalte gegen
Bobrov. Alexander wartete unten. Eine Viertelstunde später öffnete
sich die Tür. Alexander war überrascht von Tatjanas Anblick. Sie
trug ein leuchtendblaues Kleid, das wundervoll zu ihrem hellen
Teint paßte und ihre blaßblauen Augen strahlender erscheinen ließ.
Er hatte ihr Gesicht rund und sanft in Erinnerung; nun aber hatte
es den kindlichen Ausdruck verloren, und ihre Haut schimmerte fast
durchsichtig. Ruhig lächelnd ging sie auf ihn zu. »Mein Vater sagte
mir, daß Sie mich zu sprechen wünschen, Alexander.«
Er war von ihrem veränderten Anblick beeindruckt. Nun, diese
starke junge Frau schien durchaus in der Lage, jenen erstaunlichen
Brief zu schreiben, der ihn hatte zu Kreuze kriechen lassen. Was
Alexander nicht wissen konnte: Tatjana hatte den Brief gar nicht
geschrieben, genauer gesagt, es war zwar ihre Handschrift, sie
hatte aber den Text nicht verfaßt. Und während sie schrieb, blickte
sie immer wieder unsicher und mit Tränen in den Augen zu der alten
Dame hin, die ihn in aller Ruhe diktierte. Als nämlich Tatjanas
Mutter die Seelenpein des Mädchens nicht länger hatte mit ansehen
können, wandte sie sich an die einzige Person, die die
Angelegenheit mit Sicherheit regeln konnte. Und so hatte sie
Tatjana heimlich mit zur Gräfin Turova genommen, obwohl sie die
Dame kaum kannte.
Die Gräfin hatte einen strengen Ton in dem unerhörten Brief
angeschlagen. Sie war einigermaßen stolz auf ihr Werk und voller
Vertrauen auf das Ergebnis. »Er gehört dir, wenn du ihn willst«,
sagte sie voraus.
Warum hatte Gräfin Turova sich dieser Mühe unterzogen?
Keinesfalls weil Alexander oder dieses kleine deutsche Mädchen ihr
sonderlich am Herzen lagen. Immerhin war er ein Verwandter, und das
Mädchen war eine reiche Erbin. War Alexander erst einmal mit einer
reichen Frau verheiratet, konnte er ihr vielleicht doch von Nutzen
sein. Außerdem war es eine grandiose Gelegenheit, Macht auszuüben.
Sie genoß es, den Spieler in seinem eigenen Spiel zu
übervorteilen.
»Du weißt natürlich, daß er eine Geliebte hat«, bemerkte sie
in aller Beiläufigkeit.
Tatjana errötete. Sie wußte es, denn ihre Mutter hatte es
längst herausgefunden. Doch das war bei einem älteren Mann zu
erwarten – es machte ihn noch geheimnisvoller und aufregender. »Ich
bin sicher, daß er, wenn er mit einem jungen Mädchen wie Tatjana
verheiratet ist, keine Geliebte mehr braucht«, meinte die Mutter
hoffnungsvoll.
»Im Gegenteil«, widersprach die alte Dame. »Je mehr ein Mann
in einem gewissen Alter bekommt, desto mehr will er.« Sie wandte
sich an Tatjana. »Du darfst ihm weder Zeit noch Gelegenheit dazu
geben, wenn du einen treuen Ehemann haben willst.«
Mit dieser Auskunft und dem scharf formulierten Brief
ausgerüstet, kehrte das sich in Liebeskummer verzehrende Mädchen
nach Hause zurück und wartete ab. Ihr Leid hatte Tatjana gestärkt.
Nun, im Augenblick ihres Triumphs, wirkte sie völlig gelassen.
Sosehr sie ihn auch begehrte – sie durfte ihm keine Gelegenheit
mehr geben, sie zu demütigen. Von jetzt an wollte sie ihm zeigen,
daß es ein Glück für ihn sei, sie zu bekommen, nicht umgekehrt. Und
ich werde ihn dieser Französin wegnehmen, dachte sie. Es schneite
leicht an dem Abend, als Alexander durch die Stadt ging. Er ging
rasch, blickte sich jedoch von Zeit zu Zeit vorsichtig um, ob
jemand ihm folgte. Er kam an einer Kirche vorbei und bog dann um
die Ecke in eine stille Straße.
Was, zum Teufel, war bloß mit dem Brief geschehen, den der
Fremde ihm am Abend zuvor gegeben hatte? Er hatte ihn zu Hause
sofort verbrennen wollen, doch dann hatte er ihn vergessen. Erst
als er Tatjana am frühen Nachmittag verlassen hatte, dachte er
wieder daran. Er faßte in seine Jackentasche und stellte fest, daß
der Brief nicht mehr da war. Er zuckte die Achseln. So wichtig war
das nun auch wieder nicht. Für den, der ihn fand, konnte er nichts
bedeuten.
Alexander passierte einen Bogengang und kam in den dunklen Hof
eines großen Gebäudes. Von den Wänden blätterte der Verputz.
Alexander stieg die schwach beleuchtete Treppe ins obere Stockwerk
hinauf. An der Wohnung angekommen, klopfte er dreimal vorsichtig.
Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, und aus der düsteren Diele
kam eine Stimme: »Was suchen Sie?«
»Die Rosenkreutzer.«
Die Tür wurde geöffnet. Alexander Bobrov war, was nicht einmal
seine Geliebte wußte, Mitglied des engsten Kreises jener großen,
geheimen Bruderschaft, der Freimaurer. An diesem Abend gab es dort
Wichtiges zu erledigen.
Vielleicht hätte sie darauf gefaßt sein sollen. Aber sie war
eben noch sehr jung. Sie liebte ihn. Wenn sie seine Kutsche kommen
sah oder beobachtete, wie der Lakai an der Tür ihm aus dem Mantel
half, spürte sie eine Welle der Erregung. Er wußte genau, wie er
sie die Liebe lehren konnte. Schon zu Anfang ihrer Ehe hatte er es
verstanden, sie wieder und wieder auf den Höhepunkt zu bringen. Sie
liebte einfach alles an ihm: wie er aussah, wie er sich kleidete,
seine Kenntnis von Dingen, die ihr verschlossen waren. Aber auch er
war, dessen war sie sicher, höchst angetan von ihrer
Liebesbeziehung. Sie wollte dazulernen, immer neue Wege finden, ihm
Genuß zu verschaffen. Sie war glücklich, und deshalb brachte sie es
fertig, ihn immer von neuem in Erstaunen zu versetzen.
Demnach mußte es eine herbe Überraschung für sie sein, als er
ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit eines Nachts nicht nach Hause
kam. Sie vermutete zu Recht, daß er immer noch in Adelaide de
Ronville verliebt sei.
Am Anfang hatten ihm die Liebesspiele mit Tatjana viel Freude
gemacht. Dieser ein bißchen füllige, junge Körper erregte ihn. So
hat die Natur es vorgesehen, dachte er. Doch bald mißfiel ihm, daß
sie Leidenschaft auf eine entweder unterwürfige oder übermäßig
fordernde Art herbeiführen wollte, und das war weit entfernt von
der verführerischen Vielseitigkeit der Madame de Ronville. Aber
dieser Mangel an Erotik war es nicht einmal, was Alexander zu
seiner Geliebten zurücktrieb. Er vermißte vor allem die
geistreichen Gespräche. Er machte Tatjana keinen Vorwurf, sie
konnte ja nichts dafür, daß sie noch so jung und deshalb auch noch
nicht sonderlich gebildet war. Sie konnte einen Witz auf
französisch nicht lustig finden, wie Madame de Ronville es tat. Sie
konnte nichts dafür, daß sie, etwa in Gräfin Turovas Salon, brav in
der Ecke sitzen mußte. Es war auch nicht ihre Schuld, daß schon
nach wenigen Monaten Themen wie Küchenpersonal und Bäckereien
Alexander langweilten.
Schließlich ergab es sich, daß er, ohne daß sie beide darüber
gesprochen hätten, allein zu den Abenden bei der Gräfin ging. Kurz
und gut, sie konnte nichts dafür, aber Alexander hatte seine Frau
ziemlich satt und fand, daß das Eheleben die feine Balance, das
Gefühl der inneren Stille, Zeichen des eingefleischten
Junggesellen, zerstörte.
Dabei hatte er ein durchaus schlechtes Gewissen; er hatte
seine junge Frau so weit gebracht, ihn zu lieben und zu begehren;
trotzdem konnte er Adelaide nicht aufgeben. Nur bei der älteren
Französin fand er Erfüllung. Ihr in vieler Hinsicht noch
jugendlicher Körper erfüllte ihn jetzt mit besonderer Zärtlichkeit.
Seltsamerweise liebte er nach seiner Hochzeit mit der jungen Frau
die ältere mehr als früher.
Eine Woche nachdem er nachts nicht nach Hause gekommen war,
war sein turnusmäßiger Besuch bei der Gräfin Turova fällig. Tatjana
sagte nichts, doch kurz nachdem er das Haus verlassen hatte, folgte
sie ihm in einer Mietkutsche. Sie sah ihn ins Haus der Gräfin gehen
und wartete draußen. Um etwa elf Uhr nachts verabschiedeten sich
die Gäste, und die Lichter in den Wohnräumen gingen aus. Tatjana
wartete noch eine Weile. Nun waren alle Lichter im Haupthaus
verlöscht. Im Ostflügel jedoch, wo Madame de Ronvilles Wohnung sich
befand, sah sie das schwache Flackern von Kerzen. Dann wurden auch
diese gelöscht. Tatjana wartete eine Weile, dann fuhr sie nach
Hause.
Sie dachte, daß sie sich mit Alexanders Verhältnis wohl
abzufinden habe, doch es schmerzte sie tief. Klugerweise verlor sie
kein Wort darüber. So vergingen die Wochen. Sie versuchte die
Französin aus ihren Gedanken zu verbannen – vergebens. Alexander
seinerseits versuchte mit Tatjana besonders liebevoll umzugehen. Im
Herbst 1787 stellte Tatjana fest, daß sie schwanger war. Darüber
freute sie sich sehr. Andererseits spürte sie, daß etwas in
Alexanders Leben vorging, etwas Geheimnisvolles, wovon sie nichts
wußte. Und das erfüllte sie mit Angst.
Mehrmals während der vergangenen Monate war er abends unter
dem Vorwand dringender Geschäfte ausgegangen. Einmal war es
spätnachts gewesen. Und er konnte nicht zu Adelaide gegangen sein –
Tatjana wußte mit Bestimmtheit, daß die Französin sich nicht in der
Stadt aufhielt.
Im September fuhr Alexander für zwei Wochen nach Moskau, und
zwar mit einer ziemlich vagen Erklärung. Und Adelaide blieb in St.
Petersburg. Gab es vielleicht eine andere Frau?
Die Geschichte der Freimaurer in Rußland ist in Dunkel
gehüllt. Die Aufzeichnungen darüber wurden fast alle versteckt oder
vernichtet. Nur wenig ist bekannt.
In St. Petersburg gab es viele Freimaurer. Vor allem die
englischen Logen waren vertreten. Schließlich war alles Englische
gerade Mode: Jeder wohlhabende Mann wollte einen englischen
Vollblüter im Stall haben, jede Dame wünschte sich einen englischen
Hund, und der eleganteste Platz, an dem Leute wie Bobrov sich sehen
ließen, war der englische Club. Außerdem machten die englischen
Freimaurer keine Schwierigkeiten. Sie waren unpolitisch, nicht
allzu mystisch, hingen der Philanthropie an, wurden von Ausländern
und Russen gleichermaßen unterstützt. Als deshalb Bobrovs englische
Freunde ihn im Jahre 1782 aufforderten, den Freimaurern
beizutreten, zeigte er sich nicht abgeneigt. Doch dabei wäre es
wohl auch geblieben, wäre er nicht ein Jahr darauf zufällig einem
Bekannten aus der Studienzeit in Moskau begegnet.
