7

 

»Mein Stiefsohn darf uns unter gar keinen Umständen auf die Spur kommen«, sagte Frau Ziesche zu Holt. Da er nun manchmal erst im Morgengrauen in die Batteriestellung zurückkehrte, erfand er eine »Freundin«, Hausangestellte in Gelsenkirchen. »Daß nur Ziesche nichts erfährt«, warnte sie immer wieder, »es gäbe eine Katastrophe! … Er haßt mich, sieh dich vor!«

Eine Zeitlang versuchte Holt, Ziesche ein wenig näherzukommen, und er fragte ihn einmal: »Was ist dein Vater?« Ziesche gab Auskunft: »Reichsbeauftragter für die Festigung deutschen Volkstums im Generalgouvernement.« Holt konnte sich darunter nicht viel vorstellen. »Was hat er denn da zu tun?« Ziesche erklärte es genau. »Du weißt ja, daß die Polen eine minderwertige Rasse sind. Aber es gibt Abstufungen, zum Beispiel blonde Slawen, deren germanischer Blutanteil von früher her sehr hoch ist. Mein Vater sucht solche Kinder aus, in den Konzentrationslagern und auch sonst. Sie werden zu deutschen Familien gebracht oder im Reich deutsch erzogen. Später sollen sie aufgenordet werden; durch Nachwuchssteuerung kann man rassisch höherstehende Typen schaffen.« – »Und die Eltern?« fragte Holt. Ziesche hob die Schultern.

Es blieb bei dem einen Annäherungsversuch. Eine Beobachtung, die Holt durch einen Zufall machte, führte bald zum Bruch, ja zur Feindschaft zwischen Ziesche und ihm. Ziesche hatte einen Freund in der Batterie, einen kleinen, blonden Jungen mit weichem Haar und verträumten Augen, er hieß Fink. Holt überraschte die beiden eines Abends im Bunker des Geschützstandes, ohne daß sie es merkten. Er erzählte niemandem davon.

Als er ein paar Tage später morgens gegen sechs übermüdet in die Baracke schlich, sah Ziesche ihn kopfschüttelnd an und brachte am Nachmittag die Sprache darauf. Wolzow, Vetter und Gomulka saßen dabei. »Du bist erst siebzehn«, sagte Ziesche, »und treibst es schon derartig mit Weibern!«

Holt schwieg betroffen. Wolzow grinste. »Das geht keinen was an«, sagte Holt. Ziesche entgegnete: »Ich wundere mich nur, daß ein Mensch sich im Sumpf so wohl fühlt.« Er lehnte mit dem Rücken gegen einen Spind und blickte auf Holt herab. »Ich jedenfalls halte es mit den Worten, die Flex seinem ›Wanderer‹ vorangestellt hat: ›Rein bleiben und reif werden, das ist höchste und schönste Lebenskunst‹!«

Holts Betroffenheit schlug in Wut um. »Du verlogenes Aas! Nennst du das rein bleiben, wenn du mit Fink …« Ziesche, während Vetter vor Lachen losbrüllte, stürzte sich auf Holt, aber er war zu schwerfällig, um mit ihm fertig zu werden. Von nun an waren sie Todfeinde.

 

Holt erzählte die Szene Frau Ziesche. Sie hörte aufmerksam zu. »Das war unklug«, meinte sie dann, »jetzt hast du ihn dir zum Feind gemacht.« – »Was heißt klug oder unklug? … Du bist so … berechnend! Er hat mich angepöbelt, ich hab’s ihm zurückgegeben, fertig!«

Sie saßen im Wohnzimmer. Sie legte ihre kindlich kleine Hand auf seine, seufzte und sagte: »Du bist im Sturm- und Drangalter … Und berechnend, das wirst du auch noch werden, wenn du das Leben erst besser kennst, oder …« – »Oder?« – »Oder du bringst es zu nichts.«

Während des üblichen Alarms am Abend blieben sie in der Wohnung, am Radio. Mochte die Flak schießen, was tat das schon? »Wenn sie keine Zielmarkierungen werfen«, hatte er ihr erklärt, »fallen höchstens zufällig mal ’n paar Bomben.« Der Luftschutzwart klingelte Sturm. Sie verhielten sich ruhig, die Wohnung war gut verdunkelt. Das Pflichtjahrmädchen arbeitete nur viermal wöchentlich.

Holt liebte die Alarmstunden. Dann war es still im Haus, der ferne Donner der Flakbatterien deckte alle Geräusche zu. Er kniete neben Frau Ziesche auf dem Boden vor dem Radio. Der Drahtfunk tickte geheimnisvoll, der schwache Lichtschein der Skala beleuchtete ihr Gesicht. Er legte den Arm um ihre Schulter und sah sie unablässig an, und je länger er sie anblickte, desto mehr verfiel er ihr. Sie lehnte sich gegen ihn, jede Berührung ließ ihren Atem schneller gehen. Nach dem Alarm lagen sie im Schlafzimmer auf dem breiten Bett.

»Man kann ruhig darüber sprechen«, pflegte sie zu sagen; das war der Titel eines gängigen Buches. Anfangs empörte er sich gegen ihre Sachlichkeit; aber als er sie einmal schamlos nannte, lachte sie ihn rundweg aus. »Ich nehm dir die Illusionen«, sagte sie. »Wozu sind Illusionen gut? Zu nichts! Du wirst mir eines Tages dankbar sein.« Dankbar? Das verstand er nicht. »Die meisten Menschen«, erklärte sie, »sind in Liebesdingen primitiv wie die Tiere.« – »Tierisch«, meinte er, »ist es, wenn das Herz nicht dabei ist, das Gefühl …« Das nannte sie »Schmus«. »Was soll das leere Gerede! Das Tier kann nicht genießen, das ist der einzige Unterschied. Auch der Mensch muß es erst lernen, die meisten lernen es nie, und besonders ihr Männer seid unbeschreiblich egoistisch, ihr …« – »Und Liebe?« fragte er hartnäckig. »Alles Gerede«, sagte sie. »Es gibt keine Liebe, es gibt nur einen Lustgewinnungstrieb.«

Manchmal erschrak er vor ihr. »Liebe, Anbetung, Verehrung«, sagte sie, »das ist alles ganz schön, aber es wird langweilig. Eine Frau will nicht angebetet und geliebt, sie will unterworfen sein und Lust gewinnen. Vielleicht weiß sie das anfangs nicht, aber wenn der Mann etwas taugt, dann lernt sie’s sehr bald. Merk dir das! Ein Mann darf die Frauen nicht umschmeicheln und viel bitten, er muß sie unterwerfen, eher mit Gewalt als mit vielem Gerede. Liebe? Jede Frau wird ihren Mann betrügen, wenn sie bloß geliebt und nicht auch befriedigt wird.«

»Wie soll man Achtung haben vor euch?« fragte Holt.

»Achtung …«, sagte sie gedehnt, »wozu? Lies mal Weininger, das Buch ist zwar verboten, aber lies es mal. Der hat die Frauen gekannt. Lies, was er schreibt. Dann vergeht dir die Achtung von selbst.«

Holt fühlte sich gleichermaßen abgestoßen und angezogen von ihren Worten, von ihrer zügellosen Sinnlichkeit. Manchmal überwog die Abneigung, wie auch in diesem Augenblick. Aber sie löschte die Entfremdung nach Belieben mit ihren Zärtlichkeiten aus. Wenn er ihr wieder verfallen war, dann brannte die Eifersucht in ihm.

Es war die frühe Morgenstunde, und er fragte böse: »Warum hast du deinen Mann geheiratet?«

Sie schaute ihm, den Kopf in die Hand gestützt, überrascht ins Gesicht. »Du haßt ihn, nicht wahr? Das ist seltsam. Du kennst ihn doch gar nicht.« Sie langte Zigaretten und Streichhölzer vom Nachtschränkchen. Er folgte der Bewegung ihres nackten Armes. Sie steckte ihm eine angerauchte Zigarette zwischen die Lippen.

»Er ist tatsächlich der hassenswürdigste Mensch, den ich mir vorstellen kann«, sagte sie.

Er mußte sie falsch verstanden haben. »Du meinst, er ist eine so starke Persönlichkeit, daß man ihn entweder verehren oder hassen …« – »Unsinn! Er ist ganz einfach ein Schwein! Ein übler, brutaler Kerl, der das Zeug zu einem Gewaltverbrecher hat. Wenn ihn die Nazis nicht zu einem hohen Tier gemacht hätten, wer weiß, was dann aus ihm geworden wäre.«

Ein Schwein, ein brutaler Kerl, die Nazis. Dieses Wort hatte er überhaupt erst ein- oder zweimal gehört, es sollte vor dreiunddreißig ein Schimpfwort gewesen sein. Wo bin ich hier hineingeraten? dachte er. Aber er tat ganz ungerührt, sog an der Zigarette und meinte dann: »Da versteh ich nur nicht, daß du ihn geheiratet hast!«

»Jeder setzt einmal im Leben alles auf eine Karte«, entgegnete sie. »Und man kann nur hoffen, daß es die richtige Karte war.« – »Und du hast alles auf einen Mann gesetzt, den du verabscheust?«

»Ich hab natürlich nicht wissen können, daß er mal eine so unbeschreiblich dreckige Arbeit macht«, sagte sie. »Außerdem sah damals überhaupt noch manches ganz anders aus. Ich sagte mir: er hat allerhand zu bieten, und da griff ich eben zu.«

»Wo du so … schön bist, da hattest du das doch gar nicht nötig«, meinte er.

Sie lächelte. »Als Tänzerin war ich immer nur besserer Provinzdurchschnitt. Da denkt man an später.«

Sie hat sich verkauft, dachte er, an diesen Mann! »Was ist das für eine Arbeit?«

»Er sucht Kinder aus den KZs«, antwortete sie, »die will man dann später mit Ariern kreuzen, wie die Tiere! Er hat überall die Pfoten drin, wo die haarsträubendsten Dinge geschehen. Er entscheidet, ob ein Kind ins Reich kommt oder ins Gas.«

Eine grauenhafte Beklemmung überkam Holt. Fernes, ganz fernes Gemunkel verdichtete sich … »Rede nicht darüber«, hörte er sie sagen. »Im Generalgouvernement bringen sie die Polen und die Juden zu Hunderttausenden um, die SS macht das. Ziesche nennt es ›Schwächung einer minderwertigen Rasse‹. Die Juden sind schon so gut wie ausgerottet.«

Minderwertige Rasse. Nordischer Herrenmensch. Jude und Arier. So sieht das also aus, dachte er wie gelähmt. »Aber … das ist alles ganz anders … mit den Rassen!« sagte er. »Mein Vater ist Professor. Einmal hab ich gehört, wie er jemandem erklärt hat, die Rassentheorie ist Religion …« – »Der Vergleich ist gut«, meinte sie. »Die Römer haben die Christen umgebracht, die Inquisition hat die Ketzer verbrannt, und jetzt vergasen wir die Juden und die Polen. Davon hab ich natürlich nichts gewußt, als ich Ziesche heiratete. Er war hier in der Nähe Kreisleiter und hat dann Karriere gemacht. Das lockte mich. Ich will schließlich auch zu denen gehören, die obenan sind.« Sie sprach nur noch leise. »Jetzt geht’s allerdings immer mehr bergab. Wer weiß, ob der Zauber nicht eines Tages zusammenkracht.«

 

Kurz vor dem Morgenappell näherte er sich der Baracke auf Schleichpfaden, wie es vereinbart war. Er hatte Gottesknecht um Nachturlaub anstatt des Kurzurlaubs gebeten, und Gottesknecht hatte erwidert: »So dumm werden Sie doch nicht sein, daß Sie freiwillig auf den schönen Weihnachtsurlaub verzichten!« Und gedämpft: »Nehmen Sie Ausgang wie bisher. Wenn Sie erst früh kommen wollen, dann geben Sie mir einen Wink.« So geschah es. Heute lief Holt dem Wachtmeister in die Arme. »Ich muß Ihnen das nun doch verbieten«, meinte er. – »Herr Wachtmeister, ich bin frisch und munter!« – »So? Bis zum Kugelbaum sind fünfundachtzig Meter, alles genau vermessen. Da machen wir achtzigmal Häschen-hüpf. Und wenn Sie sich nicht verzählen, dürfen Sie den Rückweg zur Belohnung auf dem Bauch kriechen.«

Von Gottesknecht erfuhr Holt auch, daß sein Weihnachtsurlaub bewilligt war. Er hatte die Absicht, mit zu Wolzow zu fahren. Aber nun folgte er einer plötzlichen Eingebung und ließ sich Papiere für eine Reise zu seinem Vater ausstellen. Er hatte ihn etwa vier Jahre lang nicht gesehen. Seiner Mutter schrieb er nichts davon. Auch meldete er seinen Besuch nicht an.

Am 22. Dezember sollte er reisen. Wenige Tage vorher nahm Schmiedling Wolzow und Holt nachts am Geschütz beiseite. »I will Ihnen was sag i Ihnen, net wahr! Die was aus Hamburg sein, die und die andern aus Berta, verstehen S’, da wolln die Ihnen allezsamm nachts überfalln, in der Stuben!«

Am anderen Morgen, als Ziesche zum Schulunterricht in einer anderen Baracke weilte, hielten sie Kriegsrat. »Der Günsche hat wohl immer noch nicht genug!« schimpfte Wolzow. »Ich hab das Theater endgültig satt! Ich zieh eine schlagartige Aktion auf. Ich hau ihnen die Bude kurz und klein.« – »Wenn wir angreifen«, meinte Gomulka, »setzen wir uns ins Unrecht.« – »Quatsch!« sagte Wolzow und langte nach der Gesäßtasche. Er blätterte in seinem Taschenbuch. »Als die Schweden unter Gustav Adolf 1629 nach Deutschland zogen, da sprach Gustav Adolf vor dem schwedischen Reichstag die historischen Worte: ›Meine Meinung aber ist, daß ich zu unserer Sicherheit, Ehre und endlichem Frieden nichts dienlicher befinde als einen kühnen Angriff auf den Feind.‹«

Sie trafen Vorbereitungen. Wolzow und Holt schwänzten den Rest des Deutschunterrichts und schnitten Wolzows Aktentasche zu Lederriemen, die sie an stabile Knüttel nagelten. Wolzow rieb die Klopfpeitschen mit Lederfett ein, ehe er sie in seinem Spind versteckte.

Es schneite seit mehreren Tagen. Die schnellen Kampfverbände, die nun jede Nacht nach Berlin flogen, waren in den letzten Nächten schon über Holland abgedreht. Auch diesen Abend sah es nicht nach Alarm aus, denn am Nachmittag erhob sich ein Schneesturm.

Vetter und Rutscher machten mit. Rutscher waren im Revier die Mandeln herausgenommen worden, worauf er kaum noch stotterte. »Warum nicht gleich!« hatte Wolzow gesagt. Nach dem Stubendurchgang sprangen sie aus den Betten und zogen sich wieder an. Der kleine Kirsch, der in Berta wohnte und für Wolzow spionierte, meldete: »Sie sind schlafen gegangen!« – »Stahlhelme auf!« befahl Wolzow. Ziesche sah entgeistert zu. Wolzow erklärte: »Jetzt müssen deine Oberhelfer einen heiligen Eid schwören, daß sie uns in Ruhe lassen, sonst demolier ich ihnen die ganze Bude! Du bleibst im Bett!« befahl er schroff. »Kirsch, du bürgst mir dafür, daß der Ziesche nicht aus der Stube geht!«

Sie schlichen im Bogen um Baracke Cäsar herum und näherten sich dann Berta von Norden. Sie drangen durch den Korridor in die große Stube. Wolzow schaltete Licht ein. Rutscher und Vetter schoben sofort den Tisch vor die Tür, die sich nach außen öffnen ließ.

Die Hamburger saßen erschreckt in den Betten. »’n Abend«, sagte Wolzow. »Hab gehört, die Herren wollen uns überfallen, mit Übermacht?«

»Mach, daß du rauskommst!« rief jemand verschlafen.

»Maul halten!« brüllte Wolzow. »Ehrenwort, daß wir vor einem nächtlichen Überfall sicher sind? Wird’s bald?«

Günsche glotzte von unten verdattert auf Wolzow, der bedrohlich nahe stand, und sagte schwach: »Wir lassen uns nicht erpressen!«

»Also schön, dann nicht!« rief Wolzow mit wüster Stimme. »Die beste Verteidigung ist der Angriff, sagt Schlieffen! Los, Männer!« Und während Holt und die anderen mit den Peitschen auf die überraschten Hamburger einhieben, nahm Wolzow das zentnerschwere Aquarium – ein Schrei des Entsetzens wurde laut –, hob es hoch und schmiß es nach Günsches Bett. Günsche konnte gerade noch die Beine zur Seite reißen, dann knallte der große Glaskasten überschwappend gegen den Pfosten und zerschellte, daß das Bett wankte. Fünfzig Liter Wasser ergossen sich über Bettzeug und Boden, überall klirrten Glasscherben, und dazwischen sprangen und zappelten die Fische umher … Die Hamburger waren wie gelähmt. Holt hieb Wilde die Peitsche dreimal über den Rücken, ehe der auch nur eine abwehrende Handbewegung machte. Wolzow warf rücksichtslos die Spinde um, dann knallte er die Blumentöpfe an die Wand, die Tischlampe, Vasen und Aschenbecher folgten, ein Bild segelte wie ein Diskus durch die Luft und zersplitterte. Die anderen droschen erbittert mit den Klopfpeitschen um sich.

Endlich hatten sich ein paar der Hamburger von ihrem Schreck erholt und sprangen aus den Betten. Aber sie trugen Nachthemden, die Peitschenhiebe fielen hageldicht, und sie waren barfuß, und überall lagen Glasscherben umher.

Die Tür wurde aufgestoßen. Die Oberhelfer aus den anderen Stuben, gleichfalls im Nachthemd, wollten herein, der Tisch hinderte sie daran, und Vetter verteidigte mit Gomulka wie verabredet den Eingang. Unterdessen vollendete Wolzow sein Vernichtungswerk. Er zertrat den Holztisch, auf dem das Aquarium gestanden hatte – »Da habt ihr was zum Heizen!« –, zerfetzte den Adventskalender und warf das Radio nach seinem Feind Günsche, der verstört und von den ermattenden Fischen umzappelt in seinem Bett saß und gerade noch die Bettdecke zwischen sich und das Geschoß bringen konnte.

»Fertig!« rief Wolzow. »Wünsche angenehme Nachtruhe!« Die Stube sah aus wie nach einem Bombenvolltreffer. Sie brachen durch den Korridor, wo sich die Oberhelfer drängten, dann liefen sie nach Dora zurück.

Am anderen Morgen herrschte eine nervöse, gereizte Atmosphäre. Holt sah die Hamburger mit den anderen Oberhelfern uneins. Vielleicht lassen sie uns nun endlich in Ruhe, dachte er. Der Überfall war bestimmt nicht gemeldet worden, denn es galt als ungeschriebenes Gesetz, die Methoden der sogenannten Selbsterziehung nicht an Vorgesetzte weiterzutragen.

Aber der Hauptmann wußte doch davon. »Mal herhörn«, schrie er. »Fünf solche Banditen vom Geschütz Anton haben heut nacht in Berta gehaust wie die Vandalen … Mit ’m Aquarium schmeißen, wo gibt’s denn so was!« Und schon wieder unlustig, im Begriff sich abzuwenden: »Von den fünf wollen drei auf Urlaub gehn … Ich wer denen was husten!« Zwei Tage später durften sie sich doch in der Schreibstube ihre Papiere holen. »Zu ihrem Vater fahren Sie?« sagte Gottesknecht. »Dort bin ich auch zu Hause.«

 

Holt, Wolzow und Gomulka stoppten in Essen einen LKW, der sie nach Kassel mitnahm. Der Büssing kam im Schneesturm auf verschneiten Straßen nur langsam voran. Von Kassel brachte sie ein Zug nach Erfurt, wo sie abermals einen LKW fanden. Die Autobahn war eisfrei. Der Wagen schlich mit seinem Holzgasgenerator ermüdend langsam durch die Winterlandschaft. Der Fahrtwind pfiff durch das Verdeck. Wolzow saß vorn im Führerhaus. Gomulka, mit Holt unter der zugigen Plane, sagte: »Das Leben ist auch ohne Kanone mal ganz angenehm!«

Holt nickte, tief in Gedanken. Er fuhr zu einem Manne, den er kaum noch kannte. Vier Jahre sind eine lange Zeit! Fern über der Kindheit stand das Bild seines Vaters, seiner Mutter, und heute noch fror ihn, wenn er ans Elternhaus zurückdachte. Mutter: Du vergräbst dich in deinem Labor. Dazu brauchst du keine Frau wie mich … so oder ähnlich, immerfort Streit … Warum arbeitest du so viel, Vater? – Der Mensch hat eine Aufgabe! Ein Mensch ohne Aufgabe vegetiert wie ein Tier.

Vegetiert wie ein Tier, schießt Hirsche, schießt mit der Kanone, rauft sich mit Oberhelfern … Was ist meine Aufgabe? dachte Holt. Es ist Krieg. Wir kämpfen für Deutschland. Von Kindheit an stand es in allen Lesebüchern: Fürs Vaterland sterben, Langemarck, Schlageter, und so weiter.

Der Lastwagen hielt. »Hier wollte doch einer absteigen!« Holt verabschiedete sich. Er wanderte lange über eine Chaussee. Ringsum lag Schnee, der Himmel hing grau und diesig herab.

Die Stadt war fremd, eine unzerstörte Großstadt, ungewohnt, beengend, verwirrend. Die Adresse führte Holt in ein Gäßchen. Zu beiden Seiten ragten hohe Häuserzeilen auf. Wird wunderbar brennen! dachte Holt. Ein schmutziges Haus, drei Treppen, eine Wohnungstür … Holt dachte an die Villa in Leverkusen, an Mutters Haus in Bamberg, modern, hell, von Bäumen umstanden, die Südfront ganz aus Glas. Hier, in diesem schmutzigen Loch, stand »Holt« auf einem Pappschild, kein Doktorgrad, kein Professorentitel. Er klingelte. Die unfreundliche Wirtin gab ihm die Adresse eines städtischen Amtes.

Dort sagte der Pförtner: »Holt? Ist noch oben. Der murkst immer so lange rum. Gehn Sie mal hoch.« Korridore, Laboratorien, ein kleiner Raum, nur schwach erleuchtet. Ein Mann am Mikroskop.

