Ich wußte nicht, wie ich an diesen verrückten Ort gekommen war – mit einer Rakete, mit einem Raumschiff oder mit einer Zeitmaschine – oder vielleicht sogar zu Fuß, denn ich fühlte mich völlig zerschlagen. Ich erinnerte mich an nichts.
Als ich aufwachte, befand ich mich inmitten der Wüste; der graue Himmel schien wie die Decke eines riesigen Raumes auf mich niederzusinken. Die Wüste … und der große Treck. Und das genügte schon, um mich davon abzuhalten, in meiner Erinnerung zu suchen; statt dessen blickte ich an meinen Hosen hinunter, um mich zu vergewissern, daß ich ein Mensch war. Die seltsamen Geschöpfe schleppten sich, immer zu viert nebeneinander, in einer gewundenen Reihe dahin, die aus dem Nichts in das Nichts führte, vorbei an meinem Felsloch. Wo immer sie auch hinwollten, sie schienen von überall her und vielleicht sogar aus allen Zeiten zu kommen.
Es waren große und kleine. Ein paar gingen auf zwei Füßen, die meisten aber auf sechs oder acht, sie schlängelten sich, rollten, wälzten sich, flatterten und hüpften; ich wußte nicht, was ich von ihnen halten sollte. Manche hatten Schuppen, andere Federn, glänzende Panzer wie Käfer oder Streifen wie Zebras, und einige ganz wenige trugen durchsichtige Hüllen, in denen Luft oder andere Gase enthalten waren, Wasser oder andere Flüssigkeiten, obgleich einige dieser Anzüge für Dutzende von Tentakeln zugeschnitten waren, und andere wieder für gar keine Beine. Im übrigen aber war ihr Schlurfen – um nur ein Wort für all die verschiedenen Arten der Bewegung herauszugreifen – mehr wie ein Tanz als eine Vorwärtsbewegung. Sie unterschieden sich zu sehr voneinander, um eine Armee zu sein, und doch wirkten sie wiederum nicht wie Flüchtlinge, denn Flüchtende tanzen nicht und machen keine Musik, selbst dann nicht, wenn sie auf mehr als zwei oder vier Füßen vorwärtsschritten und Stimmen und Instrumente gebrauchten, die so seltsam waren, daß ich nicht sagen konnte, welches Geräusch woher kam. Diese eigenartige Unterschiedlichkeit erinnerte an ein wildes Stampfen und Rennen vor einem furchtbaren Unglück oder an eine Flucht zu einem sicheren Ort, aber ich verspürte in ihnen keinerlei Furcht – keinen ernsthaften Grund für ihr Tun. Sie wälzten sich irgendwie zufrieden voran. Und wenn sie eine Zirkusparade darstellten, wie man vielleicht ihrem Aussehen und ihren bunten Kleidern nach schließen könnte, wer hatte die Show dann aufgezogen, und wo waren die Wachen oder das Publikum, außer mir?
Eigentlich hätte ich mich vor einer solchen Horde von Monstern fürchten müssen, aber das war nicht der Fall, deshalb erhob ich mich auch und spähte hinter meinem Felsen hervor, um nach Fußabdrücken zu suchen, nach den Spuren einer Zeitmaschine oder nach irgendeinem Anzeichen, wie ich hierhergekommen sein könnte, und dann zuckte ich die Schultern und ging auf sie zu.
Sie hielten nicht an, und sie liefen auch nicht davon, sie griffen mich nicht an, sie stießen keine Schreie aus, sie kamen nicht auf mich zu, um mich gefangenzunehmen oder um mich zu eskortieren, sie wälzten sich ohne Unterbrechung in dem gleichen Rhythmus dahin, aber aus den Enden pendelnder Tentakel oder den Tiefen knochiger Höhlen starrten mich Tausende ruhiger Augen an, und als ich näherkam, verlangsamte ein staubiger, rollender Körper sein Tempo und machte mir Platz.
Das nächste, was mir bewußt wurde, war, daß ich mich geruhsam mit ihnen dahinwälzte, während ich mich darüber wunderte, wie sich die rollenden Körper im Gleichgewicht halten konnten, warum der Polyp seine Beine immer zu dritt bewegte und wieso so viele verschiedene Arten der Bewegung wie Instrumente in einem Orchester in Einklang gebracht werden konnten. Um mich herum erscholl das Murmeln von Sprachen, die ich nicht verstehen konnte. Farbflecken leuchteten auf und veränderten sich, als stellten sie eine Art der Verständigung dar.
Ich versuchte, mich ihnen gegenüber mit einem Kauderwelsch verständlich zu machen, an das ich mich von einem Dutzend Planeten her erinnerte, aber niemand antwortete mir direkt darauf. Fast versuchte ich, sie mit der Erdensprache anzureden, aber irgend etwas hielt mich davon ab.