»Du mußt unbedingt Leute aus dem Freimaurerkreis
kennenlernen«, drängte dieser, »sie gehören zur besten
Gesellschaft.« Bei seinem nächsten Besuch in der alten Hauptstadt
traf Alexander Bobrov also mit zwei höchst wichtigen
Persönlichkeiten zusammen: mit dem Fürsten und dem Professor.
Ersterer war ein reicher Aristokrat und Förderer der Künste, der
andere ein Mann mittleren Alters namens Novikov, Chef der Moskauer
Universitätspresse. Diesen nannte Alexander gern »den
Professor«.
Mit ihm hatte er in jener verschneiten Dezembernacht die
heimliche Begegnung in dem rosa Haus jenseits des Fontakakanals.
Der Professor wurde sein Mentor und führte ihn in die völlig neue
und geheime Welt der höheren Freimaurer ein; und dieser Professor
war für Alexander so etwas wie die Stimme seines Gewissens.
Alexanders neue Freunde in Moskau waren aufgeklärt und gebildet –
der Kern des Universitätszirkels. Der Fürst und seine Freunde waren
die Creme der Adelskreise Moskaus – das schmeichelte Alexanders
Eitelkeit.
In drei Jahren hatte Alexander nach zahlreichen Besuchen bei
seinem Professor in Moskau und durch Korrespondenz den ersten der
höheren Grade der Freimaurer unter Anleitung seines Mentors
durchschritten: vom Rang des Schottischen Maurers zum
Theoreticus.
Es war eine große Lauterkeit in dem stillen Gelehrten, die
Alexander tief beeindruckte. »Ich führe Sie einen reinen und
christlichen Pfad«, versprach der Professor. »Unser einziges Motiv
ist der brennende Wunsch, Gott und unserem gesegneten Rußland zu
dienen.« Alexander stellte fest, daß die Freimaurer-Bruderschaft in
vieler Hinsicht einer Geheimkirche glich; denn seit Peter der Große
Rußland säkularisiert hatte, hatte die orthodoxe Kirche viel von
ihrem ehemaligen Prestige eingebüßt. Peter hatte den Patriarchen
abgesetzt. Katharina hatte der Kirche ihren Landbesitz genommen und
unter staatliche Aufsicht gestellt. Wenn auch die Bauern noch der
Kirche folgten und oft raskolniki waren, wobei die
aufgeklärte Katharina diese alten Schismatiker leicht belustigt
tolerierte, verhielt es sich für Männer von Bobrovs Klasse anders.
Nur wenige seiner Freunde nahmen die Kirche ernst. Andererseits
fühlten sie, daß ihrem Leben etwas fehlte.
Alexander mußte zugeben, daß er sich von der christlichen
Frömmigkeit des Professors angezogen fühlte. Vielleicht, gestand er
sich ein, spiele ich auch in dieser Beziehung – falls es mir nicht
gelingt, die Welt zu gewinnen, kann ich mit Hilfe des Professors
immer noch meine Seele retten.
Während seiner Studien wurde Alexander allerdings bewußt, daß
eine innere aufbauende Kraft in der Bruderschaft am Werke war, die
ihm bisher vorenthalten worden war. Doch eines Tages im Herbst 1786
sagte der Professor zu ihm: »Ich glaube, die Zeit ist für Sie
gekommen, den nächsten Schritt zu wagen.« Dann gab er ihm ein
Büchlein und fuhr fort: »Lesen Sie es sorgfältig durch. Wenn Sie
einer von uns werden wollen, bewerben Sie sich bei mir.« So
entdeckte Bobrov schließlich den inneren Zirkel. »Wir bezeichnen
uns als die Rosenkreutzer, die Nachfolger von Christian
Rosenkreutz«, erklärte der Professor.
Die Rosenkreutzer: die heimlich Erwählten. Von ihnen gab es
nur etwa sechzig in ganz Rußland. Die gewöhnlichen Freimaurer
wußten kaum, daß sie existierten. »Sie wissen von uns, kennen aber
nicht unsere wahre Identität«, führte der Professor aus, »damit wir
unsere Mission vor Unberufenen schützen können.« In der Tat war es
die Besonderheit der Rosenkreutzer, daß sie untereinander Decknamen
führten, während jeder Freimaurer nur einen Geheimnamen hatte. Als
der Professor Alexander zur ersten Versammlung der Rosenkreutzer
ins rosa Haus bestellte, hatte er seine Botschaft nicht mit seinem
Namen der Tempelritter – eq.ab.ancora – unterzeichnet,
sondern mit seinem geheimen Rosenkreutzernamen »Colovion«.
Für Alexander bedeutete diese erste Versammlung des inneren
Kreises eine Offenbarung. Es war nur eine kleine Gruppe versammelt:
der Fürst und der Professor aus Moskau, Alexander selbst und ein
Mann aus St. Petersburg. Zum erstenmal gab der Professor Alexander
Einblick in den wahren Sinn der Bruderschaft. »Wir suchen nichts
Geringeres als die Schaffung einer neuen und moralischen Ordnung in
der Gesellschaft«, erklärte er. »Wir werden sie
vorwärtsbringen.«
»Sie meinen, ganz Rußland?«
»Nicht nur Rußland – mit der Zeit die ganze Welt«, sagte der
Ältere ernst Alexander bekam eine Vorstellung davon, wie weit
gespannt das Netzwerk der Rosenkreutzer war. Der Fürst fügte hinzu:
»Wir werden auf den Großfürsten Paul mit der Bitte zukommen, unser
Schirmherr zu werden.« Er lächelte. »Ich hoffe sehr, daß er
akzeptieren wird.«
Der Thronerbe! Wenn er diesen seltsamen Mann auch nicht
sonderlich schätzte, sah Alexander doch die ungeheuren
Möglichkeiten, falls Paul ihr Schirmherr würde. Wir Rosenkreutzer
könnten Rußland regieren, dachte er erregt.
In jüngster Zeit allerdings war der Professor höchst
unzufrieden mit Alexander. Die Nachricht von dessen bevorstehender
Heirat hatte er mit Freude aufgenommen. Doch nun hatte er ihm einen
Brief geschrieben:
Ich kann nicht umhin zu erwähnen, lieber
Bruder, daß mich bestimmte Nachrichten erreichten. Darin heißt es,
in St. Petersburg sei es weithin bekannt, daß Sie trotz Ihrer
kürzlichen Heirat Ihre Gattin vernachlässigen und Ihre Affäre mit
einer gewissen Person fortsetzen.
Ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß
dieses Verhalten für uns nicht annehmbar ist Schauen Sie in Ihr
Herz, ich bitte Sie, und entscheiden Sie, was Sie zu tun
haben.
Obwohl Alexander dieses Schreiben
pflichtgemäß verbrannte, hatte er es doch täglich vor seinem
geistigen Auge. Sein Gewissen quälte ihn. Aber er konnte Adelaide
nicht aufgeben. Bei seinem nächsten Zusammentreffen mit dem
Professor in Moskau zeigte dieser sich entsprechend
ungehalten.
»Die Mitglieder unseres inneren Zirkels müssen ein reines
Gewissen haben, Bruder Alexander.« Dann fuhr er etwas freundlicher
fort: »Eine Ehe ist nicht immer einfach, Alexander, doch wir alle
rechnen damit, daß Sie sich klar entscheiden.« Alexander war sehr
betroffen von der Heftigkeit des Professors und sagte, er wolle
sich ändern. Und zu jenem Zeitpunkt meinte er das durchaus
ernst.
Doch die Kluft zwischen ihm und Tatjana hatte sich weiter
vertieft. Schuld daran war nicht nur seine Affäre mit Adelaide,
sondern ein zweiter Grund, der immer wichtiger wurde. Es ging ums
Geld. Es hatte allmählich begonnen. Er konnte kaum sagen, wann das
eigentlich gewesen war. Zuerst waren es gelegentliche Erkundigungen
wegen der Ausgaben für die Besitzungen und im Haushalt. »Weißt du
denn, wie viele Bedienstete wir haben, Alexander?« fragte Tatjana,
als sie drei Monate verheiratet waren. Er hatte keine Ahnung und
wünschte es auch gar nicht zu wissen. Sechzig? Achtzig? »Und
wieviel sie uns kosten?« fuhr sie fort. »Nichts«, war seine
lapidare Antwort.
In gewisser Weise stimmte das sogar. Während Kaufleute und
Ausländer ihre Dienerschaft gegen hohe Kosten anstellen mußten,
holten die russischen Adligen sich Leibeigene von ihren
Besitzungen. Da waren hundert nicht viel. Die Frauen arbeiteten in
der Küche oder sonstwo außer Sichtweite; die Männer wurden als
Lakaien in eine Livree gesteckt.
»Aber sie müssen immerhin essen«, wandte Tatjana ein. »Was
kostet das?«
Wie zum Teufel sollte er das wissen! Das Essen kam irgendwoher
und wurde gegessen. Der Besitz in Russka brachte Bargeld und
Naturalien ein. Wagen mit Lebensmitteln trafen im St. Petersburger
Haus ein, und diese waren im Nu verbraucht. Nach einer Weile begann
Alexander sich über diese und ähnliche Fragen zu ärgern. Er fühlte
sich kontrolliert. Was kosten wohl die riesigen Holzstapel für die
Öfen? Warum haben wir so viele Kutschen, die wir nicht benützen?
Sollen wir nicht wieder einmal die Besitzungen inspizieren?
»Dein Vater hat uns viel Geld gegeben. Wir brauchen uns nicht
zu sorgen«, versicherte er ihr.
Tatsächlich hatte Tatjanas Vater bald nach der Hochzeit
Alexanders finanzielle Situation herausgefunden. Und wenn Tatjanas
Mitgift auch ausreichte, um Alexanders Schulden zu bezahlen – der
baltische Adlige war jedenfalls nicht sonderlich angetan von der
Finanzmisere des Schwiegersohns, und die Beziehung zwischen den
beiden Männern war von da an noch kühler als zuvor. Alexander
vermutete also den Einfluß von Tatjanas Vater, als sie eines Tages
bemerkte: »Glaubst du nicht, Alexander, daß du mir eine Abrechnung
vorlegen solltest, damit ich sehe, wie du meine Mitgift ausgegeben
hast?«
Das war eine Unverschämtheit! Sie war eine Frau und obendrein
kaum siebzehn Jahre alt. Wütend platzte er heraus: »Ihr verdammten
Ausländer! Ihr zählt jede Kopeke!« Er sah, daß sie nicht klein
beigab, obwohl sie ergeben den Kopf neigte. Es gab noch etwas, das
er ihr nicht sagen konnte. Die Kosten der Freimaurerpresse waren
beträchtlich, und der Professor war mitunter ein wenig ungenau in
seinen Abrechnungen. Bereits als er heiratete, wurde Alexander
gebeten, außer den Beiträgen für die Bruderschaft auch die Presse
zu unterstützen. Wie konnte er sich weigern, wenn Männer wie der
Fürst großzügig spendeten? Einige Männer, die den höheren Graden
der Freimaurer angehörten, gaben fast ihr gesamtes Vermögen für
diese Sache. So war es ihm eine gewisse Erleichterung, als er bald
nach der Hochzeit eine Spende ankündigen konnte.
Tatjana wäre erstaunt gewesen, wenn sie gewußt hätte, daß
Alexander, als sie bereits schwanger war, nach Moskau fuhr, um den
Professor zu besuchen. Er hatte eine weitere Spende bei sich, die
nahezu ein Fünftel ihrer Mitgift ausmachte.
1789
Es war ein trüber Märztag. Ein von den
sibirischen Gewässern kommender rauher Wind blies eisig über die
weiten St. Petersburger Plätze hin. Alexander und seine Frau saßen
im großen Salon. Er war erst im Morgengrauen nach Hause gekommen,
aber darüber sprachen sie nicht. Finster blickte er Tatjana an, die
im achten Monat schwanger war mit dem zweiten Kind. Traute sie ihm
nicht? Wie konnte sie es wagen, seine Bitte abzuschlagen?
