21. Kapitel
MEIN HERZ WAR IMMER BEI DIR …

In der altgewohnten Schreibstube der Berliner Kaserne versuchte Paul, die trübsinnigen Gedanken der drohenden Kapitulation mit Listen und Zahlenreihen im Zaum zu halten. Man hatte bisher keine andere Verwendung für ihn gefunden, da der Stabsarzt bei seinem schlecht verheilten Arm bedenklich den Kopf geschüttelt und sich entschieden geweigert hatte, ihn erneut an die Front zu schicken. Er nahm es zur Kenntnis, denn irgendwie, irgendwann war sein Weltbild zusammengebrochen und ihm plötzlich alles gleichgültig geworden. Den neuesten Nachrichten zufolge drohten die Sowjets die deutschen Verteidigungslinien an der Lausitzer Neiße, südlich von Berlin, zu überrollen, während die Armee General Schukows von der Weißrussischen Front bei den Seelower Höhen vom Norden aus aufrückte. Das würde das Ende bedeuten, nämlich dass sich ein Zangenangriff der Russen auf Berlin, die letzte Festung im Land und zugleich Hitlers Zufluchtsort, abzeichnete.

Den Kopf auf die Ellenbogen gestützt, vor sich die unsinnigen Akten, die die Wirklichkeit verschleierten, blickte er gleichgültig auf, als sich die Tür öffnete und ein junger Leutnant mit einem Papier in der Hand die Stube betrat. »Heil Hitler, Herr Hofmann. Ich bringe Ihnen einen Befehl zu einem neuen Einsatz. Damit es Ihnen in Berlin nicht zu langweilig wird!«, setzte er ironisch hinzu.

»Einen Befehl?« Paul erhob sich und nahm das Schriftstück entgegen und überflog es rasch. Man beauftragte ihn damit, eine Pioniergruppe zu leiten, die Verschüttete aus eingestürzten Häusern rettete.

»Ab wann?«, fragte er kurz.

»Sofort!«, war die Antwort. »Die Einheit ist bereits zusammengestellt und steht zu Ihrer Verfügung. Die bisherigen Einsatzkräfte sind nach den letzten Luftangriffen total überfordert und müssen dringend verstärkt werden.«

»Jetzt sind wir wohl so weit einzusehen, dass es dringender ist, Menschen aus Trümmern auszugraben, anstatt nicht vorhandenes Material auf Listen zu setzen, die ohnehin nicht mehr ankommen.«

Der Leutnant warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Diese Bemerkung habe ich überhört. Sie sollten etwas vorsichtiger in Ihren Äußerungen sein, Herr Hofmann. Unsere Soldaten im Feld ringen heroisch um den Sieg.«

»Sie beißen heroisch ins Gras«, die Stimme Pauls nahm einen spöttischen Ton an. »Und an den Sieg hab ich vor langer Zeit auch mal geglaubt.«

»Was reden Sie denn da!«, blaffte ihn der Leutnant jetzt wichtigtuerisch an. »Jetzt reicht es aber! Gehen Sie nicht zu weit. Sie sollten doch wissen, dass die SS bei solchem Geschwätz keinen Spaß versteht!« Er legte den Einsatzbefehl auf den Tisch.

»Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich habe meine Pflicht an der Front getan.« Paul legte den Befehl in seine Schublade.

»Hier ist noch eine weitergeleitete Nachricht für Sie!«, der Leutnant streifte ihn mit einem verächtlichen Blick und warf einen Brief auf den Tisch, bevor er Türen knallend den Raum verließ.

Hastig überflog Paul das Schreiben seiner Schwester, die ihm zu seiner großen Erleichterung mitteilte, sie habe die beiden kurz aufeinander folgenden schweren Angriffe auf Königsberg glücklicherweise unverletzt überstanden. Für kurze Zeit sei sie noch in der zerstörten Stadt geblieben, hätte dann jedoch den Rest ihrer Habe zusammengepackt, um mit anderen Flüchtlingen fortzuziehen. Jetzt wohne sie vorübergehend bei einem Bauern auf dem Land, fürchte sich jedoch vor der Besetzung durch die Russen, da die Rote Armee scheinbar bereits die Ostsee erreicht hätte. In einem Nachsatz stand dann noch, dass seine ehemalige Verlobte (sie vermied es, ihren Namen zu erwähnen) sie besucht und sich nach ihm erkundigt habe. Die Betreffende hätte sich allerdings schnell wieder verabschiedet, da ihr Lebensgefährte auf sie wartete.

Ihr Lebensgefährte! Dieses Wort kristallisierte sich heraus, und durch Pauls Herz ging ein schmerzhafter Stich. Er fühlte sich zum zweiten Mal wie vor den Kopf geschlagen. Jetzt musste er endlich begreifen, dass ein anderer seinen Platz an der Seite Magdalenas eingenommen hatte! In einem Winkel seines Herzens war immer noch eine vage Hoffnung lebendig gewesen. Und irgendetwas in ihm weigerte sich auch jetzt noch beharrlich, sie endgültig zu begraben. Er wollte Magdalena wenigstens noch einmal sehen – mit ihr sprechen, aus ihrem eigenen Mund hören, warum sie ihn so schnell vergessen hatte!

Fred brachte Magdalena gleich bei der Ankunft in Berlin in ein Krankenhaus, bevor er begann, nach seiner eigenen Familie zu suchen. Magdalena war zutiefst erschöpft, und die Ärzte stellten eine verschleppte Bronchitis fest, die sich zu einer Lungenentzündung entwickelt hatte. Die Unterkühlung und die Strapazen der Flucht hatten die Symptome noch verschlimmert. Doch ihre unbändig starke Natur und der Wunsch, ihre kleine Tochter Paula sobald wie möglich wieder in den Armen zu halten, beschleunigten ihre Genesung, und sobald sie einigermaßen wiederhergestellt war, verließ sie das Krankenhaus mit neuem Mut.

Ihr erster Weg führte sie, noch etwas schwach auf den Beinen, zu dem kleinen Häuschen ein paar Kilometer von Berlin, das Frau Lindentals Bruder gehörte. Doch dieser konnte ihr nur die traurige Nachricht machen, dass die alte Dame vor zwei Monaten überraschend an einem unerkannten Herzleiden verstorben war. Mit Tränen in den Augen klagte er darüber, wie allein er sei und wie schwer es war, einen Haushalt in den schweren Zeiten aufrechtzuhalten.

»Aber wo ist mein Kind – wo ist Paula?«, fragte Magdalena verzweifelt.

»Weeß ick leider nich, liebe Dame!«, antwortete der alte Mann achselzuckend, der in Hosenträgern und strubbligem grauem Haar wohl die meiste Zeit vor dem Radioempfänger saß. »Da warn junger Mann – ick dachte, det is der Vater! Der hat die Kleene abjeholt.«

»Willi!«, rief Magdalena erleichtert aus. »Willi Schwarz?«

»Keene Ahnung! Da bin ick überfragt. Musste mich ja um die Beerdijung kümmern. Aber die Lore selig hat dat allet jenau uffgeschrieben. Wenichstens hat se det Jeld beiseite jelecht!«

»Ich danke Ihnen!«, Magdalena ergriff seine Hand. »Wo ist sie denn beerdigt? Ich werde ihr Grab besuchen!«

»Ostfriedhof, Sektion 5, Reihe 3«, teilte ihr der Bruder ungerührt mit. »Können se janich verfehlen.«

Der Tod der guten Frau Lindental betrübte und verwirrte Magdalena. Als sie sich von dem freundlichen Mann verabschiedete, erlitt sie in der Aufregung einen heftigen Hustenanfall, durch den sie in Atemnot geriet.

