Katharina

1786
Alexander Bobrov saß an seinem Schreibtisch und starrte auf die beiden vor ihm liegenden Bögen Papier. Der eine war mit Zahlen von seiner eigenen Hand bedeckt, der andere war ein Brief, der ihm eine halbe Stunde zuvor durch einen livrierten Diener überbracht worden war. Während er auf die Papiere sah, murmelte er: »Was zum Teufel soll ich bloß machen?«
Draußen vor dem Kollegium, wie die Ministerien jetzt genannt wurden, war es bereits dunkel. Im Dezember gab es in St. Petersburg nur fünfeinhalb Stunden Tageslicht. Den eisig pfeifenden Wind hörte man nicht, denn wie in allen Häusern in St. Petersburg hatte man im Kollegium bereits im Oktober die Doppelfenster eingesetzt.
Seit Monaten war Bobrov dabei, das schwierigste und gefährlichste Spiel seines Lebens zu spielen; und er konnte kaum fassen, was jetzt geschehen war. Auf einem der beiden Bögen hatte er eine Liste seiner Schulden aufgestellt. Der Brief enthielt ein Heiratsangebot oder vielmehr eine Aufforderung zur Heirat. »Es muß doch einen Ausweg geben«, flüsterte er wieder und wieder.
Er schob die Papiere weg und rief in das Vorzimmer hinein. Sofort erschien ein höflicher junger Mann in hellblauer Jacke mit gelben Knöpfen und weißen Kniehosen – die Uniform der St. Petersburger Regierung.
»Sage dem Lakaien, er soll den Kutscher holen!«
»Sogleich, Euer Hochgeboren.« Dieser Titel bezog sich nicht auf Alexander Bobrovs Vorfahren, obwohl es Adlige waren, sondern auf die Tatsache, daß er es, wenn auch erst Anfang Dreißig, bereits zu einem schwindelerregenden fünften Rang innerhalb der vierzehn Dienstränge gebracht hatte, die Peter der Große eingeführt hatte. Niedrigere Ränge wurden lediglich mit »Wohlgeboren« tituliert; es folgte »Hochwohlgeboren« und »Hochgeboren«. Wenn Bobrov seine glänzende Karriere weiterverfolgen konnte, wäre ihm, so hoffte er, der höchste und begehrteste Titel sicher – »Euer Höchste Exzellenz«. Alexander Prokofievitsch Bobrov war ein gutaussehender Mann von etwas mehr als durchschnittlicher Größe, einem eher runden, glattrasierten Gesicht mit breiter Stirn, leicht verhangenen braunen Augen und schmalen Lippen. Sein Haar war nach der Mode jenes Jahrzehnts gepudert, und über jedem Ohr kringelte sich eine einzelne Locke, die morgens mit Hilfe einer Brennschere entstand. Sein Gehrock war aus schlichtem Tuch, nach englischem Schnitt eng anliegend und knielang. Seine Weste war bestickt, die Kniehosen weiß mit blauem Streifen. Ein Mann also, nach der besten Mode der Zeit gekleidet.
Im goldenen Zeitalter Katharinas der Großen gab es in dem hübschen St. Petersburg keinen besseren Spieler als Alexander Prokofievitsch Bobrov. Er spielte allerdings nicht eigentlich um Geld. Obwohl man ihn häufig an den Kartentischen der besten Häuser sah, spielte er immer nur um geringe Summen. Er war an einem größeren, geheimeren Spiel interessiert: am Spiel um die Macht. Bisher hatte er gewonnen.
Er hatte für seinen Erfolg aber auch gearbeitet. Ebensogut hätte er ein Niemand sein können, wie so mancher Provinzadlige der damaligen Zeit. In seiner Kindheit, die er auf einer der Familienbesitzungen in der Nähe Tulas verbrachte, bestand seine Erziehung mehr oder weniger aus der Lektüre des orthodoxen Psalters und aus den Märchen und russischen Liedern, die er von den Leibeigenen lernte. Als er zehn Jahre alt war, lud ihn ein Freund seines Vaters ein, in seinem Moskauer Haus zu leben und mit seinen Kindern gemeinsam erzogen zu werden. Das war der Durchbruch für ihn – mehr brauchte er nicht.
Er arbeitete zum Erstaunen seiner Lehrer unermüdlich, wurde dann für das Elitekorps der Pagen am St. Petersburger Hof ausgewählt, und während die meisten dieser jungen Männer spielten, tranken oder es mit Frauen trieben, verwandte er mehr Zeit auf seine Studien als je zuvor. Schließlich erlebte er seinen größten Triumph – er wurde mit einer Handvoll Jugendlicher auf die berühmte Leipziger Universität geschickt. Was trieb ihn eigentlich immer weiter?
Er verdankte all seinen Erfolg seinem Ehrgeiz, und dieser war ein grausamer Lehrmeister. Er spornte an, doch wenn man einmal strauchelte, saß er einem wie eine Furie im Nacken. Andererseits verlieh dieser Ehrgeiz dem Alexander Bobrov eine merkwürdige Lauterkeit. Wie raffiniert er auch beim Kartenspielen vorgehen mochte – es geschah alles im Dienst einer geheimen Idee, die er verfolgte.
Wieder blickte er auf das mit Zahlen vollgeschriebene Papier. Er hatte seit längerem gewußt, daß er in Schwierigkeiten steckte, aber er hatte die genaue Rechnung immer wieder hinausgeschoben. Nun war es soweit: Er war finanziell ruiniert. Dabei hatte er noch mehr Glück gehabt als viele andere; sein Vater hatte ihm drei Güter hinterlassen, eines bei Tula, ein anderes auf ertragreichem Land südlich der Oka in der Provinz Rjazan und eines in Russka, südlich von Vladimir. Außerdem war er an zwei weiteren beteiligt. Insgesamt herrschte Alexander über fünfhundert Seelen – so nannte man die erwachsenen männlichen Leibeigenen. Zu jener Zeit kein großes Vermögen, aber immerhin ein gutes Erbe. Doch es reichte nicht aus.
Die Hälfte aller Männer, die ich kenne, haben Schulden, suchte er sich zu trösten. Das traf zu – auf reiche und arme Adlige gleichermaßen. Die Behörden zeigten Verständnis; sie richteten sogar eine Kreditbank ein, natürlich nur für den Adel, und das zu guten Bedingungen. Da das Vermögen eines Adligen nach der Zahl seiner Leibeigenen berechnet wurde, drückten sich die zu leistenden Sicherheiten nicht in Rubeln, sondern in Seelen aus. Gott sei Dank war in diesem Jahr das Kreditlimit von zwanzig auf vierzig Rubel pro Seele angehoben worden. Das hatte Alexander die vergangenen Monate über Wasser gehalten. Der Besitz bei Tula, auf dem er aufgewachsen war, mußte jedoch verkauft werden, und seine ihm verbliebenen Seelen wurden ihm als Hypothek belastet. Außerdem hatte er noch wer weiß wie viele Schulden an Kaufleute. An diesem Morgen war der Moment gekommen, daß Bobrov die Augen vor seiner Lage nicht weiter verschließen konnte. Als sein Majordomo ihn um Geld für Besorgungen auf dem Markt bat, stellte er fest, daß er nichts mehr im Hause hatte. Er wies den Burschen an, es inzwischen für ihn auszulegen. Als Alexander zu seiner Bank ging, wollte man ihm dort kein Bargeld mehr vorstrecken. In seinem Büro sah er dann seine Konten durch und entdeckte voller Schrecken, daß die mittlerweile angefallenen Zinsen sein Einkommen bei weitem überstiegen.
Und nun war dieser Brief gekommen! Die Heirat mit dem deutschen Mädchen war zwar ein Weg aus seinem Dilemma. Aber er wollte diese Sache doch lieber vermeiden. Aber wie? Vor vielen Jahren war er schon einmal verheiratet gewesen. Seine Frau war nach nur einem Jahr Ehe zu seiner großen Betrübnis im Kindbett gestorben. Nun hatte er seit Jahren eine reizende Geliebte. Das deutsche Mädchen war im Grunde nur eine von mehreren Gelegenheiten, bei denen er in den vergangenen Jahren eher spielerisch um Frauen geworben hatte, um seine Chancen zu testen, falls ihn seine Finanzmisere tatsächlich zu einer Heirat zwingen sollte. Die Familie dieses Mädchens gehörte dem baltischen Adel an, Nachkommen der ehemaligen Deutschen Ordensritter; manche von ihnen waren in russische Dienste getreten, nachdem Peter der Große ihre baltischen Erblande annektiert hatte. Das Mädchen war fünfzehn Jahre alt, und dummerweise hatte sie sich hoffnungslos in ihn verliebt. Da Tatjana eine Erbin war, hätte er dafür sogar dankbar sein sollen.
Das ganze Jahr über hatte das unschuldige Kind den Vater bestürmt, die Angelegenheit zu einem Abschluß zu bringen. Im Laufe der Zeit mußte Bobrov angesichts seiner unsicheren Finanzlage immer mehr Verpflichtungen eingehen. Für den Fall, daß die Dinge weiterhin nicht nach Plan verliefen, durfte er sich das Mädchen nicht entgehen lassen. Seine Bedenken, der Vater könne die Wahrheit über seine, Alexanders, Schulden herausfinden und die ganze Sache auffliegen lassen, wurden immer größer. Bobrov hatte um Zeit gepokert, und ausgerechnet heute war dieser ungewöhnliche Brief gekommen. Das Mädchen schrieb sehr direkt. Alexander sei ihr drei Wochen lang aus dem Weg gegangen, erklärte sie. Ihr Vater habe andere Bewerber im Sinn. Der Brief endete so:
Ich werde meinen Vater morgen abend fragen, ob er etwas von Ihnen gehört hat. Falls nicht, will ich nichts mehr von Ihnen wissen.
Ein junges Mädchen schrieb persönlich in einem solchen Ton an einen Mann – das durchbrach alle Regeln der Etikette und war unerhört. Alexander konnte es kaum fassen. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloß die Augen. Mit Tatjanas Geld könnte er sein schönes Haus in St. Petersburg und seine Besitzungen halten. Er würde reich, abgesichert, geachtet sein. Warum also zögerte er? Warum griff er nicht nach dem Rettungsanker, den ihm das Schicksal zugeworfen hatte? Er öffnete die Augen und starrte in die winterliche Dunkelheit draußen. Es gab noch eine Chance für ihn, ein letztes gewagtes Würfelspiel: die alte Dame.
Er seufzte. Es war ein unerhörtes Risiko. Selbst wenn er jetzt bekam, was er wollte, konnte sie später ihre Meinung immer noch ändern. Dann würde er wahrscheinlich alles verlieren – Geld, Ansehen, selbst die Möglichkeit, wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Alexander Bobrov blieb noch einige Zeit an seinem großen Schreibtisch sitzen und überdachte seine Chancen. Dann richtete er sich sehr gerade auf, ein grimmiges Lächeln im Gesicht. Heute abend noch gehe ich zu ihr und frage sie, beschloß er. Bobrov, der Spieler, spielte ein heimliches Spiel, und es ging um viel mehr als das Vermögen der jungen Tatjana. Er spielte um St. Petersburg.
St. Petersburg erschien den Zeitgenossen wie ein Wunder. Auf demselben Breitengrad wie Grönland oder Alaska, zwölf hundert Meilen nördlicher als Boston, dem nördlichen Polarkreis näher als London oder Berlin, war die russische Hauptstadt ein zweites Venedig. Wunderschön und einfach war es gebaut, um das breite Becken herum, wo die Neva sich durch das große Dreieck der Vassiljev-Insel gabelte, deren Spitze sich landeinwärts wandte und deren breite Basis zur Flußmündung hin die Stadt vor den Unbilden des Meeres schützte.
Gab es in Nordeuropa einen schöneren Anblick? Dann, in der Strommitte, die Spitze der Insel, die Strelka, mit ihren Wohnhäusern und Lagerhäusern und den vielen kleinen klassizistischen Tempeln. In einiger Entfernung zur Linken auf einer eigenen kleinen Insel die alte Peter-und-Pauls-Festung. Zur Rechten, auf dem Südufer, lagen Zar Peters Admiralitätsgebäude, die barocken und klassizistischen Fassaden des Winterpalais und der Eremitage. Wie ruhig und heiter das alles wirkte! Die Stuckfassaden waren zur damaligen Zeit meist gelb, rosa oder braun getüncht, was ein zartes Zusammenspiel mit dem grauen Ton des Wassers ergab.
Zar Peters Stadt; er hatte sie geplant. Als sollte stets an seine militärischen und seefahrerischen Ambitionen erinnert werden, waren die drei breiten Straßen – der berühmte NevskijProspekt war die größte davon –, von der Mitte des Südufers ausgehend, fächerförmig auf die Admiralität ausgerichtet. Und doch war die Topographie der Stadt mit ihren weichen Konturen eher feminin. So seltsam es erscheinen mag: Seit Peters Tod war seine Stadt fast ausschließlich von Frauen regiert worden. Zuerst von Peters Witwe, dann von seiner deutschen Nichte, der Kaiserin Anna, später zwanzig Jahre lang von Peters Tochter Elisabeth. Jeder männliche Thronanwärter war entweder verstorben oder nach kurzer Zeit abgesetzt worden.
Als Bobrov geboren wurde, regierte noch Kaiserin Elisabeth. Es waren sinnenfrohe, ausschweifende Jahre. Sie war eine vielseitig interessierte Frau, ließ das Winterpalais erbauen; zu ihren zahlreichen Liebhabern zählten bedeutende Männer wie Schuvalov, der Begründer der Moskauer Universität, Rasumovskij, der große Musikkenner. St. Petersburg war kosmopolitisch geworden, ahmte den Glanz des französischen Hofs nach.
Und nun zog das goldene Zeitalter herauf. St. Petersburg – die Stadt der Kaiserin Katharina. Wer hätte je gedacht, daß diese unbedeutende junge Fürstin von einem kleinen deutschen Hof Alleinherrscherin über Rußland werden würde? Sie war als liebe, harmlose Gemahlin für den Thronerben, Elisabeths Neffen Peter, gekommen. Das wäre sie auch geblieben, wäre ihr Gemahl nicht ein extrem unausgeglichener Charakter gewesen. Obwohl durch seine Mutter ein Nachfahre Peters des Großen, war der junge Mann ein Deutscher, und Friedrich der Große war sein Idol. Er haßte Rußland, und das sagte er auch. An seiner jungen Frau zeigte er keinerlei Interesse.
Welch einen Gegensatz die beiden bildeten! Ein Erbe, der mit seinem Erbteil nichts zu tun haben wollte, und diese ausländische Fürstin, die zum orthodoxen Glauben übertrat und eifrig Russisch lernte. Obwohl sie ihm einen Erben gebar, wandte Peter sich bald von ihr ab, nahm sich eine Geliebte. Im Grunde trieb er seine Frau dazu, in ihrer Verzweiflung selbst Liebhaber zu nehmen. Hatte er versteckte selbstzerstörerische Tendenzen? Bobrov war jedenfalls dieser Meinung. Als dieser verhaßte junge Mensch auf den russischen Thron kam und die von Katharinas Liebhaber angeführten Palastwachen ihn umbrachten, war Alexander Bobrov durchaus nicht der einzige, der einen Seufzer der Erleichterung ausstieß. Wer wäre ein besserer Thronfolger gewesen als seine beliebte junge Gemahlin, die Mutter des nächsten männlichen Prätendenten, die alles Russische so sehr schätzte? So begann durch einen glücklichen Zufall die glorreiche Regierungszeit Katharinas II. Katharina die Große. Rußland schüttelte seine letzten Fesseln ab. Im Westen war bereits einem geschwächten Polen das restliche Weißrußland abgenommen worden. Im Süden war die türkische Flotte vernichtet, und die uralte Bedrohung durch die Steppentataren war endlich abgewehrt, nachdem Katharina den Krim-Khan abgesetzt und seine Länder annektiert hatte. Nach Osten zu beanspruchte Rußland nun die gesamte nordeurasische Ebene bis zum Pazifik. Jenseits des Kaspischen Meeres waren russische Truppen in die asiatischen Wüsten bis an die Grenzen des alten Persien vorgedrungen. Außerdem hieß es, daß jenseits der Beringstraße, an der Küste Alaskas, eine russische Kolonie gegründet worden sei. Katharina die Reformerin. Wie schon Peter vor ihr, wollte sie aus Rußland ein modernes, freigeistiges Imperium machen. Slawen, Türken, Tataren, Finnen, zahllose Stämme – sie alle waren nun Russen. Um das ausgedehnte Steppenland zu kolonisieren, hatte sie sogar deutsche Siedler geholt. Im kaiserlichen St. Petersburg wurden acht verschiedene Religionen in vierzehn Sprachen praktiziert. In den ehemals polnischen Gebieten lebten sogar Juden. Der gesamte Kirchenbesitz war bereits säkularisiert worden. Alle unbedeutenden Klöster waren geschlossen. Katharina versuchte außerdem, die veralteten russischen Gesetze zu reformieren.
Katharina die Aufgeklärte. Es war das Zeitalter der Aufklärung. Im 18. Jahrhundert hatten rationale Philosophie und liberale politische Ideen in ganz Europa ihren Siegeszug angetreten. Im nördlichen Amerika, das sich durch den Unabhängigkeitskrieg soeben vom englischen König losgesagt hatte, begann das Zeitalter der Freiheit. Katharina die Gesetzgeberin. Katharina die Erzieherin, die Meisterin der freien Rede. Voltaire selbst, der französische Freigeist, schrieb ihr zahlreiche Briefe. Katharina die Weise; die Frau mit vielen Liebhabern.
Im Schatten neben dem Kollegiumseingang wartete eine stille Gestalt im schweren Mantel. Da trat Staatskanzler Bobrov, in einen dicken Pelzmantel gehüllt, aus der Tür ins Licht der Lampe. Er wollte sich nach Hause begeben. Sein Schlitten war noch nicht vorgefahren, und der Türsteher war unterwegs, um ihn zu holen. Der Fremde löste sich aus dem Schatten. Er machte ein kleines Zeichen und überreichte Bobrov verstohlen eine Nachricht. Und schon war er wortlos verschwunden.
Der Platz lag wieder verlassen da. Bobrov erbrach das Siegel und las:
Sie werden für morgen sechs Uhr zu einer außerordentlichen Versammlung der Brüder ins rosa Haus gebeten. Colovion
Es gab in ganz Rußland wohl kaum hundert Personen, die gewußt hätten, worum es hier ging, doch für Alexander Bobrov bedeutete diese Nachricht sehr viel. Zu Hause würde er sie sofort vernichten – alle Mitteilungen dieser Art mußten verbrannt werden, das war Vorschrift. Zunächst aber steckte er den Brief in seine Jackentasche. Da kam auch schon sein Schlitten. An diesem Abend hatte er noch vieles zu erledigen.
Der Mahagonitisch war für ein einsames Abendessen gedeckt: Hühnchen, eine Schüssel mit Sauerkraut, Roggenbrot, Belugakaviar, ein Glas mit deutschem Wein. Alexander hatte jedoch kaum etwas angerührt. Er war für den Abend schon mit einer blauen Samtjacke bekleidet. Obwohl er nervös war, zeigte sein Gesicht den unbeweglichen Ausdruck des Spielers.
Sein Blick schweifte in dem großen hohen Raum umher. An den dunkelgrün tapezierten Wänden hingen biblische Szenen in klassizistischer Manier. In einer Ecke stand der große, rot und grün gekachelte Ofen. Es war Zeit für die Begegnung mit der Gräfin Turova.