Tatjana stand langsam auf und stützte sich auf eine
Stuhllehne, liebte er sie überhaupt noch? Es war ja nicht nur diese
Französin; sein häufiges unerklärtes Verschwinden nach Moskau und
diese mysteriösen Abende in St. Petersburg. Was sollte sie nur
davon halten?
Sie haßte Adelaide de Ronville nicht. Ab und zu begegnete sie
ihrer Rivalin bei der Gräfin Turova. Die Französin war immer
höflich und spielte niemals auf ihre Beziehung zu Alexander an.
Bald ist sie eine alte Frau, sagte Tatjana sich anfangs. Ich bin
jung und werde Kinder mit ihm haben, das muß hart für sie sein. Sie
liebte Alexander trotz allem und verstand ihren Mann besser, als er
dachte. Sie fühlte, daß er trotz seiner vielen Fähigkeiten nie
zufrieden mit sich war, nie sicher. Er liebt die andere, aber mich
braucht er, tröstete sie sich. Doch obwohl sie ihn liebte – seine
Bitte konnte sie nicht erfüllen. Alexander hatte schon wieder
Sorgen. Wo war das Geld nur hingekommen? Es sei ihr gewohnt
aufwendiger Lebensstil, sagte er. Aber er sagte nicht, daß die
Rosenkreutzer ihn Unmengen von Geld kosteten.
Die Freimaurer waren in letzter Zeit auf Kritik gestoßen: Ihre
Gegner beschwerten sich, ihre Arbeit sei ein Sakrileg. Die Freunde
des Professors in Kirchenkreisen erstellten daraufhin eine nahezu
vollkommene Rechtfertigung. Das änderte aber nichts daran, daß die
Schulden weiter wuchsen. Der Professor ließ sich nicht darin
beirren, auf seinen privaten Pressen zu drucken. Alexander, der
tatsächlich eine Art von Zuneigung und Bewunderung für den
Professor empfand, half nach Kräften, doch das Ganze wurde immer
aufwendiger. Schließlich verging kaum ein Monat ohne einen Hilferuf
seitens der Brüder. Falls Alexander Schuldgefühle verspürte, weil
er das Geld seiner Frau ausgab, wurden sie entkräftet durch den
Gedanken, daß die Rosenkreutzer vielleicht einmal über alles
herrschen würden.
Als er nun an diesem Morgen seine Frau bat, von ihrem Vater
neue Geldmittel zu verlangen, war es wie ein Schlag für ihn, als
sie sich weigerte. Wie konnte sie nur! Er betrachtete es als ihre
Pflicht. Sie jedoch schwieg hartnäckig. Nun schrie er sie an:
»Tatjana, ich befehle es dir!«
»Es tut mir leid, Alexander, aber ich sehe keinen Grund, warum
mein Vater oder ich dir noch mehr von meinem Vermögen anvertrauen
sollten, nachdem du mir nicht einmal die Abrechnungen über meine
Mitgift vorgelegt hast. Du weißt, daß sie mir gehört. Und wenn du
nicht weißt, wo das ganze Geld geblieben ist, wäre es vielleicht
besser, wenn ich unsere geschäftlichen Angelegenheiten in die Hand
nähme.«
Er starrte sie an. Er spürte, wie er blaß wurde vor Zorn.
Wutentbrannt sprang er auf und schlug sie so heftig ins Gesicht,
daß sie zu Boden fiel.
Eine Stunde später saß Alexander immer noch in seinem
Arbeitszimmer. Wie habe ich das nur tun können? fragte er sich und
wußte doch die Antwort genau: Er fühlte sich schuldig und war im
Grunde wütend auf sich selbst. Will ich denn meine Frau und meine
Familie ruinieren? Für die Rosenkreutzer und für meinen eigenen
grenzenlosen Ehrgeiz? Vor ihm lagen mehrere Briefe. In dem einen
wurde der Kauf eines herrlichen englischen Pferdes, im nächsten der
Kauf einer prächtigen neuen Kutsche, die nicht gebraucht wurde,
rückgängig gemacht. Viel wichtiger aber war ein längeres Schreiben,
das er soeben beendet hatte. Es ging an den Professor und endete
folgendermaßen:
Vielleicht werden mir zu einem späteren
Zeitpunkt jene Wohltaten zuteil, die mir allein – das weiß ich –
aus der unbefleckten Quelle unseres heiligen Ordens zufließen
können. Ich muß jedoch gestehen, hochwürdiger Superior, daß ich
mich derzeit nicht in der Lage fühle, jene Opfer zu bringen, die
Sie rechtens von mir fordern. Deshalb ziehe ich mich respektvoll
zurück, bis ich mich unserer Bruderschaft würdig erweisen
kann.
Er hatte die Rosenkreutzer verlassen. Er
lächelte spöttisch. Das würde ihm jedes Jahr eine Summe einsparen,
die höher war als seine Haushaltsausgaben. Als er den Brief
versiegelt hatte, wurde er gerufen: Bei Tatjana hatten die Wehen
eingesetzt. Am Vortag hatte man eine polnische Hebamme geholt, am
Abend einen deutschen Arzt. Seit dem Mittag war eine weitere Person
anwesend, eine Hebamme vom Land, eine echte Russin aus Sumpfloch.
Sie saß in einer Ecke und murmelte christliche Gebete und
heidnische Zauberformeln vor sich hin, ohne die kein Kind auf dem
russischen Land geboren werden durfte.
Der Arzt führte Alexander aus dem Zimmer. Er sah sehr besorgt
aus. »Der Geburtsweg ist blockiert«, sagte er. »Vielleicht gibt es
eine Möglichkeit, das Kind zu retten. Aber die Mutter… es besteht
Gefahr, daß sie verblutet.«
»Sie stirbt, meinen Sie?«
»Es besteht die Gefahr, sagte ich.«
Der Arzt ging wieder ins Zimmer und ließ Alexander stehen.
Dieser zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und versuchte zu
beten. Nach einer Weile ging er erneut zu Tatjana. Sie bot einen
furchtbaren Anblick. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und
geisterblaß. Ihr Haar klebte von Schweiß, und ihre Augen waren
schreckensweit.
Alexander nahm ihre Hand. Sie blickte zu ihm auf und versuchte
ein tapferes Lächeln. Er lächelte zurück. Sie sollte spüren, daß er
sie liebte.
Sie lag im Sterben. Er glaubte, sie wüßte es. Ihre angstvollen
Augen sagten: Selbst wenn du mir nicht helfen kannst, sage mir nur
dieses eine Mal, daß du mich liebst.
An diesem Märznachmittag traf Alexander Bobrov seine letzte
Abmachung mit Gott. Lasse meine Frau und das Kind leben,
barmherziger Gott, und ich will ihr treu sein und Adelaide de
Ronville aufgeben, gelobte er stumm. Es war, so meinte er, die
letzte Karte, die er auszuspielen hatte.
1792
Es gibt keine zauberhaftere Zeit in St.
Petersburg als den Hochsommer, die Zeit der »Weißen Nächte«: Um die
Sonnwende sind in diesen nördlichen Landstrichen die Tage endlos,
und es wird kaum dunkel: Das Tageslicht dauert weit in den Abend
hinein, ja bis in die Nacht, bis es sich schließlich gegen Morgen
für ungefähr eine halbe Stunde in blaßschimmerndes Zwielicht
verwandelt. Es ist eine magische Zeit, die Welt ist unwirklich.
Sicher waren irgendwelche Zauberkräfte in der Atmosphäre, die
Alexander Bobrov dazu verleiteten, wahnsinnige Dinge zu tun.
In diesem Sommer hatte sich die Welt gründlich verändert.
Tagtäglich wartete man in St. Petersburg auf Nachrichten aus dem
Westen, wo drei Sommer zuvor mit dem Sturm auf die Bastille in
Paris der epochemachende Umsturz seinen Anfang genommen hatte. Die
Französische Revolution. Der König von Frankreich, Königin Marie
Antoinette und ihre Kinder waren praktisch Gefangene. Keiner wußte,
was diese Revolutionäre, die Jakobiner, als nächstes tun würden.
Die europäischen Monarchen fühlten sich zutiefst verletzt. Nun
führten Österreich und Preußen sogar Krieg gegen die zersetzende
neue Kraft. England war im Begriff, sich ihnen anzuschließen.
Niemand war empörter als die aufgeklärte Katharina von Rußland. Die
Grundsätze Freiheit und Aufklärung waren großartige Theorie, doch
Revolution und herrschender Mob waren etwas völlig anderes. Kein
Wunder, daß aufgeklärte Denker die Ergebnisse der Aufklärung mit
Schrecken betrachteten. Statt einer Reform sahen sie nur Chaos. Die
Jakobiner hatten sie allesamt betrogen.
Die Kaiserin fühlte sich einsam. Die Gesichter um sie her
änderten sich. Vor allem hatte sie ihren treuen Freund, den großen
Potemkin, verloren. Er war in allem ein loyaler Anhänger gewesen.
Er hatte ihr die Krim verschafft. Zwei Jahre vor der Revolution
hatte er Katharina auf einer wunderschönen Reise durch die
ausgedehnte südliche Provinz am Schwarzen Meer begleitet. Er hatte
sogar hübsche Attrappendörfer ihr zu Ehren errichten lassen – die
berühmten Potemkinschen Dörfer. Diese Orte mochten künstlich sein,
aber das Imperium war es nicht Es war in der Tat reich. Endlich kam
ein russischer Herrscher in den legendären Palast des Krim-Khans in
Bachtschisaraj und empfing die Huldigung der Tataren.
Und dies war für Katharina und Potemkin das Ende ihres langen
Spätsommers. Die Französische Revolution hatte stattgefunden. Es
war ihnen nicht gelungen, das letzte strahlende Ziel,
Konstantinopel, zu erreichen. Katharinas junger Liebhaber war ihr
untreu geworden, und diesmal gelang es Potemkins Widersachern,
ihren eigenen Protege, einen nichtssagenden Burschen, in Katharinas
Schlafzimmer zu bringen. Potemkin begab sich, tief deprimiert, in
den Süden. Ein Jahr später war er tot.
Was war ihr geblieben? Ein langweiliger junger Liebhaber. Ein
Sohn, der sie haßte. Ihre beiden Enkelsöhne, die nach ihren
Anweisungen erzogen worden waren und die sie abgöttisch liebte. Und
ihr Imperium. Sie würde es erhalten und für ihre Enkel stark
machen.
Wie sehr St. Petersburg sich verändert hatte! Frankreich war
ganz aus der Mode gekommen, selbst französische Kleidung wurde
scheel angeblickt. Öffentliche Gespräche über die Revolution waren
verboten, republikanische Bücher wurden verbrannt, Schauspiele
abgesetzt. Durch die Philosophen war es zu alldem gekommen. Betrübt
ließ die Kaiserin die Büsten ihres alten Freundes Voltaire
entfernen.
Als der radikale Radischtschev so töricht war, zu ebendiesem
Zeitpunkt ein Buch zu veröffentlichen, das zur Beendigung der
Leibeigenschaft aufrief, war Katharina so aufgebracht, daß der Mann
von Glück sagen konnte, »nur« nach Sibirien verbannt zu werden.
Wozu waren die Freimaurer noch imstande mit ihren geheimen
Machenschaften, verlangte sie zu wissen. Steckten sie mit ihrem
Sohn unter einer Decke? Waren sie vielleicht Jakobiner? Sie ließ
auf alle Fälle den Professor gründlich befragen.
In ganz St. Petersburg hatte Katharina die Große in ihren
späten Jahren keinen loyaleren Anhänger als Alexander
Prokofievitsch Bobrov. »Die Jakobiner sind Verräter«, war seine
Meinung. Was die Aufklärung anbetraf, war er sich mit der Kaiserin
vollkommen einig. »Freiheit der Rede ist, ebenso wie Reform, nur
unter stabilen Verhältnissen möglich«, erklärte er nun. »Wir müssen
uns vorsehen.« Niemand in St. Petersburg war vorsichtiger als er.
