Erstes Buch

1

 

Die Stadt war bestürzend fremd. Die Kulisse der Berge fehlte; nur Hügel zogen sich am Horizont hin. Betreten, unlustig und niedergedrückt sammelte sich die Klasse vor dem Bahnhof, einem nüchternen Backsteinbau, über dessen flachem Dach die Nachmittagssonne stand.

Im Einberufungsbefehl hieß es: »Schwere Heimatflakbatterie 107/III, Großkampfbahn.« Das klang geheimnisvoll. Wolzow fragte einen Passanten. Großkampfbahn? Es war außerhalb der Stadt, sehr weit draußen, ein Sportstadion. »Da siehst du’s«, sagte Holt zu Gomulka. »Was habe ich mir nicht alles darunter vorgestellt! Und nun ist es ein Fußballplatz.« Warum kümmert sich keiner um uns? dachte er. Noch nie hatte er seine Heimatlosigkeit so deutlich empfunden wie nach dem Abschied von Uta. Wolzow erklärte: »Unaufgefordert tu ich keinen Schritt. Die wissen ja, daß wir kommen!« Um ihn scharten sich Holt, Gomulka, Vetter und Zemtzki, auch Rutscher, Weber, Branzner, Kirsch, Glaser, Gutsche, Kattner, Moebius, Schachner und Thiele. Die anderen, Nadlers Gefolgschaft, Schenke, Schönfeldt, Schulz, Götze, Grubert, Hampel, Kieback, Klein, Kuhlmann, Ebert, Kunert und Schlemm, erklärten wie auf Verabredung, es sei besser, zur Batterie hinauszumarschieren. Nadler, die grüne Führerschnur an der Uniform, ließ antreten, und die kleine Kolonne verschwand um die Ecke.

»Laß sie doch gehn, die Speichellecker, die verdammten!« sagte Wolzow mit einer wegwerfenden Handbewegung. Er überlegte. Dann ging er in eine Telefonzelle.

Holt saß bei seinem Glas Bier und hörte nicht auf das Gespräch der anderen. Der Abschied war noch nicht verwunden. Keiner wußte, was kam … Schon war der Bruch da. Nur Wolzows Faust hatte die Klasse zusammengehalten. Was hier an den Tischen saß, das waren auch bloß Statisten, die vorläufig Wolzows Macht vertrauten und doch sofort ins andere Lager überlaufen würden, wenn es der Vorteil verlangte. Auf Gomulka ist Verlaß, dachte Holt. Der wird sich nie von mir und Gilbert lossagen. Auch Vetter nicht, der hängt an Gilbert wie ein Hund. Und Zemtzki? Wer weiß?

Wolzow setzte sich zu Holt. »Das wär geschafft. In einer halben Stunde ist ein Lastwagen hier.« Er erzählte. Da sei ein Mädchen am Telefon gewesen, er habe es sehr wichtig gemacht, mit »Transportleitung und so«. »Sie hat mich ›Herr Leutnant‹ angeredet.« – Angeredet? Hoffentlich geht’s gut aus!

»Da wern die andern aber giften!« rief Vetter.

Gomulka spielte nachdenklich mit einem Bierdeckel. »Wir müssen uns vorsehen, sonst ziehn wir den kürzeren! Zu Hause konnten wir notfalls sagen, laßt uns in Ruh, in vier Wochen geht’s zur Flak … Aber hier …?«

Wolzow knallte das Bierglas auf den Tisch. »Ich werde ein erstklassiger Soldat, das steht fest.«

Draußen warf die Sonne nun schon lange Schatten über den Platz. Ein graugestrichener Lastwagen klapperte um die Ecke. Aus dem Führerhaus sprang ein Soldat, am Kragen die roten Spiegel der Flakartillerie, auf dem Ärmel einen Gefreitenwinkel. »Ich soll hier ’n Leutnant Wolzow und siebenundzwanzig Mann abholen.«

Wolzow tat erstaunt. »Da muß sich das Fräulein verhört haben!« Der Gefreite schaute mißtrauisch. »Los … rauf!« Sie warfen das Gepäck auf den Wagen. Wolzow und Holt stiegen vorn ein. Zu dritt saßen sie auf der harten Sitzbank.

Die Stadt zeigte enge, winklige Gassen, kopfsteingepflastert, und der Wagen rumpelte und holperte, ehe er die lange Chaussee zwischen Lauben und Schrebergärten hinausrollte. Der Gefreite saß stumm und mürrisch hinter dem Lenkrad. Wolzow kramte eine Handvoll Zigarren hervor. Der Gefreite schob sie gleichmütig in die Brusttasche. Nun taute er auf.

»Wie ist’s da draußen?« fragte Wolzow. »Schieben ’ne ruhige Kugel«, antwortete der Gefreite, der höchstens neunzehn Jahre alt war. »Ist ja nischt los hier!«

Der Wagen hatte eine Anhöhe erklommen. Das Gelände lag weit und offen vor ihnen. Verdrossen marschierte Nadler mit seinen Leuten den Weg entlang. »Fahr weiter!« befahl Wolzow. Der Gefreite gab Gas. Enttäuschtes Geschrei blieb hinter ihnen zurück. »Verdammte Radfahrer«, sagte Wolzow. Der Gefreite antwortete nicht.

Weit vor ihnen, auf der Anhöhe zwischen Wiesen und Äckern, zeichnete sich das Oval des Sportstadions ab und ein vielstöckiges, hohes Tribünengebäude.

Auf dem flachen Dach waren ein paar winzige, graue Gestalten erkennbar und ein großes, von einer Plane überdecktes Gerät.

»Sieht aus wie’n Horchgerät, nicht?« sagte Holt.

»Horchgerät?« Wolzow schnob durch die Nase. »Quatsch! Erstens heißt das Ringrichtungshörer, zweitens benutzt so’n Ding heut keine Sau mehr. Das ist ein Funkmeßgerät.« – »Fu-MG sagen wir«, meinte der Gefreite. Der Wagen bog von der Chaussee in einen breiten, mit Schlacke bestreuten Fahrweg. Sie näherten sich dem Stadion.

Hier, auf der Anhöhe, schien noch hell und gleißend die Abendsonne und blendete Holt. Genauso hatte das Licht die Landschaft überflutet, als er mit Uta durch den Wald gegangen war … Vor vierundzwanzig Stunden!

»Wir sind gleich da«, sagte der Gefreite.

Holt sah ein paar Baracken. Jenseits des Stadions, auf dem blanken Acker, erhoben sich im Kreis um eine größere Erdaufschüttung sechs graue Hügel. Der Gefreite hielt vor einer der Baracken. »Raus!« Sie sahen dem davonklappernden Wagen nach. Niemand kümmerte sich um sie.

»Wird schon stimmen!« sagte Wolzow. Er trat als erster durch die Barackentür. Ein schmaler Korridor und zwei einander gegenüberliegende Türen, zwei große Stuben, mit Doppelbetten und Spinden eingerichtet, unbewohnt, verdreckt und unordentlich. »Schlimmstenfalls müssen wir umziehen. Aber rumstehen demoralisiert.« Wolzow beschlagnahmte die Stube, die nach Süden lag.

Holt hatte sich ein Bett am Fenster gesichert, oben, weitab von der Tür, durch ein paar Spinde gegen Sicht gedeckt. Wolzow belegte das Bett daneben, Gomulka begnügte sich mit der unteren Lagerstatt. Der Unrat, der überall in Haufen herumlag, deprimierte Holt. Aber Wolzow nahm das Heft in die Hand. »Los, erst mal weg mit der Sauerei! Ich will mal sehn, ob ich einen Besen organisieren kann!«

Es war mäuschenstill in der Stube, aber Wolzow konnte nicht sehen, daß da ein stämmiger Mann von vielleicht fünfunddreißig Jahren breitbeinig in der Tür stand, das Käppi schief auf dem Kopf, die blaue Uniform voller Silber. Die Jungen glotzten ihn mit aufgerissenen Augen an. Holt versuchte, Wolzow ein Zeichen zu geben, aber hinter den Spinden brüllte es ungehemmt weiter: »Saustall! Da müssen ja Hottentotten drin gehaust haben!« Dann erst sah Wolzow, daß jemand in die Stube getreten war.

»Gar nicht schlecht«, sagte der Fremde. »Hottentotten ist wirklich nicht schlecht!« Er trat zwischen die Spinde, sein Blick ging über die Jungen hinweg und blieb an Kirsch hängen. »Name?«

Kirsch würgte das Brot hinunter, an dem er kaute, versuchte den Stern auf den silbergeränderten Schulterklappen zu deuten und antwortete: »Kirsch, Herr Feldwebel!«

»Schade. Bei uns heißt der Feldwebel Wachtmeister. Also noch mal: Ihr Name?«

»Kirsch, Herr Wachtmeister!«

»Jammerschade! Taucher? Frauenarzt? Kalfaktor?«

Wolzow wagte zu grinsen, und er grinste dem Vorgesetzten mitten ins Gesicht. Der zog ein wenig die Brauen hoch. Kirsch schrie, zum drittenmal: »Luftwaffenhelfer Kirsch, Herr Wachtmeister!«

»Herrlich!« Der Vorgesetzte strahlte. Holt beobachtete ihn unablässig. »Richtig! Sie sind gut! Sie merk ich mir! Aber eine Eins gibt das nicht, weil’s erst beim drittenmal geklappt hat. Eine Zwei sollen Sie haben!« Er zog ein Notizbuch aus dem Waffenrock und notierte. Dann wandte er sich Wolzow zu. »Name?« – »Luftwaffenhelfer Wolzow, Herr Wachtmeister!« – »Beruf des Vaters, Wolzow?« – »Oberst, Herr Wachtmeister! Er ist …«

»Au!« rief der Wachtmeister. »Das durfte nicht kommen, das will ich lieber nicht gehört haben! Sagen Sie schnell den Beruf Ihres Onkels, vielleicht paßt er besser!« – »Generalmajor, Herr Wachtmeister!« – »Grauenhaft!«

Holt überlegte, was daran wohl so grauenhaft sein könne, und hörte den Wachtmeister betrübt sagen: »Jetzt muß ich Ihnen Nichtgenügend geben. Wissen Sie, warum?« – »Nein, Herr Wachtmeister!«

»Diese Burschen« – er deutete auf die umstehenden Jungen – »behaupten sonst, ich ziehe Sie vor, weil Sie einen Onkel bei der Generalität haben!« Er schrieb wieder in sein Notizbuch. »Ich bedaure Sie, Wolzow! Sie werden’s bei mir sehr schwer haben!« Dann schob er das Notizbuch zwischen zwei Knöpfe seines Waffenrockes und schaute von einem zum anderen. »Ich bin Gottesknecht. Wachtmeister Gottesknecht. Ausbildungsleiter …« Das Gesicht blieb ernst und ungerührt. »Die mich kennen«, fuhr er fort, »die sagen, ich sei wirklich Gottes Knecht, aber wer hier groß angibt, der wird meinen, ich sei des Teufels.«

Er schlenderte durch die Stube. »Ich brülle nie, aber ich verteile pausenlos Zensuren, von eins bis sechs, wie in der Schule. Wer fünfmal Eins hintereinander schafft, der bekommt Extraausgang. Kommt sehr selten vor.« Er blieb vor Holt stehen, musterte ihn und fragte: »Ihr Name?«

»Luftwaffenhelfer Holt, Herr Wachtmeister!« Gottesknecht zog das Buch und notierte. »Beruf des Vaters?« – »Lebensmittelprüfer, Herr Wachtmeister«, sagte Holt vorsichtig. – »Enorm! Da müssen Sie mal den Harzer Käse hinschicken, den’s hier gibt, darin soll Gips sein, und … sonstwas, damit er besser stinkt.«

Holt lachte los, Gomulka und Wolzow lachten gleichfalls, die anderen zogen verlegene Gesichter. Der Wachtmeister strahlte. »Wahrhaftig! Sie lachen über meinen Witz! Das bringt Ihnen Sehrgut!« Er fragte Gomulka nach dem Namen und notierte. »Bei mir darf gelacht werden. Aber wer falsch lacht, bekommt Mangelhaft. Wer gar nicht lacht, bekommt pausenlos Nichtgenügend wegen Feigheit! … Gomulka, Beruf des Vaters?«

Gomulka sagte nach kurzem Zögern: »Gerichtsmitarbeiter, Herr Wachtmeister!« – »Richter?« fragte Gottesknecht mißtrauisch. »Nein, Herr Wachtmeister, Rechtsanwalt!« – »Da haben Sie aber Glück! Die Söhne der hohen Obrigkeit haben bei mir nichts zu lachen!« Er ging zur Tür. »Zwei Mann mitkommen. Besen holen, Decken holen. Revierreinigen, dann Feierabend.« Rutscher und Branzner folgten ihm.

Holt sagte zu Gomulka: »Sag bloß … Was hältst du von dem?« – »Alles Theater, alles Mache«, antwortete Wolzow. »Der ist ganz anders! Der ist eiskalt!«

 

Die Stube war sauber aufgeräumt, als endlich Nadler mit seinen Leuten in den Korridor polterte. Er zog ein verbittertes, gekränktes Gesicht und trug keine Führerschnur mehr. Wolzow wies ihm die gegenüberliegende Stube an. »Das war ganz unkameradschaftlich, daß ihr uns nicht mitgenommen habt«, klagte Nadler. »Wer sich von der Hauptmacht absondert, hat immer mit bösen Folgen zu rechnen«, erklärte Wolzow. Der semmelblonde Kattner knallte Nadler die Tür vor der Nase zu. »Die Heinis«, erzählte Rutscher, »sind Gottesknecht in die Arme gerannt. Er hat ihnen allen Mangelhaft gegeben, weil sie später gekommen sind a-a-als wir! Der Nadler hat Nichtgenügend, weil ein Luftwaffenhelfer keine F-f-führerschnur tragen darf.«

Holt winkte Gomulka nach draußen. Vor der Baracke sah er sich vorsichtig um. Die Sonne war am Versinken und stand als große, blutrote Scheibe in einer Dunstschicht über den Hügeln. Unmittelbar vor der Baracke lief der breite, schlackebestreute Weg entlang, an vier oder fünf weiteren Baracken vorbei, hinter denen sich das Stadion erhob. Rechts davon, im Norden, lag die Feuerstellung.

Vom Wege führten Lattenroste zu den Geschützständen. Vor einem der grauen Erdwälle blieben Holt und Gomulka stehen. Die Erde war etwa zwei Meter hoch aufgeschüttet, der Eingang, sauber mit Brettern verschalt, im Zickzack durch den Wall geschnitten.

Holt ging voran. Die Wände des Geschützstandes waren mit Balken abgesteift, der Boden mit Schlacke bestreut. Schwarz gähnte der Eingang eines Unterstandes. Die Kanone war mit einer erdfarbenen Persenning zugedeckt, und nur das schlanke Rohr und die Holme der Kreuzlafette schauten darunter hervor. An der Kanone stand ein großer, hagerer Bursche, der nicht viel älter als Holt sein mochte, gekleidet in eine schmucklose, graublaue Uniform ohne Spiegel und Schulterklappen. Am rechten Ohr trug er einen großen, mit dickem Gummiwulst abgedichteten Kopfhörer, um den Hals ein Kehlkopfmikrophon, dessen Schalter mit einer Klemme vorn an der Feldbluse befestigt war. Der Bursche ging einer unverständlichen Tätigkeit nach. Er lockerte die Plane, steckte ein Kabel in einen Kontakt, hob einen zweiten Kopfhörer an das freie Ohr, lauschte angestrengt, legte den Kopfhörer weg, und während er schon am Kehlkopfmikrophon schaltete, sagte er: »Anton … Zünder gut!« Dann stieg er über einen Holm, hob an einer anderen Stelle die Plane hoch, und das unverständliche Spiel wiederholte sich. »Anton … Seite gut!« Er nahm die blaue Schimütze ab, riß die Hörgarnitur und das Kehlkopfmikrophon herunter und hängte beides in den Unterstand. Dann sagte er, mit einem Blick auf Holt und Gomulka: »Na?«

»Wir sind heut angekommen. Ich heiße Holt.« – »Oberhelfer Berger.« Der Fremde deutete eine Verbeugung an. »Schon länger dabei?« fragte Holt. – »Halbes Jahr.« – Holt kramte Zigaretten hervor. Sie rauchten. »Was hast du denn eben gemacht?« fragte Gomulka. – »Na, halt Leitungsprobe. Ewiger Mist. Jeden Tag dreimal, früh, mittags, abends.« – »Und sonst?« fragte Holt. »Wie ist es sonst?« – »Hier ist nichts los«, sagte Berger. »Ruhige Tour. Vormittags Schulunterricht, nachmittags Dienst.« – »Und schießen? Schießt ihr manchmal?« – »Schießen? Hierher hat sich höchstens mal ’n Aufklärer verirrt. Geschossen haben wir bloß in der Ausbildung, auf ’n Luftsack!«

»Miese Aussicht«, sagte Holt. Aber da verzog Berger den Mund. »Ihr werdet die Schnauze noch früh genug vollkriegen«, sagte er. »Ihr bleibt doch nicht hier!«

Holt wechselte einen Blick mit Gomulka. »Erzähl mal. Wo kommen wir denn hin?«

»Ihr werdet hier ausgebildet, weil in dieser Gegend Ruhe herrscht«, sagte Berger. »Ihr seid Batterie 107/III, wir sind 329/XII, mit uns habt ihr gar nichts zu tun. Eure Untergruppe liegt woanders.« – »Wo?« fragten Holt und Gomulka gleichzeitig. »Bisher in Hamburg. Dort ist eure Batterie angegriffen worden. Elf Tote, sechzehn Schwerverletzte.«

Tote? Schwerverletzte? Holt sagte: »Vielleicht sind das bloß Gerüchte!« – »Da sind doch Leute hier, die euch ausbilden, ein Wachtmeister und drei Obergefreite. Frag sie doch!« Holt versuchte, sich Mut zuzusprechen. »Hamburg ist ja nun drangewesen. Da wird sich nicht mehr viel abspielen!«

»Eben, eben!« sagte Berger, sog an seiner Zigarette und blickte spöttisch. »Deshalb werden die Batterien aufgefüllt und im Ruhrgebiet eingesetzt.« Holt bemerkte, daß seine Hand, in der er die Zigarette hielt, zu zittern begann. »Dort ist was los«, hörte er. »Köln und Essen hatten ja die ersten Nachtangriffe mit tausend Bombern … Da ist das ruhige Leben hier schon was wert«, meinte Berger noch, aber Holt sagte schnell: »Bange machen gilt nicht!« und: »Erst mal abwarten!« und: »Wer weiß, was kommt!« Berger lächelte. Gomulka fragte: »Wie kann denn eine Batterie solche Verluste haben?« – »Na, halt ’n Bombenteppich drüber … Da kannst du dir nachher deine Knochen zusammensuchen!« – »Nachts? War das ’n dummer Zufall?« – »Zufall?« rief Berger. »Gezielt war das! Meinst du, die da oben sind blind? Wenn die Spritzen losdonnern, mit ihren Mündungsbremsen, das siehst du bis zum Mond!« Er trat den Zigarettenstummel aus. »Warte noch«, sagte Holt. »Werden wir alle am Geschütz ausgebildet? Oder kommen auch welche ans … Fu-MG?« – »Funkmeßgerät, Kommandohilfsgerät, E-Messer«, sagte Berger, »Flakfernrohr, Flug-Malsi, Telefon … die Robusteren für die Geschützstaffel, zur Meßstaffel die besten Mathematiker, da werdet ihr eingeteilt, wie sie’s brauchen. Es ist überall derselbe Mist. Ich zieh ’s Geschütz vor.« Er deutete auf die kastellartige Erhebung in der Mitte der Feuerstellung. »Auf der B 2« – er sagte »Beh-zwo« –, »da krebst immer der Chef rum, und wenn was nicht klappt, heißt’s gleich Häschen-hüpf. Man sieht dort ja mehr, aber am Geschütz ist man schön unter sich. Ruhige Kugel, sanfte Tour, wenn der Geschützführer spurt.«

Es wurde Nacht. Ein Flugzeug mit bunten Positionslichtern brummte über sie hinweg. Berger verabschiedete sich bei den Baracken am Stadion. Holt und Gomulka gingen den Fahrweg entlang.

Gottesknecht stand in der Dämmerung, unbeweglich. Er schaute, den Kopf ins Genick gelegt, nach dem Flugzeug, das über der Stadt kreiste. Sie mußten an ihm vorbeigehen. »Herkommen!« – »Das gibt Mangelhaft!« flüsterte Gomulka … »Herr Wachtmeister?« – »Kleinen Abendspaziergang gemacht?« – »Mal die Lage gepeilt, Herr Wachtmeister!« – »Na, und was Neues gehört? Von wegen … Einsatz und so?«

»Jawohl, Herr Wachtmeister!« Wozu lügen? dachte Holt.

»Erzählen Sie mal! Da bin ich doch gespannt, was Sie zusammengehorcht haben!«

»Von Hamburg, Herr Wachtmeister«, antwortete Holt, »daß es … ein tüchtiges Debakel gegeben hat … Und vom Ruhrgebiet.«

»Da haben Sie doch tatsächlich alles herausbekommen! Debakel ist übrigens glänzend gesagt … Sie kenn ich doch schon«, wandte er sich an Holt. »Sie heißen Holt, und Sie … warten Sie mal … Ihr Vater war Rechtsgelehrter, das hab ich mir gemerkt, aber der Name …« – »Luftwaffenhelfer Gomulka, Herr Wachtmeister«, brüllte Gomulka.

»Warum schreien Sie denn so? Ist Ihnen nicht gut? Wer wird denn an einem so friedlichen Abend derartig brüllen?« Gottesknecht holte eine Zigarette hervor, und Holt reichte ihm nach kurzem Zögern Feuer.

»Passen Sie auf«, sagte Gottesknecht. »Ich geb Ihnen einen guten Rat. Lernen Sie unterscheiden, das ist beim preußischen Kommiß das wichtigste! Vor versammelter Mannschaft muß nun mal auch bei mir alles ruck, zuck! gehn, im Dienst ist das nötig, sonst sähe eine militärische Einheit aus wie eine Horde Papuas …« Holt und Gomulka lachten. »Sehen Sie! Aber am Abend, wenn ich Sie privat anrede, und es schaut nicht gerade ein General zu, dann zeigen Sie, daß Sie gute Manieren haben, Kinderstube, Knigge, na, Sie verstehen schon.«

»Wir werden uns das merken, Herr Wachtmeister!« sagte Holt.

»Großartig! Ich geb Ihnen jetzt Note eins, weil Sie so findige Burschen sind!« Gottesknecht zog das Notizbuch. Aber da geschah etwas Merkwürdiges, und Holt beobachtete es mit Verwunderung. Gottesknecht hielt das Notizbuch eine Weile sinnend in der Hand, dann steckte er es langsam wieder zwischen die Knöpfe seines Waffenrockes. Er blickte unbeweglich vor sich hin, ruckte mit den Schultern, als sei ihm der Rock zu eng, bewegte den Kopf, als drücke ihn der Kragen, und in seinem Gesicht ging eine seltsame Verwandlung vor: er wechselte die Miene, die Haltung, ja auch die Stimme, als lege er eine Maske ab. Er trat dicht vor sie hin, ein nun gar nicht mehr junger Mann, sehr müde, mit gefurchtem Gesicht und einem Ausdruck tiefer Sorge in den Augen.