Obwohl die Hierarchie des Imperiums – die vierzehn Ränge – jedem gebildeten Mann offenstand, gab es doch Familien, die einen Sonderstatus außerhalb des offiziellen Systems bekleideten. Einige Familien von Bojaren und niederem Adel wie etwa die Bobrovs hatten ihren Stand über die turbulenten Jahrhunderte hinwegretten können. Da gab es Männer mit alten Fürstentiteln, Nachfahren der Tataren-Khans oder des heiligen Vladimir selbst; es gab andere mit ausländischen Titeln, die im allgemeinen aus dem Heiligen Römischen Reich stammten; und neuerdings waren da auch Familien mit Titeln, die Peter und seine Nachfolger für ihre Günstlinge eingeführt hatten: Prinzen, Grafen, Barone. Graf Turov, ein großartiger Mann, war einer dieser Favoriten gewesen. Vor seiner Witwe, der Gräfin Turova, hatte selbst Alexander Respekt. Sie war die Kusine seines Vaters. Sie und der Graf hatten ihre beiden Kinder verloren, und bei seinem Tod hinterließ der Magnat einen Teil seines ungeheuren Besitzes seiner Witwe. »Sie kann damit machen, was sie will«, hatte Alexanders Vater erzählt. »Vielleicht kannst du etwas davon in die Hand bekommen. Wirklich mit ihr rechnen kann man aber nicht. Sie war immer eine exzentrische Person.«
Gerade darum ging es an diesem Abend für Alexander. Er konnte die alte Dame nicht so ohne weiteres um Geld bitten. Doch vielleicht hatte sie ihn ja in ihrem Testament bedacht? Es gab allerdings Vettern, die ebenfalls Anwärter waren. Aber ein Viertel, selbst ein Achtel ihres Vermögens würde genügen. Bobrov seufzte. Obwohl er ihr bereits seit Jahren seine Aufwartung machte, hatte er keinerlei Vorstellung, wie seine Aussichten standen. Manchmal zeigte sie sich ihm gegenüber wohlwollend, dann wieder schien sie sich mit Wonne über ihn lustig zu machen.
Was wäre, wenn sie an diesem Abend einwilligte? Sie war nun über siebzig. Die Aussicht auf ein Legat gäbe ihm die Möglichkeit, neue Risiken einzugehen. Er kannte Geldverleiher, die ihn auf dieser Vertrauensbasis ein weiteres Jahr über Wasser halten würden. Dann würde er dem deutschen Mädchen den Laufpaß geben, seine Zelte abbrechen und die Ereignisse abwarten. Trotzdem war es ein äußerst gewagtes Unternehmen. Was sollte etwa die Gräfin Turova daran hindern, ihm Versprechungen zu machen und hinterher ihre Meinung zu ändern? Oder was wäre, wenn sie neunzig Jahre alt würde? Alexander schob die Zweifel beiseite. Er hatte sich entschieden, und dabei blieb es. Er spürte die Silbermünze in seiner Hand. Im Haus der Gräfin wollte er die Münze werfen. Wenn sie Revers zeigt, heirate ich die Deutsche. Zeigt sie Avers, und die Alte verspricht mir ein Legat, lasse ich's darauf ankommen, dachte er bei sich.
Der Schlitten flitzte durch die eisigen Straßen St. Petersburgs, der blasse Schein von Lampen und erleuchteten Fenstern huschte in der Finsternis vorüber. Ein paar Sterne waren zu sehen. Der prächtige Schlitten war geschlossen. Zwei Lakaien standen auf dem hinteren Trittbrett, auf dem Kasten vorn saß der Kutscher. Nebenher ritt ein Junge. Er und der Kutscher hieben unbarmherzig auf die Pferde ein. Was kümmerte sie's? Es waren nicht Bobrovs Tiere. Obwohl der Staatskanzler erstklassige Pferde besaß, zog er, wie die meisten Leute in St. Petersburg, für gewöhnliche Fahrten Mietpferde vor. Bobrov ließ sich in die weichen Polster sinken. Der südliche Teil von St. Petersburg wurde durch ein Radialstraßensystem mit einer Ringstraße unterteilt; südlich war das Areal von einem Wassergraben, der berühmten Fontanka, begrenzt. Bobrovs Haus lag in dem vornehmen ersten Admiralitätsviertel am Mittelring, und sein Weg führte ihn bald auf die aus Granit errichtete Kaimauer an der zugefrorenen Neva. In wenigen Minuten würde er im Herzen der Hauptstadt sein.
Er nahm die Münze in die Hand. Welch ein Spiel: Er würde mit einer einzigen Münze um das russische Imperium spielen! Das war sein Gewinn in dem heimlichen Spiel, dem er seit so langer Zeit frönte. Aus diesem Grund wollte er auch nicht heiraten, und deshalb mußte er finanziell unbedingt noch eine Weile durchhalten. Der Gewinn würde die glänzendste Stellung im russischen Staat sein; Alexander Bobrov strebte nichts Geringeres als die Position des offiziellen Liebhabers von Katharina der Großen an. Am Hof der Kaiserin gab es verschiedene Wege zur Macht, doch keine Karriere bot derart grandiose Aussichten wie der Umstand, ihr Lager zu teilen.
Wenn ihr auch ein unerhörter Verschleiß an Männern nachgesagt wurde, war Katharina im Grunde eher gefühlsbetont. Sie war während ihrer Ehe gedemütigt worden. Und aus ihren Briefen geht hervor, daß sie die meiste Zeit ihres Lebens auf der Suche nach Zuneigung und nach dem idealen Mann war; dabei ging sie keineswegs wahllos vor – die Geschichte berichtet von weniger als zwanzig Liebhabern.
Denjenigen aber, die diese Position innehatten, waren kaum Grenzen gesetzt. Meistens handelte es sich dabei um Männer aus Familien wie die Bobrovs, manche waren unbedeutender. Ihre Namen gingen in die russische Geschichte ein. Da war etwa Orlov, der tapfere Gardist, der ihr zum Thron verholfen und dessen Bruder den verhaßten Gemahl beseitigt hatte. Oder Saltikov, der charmante Aristokrat. Dann Poniatovski – Katharina hatte ihn sogar zum König von Polen gemacht! Und der Größte von allen, jenes seltsame, schwerblütige Genie, der einäugige Krieger Potemkin, der nun ihr mächtiger Statthalter auf der Krim war. Hatte sie einen neuen Liebhaber gewählt, so durfte er im allgemeinen ein Präsent von hunderttausend Rubeln nach der ersten Nacht erwarten. Danach… Potemkin, so hieß es, habe an die fünfzig Millionen erhalten. Bei Hofe munkelte man, Potemkin selbst wähle ihre neuen Liebhaber aus.
Für Alexander war es ein leichtes gewesen, mit dem großen Mann Freundschaft zu schließen. Er bewunderte ihn aufrichtig und wurde einer seiner treuesten Anhänger. Als Katharinas junger Liebhaber Lanskoj zwei Jahre zuvor plötzlich starb – er habe seine Gesundheit mit Liebestränken ruiniert, so ging das Gerücht –, hatte Alexander die Gelegenheit beim Schopf gepackt und war geradewegs zu Potemkin gegangen, um sich in Erinnerung zu bringen. Doch ein junger Gardeoffizier war gerade vor Alexander vorgelassen worden und errang die Gunst der Herrscherin. Potemkin war aber durchaus von Bobrov als möglichem Bewerber beeindruckt, nicht zuletzt wegen seiner Loyalität.
Das war vor einem Jahr gewesen. Alexander wartete voller Unruhe. Er kannte den jungen Offizier flüchtig und sammelte nun alle Informationen, die er über ihn bekommen konnte. Seine Freunde bei Hof berichteten ihm, der junge Mann habe seine verliebten Augen auf eine der Hofdamen geworfen und sei seiner derzeitigen Stellung überdrüssig.
Was, wenn nun er, Bobrov, an die Reihe käme? Die Kaiserin war nie schön gewesen. Obwohl ihre Züge klug und ansprechend wirkten, war ihr Körper stämmig, um nicht zu sagen: vierschrötig. Sie war nun siebenundfünfzig, und es hieß, daß sie mitunter an Kurzatmigkeit leide. Aber immerhin war sie die Allherrscherin über Rußland. Ihre Macht, ihre grandiose Position, ihr außergewöhnlicher Geist machten sie für einen Mann wie Bobrov, der die höchsten Höhen zu erklimmen gedachte, über alle Maßen begehrenswert. Und dann… welch ein Schicksal! Die Mutter Rußlands und ihr mächtiges Imperium zu seinen Füßen – er würde dem engsten Kreis derer angehören, die mit der Kaiserin herrschten. Es gab auf der ganzen Welt keine höhere Position. Er mußte nur noch ein wenig durchhalten.
Draußen glitt das schweigende St. Petersburg vorüber. Sie kamen nun auf den weitläufigen Petersplatz vor der Admiralität. Zur linken sah Alexander die lange Hängebrücke, die über die Neva zur Vassiljev-Insel führte. Gegenüber dem Winterpalais zeichnete sich der schlanke Turm der Peter-undPauls-Kathedrale gegen den Nachthimmel ab.
Da nahm etwas auf dem großen Platz plötzlich Bobrovs Blick gefangen. Er öffnete das Fenster des Schlittens und wurde seltsam berührt beim Anblick des bronzenen Reiterstandbildes. Es war in jahrelanger Arbeit von dem französischen Bildhauer Falconet gefertigt und erst vor kurzem aufgestellt worden und galt bereits als das berühmteste Standbild in ganz Rußland. Auf einem kolossalen Granitblock erhob sich ein Pferd in dreifacher Lebensgröße auf der Hinterhand. Darunter lag eine Schlange. Auf dem Pferd saß, mit einer römischen Toga angetan, die Statue Peters des Großen. Mit der linken hielt er die Zügel, während die Rechte mit einer wirklichen Herrschergeste über die Neva hinwegdeutete. Es hieß, daß es auf der Welt keinen größeren Granitblock, keine so große Bronzestatue gebe. Dieser Anblick nahm Alexander jedesmal den Atem. All seine Träume und Sehnsüchte schienen sich in dieser Hymne an die Macht Rußlands zu vereinigen. Auf der Sockelplatte stand nichts als dies:
Für Peter I. von Katharina II.
Während Alexander schaute und schaute, schien die Statue zu ihm zu sprechen, und zwar mit der Stimme seines eigenen Ehrgeizes: Kleiner Mann, du würdest jetzt besser umkehren! Nein, dachte Alexander. Das kann ich nicht. Ich bin schon zu weit gegangen. Es ist besser, noch ein einziges Mal zu spielen – ein Imperium zu gewinnen oder alles zu verlieren. Kurzentschlossen warf er die Silbermünze aus dem Fenster.
»Lieber Alexander!« Sie lächelte. »Ich freue mich sehr, daß Sie gekommen sind.«
»Dana Michailovna, Sie sehen wunderbar aus.« Er küßte ihr die Hand. Nein, die Gräfin sah nicht schlecht aus. Sie mußte einmal eine attraktive Frau gewesen sein. Ihr kleines, zu stark geschminktes Gesicht erinnerte ihn an einen bunten Vogel, um so mehr, als ihre Nase jetzt im Alter sehr ausgeprägt war. Ihre kleinen blauen Augen blickten lebhaft. Sie trug ein bodenlanges Kleid aus malvenfarbener Gaze, verziert mit weißer Spitze und rosa Schleifen. Es mochte aus einer anderen modischen Epoche stammen – und so sah die Gräfin aus wie eine Person der letzten Generation am französischen Hof. Ihr Haar war aufregend hochgetürmt, gekrönt von Löckchen, geschmückt mit Perlen und einem blaßblauen Band. Zum Empfang der Gäste thronte Gräfin Turova auf einem vergoldeten Stuhl inmitten des Salons, zu dem man über die Treppe in der großen Marmorhalle gelangte. Wie in allen russischen Palästen war dieser Salon weiträumig und vornehm. Die Decke war über sechs Meter hoch, und in der Mitte funkelte ein gigantischer Kronleuchter. Das glänzende Parkett setzte sich aus mindestens zwölf verschiedenen Holzarten zusammen.
Alexander kannte viele der Gäste. Da waren ein deutscher Professor, ein englischer Kaufmann, zwei junge Schriftsteller, ein vornehmer alter General, ein noch älterer Fürst. Es gehörte zu den Vergnügungen von St. Petersburg, daß man in solchen aristokratischen Kreisen Menschen aus allen Nationen und Klassen traf. Es war schon eine lange Tradition, daß diese Leute einmal wöchentlich im großen Turov-Haus auf der Vassiljev-Insel zusammenkamen. Der Graf war ein bemerkenswerter Mann gewesen. Er hatte dreißig Jahre zuvor zusammen mit dem berühmten Schuvalov die Moskauer Universität gegründet. Die Schriftsteller um die Mitte des 18. Jahrhunderts – die erste intellektuelle Gruppe in Rußland – zählten ihn zu ihrem Freundeskreis; selbst Lomonossov, der erste russische Philosoph und Wissenschaftler, suchte ihn des öfteren auf. Turov war weit gereist – er hatte sogar Voltaire besucht, und von überall aus Europa hatte er kostbare Gemälde, Skulpturen und Porzellan mitgebracht, ebenso wertvolle Bücher, die immer noch in der Bibliothek des Hauses standen. Die Gräfin, eher eine geschwätzige Natur, hatte im Lauf ihres Ehelebens einige seiner Gedanken übernommen und hing nun an diesen Dingen mit einer Zähigkeit, die im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Intelligenz stand. Sie führte ein offenes Haus für Intellektuelle, die sich – teils aus Gewohnheit, teils amüsiert durch das exzentrische Gehabe der Gräfin – weiterhin bei ihr einfanden.
Nichts jedoch reichte an den Hauptgegenstand ihrer konstanten Verehrung heran. Während sie ihren verstorbenen Gemahl hoch achtete, hatte sie ihrem größten Helden, Voltaire, eine wahre Kultstätte errichtet. Eine seiner Büsten stand auf einem Sockel in der großen Marmorhalle, eine zweite auf dem Absatz des weitläufigen Treppenhauses. Sein Porträt hing in der Galerie im oberen Stockwerk, eine dritte Büste hatte ihren Platz in einer Ecke des Salons. Der große Philosoph war ihre Ikone.
Aus Achtung vor Voltaire, Diderot und anderen französischen Philosophen der Aufklärung wurde im Haus der Turova nur Französisch gesprochen. Man mußte sich gut überlegen, was man sagte, denn die alte Dame gefiel sich darin, andere bloßzustellen. Ihr Lieblingsspruch lautete: »Vorsicht, Monsieur, ich schlafe mit offenen Augen.«
Jetzt jedoch berührte sie leicht Bobrovs Arm. »Entfernen Sie sich nicht zu weit, mon chér Alexandre; ich brauche Sie heute abend unbedingt. Im Augenblick sind Sie entlassen. Ich sehe, da wartet jemand auf Sie.« Alexander wandte sich um. Und lächelte.
Das Haus der Gräfin Turova war großzügig angelegt und hatte einen klassischen Portikus zwischen zwei Flügeln. Die Räume des tiefer liegenden Erdgeschosses hatten in etwa Straßenniveau; viele Adlige mit ähnlichen Räumlichkeiten vermieteten diese an vornehme Kaufleute und Ladenbesitzer. Die Gräfin dagegen zog es vor, das Haus allein mit ihren Bediensteten zu bewohnen. Mit einer Ausnahme allerdings: Eine verwitwete Französin, Madame de Ronville, durfte eine Zimmerflucht im Ostflügel bewohnen. Dies kam der Gräfin sehr gelegen: Madame war zwar keine bezahlte Gesellschafterin, jedoch darauf angewiesen, daß die Miete für die hübsche Wohnung niedrig blieb – und so war es selbstverständlich, daß sie der Gräfin jederzeit zur Unterhaltung zur Verfügung stand. »Es ist für sie höchst angenehm in meiner Nähe«, war die selbstgefällige Meinung der Gräfin. Auch für Alexander Bobrov war die Situation angenehm: Madame de Ronville war seine Geliebte. Konnte es eine charmantere Person in St Petersburg geben? Sie waren seit zehn Jahren ein Liebespaar, und obwohl sie fast fünfzig Jahre zählte, war er ihrer noch nicht überdrüssig. Adelaide de Ronville trug ein rosafarbenes Seidenkleid, das in der Taille eng eingehalten war und sich über einem Reifrock öffnete. Die Corsage war mit applizierten Seidenblumen verziert, was die vornehmen Franzosen als complaintes indiscrètes bezeichneten. Das Haar war gelackt und gepudert und auf reizende Weise von zwei kleinen Diamantenspangen gekrönt. Als sie schweigend neben ihm stand, wurde er sich ihres schmalen weißen Körpers bewußt, der unter der seidenen Hülle verborgen war. Ihre großen blauen Augen strahlten vor Vergnügen, während sie Alexander die Situation erklärte. »Ihre beiden Stars des heutigen Abends, Radischtschev und Fürstin Daschkova, sind nicht erschienen«, flüsterte sie. »Also müssen Sie Hauptakteur – und ihr Gladiator sein. Viel Glück!«
Das hatte sich ja fabelhaft getroffen. Jetzt kann ich ihr so einen Gefallen erweisen, daß sie mir schließlich alles hinterlassen wird!
Es gab wahrscheinlich im ganzen aufgeklärten St. Petersburg keine geistreicheren Personen als die Fürstin Daschkova und den Schriftsteller Radischtschev. Sie war eine furchtlose Verfechterin freiheitlicher Ideen, und die Kaiserin hatte sie an die Spitze der russischen Akademie gestellt. Radischtschev verfaßte großartige Essays. Wie gut für ihn, Alexander, daß die beiden nicht gekommen waren. Denn trotz all seiner Bemühungen war Alexander sich nie sicher, ob die alte Gräfin ihn überhaupt ernst nahm. Seine Artikel wurden weithin gelobt. Er hatte sogar, wie Radischtschev, anonyme Artikel für Zeitschriften über gewagte Themen wie etwa die Demokratie oder die Abschaffung der Leibeigenschaft geschrieben, die selbst in Katharinas aufgeklärtem Rußland immer noch zu radikal für eine öffentliche Diskussion waren. Er hatte ihr diese Artikel gezeigt und ihr gegenüber das Geheimnis der Urheberschaft gelüftet. Trotzdem wußte er nicht, ob er sie damit beeindruckt hatte. Die Rolle des Gladiators, wie die ständigen Gäste der Gräfin Turova das nannten, war immer die gleiche. Während in anderen Salons die subtile Kunst der kultivierten Debatte gepflegt wurde, liebte es die Gräfin, wenn man sich in ihrem Beisein regelrechte Schlachten lieferte. Das Opfer war jedesmal ein argloser Neuling mit konservativen Ansichten, der einem Mann der Aufklärung gegenübergestellt wurde – ihrem Gladiator –, dessen Aufgabe es war, den Gegner außer Gefecht zu setzen und zu demütigen. Alexander blickte zur Gräfin hinüber und sah, daß sich um sie bereits ein Kreis von Gästen bildete. Zu ihrer linken bemerkte er einen neuen Gast, einen General, einen gewandt wirkenden, grauhaarigen Mann, klein, doch sehr aufrecht, mit durchdringenden dunklen Augen. Er war vermutlich das Opfer. Das Ergötzliche an solchen Abenden war, daß die Gräfin ohne viele Umschweife auf ihr Ziel lossteuerte. Sie packte sozusagen einen der Kampfhähne und hetzte ihn auf sein Gegenüber. In diesem Augenblick nun wandte sie sich dem General zu: »Ich höre, daß Sie alle unsere Theater zu schließen wünschen«, sagte sie vorwurfsvoll.
Der alte Herr starrte sie überrascht an. »Keineswegs, verehrte Gräfin. Ich sagte nur, daß man in einem Stück zu weit gegangen sei und daß es deshalb abgesetzt werden sollte. Es war aufrührerisch.«
»Das sagen Sie. Und was meinen Sie, Alexander Prokofievitsch?« Nun war er an der Reihe. Alexander liebte diese Debatten. Wenn auch die Gräfin selbst oberflächlich sein mochte – bei den Diskussionen in ihrem Salon ging es häufig um wichtige Themen, die Rußland und seine Zukunft betrafen. Aus diesem Grunde hoffte er, den General zur Strecke zu bringen, dabei war es ihm aber auch darum zu tun, ein würdiger Gegner zu sein. Die Gräfin hatte das Thema vorgegeben: Freiheit der Rede. Das war der Grundtenor der Aufklärung, den auch die Kaiserin persönlich vertrat. Sie hatte nicht nur die private Presse offiziell anerkannt, sondern auch selbst Gesellschaftssatiren für die Bühne verfaßt. Nun also begann die Debatte.