Ein flauschiges, kugelartiges Ding mit einem Gassack, der Teil seines Körpers war, schwebte über mir und ließ sich leicht auf meiner Schulter nieder, es summte leise in mein Ohr, ließ ein paar verdächtig aussehende, schwarze Kugeln fallen und flatterte davon. Ein Wesen auf zwei Füßen von irgendwo her aus dem Treck wälzte sich an meine Seite und hielt mir ein undefinierbares Etwas entgegen. Das Wesen sah weiblich aus, es war zierlich gebaut und in violette Federn gehüllt, aber anstelle einer Nase und eines Mundes war sein Gesicht zu einem rosigen, kleinen Ring geformt, und anstelle von Brüsten hatte es einen Strauß zartrosa Blumenblätter. Ich versuchte es noch einmal mit meinem extraterrestrischen Kauderwelsch. Das Wesen wartete, bis ich schwieg, dann hob es die Substanz zu seinem rosigen Ring, der sich ein wenig öffnete, und dann bot es sie mir wieder an. Ich nahm sie und kostete sie, und sie schmeckte wie würziger, aber milder Käse. Ich nickte, lächelte, und dann vollzog das Wesen mit seinem Kopf einen Kreis und wandte sich ab, um wieder zu gehen. Fast hätte ich gesagt: »Danke, Kleines«, denn das schien mir in diesem Moment das Richtige, aber wieder hielt mich irgend etwas davon ab.
Der große Treck hatte mich also akzeptiert, dachte ich, aber während der Tag weiter fortschritt (wenn es hier überhaupt Tage gab), verlieh mir dieses Gefühl, aufgenommen zu sein, keine wirkliche Sicherheit. Es befriedigte mich nicht, daß ich zu essen bekommen hatte, anstatt selbst gegessen zu werden, und daß ich Teil einer Harmonie war und nicht eines Mißklangs. Ich schätze, ich erwartete zuviel. Oder vielleicht entdeckte ich auch einen geheimen Teil meines Ichs und fürchtete mich vor dieser Entdeckung. Und schließlich ist es auch nicht gerade beruhigend, sich mit intelligenten Tieren zusammen fortzuwälzen, zu denen man nicht sprechen kann, selbst wenn sie sich freundlich benehmen, tanzen und hin und wieder seltsame Melodien von sich geben. Es trug auch nicht gerade zu meiner Beruhigung bei, zu fühlen, daß ich irgendwo war, das mir heimisch vorkam und zu gleicher Zeit aber ein Gefühl der Einsamkeit vermittelte, als befände ich mich allein zwischen den Sternen. Die Wesen ringsum erschienen mir immer seltsamer. Ich gab es auf, die kleinen Dinge, die ihnen etwas Persönliches verliehen, zu sehen, sondern betrachtete nur ihr Äußeres. Ich verrenkte mir den Hals und versuchte, das kleine Wesen mit den rosigen Blütenblättern zu entdecken, aber es war nicht mehr da. Nach einer Weile konnte ich es nicht mehr ertragen. Ruinen, die wie abgeschlagene Wolkenkratzer aussahen, waren jetzt nähergerückt; wir wälzten uns dicht an ihnen vorbei, und obgleich der glatte Himmel jetzt noch dunkler geworden zu sein schien und noch niedriger über uns hing und obgleich in der Ferne Blitze zu erkennen waren und das Poltern und Rumoren von Donner, wandte ich mich nach rechts und schritt schnell von dem Treck fort.
Niemand hielt mich auf, und sehr bald hatte ich mich zwischen den Ruinen versteckt. Diese kleinen Ruinen wirkten irgendwie beruhigend auf mich, und ich hatte das Gefühl, daß meine Vorfahren sie gebaut hätten. Aber dann kam ich zu den größeren, und sie waren wirklich ehemalige Wolkenkratzer, deren Spitzen wie abgeschnitten aussahen, aber einige waren noch so groß, daß sie in den dunklen, glatten Himmel hineinragten, und einen Augenblick lang meinte ich, ich hörte ein entferntes Quietschen – wie das Rutschen von Kreide über eine riesige, schwarze Tafel, und es lief mir kalt den Rücken entlang. Und dann verging auch das, und ich fragte mich, was diese Wolkenkratzer abgeschnitten hätte und was mit den Menschen geschehen wäre, und danach entdeckte ich dunkle Dinge, die dicht bei mir zwischen den Ruinenwänden lungerten. Sie waren etwa so groß wie ich, gingen aber auf allen vieren. Sie folgten mir immer dichter und dichter, bewegten sich wie unbeholfene Wölfe. Ich sah, daß ihre Gesichter und ihre Körper mit Haaren bedeckt waren und daß ihre Kiefer mahlten. Ich beeilte mich, weiterzukommen, aber sobald ich das tat, begann ich auch die Geräusche, die sie verursachten, zu vernehmen. Das schlimmste daran war, daß, obgleich die Geräusche ein Mittelding zwischen Bellen und Grollen waren, ich sie verstehen konnte.