»Was Sie erfahren haben«, sagte er leise, »das dürfen Sie nicht wissen. Versprechen Sie mir: kein Wort zu den anderen! Wenn es Gerüchte gibt … treten Sie dagegen auf. Sie müssen das verstehn. Ich werde den Leuten von der anderen Batterie verbieten, mit Ihnen zu sprechen. Sie sind zu jung. Es darf nicht sein, daß Ihre Moral untergraben ist, noch ehe es losgeht. Haben Sie mich verstanden?«

»Wir sagen nichts … Bestimmt! Sie können sich auf uns verlassen!«

»In Ordnung«, sagte Gottesknecht. »Gehen Sie gleich ins Bett. Es wird sehr anstrengend. Ich soll Sie hinbiegen, so rasch es geht. Der Tommy wartet nicht. Er wirft jede Nacht Bomben. Die Batterie soll rasch wieder einsatzfähig werden. Sparen Sie mit Ihren Kräften, Sie werden genug Kraft brauchen! Gute Nacht … Haben Sie noch was, wollen Sie noch was?«

»Ich weiß nicht, ob wir darum bitten dürfen … Wir möchten beide gern zur Geschützstaffel!« – »Bewilligt.« Gottesknecht ging unvermittelt davon, langsam, die Hände auf dem Rücken, den Kopf auf die Brust geneigt.

Holt sah ihm nach. Die Dunkelheit ringsum war undurchdringlich. Er hörte Utas Stimme: Es ist ja doch alles umsonst. Ihn fröstelte.

 

2

 

Holt stand angekleidet im Freien. Er liebte die Morgenstunde, die kurze Spanne Zeit vom fahlen Dämmerlicht bis zum Erwachen des Tages, wenn die ersten Drosseln schlugen und an den Gräsern funkelnd der Tau hing. Er dachte an Uta.

Am vergangenen Abend hatte er einen Brief schreiben wollen, aber er war todmüde auf seinen Strohsack gesunken. Das frühe Morgenlicht hatte ihn geweckt. Zehn Kniebeugen, wie üblich, dann draußen am Wasserhahn gewaschen, angekleidet und Gomulka und Wolzow wachgerüttelt. Nun, da in der Baracke eine Klingel rasselte, trat Gomulka zu Holt. »Herrlich, so früh am Morgen! Drin raufen sie um die Waschschüsseln!«

Holt pfiff ein Lied vor sich hin. »Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit.« Er dachte den Text mit. Auf einmal verstummte er. »Warum pfeifst du nicht weiter?« fragte Gomulka und zitierte den zweiten Vers: »… ›Neue Lande, neue Lande wollen wir uns gewinnen‹ … Ich hab zwar seit vorgestern keinen Wehrmachtbericht gehört …« – »Die Russen haben das ganze Donezbecken zurückerobert.« – »Und Sizilien ist endgültig hin«, brummte Gomulka.

»Da ist der italienische Verrat dran schuld«, sagte Holt. Gomulka schwieg und scharrte mit einem Fuß in dem schwarzen Boden. Holt fühlte sich unbehaglich, und dieses Gefühl verstärkte sich, als Gomulka sagte: »Wenn man über die … Kapitulation Italiens nachdenkt, dann … ich weiß nicht, es ist ein böses Zeichen.« – »Man muß auch mal Rückschläge hinnehmen können«, erwiderte Holt. »Der Führer hat gesagt, ohne Italien sind wir stärker.« Gomulka nickte, stumm, nachdenklich.

Holt dachte: Ich darf mich von diesen pessimistischen Stimmungen nicht beherrschen lassen, ich muß mich zusammennehmen.

 

Sieben Uhr steckte ein Obergefreiter den Kopf durch die Tür. »Raustreten, a bisserl schnell, wann i bitten darf!« Draußen rief er: »Antreten, der Größ nach, kruzitürken! I bin der Obergfreite Schmüdling, i bitt mir aus, daß i als Ausbülder mit Herr angsprochen wer … was gibt’s da zu feixen? Schaun S’ net so, der Dritte im zwoaten Glied!« – »Ich hab nicht gelacht!« rief Nadler beleidigt. Schmiedling schrie: »I bitt mir halt Düszüplün aus!« Das Wort bereitete ihm Schwierigkeiten. »Herhörn! I les jetzt die Namen vor von denen, wo hier mit beisein müssen, und wanni so an Namen vorglesen hab, so ruft sich derjenige, dem sein Nam i vorglesen hab, der ruft Hier!, verstehen S’?« – »Jawohl, Herr Obergefreiter!« brüllte Holt wie die anderen. Der Obergefreite las die Namen vor, von Ebert bis Zemtzki. »So! Da fehlt sich nix und alles hat sei Ordnung. Jetzt wern S’ erst amol eingkleidt!«

In der Kammer musterte ein übellauniger Unteroffizier Holt mit einem kurzen Blick, warf ihm drei lange, graue Unterhosen in die Arme, Unterhemden, Wäschestücke von kratzigem, hartem Gewebe, eine Turnhose, drei Paar wollene Socken. »Schuhgröße?« Schon flogen ihm ein Paar hohe schwarze Schnürschuh zu und ein paar Gamaschen aus Segeltuch. »Raus!« Im nächsten Raum gab es Drillichzeug, eine blaugraue Luftwaffenuniform ohne Spiegel und Schulterklappen, einen blaugrauen, zweireihigen Mantel, Schimütze, Stahlhelm, Koppel mit Schloß, Kochgeschirr, Butterdose aus gelbem Kunststoff, eine Garnitur blaugewürfelter Bettwäsche. »Raus! Worauf warten Sie noch?«

Draußen maulte Wolzow: »Keine Ausgehuniform?« Schmiedling fuhr ihn an: »Meinen S’, Sie bekommen Ausgang, jetzt wo Sie während dem S’ in der Ausbüldung sind?« Er pflegte manchen Satz anders zu beenden, als er ihn begonnen hatte. »Worauf warten S’ denn?« Er rief ihnen nach: »Ziehen S’ Ihnen das Drüllüch wird zur Ausbüldung getragen, wann i bitten darf!«

»Der ist halb so wild«, sagte Wolzow. »Ein Obergefreiter ist bei der Wehrmacht gar nichts. Bei uns denkt er, er kann angeben.« – »Ich glaub, er ist ganz gemütlich«, meinte Holt. Da brüllte es schon wieder: »Raustreten!«

Zwei weitere Obergefreite stellten sich an den rechten Flügel. Als Gottesknecht bei den Baracken auftauchte, verdoppelte sich Schmiedlings Eifer, und sein faltiges Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. »Ausbüldungskmando … stüllgstann! Zur Meldung an den Herrn Wachtmeister die Augen … links!« Er grüßte und meldete. »Danke, lassen Sie rühren!« Gottesknecht zeigte die Würde eines Generals. »In diesem denkwürdigen Augenblick beginnt Ihre Ausbildung. Lange soll sie nicht dauern, vier Wochen, höchstens sechs. Der Dienst wird anstrengend, von früh sieben bis abends acht, eine Stunde Mittag. Die Nachtruhe von zehn bis sechs wird eisern eingehalten, sonst steig ich Ihnen aufs Dach. Preisskat und so weiter gibt’s nicht, haben Sie mich verstanden? … Richtig, das wissen Sie noch nicht … Wenn ich ›verstanden‹ sage, dann ist das nur Gerede, ich hab schließlich meine Redensarten. Sag ich aber: ›Haben Sie mich verstanden?‹, dann erwarte ich eine Antwort! Haben Sie das verstanden?«

»Jawohl, Herr Wachtmeister!«

»Na also! Zweimal wöchentlich drei Stunden Nachtexerzieren. Ihre Ausbildung besteht fast ausschließlich in Geschütz- und Geräteexerzieren, gefechtsmäßig, mit allem Drum und Dran. Außerdem muß ich Ihnen ’n bißchen Flakschießlehre einbleuen, da können Sie mal zeigen, daß Sie intelligente Menschen sind! Was sonst noch ist, Unterschied zwischen Vorgesetzten und gewöhnlichen Menschen, Gaskram, Spionageabwehr und all das Zeug, das erledigen wir mit der linken Hand. Ordnungsübungen heute und morgen zwei Stunden, das muß genügen; wenn das Antreten nicht klappt, holen wir es sonntagnachmittags nach. Ein bißchen Bewegung wird Ihnen gut tun. Sie, ja, der Dicke mit den Schweinsäuglein, wie heißen Sie?«

»Luftwaffenhelfer Vetter, Herr Wachtmeister!«

»Entzückend!« rief Gottesknecht. »Herrlich, einfach unbezahlbar! Fett wie ein Schweinchen aus der Herde des Epikur und heißt Vetter! Dafür gibt’s Sehrgut!« Er zog das Notizbuch, und während er notierte, sagte er: »Hoffentlich werden Sie uns nicht noch fetter, Vetter, fetter können wir Sie bei der Flak nicht gebrauchen!« Er quittierte das Gelächter mit einem Kopfnicken. »Weiter im Text. Wenn Sie heimschreiben wollen: Absender hiesige Ortsanschrift, Großkampfbahn, Porto brauchen Sie keins, ist Feldpost. Schreiben Sie nichts über den Dienst, ich hab das Recht, Briefe zu öffnen, und mach Stichproben. Verpflegung wird abends nach Dienstschluß in der Küche geholt. Mittags wird in der Kantine gegessen.« Er winkte die Obergefreiten zu sich. »Wir brauchen achtzehn Mann für die Geschütze, den Rest fürs Feuerleitgerät.«

In die Reihen der Jungen kam Bewegung. Schmiedling brüllte: »Wenn S’ wohl glei…!« – »Schmiedling!« fiel ihm Gottesknecht ins Wort, und obwohl er die Stimme dämpfte, konnten es die Jungen hören. »Sie haben keine Rekruten vor sich, sondern Luftwaffenhelfer, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen?« Holt stieß Gomulka an, und Gomulka nickte unmerklich.

Der Wachtmeister sonderte die Kleinsten und Schwächsten aus, auch Zemtzki war darunter, und blickte auf die Uhr. »Bis zwölf Uhr Geschütz- und Geräteexerzieren, nach dem Essen zwei Stunden Ordnungsübungen, da verdaut sich’s besser.« Er winkte den Jungen, die fürs Feuerleitgerät bestimmt waren, und zog mit ihnen und einem Obergefreiten davon. Wolzow, Holt, Gomulka und Vetter achteten darauf, daß sie nicht getrennt wurden. Rutscher, Weber, Branzner, Kirsch und Kattner gesellten sich zu ihnen. In zwei Gruppen zu neun Mann zogen sie in Richtung Feuerstellung davon.

 

Neun Mann und ein Obergefreiter waren eine Bedienung. Schmiedling ließ sie im Geschützstand antreten, ließ das Geschütz abdecken und begann.

Was mag er im Zivilberuf sein? dachte Holt. Menschen wie Schmiedling waren ihm fremd. Vielleicht hat er einen Hof im Gebirge, dort braucht so ein Bergbauer kaum ein Wort zu sprechen beim Pflügen und Säen, und nun muß er Unterricht geben … Er wär wohl lieber auf seinem Hof geblieben, er ist ja ganz außer sich vor Aufregung. Aber es ist Krieg, und er muß tun, was man verlangt.

Schmiedling ließ einen der Munitionsbunker öffnen, man folgte mit Feuereifer. Alles war neu, alles war interessant. Eine Kanone, eine richtige Kanone, das war doch etwas anderes als die Schule mit ihren unregelmäßigen Verben und dem mathematischen Formelkram!

»Ist das scharfe Munition?« fragte Vetter mit einem ehrfürchtigen Blick auf die handtellergroßen Patronenböden, die glänzend aus den Körben hervorsahen. Schmiedling antwortete nicht. Er zeigte den Mannschaftsbunker, er zeigte die Holztafeln mit den Zahlen von eins bis zwölf, die ringsum im Geschützstand angebracht waren und die Richtungen markierten, zwölf Norden, sechs Süden, drei Osten, neun Westen. Wenn das Kommando laute: »Fliegeralarm, Flugzeug neun!«, dann müsse das Rohr auch schon nach Richtung neun weisen. Er kratzte sich den Hinterkopf, nahm das Käppi ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, und befahl fünf Minuten Pause, die man im Mannschaftsbunker verbrachte.

Der Unterstand, den Holt gebückt durch einen schmalen Eingang betrat, nahm die volle Breite des Geschützstandes ein. An den Wänden entlang waren Holzbänke aufgestellt. Holt sah einen Verbandkasten, an eisernen Haken die Hörgarnituren der Richtkanoniere und des Geschützführers, einen Kasten mit Werkzeug und Putzlappen und in einer Ecke einen schweren stählernen Vorschlaghammer. Wolzow, Holt und Gomulka rauchten. »Man muß es dem Schmiedling leicht machen«, sagte Holt, »er ist ein guter Kerl …« – »Aber wenn das nicht etwas flotter geht«, sagte Wolzow, »dann mach ich den Unterricht weiter.« Schmiedling steckte den Kopf in den Bunker und rief: »Für Ihnen is Rauchen verboten!« Holt hielt ihm die Schachtel hin; tatsächlich, Schmiedling bediente sich …

Dann quälte er sich weiter ab. »Jetzt wird dös schwierig! Dös is a Flakgeschütz, net wahr. Aber dös Gschütz is ka Gschütz net, verstehen S’?« Wolzow entwirrte den Knoten, und Schmiedling war begeistert. »Wenn S’ so gnau Bscheid wissen, dann könn S’ dös erklärn, und i spar mir’s viele Gered!« Geschütz, das sei ein Sammelbegriff für schwere Feuerwaffen, Geschütze im engeren Sinne seien schwere Feuerwaffen für indirekten Beschuß mit großem Abschußwinkel, so etwa hatte Wolzow erklärt. Dies hier sei eine Kanone, flachfeuernd, mit langem Rohr und hoher Mündungsgeschwindigkeit des Geschosses. Daß es sich bei der Flak um eine Steilfeuerwaffe handle, könne nur ein Idiot aus der großen Rohrerhöhung schließen, befinde sich doch das Ziel in der Luft!

Schmiedling nickte zufrieden und fuhr fort. Flak acht-fünf-acht-acht heiße die Kanone. Sie sei in den zwanziger Jahren von Krupp gebaut und nach Rußland geliefert worden. Merkwürdig, dachte Holt, die Bolschewiken sind unsere Todfeinde, das sagt doch jeder, und da lieferte ihnen Krupp Kanonen? … Das Kaliber habe damals 7,62 Zentimeter betragen, der Russe aber habe den Kanonen ein neues Rohr vom Kaliber 8,5 Zentimeter gegeben, und da dieses Rohr für die Lafette ein wenig zu großkalibrig sei, habe man es mit einer Mündungsbremse versehen. »Was dös is, dös erfahren S’ nachher.« 1941 seien die Kanonen erbeutet und von 8,5 auf das übliche Kaliber von 8,8 Zentimetern aufgebohrt worden. Daher der Name »Flak 8,5/8,8«, genannt »Russenspritze«. »Aber wann a Bsüchtgung is, da muß dera richtge Nam gsagt wern!«

Für diese Erklärung brauchte Schmiedling eine halbe Stunde. »Wann Bsüchtgung ist«, sagte er, »dann müssen S’ dös halt auf Anhieb von Ihnen verlangt, net wahr!« Er sprach oft und im Ton tiefer Sorge von der Besichtigung.

Den weiteren Unterricht übernahm Wolzow, dem es viel zu langsam voranging. »Falls ich was falsch mache, können Sie mich ja verbessern«, sagte er. Schmiedling fand kaum etwas zu korrigieren, als Wolzow loslegte: Kreuzlafette, Fahrgestell, Unter- und Oberlafette, Justierspindeln, Sockel.

»Sie sin a fixer Kopf!« lobte Schmiedling, während Wolzow die Verankerung der Lafette im Boden und die Funktion der Justierspindeln erklärte. Wolzow ging zum Richtmechanismus über. Er setzte sich auf den stählernen Sessel der Seitenrichtmaschine, der an der rechten Seite der Oberlafette angebracht war, stemmte die Füße auf die Fußraste, drehte am Handrad und fuhr mit der Kanone im Kreise herum wie mit einem Karussell. Jeder wollte es nachmachen, aber Schmiedling scheuchte sie wieder hinters Geschütz.

Wolzow erläuterte, als habe er niemals im Leben etwas anderes getan, die Rohrrücklaufbremse, auf der das Rohr ruhte, den Luftvorholer, der das Rohr nach dem Schuß wieder in die normale Stellung zu bringen habe und mit »Bremsflüssigkeit braun« gefüllt sei. Er stellte sich links an die Höhenrichtmaschine, drehte das Rohr steil in die Höhe und wieder hinab, und dann war die Zünderstellmaschine dran. So ging es fort. Das Tempo mochte Schmiedling unheimlich sein, denn er ließ immerfort wiederholen.

»Gell, dös wissen S’ net, wie die Mündungsbremsn funktioniert?« fragte Schmiedling schließlich. Wolzow sagte: »Das ist doch ganz einfach.« Da stand plötzlich Gottesknecht im Geschützstand; wer weiß, wie lange er schon zugehört hatte. Schmiedling brüllte: »Achtung!« Gottesknecht winkte ab. »Soso, Wolzow. Das ist also ganz einfach? Lassen Sie hören. Aber wenn Sie es nicht genau wissen, gibt es Nichtgenügend.«

Wolzow sah den Wachtmeister mit zusammengekniffenen Augen und schräggelegtem Kopf an. »Herr Wachtmeister, kann ich vorher noch was anderes sagen?« – »Da bin ich aber gespannt«, meinte Gottesknecht. Wolzow blinzelte mit den Augen. Sein Kopf schob sich langsam vor. »Ich hab das niemals gelernt. Die vorgeschriebenen Worte kenn ich nicht. Wenn Sie gerecht sind, dürfen Sie nur achtgeben, ob meine Erklärung sachlich richtig ist.« Auf Schmiedlings Stirn standen Schweißtropfen.

»Wenn ich gerecht bin, darf ich …«, wiederholte Gottesknecht träumerisch. Dann sagte er: »Fangen Sie an.«

»Die Mündungsbremse«, begann Wolzow konzentriert, in einem Tonfall, als habe er ein Gedicht aufzusagen, »die Mündungsbremse ist an der Rohrmündung angeschraubt und wird beim Abschuß vom Geschoß durchlaufen. Während der Geschoßboden die vordere Öffnung der Mündungsbremse zeitweilig verschließt, sind die hinter dem Geschoß herstürmenden Pulvergase, in ihrem Bestreben, sich auszudehnen …«

Jetzt verheddert er sich, dachte Holt.

»… gezwungen, durch seitlich in der Mündungsbremse angebrachte Öffnungen auszutreten. Diese Öffnungen sind in einem Winkel in die Mündungsbremse eingeschnitten, der, in Schußrichtung gesehen, nach hinten weist. Das heißt«, sagte Wolzow nun siegessicher, »die Pulvergase verlassen die Mündungsbremse schräg nach hinten und erteilen so dem Rohr einen nach vorn gerichteten Impuls, welcher einen Teil des Rückstoßes auffängt.«

Schmiedling atmete tief und erleichtert auf. Gottesknecht sah Wolzow an, Wolzow gab den Blick zurück.

»Aufs Haar richtig«, sagte Gottesknecht. Er zog das Notizbuch. »Note eins … Aber Sie haben meinen Gerechtigkeitssinn herausgefordert, Wolzow, und so kann ich’s nun doch nicht auf sich beruhen lassen, daß sich ein Luftwaffenhelfer zum Leutnant macht, um einen Wagen zur Bahn zu bekommen.«

Wolzows Gesicht wurde blaß.

»Sie werden sich also jeden Abend pünktlich einundzwanzig Uhr melden, um mir die Schuhe zu putzen. Sie werden zugeben, daß die Strafe gerecht ist.«

Schweigen.

Dann Wolzow: »Herr Wachtmeister, Sie werden zugeben, daß Sie nicht befugt sind, persönliche Dienstleistungen als Strafe zu verhängen. Ich bitte um eine Bestrafung, die den militärrechtlichen Vorschriften entspricht.«

Das geht schief, dachte Holt.

»Wolzow«, sagte Gottesknecht, »ich hätte Lust, Ihnen noch eine Eins zu geben für soviel Mut. Aber das kann kein Mut sein. Das ist Unkenntnis! Sie wissen nicht, was Sie sich antun!« Und nun mit anderer, mit beiläufiger, üblicher Stimme: »Sie melden sich nach Dienstschluß bei mir zur Bestrafung.«

»Jawohl, Herr Wachtmeister!«

Gottesknecht sagte nur noch freundlich: »Weitermachen!«, dann verließ er den Geschützstand. Kaum war er außer Sichtweite, atmete Schmiedling so hörbar auf, daß Holt dachte: Warum hat er solche Angst? Er hat als Ausbilder doch nichts zu fürchten.

»A böse Sach, Wolzow, die was S’ Ihnen sich da eben einbrockt ham!«

»Ach scheiß …«, sagte Wolzow mit einer wegwerfenden Handbewegung.

 

Granatpatron-Munition, Sprengringe, Zünder … Zeitzünder S 30, maximale Laufzeit dreißig Sekunden … in den Patronen Diglykolröhrenpulver … das war der Rest des heutigen Pensums.

Dann trafen sich die Jungen vom Geschütz und Feuerleitgerät in der Kantine, der früheren Gaststätte des Stadions, wo die Oberhelfer der anderen Batterie noch beim Essen saßen. Auf den rohen Holzplatten häuften sich Kartoffelschalen, dazwischen lagen Zigarettenstummel und Knochenreste. Wolzow fegte mit einer Handbewegung den Unrat vom Tisch, ein paar Oberhelfern auf die Knie. Den Protest erstickte er mit der Drohung: »Halt’s Maul, sonst kracht’s!«

Es gab Pellkartoffeln und eine dünne Soße, in der ein paar Fleischstücke schwammen. »Mies, saumies!« maulte Vetter. Zemtzki, Schenke und Grubert, die am Feuerleitgerät ausgebildet wurden, saßen in der Nähe und warfen mit unverständlichen Begriffen um sich, Höhenvorhalt, Grundstufe, Gebrauchsstufe … Sie taten ungeheuer wichtig. Zemtzki erzählte: »Ich bin am E-Messer … Die Meßoptik vergrößert vierundzwanzigfach!« – »Quatsch nicht rum, wen interessiert das schon?« sagte Wolzow. »Wer etwas auf sich hält, der geht ans Geschütz!«

Am Nebentisch wurde immer noch von einem »Handstreich« in Italien erzählt, von einem Telefongespräch zwischen Hitler und Mussolini, schließlich von neuen Luftangriffen. »Essen erneut bombardiert! Sie haben starke Verluste und Verwüstungen gemeldet.«

Holt löffelte mechanisch die Kartoffeln in sich hinein. Der Gedanke: Verwüstungen, Essen, Ruhrgebiet verließ ihn auch später nicht, als er auf seinem Bett lag und Gomulka am Tisch über dem Schreibblock saß. Ich muß heut abend bestimmt an Uta schreiben, dachte er. Der Gedanke an Uta tilgte nicht die heimliche Angst. Im Gegenteil. Alles umsonst … hörte er wieder. Und was wird aus Deutschland?

Er war froh, als Schmiedlings Stimme in die Stube drang: »Raustreten!« Nach zwei Stunden Ordnungsübungen wurde im Geschützstand das Pensum so lange wiederholt, bis Holt die Worte Lafette, Mündungsbremse und Zeitzünder nicht mehr hören konnte. Es müsse im Schlaf sitzen, behauptete Schmiedling. Müsse unabhängig von Verstand und Gedächtnis in Fleisch und Blut übergehen, sagte auch Wolzow am Abend. »Der Verstand kann aussetzen, das Gedächtnis kann dich im Stich lassen, dann muß das trotzdem alles noch da sein, unwillkürlich, wie eine Reflexbewegung.«

Er zog los zu Gottesknecht, um seine Strafe entgegenzunehmen. Er war schlau genug, sich vorher von Schmiedling beraten zu lassen. »Dös is a Rapport! Da ziehen S’ den Dienstanzug an, und dann setzen S’ Ihnen an Stahlhelm setzen S’ Ihnen dann auf!« Der Zusammenstoß zwischen Wolzow und dem Wachtmeister hatte sich unterdessen herumgesprochen. Nadler beobachtete eine Weile schweigend, wie Wolzow Koppel und Schuhe blankputzte, und höhnte: »Wenn der Gottesknecht befiehlt, dann spurt der Wolzow!« Vetter schmiß ihm einen Schnürschuh ins Kreuz. Nadler flüchtete.