»Ich bin gegen die Zensur«, begann Bobrov. »Wenn Menschen die Freiheit der Rede haben, wird die Stimme der Vernunft am Ende siegen. Außer natürlich, Sie glauben nicht an die Existenz menschlicher Vernunft.«
Die Gräfin hakte nach. »Glauben Sie daran, General?« Der General, der die Kampfregeln noch nicht kannte, antwortete offen: »Nicht unbedingt.«
»Die Geschichte mag ja auf Ihrer Seite sein, aber wie steht es mit der Zukunft? Menschen können sich ändern, und damit auch die Art und Weise, in der sie regiert werden. Denken Sie doch nur daran, wie die Kaiserin ihre Enkel erziehen läßt. Lehnen Sie das etwa ab?« Bobrov war zufrieden mit sich.
Es war allgemein bekannt, daß Katharina sich persönlich um ihre Enkelsöhne Alexander und Konstantin kümmerte. Sie hatte ihnen einen demokratisch gesinnten Schweizer Erfinder besorgt, der sie lehrte, aufgeklärte Herrscher des riesigen Imperiums zu werden, das sie ihnen zu hinterlassen gedachte.
»Ich bewundere die Kaiserin. Doch wenn ihr Enkel regiert, ob er nun aufgeklärt ist oder nicht, wird er feststellen, daß seine Handlungsmöglichkeiten beschränkt sind«, parierte der General. Die Gräfin schien ungeduldig: »Zweifellos würden Sie demnach den Großfürsten Paul als Regenten vorziehen?« Bobrov lächelte. Großfürst Paul, Katharinas einziger legitimer Sohn, war für die Gräfin ein Objekt abgrundtiefen Hasses. Er war ein merkwürdiger, übellauniger Bursche und eiferte dem ermordeten Zaren Peter III. nach. Er verabscheute die Kaiserin, weil sie ihm die Söhne genommen hatte, und erschien selten bei Hof. Er war ein von militärischer Disziplin Besessener und hatte kein Interesse an der Aufklärung; es ging das Gerücht, Katharina werde ihn eines Tages bei der Thronfolge zugunsten seiner Söhne übergehen. Trotzdem würde kein vernünftiger Beamter wie der General schlecht über einen Mann sprechen, der vielleicht eines Tages doch der Herrscher sein würde. Klugerweise sagte der alte Mann also nichts.
Bobrov ließ nicht locker: »Um auf die Zensur zurückzukommen – welchen Schaden kann ein Theaterstück praktisch anrichten?«
»Wahrscheinlich keinen«, gab der General zu, »doch ich habe etwas gegen das Prinzip der freien Rede. Sie unterstützt den Geist der Opposition um ihrer selbst willen. Die größte Gefahr aber ist nicht die Wirkung auf das Volk, sondern auf seine Herrscher. Wenn nämlich eine sogenannte aufgeklärte Regierung meint, sie müsse ihre Handlungsweise mit Vernunft rechtfertigen, glaubt sie moralisch verpflichtet zu sein, aus jeder Auseinandersetzung siegreich hervorzugehen. Was geschieht nun, wenn eine mächtige und zielgerichtete Gruppe, die sich nicht um Auseinandersetzung und freie Rede kümmert, sich gegen eine solche Regierung stellt? Sie wird hilflos. Es hat keinen Sinn, einen Philosophen zu bitten, uns gegen Tschingis Khan zu verteidigen.«
»Immerhin fielen die Tataren in Rußland ein, weil es nicht einig war«, gab Bobrov zu bedenken. »Ich glaube, daß heutzutage und in Zukunft nur solche Regierungen stark und einig sind, die das Vertrauen eines freien Volkes haben.«
»Dem stimme ich nicht zu«, widersprach der General. »Freiheit schwächt.«
»Sie fürchten das Volk?« Bobrovs Stimme klang klar durch den Raum.
»Ja, gewiß. Denken Sie nur an Pugatschev.« Es war, als käme ein Aufseufzer von den Umstehenden. Seit dem letzten schrecklichen Bauernaufstand unter der Führung des Kosaken Pugatschev waren erst zwölf Jahre vergangen. Wie Razins Aufstand war er wegen fehlender Strategie und Organisation niedergeschlagen worden, doch hatte er den gesamten russischen Adel und die kaiserliche Regierung wieder einmal an den düsteren Satz erinnert: Das Volk ist gefährlich, und wir müssen es fürchten. Mehr brauchte man also nicht zu sagen als: Denken Sie an Pugatschev.
Der General fuhr fort: »Rußland ist groß und rückständig, ein Imperium aus Dörfern. Nur ein starker Autokrat kann es gemeinsam mit dem Adel zusammenhalten. Die Kaufleute und Bauern haben keine gemeinsamen Interessen mit dem Adel, und wenn man sie miteinander debattieren läßt, wird es zu keiner Einigung kommen. Unsere aufgeklärte Kaiserin weiß das nur zu gut.« Es stimmte, daß Katharina als Autokratin regierte. Der von Peter eingesetzte Senat und Rat ratifizierten lediglich ihre Entscheidungen. Was die Debatten anbetraf: Als Katharina bei dem Versuch, Rußlands veraltete Gesetze zu reformieren, einen Rat von Vertretern aller Klassen einberief, lehnten diese es ab, miteinander zu arbeiten, und so wurde der Rat aufgelöst. »Diese Dinge brauchen Zeit«, beschwichtigte Bobrov. »Nein. Der Adel ist der einzige Stand in Rußland, der fähig ist zu regieren«, beharrte der General. »Er hat seine Privilegien, weil Rußland sie braucht. Wollen wir sie denn verlieren?« Der von Peter eingesetzte Adelsstand hatte dem Staat zu dienen, und er war stolz darauf. Katharina, die die Unterstützung der Adligen brauchte, hatte ihnen die Gemeindeverwaltung übertragen. Die im vergangenen Jahr verabschiedete Verfassungsurkunde hatte sie mit allen nur möglichen Privilegien ausgestattet. Kein anderer Stand durfte Land besitzen. Adlige bezahlten keine Steuern. Sie durften nicht ausgepeitscht werden. Sie durften sogar ins Ausland reisen. Auf diese Weise hatte der General strategisch geschickt an die persönlichen Interessen der meisten Anwesenden appelliert. Privilegien sind eine Sache – Philosophie eine andere. Es war an der Zeit für Alexanders Gegenangriff. »Sie vergessen dabei die Naturgesetze.«
Die Gräfin lächelte erleichtert. Die Naturgesetze gehörten zu den bevorzugten Ideen der Aufklärung.
»Der Bauer ist ungebildet, aber er ist deshalb nicht weniger ein Mensch als ich. Auch er ist vernünftiger Gedanken fähig. Das ist unsere Hoffnung für die Zukunft.« Bobrov bewegte sich auf vertrautem Terrain.
»Sie wollen ihm also Erziehung angedeihen lassen?« fragte der General erstaunt. »Warum nicht?«
Da zuckte es in den Augen des Generals auf. Dieser schlaue Staatsbeamte war zu weit gegangen. »Nun, Alexander Prokofievitsch, wenn der Bauer so vernunftbegabt ist, wie Sie sagen, und eine Erziehung erhält – wer soll dann das Land bestellen? Der Bauer wird frei sein wollen. Er wird die Regierung und er wird die Kaiserin absetzen wollen. Ihr eigenes Gesetz der Vernunft wird Sie davonjagen. Es gäbe ein unvorstellbares Chaos. Wollen Sie das?« Auch der alte Mann seinerseits fühlte sich auf sicherem Grund. Über fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung waren Bauern – halbstaatliche Bauern mit einigen unbedeutenden Rechten, und halbprivate Leibeigene, die Leuten wie Bobrov gehörten. In jenem Jahrhundert hatte man ihre Rechte noch weiter eingeschränkt: Sie konnten, wie Vieh, gekauft und verkauft werden. Selbst die aufgeklärte Kaiserin hatte lediglich gewagt, dem Adel zu empfehlen, seine Leibeigenen gut zu behandeln.
Doch Alexander lächelte leise. Nun galt es den letzten Stoß zu führen. »Gestatten Sie, daß ich Ihnen widerspreche. Die Vernunft, General, zwingt mich nicht, so zu tun, als sei mein Leibeigener ein Tier, dem ich die Menschenrechte abspreche. Vielleicht ist mein Leibeigener noch nicht in der Lage, ein freier Mann zu sein, aber möglicherweise seine Kinder. Die Vernunft zwingt mich nicht zu der Annahme, daß freie Bauern mein Land nicht mehr bearbeiten wollen. Sie sagen, daß ein Bauer mit Erziehung jede Art von Autorität ablehnt und die Kaiserin zu stürzen versucht. Warum aber dienen wir selbst als gebildete Männer mit Freuden einer Autokratie? Weil die Vernunft uns sagt, daß das notwendig ist. Ich behaupte eher, daß die Vernunft uns weise Gesetze gibt und so viel Freiheit, wie für uns gut ist.
Ich bin froh, daß meine Kaiserin diese Dinge entscheidet und daß sie vernünftigen Menschen gestattet, ohne Zensur darüber zu diskutieren. Ich diene meiner Kaiserin gern, und ich hole mir meine Inspiration vom großen Voltaire, so habe ich nichts zu befürchten.« Genau dies hatte Gräfin Turova hören wollen. Wie die Kaiserin bei ihren Untergebenen, entschied auch sie, was für die viertausend vernünftigen Wesen, die ihr derzeit gehörten, das Beste war, und zweifellos waren sie glücklich darüber, daß ihre Besitzerin so aufgeklärt war.
Der kleine Kreis applaudierte heftig. Alexander hörte die alte Dame murmeln: »Ach, mein Voltaire.« Der General sagte kein Wort. Wie immer bei diesen Zusammenkünften gehörte der größte Teil des Abends nach der Gladiatorendebatte dem Kartenspiel. Bobrov spielte eine Stunde lang, und er spielte schlecht. Wie hätte er sich auch konzentrieren sollen? So bald wie möglich entschuldigte er sich, stellte sich unauffällig in den Hintergrund und beobachtete die Gräfin. Als sie schließlich aufstand und sich ihm zuwandte, ging er ihr entgegen.
»Dana Michailovna, darf ich Sie unter vier Augen sprechen? Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit.« Sie warf ihm einen kühlen Blick zu und winkte ihm, ihr ins Vorzimmer zu folgen. Dort setzte sie sich auf ein kleines vergoldetes Sofa, bot ihm jedoch keinen Platz an. »Also, was wünschen Sie, Alexander Prokofievitsch?«
»Wie Sie vielleicht gehört haben, Dana Michailovna, waren Unterhandlungen mit verschiedenen Persönlichkeiten wegen meiner möglichen Wiederverheiratung im Gange.« Ihr Gesicht blieb unbeweglich. »Als vorbereitende Maßnahme zu diesen Unterhaltungen baten mich natürlich einige Beteiligte um Aufdeckung meiner Vermögensverhältnisse. Es tauchte die Frage auf«, fuhr er vorsichtig fort, »ob ich neben meinen derzeitigen Besitzungen noch Weiteres zu erwarten habe.« Er hielt inne in der Hoffnung, sie möge ihm weiterhelfen.
Sie blickte auf. »Ich wußte nicht, daß Sie noch etwas erwarten«, sagte sie zuckersüß.
»Ich nehme an, ich habe nichts zu erwarten, Dana Michailovna, aber ich wagte zu hoffen, daß Sie als meine Verwandte die Möglichkeit in Betracht gezogen haben könnten, mich in Ihrem Testament zu bedenken. Wenn nicht, werde ich mich selbstverständlich danach richten.«
Die alte Gräfin zeigte keinerlei Gefühlsregung. Er hatte keine Ahnung, was sie dachte. »Können Sie mir wenigstens eine der Familien nennen, mit denen Sie verhandelt haben?« Offensichtlich glaubte sie ihm nicht. Er erwähnte die Familie des deutschen Mädchens. »Ich gratuliere Ihnen. Eine gute baltische Familie.« Sie lächelte ihn an. »Wie ich allerdings höre, Alexander Prokofievitsch, hat das Mädchen ein beträchtliches Erbe. Bestimmt brauchen Sie nicht mehr, als sie bereits hat. Außer natürlich«, fuhr sie leise fort, »dies hätte überhaupt nichts mit Ihrer Heirat zu tun. Vielleicht sind Sie einfach in einer heiklen finanziellen Lage.«
»Aber nein!« Die alte Hexe!
»Haben Sie denn Schulden?«
»Alle Männer haben Schulden.«
»Das höre ich.« Die Gräfin zog hörbar die Luft ein. Eine Weile hing sie ihren Gedanken nach. Dann fuhr sie fort: »Nun, wenn Sie heiraten, wird man Sie ja hier nicht mehr so oft sehen.«
»Aber doch, Dana Michailovna. Ich werde meine Frau häufig hierher bringen.«
»Ohne Zweifel… Sind Sie völlig ruiniert?«
»Nein«, log er.
»Ich sollte Ihnen sagen, Alexander Prokofievitsch, daß Sie momentan in meinem Testament nicht erwähnt sind.« Er zuckte nicht mit der Wimper, doch er merkte, daß er sehr blaß wurde. Trotzdem blickte er sie tapfer an.
»Immerhin war Ihr Vater mein Verwandter«, sie schnaufte hörbar, »und Sie sind offenbar in Schwierigkeiten. Deshalb werde ich Sie in meinem Testament bedenken. Erwarten Sie kein großes Vermögen, aber es wird genug sein.« Mein Gott, es gab also noch Hoffnung.
»Es ist Zeit für mein Kartenspiel.« Ohne auf seine Hilfe zu warten, stand sie rasch auf. Dann sagte sie unvermittelt: »Übrigens knüpfe ich eine Bedingung daran, Alexander Prokofievitsch. Ja, ich glaube, es wird Zeit, daß Sie heiraten. Sie bekommen Ihr Legat, doch nur, wenn Sie das baltische Mädchen heiraten.« Sie lächelte fröhlich. »Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen, Monsieur.« Und damit verließ sie das Zimmer.
Er blickte ihr nach. Mit infernalischem Spürsinn hatte sie herausgefunden, daß dies genau das war, was er nicht hatte hören wollen.
Das große Haus lag ruhig da. Die Gäste waren gegangen. Alexander und seine Geliebte hatten sich in ihre Wohnung im Ostflügel zurückgezogen, und nun konnten sie sich endlich allein unterhalten. Natürlich sprachen sie über seine Heirat. Der Flügel war vom Haupthaus durch einen Verbindungsgang zu erreichen. Er hatte auch einen separaten Eingang von einer kleinen Hintertreppe aus, die auf die Straße führte. Alles war für eine diskrete Affäre wie geschaffen. Adelaides Räume waren wunderhübsch eingerichtet. Sie hätten sich auch in ihrem Heimatland Frankreich befinden können: Möbel im Stil von Louis XV. und Louis XVI.; ein Aubusson-Teppich mit einer umlaufenden Blumengirlande; schwere Vorhänge aus geblümter Seide mit Volants und Quasten; Tapisserien mit entzückenden Schäferszenen. Dies alles hatte Madame mit spielerischer Leichtigkeit zusammengestellt, und das Ambiente strahlte einen ganz persönlichen Charme aus. Als Alexander ihr von der Bedingung der Gräfin berichtete, nahm die Geliebte Bobrov zärtlich beim Arm und lächelte. »Sie müssen das Mädchen heiraten, mein Freund.«
Sie war wirklich eine ungewöhnliche Frau. Halb Französin, halb Polin, ziemlich groß, mit einer Alabasterhaut. Bis zum Alter von fünfunddreißig Jahren war sie brünett gewesen, nun war ihre natürliche Haarfarbe eisgrau. Sie hatte ein ovales Gesicht, mandelförmige braune Augen und einen breiten, spöttischen Mund. Sie war sehr schlank, hatte eher hohe Brüste, aber ihre Schenkel waren ein wenig üppig, was Alexander beim Liebesspiel in höchste Leidenschaft versetzte.
Es war erstaunlich, wie wenig Adelaide sich während ihrer zehnjährigen Liaison verändert hatte. Sie war ihr ganzes Leben schlank gewesen und hatte auch jetzt noch einen straffen Körper. Sie bewegte sich mit einer wundervoll geschmeidigen Anmut. Als Alexander hier und dort altersbedingte Veränderungen bemerkte, für die sie ja nichts konnte, liebkosten seine Hände eben andere Körperteile. Adelaide war für diese Verbindung sehr dankbar. Sie genoß ihren kleinen Triumph, diesen selbstgefälligen Mann immer noch in erotisches Entzücken zu versetzen. Bobrov liebte sie auf seine Weise. Seine Affären mit jüngeren Frauen hatten ihm nie soviel bedeutet. Außerdem konnte er sich mit ihr gut unterhalten. Sie hatten kaum Geheimnisse voreinander. Sie kannte alle seine Pläne, wußte sogar, daß er sie für das Lager der Kaiserin verlassen würde.
»Das ist eine Karriere«, war ihre nüchterne Bemerkung dazu gewesen. »Sie müssen sich dieses deutsche Mädchen sofort sichern«, sagte sie nun.
»Ich habe eigentlich gar keine Lust dazu, wissen Sie.«
»Seien Sie dankbar, daß sie Sie liebt, chér ami. Vielleicht tut es Ihnen gut.«
»Und Ihnen?«
Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Es ist gut, eine Familie zu haben.«
»Vielleicht.«
»Enfin. Sie werden mich nicht mehr besuchen.«
»Selbstverständlich werde ich das.« Er wollte ein guter Ehemann werden, aber er hatte nicht den Wunsch, Adelaide zu verlassen. Sie schüttelte den Kopf. »Sie müssen viel Zeit mit Ihrer Frau verbringen.«
»Ich weiß«, seufzte er. »Aber Sie werden mir nicht verbieten, Sie zu besuchen?«
Sie zuckte die Achseln. »Wir werden sehen.« Ihm mißfiel der Gedanke, sie könnte sich einen anderen Liebhaber nehmen. Ihr Blick deutete an, daß es nun nichts mehr zu sagen gebe. Er folgte ihr ins Schlafzimmer, das über eine kleine Treppe zu erreichen war.
Es war kurz nach ein Uhr nachts, als Alexander erwachte. Nachdem sie sich geliebt hatten, war er sofort in tiefen Schlaf gesunken, aber trotzdem war er unruhig. Er wurde von einem Bild verfolgt, das so lebendig, so eindringlich war, daß es ihm mehr eine Vision als ein normaler Traum schien.
Es war die Gräfin. Sie blickte ihn anklagend an, erhob ihren drohenden Finger gegen ihn und sagte: »Voltaire, Voltaire.« Obwohl dies keinen Sinn ergab, war dieser Traum für Alexander zutiefst beeindruckend und erschreckend.
Er lag eine Zeitlang da und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Es war tröstlich, Adelaide schlafend neben sich zu wissen. Allmählich fühlte er sich wieder besser. Als er sie leise berührte, öffnete sie verschlafen die Augen: »Wollen Sie es noch einmal?« Sie streckte die Arme nach ihm aus. »Kommen Sie!« Als er sich jedoch ganz in diese zweite Vereinigung eingelassen hatte, tauchte vor der hellen Gestalt der Geliebten eine andere vor seinen Augen auf. Es war wieder die alte Gräfin. Diesmal sagte sie nichts; ihr weißes Gesicht war tatsächlich so bewegungslos, daß es aussah, als schlafe sie – außer daß sie mit weit offenen Augen vor sich hinstarrte. Sosehr er auch versuchte, die Erscheinung zu bannen, sie blieb hartnäckig zwischen ihnen, starrte ihn unverwandt an, als wollte sie sagen: Sehen Sie, ich schlafe mit offenen Augen.