»Aber Meechen, wat haste denn? Setz dir noch ma – du fälls mir ja noch um!« Er drückte sie auf einen Stuhl und holte ein Glas Wasser. »Bist ja janz blass. Pass auf, ick nehm dir ein Stück mit in die Stadt. Muss sowieso wat erledijen!«

»Danke!« Magdalena trank durstig das Glas leer und atmete tief durch. »Das ist sehr nett von Ihnen. Ich war krank, wissen Sie? Die ganze Flucht- das hat mich ziemlich mitgenommen. Die Kälte in dem zugigen Fuhrwerk des Trecks! Meine Schwester konnte Gott sei Dank noch mit der ›Wilhelm Gustloff‹ abfahren. Aber in Stolp, wo wir uns am Bahnhof treffen wollten, haben wir uns dann verpasst. Die Russen waren bereits da. Seitdem habe ich keine Nachricht von ihr, und das macht mir große Sorge.«

»Was?«, der Mann sprach plötzlich hochdeutsch. »Die ›Wilhelm Gustloff‹? Wissen Sie denn nicht, dass die gesunken ist? Kam doch vor ein paar Wochen im Radio. Wurde von einem russischen U-Boot getroffen. Jing allet janz schnell. Aber et soll ja Überlebende geben …«

Magdalena starrte ihn an, ohne zu begreifen. »Gesunken?« Um sie drehte sich alles, und sie hielt sich an dem kleinen, einfachen Holztisch fest.

»Die ›Gustloff‹? Mein Gott …« Sie schlug die Hände vors Gesicht, doch ihre Augen hatten seltsamerweise keine Tränen. Dann sah sie auf, von einem Hoffnungsschimmer gepackt. »Es gibt Überlebende, sagen Sie? Vielleicht ist meine Schwester ja darunter!«

»Ick hab jehört, dat die Listen bei der Behörde liegen, neben dem Rathaus – det Jebäude, wat noch übrig is!«, riet ihr der Alte mitleidig. »Wart hier auf mich, Meechen, bin jleich wieder da.« Er ging hinaus, holte sein einziges Pferd aus dem Stall und spannte es vor einen Wagen. Vor der Stadt ließ er sie aussteigen. »Ick wünsch dir allet Jute – und wenn de mal nicht weiterweeßt, ick bin immer da!«

Da in Berlin die Straßenbahnen stillstanden, musste sie sich ihren Weg durch die ruinenhaften Straßenschluchten der von Schuttbergen verstopften Stadt zu Fuß bahnen. Sie stieg über im Weg liegende Steinhaufen, umging tiefe Gräben und musste manchmal anhalten, weil sie nicht wusste, wo sie sich überhaupt befand. Ein Mann, den sie nach dem Weg fragte, war so nett, sie auf seinem Motorrad ein Stück mitzunehmen.

Am Rathaus fragte sie nach den Listen der Überlebenden der

»Gustloff« und erfuhr, dass von den neuntausend Menschen, die sich auf dem Schiff befanden, nur ein Drittel gerettet werden konnte. Nirgendwo war in der Liste der Name Gertraud von Walden auszumachen – trotzdem verlor sie nicht die Hoffnung. Die Schwester war schließlich unter den letzten gewesen, die sich auf das Schiff gedrängt hatten, und diese hatte man im allgemeinen Chaos überhaupt nicht mehr registriert. Und fast war sie ja auch dabei gewesen. Wie bestialisch, ein Schiff voll harmloser Zivilisten, verzweifelter Flüchtlinge mit Kindern zu torpedieren und im eiskalten Meer bei Minusgraden von zwanzig Grad zu versenken! Wie grausam waren doch die Menschen, wie furchtbar und menschenunwürdig dieser Krieg!

Ununterbrochene Angriffe von über siebentausendfünfhundert nagelneuen Kampfflugzeugen, die sich gegen Berlin in Stellung brachten, suchten mittlerweile die Stadt heim, und das Zusammenziehen sowjetischer Soldaten in Millionenhöhe, das Anrollen unzähliger russischer Panzer vor den Toren der Stadt versetzte die Bevölkerung in Panik und ständige Angst. Die Eroberung Berlins war das Ziel Stalins in diesem Krieg, und Hitler hatte dem nicht mehr entgegenzusetzen als stark dezimierte Wehrmachtsarmeen, zusammengewürfelte Einheiten aus dem Volkssturm, seine Hitlerjugend und SS-Truppen. Berlin war verloren, aber trotzdem verbot er aufzugeben, die längst überfällige Kapitulation einzuleiten!

Magdalena war auf dem Weg zum Stadtteil Wedding, dort, wo Willi Schwarz wohnte. Sie hatte große Sehnsucht nach Paula, ihrer kleinen Tochter, und hoffte, dass Willi sich in all den Wirren gut um sie gekümmert hatte. Er war ein guter Kerl, und obwohl er so viel für sie getan und sie immer gewusst hatte, dass er mehr für sie empfand, sah sie in ihm nicht mehr als einen guten Freund.

Das Haus, in dem sich Willis Wohnung befand, stand noch. Sie stieg, immer wieder hustend und Rast einlegend, die Treppen hinauf zur Dachstube und klingelte Sturm. Aber niemand öffnete – Willi war sicher noch bei der Arbeit. Aber wo befand sich die kleine Paula? Als sie enttäuscht wieder hinunterging, öffnete eine Nachbarin, die Haare unter einem Haarnetz in Lockenwickler gerollt, die Tür und lächelte sie an. Zwei kleine Buben lugten neugierig hinter ihren Röcken hervor, und auf dem Arm trug sie ein dunkel gelocktes Mädchen. »Sind Sie nicht Magdalena von Walden?«, fragte sie zögernd. »Ich bin Erika Moritz und …«

»Paula!«, schrie Magdalena auf, riss ihr die erschrockene Kleine aus den Armen, drückte und herzte sie. Doch das Kind begann laut zu schreien und streckte Hilfe suchend die Armchen nach seiner Ersatzmutter aus.

»Entschuldigen Sie, Frau Moritz. Aber ich habe mein Kind so lange nicht gesehen. Es kennt mich ja gar nicht mehr«, sagte Magdalena traurig und wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge.

»Das ist in dem Alter ganz normal«, beschwichtigte sie die Frau mit nachsichtiger Miene, »aber kommen Sie doch herein. Herr Schwarz hat mich gebeten, auf die Kleine aufzupassen, wenn er in der Arbeit ist. Meist ist er um diese Zeit schon wieder da«, sie sah auf die Uhr, »außer er hat Nachtdienst. Dann ist Paula die ganze Zeit bei mir. Sicher ist er froh, dass Sie wieder zurück sind. Ein Kind ohne Mutter … mein Mann hätte das abgelehnt. Aber er ist ja auch im Krieg …«

Magdalena hatte kaum hingehört und musste Frau Moritz die zappelnde und weinende Paula jetzt wohl oder übel wieder überlassen. Aber sie betrachtete ihr kleines Mädchen voller Stolz und mit einem wehmütigen Lächeln. Sie war ein hübsches Kind mit lockigen, braunen Haaren und bernsteinfarbenen Augen; ein wenig blass und sehr zart, aber scheinbar ging es ihr gut, sie wirkte gesund und das war wohl das Wichtigste. Zärtlichkeit überflutete sie, als sie sie so ansah. Nie hätte sie gedacht, dass sie dieses Kind, das aus einer erzwungenen sexuellen Beziehung stammte, einmal so sehr ins Herz schließen würde!

»Ich danke Ihnen, dass Sie auf Paula aufgepasst haben! Irgendwann, wenn der Krieg einmal zu Ende ist, werde ich mich dafür erkenntlich zeigen!«, versprach sie der mehrfachen Mutter gerührt.