Holt nahm den Briefblock vor. Er kam über die Anrede nicht hinaus, und auch diese war schon ein Problem. Wolzow kam zurück, gelassen wie üblich, aber insgeheim kochte er vor Wut. »Drei Monate Ausgangssperre! So ein gemeines Schwein!« Später erzählte er Einzelheiten. »Er war richtig enttäuscht, weil ich im vorschriftsmäßigen Anzug kam. Hat er mir eine Eins gegeben, der falsche Hund, für tadellosen Anzug, und anschließend drei Monate Ausgehverbot.«

Gomulka lachte. »Und dann hat er noch nachgeschlagen, ob die Strafe auch wirklich den Vorschriften entspricht. So ein Aas!«

Holt wurde immer wieder von seinem Brief abgelenkt. »Ich hätt ihm halt vierzehn Tage lang die Schuhe geputzt, da wär Ruh gewesen«, sagte Branzner, ein magerer Junge mit schwarzem Haar, krummer Nase und großem, hüpfendem Adamsapfel. Gomulka meinte: »Ich glaube, Gottesknecht ist nicht übel. Wenn wir erst im Einsatz sind …«

Im Einsatz! Schon wieder das Stichwort, das Holt um seine Ruhe brachte. Er ertappte sich dabei, wie er sich nach der Geborgenheit der Kleinstadt sehnte, und schalt sich wankelmütig. Auf dem Briefbogen stand noch immer nichts als die Anrede »Liebe Uta« … Ich will in den Krieg, hab ich gesagt, und nun verläßt mich der Mut!

Er schrieb endlich einen sachlichen Bericht über den ersten Tag, soweit er glaubte, davon berichten zu dürfen.

Der Abschied, ist das wirklich erst gestern gewesen? Es liegt so weit zurück! Vorbei, für immer. Alles andere ist Illusion. Ich bin fast drei Jahre jünger als sie. Sie ist verlobt. Aber nun, da er schrieb, betrog er sich selbst. Es durfte nicht vorbei sein! »Laß mich nicht im Stich«, schrieb er. »Uns steht vielleicht sehr Schweres bevor. Laß mich nicht allein.«

 

»Der Seitenrichtkreis«, sagte Schmiedling, »hat vierasechzg Hundert Teilstrich!«

Gomulka und Branzner, eifrig bei der Sache, in der Schule gute Mathematiker, rechneten den Richtkreis in Bogengrade um und brachten so ein wenig Abwechslung in die Hirne, die vom Drill ermüdet waren. Jeder redete, wie es ihm gefiel.

»An der Höhenrichtmaschin stellen wir Grad ein«, lehrte Schmiedling, »und a jeds Grad hat vier Strich!«

An der Zünderstellmaschine hieß es »Grad vom Kreuz«; dreißig Sekunden Zünderlaufzeit entsprachen dreihundertsechzig Grad, die Gomulka in Sekunden und Flugstrecken umzurechnen versuchte. »Schade … dazu braucht man wohl Differentialrechnung!«

Schmiedling hatte noch nie so gelehrige Rekruten erlebt. »Die Granate … was die Anfangsgeschwindikeit is, die is am größten! Dös heißt die Vaunull! Dös Spritzen hat a Vaunull von achthundertsechzig …« – »Meter pro Sekunde«, ergänzte Wolzow. Schmiedling war nicht gesonnen, sich das Durcheinander länger bieten zu lassen. Er scheuchte die Bedienung in Reih und Glied und ließ wiederholen: Seitenrichtkreis, Höhenrichtbogen und Zünderstellmaschine. Es dauerte Tage, bis sie das Geschütz bedienen lernten.

Sie unterhielten sich immer wieder über diese Form des Drills. Wolzow sagte: »Es gibt Situationen, wo das Denken versagt. Da muß alles automatisch in den Gliedern sitzen. Die Ausbildungsmethoden sind für alles mögliche Kroppzeug, Müllkutscher, Straßenkehrer … Die sind so blöd, daß sie das nie kapieren würden, deshalb wird es bis zum Kotzen gepaukt!« Er berief sich auf die Autorität eines Obersten. »Mein Vater hat immer gesagt, die militärischen Ausbildungsvorschriften sind so beschaffen, daß es auch das größte Rindvieh noch kapiert!«

Die Jungen, die am Feuerleitgerät ausgebildet wurden, spielten sich mächtig auf. »Mit uns macht der Wachtmeister den ganzen Tag Flakschießlehre, es ist hochinteressant!«

Gomulka, als er einmal mit Holt allein vor der Barackentür stand, sagte: »Die Sache hat noch eine Kehrseite. Drill versüßt uns den Einsatz.« – »Du hast recht. Wenn ich anfangs an den Einsatz dachte, war mir ziemlich komisch … Heute wollte Schmiedling zum fünfzigstenmal wissen, welchen Seitenwert Richtung sieben hat. Da hab ich gedacht: Mag’s im Ruhrgebiet noch so schlimm werden … jedenfalls ist dann dieser sture Mist vorbei!«

»Das wollen sie erreichen.« Gomulka nickte. »Hier ist das recht harmlos«, fuhr er fort, »ich staune, wie anständig sie mit uns umgehn. Die Rekruten in der Kaserne, die werden derartig geschliffen, daß ihnen die Front wie’s Paradies erscheint … Wer schon mal draußen war, läßt sich allerdings lieber schleifen«, setzte er hinzu. Holt lachte. »Die große Wende wird schon kommen!«

»Fragt sich bloß wie!«

»Aber Sepp!« sagte Holt vorwurfsvoll. »So kann man nicht reden!«

»Ich rede nur zu dir so«, erwiderte Gomulka. »Ich überleg manchmal, ob wir nicht alle … die Augen zumachen, was den Krieg angeht!«

»Solche Gespräche«, sagte Holt, »… und solche Gedanken … das untergräbt die Moral, Sepp!«

 

Die Kanoniere hießen K 1 bis K 9 und wurden vom Geschützführer befehligt. Jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Der Geschützführer war durch eine Telefonleitung mit der Befehlsstelle verbunden, von dort erhielt er alle Anordnungen einschließlich des Feuerbefehls. Die Feuerglocke gab dem K 3, dem Ladekanonier, das Signal zum Laden und Feuern. »Dös heißt net Schuß, sondern Gruppe«, erklärte Schmiedling und wiederholte zehnmal, daß dem Geschützführer absolut und bedingungslos zu gehorchen sei! Oft komme es vor, daß ein Luftwaffenhelfer die Funktion des Geschützführers übernehme; dann schulde man ihm den gleichen Gehorsam.

Die neun Kanoniere mußten ihre Aufgaben erst einmal in Form von neun Sprüchen erlernen, und jeder mußte jedes Sprüchlein auswendig wissen. K 1 war Höhen- und K 2 Seitenrichtkanonier. K 6 bediente die Zünderstellmaschine. K 3 war der Ladekanonier, nächst dem Geschützführer der angesehenste Mann. K 4, K 5, K 7, K 8 und K 9 nannten sich Munitionskanoniere, und sie genossen das geringste Ansehen. Das alles, verlangte Schmiedling immer wieder, müsse man im Schlaf beherrschen.

»Weißt du was?« sagte Wolzow eines Abends zu Holt. »Von wegen ›im Schlaf beherrschen‹! Wir probieren das mal!« Gomulka, der nachts halb zwei wach wurde, weckte Holt, und gemeinsam holten sie Wolzow aus dem Bett. »Wen nehmen wir?« – »Den Branzner, das Rindvieh«, brummte Wolzow. Zu dritt umstanden sie Branzners Bett. Wolzows Taschenlampe leuchtete. Die Nachthemden reichten nur bis an die Knie, verwaschen und immer wieder geflickt. Holt sah auf Wolzow, dem das Hemd viel zu eng war. Über dem mächtigen Brustkorb spannte es sich zum Zerreißen, unten schauten die stachlig behaarten Beine hervor.

»Los!« Gomulka und Holt faßten Branzner links und rechts an den Armen, rissen ihn hoch, und Wolzow leuchtete ihm ins Gesicht und brüllte: »Los! K 2!«

»K 2 stellt laufend … laufend …«, stammelte Branzner erschrocken und schlaftrunken, dann kam er zu sich, und nun ging es wie am Schnürchen: »K 2 stellt laufend mit Hilfe der Seitenrichtmaschine die vom Kommandohilfsgerät durchgegebenen Seitenrichtwerte am Seitenteilkreis ein und beobachtet den Umdrehungsanzeiger!« So, das war geschafft, und Branzner fügte hinzu: »Mensch, ihr spinnt wohl … mitten in der Nacht!«

»Schnauze! K 6, los!« Aber da weigerte sich Branzner. Sie sahen sich nach einem neuen Opfer um, das nicht von Wolzows Gebrüll erwacht war. »Los, den Rutscher, der stottert so schön!« Das Spiel, unter schadenfroher Anteilnahme der anderen, wiederholte sich. Rutscher hing ihnen sekundenlang verschlafen in den Armen, aber Wolzow knuffte ihn in die Rippen und brüllte: »Los, du Heini, K 6, wird’s bald?«

»K6 … stellt … laufend die vom Ko-Ko-Kommandohilfsgerät durchgegebenen Zünderlaufzeiten auf der Zünderstellmaschine ein und be-betätigt die Schwungma-ma-masse!« stotterte Rutscher.

»Tatsächlich!« rief Wolzow. »Es klappt im Schlaf!«

Da wurde die Tür aufgestoßen, Licht flammte auf, und in der Tür stand Gottesknecht, in einem roten Bademantel, barhäuptig, an den Füßen Pantoffeln. Er sagte böse: »Hab ich Sie erwischt! Nachtruhe eisern einhalten, hab ich ausdrücklich befohlen! Und Sie? Rumtoben, nachts halb zwei!« Gomulka faßte sich zuerst und wollte melden, aber Gottesknecht sagte: »Quatsch, Meldung im Nachthemd, nächstens melden Sie noch auf der Latrine!« Jemand lachte, aber Gottesknecht rief: »Ruhe!« Er wandte sich an Holt: »Was ist hier los? Aber ehrlich: wen wollten Sie verdreschen, und warum?« – »Herr Wachtmeister«, antwortete Holt, »wir wollten niemanden verdreschen! Wir haben nur mal ausprobiert, ob die Sprüche der Kanoniere wirklich aus dem Schlaf klappen, wie das der Obergefreite Schmiedling immer verlangt.« Gottesknecht blickte eine Weile auf Holt, dabei entspannte sich sein Gesicht. »Na und? Geht’s?«

»Jawohl, Herr Wachtmeister. Der Branzner hat den K 2 und der Rutscher den K 6 aus dem Schlaf aufgesagt, ohne Überlegung.«

»Sie haben Humor!« sagte Gottesknecht. »Los, in die Betten!« Sein Blick haftete an Wolzow. »Kommen Sie her! Holt und Gomulka haben sich Schuhe angezogen, die kann ich ins Bett schicken, aber Sie, barfuß auf dem dreckigen Fußboden …« – »Herr Wachtmeister«, sagte Wolzow, »egal haben Sie’s mit mir!« Gottesknecht, eine steile Falte auf der Stirn, rief: »Wolzow, jetzt reicht mir’s!« Er stemmte die Hände in die Hüften, seine Stimme war wieder ganz ruhig: »Ich hätte Sie die Füße waschen lassen und dann ins Bett geschickt. Aber jetzt … los, ziehen Sie Drillich an, kommen Sie raus, aber schnell, jetzt sollen Sie mal sehn, wie das ist, wenn ich’s mit einem ›egal habe‹!«

Holt und Gomulka krochen gehorsam ins Bett. Gottesknecht löschte das Licht. Im Dunkeln zog sich Wolzow murrend an. Im Einschlafen hörte Holt ihn fluchend zurückkommen und zu Bett gehen.

 

Am anderen Tag wußte auch Schmiedling davon. »Dös kenn i bei unserm Wachtmeister gar net, daß der a jemand schleifa tuat, in der Nacht scho gar net!« Er zeigte ehrliches Mitgefühl.

In den Pausen der Ausbildung unterhielt er sich immer aufgeschlossener mit den Jungen und erzählte auch von sich selbst. So erfuhr Holt, daß Schmiedling Landarbeiter auf einem großen Gut war und daheim eine Frau mit vier Kindern auf ihn wartete. Als einziger Soldat der Batterie war er k. v., kriegsverwendungsfähig, also seit langem reif für die Front. Er behauptete, sich nur in der Heimat halten zu können, weil der Major, »was unser Kmandeur is«, ihm gewogen sei. Das könne sich sofort ändern, die Sympathie sei schnell verscherzt. Daher müsse seine Bedienung die beste sein, dürfte bei der Besichtigung niemals auffallen und habe beim Schießen immer die besten Resultate zu erzielen. Holt hörte nachdenklich, was Schmiedling da erzählte.

»Wenn einer nicht spurt«, sagte er schließlich, »bekommt er’s mit uns zu tun!« Schmiedling nickte dankbar. Heimat sei eben Heimat, selbst im Ruhrgebiet.

Holt und Gomulka wechselten einen Blick. Bisher hatte es Gerüchte gegeben, von einem Einsatz in Berlin, aber Holt und Gomulka waren dagegen aufgetreten. Nun plauderte Schmiedling alles aus. Die Wirkung war dementsprechend. Die Jungen schauten betreten vor sich hin. »Teifi, dös is mir halt rausgerutscht. Dös dürfen S’ gar net wissen!«

In der Mittagspause wußten es alle.

 

3

 

Holt wartete ungeduldig auf Post von Uta. Ich bin ihr gleichgültig, dachte er, sie denkt nicht mehr an mich. Als bei der Postverteilung endlich sein Name aufgerufen wurde, bekam er nur ein Päckchen von seiner Mutter. Sie schickte ihm die erbetenen Zigaretten. Warum schrieb Uta nicht?

Zu seiner Mutter wünschte er sich nicht zurück. Aber er dachte häufiger als früher an seinen Vater, den er fast vier Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Utas Worte: »Jedenfalls scheint er ein Mann von Charakter zu sein«, hatten auf Holt nachhaltig gewirkt. Vielleicht hatte er gar keinen Grund, sich seines Vaters zu schämen. Aber die Entfremdung wurde durch diesen Gedanken nicht geringer.

Wieder verteilte der Wachtmeister beim Mittagessen Post. Holt erhielt als letzter einen Brief. Er wagte kaum, den Umschlag zu öffnen. In der Stube legte er sich auf sein Bett und las. In der kleinen Stadt ging das Leben weiter, als habe es die Jungen der Klasse VII niemals gegeben. Die Worte, die Holt ungeduldig überflog, waren blank und spöttisch wie immer. Aber zum Schluß wurden sie ernst. »Glaube nicht«, schrieb Uta, »daß dieser Sommer spurlos an mir vorübergegangen ist, aber reden wir nicht davon. Das Wasser zwischen uns Königskindern ist tief. Aber solange Du daran Freude hast, kannst Du mit einer gewissen Anhänglichkeit meinerseits rechnen; es wird Dich, wie ich Dich kenne, zu ungeheuren patriotischen Taten anspornen.«

Er setzte sich am gleichen Abend hin und schrieb, verliebt und überschwenglich.

Sie wechselten nun regelmäßig Briefe. Auf seine Verliebtheit antwortete sie mit Spott und Ironie. Nie schrieb sie mehr als zwei Seiten, aber auch nie weniger. Er bewahrte den Briefpacken sorgfältig auf; das Kreuz trug er stets in der Brusttasche.

 

Wolzow erklärte eines Tages: »Das einzig Wahre ist Laden!« Scharf zu laden, war für Luftwaffenhelfer verboten. »Dös is a z’ schwere Arbeit für a solche Jungs!« sagte Schmiedling. Die Patronen wogen etwa dreißig Pfund und mußten auch bei siebzig oder achtzig Grad Rohrerhöhung in drei Sekunden geladen und abgefeuert sein. Aber Wolzow setzte es durch, daß er sich den riesigen, aus fingerdickem Leder genähten Ladehandschuh auf die rechte Hand ziehen und vorführen durfte, was Holt als wohlformuliertes Sprüchlein zum hundertstenmal in den Geschützstand brüllte: »K 3 faßt bei Ertönen der Feuerglocke eine in der Zünderstellmaschine ladefertig gemachte Patrone mit der rechten Hand am Patronenboden, mit der linken Hand am Schwerpunkt des Geschosses und führt sie mit der geballten rechten Faust ins Rohr ein. Unter gleichzeitiger Linksdrehung des Oberkörpers zieht er mit der rechten Hand ab.«

Das Feuerleitgerät gab nun beim Gefechtsexerzieren Richtwerte an die Kanonen. Eine uralte Klemm-Schulmaschine brummte als Ziel über der Stadt herum.

Sie fühlten sich bald als erprobte Flaksoldaten. »Wir alten Krieger«, sagte Wolzow immer häufiger im Gespräch. Was sie an den Geschützen gelernt hatten, das war in Fleisch und Blut übergegangen. Täglich lernten sie Neues. Es gab starres und bewegliches Sperrfeuer. Nahfeuer mit besonderer Munition, die durch gelbe Ringe auf den Patronenböden gekennzeichnet war. Mitten im gefechtsmäßigen Exerzieren mußten sie den Verschlußkeil ausbauen, weil angeblich der Schlagbolzen gebrochen war, was in der Praxis kaum jemals vorkam; aber Schmiedling bevorzugte gebrochene Schlagbolzen, weil dies eine beliebte Aufgabe bei der Besichtigung sei … Er stand dabei, die Uhr in der Hand und stoppte die Zeit. Gleicher Beliebtheit erfreuten sich Versager, welche hundert Meter weit aus der Stellung getragen werden mußten, was die Bedienung in Deckung abzuwarten hatte …

Das Geschütz- und Munitionsreinigen war erträglich. Schmiedling hockte dabei und erzählte. Er zeigte Bilder seiner Frau und seiner vier Kinder. Man lobte, wie »kräftig« die Kleinen seien. Dieses Stichwort hatte Schmiedling selbst gegeben. Er hatte Holt das Bild seiner Frau gezeigt, ein kleines, vom vielen Herumreichen abgenutztes Photo. »Sehen S’ Ihnen die amol an, net wahr, dös is a kräftige Frau, wie S’ fei ka beßre net wern findn!« Warum hebt er so hervor, daß sie kräftig ist? dachte Holt. Darauf kommt es bei einer Frau doch nicht an! »Wissen S’, die schafft am sölbigen Hof, als Großmagd, da wo i als Schweizer gearbeit hab … Dös isa Glück, wenn a Frau so anpacken kann! Dös haut hin!« Er sagte noch mehrfach: »Dös haut hin … Die beiden Buabn arbeitn a scho mit, die treiben dös Vieh auf d’ Alm, net wahr!«

Wieder sah Holt mit einem nachdenklichen Blick auf den Obergefreiten.

Aber die Stunden am Geschütz, da man beieinandersaß, eine Patrone mit »Fliegerfett blau« einrieb und dabei plauderte, waren selten. Müde, wie zerschlagen, fielen die Jungen abends ins Bett und rappelten sich ein paar Stunden später wieder auf, wenn die Glocke zur Nachtübung rief, und Gottesknecht setzte das nächtliche Gefechtsexerzieren stets ohne vorherige Benachrichtigung an.

Schmiedling zeigte am Geschütz einen unerschöpflichen Einfallsreichtum. »Das kann er sich gar nicht alles ausdenken!« sagte Gomulka. »Das muß wohl alles vorkommen.« Mitten im nächtlichen Exerzieren ließ Schmiedling das Funkmeßgerät ausfallen: Düppel-Störung! »Dös is, wann die daheroben so a Silberpapierzeugs runterschütten, was die Stanniolstreifen sin, da kann dös Fu-MG net messen!« Er befahl eine neue Art des Sperrfeuers, Barrikadenfeuer, der Befehl lautete: »Barrikade – marsch!«, und bei fest eingestellten Richtwerten mußten die Ladekanoniere laden und feuern, immerfort laden und feuern … »Jetzt is d’ Munition am Gschütz zu Ende is die, holen S’ Patronen von der Zwotausstattung ran, aber dalli!« Sie liefen, Exerzierpatronen im Arm, durch die Nacht, vom Geschützstand zu den weit entfernten Bunkern der Zweitausstattung und zurück, eine Stunde lang, hin und her, bis sie vor Anstrengung keuchten und ihnen die Knie zitterten. Dabei pfiff Schmiedling auch noch auf seiner Trillerpfeife, und sie mußten sich mit der Patrone im Arm hinwerfen – aber wehe, wenn dabei die Patrone den Erdboden berührte! –, denn jeder Pfiff bedeutete eine Bombe.

Bei einer solchen Gefechtsübung kam der dicke Vetter zu dem Spitznamen »Leiche«. Schmiedling ließ einen der fingierten Tiefangriffe mit Nahfeuer abwehren; beim Nahfeuer hatten die Richtkanoniere das Ziel übers Rohr direkt anzuvisieren. (»Wobei jeder Schuß ’n Kilometer danebenhaut«, sagte Wolzow.) Alles klappte, hundertmal geübt; doch da tauchte die alte Klemm plötzlich tief, ganz tief im Süden über dem Stadion auf, knatterte über die Stellung hinweg, und Schmiedling brüllte: »Tiefangriff Richtung sechs! Volle Deckung!« Auch das war schon hundertmal geübt worden. Aber heute passierte Vetter ein Mißgeschick. Er warf sich nicht der anfliegenden Maschine entgegen in die Deckung des hohen Erdwalles, sondern hopste eine Weile unentschlossen im Geschützstand herum und suchte dann auf der entgegengesetzten, auf der falschen Seite Deckung, während die Klemm über ihre Köpfe hinwegbrauste. Schmiedling wurde zornig. Er scheuchte die anderen wieder ans Geschütz, Vetter aber rief er zu: »Vetter, werden S’ wohl liegen bleiben! Sie san tot! Tot san Sie! Sie depperte Leich, Sie depperte!«

Holt sagte später zu Gomulka: »Es ist ein unheimlicher Spitzname …« Aber es blieb dabei, und auch Gottesknecht rief: »Vetter, Sie Leiche, Sie sollen ja lebensmüde sein!«

Überhaupt: Gottesknecht! Er wußte alles, er sah und hörte alles und tauchte stets im unpassendsten Augenblick auf. An den »Gastagen«, da man von früh bis abends mit aufgesetzter Gasmaske herumlaufen mußte, wurde Gottesknecht zur Plage. Man hatte ihnen französische Beutemasken gegeben, deren großer und schwerer Filter in einer umgehängten Tasche getragen wurde und durch einen Gummischlauch mit der Maske verbunden war. Die Jungen schafften sich Erleichterung, indem sie die Filter lockerschraubten, um mehr Luft zu bekommen. Aber dann war plötzlich Gottesknecht da, faßte in die Umhängetasche, und es hagelte Nichtgenügend.

 

Während des harten Dienstes verfolgten die Jungen mit besonderer Spannung die Nachrichten über den Luftkrieg. Tag und Nacht flogen die Bomber über die Grenzen, mindestens nachts die »Störflugzeuge«, unter denen sich niemand etwas Genaues vorstellen konnte. Immer häufiger wurde das »rheinisch-westfälische Gebiet« als Angriffsziel genannt. »Das sind wir«, sagte Holt zu Gomulka. Es war nun schon Oktober. »Hast du gehört? Gestern nacht wieder mehrere Städte, besonders Bochum.« Wolzow las aus der Zeitung vor, eine Luftschlacht über Bremen habe die Angriffe im ganzen nicht verhindern können.

Holt dachte an seine Verwandtschaft in Bremen. Der Stiefbruder seiner Mutter war dort Generaldirektor einer Werft. Die Hamburger Verwandten hatten die Angriffe unbeschadet überstanden.