Das also war Vater! Das Haar auf dem mächtigen Schädel war schlohweiß geworden. Der alte Holt richtete sich auf und rieb sich lange die Augen. Dann erkannte er seinen Sohn. »Werner! Tatsächlich Werner!« rief er überrascht.

Holt stand steif in der Tür. Er war enttäuscht, er wußte nicht, warum. Die Enge des bescheidenen Arbeitsraumes bedrückte ihn, das trübe Licht der Lampe auf dem Tisch, der abgetragene Anzug seines Vaters … Wieder fielen ihm die Redensarten seiner Mutter ein: Ein Sonderling … er hat nichts als seine Arbeit im Sinn … »Ich dachte, du freust dich«, sagte Holt, »wenn ich nach so langer Zeit … Aber laß dich nicht stören.« Professor Holt räumte seine Sachen zusammen. »Ich freue mich sehr. Du störst nicht, nein. Ich probiere hier nur nach der Arbeit ein paar Färbetechniken aus, früher war ja nie Zeit dazu.« Es stimmt, dachte Holt, noch tiefer enttäuscht, er hat nichts als seine Arbeit im Sinn … Bewegungslos, an die Tür gelehnt, sah er seinen Vater Flaschen, Reagenzgläser und Kolben im Schrank verschließen und das Mikroskop sorgfältig in den polierten Holzkasten schieben. »So, mein Junge, wir können gehen!«

Die Straßen waren finster. Ein paar Autos huschten mit verdunkelten Lichtern über den schneenassen Asphalt. Holt ging stumm neben dem Professor her, der ihn an Größe überragte. Ich soll erzählen? Ihn interessiert ja nichts. Er ist ein Menschenfeind, ganz weltfremd … Er erzählte widerwillig und flüchtig.

In dem kleinen, ärmlich möblierten Zimmer war der Tisch vors Fenster gerückt und mit Papieren bedeckt, mit Büchern und Tabellen. Auf dem Korridor schalt die Wirtin laut über unnützen Aufwand, unverhoffte Besuche und zusätzliche Arbeit vor den Weihnachtsfeiertagen. Und wieder war es die düstere Atmosphäre des Zimmers, dieser fremden und armseligen Welt, die Holt bedrückte und ihn mit einem fast feindseligen Interesse auf seinen Vater sehen ließ, der bedächtig eine kurze Pfeife stopfte: ein fremder und alter Mann, ein Mann von Charakter, der solches auf sich nimmt, in diesem Loch zu hausen, abgerissen, gescholten von einer schlampigen Wirtin, während Mutter in der Bamberger Villa residiert … ein Mann von Charakter oder ein starrsinniger Sonderling, weltfremd, menschenfeindlich? Was redet er da? … Nach vier Jahren den Weg gefunden, zu ihm, und wie es so gehe …?

»Von mir«, sagte er, »hab ich dir das wichtigste schon erzählt. Und du, Vater, wie ist es dir in den letzten Jahren ergangen?« Interessiert es mich wirklich? fragte er sich. Oder rede ich das nur so hin? Ist er nicht von allen Fremden der Fremdeste? Aber dann wurde doch etwas wie Neugier wach, nun endlich die Hintergründe dieses Schicksals zu erfahren.

»Du siehst«, sagte der Professor, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, »ich lebe, ich arbeite. Wozu früher keine Zeit war, das wird jetzt gründlich, in Ruhe getan.« – »Gut, gut«, sagte Holt schnell, »deine Arbeit … Ich versteh nichts davon. Aber sonst, ich meine …« Er sagte nun geradeheraus: »Du lebst hier ziemlich ärmlich. Wenn ich an früher denke … Ich hab eine Menge Fragen. Man ist schließlich älter geworden. Warum ist eigentlich …«

Er schwieg. Rühr nicht dran, sprach es in ihm.

»Warum«, fragte er, »ist eigentlich deine Ehe auseinandergegangen?«

Der Professor sah ein wenig überrascht auf. Er sog an der Pfeife. Die Tischlampe beleuchtete sein Gesicht und füllte die starken Falten, die von den Nasenflügeln über die Mundwinkel liefen, mit Schatten. »Deine Mutter«, begann er bedächtig, »erscheint mir bis heute, in ihrer Art, als eine liebenswerte Frau, zweifellos … Aber gerade deshalb paßte sie nicht zu mir.« – »Gut, gut«, sagte Holt wieder. »Aber der Anlaß! Als du weggingst, war doch ein Anlaß! Warum hast du damals deine Stellung in Leverkusen aufgegeben?« Und wieder dachte er: Frag nicht, rühr nicht dran!

»Die Arbeit paßte mir nicht«, entgegnete der Professor. Es klang, als weiche er einer genaueren Antwort aus.

»Ich bitte dich«, sagte Holt, »du bist aus Hamburg weggegangen, um in der Industrie großzügiger arbeiten zu können, war es nicht so? Und auf einmal paßte dir die Arbeit nicht mehr?«

»Nein. Auf einmal paßte sie mir nicht mehr«, erwiderte der Professor, den Blick nun nachdenklich und abwägend auf seinen Sohn gerichtet. »Aber hier«, rief Holt herausfordernd, »in so einem Loch, als kleiner Chemiker, da paßt sie dir?« – »Ja. Da paßt sie mir«, sagte der Professor.

Sein Gesicht tauchte in die Dämmerung des Zimmers. Der zur Seite gedrehte Kopf verdeckte die Lampe. Das weiße Haar, vom Licht durchschienen, leuchtete silbern auf. Wie gebannt sah Holt auf seinen Vater, der unbeweglich ins Dunkel blickte, den Kopf geneigt, in Nachdenken versunken.

»Ich habe«, sagte der Professor langsam, »in der zweiten Hälfte meines Lebens eine Menge Illusionen zu Grabe getragen. Du bist älter geworden … gut. Zu diesen Illusionen gehörte der Glaube, jenseits des Zeitgetriebes in Ruhe und zum Nutzen meiner Mitmenschen arbeiten zu können, dazu gehörte unter anderem meine Ehe, dazu gehörte ferner der Wunsch, einen … Sohn zu haben und ihn einmal nach meinem Bilde zu formen … Ein Mensch ohne Illusionen aber kann warten. Und zum Warten ist dieses Zimmer hier … ist meine derzeitige Arbeit gerade recht.«

Holt versuchte vergebens, den Blick von seinem Vater zu lösen; er versuchte, den Eindruck fortzuwischen, aber der Ernst dieser unverständlichen Rede spann ihn unvermittelt in Erinnerung ein, und eine sehr weit zurückliegende Zeit wurde lebendig, die früheste Kindheit. Damals, ehe die Entfremdung begann, ehe die aushöhlenden Redensarten der Mutter einsetzten, war der Vater Inbegriff aller Tugend gewesen, allwissend, allmächtig, gütig und weise, Freund und Lehrer. Damals. Langsam brach das Eis. »Vater«, sagte Holt, und nun war doch eine Spur unbewußter Wärme in seinen Worten, »du sagtest einmal zu mir … es ist sehr lange her: Der Mensch muß eine Aufgabe haben, sonst lebt er wie ein Tier … Du hattest doch deine Aufgabe in Leverkusen. Sag mir die Wahrheit: warum hast du sie hingeworfen?«

Der alte Holt rückte zur Seite und drehte den Stuhl ins Zimmer; das war wie eine Geste, und nun saßen Vater und Sohn dicht beisammen, im Licht der Lampe. »Eine Aufgabe«, wiederholte er. »Ja. So habe ich gesagt. Aber es gibt etwas, das darübersteht. Gewissen, Verantwortung, Treue zu sich selbst … Das mögen manchem … das mögen vor allem heute nur leere Begriffe sein. Aber es sind keine leeren Begriffe. Ich habe den Eid des Arztes nicht brechen können, und es wurde von mir verlangt. Ich habe nach den Auffassungen meiner Kollegen und Mitarbeiter … und auch deiner Mutter! … nicht nur leichtfertig meine Existenz zerstört, sondern angeblich auch ehrlos und verräterisch gehandelt. Aber ich werde dafür ein reines Gewissen haben, wenn das erst alles vorbei ist.«

»Wenn … was alles vorbei ist?« fragte Holt. Der Professor sah auf, mit einem Blick, der Holt gefrieren ließ.

»Das sogenannte ›dritte Reich‹«, erwiderte er.

Ein tausendmal eingehämmerter Gedanke spülte über Holt hinweg: Verrat … Zersetzung … Aber dieser Gedanke blieb nicht haften und verrann, und an seine Stelle trat wieder Angst. »Du meinst …« Er verstummte und hörte seinen Vater reden, nüchtern und sachlich, aber wie aus großer Entfernung: »Du trägst eine Uniform, du trägst an der Armbinde dieses … Hakenkreuz, du bist zu mir gekommen, du hast mich aufgefordert, die Wahrheit zu sagen. Unter diesem Zeichen, das du am Arm trägst, haben die Nationalsozialisten den größten Raub- und Eroberungskrieg der Weltgeschichte vorbereitet und entfesselt, und nun verlieren sie ihn, eindeutig und gründlich. Ich habe bei der IG Farben damals an bestimmten Entwicklungen mitarbeiten sollen, die im Endeffekt der Menschenvernichtung dienen, ich habe das abgelehnt. Ich habe es darüber hinaus als verbrecherisch bezeichnet, die Giftwirkung verschiedener chemischer Verbindungen, die zur Insektenbekämpfung geeignet waren, im Tierversuch an Großsäugern zu erproben, weil ich sah, wohin diese großangelegten Versuche führen sollten, und ich habe recht behalten: heute tötet die SS in den Konzentrationslagern mit einer von der IG hergestellten Kombination von Blausäure und Chlorkohlensäuremethylester Hunderttausende von Menschen …«

Holt machte eine Handbewegung, die nichts als Hilflosigkeit ausdrückte, Hilflosigkeit und Angst. Der Professor mochte verstanden haben. Er schwieg. Die Tischlampe brannte trüb und warf riesige Schatten an die getünchten Wände. Holt kämpfte sekundenlang mit der Angst, und er zwang sie hinab, aber damit erlosch auch der Funken Wärme in seiner Seele. Die Fremdheit kehrte zurück, die Entfremdung breitete sich wieder zwischen ihnen aus wie ein Hauch von Kälte. Er fror. Er sah seinen Vater im trüben Lampenschein, und es war nun auf einmal wieder ein fremder, alter Mann, ein Menschenfeind … Wirft mir seine Wahrheit hin wie einem Hund den Knochen, dachte er, stößt mich hin und läßt mich liegen …

Eins wurde ihm nun klar: er mußte schnell fort von hier … Der alte Mann, dachte er … Saugt an seiner Pfeife, sieht vor sich hin … Hier fror das Herz zu einem Klumpen Eis! Was will ich hier? dachte er, was trieb mich hierher, und warum mußte ich fragen?

Fort! Wohin? Zu Gertie, dachte er. Er atmete auf. Bei ihr … ist Wärme, Geborgenheit, Trost …

»Wenigstens haben wir uns mal wiedergesehen«, sagte er. Diese Worte brachte er unbefangen heraus. »Leider …«, es klang bedauernd, »muß ich morgen früh schon wieder fort. Bei der gespannten Luftlage …« Der Professor verstand. Nun war es an ihm, hilflos die Hand zu bewegen, und diese Hand fiel kraftlos auf die Tischplatte zurück. »Dann wollen wir schlafen gehen. Hoffentlich kommt kein Alarm.«

 

Der Morgen erwachte mit klirrendem Frost. Der Professor ging groß und aufrecht in sein Laboratorium. Holt sah ihm nach. Fremdheit, Enttäuschung und Angst … Das schlug nun um in Erbitterung. Geh nur, dachte er böse. Geh! Ich brauch dich nicht, ich will dich nicht, dich und deine … Wahrheit!

Dann lief er zum Bahnhof.

Ein Schnellzug für Fronturlauber trug ihn nach Westen. Die Abteile waren mit Soldaten aller Waffengattungen vollgestopft. Bartstoppelige Gesichter, vom Schlaf entspannt, vom Wachsein entstellt. Heute war Heiliger Abend.

Magdeburg. Halt! Nicht weiter nach Norden! Er erreichte Hannover, dann saß er fest, es war auch kein Wagen zu finden, der weiterfuhr. Planlos lief er durch die Straßen. Es dämmerte. Er setzte sich in den Bahnhofswartesaal. Es wurde Abend. Radiolärm, eine Ansprache, nicht hinhören. Und dann: Stille Nacht, heilige Nacht … Weihnachtsabend. Deutsche Dome läuten die Weihnacht ein. Holt vergrub den Kopf in den Armen.

 

Am anderen Morgen langte er in Gelsenkirchen an, fuhr mit der Straßenbahn nach Essen und telefonierte. Frau Ziesche war überrascht. Er fragte: »Darf ich kommen?« – »Nein«, sagte sie. »Günter Ziesche kommt nachher auf Tagurlaub.« Er flehte: »Ich hab … alle Brücken hinter mir abgebrochen, du darfst mich jetzt nicht allein lassen.« Er hörte sie sagen: »Warte!« Es dauerte lange. »Also fahr nach Borken, das liegt hinter Wesel, irgendwie wirst du schon hinkommen. Dann läufst du bis zur Chausseegabelung und nach rechts ins nächste Dorf, es sind nur ein paar Kilometer, das Gasthaus heißt ›Zur Quelle‹. Dort treffen wir uns. Soll Ziesche sich kümmern. Ich laß mich von einem Bekannten mit dem Wagen hinfahren.« Er war glücklich. »Bis nachher«, sagte sie. »Ich freu mich auch.«

Er gelangte erst nachmittags ans Ziel. Er fand einen freundlichen Dorfgasthof. Sie saß in einer Ecke, unauffällig und mädchenhaft. Er faßte ihre Hände. Langsam wendete sie die Hand, über die er den Kopf beugte, und verschloß mit der warmen Innenfläche seinen Mund.

Sie liefen durch das flache, tiefverschneite Land. Die Ebene dehnte sich weit in der Dämmerung, eine eigenartige Niederungslandschaft. Auf Wiesen, Erlen und Weidengehölz, Moor und Bruch fielen langsam die Schneeflocken. Die Grenze nach Holland konnte nicht fern sein. Es fror. Gegen Abend endete das Schneetreiben. In der Dämmerung summte es über ihren Köpfen. Sehr fern schoß Flak. Das war außerhalb ihres Lebens. Hier gab es keinen Alarm. Zwei volle, lange Tage lagen vor ihnen. Sie stapften durch knirschenden Schnee.

»Sieh dir die Winterlandschaft an«, sagte sie. »Ist es nicht schön hier?« Auch das war neu an ihr. Später erzählte er von seinem Vater. »Ein bißchen sehr pessimistisch«, sagte sie. »Aber im Prinzip hat er schon recht.« Sie redete von Ohnmacht und Schicksal, man sei nur eine Figur im großen Spiel. Das paßte zu seiner gedrückten Stimmung. »Vergiß das alles«, forderte sie. Auch Uta hatte gesagt: Vergiß das alles. »Ich kann das nicht vergessen!« – »Doch. Warte nur! Wenn du zur Batterie zurückgehst, hast du alles vergessen.«

In der leeren Gaststube brannten ein paar Kerzen am Weihnachtsbaum. Der Ofen spuckte wohlige Wärme. Der Gasthof war mit Bombengeschädigten belegt, aber für Frau Ziesche gab es jederzeit ein Zimmer. Vor Jahren habe man hier auf Betriebsausflügen gerastet, erzählte sie.

Sie saßen nach dem Essen am warmen Kachelofen, dicht beieinander. Im Radio ertönte wieder: »Stille Nacht, heilige Nacht …«, aber mit einem veränderten Text: »… Balder, das Urlicht, ist da …« Holt hörte nichts, er war nun, da draußen dunkel und drohend die Nacht stand, wieder hilflos der Erinnerung ausgeliefert, der Erinnerung an den weißhaarigen Mann und seine Worte … Sie gingen bald auf ihr Zimmer. Holt floh zu ihr, sie mochte ahnen, was in ihm vorging, und überließ sich ihm still und willenlos. Aber er lag noch lange wach und kämpfte gegen die Angst an, die nur langsam schwächer wurde. Es darf mich nicht umwerfen, sagte er sich. Ich hab es damals verwunden, bei Uta, ich hab auch Gerties … Gerede unterbekommen, es darf mich nicht umwerfen! Es häuft sich an, dachte er, es ist … wie eine Belastungsprobe, als wolle das Schicksal mich prüfen. Schicksal, dachte er.

Der Morgen war von weißem, eiskaltem Nebel verhüllt, aber der Nordost trieb die Schwaden auseinander. Am frostklaren Himmel strahlte die Wintersonne und warf hinter jeden Weidenbusch blaue Schatten. Stundenlang wanderten sie durch die verschneite Ebene. Er ging neben ihr her, aber er war ihr fern und hing seinen Gedanken nach. Schicksal, dachte er wieder, das ist jenes Große, Dunkle, Unbekannte, dem wir Menschen ausgeliefert sind … Sie erzählte aus ihrem Leben. Als Kind habe sie tanzen gelernt, als Sechzehnjährige sei sie mit einem Ballett durch Europa gereist, durch Frankreich, England, Rußland … Er horchte auf. »In Rußland warst du?« Das Land sei uferlos wie der Himmel, der sich darüber wölbte, hörte er sie sagen, man ertrinke in Weite, in Grenzenlosigkeit … »Lies Dostojewskij«, sagte sie. Sein Blick suchte den Horizont, wo sich das Schneegeflimmer übergangslos mit dem Blau des Himmels vermischte. Weite, Grenzenlosigkeit, dachte er, ist denn nicht auch unser Leben wie ein endloser, zielloser Weg, über dem die Vorsehung unser Schicksal wie ein Gewitter zusammenbraut? »Lies, was Rilke über die russische Seele schreibt«, hörte er. Jetzt erst riß das Gespinst seiner Gedanken auseinander.

Er blieb stehen. »Ich denke, es sind alles Untermenschen?« fragte er, und er wunderte sich nicht einmal über den neuen Widerspruch. Sie sagte: »Irgendeinen Vorwand muß man ja haben, um sie umzubringen.«

Seltsam: es traf ihn nun nicht mehr … Das Leben geht weiter, dachte er, als er in die Batterie zurückkehrte, es kümmert sich nicht um uns, um unsere Enttäuschungen, unsere Ängste, es steht hoch und unbeeinflußbar über uns und zwingt uns auf den vorgezeichneten Weg, und wir müssen ihn gehen.

 

8

 

Der Winter brachte abwechselnd Schnee und Kälte und immer wieder wärmere Tage. Im Januar aber begann eine Periode grimmigen Frostes. Das Quecksilber zeigte des Nachts zweiundzwanzig, auch sechsundzwanzig Grad unter Null. Ungeachtet des harten Winters flogen die britischen Bomberverbände Nacht für Nacht über die Grenzen.

Die Jungen hockten steif vor Frost am Geschütz. »Der fünfte Kriegswinter!« Gomulka erzählte: »Daheim gibt’s nichts zu heizen, und das Essen wird immer erbärmlicher.« Vetter sagte: »Die da oben, die müssen sich doch den Arsch abfrieren!« – »Keine Spur!« erklärte Wolzow. »Die haben’s schön warm. Die Viermotorigen sind hermetisch geschlossen, die Piloten in den elektrisch beheizten Kombinationen werden ordentlich schwitzen!«

»Hör auf!« rief Holt. »Schwitzen … So ein Quatsch!« Er zog die Wolldecke fester um seine Beine, aber die Kälte stieg im Körper hoch und ließ die Glieder wie im Schüttelfrost zittern. Vetter schwätzte: »In einer abgeschossenen Stirling haben sie Schokolade gefunden und prima Zigaretten! Und Bohnenkaffee kochen sie sich auch!« Ziesche schnitt ihm das Wort ab: »Hör auf! Das grenzt an Zersetzung!« Vetter rief entrüstet: »Ich und Zersetzung! Du bist ein Rindvieh!« – »Still! Luftlage!« Sie verstummten und bereiteten sich aufs Schießen vor.

In diesen Frostnächten kam Kutschera immer erst unmittelbar vor dem Gefecht auf die B 2 und verschwand wieder, so schnell er konnte. »Wenn was Besonderes los ist, rufen Sie mich«, sagte er zu Gottesknecht. Dann schnüffelte er noch eine Weile zwischen den Geräten herum, jagte ein paar Luftwaffenhelfer grundlos über den gefrorenen Acker, meinte endlich: »Ach, leckt mich alle …« und zog ab. In seine Baracke hatte er sich von der Befehlsstelle eine Feldtelefonleitung legen lassen.

Solange es ruhig blieb, ging Gottesknecht, eine ganz und gar unmilitärische Pelzmütze auf dem Kopf, von Geschütz zu Geschütz und verteilte Wybert-Pastillen. »Nehmen Sie, Holt, das ist gut gegen Husten und Heiserkeit, jedenfalls steht’s so auf der Schachtel!« Eines Nachts, während die Jungen langsam zu Eis gefroren, braute Wolzow im Mannschaftsbunker Grog. Schmiedling rief: »Dös gibt’s fei net! Ohne meine da müssen S’ mich erst amol um Bewülligung gibt’s dös fei net!« Den Brennspiritus hatte Wolzow vom Waffenmeister; wer ihm den Arrak besorgt hatte, verriet er nicht. Sie schlürften das starke Getränk aus Kochgeschirrdeckeln und luden auch Gottesknecht dazu ein. Er gab Wolzow Sehrgut. Dann stieg der Alkohol den Jungen derartig zu Kopf, daß die Richtkanoniere beim Schießen falsche Richtwerte einstellten; während die Bomber im Norden vorbeizogen, feuerte Anton nach Süden. Am Morgen zeigte es sich, daß man überdies sämtliche Nahfeuerpatronen verschossen hatte. Das ließ sich nicht verheimlichen. Gottesknecht änderte Wolzows Sehrgut in Nichtgenügend.