»Aber das habe ich doch gern getan. In schlechten Zeiten muss man eben zusammenhalten. Und bei zwei Gören kommt es auf ein drittes auch nicht mehr an!«, antwortete die Frau augenzwinkernd. »Paula ist wirklich ein sehr ruhiges Kind.«

»Darf ich hier bei Ihnen warten, bis Herr Schwarz kommt?«

»Natürlich, aber ich kann Ihnen auch den Schlüssel für die Wohnung oben geben.«

»Nein danke!«, wehrte Magdalena ab. »Ich bleibe lieber da, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Gerne. Sie können ein bisschen auf die Kinder achtgeben. So kann ich in Ruhe das Essen vorbereiten. Sie haben doch sicher auch Hunger, nicht wahr?«

Magdalena nickte bescheiden und war glücklich, sich mit ihrer Tochter beschäftigen zu können, die sie scheu ansah und nicht wusste, was sie von der ihr fremd scheinenden Frau halten sollte. Bei dem sparsamen Mahl, das Frau Moritz wenig später auftrug, einer mit Wasser verlängerten und viel Mehl eingedickten Suppe aus weißen Rüben und vereinzelten Kartoffelstückchen, fühlte sie sich wie in einer kleinen Familie.

Die Pionierabteilung in Berlin zur Bergung lebender Personen in verschütteten Luftschutzräumen, zu der Paul Hofmann jetzt gehörte, war hervorragend ausgerüstet und auf jeden Ernstfall vorbereitet. Die neue Aufgabe mit den ständig laufenden Einsätzen und der körperlichen Arbeit tat ihm nach der deprimierenden und eintönigen Schreibstubenarbeit ausgesprochen gut. Er dachte dabei immer an seine Mutter, der nicht mehr zu helfen gewesen war, als ihr Haus unter der Bombe einstürzte. Allein schon aus diesem Grund war es ihm eine persönliche Genugtuung, verstörte Menschen aus verschütteten Räumen ans Licht zu ziehen und in ihren erleichterten Gesichtern das Glück zu sehen, noch einmal davongekommen zu sein.

Bei seiner neuen Tätigkeit kamen ihm vor allem seine technischen und alles Maschinelle betreffenden Kenntnisse zugute; er begriff rasch das Zusammenspiel schwerer Bohrgeräte mit den Gesetzen der Statik, die bei Ausgrabungen berücksichtigt und berechnet werden mussten. Und er hatte schon nach kurzer Zeit eine bei den Kollegen noch umstrittene Methode entwickelt, durch unterirdische, gezielt dosierte Sprengsätze schnelleren Zugang zu den verschütteten Kellern herzustellen. Man musste allerdings sehr sorgsam Nutzen und Schaden dieser gefahrvollen Methode abwägen, um zusätzliche Einstürze bereits gegrabener Stollen zu vermeiden. Gegen den Rat des Sprengmeisters hatte er neulich bei einer aussichtslos scheinenden Situation sogar ein Experiment gewagt – und Erfolg gehabt. Seitdem hörte man auf ihn und brachte ihm Respekt entgegen.

Trotz der anstrengenden Arbeit, wenn seine Einheit nach ununterbrochenen Bombenangriffen pausenlos im Einsatz war, gab es Momente, in denen er so etwas wie Zufriedenheit spürte. Er hatte Menschenleben aus Todesnot gerettet, Kindern eine Zukunft gegeben und der um sich greifenden, unaufhörlichen Vernichtungswelle ein paar Opfer abgerungen.

»Achtung, Achtung!« Die Stimme, die aus dem dunklen Radioempfänger drang, neben dem Magdalena selbstvergessen mit ihrer kleinen Tochter spielte, sprach erregt und ziemlich hastig. Sie meldete einen Fliegereinsatz: »Flugverbände von Osten kommend mit wechselnden Kursen gesichtet. Ein Kampfgeschwader nimmt Kurs direkt auf die Stadt … « Der Ton verzerrte sich und brach mit brummenden Geräuschen ganz ab. In diesem Moment heulten auch schon die Sirenen, und fast gleichzeitig ertönten aus der Ferne die Motoren der anfliegenden Maschinen, gefolgt vom donnernden Krachen einschlagender Granaten. »Achtung, Achtung, russische Bomber aus Richtung …« Abgewürgt verstummte die Stimme mit einem letzten Krächzen.

»Schnell, wir müssen runter«, rief die Hausfrau aus der Küche, die in fliegender Eile den Gasherd ausgeschaltet und ihre für den Notfall immer gepackte Tasche ergriffen hatte. Die drei Kinder quengelten um sie herum, als sie sie zur Tür schob. »Kommen Sie! Die Meldungen erreichen uns jetzt immer viel zu spät.«

Magdalena nahm Paula auf den Arm und eilte Frau Moritz nach, die hastig dem Keller zustrebte. Die übrigen Hausbewohner waren schon vorausgelaufen und hatten sich mit Koffern und Decken in dem großen, in Parzellen unterteilten Raum niedergelassen. Eine nackte Glühbirne erhellte das karge Umfeld. Magdalena, die als Letzte den Fuß auf die Kellertreppe setzte, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, spürte im selben Moment ein Beben und eine Druckwelle, die ihr den Atem nahm. Alles schwankte, als rüttele eine Riesenfaust an dem Gebäude. Hysterische Schreie ertönten. Das Licht erlosch, ihr Fuß trat ins Leere und das Kind an sich gepresst, als wolle sie es mit ihrem Körper und ihren Armen schützen, fiel sie in eine bodenlose Schwärze und schlug irgendwo hart auf. Es war eine Weile totenstill, dann hörte sie irgendjemand in der Dunkelheit fluchen und das jämmerliche Weinen Paulas, deren kleinen Körper sie zwischen Staub und Steinen neben sich ertastete. Ein Streichholz flammte auf und sie sah in das unter den verrutschten Lockenwicklern von Kohlenstaub verschmierte Gesicht von Erika Moritz, die sich über sie beugte, ihr die Hand reichte und versuchte, sie hochzuziehen. Stimmengewirr kam auf. Alle Kellerinsassen redeten auf einmal durcheinander.

»Alles in Ordnung? Haben Sie sich wehgetan? Was ist mit der Kleinen?« Magdalena ging in die Knie und hob die zappelnde und schreiende Paula hoch, die zum Glück unversehrt war.

»Ich glaube, sie hat nur ein paar Kratzer«, sagte Magdalena, während sie das Mädchen gründlich begutachtete. Beim Auftreten auf ihr linkes Bein zuckte sie jedoch zusammen. »Aber es sieht so aus, als hätte ich mir den Fuß verstaucht.« Der aufgewirbelte Staub reizte sie wieder zu heftigem Husten.

»Kommen Sie!« Frau Moritz rückte einen abgeschabten Sessel herbei, während ihre beiden Kinder, durch den Schock verstummt, sich ängstlich an ihre Röcke klammerten. Sie wies ihnen einen Platz auf im Halbkreis stehenden anderen Kisten an. »Wir sind ja nicht zum ersten Mal hier«, seufzte sie, »aber nie war es so schlimm wie diesmal.«

Magdalena massierte ihren schmerzenden Knöchel, tastete nach ihrer Beule am Kopf und sah sich um. Das schwache Licht der gerade entzündeten Kerze, die auf einer umgestürzten Kartoffelkiste stand, erhellte das Dunkel nur mäßig.

»Der ganze Keller hat gezittert – und da«, sie sah sich um und deutete erschrocken auf die Wand. »Um Himmels willen, was ist denn das? Da, in der Ecke, sehen Sie nur – da liegen ja eine Menge herausgebrochener Steine.«

»Regen Sie sich nicht auf. Das ist wahrscheinlich nichts Besonderes. Es kracht hier oft ganz gewaltig. Wahrscheinlich ein Treffer in der Nähe«, sagte eine andere weibliche Stimme hinter ihr. »Sind Sie neu im Haus?« Magdalena sah auf und verneinte. Die in einen geblümten Morgenmantel gekleidete Dame, scheinbar mit ihrem gesamten Schmuck behängt, den sie besaß, hielt ihr die Hand hin. »Ich bin Monika Schrewing. Sängerin.«

»Magdalena von Walden – ich bin nur zu Besuch.«

Die Dame im Morgenrock nickte ihr gefasst zu und versuchte dann, die Petroleumlampe auf einer dreibeinigen, schiefen Kommode zu entzünden, um den niedrigen Raum stärker zu erhellen. Die anderen Mieter des Hauses, vom gerade erlebten Schrecken noch ganz erschüttert, hockten, in Decken gehüllt, fröstelnd auf Stühlen, Kisten und ausgedienten Möbelstücken und sahen ausgesprochen verängstigt aus.