Er lebte in einem bescheidenen Haus, nicht mehr im ersten, sondern
im zweiten Admiralitätsviertel. Er hielt sich nur dreißig
Bedienstete und gab selten ein Diner für mehr als zwölf Gäste. Auch
seine Kutschen und Equipagen waren bescheiden, sogar seine
Schulden. Er lebte tatsächlich nahezu seinem Einkommen
entsprechend. Bobrov war noch immer Staatskanzler. Seine Karriere
war zum Stillstand gekommen, und da sein ehemaliger Vorgesetzter
Potemkin verschieden war, schien ein weiterer Aufstieg
unwahrscheinlich. Trotzdem wirkte Bobrov zufrieden. Er hoffte immer
noch auf zukünftige Ernennungen, wenn auch geringerer Art, um sein
Einkommen aufzustocken. Seit Beginn der Revolution hatte er
sämtliche Bindungen mit Radikalen gelöst. Als Radischtschev
verhaftet wurde, hatte Alexander in einem kurzen Zeitungsartikel
die ungeheuren Fehler des ehemals Verehrten angeprangert. Seit er
dem Professor schriftlich seinen Austritt mitgeteilt hatte, war er
nicht mehr in Verbindung mit den Rosenkreutzern getreten. Sein
Leben verlief zwar eintöniger, dafür aber sicher. So gehörte es
sich ja auch für einen umsichtigen Familienvater.
Der Pakt, den Alexander an jenem furchtbaren
Tag im Jahre 1789 mit dem Allmächtigen geschlossen hatte, hatte
tatsächlich funktioniert: Tatjana hatte überlebt und den zweiten
hübschen Jungen zur Welt gebracht.
Adelaide de Ronville traf Alexander zwar weiterhin, aber nur
als Freund, nicht mehr als Liebhaber. Er war alles in allem ein
vorbildlicher Ehemann, ein bißchen füllig inzwischen, doch
zuverlässig, so daß seine alten Freunde lächelnd meinten: »Ach,
Bobrov – ein schwerverheirateter Mann.«
Eine bittere Pille hatte er trotzdem schlucken müssen.
Tatjanas Vater starb und hinterließ nach seinem Tode zur
allgemeinen Überraschung nur eine Kleinigkeit. Anscheinend hatte
der baltische Adlige, ohne Tatjanas Wissen, mit dem Getreide aus
seinen südlichen Besitzungen hoch spekuliert – und verloren. »Gott
sei Dank haben wir die Gräfin«, sagte Alexander zu seiner Frau,
»ohne sie würde kaum etwas für die Kinder übrigbleiben.« Sie
besuchten die alte Dame regelmäßig, und diese hatte ihnen
versprochen, daß das Erbe ihrer Kinder gesichert sei.
Die Zeit der Weißen Nächte… An einem dieser magischen Abende
war Alexander auf dem Weg über die Neva zu einem der regelmäßigen
Besuche bei der Gräfin.
Die alte Dame war inzwischen recht gebrechlich geworden, aber
sie hielt an ihren Einladungen fest, die sich nun ruhiger
gestalteten. Es kamen nur noch ein paar Getreue. Die Gastgeberin
verhielt sich exzentrisch wie eh und je: Sie tat so, als hätte es
keine Französische Revolution gegeben. Aber vielleicht wußte sie ja
wirklich nichts davon. Nichts sollte die ruhige Sicherheit ihres
Heiligtums stören. Wie erwartet, fand Alexander nur einige Gäste
vor, meist ältere Herren, aber auch einen oder zwei von der
jüngeren Generation. Er sah Adelaide im Gespräch mit einem alten
Herrn, und sie lächelten einander zu. Sie sah etwas schmaler aus
als früher. Es war schade, daß sie zur Zeit keinen Liebhaber hatte.
Und da thronte die Gräfin mitten im Raum auf ihrem vergoldeten
Stuhl. Was war sie doch für ein Kuriosum in ihrem langen, mit
Schleifen geschmückten Kleid! Es war, als ob sie die Tradition des
ehemaligen französischen Hofes fortsetzen wolle.
Alexander beugte sich nieder und küßte sie. Selbst nach all
den Jahren konnte er immer noch nicht sagen, ob sie ihn wirklich
gern hatte. Sie schien zumindest erfreut, ihn zu sehen; sie
wechselten einige Worte, dann entfernte er sich, ging im Zimmer
umher. Die Gespräche waren uninteressant, bis er einen nervösen
jungen Mann hörte, der offenbar soeben aus Moskau gekommen war.
»Was kann man heutzutage überhaupt noch veröffentlichen?« fragte
der gerade. »Es ist ja nicht nur die Zensur. Sie haben sogar den
alten Novikov, den Leiter der Universitätspresse, verhaftet. Ist
denn niemand mehr sicher?«
»Es heißt, er sei Freimaurer gewesen«, warf jemand ein.
»Vielleicht, doch selbst wenn…«
Alexander seufzte. Der arme alte Novikov! Er fragte den jungen
Burschen aus. Anscheinend war noch keine Anklage erhoben
worden.
»Was hat der Professor Ihnen bedeutet?« erkundigte sich der
Mann.
Alexander zögerte einen Augenblick, dann antwortete er:
»Überhaupt nichts. Ich traf ihn vor Jahren ein- oder zweimal.« Dann
verließ er die Gesprächsrunde. Nach einiger Zeit gelang es ihm, ein
paar Worte mit Adelaide zu wechseln. Da fiel ihm auf, daß die
Stimmung der Gäste sich verändert hatte. Eine kleine Gruppe scharte
sich um die alte Dame. Als Bobrov hinzutrat und einen neuen Gast
zur Rechten der Gräfin stehen sah, erstarrte sein Lächeln.
Es war der alte General, der Mann, den er fünf Jahre zuvor an
ebendieser Stelle gedemütigt hatte. Alexander konnte es kaum
fassen. Er hätte die Existenz des Mannes sicher vergessen, hätte
dieser nicht in den letzten Jahren einen überraschend starken
Einfluß bei Hofe ausgeübt. Während er sich nun höflich verneigte,
fielen Alexander zu seinem Schrecken zwei Dinge auf: Erstens
sprühten die Augen des alten Herrn völlige Ablehnung; offenbar
hatte er Alexander nicht vergessen. Zum zweiten zeigte der Ausdruck
auf dem Gesicht der Gräfin, daß sie erwartete, Bobrov werde den
General wiederum demütigen.
War ihr denn nicht bewußt, daß mittlerweile fünf Jahre
vergangen waren? Wußte sie wirklich nicht, daß die Aufklärung nicht
mehr in Mode und der General jetzt gefährlich war? Diese Fragen
konnte Alexander sich nicht beantworten. Sicher war nur: Sie wollte
unterhalten werden, koste es, was es wolle.
Sie lächelte bereits maliziös. »Nun, General«, begann sie,
»wenn ich es recht verstehe, haben Sie die Absicht, all unsere
Bücher zu verbrennen und auch die Theater zu schließen.« Alexander
saß in der Falle. Was kam, war schlimmer als alles, was er sich
hätte ausmalen können. Der General sah genau, wie die Welt sich
seit der Französischen Revolution verändert hatte; er brauchte sich
nicht gegen die Aufklärung zu verteidigen. Statt dessen wiederholte
er die Ansichten, die er hier beim letztenmal dargelegt hatte,
Punkt für Punkt, und fügte nach jeder Feststellung ein: »Aber
Alexander Prokofievitsch stimmt mir nicht zu, das weiß ich.« Der
alte Knabe hatte Bobrov genau dort, wo er ihn haben wollte.
Jedesmal wenn er Alexander aufforderte, die Partei der Gräfin
Turova zu ergreifen, gab er ihm gleichzeitig Gelegenheit, sich
gegen die Regierung zu stellen. Alexander vermutete, daß der
General mit Freuden jede seiner Behauptungen wortwörtlich vor den
höchsten Kreisen bei Hofe wiedergeben würde. Alexander wand sich,
es war erniedrigend. Er versuchte sich um klare Aussagen zu
drücken, um weder die Gräfin zu verärgern noch dem General Waffen
in die Hand zu geben. Schließlich war er nur noch in
Verteidigungsposition, und es gab Punkte, in denen er dem General
zustimmte.
Alexander merkte, wie die Gräfin nervös wurde. Sie warf ihm
zuerst einen strengen Blick zu, dann trommelte sie mit den Fingern
auf die Armlehne. Mit jedem Wortwechsel wurde sie starrer, bis sie
sich schließlich in ein unheilvolles Schweigen zurückzog. Der
General bewahrte sich den coup de gráce bis zum Schluß auf.
Er spielte ihn mit der Lässigkeit dessen aus, der sich des letzten
Stichs absolut sicher ist. »Die Aufklärung«, sagte er ruhig, »hat
die Jakobiner hervorgebracht. Aber vielleicht hat Alexander
Prokofievitsch etwas Gutes über diese Burschen zu sagen?«
»Nein, das habe ich nicht«, erwiderte Alexander rasch. »Nun
gut. Aber ebendiese Jakobiner haben jenen Monsieur Voltaire zu
ihrem Helden erklärt, der sie, so behaupten sie, inspiriert habe.
Wie Sie wissen, hat die Kaiserin Voltaire abgelehnt. Und Sie?« Die
Falle war zugeschnappt. Während Alexander überlegte, was er
antworten sollte, erklang die eisige Stimme der Gräfin: »Ja,
Alexander Prokofievitsch, was möchten Sie über den großen Voltaire
sagen?«
»Ich bewundere ihn«, erklärte Alexander nach kurzer Pause,
»genauso, wie die Kaiserin es tut. Was die Jakobiner betrifft: Sie
sind eines so bedeutenden Mannes absolut unwürdig.« Es war eine
diplomatische Antwort. Der General konnte nichts damit anfangen,
und die Gräfin schien beschwichtigt.
»Sehr schön«, sagte der General. »Da jedoch Voltaires
Schriften solche Probleme verursacht haben – wäre es nicht
sinnvoller, sie aus der Reichweite dieser gefährlichen Herren zu
bringen?«
»Den großen Voltaire zensieren?« fuhr die Gräfin dazwischen.
»Vielleicht beschließt die Kaiserin, seine Schriften zu verbrennen,
meine liebe Gräfin. Zweifellos wäre Alexander Prokofievitsch damit
nicht einverstanden, nicht wahr?«
Entsetzt blickte die Gräfin von einem zum anderen.
»Undenkbar!« murmelte sie.
So undenkbar war das tatsächlich nicht. Erst wenige Tage zuvor
hatte ein Freund, der häufig bei Hofe war, Alexander zugeflüstert,
die Feinde der Aufklärung arbeiteten insgeheim bereits auf ein
derart schreckliches Vorhaben hin. »Und bei der augenblicklichen
Gemütsverfassung der Kaiserin bekommen sie wohl ihren Willen«,
hatte der Mann gemeint. »Noch vor Jahresende dürfte Voltaire
verboten sein.«
Der General nahm an, Alexander wisse davon nichts. Eine
öffentliche Verurteilung des Vorhabens war alles, was er brauchte;
damit würde Alexander als Feind der Regierung gelten. »Ich bin ein
treuer Diener der Kaiserin«, antwortete Alexander lahm.
Der General zuckte die Achseln. Die Gräfin stieß einen kleinen
Seufzer aus, dann herrschte unheilvolle Stille, bevor sie sprach:
»Es ist interessant zu erfahren, Alexander Prokofievitsch, daß Sie
für die Verbrennung von Voltaires Schriften sind. Das wußte ich
bisher nicht.« Sie blickte nachdenklich auf ihre Hände. »Sicher
werden Sie schon von Ihrer Gattin erwartet. Wir wünschen Ihnen eine
gute Nacht.«
Damit war er entlassen. Er verneigte sich und verließ den
Raum. Als Alexander das nächstemal bei der Gräfin seine Aufwartung
machte, hieß es, daß sie heute nicht empfange. Zwei Tage danach
wollte Tatjana ihren üblichen Besuch machen und erhielt die
Auskunft, die Gräfin sei nicht zu Hause. Ein drittes Mal erklärte
der Diener an der Tür klipp und klar, Alexanders Besuche seien
nicht länger erwünscht. Am selben Tag erhielt er eine
inhaltsschwere Nachricht von Adelaide de Ronville:
Ich muß Ihnen mitteilen, lieber Freund,
daß die Gräfin es ablehnt, Sie zu empfangen. Sie hat ihren Worten
nach auch vor, Sie aus ihrem Testament zu streichen. Ich kann in
dieser Hinsicht nichts tun. Sie sollten aber wissen, daß ihr
Anwalt, der sich in Moskau aufhält, in drei Tagen zurückkehrt. Wenn
sie ihre Absicht bis dahin nicht ändert, wird sie ihn unverzüglich
kommen lassen. Ich fürchte das Schlimmste.