Am 11. Januar beging Holt seinen siebzehnten Geburtstag. Die Hamburger Verwandten schickten ein Zigarettenpäckchen, die Mutter eine Karte mit flüchtig hingeworfenen Zeilen: »Herzlichen Glückwunsch zum neuen Lebensjahr«. Holt schnob verächtlich durch die Nase. »Das ist typisch«, sagte er zu Gomulka. »Anderthalb Zeilen!« Er brannte sich eine Zigarette an, »Dehli« hieß die Sorte, und betrachtete nachdenklich die grüne Schachtel. »Tja, Sepp … Die sogenannten Blutsbande sind eigentlich recht dünn. Da gibt’s fremde Menschen, die einem viel näher stehen!«

Das Zigarettenpäckchen war schon am zehnten in Holts Hände gelangt. Pünktlich am elften brachte die Post ein winziges Päckchen von Uta. Das überraschte Holt. Er konnte sich nicht erinnern, ihr jemals sein Geburtsdatum genannt zu haben. Aus der Verpackung löste sich ein kleines, in Seide gebundenes Büchlein, Gedichte von Friedrich Hölderlin. Er überflog den beiliegenden Brief. Ihre Freundin Helga Wiese, so schrieb sie, habe diese Gabe »dürftig« genannt, denn ein Rollschinken, gut geräuchert, finde bei den Kriegern weit mehr Sympathie als ein Bändchen Gedichte. Aber sie kenne ihn als eine poetische Natur, die geistige Genüsse vorziehe. Holt lachte. Aber er verstummte beschämt, als er weiterlas. Einiges aus diesem Buche gehöre zu ihren Lieblingsgedichten. Auch sei das Bändchen nicht ganz ohne Egoismus ausgewählt. »Vielleicht denkst Du bei manchem Vers an mich.« Er blätterte wahllos in den Seiten. »Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll, seit ich liebe?«

Gomulka saß dabei und beobachtete Holt unverwandt. Dann stand er auf und ging aus der Stube. Eine Welle eisiger Kälte fuhr hinter ihm zur Tür herein. Holt fröstelte.

Aber am späten Nachmittag, als Frau Ziesche anrief, gratulierte und fragte, ob es dabei bliebe, sie gedenke es ihm riesig gemütlich zu machen, da lief er doch zur Schreibstube. Gottesknecht gab ihm die Erlaubnis, am Abend in die Stadt zu gehen. Doch kaum war die Dunkelheit hereingebrochen, klingelte die Alarmglocke, und Holt saß bis zum Morgen am Geschütz.

Wieder einmal suchten die Bomber Ausweichziele. Etwa hundert Viermotorige schütteten ihre Last über Bottrop aus, und dann fielen auch auf das nördliche Essen Bomben, vorwiegend Luftminen und Brandbomben, und das Rot des Feuers schlug zum frostblauen Nachthimmel empor. Wolzow kletterte auf die Erdumwallung des Geschützstandes und starrte in das brennende Häusermeer. »Verdammt, dort beklagt sich jetzt keiner mehr, daß ihm zu kalt ist!« Man lachte, ein grimmiges, kurzes Lallen. Einer der Flakwehrmänner hielt in der Arbeit inne. »Rotzjunge! Deine Leute sind ja nicht drin in den Flammen!« Wolzow sprang in den Geschützstand, aber Holt faßte ihn am Arm. »Gilbert, gib Ruhe!«

Drei Tage später hatte Frau Ziesche Geburtstag. Zu seinem Kummer fand Holt die Wohnung voller Schauspieler und Ballettmädchen. Er war verärgert. Frau Ziesche setzte sich für zehn Minuten zu ihm und redete beruhigend auf ihn ein. »Ich kann’s nicht ändern. Rausschmeißen geht nicht. Laß nur, ich finde schon eine Möglichkeit, daß wir wieder ein paar Tage für uns haben.« Er trank vor Ärger viel französischen Rotwein, von dem Frau Ziesche einen unerschöpflichen Vorrat zu besitzen schien, auch holte er sie absichtlich nicht zum Tanz und tobte mit den beschwipsten Choristinnen herum, lustlos und immer mehr mit sich uneins. Er fühlte sich fremd zwischen diesen Menschen, und auch Frau Ziesche war fern und fremd. Unvermittelt brach er auf. Er verabschiedete sich flüchtig. Sie flüsterte ihm ungehalten zu: »Warte doch! Bei Voralarm werf ich alle raus!«

– »Ich muß in die Stellung«, sagte er trotzig. Sie sah ihm mit hochgezogenen Brauen nach. Voller Genugtuung glaubte er, sie gekränkt zu haben.

Auf dem dunklen Korridor überraschte er einen schnurrbärtigen Mann, der sich mit einem Chormädchen herumdrückte. Holt zog sich den Mantel an. Der Schnurrbärtige sagte weinselig: »Schon gehen, Kamerad?« – »Ich bin nicht Ihr Kamerad«, sagte Holt verächtlich. Der andere, in Zivil, sang: »Heute rot … morgen tot … Unser ›Großdeutschland‹ … Sie haben ihn doch auch gekannt, der Panzergrenadier … gefallen!« Holt warf die Vorsaaltür hinter sich ins Schloß. Fast zwei Wochen lang hörte er nichts von Frau Ziesche, dann rief er doch wieder bei ihr an.

 

Die Frostperiode dauerte bis Ende Februar. Die Feuerung wurde knapp, und sie froren auch in den Baracken. Wolzow riß in der Laubenkolonie heimlich ein Dach ab und stopfte Bretter und Teerpappe in den Ofen. »Diese Banditen!« schrie der Hauptmann, bei dem man sich beschwerte. »Verheizen die Lauben, wo Ausgebombte drin wohnen! Natürlich der Wolzow! Ich sperr Sie beim nächsten Dachschaden ein!« Aber diese Drohung nahm keiner mehr ernst, denn zwischen Kutschera und Wolzow herrschte seit langem das beste Einvernehmen.

Ende Februar verwandelte beginnendes Tauwetter die Batteriestellung in einen grundlosen Morast. Dann folgten sonnige, frühlingshafte Tage. Nun saßen die Jungen Tag und Nacht am Geschütz. Die Briten flogen des Nachts ihre Flächenangriffe gegen die Großstädte, und am Tage zogen die amerikanischen Bomber zu Hunderten über den blauen Himmel. Von Jagdgeschwadern begleitet, flogen sie ihre Angriffe auf Städte, Industriewerke und Verkehrsknotenpunkte. Im Jahre dreiundvierzig hatten die Nachtangriffe überwogen. Das änderte sich nun.

Die Batterie hatte viermal am Tag Gefechtsschaltung, und immer wieder war das Ruhrgebiet selbst Angriffsziel. Der Munitionsverbrauch stieg, das Patronenschleppen verdrängte mehr und mehr den Schulunterricht. Am Tag zogen sich die Luftkämpfe von der holländischen Grenze bis weit nach Osten hin. Täglich stürzten Maschinen ab, Viermotorige, Mustangs, Focke-Wulf-, Messerschmittjäger. Aber die Bomber zogen unbeirrt ihre Bahn.

Holt lag auf seinem Bett, die Brust schmerzte, sie waren am Vormittag wieder geimpft worden, gegen Typhus oder Diphtherie, niemand wußte es genau. Wolzow las. Vetter spielte Skat, mit Kirsch und Zemtzki.

»Da sind wieder sieben Maschinen runtergekommen«, piepste Zemtzki, »mit der Zeit müssen die das doch merken!« Er hörte die Meldungen der Untergruppe. Manchmal stürzten im Abschnitt zehn, auch zwölf Maschinen an einem Tage ab. Gomulka sagte sachlich: »Unsere Abwehr vernichtet etwa fünf vom Hundert der eingeflogenen Feindmaschinen, das ist praktisch bedeutungslos.« Ziesche rief von seinem Bett her: »Der Gomulka mit seiner jüdischen Zahlenakrobatik will wieder mal Wehrkraftzersetzung treiben!« Vetter drohte: »Paß auf, wenn wir mal deine Wehrkraft zersetzen, mit ’m Knüppel!« Die Alarmglocke trieb sie aus der Stube. Am Geschütz, als er sich den Stahlhelm auf den Kopf stülpte, überlegte Holt: Wo hat Sepp diese Zahl her? Wolzow erzählte von den Fronten. »Ihr könnt euch nicht vorstellen, was im Osten los ist! Ich hab ein paar Kommentare gelesen, im Wehrmachtbericht steht ja nichts drin. Zwischen Süd- und Mittelabschnitt haben die Russen einen dreihundert Kilometer breiten Keil getrieben! Schitomir ist hin. Kirowgrad ist hin, Kriwoi Rog ist hin.« – »Aber der Führer«, rief Ziesche, wie immer über Wolzows Sachlichkeit erbittert, »hat am 9. November ausdrücklich gesagt: ›Was ist das schon, wenn wir, durch die Kriegsnotwendigkeit gezwungen, einmal einige hundert Kilometer aufgeben müssen …‹« – »Durch Kriegsnotwendigkeiten? Durch die Russen gezwungen«, sagte Wolzow, »immer noch durch die Russen! … Ach, halt’s Maul«, fuhr er Ziesche an, »einem Eierkopf wie dir muß das der Führer ’n bißchen sanfter beibringen. Die militärische Wahrheit ist nur für Männer wie mich.«

Er hatte sich Landkarten aller Kriegsschauplätze besorgt, stand nun fast täglich, über die Karte gebeugt, am Tisch und verfolgte den Frontverlauf. Ziesche beobachtete es mit dem ewig gleichen mißtrauischen Gesicht.

 

Die Oberhelfer vom Jahrgang sechsundzwanzig aus Hamburg und den umliegenden Ruhrstädten standen vor der Einberufung zum Arbeitsdienst. Schon Mitte Februar hatte sich Unteroffizier Engel mit drei Obergefreiten auf den Weg gemacht, um irgendwo im Osten Ersatz auszubilden, Schüler vom Jahrgang 1928.

Seit Wolzows »schlagartiger Aktion« war die Fehde zwischen Wolzow und den Hamburgern erloschen. Aber nun warnte der treue Schmiedling: »Eh die aus Hamburg, net wahr, dös is sicher, weil die bevor sie zum RAD gehn, da wolln s’ Ihnen noch a Abreibung verpassen!« Wolzow spottete nur.

Am 15. März sollten die Oberhelfer entlassen werden. Am 20. wurde der Ersatz erwartet. Am 12. März zog die Untergruppe die 107. Batterie für eine Woche aus dem Einsatz. Vier Geschütze mußten überholt werden, darunter auch Anton. Sie rissen den Geschützstand auf, und eine schwere Zugmaschine zog die Kanone über den Acker. Wolzow, Holt und Vetter fuhren mit in die Werkstatt. Vetter war in dem halben Jahr wesentlich schlanker geworden. An den Jungen zehrte die Schlaflosigkeit.

In der Waffenwerkstatt entdeckte Wolzow sogleich eine Kanone. »Kommt her! Die 8,8/41 … Mit Erdzieleinrichtung!« Er erklärte Holt und Vetter die Richtoptik. Ein Flaksoldat, zu dessen Batterie die Kanone gehörte, unterstützte ihn. Wer weiß, wozu ’s gut ist, dachte Holt …

Während der folgenden Tage, da die Batterie nicht feuerbereit war, wollten die Luftwaffenhelfer einmal ausgiebig schlafen. Aber Kutschera erinnerte sich plötzlich daran, daß die Disziplin nachgelassen habe, und verfügte Fußdienst. Am Abend heizten sie den Ofen, daß er glühte, und fielen nach dem Stubendurchgang todmüde in die Betten.

Da stürzte Zemtzki ins Zimmer: »Die Hamburger kommen! Noch andere! Dreißig Mann!« – »Dreck, verdammter«, rief Wolzow, »los, Männer, raus!« Er übernahm das Kommando und packte erst einmal Ziesche. »Wenn du nicht Neutralität schwörst, sperr ich dich in meinen Spind!« Widerstrebend gab Ziesche sein Ehrenwort, zog sich aber auch an.

Wolzow organisierte die Verteidigung. Sein Plan, die anrückenden Oberhelfer auf freiem Felde anzufallen, fand keine Unterstützung, obwohl er ihn, in seinem Taschenbuch blätternd, mit klassischen Beispielen untermauerte. Das Malheur mit dem Ofen war nicht mehr rückgängig zu machen. Holt hatte einen Eimer Kohle hineingestopft. Das Feuer raste. Das Rohr glühte bis unter die Decke. Zemtzki berichtete: »Sie haben beim Waffenmeister Tränengaspatronen geklaut!« – »Gasmasken«, befahl Wolzow, »Stahlhelme!« Gomulka hatte sich aus dem Weihnachtsurlaub sein Luftgewehr mitgebracht, knetete Kügelchen aus Kommißbrot und schoß eines probeweise gegen Wolzows Hand. »Ganz schön«, meinte Wolzow, »immer schön in die Fresse, Sepp, dann ist es richtig!« Er verwarf die Klopfpeitschen. »Heute müssen stabilere Sachen her!« Eilig demolierten sie den Lattenrost vor der Baracke. Ein Kasten »Fanta« wurde bereitgestellt; »Fanta« war eine Art Limonade, mit Coffein versetzt. Gomulka kippte den Tisch auf die hohe Kante und verschanzte sich dahinter mit dem Luftgewehr.

Wolzow und Holt warteten vor der Barackentür. Sie standen in der kühlen Nacht. Holt sagte: »Wie Hagen und Volker im Nibelungenlied.« – »Wirst mal sehen, wie ich die Brüder dresche!« sagte Wolzow.

Gegen elf zogen sie im Gänsemarsch den Lattenrost entlang. Holt gab Alarm, Wolzow wartete im dunklen Korridor. Als die Hamburger die Tür aufzogen, trat er dem ersten in den Leib, daß er im Fallen zwei andere mitriß. Da die Überraschung mißlungen war, wagte sich keiner als erster an Wolzow heran. Aber ein Bombardement mit Steinen und Lehmklumpen zwang ihn zum Rückzug in die Stube. Er rammte von innen ein Brett unter die Klinke. Der Korridor füllte sich mit Menschen. Vor den Fenstern hörte man Getuschel. Ziesche saß nervös auf seinem Bett.

Eine Weile blieb alles ruhig. Dann keilten die Hamburger mit einer Spitzhacke die obere Türecke auf, einen Spalt nur, aber doch weit genug, daß Gomulka rasch den Gewehrlauf hindurchstecken und abdrücken konnte. »Aaa!« machte es, und der Spalt klappte wieder zu. »Herrlich, Sepp!« Günsche brüllte draußen wütend: »Noch ein Schuß mit dem Luftgewehr, und wir dreschen euch reif fürs Revier!« – »Abwarten!« rief Wolzow. Holt dachte: Es sind zu viele, es muß schiefgehen!

Zemtzki drückte sich an Wolzow heran. »Gilbert … Sie haben dich feige genannt!« hetzte er. »Einen Feigling!« Er grinste listig.

Abermals keilten die Oberhelfer die Tür auf. Gomulkas Schuß ging diesmal fehl, und eine Tränengaspatrone zerklirrte im Zimmer, eine zweite … Sie zogen schon die Gasmasken über die Gesichter. Die Hamburger waren enttäuscht und berieten lange. Wolzow war nun endlich in Wut geraten, zertrat einen Schemel und nahm in jede Hand ein Stuhlbein.

Schritte polterten auf dem Barackendach. »Verflucht, der Ofen!« rief Gomulka. Die Hamburger kippten Wasser aus dem Löschfaß in den Kamin und legten ein Brett auf den Schornstein. Sogleich begann der überheizte Ofen zu qualmen. Die Stube füllte sich mit Rauch. Sie hielten es unter den Masken eine Weile aus, dann wurde der Sauerstoff knapp. Holt hörte es in den Ohren rauschen, irgendwer, im Rauch nur undeutlich zu erkennen, taumelte schon, Holt und Wolzow rissen die Fenster auf, rissen die Helme, die Gasmasken herunter und atmeten.

Nun wurden die Fenster gestürmt, aber sie waren gut zu verteidigen. Wolzow und Vetter schlugen mit den Latten drauflos, dazwischen patschte Gomulkas Luftgewehr. Zu spät erkannten sie, daß der Angriff auf die Fenster nur fingiert war. In ihrem Rücken barst das Türschloß, und die Oberhelfer drangen in die Stube.

Ein paar wurden sofort niedergeschlagen und krochen stöhnend wieder auf den Korridor hinaus. Wolzow hieb, in jeder Hand ein Stuhlbein, wie ein Verrückter um sich. Dann fiel er, ein Klumpen Oberhelfer warf sich auf ihn. Holt erhielt mehrere Schläge ins Gesicht und auf den Kopf und war nur noch halb bei Bewußtsein. Er sah Gomulka mit dem Gewehrkolben um sich stoßen, sah, wie ihn ein Knüppelhieb ins Gesicht traf und zu Boden warf. Vor seinem Auge schwamm das breite Gesicht Ziesches. Hassenswürdig … ein Schwein, brutaler Kerl … Gewaltverbrecher! Holt schlug sich durch das Gewühl zu Ziesche durch. Er sah Wolzow auf dem Boden mit vier oder fünf Gegnern ringen, die auf ihn losdroschen und sich dabei gegenseitig behinderten, sah Vetter mit blutverschmiertem Gesicht »Fanta«-Flaschen durch den Raum werfen und taumelte weiter, auf Ziesche zu, stolperte über Wolzows Beine und riß den Tisch um, der noch immer auf der Kante stand, und die schwere Platte schlug auf das ringende Menschenbündel. Wolzow, der zuunterst gelegen hatte, kam frei und kroch unter der Tischplatte hervor. Holt sah das nur noch wie im Nebel. Er warf sich auf den überraschten Ziesche, der in der Ecke bei den Betten kauerte, und packte ihn mit beiden Händen am Hals. Endlich! Sie fielen zu Boden. Ziesche röchelte. Du Aas, Gewaltverbrecher! Da traf Holt ein Schlag auf den Kopf. Er ließ los. Die Stimme des Hauptmanns dröhnte: »Diese Banditen rotten sich gegenseitig aus, wo gibt’s denn so was!«

Holt betastete seinen geschwollenen, schmerzenden Kopf. In der Tür stand Kutschera, barhäuptig, und draußen, vor dem Fenster, Gottesknecht. Überall saßen und kauerten Gestalten am Boden und hielten sich die Köpfe. Der Sanitäter verband ein blutiges Auge. Wolzow, so gut wie unversehrt, stand vor dem Hauptmann, noch immer ein Stuhlbein in der Hand, und er maulte: »Wir sind mit Übermacht angegriffen worden!« Kutschera brüllte: »Und der Kerl, der das eingebrockt hat, der hat am wenigsten abgekriegt! Sie meinen wohl, Sie können sich bei mir alles erlauben!«

Die Bilanz: Sieben Luftwaffenhelfer waren so sehr verletzt, daß sie ins Revier mußten, Vetter, Gomulka und fünf Oberhelfer und dazu ein Flakwehrmann aus der großen Stube, der nichtsahnend ins Getümmel geraten war. Vetter hatte ein gebrochenes Nasenbein, und Gomulka stand hilflos grinsend mit dick verschwollenem Mund, ein Schneidezahn fehlte, das machte sein Gesicht fremd und sein Grinsen zur Grimasse. Sein Kopf war blutverklebt. Hinter dem Ohr klaffte eine große Platzwunde.

Kutschera verschwand fluchend. Gottesknecht sagte leise: »Genauso hab ich das kommen sehen!« Holt, mit einem unbeherrschbaren Schluchzen, stammelte: »So ein Wahnsinn! So ein himmelschreiender Wahnsinn!« – »Eine verschworene Gemeinschaft sollten wir sein!« sagte Ziesche von seinem Bett her. Holt sprang schon wieder zu ihm hin. »Noch einen Ton, du verlogener Hund …« – »Schluß«, sagte Wolzow. »Laß den Ziesche in Ruh! Wenn er nicht das Maul hält, bekommt er von mir einen Klaps!« Holt kam ein nervöses Lachen an. Einen Klaps, dachte er, einen Klaps …

Mit vier Stunden Fußdienst war die Sache für Kutschera abgetan. Die Oberhelfer wurden zwei Tage vor der Zeit entlassen; das hatte Gottesknecht durchgesetzt, weil er einen Rachefeldzug Wolzows befürchtete.

 

Holt besuchte Gomulka im Revier. Gomulka lag mit dick verbundenem Kopf in den Kissen. Die Wunde war ohne Betäubung genäht worden. »Eine Schinderei«, meinte er. »Was gibt’s in der Batterie? Ich hab hin und her überlegt, warum wir uns eigentlich so blödsinnig gedroschen haben. Es ist Krampf.«

»Aus Prinzip«, sagte Holt. »Nur aus Prinzip. Bei Fontane hat einer überhaupt keine Lust zum Duell und weiß ganz genau, daß es Unfug ist, aber er schießt sich mit dem Freund seiner Frau, aus Prinzip, und schießt ihn tot, aus Prinzip.«

Gomulka drehte den Kopf ein wenig zur Seite. »Wenn aus Prinzip etwas Sinnloses geschieht, dann ist das Prinzip falsch!« – »Es hat keinen Zweck, viel darüber nachzudenken«, sagte Holt. »Das Gesetz des Handelns ist uns klar vorgeschrieben!« Gomulka mochte wohl müde sein, denn er sagte nichts mehr. Holt fuhr zu Frau Ziesche.

Sie sagte: »Lieber Himmel, wie siehst du aus!« Er erzählte von der Schlägerei. »Ich hätte den Ziesche beinah erwürgt!« Sie strich ihm mit der Hand übers Haar und meinte: »Beruhige dich. Willst du Tee?« Die Berührung ihrer Hand machte ihn matt und willenlos. Bei ihr wird alles Schwere leicht, dachte er. Sie schenkte Tee ein und erzählte Nichtigkeiten. Es war gemütlich und warm, ihm graute vor der Rückkehr in die Batterie. Er entschloß sich, über Nacht hierzubleiben, obwohl Gottesknecht das nicht decken würde. Aber auch das war gleichgültig. »Ich hab frei bis morgen früh«, log er.