»Die Elektrizität ist ausgefallen – das ist kein gutes Zeichen.« Die hohe zittrige Stimme kam von einer grauhaarigen Dame im gestreiften Kleid, die neben ihrem Mann saß. Ihr Sohn, ein wegen seiner Verletzung beurlaubter Soldat, legte schützend den Arm um sie. »Bleib ganz ruhig, Mutter – das kann man doch reparieren!«

»Einen Bombeneinschlag in das Haus gegenüber«, meldete sich jetzt ein weißhaariger alter Mann in Hosenträgern, »hatten wir neulich schon mal. Es klang ganz genauso. Wir müssen jetzt warten, bis es Entwarnung gibt. Aber kaum ist man draußen, da geht‘s ja schon wieder los. Und in letzter Zeit ohne Vorwarnung – manchmal sogar ohne Sirene.«

Er schüttelte unwillig den Kopf, stand schwerfällig auf und drehte an dem Radioempfänger auf der schräg stehenden Kommode, der keinen Ton von sich gab. »Wir warten besser noch«, brummte er, »sicher ist sicher!« Nach einer Weile hielt er es doch nicht mehr aus, schlurfte die Treppe hinauf und kündigte an: »Ich seh nur mal raus.« Er versuchte, die Kellertür zu öffnen, doch sie schien zu klemmen. Der Soldat kam ihm zu Hilfe, und sie rüttelten an der Klinke und zogen dann vereint kräftig an der Tür. Sie sprang mit einem hässlichen Knarren auf – doch dahinter war nichts als eine Wand von Schwärze, von Trümmern und undefinierbaren Teilen.

»Wir sind eingesperrt!«, stellte der Weißhaarige tonlos fest. »Alles ist zu!«

Entsetzt starrten die Hausbewohner einander an. Es war kein Laut mehr zu hören, völlige Stille, niemand sagte etwas. Sogar die Kinder waren verstummt.

Nach einer Weile schluchzte Monika Schrewing auf. »Was soll denn das bedeuten?«

»Dass wir verschüttet sind!«, antwortete irgendjemand aus der Runde. »Ganz einfach!«

Tumult brach aus. Alle sprangen auf, schrieen und redeten durcheinander. Auch Magdalena begriff erst jetzt, was wirklich geschehen war. Eingeschlossen unter der Erde, gefangen, lebendig begraben! Über ihnen vielleicht tonnenschwerer Schutt, die Bruchstücke eines ganzes Hauses! Heiß stieg ihr das Blut ins Gesicht, Schweiß drang aus allen Poren. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, auf der Stelle zu ersticken. Ein neues Donnern über ihnen ließ die Eingesperrten vor Entsetzen erstarren. Von der Mauer rieselte Sand herab, und nach einem gewaltigen Poltern konnte man förmlich die Bildung des unheimlichen Risses beobachten, der sich langsam von einer Ecke der Kellerdecke über die ganze Fläche hinzog, bevor er mit einem hässlichen Knirschen zum Stehen kam. Wieder ein dumpfes Krachen, gefolgt von grollendem Rutschen zusammenbrechender Steine oder Geröll. Diesmal war es in unmittelbarer Nähe zu vernehmen. Eine der Kellerwände der kleineren Parzellen war in sich zusammengefallen.

Magdalena drückte ihr verängstigtes Kind fest an sich, spürte den warmen kleinen Körper und strich über die weichen Löckchen. Paula zitterte, doch sie hatte Zutrauen zu ihr gefasst und schmiegte sich ängstlich an ihre Brust.

»Ich will hier raus«, kreischte die bisher so gefasste Monika Schrewing in einem Anfall von Panik. »Hilfe! Ich will raus, zu Hilfe! Ich ersticke! Wir müssen alle sterben!« Sie lief in ihrem geblümten Hausmantel die Treppe hoch und pochte mit den Fäusten vergeblich gegen die unerbittliche Mauer von Erde und Schutt. Dann lief sie zurück, schlug die Hände vors Gesicht und begann, jämmerlich zu schluchzen. Die alte Dame versuchte, sie zu beruhigen, und reichte ihr ein Taschentuch. Doch die Furcht war ansteckend, und ein allgemeiner Tumult begann.

»Ruhe! Ruhe!«, versuchte der weißhaarige Veteran mit seiner tiefen, sonoren Stimme, die keinerlei Erregung verriet, den allgemeinen Lärm zu durchdringen. »Es besteht gar kein Grund, die Nerven zu verlieren. Man wird uns hier schon rausholen. Spätestens morgen sind wir alle wieder frei! Wir sind ja nicht die ersten, die verschüttet sind. Und unser Keller ist bisher noch intakt. Sie werden uns finden!«

Langsam trat Ruhe ein, und es war nur noch vereinzeltes Schluchzen und Gemurmel zu vernehmen.

»Als Erstes sollten wir uns bemerkbar machen – durch Klopfzeichen! Und vielleicht unseren Helfern einen Tunnel entgegengraben!« schlug der Soldat vor. »Wir müssen jetzt alle zusammenhalten! Einer nach dem andern gräbt, jeder für eine Stunde! Irgendwo in diesem verdammten Keller wird es ja wohl eine Kiste mit Werkzeug geben.«

Das ältere Ehepaar erhob sich. »Wir können auf keinen Fall graben – mein Mann hat einen Herzfehler«, protestierte die Frau, »und ich leide an einem Bandscheibenschaden.«

»Wenn wir hier drin sterben, können Sie Ihre Bandscheiben der Nachwelt vermachen«, schrie der Soldat sie ungeduldig an. »Auch die schwächste Kraft muss genutzt werden!«

Er begann in Begleitung des Weißhaarigen, mit der Kerze die Kellerparzellen eine nach der anderen auf der Suche nach Werkzeug abzugehen. Triumphierend schleppte er nach kurzer Zeit einen halbwegs geordneten Kasten heran, in dem sich alles Nötige befand, und die beiden Männer machten sich sogleich an die Arbeit.

Magdalena versuchte, ihr rasend schlagendes Herz zu beruhigen. Sie hatte das deutliche Gefühl, vor Angst sterben zu müssen. Der Gedanke, unter der Erde eingeschlossen zu sein, ließ ihre Vernunft aussetzen und machte sie fast verrückt. Schon immer hatte sie sich als Kind im Dunkeln gefürchtet, und nun war sie diesem Gefühl nahezu hilflos ausgeliefert. Sie kauerte sich mit Paula, die an ihrer Brust eingeschlafen war, zitternd auf einen Stuhl in der Ecke und wartete darauf, dass sich ihre Panik ein wenig legen würde. Erika Moritz, bizarr aussehend mit ihrem zerwühlten blonden Haar, in dem die verbliebenen Lockenwickler unordentlich voneinander abstanden, spürte ihre Verwirrung, sie rückte näher und legte tröstend den Arm um sie. Magdalena lehnte sich gegen ihre Schulter, und so verharrten die beiden Frauen, die verstörten Kinder zwischen ihren Knien, und versuchten, sich gegenseitig Trost und Kraft zu geben.

