Katherine MacLean
Ausgleich?

 

Das barfüßige Mädchen stand da und starrte zu dem Haus. Hinter ihr befand sich die Mauer, die das Grundstück umfaßte, drei Meter hoch und strahlend blau angestrichen; das Tor war ein ganzes Stück von dem Mädchen entfernt. Sie hätte nicht hereinkommen sollen. Sie war unbefugt auf fremden Grund eingedrungen. Am Tag zuvor hatte sie näher bei dem Tor gestanden, und vorgestern war sie zum ersten Male durch die Toreinfahrt getreten. Jetzt stand sie mitten in dem fremden Grundstück und starrte trotzig zu dem Haus. Direkt hinter ihr befanden sich Palmbüsche, aber sie versteckte sich nicht.

Vom Haus aus sah sie wie eine kleine, leicht schwankende Gestalt aus.

Der alte Mann mit den schwachen Augen, der sie durch das Teleobjektiv der Waffe betrachtete, murmelte wütend ein paar Worte und zog das Gewehr ein. Er schlurfte durch das Haus, um nach einem Fenster zu suchen, von dem aus er das Mädchen deutlich genug sah, um einen sicheren Schuß abgeben zu können.

In dem großen Haus befand sich noch jemand. Unbemerkt von dem alten Mann trat ein hochgewachsener Junge auf die Stufen vor dem Haus und winkte dem Mädchen zu, deutete ihr an, näher zu kommen.

Sie sah nur den Jungen, nicht den alten Mann. Zögernd trat sie noch ein wenig näher auf das Haus zu. Dann blieb sie stehen und wühlte die Zehen in die weiche Erde des kurzgeschorenen grünen Rasens. Außerhalb der Mauer gab es kein Gras, nur Sand und Büsche, Meer und Dschungel und mit Palmzweigen abgedichtete Ziegelhäuser an beiden Seiten der Straße, die sich in die Berge schlängelte. Das Haus vor ihr unterschied sich von allen anderen, die sie kannte. Sein Eigentümer trug einen richtigen Anzug und sprach nur Englisch; nur einmal im Monat kam er hinter seiner Mauer hervor, um Lebensmittel zu kaufen und Arbeiter für seine Felder anzuheuern. Man hielt ihn für wahnsinnig, und als in einem Jahr einmal drei Menschen verschwanden, gingen furchterweckende Gerüchte um, was er ihnen angetan hatte. Aber auf dieser Seite der Berge besaß er das einzige Gewehr, und deshalb waren die Dorfbewohner zu ihm höflich und zuvorkommend und zuckten nur die Achseln. Selbst wenn die Gerüchte stimmten, brauchte man sich nicht aufzuregen. Der alte Mann würde sowieso bald an Altersschwäche sterben.

An all dies erinnerte sich das Mädchen. Die Gerüchte beruhten wahrscheinlich auf Lügen. Wenn man an einem langweiligen Abend während der Regenzeit zusammensaß, wurden viele Lügen gesponnen, nur um die Zuhörer zu ängstigen oder zu amüsieren. Sie glaubte nicht an sie, aber jetzt war ihr doch ein wenig unheimlich zumute. Unruhig blickte sie um sich, als könnte jeden Augenblick ein wildes Tier auftauchen.

Wieder deutete ihr der Junge an, näherzukommen, aber sie schüttelte den Kopf und wartete. Endlich wurde er ungeduldig und kam über den Rasen auf sie zu. Er war ein großer, schlaksiger Junge, zu groß für seine fünfzehn Jahre; er trug ein langärmeliges weißes Hemd, Hosen und Schuhe, hatte helle Haut und braunes, glattgekämmtes Haar – alles in allem eine seltsame Erscheinung, wie die der Nordamerikaner, bevor der Strahlentod kam. »Was tust du hier?« fragte er, als er näher gekommen war. »Mein Vater ist sehr böse, weil du schon gestern hier warst.« Der Junge warf einen kurzen Blick zu dem Haus, er schien nervös. »Ich glaube, er schläft. Er kann uns von den Fenstern aus nicht sehen, wenn wir uns auf dem Vorbau unterhalten.«