Alexander starrte das Schreiben in dumpfem
Entsetzen an. Damit war das Erbe seiner Kinder verloren. Er kannte
die alte Dame gut genug, um zu wissen, daß sie ihre Meinung nicht
ändern würde. Er hatte ihr Idol beleidigt; es war das einzige, was
sie noch interessierte. Er zeigte Tatjana den Brief und sagte
voller Reue: »Da siehst du, was dein törichter Mann getan
hat.«
Sie wollte nicht, daß er die Schuld allein bei sich suchte.
»Die alte Frau ist verrückt«, sagte sie entschlossen. Alexander
umarmte sie. Sie waren einander viel näher als früher.
Was blieb zu tun? Zuerst einmal schrieb Alexander der Gräfin
einen Brief. Er kam ungeöffnet zurück. Am nächsten Tag schrieb
Tatjana; das gleiche geschah. Am folgenden Morgen traf sehr früh
eine Nachricht von Adelaide ein.
Ich habe mich erneut für Sie eingesetzt –
es war vergebens. Sie ist unbeugsam. Der Anwalt ist für morgen
bestellt. Wenn ich irgend etwas tun kann – ich bin den ganzen Abend
bei den Ivanovs. Dort können Sie mich finden.
Alexander seufzte. »Ich fürchte, wir haben
verloren«, meinte er traurig zu Tatjana. Er zog sich in sein
Arbeitszimmer zurück, um nachzudenken. Aber nicht einmal in dieser
Krise verzweifelte er. Wenn das Erbe verloren war, mußte er sich
auf andere Weise Geld beschaffen. Über diesem schwerwiegenden
Gedanken verging der ganze Vormittag. Seine Ziele waren bescheiden,
die Tage des Spielers Bobrov längst vorbei. Er wollte seine
Schulden zurückzahlen und etwas Geld beiseite legen. Darüber würden
Jahre verstreichen, und es würde manchmal erniedrigend sein, aber
das war ihm gleichgültig. Er wollte das sogleich in Angriff nehmen.
Mittags verließ er sein Zimmer, küßte seine Frau und ließ seine
schönste Kutsche mit den besten Pferden kommen. Er wollte Kaiserin
Katharina in ihrem Sommerpalais aufsuchen. Am frühen Nachmittag
bestiegen Tatjana und ihre Kinder ohne Wissen Alexanders eine
Mietkutsche und fuhren über die Neva zur Vassiljev-Insel. Als sie
am Haus der Gräfin Turova ankamen, wandten sie sich allerdings
nicht dem Haupteingang zu. Der Entschluß war Tatjana nicht
leichtgefallen. Sie hatte sich jedoch überlegt, daß sie nur über
die Französin Zugang zur Gräfin erreichen könne. Wenn sie erst
einmal im Haus war, würde die Gräfin sie sicher empfangen, und der
Anblick der Kinder würde sie besänftigen. Dann konnte Tatjana alles
erklären. So sah sich die überraschte Adelaide de Ronville drei
kleinen Kindern und deren Mutter gegenüber, die schlicht erklärte:
»Wir sind in Ihren Händen.«
»Mon Dieu!« Adelaide blickte die Kinder an – Alexanders
Kinder, dann diese starke Frau, ihre Mutter. Da plötzlich
durchzuckte sie ein Gefühl von Verlust und Einsamkeit. »Warten Sie
hier«, sagte sie. »Ich will nichts versprechen, aber ich sehe, was
ich tun kann.« Sie blieb einige Zeit fort. Inzwischen sah sich
Tatjana neugierig um. Sie stellte fest, daß die raffinierte
Einrichtung des Salons ein gewisses Etwas hatte, das ihre eigenen
Räume nie haben würden. Das war es wohl, was Alexander liebte. Sie
wartete fast eine Stunde. Adelaide kehrte mit betrübtem Gesicht
zurück. »Es tut mir leid, aber sie will Sie nicht empfangen.«
Der riesige Park mit der kaiserlichen Sommerresidenz lag nicht
weit von St Petersburg in südwestlicher Richtung. Alexander hatte
ihn in knapp zwei Stunden erreicht. Er liebte diesen Ort. Wenn
überhaupt etwas die kosmopolitische Ära des 18. Jahrhunderts in
Rußland symbolisierte, war es dieses Bauwerk. Wie das große
Winterpalais war es von dem berühmten Architekten Bartolomeo
Rastrelli in der Regierungszeit der Kaiserin Elisabeth entworfen
worden. Es war das russische Versailles. Die mit Ornamenten
geschmückte Rokokofassade war im Mittelteil drei Stockwerke hoch
und erstreckte sich über eine Breite von fast dreihundert Metern.
Im Innern mischte sich europäische Eleganz mit russischem Prunk.
Ausladende Hallen zeigten vielfarbigen Marmor, Räume waren mit
Jaspis und Achat verziert; es gab sogar, einmalig in der Welt,
einen Raum, dessen Wände ganz aus Bernstein gefertigt waren. Und
überall sah man das von Rastrelli bevorzugte Gold, mit Alabaster,
Lapislazuli, Tiefrot und leuchtendem Blau abgesetzt.
»Staatskanzler Bobrov.« Er wurde sofort hereingebeten und trat
auch beherzt ein. Doch er konnte sich eines demütigenden Gefühls
nicht erwehren, als er durch die hohen goldenen Hallen schritt.
Eine längst beschwichtigte innere Stimme schien zu sagen: Das hätte
dir gehören können – nicht ihm! Der Mann, den Alexander aufsuchen
wollte, war der junge Platon Zubov, der neue Liebhaber der
Kaiserin. Die Position, die Bobrov einmal angestrebt hatte, gehörte
nun einem gutaussehenden jungen Mann Anfang Zwanzig –
töricht, oberflächlich und ehrgeizig. Keiner mochte ihn, doch der
gesamte Hof spürte, und vielleicht wußte es die alternde Kaiserin
auch, daß dieser junge Liebhaber wohl ihr letzter sein würde.
Alexander hatte sich seit langem um die Gunst dieses jungen
Menschen bemüht; das war alles andere als angenehm gewesen. Vor
kurzem hatte er die Chance gehabt, Katharinas Günstling sehr
nützlich zu sein, und er hoffte, daß sich dieser nun zu Dank
verpflichtet fühlte.
Der Pavillon, in dem der junge Mann hofhielt, war in
Verbindung mit einer langen Galerie an einem Ende des Palais von
Katharinas schottischem Architekten Cameron errichtet worden, und
zwar im Stil eines prunkvollen römischen Palastes mit einem
römischen Badehaus im Untergeschoß. Vor dem Eingang zu einem der
Räume hatte sich eine Gruppe von Menschen versammelt: ehrwürdige
Höflinge, reiche Landbesitzer, wichtige Militärs. Als sich die Tür
öffnete, drang lautes Gelächter heraus.
Alexander mußte nur eine Stunde warten, ehe er eingelassen
wurde. Der prächtige Raum war im pompejanischen Stil gestaltet und
enthielt schwere Möbel nach römischem Vorbild. Der junge Zubov
stand lächelnd inmitten einer Menschenmenge und hatte sich heute
mit einer römischen Toga bekleidet. Er hielt einen Affen an der
Hand.
»Mein lieber Alexander Prokofievitsch!« Seine großen Augen
blickten ebenso überrascht wie erfreut beim Anblick des
bescheidenen Staatskanzlers. »Was führt Sie hierher?«
Der Augenblick war gekommen. »Ich wollte Sie natürlich zu
Ihrem Triumph in Polen beglückwünschen«, antwortete Alexander.
Zubov strahlte ihn zufrieden an.
Wie der große Potemkin Katharina die Krim verschafft hatte, so
beabsichtigte der junge Zubov seinen Namen mit einem weiteren
wichtigen Zuwachs des russischen Imperiums zu verbinden. Das
Schicksal hatte ihm Polen beschert.
Rußlands ehemaliger Rivale wurde immer noch von dieser
Ansammlung von Magnaten regiert, die, nachdem sie einen König
gewählt hatten, jede Aktivität durch das Veto eines einzigen
Mitglieds vereiteln konnten. Polens Schwäche kam Rußland sehr
gelegen. Zwanzig Jahre zuvor war es Katharina gelungen, sich
unauffällig ein weiteres Stück aus seinen Grenzländern zu schnappen
und ihren ehemaligen Liebhaber als Marionettenkönig wählen zu
lassen. Welche Torheit hatte die Polen aber ein Jahr zuvor dazu
gebracht, eine neue Verfassung zu proklamieren, die neben anderen
Neuerungen eine erbliche konstitutionelle Monarchie vorsah? Der
König war töricht genug, diese Regelung zu bestätigen. Nahm er als
Katharinas früherer Liebhaber tatsächlich an, daß diese seine
Herrschaft über ein starkes, stabiles Polen gutheißen werde? Sie
reagierte unverzüglich. »Sie sind Revolutionäre wie die Jakobiner«,
erklärte sie. Das war natürlich Unsinn; die Reformer waren
konservative Monarchisten. Doch hier lag einerseits die Möglichkeit
für Zubov, sich einen Namen zu machen, andererseits konnte Rußland
sich vergrößern. Während viele, darunter Potemkin, zur Vorsicht
mahnten, drängte der neue Günstling: »Europas Kräfte sind durch den
Krieg mit dem revolutionären Frankreich abgelenkt. Jetzt ist es an
der Zeit, in Polen einzufallen.« In diesem Frühjahr – Potemkin war
inzwischen gestorben – bekam Zubov seinen Willen. Selbst jetzt noch
zogen russische Soldaten ungehindert über das polnische Land.
»Mein lieber Alexander Prokofievitsch«, erklärte Zubov nun
gönnerhaft, »Sie haben den Augenblick Ihres Besuches großartig
gewählt. Heute morgen bekam ich die Nachricht, daß Wilna uns
gehört.« Eine weitere baltische Provinz, die dem Reich einverleibt
wurde. »Zum Jahresende wird Polen nur noch halb so groß sein wie
jetzt«, fuhr der junge Mann fort. »Wir werden Preußen ein Stückchen
abtreten und das übrige für uns behalten.«
»Ich teile Ihre Freude«, antwortete Alexander mit einem
Unterton, der diskret auf den fälligen Gunstbeweis hindeutete. »Ach
ja!« Zubov hatte verstanden und betrachtete Alexander nachdenklich.
»Sie waren uns recht nützlich, nicht wahr?« Alexander verneigte
sich.
»Natürlich. Ich erinnere mich genau«, bestätigte Zubov sich
selbst. Es war nichts, worauf man stolz sein mußte. Zu einer Zeit,
als Zubov nicht sicher war, ob das Thema Polen sich vorteilhaft für
ihn lösen werde, erledigte Bobrov im Zusammenhang damit nützliche
bürokratische Vorarbeit. Dabei hatte er wissentlich seinen alten
Gönner, den kranken Potemkin, hintergangen. Dessen schämte er sich
immer noch. Zubov wußte über all das genau Bescheid. »Nun sagen Sie
mir, was Sie wollen«, fuhr er fort. Es war nicht viel, nur einen
dieser zahlreichen Posten in der schwerfälligen russischen
Verwaltung, der ein beträchtliches Gehalt für kleine Pflichten
garantierte. Es würde sein Einkommen angenehm erhöhen, so daß er
Geld zurücklegen könnte, bis sich eine bessere Gelegenheit ergäbe.