Sie sagte entschlossen: »Werner, du kannst heute nicht bleiben.« Er sah sie zunächst nur verwundert an. »Du mußt das einsehen«, bat sie. »Ziesche kommt auf Urlaub, ich erwarte ihn jeden Tag.«

Er begriff nur langsam, daß nicht der junge Ziesche, sondern sein Vater gemeint war, dieser dicke, brutale Mann. »Was denn …«, sagte er schwerfällig, »und ich?«

»Sei friedlich. Er bleibt ja nur ein paar Tage.«

Nur ein paar Tage … So ist das also, wenn der Ehemann kommt, wird der Liebhaber abserviert … Nun fiel ihm ein, daß der alte Ziesche mit seiner Frau … Sein Verstand trübte sich vor Eifersucht und Ekel. Er packte Frau Ziesche am Handgelenk, derb, außer sich vor Wut. »Wenn du dich von ihm anrühren läßt …«

Sie erschrak, doch unter dem Griff seiner Hand wurde ihr Gesicht weich, die Lider senkten sich über die Augen. Sie raffte sich auf und sagte: »Was erlaubst du dir!«

Ach so! Er ließ sie los, sein Kopf schmerzte wieder, er war müde. Er nahm seinen Mantel von der Sessellehne und setzte die Mütze auf. Sie beobachtete ihn gleichmütig. Seine Energie war schon verpufft. Er wartete auf ein Wort. Aber sie schwieg. Als er die Treppen hinabstieg, überfiel ihn Verzweiflung: Jetzt bin ich ganz allein! Er hatte keinen Stolz mehr, kehrte um und klingelte. Sie ließ sich Zeit, bis sie öffnete. Er stand vor der Tür, die Mütze in der Hand, sie zog ihn in den Flur, sie strich ihm ein paar Haare aus der Stirn und lächelte. »Dummer Kerl! Ruf mich an, wenn du Ausgang hast.« Er stand unbeweglich vor ihr. »Du darfst …« – »Wofür hältst du mich!« sagte sie. »Eine Frau hat ihre Möglichkeiten!«

 

Die Geschütze wurden aus der Werkstatt zurückgebracht, es gab Arbeit über Arbeit. Anton hatte ein neues Rohr erhalten. Die gesamte Munition wurde gegen Patronen mit neuartigen Granaten ausgetauscht. Tags darauf kehrte Gomulka aus dem Revier zurück. Ein Befehl der Untergruppe ernannte Holt und seine Klassenkameraden zu Luftwaffenoberhelfern. Gomulka, ein Pflaster am Hinterkopf, sagte: »Jetzt helfen wir nicht mehr, jetzt oberhelfen wir.«

Am Nachmittag langte der Ersatz in der Batterie an, Schüler vom Jahrgang achtundzwanzig, aus Schlesien. Holt, Wolzow, Vetter und Gomulka standen bei der Schreibstube und sahen zu, wie die Neuen von den Lastwagen kletterten und an der Kammerbaracke vorbeidefilierten. »So sind wir auch mal angekommen«, meinte Gomulka. Holt nickte. Es war ewig her. »Leute, es ist geschafft!« krähte Vetter. »Jetzt sind wir die Alten!«

Die Batterie trat auf dem Fahrweg an und wurde eingeteilt. Die neuernannten Oberhelfer von der Geschützstaffel wurden als Geschützführer und Richtkanoniere auf alle sechs Geschütze verteilt. Mit Mühe konnte Schmiedling Wolzow, Holt, Gomulka und Vetter bei Anton behalten. Kutschera, barhäuptig wie immer, von seinem Hund gefolgt, trat vor die Front. »Mal herhörn!« Diesmal sagte er kein Wort von Selbsterziehung. Gomulka bemerkte dazu auf der Stube: »Es hat ihm schon lange nicht mehr gepaßt. Aber er konnte sein Prinzip nicht widerrufen.« – »Selbsterziehung eines Hauptmanns«, spottete Holt.

Die Batterie war wieder feuerbereit. Gegen Mitternacht zog Wolzow noch einmal den Wischer durch das neue Rohr. Sei es, daß die Neuen am Funkmeßgerät noch unsicher waren, daß sie Angst hatten oder sich von der üblichen Düppel-Störung verwirren liefen, das Schießen klappte in dieser Nacht schlecht. Die Batterie schoß nach Süden, die Bomber brummten im Norden vorbei. Wolzow fluchte, denn aus dem neuen Rohr floß brennendes Öl und versengte ihm den Ladehandschuh. In den Feuerpausen hörten sie, fern beim Funkmeßgerät, Kutschera toben.

Den Bestand der Batterie bildeten zu zwei Dritteln die Neuen vom Jahrgang achtundzwanzig. Außer den sechsundzwanzig Oberhelfern aus Holts Klasse waren nur fünf der alten Oberhelfer hiergeblieben, Dusenböker und Hörschelmann, die beiden Entfernungsmesser aus Hamburg, und Ziesche mit zwei seiner Klassenkameraden aus Essen. Die beiden Hamburger fanden sich abends bei Wolzow in der Stube ein, brachten Zigaretten und Schnaps mit und hörten sich eine Weile geduldig Wolzows Hohnreden an. Dann feierte man Versöhnung. Günsche war ganz allein an allem schuld gewesen!

 

9

 

In den nächsten Wochen ließ Kutschera täglich Batterieexerzieren auf den Dienstplan setzen. Er schickte die Lehrer weg: »Latein? Schießen ist wichtiger!« Die Briten flogen jede Nacht, die Amerikaner jeden Tag nach Deutschland hinein; im April steigerte sich die Angriffstätigkeit noch mehr und nahm nicht wieder ab. Das ständige Batterieexerzieren nahm den Jungen die letzte freie Zeit. Schmiedling aber sagte: »Dös is a Zeichen füra Bsüchtgung is dös!« Tatsächlich kündigte Ende April der Untergruppenkommandeur seinen Besuch an. Der Termin wurde immer wieder verschoben, und erst im Mai rollte die Autokolonne in die Batterie.

Der Major zog einen Kometenschweif von Hauptleuten und Leutnants hinter sich her, verschwand erst einmal in der Chefunterkunft und ließ die angetretene Batterie warten. »Die saufen jetzt einen prima Begrüßungsschnaps«, erklärte Vetter ungeniert laut. – »Ruhe im Glied!« schnauzte irgendwer. Dann nahte Major Behling mit seinem Gefolge, und als die Melderei begann, rollte hupend eine neue Wagenkolonne ins Batteriegelände. Gomulka murmelte im Stillgestanden: »Ach, du ahnst es nicht!« Denn einer großen Limousine entstieg der General der Flakartillerie Bergmann, in Begleitung eines Obersten und mehrerer Oberstleutnants und Majore. Kutschera zog sein Pferdegesicht in die Breite; so schlecht er beim Untergruppenkommandeur angeschrieben war, so sehr beliebt war er beim General. Er stellte sich an den rechten Flügel seiner Batterie.

Der General scheute sich nicht, die Erkennungsmarken vorzeigen zu lassen und dann die Sohlen der Schuhe zu besichtigen. Dann wünschte er ein gefechtsmäßiges Batterie-Exerzieren. Es war ein klarer, warmer Tag. Als Zielmaschine flog eine Heinkel He 111. Die B 2 war so sehr mit Offizieren vollgestopft, daß die Luftwaffenhelfer kaum die Geräte bewegen konnten. Der General wünschte Kutschera als taktisch, den Wachtmeister als technisch Schießenden zu sehen. Ehe die Befehle die Wendeltreppe des Instanzenweges vom General bis zum Hauptmann herabgestiegen waren, hatte sie die Meßstaffel schon ausgeführt. »Ich sehe«, sagte der General zufrieden, »Sie haben Ihre Batterie tadellos in Schwung!« Nach zehn Minuten Exerzieren war es soweit: »Gefechtsschaltung!« Gottesknecht ließ das Müo auslegen, die Heinkel überflog die Batterie und brummte zum nächsten Flughafen.

Der General verabschiedete sich eilig. Zurück blieb der Major. Er übernahm das Kommando über die Untergruppe und schickte seinen Adjutanten an die Ringleitung. Zehn Minuten später meldete die Luftlage starke Kampfverbände mit Jagdschutz über Holland im Anflug auf die Reichsgrenze. Zugleich hieß es: Im Raum Köln–Essen noch vereinzelte eigene Transport- und Schulmaschinen. Als Feuerbereitschaft befohlen wurde, nahm Kutschera den Helm ab, zog sich Mantel und Waffenrock aus und ließ sich den Fahrermantel aus seiner Baracke bringen. Er hatte die Augen überall. »Los, dalli, das Müo einziehen!« Der Major sagte: »Da sind doch noch eigene Maschinen oben, Hauptmann, da können Sie doch nicht das Müo wegnehmen!« Kutschera wandte das Gesicht dem Major zu und kniff die Augen zusammen. »Es ist Vorschrift, Herr Major! Wir haben Feuerbereitschaft. In ein paar Minuten sind die Bomber hier!«

Auf der B 2 herrschte Verwirrung, ob Kutscheras Befehl auszuführen sei oder nicht. Der Major sagte, gereizt über den Widerspruch: »Lassen Sie das Müo noch liegen, so geht das ja auch nicht, wie Sie das handhaben!« Kutschera kratzte sich nachdenklich den Kopf, als gebe es keinen Major auf der B 2, aber er widersprach nicht länger. »Man kann sich doch nicht wörtlich an die Vorschriften halten«, sagte der Major noch. Das Müo blieb liegen, ein zehn mal zehn Meter großes Quadrat aus leuchtend weißen Tüchern, mit einem Kreuz darin, aus einer Höhe von zehn-, auch zwölftausend Metern gut zu sehen, eine Zielscheibe mitten in der Feuerstellung, und nach ein paar Minuten dachte kein Mensch mehr daran.

Im Nordwesten flog der erste Pulk in den Batteriebereich, fünftausend Meter hoch, und Kutscheras »Feuer frei!« fand beim Kommandeur keinen Widerspruch. Die Batterie schoß Gruppenfeuer mit vier Geschützen, sie schoß sehr genau, so daß der Major, das Fernglas an den Augen, »großartig!« rief. Pulk auf Pulk zog in südöstlicher Richtung an ihnen vorbei. Die Batterie schoß gleichmäßig und ohne Nervosität. Dann änderte ein Verband von sechzehn Boeing Fortress II nach den ersten Gruppen die Flugrichtung. »Neuer Zielweg!« rief Gottesknecht, und sofort: »Direkter Anflug!« Da fiel ihnen allen wieder das Müo ein, aber da war es längst zu spät.

Die Abschüsse schmetterten. Die Leute am Kommando-Hilfsgerät und am Entfernungsmesser duckten sich und lasen mit verzerrten Gesichtern die Richtwerte ab, bis sie in der Optik die Bomber ihre Last ausklinken sahen: da warf sich vom Major bis zum Luftwaffenhelfer alles in die Deckung der Brustwehr, nur Gottesknecht drückte zusammengekrümmt die Feuerglocke, und Kutschera stand barhäuptig und tobte: »Wollt ihr wohl das Müo einziehen, ihr Banditen!« Das Schießen setzte aus, nur zwei Geschütze feuerten in rascher Folge sinnlose Schüsse in den Himmel.

Auf einmal war Zemtzki da, der kleine Zemtzki, er kam wohl aus dem Keller, hatte einen hochroten Kopf und stocherte mit dem Zeigefinger in der Luft herum wie in der Schule: »Ich … ich … Herr Hauptmann!« Dann lief er wie ein Wiesel über den Acker und raffte die Tücher zusammen. Aber da war das entnervende Geräusch der Bombermotoren schon zugedeckt von einem hohlen Sausen, das anschwoll zu orkanartigem Rauschen. Die Erde bebte, die Geschütze schwankten und rissen an den Verankerungen, ein sekundenlanger Donnerschlag spaltete den Tag, und Rauchpilze und Erdfontänen wuchsen in eins zusammen und löschten die Sonne aus. Splitter jaulten über Geschützstände und B 2 hinweg. Dann war Schweigen. Und in das Schweigen hinein plauzten ein, zwei Geschütze Schuß auf Schuß, die anderen Kanonen fielen ein, das Feuerleitgerät arbeitete wieder, und wütend und unkonzentriert schoß die Batterie hinter dem abfliegenden Pulk her. Kein Geschütz war getroffen worden. Die B 2 sah etwas mitgenommen aus, aber auch dort war nichts passiert. Nur Zemtzki, Fritz Zemtzki, lag tot vor der Befehlsstelle.

 

Am Abend ging Holt durch die von Bombenkratern zerklüftete Stellung. In den Baracken waren die Scheiben zerklirrt, die Dächer beschädigt, überall wurde gebaut, gesägt und gehämmert. Ein Trupp Flaksoldaten von der Untergruppe legte neue Fernsprechleitungen.

Holt stand in der Baracke des Waffenmeisters, wo zwischen Werkzeugen und Ersatzteilen Zemtzki auf der Erde lag, Luftwaffenoberhelfer Fritz Zemtzki, mit einer Decke zugedeckt. Holts Augen brannten. Das Entsetzen des Bombenteppichs war noch nicht verwunden. Lange stand er vor dem grauen Bündel. In einem Gefühl, das aus Angst und Neugier gemischt war, schlug er die Decke zurück. Da lag Zemtzki. Das Gesicht war unversehrt, war frech und jungenhaft wie je. Aber der halbe Brustkorb fehlte … Das Herz schlug nicht mehr. Als es noch schlug, hatte der Tote, dieser Zemtzki, den alten Gruber veralbert: »Bitte schön, der Holt spinnt, er kann nichts dafür, er hatte Gehirnscharlach!« Er hatte mit Holt zusammen in den Bergen gehaust und sich einst ein Schweineschwänzchen als Trophäe an die Mütze gesteckt. Immer aber hatte er frech und ein bißchen tückisch aus seinen blauen Augen geschaut, und frech und unschuldsvoll war er zeitlebens gewesen. Jetzt war er tot.

Die Tür knarrte. Gomulka suchte Holt, trat ein und verzog den Mund wie im Ekel. Die Zahnlücke entstellte ihn und verwandelte jede Bewegung des Gesichts in ein Grinsen. Holt bückte sich und schlug die Decke über den Leichnam.

»Am 1. Juni wär er siebzehn geworden«, sagte Gomulka. »Ja«, sagte Holt, »das wär er. Beinahe.«

Im Geschützstand bei Anton setzte sich Holt auf einen Lafettenholm. Gomulka lehnte am Eingang des Mannschaftsbunkers. Sie rauchten. Gomulka sagte: »Vielleicht bin ich der nächste!« – »Oder ich«, sagte Holt.

Gomulka lispelte ein wenig durch die Zahnlücke. »Es ist mir von Tag zu Tag unheimlicher geworden, daß sie uns ungeschoren lassen. Mein Vetter ist in Darmstadt eingesetzt. Dort lagen Anfang des Jahres vierzehn schwere Batterien, zehn Heimatflakbatterien und vier aktive. In der Nähe ist ein Werk, wo sie Panzer bauen. Die Amerikaner wollten es mehrfach angreifen, aber die vierzehn Batterien haben so genau geschossen, mit dem Kommandogerät, daß die Pulks ihre Bomben nicht ins Ziel gebracht haben. Da sind sie zwei Wochen lang Angriffe gegen die Batterien geflogen. Sie haben Hunderte von Bomben auf jede Feuerstellung geworfen. Sie haben sämtliche Funkmeßgeräte zerschmissen, und von den vierzehn Batterien sind grad noch zwanzig Geschütze übriggeblieben. Jeder dritte Luftwaffenhelfer ist gefallen, jeder zweite verwundet. Das Werk ist obendrein kaputt. Es kommt ihnen nicht drauf an. In Kassel hat sie ein Anderthalb-Meter-Scheinwerfer gestört, mit dem die Batterien nachts optisch geschossen haben, da haben sie auf diesen einen Scheinwerfer mehr als dreihundert Zentner Sprengbomben geworfen. Ich sag dir: Wir kommen auch noch dran!«

»Sie werden uns zur Sau machen«, sagte Holt.

»Sie werden ganz Deutschland zur Sau machen«, sagte Gomulka. Dann schwiegen sie lange. Aber Gomulka fing wieder an: »Die Russen sind immer noch nicht zum Stehen gebracht. Odessa ist gefallen. Wenn das so weitergeht …«

»Da muß ja nun wirklich bald was geschehen«, sagte Holt.

»Fragt sich bloß: was?«

»Ich weiß nicht«, sagte Holt. Von der B 2 brüllte jemand: »Leitungsprobe!« Gomulka hing sich die Geschützführerleitung um. Nachher sprachen sie von anderen Dingen.

Aber in den Stuben wurde die halbe Nacht gestritten, ob der Kommandeur am Tode Zemtzkis schuld sei. Ziesche protestierte erregt: »Das Führerprinzip duldet keine zersetzende Kritik. Ihr wollt verschworene Kämpfer sein? Derartige Bemerkungen über einen Führer sind einfach Wehrkraftzersetzung!« Auch Wolzow fuhr Gomulka an und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Schluß! Es ist Krieg, da kann es jeden erwischen.« Er breitete seine Karten aus.

 

Am anderen Morgen, nach schwerer nächtlicher Schießerei, erlebte die zum Appell angetretene Batterie eine Überraschung. Kutschera nahte in voller Uniform. »Heil Hitler, Batterie! Der Major war sehr zufrieden. Der Herr General gleichfalls. Die Division ist inzwischen mit der Prüfung der Unterlagen fertig geworden und hat festgestellt, daß von den vierunddreißig Abschüssen im Bereich seit September vier auf unsere Rechnung kommen. Ruhe im Glied! Die vier Abschüsse sind uns zugesprochen worden. Wenn ihr Farbe habt, ihr Säcke, könnt ihr die Ringe an die Rohre pinseln.« Die Unruhe war nicht mehr zu unterbinden. Kutschera stand einen Augenblick unschlüssig, dann schrie er: »Batterie … stillstann! Wir gedenken des Kameraden Zemtzki, der für Führer und Vaterland gefallen ist. Rührt euch! … Herhörn! Die Batterie hat in Hamburg schon mal schwere Verluste gehabt. Ein Toter ist nischt Neues! Der Zemtzki hat Mut gehabt, dafür hat ihm der Major das Ekazwoo verliehen. – Ruhe im Glied! Nun sag ich eins: Wenn das Gequatsche auf den Stuben nicht aufhört, von wegen dem Müo und so … Ich greif mir die Meuterer raus und sperr sie ein! Krieg ohne Tote, wo gibt’s denn so was!«

Vier Abschüsse! Zemtzki war vergessen. Wolzow zeigte sich aufgekratzt. »Noch zwei Abschüsse, dann gibt’s das Flakschießabzeichen.« Holt ging mit Gomulka den Lattenrost entlang, er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. »Sepp! Die vier Abschüsse, das ist bloß das schlechte Gewissen vom Major!« – »Schau dich um«, sagte Gomulka. »Gestern war alles deprimiert, und jetzt?«

Im Unterricht saß Holt zerstreut und unaufmerksam auf seinem Schemel. Schließlich ging er in die Stube hinüber und warf sich auf sein Bett. Wenn ich falle, wird tags darauf kein Mensch mehr an mich denken.

Gottesknecht riß die Tür auf. »Pfui! Sie schwänzen wieder!« sagte er. »Holen Sie den Gomulka raus!« Holt folgte. »Mitkommen! Sie beide haben den Zemtzki doch näher gekannt, helfen Sie mir mal, den Brief an seine Mutter zu schreiben.« In der Schreibstube sagte er zu Holt: »Übrigens hat eine Dame angerufen und gefragt, ob Ihnen was passiert ist. Hat sich rumgesprochen, daß wir Zunder bekommen haben. Ich hab gesagt, Sie sind wohlbehalten und der Ziesche auch.«

Sie war in Sorge um mich, dachte Holt freudig. Aber dann erschrak er: Und der Ziesche auch … Wußte Gottesknecht? Holt schielte zur Seite. Der Wachtmeister schrieb eifrig und unbeteiligt, und nur Gomulka zog ein merkwürdiges Gesicht.

»Er war das einzige Kind«, sagte Gomulka. Auf dem Schreibtisch lag das Eiserne Kreuz mit dem roten Ordensband. Zemtzki hat nichts mehr davon, dachte Holt. Wenn ich das EK hätte … Bei einem Luftwaffenhelfer würde es Aufsehen erregen!

Gottesknecht las vor: »… in treuer Pflichterfüllung …«

War es seine Pflicht, dachte Holt, in den Bombenregen hinauszulaufen? Was mochte in ihm vorgegangen sein? Ob er sich auszeichnen wollte?

»Was schaun Sie denn so?« fragte Gottesknecht. »Die Sache mit dem Müo kann ich doch wirklich nicht schreiben!«

»Die werden das bestimmt erfahren«, meinte Holt.

»Jetzt ist Schluß!« tief der Wachtmeister. »Die Ketzerei steht Ihnen ja an der Stirn geschrieben! Holt, in diesem Krieg sind schon Millionen umgekommen, Soldaten, Frauen und Kinder, das wissen Sie, und es hat Sie bis gestern nicht gestört.«

»Herr Wachtmeister«, sagte Gomulka, »aber ich denke, es wäre …« – »Halten Sie den Mund!« fuhr ihn Gottesknecht an. »Meinen Sie, ich unterhalte mich hier in der Schreibstube mit Ihnen über den Dunst, der Ihnen gestern vom Gehirn weggepustet worden ist?«

Holt sah Gottesknecht verständnislos an. Was soll denn das nun wieder bedeuten? Gottesknecht beugte sich über den Tisch. Er sagte leise: »Der Ziesche führt Tagebuch! Der Ziesche notiert jedes Wort, das ihr vor ihm sprecht! ›Wo hat G-Punkt die exakte Zahl der feindlichen Bomberverluste her … Fragezeichen!‹ Rotwerden ist sinnlos, Gomulka! Air Marshal Harris’ Flugblatt an das deutsche Volk, was? Ich bitte mir aus, daß ihr in Zukunft den Mund haltet. Macht mir keinen Kummer, ich hab’s schwer genug, mich immer wieder zwischen euch und den Chef zu stellen. Habt ihr mich verstanden?«

Sie antworteten beide nicht.

Der Ziesche schreibt alles auf, dachte Holt erschrocken. Er überlegte fieberhaft, ob in seinen Gesprächen tatsächlich etwas zersetzend oder feindlich gewesen sei … Gomulka sagte fast unhörbar: »Ich versteh, Herr Wachtmeister.« In diesem Augenblick trat die Nachrichtenhelferin in die Schreibstube. Gottesknecht sagte unbefangen: »Das genügt. Sie können wieder zum Unterricht gehn.«

Sie grüßten und verließen die Baracke. Holt war verwirrt. In diesem Krieg sind schon Millionen umgekommen … und es hat Sie bis heute nicht gestört … Sollte das ein Vorwurf sein? »Sepp, wie verstehst du das, was Gottesknecht gesagt hat? Was meint er mit ›Flugblatt an das deutsche Volk‹?«

»Mir ist das alles unklar«, sagte Gomulka.

»Früher hab ich gewußt, was los ist«, sagte Holt. »Seit ich bei diesem Haufen bin, ist es, als würde mir langsam der Boden unter den Füßen weggezogen.«

»Früher hast du gewußt, was los ist?« fragte Gomulka. »Wirklich?«

»Es ist … der innere Schweinehund«, erwiderte Holt. »Wir müssen stur werden. Alle Soldaten sind stur!«

Dieser Gedanke befriedigte ihn wenig. Schicksal, Gesetz des Handelns, fanatisch glauben, dachte er wieder; sind wir wirklich willenlos ausgeliefert, nur … Figuren im großen Spiel? Aber das Nachdenken und Grübeln, überlegte er, bringt nichts ein. Hart werden. Glauben. Sich fanatisch der Sache verschwören. Es geht nicht, daß mich ein paar Bomben aus dem Gleichgewicht bringen!