Es war absurd. Er versuchte nicht an sie zu denken, doch die Erscheinung ließ ihn nicht los. Schlief sie wirklich mit offenen Augen? Während sich sein Körper langsam im Liebesakt bewegte, konnten sich seine Gedanken nicht von dieser Vorstellung losreißen. Schlief sie gerade jetzt und starrte dabei die ganze Zeit in die Ferne? Diese Frage wurde mit jedem Augenblick dringlicher für ihn.
Plötzlich hielt er inne und entzog sich Adelaides Umarmung. »Ich muß gehen. Ich muß sie sehen. Die alte Frau.«
»Gräfin Turova? Sie sind verrückt. Sie schläft doch.«
»Ich muß sie schlafend sehen. Ich muß wissen, ob ihre Augen offen sind.«
Adelaide setzte sich auf. »Meinen Sie das im Ernst? Sie wollen zu ihr hinüber, in ihr Schlafzimmer gehen?« Sie schüttelte den Kopf, wußte nicht, ob sie ärgerlich oder amüsiert über seine abwegige Idee sein sollte.
»Ich bleibe nicht lange.« Er zog sich nur die Jacke über, falls es im Gang kalt sein sollte. Auf Strümpfen machte er sich auf den Weg in das Haupthaus.
Alles war still. An der marmornen Treppe gab eine tropfende Kerze ein wenig Licht. Neben dem Eingang schlief ein alter Lakai auf einer Bank. Alexander wußte, daß sich im Obergeschoß außer der Gräfin und einer alten Dienerin, die in einem kleinen Zimmer schlief, niemand befand. Er kannte das Haus gut. Leise stieg er die Holztreppe zum Schlafgemach der Gräfin hinauf. Oben war ein kleiner Absatz. Von rechts hörte er die gleichmäßigen tiefen Atemzüge der Dienerin. Zur linken war die Tür des größeren Raumes nur angelehnt. Ein Lichtschein drang heraus, aber kein Laut. Alexander warf einen Blick durch den Spalt.
Auf einem bemalten Holztisch stand ein großer, dreiarmiger Silberkandelaber. Die Kerzen waren heruntergebrannt, aber sie verbreiteten immer noch genügend Helligkeit. Das Bett war nicht zu sehen. Alexander stand eine volle Minute unschlüssig da. Wenn sie nicht schlief und er die Tür öffnete, würde sie das sicher bemerken. Sie würde schreien, das ganze Haus würde aufwachen, und wie sollte er sich dann rechtfertigen? Er horchte angestrengt, ob sie atmete. Er hörte nichts.
Gewiß schlief sie schon. Als er vorsichtig die Tür öffnete, knarrte sie. Er wartete, sein Herz klopfte wild. Immer noch kein Laut. Nun öffnete er die Tür ganz und trat ins Zimmer. Das Bett stand rechts. Es war ein gewaltiges Möbel mit vier geschnitzten Pfosten und einem Baldachin, mit schwerer geraffter Seide behangen. Zu beiden Seiten stand je ein Nachttisch mit einer brennenden Kerze darauf. Inmitten dieses prächtigen Arrangements saß, von Kissen gestützt, Gräfin Turova. Das Haar hing ihr lose auf die Schultern, ihr Kinn ruhte auf dem reichen Spitzeneinsatz ihres Nachthemdes, und ihr Mund stand ein wenig offen. Alexander starrte geradewegs in ihre geöffneten Augen. Er stand stocksteif da und wartete darauf, daß sie etwas sagte. Würde sie jetzt schreien, würde sie böse werden? Ihr Gesicht war ausdruckslos. Er konnte jedoch sehen, daß sie atmete. So verblieben die beiden eine Weile in völliger Stille; dann kam von ihren Lippen ein kleiner schmatzender Laut, ein einzelner leiser Schnarchton. Da wurde es Alexander bewußt: Mein Gott, es ist wahr! Sie schläft tatsächlich mit offenen Augen. Er dachte, daß er jetzt wieder gehen sollte. Er hatte gesehen, was er sehen wollte. Doch etwas hielt ihn noch zurück. Er sah sich im Zimmer um. In einer Ecke stand eine weitere Büste von Voltaire; auf einem Tisch lagen einige Bücher, daneben stand ein Stuhl. Im übrigen war das Zimmer sparsamer möbliert, als er es sich vorgestellt hatte. Auf dem Boden lag nur ein dünner Teppich. Als Alexander leise durchs Zimmer ging, blieben ihre Augen vollkommen unbeweglich. Er stand am Fußende des Bettes und blickte sie an. Plötzlich verneigte er sich tief vor ihr. Ihre Augen bewegten sich nicht. Er lächelte vor sich hin und verbeugte sich noch einmal. Wie waren seine Gefühle für sie? Haßte er sie für das, was sie ihm angetan hatte? Eigentlich nicht. Sie war immer schon eigenwillig und exzentrisch gewesen. In diesem Augenblick war er tatsächlich erleichtert, daß er so vor ihr stehen konnte, ohne sie, wie sonst, fürchten zu müssen.
Er ging an den Tisch und warf einen flüchtigen Blick auf die Bücher. Da waren ein paar französische Schauspiele und mehrere Zeitschriften. Eine enthielt einen radikalen Artikel von Radischtschev. Als er die übrigen ansah, war er höchst überrascht bei der Feststellung, daß sie Artikel von seiner Hand enthielten. Dies waren die anonymen Artikel, die gewagten Aufsätze über Demokratie und Leibeigenschaft, gerade noch an der Grenze des Erlaubten. In diesen Artikeln war vieles unterstrichen, es gab Randbemerkungen von der Hand der Gräfin. Sie interessierte sich also wirklich dafür.
Schließlich stand Alexander auf, und zum Abschluß dieser kuriosen Posse, die das Schicksal ihm beschert hatte, vollführte er ein paar Tanzschritte vor der Gräfin, verbeugte sich noch einmal feierlich und zog sich zurück. Als er durchs Haus ging, war kein Laut zu hören.
Als Gräfin Turova sicher war, daß Alexander das Haus verlassen hatte, rief sie nach ihrer Zofe.
Tatjana war so verliebt, daß es fast schmerzte. Kam Alexander ihr nahe, zitterte sie; lächelte er sie an, errötete sie; hörte sie einen Tag lang nichts von ihm, wurde sie blaß und stumm. Zur Zeit sah sie sehr schmal aus – sie hatte zwei Wochen lang kaum etwas gegessen.
Seit dem frühen Morgen stand sie am Fenster und sah hinaus. Es wurde bereits dunkel, als sie von unten Geräusche hörte. Nach einer Weile erschien ihr Vater in der Tür.
»Alexander Prokofievitsch macht dir seine Aufwartung. Er möchte dir etwas sagen.«
Tatjana stand auf, sie zitterte ein wenig. Zu ihrem Schrecken sah ihr Vater besorgt aus. »Ehe du hinuntergehst, Tatjana, muß ich dich etwas fragen: Bist du dir absolut sicher, daß du diesen Mann willst?« Sie starrte ihn an. Also war Alexander gekommen, um sie zu holen. Sie errötete. Wie konnte ihr Vater nur so etwas fragen! »Einen Augenblick, Papa.« Sie lief in ihr Zimmer, die Mutter folgte ihr, der Vater blieb zurück. Er hatte seine Vorbehalte gegen Bobrov. Alexander wartete unten. Eine Viertelstunde später öffnete sich die Tür. Alexander war überrascht von Tatjanas Anblick. Sie trug ein leuchtendblaues Kleid, das wundervoll zu ihrem hellen Teint paßte und ihre blaßblauen Augen strahlender erscheinen ließ. Er hatte ihr Gesicht rund und sanft in Erinnerung; nun aber hatte es den kindlichen Ausdruck verloren, und ihre Haut schimmerte fast durchsichtig. Ruhig lächelnd ging sie auf ihn zu. »Mein Vater sagte mir, daß Sie mich zu sprechen wünschen, Alexander.«
Er war von ihrem veränderten Anblick beeindruckt. Nun, diese starke junge Frau schien durchaus in der Lage, jenen erstaunlichen Brief zu schreiben, der ihn hatte zu Kreuze kriechen lassen. Was Alexander nicht wissen konnte: Tatjana hatte den Brief gar nicht geschrieben, genauer gesagt, es war zwar ihre Handschrift, sie hatte aber den Text nicht verfaßt. Und während sie schrieb, blickte sie immer wieder unsicher und mit Tränen in den Augen zu der alten Dame hin, die ihn in aller Ruhe diktierte. Als nämlich Tatjanas Mutter die Seelenpein des Mädchens nicht länger hatte mit ansehen können, wandte sie sich an die einzige Person, die die Angelegenheit mit Sicherheit regeln konnte. Und so hatte sie Tatjana heimlich mit zur Gräfin Turova genommen, obwohl sie die Dame kaum kannte.
Die Gräfin hatte einen strengen Ton in dem unerhörten Brief angeschlagen. Sie war einigermaßen stolz auf ihr Werk und voller Vertrauen auf das Ergebnis. »Er gehört dir, wenn du ihn willst«, sagte sie voraus.
Warum hatte Gräfin Turova sich dieser Mühe unterzogen? Keinesfalls weil Alexander oder dieses kleine deutsche Mädchen ihr sonderlich am Herzen lagen. Immerhin war er ein Verwandter, und das Mädchen war eine reiche Erbin. War Alexander erst einmal mit einer reichen Frau verheiratet, konnte er ihr vielleicht doch von Nutzen sein. Außerdem war es eine grandiose Gelegenheit, Macht auszuüben. Sie genoß es, den Spieler in seinem eigenen Spiel zu übervorteilen.
»Du weißt natürlich, daß er eine Geliebte hat«, bemerkte sie in aller Beiläufigkeit.
Tatjana errötete. Sie wußte es, denn ihre Mutter hatte es längst herausgefunden. Doch das war bei einem älteren Mann zu erwarten – es machte ihn noch geheimnisvoller und aufregender. »Ich bin sicher, daß er, wenn er mit einem jungen Mädchen wie Tatjana verheiratet ist, keine Geliebte mehr braucht«, meinte die Mutter hoffnungsvoll.
»Im Gegenteil«, widersprach die alte Dame. »Je mehr ein Mann in einem gewissen Alter bekommt, desto mehr will er.« Sie wandte sich an Tatjana. »Du darfst ihm weder Zeit noch Gelegenheit dazu geben, wenn du einen treuen Ehemann haben willst.«
Mit dieser Auskunft und dem scharf formulierten Brief ausgerüstet, kehrte das sich in Liebeskummer verzehrende Mädchen nach Hause zurück und wartete ab. Ihr Leid hatte Tatjana gestärkt. Nun, im Augenblick ihres Triumphs, wirkte sie völlig gelassen. Sosehr sie ihn auch begehrte – sie durfte ihm keine Gelegenheit mehr geben, sie zu demütigen. Von jetzt an wollte sie ihm zeigen, daß es ein Glück für ihn sei, sie zu bekommen, nicht umgekehrt. Und ich werde ihn dieser Französin wegnehmen, dachte sie. Es schneite leicht an dem Abend, als Alexander durch die Stadt ging. Er ging rasch, blickte sich jedoch von Zeit zu Zeit vorsichtig um, ob jemand ihm folgte. Er kam an einer Kirche vorbei und bog dann um die Ecke in eine stille Straße.
Was, zum Teufel, war bloß mit dem Brief geschehen, den der Fremde ihm am Abend zuvor gegeben hatte? Er hatte ihn zu Hause sofort verbrennen wollen, doch dann hatte er ihn vergessen. Erst als er Tatjana am frühen Nachmittag verlassen hatte, dachte er wieder daran. Er faßte in seine Jackentasche und stellte fest, daß der Brief nicht mehr da war. Er zuckte die Achseln. So wichtig war das nun auch wieder nicht. Für den, der ihn fand, konnte er nichts bedeuten.
Alexander passierte einen Bogengang und kam in den dunklen Hof eines großen Gebäudes. Von den Wänden blätterte der Verputz. Alexander stieg die schwach beleuchtete Treppe ins obere Stockwerk hinauf. An der Wohnung angekommen, klopfte er dreimal vorsichtig. Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, und aus der düsteren Diele kam eine Stimme: »Was suchen Sie?«
»Die Rosenkreutzer.«
Die Tür wurde geöffnet. Alexander Bobrov war, was nicht einmal seine Geliebte wußte, Mitglied des engsten Kreises jener großen, geheimen Bruderschaft, der Freimaurer. An diesem Abend gab es dort Wichtiges zu erledigen.
Vielleicht hätte sie darauf gefaßt sein sollen. Aber sie war eben noch sehr jung. Sie liebte ihn. Wenn sie seine Kutsche kommen sah oder beobachtete, wie der Lakai an der Tür ihm aus dem Mantel half, spürte sie eine Welle der Erregung. Er wußte genau, wie er sie die Liebe lehren konnte. Schon zu Anfang ihrer Ehe hatte er es verstanden, sie wieder und wieder auf den Höhepunkt zu bringen. Sie liebte einfach alles an ihm: wie er aussah, wie er sich kleidete, seine Kenntnis von Dingen, die ihr verschlossen waren. Aber auch er war, dessen war sie sicher, höchst angetan von ihrer Liebesbeziehung. Sie wollte dazulernen, immer neue Wege finden, ihm Genuß zu verschaffen. Sie war glücklich, und deshalb brachte sie es fertig, ihn immer von neuem in Erstaunen zu versetzen.
Demnach mußte es eine herbe Überraschung für sie sein, als er ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit eines Nachts nicht nach Hause kam. Sie vermutete zu Recht, daß er immer noch in Adelaide de Ronville verliebt sei.
Am Anfang hatten ihm die Liebesspiele mit Tatjana viel Freude gemacht. Dieser ein bißchen füllige, junge Körper erregte ihn. So hat die Natur es vorgesehen, dachte er. Doch bald mißfiel ihm, daß sie Leidenschaft auf eine entweder unterwürfige oder übermäßig fordernde Art herbeiführen wollte, und das war weit entfernt von der verführerischen Vielseitigkeit der Madame de Ronville. Aber dieser Mangel an Erotik war es nicht einmal, was Alexander zu seiner Geliebten zurücktrieb. Er vermißte vor allem die geistreichen Gespräche. Er machte Tatjana keinen Vorwurf, sie konnte ja nichts dafür, daß sie noch so jung und deshalb auch noch nicht sonderlich gebildet war. Sie konnte einen Witz auf französisch nicht lustig finden, wie Madame de Ronville es tat. Sie konnte nichts dafür, daß sie, etwa in Gräfin Turovas Salon, brav in der Ecke sitzen mußte. Es war auch nicht ihre Schuld, daß schon nach wenigen Monaten Themen wie Küchenpersonal und Bäckereien Alexander langweilten.
Schließlich ergab es sich, daß er, ohne daß sie beide darüber gesprochen hätten, allein zu den Abenden bei der Gräfin ging. Kurz und gut, sie konnte nichts dafür, aber Alexander hatte seine Frau ziemlich satt und fand, daß das Eheleben die feine Balance, das Gefühl der inneren Stille, Zeichen des eingefleischten Junggesellen, zerstörte.
Dabei hatte er ein durchaus schlechtes Gewissen; er hatte seine junge Frau so weit gebracht, ihn zu lieben und zu begehren; trotzdem konnte er Adelaide nicht aufgeben. Nur bei der älteren Französin fand er Erfüllung. Ihr in vieler Hinsicht noch jugendlicher Körper erfüllte ihn jetzt mit besonderer Zärtlichkeit. Seltsamerweise liebte er nach seiner Hochzeit mit der jungen Frau die ältere mehr als früher.
Eine Woche nachdem er nachts nicht nach Hause gekommen war, war sein turnusmäßiger Besuch bei der Gräfin Turova fällig. Tatjana sagte nichts, doch kurz nachdem er das Haus verlassen hatte, folgte sie ihm in einer Mietkutsche. Sie sah ihn ins Haus der Gräfin gehen und wartete draußen. Um etwa elf Uhr nachts verabschiedeten sich die Gäste, und die Lichter in den Wohnräumen gingen aus. Tatjana wartete noch eine Weile. Nun waren alle Lichter im Haupthaus verlöscht. Im Ostflügel jedoch, wo Madame de Ronvilles Wohnung sich befand, sah sie das schwache Flackern von Kerzen. Dann wurden auch diese gelöscht. Tatjana wartete eine Weile, dann fuhr sie nach Hause.
Sie dachte, daß sie sich mit Alexanders Verhältnis wohl abzufinden habe, doch es schmerzte sie tief. Klugerweise verlor sie kein Wort darüber. So vergingen die Wochen. Sie versuchte die Französin aus ihren Gedanken zu verbannen – vergebens. Alexander seinerseits versuchte mit Tatjana besonders liebevoll umzugehen. Im Herbst 1787 stellte Tatjana fest, daß sie schwanger war. Darüber freute sie sich sehr. Andererseits spürte sie, daß etwas in Alexanders Leben vorging, etwas Geheimnisvolles, wovon sie nichts wußte. Und das erfüllte sie mit Angst.
Mehrmals während der vergangenen Monate war er abends unter dem Vorwand dringender Geschäfte ausgegangen. Einmal war es spätnachts gewesen. Und er konnte nicht zu Adelaide gegangen sein – Tatjana wußte mit Bestimmtheit, daß die Französin sich nicht in der Stadt aufhielt.
Im September fuhr Alexander für zwei Wochen nach Moskau, und zwar mit einer ziemlich vagen Erklärung. Und Adelaide blieb in St. Petersburg. Gab es vielleicht eine andere Frau?
Die Geschichte der Freimaurer in Rußland ist in Dunkel gehüllt. Die Aufzeichnungen darüber wurden fast alle versteckt oder vernichtet. Nur wenig ist bekannt.
In St. Petersburg gab es viele Freimaurer. Vor allem die englischen Logen waren vertreten. Schließlich war alles Englische gerade Mode: Jeder wohlhabende Mann wollte einen englischen Vollblüter im Stall haben, jede Dame wünschte sich einen englischen Hund, und der eleganteste Platz, an dem Leute wie Bobrov sich sehen ließen, war der englische Club. Außerdem machten die englischen Freimaurer keine Schwierigkeiten. Sie waren unpolitisch, nicht allzu mystisch, hingen der Philanthropie an, wurden von Ausländern und Russen gleichermaßen unterstützt. Als deshalb Bobrovs englische Freunde ihn im Jahre 1782 aufforderten, den Freimaurern beizutreten, zeigte er sich nicht abgeneigt. Doch dabei wäre es wohl auch geblieben, wäre er nicht ein Jahr darauf zufällig einem Bekannten aus der Studienzeit in Moskau begegnet.
»Du mußt unbedingt Leute aus dem Freimaurerkreis kennenlernen«, drängte dieser, »sie gehören zur besten Gesellschaft.« Bei seinem nächsten Besuch in der alten Hauptstadt traf Alexander Bobrov also mit zwei höchst wichtigen Persönlichkeiten zusammen: mit dem Fürsten und dem Professor. Ersterer war ein reicher Aristokrat und Förderer der Künste, der andere ein Mann mittleren Alters namens Novikov, Chef der Moskauer Universitätspresse. Diesen nannte Alexander gern »den Professor«.
Mit ihm hatte er in jener verschneiten Dezembernacht die heimliche Begegnung in dem rosa Haus jenseits des Fontakakanals. Der Professor wurde sein Mentor und führte ihn in die völlig neue und geheime Welt der höheren Freimaurer ein; und dieser Professor war für Alexander so etwas wie die Stimme seines Gewissens. Alexanders neue Freunde in Moskau waren aufgeklärt und gebildet – der Kern des Universitätszirkels. Der Fürst und seine Freunde waren die Creme der Adelskreise Moskaus – das schmeichelte Alexanders Eitelkeit.