Als Alexander geendet hatte, wandte Zubov sich seinem Affen
zu.
Alexander hatte von diesem Tier gehört Es war Zubovs Liebling
und bei Audienzen häufig zugegen. Es hieß, daß wichtige Höflinge
weggeschickt wurden, nur weil der Affe sie nicht leiden
konnte.
»Alexander Prokofievitsch möchte ein Geschenk«, sagte Zubov zu
dem braunen Wesen. »Was hältst du davon?« Alexander hielt den Atem
an. Was dann geschah, spielte sich in Sekundenschnelle ab.
Alexander merkte nur, wie der Affe plötzlich an seiner Brust hing,
ihm die Arme um den Hals legte und sein Gesicht, das wie das
Gesicht eines alten Mannes aussah, an das seine preßte. Der Sprung
des Tieres war so heftig und unerwartet gewesen, daß Bobrov
stolperte und auf den Marmorboden fiel. Die Anwesenden brachen in
Gelächter aus. Alexander versuchte aufzustehen. Das Tier war über
ihm, zupfte ihn an den Ohren und rieb seine Nase an Alexanders
Nase. Und dazwischen hörte er Zubovs Stimme, quiekend vor
Vergnügen: »Er mag Sie, Bobrov, er liebt Sie!«
Dann plötzliche Stille; Alexander blickte auf und sah inmitten
des Raumes eine kleine, gedrungene Gestalt in einer einfachen,
blaßseidenen Robe, eher einem Morgenmantel, stehen. Es war
Katharina.
Das Gesicht hochrot vor Scham, versuchte Bobrov seine Kleider
zu ordnen, erhob sich linkisch und verneigte sich. Der Affe war
verschwunden. Bobrov sah nur die etwa zwanzig Höflinge, die ihn
beobachteten, und die Kaiserin, deren Gesicht maskengleich starr
wirkte.
Nun stand er ihr endlich persönlich gegenüber. Das also war
die Frau, deren Lager er einst zu teilen gehofft hatte. Ihre
Gesichtszüge waren noch edel, doch ihren Körper hatte er sich nicht
so plump und schlaff vorgestellt, und offensichtlich fehlten ihr
einige Zähne. Der goldene Herbst neigte sich seinem Ende zu.
Alexander beneidete Platon Zubov nicht mehr.
»Wer ist das?« hallte die Stimme der Kaiserin kalt durch die
Stille. »Alexander Prokofievitsch Bobrov«, antwortete Zubov und
lächelte Alexander ermutigend zu. »Er bittet um eine Anstellung«,
fügte er wohlwollend hinzu. Katharina blickte Bobrov schweigend an
und suchte wohl in ihrem Erinnerungsvorrat nach näheren Hinweisen.
»Sie sind Staatskanzler Bobrov?«
Er verneigte sich. Vielleicht hatte Potemkin einmal von ihm
gesprochen, und sie erinnerte sich. Zumindest mußte sie Kenntnis
von den früheren Dienstleistungen seiner Familie haben. »Sind Sie
nicht mit der lästigen, lächerlichen Gräfin Turova verwandt?«
»Wir sind entfernt verwandt. Leider ist sie reichlich
seltsam«, antwortete er lahm.
»Absolut. Jetzt weiß ich, wer Sie sind.« Damit wandte
Katharina sich um und verließ den Raum. Ohne den Kopf zu drehen,
rief sie an der Tür: »Komm, Platon.« Dann rauschte sie hinaus.
Zubov folgte ihr unmittelbar; von irgendwo tauchte der Affe wieder
auf und hüpfte hinter ihm her. An der Tür wandte Zubov sich mit
einem bedauernden Achselzucken zu Alexander: »Ach ja, Alexander
Prokofievitsch«, rief er, »wenigstens hat mein Affe Sie gern. Leben
Sie wohl!« Dann war auch er verschwunden, und alle Anwesenden
lachten.
Es war vorbei. Er würde nie in seinem ganzen Leben die Gunst
des Hofes erlangen. Und warum nicht? Weil die Kaiserin ihn mit
Gräfin Turova und ihren törichten Ansichten in Zusammenhang
brachte.
Er fühlte sich als gebrochener Mann. Als er zu seiner
wartenden Kutsche ging, nahm er nur nebenbei wahr, daß der alte
General mit leisem Lächeln auf dem Gesicht den Palast betrat. Die
ganze Fahrt über grübelte Alexander. Er war erledigt. Für seine
Kinder blieb nahezu nichts. Selbst seine geringsten Hoffnungen
waren nun zerstört. Vielleicht sollte ich einfach in Russka leben,
dachte er. Dort hätte er zwar nichts zu tun, aber das Leben wäre
billig.
Um acht Uhr abends erreichte er St. Petersburg. Er mußte
Tatjana kurz von seinem Versagen berichten. Als sich seine Kutsche
dem zweiten Admiralitätsviertel näherte, kam ihm eine Idee, und er
befahl dem Kutscher, über die Neva zur Vassiljev-Insel zu fahren.
Dort ließ er ihn an der Strelka, der Spitze der Insel, warten und
ging zu Fuß weiter. Er wollte noch einen letzten Versuch wagen.
Schließlich hatte er nichts mehr zu verlieren. Alexander näherte
sich vorsichtig dem kleinen Seiteneingang zu Madame de Ronvilles
Wohnung. In ihrer Nachricht hatte gestanden, daß sie den ganzen
Abend bei den Ivanovs sei. Um so besser! Er wollte sie nicht mit
hineinziehen. Er zog die Schlüssel zu ihrer Tür hervor, die er
immer bei sich trug. Obwohl sie kein Liebespaar mehr waren, konnte
er sich nicht von diesen Schlüsseln trennen. Er schloß auf und ging
die Treppe hinauf.
Wie still es war! Nicht der geringste Laut im Haus. Alexander
ging durch Adelaides Räume. Im Salon hing ein leichter Rosenduft.
Gleich darauf befand er sich im Haupthaus. Auch hier war alles
still. Er stieg behutsam bis zum Treppenabsatz hoch und blieb dort
stehen. Die Tür der Zofe war geschlossen. Offensichtlich hielt sie
sich noch unten auf, doch die Tür zum Gemach der Gräfin stand
offen. Er horchte. Ob sie wohl drinnen war? Da hörte er sie. Zuerst
dachte er, sie spreche zu jemandem, doch als er nach einiger Zeit
niemanden antworten hörte, wußte er, daß sie Selbstgespräche
führte. Lautlos trat er ein. Die Gräfin saß im Bett und las. Sie
sah noch älter und gebrechlicher aus. Ihre spitzen Schulterknochen
waren unter der schlaffen Haut zu sehen. Sie wurde von Kissen
gestützt und las mit Hilfe eines Vergrößerungsglases in einer
Zeitung.
Als sie ihn sah, stieß sie einen kurzen Schrei aus. Doch dann
warf sie die Zeitung aufs Bett und zischte wütend: »Was wollen Sie?
Sie wagen es, hereinzukommen?«
»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Daria Michailovna, aber Sie
haben mich nicht eingelassen.«
»Hinaus mit Ihnen!«
»Gestatten Sie mir wenigstens, Daria Michailovna, Ihnen
untertänigst mitzuteilen, daß Sie mir unrecht getan haben. Selbst
wenn Sie fälschlicherweise auf mich böse sind, bitte ich Sie, meine
arme Frau und meine Kinder, die unschuldig sind, nicht zu
vernichten.«
»Ihre Familie hat mich, auf Ihr Betreiben hin, schon einmal
hier belästigt, und ich habe sie fortgeschickt«, entgegnete sie
scharf. »Verlassen Sie mein Haus!«
Seine Familie hier – wovon sprach sie da? »Das habe ich nie
getan«, erwiderte er wahrheitsgemäß.
Die Gedanken der alten Frau schweiften anscheinend ab. »Zuerst
kommt der eine, dann der andere, und dann tun sie, als wüßten sie
nichts«, murmelte sie. »Lügner! Von mir bekommen sie nichts.«
Offenbar ist die Gräfin nun wirklich senil, überlegte Alexander.
»Und schließlich die Kinder! Gesindel! Nattern!« krächzte
sie.
»Dana Michailovna«, fuhr Alexander geduldig fort, »ich
versichere Ihnen, daß niemand den großen Voltaire mehr verehrt als
ich. Aber zur Zeit dürfen diejenigen, die so denken wie Sie, nicht
sprechen. Die Kaiserin will davon nichts wissen. Sie können sich
denken, daß auch ich vorsichtig sein muß.«
Zuerst sagte Gräfin Turova nichts; dann blickte sie ihn
verächtlich an und schleuderte nur ein Wort hervor: »Hinterhältig!«
Welch eine törichte, böse alte Frau sie doch war! Als sie nun
wieder vor sich hinmurmelte, wußte er nicht, ob es Selbstgespräche
waren oder ob sie mit ihm sprach. »Zu dem einen sagt er dies, zum
anderen das. Man kann ihm nicht über den Weg trauen.«
»Sie verstehen nicht. Ich versichere Ihnen…« begann er. Sie
fuhr dazwischen: »Sie meinen, ich durchschaue Sie nicht. Schon zum
zweitenmal schleichen Sie sich hier ein.«
»Aber keinesfalls!« erwiderte er hitzig.
»Lügner! Ich habe ihn gesehen, wie er mitten in der Nacht hier
hereingekrochen ist. Dieb! Hat meine Bücher genommen, ist vor mir
umhergetanzt wie ein Mondsüchtiger.« Mein Gott! Sie hatte also doch
nicht geschlafen in jener lang zurückliegenden Nacht. Ihre Augen
waren offen gewesen, weil sie nicht geschlafen hatte. Alexander
hatte natürlich nie daran gedacht, daß die Alte die letzten fünf
Jahre über seinen albernen nächtlichen Besuch nachgegrübelt hatte.
Wie um alles in der Welt sollte er ihn jetzt erklären?
»Und all dies nur, weil ich ein paar Worte über Voltaire
gesagt habe. Was wird aus meinen Kindern, Ihren eigenen Verwandten?
Sie wollen sie wirklich enterben?«
»Ihre Kinder interessieren mich nicht im geringsten. Sollen
sie doch verhungern! Und jetzt raus mit Ihnen, Verräter!« Das war
zuviel für Alexander. Der Zorn und die tiefe Enttäuschung dieses
Tages, vielleicht seines ganzen Lebens stiegen plötzlich hoch und
überfluteten alles. »Du alte Hexe!« schrie er. »Du blöde, senile
alte Vettel! Du hast überhaupt keine Ahnung. Dein verdammter
Voltaire! Du verdammtes Stück!« Er hob die geballte Faust über den
Kopf. »Mein Gott, ich bringe dich um!« Er tat einen Schritt auf sie
zu.
Es war eher eine Geste der Abwehr, vielleicht wollte er ihr
einen Schrecken einjagen. Doch nun sah er zu seinem Entsetzen, wie
sie schauderte, die Augen aufriß und in ihre Kissen zurückfiel.
Alexander stand wie versteinert. Es war totenstill. Er blickte zur
Tür, wartete, daß Diener auftauchen würden, aber niemand kam. Er
blickte zur Gräfin hin. Ihr Mund stand offen. Sie atmete
anscheinend nicht mehr. Zitternd trat er zu ihr und fühlte
vorsichtig ihren Puls. Er spürte nichts. Eine Zeitlang starrte er
sie an, bis ihm klar wurde, daß sie tot war. Sie mußte wohl einen
Herzschlag erlitten haben. Alexander bekreuzigte sich. Nach einer
Weile erkannte er die Bedeutung des Vorgefallenen. »Gott sei Lob
und Dank«, flüsterte er. Sie war gestorben und hatte ihr Testament
vorher nicht geändert. »Nun bin ich doch noch gerettet.« Vorsichtig
schlich er sich auf den Gang und blickte sich um. Alles war still.