Was ist mit mir los? dachte er.

 

Gottesknecht ließ ihn bis zum Abend in die Stadt, »zum Zahnarzt«, wie der UvD ins Wachbuch schrieb. Holt setzte sich eine Viertelstunde in das Café in der Rotthausener Straße, wo die Urlauber aller Batterien mit ihren Mädchen zusammensaßen, er traf ein paar Bekannte. Der Bombenangriff auf die 107. Batterie war allgemeines Gesprächsthema. Die abgemagerten, unausgeschlafenen Jungen mit den übernächtigten Augen schimpften auf den Major. »Er soll ja als erster flachgelegen haben!« Holt sagte aggressiv: »So geht’s ja auch nicht! Derartige Gerüchte sind Wehrkraftzersetzung!« Es waren Ziesches Worte. Holt ärgerte sich, ausgerechnet Ziesche nachgeäfft zu haben.

Er versuchte, Frau Ziesche anzurufen, aber das Leitungsnetz war durch die letzten Bombenabwürfe gestört. Schließlich bekam er auf einem Postamt Verbindung. »Warum kommst du nicht her? Ich war in Sorge um dich!« Ihre Worte stimmten ihn froh. Aber als er mit ihr zusammensaß, als sie das Radio anstellte, brachte der Wehrmachtbericht Nachrichten, die niederschmetternd auf ihn wirkten. Schlacht in Süditalien, Großangriffe auf Valmontone … Sewastopol gefallen. »Nordamerikanische Jagdflugzeuge führten gestern Angriffe auf Ortschaften in Nord- und Mitteldeutschland … Verluste … Nächtliche Terrorangriffe auf Kiel und Dortmund … Orte im rheinisch-westfälischen Raum …« – »Das sind wir«, sagte er, »die Bomber werden immer frecher.«

Frau Ziesche hörte die Berichte ungerührt an und fragte, warum er den Kopf hängen lasse, er sei ja heute unleidlich! Er versuchte, ihr sein Herz auszuschütten, und erzählte von Zemtzkis sinnlosem Tod. Aber auch sie sagte: »Nimm dich zusammen! Denk an die Ostkämpfer, dagegen bist du in der Sommerfrische bei deiner Batterie!« Als er sich mißmutig verabschiedete, meinte sie versöhnlich: »Sieh zu, daß du dich mal richtig ausschläfst. Nimm doch nicht alles so tragisch!«

 

Früh zeitig flogen zwei Mosquitos in sehr schnellem Flug von Norden her über den wolkenlosen Himmel, zehntausend Meter hoch, zwei winzige Pünktchen, die kurze Kondensstreifen hinter sich herzogen. Sie flogen drei oder vier weite Kreise über den umliegenden Ruhrstädten. Fern grollten die Abschüsse einer 12,8 Zentimeter-Batterie. Wolzow starrte zum Himmel und schimpfte: »Jetzt photographieren sie die ganze Gegend! Brauchen wir uns zu wundern, wenn die Bomber sich so gut zurechtfinden?« Die beiden Mosquitos flogen nach Norden ab.

Etwa hundert Kriegsgefangene zogen in die Stellung, von einem halben Dutzend blutjunger SS-Leute bewacht. »Russen!« sagte Wolzow, als sie den Geschützstand verließen. »Was wollen die denn hier?«

Der stereotype Kram lateinischer Grammatik, von dem Holt längst kein Wort mehr verstand, war heute so langweilig, daß Holt sich hinausstahl und sich in der Stube aufs Bett legte. Durch das Fenster sah er ein Dutzend der Gefangenen nahe der Baracke Bombentrichter zuschaufeln. Er brannte sich eine Zigarette an, ging ins Freie und sah ihnen zu.

Die erdfarbenen Gestalten, die mühsam mit Schaufeln und Spaten die Erdschollen in den Krater warfen, erwiesen sich aus wenigen Metern Entfernung als kaum noch menschenähnliche, ausgemergelte und hohlwangige Wesen mit überdimensionalen Schädeln und eingefallenen Gesichtern, grau wie die Mäntel, die viel zu weit um die stakigen Körper schlotterten. Holt hielt die angerauchte Zigarette gedankenlos einem der Gefangenen hin, der sich erst nach allen Seiten umsah, auch zögernd seinen dunklen Blick auf Holt richtete, ehe er sie nahm, die Lunge voll Rauch sog und die Zigarette weiterreichte.

Holt empfand einen schmerzhaften Druck in der Brust. Mitleid ist Schwäche! sagte er zu sich selbst, aber er fischte doch die angebrochene Zigarettenpackung aus der Tasche. Er wollte sie den Gefangenen hinwerfen, doch dann ging er die paar Schritte über den Acker und drückte die Schachtel in eine rauhe Hand. Als er vor dem Gefangenen stand, sah er mit Erschütterung, daß die Tierhaftigkeit aller dieser Gestalten nichts anderes war als das letzte Stadium eines unvorstellbaren körperlichen Verfalls. Er wollte in seiner Verwirrung auch noch die Streichholzschachtel wegschenken. Da sagte der Gefangene mühsam, als bereite das Sprechen ihm Schmerzen: »Brot!«

Holt lief in die Stube zurück und riß seinen Spind auf. Sie hungern! dachte er. Im Essenfach lagen genug Lebensmittel. Butterkeks und Drops wurden seit Wochen täglich als Alarmzulage verteilt und häuften sich in den Spinden. Er verstaute alles in seinen Taschen und zog dann den Mantel über, denn offen durfte er die Lebensmittel nicht hinaustragen. Was er zu tun im Begriff war – darüber war Holt sich klar –, war verboten und galt als strafbar. Er zögerte und wurde unsicher. Dann schob er doch das Brot unter den Mantel und dachte: Mag es strafbar sein, mögen es … Untermenschen sein, ich würde auch keinen Hund verhungern lassen! Dann fiel ihm ein, daß es zehn, zwölf Männer waren. Er riß auch Gomulkas Spind auf. Sepp würde es billigen, dessen war er sicher. Eine halbe Dauerwurst, Brot, ein Würfel Kunsthonig, reichlich Keks … Er raffte alles zusammen. Dann sah er die halbe Flasche Korn stehen, die Gomulka für seinen Geburtstag aufsparte. Er nahm die Flasche an sich.

Ruhig verließ er die Stube, nicht gesonnen, sich erwischen zu lassen. Sorgsam sah er sich um. Außer den arbeitenden Gefangenen war niemand zu sehen. Wer weiß, wo sich der Posten herumdrückte! Die Fenster der großen Stube lagen auf der anderen Seite.

Er lief über das Feld. Die Gefangenen rissen das Brot in Stücke und versteckten es unter ihren Kleidern. Sie arbeiteten weiter. Einer nach dem anderen kletterte auf den Grund des Bombentrichters hinab und trank aus der Kornflasche. Holt ging in die Stube zurück und legte sich auf sein Bett. Er versuchte zu schlafen.

Später fing er Gomulka auf dem Korridor ab und zog ihn ins Freie. Gomulka blickte sich unwillkürlich um, als Holt erzählte. Dann sagte er: »Gut … Ich bin einverstanden.« – »Ob es richtig ist?« fragte Holt. »Sie sind unsere Feinde.« – »Sie haben nicht angefangen«, sagte Gomulka.

In der Stube saß Wolzow auf einem Hocker und schnippelte mit dem Fahrtenmesser am Nagel seiner großen Zehe herum. Vetter und Rutscher saßen auf ihren Betten. Ziesche redete mit Schwung und Enthusiasmus, und die anderen hörten heute tatsächlich zu.

»Seht sie euch ruhig aus der Nähe an«, sagte Ziesche, als Holt und Gomulka in die Stube traten. »Das ist sehr lehrreich. Klarer kann der Beweis, daß es sich um einen rassisch ganz minderwertigen Typ handelt …« – »Bei den Russen?« fragte Gomulka. – »Ja. Ihr braucht euch bloß mal die Gesichter anzusehen …«

Gomulka unterbrach Ziesche schon wieder: »Die Russen sind als Slawen aber doch Arier«, sagte er.

»Wieso?« fragte Ziesche verblüfft. »Ach so! Arier?«

»Ja, natürlich«, sagte Gomulka. »Das mußt du doch wissen!«

»Sieh mal«, erwiderte Ziesche, während er seine Gedanken ordnete. »Auch unter den arischen Rassen, verstehst du … Also die sind nicht einheitlich, nicht wahr! In Rußland, also da liegt die Sache klar, da ist das Element der Organisation seit je germanisch und nicht slawisch gewesen. Unter allen Ariern stehen die Germanen weitaus am höchsten, weil sie die nordische Rasse am reinsten verkörpern.« Erst jetzt merkte Holt, wie sehr Gomulka Ziesche aus dem Konzept gebracht hatte.

»Das sollte dir eigentlich alles klar sein …«, sagte Ziesche aggressiv, »aber du mit deinem slawischen Namen bist überhaupt lasch und angekränkelt …«

Wolzow hatte bisher zugehört, den nackten Fuß im Schoß, den Dolch in der Hand. »Was soll denn das heißen? Du denkst wohl, du bist allein ein guter Nationalsozialist?« – »Dein Name ist auch nicht arischer!« sagte Holt.

Vetter lachte meckernd. Ziesche lief puterrot an. Er wackelte mit dem Kopf. »Mein Name entstand durch Abschleifung aus einem rein germanischen! Aber auf den Namen kommt es nicht an, vielmehr …« – »Schon gut«, sagte Gomulka. »Nur eins ist mir noch unklar: Selbst wenn die Slawen nicht so hochwertig sind wie die nordische Rasse, deswegen sind sie doch immer noch Arier! Kann man sie denn da als Untermenschen bezeichnen?«

Ziesche fühlte wieder sicheren Boden unter den Füßen. »In der Vergangenheit hättest du mit deinem Einwand recht gehabt, früher, als in Rußland noch die staatstragende germanische Oberschicht herrschte. Durch die Herrschaft des Bolschewismus ist das anders geworden. Der jüdische Bolschewismus hat die rassisch-völkische Grundlage der Slawen total zerstört. Natürlich ist der Bolschewismus reif zum Untergang, denn der Jude als Ferment der Dekomposition …«

»Waaas?« machte Vetter.

»Na ja, so sagt der Führer! Als zerstörerische Kraft … er kann das mächtige Reich nicht erhalten, und das Ende der Judenherrschaft wird zugleich auch das Ende Rußlands als Staat sein. Der Führer hat ganz klar gesagt, daß wir vom Schicksal ausersehen sind, Zeugen einer Katastrophe zu werden …«

Zeugen einer Katastrophe zu werden, wiederholte Holt in Gedanken, und dieser Satz hakte sich in seinem Gehirn fest.

»… die die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie ist.«

Gomulka sagte: »Na ja. Aber sieh dir mal die Frontlage im Osten an.«

Ziesche rief erregt: »Was da gegen unsere Front anrennt, das ist fanatisiertes Pack! Sie werfen die letzten Reserven in den Kampf, Greise und Kranke …« Wolzow schnürte sich den Schuh zu und begann zu schimpfen: »Jetzt werde ich dir mal was sagen, du abgeschliffener Germane! Die Wehrmacht lasse ich auf gar keinen Fall beleidigen! Willst du etwa sagen, daß unsere Divisionen von Greisen und Kranken geschlagen worden sind?«

»Geschlagen …«, protestierte Ziesche, aber Wolzow rief aufgebracht: »Natürlich, geschlagen! In Stalingrad vernichtet! Bei Radomysl und Brussilow geschlagen! Bei Kirowgrad vernichtet! Bei Schumsk und Ostropol geschlagen! Bei Kamenez und Skala vernichtet! Von Greisen, was, und Kranken, wie?«

Holt, anfangs voller Schadenfreude, fühlte wieder eisige Beklommenheit. Ziesche raffte sich auf und schrie: »Die Übermacht ist vorübergehend so groß, daß …«

»Übermacht!« höhnte Gomulka. »Wieviel Junge und Gesunde müssen die erst haben bei solcher Übermacht an Greisen und Kranken!« Wolzow stieß das Fahrtenmesser in die Tischplatte: »Herrgott, Ziesche, bist du blöd!« rief er. »Das ist ja unbeschreiblich, wie saudumm, saudumm du bist! Da muß man ja Mitleid haben, so schrankenlos blöd wie du bist! So was will ein Nationalsozialist sein! Quatscht der Kerl von Zusammenbruch und letzten Reserven! Soll ich dir mal an der Karte zeigen, was sich diesen Winter an der Ostfront abgespielt hat?«

Ziesche, nun ebenfalls wütend, rief: »So! So! So! Du meinst also … Du willst … Ich meine … Der Führer hat gesagt«, schrie er, aber da schraken sie alle zusammen: die Glocke schrillte, die Spannung löste sich. Stahlhelm, Gasmaske, dachte Holt, dann lief er mit den anderen zur Kanone.

 

10

 

In den ersten Junitagen ließ die Aktivität der anglo-amerikanischen Luftwaffe über Nacht spürbar nach. Nur die nächtlichen Störflugzeuge, Verbände der schnellen Mosquitos, flogen weiterhin über die Grenzen, und am Tage kreisten die Aufklärer in großer Höhe über dem Land. Nach den ununterbrochenen Tages- und Nachtangriffen auf Städte und Einzelziele in den ersten Monaten des Jahres gab dieses Abflauen der Luftoffensive in den Stuben und an den Geschützen unermüdlich Gesprächsstoff. Wolzow brütete über der Karte und vermutete eine »neue Teufelei«. Ziesche aber erklärte mit unverhohlenem Triumph: »Unsere verbissene Abwehr! Jetzt geht ihnen der Atem aus!«

Gottesknecht, der nicht ohne Besorgnis die wachsende nervöse Zerrüttung bei den Jungen beobachtete, setzte es bei Kutschera durch, daß nachts erst bei Feuerbereitschaft geweckt wurde, wenn keine Kampfverbände gemeldet waren. So fanden die Jungen nun ein paar Nächte lang seit Monaten das erstemal wieder reichlicher Schlaf. Sogleich ließ der ständige Streit nach, die Nervosität legte sich, und ein optimistischer Geist zog in die Batterie ein. Wolzow vertrug sich wieder mit Ziesche, und Kutschera brüllte nicht mehr durch die Batterie, raffte sich dann und wann sogar zu einem groben Witz auf und spielte während der Feuerbereitschaft mit Blitz, seinem Hund. Schmiedling wurde wieder redselig wie in der Ausbildungszeit und freute sich auf seinen Urlaub. Für Holts Wohlbefinden tat der Wehrmachtbericht ein übriges. Im Osten, so erklärte Wolzow an der Karte, stand die Front von Narwa bis zu den Karpaten; der monatelange Rückzug hatte ein Ende gefunden. Vielleicht, so sagte Wolzow, seien die Russen nun doch am Ende ihrer Kraft! Er war sich mit Ziesche einig, daß der amerikanische Vormarsch in Italien demgegenüber gering wog, und auch der Fall Roms konnte den allgemeinen Optimismus kaum dämpfen. »Italien«, erklärte Ziesche, »ist Nebenkriegsschauplatz. Die Entscheidung über das Schicksal des Reiches, das hat der Führer oft genug gesagt, fällt im Osten!«

Wolzow, der tagaus, tagein über seinen strategischen Büchern saß und, von Ziesche dazu angeregt, nun auch »Mein Kampf« las, benutzte die Ruhepause, die Methode der Selbsterziehung gegen die Neuen anzuwenden. Das Opfer, das er aussuchte, hieß Voigt, Munitionskanonier an Geschütz Anton. »Dieser Voigt«, erklärte Wolzow, »ist der einzige von den Neuen, der sich nicht freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hat. Dem werde ich kriegerische Tugend beibringen.« Holt und Gomulka machten nicht mit. So zog Wolzow mit dem verwilderten Vetter eines Nachts zur Baracke Anton, wo Voigt mit dreiundzwanzig anderen Luftwaffenhelfern in der großen Stube schlief. Eine solche Übermacht hätte sich erfolgreich zur Wehr setzen können, aber man ließ Voigt im Stich und schaute zu, wie Wolzow in die Stube einbrach. Voigt machte Anstalten, sich zu verteidigen, aber er wurde aus der Baracke geschleppt und kopfüber ins Löschwasserfaß gesteckt. In der nächsten Nacht goß ihm Wolzow einen Eimer brackigen Löschwassers ins Bett. Dann erfuhr Gottesknecht von der Sache und verbot Wolzow jede weitere Mißhandlung bei Strafe.

 

An einem klaren, heißen Junitag langweilte sich Holts Klasse im Geschichtsunterricht. Holt blickte sehnsüchtig durch das weitgeöffnete Barackenfenster. Jetzt am Fluß in der Sonne liegen! träumte er. Die Klasse döste vor sich hin. Nur Wolzow, wie immer im Geschichtsunterricht, war bei der Sache und erklärte die Schlacht bei Cannae. Da schrillte die Alarmglocke. Mit nackten Oberkörpern nahm man an der Kanone ein Sonnenbad. Die Luftlagemeldungen sprachen von einzelnen Aufklärern. Auf der Befehlsstelle erhob sich das übliche Geschrei: »Motorengeräusch Richtung neun!« Kutschera nahte mit seinem Hund. Die Geschütze schwenkten die Rohre nach Westen. »Flugzeug neun!« schrie der Flugmelder am Flakfernrohr. Der Hauptmann brüllte vom Acker her: »Frage Typ!« Es war eine Lockheed P 38 F Lightning, die in zehntausend Meter Höhe über den Himmel jagte.

Holt blickte in das strahlende, blendende Blau, wo die unsichtbare Maschine einen kurzen Kondensstreifen hinter sich her zog. Wolzow beschattete mit dem Ladehandschuh das Gesicht und setzte sich dann verärgert auf einen Holm, denn an Schießen war nicht zu denken. Dennoch gab das Kommandohilfsgerät Richtwerte durch, Seiten- und Höhenrichtkanonier meldeten eingestellt. Aber die Zünderwerte blieben weit über Bereich. Der Kondensstreifen verwehte in der Ferne. Auf der B 2 erhob sich von neuem Unruhe.

Die Richtleute am Entfernungsmesser, Ebert und Nadler, hatten die Maschine im Gesichtsfeld behalten und sahen sie nach Osten abfliegen. Als Dusenböker, der Entfernungsmesser, den Blick von der vierundzwanzigfachen Meßoptik löste, wurde als winziges Pünktchen eine zweite Maschine im Sehfeld erkennbar.

»Herr Wachtmeister«, rief Nadler, »da ist … die Lightning stürzt ab!« brüllte er. Dusenböker preßte wieder die Augen an die Okulare. »Quatsch«, sagte Kutschera. Dusenböker bestätigte: »Es stimmt …« Es war eine Sensation. Kutschera stieß Nadler beiseite und beugte sich über die Gläser, rieb sich die Augen und sagte: »Ihr Heinis, den Tropenkoller habt ihr!« Auf der Befehlsstelle trat wieder Ruhe ein.

»Eine Lightning in zehntausend Meter Höhe abschießen, wer soll denn das gewesen sein?« fragte Wolzow. Der vorsichtige Gottesknecht ließ bei der Untergruppe anfragen, aber auch dort wußte man nichts.

Die Feuerbereitschaft wurde aufgehoben. Kutschera, wie immer, wenn er nicht zum Schießen gekommen war, fing auf der B 2 zu schimpfen an: Die Disziplin sei lasch, die Flugmelder pennten, dieser Nadler fresse Bonbons im Dienst! Schon wurden die ersten Luftwaffenhelfer zehn Runden um die B 2 gejagt. »Und den Brüdern an den Kanonen, denen werd ich …« Aber da rief, da kreischte der Flugmelder am Flakfernrohr: »Flugzeug drei!!« Dann deutete er nach oben. »Dort!« Kein Motorengeräusch war zu hören. Alles starrte verblüfft zum Himmel. Kutschera rief: »Frage Typ!!« Endlich schwenkten Entfernungsmesser und Kommandohilfsgerät herum. »Frage Typ!« brüllte Kutschera. Der Flugmelder antwortete nicht. Die Geräteführer meldeten: »Ziel aufgefaßt!« Kutschera brüllte außer sich: »Frage Typ, Mensch, wird’s bald!« Dusenböker hob den Blick von der Meßoptik. »Keine Ahnung, Herr Hauptmann!« Der Flugmelder stammelte: »Das … ich …« Dann fing er an: »Grobansprache Eindecker, ohne Motor, ohne Höhenleitwerk, ohne Fahrwerk …« – »Sind Sie besoffen?« dröhnte Kutschera. »Ja, seid ihr denn alle schwachsinnig!« Gottesknecht hielt ihm das Glas hin. »Die Maschine ist unbekannt.« – »Also dann«, schrie Kutschera, »Feuer frei!« Ein kleines, silberglänzendes Flugzeug zog am Himmel lautlose Kreise.

»Fliegeralarm … Flugzeug sechs!« gellte es an den Geschützen, »Schießen mit Kommandohilfsgerät! … Gruppenfeuer!« und: »Gruppe!« Die Abschüsse schmetterten, Rauch wehte über die B 2 hinweg. Aus dem Keller brüllte jemand: »Feuerverbot von der Untergruppe! Jäger am Feind!« – »Wo gibt’s denn so was!« rief Kutschera, während am Himmel dumpf die Granaten detonierten. Da schrie Dusenböker: »Herr Hauptmann, die Maschine hat deutsche Hoheitsabzeichen!«

Es gab niemanden in der Batterie, der jetzt nicht zum Himmel emporblickte, auf das Flugzeug, dessen Lautlosigkeit unheimlich wirkte. »Noch eine Gruppe«, sagte Wolzow, »und er wär runtergekommen!« Die Maschine, nach einer letzten Schleife, glitt nach Süden davon.

»Das ist der Jäger, der die Lightning abgeschossen hat!« Ziesche sprach als erster von einer »neuen Waffe«. Am Nachmittag rannte Wolzow von der Schreibstube zur Baracke und zog sich rasch die Ausgehuniform an. Ein Telefonanruf hatte die Flugmelder und Geräteführer aller Batterien zur Untergruppe befohlen. Wolzow lief natürlich mit. In einer Wolke von Bierdunst kehrte er am Abend in die Stube zurück.