In drei Jahren hatte Alexander nach zahlreichen Besuchen bei seinem Professor in Moskau und durch Korrespondenz den ersten der höheren Grade der Freimaurer unter Anleitung seines Mentors durchschritten: vom Rang des Schottischen Maurers zum Theoreticus.
Es war eine große Lauterkeit in dem stillen Gelehrten, die Alexander tief beeindruckte. »Ich führe Sie einen reinen und christlichen Pfad«, versprach der Professor. »Unser einziges Motiv ist der brennende Wunsch, Gott und unserem gesegneten Rußland zu dienen.« Alexander stellte fest, daß die Freimaurer-Bruderschaft in vieler Hinsicht einer Geheimkirche glich; denn seit Peter der Große Rußland säkularisiert hatte, hatte die orthodoxe Kirche viel von ihrem ehemaligen Prestige eingebüßt. Peter hatte den Patriarchen abgesetzt. Katharina hatte der Kirche ihren Landbesitz genommen und unter staatliche Aufsicht gestellt. Wenn auch die Bauern noch der Kirche folgten und oft raskolniki waren, wobei die aufgeklärte Katharina diese alten Schismatiker leicht belustigt tolerierte, verhielt es sich für Männer von Bobrovs Klasse anders. Nur wenige seiner Freunde nahmen die Kirche ernst. Andererseits fühlten sie, daß ihrem Leben etwas fehlte.
Alexander mußte zugeben, daß er sich von der christlichen Frömmigkeit des Professors angezogen fühlte. Vielleicht, gestand er sich ein, spiele ich auch in dieser Beziehung – falls es mir nicht gelingt, die Welt zu gewinnen, kann ich mit Hilfe des Professors immer noch meine Seele retten.
Während seiner Studien wurde Alexander allerdings bewußt, daß eine innere aufbauende Kraft in der Bruderschaft am Werke war, die ihm bisher vorenthalten worden war. Doch eines Tages im Herbst 1786 sagte der Professor zu ihm: »Ich glaube, die Zeit ist für Sie gekommen, den nächsten Schritt zu wagen.« Dann gab er ihm ein Büchlein und fuhr fort: »Lesen Sie es sorgfältig durch. Wenn Sie einer von uns werden wollen, bewerben Sie sich bei mir.« So entdeckte Bobrov schließlich den inneren Zirkel. »Wir bezeichnen uns als die Rosenkreutzer, die Nachfolger von Christian Rosenkreutz«, erklärte der Professor.
Die Rosenkreutzer: die heimlich Erwählten. Von ihnen gab es nur etwa sechzig in ganz Rußland. Die gewöhnlichen Freimaurer wußten kaum, daß sie existierten. »Sie wissen von uns, kennen aber nicht unsere wahre Identität«, führte der Professor aus, »damit wir unsere Mission vor Unberufenen schützen können.« In der Tat war es die Besonderheit der Rosenkreutzer, daß sie untereinander Decknamen führten, während jeder Freimaurer nur einen Geheimnamen hatte. Als der Professor Alexander zur ersten Versammlung der Rosenkreutzer ins rosa Haus bestellte, hatte er seine Botschaft nicht mit seinem Namen der Tempelritter – eq.ab.ancora – unterzeichnet, sondern mit seinem geheimen Rosenkreutzernamen »Colovion«.
Für Alexander bedeutete diese erste Versammlung des inneren Kreises eine Offenbarung. Es war nur eine kleine Gruppe versammelt: der Fürst und der Professor aus Moskau, Alexander selbst und ein Mann aus St. Petersburg. Zum erstenmal gab der Professor Alexander Einblick in den wahren Sinn der Bruderschaft. »Wir suchen nichts Geringeres als die Schaffung einer neuen und moralischen Ordnung in der Gesellschaft«, erklärte er. »Wir werden sie vorwärtsbringen.«
»Sie meinen, ganz Rußland?«
»Nicht nur Rußland – mit der Zeit die ganze Welt«, sagte der Ältere ernst Alexander bekam eine Vorstellung davon, wie weit gespannt das Netzwerk der Rosenkreutzer war. Der Fürst fügte hinzu: »Wir werden auf den Großfürsten Paul mit der Bitte zukommen, unser Schirmherr zu werden.« Er lächelte. »Ich hoffe sehr, daß er akzeptieren wird.«
Der Thronerbe! Wenn er diesen seltsamen Mann auch nicht sonderlich schätzte, sah Alexander doch die ungeheuren Möglichkeiten, falls Paul ihr Schirmherr würde. Wir Rosenkreutzer könnten Rußland regieren, dachte er erregt.
In jüngster Zeit allerdings war der Professor höchst unzufrieden mit Alexander. Die Nachricht von dessen bevorstehender Heirat hatte er mit Freude aufgenommen. Doch nun hatte er ihm einen Brief geschrieben:
Ich kann nicht umhin zu erwähnen, lieber Bruder, daß mich bestimmte Nachrichten erreichten. Darin heißt es, in St. Petersburg sei es weithin bekannt, daß Sie trotz Ihrer kürzlichen Heirat Ihre Gattin vernachlässigen und Ihre Affäre mit einer gewissen Person fortsetzen.
Ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß dieses Verhalten für uns nicht annehmbar ist Schauen Sie in Ihr Herz, ich bitte Sie, und entscheiden Sie, was Sie zu tun haben.
Obwohl Alexander dieses Schreiben pflichtgemäß verbrannte, hatte er es doch täglich vor seinem geistigen Auge. Sein Gewissen quälte ihn. Aber er konnte Adelaide nicht aufgeben. Bei seinem nächsten Zusammentreffen mit dem Professor in Moskau zeigte dieser sich entsprechend ungehalten.
»Die Mitglieder unseres inneren Zirkels müssen ein reines Gewissen haben, Bruder Alexander.« Dann fuhr er etwas freundlicher fort: »Eine Ehe ist nicht immer einfach, Alexander, doch wir alle rechnen damit, daß Sie sich klar entscheiden.« Alexander war sehr betroffen von der Heftigkeit des Professors und sagte, er wolle sich ändern. Und zu jenem Zeitpunkt meinte er das durchaus ernst.
Doch die Kluft zwischen ihm und Tatjana hatte sich weiter vertieft. Schuld daran war nicht nur seine Affäre mit Adelaide, sondern ein zweiter Grund, der immer wichtiger wurde. Es ging ums Geld. Es hatte allmählich begonnen. Er konnte kaum sagen, wann das eigentlich gewesen war. Zuerst waren es gelegentliche Erkundigungen wegen der Ausgaben für die Besitzungen und im Haushalt. »Weißt du denn, wie viele Bedienstete wir haben, Alexander?« fragte Tatjana, als sie drei Monate verheiratet waren. Er hatte keine Ahnung und wünschte es auch gar nicht zu wissen. Sechzig? Achtzig? »Und wieviel sie uns kosten?« fuhr sie fort. »Nichts«, war seine lapidare Antwort.
In gewisser Weise stimmte das sogar. Während Kaufleute und Ausländer ihre Dienerschaft gegen hohe Kosten anstellen mußten, holten die russischen Adligen sich Leibeigene von ihren Besitzungen. Da waren hundert nicht viel. Die Frauen arbeiteten in der Küche oder sonstwo außer Sichtweite; die Männer wurden als Lakaien in eine Livree gesteckt.
»Aber sie müssen immerhin essen«, wandte Tatjana ein. »Was kostet das?«
Wie zum Teufel sollte er das wissen! Das Essen kam irgendwoher und wurde gegessen. Der Besitz in Russka brachte Bargeld und Naturalien ein. Wagen mit Lebensmitteln trafen im St. Petersburger Haus ein, und diese waren im Nu verbraucht. Nach einer Weile begann Alexander sich über diese und ähnliche Fragen zu ärgern. Er fühlte sich kontrolliert. Was kosten wohl die riesigen Holzstapel für die Öfen? Warum haben wir so viele Kutschen, die wir nicht benützen? Sollen wir nicht wieder einmal die Besitzungen inspizieren?
»Dein Vater hat uns viel Geld gegeben. Wir brauchen uns nicht zu sorgen«, versicherte er ihr.
Tatsächlich hatte Tatjanas Vater bald nach der Hochzeit Alexanders finanzielle Situation herausgefunden. Und wenn Tatjanas Mitgift auch ausreichte, um Alexanders Schulden zu bezahlen – der baltische Adlige war jedenfalls nicht sonderlich angetan von der Finanzmisere des Schwiegersohns, und die Beziehung zwischen den beiden Männern war von da an noch kühler als zuvor. Alexander vermutete also den Einfluß von Tatjanas Vater, als sie eines Tages bemerkte: »Glaubst du nicht, Alexander, daß du mir eine Abrechnung vorlegen solltest, damit ich sehe, wie du meine Mitgift ausgegeben hast?«
Das war eine Unverschämtheit! Sie war eine Frau und obendrein kaum siebzehn Jahre alt. Wütend platzte er heraus: »Ihr verdammten Ausländer! Ihr zählt jede Kopeke!« Er sah, daß sie nicht klein beigab, obwohl sie ergeben den Kopf neigte. Es gab noch etwas, das er ihr nicht sagen konnte. Die Kosten der Freimaurerpresse waren beträchtlich, und der Professor war mitunter ein wenig ungenau in seinen Abrechnungen. Bereits als er heiratete, wurde Alexander gebeten, außer den Beiträgen für die Bruderschaft auch die Presse zu unterstützen. Wie konnte er sich weigern, wenn Männer wie der Fürst großzügig spendeten? Einige Männer, die den höheren Graden der Freimaurer angehörten, gaben fast ihr gesamtes Vermögen für diese Sache. So war es ihm eine gewisse Erleichterung, als er bald nach der Hochzeit eine Spende ankündigen konnte.
Tatjana wäre erstaunt gewesen, wenn sie gewußt hätte, daß Alexander, als sie bereits schwanger war, nach Moskau fuhr, um den Professor zu besuchen. Er hatte eine weitere Spende bei sich, die nahezu ein Fünftel ihrer Mitgift ausmachte.
1789
Es war ein trüber Märztag. Ein von den sibirischen Gewässern kommender rauher Wind blies eisig über die weiten St. Petersburger Plätze hin. Alexander und seine Frau saßen im großen Salon. Er war erst im Morgengrauen nach Hause gekommen, aber darüber sprachen sie nicht. Finster blickte er Tatjana an, die im achten Monat schwanger war mit dem zweiten Kind. Traute sie ihm nicht? Wie konnte sie es wagen, seine Bitte abzuschlagen?
Tatjana stand langsam auf und stützte sich auf eine Stuhllehne, liebte er sie überhaupt noch? Es war ja nicht nur diese Französin; sein häufiges unerklärtes Verschwinden nach Moskau und diese mysteriösen Abende in St. Petersburg. Was sollte sie nur davon halten?
Sie haßte Adelaide de Ronville nicht. Ab und zu begegnete sie ihrer Rivalin bei der Gräfin Turova. Die Französin war immer höflich und spielte niemals auf ihre Beziehung zu Alexander an. Bald ist sie eine alte Frau, sagte Tatjana sich anfangs. Ich bin jung und werde Kinder mit ihm haben, das muß hart für sie sein. Sie liebte Alexander trotz allem und verstand ihren Mann besser, als er dachte. Sie fühlte, daß er trotz seiner vielen Fähigkeiten nie zufrieden mit sich war, nie sicher. Er liebt die andere, aber mich braucht er, tröstete sie sich. Doch obwohl sie ihn liebte – seine Bitte konnte sie nicht erfüllen. Alexander hatte schon wieder Sorgen. Wo war das Geld nur hingekommen? Es sei ihr gewohnt aufwendiger Lebensstil, sagte er. Aber er sagte nicht, daß die Rosenkreutzer ihn Unmengen von Geld kosteten.
Die Freimaurer waren in letzter Zeit auf Kritik gestoßen: Ihre Gegner beschwerten sich, ihre Arbeit sei ein Sakrileg. Die Freunde des Professors in Kirchenkreisen erstellten daraufhin eine nahezu vollkommene Rechtfertigung. Das änderte aber nichts daran, daß die Schulden weiter wuchsen. Der Professor ließ sich nicht darin beirren, auf seinen privaten Pressen zu drucken. Alexander, der tatsächlich eine Art von Zuneigung und Bewunderung für den Professor empfand, half nach Kräften, doch das Ganze wurde immer aufwendiger. Schließlich verging kaum ein Monat ohne einen Hilferuf seitens der Brüder. Falls Alexander Schuldgefühle verspürte, weil er das Geld seiner Frau ausgab, wurden sie entkräftet durch den Gedanken, daß die Rosenkreutzer vielleicht einmal über alles herrschen würden.
Als er nun an diesem Morgen seine Frau bat, von ihrem Vater neue Geldmittel zu verlangen, war es wie ein Schlag für ihn, als sie sich weigerte. Wie konnte sie nur! Er betrachtete es als ihre Pflicht. Sie jedoch schwieg hartnäckig. Nun schrie er sie an: »Tatjana, ich befehle es dir!«
»Es tut mir leid, Alexander, aber ich sehe keinen Grund, warum mein Vater oder ich dir noch mehr von meinem Vermögen anvertrauen sollten, nachdem du mir nicht einmal die Abrechnungen über meine Mitgift vorgelegt hast. Du weißt, daß sie mir gehört. Und wenn du nicht weißt, wo das ganze Geld geblieben ist, wäre es vielleicht besser, wenn ich unsere geschäftlichen Angelegenheiten in die Hand nähme.«
Er starrte sie an. Er spürte, wie er blaß wurde vor Zorn. Wutentbrannt sprang er auf und schlug sie so heftig ins Gesicht, daß sie zu Boden fiel.
Eine Stunde später saß Alexander immer noch in seinem Arbeitszimmer. Wie habe ich das nur tun können? fragte er sich und wußte doch die Antwort genau: Er fühlte sich schuldig und war im Grunde wütend auf sich selbst. Will ich denn meine Frau und meine Familie ruinieren? Für die Rosenkreutzer und für meinen eigenen grenzenlosen Ehrgeiz? Vor ihm lagen mehrere Briefe. In dem einen wurde der Kauf eines herrlichen englischen Pferdes, im nächsten der Kauf einer prächtigen neuen Kutsche, die nicht gebraucht wurde, rückgängig gemacht. Viel wichtiger aber war ein längeres Schreiben, das er soeben beendet hatte. Es ging an den Professor und endete folgendermaßen:
Vielleicht werden mir zu einem späteren Zeitpunkt jene Wohltaten zuteil, die mir allein – das weiß ich – aus der unbefleckten Quelle unseres heiligen Ordens zufließen können. Ich muß jedoch gestehen, hochwürdiger Superior, daß ich mich derzeit nicht in der Lage fühle, jene Opfer zu bringen, die Sie rechtens von mir fordern. Deshalb ziehe ich mich respektvoll zurück, bis ich mich unserer Bruderschaft würdig erweisen kann.
Er hatte die Rosenkreutzer verlassen. Er lächelte spöttisch. Das würde ihm jedes Jahr eine Summe einsparen, die höher war als seine Haushaltsausgaben. Als er den Brief versiegelt hatte, wurde er gerufen: Bei Tatjana hatten die Wehen eingesetzt. Am Vortag hatte man eine polnische Hebamme geholt, am Abend einen deutschen Arzt. Seit dem Mittag war eine weitere Person anwesend, eine Hebamme vom Land, eine echte Russin aus Sumpfloch. Sie saß in einer Ecke und murmelte christliche Gebete und heidnische Zauberformeln vor sich hin, ohne die kein Kind auf dem russischen Land geboren werden durfte.
Der Arzt führte Alexander aus dem Zimmer. Er sah sehr besorgt aus. »Der Geburtsweg ist blockiert«, sagte er. »Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, das Kind zu retten. Aber die Mutter… es besteht Gefahr, daß sie verblutet.«
»Sie stirbt, meinen Sie?«
»Es besteht die Gefahr, sagte ich.«
Der Arzt ging wieder ins Zimmer und ließ Alexander stehen. Dieser zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und versuchte zu beten. Nach einer Weile ging er erneut zu Tatjana. Sie bot einen furchtbaren Anblick. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und geisterblaß. Ihr Haar klebte von Schweiß, und ihre Augen waren schreckensweit.
Alexander nahm ihre Hand. Sie blickte zu ihm auf und versuchte ein tapferes Lächeln. Er lächelte zurück. Sie sollte spüren, daß er sie liebte.
Sie lag im Sterben. Er glaubte, sie wüßte es. Ihre angstvollen Augen sagten: Selbst wenn du mir nicht helfen kannst, sage mir nur dieses eine Mal, daß du mich liebst.
An diesem Märznachmittag traf Alexander Bobrov seine letzte Abmachung mit Gott. Lasse meine Frau und das Kind leben, barmherziger Gott, und ich will ihr treu sein und Adelaide de Ronville aufgeben, gelobte er stumm. Es war, so meinte er, die letzte Karte, die er auszuspielen hatte.
1792
Es gibt keine zauberhaftere Zeit in St. Petersburg als den Hochsommer, die Zeit der »Weißen Nächte«: Um die Sonnwende sind in diesen nördlichen Landstrichen die Tage endlos, und es wird kaum dunkel: Das Tageslicht dauert weit in den Abend hinein, ja bis in die Nacht, bis es sich schließlich gegen Morgen für ungefähr eine halbe Stunde in blaßschimmerndes Zwielicht verwandelt. Es ist eine magische Zeit, die Welt ist unwirklich. Sicher waren irgendwelche Zauberkräfte in der Atmosphäre, die Alexander Bobrov dazu verleiteten, wahnsinnige Dinge zu tun.
In diesem Sommer hatte sich die Welt gründlich verändert. Tagtäglich wartete man in St. Petersburg auf Nachrichten aus dem Westen, wo drei Sommer zuvor mit dem Sturm auf die Bastille in Paris der epochemachende Umsturz seinen Anfang genommen hatte. Die Französische Revolution. Der König von Frankreich, Königin Marie Antoinette und ihre Kinder waren praktisch Gefangene. Keiner wußte, was diese Revolutionäre, die Jakobiner, als nächstes tun würden. Die europäischen Monarchen fühlten sich zutiefst verletzt. Nun führten Österreich und Preußen sogar Krieg gegen die zersetzende neue Kraft. England war im Begriff, sich ihnen anzuschließen. Niemand war empörter als die aufgeklärte Katharina von Rußland. Die Grundsätze Freiheit und Aufklärung waren großartige Theorie, doch Revolution und herrschender Mob waren etwas völlig anderes. Kein Wunder, daß aufgeklärte Denker die Ergebnisse der Aufklärung mit Schrecken betrachteten. Statt einer Reform sahen sie nur Chaos. Die Jakobiner hatten sie allesamt betrogen.
Die Kaiserin fühlte sich einsam. Die Gesichter um sie her änderten sich. Vor allem hatte sie ihren treuen Freund, den großen Potemkin, verloren. Er war in allem ein loyaler Anhänger gewesen. Er hatte ihr die Krim verschafft. Zwei Jahre vor der Revolution hatte er Katharina auf einer wunderschönen Reise durch die ausgedehnte südliche Provinz am Schwarzen Meer begleitet. Er hatte sogar hübsche Attrappendörfer ihr zu Ehren errichten lassen – die berühmten Potemkinschen Dörfer. Diese Orte mochten künstlich sein, aber das Imperium war es nicht Es war in der Tat reich. Endlich kam ein russischer Herrscher in den legendären Palast des Krim-Khans in Bachtschisaraj und empfing die Huldigung der Tataren.
Und dies war für Katharina und Potemkin das Ende ihres langen Spätsommers. Die Französische Revolution hatte stattgefunden. Es war ihnen nicht gelungen, das letzte strahlende Ziel, Konstantinopel, zu erreichen. Katharinas junger Liebhaber war ihr untreu geworden, und diesmal gelang es Potemkins Widersachern, ihren eigenen Protege, einen nichtssagenden Burschen, in Katharinas Schlafzimmer zu bringen. Potemkin begab sich, tief deprimiert, in den Süden. Ein Jahr später war er tot.