»Nein«, sagte sie mit fester Stimme. »Weiter gehe ich nicht.« Sie sprach Englisch, worüber er sehr erstaunt war. Über die Steinmauer, die seine Welt umschloß, beugten sich Palmen, und das Donnern der Brandung war stets sehr nah – dies alles glich nicht den Bildern der Länder, in denen man Englisch sprach. Besorgt blickten sie zum Haus. In der dicken Steinwand der Vorderseite waren Fenster eingelassen, ohne Glas und halb bedeckt von Schatten; die Dunkelheit des Hausinnern wirkte wie die schwarze Pupille eines Auges. Der Junge betrachtete jetzt wieder das Mädchen. Sie war auch erst vierzehn oder fünfzehn, sehr klein, braun und hübsch; sie trug ein blaugrünes Kleid, das die eine Brust freiließ. Ihre Haut war braun, weich und sauber, ihr Haar schwarz, ihre Augen blau.

»Was willst du hier?« fragte er.

Sie blickte ihm in die Augen und musterte dann mit offensichtlicher Verwunderung sein Hemd. »Warum bleibst du immer hinter der Mauer? Wir feiern heute abend ein Fest im Dschungel. Wir nehmen Brot und Käse mit. Wir vergnügen uns.« Ihre Stimme klang etwas schrill. »Seit vielen Jahren schon sehe ich dich in den Fenstern deines Hauses und hinter der Mauer. Mein Name ist Narine. Du bist jetzt erwachsen. Du kannst herauskommen.«

»Mein Vater wünscht nicht, daß ich mit den Dorfbewohnern verkehre«, erklärte der Junge.

Der alte Mann im Haus versuchte, das Mädchen gut ins Visier zu bekommen. Sie stand jetzt näher und gab ein größeres Ziel ab, aber ihr blaugrünes Kleid stimmte zu gut mit dem Blau und Grün der Mauer und der Büsche hinter ihr überein. Seine Augen begannen zu tränen, und seine Hand zitterte; und in der Schußlinie stand das weiße Hemd seines Sohnes, der aus irgendeinem Grund mit dem Eindringling sprach.

Er fluchte über sein Alter und die Strahlung, und dann erinnerte er sich daran, daß der Keller auch Fenster besaß. Von den Kellerfenstern aus, die zu ebener Erde lagen, würden sich die beiden scharf gegen den hellen Himmel abheben und selbst für einen alten Mann, der schon halb blind war, deutlich zu sehen sein. Er eilte die Treppe hinunter.

»Du bist jetzt erwachsen«, sagte das Mädchen. »Er wird bald sterben: Alte Leute sterben immer. Gott wird dich beschützen. Komm doch zu dem Picknick, wir werden Spaß haben.«

Der Junge blickte auf Narine hinab. »Ich kann meine Zeit nicht mit Spielen oder Picknicks vergeuden. Ich werde erzogen und ausgebildet.«

Sie machte runde Augen und wartete darauf, zu verstehen, was er meinte.

Die schlanken Schultern des Jungen strafften sich, als er es ihr erklärte: »Mein Vater bildet mich aus, um mich gegen die Flut der fortschreitenden Verwilderung zu wappnen. Er lehrt mich, zivilisiert zu sein und dem Fortschritt zu dienen.« Dies waren ganz offensichtlich nicht seine eigenen Worte; aber stolz und hochaufgerichtet stand er da und berührte mit der Hand sein weißes Hemd, als wäre es ein Abzeichen.

Sie nickte bewundernd, war aber noch immer erstaunt. »Wie tut er das, Mann?«

Noch nie hatte ihn jemand ›Mann‹ genannt, es schien ein Kompliment zu sein. Er hob das Kinn und blickte respektheischend um sich. »Mein Vater lehrt mich Dinge wie Mathematik, fortgeschrittene Mathematik. Er ist ein guter Lehrer. Sein Vater war ein Doktor der Philosophie und ein Lehrer in den Staaten. Er sagt, daß die Zivilisation nirgends mehr gepflegt wird.« Er blickte zu den Palmen, die sich über die blaugestrichene Wand beugten und lauschte dem entfernten Donnern der Brandung, und er dachte daran, daß er nie zu irgend jemandem außerhalb der Mauer gesprochen hatte, außer zu dem Vorarbeiter der Leute, die seines Vaters Felder bewirtschafteten. Obgleich Narine ein seltsames Englisch sprach, schien sie gebildet zu sein. Er blickte sie an, ihre weiche, braune Haut, ihre blauen Augen und das Kleid, das nur die eine Brust bedeckte, und er wurde ganz verwirrt. »Habt ihr – ich meine, ist die Zivilisation …«