»Was ist das eigentlich für ein komischer Geruch?« Erika Moritz hob plötzlich den Kopf und blähte die Nasenflügel. »Riechen Sie das auch?« Magdalena schnupperte in die Luft. »Ja, ich habe es vorhin schon bemerkt. Fast ein bisschen wie … Gas!«

»Um Himmels willen!« Erika lief zu dem Soldaten, der zusammen mit dem Weißhaarigen versuchte, Breschen in das Geröll vor der Tür zu schlagen. »Sie müssen nachsehen, ob die Gasrohre in Ordnung sind!«, rief sie ihnen aufgeregt zu. »Es riecht so komisch!«

Die Männer ließen ihr Werkzeug liegen und begannen, den Keller nach beschädigten Rohren abzusuchen. Nach einer Weile erschienen sie wieder.

»Wir haben nichts Besonderes gefunden«, sagte der Soldat. »Die Gasleitung in diesem Keller scheint in Ordnung. Aber möglicherweise gibt es außen einen Defekt, der Gas hereinströmen lässt. Das ist auch nicht ungefährlich!«

»Was sollen wir da bloß tun?« Entsetzt starrten ihn mehrere Augenpaare an.

Er zuckte die Schultern. »Nichts – wir können nichts tun, als abwarten und … hoffen!«

Wieder trat unheilvolles Schweigen trat ein. Keiner wusste, was auf diese Feststellung zu antworten war. Alle waren wie gelähmt. Auch Erika Moritz ließ sich wieder resignierend neben Magdalena auf der Holzkiste nieder. »Hoffen …«, sagte sie müde, »wir können nur hoffen. Aber wenn wir Gas einatmen, merken wir gar nicht, wenn wir krepieren. Wir sollten die Kerze ausmachen.«

»Malen Sie den Teufel nicht an die Wand! Wir können hier doch nicht im Dunkeln sitzen! Auf jeden Fall müssen wir etwas essen – falls es doch länger dauert, bis wir hier rauskommen!« Monika Schrewing, die Dame im Morgenrock, hatte sich wieder gefasst. Trotz ihres Protestes löschte sie jetzt die Kerze und verschwand mit einer Taschenlampe in den hinteren Regionen des Kellers, um sich auf die Suche nach eingelagerten Nahrungsmitteln zu machen. Triumphierend schleppte sie nach einer Weile Einweckgläser und einige Dosen herbei und stellte alles zusammen mit ein paar Weinflaschen auf die Kartoffelkiste. Ihr langes rostfarbenes Haar, das ihr bis auf den Rücken hing, hatte sie nun im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden, und obwohl sie mit ihren bemerkenswert langen, tiefrot lackierten Fingernägeln nicht so aussah, als sei sie an körperliche Arbeit gewöhnt, eilte sie nun geschäftig hin und her und meldete sich sogar zum Ausarbeiten des Tunnels, mit dem die Männer bereits hinter der verschütteten Tür begonnen hatten.

Es schien eine Sisyphusarbeit zu sein – man konnte kaum graben, sondern musste hacken und Steine und verkeilte Eisenteile einzeln aus der wie festgebackenen Erde lösen. Nach Stunden hoffnungsloser Schwerstarbeit und Anstrengung war nur ein lächerlich kleines Loch entstanden, und die beiden Männer gesellten sich schweißüberströmt zu den anderen unfreiwilligen Gefangenen, die mit hoffnungsloser Miene vor der Kiste saßen, auf der nun ein paar Konserven und eine Weinflasche standen.

»Wir müssten uns mit den Klopfzeichen abwechseln – einer nach dem anderen«, schlug der herzkranke Rentner vor. »Dann wissen die draußen, dass wir noch leben.« Als die anderen ihm zustimmten, ergriff er eine Eisenzange und schlurfte, gefolgt von seiner Frau, die Treppe hinauf.

»Mich beunruhigt dieser schreckliche Geruch«, beharrte die Mutter des Soldaten nervös, »auch wenn mein Klaus sagt, alles sei in Ordnung. Das ist Gas – ich kenne es nur zu genau! In meiner früheren Wohnung war die Leitung nie ganz dicht, auch wenn alles abgestellt war, konnte man immer noch einen leicht süßlichen Geruch wahrnehmen! Ich bin dafür, dass wir ab jetzt nur die Taschenlampen benutzen.«

»Aber es ist doch nie etwas passiert, nicht wahr?«, mischte sich der Weißhaarige ein. »Nein, nie«, gab die Dame zu, »die Leitungen waren nur zu alt.«

»Und das ist hier unten eben auch der Fall! Der Geruch ist nicht allzu intensiv. Wir dürfen jetzt nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen!«

Alle schwiegen eine Weile und versuchten krampfhaft, den Gedanken ausströmenden Gases in den Keller aus ihren Köpfen zu verbannen.

Magdalena hatte sich inzwischen mithilfe Erikas bemüht, dem zähen Blech der Dosen mit Hammer und Meißel zuleibe zu rücken, und es war ihnen tatsächlich gelungen, Öffnungen hineinzutreiben. Einige Einweckgläser enthielten Tomaten und Gurken, Leberpastete und Rote Beete. Auch Kondensmilch für die Kinder hatte man gefunden.

Klaus Schlagbauer, der Soldat, köpfte die Weinflaschen geschickt an der Mauer, und nachdem alle sich an den Vorräten gestärkt hatten, besserte sich die allgemeine Stimmung erheblich. Schlagbauer hatte sogar ein Kartenspiel dabei, aber niemandem war in diesem Augenblick danach, eine Partie zu spielen. Man horchte und wartete, ob nicht irgendein Zeichen in die Stille hinunterdringen und ankündigen würde, dass die dort draußen sie nicht ganz vergessen hatten.

Irgendwann in der Nacht suchte sich einer nach dem anderen der Kellerinsassen sein Plätzchen und sank dort in einen zwar unruhigen, aber die Lage vergessen machenden Schlaf, hingestreckt auf dem Boden, mit irgendwelchen alten Säcken zugedeckt, auf zwei wackligen Stühlen oder zwischen den herausragenden Sprungfedern eines rostigen Bettgestells.

Magdalena hatte für sich und Paula Kartons zerrissen, sie aufeinandergeschichtet und die Lagerstätte mit alten Kleidern ausgepolstert. Inniger als jemals zuvor hatte sie auf der primitiven Schlafstätte gebetet, für ihre Befreiung aus dem Keller und für alle, die sie liebte. Auch Gertraud hatte sie in dieses Gebet eingeschlossen. Ihr schauderte bei der Vorstellung, die Schwester könne vielleicht auf dem kalten Grund der Ostsee ruhen, während die Wellen über ihren stummen und starren Körper hinwegtrieben und ihn langsam auflösten. Nein, sie wollte noch nicht sterben, nicht hier, nicht jetzt und nicht mit ihrem Kind, für das sie erst jetzt mütterliche Gefühle entwickelt hatte. In diesem dunklen Keller unter der Erde – abgeschottet von der Welt, in einem Bereich schwebend, wo sie dem Tode so nahe war, begriff sie erst den Wert des Lebens und die Gnade, im Licht sein zu dürfen. Ihre Tochter im Arm, war sie bald tief eingeschlafen. Sie träumte, Paul sei da. Er saß in seinem Boot am Frischen Haff und winkte ihr zu. Sie eilte ihm entgegen, aber so schnell sie auch lief, umso weiter entfernte sich das Boot. Plötzlich war es auf der See ganz hinter dem Horizont verschwunden, und sie stand am Ufer und fühlte sich hilflos und allein. Schweißgebadet wachte sie auf und wusste erst gar nicht, wo sie sich befand. Ihre Wangen waren nass von Tränen, und ein Gefühl tiefer Hoffnungslosigkeit presste ihr Herz zusammen.