Was war ihr geblieben? Ein langweiliger junger Liebhaber. Ein Sohn, der sie haßte. Ihre beiden Enkelsöhne, die nach ihren Anweisungen erzogen worden waren und die sie abgöttisch liebte. Und ihr Imperium. Sie würde es erhalten und für ihre Enkel stark machen.
Wie sehr St. Petersburg sich verändert hatte! Frankreich war ganz aus der Mode gekommen, selbst französische Kleidung wurde scheel angeblickt. Öffentliche Gespräche über die Revolution waren verboten, republikanische Bücher wurden verbrannt, Schauspiele abgesetzt. Durch die Philosophen war es zu alldem gekommen. Betrübt ließ die Kaiserin die Büsten ihres alten Freundes Voltaire entfernen.
Als der radikale Radischtschev so töricht war, zu ebendiesem Zeitpunkt ein Buch zu veröffentlichen, das zur Beendigung der Leibeigenschaft aufrief, war Katharina so aufgebracht, daß der Mann von Glück sagen konnte, »nur« nach Sibirien verbannt zu werden. Wozu waren die Freimaurer noch imstande mit ihren geheimen Machenschaften, verlangte sie zu wissen. Steckten sie mit ihrem Sohn unter einer Decke? Waren sie vielleicht Jakobiner? Sie ließ auf alle Fälle den Professor gründlich befragen.
In ganz St. Petersburg hatte Katharina die Große in ihren späten Jahren keinen loyaleren Anhänger als Alexander Prokofievitsch Bobrov. »Die Jakobiner sind Verräter«, war seine Meinung. Was die Aufklärung anbetraf, war er sich mit der Kaiserin vollkommen einig. »Freiheit der Rede ist, ebenso wie Reform, nur unter stabilen Verhältnissen möglich«, erklärte er nun. »Wir müssen uns vorsehen.« Niemand in St. Petersburg war vorsichtiger als er. Er lebte in einem bescheidenen Haus, nicht mehr im ersten, sondern im zweiten Admiralitätsviertel. Er hielt sich nur dreißig Bedienstete und gab selten ein Diner für mehr als zwölf Gäste. Auch seine Kutschen und Equipagen waren bescheiden, sogar seine Schulden. Er lebte tatsächlich nahezu seinem Einkommen entsprechend. Bobrov war noch immer Staatskanzler. Seine Karriere war zum Stillstand gekommen, und da sein ehemaliger Vorgesetzter Potemkin verschieden war, schien ein weiterer Aufstieg unwahrscheinlich. Trotzdem wirkte Bobrov zufrieden. Er hoffte immer noch auf zukünftige Ernennungen, wenn auch geringerer Art, um sein Einkommen aufzustocken. Seit Beginn der Revolution hatte er sämtliche Bindungen mit Radikalen gelöst. Als Radischtschev verhaftet wurde, hatte Alexander in einem kurzen Zeitungsartikel die ungeheuren Fehler des ehemals Verehrten angeprangert. Seit er dem Professor schriftlich seinen Austritt mitgeteilt hatte, war er nicht mehr in Verbindung mit den Rosenkreutzern getreten. Sein Leben verlief zwar eintöniger, dafür aber sicher. So gehörte es sich ja auch für einen umsichtigen Familienvater.
Der Pakt, den Alexander an jenem furchtbaren Tag im Jahre 1789 mit dem Allmächtigen geschlossen hatte, hatte tatsächlich funktioniert: Tatjana hatte überlebt und den zweiten hübschen Jungen zur Welt gebracht.
Adelaide de Ronville traf Alexander zwar weiterhin, aber nur als Freund, nicht mehr als Liebhaber. Er war alles in allem ein vorbildlicher Ehemann, ein bißchen füllig inzwischen, doch zuverlässig, so daß seine alten Freunde lächelnd meinten: »Ach, Bobrov – ein schwerverheirateter Mann.«
Eine bittere Pille hatte er trotzdem schlucken müssen. Tatjanas Vater starb und hinterließ nach seinem Tode zur allgemeinen Überraschung nur eine Kleinigkeit. Anscheinend hatte der baltische Adlige, ohne Tatjanas Wissen, mit dem Getreide aus seinen südlichen Besitzungen hoch spekuliert – und verloren. »Gott sei Dank haben wir die Gräfin«, sagte Alexander zu seiner Frau, »ohne sie würde kaum etwas für die Kinder übrigbleiben.« Sie besuchten die alte Dame regelmäßig, und diese hatte ihnen versprochen, daß das Erbe ihrer Kinder gesichert sei.
Die Zeit der Weißen Nächte… An einem dieser magischen Abende war Alexander auf dem Weg über die Neva zu einem der regelmäßigen Besuche bei der Gräfin.
Die alte Dame war inzwischen recht gebrechlich geworden, aber sie hielt an ihren Einladungen fest, die sich nun ruhiger gestalteten. Es kamen nur noch ein paar Getreue. Die Gastgeberin verhielt sich exzentrisch wie eh und je: Sie tat so, als hätte es keine Französische Revolution gegeben. Aber vielleicht wußte sie ja wirklich nichts davon. Nichts sollte die ruhige Sicherheit ihres Heiligtums stören. Wie erwartet, fand Alexander nur einige Gäste vor, meist ältere Herren, aber auch einen oder zwei von der jüngeren Generation. Er sah Adelaide im Gespräch mit einem alten Herrn, und sie lächelten einander zu. Sie sah etwas schmaler aus als früher. Es war schade, daß sie zur Zeit keinen Liebhaber hatte. Und da thronte die Gräfin mitten im Raum auf ihrem vergoldeten Stuhl. Was war sie doch für ein Kuriosum in ihrem langen, mit Schleifen geschmückten Kleid! Es war, als ob sie die Tradition des ehemaligen französischen Hofes fortsetzen wolle.
Alexander beugte sich nieder und küßte sie. Selbst nach all den Jahren konnte er immer noch nicht sagen, ob sie ihn wirklich gern hatte. Sie schien zumindest erfreut, ihn zu sehen; sie wechselten einige Worte, dann entfernte er sich, ging im Zimmer umher. Die Gespräche waren uninteressant, bis er einen nervösen jungen Mann hörte, der offenbar soeben aus Moskau gekommen war. »Was kann man heutzutage überhaupt noch veröffentlichen?« fragte der gerade. »Es ist ja nicht nur die Zensur. Sie haben sogar den alten Novikov, den Leiter der Universitätspresse, verhaftet. Ist denn niemand mehr sicher?«
»Es heißt, er sei Freimaurer gewesen«, warf jemand ein. »Vielleicht, doch selbst wenn…«
Alexander seufzte. Der arme alte Novikov! Er fragte den jungen Burschen aus. Anscheinend war noch keine Anklage erhoben worden.
»Was hat der Professor Ihnen bedeutet?« erkundigte sich der Mann.
Alexander zögerte einen Augenblick, dann antwortete er: »Überhaupt nichts. Ich traf ihn vor Jahren ein- oder zweimal.« Dann verließ er die Gesprächsrunde. Nach einiger Zeit gelang es ihm, ein paar Worte mit Adelaide zu wechseln. Da fiel ihm auf, daß die Stimmung der Gäste sich verändert hatte. Eine kleine Gruppe scharte sich um die alte Dame. Als Bobrov hinzutrat und einen neuen Gast zur Rechten der Gräfin stehen sah, erstarrte sein Lächeln.
Es war der alte General, der Mann, den er fünf Jahre zuvor an ebendieser Stelle gedemütigt hatte. Alexander konnte es kaum fassen. Er hätte die Existenz des Mannes sicher vergessen, hätte dieser nicht in den letzten Jahren einen überraschend starken Einfluß bei Hofe ausgeübt. Während er sich nun höflich verneigte, fielen Alexander zu seinem Schrecken zwei Dinge auf: Erstens sprühten die Augen des alten Herrn völlige Ablehnung; offenbar hatte er Alexander nicht vergessen. Zum zweiten zeigte der Ausdruck auf dem Gesicht der Gräfin, daß sie erwartete, Bobrov werde den General wiederum demütigen.
War ihr denn nicht bewußt, daß mittlerweile fünf Jahre vergangen waren? Wußte sie wirklich nicht, daß die Aufklärung nicht mehr in Mode und der General jetzt gefährlich war? Diese Fragen konnte Alexander sich nicht beantworten. Sicher war nur: Sie wollte unterhalten werden, koste es, was es wolle.
Sie lächelte bereits maliziös. »Nun, General«, begann sie, »wenn ich es recht verstehe, haben Sie die Absicht, all unsere Bücher zu verbrennen und auch die Theater zu schließen.« Alexander saß in der Falle. Was kam, war schlimmer als alles, was er sich hätte ausmalen können. Der General sah genau, wie die Welt sich seit der Französischen Revolution verändert hatte; er brauchte sich nicht gegen die Aufklärung zu verteidigen. Statt dessen wiederholte er die Ansichten, die er hier beim letztenmal dargelegt hatte, Punkt für Punkt, und fügte nach jeder Feststellung ein: »Aber Alexander Prokofievitsch stimmt mir nicht zu, das weiß ich.« Der alte Knabe hatte Bobrov genau dort, wo er ihn haben wollte. Jedesmal wenn er Alexander aufforderte, die Partei der Gräfin Turova zu ergreifen, gab er ihm gleichzeitig Gelegenheit, sich gegen die Regierung zu stellen. Alexander vermutete, daß der General mit Freuden jede seiner Behauptungen wortwörtlich vor den höchsten Kreisen bei Hofe wiedergeben würde. Alexander wand sich, es war erniedrigend. Er versuchte sich um klare Aussagen zu drücken, um weder die Gräfin zu verärgern noch dem General Waffen in die Hand zu geben. Schließlich war er nur noch in Verteidigungsposition, und es gab Punkte, in denen er dem General zustimmte.
Alexander merkte, wie die Gräfin nervös wurde. Sie warf ihm zuerst einen strengen Blick zu, dann trommelte sie mit den Fingern auf die Armlehne. Mit jedem Wortwechsel wurde sie starrer, bis sie sich schließlich in ein unheilvolles Schweigen zurückzog. Der General bewahrte sich den coup de gráce bis zum Schluß auf. Er spielte ihn mit der Lässigkeit dessen aus, der sich des letzten Stichs absolut sicher ist. »Die Aufklärung«, sagte er ruhig, »hat die Jakobiner hervorgebracht. Aber vielleicht hat Alexander Prokofievitsch etwas Gutes über diese Burschen zu sagen?«
»Nein, das habe ich nicht«, erwiderte Alexander rasch. »Nun gut. Aber ebendiese Jakobiner haben jenen Monsieur Voltaire zu ihrem Helden erklärt, der sie, so behaupten sie, inspiriert habe. Wie Sie wissen, hat die Kaiserin Voltaire abgelehnt. Und Sie?« Die Falle war zugeschnappt. Während Alexander überlegte, was er antworten sollte, erklang die eisige Stimme der Gräfin: »Ja, Alexander Prokofievitsch, was möchten Sie über den großen Voltaire sagen?«
»Ich bewundere ihn«, erklärte Alexander nach kurzer Pause, »genauso, wie die Kaiserin es tut. Was die Jakobiner betrifft: Sie sind eines so bedeutenden Mannes absolut unwürdig.« Es war eine diplomatische Antwort. Der General konnte nichts damit anfangen, und die Gräfin schien beschwichtigt.
»Sehr schön«, sagte der General. »Da jedoch Voltaires Schriften solche Probleme verursacht haben – wäre es nicht sinnvoller, sie aus der Reichweite dieser gefährlichen Herren zu bringen?«
»Den großen Voltaire zensieren?« fuhr die Gräfin dazwischen. »Vielleicht beschließt die Kaiserin, seine Schriften zu verbrennen, meine liebe Gräfin. Zweifellos wäre Alexander Prokofievitsch damit nicht einverstanden, nicht wahr?«
Entsetzt blickte die Gräfin von einem zum anderen. »Undenkbar!« murmelte sie.
So undenkbar war das tatsächlich nicht. Erst wenige Tage zuvor hatte ein Freund, der häufig bei Hofe war, Alexander zugeflüstert, die Feinde der Aufklärung arbeiteten insgeheim bereits auf ein derart schreckliches Vorhaben hin. »Und bei der augenblicklichen Gemütsverfassung der Kaiserin bekommen sie wohl ihren Willen«, hatte der Mann gemeint. »Noch vor Jahresende dürfte Voltaire verboten sein.«
Der General nahm an, Alexander wisse davon nichts. Eine öffentliche Verurteilung des Vorhabens war alles, was er brauchte; damit würde Alexander als Feind der Regierung gelten. »Ich bin ein treuer Diener der Kaiserin«, antwortete Alexander lahm.
Der General zuckte die Achseln. Die Gräfin stieß einen kleinen Seufzer aus, dann herrschte unheilvolle Stille, bevor sie sprach: »Es ist interessant zu erfahren, Alexander Prokofievitsch, daß Sie für die Verbrennung von Voltaires Schriften sind. Das wußte ich bisher nicht.« Sie blickte nachdenklich auf ihre Hände. »Sicher werden Sie schon von Ihrer Gattin erwartet. Wir wünschen Ihnen eine gute Nacht.«
Damit war er entlassen. Er verneigte sich und verließ den Raum. Als Alexander das nächstemal bei der Gräfin seine Aufwartung machte, hieß es, daß sie heute nicht empfange. Zwei Tage danach wollte Tatjana ihren üblichen Besuch machen und erhielt die Auskunft, die Gräfin sei nicht zu Hause. Ein drittes Mal erklärte der Diener an der Tür klipp und klar, Alexanders Besuche seien nicht länger erwünscht. Am selben Tag erhielt er eine inhaltsschwere Nachricht von Adelaide de Ronville:
Ich muß Ihnen mitteilen, lieber Freund, daß die Gräfin es ablehnt, Sie zu empfangen. Sie hat ihren Worten nach auch vor, Sie aus ihrem Testament zu streichen. Ich kann in dieser Hinsicht nichts tun. Sie sollten aber wissen, daß ihr Anwalt, der sich in Moskau aufhält, in drei Tagen zurückkehrt. Wenn sie ihre Absicht bis dahin nicht ändert, wird sie ihn unverzüglich kommen lassen. Ich fürchte das Schlimmste.
Alexander starrte das Schreiben in dumpfem Entsetzen an. Damit war das Erbe seiner Kinder verloren. Er kannte die alte Dame gut genug, um zu wissen, daß sie ihre Meinung nicht ändern würde. Er hatte ihr Idol beleidigt; es war das einzige, was sie noch interessierte. Er zeigte Tatjana den Brief und sagte voller Reue: »Da siehst du, was dein törichter Mann getan hat.«
Sie wollte nicht, daß er die Schuld allein bei sich suchte. »Die alte Frau ist verrückt«, sagte sie entschlossen. Alexander umarmte sie. Sie waren einander viel näher als früher.
Was blieb zu tun? Zuerst einmal schrieb Alexander der Gräfin einen Brief. Er kam ungeöffnet zurück. Am nächsten Tag schrieb Tatjana; das gleiche geschah. Am folgenden Morgen traf sehr früh eine Nachricht von Adelaide ein.
Ich habe mich erneut für Sie eingesetzt – es war vergebens. Sie ist unbeugsam. Der Anwalt ist für morgen bestellt. Wenn ich irgend etwas tun kann – ich bin den ganzen Abend bei den Ivanovs. Dort können Sie mich finden.
Alexander seufzte. »Ich fürchte, wir haben verloren«, meinte er traurig zu Tatjana. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, um nachzudenken. Aber nicht einmal in dieser Krise verzweifelte er. Wenn das Erbe verloren war, mußte er sich auf andere Weise Geld beschaffen. Über diesem schwerwiegenden Gedanken verging der ganze Vormittag. Seine Ziele waren bescheiden, die Tage des Spielers Bobrov längst vorbei. Er wollte seine Schulden zurückzahlen und etwas Geld beiseite legen. Darüber würden Jahre verstreichen, und es würde manchmal erniedrigend sein, aber das war ihm gleichgültig. Er wollte das sogleich in Angriff nehmen. Mittags verließ er sein Zimmer, küßte seine Frau und ließ seine schönste Kutsche mit den besten Pferden kommen. Er wollte Kaiserin Katharina in ihrem Sommerpalais aufsuchen. Am frühen Nachmittag bestiegen Tatjana und ihre Kinder ohne Wissen Alexanders eine Mietkutsche und fuhren über die Neva zur Vassiljev-Insel. Als sie am Haus der Gräfin Turova ankamen, wandten sie sich allerdings nicht dem Haupteingang zu. Der Entschluß war Tatjana nicht leichtgefallen. Sie hatte sich jedoch überlegt, daß sie nur über die Französin Zugang zur Gräfin erreichen könne. Wenn sie erst einmal im Haus war, würde die Gräfin sie sicher empfangen, und der Anblick der Kinder würde sie besänftigen. Dann konnte Tatjana alles erklären. So sah sich die überraschte Adelaide de Ronville drei kleinen Kindern und deren Mutter gegenüber, die schlicht erklärte: »Wir sind in Ihren Händen.«
»Mon Dieu!« Adelaide blickte die Kinder an – Alexanders Kinder, dann diese starke Frau, ihre Mutter. Da plötzlich durchzuckte sie ein Gefühl von Verlust und Einsamkeit. »Warten Sie hier«, sagte sie. »Ich will nichts versprechen, aber ich sehe, was ich tun kann.« Sie blieb einige Zeit fort. Inzwischen sah sich Tatjana neugierig um. Sie stellte fest, daß die raffinierte Einrichtung des Salons ein gewisses Etwas hatte, das ihre eigenen Räume nie haben würden. Das war es wohl, was Alexander liebte. Sie wartete fast eine Stunde. Adelaide kehrte mit betrübtem Gesicht zurück. »Es tut mir leid, aber sie will Sie nicht empfangen.«
Der riesige Park mit der kaiserlichen Sommerresidenz lag nicht weit von St Petersburg in südwestlicher Richtung. Alexander hatte ihn in knapp zwei Stunden erreicht. Er liebte diesen Ort. Wenn überhaupt etwas die kosmopolitische Ära des 18. Jahrhunderts in Rußland symbolisierte, war es dieses Bauwerk. Wie das große Winterpalais war es von dem berühmten Architekten Bartolomeo Rastrelli in der Regierungszeit der Kaiserin Elisabeth entworfen worden. Es war das russische Versailles. Die mit Ornamenten geschmückte Rokokofassade war im Mittelteil drei Stockwerke hoch und erstreckte sich über eine Breite von fast dreihundert Metern. Im Innern mischte sich europäische Eleganz mit russischem Prunk. Ausladende Hallen zeigten vielfarbigen Marmor, Räume waren mit Jaspis und Achat verziert; es gab sogar, einmalig in der Welt, einen Raum, dessen Wände ganz aus Bernstein gefertigt waren. Und überall sah man das von Rastrelli bevorzugte Gold, mit Alabaster, Lapislazuli, Tiefrot und leuchtendem Blau abgesetzt.
»Staatskanzler Bobrov.« Er wurde sofort hereingebeten und trat auch beherzt ein. Doch er konnte sich eines demütigenden Gefühls nicht erwehren, als er durch die hohen goldenen Hallen schritt. Eine längst beschwichtigte innere Stimme schien zu sagen: Das hätte dir gehören können – nicht ihm! Der Mann, den Alexander aufsuchen wollte, war der junge Platon Zubov, der neue Liebhaber der Kaiserin. Die Position, die Bobrov einmal angestrebt hatte, gehörte nun einem gutaussehenden jungen Mann Anfang Zwanzig töricht, oberflächlich und ehrgeizig. Keiner mochte ihn, doch der gesamte Hof spürte, und vielleicht wußte es die alternde Kaiserin auch, daß dieser junge Liebhaber wohl ihr letzter sein würde. Alexander hatte sich seit langem um die Gunst dieses jungen Menschen bemüht; das war alles andere als angenehm gewesen. Vor kurzem hatte er die Chance gehabt, Katharinas Günstling sehr nützlich zu sein, und er hoffte, daß sich dieser nun zu Dank verpflichtet fühlte.