»Zivilisation?« Das hübsche braune Mädchen schien nicht zu begreifen, was er meinte. »Ich verstehe nicht … ich meine, wir zwingen niemanden, zu lernen! Eine Antwort ohne Frage bedeutet nichts. Gott will, daß wir nur so viel lernen, wie wir zu wissen verdienen. Fünf Meilen entfernt, in Yelopo, lebt ein Mann, der Zahlen liebt. Er spielt mit Zahlentheorien und rechnet andauernd. Wenn irgend jemand hier in Puerto ein Problem gelöst haben will, dann messen sie es mit einem Band und machen Zeichnungen, und dann bringen sie das Band und die Zeichnungen zu ihm. Er löst das Problem, und sie bezahlen ihn mit Hühnern und Schweinen.« Sie lächelte. »Siehst du, wir brauchen nur einen Mann für die Mathematik, und wir haben einen Mann. Der gute Gott des Ausgleichs kümmert sich für uns darum.«

Er war beleidigt. »Ein Mathematiker – das ist doch keine Zivilisation!« Er hob die Augen zu den Bergen hinter dem Dorf. Sie ragten in den Himmel, erhaben und hoch wie Ideale.

»Meine beiden Väter malen Bilder«, sagte sie mit ihrer hohen Stimme, während er ärgerlich den Blick von ihr abwandte. »Natürlich fischen sie auch und jagen Papaya. Die Bilder sind sehr seltsam, aber nicht so seltsam wie die Bilder meines Großvaters. Jeder sollte das tun, was sein Geist ihm rät. Wenn meine kleinen Brüder Mathematik studieren wollten, würde ich die leeren Häuser durchsuchen und Bücher für sie beschaffen.«

Die Berge, gegen die er starrte, waren bis weit nach oben vom Dschungel bewachsen, und in der Ferne bewegte sich eine winzige Gestalt, die einen Burro langsam den Gebirgspfad hinauf führte. Narine sprach, als wäre sie tolerant, als erlaubte sie ihm, zu studieren. Das klang alles falsch, und es waren nicht die richtigen Prinzipien; der Junge wurde noch ärgerlicher.

Schüchtern berührte sie seinen Hemdärmel mit einem Finger. »Wenn du gern studierst …«

»Nein!« fuhr er sie an, ohne sie anzublicken. Der Burro und der Bauer auf dem Gebirgspfad bewegten sich langsam aufwärts; sie sahen wie Ameisen aus. »Ich kann Mathematik überhaupt nicht leiden. Ich mag nicht studieren. Aber ich tue es trotzdem. Vater sagt, daß das Tun von Dingen, die man nicht mag, einen zur Selbstdisziplin erziehe.« Er sah sie geringschätzig an. »Vater hat recht. Ihr alle seid eine Horde degenerierter Wilder.«

Narine hob die kleine Faust, um ihn zu schlagen; statt dessen aber stampfte sie mit dem Fuß auf den Boden. »Ich bin nicht degeneriert. Mein Name ist Narine Robinson. Mein Vater gehört zu den Robinsons, einer guten Familie. Meine Mütter heißen Lopez, Rothberg und Sumpello. Wir sind die beste Familie – dreizehn Kinder, keine Monster, sondern gesund geboren, und sechs leben noch, normal, jetzt fast erwachsen. Zwei meiner Mütter leben noch, sie sind noch jung. Ich bin das älteste Kind. Ich werde sie zu Großeltern machen, und sie werden stolz darauf sein.«

Sie hielt inne, um Luft zu holen, und betrachtete mißtrauisch seine Kleidung, als fragte sie sich plötzlich, was sie wohl bedeckte. »Du, du einziger Sohn! Bist du ein Monster?«

»Nein«, schrie er. »Ich bin in Ordnung. Die Strahlung hat mir nicht das geringste angetan. Vater sagt, er war immer darauf bedacht, im Innern des Hauses zu bleiben. Und er läßt mich auch nicht hinaus. Ich kann nicht zu deinem Picknick kommen. Geh weg – sonst sieht er dich noch!«

Plötzlich war sie gar nicht mehr wütend. Sie lächelte ihn freundlich an. »Komm mit mir zu dem Picknick.« Sie streckte den Arm aus und ergriff seine Hand. »Sieh nur, wie dicht am Tor wir sind. Wir können hinausgehen. Wir können spielen. Wir können uns unterhalten – und der Menschheit helfen.« Der Junge verstand die letzte Bemerkung nicht, aber er spürte die Versuchung. Er sah zu dem Ausgangstor, fühlte ihre Hand in der seinen, und dann ließ er sie los und wurde blaß.