Man schlief schon. »Los, raustreten, ihr Penner!« Er saß auf dem Tisch und berichtete: »Wir waren auf dem Fliegerhorst. Dann sind wir alle noch ins Café Italia, und die Olle hat ein Faß Starkbier angestochen, abgesteckt, angesteckt mein ich.« – »Was ist mit der Maschine?« rief Holt. – »Tolle Sache.« Es handle sich um ein neues Jagdflugzeug. »Raketenjäger!« sagte Wolzow. »Heißt Me 163. Soll phantastisch schnell sein, über tausend Stundenkilometer …« Seine Worte gingen in Geschrei unter. »Ruhe!« Der Jäger habe westlich Dortmund tatsächlich die Lightning abgeschossen. »Der Raketensatz brennt bloß kurze Zeit, dann muß die Maschine irgendwo bauchlanden. Der Pilot hat ganz schön geflucht. Hatte nicht mal Erkennungszeichen mit. Es sollen noch andere neue Typen in Erprobung sein. Me 262, das ist ein Strahlflugzeug, wie das funktioniert, das weiß keiner.«

Die Wende des Luftkrieges! dachte Holt. Im Einschlafen sah er Schwärme der neuen Jäger die Bomber hinwegfegen … Und ich, dachte er, war oft so wankelmütig und schwach …

 

Im Café Italia saßen am nächsten Tag Luftwaffenhelfer aller Batterien. Das gestrige Ereignis entzündete die Phantasie. Man erzählte unglaubliche Geschichten und sagte den neuen Maschinen die Vernichtung ganzer Bomberverbände nach. Das unvermittelte Ende der Luftoffensive wurde den neuen Jägern zugeschrieben.

Holt hockte in einem angenehmen Zustand von Schläfrigkeit auf dem alten Plüschsofa und ließ sich von den Mädchen etwas über einen Sanitätseinsatz erzählen, auf den sie sich vorbereiteten. Er hörte nicht zu und überlegte, ob um diese Zeit Frau Ziesche daheim erreichbar sei. Er ließ die Mädchen sitzen und lief durch die zerstörten Straßen. Aus den Krupp-Werken ergoß sich zum Schichtwechsel ein Strom von Menschen. Die Fabriken sind nicht totzukriegen, dachte er.

Frau Ziesche zeigte sich über seinen Besuch erfreut und hörte sich geduldig den Bericht über das rätselhafte Flugzeug an. »Rom hat dein Raketenjäger jedenfalls nicht gerettet«, sagte sie, und er ärgerte sich. Sie gingen zusammen ins Kino. Der uralte Kriminalstreifen beeindruckte Holt wenig, aber die Aufnahmen der Wochenschau verfolgte er mit Interesse. Da waren Panzer zu sehen, die sich mit Sturmgeschützen herumschlugen.

Draußen empfing sie ein klarer und milder Sommerabend. Der böige Wind milderte die Hitze. Sie gingen langsam durch die Straßen einer Villenvorstadt. Nirgendwo Grün, nur Staub und Ruß, die Luft verraucht und unrein … Holt erinnerte sich an die uferlosen Wälder, an Berge und Steinbruch. »Wenn man verreisen könnte, jetzt im Sommer«, sagte er.

Sie sah ihn prüfend von der Seite an, dann lief sie eine Weile wortlos neben ihm her. »Du warst in der letzten Zeit oft patzig und ungezogen.« – »Du mußt das verstehen«, erwiderte Holt. »Im April, im Mai, es war fast zuviel … Die Nerven … Außerdem …« – »Außerdem?« – »Ich war in einer verdammten Krise«, sagte Holt. »Jetzt, wo es hinter mir liegt, seh ich erst, wie zerrüttet ich war. Ich hatte Zweifel an allem. Am Endsieg, an mir selbst. Ja, ich hab …« Sie stieß ihn, da er innehielt, ermunternd mit dem Ellenbogen an. »Ich hab nicht mehr gewußt, ob ich dich … mag.«

Sie lachte klingend und drückte seinen Arm. »Auf den Scheiterhaufen mit dem Ketzer!« Er fragte: »Bist du mir böse?« – »Schrecklich!« sagte sie. »Du wirst feierlich abschwören müssen!«

Die Straßenzüge ringsum lagen in Schutt. Über den Ruinen, über sattem Unkraut stand friedlich der Abend. »Es ist heute wie am Anfang, als ich dich kennenlernte«, sagte Holt. »Was hast du eigentlich gedacht, damals auf der Straße?«

»So fragt man nicht«, antwortete sie. »Du wirst es nie lernen! Man zwingt eine Frau nicht, über etwas nachzudenken, das besser ungedacht und unklar bleibt. Frauen wollen nicht nachdenken über ihr Gefühl.« – »Warum nicht?« Sie sagte nachdenklich: »Warum soll ich mir meiner Schwäche bewußt werden? Aber du verstehst das nicht. Bei euch ist das anders. Ein Mann fühlt sich bestätigt in Eitelkeit und Herrschsucht …« Er verstand sie nur halb. »Ich hab mich wie ein Sklave gefühlt, damals.« – »Mit den Jahren gibt sich das hoffentlich«, sagte sie lachend. »Die Frau will ja auch ein bißchen Furcht haben vor dem Mann, sonst wird es langweilig.«

»Wie konnte ich damals ahnen«, sagte er unwillig, »daß du …« – »Sprich es nur ruhig aus«, erwiderte sie. »Daß ich als verheiratete Frau, und so weiter, das meinst du doch? Es ist eben deine Unerfahrenheit. Sonst hättest du gewußt, daß verheiratete Frauen am leichtesten zu erobern sind.« Sie setzte, in einem Tonfall von Trotz, hinzu: »Jede verheiratete Frau ist zu haben. Jede! Der Mann muß die Frau nur fühlen lassen, daß Widerstand nutzlos ist.«

Das Gespräch behagte ihm nicht, es erinnerte ihn an all das Zweifelhafte, Anrüchige in seiner Beziehung zu ihr. Er sagte ablenkend: »Und doch glaube ich, du würdest es mir sehr übelnehmen, wenn ich einmal den Kopf gegen dich durchsetzen wollte!« – »Weil dein Trotz immer den gleichen dummen Grund hat!« rief sie aufgebracht.

»Verstehst du das nicht?« fragte er. »Kannst du nicht einsehen, wie schwer es für mich ist, in deinem Leben nur … eine Randfigur zu sein!«

»Du bist dumm! Du bist auf ein Stück Papier eifersüchtig. Du wirst nächstens noch meinen Hauswirt hassen, an den bindet mich nämlich auch ein formeller Vertrag! Wenn du großes Kind ein wenig erfahrener wärst«, rief sie, »dann würdest du einsehen, daß höchstens er Grund hätte …« Sie schwieg unvermittelt. »Ich hab schon viel zuviel gesagt!« Sie ging rascher. »Vielleicht lassen sie uns heute einmal zufrieden!«

Tatsächlich verging die Nacht ohne Fliegeralarm. Am frühen Morgen schlief Holt fest und traumlos. Da weckte Frau Ziesche ihn unsanft. Er hatte so gründlich Batterie, Krieg und Kanone vergessen, daß ihn das Wachwerden wie eine Enttäuschung überkam. »Hör zu!« rief Frau Ziesche, die Hand am Lautstärkeregler des kleinen Radios, das auf ihrem Nachttisch stand.

Holt blinzelte. Aus dem Radio drangen Worte. »… hat der Feind seinen seit langem vorbereiteten und von uns erwarteten Angriff auf Westeuropa begonnen … zu ihrem blutigen Opfergang auf Befehl Moskaus angetreten … gelang dem Feind, von See her an mehreren Stellen … im Gebiet der Seine-Bucht starke Luftlandeverbände … Treffer auf Schlachtschiffseinheiten … Kampf gegen die Invasionstruppen ist in vollem Gange …« Sie schaltete ab und schüttelte ihn: »Wach endlich auf!« Dann sagte sie: »Da hast du’s!« Er zog sich fröstelnd die Steppdecke bis unter das Kinn. »Es wird ein neues Dieppe geben!« Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. »Jetzt versteh ich! Deshalb haben uns die Bomber in Ruhe gelassen!«

Frau Ziesche schob ihm eine angebrannte Zigarette zwischen die Lippen. »Nun ist es doch ein Zweifrontenkrieg!« Er rang noch mit der Enttäuschung, aber er sagte: »Sei nicht so pessimistisch!« Frau Ziesche folgte ihm ins Bad. Er rasierte sich. Sie steckte sich mit nackten Armen die Haare hoch und fragte: »Du willst in die Batterie?« – »Da gehör ich jetzt wohl hin«, antwortete er.

 

Günter Ziesche stand vor der Baracke, von ein paar der Neuen aus Schlesien umgeben. »Nun können wir endlich auch die amerikanischen Truppen vernichtende Schläge fühlen lassen!« Vetter steckte den Kopf mit verwildertem Haar aus dem Fenster und spottete: »Paß auf, daß die Bomber dich nicht mal vernichtende Schläge auf den Gehirnkasten fühlen lassen!« Während des Unterrichts stand Wolzow in der Stube über seinen Landkarten. Wenige Tage später beugte er sich noch tiefer, noch nachdenklicher über den Tisch. »Die Russen greifen die karelische Landenge an!« Ziesche erklärte: »Dieser russische Angriff in Karelien ist nichts als ein Schwächezeichen« – »In der Normandie«, fuhr Wolzow fort, »haben sich gestern die beiden Landeköpfe vereinigt!« – »Um so besser!« rief Ziesche. »Da können wir sie in einem Ansturm ins Meer werfen!« Der Sprecher, in Ziesches kleinem Radio, sagte: »Der Sturm hat begonnen. Die Brust hebt sich im Vorgefühl wahrhaft entscheidender Stunde.« Wolzow, über seiner Karte, kratzte sich lange den Kopf.

Zum Nachmittagsappell ließ sich wieder einmal Kutschera sehen. »Herhörn! Ich hab eine Nachricht, wird heut durch den Rundfunk kommen, ’s geht los! Die Stunde der Vergeltung ist da! Ruhe im Glied! Seit heute morgen liegt London unter dem pausenlosen Feuer neuartiger deutscher Sprengkörper schwersten Kalibers.« Nach einigen Tagen wurden Einzelheiten bekannt, und der Name: »V 1«.

Holt registrierte Hochgefühl und Niedergeschlagenheit in jähem Wechsel, ein Auf und Ab seiner Stimmung, das ihn erschreckte. Die Nachrichten vom Einsatz der neuartigen Sprengkörper machten die niederdrückenden Meldungen aus Frankreich vergessen. Als Rundfunk und Zeitungen sich in optimistischen Meldungen überschlugen, war Gomulka der einzige, der darüber die Hiobsbotschaft zur Kenntnis nahm: »Die Amerikaner sind aus dem Landekopf Cotentin herausgestoßen.« Tags darauf wurde der Fall von St. Sauveur gemeldet.

Mit voller Wucht setzten nun wieder die britischen und amerikanischen Luftangriffe ein. Rasch hintereinander flogen die Amerikaner Tagesangriffe auf verschiedene Industriewerke der engeren Umgebung, die Briten Nachtangriffe auf Oberhausen, Duisburg und Gelsenkirchen. Eines Nachts wurden die Gelsenkirchener Hydrierwerke getroffen und brannten tagelang. Schießen und Munitionsschleppen füllte im alten Rhythmus das Leben der Jungen aus. Die Luftlagemeldungen berichteten nun immer häufiger von lebhafter Feindtätigkeit in weit östlich liegenden Räumen. Die Zahl der Einflüge und der eingesetzten Maschinen nahm zu. Die Luftkämpfe am Tag ließen langsam nach, die Stunde kam, da Wolzow sagte: »Sie haben die Luftherrschaft über dem Reichsgebiet!« Eines Nachts schossen sie mehr als hundert Gruppen; anschließend schleppten sie Munition, bis sie vor Erschöpfung taumelten. Da war es Gomulka, der in einem Koller von Wut Ziesche anschrie: »Ich denke, durch ›unsere verbissene Abwehr‹ haben die Bomber den Atem verloren, was?«

Optimismus und Begeisterung gehörten vollends der Vergangenheit an, als eine Nachricht, erst als Gerücht durchgesickert, dann bestätigt, die Jungen in Furcht versetzte: Nördlich Recklinghausen, auch bei Duisburg und Dortmund waren Flakbatterien bombardiert worden. Pfadfinder hatten am hellichten Tage das Batteriegelände mit Rauchzeichen abgesteckt und die Bomber in mehreren Wellen ihre Last auf die Kanonen geschüttet.

»Wir kommen auch dran!« sagte Gomulka. Holt hatte Angst. Die Alarmglocke jagte ihm einen Schauer der Furcht über den Rücken. Erst wenn die Kanonen losdonnerten, wurde er ruhiger. Ich muß die Angst unterkriegen, ich muß! Nach einiger Zeit sagte er sich: Ich werde nicht schlimmer versagen als alle anderen. Auch die anderen haben Angst.

Ziesche hörte dreimal wöchentlich die Kommentare Hans Fritzsches und versuchte anschließend, die Jungen mit neuen Argumenten von besserer Führung und kommender Stunde aufzupulvern. Wolzow stand unterdessen nachdenklich über der Karte. »Großoffensive im Osten«, sagte er. »Männer, da ist was los!« Seine Gelassenheit wurde Holt unheimlich.

 

Ziesche hatte Ausgang, Rutscher und Vetter spielten mit Kirsch in der Kantine Skat. Wolzow holte seine Landkarten aus dem Spind. Holt sprang in einem plötzlichen Entschluß vom Bett und fragte mit gespielter Gleichgültigkeit: »Was gibt’s Neues?« Gleich war auch Gomulka da.

»Es sieht ernst aus!« sagte Wolzow. »Die Halbinsel Cotentin ist in amerikanischen Händen.« Er faltete die Karte von Frankreich auseinander. Holt verfolgte die Zirkelspitze, mit der Wolzow nun auf Cherbourg tippte, und sagte erleichtert: »Das ist die Halbinsel Cotentin? Aber das ist ja nur ein ganz kleines Stück von Frankreich!«

»Es ist immerhin ein strategischer Raum«, erklärte Wolzow. »Jetzt können sie sich einen großzügigen Aufmarsch leisten. Doch das alles ist noch recht harmlos, wenn man’s mit der Ostfront vergleicht.«

»Sieht’s dort so böse aus?« fragte Holt bedrückt.

Wolzow schnob durch die Nase. Er legte die Karte von Osteuropa auf den Tisch. Da öffnete sich die Tür. Gottesknecht trat ein. »Weitermachen!« Er sah sich prüfend in der Stube um. »Die Herren bei der Lagebesprechung, wenn ich mich nicht irre? Na, Wolzow, auf Ihre Lagebeurteilung bin ich gespannt! Schießen Sie los.«

Wolzow schaute Gottesknecht mit schräggelegtem Kopf an, als wolle er sagen: Du hast mir gerade noch gefehlt! Dann meinte er zögernd: »Aber ich muß mir das alles rekonstruieren, das ist gar nicht so einfach.« – »Rekonstruieren? Wie meinen Sie das?« – »Na, eben zusammenbasteln. Der Wehrmachtbericht gibt ja keinen Überblick. Da wird hier mal ’n örtlicher Einbruch, dort eine Absetzbewegung gemeldet und ab und zu ein paar Ortsnamen. Bloß die Kommentare im ›Völkischen‹ verraten was davon, wie’s wirklich aussieht, da muß man sich ein Bild von den Geschehnissen zusammenstückeln.«

»Also stückeln Sie«, sagte Gottesknecht. »Lassen Sie hören! Aber wenn Sie Unsinn reden, gibt’s Mangelhaft!«

»Bis zum 20. Juni«, begann Wolzow, »stand die deutsche Front etwa folgendermaßen: von der Schwarzmeerküste westlich Odessa über Jassy zu den Karpaten, nach Norden über Brody bis zum Pripjet. Dort schloß sich der Mittelabschnitt als ein dicker Bogen an, der etwa dreihundert Kilometer nach Osten verlief, den Pripjet entlang, dann nordöstlich bis Rogatschow und Shlobin, nun im Bogen über den Dnepr nach Norden und zurück aufs westliche Dneprufer, um Witebsk vorgebuchtet, dann ein Stück zurück nach Westen bis Polozk. Dort schloß sich der Nordabschnitt an, dessen Front steil nach Norden bis zum Peipus-See und weiter bis Narwa führte.« Er zeigte den Frontverlauf auf der Karte. »Wenn ich mir diesen Frontbogen angeschaut habe, ist mir ganz komisch geworden, weil man ja in jedem Lehrbuch der Strategie und Taktik nachlesen kann, daß solche Frontbögen fast immer ins Auge gehn, siehe Stalingrad! Die riesige Südflanke im Mittelabschnitt, hier, wo sie von Westen dreihundert Kilometer lang nach Osten läuft, ist zwar durch die Pripjet-Sümpfe gedeckt, wo im Sommer kein Mensch Krieg führen kann. Trotzdem ist dieser Bogen mit seiner riesenlangen Front ein weiches Ei, wenn ich mal so sagen darf.«

»Sie dürfen.«

»Tatsächlich haben die Russen nun diesen Frontbogen angegriffen, an vier Stellen, zwischen dem einundzwanzigsten und dreiundzwanzigsten, hier, beiderseits Witebsk, dann hier bei Orscha, bei Mogilew und schließlich beiderseits Bobruisk. Der Wehrmachtbericht sprach schon nach dem ersten Angriffstag von ›örtlichen Einbrüchen‹, die ›abgeriegelt‹ worden wären. Das hat wohl nur bis zum nächsten Morgen gestimmt. Nehmen wir als Beispiel die beiden Einbrüche nördlich und südlich Witebsk: am einundzwanzigsten begann dort der Angriff, spätestens am dreiundzwanzigsten waren die Russen an beiden Stellen durch die deutsche Front gebrochen und am vierundzwanzigsten müssen sich beide Stoßkeile vereinigt haben. Daß Witebsk trotzdem noch tagelang im Wehrmachtbericht genannt wurde, der übliche Kram mit schweren Abwehrkämpfen und so, das beweist, daß …« Wolzow zögerte.

»Na, was denn?« fragte Gottesknecht.

»Herr Wachtmeister, wenn die Russen schon im Vormarsch weit nach Westen sind und östlich davon im Raum Witebsk schwere Kämpfe gemeldet werden, dann nenne ich das einen Kessel.«

Schweigen. Gottesknecht riß ein Streichholz an und rauchte.

»Die Falle um Witebsk ist zu«, fuhr Wolzow fort. »Die Russen stoßen so rasch nach Westen vor, daß mir ganz mulmig ist! Dasselbe muß sich im Angriffsraum Orscha–Mogilew abgespielt haben: es hieß ›örtliche Einbrüche‹, einen Tag später fallen Namen von Orten, die viel weiter westlich liegen. Am schlimmsten aber sieht es hier aus: der Stoß auf Bobruisk muß mit unheimlicher Wucht geführt worden sein. Ich hab besonders aufgepaßt, wann die Russen nördlich Bobruisk den Dnepr erreicht haben. Es klingt wie ein Witz, Herr Wachtmeister, aber die Russen müssen tatsächlich gleichzeitig mit unseren Divisionen über den Fluß gegangen sein! Jedenfalls gibt es zur Zeit zwischen Mogilew und Beresino Abwehrkämpfe, während im Raum Mogilew, Orscha und Bobruisk noch gekämpft wird; dort scheint der größte Kessel entstanden zu sein.« Wolzow legte den Zirkel hin und stützte beide Hände auf den Tisch. »Orscha ist gefallen, Mogilew und Bobruisk sind abgeschnitten. In dem tiefen Raum zwischen dem Dnepr und der Beresina operieren die Russen. Sie müssen jeden Tag die Beresina erreichen. Offenbar haben sie Bewegungsfreiheit, während im Norden die Front von Narwa bis Polozk frei in der Luft hängt, mit offener Südflanke. Die nördlich Witebsk durchgebrochenen Keile brauchen nur nach Norden einzudrehen, um Polozk zu umgehen, wenn sie nicht etwas anderes im Schilde führen, nämlich in einer weiten Umfassungsbewegung den ganzen Mittelabschnitt bis Minsk einzuschnüren und dabei möglichst rasch zur ostpreußischen Grenze durchzustoßen.«

Gottesknecht war sehr ernst, als er fragte: »Und was ist da zu tun?«

Wolzow begann zu grinsen. »Eine Prüfungsfrage für’n Generalstäbler ist das, Herr Wachtmeister! Nach den klassischen Regeln der Kriegskunst gilt noch immer der Satz, unter allen Umständen eine Umklammerung durch den Feind zu vermeiden. Ich würde versuchen, auf der Linie Minsk–Sluzk eine neue Front aufzubauen.«

Gottesknecht betrachtete lange die Karte; dann sagte er, ohne den Blick zu heben: »Da käm Ihre neue Front aber schon verdammt nahe an Ostpreußen heran!«

Wolzow hob die Schultern. »Vor der Linie Dünaburg–Minsk– Sluzk, da geh ich jede Wette ein, bringt die Russen kein Mensch mehr zum Stehen!«

Gottesknecht setzte seine Mütze auf, rückte sie umständlich zurecht und sah Wolzow mit einem dunklen Blick an. »Sie haben doch Vertrauen zur Führung, Wolzow?« fragte er.

»Jawohl, Herr Wachtmeister!«

Gottesknecht klopfte mit dem Knöchel hart auf den Tisch. »Ich würde nicht gar zu oft solche ›Lagebesprechungen‹ abhalten! Ich empfehle Ihnen dringend, in unerschütterlichem Vertrauen auf unseren Führer zu blicken, besonders immer dann, wenn Ziesche im Zimmer ist. Haben Sie mich verstanden?«

»Jawohl, Herr Wachtmeister!«

»Großartig! Na, Holt, und Sie? Was hocken Sie denn auf einmal so traurig in der Ecke?« Er wandte sich an Wolzow. »Sehen Sie sich mal Ihren Freund an! Ich bin ja Psychologe genug, um zu wissen, daß der Holt voller Zuversicht auf den Endsieg baut, und wenn er jetzt so niedergeschmettert in der Ecke sitzt, dann bloß, weil ihm wieder mal irgendeine Weibergeschichte über den Kopf wächst. Aber der Ziesche, oder so einer, der könnte jetzt auf Holt zeigen und sagen: Der Wolzow hat ihn moralisch fertiggemacht mit seiner defätistischen Einschätzung der Lage! Er könnte zum Chef laufen und eine bildschöne Meldung machen: Der Wolzow zersetzt die Wehrkraft seiner Kameraden! Und wie das weitergeht, so mit Tatbericht und allem Komfort, das ist Ihnen ja bekannt. Sehen Sie, und wir wollen doch unter allen Umständen vermeiden, daß so was passiert, nicht?«

»Jawohl, Herr Wachtmeister!«

»Na also. Und Sie, Holt, Sie ziehn ein anderes Gesicht, aber sofort! Sie sind überhaupt ein ganz wankelmütiger Mensch! Kaum hat Ihnen die V 1 ein bißchen die Moral aufgemöbelt, da genügt ein Blick auf die Karte, und Sie kippen aus den Pantinen. Schlecht, Holt! Nehmen Sie sich ein Beispiel an Wolzow, der hat eine geradezu napoleonische Gelassenheit … Gesundheitlich geht’s Ihnen doch gut, Holt?«

»Jawohl«, sagte Holt, der sich verhöhnt und elend fühlte.