Der Pavillon, in dem der junge Mann hofhielt, war in Verbindung mit einer langen Galerie an einem Ende des Palais von Katharinas schottischem Architekten Cameron errichtet worden, und zwar im Stil eines prunkvollen römischen Palastes mit einem römischen Badehaus im Untergeschoß. Vor dem Eingang zu einem der Räume hatte sich eine Gruppe von Menschen versammelt: ehrwürdige Höflinge, reiche Landbesitzer, wichtige Militärs. Als sich die Tür öffnete, drang lautes Gelächter heraus.
Alexander mußte nur eine Stunde warten, ehe er eingelassen wurde. Der prächtige Raum war im pompejanischen Stil gestaltet und enthielt schwere Möbel nach römischem Vorbild. Der junge Zubov stand lächelnd inmitten einer Menschenmenge und hatte sich heute mit einer römischen Toga bekleidet. Er hielt einen Affen an der Hand.
»Mein lieber Alexander Prokofievitsch!« Seine großen Augen blickten ebenso überrascht wie erfreut beim Anblick des bescheidenen Staatskanzlers. »Was führt Sie hierher?«
Der Augenblick war gekommen. »Ich wollte Sie natürlich zu Ihrem Triumph in Polen beglückwünschen«, antwortete Alexander. Zubov strahlte ihn zufrieden an.
Wie der große Potemkin Katharina die Krim verschafft hatte, so beabsichtigte der junge Zubov seinen Namen mit einem weiteren wichtigen Zuwachs des russischen Imperiums zu verbinden. Das Schicksal hatte ihm Polen beschert.
Rußlands ehemaliger Rivale wurde immer noch von dieser Ansammlung von Magnaten regiert, die, nachdem sie einen König gewählt hatten, jede Aktivität durch das Veto eines einzigen Mitglieds vereiteln konnten. Polens Schwäche kam Rußland sehr gelegen. Zwanzig Jahre zuvor war es Katharina gelungen, sich unauffällig ein weiteres Stück aus seinen Grenzländern zu schnappen und ihren ehemaligen Liebhaber als Marionettenkönig wählen zu lassen. Welche Torheit hatte die Polen aber ein Jahr zuvor dazu gebracht, eine neue Verfassung zu proklamieren, die neben anderen Neuerungen eine erbliche konstitutionelle Monarchie vorsah? Der König war töricht genug, diese Regelung zu bestätigen. Nahm er als Katharinas früherer Liebhaber tatsächlich an, daß diese seine Herrschaft über ein starkes, stabiles Polen gutheißen werde? Sie reagierte unverzüglich. »Sie sind Revolutionäre wie die Jakobiner«, erklärte sie. Das war natürlich Unsinn; die Reformer waren konservative Monarchisten. Doch hier lag einerseits die Möglichkeit für Zubov, sich einen Namen zu machen, andererseits konnte Rußland sich vergrößern. Während viele, darunter Potemkin, zur Vorsicht mahnten, drängte der neue Günstling: »Europas Kräfte sind durch den Krieg mit dem revolutionären Frankreich abgelenkt. Jetzt ist es an der Zeit, in Polen einzufallen.« In diesem Frühjahr – Potemkin war inzwischen gestorben – bekam Zubov seinen Willen. Selbst jetzt noch zogen russische Soldaten ungehindert über das polnische Land.
»Mein lieber Alexander Prokofievitsch«, erklärte Zubov nun gönnerhaft, »Sie haben den Augenblick Ihres Besuches großartig gewählt. Heute morgen bekam ich die Nachricht, daß Wilna uns gehört.« Eine weitere baltische Provinz, die dem Reich einverleibt wurde. »Zum Jahresende wird Polen nur noch halb so groß sein wie jetzt«, fuhr der junge Mann fort. »Wir werden Preußen ein Stückchen abtreten und das übrige für uns behalten.«
»Ich teile Ihre Freude«, antwortete Alexander mit einem Unterton, der diskret auf den fälligen Gunstbeweis hindeutete. »Ach ja!« Zubov hatte verstanden und betrachtete Alexander nachdenklich. »Sie waren uns recht nützlich, nicht wahr?« Alexander verneigte sich.
»Natürlich. Ich erinnere mich genau«, bestätigte Zubov sich selbst. Es war nichts, worauf man stolz sein mußte. Zu einer Zeit, als Zubov nicht sicher war, ob das Thema Polen sich vorteilhaft für ihn lösen werde, erledigte Bobrov im Zusammenhang damit nützliche bürokratische Vorarbeit. Dabei hatte er wissentlich seinen alten Gönner, den kranken Potemkin, hintergangen. Dessen schämte er sich immer noch. Zubov wußte über all das genau Bescheid. »Nun sagen Sie mir, was Sie wollen«, fuhr er fort. Es war nicht viel, nur einen dieser zahlreichen Posten in der schwerfälligen russischen Verwaltung, der ein beträchtliches Gehalt für kleine Pflichten garantierte. Es würde sein Einkommen angenehm erhöhen, so daß er Geld zurücklegen könnte, bis sich eine bessere Gelegenheit ergäbe. Als Alexander geendet hatte, wandte Zubov sich seinem Affen zu.
Alexander hatte von diesem Tier gehört Es war Zubovs Liebling und bei Audienzen häufig zugegen. Es hieß, daß wichtige Höflinge weggeschickt wurden, nur weil der Affe sie nicht leiden konnte.
»Alexander Prokofievitsch möchte ein Geschenk«, sagte Zubov zu dem braunen Wesen. »Was hältst du davon?« Alexander hielt den Atem an. Was dann geschah, spielte sich in Sekundenschnelle ab. Alexander merkte nur, wie der Affe plötzlich an seiner Brust hing, ihm die Arme um den Hals legte und sein Gesicht, das wie das Gesicht eines alten Mannes aussah, an das seine preßte. Der Sprung des Tieres war so heftig und unerwartet gewesen, daß Bobrov stolperte und auf den Marmorboden fiel. Die Anwesenden brachen in Gelächter aus. Alexander versuchte aufzustehen. Das Tier war über ihm, zupfte ihn an den Ohren und rieb seine Nase an Alexanders Nase. Und dazwischen hörte er Zubovs Stimme, quiekend vor Vergnügen: »Er mag Sie, Bobrov, er liebt Sie!«
Dann plötzliche Stille; Alexander blickte auf und sah inmitten des Raumes eine kleine, gedrungene Gestalt in einer einfachen, blaßseidenen Robe, eher einem Morgenmantel, stehen. Es war Katharina.
Das Gesicht hochrot vor Scham, versuchte Bobrov seine Kleider zu ordnen, erhob sich linkisch und verneigte sich. Der Affe war verschwunden. Bobrov sah nur die etwa zwanzig Höflinge, die ihn beobachteten, und die Kaiserin, deren Gesicht maskengleich starr wirkte.
Nun stand er ihr endlich persönlich gegenüber. Das also war die Frau, deren Lager er einst zu teilen gehofft hatte. Ihre Gesichtszüge waren noch edel, doch ihren Körper hatte er sich nicht so plump und schlaff vorgestellt, und offensichtlich fehlten ihr einige Zähne. Der goldene Herbst neigte sich seinem Ende zu. Alexander beneidete Platon Zubov nicht mehr.
»Wer ist das?« hallte die Stimme der Kaiserin kalt durch die Stille. »Alexander Prokofievitsch Bobrov«, antwortete Zubov und lächelte Alexander ermutigend zu. »Er bittet um eine Anstellung«, fügte er wohlwollend hinzu. Katharina blickte Bobrov schweigend an und suchte wohl in ihrem Erinnerungsvorrat nach näheren Hinweisen. »Sie sind Staatskanzler Bobrov?«
Er verneigte sich. Vielleicht hatte Potemkin einmal von ihm gesprochen, und sie erinnerte sich. Zumindest mußte sie Kenntnis von den früheren Dienstleistungen seiner Familie haben. »Sind Sie nicht mit der lästigen, lächerlichen Gräfin Turova verwandt?«
»Wir sind entfernt verwandt. Leider ist sie reichlich seltsam«, antwortete er lahm.
»Absolut. Jetzt weiß ich, wer Sie sind.« Damit wandte Katharina sich um und verließ den Raum. Ohne den Kopf zu drehen, rief sie an der Tür: »Komm, Platon.« Dann rauschte sie hinaus. Zubov folgte ihr unmittelbar; von irgendwo tauchte der Affe wieder auf und hüpfte hinter ihm her. An der Tür wandte Zubov sich mit einem bedauernden Achselzucken zu Alexander: »Ach ja, Alexander Prokofievitsch«, rief er, »wenigstens hat mein Affe Sie gern. Leben Sie wohl!« Dann war auch er verschwunden, und alle Anwesenden lachten.
Es war vorbei. Er würde nie in seinem ganzen Leben die Gunst des Hofes erlangen. Und warum nicht? Weil die Kaiserin ihn mit Gräfin Turova und ihren törichten Ansichten in Zusammenhang brachte.
Er fühlte sich als gebrochener Mann. Als er zu seiner wartenden Kutsche ging, nahm er nur nebenbei wahr, daß der alte General mit leisem Lächeln auf dem Gesicht den Palast betrat. Die ganze Fahrt über grübelte Alexander. Er war erledigt. Für seine Kinder blieb nahezu nichts. Selbst seine geringsten Hoffnungen waren nun zerstört. Vielleicht sollte ich einfach in Russka leben, dachte er. Dort hätte er zwar nichts zu tun, aber das Leben wäre billig.
Um acht Uhr abends erreichte er St. Petersburg. Er mußte Tatjana kurz von seinem Versagen berichten. Als sich seine Kutsche dem zweiten Admiralitätsviertel näherte, kam ihm eine Idee, und er befahl dem Kutscher, über die Neva zur Vassiljev-Insel zu fahren. Dort ließ er ihn an der Strelka, der Spitze der Insel, warten und ging zu Fuß weiter. Er wollte noch einen letzten Versuch wagen. Schließlich hatte er nichts mehr zu verlieren. Alexander näherte sich vorsichtig dem kleinen Seiteneingang zu Madame de Ronvilles Wohnung. In ihrer Nachricht hatte gestanden, daß sie den ganzen Abend bei den Ivanovs sei. Um so besser! Er wollte sie nicht mit hineinziehen. Er zog die Schlüssel zu ihrer Tür hervor, die er immer bei sich trug. Obwohl sie kein Liebespaar mehr waren, konnte er sich nicht von diesen Schlüsseln trennen. Er schloß auf und ging die Treppe hinauf.
Wie still es war! Nicht der geringste Laut im Haus. Alexander ging durch Adelaides Räume. Im Salon hing ein leichter Rosenduft. Gleich darauf befand er sich im Haupthaus. Auch hier war alles still. Er stieg behutsam bis zum Treppenabsatz hoch und blieb dort stehen. Die Tür der Zofe war geschlossen. Offensichtlich hielt sie sich noch unten auf, doch die Tür zum Gemach der Gräfin stand offen. Er horchte. Ob sie wohl drinnen war? Da hörte er sie. Zuerst dachte er, sie spreche zu jemandem, doch als er nach einiger Zeit niemanden antworten hörte, wußte er, daß sie Selbstgespräche führte. Lautlos trat er ein. Die Gräfin saß im Bett und las. Sie sah noch älter und gebrechlicher aus. Ihre spitzen Schulterknochen waren unter der schlaffen Haut zu sehen. Sie wurde von Kissen gestützt und las mit Hilfe eines Vergrößerungsglases in einer Zeitung.
Als sie ihn sah, stieß sie einen kurzen Schrei aus. Doch dann warf sie die Zeitung aufs Bett und zischte wütend: »Was wollen Sie? Sie wagen es, hereinzukommen?«
»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Daria Michailovna, aber Sie haben mich nicht eingelassen.«
»Hinaus mit Ihnen!«
»Gestatten Sie mir wenigstens, Daria Michailovna, Ihnen untertänigst mitzuteilen, daß Sie mir unrecht getan haben. Selbst wenn Sie fälschlicherweise auf mich böse sind, bitte ich Sie, meine arme Frau und meine Kinder, die unschuldig sind, nicht zu vernichten.«
»Ihre Familie hat mich, auf Ihr Betreiben hin, schon einmal hier belästigt, und ich habe sie fortgeschickt«, entgegnete sie scharf. »Verlassen Sie mein Haus!«
Seine Familie hier – wovon sprach sie da? »Das habe ich nie getan«, erwiderte er wahrheitsgemäß.
Die Gedanken der alten Frau schweiften anscheinend ab. »Zuerst kommt der eine, dann der andere, und dann tun sie, als wüßten sie nichts«, murmelte sie. »Lügner! Von mir bekommen sie nichts.« Offenbar ist die Gräfin nun wirklich senil, überlegte Alexander. »Und schließlich die Kinder! Gesindel! Nattern!« krächzte sie.
»Dana Michailovna«, fuhr Alexander geduldig fort, »ich versichere Ihnen, daß niemand den großen Voltaire mehr verehrt als ich. Aber zur Zeit dürfen diejenigen, die so denken wie Sie, nicht sprechen. Die Kaiserin will davon nichts wissen. Sie können sich denken, daß auch ich vorsichtig sein muß.«
Zuerst sagte Gräfin Turova nichts; dann blickte sie ihn verächtlich an und schleuderte nur ein Wort hervor: »Hinterhältig!« Welch eine törichte, böse alte Frau sie doch war! Als sie nun wieder vor sich hinmurmelte, wußte er nicht, ob es Selbstgespräche waren oder ob sie mit ihm sprach. »Zu dem einen sagt er dies, zum anderen das. Man kann ihm nicht über den Weg trauen.«
»Sie verstehen nicht. Ich versichere Ihnen…« begann er. Sie fuhr dazwischen: »Sie meinen, ich durchschaue Sie nicht. Schon zum zweitenmal schleichen Sie sich hier ein.«
»Aber keinesfalls!« erwiderte er hitzig.
»Lügner! Ich habe ihn gesehen, wie er mitten in der Nacht hier hereingekrochen ist. Dieb! Hat meine Bücher genommen, ist vor mir umhergetanzt wie ein Mondsüchtiger.« Mein Gott! Sie hatte also doch nicht geschlafen in jener lang zurückliegenden Nacht. Ihre Augen waren offen gewesen, weil sie nicht geschlafen hatte. Alexander hatte natürlich nie daran gedacht, daß die Alte die letzten fünf Jahre über seinen albernen nächtlichen Besuch nachgegrübelt hatte. Wie um alles in der Welt sollte er ihn jetzt erklären?
»Und all dies nur, weil ich ein paar Worte über Voltaire gesagt habe. Was wird aus meinen Kindern, Ihren eigenen Verwandten? Sie wollen sie wirklich enterben?«
»Ihre Kinder interessieren mich nicht im geringsten. Sollen sie doch verhungern! Und jetzt raus mit Ihnen, Verräter!« Das war zuviel für Alexander. Der Zorn und die tiefe Enttäuschung dieses Tages, vielleicht seines ganzen Lebens stiegen plötzlich hoch und überfluteten alles. »Du alte Hexe!« schrie er. »Du blöde, senile alte Vettel! Du hast überhaupt keine Ahnung. Dein verdammter Voltaire! Du verdammtes Stück!« Er hob die geballte Faust über den Kopf. »Mein Gott, ich bringe dich um!« Er tat einen Schritt auf sie zu.
Es war eher eine Geste der Abwehr, vielleicht wollte er ihr einen Schrecken einjagen. Doch nun sah er zu seinem Entsetzen, wie sie schauderte, die Augen aufriß und in ihre Kissen zurückfiel. Alexander stand wie versteinert. Es war totenstill. Er blickte zur Tür, wartete, daß Diener auftauchen würden, aber niemand kam. Er blickte zur Gräfin hin. Ihr Mund stand offen. Sie atmete anscheinend nicht mehr. Zitternd trat er zu ihr und fühlte vorsichtig ihren Puls. Er spürte nichts. Eine Zeitlang starrte er sie an, bis ihm klar wurde, daß sie tot war. Sie mußte wohl einen Herzschlag erlitten haben. Alexander bekreuzigte sich. Nach einer Weile erkannte er die Bedeutung des Vorgefallenen. »Gott sei Lob und Dank«, flüsterte er. Sie war gestorben und hatte ihr Testament vorher nicht geändert. »Nun bin ich doch noch gerettet.« Vorsichtig schlich er sich auf den Gang und blickte sich um. Alles war still. Er gelangte unbemerkt in Madame de Ronvilles Wohnung, die er wieder von außen verschloß. Dann ging er rasch zu seiner wartenden Kutsche an der Strelka.
Während Alexanders Kutsche über die Brücke auf den Petersplatz zurollte, flatterten Gräfin Turovas Augenlider, bis sie sich schließlich öffneten. Sie hatte eine Weile in tiefster Ohnmacht gelegen, aber sie hatte keine Ahnung, wie lange. Es war nicht verwunderlich, daß Alexander sie für tot gehalten hatte; da er keine Erfahrung mit alten Menschen hatte, wußte er nicht, daß der Puls oft fast unmerklich schlägt. Die Gräfin versuchte, ihre Kräfte zu sammeln, dann rief sie nach ihrer Zofe, die sich anscheinend immer noch unten aufhielt. Vorsichtig drehte sie sich um und ließ ihre Beine über den Bettrand gleiten. Sie hielt sich am Nachttisch fest und prüfte, ob sie gehen konnte. Dann begab sie sich zu dem kleinen Schreibtisch, zog einen Bogen Papier aus der Schublade und las nachdenklich; die Gräfin hatte keine Ahnung, was der Inhalt bedeutete, aber ganz sicher hatte er eine Bedeutung.
Dieser Brief war Alexander aus der Tasche gefallen, als er in jener Dezembernacht fünf Jahre zuvor den verrückten Tanz in ihrem Zimmer aufgeführt hatte. Er war mit »Colovion« unterzeichnet.
Alexander konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Er nahm seinen Weg zur Uferstraße, ging langsam über den großen Platz, wo Peters mächtige Statue aufragte, weiter an den langen, kahlen Wänden der Admiralität entlang und schaute auf die weite Fläche vor dem Winterpalais und die anschließende Eremitage. Zur linken zog sich das breite, fahle Band der Neva hin. Auf der Strelka inmitten des Flusses lag ein heller Schein. Als Alexander stehenblieb und nach Norden sah, entzündete sich die frühe Morgenröte hinter dem Horizont über der arktischen Ödnis.