Ein neuer, dringender Einsatzbefehl wegen eines Bombenschadens warf für die Pionierabteilung beinahe unlösbare Probleme auf. Paul erfuhr, dass im Keller eines eingestürzten Mietshauses sämtliche Bewohner eingeschlossen sein sollten. Es war leicht gewesen, die Leute des angrenzenden Hauses zu befreien, aber riesige Trümmer hatten die Zugänge zum Nachbargrundstück verschüttet. Es gab zwar Klopfzeichen, aber das Abräumen der meterhohen Mauersteine über der Unglücksstelle erwies sich diesmal bedeutend schwieriger als gewöhnlich. Durch ein Zusammenbrechen beider Häuser, bei dem sich der Schutt tonnenweise überlagert hatte und auch die Gasleitungen beschädigt worden waren, konnte es dauern, eine Verbindung zu den Verschütteten herzustellen. Und es stand vor allem die Frage im Raum, ob die Eingesperrten das so lange überleben würden. Mit Baggern und Bohrgeräten war bereits ein Großteil hinweggeräumt worden, und man versuchte nun, sich Zugang durch einen gegrabenen Tunnel zu verschaffen. Eine Eisenkonstruktion, die die Bauteile hielt, war jedoch so unglücklich ineinander verkeilt, dass man das Gewirr behindernden, rostigen Metalls kaum auseinander brachte.

Nach Pauls Überzeugung blieb jetzt nur noch eine unterirdische Sprengung übrig. Der Einsatzleiter I, der mit seinen Männern die ganze Nacht gearbeitet hatte, war nahe daran aufzugeben und lehnte nach einer kurzen Absprache die Anbringung von Sprengsätzen kategorisch ab. Seiner Meinung nach würde die Statik nicht halten und alles wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Die beiden Männer prallten mit ihren gegensätzlichen Standpunkten heftig aneinander, ohne dass sie sich auf eine einzige Methode einigen konnten.

Als Paul mit seinen Männern zur Ablösung wieder am Unglücksort eintraf, sah es zudem auch noch nach Regen aus. Ein scharfer Wind jagte die nebligen Wolkenfetzen über die zerstörte Stadt, deren verbrannte Häuserskelette wie Mahnmale nach einem Inferno in den Himmel aufragten. Er ließ seinen Blick über die Trümmerlandschaft vor ihm schweifen, und in diesem Augenblick war ihm ganz klar, dass die einzige Chance für die Verschütteten nur noch in einer sofortigen Sprengung der verbleibenden Geröllmassen bestand. Das Risiko einer Gasexplosion musste man dabei in Kauf nehmen. Ohne sich um die Entscheidung des anderen Einsatzleiters zu kümmern, entschloss er sich, das Wagnis einzugehen. Er ließ mit den üblichen Arbeiten, dem Wegräumen des Schuttes und dem Ausheben eines seitlichen Tunnels beginnen, von dem aus er tiefe, dünne Schächte ziehen ließ, in die kleine Sprengsätze gefüllt wurden. Die ersten Sprengungen gelangen, und man konnte bereits einen Teil des Ganges mit Balken abstützen. Doch die Zeit drängte. War noch genügend Luft im Keller? Hielten die Gasleitungen, deren Verlauf nicht genau auszumachen war? Wie Marder gruben sich seine Leute mit den zur Verfügung stehenden Maschinen tief in den Boden hinein. Weitere, deutlich zu hörende Klopfzeichen von unten gaben Gewissheit, dass die Eingeschlossenen lebten. Doch in der letzten Phase, kurz vor den Sprengungen, begann es zu plötzlich zu regnen, ja es schüttete wie bei einem Wolkenbruch Wasser vom Himmel. Paul ließ weiterarbeiten, doch einige der Zünder wurden feucht und verpufften. Zudem war zu befürchten, dass der Regen die Erde im Tunnel aufweichen und das Ganze tatsächlich in sich zusammenzustürzen drohte. Sie mussten also schnell sein. Als sie eine Stelle erreicht hatten, die von der beschädigten Kellerwand nicht mehr weit entfernt war, und Paul gerade das Kommando zum Zünden eines stärkeren Sprengsatzes geben wollte, ertönte ein barsches »Halt! Zurück!«. Paul, von oben bis unten aus einer Mischung von Staub und Wasser verdreckt, drehte sich langsam um.

»Sind Sie verrückt geworden, gegen einen ausdrücklichen Befehl und auf eigene Faust Sprengungen durchzuführen?«, schnauzte ihn der Kommandant, ein rechthaberischer Offizier, an. »Noch dazu bei diesem Regen! Der Einsatzleiter I hat mir aufgetragen, nach dem Rechten zu sehen. Und tatsächlich ertappe ich Sie dabei, dass Sie seine Weisungen missachten und eigenständig handeln!«

»Aber wir sind doch schon fast durch!«, verteidigte sich Paul heftig. »Ganz nah an einer der Kellerwände …«

»Unsinn, Sie Dummkopf«, der Offizier lief rot an. »Sehen Sie doch mal genau hin! Das wird alles durchweichen, einstürzen wie Pappkarton, bevor wir auch nur eine einzige Person befreit haben! Sie bringen die Männer, die hier arbeiten, in Gefahr. Schluss – aus, Sie sind ab sofort Ihrer Aufgabe enthoben! Haben Sie mich verstanden?«

Paul nickte und schluckte den Fluch, der ihm auf der Zunge lag, hinunter. Wenn er dem Vorgesetzten widersprach, war ihm eine harte Strafe sicher. Er nahm Haltung an und räusperte sich. »Aber Herr Kommandant, wenn ich mir erlauben darf – es hat doch bisher alles reibungslos geklappt. Ich könnte es Ihnen beweisen, gerade jetzt im letzten Stück …«

»Halten Sie endlich den Mund, Mann. Das übersteigt Ihre Kompetenz. Ich kann die Verantwortung für so einen Leichtsinn jedenfalls nicht übernehmen.« Er wandte sich an die Männer. »Alles zurück!«, schrie er mit Donnerstimme. »Pause bis morgen! Zu viel Risiko! Wir müssen auf das Eintreffen von schwerem Gerät warten.«

»Ich fürchte, die Eingeschlossenen werden bis morgen nicht mehr genügend Sauerstoff zur Verfügung haben – außerdem haben wir oben das Problem einer defekten Gasleitung. Wenn sie bricht...«

»Papperlapapp, hören Sie endlich auf, dummes Zeug zu schwatzen!«, brüllte der Offizier. »Mir reicht es. Zurück zur Kaserne. Ich wiederhole: Sie sind abgesetzt, vom Dienst suspendiert! Gehen Sie in Ihre Schreibstube zurück, dort sind Sie wahrscheinlich besser aufgehoben.«

Bleich geworden, trat Paul zurück und nahm seinen Helm ab.

Die abgearbeiteten Männer trotteten gehorsam herbei, wischten sich den Schweiß von der Stirn und verstanden nicht, warum sie so kurz vor dem Erfolg des Unternehmens abbrechen mussten.

»Scheißkerl«, murmelte einer von ihnen zwischen den Zähnen, mit einem giftigen Blick auf den Offizier, während er mit den anderen auf dem Einsatzwagen Platz nahm.

Paul war wie vor den Kopf geschlagen. Aber es war müßig, sich über die Wichtigtuer zu wundern, die dieser Krieg hervorgebracht hatte und die ihn als Vorwand nahmen, ihre Macht zu demonstrieren.