»Das ist immer noch die Hauptsache. Also …«, er wandte sich zur Tür, »dann haut euch mal bald aufs Ohr, Jungs, wer weiß, ob ihr heut nacht zum Schlafen kommt. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Herr Wachtmeister!«

Wolzow faltete wortlos die Karte zusammen. Gomulka trat ans Fenster und blickte in den späten Sommerabend hinaus. Holt sagte: »Wirklich ein Original, dieser Gottesknecht, nicht?« Es klang verkrampft. Er sagte leise und schnell: »Gilbert, auf Ehre und Gewissen: täuschst du dich auch nicht? Ist es wirklich so, wie du sagst?«

Wolzow antwortete: »Ich kann mich täuschen. Es kann noch viel interessanter sein, denn ich hab keine Ahnung, wieviel Divisionen in den Kesseln stecken und was weiter westlich an Reserven zur Verfügung steht.«

»Aber da versteh ich nicht, wie du so gleichgültig darüber reden kannst! Mein Gott, was soll denn werden? Es geht doch um Deutschland! Bewegt dich das gar nicht?«

»Mich?« sagte Wolzow erstaunt. »Aber man muß das doch auseinanderhalten, ob man selbst im Schlamassel drinsteckt, oder ob man die Lage allgemein beurteilt. Hier, an der Karte, da ist das wie beim Schach, wo man sich als fairer Spieler über jede schöne Kombination des Gegners freut. Außerdem nützt das doch nichts, wenn man den Kopf hängen läßt!«

»Ich kann das nicht. Ich muß immer denken: Und wie geht das weiter?«

»Woher soll ich das wissen? Der Führer wird sich schon was einfallen lassen! Das ist ja schließlich nicht der erste Krieg, wo’s mal Rückschläge gibt und doch noch gut endet. Hannibal stand nach der Schlacht bei Cannae vor dem schutzlosen Rom, da hätte keiner mehr einen Groschen fürs Römische Reich gegeben, und dann kam’s doch anders! Oder die Goten, die sind unter Totila nach Byzanz gerückt, und kein Mensch hätte sie aufhalten können, und doch hat Narses noch den Krieg gewonnen.« Er zählte weitere historische Beispiele auf. »Friedrich nach Kunersdorf … Das Marnewunder 1914, da haben die Franzosen genauso dagesessen wie heute wir und haben gedacht: die Lage ist mies!«

Die Analogien verfehlten nicht ihre Wirkung. Holt schämte sich: Ich bin wankelmütig und schwach. Nichts ist verloren, wenn ein jeder an seinem Posten ausharrt!

 

11

 

Es war ein Sonntag im Juli, das schöne Wetter hielt an. Der Tag war tropisch heiß. Dunst verschleierte den Himmel. Über den Werken ringsum lagerte der Rauch der Schlote in grauen Bänken.

Schmiedling lehnte an der Bunkerwand und erzählte, was er sich für den Urlaub alles vorgenommen habe. Ziesche horchte in den Kopfhörer und verfärbte sich. »Mehrere starke Jagdverbände über Holland! Mit Tiefangriffen muß gerechnet werden.« Tiefangriffe? dachte Holt verwundert. Warum nicht gar!

Wolzow nahm die Warnung ernst. Er schnauzte: »Seit Ostern gibt’s überall Tiefangriffe! Sepp, Werner, hängt euch an die Leitung! Nahfeuerpatronen!« – »Nahfeuer?« sagte Vetter erstaunt. »Mach bloß keine Witze!«

Ein paar Minuten verstrichen. Auf der B 2 schrie eine Stimme: »Motorengeräusch Richtung neun!« Und schon: »Verband in neun!« Fern, aber nicht allzu hoch, zog ein Schwarm einmotoriger Flugzeuge vorüber. Wolzow streifte die Feldbluse über den nackten Oberkörper. Das Motorengeräusch schwoll auf einmal mächtig an. Ziesche schrie mit einer Stimme, die sich überschlug: »Tiefflieger Richtung neun!« Holts Herzschlag setzte aus. Unwillkürlich riß er das Geschütz nach Westen herum. Eine Woge von Lärm spülte heran. Zwölf Mustang-Jäger rasten über die Stellung hinweg, stießen erst über dem Wäldchen im Osten tief herab und feuerten mit Bordkanonen und Maschinengewehren in die Schrebergärten und Laubenkolonien. »Neuer Anflug Richtung drei!« brüllte Ziesche. Die Mustangs flogen zum zweitenmal sehr tief an; sie hatten die Batterie entdeckt, lösten ein paar Bomben und schossen mit Bordwaffen auf die B 2 und Geschützstände.

Eine Druckwelle warf Holt gegen die Kanone, Rauch füllte den Geschützstand, in der Dunkelheit klirrte Stahl, Holz brach … Fern, undeutlich, überschrie Wolzow das Motorengeheul: »Werner, verdammt, nach links!« Eine fremde, entstellte Stimme: »Volle Deckung!« Das Dunkel wehte auseinander, eine einzelne Maschine raste auf den Geschützstand zu, so tief, daß hinter dem Glas der Kabine das Gesicht des Piloten maskenhaft heranwuchs. Ein Satz, Holt war im Mannschaftsbunker. Dort schnallte Wolzow den Helm fest und schrie: »Die Kanone ist hin! Der Luftvorholer läuft aus! Werner, Christian, Sepp, los … zu Berta!« Holt sprang hinter ihm her. Der graue Barackenhaufen am Fahrweg brannte. Neben dem Geschützstand ein breiter, flacher Trichter. Holt lief. Motorenlärm, der sich ins Unerträgliche steigerte. Holt warf sich hin. Wie eine Sturmbö fegte es über ihn hinweg. Er lief und erreichte den Geschützstand. Dort stemmte Wolzow den Verschluß auf. Auch Vetter und Gomulka waren da, barhäuptig, und rissen einen Munitionsbunker auf. Wolzow warf eine Nahfeuerpatrone ins Rohr. Eine Maschine raste heran, Holt zog den Kopf zwischen die Schultern. Die Kanone wankte, Wolzow schrie: »Daneben!« Holt hatte keinen Einschlag gehört, eine Rauchwolke trieb über den Geschützstand. »Links, Werner, ja, so! Weiter runter, Sepp!« Der Schuß schmetterte, die Kanone bebte, Holt dachte befreit: Gilbert schießt! Vetter brüllte: »Neuer Anflug Richtung neun!« Die Maschine war schon über die Jungen hinweg, auf dem Erdwall stiebte Dreck hoch. Wieder zog Wolzow ab, der Schuß krachte. »Feierabend! Hülsenklemmer!« Auf einmal war es ganz still. Gomulka keuchte: »Verflucht … o verflucht!«

Holt erhob sich taumelnd vom Richtsitz. Wolzow spähte über den Erdwall. Er sagte: »Sie sind weg!« Und: »Brennt ganz schön … Bloß die Chefbude steht noch!« Holt nahm den Helm ab und befühlte seinen Kopf. Das Feuer knisterte.

Sie traten ins Freie. Die B 2 wimmelte von Menschen. Bei den Geschützen im Norden rief es langgezogen: »Sa-ni-täää-ter!« Anton bot ein Bild der Verwüstung. Schmiedling lag bewegungslos in einer Blutlache. Ein paar der Schlesier standen verängstigt herum. »Helft doch dem Ziesche!« rief jemand.

Die Westwand des Geschützstandes war eingedrückt. Ziesche lag auf dem Rücken zwischen zwei Holmen, seine Beine waren bis über die Knie unter dem Erdreich begraben; er lag bewegungslos, mit offenen, hervorquellenden Augen, sein Unterkiefer bebte. Sie wuchteten einen Balken der umgestürzten Holzverschalung hoch und zogen Ziesche hervor. »Es ist nicht zu glauben! Die Beine sind heil!« – »Der Balken hat auf einem Pfahl aufgelegen«, erklärte Wolzow ungerührt, »sonst hätte er ihm die Knochen zerquetscht!«

Sie standen alle um Schmiedling herum, der auf dem Bauch lag, die Hände in den Schlackebelag des Bodens gekrallt. »Und mich hat er ›Leiche‹ genannt!« rief Vetter. »Dabei hätte der lieber auf sich selbst aufpassen sollen!« – »Halt’s Maul«, sagte Gomulka. Holt stand stumm dabei und sah auf den toten Schmiedling. Er hat vier Kinder, dachte er.

Ziesche stand unversehrt auf, alle Glieder schlotterten. »Nervenschock!« sagte Wolzow. »Das gibt sich!« – »Leitungsprobe!« rief es von der B 2. Die Leitungen waren ohne Strom. Gottesknecht trat in den Geschützstand. »Verluste?« – »Schmiedling tot«, meldete Wolzow, »und Ziesche leicht beschädigt.« – »Und das Geschütz?« – »Der Luftvorholer dürfte endgültig hinüber sein«, sagte Wolzow. Gottesknecht notierte und ging.

Fünf Tote und elf Verwundete war die Bilanz dieses Sonntagvormittags. Die Nachrichtenhelferin war in der Schreibstube umgekommen, verbrannt. Vier Geschütze waren beschädigt, zwei davon wurden bis zum Abend wieder einsatzfähig. Anton und Dora mußten in die Werkstatt gebracht werden. Bei Anton hatte ein Geschoß den Luftvorholer zerschlagen. Ein Splitter mochte Schmiedling getötet haben. Dora war von einer Splitterbombe getroffen worden, von der Bedienung waren zwei Luftwaffenhelfer gefallen und fünf verletzt. Auf der B 2 war Nadler gefallen.

 

Am Nachmittag ging der Hauptmann mit Gottesknecht durch die Stuben. Ziesche lag auf seinem Bett, noch immer mit zitternden Gliedern. Kutschera stieß die Tür auf, winkte ab und fragte: »Wie geht’s?« Sein Blick fiel auf Ziesche, der apathisch auf dem Strohsack lag. »Wie sehn Sie denn aus, Mensch?« Gottesknecht flüsterte ein paar Worte, Kutschera fragte: »Wolln Sie ins Revier?« Ziesche schüttelte den Kopf. »Nein, Herr Hauptmann.« Kutschera nickte befriedigt. Sein Blick fiel auf Holt: »Habt ihr Banditen dem Ziesche nicht eher helfen können?« – »Herr Hauptmann«, sagte Holt, »ich hab das alles erst hinterher gemerkt. Wir sind zu Berta, an was anderes hat keiner gedacht!« Wieder nickte Kutschera. »Na, Wolzow, aber ehrlich: War’s schlimm?« Wolzow legte den Kopf auf die Seite und sah den Hauptmann an: »Herr Hauptmann! Da gehören ein paar Zweizentimeter-Kanonen in die Stellung! Das Nahfeuer hat doch bloß eine moralische Wirkung!« – »Klugscheißen kann jeder«, sagte der Hauptmann und langte nach dem Türgriff. Gottesknecht sagte: »Ich schick nachher den UvD durch, zur Leitungsprobe, der Fernsprech-Bautrupp ist schon da.« Kutschera, schon in der Tür, wendete noch einmal den Kopf. »Hat jemand ’n Wunsch?« – »Waaas?« rief Vetter. »Na, Herr Hauptmann, auf das Gemetzel wär eigentlich eine Flasche Schnaps fällig, und der Küchenbulle könnte mal wieder eine Büchse Rindfleisch rausrücken!« – »Mensch«, rief Kutschera, »nischt als Fressen und Saufen im Sinn!«

Holt legte sich auf sein Bett. Er schloß die Augen. Es ist vorbei, mag es wiederkommen, es war weniger schlimm, als ich fürchtete. Ich hatte keine Zeit, Angst zu haben. Es ist wohl auch keine Zeit, Schmerz zu empfinden, wenn es trifft … Schmiedling hat ein rasches Ende gehabt. Aber dann schauderte ihn bei dem Gedanken, hilflos zu liegen wie Ziesche, den Blick zum Himmel gerichtet, wo die Jagdbomber entlangrasen … das muß furchtbar sein!

Der Sanitäter brachte Ziesche ein Schlafmittel. Kaum war er gegangen, warf Ziesche die Tabletten zum Fenster hinaus. »Richtig«, sagte Wolzow.

Holt dachte: Der Tiefangriff war schlimmer als die Bomben damals, als Fritz starb. Zemtzki, Nadler … nun sind es schon zwei aus der Klasse. Und Schmiedling.

Schmiedling, dachte Holt. Da hat er nun solche Angst vor der Front gehabt, und hier, in der Heimat, erschlägt es ihn. Vielleicht wäre er draußen am Leben geblieben. Oder sollte er fallen? War es ihm bestimmt? Wieder dachte er: Schicksal, Vorsehung … Ist alles Zufall? Schmiedling war mir immer sehr fremd, ein Mensch aus einer anderen Welt. Was für eine Welt ist das?

Der UvD riß die Tür auf. »Leitungsprobe, dalli!« Holt ging mit Wolzow und Vetter zu Berta. Eine Zugmaschine würgte Anton aus dem Geschützstand. Ein Kommando Gefangener schaufelte die Trichter zu, arbeitete an dem verwüsteten Geschützstand, besserte die Lattenroste aus und räumte den Schutt der verbrannten Baracken fort. Wolzow begann Munition zu reinigen. »Der Hülsenklemmer war nämlich überflüssig«, erklärte Vetter. Holt blickte von der Arbeit auf. Vetter war nicht mehr das dicke, weinende Kerlchen, das sich ewig zurückgesetzt fühlte. Vetter war groß und stark geworden, roh und draufgängerisch.

Kutschera ließ tatsächlich Schnaps verteilen und auch »Rindfleisch im eigenen Saft«. Wolzow öffnete eine Flasche und hielt sie Ziesche hin. »Heute«, sagte er, »bist du zuerst dran. Wenn du nicht immer so dußlig quatschen würdest, könnten wir zwei die besten Freunde sein.« Ziesche lächelte und trank. Wolzow hob ihm den Arm samt Flasche: »Bißchen mehr, Mensch!« Ziesche verschluckte sich, der Schnaps lief ihm übers Gesicht und in den Halsausschnitt. »Du bist mir ein schöner Germane«, spottete Wolzow, »kannst nicht mal saufen!« Er gab die Flasche weiter. Holt fühlte den Alkohol brennend in der Kehle. Ein Schauer lief über den Rücken. Dann breitete sich wohlige Wärme in ihm aus, Klarheit und Zufriedenheit. Das Leben ist doch schön! Das Leben ist gefährlich, aber es lohnt sich. Und jetzt ruf ich Gertie an, dachte er.

Im Keller der B 2, der nun provisorisch als Schreibstube diente, saß Gottesknecht und las den »Völkischen Beobachter«. Holt wählte Frau Ziesches Nummer. »Werner? Gott sei Dank! Hier gehen die tollsten Gerüchte um, ist es denn wahr?« – Holt vermied vor Gottesknecht jede Anrede. »Komm zu mir«, sagte Frau Ziesche. – »Das geht heut nicht.« – »Ist Ziesche wohlauf?« fragte sie endlich. »Er hat Glück gehabt«, sagte Holt, und nun mußte Gottesknecht erraten, mit wem er sprach, »er ist unverletzt, bloß mit den Nerven runter.« Er glaubte, die Verbindung sei unterbrochen. Aber da meldete sie sich wieder: »Schade, daß du nicht kommen kannst! Laß dich recht bald bei mir sehen!« – »Ja. Natürlich.« – »Und paß auf dich auf, hörst du?« Sie sorgt sich um mich, dachte er, während er den Hörer auf die Gabel legte. Er wäre gern zu ihr gefahren, nun war ihm der Sonntag verleidet. Viele Luftwaffenhelfer ließen sich von ihren Mädchen besuchen. Warum hab ich nicht eine Freundin, mit der ich mich hier sehen lassen kann?

Vetter und Rutscher gaben keine Ruhe, ehe Holt nicht mit ihnen Skat spielte. Vetter reizte: »Achtzehn …« Wolzow sagte: »Das hat mit Klugscheißerei gar nichts zu tun. Wir brauchen eine Zwozentimeter-Flak!« – »Vierundzwanzig?« wiederholte Holt unschlüssig. »Ich passe. Meinst du, daß die was nützen würde?« Vetter rief: »Vier, sieben, dreißig, drei, sechs …?« – »Und ob!« sagte Wolzow. »Wenn hier eine Vierlingsflak gestanden hätte, da wären die Fetzen geflogen!« – »Die hätten auch eine Vierlingsflak zur Sau gemacht!« – »Vierzig!« rief Vetter. Wolzow sagte brummig: »Aber von den Mustangs hätten mindestens zwei dran glauben müssen!« – »Grand!« sagte Vetter stolz.

Sie spielten. Wolzow, den »Clausewitz« vor sich, meinte: »Da haben sie nun auf der B 2 die beiden MGs, und keiner hat geschossen!« Gomulka sagte von seinem Bett her: »Es wäre auch sinnlos gewesen!« – »Vierundachtzig, siebenundachtzig, einundneunzig, Schneider!« sagte Vetter. »Heute sind fünfzehn Mann ausgefallen. Ob’s da großen Urlaub gibt?« Ziesche brummte von seinem Bett her: »Im gegenwärtigen Stadium des Krieges ist Urlaub überflüssig!« – »Kaum kann der Ziesche wieder den Mund aufmachen«, krähte Vetter, »da quatscht er dämlich! So was!« Ziesche schrie bebend: »Ich laß mir diese Beleidigungen nicht mehr gefallen!« – »Was willst du denn machen?« fragte Vetter. »Du weißt ja genau, daß wir dir nach Belieben den Popo vollhauen können!« Aber Wolzow sagte: »Christian, laß den Ziesche in Ruhe, der gehört jetzt zu uns alten Kriegern!«

Holt wechselte einen Blick mit Gomulka.

Ziesche mußte am Abend doch ins Revier gebracht werden. Das Gliederzittern wollte nicht nachlassen. »Hoffentlich wird er nicht so’n Schüttler!« sagte Rutscher. Aber der Sanitäter erklärte fachkundig: »Der kriegt Prontosil und spurt wieder.« Wolzow verbrachte den Tag in der Kantine. Am Abend erzählte er: »Dort sitzen die SS-Leute vom Russenkommando. Die schweinigeln was weg!«

 

Nachts dröhnte der Himmel von Bombermotoren. Weit im Osten fielen Leuchtzeichen. »Dortmund!« sagte Holt. Er war an Berta Geschützführer. Ringsum schoß Flak. Dann feuerte auch die 107. Batterie.

Der Lehrer fand am anderen Morgen fast keine Schüler vor. Holt, Gomulka und Wolzow halfen, Geschütz Anton in Stellung zu bringen. Der Luftvorholer war geschweißt worden. Die Kriegsgefangenen schlossen den Geschützstand. Wolzow befahl Munitionsreinigen. »Ich will so bald keinen Hülsenklemmer mehr erleben!« Sie zogen die Hemden aus und arbeiteten. »Hier an der Kanone ist das Leben noch am erträglichsten«, sagte Holt.

Am Nachmittag wurde Gefechtsschaltung befohlen. Die Luftlagemeldungen nannten Ludwigshafen, Mannheim und Schweinfurt. Weitere Bomberverbände flogen über die Alpen in den süd- und südostdeutschen Raum. Am späten Nachmittag lag Holt übermüdet auf seinem Bett. Gomulka steckte den Kopf durch die Tür und rief ihn heraus.

Er war aufgeregt. »Schau dir das an!«

Beim Kugelbaum arbeiteten die Kriegsgefangenen an einem Trichter. Der SS-Posten stieß mit dem Kolben seines Karabiners nach einem der Gefangenen, stieß ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen.

Holt lief in die Stube zurück, wo Wolzow mit Vetter und Rutscher beim Kartenspiel am Tisch saß. »Gilbert! Draußen schlägt ein SS-Mann die Gefangenen!«

»Na und …?« fragte Wolzow gedehnt. »Was gehn denn mich die Russen an!«

Ja. Was gehen uns die Russen an? »Wir sollten uns das nicht bieten lassen, Gilbert.« – »Jetzt laß mich endlich mit diesem Kroppzeug zufrieden!« schimpfte Wolzow. Aber Holt rief: »Du hast mir einmal geschworen, wenn ich dich um was bitte …«

Worauf laß ich mich ein?

Die Sache paßte Wolzow nicht. »Mit dem Burschen wirst du doch allein fertig!« Holt wußte nun ganz klar: Es ist Wahnsinn! »Gib mir einen General zum Onkel, und ich brauch keinen andern.«

Wolzow zögerte noch immer. Dann wurde er wütend. Er knallte die Karten auf den Tisch und sah Holt böse an. »Langsam ist mir egal, mit wem ich mich prügel.« Holt sah, wie unlustig Wolzow zu seinem Wort stand.

Vetter riß das Fenster auf. Sie schauten hinaus. Der mißhandelte Gefangene lag noch immer am Boden. Die anderen schaufelten. Der Posten hielt sich ein paar Meter abseits. Wolzow stapfte über den Acker und rief: »Mensch, vielleicht benimmst du dich hier ’n bißchen zivilisiert!«

»Das geht schief!« flüsterte Gomulka.

Man konnte nicht verstehen, was der Posten antwortete, hörte aber Wolzow schreien: »Wer ich bin? Ich bin der Oberhelfer Wolzow! Genügt das?« Wieder sagte der Posten etwas, trat einen Schritt zurück und hob den Karabiner, während Wolzow schimpfte: »Drisch die Iwans im Lager! Aber nicht in unserer Batterie! … Du!« schrie er, sprang zu dem Posten hin, und faßte ihn an der Bluse: »Was willst du mit der Knarre? Bist du verrückt? Nächstens schießen Deutsche auf Deutsche!« Er schüttelte den Posten und ließ ihn dann einfach stehen.