Eine unwirkliche Jahreszeit. Eine unwirkliche Stadt. Als Alexander die vergangenen zehn Jahre seines Lebens Revue passieren ließ und an die seltsamen Ereignisse dieses Tages dachte, kam es ihm so vor, als sei seine Existenz nichts als eine kleine Statistenrolle auf dieser riesigen Petersburger Bühne. War nicht alles wie ein Schauspiel? War nicht die arme Kaiserin Katharina mit ihren jungen Liebhabern ein pathetisches Trugbild? War Peters des Großen Vision von Rußland als einem gewaltigen Kontinentalreich nur ein wilder Traum, unmöglich, je Wirklichkeit zu werden? »Nun, die ganze Stadt ist nichts als ein riesiges Potemkinsches Dorf«, murmelte Alexander vor sich hin, »nichts als Fassaden. Und was war dann mein Leben, mein Spiel um Macht, meine Liebe zum Prunk, mein Wunsch nach irdischer, ja himmlischer Belohnung? War dies alles eine einzige Illusion?«
Als er sich langsam auf den Heimweg machte, sagte er leise: »Ja, es ist alles Einbildung, maßlose Einbildung.« Er war so sehr in seine Gedanken über diese große Sinnlosigkeit vertieft, daß er, als er endlich am frühen Morgen heimkam, nicht einmal die kleine Kutsche vor seinem Haus bemerkte, auch nicht die Gruppe von Männern, die ihn erwartete. Er blickte überrascht auf, als einer davon auf ihn zutrat und leise zu ihm sagte: »Staatskanzler Bobrov, Sie müssen uns begleiten. Sie sind verhaftet.«
In der Zelle war es stockfinster; es gab keinerlei Licht. Alexander wußte nicht, wie lange er schon hier war, aber da die Tür zweimal einen Spalt geöffnet worden war und eine Hand eine Brotkruste und einen kleinen Krug mit Wasser hereingeschoben hatte, schätzte er, daß es sich um ein bis zwei Tage handelte. Der Raum war sehr klein. Alexander fand heraus, daß er sich nach zwei großen Schritten den Kopf an der gegenüberliegenden Wand anstieß. Dies mußte eine Zelle in der gefürchteten Peter-und-Pauls-Festung sein. Er hätte gern gewußt, ob die Zelle über oder unterhalb des Wasserspiegels lag, wahrscheinlich darunter. Warum hatte man ihn wohl eingesperrt? Aufgrund welchen Vergehens? Der Polizeibeamte hatte es ihm nicht gesagt, wahrscheinlich wußte er es nicht. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ruhig zu verhalten.
Ein weiterer Tag verging, und niemand kam. Ob man ihn wohl so lange hier lassen würde, bis er starb? Am Ende des dritten Tages holten sie ihn heraus. Minuten später stand er in einem großen Raum und blinzelte in das schmerzende Licht. Alexander fragte den einzigen Wachmann, was nun geschehe. »Sie werden verhört«, war die barsche Antwort gewesen. »Oh, von wem?«
»Wissen Sie das nicht?« Der Wachmann grinste. »Von Scheschkovskij persönlich natürlich.« Dann lachte er. »Sie werden schon reden.«
Alexander begann zu zittern. Jeder wußte über Scheschkovskij Bescheid – er war der am meisten gefürchtete Inquisitor von ganz Rußland. Der große Fragesteller hatte selbst Radischtschev, den radikalen Autor, ohne weiteres zur Strecke gebracht. Es hieß, seine Opfer könnten froh sein, wenn sie die Befragung lebend überstünden. Aber ich bin ein Adliger, sagte Alexander sich. Dem Gesetz nach darf er mich nicht foltern, mir nicht die Knute geben. Das Gericht mußte ihm seinen Adelsstand aberkennen, ehe man ihm eine solche Schmach antun konnte.
Jemand drückte ihn auf eine Bank. Eine grelle Lampe wurde auf ihn gerichtet. Gleich darauf war ihm bewußt, daß noch eine Gestalt im Raum war. Er konnte sie nicht erkennen, weil er geblendet war, aber er hörte eine Stimme, die leise sagte: »Nun erzählen Sie mir von Colovion.«
In den folgenden drei Wochen war Alexander Bobrov manchmal am Rand des Wahnsinns. An manchen Tagen ließ man ihn in seiner Zelle. Doch gewöhnlich warteten sie nur, bis er eingeschlafen war; dann schleppten sie ihn zurück in den erleuchteten Raum und richteten den Schein der Lampe auf sein Gesicht, oder sie zwangen ihn, ständig umherzulaufen, damit er nicht einschlafen konnte. Der Inquisitor kam in unregelmäßigen Abständen. Wenn Alexander fragte, warum er festgehalten werde, bekam er eine unklare und deshalb um so erschreckendere Antwort: »Ich glaube, Sie wissen es!« Oder: »Vielleicht wollen Sie es mir sagen, Alexander Prokofievitsch.«
Er wurde nicht gefoltert. Aber keine Folter, das wurde ihm nun klar, kann schlimmer sein, als wenn man ständig am Schlafen gehindert wird. Er verstand inzwischen auch, warum dieser Vernehmungsbeamte so gefürchtet war. Er quälte vor allem die Seele. Allmählich, mit jedem Tag, mit jeder Befragung verlor Alexander einen Teil seiner Urteilsfähigkeit. Es war ein unterschwelliger Prozeß. Als er etwa jegliche Verbindung zu Colovion leugnete, widersprach ihm der Beamte nicht. Doch gegen Ende der Befragung ließ er Alexander mit ein paar ruhigen, gelassenen Worten wissen, daß er über den Professor und die Rosenkreutzer informiert sei. Wahrscheinlich, so dachte Alexander, hat er den Professor ebenfalls verhört. Wie aber konnte er von ihrer Verbindung wissen? Ob der Professor gesprochen hatte? Vielleicht.
Es kam auch anderes zur Sprache. Der Vernehmungsbeamte wollte etwas über Alexanders Artikel hören, die er Jahre zuvor zu Themen wie etwa die Befreiung der Leibeigenen verfaßt hatte. Diese Artikel waren nicht unter Alexanders Namen veröffentlicht worden. Wie kam es nur, daß die Stimme der unsichtbaren Person es ohne weiteres hinnahm, wenn er etwas leugnete, und daraufhin mit unglaublicher Genauigkeit einige Zeilen wiederholte, die er vielleicht zehn Jahre zuvor geschrieben hatte? Nach einer Woche hatte Alexander das Gefühl, der Beamte wisse nun alles über ihn, was man nur wissen konnte. Nach zwei Wochen hatte sein verwirrtes Gehirn den Eindruck, der Mann wisse mehr über ihn als er selbst. Nach drei Wochen hielt Alexander den Beamten für allwissend, gottgleich. Was also hatte es für einen Sinn, irgend etwas vor dieser Stimme, dieser gütigen Stimme zu verheimlichen, die ihm doch nur helfen wollte, sein Herz zu öffnen, damit er endlich einmal wieder schlafen konnte? Am einundzwanzigsten Tag sprach er schließlich.
An einem feuchtkühlen Oktobermorgen verließ Alexander die Peter-und-Pauls-Festung. Er saß hinten in einem kleinen, offenen Karren und war an Händen und Füßen gefesselt. Vorn saßen der Fuhrknecht und ein Soldat mit einer Muskete. Zwei Reiter begleiteten die Fuhre.
Seltsamerweise fühlte Alexander sich im Frieden mit der Welt. Er saß ganz ruhig und betrachtete die vorbeiziehende Stadt. Seine Kleider waren zerfetzt, sein Kopf unbedeckt, doch das machte ihm wenig aus. Jenseits des Flusses hatte er einen raschen Blick auf den bronzenen Reiter in der Ferne. Da waren das Winterpalais und die Eremitage.
Es war merkwürdig: Er hatte alles verloren, und doch fühlte er sich besser als in all den Jahren davor. Er fühlte sich aller irdischen Sorgen enthoben. Vielleicht war es sein persönlicher Charakterzug, vielleicht gehörte es zum russischen Wesen – jedenfalls wurde ihm klar, daß er sich nur in extremen Lebenssituationen mit sich selbst eins fühlte. Gebt mir einen Palast oder eine Mönchszelle, dachte er, es ist mir egal. Auf alle Fälle hatte er noch Glück gehabt. Er war nur zu zehn Jahren verurteilt worden.
Er hatte es am vorhergehenden Tag erfahren. Nach dem Ende der Verhöre war er mehrere Wochen lang in einer Zelle mit Fenster gefangengehalten worden. Er durfte weder Besucher noch Nachrichten aus der Außenwelt empfangen. Er wußte immer noch nicht, welcher Verbrechen man ihn beschuldigte. Am Morgen teilte der Vernehmungsbeamte ihm das Urteil mit.
»Ihr Verfahren lief gut«, verkündete er wohlwollend. Wie üblich bei solchen Verfahren war die Urteilsfindung eine kurze, informelle Angelegenheit, bei der der Angeklagte nicht anwesend war. »Die Kaiserin wollte Sie zu fünfzehn Jahren verurteilen; das jedenfalls hat Ihr Freund, der Professor, bekommen. Aber Ihre Frau hat der Kaiserin einen Brief geschrieben, einen sehr schönen, das muß ich schon sagen – und so waren wir nachsichtig. Übrigens haben Sie noch mehr Glück gehabt, doch davon wird Ihnen Ihre Frau berichten.«
Tatjana hatte er einige Stunden später gesehen. Da erfuhr er, daß die Gräfin noch am Leben war. »Sie hat allen Leuten in St. Petersburg erzählt, daß du sie hast ermorden wollen«, sagte Tatjana. »Sie ging noch am selben Abend zur Polizei und sagte ihnen, man solle dich verhaften. Und dann«, sie hielt einen Augenblick inne, »gibt es anscheinend noch andere Anklagepunkte. Es heißt, du seist Freimaurer.«
Katharina die Große führte im Sommer 1792 einen plötzlichen Schlag gegen die Freimaurer. Wahrscheinlich war das eine Folge von Novikovs Verhör, bei dem er etwas über die Existenz des geheimen inneren Ordens der Rosenkreutzer aussagte. Wie aus historischen Zeugnissen hervorgeht, hatten die Behörden selbst hinterher nur eine sehr unvollkommene Vorstellung von der Organisation des Ordens. Da die Rosenkreutzer jegliche Korrespondenz verbrannten, war die volle Mitgliederzahl nie erfaßbar. Die Verbindung zum Großfürsten Paul war nicht zu beweisen, doch die Kaiserin war unnachgiebig. Der Orden war geheim, seine Mitglieder wahrscheinlich radikal. Sie mußten beseitigt werden. Männer mit bedeutenden Beziehungen wie der Fürst wurden unauffällig ins Exil auf ihre Besitzungen geschickt. Der Buchhändler, der Freimaurer-Traktate verbreitet hatte, sollte verhaftet und später mit strengster Verwarnung entlassen werden. Am Professor würde ein Exempel statuiert werden. »Ich wünsche außerdem«, erklärte die Kaiserin, »daß ebenso mit einer Person aus St. Petersburg und einer weiteren aus Moskau verfahren wird.«
Deshalb war es ein höchst glücklicher Umstand, daß der Inquisitor Scheschkovskij mit der überraschenden Nachricht zu ihr kam, genau den Mann, den sie dafür brauchten, entdeckt zu haben. Als die Kaiserin hörte, um wen es sich handelte, war sie höchst angetan. Wie aber konnten sie nur soviel über mich wissen, fragte Alexander sich.
»Madame de Ronville berichtete mir, wie das kam«, sagte Tatjana. »Sie besuchte mich nach deiner Verhaftung. Anscheinend hatte die Gräfin irgendeinen Brief von Professor Novikov, jenem Freimaurer. Sie wußte nicht, worum es sich handelte, und so zeigte sie ihn den Behörden. Daraufhin suchte ein Mann namens Scheschkovskij sie auf. Kennst du ihn?«
»Ja, ich kenne ihn.«
»Er blieb den ganzen Nachmittag bei ihr. Sie zeigte ihm eine Reihe von Artikeln, die du vor Jahren geschrieben hast. Er war sehr interessiert.«
Alexander konnte sich die Szene ausmalen: die alte Gräfin und der mit allen Wassern gewaschene Vernehmungsbeamte. Wie einfach mußte es für ihn gewesen sein, alle für ihn wichtigen Informationen von ihr zu erfahren! Kein Wunder, daß er alles über Alexander zu wissen schien.
»Ja, sie hatte ihre Rache«, meinte er traurig.
»Trotzdem gibt es eine ganz kleine gute Nachricht«, sagte Tatjana.
»Du wirst nicht in die Festung gesperrt wie der Professor. Du kommst ins Kloster von Russka.«
1796
Wie langsam, wie ruhig die Jahre vorübergingen! Alexander Bobrov horchte auf die Glocke, die die Mönche zum Gebet rief, und so wußte er immer, welche Stunde es war. Die Zelle war ziemlich geräumig, die Wände weiß verputzt, und es gab ein hohes, vergittertes Fenster.
Er durfte Bücher haben, aber kein Schreibgerät. Ein Mönch gab ihm ein Psalmenbuch. Tatjana, die sich die meiste Zeit in Russka aufhielt, durfte ihn einmal im Monat besuchen und brachte gewöhnlich die Kinder mit. Es war merkwürdig, dem eigenen Besitz so nahe zu sein – und doch so fern. Das Kloster war natürlich nur noch ein schwacher Abglanz seiner selbst. Als er es als Kind besuchte, gehörten noch die umliegenden Ländereien bis zu seinem Besitz, dem Dorf Sumpfloch, dazu. Seit jedoch Katharina alle kirchlichen Ländereien übernommen hatte, gehörten die darauf arbeitenden Bauern alle dem Staat. Das Kloster war nur noch eine verlorene Ansammlung von Ordensgebäuden inmitten staatseigener Felder.
Es war früher niemals ein Gefängnis gewesen, überlegte Alexander. Zwanzig Jahre zuvor aber war Katharina zu dem Schluß gekommen, daß sich das kleine Kloster in Russka gut für Gefangene eigne, die auf ihr Verfahren warteten. Seither wurde es auf diese Weise genutzt. Augenblicklich gab es allerdings nur zwei Gefangene, und sie waren in derselben Zelle eingesperrt: Alexander und sein merkwürdiger Genosse.
War es Zufall oder ein boshafter späterer Einfall der Kaiserin, daß man Alexander mit diesem Burschen zusammen in eine Zelle steckte? Wahrscheinlich letzteres. Der Mann war sehr groß und hager, ein bißchen älter als Alexander, hatte einen langen, wehenden Bart und tiefliegende schwarze Augen, die mit brennender Intensität aus ihren Höhlen blickten. Es wirkte merkwürdig – da keinerlei physische Ähnlichkeit vorlag –, als er am ersten Tag verkündete, er sei Katharinas Gemahl, der ehemalige Zar Peter III. Er war völlig harmlos. Alexander vermutete, daß es sich um einen Staatsbauern irgendwo aus dem Norden handelte. Der Bursche konnte weder lesen noch schreiben, saß meistens da und starrte die Wand an. Alexander nannte ihn bei sich den »Falschen Peter«. Sie kamen gut miteinander aus.
Wenn Tatjana ihn besuchte, wurde Alexander in eine andere Zelle gebracht, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. Er freute sich auf diese Begegnungen. Tatjana war immer ausgeglichen und liebevoll. Sie saß da mit den Kindern und erzählte ihm das Neueste von draußen. So erfuhr er von den furchtbaren Ereignissen in Frankreich, wie die Jakobiner den König und seine Frau Marie Antoinette hingerichtet hatten. Er erfuhr, daß Polen schließlich ganz von den benachbarten Mächten eingenommen worden und zum größten Teil eigentlich eine russische Provinz sei. »Es läßt sich nicht leugnen, daß Kaiserin Katharina außerordentlich erfolgreich war«, bemerkte Tatjana.
Jedesmal wenn sie kam, fragte Alexander mit munterem Lächeln und leichter Ironie: »Was gibt's Neues aus der großen Stadt?«
Diese Frage bezog sich nicht auf St. Petersburg, sondern auf Russka. Der Ort war eigentlich keine Stadt. Er hatte kaum mehr als tausend Einwohner, und als Zufahrtsstraße diente ein Schotterweg. Aber als Katharina die örtliche Verwaltung fünfzehn Jahre zuvor reformiert hatte, beschloß man, diesen kleinen, rückständigen Ort, zumindest auf dem Papier, zur Stadt zu erheben. Es gab im russischen Reich Dutzende, wenn nicht Hunderte solcher Städte. Alexander bewunderte Tatjana. Sein Vater hatte am Abhang oberhalb von Sumpfloch ein bescheidenes Holzhaus errichtet, es jedoch nie bewohnt. Tatjana hatte es vollständig in Ordnung gebracht. Sie beaufsichtigte die Ländereien. Den Kindern ging es gut. »Langweilst du dich denn nicht schrecklich?« fragte Alexander häufig.
»Überhaupt nicht«, war jedesmal ihre Antwort. »Ich finde, daß ich gut aufs Land passe.«
Wie gut sie aufs Land paßte, begriff Alexander erst allmählich. »Ich habe das Petersburger Haus verkauft«, berichtete sie am Anfang des ersten Jahres. Zwei Monate später hieß es dann: »Ich hoffe, du hast nichts dagegen, Aljoscha, daß ich den Verwalter entlassen habe.«
Ein Jahr darauf hieß es nach einer guten Ernte: »Ich baue zwei kleine Flügel an das Haus an. Sie werden dir sicher gefallen.« Und als er eines Tages erklärte, nach seiner Entlassung werde er versuchen, einen Teil ihrer Schulden zurückzuzahlen, küßte sie ihn lächelnd und flüsterte: »Wir haben keine mehr, mein Liebling.«
»Aber wieso? Wer hat uns das Geld gegeben?«
»Niemand, Aljoscha. Der Besitz wirft viel ab, weißt du. Und unsere Ausgaben hier auf dem Land sind gering«, fügte sie mit spitzbübischem Lächeln hinzu.
Nachdem sie gegangen war, seufzte er und murmelte: »Das Beste, was ich je für meine Familie getan habe, war tatsächlich, daß ich ins Gefängnis gegangen bin.« Diesem unbequemen Gedanken folgte sogleich ein zweiter: Was nütze ich meiner Familie überhaupt, wenn ich entlassen werde? Tatjana hat ja alles übernommen. Obwohl er seine Frau liebte und bewunderte, grübelte er oft darüber nach. Kurz vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1795 hörte Alexander einen Schlitten im Klosterhof vorfahren; er wurde von seiner Zelle in die Besucherzelle gebracht, und bald darauf wurde eine Person im Pelzmantel hereingeführt.
Es war Adelaide de Ronville. Sie hatte der Stadt Vladimir einen Besuch abgestattet. »Im Schlitten ist es nicht sehr weit nach Russka, weißt du?« erklärte sie mit leichtem Schulterzucken. Alexander lächelte. Es rührte ihn, daß sie diese Reise unternommen hatte.
»Wie bist du hereingekommen? Hast du die Mönche bestochen?« Sie nickte.
»Laß mich dich ansehen«, bat er und half ihr aus dem Mantel. Da stand sie. Sie war nun siebzig Jahre alt. Die Linien auf ihrem Gesicht bildeten ein verästeltes Netzwerk, doch als sie zu ihm aufsah, fand Alexander, daß sie nur betonten, was immer schon dagewesen war. Sie verzog spöttisch ihren Mund. »Ich werde alt. Heutzutage gibt es nicht mehr allzuviel Erfreuliches.«
»Das sehe ich anders.«
Sie unterhielten sich eine Weile. Er erkundigte sich nach der Gräfin und hörte, daß sie sehr gebrechlich, sonst aber unverändert sei. Ob sie ihm vergeben habe? »Natürlich nicht.« Er fragte Adelaide nach ihrem Leben. Hatte sie einen neuen Liebhaber? »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Das ist nicht wichtig.« Sie sprachen leise, wie immer, bis ein Mönch kam und Adelaide bedeutete, daß sie nun gehen müsse.
Stunden nach Adelaides Weggang zitterte Alexander noch immer. Er war selbst überrascht von seinen Emotionen. Nun verstand er ganz, daß er immer ein Gefangener dieser Verbindung bleiben würde, in der er der Leidenschaft so nahe gewesen war wie nie sonst in seinem Leben. Am letzten Tag des Jahres 1796, wenige Wochen nach dem Tod der Kaiserin Katharina der Großen von Rußland, wurde Alexander Bobrov nach nur vier Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hatte der neue Zar Paul eine Amnestie für fast alle Feinde seiner verhaßten Mutter erlassen. Alexander kehrte auf seinen nahe gelegenen Besitz zurück. Drei Monate später starb die Gräfin Turova. »Damit ging wahrhaftig eine Ära zu Ende«, hieß es allgemein. Sie hinterließ den größten Teil ihres Vermögens einem entfernten Vetter Alexanders, und ein Viertel erhielt Adelaide de Ronville, die bald darauf heiratete.