»Hast du Angst vor ihm?« fragte sie leise.

»Er würde mir nichts tun«, sagte der Junge mit Bestimmtheit. »Ich bin sein Sohn.«

Der alte Mann stieß ein Kellerfenster auf und entdeckte, daß es genau so war, wie er gedacht hatte – die beiden bildeten zwei perfekte, schwarze Umrisse gegen den Himmel. Er zielte auf die kleinere Silhouette.

»Die Leute im Dorf fürchten sich vor ihm«, sagte sie mit leiser Stimme. »Fängt er wirklich Menschen und zerstückelt sie in einem Kerker?«

»Ich weiß nicht.« Vom langen Stehen an der Sonne bekam seine blasse Haut einen ungewohnten, roten Schimmer. »Mein Vater erzählt mir nichts. Er unterrichtet mich nur.«

Sie zuckte die Achseln. »Sie hören Schreie.«

»Vielleicht. Oder vielleicht sind es auch seine eigenen Schreie. Manchmal wird er sehr wütend, wenn er in seinem Strahlungslabor arbeitet.«

»Strahlungslabor …«

Sie schlug ein Zeichen, um den Teufel abzuwehren und sank zu Boden; sie wurde nicht bewußtlos, aber ihre Knie sackten einfach unter ihr weg. Dies war das schlimmste aller teuflischen Dinge, etwas, das die gesamte menschliche Rasse in Schrecken versetzte, und jetzt befand sie sich nur wenige Meter von einem Haus entfernt, in dem es sich aufhielt.

Der alte Mann im Keller nahm den Finger vom Abzug und fluchte vor sich hin, als die kleinere Silhouette niedersank und so aus seiner Schußlinie verschwand.

»Nein, nein, du verstehst mich nicht«, sagte der Junge und beugte sich über sie. »Es ist ein Geheimnis. Ich hätte es dir nicht erzählen sollen. Ich wollte es nicht erwähnen. Aber er macht nicht etwa Strahlung, sondern er versucht, die Menschen gegen die Strahlung immun zu machen, um die Rasse zu retten.«

»Ach so«, sagte sie und blickte ihn nachsichtig an, dabei kicherte sie verlegen. »Aber, Mann, wir wissen doch schon, was wir tun müssen, um die Rasse zu retten. Wir müssen uns vermehren, uns fortpflanzen. Wir sind nicht genug Menschen. Es gibt zu viele leere Häuser. Die meisten Babys sind durch die Strahlung verletzt, sie leben nicht einmal lange genug, um geboren zu werden. Wir alle helfen dabei. Wir versuchen, eine Menge Babys zu erzeugen. Wir vermehren uns; Medizin brauchen wir nicht.« Wieder kicherte sie und stützte sich bequem auf dem Rasen auf; sie machte ein nachdenkliches Gesicht. »Es ist nicht leicht, Babys zu machen. Aber es macht Spaß, es zu versuchen. Es ist gut für die Rasse.«

Sie lächelte ihn an, während er errötete.

»Warum kommst du heute abend nicht mit zum Picknick? Wir sind fünf. Wir wollen sehr weit wandern. Für dich wird es etwas Neues sein, schätze ich?«

Vom Haus her ertönte ein Geräusch.

Der Junge machte einen Schritt nach vorn, so daß er zwischen ihr und dem Haus stand. »Steh auf«, flüsterte er und beugte sich über Narine. »Geh auf das Tor zu, ich werde direkt hinter dir gehen, zwischen dir und dem Haus, so daß er dich nicht sehen kann.«

»Ist er wach?« Ihre Augen wurden rund und groß wie die eines Kaninchens, und in ihnen stand die Furcht davor, in einem mysteriösen Kerker in Stücke zerrissen zu werden. Die Furcht wurde zu Panik, und sie wimmerte vor sich hin.