Er setzte sich wortlos wieder an den Tisch und nahm seine Karten auf. »Schiß hat er gehabt!« sagte Vetter. »Halt’s Maul!« rief Wolzow. Dann fuhr er Holt an: »Das war das erste und letzte Mal, daß ich mich von dir in so was hineinziehen lasse! Du mit deinen verrückten Ideen! Viel zu weich bist du!« Holt fuhr herum: »So! Willst du mir die Freundschaft aufkündigen?« Er schrie: »Dann sag’s doch offen! Meinst du, ich fürcht mich vor dir?«

Wolzow blickte auf Holt und sagte verblüfft: »Du bist wohl verrückt! Ich prügel mich doch nicht mit dir!« – »Einigkeit ma-ma-macht stark!« sagte Rutscher. Wolzow rief: »Du stotterst ja wieder, Mensch, du mußt dir noch mal die Mandeln rausnehmen lassen!« Das Gelächter wirkte versöhnend.

 

Die Nacht am Geschütz war lang. Kutschera hatte Kurzurlaub. In der Batterie residierte Gottesknecht. Während des Schulunterrichts saßen die Jungen dann schlafend auf ihren Schemeln. Der Lehrer las mit monotoner Stimme aus einem Buch vor.

Mitten im Unterricht holte der UvD Wolzow auf die Befehlsstelle, die immer noch als Schreibstube diente. Holt fuhr aus dem Halbschlaf empor und wechselte einen Blick mit Gomulka. Zehn Minuten später ging abermals die Tür. Gottesknecht winkte Holt.

Holt hatte Gottesknecht noch nie so ernst gesehen, so sorgenvoll und verfallen. Der erste Abend fiel ihm ein. Damals hatte Gottesknecht das Gesicht eines müden, gealterten Mannes gezeigt. Heute sah er verzweifelt aus.

»Holt, kennen Sie Wolzows Onkel, den General? Wir müssen sofort etwas unternehmen. Wolzow ist eben von der Geheimen Staatspolizei abgeholt worden.«

Holt nahm die Worte hin wie einen Schlag. Unsinnige Angst faßte ihn. »Ich konnte nichts tun«, hörte er Gottesknecht sagen. »Ihr untersteht ja nicht einmal der Militärgerichtsbarkeit, so verrückt das ist. Kriegsrechtlich seid ihr Zivilisten. Das erleichtert andererseits eine Intervention von oben.« Im Keller der B 2 hielt ein Obergefreiter Telefonwache. Gottesknecht schickte ihn hinaus, ließ sich von der Untergruppe eine Amtsleitung geben und meldete ein Blitzgespräch an. Er rief abermals die Untergruppe: »Hör mal, Kleine, ich hab blitz Berlin verlangt, leg das sofort in die Hundertsieben!«

Holt fand keinen klaren Gedanken. Schließlich fragte er mühsam: »Und weswegen …«

»Tun Sie doch nicht so!« fuhr Gottesknecht ihn an. »Das wissen Sie doch am besten! Ich kenn den Wolzow, der hätte keinen Finger gerührt. Sie stecken dahinter, Holt, kein anderer!«

»Herr Wachtmeister, ich …«

»Halten Sie den Mund! Sie haben Ihrem Freund einen schlechten Dienst erwiesen!« Gottesknecht war aufgebracht wie noch nie. »Wenn das Theater wenigstens einen Sinn gehabt hätte! Aber wegen der Russen mit der SS anzubinden, das ist doch sinnlos! Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?«

»Mir ist das alles erst hinterher eingefallen«, sagte Holt kläglich. Mitleid ist Schwäche, dachte er. Mit uns haben die Jagdbomber am Sonntag ja auch kein Mitleid gehabt! Daß mich der Gilbert bloß nicht verrät!

Das Telefon summte, Gottesknecht verzerrte das Gesicht vor Konzentration. »Bitte einen Augenblick, Herr Oberst!« Er reichte Holt den Hörer und flüsterte: »Sehn Sie zu, daß Sie den General persönlich an den Apparat bekommen!«

»Herr Oberst?« rief Holt mit heiserer Stimme. »Hier spricht Luftwaffenoberhelfer Holt. Dürfte ich bitte den Herrn Generalleutnant Wolzow sprechen? Es handelt sich um seinen Neffen!«

»Gefallen?« fragte eine scharfe Stimme.

»Nein, Herr Oberst. Aber es ist dringend!«

Fern in der Leitung klang ein Besetztzeichen. Holt sagte leise: »Er holt ihn.« Gottesknecht flüsterte hastig: »Sagen Sie, er hat sich das nur verbeten, weil’s unmittelbar vor der Baracke war! Vielleicht hat’s ihn beim Schlafen gestört oder so! Sagen Sie, es ist ein Mißverständnis!«

Am anderen Ende der Leitung wurden Schritte laut, eine ruhige Stimme sagte: »Wolzow. Was ist los?« Holt erzählte stockend, so gut es ging. Am anderen Ende schrie es: »Ich muß schon sagen, daß ich das Theater mit euch Rotzjungen langsam satt habe!«

»Herr General«, sagte Holt verzweifelt, aber der Generalleutnant schrie wütend: »Wie stellen Sie sich das vor! Bin ich der liebe Gott?« Dann klang die Stimme ruhiger: »Ich werde sehen. Mahlzeit.« Es knackte. Aus, vorbei. Holt wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Gelsenkirchen, sprechen Sie noch?« Holt legte den Hörer auf.

»Was hat er gesagt?« fragte Gottesknecht ungeduldig. Er lachte kurz. »Böse? Das glaub ich!« Erst jetzt wurde Holt völlig klar, was geschehen war. Wenn Wolzow ihn als Anstifter preisgab, dann holten sie auch ihn, und kein Generalsonkel half ihm aus der Schlinge.

»Wie bring ich das bloß dem Chef bei!« sagte Gottesknecht. »Und Sie, Holt, was machen wir, wenn die Sie auch noch holen?«

»Herr Wachtmeister«, sagte Holt, und er raffte allen Willen zusammen, trotz seiner Angst eine einigermaßen gute Figur abzugeben, »ich bitte Sie, Tatbericht einzureichen, daß … ich der Anstifter gewesen bin!« Er hoffte inbrünstig, daß Gottesknecht diesen Vorschlag ablehnen würde.

»Sie sind ein Idiot!« sagte Gottesknecht. »Unüberlegt und dumm, Holt, das ist ein bißchen viel! Jetzt kommen Sie sich wohl mächtig edel vor, bei soviel teutonischer Aufrichtigkeit, was? Sie wären imstande und machen aus einem Dummejungenstreich eine Verschwörung, mit Anstiftern, Hintermännern und Statuten. Das war und bleibt ein Dummejungenstreich, verstehen Sie? Der Wolzow prügelt sich fürs Leben gern, das weiß hier jeder. Er prügelt sich mit allen, also zufällig auch mal mit einem SS-Mann. Anlaß? Braucht er keinen. Er prügelt sich aus Sport. Dabei bleiben wir, Holt! Es hat keinen Anlaß gegeben! Den Wolzow ärgert manchmal die Fliege an der Wand, und dann sucht er Händel. So war es auch gestern.«

»Jawohl, Herr Wachtmeister!«

»Merken Sie sich das, wenn der Chef Sie fragt, oder ein anderer. Was mach ich mit Ihnen?« Er überlegte. »Sie verschwinden. Wenn man nach Ihnen fragen sollte, sag ich, Sie haben Urlaub. So gewinnen wir Zeit, bis sich der General einschaltet. Morgen früh sind Sie wieder hier. Bewegen Sie sich ein bißchen vorsichtig. Warten Sie am Geschütz Anton auf mich, ich sag Ihnen dort Bescheid, wie die Dinge liegen. Verschwinden Sie.«

»Oberhelfer Holt meldet sich ab auf Nachturlaub!«

»Wer weiß noch von der Sache?«

»Gomulka, Rutscher und Vetter.«

Gottesknecht schüttelte den Kopf, als könne er alles gar nicht fassen.

 

Holt zog sich um und lief dann durch den Wald zur Straßenbahn. Aber er ging zu Fuß. Ein Glück, daß es Gertie gibt! Er läutete bei ihr an. Doch niemand meldete sich. Er setzte sich in einem Lokal abseits in eine Ecke. Vielleicht fahnden sie schon nach mir!

Geheime Staatspolizei, Gestapo, ein geläufiges Wort. Die Vorstellung, die sich mit diesem Wort verband, war vage und unklar. Holt erinnerte sich, wie Knack im Geschichtsunterricht den Charakter aller nationalsozialistischen Organisationen erläutert hatte, auch Wesen und Aufgabe der Geheimen Staatspolizei. Holt bemühte sich, einige dieser Definitionen in seinem Gedächtnis wachzurufen. Die Geheime Staatspolizei ist der unerbittliche Wächter über die innere Sicherheit des Reiches, oder so ähnlich. Das verjüngte deutsche Volk schützt seine rassische Grundlage, seine Einigkeit und Kraft hart und rücksichtslos gegen alle Anschläge des Weltjudentums, und es bedient sich hierzu der SS und der Geheimen Staatspolizei. Oder: Die Gestapo ist der Arm des Führers, der unbarmherzig allen Feinden des Reiches das Handwerk legt. Oder: Hätte es 1918 schon eine Gestapo nationalsozialistischen Gepräges gegeben, so würde die Revolution der Zuhälter und Deserteure brutal im Keim erstickt worden sein …

Jetzt erst fiel Holt auf, daß jede dieser Definitionen mit einem Beiwort wie »unbarmherzig«, »brutal« oder »rücksichtslos« versehen war, was den Begriff »Geheime Staatspolizei« mit dem Geruch des Schrecklichen umgab. Womit hab ich angebunden! Was hab ich herausgefordert! Wie soll das enden! Immer neue Erinnerungen tauchten in seinem Bewußtsein auf, von weit her, gewaltsam aus dem Gedächtnis getilgt: »… Ruths Vater ist gar nicht wieder nach Hause gekommen, und niemand weiß, wo er jetzt ist …«, das hatte Marie Krüger erzählt, »und niemand weiß, wo er jetzt ist …« – »Im Generalgouvernement bringen sie die Juden zu Hunderttausenden um, die SS …«, das war Gertie. Und der alte Mann in seinem muffigen Zimmer: »… tötet die SS heute Hunderttausende von Menschen.«

Eine Welt des Grauens tat sich auf.

Er sprang auf, warf einen Geldschein auf den Tisch und trat ins Freie. Er lief in eine Telefonzelle. Sie war außer Betrieb. Er rannte planlos durch zerstörte Straßen, bis er ein Postamt fand. Endlich meldete sich Frau Ziesche. »Ich komm eben nach Hause, ich war bei Günter im Revier … Was gibt’s? Wo sprichst du?« Er sagte: »Ich kann heut nicht in die Batterie zurück, erst morgen früh … Bitte, darf ich bei dir bleiben?« Sie lachte. Er begriff nicht, warum sie so lachte. »Komm schon!« Befreit hängte er den Hörer auf. Fürs erste war er geborgen.

Sie empfing ihn, nahm ihm den Stahlhelm ab und schob, als sie ihn ins Zimmer geleitete, gutgelaunt ihren Arm unter den seinen. »Was ist das für eine neue Mode?« sagte sie. »Meinst du wirklich, du mußt Gruselgeschichten erfinden, wenn du bei mir bleiben willst?« Jetzt wurde ihm klar, warum sie vorhin so gelacht hatte, und er sagte unwillig: »Du irrst dich. Ich bin in einer schlimmen Situation!«

Sie hörte sich an, was er erzählte, und während sie zuhörte, gefror ihr Gesicht. Noch ehe er fertig war, erhob sie sich, stellte das Radio ab und entzündete in nervöser Hast eine Zigarette. »Und was hast du damit zu tun?« – »Ich hab Wolzow angestiftet«, sagte er.

»Bist du denn nicht bei Trost?« sagte sie erregt. »Wie kannst du so etwas tun?« Er blickte ihr in das blasse, feindselig verschlossene Gesicht, tief enttäuscht. »Du hast recht«, sagte er müde. »Ich weiß, daß es nicht richtig war. Aber Verständnis solltest du eigentlich dafür haben.«

»Nein!« sagte sie scharf. »Da täuschst du dich gewaltig in mir. Ich bin eine deutsche Frau! Für so was habe ich nicht die Spur Verständnis!«

»Was denn, was denn«, sagte er fassungslos. »Wer hat mich denn konfus gemacht mit ›russischer Seele‹?« – »Ach …«, sagte sie gedehnt und sah ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an. »Jetzt soll ich wohl an diesem Wahnsinn schuld sein?« – »Jawohl, du!« rief er, außer sich vor Zorn. »Streng dich nur ein bißchen an und erinnere dich!«

»So nicht, mein Lieber«, sagte sie leise, aber drohend. »So auf gar keinen Fall! Du möchtest mich wohl in die Sache hineinziehen, ja? Gib dich keinen Illusionen hin, ich habe mehr Rückgrat als du!« Sie beugte sich über den Rauchtisch, das entstellte Gesicht ihm zugewendet: »Treib mich nicht so weit, daß ich Ziesche gegen dich zu Hilfe rufen muß!«

Holt fühlte, wie ihn die Beherrschung verließ. Er wollte Frau Ziesche anschreien. Aber da erfaßte ihn verzweifelte Schwäche. Apathisch saß er im Sessel. War also Geschwätz, was sie von »russischer Seele« erzählt hat, dachte er, hat sie gar nicht ernst gemeint …

»Such die Schuld erst einmal bei dir«, sagte Frau Ziesche, »bei den Einflüsterungen deines sauberen Herrn Vaters, bei deiner persönlichen Laschheit, der undeutschen Toleranz …!«

Das ist allerhand! dachte Holt empört, und nun wurden auch in ihm gemeine Gedanken hochgespült. »Drohen …«, sagte er, »mit deinem Mann drohen ist sinnlos! Du denkst nämlich gar nicht daran, ihn gegen mich auszuspielen, ich könnte ihm immerhin ein paar … interessante Einzelheiten aus deinem Leben erzählen.« Das war deutlich. Sie stieß nervös die Zigarette in die Aschenschale. Er sah mit Genugtuung, daß er die rechte Tonart gefunden hatte.

»Du entpuppst dich ja in einer netten Weise«, sagte sie. Er fiel ihr ins Wort: »Ich hab nicht zu drohen angefangen!«

Sie schwiegen beide. »Ich hab gedacht, du hilfst mir«, sagte er, »stehst mir bei … Aber du bist ja so unbeschreiblich falsch, daß …« Jetzt fiel sie ihm ins Wort: »Du hast kein Recht, so mit mir zu sprechen!«

»Nein?« fragte er. Zum erstenmal im Leben war er zynisch: »Da möcht ich wissen, was man noch anstellen muß mit dir, eh man dieses Recht hat!« Das traf sie wie ein Schlag ins Gesicht.

»So!« sagte er und stand auf. »Ich geh!« Er hatte keine Freude mehr daran, sie beschimpft zu haben, er empfand weder Scham noch Genugtuung, er fühlte in diesem Augenblick nur Gleichgültigkeit und dahinter dunkel und drohend die Angst. Auf dem Korridor konnte er seinen Stahlhelm nicht finden. Als er ihn schließlich auf einem Korbstuhl liegen sah, öffnete sich die Wohnzimmertür; Frau Ziesche war bleich, und die dunklen Augen glühten in dem blassen Gesicht. Leise, doch sehr deutlich sagte sie: »Du unverschämter Kerl wirst dich jetzt sofort bei mir entschuldigen!« Er schaute sie ein wenig verwundert an und kam nicht los von ihrem Blick. Er sagte: »Es tut mir leid.« Er faßte ihre Hand: »Verzeih mir.«

 

»Wolltest du wirklich fort?« fragte sie später. – »Ja.« – »Und an mich hast du nicht gedacht?« – »Nein. Aber du hättest mir gefehlt.« – »Du bist ein dummer, unverschämter Junge«, flüsterte sie. »Und du bist falsch«, sagte er, noch immer böse. Aber sie drängte sich gegen ihn. »Jetzt bin ich nicht falsch«, flüsterte sie. Die Sirene trieb sie hoch.

Voralarm. Während Holt die Uniform überzog, stellte sie im Wohnzimmer das Radio an. Starke feindliche Kampfverbände im Anflug über der deutschen Bucht. Aller Voraussicht nach galt das nicht ihnen. »Wir hätten uns Zeit lassen können«, sagte er. Sie richtete im Wohnzimmer den Teetisch her, nun saßen sie ohne Licht vor den weitgeöffneten Fenstern. Kurz vor Mitternacht heulten die Sirenen Vollalarm. »Ich hätte mich doch lieber anziehen sollen«, sagte sie, noch immer im Kimono. Er beruhigte sie: »Es sind abfliegende Verbände.« Zwanzig Minuten lang zogen die Bomber vorbei. Flak grollte im Norden. Sie standen am Fenster. Entwarnung! Sie sagte: »Jetzt ruf ich in der Batterie an und frag nach dir!« – »Mitten in der Nacht? Frag lieber nur, wenn sich Gottesknecht meldet, er wird bestimmt noch auf der B 2 sein!«

Holt brachte sein Ohr dicht an ihr Gesicht; so konnte er mithören. Gottesknecht meldete sich. »Holt? Wer spricht denn da? Ach so! Nein, Holt hat Ausgang. Er wird morgen früh zu sprechen sein. Hier liegen günstige Nachrichten für ihn.« Frau Ziesche sagte noch: »Das hört man gern!« Holt warf sich aufatmend in einen Sessel.

Am Morgen schob sie ihm ein großes zusammengerolltes Heft unter den Arm. »Schau dir das an, damit du siehst, für wen du dich eingesetzt hast.« Er stopfte die Zeitschrift durchs Koppel und rückte die Mütze zurecht, sie stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte, den Mund an seinem Ohr: »Komm bald wieder!«

In der Straßenbahn nahm er sich das Heft vor. Vom Titelblatt grinste ihn eine grauenhafte Menschenfratze an. Darunter große, fahle Buchstaben: »Untermenschen …«, »IB Sondernummer«. Viele Seiten lang die gleichen tierischen Gesichter, mittelalterliche Teufelsmasken, verzerrt, mit gebleckten Raubtierzähnen. Ab und zu eine kurze, einprägsame Textzeile: »Das Reich ist bedroht!« Oder: »Das Antlitz Judas, lüstern nach deutschem Blute!«

 

Auf dem Batteriegelände wurden neue Baracken aufgestellt. Gottesknecht winkte Holt zu sich heran. »Wolzow ist wieder da.« Er ging neben Holt durch die Feuerstellung. »Es war ein Mißverständnis, wie ich dachte.« Holt sagte: »Ich habe Ihnen zu danken, daß …« – »Scheren Sie sich zur Hölle!« rief Gottesknecht.

In der Stube saß Wolzow, frühstückte und erklärte: »Minsk ist gefallen! Ich hab also recht behalten!« Als Holt eintrat, rief er unbefangen: »Wieder im Lande?« Er räumte Brot und Wurst in den Spind. »Sepp, Werner, kommt mal mit zur Leitungsprobe!«

Am Geschütz erzählte er. Man hatte ihn mit dem Wagen auf irgendeine Dienststelle gefahren und dort vor einen Obergruppenführer gebracht. Wolzow hatte die Anschuldigung, er habe einen SS-Mann im Dienst bedroht, sogleich zugegeben. Aber er hatte bestritten, daß dies wegen der Russen geschehen sei. Es habe sich vielmehr um eine »reine Privatsache« gehandelt, davon hatte er sich nicht abbringen lassen, auch nicht, als man drohte, die Wahrheit gewaltsam aus ihm herauszuholen. Dann war er in eine Kellerzelle gesperrt, nach zwei Stunden aber wieder herausgeholt und abermals vor den Obergruppenführer geführt worden. Inzwischen mußte schon ein Anruf aus Berlin vorgelegen haben, denn man behandelte ihn nun wesentlich sanfter. Wenn er den wahren Grund angebe, warum er den Posten bedroht habe, so könne er nach Hause gehen. Wolzow hatte sich erinnert, daß die SS-Leute am Abend vorher in der Kantine zusammengesessen und dort auf laute und rohe Weise über ihre Mädchen gewitzelt hatten. Dies gab er nun als Grund an. Die Schmähungen der SS-Leute gegenüber deutschen Frauen seien es gewesen, erklärte er, die ihn bewogen hätten, sich einige SS-Leute einzeln vorzuknöpfen, jedoch sei es dann am anderen Morgen bei dem einen geblieben. Man nahm diese Antwort zu Protokoll, auch Wolzows Bemerkung, die Anzeige sei ein »hundsgemeiner Racheakt«. »Na, und dann haben sie mich eben entlassen«, schloß er seine Erzählung. »Der Obergruppenführer hat mich noch furchtbar angebrüllt, ich soll meine Rauflust im Zaum halten, bis ich an der Front bin.«

»Du bist ganz korrekt behandelt worden?« fragte Gomulka gespannt. Wolzow sagte: »Ja. Aber im Keller, da haben die ein paar Typen als Schließer, Mensch, richtige Zähneeinschläger!«

Holt sagte: »Ich hatte Angst, du könntest mich verraten!« – »Wenn du wieder so eine verrückte Idee hast, dann such dir dazu einen andern!« fuhr Wolzow ihn an. »Von deiner Humanitätsduselei hab ich genug. Nimm dir ein Beispiel an Ziesche! Wenn’s drauf ankommt, hat der mehr soldatische Härte als du!«

Kutschera schimpfte am anderen Tag vor versammelter Mannschaft über »die verdammte Händelsucherei von dem Wolzow«. Tage später erhielt Wolzow einen wütenden Brief seines Onkels, darin er und seine Freunde mit groben Worten aufgefordert wurden, »derartige anrüchige Scherze ein für allemal zu unterlassen«. Damit war die Angelegenheit abgetan.

Die Julitage reihten sich aneinander, trocken und heiß, dann diesig und trübe. An einem regnerischen Tag wurde die Batterie zum zweiten Male von Tieffliegern angegriffen. Eine Kette Mustang-Jagdbomber stürzte sich auf die Geschütze Dora und Cäsar. Der Sachschaden war gering. Aber zwei Tote und sechs Schwerverwundete blieben liegen. Gomulka sagte: »Das ist alles erst der Anfang. Verlaß dich drauf!«