Schon wenige Tage später hörte man von einer siegreichen Luftschlacht über Schweinfurt. »›Die deutsche Luftabwehr hat am 14. Oktober wiederum ihre ständig wachsende Stärke bewiesen und den feindlichen Angriffsverbänden gezeigt, daß ihrer Vernichtungswut Grenzen gesetzt sind‹«, las Wolzow vor. Die Nachricht verbreitete Optimismus. »›Wir registrieren nüchtern einen Markstein in der Entwicklung des großen Luftkampfes …‹, und hier: ›Die Piloten abgeschossener Maschinen haben völlig demoralisiert von der „Flakhölle“ gesprochen!‹« Vor diesen Nachrichten verblaßten die Meldungen von den Fronten. Wen interessierte schon die »Ausdehnung der Schlacht im Osten«? – »Ich denke, wir werden gerade zur großen Wende des Luftkrieges zurecht kommen«, sagte Holt, »wenn bloß erst die Ausbildung ein Ende hätte!«

Schmiedling malte täglich die Folgen einer fehlgeschlagenen Besichtigung aus. Das Ausbildungsprogramm war erfüllt, es gab nichts Neues mehr.

Die Batterie, an deren Geschützen sie ausgebildet wurden, hatte in der vergangenen Zeit ein paarmal Alarm gehabt. »Gefechtsschaltung« war die erste Alarmstufe; kamen die Bomber näher, wurde »Feuerbereitschaft« befohlen, aber das war in den fünf Wochen nicht vorgekommen. Der Alarm der Batterie 329 hatte die Jungen von der 107/III bisher nicht betroffen.

Eines Tages waren sie, wie üblich, zum Unterricht in der Kantine versammelt, und Gottesknecht ritt sein Steckenpferd Flakschießlehre. Der etwas schwerfällige Hampel hatte gerade das dritte Nichtgenügend einstecken müssen, als die Alarmklingel losschrillte. Da packte Gottesknecht seine Dienstvorschriften ein und sagte: »Wissen Sie was? Heute machen wir mit.« Es fuhr ihnen in die Glieder.

Die Batterie, am Tage nur mit vier Geschützen feuerbereit, wurde des Nachts durch Arbeiter und Angestellte aus der Stadt, durch sogenannte Flakwehrmänner, verstärkt, so daß alle sechs Geschütze besetzt werden konnten. Heute nun rannten die Jungen an die beiden Geschütze. Gottesknecht zog mit seinen acht Mann auf die Befehlsstelle.

Schmiedlings Bedienung war aufgeregt, am aufgeregtesten aber war Schmiedling selbst. »Machen S’ mir ka Schand net, i bitt Sie!« Wohl zehnmal versicherte er: »Wenn’s was geben sollt … Dös Schießen is fei net schlimm is dös net!« Da sie noch keine Gehörschützer empfangen hatten, verteilte er Watte.

Als Ladekanonier war ihnen ein Obergefreiter, der »Schreibstubenhengst«, zugeteilt worden. Wolzow nahm ihm den Ladehandschuh weg, Schmiedling, an der Geschützführerleitung, sagte: »Benehmen S’ Ihnen net so frech! Da muß i erst an Antrag auf Sondererlaubnis muß erst amol eingreicht wern, eh Sie scharf laden dürfen!« – »Gefechtsschaltung aufgehoben«, brüllte jemand von der B 2.

Am nächsten Morgen, beim Appell, rief Gottesknecht: »Ich hab eine Überraschung! Unser Dienstplan sieht vier Stunden Gefechtsexerzieren vor, geht punkt zehn Uhr los, mit Zieldarstellung. Da fliegt ein ganz toller Bomber für uns, zeigen Sie mal, was Sie gelernt haben! Grinsen Sie nicht, Holt! Warum grinsen Sie?!« – »Herr Wachtmeister, der tolle Bomber wird wieder die alte Klemm sein, die fällt uns bestimmt mal auf den Kopf!« – »Mangelhaft!« rief Gottesknecht. »Heute fliegt tatsächlich eine Ju 88, weil es das letztemal ist!«

Es geht los, dachte Holt, es ist soweit! Und er sah auf Wolzow, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte. Gottesknecht fuhr fort: »Ich schau mir während des Exerzierens die Geschützbedienungen an, mit allen Schikanen. Wenn es klappt …« Er zögerte, dann fuhr er ganz sachlich fort: »… dann tragen Sie anschließend sämtliche Klamotten auf die Kammer. Unsere Batterie hat im Raum Essen, Wattenscheid und Gelsenkirchen Stellung bezogen, ideale Gegend! Wir fahren heut nacht.«

Alle wußten es, aber da Gottesknecht es aussprach, traf es doch wie ein Hieb. Gottesknecht rief: »Heiliger Antonius! Was ziehen Sie denn für Gesichter! Was denken Sie, wie schön das dort wird! Ich versprech Ihnen eine ganz ruhige Tour, wenn nicht grad geschossen wird, oder wenn Sie nicht grad Schulunterricht haben, das geht dort nämlich weiter, oder wenn nicht grad Munition abgeladen wird, oder wenn nicht grad Bombentrichter zugeschaufelt werden müssen, oder wenn nicht grad was anderes ist. – Ruhe im Glied! Wolzow, quatschen Sie nicht. Sie wollen Offizierssohn sein? Der Schandfleck der Batterie sind Sie!«

»Herr Wachtmeister«, sagte Wolzow, »den ›Schandfleck‹ laß ich mir nicht gefallen, das ist …«

»Wolzow! Treten Sie vor! Nach links weg, marsch, marsch … hinlegen … auf … hinlegen!« Er wandte sich zum rechten Flügel: »Schmiedling, machen Sie weiter, los, schleifen Sie Ihren Liebling mal ’n bißchen, so ein frecher Kerl, zehn Minuten, aber mit allem Drum und Dran!« Und zu Wolzow, der bewegungslos auf dem Boden lag: »Gaaaas! So ist’s schön, jawohl, nein, Sie hier nicht, bloß der Wolzow, damit sich ihm das Ende der Ausbildung einprägt!«

Wolzow hatte die Gasmaske übers Gesicht gestreift. Gottesknecht rief: »Schmiedling, sehen Sie nach, ob die Maske dicht ist, der Wolzow ist raffiniert! Herrgott, Schmiedling, wie machen Sie denn das? Da drückt man einfach den Schlauch zusammen, wenn er dann nach fünf Minuten noch lebt, sitzt die Maske nicht dicht!«

Die Jungen lachten. Der Wachtmeister sagte: »Ist das nicht schön, daß wir alle so prachtvolle Laune haben? – Holt! Warum lachen Sie nicht mit?«

»Herr Wachtmeister, der Wolzow ist mein Freund, da können Sie nicht erwarten, daß ich mich amüsier, wenn er geschliffen wird!«

»Herrlich muß das sein, so’n treuer Freund!« rief Gottesknecht. »Wie sagten Sie? Das kann ich nicht erwarten? Haben Sie eine Ahnung, was ich alles kann! Holt, los, Gaaaas!« Holt riß die Gasmaske heraus und setzte sie auf. »Schmiedling, nehmen Sie Kastors Pollux gleich mit! Verstehen Sie nicht? Den Holt sollen Sie auch ein bißchen schleifen!« Und er rief: »Geteiltes Leid, Wolzow, ist halbes Leid. Wie bin ich zu Ihnen?«

Holt und Wolzow keuchten über den Acker. Nach einer Viertelstunde schickte Schmiedling sie in die Baracke. »Teifi, war dös wieder amol nöti?«

In der Stube war der bevorstehende Einsatz alleiniges Gesprächsthema. So stark sich ein jeder auch gebärdete: die Aufregung grenzte an Angst. Wolzow sagte: »Ob dir was geschieht oder nicht, das steht fest, da kannst du gar nichts machen! Soll dir was passieren, dann passiert’s so oder so, ob du bei der Flak im Ruhrgebiet bist oder an der Ostfront.« – »Allah ist groß«, sagte Gomulka, »alles steht im Buche des Lebens verzeichnet! Deine Schicksalsergebenheit hat was für sich.« – »Mein Vater hätte dir vielleicht Geschichten erzählen können«, rief Wolzow, »aus zwei Kriegen, von Leuten, die geglaubt haben, sie können ihrem Schicksal entgehen!«

Es komme, wie’s kommen muß, dachte Holt.

Kurz vor zehn rief Schmiedling sie an die Geschütze. Gottesknecht war eine halbe Stunde bei Schmiedlings Kanone zu Gast. Er fand nichts auszusetzen. Noch einmal wurde das Programm durchexerziert. Holt, so hatte es sich eingebürgert, war K 2, Gomulka richtete die Höhe, Vetter hockte an der Zünderstellmaschine. Wolzow war K 3. Gottesknecht sah, wie spielerisch leicht Wolzow auch bei maximaler Rohrerhöhung die schwere Patrone ins Rohr schob. »Na, Schmiedling, da haben Sie eine brauchbare Bedienung ausgebildet!« Schmiedling gab das Lob weiter: »Ihr seid’s fixe Kerle! Wir müssen zsammbleibn!«

In den HJ-Uniformen, in denen sie angekommen waren, lagen sie auf den blanken Strohsäcken herum und schrieben eifrig Briefe. Gegen Abend holten sie Verpflegung, dann stand schon Gottesknecht in der Tür. »Meine Herrn, wenn ich Sie höflichst bitten darf … Der Wagen ist vorgefahren! Nehmen Sie tränenreichen Abschied.«

Ein großer, dreiachsiger LKW jagte durch die Nacht. Auf den heißen, trockenen Sommer war der Oktober gefolgt, wolkenverhangen, oft regnerisch und kühl. Bei Regen und triefender Nässe hatten sie am Geschütz gehockt, dann wieder waren strahlende Herbsttage heraufgedämmert, warm und wolkenlos. Diese Nacht aber war dunkel, kalt und sternenlos. Mit abgeblendeten Scheinwerfern raste der Wagen westwärts.

 

4

 

Der Wagen hielt in der Dämmerung auf einer Anhöhe. Es war morgens gegen fünf. Die Luft, von weißem Nebel gesättigt, schmeckte nach Ruß und Rauch. Klamm die Anzüge, die Glieder steif vor Kälte, so standen sie herum. Undeutlich im Nebel erkannte Holt mehrere dicht nebeneinander stehende Baracken. Er fror und fand sich nicht zurecht.

Ein Obergefreiter tauchte aus dem Nebel, um die linke Achsel die gelbe Schnur des UvD. »Servus, Fritz!« rief Schmiedling erfreut. »Dös is unser Waffenmeister, der Obergfreite Macht!« – »Leise«, sagte Macht, ein Mann von fünfunddreißig Jahren, klein, dick und blond, »leise! Dort drüben schläft der Chef!« Er wandte sich an die Jungen: »Sie werden eingekleidet.« – »War was los heut nacht?« fragte Schmiedling. »Hier war Ruhe«, antwortete Macht, »aber im Norden hat’s Zunder gegeben.« – »Und sonst?« – »Jede Nacht«, sagte der Waffenmeister, »und fast jeden Tag.« Und zu den Jungen: »Mitkommen!«

In einer der Baracken war die Kammer untergebracht. Durch Fensterläden schimmerte Licht. Irgendwo in der Nähe erhob sich wütendes Hundegebell. Eine dröhnende Stimme rief: »Halt’s Maul, Mensch!« – »Das ist der Chef!« flüsterte Macht. »Seid bloß still!«

Sie erhielten Uniformen, eine Ausgehmontur mit einreihigem, auf Taille gearbeitetem Mantel, und auch ein Blechbüchschen mit Gehörschützern. Obergefreiter Schnitzler, der Kammerunteroffizier, war ein dünner, behender Mann mit raschem Mundwerk. »Meckern Sie nicht! Wenn was nicht paßt, tauschen Sie’s um!« Mit Kleidern bepackt, verließen sie die Kammer und zogen sich in einer leerstehenden Baracke um.

Die Wohnbaracke A, Anton genannt, stand etwa fünfzig Meter von der Kammer entfernt. Holt war bald fertig. Er ging ein paar Schritte den Fahrweg entlang, blieb stehen und sah sich um.

Es tagte. Bald mußte die Sonne aufgehen. Der Morgenwind trieb den Nebelvorhang zur Seite, der Blick auf die Stellung wurde frei. Holt prägte sich die Lage der Batterie fest ein. Ein kahler Höhenrücken, der Boden schmutziggrau, die Äcker mager und steinig. Im Osten stand Wald, dürre, kahle Stämme, die trostlos an die üppigen, unwegsamen Wälder in den Bergen erinnerten. Vier weit auseinanderliegende Wohnbaracken bildeten ein großes Rechteck, dessen Seiten von West nach Ost etwa hundertfünfzig, von Süd nach Nord nicht mehr als fünfundsiebzig Meter messen mochten. Holt sah im Morgenlicht links von sich Anton, rechts Berta, und dort stand noch ein gemauertes Häuschen, an dem das Wort »Kantine« zu lesen war. Zwischen Anton und Berta lag der Barackenhaufen von Kammer, Schreibstube, Küche und Chefunterkunft. Nach links, zu Anton, führte ein Lattenrost, nach rechts, zu Berta und der Kantine, ein breiter Fahrweg, der hier nach Süden bog, talwärts ein Eisenbahngleis schnitt und dann auf eine Straße mündete. Jenseits der Straße zog sich ein Kanal von Osten nach Westen; dort hing noch weißer, undurchsichtiger Nebel. Im Norden von Berta, am Westhang der Anhöhe, sah Holt Baracke Cäsar, und im Norden von Anton konnte er Baracke Dora erkennen, davor einen großen, einsamen Baum. Inmitten dieses Rechtecks lag die Feuerstellung, die hohe Erdaufschüttung der B 2, umgeben von den sechs Geschützständen. Hinter der B 2 war das Funkmeßgerät eingegraben. Im Westen der Feuerstellung wölbten sich in einer Reihe von Nord nach Süd die vier großen Munitionsbunker der Zweitausstattung aus dem Acker.

Ringsum, im Tal, sah Holt sich von dem Panorama eines gewaltigen Industriegebietes umgeben. Überall Schlote, Riesenschornsteine, die grauen Qualm ausspien, wieder und wieder Schlote, Hochöfen, die rote Flammen brennender Lichtgase in den Himmel warfen, Lufterhitzer, Kokereien, riesige Hallen der Stahlwerke am Horizont, dazwischen Fördertürme mit kreisenden Seilscheiben, Riesenretorten der Raffinerien, Abraum- und Kohlenhalden wie die heimischen Berge, und dies alles von Dunst und Rauch überlagert, von Qualmwolken, die träge mit dem Winde davonwehten, durch ein Gewirr von Bahnanlagen verbunden und ringsum eingeschlossen von einem endlosen Häusermeer: Essen im Süden und Westen, Gelsenkirchen im Norden und Nordosten, Wattenscheid im Osten. Die Städte liefen ineinander, und Häuser, Industriewerke, Schlote, Hallen und Geleise nahmen kein Ende, soweit der Blick reichte.

Das ist nun auch mir anvertraut, dachte Holt. Ein Gefühl des Stolzes bewegte ihn. Aber in seinem Rücken schrie eine derbe Stimme: »Stehn Sie hier nicht rum!« Ein Unteroffizier trat vor ihn hin, ein dreißigjähriger Mann, das Käppi tief in die Stirn gedrückt. »Name!« Und dann: »Worauf warten Sie, Holt? Haun Sie ab, Sie Spund, in zehn Minuten ist Morgenappell!«

 

Die Batterie trat auf dem breiten Weg an, der am Rande der Feuerstellung von der Schreibstube zur Kantine führte. Am rechten Flügel stand das Batteriekommando, ein Unteroffizier und zehn Obergefreite. Die achtundzwanzig Neuen, wie sie von den anderen genannt wurden, standen müde und übernächtig im Glied. Holt sah sich die Oberhelfer an, die schon länger zur Batterie gehörten, und er dachte respektvoll: Die haben Hamburg mitgemacht!

Das Antreten ging nicht ganz reibungslos vor sich. Wolzow geriet mit einem der Oberhelfer aneinander, der ihn einfach zur Seite schieben wollte. »Benimm dich!« sagte Wolzow schließlich. »Du hältst deine Fresse, Neuer!« – »Mensch!« rief Wolzow. »Spiel dich nicht auf, sonst kracht’s!« – »Ruhe im Glied!« brüllte der Unteroffizier, Engel mit Namen. »Wollt ihr wohl die Schnauze halten?« Von hinten raunte es: »Laß ihn, Günsche, machen wir andermal!«

Das gibt Ärger, dachte Holt. Er sah Wolzow verächtlich den Mund verziehen. Hinten murmelte jemand: »Der Neue soll sich wundern!«

Engel meldete dem Wachtmeister. Gottesknecht, vor der Front, musterte schweigend die angetretenen Jungen. Dann stürzte aus der Chefunterkunft, bei der Schreibstubenbaracke, mit tollem Gebell ein brauner Setter, raste zu der angetretenen Batterie, umkreiste sie kläffend und lief zur Schreibstube zurück, aus der in diesem Augenblick der Batteriechef, Hauptmann Kutschera, trat.

»Batterie … stillstann!« schrie Gottesknecht. Er kann also auch schreien, dachte Holt … »Zur Meldung an den Herrn Hauptmann Augen … rechts!« Gruß und Meldung: »Batterie mit zwei Unteroffizieren, zehn Mann und achtundachtzig Luftwaffenhelfern angetreten.«

Der Hauptmann legte mit nachlässiger Bewegung die Hand an den Mützenschirm, trat näher und rief mit einer ungeheueren Stimme: »Morn, Batterie!«, und: »Morn, Herr Hauptmann!« scholl es im Chor zurück. »Lassen Sie rühren«, sagte Kutschera. Auch wenn er nur leise sprach, dröhnte seine Stimme weit über den Platz, Gottesknecht kommandierte: »Batterie … rührt euch!« Dann blieb er links hinter dem Chef stehen. Kutschera schaute eine Weile gelassen die Front auf und ab.

Holt betrachtete den Gewaltigen: Das war ein riesiger, an die zwei Meter großer Mann, fünfzigjährig, eine furchteinflößende Gestalt. Der graue, weite Fahrermantel reichte bis zu den Knöcheln und wies keine Rangabzeichen auf. Nur an der Schirmmütze trug er die silberne Paspel der Offiziere. Die Mütze saß schief auf dem langen Schädel, der aus dem Fahrermantel bleich emporwuchs, und überschattete das Pferdegesicht, das schmal und derb konturiert war; alles in diesem Gesicht zog sich in die Länge, die fleischige Nase, der breitlippige Mund. Die Augen, tief im Schatten des Mützenschirms, blickten kalt und drohend. Der Setter lag ihm zu Füßen, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt.

»Hört mal her«, sagte der Hauptmann. Er öffnete kaum den Mund, aber seine Stimme war dröhnend und durchdringend. Er hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben. »Jetzt wird eingeteilt. Wenn das länger als eine halbe Stunde dauert, passiert was. Punkt acht …« – er nahm die Linke aus der Manteltasche und blickte auf die Armbanduhr – »melde ich die Batterie einsatzbereit. Wird höchste Zeit; hier ist bißchen was los. Das kotzt mich an, wenn die Schweine da oben rumkurven, und ich kann ihnen keins draufgeben.« Er erklärte den Kampfauftrag: »Schutz der umliegenden Industrieanlagen und Wohnviertel.« Dann verstummte er unvermittelt; er wollte sich abwenden, und der Hund sprang schon auf die Füße. Aber Kutschera hielt mitten in der Bewegung inne und dröhnte: »Ein Wort an die Neuen! Wenn sich einer beim ersten Gefecht die Hosen vollscheißt, das ist mir egal. Aber wehe, einer macht schlapp! Wenn die Brüder nicht spurn, dann sollen ihnen die Oberhelfer das beibiegen. Selbsterziehung ist noch immer das solideste.«

Ein Freibrief, dachte Holt und schielte verstohlen zur Seite; er sah die Oberhelfer grinsen und Blicke wechseln … Die Stimme des Hauptmanns riß ihn aus seinen Gedanken: »Noch was! Heut nachmittag Batterieexerzieren mit Zieldarstellung. Da schau ich mir die Neuen an. Vielleicht kommen ein paar Amis vorbei, das ist immer noch das solideste … Ach was!« sagte er plötzlich und wandte sich ab. Der Hund sprang bellend hoch. »Sei still, Mensch!« Der Hauptmann verschwand in Richtung Schreibstube.

Gottesknecht teilte ein. Schmiedling schrie: »Wolzow! Holt! Gomulka! Die anderen, los, kommen S’ her!« Sie blieben beisammen und wurden Stammbedienung am Geschütz Anton, dazu noch Weber, Kirsch, Branzner und Kattner, die nachts als Richtkanoniere zum Geschütz Berta gehörten. »Dös haut hin!« sagte Schmiedling erfreut, als er seine Bedienung wieder beisammen hatte. Gottesknecht teilte ihnen noch einen Oberhelfer als stellvertretenden Geschützführer zu. Er hieß Günter Ziesche und war ein gedrungener, blonder Junge von siebzehn Jahren, etwas dicklich, mit weibischen Zügen, unreiner Gesichtshaut und einer großen Warze an der linken Schläfe.

Auch in der Unterkunft, in die sie bedienungsweise eingewiesen wurden, blieben sie beieinander, und Ziesche zog als Stubenältester zu ihnen. Sie richteten sich eine der zwei kleinen Stuben in Baracke Dora ein, sechs Mann, Ziesche, Wolzow, Holt und Gomulka, Vetter und Rutscher. In der gegenüberliegenden Stube nahm die Bedienung von Geschütz Cäsar Quartier; und die dritte, große, am Ende des Korridors, war für Flakwehrmänner reserviert.

»Baracke Dora liegt am günstigsten«, sagte Wolzow, »schön weit weg, hier kommt nicht dauernd der UvD hin!« Ziesche erklärte, daß nur wenige der Oberhelfer in Hamburg dabeigewesen seien, zwölf Mann, die Bedienung des Funkmeßgerätes und zwei Entfernungsmesser, von denen sich Hauptmann Kutschera nicht hatte trennen wollen; die anderen waren in Hamburg geblieben. Etwa fünfzig Oberhelfer stammten aus den umliegenden Städten. Sie waren aus anderen Batterien herausgezogen und vor acht Tagen in die 107 gesteckt worden. Denn die Batterie hatte erst vor einer Woche hier Stellung bezogen.

»Eine üble Schinderei«, erzählte Ziesche, während sie sich in der kleinen Stube einrichteten. »Wir haben den ganzen Tag gebaut und geschippt, dann aufmunitioniert. Die Hauptarbeit haben Russen gemacht, aus einem Lager, die mußten scharf ran, die Posten haben sie mit Knüppeln angetrieben.« – »Mit Knüppeln?« fragte Holt. »Gibt’s das?«

»Du lebst wohl auf dem Mond!« sagte Ziesche. »Warum soll’s das nicht geben?« – »Hast du schon mal was von Völkerrecht gehört?« fragte Gomulka.

»Quatsch doch nicht! In diesem Krieg geht es um Sein oder Nichtsein, da spielen rechtliche Erwägungen keine Rolle! Die Russen sind sowieso bloß Tiere!«

Es war nichts Neues, Holt hatte es hundertmal gehört.

 

Die Klingel schrillte, einmal, zweimal, dreimal … »Gefechtsschaltung!« rief Ziesche. »Los, Stahlhelm, Gasmaske, Gehörschützer! Fenster auf, sonst sind die Scheiben hin! … Laßt euch Zeit, Feuerbereitschaft klingelt nur zweimal!«

Sie liefen schon den Lattenrost entlang. Als Holt den Geschützstand betrat, sah er ein paar Luftwaffenhelfer mitten in der Feuerstellung das Müo auslegen, ein riesiges, aus weißen Tüchern gebildetes Quadrat mit einem Kreuz darin, das allen deutschen Flugzeugen Landebefehl gab. Im Geschützstand löste Schmiedling die Plane, die Jungen zerrten sie herunter und falteten sie zusammen. Schmiedling legte das Kehlkopfmikrophon um den Hals und schnallte den Kopfhörer am Ohr fest. Der kleine Weber hockte schon an der Seitenrichtmaschine, Gomulka war K 1 und polierte den blanken Höhenrichtbogen, und Vetter, ein wenig bleich, saß an der Zünderstellmaschine.