Er gelangte unbemerkt in Madame de Ronvilles Wohnung, die er wieder
von außen verschloß. Dann ging er rasch zu seiner wartenden Kutsche
an der Strelka.
Während Alexanders Kutsche über die Brücke auf den Petersplatz
zurollte, flatterten Gräfin Turovas Augenlider, bis sie sich
schließlich öffneten. Sie hatte eine Weile in tiefster Ohnmacht
gelegen, aber sie hatte keine Ahnung, wie lange. Es war nicht
verwunderlich, daß Alexander sie für tot gehalten hatte; da er
keine Erfahrung mit alten Menschen hatte, wußte er nicht, daß der
Puls oft fast unmerklich schlägt. Die Gräfin versuchte, ihre Kräfte
zu sammeln, dann rief sie nach ihrer Zofe, die sich anscheinend
immer noch unten aufhielt. Vorsichtig drehte sie sich um und ließ
ihre Beine über den Bettrand gleiten. Sie hielt sich am Nachttisch
fest und prüfte, ob sie gehen konnte. Dann begab sie sich zu dem
kleinen Schreibtisch, zog einen Bogen Papier aus der Schublade und
las nachdenklich; die Gräfin hatte keine Ahnung, was der Inhalt
bedeutete, aber ganz sicher hatte er eine Bedeutung.
Dieser Brief war Alexander aus der Tasche gefallen, als er in
jener Dezembernacht fünf Jahre zuvor den verrückten Tanz in ihrem
Zimmer aufgeführt hatte. Er war mit »Colovion« unterzeichnet.
Alexander konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Er nahm
seinen Weg zur Uferstraße, ging langsam über den großen Platz, wo
Peters mächtige Statue aufragte, weiter an den langen, kahlen
Wänden der Admiralität entlang und schaute auf die weite Fläche vor
dem Winterpalais und die anschließende Eremitage. Zur linken zog
sich das breite, fahle Band der Neva hin. Auf der Strelka inmitten
des Flusses lag ein heller Schein. Als Alexander stehenblieb und
nach Norden sah, entzündete sich die frühe Morgenröte hinter dem
Horizont über der arktischen Ödnis.
Eine unwirkliche Jahreszeit. Eine unwirkliche Stadt. Als
Alexander die vergangenen zehn Jahre seines Lebens Revue passieren
ließ und an die seltsamen Ereignisse dieses Tages dachte, kam es
ihm so vor, als sei seine Existenz nichts als eine kleine
Statistenrolle auf dieser riesigen Petersburger Bühne. War nicht
alles wie ein Schauspiel? War nicht die arme Kaiserin Katharina mit
ihren jungen Liebhabern ein pathetisches Trugbild? War Peters des
Großen Vision von Rußland als einem gewaltigen Kontinentalreich nur
ein wilder Traum, unmöglich, je Wirklichkeit zu werden? »Nun, die
ganze Stadt ist nichts als ein riesiges Potemkinsches Dorf«,
murmelte Alexander vor sich hin, »nichts als Fassaden. Und was war
dann mein Leben, mein Spiel um Macht, meine Liebe zum Prunk, mein
Wunsch nach irdischer, ja himmlischer Belohnung? War dies alles
eine einzige Illusion?«
Als er sich langsam auf den Heimweg machte, sagte er leise:
»Ja, es ist alles Einbildung, maßlose Einbildung.« Er war so sehr
in seine Gedanken über diese große Sinnlosigkeit vertieft, daß er,
als er endlich am frühen Morgen heimkam, nicht einmal die kleine
Kutsche vor seinem Haus bemerkte, auch nicht die Gruppe von
Männern, die ihn erwartete. Er blickte überrascht auf, als einer
davon auf ihn zutrat und leise zu ihm sagte: »Staatskanzler Bobrov,
Sie müssen uns begleiten. Sie sind verhaftet.«
In der Zelle war es stockfinster; es gab keinerlei Licht.
Alexander wußte nicht, wie lange er schon hier war, aber da die Tür
zweimal einen Spalt geöffnet worden war und eine Hand eine
Brotkruste und einen kleinen Krug mit Wasser hereingeschoben hatte,
schätzte er, daß es sich um ein bis zwei Tage handelte. Der Raum
war sehr klein. Alexander fand heraus, daß er sich nach zwei großen
Schritten den Kopf an der gegenüberliegenden Wand anstieß. Dies
mußte eine Zelle in der gefürchteten Peter-und-Pauls-Festung sein.
Er hätte gern gewußt, ob die Zelle über oder unterhalb des
Wasserspiegels lag, wahrscheinlich darunter. Warum hatte man ihn
wohl eingesperrt? Aufgrund welchen Vergehens? Der Polizeibeamte
hatte es ihm nicht gesagt, wahrscheinlich wußte er es nicht. Es
blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ruhig zu verhalten.
Ein weiterer Tag verging, und niemand kam. Ob man ihn wohl so
lange hier lassen würde, bis er starb? Am Ende des dritten Tages
holten sie ihn heraus. Minuten später stand er in einem großen Raum
und blinzelte in das schmerzende Licht. Alexander fragte den
einzigen Wachmann, was nun geschehe. »Sie werden verhört«, war die
barsche Antwort gewesen. »Oh, von wem?«
»Wissen Sie das nicht?« Der Wachmann grinste. »Von
Scheschkovskij persönlich natürlich.« Dann lachte er. »Sie werden
schon reden.«
Alexander begann zu zittern. Jeder wußte über Scheschkovskij
Bescheid – er war der am meisten gefürchtete Inquisitor von ganz
Rußland. Der große Fragesteller hatte selbst Radischtschev, den
radikalen Autor, ohne weiteres zur Strecke gebracht. Es hieß, seine
Opfer könnten froh sein, wenn sie die Befragung lebend überstünden.
Aber ich bin ein Adliger, sagte Alexander sich. Dem Gesetz nach
darf er mich nicht foltern, mir nicht die Knute geben. Das Gericht
mußte ihm seinen Adelsstand aberkennen, ehe man ihm eine solche
Schmach antun konnte.
Jemand drückte ihn auf eine Bank. Eine grelle Lampe wurde auf
ihn gerichtet. Gleich darauf war ihm bewußt, daß noch eine Gestalt
im Raum war. Er konnte sie nicht erkennen, weil er geblendet war,
aber er hörte eine Stimme, die leise sagte: »Nun erzählen Sie mir
von Colovion.«
In den folgenden drei Wochen war Alexander Bobrov manchmal am
Rand des Wahnsinns. An manchen Tagen ließ man ihn in seiner Zelle.
Doch gewöhnlich warteten sie nur, bis er eingeschlafen war; dann
schleppten sie ihn zurück in den erleuchteten Raum und richteten
den Schein der Lampe auf sein Gesicht, oder sie zwangen ihn,
ständig umherzulaufen, damit er nicht einschlafen konnte. Der
Inquisitor kam in unregelmäßigen Abständen. Wenn Alexander fragte,
warum er festgehalten werde, bekam er eine unklare und deshalb um
so erschreckendere Antwort: »Ich glaube, Sie wissen es!« Oder:
»Vielleicht wollen Sie es mir sagen, Alexander
Prokofievitsch.«
Er wurde nicht gefoltert. Aber keine Folter, das wurde ihm nun
klar, kann schlimmer sein, als wenn man ständig am Schlafen
gehindert wird. Er verstand inzwischen auch, warum dieser
Vernehmungsbeamte so gefürchtet war. Er quälte vor allem die Seele.
Allmählich, mit jedem Tag, mit jeder Befragung verlor Alexander
einen Teil seiner Urteilsfähigkeit. Es war ein unterschwelliger
Prozeß. Als er etwa jegliche Verbindung zu Colovion leugnete,
widersprach ihm der Beamte nicht. Doch gegen Ende der Befragung
ließ er Alexander mit ein paar ruhigen, gelassenen Worten wissen,
daß er über den Professor und die Rosenkreutzer informiert sei.
Wahrscheinlich, so dachte Alexander, hat er den Professor ebenfalls
verhört. Wie aber konnte er von ihrer Verbindung wissen? Ob der
Professor gesprochen hatte? Vielleicht.
Es kam auch anderes zur Sprache. Der Vernehmungsbeamte wollte
etwas über Alexanders Artikel hören, die er Jahre zuvor zu Themen
wie etwa die Befreiung der Leibeigenen verfaßt hatte. Diese Artikel
waren nicht unter Alexanders Namen veröffentlicht worden. Wie kam
es nur, daß die Stimme der unsichtbaren Person es ohne weiteres
hinnahm, wenn er etwas leugnete, und daraufhin mit unglaublicher
Genauigkeit einige Zeilen wiederholte, die er vielleicht zehn Jahre
zuvor geschrieben hatte? Nach einer Woche hatte Alexander das
Gefühl, der Beamte wisse nun alles über ihn, was man nur wissen
konnte. Nach zwei Wochen hatte sein verwirrtes Gehirn den Eindruck,
der Mann wisse mehr über ihn als er selbst. Nach drei Wochen hielt
Alexander den Beamten für allwissend, gottgleich. Was also hatte es
für einen Sinn, irgend etwas vor dieser Stimme, dieser gütigen
Stimme zu verheimlichen, die ihm doch nur helfen wollte, sein Herz
zu öffnen, damit er endlich einmal wieder schlafen konnte? Am
einundzwanzigsten Tag sprach er schließlich.
An einem feuchtkühlen Oktobermorgen verließ Alexander die
Peter-und-Pauls-Festung. Er saß hinten in einem kleinen, offenen
Karren und war an Händen und Füßen gefesselt. Vorn saßen der
Fuhrknecht und ein Soldat mit einer Muskete. Zwei Reiter
begleiteten die Fuhre.
Seltsamerweise fühlte Alexander sich im Frieden mit der Welt.
Er saß ganz ruhig und betrachtete die vorbeiziehende Stadt. Seine
Kleider waren zerfetzt, sein Kopf unbedeckt, doch das machte ihm
wenig aus. Jenseits des Flusses hatte er einen raschen Blick auf
den bronzenen Reiter in der Ferne. Da waren das Winterpalais und
die Eremitage.
Es war merkwürdig: Er hatte alles verloren, und doch fühlte er
sich besser als in all den Jahren davor. Er fühlte sich aller
irdischen Sorgen enthoben. Vielleicht war es sein persönlicher
Charakterzug, vielleicht gehörte es zum russischen Wesen –
jedenfalls wurde ihm klar, daß er sich nur in extremen
Lebenssituationen mit sich selbst eins fühlte. Gebt mir einen
Palast oder eine Mönchszelle, dachte er, es ist mir egal. Auf alle
Fälle hatte er noch Glück gehabt. Er war nur zu zehn Jahren
verurteilt worden.
Er hatte es am vorhergehenden Tag erfahren. Nach dem Ende der
Verhöre war er mehrere Wochen lang in einer Zelle mit Fenster
gefangengehalten worden. Er durfte weder Besucher noch Nachrichten
aus der Außenwelt empfangen. Er wußte immer noch nicht, welcher
Verbrechen man ihn beschuldigte. Am Morgen teilte der
Vernehmungsbeamte ihm das Urteil mit.
»Ihr Verfahren lief gut«, verkündete er wohlwollend. Wie
üblich bei solchen Verfahren war die Urteilsfindung eine kurze,
informelle Angelegenheit, bei der der Angeklagte nicht anwesend
war. »Die Kaiserin wollte Sie zu fünfzehn Jahren verurteilen; das
jedenfalls hat Ihr Freund, der Professor, bekommen. Aber Ihre Frau
hat der Kaiserin einen Brief geschrieben, einen sehr schönen, das
muß ich schon sagen – und so waren wir nachsichtig. Übrigens haben
Sie noch mehr Glück gehabt, doch davon wird Ihnen Ihre Frau
berichten.«
Tatjana hatte er einige Stunden später gesehen. Da erfuhr er,
daß die Gräfin noch am Leben war. »Sie hat allen Leuten in St.