»Hallo, Joe.«
»Was weißt du, Joe?«
»Stimmt das, Joe?«
»Laß uns von hier verschwinden, Joe.«
»Komm, Joe, gehen wir, gehen wir, gehen wir!«
Und dann wurde mir plötzlich klar, was für einen großen Fehler ich gemacht hatte, hier zu diesen Ruinen zu kommen, und ich drehte mich um und begann den gleichen Weg zurückzulaufen, den ich gekommen war; und sie sprangen und hetzten mir nach, versuchten, mich niederzureißen, und das schlimmste war, daß ich wußte, daß sie mich gar nicht töten wollten, sondern daß sie mich nur hinunterdrücken wollten, damit ich mit ihnen bellte und grollte und auf allen vieren lief.
Die Ruinen wurden kleiner, aber es war jetzt schon sehr dunkel; zuerst hatte ich Angst, daß ich mich verlaufen würde, und dann fürchtete ich, daß das Ende des großen Trecks schon vorbei sein könnte; aber plötzlich hellte sich der Himmel auf, wie am Nachmittag vor dem Sonnenuntergang, und ich sah in der Ferne den großen Treck. Ich lief darauf zu, und die haarigen Wesen ließen von mir ab.
Natürlich traf ich nicht auf den gleichen Teil des großen Trecks, aber er war dem ersten sehr ähnlich. Da war ein anderer staubiger, rollender Körper, aber mit blauen Augen, und viel kleiner, so daß er sich schneller herumwälzen mußte, und ein anderer Körper mit vielen Beinen, in einen Wassersack gekleidet, und eine fein gebaute Kreatur mit rotem Federbusch auf dem Kopf und orangefarbenen Blütenblättern.
Der Treck verlangsamte sich, der Wechsel im Rhythmus pflanzte sich durch die Reihe fort bis zu mir. Ich blickte nach vorn, und in dem niedrigen Himmel befand sich ein großes, rundes Loch, durch das ich die Sterne sehen konnte. Und die Reihe des Trecks wand sich durch dieses Loch hindurch, und dann stieg jedes Wesen gegen die blinkenden Punkte der Lichter auf. Ich schlurfte zufrieden weiter vorwärts, wenn auch langsamer jetzt, und zu beiden Seiten des Trecks bemerkte ich auf einem Haufen am Wüstenboden Raumanzüge, die auch der seltsamsten Gestalt paßten, um sie alle sicher durch die Leere hindurchzutragen. Nach einer Weile war ich an der Reihe, und ich fand einen Anzug, stieg hinein, zog den Verschluß zu und bemerkte die Kontrollknöpfe in den Handschuhen. Dann blickte ich auf.
Aber dann bemerkte ich noch mehr als Kontrollknöpfe in meinen Fingern, und als ich einen Blick auf jede Seite warf, stellte ich fest, daß ich an der einen Seite einen Polypen bei der Hand gefaßt hatte, der einen achtbeinigen Raumanzug über seiner Wasserhülle trug, und an der anderen Hand führte ich eine kükenartige Kreatur, die einen pechschwarzen Federbusch trug und perlgraue Blütenblätter auf der Brust hatte.
Sie führte mit dem Kopf einen Kreis aus; ich tat das gleiche, und der Polyp machte mit einem freien Tentakel einen kleineren Kreis, und plötzlich wußte ich, weshalb ich die Erdensprache nicht benutzt hatte, und daß die haarigen Vierfüßler in den Ruinen einmal Menschen gewesen waren und daß ich sie haßte, aber daß diese Wesen an meiner Seite hier zu mir gehörten, meine Art des homo stellaris waren, und daß wir von den Sternen gekommen waren, um einen letzten Blick auf die Erde, die Welt unserer Vorfahren, zu werfen, die sich zerstört hatte, und auf die Menschen, die auf der Erde zurückgeblieben waren und nicht wie ich weggehen würden – daß ich zurückgekommen war und meine Erinnerung verloren hatte, um den Schock nicht mehr zu verspüren, auf dem erniedrigten Planeten meiner Vorfahren zu sein.
Dann ergriffen wir einander fester bei den Händen und drückten die Knöpfe in unseren Handschuhen. Die Düsen zischten nach hinten weg, und wir stiegen zusammen auf – fort von dieser Welt, durch das weiche Rund des Loches, auf die Sterne zu.
Ich bemerkte, daß der Raum nicht leer war und daß all die Lichtpunkte in der Schwärze ganz und gar nicht einsam waren.