Schmiedling schaltete am Kehlkopfmikrophon herum. »Anton … Verständgung is guat! …« Er schaltete wieder. »Die machen Leitungsprob mit ’m Fu-MG!« Weber meldete: »Seite gut!« Gomulka folgte: »Höhe gut«, und auch Vetter meldete vorschriftsmäßig: »Zünder gut!« Wolzow grinste, haute ihm auf die Schulter und sagte: »Na, ›Leiche‹, ruhig Blut!« Er zog sich den Ladehandschuh an.

Holt stand abseits in einer Ecke. Gut, spiel ich eben Munitionskanonier. Hat seinen Vorteil: man sieht mehr. Habe ich Angst? fragte er sich plötzlich.

Er schaute in den Himmel. Im Westen stand eine niedrige, geschlossene Wolkendecke, aber über ihnen war strahlendes Blau. Eine Viertelstunde, dachte er, dann ist alles zugewölkt.

Schmiedling horchte in den Kopfhörer, dann rief er: »Noch mal Leitungsprob, mit’m Kommandohülfsgerät!« Die Richtkanoniere meldeten.

Auf einmal brüllte von der B 2 die Stimme Unteroffizier Engels: »Feuerbereitschaft!« Im gleichen Augenblick heulten ringsum, in diesem ineinandergeflochtenen Netz der Städte, die Sirenen los: auf – ab, auf – ab, laut und entnervend. Ziesche saß auf einem Holm der Lafette. »Gleich Vollalarm? Dann wird’s was!« Holt sah den Hauptmann barhäuptig, den Stahlhelm in der Hand, in den Fahrermantel gehüllt und von seinem Hund gefolgt, zur B 2 gehen, dabei brüllte er mit seiner Löwenstimme: »Wollt ihr vielleicht das Müo einziehen, ihr Banditen?!« Ein paar Luftwaffenhelfer liefen über den Acker und rafften die weißen Tücher zusammen.

»Los, machen S’ die Munibunker auf!« befahl Schmiedling. Holt wuchtete eine der schweren Holzplatten hoch, legte sie auf den Boden und zog ein paar Patronen halb aus den Körben, so daß sie sich gut fassen ließen. Er war aufgeregt und sprach sich unaufhörlich selbst Mut zu. »Still!« schrie Schmiedling. »A Luftlagmeldung!« Er horchte so angestrengt, daß sich sein Gesicht verzog. »Da san a paar schwere Kampfverbänd über Südholland im Anflug auf d’ Reichsgrenzn!« – »Südholland? Dann kommen sie hierher«, sagte Ziesche.

Der Obergefreite Macht, mit der gelben Schnur des UvD, betrat den Geschützstand, er rauchte Pfeife, an seinem Arm baumelte der Stahlhelm. »Machst K 3, Fritz?« rief Schmiedling erfreut. Dann befahl er: »Wolzow, geben S’ den Ladehandschuh her!« Wolzow protestierte: »Sie haben gesagt, ich darf laden!« Schmiedling lief krebsrot an. »Wern S’ wohl pariern!« Wolzow zog murrend den Ladehandschuh aus und warf ihn dem UvD hin, der ihn verblüfft auffing.

Schmiedling war sehr aufgeregt. Seit Feuerbereitschaft befohlen worden war, sagte er immer wieder: »Machen S’ mir ka Schand net … I bitt Sie!« Und plötzlich: »I hab’s im Gfühl, heut gibt’s was!« Dann wieder rief er: »Dös Schießen is net schlimm! Dös kracht aweng, net wahr … Stellen S’ Ihnen bloß net unters Rohr, dort is die Druckwell am schlimmsten!«

Schmiedlings Unruhe übertrug sich auf Holt, der erhöht auf dem Verschlußbrett eines Munitionsbunkers stand, von wo er über den Erdwall des Geschützstandes hinweg auf die B 2 sehen konnte. Der Hauptmann ragte riesenhaft und barhäuptig über die Brustwehr und suchte mit einem Fernglas den Himmel ab.

»Luftlag!« rief Schmiedling. »Die Kampfverbänd fliegn ’s Ruhrgebiet an! Glei geht’s los!« Auf der B 2 begann wildes Hundegebell, was in der Meßstaffel fieberhafte Unruhe auslöste. »Der Blitz vom Hauptmann«, sagte der UvD, der neben Ziesche auf dem Holm hockte, »der riecht das Schießen!« Er zog sich den Ladehandschuh an. Auf der B 2 setzte Kutschera das Glas ab und schnauzte seinen Hund an: »Sei still, Mensch, sonst fliegst du raus!« Das Bellen verstummte.

Auf einmal, unwirklich fern, war ein feines Summen zu hören. Holt spürte seinen Herzschlag bis in die Schläfen. Die Wolkenbank stand noch immer im Westen. Von der B 2 dröhnte die Stimme des Hauptmanns über die Stellung: »Rohre Richtung neun!« Das Geschütz schwenkte nach Westen. Holt beobachtete unverwandt die Befehlsstelle, dort rief eine helle Jungenstimme: »Motorengeräusch in neun!« – »Mensch!« brüllte Kutschera. »Die Flugmelder, diese Idioten, die pennen wohl?!«

»Zünder hat Werte!« schrie Vetter, kreidebleich vor Schreck. Die Schwungmasse der Zünderstellmaschine heulte los wie eine Sirene. Holt stülpte mechanisch den Stahlhelm auf den Kopf, riß eine Patrone aus dem Korb, trug sie zu Wolzow, der sie in den Zünderstelltopf einsetzte und Holt dabei zunickte … wie gut das tat! Schmiedling schrie: »Schießen mit Funkmeßgerät!« Schon meldete Weber: »Seite eingestellt!« Gomulka folgte: »Höhe eingestellt!« – »Zünder!« schrie Schmiedling. »Was is denn mit ’m Zünder!«

Holt sah und erlebte dies alles wie von fern, denn Angst hatte ihn gefaßt. Angst vor dem ersten Schuß, Angst vor Bomben, Angst vor allem, und sie hüllte ihn ein wie der Nebel am Morgen. Das Geschützrohr schwenkte ganz langsam nach Norden, Holt, eine Patrone im Arm, stand hinter Wolzow, das Summen am Himmel wurde stärker, nun begann ein Dröhnen und Donnern, wie ein schweres Gewitter. Der UvD, breitbeinig hinter dem Geschütz, sagte: »Das sind die Batterien in Mühlheim!« Und da kam endlich Vetters Stimme: »Zünder im Bereich! Zünder eingestellt!« – »Anton feuerbereit!« schrie Schmiedling ins Kehlkopfmikrophon.

Schließlich klappte es wie beim Exerzieren. Holt hörte auf der B 2 die Stimme Kutscheras: »Feuer frei!« Dann kam schon Schmiedling mit dem Ankündigungskommando: »Gruppenfeuer …« Holts Herzschlag setzte aus. »Gruppe!« krächzte Schmiedling, die Feuerglocke rasselte, Macht riß die Patrone aus der Zünderstellmaschine und schob sie ins Rohr, der Verschlußkeil fuhr hoch, die ledergepanzerte Hand faßte den Abzugshebel … Mund auf! dachte Holt noch, dann fuhr ihm ein Blitz in die Augen, wie ein Schlag traf ihn die Schallwelle, ein furchtbares, ohrenzerreißendes Krachen, Staub und Qualm überall, und wie im Traum sah Holt das Rohr zurückfahren und die rauchende Kartusche ausspeien. Das Bersten und Schmettern verstummte nicht. Plötzlich war alle Angst weggewischt. Holt dachte: Das sind die Nachbarbatterien! Fern in der Wolkenbank hing das durchdringende Surren der Flugzeugmotoren und vermischte sich mit dem Bersten der Flakgranaten.

»Gruppe!« schrie Schmiedling. Holt reichte Wolzow eine Patrone, Wolzow nahm sie und grinste, und kaum war der Schuß gefallen, rief Schmiedling: »Feuerpause!«

Holt reckte den Kopf nach der B 2. Dort setzte in diesem Augenblick chaotischer Lärm ein. »Pulk in neun!« schrie jemand. Holt blickte zum Himmel. Da! Ein Schwarm winziger Punkte, silberglänzend in der Sonne, schwebte aus der Wolkenbank heraus in den blauen Himmel, und ringsherum, wie hingezaubert, standen die Sprengwolken der Flakgranaten. Sie fliegen an uns vorbei! dachte Holt erlöst. Dann ging alles ganz schnell: »Ziel aufgefaßt!« gellte es auf der B 2, und wieder Kutscheras Stimme: »Feuer frei!« – »Schießen mit Kmandohülfsgerät!« rief Schmiedling, und Macht sagte: »Jetzt wird optisch geschossen, jetzt kriegen sie Pfeffer!« – »Gruppenfeuer!« rief Schmiedling. »Gruppe!« Mund auf! dachte Holt wieder. Er sah Vetter an der Kurbel drehen wie einen Leierkastenmann, sah, daß sich das Gesicht des UvD beim Abschuß verzerrte wie im Veitstanz, und sah auch, daß Schmiedling nun seelenruhig war. »Gruppe!« Holt lief nach einer Patrone zum Bunker. Schmiedling hat ja nur Angst gehabt, wir könnten versagen!

»Feuerpause!« Schmiedling sagte: »Die im Norden ham ’s besser im Zünderbereich!« Und freudestrahlend: »Jungs, Kerle san S’, dös is guat! … Flugzeug neun!« rief er erschrocken. Weber riß das Geschütz nach Westen zurück. Vorbeiflug von links nach rechts, schießen mit Kommandohilfsgerät, wie in der Ausbildung, dachte Holt, nur daß es zwischendurch kracht … Er zählte die leeren Kartuschen, elf, zwölf Stück, man schob sie mit den Füßen in die Ecken des Geschützstandes. Und immer wieder: »Gruppe!« Ein neuer Pulk zog im Norden an ihnen vorbei. Wozu hab ich Angst gehabt? dachte Holt, und er grinste zu Wolzow hin, und Wolzow grinste zurück.

»Feuerpause!« Das Rohr schwenkte zurück nach Norden, fünfundvierzig Grad erhöht. Das Summen der Flugzeugmotoren wurde schwach und schwächer. Im Norden grollte schwerer Geschützdonner. »Jetzt gibt’s Zunder in Recklinghausen!« sagte Macht. Ziesche, der während des Schießens tatenlos bei Schmiedling gestanden hatte, meinte: »Wenn nicht noch eine neue Welle kommt, sind sie hier durch!« Schmiedling meldete den Munitionsverbrauch an die B 2, einundzwanzig Schuß. Er steckte sich eine Zigarette an. »Wann die Brüder zruckkimma, denselbign Weg, da muß dös wieder so klappen!«

Sie warfen die leeren Hülsen aus dem Geschützstand. Schmiedling horchte in seinen Kopfhörer. »Anton verstandn! … Die Feuerbreitschaft is aufghobn!« Holt sah Kutschera, von seinem Hund gefolgt, die B 2 verlassen und in Richtung Schreibstube verschwinden.

Die Luftwaffenhelfer schleppten fluchend neue Munitionskörbe an die Geschütze. Ein Korb mit den Patronen wog fast einen Zentner. Wolzow meinte: »Das Schießen ist großartig!« Sie warteten am Geschütz. Schmiedling erhielt eine Luftlagemeldung: »Die Verbänd, net wahr, die fliegn wohl nach Berlin, net wahr, da kommen s’ vielleicht gar net hier zruck!« – »Von Berlin fliegen sie bei gutem Wetter meist über die Kieler Bucht nach England ab«, sagte Ziesche. Wolzow fragte: »Wenn die noch mal vorbeikommen, lassen Sie mich dann laden?« – »I frag’n Chef«, antwortete Schmiedling, »i hab jetzt a Zutraun zu Ihnen.«

Aber die Bomberpulks flogen über Norddeutschland aus.

 

Holt, Wolzow und Ziesche gingen Tage später über den Lattenrost durch die Feuerstellung. Da verließen drei Oberhelfer die B 2, als hätten sie dort gewartet, drei große, derbe Burschen. Einer war neulich beim Antreten Günsche genannt worden; die anderen beiden, dachte Holt, indem er die drei argwöhnisch musterte, mochten Zwillingsbrüder sein, so ähnlich sahen sie einander. Ziesche bog rasch nach links ab und ging wortlos seiner Wege. Holt und Wolzow blieben stehen.

»Hör mal, Neuer …«, sagte Günsche in norddeutschem Dialekt; er war nur wenig kleiner als Wolzow, der ihn sofort unterbrach: »Neuer? Ich heiß Wolzow, das wirst du dir ja wohl noch merken können!« Herrlich frech! dachte Holt. Bloß nicht einschüchtern lassen! Günsche zog die Brauen hoch, seine Augen funkelten. Die Zwillingsbrüder hinter ihm, zwei kräftige Burschen, pusteten sich mächtig auf und nahmen die Hände aus den Taschen.

Günsche sagte drohend: »Wenn du noch mal den großen Rand riskierst, dann bist du dran mit Selbsterziehung!« Holt sah, daß Wolzow sich duckte, und sagte schnell: »Laßt uns in Ruhe, ihr Hamburger!« Günsche fuhr ihn an: »Du hältst die Fresse, du Spund, sonst …« – »Sonst?« schrie Wolzow, und dann ging alles sehr schnell. Holt erhielt einen Schlag ins Gesicht, aber schon warf er den langen Günsche im Kopfschwung auf den Lattenrost; er sah noch, wie sich Wolzow auf die Zwillingsbrüder stürzte, und dann tobte kläffend der Setter um sie herum, und gleich war auch der Hauptmann da. Die ungeheure Stimme brüllte: »Mensch, was ist denn hier los, was erlauben sich denn die Kerle!«

Holt ließ den verdutzten Günsche los, der sich aufrappelte. Auch Wolzow stand stramm vor dem Hauptmann. Einem der Zwillingsbrüder lief aus der Nase dickes, dunkelrotes Blut über den Mund und auf die Uniform; der andere krümmte sich auf dem Acker und schnappte nach Luft. Hat ihm Gilbert eins auf den Magen gegeben, dachte Holt.

»An den Baum binden und auspeitschen!« dröhnte Kutscheras Stimme. »Die Neuen verprügeln die Alten, wo gibt’s denn so was!« Seine Sympathie lag eindeutig bei den Hamburgern.

Plötzlich stand Gottesknecht an seiner Seite, und Kutschera drehte ihm unwillig den Kopf zu. Wenn er uns jetzt in den Rücken fällt, dachte Holt, dann hat Gilbert recht, dann ist Gottesknecht ein Aas. Aber Gottesknecht sagte, leise, wie es seine Art war: »Verzeihung, Herr Hauptmann, ich hab’s von der B 2 angesehen. Die Neuen trifft diesmal weniger Schuld. Günsche hat den ersten Schlag geführt.«

»So!« sagte Kutschera unzufrieden, und einen Augenblick lang sah es so aus, als wolle er den Wachtmeister zurechtweisen. Aber dann sagte er: »Da misch ich mich nicht ein … Günsche!« schrie er, und zu den Zwillingen: »Pingels, ihr Arschlöcher! Mensch, wenn ihr euch so blöd anstellt, dann laßt euch halt von den Spunden verdreschen!« Riesenhaft, von seinem Hund gefolgt, stiefelte er davon. Gottesknecht sagte: »Jetzt ist Ruhe, meine Herren, sonst mach ich mit und bestraf euch alle zusammen!«

Günsche, als auch Gottesknecht verschwunden war, zischte: »Das kommt euch teuer zu stehn!« Wolzow sagte: »Halt die Fresse …« Auf einmal schrie er, nach vorn geneigt, mit geballten Fäusten, und Holt hatte Wolzow noch nie so in Wut gesehen: »Ihr sollt mich kennenlernen! Ich schlag euch reif für’s Krankenhaus!« – »Schluß!« sagte Holt und zog Wolzow davon.

 

In der Stube räumten Holt und Wolzow ihre Spinde ein. »Wenn sie uns nicht in Frieden lassen, knöpf ich sie mir einzeln vor«, drohte Wolzow. Ziesche, leicht ironisch, meinte: »Nimm dir nicht zuviel vor. Unter den Hamburgern sind starke Kerle!« – »Du willst auch was?« Wolzow musterte Ziesche. Holt sagte: »Du bist vorhin einfach davongerannt! Sind wir zusammen an einem Geschütz? Leben wir zusammen auf einer Bude?« – »Ich bin Oberhelfer, ich verderb mir’s nicht mit meinen Kameraden.« – »Oberhelfer wird nach einem halben Jahr jeder!« entgegnete Holt.

Wolzow knallte seinen Spind zu. »Ich hab’s beim Wachtmeister verschissen, wieso weiß ich nicht. Ich hab’s womöglich auch beim Chef verschissen. Jetzt ist mir alles egal! Ich nehm’s mit der ganzen Batterie auf. Laß sie draußen antreten, deine Herren Oberhelfer, meinetwegen können sie alle auf einmal kommen … Meinst du«, schrie er Ziesche an, »ich mach mir was draus, wenn zur Abwechslung ich mal die Fresse vollkriege? Da müssen sie mich totschlagen, oder aber es heißt danach: Auge um Auge, Zahn um Zahn, solang ich noch einen Finger rühren kann.« – »Soll ich’s ausrichten?« fragte Ziesche. – »Wenn du dich nicht schnell auf unsere Seite stellst …«, drohte Holt. Vetter rief im Hintergrund: »Du Pickelhering, Mensch, dich reiben wir zu Mus!«

»Tun Sie das nicht!« sagte Gottesknecht, der plötzlich in der offenen Tür stand. »Herrn Oberhelfers Mütterchen weint sich sonst die Augen aus.« Todsicher hat er schon lange auf dem Flur gestanden und gehorcht, dachte Holt … Wozu sind wir in einer so entlegenen Baracke? Man muß ein Warnsystem einrichten!

Gottesknecht blickte sich in der Stube um. Endlich rief Ziesche Achtung und meldete. Gottesknecht schnüffelte mit erhobener Nase. »Die Herren haben geraucht! Pfui, das ist verboten!« Dann trat er vor einen offenen Spind, es war Ziesches Spind, faßte mit spitzen Fingern ein Buch, zog es heraus und schaute nach dem Titel. »Flex …«, sagte er, »›Der Wanderer zwischen beiden Welten‹, aha! Wer liest denn da so kerndeutsche Bücher?«

»Ich, Herr Wachtmeister!«

»Soso! Ich hab übrigens auch was zu lesen für Sie, von meiner Frau, die wäscht sich immer mit Seesand-Mandelkleie, schaun Sie sich mal den Prospekt an, vielleicht geht davon Ihre Akne weg!« Die Jungen lachten, Ziesche errötete unaufhaltsam. »Wolzow, Holt … mitkommen!« sagte Gottesknecht. Er ging vor ihnen den Lattenrost entlang. »So. Da wolln wir mal … Nach Norden weg, marsch, marsch!«

Eine Sekunde verständnislosen Zögerns, dann liefen Holt und Wolzow den Hang hinab. »Achtung!« Sie standen wie die Bäume, Front zu Gottesknecht, der sich breitbeinig auf dem Lattenrost aufgepflanzt hatte. »Hinlegen!« Sie warfen sich auf den Acker. »So, jetzt wird schön flott zu mir hergerobbt!« Sie krochen den steilen Hang empor. »Auf!« befahl Gottesknecht.

Er sah ihnen in die Augen, er war nicht böse. »Der Wolzow hat noch immer Wut! Schade!« Und beinahe besorgt: »Ich hab doch recht, Wolzow, nicht wahr? Sie sind wütend!«

»Jawohl, Herr Wachtmeister!«

»Sehen Sie! Ich seh das an den Augen, das hab ich von einem Schäfer, der erkannte auch alles an der Pupille, Schwangerschaften, Bauchgrimmen, Hodenbrüche … Wir machen also noch ’n bißchen weiter, bis Wolzow keine Wut mehr hat, eher kann ich mich mit ihm ja nicht ruhig unterhalten. Holt, Sie leisten ihm Gesellschaft, damit er sich nicht so einsam fühlt. Sie haben doch Lust, mitzumachen?« fragte er, und wieder klang seine Stimme ehrlich besorgt. »Jawohl, Herr Wachtmeister!« – »Fabelhaft! Sehen Sie, Wolzow, das ist Freundschaft! Sie laufen jetzt den Hang runter, bis zur Chaussee, hundertzwanzig Meter, alles genau vermessen! Dann kommen Sie den Hang wieder hoch, Häschen-hüpf, kennen Sie das?« – »Jawohl, Herr Wachtmeister!« – »Enorm! Aber ordentlich tief runter, die Arme im Vorhalt, schön in die Kniebeuge! … Gesundheitlich geht’s Ihnen doch gut?« – »Jawohl, Herr Wachtmeister!« – »Na also. Wolzow, Sie werden das den ganzen Nachmittag machen müssen, Sie werden ja immer wütender! Traben Sie erst mal los!«

Sie liefen im Laufschritt den Hang hinab. »Gilbert, der will was! Reg dich nicht auf!« – »Er soll mir den Buckel runterrutschen!« gab Wolzow zurück.

Sie hüpften den Hang empor. Holts Oberschenkel begannen zu schmerzen, die Muskeln verkrampften sich, die Knie zitterten haltlos. Wolzow war Holt voraus. Der Hang stieg steil an; Holt wurde der Atem knapp. Das kommt vom Rauchen, ging es ihm durch den Sinn. Er kämpfte gegen den Wunsch an, sich hinzuwerfen und auszuruhen. Mit empfindungslosen Beinen und schmerzendem Rücken, atemlos und erschöpft, langte er beim Lattenrost an.