Lange lag er am Abend auf seiner Pritsche in dem einfachen Zimmer, das er allein bewohnte, ohne schlafen zu können. Er war müde und erschöpft und dachte an die Eingeschlossenen, die umsonst auf Hilfe warteten. Wozu weiterkämpfen, überhaupt noch etwas tun? Für wen? Etwa für solch aufgeblasene Idioten wie dieser Kommandanten heute? Der Krieg war verloren, das war klar. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann marschierten die Russen ein, und das ganze Luftgebilde des großen Kampfes brach zusammen. Sie würden Kriegsgefangene machen, ihn vielleicht nach Sibirien verschleppen, zur Zwangsarbeit in unmenschlichen Lagern, von denen er schon hatte reden hören. Berlin war eine Ruine geworden, wie die meisten deutschen Städte – und Königsberg, seine Heimat, bestand nicht mehr …

Sein Verstand riet ihm, zu fliehen, wegzugehen, sich irgendwo zu verstecken, bis Friede war und die menschliche Vernunft wiederkehrte. Leise stand er auf, ging auf Zehenspitzen über den Gang und holte sich die Schlüssel zur Schreibstube aus einer besonderen Schublade des Offiziersraums. Nach kurzem Zögern schlüpfte er in die Jacke eines Oberleutnants, die, frisch aus der Reinigung, in der Ecke auf einem Kleiderbügel hing. Er setzte die Kappe auf und legte sich die Hose über den Arm, bevor er leise, ohne Licht zu machen, in die Schreibstube schlich, das wohlbekannte Knarren der Tür sorgsam vermeidend. Er zog aus der Schublade die Vordrucke der Marschbefehle, den Heimaturlaubsschein und stellte sich selbst einen Auftrag für eine Kurierfahrt des Verteidigungsbereiches aus, der ihm Vollmacht gab, alle Ausbildungsverbände von Panzertruppen an die Fronten zu schicken. Als Grund gab er an: Der Vormarsch der Alliierten sollte aufgehalten werden. Sorgfältig füllte er die Formulare aus und setzte seinen Namen hinein. Nun noch der abschließende Stempel und die gefälschte Unterschrift des Kommandanten, die er bereits Hunderte Male auf Dokumenten gesehen hatte. Als Letztes nahm er noch die Schlüssel des Dienstwagens an sich, der gerade erst von der Reparatur zurückgekommen war. Er war vollgetankt, wie er wusste, und stand draußen im Fuhrpark. Dann ging er zurück und legte sich wieder hin. Er wollte lieber noch zwei Stunden warten, bis die Wachablösung kam. Um diese Zeit war die Tür für kurze Zeit offen, und es gab sicher einige Minuten der Unachtsamkeit, in denen die Posten während der Übergabe über die Vorkommnisse des Dienstes sprachen. Da würde er sich leichter davonschleichen können.

Er blieb hellwach, wobei ihm die unbekannten Verschütteten nicht aus dem Kopf gingen und er über verschiedene Methoden zu ihrer Rettung nachzugrübeln begann. Ihm war völlig klar, dass er es nicht über sich bringen würde, sie ihrem Schicksal zu überlassen, wo er doch genau wusste, dass sie nur noch ein einziges mit Eisenstangen verkeiltes Betonstück und ein bisschen Erde von der Freiheit trennte. Aber wie sollte er ihnen helfen? An das Dynamit oder andere Sprengsätze kam er jetzt nicht mehr heran. Das war alles zu gut verschlossen. Er stand auf und betrachtete lange die Handgranaten in seinem Spind. Sollte er es damit versuchen? Wie oft hatten sie im russischen Winter Kettenfahrzeuge mithilfe von Handgranaten aus dem steinhart gefrorenen Boden raus geholt. Es hatte immer tadellos funktioniert. Sein Herz klopfte. Es war ein Risiko, doch seine Entscheidung stand fest. Er zog sich an, packte zwölf Handgranaten in seinen Tornister und legte eine Taschenlampe dazu.

Dann klappte alles genauso, wie er es sich vorgestellt hatte. Bei der Wachablösung verschwand er unbemerkt und startete draußen den offenen Wehrmachtswagen. Der Regen hatte aufgehört, aber die Straßen waren nass. Er musste Umwege fahren, aber er kannte ja schließlich den Weg.

An der Einsturzstelle, die in völliger Dunkelheit lag, stellte er den Motor ab, knipste seine Taschenlampe an und kletterte über die Schuttberge und Krater, die die Bomben hinterlassen hatten. Dort, am Eingang des Tunnels, hockte eine Gestalt, die verwirrt ins Licht der Taschenlampe blinzelte. »Wer da?«, rief Paul, der im ersten Moment glaubte, man habe irgendjemanden als Wache dort abgestellt. »Hände hoch!«

Der Angesprochene, ein junger Mann, erhob sich langsam. Er blieb ruhig stehen, ohne etwas zu sagen.

»Was machen Sie da?«

»Das Gleiche könnte ich Sie auch fragen«, war die lakonische Antwort. »Ich wohne hier – das heißt, ich habe mal hier gewohnt. Jetzt ist alles weg … « Er machte eine rundum greifende Handbewegung. »Wahrscheinlich habe ich großes Glück gehabt. Ich hatte Nachtdienst, als die Bombe einschlug …«

»Wer sind Sie überhaupt?«, fragte Paul immer noch misstrauisch.

»Ich heiße Willi Schwarz und arbeite bei der Radarüberprüfung und Abwehr. Aber stellen Sie sich vor, ich hab grade Klopfzeichen gehört. Die da drinnen leben bestimmt noch. Ich versteh nicht, dass man nichts mehr macht, dass hier nicht Tag und Nacht gegraben wird!«

»Es wurde die ganze Zeit gegraben. Das sehen Sie ja!«

»Wenn ich mir vorstelle, dass die da unten eingesperrt sind!« Der junge Mann seufzte. »Es gibt da eine Frau … die ich sehr verehre, verstehen Sie? Es ist die Mutter eines kleinen Mädchens – sie ist verreist, und ich habe ihr versprochen, auf das Kind aufzupassen. Die Nachbarin hat sich darum gekümmert. Und jetzt... jetzt ist es wohl da unten!« Er sprang auf. »Diese Vorstellung ist einfach unerträglich, verstehen Sie ? Was soll ich bloß sagen, wenn die Mutter die Kleine abholen will? Glauben Sie, dass … alle im Keller überlebt haben?« Er sah ihn ängstlich an.

»Das kann Ihnen niemand sagen.« Paul schüttelte den Kopf. Ihm war plötzlich eine verrückte Idee gekommen. Den Mann hatte ihm wirklich der Himmel geschickt! »Aber ich würde es gerne herausfinden. Und genau deswegen bin ich heute Nacht hierhergekommen. Man hat mir verboten weiterzumachen. Aber ich möchte die da unten herausholen, bevor es zu spät ist.« Er zögerte. »Ich bin Paul Hofmann, Einsatzleiter II einer Pioniergruppe für Verschüttete. Würden Sie mitmachen – ich meine, mir bei einem Versuch helfen? Es ist nicht ungefährlich!«

Schwarz sprang auf. »Ja – natürlich, sofort! Ich habe keine Angst. Sagen Sie mir, was ich tun soll. Graben?«

»Das können Sie getrost mir überlassen! Ich war heute den ganzen Tag mit einer Ausgrabungseinheit hier – aber wir mussten wegen eines Armleuchters von Kommandanten abbrechen. Wissen Sie was? Tun Sie einfach nur, was ich Ihnen sage!«

Paul schaltete die Scheinwerfer des Wagens an und beleuchtete das Terrain. Hoffentlich kam jetzt gerade keine Streife vorbei.

Der Kommandant hatte in gewisser Weise recht gehabt – der die halbe Nacht strömende Regen hatte die Erde des Tunnels, wiewohl sorgfältig mit Holzpflöcken abgestützt, gefährlich aufgeweicht.

»Haben Sie schon mal eine Handgranate gezündet?«

»Das nicht, aber ich weiß ungefähr, wie es geht!«

»Wir haben in Russland eine Methode gehabt, Zugmaschinen, ganz schwere Apparate von etwa achtzehn Tonnen, die auf Ketten liefen, aus gefrorenem Schlamm zu holen …«, begann er.

»Und das ging mit Handgranaten?« unterbrach Schwarz eifrig.