»Es ist ja alles in Ordnung«, sagte er. »Steh vorsichtig auf.«

Langsam erhob sich das Paar und begann, sich von dem Haus zu entfernen, sein Körper zwischen ihr und dem alten Mann mit seinem Gewehr.

»Hure!« zischte der alte Mann und rannte auf die beiden zu. Er war von hagerer Gestalt, in einen grauen Anzug gekleidet, der an ihm herunterhing, als wäre er Ursprünglich für jemand Jüngeren mit breiteren Schultern bestimmt gewesen. Es war einer jener schönen Anzüge, die kurz vor dem großen Unglück und der Strahlung, die über die Welt gekommen war, in den Staaten produziert worden waren.

Auf Zehenspitzen schlich er durch die halbgeöffnete Tür auf die Treppe und hinunter über den Rasen.

Das Paar bewegte sich hintereinander auf das Tor zu.

Sein Sohn sagte: »Diesmal werde ich nicht mit dir zum Picknick gehen können, Mädchen. Wann ist das nächste?«

»Halt!« bellte der alte Mann.

Sie drehten sich um, und er stand mit gespreizten Beinen da, das Gewehr auf beide gerichtet. Er war ein erstaunlich alter Mann, mit weißem Haar, hagerem, faltigem Gesicht und alten Augen, mit knochigen, verschrumpelten Händen, die das Gewehr fast ohne zu zittern hielten. Die Strahlungskrankheit erfaßte im Laufe der Jahre jeden; niemand konnte ihr entrinnen. Deshalb waren die Strahlungskrankheit und das Altern ein und dasselbe. Und deshalb hatten es die Dorfbewohner auch aufgegeben, der gleichen Sache zwei Namen zu geben. Er war vierzig, und er war alt, sehr alt. Sehr wenige Männer lebten länger als vierzig Jahre, aber dieser Mann kämpfte gegen das Fortschreiten des Alters mit unbeugsamer Bestimmtheit an.

Rasende Wut hielt ihn aufrecht und wachsam.

»Leo, wohin gehst du mit dem Mädchen?«

»Nur bis zum Tor, Vater.«

»Geh von ihr weg. Ich werde an ihr ein Exempel statuieren – als Warnung für alle Eindringlinge. Ich werde diese Degenerierten lehren, von hier fernzubleiben.«

»Sie tut niemandem etwas Böses, Vater.«

Der alte Mann stieß ein verächtliches Lachen aus. »Ich habe gehört, was sie gesagt hat. Sie ist eine Degenerierte, eine Wilde. Und sie will, daß auch du ein Wilder wirst. Sie ist gegen Moral und Disziplin. Sie will sich amüsieren, jetzt, da die Situation so verzweifelt ist, jetzt, da die Zukunft auf dem Spiel steht. Unsere Lage ist ernst. Mein Vater wußte, wie er mit Typen wie ihr fertigwerden mußte. Mein Vater hat solche Leute einfach erschossen, und ich werde es genauso tun.«

»Aber, Mann«, sagte sein Sohn, sich an das schmeichelnde Wort erinnernd, das das Mädchen benutzt hatte. »Sie ist ein nettes Mädchen. Sei nicht kindisch, Mann.« Verzweifelt hoffte er, daß das Wort seinen Vater daran erinnern würde, daß ein Mann die Pflicht hatte, gemäßigt zu sein und gerecht zu urteilen.

Das Gesicht seines Vaters nahm eine leicht violette Farbe an, und der Gewehrlauf begann, hin und herzuschwanken.

»Was hast du gesagt, Leo?« fragte er mit seltsam dünner Stimme.

Es schien seine Einstellung zu ändern. Es war wert, wiederholt zu werden.

»Ich sagte«, wiederholte sein Sohn fest, »sei nicht kindisch, Mann.«

Das Gesicht seines Vaters wurde jetzt fast blau, die Augen färbten sich rot. »Du bist ein Verräter!« kreischte er hysterisch. Mit einem unartikulierten Laut fiel er nach hinten, das Gewehr entlud sich, und die Kugel durchschoß ein Palmenblatt.

Plötzlich war es sehr still – nur das unermüdliche Donnern der Brandung und das Zwitschern tropischer Vögel drang zu den beiden jungen Menschen.

»Siehst du«, sagte das Mädchen nach einer Weile, »du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Gott nimmt sich aller Dinge an. Er schafft den Ausgleich.«