»Na, wie war’s?« fragte Gottesknecht. Er rauchte eine Zigarette, die Mütze ins Genick geschoben, offenbar bester Laune. »Nicht wahr, Wolzow, das ist eine Viecherei?« – »Es strengt ganz schön an«, sagte Holt, »man ist zuwenig trainiert!« – »So? Da müssen wir das öfter machen, an mir soll’s nicht liegen!« Er wandte sich an Wolzow. »Na, haben Sie noch Wut?«

Wolzow antwortete nicht. Gottesknecht schmunzelte. »Herr Wachtmeister«, sagte Wolzow. »Ich melde, daß ich vom Häschenhüpf die Schnauze voll hab!«

Gottesknecht rief: »Die Schnauze voll! Holt, haben Sie’s gehört? Wolzow, das ist ein Wort, dafür gibt’s Sehrgut, da haben Sie mir eine Riesenfreude gemacht!« Er zog sein Notizbuch. »Herr Wachtmeister!« sagte Wolzow. »Das Sehrgut nützt mir nichts, ich hab noch Ausgehverbot!« – »Gehabt!« sagte Gottesknecht. »Ab heute dürfen Sie ausgehn, weil Sie mir diese Riesenfreude gemacht haben! Daß Sie heute das erstemal beim Militär die Schnauze voll hatten, das muß außerdem gefeiert werden, da lad ich Sie am Sonnabend in der Kantine zum Bier ein, Sie auch, Holt, weil Sie diesem Kastor ein so getreuer Pollux sind. Wissen Sie was, Wolzow? Ich mach meinen Frieden mit Ihnen, jetzt haben Sie eine ganz große Nummer bei mir! Wissen Sie, warum ich so einen Zahn auf Sie gehabt habe?« – »Kann mir’s schon denken«, knurrte Wolzow, ganz unmilitärisch, »wegen Onkel Hans!«

»Diese Offizierssöhnchen«, sagte Gottesknecht, »die hab ich gerne! Da war mal einer, Vater Major, sofort ging’s los, ich war noch Unteroffizier. Dauernd hat er sich bei seinem Vater beschwert, und der Alte hat sich hinter unseren Chef geklemmt, so daß ich pausenlos Genickschläge bekam. Seither hab ich ein Mißtrauen, das werden Sie verstehen. Wolzow, bei Ihnen hab ich gedacht, er wird mir das ganze OKL auf den Hals hetzen. Nein! Hat er nicht gemacht! So dumm ist er nicht, hab ich gedacht, daß er die Generalität in einem Brief aufhetzt, der durch meine Hände geht. Da bin ich vor acht Tagen extra mit dem Auto hinter der Frau von der Kantine hergefahren, der Sie den frankierten Brief mitgegeben haben. Jetzt hab ich ihn erwischt, dachte ich. Ja, Essig! ›Ist prima hier‹, stand drin. Ich war richtig enttäuscht!« Wolzow und Holt lachten. »Warum haben Sie den Brief eigentlich nicht mit der Feldpost geschickt?« – »Weil ich was zum Rauchen brauchte«, sagte Wolzow, »und weil Sie die Post immer drei Tage auf der Schreibstube herumliegen lassen!« – »Ihre nicht mehr«, sagte Gottesknecht, »die geht jetzt mit Eilkurier ab! Ihre auch, Holt!« Er schmunzelte: »Muß ja ein tolles Mädchen sein, Ihre Uta!«

»Herr Wachtmeister …« Holt fühlte, wie er rot wurde. »Ich bitte Sie … Dieser Briefwechsel ist wirklich privat!« – »Ist übrigens ein Brief da«, sagte Gottesknecht. Er langte in die Brusttasche und drückte Holt einen der schmalen, festen Umschläge in die Hand. »Wie bin ich zu Ihnen? Suchen Sie sich mal einen Vorgesetzten, der den Postillon d’amour spielt.«

Plötzlich wurde er ernst. »Der Schmiedling beantragt, daß Sie scharf laden dürfen, Wolzow, und der Chef hat ja gesagt, aber er schaut sich das beim nächsten Alarm selber an. Damit Sie Bescheid wissen!« – »In Ordnung, Herr Wachtmeister.« – »Und nun zur Sache«, meinte Gottesknecht nachdenklich. »Sie machen mir’s Leben schwer, Wolzow! Sie haben sich die Alten, die Oberhelfer, zu Feinden gemacht, die werden Sie furchtbar verhauen! Der Chef liebt das. Er nennt das Selbsterziehung.« – »Herr Wachtmeister«, sagte Wolzow überlegen, »ich will nicht angeben, aber da ist keiner, vor dem ich Angst hab.« – »Aber es werden ein Dutzend kommen!« – »Ich hab auch meine Freunde. Holt kann Jiu-Jitsu, und wenn Gomulka mal die Ruhe verliert, da drischt er ganz schön dazwischen!«

»Sehen Sie«, sagte Gottesknecht, »das ist es, wovor ich Angst habe! Nicht, daß Sie mal den Hintern vollkriegen, da hätte ich sogar eine irrsinnige Freude dran! Aber Parteikämpfe, wie im alten Rom … Saalschlachten, Verletzte womöglich … Oder Sie schlagen gar einen tot, Wolzow! Und alles auf Kosten der Feuerbereitschaft! Bisher war’s ganz harmlos, aber hier fallen auch Bomben! Da muß eine Batterie in Schwung sein.« – »Herr Wachtmeister, wir haben nicht angefangen!« sagte Holt. – »Ich weiß …« – »Die solln uns in Ruhe lassen«, rief Wolzow. »Wir schießen nicht schlechter als die Alten. Ich hab nichts gegen die, aber man soll uns in Ruh lassen und anerkennen.« – »Ich war in Berta bei den Hamburgern«, sagte Gottesknecht. »›Der Wolzow bekommt eine Abreibung, der Holt gleich mit‹, sagen die. Ich hab’s verboten, aber was nützt das? Der Chef hat nichts dagegen!« – »Dann muß alles seinen Gang nehmen, Herr Wachtmeister!«

»Einen Weg gibt’s«, sagte Gottesknecht sinnend, und er sah Wolzow fest an, »und das ganze Theater fällt aus wegen Nebel. Wenn der Chef es den Hamburgern verbietet! Jemand muß den Chef von oben … verstehen Sie? Wolzow, ich laß Sie in der Schreibstube ganz allein mit Ihrem Onkel telefonieren!«

»Ein General hat andre Sorgen, Herr Wachtmeister!«

»Schade«, sagte Gottesknecht. Er rückte das Koppel zurecht. »Geben Sie Bescheid, das Batterieexerzieren fällt aus. Geschützreinigen, dann ist dienstfrei. Mahlzeit.«

Sie verständigten Gomulka und gingen vorsichtshalber am Abend zur Leitungsprobe zu dritt durch die Stellung. Aus einem alten Lattenrost rissen sie ein paar Holzprügel und hielten sie griffbereit in der Stube. Ziesche sah die Vorbereitungen stillschweigend an. »Wenn du für die Hamburger spionierst«, sagte Holt, »dann …« Vetter hatte eine Idee. »Dann stecken wir dich jede Nacht ins Löschwasserfaß!« Ziesche schwieg.

 

Holt holte sich aus der Schreibstube seine Erkennungsmarke und brachte auch für Wolzow Post mit. Nun hatte er Zeit, Utas Brief zu lesen.

»Mein Onkel ist zum Generalleutnant befördert worden«, rief Wolzow. »Das nenne ich eine Offizierskarriere!« Ziesche war überrascht. »General? Deswegen die große Klappe!« – »Nur keinen Neid!« brummte Wolzow gutgelaunt.

Holt lag auf seinem Bett. Sie sei recht einsam, schrieb Uta. Dann und wann gehe sie zu Wieses, das sei der einzige gesellige Verkehr. Mit Interesse verfolge man alle Nachrichten über das Leben bei der Flak. Warum schreibt sie so sachlich? dachte Holt. Warum geht sie nicht ein bißchen aus sich heraus? Endlich ein paar herzliche Worte: Seine Briefe empfange sie mit Freude, er möge bleiben, wie er sei, ihr Leben verlaufe sehr eintönig grau, er bringe ein wenig Helligkeit hinein … Er lag unbeweglich und träumte … Als er erwachte, war es abends gegen neun. Gomulka fegte. Zehn Uhr war Zapfenstreich. Vetter, Rutscher und Wolzow spielten Skat. Wolzow sagte über die Schulter: »Verpenntes Luder! Deine Kaltverpflegung ist im Spind.«

Laut Vorschrift waren die Spinde verschlossen zu halten, ein offener Spind bedeutete »Verleitung zum Kameradendiebstahl«. Hier nahm man das nicht so genau.

Holt wollte noch an Uta schreiben, aber da gellte schon die Alarmklingel. Sie waren nur sechs Luftwaffenhelfer am Geschütz, Kirsch, Branzner, Kattner und Weber gehörten nachts zu Berta. Als Ersatz waren ihnen fünf Flakwehrmänner als Munitionskanoniere zugeteilt. Die unausgeschlafenen, abgearbeiteten Männer setzten sich in den Mannschaftsbunker und rauchten.

Holt saß als K 2 an der Seitenrichtmaschine. Ziesche legte die Geschützführerleitung an. Schmiedling langte nach dem Ladehandschuh, doch Wolzow protestierte. In diesem Augenblick wurde Feuerbereitschaft befohlen, und in den Städten heulten die Sirenen … Ziesche erhielt die erste Luftlagemeldung: Starke Kampfverbände über Holland im Anflug auf den Raum Köln– Essen … Hier fallen Bomben! dachte Holt mit Gottesknechts Worten. Er zog den derben Mantel fest um seinen Körper.

»Die Verbände drehen nach Osten ab«, meldete Ziesche bald darauf. Aber da kläffte auf der B 2 schon der Setter, der Hauptmann schimpfte durch die Nacht. Sekunden später dröhnte wieder das entnervende Motorengeräusch durch die Luft. »Schießen mit Funkmeßgerät!« rief Ziesche. Aber die Zünderwerte blieben weit über Bereich. Eine halbe Stunde lang zogen die Bomberschwärme im Norden vorüber. Am Horizont stachen die Lichtkegel der Scheinwerfer in den Himmel. Und fern donnerte schweres Flakfeuer.

»Münster!« erklärte Ziesche. »Dort stehen aktive Batterien, auch 12,8-Zentimeter- und 15-Zentimeter-Eisenbahn-Flak!« Dreiviertel elf wurde die Feuerbereitschaft aufgehoben. In den Städten heulten die Sirenen Vorentwarnung.

Holt blickte über die Erdumwallung hinweg durch die Nacht. Über der B 2 lag blasser Lichtschein. Die Gestalt des Hauptmanns huschte wie ein Gespenst am Geschützstand vorbei. Scheinwerfer suchten den Himmel ab und ließen die Wolkendecke aufleuchten. »Die Kampfverbände werfen im Raum Hannover– Braunschweig Bomben«, meldete Ziesche.

»Hau ab, du Pennbruder«, schimpfte Wolzow. »Rutscher, los, mach K 7, der Flakwehrmann pennt mir noch ein!«

Holt blickte auf die Armbanduhr. Das Zifferblatt leuchtete schwach. Kurz vor Mitternacht. Ins Bett! dachte er, aber Ziesche rief: »Anton verstanden! Es ist wieder Feuerbereitschaft!« Holt probierte an der Seitenrichtmaschine noch einmal das winzige Lämpchen, das den Richtkreis beleuchtete. Die Sirenen gaben aufs neue Alarm.

»Rohre Richtung drei!« rief Ziesche. Schmiedling fragte: »Wolzow, haben S’ den Ladehandschuh?« – »Die Kampfverbände haben ihre Ziele in Mitteldeutschland verfehlt und fliegen den Raum Köln–Essen von Osten an«, meldete Ziesche. Er schnauzte die Flakwehrmänner an: »Munition bereithalten! … Still! Luftlage!« Er horchte. Tiefschwarze Nacht ringsum, leise tuckerte der Motor, der die Akkumulatoren des Funkmeßgerätes mit Strom versorgte. »Anton verstanden! … Schneller Verband fliegt Dortmund an, gefolgt von Bomberverbänden.« Schmiedling erklärte: »So a schneller Verband, dös sein Lightnings sein dös, oder Mosquitos, Pfadfinder nennen wir dös, weil damit diejenigen vorausfliegn und die Ziel markieren mit die Christbäum!«

In diesem Augenblick flammte im Westen der Himmel brandrot auf. Die Lohe schlug bis zu den Wolken empor. »Das ist das Stahlwerk, die stechen ab!« rief Ziesche. Jetzt einen Ofen abstechen, dachte Holt, wo die Bomber anfliegen!

Wolzow redete auf Rutscher ein: »Hör zu … Wehe, ich find keine Patrone im Stelltopf! Ziesche! Sorg dafür, daß Munition rankommt!« – »Der schnelle Verband hat Dortmund passiert!« rief Ziesche. »Bomber suchen Ausweichziele!« Die Dortmunder Batterien, erzählte Schmiedling, schössen nicht auf Pfadfinder: »Kutschera schießt, wo’s was z’ schießn gibt … Sehen S’ …«, redete er drauflos, »da sin die Bomber den Dreck net losgeworn, da kommen s’ jetzt zu uns!« Ziesche verkündete: »Der Batteriechef spendiert zwei Flaschen Schnaps für die Bedienung, die alle Gruppen mitschießt.« – »Wolzow!« rief Schmiedling. »Geben S’ lieber doch den Handschuh her!« Holt hörte es in seinem Kopfhörer knistern und knacken. Ziesche brüllte: »Flugzeug drei! Schießen mit Funkmeßgerät!« Eine klare, ruhige Stimme sprach in Holts Kopfhörer: »Fünfzehn-null-null, fünfzehn-null-null, fünfzehn-zehn …« Eine kleine Drehung am Handrad, und Holt rief: »Seite eingestellt!« Ziesches »Anton feuerbereit!« hörte er noch und »Gruppenfeuer … Gruppe!«, dann schmetterte schon der Schuß, ein greller Blitz zerriß die Nacht, Holt wurde von seinem Sitz emporgehoben und fiel schwer darauf nieder … »Gruppe!« Die Feuerglocke schlug, der Schuß brach, und im Kopfhörer sagte die klar artikulierte Stimme: »Seite steht bei fünfzehn-zehn!« – »Wechselpunkt!« brüllte Ziesche. Holt fuhr mit dem Geschütz um hundertachtzig Grad herum. »Seite steht bei siebenundvierzig-zehn …« – »Gehendes Ziel … Gruppe!« Wieder krachte es, und als schweren Donner hörte Holt die Abschüsse der anderen fünf Kanonen …

Es war totenstill. Das Feuer anderer Batterien zählte nicht neben dem Inferno der eigenen Abschüsse. »Feuerpause!« Ziesche murrte: »Unfug, auf Mosquitos zu schießen! Die sind ja viel zu schnell!« Wolzow tobte im Geschützstand herum: »Ich trete dir in den Arsch, wenn das nicht besser klappt mit der Munition!« – »Ruhe!« schrie Ziesche. »Da! da!« Holt erstarrte.

Im Westen bebte die Nacht von schwerem Flakfeuer. Die Dunkelheit wich, es wurde blendend hell. Die Wolkendecke im Westen gleißte wie Silber, und strahlend regnete Licht herab … das war herrlich, das nahm den Atem, das drückte nieder in wilder Angst … »Leuchtzeichen! Jetzt geht’s los!« Vetters Stimme, von der Zünderstellmaschine her: »Werner, Gilbert, o Gott!« Schmiedling stöhnte: »Jesus … Maria … Ihr Apostel, alle Heilgen … beschützt die armen Menschen!« – »Das gilt Oberhausen!« schrie Ziesche. Oberhausen, das wußte Holt auf einmal seltsam deutlich, lag kaum fünfzehn Kilometer entfernt …

Der Hauptmann, im Lichtschein, stand plötzlich barhäuptig im Geschützstand, in den weiten Fahrermantel gehüllt. Er stieß Wolzow mit der Faust in die Rippen, und Wolzows Gesicht verzerrte sich zu einem Grinsen. Der Hauptmann bellte: »Gleich geht’s los! Schmiedling, halten Sie sich bereit, Mensch, wenn der Wolzow schlapp macht!« Dann ging er. Schmiedling rief: »Die zwoa Flaschen, Wolzow, die san uns sicher!«

Das Flakfeuer im Westen war verstummt. Jetzt brach Geschützdonner nahe im Osten los. »Bochum schießt! Die Bomber sind da!« Schon zitterte der Himmel im Motorenlärm. »Flugzeug drei! Schießen mit Funkmeßgerät, direkter Anflug!« Wieder, beruhigend und klar, die Stimme in Holts Kopfhörer: »Seite steht bei sechzehn-achtzig!« Holt meldete eingestellt. Da war auch Gomulkas Stimme, wer weiß wie lang nicht mehr vernommen. Und wieder: »Gruppenfeuer …« – »Gruppe! dachte Holt und öffnete den Mund, aber statt dessen sagte es im Kopfhörer bedauernd: »Düppel-Störung … Funkmeßgerät Ziel verloren … Feierabend!« – »Funkmeßgerät fällt aus!« schrie Ziesche. »Starres Sperrfeuer, Seite sechzehn-achtzig, Höhe fünfundfünfzig, Zünder zwohundertzehn!« – »Eingestellt!« schrie es, und dann Ziesches unkenntliche Stimme: »Barrikadenfeuer … Barrikade … marsch!« Da zuckte der Blitz in die Augen, es krachte und schmetterte unaufhörlich, und zwischen den Abschüssen heulte Wolzow: »Munition her!« – »Barrikade halt! Seite achtundvierzig-sechzig!« Holt riß das Geschütz wieder um hundertachtzig Grad herum. »Barrikade … marsch!« Es knisterte im Kopfhörer: »Machen wir halt weiter, ’s geht wieder! Seite steht bei achtundvierzig-zwanzig!« – »Seite hat Werte, Seite eingestellt!« Ist das meine Stimme? Schießen mit Funkmeßgerät, Gruppe! Mund auf, und wieder das unerträgliche Schmettern der Abschüsse, von Wolzow durchheult: »Munition her!«

Wie lange mochte das alles gedauert haben? Zielwechsel und Wechselpunkt und zwischendurch Barrikadenfeuer, weil die Stanniolstreifen vom Himmel regneten und das Funkmeßgerät immer wieder ausfiel … Stunden, Jahre, eine Ewigkeit? Jetzt war Grabesstille. Im Westen, wo der märchenhafte Glanz der Leuchtzeichen am Himmel gehangen hatte, schlugen nun blutigrot die Brände zur Wolkendecke empor. »Vorbei!« sagte irgendwer. Und Ziesche ganz heiser: »Oberhausen … das brennt und brennt!«

Von der B 2 wehte der Ruf durch die Nacht: »Feuerbereitschaft aufgehoben!« Holt taumelte vom Richtsitz hoch. Er stolperte über die leeren Hülsen, die überall umherlagen. Er war fast taub. Nun riß er den Kopfhörer herunter und nahm den Gehörschützer aus dem Ohr. Sein Gesicht war naß. Hab ich geweint? Der gewaltige, unheimliche Brand im Westen erhellte schwach den Geschützstand. Holt starrte in das ferne Flammenmeer. Da sind jetzt Menschen, mitten im Feuer, dachte er. Aber keine Vorstellung verband sich mit diesem Gedanken … Gomulkas Gesicht war fremd und gealtert. Ziesche rief: »Munitionsverbrauch!« – »Wer soll denn die Kartuschen zählen, jetzt in der Nacht?« sagte Wolzow. Ziesche schrie ungeduldig: »Zählt doch die leeren Körbe in den Bunkern!«

Schmiedling saß auf einem Holm und kümmerte sich um nichts, rauchte und sagte zu Holt: »Da hab i halt’s große Los gzogen, mit der Bedienung!«

»Munitionsverbrauch!« schrie Ziesche wieder. »Diese Flakwehrmänner, faul wie die Pest!« schimpfte Wolzow. Endlich kam die Meldung: »Vierunddreißig leere Körbe!« Das waren hundertzwei Schuß. Ziesche gab eine letzte Luftlagemeldung: »Alle Verbände im Abflug über Holland. Gefechtsschaltung aufgehoben.« Die Luftwaffenhelfer durften ins Bett. Batteriekommando und Flakwehrmänner schleppten Munitionskörbe an die Kanonen und beseitigten die Schäden, die der Luftdruck der Abschüsse an Geschützständen und Baracken angerichtet hatte.

Holt ging mit Gomulka durch die brandrote Nacht. »Ehrlich, Sepp … Hattest du Angst?« Gomulka zögerte mit der Antwort. »Ja, ich hatte Angst …« – »Es ist wohl auch keine Schande«, sagte Holt. »Man muß nur damit fertig werden.«

 

»Herhören! Was sich heut nacht an Frieda abgespielt hat, das genügt fürs Kriegsgericht!« Kutschera stand vor der angetretenen Batterie, die Hände in den Manteltaschen. »Macht, wozu sind Sie Waffenmeister, wenn die Spritze bei dem bißchen Schießen auseinanderfällt?« Er brüllte immer, aber jetzt war seine Stimme ungeheuer: »Wenn die Kanone nicht besser in Schwung kommt, sperr ich die ganze Bedienung ein!« Der Hund erhob sich auf die Vorderpfoten und knurrte. Kutschera trat mit dem Stiefel nach ihm. »Du hältst’s Maul, Mensch! … Die andern Geschütze waren gut. Bei Anton ging’s rund, da war die Tollwut ausgebrochen?« Die Oberhelfer flüsterten miteinander. »Der Wolzow ist ein Gauner!« dröhnte Kutscheras Stimme. Und zu Gottesknecht: »Geben Sie ihm Extraausgang.« Ein paar Sekunden stand er unschlüssig vor der Batterie. »Ach, Quatsch!« sagte er, drehte sich um, und der Morgennebel verschluckte ihn.

Auf dem Fahrweg warteten die Munitionswagen. Die Jungen schleppten bis zum Mittagessen Patronenkörbe zu den Bunkern der Zweitausstattung. Den Nachmittag verschliefen sie.

Tag und Nacht trieb sie die Glocke ans Geschütz. Dies war ihr Leben, für lange Zeit.

 

5

 

Im November brachten die Nächte klirrenden Frost. Der zähe Nebel, der morgens über der Stellung hing, wich oft bis zum späten Mittag nicht. Täglich zogen die Bomberpulks über den Himmel. Die ständigen Alarme, die Nächte am Geschütz und das Feuer, mit dem Hauptmann Kutschera jede Maschine bedachte, waren den achtundzwanzig Jungen schnell zur Gewohnheit geworden. Am Mittag des 5. November waren Essen, Gelsenkirchen und Münster schwer bombardiert worden, und die Bomben, die den umliegenden Industriewerken galten, fielen bis dicht an die Feuerstellung.

Eine Woche später lag Holt des Nachmittags auf seinem Bett. Wolzow las in seinen strategischen Lehrbüchern, die anderen spielten Skat. Ziesche las aus der Zeitung vor. »›Es gibt höchstens einzelne Verbrecher in Deutschland, die durch einen Sieg der Alliierten etwas gewinnen wollen, und mit diesen Verbrechern werden wir fertig!‹ … Was das ist?« sagte er auf Gomulkas Frage. »Ja, schläfst du denn? Die Führerrede vom 9. November!« Er las weiter: »Hier, zum Luftkrieg! ›… die Herren mögen es glauben oder nicht, aber die Stunde der Vergeltung wird kommen!‹ – ›… die Männer sind aufgesprungen, haben die Arme zum Gruß erhoben und riefen mit feuchtblanken Augen stolz und beglückt Heil um Heil ihrem geliebten Führer zu …‹« – »Lies lieber mal den Wehrmachtbericht«, sagte Gomulka ungerührt, »über den Fall von Kiew kann man nämlich auch feuchtblanke Augen bekommen!« Ziesche warf ihm einen bösen Blick zu und las mit seiner heiseren, etwas hohen Stimme: »›Sonnenschein kann jeder vertragen, aber wenn es wettert und stürmt, dann zeigen sich erst die harten Charaktere, und dann erkennt man auch den Schwächling …‹« Holt war so müde, daß er nur noch Satzfetzen wahrnahm: »›… am Ende steht der Sieg … niemals verzagen … von hier hinausgehen mit der fanatischen Zuversicht … fanatischen Glauben … daß es gar nichts anderes geben kann als unseren Sieg!‹« Die Alarmglocke schrillte. Vetter riß fluchend die Fenster auf.

Am frühen Abend, wie üblich, kam Zemtzki nach Baracke Dora zu Besuch. Er war rasch zum stellvertretenden Gefechtsschreiber avanciert, und da er des Nachts die Ringleitung abhörte, die alle Batterien der Untergruppe miteinander verband, war er immer gut informiert. »Ich hab’s eben von der Untergruppe«, sagte er. »Die Handley Page Halifax, die Dienstag nacht runtergekommen ist, die ist den Jägern zugesprochen worden!« Vetter rief empört: »Den Jägern? So was!«

Während der letzten Zeit waren drei viermotorige Bomber in der näheren Umgebung abgestürzt. Jedesmal hatte es einen wüsten Streit zwischen den Batterien gegeben, doch Kutschera verzichtete darauf, Abschüsse für seine Batterie zu beanspruchen. Schmiedling erklärte es so: »Was unser Kmandeur is, der Major Behling, der kann unseren Chef net leiden.« Der Streit der Batterien erreichte in der Regel nur, daß die in der Nähe stationierten Jagdverbände ihre Ansprüche anmeldeten und den Abschuß zugesprochen bekamen.

Heute regte sich Wolzow auf. Er liebäugelte, wie alle, mit dem Flakschießabzeichen, das den schweren Batterien nach etwa sechs Abschüssen verliehen wurde.