Petersburg erzählt, daß du sie hast ermorden wollen«, sagte
Tatjana. »Sie ging noch am selben Abend zur Polizei und sagte
ihnen, man solle dich verhaften. Und dann«, sie hielt einen
Augenblick inne, »gibt es anscheinend noch andere Anklagepunkte. Es
heißt, du seist Freimaurer.«
Katharina die Große führte im Sommer 1792 einen plötzlichen
Schlag gegen die Freimaurer. Wahrscheinlich war das eine Folge von
Novikovs Verhör, bei dem er etwas über die Existenz des geheimen
inneren Ordens der Rosenkreutzer aussagte. Wie aus historischen
Zeugnissen hervorgeht, hatten die Behörden selbst hinterher nur
eine sehr unvollkommene Vorstellung von der Organisation des
Ordens. Da die Rosenkreutzer jegliche Korrespondenz verbrannten,
war die volle Mitgliederzahl nie erfaßbar. Die Verbindung zum
Großfürsten Paul war nicht zu beweisen, doch die Kaiserin war
unnachgiebig. Der Orden war geheim, seine Mitglieder wahrscheinlich
radikal. Sie mußten beseitigt werden. Männer mit bedeutenden
Beziehungen wie der Fürst wurden unauffällig ins Exil auf ihre
Besitzungen geschickt. Der Buchhändler, der Freimaurer-Traktate
verbreitet hatte, sollte verhaftet und später mit strengster
Verwarnung entlassen werden. Am Professor würde ein Exempel
statuiert werden. »Ich wünsche außerdem«, erklärte die Kaiserin,
»daß ebenso mit einer Person aus St. Petersburg und einer weiteren
aus Moskau verfahren wird.«
Deshalb war es ein höchst glücklicher Umstand, daß der
Inquisitor Scheschkovskij mit der überraschenden Nachricht zu ihr
kam, genau den Mann, den sie dafür brauchten, entdeckt zu haben.
Als die Kaiserin hörte, um wen es sich handelte, war sie höchst
angetan. Wie aber konnten sie nur soviel über mich wissen, fragte
Alexander sich.
»Madame de Ronville berichtete mir, wie das kam«, sagte
Tatjana. »Sie besuchte mich nach deiner Verhaftung. Anscheinend
hatte die Gräfin irgendeinen Brief von Professor Novikov, jenem
Freimaurer. Sie wußte nicht, worum es sich handelte, und so zeigte
sie ihn den Behörden. Daraufhin suchte ein Mann namens
Scheschkovskij sie auf. Kennst du ihn?«
»Ja, ich kenne ihn.«
»Er blieb den ganzen Nachmittag bei ihr. Sie zeigte ihm eine
Reihe von Artikeln, die du vor Jahren geschrieben hast. Er war sehr
interessiert.«
Alexander konnte sich die Szene ausmalen: die alte Gräfin und
der mit allen Wassern gewaschene Vernehmungsbeamte. Wie einfach
mußte es für ihn gewesen sein, alle für ihn wichtigen Informationen
von ihr zu erfahren! Kein Wunder, daß er alles über Alexander zu
wissen schien.
»Ja, sie hatte ihre Rache«, meinte er traurig.
»Trotzdem gibt es eine ganz kleine gute Nachricht«, sagte
Tatjana.
»Du wirst nicht in die Festung gesperrt wie der Professor. Du
kommst ins Kloster von Russka.«
1796
Wie langsam, wie ruhig die Jahre
vorübergingen! Alexander Bobrov horchte auf die Glocke, die die
Mönche zum Gebet rief, und so wußte er immer, welche Stunde es war.
Die Zelle war ziemlich geräumig, die Wände weiß verputzt, und es
gab ein hohes, vergittertes Fenster.
Er durfte Bücher haben, aber kein Schreibgerät. Ein Mönch gab
ihm ein Psalmenbuch. Tatjana, die sich die meiste Zeit in Russka
aufhielt, durfte ihn einmal im Monat besuchen und brachte
gewöhnlich die Kinder mit. Es war merkwürdig, dem eigenen Besitz so
nahe zu sein – und doch so fern. Das Kloster war natürlich nur noch
ein schwacher Abglanz seiner selbst. Als er es als Kind besuchte,
gehörten noch die umliegenden Ländereien bis zu seinem Besitz, dem
Dorf Sumpfloch, dazu. Seit jedoch Katharina alle kirchlichen
Ländereien übernommen hatte, gehörten die darauf arbeitenden Bauern
alle dem Staat. Das Kloster war nur noch eine verlorene Ansammlung
von Ordensgebäuden inmitten staatseigener Felder.
Es war früher niemals ein Gefängnis gewesen, überlegte
Alexander. Zwanzig Jahre zuvor aber war Katharina zu dem Schluß
gekommen, daß sich das kleine Kloster in Russka gut für Gefangene
eigne, die auf ihr Verfahren warteten. Seither wurde es auf diese
Weise genutzt. Augenblicklich gab es allerdings nur zwei Gefangene,
und sie waren in derselben Zelle eingesperrt: Alexander und sein
merkwürdiger Genosse.
War es Zufall oder ein boshafter späterer Einfall der
Kaiserin, daß man Alexander mit diesem Burschen zusammen in eine
Zelle steckte? Wahrscheinlich letzteres. Der Mann war sehr groß und
hager, ein bißchen älter als Alexander, hatte einen langen,
wehenden Bart und tiefliegende schwarze Augen, die mit brennender
Intensität aus ihren Höhlen blickten. Es wirkte merkwürdig – da
keinerlei physische Ähnlichkeit vorlag –, als er am ersten Tag
verkündete, er sei Katharinas Gemahl, der ehemalige Zar Peter III.
Er war völlig harmlos. Alexander vermutete, daß es sich um einen
Staatsbauern irgendwo aus dem Norden handelte. Der Bursche konnte
weder lesen noch schreiben, saß meistens da und starrte die Wand
an. Alexander nannte ihn bei sich den »Falschen Peter«. Sie kamen
gut miteinander aus.
Wenn Tatjana ihn besuchte, wurde Alexander in eine andere
Zelle gebracht, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. Er
freute sich auf diese Begegnungen. Tatjana war immer ausgeglichen
und liebevoll. Sie saß da mit den Kindern und erzählte ihm das
Neueste von draußen. So erfuhr er von den furchtbaren Ereignissen
in Frankreich, wie die Jakobiner den König und seine Frau Marie
Antoinette hingerichtet hatten. Er erfuhr, daß Polen schließlich
ganz von den benachbarten Mächten eingenommen worden und zum
größten Teil eigentlich eine russische Provinz sei. »Es läßt sich
nicht leugnen, daß Kaiserin Katharina außerordentlich erfolgreich
war«, bemerkte Tatjana.
Jedesmal wenn sie kam, fragte Alexander mit munterem Lächeln
und leichter Ironie: »Was gibt's Neues aus der großen Stadt?«
Diese Frage bezog sich nicht auf St. Petersburg, sondern auf
Russka. Der Ort war eigentlich keine Stadt. Er hatte kaum mehr als
tausend Einwohner, und als Zufahrtsstraße diente ein Schotterweg.
Aber als Katharina die örtliche Verwaltung fünfzehn Jahre zuvor
reformiert hatte, beschloß man, diesen kleinen, rückständigen Ort,
zumindest auf dem Papier, zur Stadt zu erheben. Es gab im
russischen Reich Dutzende, wenn nicht Hunderte solcher Städte.
Alexander bewunderte Tatjana. Sein Vater hatte am Abhang oberhalb
von Sumpfloch ein bescheidenes Holzhaus errichtet, es jedoch nie
bewohnt. Tatjana hatte es vollständig in Ordnung gebracht. Sie
beaufsichtigte die Ländereien. Den Kindern ging es gut. »Langweilst
du dich denn nicht schrecklich?« fragte Alexander häufig.
»Überhaupt nicht«, war jedesmal ihre Antwort. »Ich finde, daß
ich gut aufs Land passe.«
Wie gut sie aufs Land paßte, begriff Alexander erst
allmählich. »Ich habe das Petersburger Haus verkauft«, berichtete
sie am Anfang des ersten Jahres. Zwei Monate später hieß es dann:
»Ich hoffe, du hast nichts dagegen, Aljoscha, daß ich den Verwalter
entlassen habe.«
Ein Jahr darauf hieß es nach einer guten Ernte: »Ich baue zwei
kleine Flügel an das Haus an. Sie werden dir sicher gefallen.« Und
als er eines Tages erklärte, nach seiner Entlassung werde er
versuchen, einen Teil ihrer Schulden zurückzuzahlen, küßte sie ihn
lächelnd und flüsterte: »Wir haben keine mehr, mein
Liebling.«
»Aber wieso? Wer hat uns das Geld gegeben?«
»Niemand, Aljoscha. Der Besitz wirft viel ab, weißt du. Und
unsere Ausgaben hier auf dem Land sind gering«, fügte sie mit
spitzbübischem Lächeln hinzu.
Nachdem sie gegangen war, seufzte er und murmelte: »Das Beste,
was ich je für meine Familie getan habe, war tatsächlich, daß ich
ins Gefängnis gegangen bin.« Diesem unbequemen Gedanken folgte
sogleich ein zweiter: Was nütze ich meiner Familie überhaupt, wenn
ich entlassen werde? Tatjana hat ja alles übernommen. Obwohl er
seine Frau liebte und bewunderte, grübelte er oft darüber nach.
Kurz vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1795 hörte Alexander einen
Schlitten im Klosterhof vorfahren; er wurde von seiner Zelle in die
Besucherzelle gebracht, und bald darauf wurde eine Person im
Pelzmantel hereingeführt.
Es war Adelaide de Ronville. Sie hatte der Stadt Vladimir
einen Besuch abgestattet. »Im Schlitten ist es nicht sehr weit nach
Russka, weißt du?« erklärte sie mit leichtem Schulterzucken.
Alexander lächelte. Es rührte ihn, daß sie diese Reise unternommen
hatte.
»Wie bist du hereingekommen? Hast du die Mönche bestochen?«
Sie nickte.
»Laß mich dich ansehen«, bat er und half ihr aus dem Mantel.
Da stand sie. Sie war nun siebzig Jahre alt. Die Linien auf ihrem
Gesicht bildeten ein verästeltes Netzwerk, doch als sie zu ihm
aufsah, fand Alexander, daß sie nur betonten, was immer schon
dagewesen war. Sie verzog spöttisch ihren Mund. »Ich werde alt.
Heutzutage gibt es nicht mehr allzuviel Erfreuliches.«
»Das sehe ich anders.«
Sie unterhielten sich eine Weile. Er erkundigte sich nach der
Gräfin und hörte, daß sie sehr gebrechlich, sonst aber unverändert
sei. Ob sie ihm vergeben habe? »Natürlich nicht.« Er fragte
Adelaide nach ihrem Leben. Hatte sie einen neuen Liebhaber?
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Das ist nicht wichtig.« Sie
sprachen leise, wie immer, bis ein Mönch kam und Adelaide
bedeutete, daß sie nun gehen müsse.
Stunden nach Adelaides Weggang zitterte Alexander noch immer.
Er war selbst überrascht von seinen Emotionen. Nun verstand er
ganz, daß er immer ein Gefangener dieser Verbindung bleiben würde,
in der er der Leidenschaft so nahe gewesen war wie nie sonst in
seinem Leben. Am letzten Tag des Jahres 1796, wenige Wochen nach
dem Tod der Kaiserin Katharina der Großen von Rußland, wurde
Alexander Bobrov nach nur vier Jahren Haft aus dem Gefängnis
entlassen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte der neue Zar
Paul eine Amnestie für fast alle Feinde seiner verhaßten Mutter
erlassen. Alexander kehrte auf seinen nahe gelegenen Besitz zurück.
Drei Monate später starb die Gräfin Turova. »Damit ging wahrhaftig
eine Ära zu Ende«, hieß es allgemein. Sie hinterließ den größten
Teil ihres Vermögens einem entfernten Vetter Alexanders, und ein
Viertel erhielt Adelaide de Ronville, die bald darauf
heiratete.