»Es ist eine Gemeinheit!« piepste Zemtzki. Dann räusperte er sich und gab seiner Stimme einen möglichst tiefen Klang, denn Gottesknecht hatte ihm einmal »wegen unmilitärisch hoher Stimme« Nichtgenügend gegeben. »Ich war Dienstag nacht Flugmelder! Die Jäger waren seit einer Stunde abgeflogen, als die Halifax runterkam!« – »Eine himmelschreiende Sauerei ist das!« schimpfte Wolzow. Er zog sich aus und ging zu Bett. Laut Dienstplan wurde morgens halb sieben geweckt, aber je nach Dauer des nächtlichen Alarms durften sie länger schlafen. Meist holte sie der LvD, Luftwaffenhelfer vom Dienst, ein Oberhelfer, der dem UvD assistierte, gegen halb acht aus den Betten. Acht Uhr begann der Schulunterricht. Bis dahin mußten Betten gebaut und die Stuben aufgeräumt werden, sonst warf der UvD alles durcheinander.

Der Schulunterricht war eine Farce. Fast täglich wurde er vom Alarm gestört. Fünf Tage in der Woche fanden sich Lehrer einer Gelsenkirchener Oberschule morgens in der Batterie ein und unterrichteten jeden Tag drei Stunden lang ein anderes Fach. Dienstags war der sogenannte »Schultag«. Alle Luftwaffenhelfer der Batterie gingen zum Chemie- und Physikunterricht nach Gelsenkirchen; die Batterie war unterdessen nicht feuerbereit.

Wenn die Lehrer in den Wohnbaracken unterrichteten, quälte man sich über die drei Stunden hinweg und wartete auf das Klingelzeichen zur Gefechtsschaltung.

Den ersten »Schultag« hingegen hatten die Jungen aus Holts Klasse in der Gelsenkirchener Schule verbracht, aber nur aus Unkenntnis der Gebräuche. Die Oberhelfer fuhren zwar auch in die Stadt, schickten jedoch nur ein paar Mann in die Schule. Auch Holts Klasse betrachtete den Dienstag Vormittag nun als Feiertag. Man saß von neun bis eins im Café, wo man Orangeade zu sich nahm und mit den Freundinnen verabredet war, mit den Schülerinnen der Essener, Gelsenkirchener und Wattenscheider Mädchenschulen. Kutschera ließ an den Schultagen eine Anwesenheitsliste führen, die er von Zeit zu Zeit kontrollierte, und Branzner, der selbst nie den Unterricht versäumte, entschuldigte Holt und seine Freunde mit tausend Ausreden, von »krank« bis »unabkömmlich«. Sehr beliebt waren völlig unsinnige Entschuldigungen: »Holt muß heute den Rohrmantel waschen«, »Wolzow und Gomulka fehlen wegen zu hoher Gebrauchsstufe«.

Man hatte ein kleines Café in Gelsenkirchen ausfindig gemacht, »Café Italia«, an der Rotthausener Straße, nach Essen hinaus. Ringsum lag alles in Trümmern. Das Café hatte bisher alle Bombennächte überlebt. Es gab, zu Wolzows Freude, sogar ein Billard. Man nahm auch Verbindung mit einer Mädchen-Oberschule auf. Unter den siebzehnjährigen Schülerinnen – die jüngeren Jahrgänge waren evakuiert – gehörte es zum guten Ton, mit einem Luftwaffenhelfer befreundet zu sein. Sogar Vetter fand Anschluß und ließ zweideutige Spötteleien über sich ergehen, denn das Mädchen, das ihn auserkoren hatte, war dürr wie ein Haselstecken. Auch Wolzow saß eines Tages mit einer üppigen Blondine zusammen und verkündete am Abend in der Stube laut, daß er sich mit ihr verabredet habe und daß sich dann allerhand abspielen werde. Aber die Freude dauerte nicht lange. »Alles aus!« sagte er zu Holt. »Ich hab ihr bloß mal ’n bißchen unter die Bluse gewollt, da hat sie sich angestellt wie sonstwas!« Er zog sich wieder zu seinen strategischen Lehrbüchern zurück. Am folgenden Dienstag ging er sogar in die Schule und brachte dadurch Branzner in Verlegenheit, der ihn schon »wegen Beobachtung des Rohrrücklaufs« entschuldigt hatte.

 

Doktor Klage, der Mathematiklehrer aus Essen, war etwa fünfunddreißig Jahre alt, ein ruhiger und ernster Mensch, der sich Mühe gab, die Jungen trotz der ungünstigen Umstände im Unterricht voranzubringen. Er hatte sich durch seine bestimmte, dabei ausgesucht höfliche Art, mit den Jungen umzugehen, beinahe etwas wie Anerkennung verschafft und war der einzige unter den Lehrern, der seinen wöchentlichen Besuch in der Batterie nicht als leere Formalität auffaßte. Holt bewunderte insgeheim die Geduld, mit der sich Klage auch den zurückgebliebenen und den aufsässigen Schülern wie Wolzow und Vetter widmete. Zur Zeit schrieb der Lehrplan Trigonometrie vor, und Doktor Klage brachte es tatsächlich fertig, in Holt, zum erstenmal seit Jahren, ein Interesse am Unterrichtsstoff wachzurufen.

Aber Wolzow fand nur Schimpfwörter für den schon grauhaarigen Mann, der als leidend galt, wobei freilich niemand genau über die Natur dieses Leidens Bescheid wußte; es sollten Nierensteine sein, wurde gemunkelt. An manchem Tage saß Doktor Klage mit eingefallener, bleicher Gesichtshaut hinter seinem Tisch, von Koliken geplagt, und die Schmerzen ließen glänzende Schweißtropfen auf seine Stirn treten. »Alles Theater, alles Verstellung«, sagte Wolzow, »der Bursche drückt sich vor der Front!« Er haßte Klage, mit dem er schon in den ersten Tagen Streit gehabt hatte. Damals hatte er an der Tafel eine Aufgabe lösen sollen, war aber auf seinem Platz sitzen geblieben, als gehe ihn der Unterricht nichts an. Doktor Klage, dem Wolzows rüde Art noch nicht bekannt war, stand dicht neben Wolzows Bank und wiederholte: »Wolzow, bitte gehen Sie …« – »Lassen Sie mich in Ruhe!« schrie Wolzow und sprang so wild von seinem Sitz auf, daß der Lehrer mit einer unwillkürlichen Bewegung der Abwehr zurückwich; bei dieser Bewegung aber stieß er versehentlich Wolzow vor die Brust.

»Prügeln wollen Sie mich!« schrie Wolzow. »Sie wollen mich prügeln …?« Holt, der hinter ihm saß, faßte ihn am Koppel: »Gilbert, gib Ruh!« – »Prügeln, wo gibt’s denn so was!« krähte Vetter in seiner Ecke. Wolzow, durch Holts Einmischung etwas zur Besinnung gebracht, verließ die Baracke mit den Worten: »Als der beste Ladekanonier der Batterie hab ich’s doch nicht nötig, mich von dem prügeln zu lassen!«

Doktor Klage beschwerte sich bei Kutschera. Kutschera fiel den Lehrern in solchen Fällen regelmäßig mit seiner Redensart in den Rücken: »Schießen ist wichtiger als Latein!« Diesmal verhörte er, lediglich um der Form zu genügen, einen Zeugen, wobei er sich ausgerechnet Vetter herausgriff, und rief beim Nachmittagsappell: »Mal herhören! Der Wolzow hat sich mit’m Lehrer geprügelt! Wo gibt’s denn so was!« Und dann: »Ich hab einen ausgefragt, der erzählt’s so rum, aber der lügt! Der Doktor Klage erzählt’s andersrum, aber der lügt auch! Wenn beide Seiten lügen, seh ich keinen Grund, mich einzumischen!« Sprach’s, pfiff seinem Hund und zog sich in seine Behausung zurück. Wolzow triumphierte: »Der Chef hat diesen Drückeberger durchschaut.«

Anfang Dezember wurde Klage Flakwehrmann in der 107. Batterie. Es war eine kalte und sternklare Nacht. Ziesche hatte Nachturlaub, Rutscher lag mit Mandelentzündung im Revier. Da aber mehrere Luftwaffenhelfer erkrankt waren, wurden nur fünf Geschütze besetzt. Und plötzlich erschien Doktor Klage bei Geschütz Anton und sagte: »Guten Abend.« Es verschlug ihnen allen die Sprache. Klage mochte wieder seine Koliken haben, denn er sah krank und erschöpft aus.

Wolzow überwand seine Verblüffung, zog sich den Ladehandschuh aus und sagte gedehnt: »Na, dann wolln wir mal.« Er wandte sich an Schmiedling: »Hab mir’n Ellbogen verknaxt!« Er übernahm die Funktion des Geschützführers.

Sie schossen ein paar Gruppen auf einen Verband schneller Kampfflugzeuge. In der Feuerpause drückte sich Vetter an Wolzow heran und hetzte: »Der Klage sitzt die ganze Zeit im Bunker!« – »Sehr schön!«sagte Wolzow befriedigt. Er schrie: »Wo ist Flakwehrmann Klage?« Klage tauchte, die Hände auf den Leib gepreßt, aus dem Mannschaftsbunker. »Sie haben sich gedrückt! Los, räumen Sie die Kartuschen weg!« – »Wolzow«, sagte der Lehrer, »ich …« – »Das ist der Geschützführer«, rief Vetter, »da wird pariert!« Wolzow brüllte: »Zehnmal um den Geschützstand! Marsch, marsch!« Holt fand keine Zeit mehr, sich einzumischen, denn Klage murmelte etwas Unverständliches und ging zur B 2.

Aber bei Kutschera fand er kein Recht. Der Hauptmann hatte eben vom Major eine Anfrage bekommen, worauf die Hundertsieben eigentlich bei Feuerverbot schieße, da seien, verdammt noch mal, Jäger am Feind! Kutschera hatte also üble Laune und fuhr den Lehrer an: »Verrückt! Befehl verweigern … wo gibt’s denn so was! Beschweren Sie sich morgen auf dem Dienstweg!«

Das Funkmeßgerät faßte einen anfliegenden Verband. »Zemtzki«, brüllte Kutschera, »melden Sie der Untergruppe, wir haben nischt verstanden! Gottesknecht, los, Feuer frei!«

Klage lief, als er wieder in den Geschützstand trat, unter die Rohrmündung und mitten in den ersten Schuß hinein; die Druckwelle warf den geblendeten Mann in eine Ecke.

»Er hat sich schon wieder gedrückt«, stellte Wolzow fest, und nun jagte er seinen Mathematiklehrer um den Geschützstand, von Machtrausch besessen. Holt und Gomulka schleppten Patronen. Als sie merkten, was sich an der Kanone abspielte, war es zu spät.

Doktor Klage ging am nächsten Tag zum Kommandeur und ließ sich in eine andere Batterie versetzen.

Holt dachte über diesen Vorfall nach. Er erinnerte sich an manches Gespräch mit Peter Wiese. »Eigentlich«, so sagte er zu Gomulka, »sollten die Lehrer unsere Erzieher sein …« Gomulka schwieg. Dann sagte er: »Weißt du, der Wolzow …« Er verstummte, mit zusammengepreßtem Mund.

 

An dem gespannten Verhältnis zwischen Wolzow und den Oberhelfern hatte sich nichts geändert. Aber es blieb vorerst bei Drohungen, über die Wolzow spottete: »Die trauen sich nicht!« Da gab es einen neuen Streitfall.

Jeder Luftwaffenhelfer hatte innerhalb eines Jahres Anspruch auf einen vierzehntägigen Erholungsurlaub, den sogenannten »großen Urlaub«. Darüber hinaus gab es regelmäßig Tag- oder Nachturlaub, für diejenigen, die am Einsatzort zu Hause waren. Der Tagurlaub reichte von Mittags zwei, der Nachturlaub von abends sechs bis morgens sieben. Die Neuen erhielten Ausgang, von abends oder von mittags bis Mitternacht.

Um diesen Ausgang gab es Streit. Wilde aus Hamburg, ein enger Freund Günsches, führte die Ausgangslisten. Holt fand rasch heraus, daß die Hamburger vor allem sich selbst mit Ausgang versorgten. Daraufhin nahm Wolzow die Sache in die Hand. Als Ziesche Nachturlaub hatte, wurde beraten. Vetter sagte: »Wir sollten keinen Stunk machen! Wenn wir erst die Alten sind, dann sind wir immer mit Ausgang dran!« Gomulka protestierte. »Wenn ich mal die Listen führe, dann muß es gerecht zugehen!« Holt unterstützte ihn. Sie beschlossen, den Oberhelfer Wilde hereinzulegen. Drei Wochen lang führten sie Buch, bis der Beweis vollständig war. In drei Wochen hatte Günsche dreimal Ausgang. Holt einmal, Pingel-Otto viermal, Kirsch zweimal. Am Abend schrieben die neun Mann vom Geschütz Anton Beschwerden. Kollektive Beschwerden galten als Meuterei; die Beschwerden durften nicht einmal gesammelt abgegeben werden. Also schrieb jeder seinen Text, und dann erschienen sie, anderthalb Stunden lang, einer nach dem anderen, auf der Schreibstube und übergaben ihre Briefe dem verblüfften UvD. Der Wortlaut war fast der gleiche, das Beweismaterial war identisch. Auf dem vorgeschriebenen Dienstweg gerieten die Beschwerden an Gottesknecht. Er besuchte sie noch am selben Abend in der Stube. Zum Schein machte er Spindappell, warf einigen die Sachen durcheinander und verurteilte Wolzow und Vetter wegen »unerlaubten Grinsens beim Spindappell« zu fünfundzwanzig Kniebeugen. Dann gab er allen Sehrgut »wegen Köpfchen«.

Der Hauptmann ließ sich zwei Tage Zeit. »Er will seinen Lieblingen nicht weh tun«, sagte Wolzow. Dann schrie Kutschera beim Morgenappell: »Oberhelfer Wilde, vortreten! Die Kerle von Anton, diese Banditen, haben sich beschwert, Sie führen die Ausgangslisten falsch. Hab das geprüft. Die Beschwerden stimmen!« Und zu Gottesknecht: »Wilde vierzehn Tage Ausgangssperre!« Er brüllte den verdatterten Oberhelfer an: »Mensch, wenn Sie schon Schmu machen, dann so, daß man mich nicht mit dem Salat belästigen kann!«

Ziesche hatte sich abends bei den Hamburgern in Baracke Berta herumgetrieben und sagte: »Da habt ihr euch was eingebrockt! Die sind vor Wut außer sich!« Vorsichtshalber gingen Holt, Wolzow und Gomulka nur noch zu dritt durch die Stellung.

 

Holt hatte Ausgang. Es war ein Samstag. Er fuhr mit der Straßenbahn nach Essen. Vielleicht treff ich ein paar von den Mädchen, dachte er und bummelte, den Stahlhelm am Arm, die Kaiserstraße entlang. Die Menschen hatten es eilig. Das macht der ewige Alarm, dachte er. Ein paar HJ-Führer, die ihm begegneten, übersah er, aber einen Major der Panzertruppe mit dem Deutschen Kreuz in Gold grüßte er ehrfürchtig. Dann blieb er vor einem Kino stehen. »Der große König«, von Veit Harlan, auf den Bildern Gustav Fröhlich und Kristina Söderbaum. Reichswasserleiche, dachte er.

Er sah einen Luftwaffenhelfer an der Seite eines zierlichen Mädchens vorübergehen. Das ist doch Ziesche! dachte er, und er beschleunigte seine Schritte, überholte die beiden und grüßte.

Es war kein Mädchen, was der blonde, etwas gedunsene Ziesche am Arm führte, es war eine dunkelhaarige Frau von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Sie wandte Holt ein schmales, mädchenhaftes Gesicht zu und sah ihn aus dunklen Augen fragend an, ehe sie mit einem Kopfnicken seinen Gruß erwiderte. Sie standen mitten auf dem Gehweg, und um sie her flutete der Menschenstrom. Ziesche räusperte sich, dann stellte er vor: »Ein Kamerad, Werner Holt. Meine Mutter!«

»Möchtest du freundlicherweise hinzufügen«, sagte die zierliche Frau rasch und ein wenig gereizt in süddeutscher Mundart, »daß ich deine Stiefmutter bin? Man könnte sonst« – sie wandte sich an Holt – »dieses Trampeltier hier« – sie stieß Ziesche mit dem Ellenbogen an – »für meinen leiblichen Sohn halten!«

Ziesches Lachen war gezwungen. »Also Stiefmutter.«

Jetzt erst, mit angewinkeltem Unterarm, gab sie Holt die Hand. Ihr Blick verwirrte ihn. Die eine Sekunde, die er den Kopf neigte, ging in ihm alles durcheinander: Ziesches Mutter, Stiefmutter, sie ist wie ein Mädchen, zart und zierlich. Er hob den Kopf. Ich darf sie nicht so anstarren! Er war verwirrt.

Sie gingen zu dritt weiter. Nach ein paar Schritten meinte Ziesche verstimmt: »Wir wollten ins Kino!« Sie antwortete ungezogen und launisch wie ein Kind: »Ich hab mir’s überlegt. Eigentlich habe ich gar keine Lust.« Ziesche rief ungehalten: »Da hätten wir doch gleich zu Hause bleiben können!« – »Weißt du was«, sagte Frau Ziesche, nun in bester Laune. »Wir kehren um. Ich brühe einen Tee, und wir plaudern!«

»Nein!« Ziesche blieb stehen. »Ich geh ins Kino, mach was du willst. Heil Hitler!« Mit rotem Kopf drehte er sich um und verschwand in der Menschenmenge.

Holt war von dieser Szene unangenehm berührt. Er wußte nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Sie lief neben ihm her und redete ungehemmt: »Ich hab meine liebe Not mit dem Kerl. Wissen Sie, seine Mutter, das war so eine Superblonde … Arische … Mit mir kann er sich nun nicht abfinden!« Sie blieb stehen. »Und Sie? Lassen Sie mich auch einfach allein?« Sie war kleiner als er und sah ihn von unten aus ihren dunklen Augen an, mit einem ängstlichen und hilflosen Gesicht.

Ihre Art, so eindeutig zu schauspielern, verwirrte ihn immer mehr. »Wenn Sie erlauben«, sagte er beklommen, »begleite ich Sie …« Sie lächelte. Das schmale Gesicht war ihm vertraut, als habe er es seit langem täglich gesehen. »Wohin?« fragte er.

»Nach Hause!« Er hatte Mühe, seinen Schritt dem ihren anzupassen. »Sie sind von auswärts? Was machen Sie, wenn Sie Ausgang haben?« Man gehe ins Kino, sitze in Cafés herum und spiele Billard … – »Und die Mädchen?« fragte sie. »Die Dämchen aus dem Lyzeum?«

Für manchen sei das die … einzige Abwechslung gewissermaßen … Er könne es schon verstehen, meinte er. – »Für manchen? Für Sie also nicht?« – »Nein«, sagte er befremdet. Es paßte ihm nicht, so ausgefragt zu werden.

»Mit sechzehn Jahren in die Flakbatterie gesteckt, schrecklich! Ihr seid doch noch Kinder!« Er suchte eine Antwort, spitz, geistreich-ironisch sollte sie sein … Er schwieg, er dachte: Hab ich das nötig, mich beleidigen zu lassen? … Aber als sie vor dem Eingang eines großen Miethauses fragte: »Mögen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?«, da antwortete er glücklich: »Ja, gern …« und folgte ihr.

Er half ihr aus dem schwarzen Pelzmantel und sah sie nun in einem braunen Wollkleid, schlank und schmalhüftig wie einen Knaben. Sie führte ihn in ein Zimmer, wo er verlegen auf dem bunten Teppich stehen blieb. Sein Blick haftete an einer großen, gerahmten Photographie, die auf dem Tisch der Leselampe stand und das Gesicht eines vielleicht fünfzigjährigen Mannes zeigte, ein großflächiges, derbes Gesicht über dem Kragen der SS-Uniform, ein wenig gedunsen, und es glich, unter der paspelierten Uniformmütze mit dem Totenkopf, dem Gesicht Günter Ziesches … Das muß sein Vater sein! Holt drehte das Bild um und las: »Meiner heisgeliebten Gerti« – tatsächlich, »heißgeliebt« war mit s geschrieben, in klobiger und abstoßend primitiver Schrift – »zum 26. Geburtstag von ihrem Erwin.« Das Datum: »Krakau, 14. Hartung 1942.« Fast achtundzwanzig Jahre alt ist sie also. Erregt starrte er auf das Bild, auf dieses gedunsene, brutale Gesicht. Sein Inneres füllte sich bis in den letzten Winkel mit Haß auf diesen Menschen in der protzigen Uniform, der nicht orthographisch schreiben konnte und der Mann einer so wunderbaren, mädchenhaften Frau war …

Hinter ihm ging eine Tür. Mit flinken Bewegungen deckte Frau Ziesche den Teetisch. Sie lächelte freundlich und plauderte: »Es ist nicht mehr sehr gemütlich hier. Wir haben fast alles ausgelagert. Eines Tages erwischt es auch dieses Haus.«

Er saß ihr stumm und verbittert gegenüber. Sie fragte teilnahmsvoll: »Was ist mit Ihnen?« – »Nichts. Ich hab keine Ruhe. Bestimmt gibt’s Alarm.« Sie beugte sich zum Radio hin. Widerwillig verfolgte er mit seinem Blick ihren schlanken Arm. »… Reichsgebiet kein feindlicher Kampfverband.« Sie suchte Musik. »Sind Sie nun beruhigt?« Sie lehnte sich bequem in ihren Sessel.

Ich will fort! dachte Holt. Wär ich lieber ins Kino gegangen! Er glaubte in seinem Rücken den Blick des blonden, breitgesichtigen Mannes zu fühlen. Er konnte nicht ständig auf den Boden blicken, er mußte sie ansehen, wie sie mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sessel hockte. Ein zartes Profil, und das lange, dunkle Haar gebündelt im Nacken, zu einem lockeren Knoten geschlungen … »Es ist besser, wenn ich gehe.« Er stand auf. »Ich hab keine Ruhe.« Sie sah ihn befremdet an. Dann sagte sie in unverbindlicher Liebenswürdigkeit: »Wenn Sie meinen? Ich will Sie nicht halten!«

Auf dem Korridor zog er sich eilig den Mantel über. Sie gab ihm die Hand. Plötzlich stammelte er: »Bitte … Sie dürfen nicht bös sein …«

Erstaunt zog sie die Brauen hoch. Er wagte nicht, sie anzusehen. »Darf ich wiederkommen?« Sie antwortete unbefangen: »Warum nicht? Ich hab Telefon. Günter gibt Ihnen die Nummer!«

Er lief hastig die Treppen hinab und irrte planlos durch die Straßen. Dann fuhr er in die Batterie zurück.

Er fand an diesem Abend lange keinen Schlaf. Vetter röchelte leise. Holt starrte in die Dunkelheit.

Er sah mandelförmige Augen, dunkles Haar, das zu einem lockeren Knoten geschlungen war.

Und Uta?

Er beschloß, Frau Ziesche aus dem Weg zu gehen.

 

6

 

Am Sonntag morgen hatte Kutschera schlechte Laune und nahm einen nachlässigen Gruß zum Anlaß, die Batterie anderthalb Stunden mit Fußdienst zu plagen. Die Alarmklingel erlöste die Jungen.

Nach dem üblichen Sonntagsessen, Rinderbraten mit einer Soße, die »Bratenwasser Din A 4« genannt wurde, Sauerkraut und Pellkartoffeln, zog der sonntägliche Besucherstrom in die Batterie, Eltern und Bekannte der Luftwaffenhelfer aus den umliegenden Städten.

Vetter drosch mit Kirsch und Rutscher den gewohnten Sonntagnachmittagsskat. Er versicherte: »Das ist hier ein prima Leben! Na, meine Sippe soll in Zukunft mal versuchen, mich zu verdreschen!« Wolzow las im Clausewitz. Gomulka lag auf dem Bett und schlief.

Holt schrieb an Uta. Da steckte jemand den Kopf in die Stube und sagte: »Ziesche, in der Kantine ist Besuch für dich.« Ziesche verschwand. Das kann nur sie sein! dachte Holt. Uta war vergessen. Soll ich nachschaun, ob sie’s wirklich ist?

Zemtzki trat ins Zimmer. Vetter zählte seine Stiche: »Achtundfünfzig, zwoundsechzig, es reicht!« – »Gilbert«, piepste Zemtzki, »du sollst ans Geschütz Cäsar kommen, dort probiern die Obergefreiten eine hydraulische Ladeschale aus!« Wolzow klappte das Buch zu. »Das muß ich mir ansehen!« Er warf die Tür ins Schloß.

Ich kann nicht nach der Kantine laufen, ich mach mich ja lächerlich, dachte Holt. »Was ist ’n das: Ladeschale?« fragte jemand. Vetter erklärte: »Bei der 12,8- und 15-Zentimeter-Flak sind die Patronen so schwer, daß man sie nicht mehr von Hand laden kann. Bei der 8,8 gibt’s so was nicht!« Nein, bei der 8,8 gibt’s das nicht, dachte Holt. Ladeschale ist Blödsinn … »Sepp!« schrie er aufspringend und rüttelte Gomulka. »Sepp! Da stimmt was nicht! Schnell!« Er lief schon den Lattenrost entlang.

Geschütz Cäsar lag im Westen, am Abhang der Anhöhe, ein wenig tiefer als die B 2. Holt konnte im Laufen flach über den Geschützstand hinwegsehen. Die Kanone war abgedeckt. Gestalten mit Schirmmützen, also Luftwaffenhelfer! Er rannte quer über den Acker, dann war er schon am Ziel. Der Geschützstand wimmelte von Oberhelfern.

Sie hatten Wolzow überwältigt, hatten ihn über einen Holm gezerrt, sein Oberkörper war bis zum Gürtel in die große Persenning verstrickt. Auf diesem Bündel knieten vier, fünf Mann und hielten es nieder. Drei Mann hatten jedes Bein gepackt, und Günsche stand daneben und hieb mit einer mehrschwänzigen Lederpeitsche auf Wolzows Rücken. Holt warf sich dazwischen. Dann war auch Gomulka da, er hatte seinen Knüppel mit und drosch drauflos. Holt konnte sich noch einmal befreien, dann wurde er überwältigt. Aber Wolzow war frei.

Er schleuderte die Persenning von sich, sein Gesicht war blau, die Augen quollen aus den Höhlen, er schnappte ein paarmal nach Luft, dann schlug er los. Zunächst schlug er Holt heraus, der arge Prügel bezog, dann unterlief er Günsche, packte ihn und warf ihn in eine Ecke. Und während bisher alles lautlos vor sich gegangen war, begann Wolzow nun vor Wut heiser zu brüllen.

Da war Gottesknecht da. Holt lief das Blut aus der Nase. Es dauerte eine Weile, bis Wolzow sich einigermaßen beruhigt hatte; er stand mit verzerrtem Gesicht vor Gottesknecht und glotzte ihn an.

Ein paar der Oberhelfer blieben liegen. Günsche war tatsächlich besinnungslos. Ein Zwilling hockte stöhnend auf dem schlackebestreuten Boden, beide Hände vors Gesicht gepreßt, und zwischen den Fingern lief das Blut hervor; er war mit dem Kopf gegen das Geschütz geprallt. Dann krümmten sich noch zwei am Boden, die keine Luft bekamen. Das war harmlos. Blutige Nasen oder verschwollene Lippen hatten sie alle. Nur Gomulka war heil geblieben; er hatte seine Latte in Stücke geschlagen und hielt den Stumpf noch in der Hand.

»Gomulka!« sagte Gottesknecht. »Holen Sie den Sanitäter!« Dann schaute er auf Günsche, der sich noch immer nicht rührte. Erst als ihm der Sanitäts-Obergefreite ein Fläschchen mit Salmiakgeist unter die Nase hielt, schlug er die Augen auf, übergab sich und war nicht fähig, ohne Hilfe zu stehen. »Gehirnerschütterung!« Der Zwilling hatte eine tiefe, klaffende Platzwunde von der Stirn bis zum Backenknochen; das linke Auge war zugeschwollen. »Herr Wachtmeister, Günsche und Pingel müssen ins Revier.«

»Na los«, sagte Gottesknecht. Auf einmal waren nur noch Holt, Wolzow und Gomulka da. Sie deckten die Plane über das Geschütz. Gottesknecht sah ihnen schweigend zu. »Herr Wachtmeister«, sagte Wolzow schließlich, »es war Notwehr!« Gottesknecht antwortete nicht. »Die haben mich hierhergelockt und sind elf Mann hoch über mich hergefallen.« – »Halten Sie den Mund, Wolzow«, sagte Gottesknecht müde, »das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur, daß die nächsten Tage zwei Mann am Funkmeßgerät fehlen!« – »Da können die andern Herrn vom Fu-MG eben solange nicht ausgehen!« sagte Holt wütend. Der Wachtmeister schüttelte den Kopf. »Was macht ihr mir für Sorgen! Wie soll ich denn das dem Chef beibringen?«

 

Der Hauptmann, als NSFO, als »Nationalsozialistischer Führungsoffizier«, hielt am Montag in der Kantine »wehrpolitischen Führungsunterricht«, »WF-Unterricht« genannt. Er zog seinen Fahrermantel aus, warf ihn Gottesknecht hin und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Mal herhörn! Gestern haben sich welche gekloppt. Zwei mußten ins Revier! Wo gibt’s denn so was! Wer schuld war, interessiert mich nicht. Die Batterie hat acht Tage Ausgehverbot. Bedankt euch bei den Kerlen, die euch das eingebrockt haben!« Dann begann er mit dem Unterricht. Lage an den Fronten, politische Lage, Panzerschlacht bei Schitomir, bisher schwerster Luftangriff auf Berlin, fanatischer Widerstand … Holt hörte nicht hin. Das gilt uns: die euch das eingebrockt haben, dachte er.

Am Abend sagte Wolzow: »Ich hab’s satt. Jetzt geh ich nach Berta und rede mit den Oberhelfern.« – »In die Höhle des Löwen?« sagte Gomulka. »Aber das nützt nichts!« – »Man muß es versuchen«, meinte Wolzow. Holt sagte: »Keinesfalls gehst du allein! Los, Sepp, Christian, wir gehn mit!«

Die Oberhelfer zeigten sich überrascht, als die vier in die Stube traten. Sie lagen auf den Betten, ein paar saßen am Tisch. Gemütliche Bude, dachte Holt. Die Spinde waren zu einer Wand zusammengeschoben, hinter der sich die Betten verbargen. Vor dem Fenster stand ein großes Aquarium mit Fischen, auf den Fensterbrettern blühten Azaleen und Alpenveilchen.

Wolzow stand mitten im Zimmer. »Welch hoher Besuch!« spottete jemand. Wolzow sagte ruhig: »Wir sollten uns in Zukunft vertragen!« – »Vertragen?« rief ein Zwilling und fuhr in seinem Bett hoch. »Jetzt, wo mein Bruder fürs Leben entstellt ist?« – »Ich hab niemanden überfallen«, erwiderte Wolzow. Der Oberhelfer Wilde erhob sich. »Es gibt ungeschriebene Gesetze beim Militär. Vertragen können wir uns, wenn ihr eure Abreibung weghabt!« Wolzow schrie, mit einem Schritt auf Wilde, der eilig den Tisch zwischen sich und Wolzow brachte: »Noch so ein hinterhältiger Überfall … dann gnade euch Gott!« Die Oberhelfer stimmten ein Hohngelächter an, aber es klang nicht echt.

»Es hat keinen Zweck«, sagte Holt später. »Das nennt sich nun Kameradschaft: einer bekämpft den anderen. Ich hab mir das anders vorgestellt im Einsatz. Eine verschworene Gemeinschaft …« – »Blödes Gewäsch!« schimpfte Wolzow. Vetter rief: »Verschworene Gemeinschaft, da mußt du dir erst fünfzig mit dem Ochsenziemer verpassen lassen!«

Holt und seine Freunde waren isoliert. Die Jungen aus ihrer Klasse, die in der Meßstaffel dienten, biederten sich bei den Oberhelfern an.

 

Der Dezember brachte schwere nächtliche Flächenangriffe auf die umliegenden Städte.

Holt erhielt dann und wann Post von seiner Mutter, bekam regelmäßig von seinem Onkel aus Hamburg Zigarettenpäckchen und bat manchmal um Geld, denn die fünfzig Pfennige täglichen »Ehrensoldes« reichten nicht. Sein Gesuch um Kurzurlaub zu Weihnachten wurde bewilligt. Er überlegte lange. Uta, an die er zuerst dachte, hatte schon im November geschrieben, daß sich ihre Familie zu Weihnachten im Schwarzwald treffe; zu seiner Mutter zu fahren, dazu spürte er keine Neigung. Er fühlte sich einsam. Er rief Frau Ziesche an.

Gottesknecht saß in der Schreibstube und unterhielt sich mit der rundlichen Nachrichtenhelferin, die laut Batterieklatsch die Geliebte des Hauptmanns war. Holt schielte mißtrauisch auf Gottesknecht. Es dauerte ewig, bis er eine freie Amtsleitung bekam. Dann endlich hörte er Frau Ziesches Stimme, verzerrt und klirrend. »Natürlich, kommen Sie, ich habe Gäste, es paßt ausgezeichnet!« Er machte sich auf den Weg, von einer beklemmenden Erwartung erfüllt.

 

Vor dem Hause standen zwei klapprige Autos. Ein Mädchen öffnete und half ihm aus dem Mantel. Er legte den Stahlhelm auf den Boden. Ein Militärmantel, am Haken, zeigte keine Offiziersschulterstücke, wie Holt erleichtert feststellte. Er hörte Tanzmusik und Gelächter.

Er kannte das Zimmer. Die Flügeltüren zu den angrenzenden Räumen waren geöffnet. Aus einem Kreis von etwa zwanzig Personen, Männern und Frauen, kam Frau Ziesche auf ihn zu, feierlich, unnahbar, Dame des Hauses. Sie reichte ihm die Fingerspitzen. Der Besitzer des Uniformmantels, ein großer blonder und bleicher Unteroffizier, am Waffenrock den Ärmelstreifen des Panzergrenadierregiments »Großdeutschland«, wurde von allen »Großdeutschland« angeredet. Wenn ihm das Mädchen ein Tablett mit Likörgläsern hinhielt und er sich bediente, so rief jemand: »Großdeutschland kann nicht genug bekommen«, und alle lachten.

Holt saß in einem Sessel, noch sehr befangen. Frau Ziesche, neben ihm, erklärte liebenswürdig und nicht ohne eine Spur Vertraulichkeit: »Ehemalige Berufskollegen, Sänger vom Operettenhaus. Sie wissen noch nicht, daß ich Tänzerin bin? Ich war hier ein paar Jahre Primaballerina … ich war gar nicht schlecht! Ich hab auch im Ausland gastiert. Wenn Sie’s interessiert, zeig ich Ihnen Bilder.« Sie lachte. »Herrgott, das waren Zeiten!«

Holt rührte sich nicht und lauschte ihren Worten, beglückt durch soviel Vertraulichkeit. Ihre Nähe verwirrte und erregte ihn. »Amüsieren Sie sich gut«, hörte er sie sagen, und scherzhaft: »Nehmen Sie sich vor den Mädchen in acht! Es sind bloß Choristinnen, ich hab sie nicht gern im Haus, aber die Männer brauchen jemanden zum Tanzen.« Er blieb allein.

Er ließ keinen Blick von ihr. Sie trug ein Hausgewand aus brauner Seide, einen weiten und langen Hosenrock mit schlichtem Kasack, dessen Ärmel so weit waren, daß sie oft bis zur Schulter zurückfielen und dann die weißen, nackten Arme zeigten. Das Haar war zu einem griechischen Knoten hochgebunden. Als einzigen Schmuck trug sie in den Ohrläppchen ein paar kleine glitzernde Steine. In Holt glomm ein Funke Eifersucht auf all die Männer, die sie hier umgaben. Er neidete ihnen jedes Lächeln und jedes Wort.

»Kamerad, da wolln wir mal!« Das war der bleiche Unteroffizier, und er reichte Holt ein Glas mit Kognak. Ringsum tanzte man zur Musik des Plattenspielers. »Urlaub?« fragte der Unteroffizier mit schwerer Zunge. »Oder hier im Einsatz? Ich … bin auf Fronturlaub … Wissen Sie was?« Er trank. »Zappenduster! Mensch … Kamerad …« Er wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. »Ich geh in drei Tagen wieder an die Ostfront … Prost!« Die Gläser waren frisch gefüllt. »Kamerad … es ist wirklich zappenduster! Die Welt ist so sehr verjudet, daß sie uns schließlich doch unterkriegen!«

Frau Ziesche stand plötzlich bei ihnen und sagte mit heller Stimme, nicht ohne Schärfe: »Hab ich dir nicht verboten, vom Krieg zu reden? Geh tanzen!« Der Unteroffizier durchmaß mit unsicheren Schritten das Zimmer. Frau Ziesche setzte sich zu Holt und sagte in gespieltem Groll: »Sie sind ungezogen! Es gehört sich, daß man mit der Dame des Hauses tanzt!«

»Ich kann nicht tanzen«, gestand er. Sie rief den Mädchen am Plattenspieler zu: »Einen Foxtrott!« Dann nahm sie ihn an der Hand und führte den einfachen Schritt vor. Er begriff schnell. »Geht ja ausgezeichnet«, meinte sie. Mit klopfendem Herzen hielt er sie im Arm, vorsichtig und behutsam, als sei sie aus Porzellan. Mit der Rechten fühlte er durch die Seide hindurch ihr Schulterblatt. Die Platte war abgelaufen. Er bat ungestüm: »Noch einmal … bitte!« Er geriet, in den Tanz vertieft, unaufhaltsam in einen Zustand von Erregung und Begeisterung. Er zog sie leicht und dann ein wenig fester an sich und erschrak darüber.

Als auch dieser Tanz, viel zu schnell, beendet war, erschien sie ihm unnahbarer denn je. Eifersüchtig sah er sie mit einem anderen tanzen. Man reichte eine Platte mit belegten Broten herum. Ölsardinen! Aber er lehnte ab, obwohl er hungrig war. Schließlich setzte er sich zu den Choristinnen, ließ sich einen Kognak und gleich noch einen zweiten einschenken, aber das Geschwätz der Mädchen, die geschminkten Gesichter, es war ihm alles zuwider.

Er raffte sich auf und bat Frau Ziesche abermals um einen Tanz. Der Kognak gab ihm den Mut, einen der Schauspieler, der ihm zuvorzukommen drohte, einfach beiseite zu schieben. Sie lachte. »Siehst du, Fritz, die tapferen Krieger werden vorrangig behandelt!« Er sah auf sie herab. In seinem Blut kreiste der Alkohol. Wenn ich mit ihr allein wär, ich würde sie küssen! Es gab einen dumpfen Fall, Gläser zersplitterten, die Choristinnen kreischten. Der Unteroffizier war hingestürzt und lag nun auf dem Parkett. Zwei der Schauspieler hoben ihn auf. Frau Ziesche wandte kaum den Kopf. »Bringt ihn ins Bad! … Er ist betrunken«, sagte sie zu Holt. »Er hat so sehr Angst vor der Front, daß er sich dauernd betrinkt!« Sie sah auf die Uhr. »In zehn Minuten werfe ich die Bande raus!«

Im Radio tickte der Drahtfunk. Dann sagte der Sprecher: »… feindliche Kampfverbände im Anflug auf das Reichsgebiet …« Gefechtsschaltung! dachte Holt. Fort! Ein Auto anhalten … dann schaff ich’s! Aber er sah die Angst in Frau Ziesches Gesicht … Ich bleibe! Es war üblich, aber nicht Vorschrift, bei Alarm den Ausgang abzubrechen. Ich bleibe!

Die Gäste polterten die Treppe hinab, man schleppte den bezechten Unteroffizier in eines der Autos. Frau Ziesche kommandierte inzwischen das Pflichtjahrmädchen: »Lassen Sie das Geschirr! Bringen Sie die Koffer in den Keller!« Sie ließ sich im Pelz in einen Sessel fallen. Die Sirenen gaben Voralarm. Holt öffnete in dem finsteren Zimmer alle Fenster. Kalte Luft drang in die verrauchte Wohnung. Im Haus hörte man die Leute in den Keller laufen.

Frau Ziesche war hilflos und ängstlich wie ein Kind. »Wer soll das aushalten! Die dauernden Alarme! Zum Verzweifeln!« Holt sagte: »Warum bleiben Sie hier in Essen?« – »Mein Mann meint, es macht einen schlechten Eindruck …« – »Unsinn! Wenn Sie umkommen, macht das einen besseren Eindruck?« Sein Haß auf den dicken, blonden Mann war frisch und unverbraucht.

Die Sirenen heulten los, auf und ab. »Wir müssen in den Keller!« – »Nicht so eilig«, meinte er, am Radio, sehr überlegen. »Sie sind erst in den Hundertfünfzig-Kilometer-Bereich eingeflogen … Bekommen Sie den Flaksender?« – »Das versteht doch kein Mensch …« – »Ich versteh’s schon!«

Sie kniete neben ihm vor dem Rundfunkgerät nieder. Die Skala des Radios beleuchtete ihr Gesicht. Zemtzki hatte Holt die große Karte mit den Planquadraten erklärt. »Schneller Verband von Martha–Heinrich vierundsechzig nach Nordpol–Ida siebzehn …« – »Das sind die Pfadfinder, etwa bei Dinslaken … Wenn sie ihre Richtung beibehalten, fliegen sie südlich an uns vorbei …« Das Ticken verstummte, die Stimme des Sprechers war wieder da: »Schneller Verband von …« – »Sie fliegen vorbei.« – »Und wann wird es gefährlich?« fragte sie. – »Ich erklär Ihnen das gelegentlich ganz genau.« Er horchte auf den Sprecher. »Die Bomber fliegen hinterher, sie lassen uns in Ruhe.«

»Dieser Ziesche hätte mir das längst erklären können!« sagte sie. Draußen setzte schweres Flakfeuer ein, durch die geöffneten Fenster drang der Geschützdonner, beängstigend nahe. Holt horchte. »Da schießt jemand auf die Pfadfinder!« – »Eine Ruhe haben Sie! Ich will in den Keller, ich habe Angst!« Sie nahm ihn am Arm und ließ sich die Treppe hinabführen.

Der Luftschutzwart lehnte mürrisch an der Haustür und betrachtete Holt neugierig. »Wird Zeit, daß Sie runterkommen!« Der Keller war tief und mit Balken abgesteift. Eine Menge Menschen drängten sich in den Gängen zusammen. Frau Ziesche schloß ganz hinten eine Tür auf. »Ich mag nicht unter all den Leuten sitzen.« Das kleine, saubere Kellergelaß war gleichfalls mit starken Baumstämmen abgestützt. Das wird nicht viel nützen, dachte Holt mißtrauisch. Er wünschte sich in den Geschützstand, unter freien Himmel.

Sie setzten sich, sie hielt noch immer seinen Arm fest und rückte fröstelnd an ihn heran. Im Kellergang leuchtete schwacher Lichtschein. Das Flakfeuer klang nur gedämpft in den Keller.

Sie saßen stumm beieinander. Nach einer Weile sagte sie: »Die Leute draußen machen mich immer ganz verrückt. Aber Sie wirken beruhigend auf mich.« Er erwiderte: »Ich hätte hier unten vielleicht auch Angst. Aber ich bin so froh, daß ich mit Ihnen zusammensein kann.« Er spürte, daß sie ihn anschaute und dann wieder geradeaus blickte.

Vom Kellergang klang Geschwätz und Kindergeschrei zu ihnen herein. Aber das hörte Holt kaum. Er sah die junge, mädchenhafte Frau neben sich, in den Pelz gewickelt, aus dem nur das schmale und jetzt so blasse Gesicht hervorschaute. Der Knoten hatte sich gelöst, und das Haar fiel schwer und mattglänzend in den Nacken und mischte sich mit dem Pelz. Sie hatte den Kopf rücklings gegen die Kellerwand gelegt. »Warum sind Sie neulich fortgelaufen?« fragte sie halblaut.

»Ich wär auch heut beinah wieder gegangen …« – »Und warum?« – »Wenn … Sie mit anderen tanzen, ich ertrag das nicht …« Sie lächelte. »Ich kann nicht dafür …«, sagte er, »ich weiß, es ist dumm …« Er erhielt keine Antwort. Der Luftschutzwart brüllte in den Kellergang: »Entwarnung.«

Holt schaute auf die Armbanduhr. Es war kurz nach elf. »Ich muß fort.« Wie beim erstenmal stand er mit gesenktem Kopf vor ihr, hielt ihre Hand und fragte: »Darf ich wiederkommen?« Sie sagte langsam: »Eigentlich sind Sie doch alt genug, zu wissen, was Sie dürfen und was Sie nicht dürfen.« Er hatte noch nie ein so undurchschaubares Gesicht gesehen.

 

Er dachte unaufhörlich über diese seltsame Bekanntschaft nach. Während des tatenlosen Wartens am Geschütz und während des Schulunterrichts drehten sich seine Gedanken um nichts anderes als um die dunkelhaarige Frau. Anfangs störte ihn dabei die Erinnerung an Uta. Aber dann kapitulierte er vor diesem neuen Gefühl, das offenbar stärker war. Es ging nicht ohne Selbstvorwürfe ab.

Am Tage vor seinem nächsten Ausgang rief er bei Frau Ziesche an. Ob er kommen dürfe? »Natürlich, wenn Sie nichts Besseres vorhaben?«

Sie öffnete selbst, sie war allein in der Wohnung. Wieder zeigte sie sich ganz anders, als er sie bisher kennengelernt hatte, sie war von bestürzender Sachlichkeit. Im Wohnzimmer hockte sie sich auf der Couch nieder. Er zog einen Sessel heran. Sie rauchten. »Warum sagten Sie: ›Wenn Sie nichts Besseres vorhaben?‹« fragte er. »Es gibt nichts, das mir lieber wäre, als Sie zu besuchen!« – »So?« sagte sie gedehnt und rekelte sich auf der Couch. »Auch nicht, an ein gewisses Fräulein Barnim zu schreiben?« Er geriet so sehr außer Fassung, daß er vor Hilflosigkeit frech wurde: »Sie spionieren mir nach?«

»Ein bißchen«, meinte sie und warf die Zigarette in die Aschenschale. »Jedenfalls hab ich aus meinem Stiefsohn etwas Wichtiges herausgehorcht.« – »Und … das wäre?« – »Daß Sie offenbar keiner von denen sind, die sich einer Eroberung rühmen«, sagte sie langsam und sah ihn dabei fest und herausfordernd an, »daß Sie, kurz gesagt, den Mund halten können.«

Er saß wie gelähmt in seinem Sessel, bis sein Blick auf die große, gerahmte Photographie fiel. Die Erregung, die sein Blut durch die Adern trieb, schlug für einen Augenblick in sinnlose Wut um. Er schmetterte das Bild des dicken, blonden Mannes aufs Parkett, daß die Scherben umherflogen. Sie stieß einen erschreckten Schrei aus. Er faßte nach ihr. Sie zog ihn zu sich herab. Er nahm ihre Gier für Leidenschaft.

Er blieb bis zum späten Abend. Sie lagen im Schlafzimmer, in dem breiten Bett. Er schaute ihr unablässig ins Gesicht, das völlig entspannt war, als wolle er erraten, was hinter der Stirn vor sich ging. Er fragte unvermittelt: »Liebst du mich?«

Sie schlug überrascht die Augen auf. Ihr Blick ließ ihn vergessen, wie albern seine Frage war. Schon schloß sie die Augen wieder, seufzte ein bißchen und sagte: »Ja.« Dann lächelte sie, mit geschlossenen Augen.

Sie lügt! »Es ist nicht wahr, du liebst mich nicht!«

Sie wandte den Kopf zu ihm hin. »Liebe …«, sagte sie verächtlich, »was ist denn Liebe? Ich bin doch kein Backfisch! Hingabe … was willst du mehr?«

»Und … das Herz?« fragte er hilflos. Sie zog seinen Kopf an ihre Brust. »Sei still!« Ehe er ging, fragte sie: »Kannst du nicht Nachturlaub nehmen, wie die anderen?«