»Man muss natürlich Löcher in den Boden graben, möglichst tief. Das haben wir heute schon gemacht, für die Sprengladungen. Bis der Kommandant sich dagegen entschied.«

»Gut, und was soll ich dabei tun?«

Paul nahm einen Strick aus seinem Rucksack, band sich ein Ende um die Brust und drückte ihm das andere Ende in die Hand.

»Passen Sie jetzt gut auf: Ich krieche in den Tunnel bis zu den Löchern und wickele mehrere, gebündelte Handgranaten mit einem Eisendraht an einem Stein fest. Einen weiteren Draht verbinde ich mit dem Zünder, von dem ich die Kapsel abgenommen habe. Dann beschwere ich die Granaten mit dicken Steinen, zwischen denen der Draht hindurchgehen wird. Wenn ich daran ziehe, löse ich die Zündung aus. Ich fürchte nur, der Draht wird nicht lang genug sein, und deshalb muss ich, nachdem ich ihn gezogen und die Handgranaten gezündet habe, so schnell wie möglich aus dem Tunnel heraus. Es bleiben da nur wenige Sekunden. Sollte es mir durch irgendeinen unglücklichen Zufall nicht ganz gelingen und der Tunnel über mir einstürzen, könnten Sie mich anhand der Schnur finden und ausgraben. Vielleicht müssen wir das Ganze ja auch noch einmal wiederholen.«

Der junge Mann nickte aufmerksam.

»Gehen Sie am besten zu Boden. Ich möchte nicht, dass Ihnen etwas passiert. Die Explosion wird zwar nicht gerade gewaltig werden und zudem unter der Erde stattfinden, aber sicher ist sicher. Haben Sie mich verstanden? Sie können jetzt noch aussteigen. Wenn Sie nicht mitmachen wollten, hätte ich vollstes Verständnis.«

Willi schüttelte eifrig und verneinend den Kopf. »Nein, nein, ich mach das – natürlich mach ich das!«

Paul sah noch einmal zum nachtschwarzen Himmel hinauf. Es gab sehr viele Unwägbarkeiten, und er war sich nicht sicher, ob alles so funktionieren würde, wie er es sich gedacht hatte. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber die Erde war feucht, und er hoffte sehr, dass die Zündung dadurch nicht beeinträchtigt wurde. Er verschwand im Tunnel und machte sich einige Zeit darin zu schaffen. Nach einer Weile kam er wieder hervor.

»Der Draht reicht tatsächlich nicht. Ich werde mich also nach der Zündung sehr beeilen, rauszukommen.« Er holte tief Luft.

»Fangen wir an. Es muss schnell gehen. Die aufgeblendeten Scheinwerfer könnten jemandem auffallen. Und es darf keinen Fliegeralarm geben. Wenn ich ›Fertig‹ rufe, zünde ich die Handgranaten und renne raus. Ziehen Sie den Strick sehr straff, damit ich einen Halt habe.«

Schwarz nickte bestätigend, dann nahm er das Seil und beobachtete gespannt, wie Paul im Tunnel verschwand. Er wartete, bis der Ruf »Fertig« ertönte und zog an. Die Explosionen blubberten unterirdisch und schossen dann mit scharfem Feuerknall einen Haufen Erde und Steine hoch, der ihm um die Ohren prasselte.

Er blieb noch eine Weile im scharfkantigen Schutt liegen, bevor er den Kopf hob. Das Seil war locker und Paul heil herausgekommen. Ein Teil der Kellermauer war bereits zum Vorschein gekommen. »Wir müssen es noch einmal wiederholen«, sagte er, »aber jetzt muss ich die zusammengebundenen Handgranaten so verstauen, dass sie seitlich ein Loch in die Wand schlagen, ohne dass die Decke des Kellers beschädigt wird.«

»Alles klar!« Willi hob die Hand zur Bestätigung und machte sich bereit.

Noch einmal wiederholte sich das gefährliche Wagnis. Diesmal brach jedoch mit einem lauten Rumpeln der gesamte Tunnel hinter Paul zusammen, ein Schwall von Schutt und Erde ergoss sich über das so mühsam Erreichte und verschüttete den gesamten Zugang.

Misslungen! Paul konnte es kaum begreifen. Er stöhnte laut auf, hockte sich auf einen Stein, stützte den Kopf in die Hände und starrte stumpfsinnig auf den Haufen Geröll hinter ihm. So nah vor dem Durchbruch – und jetzt sollte der Kommandant doch recht behalten? Es sah ganz so aus, als sei der Weg zu den Eingeschlossenen nun endgültig versperrt! Unter der Erde verursachte, die beiden unerklärlichen Explosionen mitten in der Nacht große Aufregung. Magdalena stieß einen Schrei aus und sprang erschrocken auf, als die schon halb eingestürzte Wand eines der hinteren Kellerräume erneut zu bröckeln begann und mit Knirschen und Scharren weitere Stücke herausbrachen. Der Soldat war sofort zur Stelle und entzündete die Petroleumlampe, die die blassen und ängstlichen Gesichter der Eingeschlossenen beleuchtete, die ihn umringten und mit aufgerissenen Augen an die Decke starrten. Der tiefe Riss dort hatte sich ebenfalls weiter vergrößert, zwei Betonabschnitte standen voneinander ab, von denen eine sich bedrohlich gesenkt hatte.

Irgendjemand begann, ein Vaterunser zu beten. Was hatte das unerwartete Krachen mitten in der Nacht zu bedeuten? Etwa den Einschlag einer neuen Bombe? Es schien schlimmer als befürchtet. Die Treppe war plötzlich von neuen Brocken feuchter Erde bedeckt, der Schutt des von den Eingeschlossenen gegrabenen Loches nach innen gedrungen. Der Soldat versuchte, neue Klopfzeichen mit der Hacke zu geben. Doch er erhielt keine Antwort. Dann nahm er eine im Kellergebäude gelagerte Leiter, stieg hinauf und stocherte vorsichtig an der Stelle, an der neue Brocken in den Raum gedrungen waren. Ein Haufen Geröll mit etlichen Steinen kam ihm entgegen, und er wäre einige Male beinahe von seiner Leiter gefallen. Die Geduld verlierend, hieb er mit einem Mal unsinnig und voller Verzweiflung mit der Hacke auf das Hindernis ein. Auf einmal, ganz plötzlich, nach einem weiteren Schwall Erde und Steinen, die sich nach unten ergossen, stieß er plötzlich ins Leere – es gab keinen Widerstand mehr.

»Luft!«, brüllte er, »Leute, da kommt Luft herein!« Er grub jetzt wie besessen und wies auf die schmale Öffnung der Mauer, hinter der ein winziges Stück dunklen Himmels zu sehen war.

Jubelrufe erfüllten den Keller, man umarmte sich vor Freude und Erleichterung. Luft, Himmel, Wolken! Was für ein köstliches Geschenk!

»Los, wir müssen weitermachen!« Er ergriff den Spaten und hieb ihn, so fest er konnte, immer wieder gegen die Wand. Die Frauen schafften das eingebrochene Geröll zur Seite, alle schaufelten fieberhaft und wie besessen mit Händen, alten Dosen und Eimern, allem, was nur irgendwie zur Verfügung stand.

»Hebt mich höher!«, schrie der Soldat, und die beiden Männer stiegen auf die Leiter, um ihn mit ihren Armen und Händen in die Nähe der rettenden Öffnung hinaufzuheben, damit er sie mit dem Stemmeisen bearbeiten konnte.

»Hilfe, hier sind wir! Holt uns hier raus!«, brüllte er aus Leibeskräften durch den Spalt. Es klang dumpf, wie erstickt. Mit einem Eisenstück schlug er mehrmals gegen den Stein und lauschte auf Antwort. Erneut begann er, Steinstücke herauszuhacken, bis seine Arme ermüdeten und er sie sinken lassen musste. Es reichte einfach nicht, immer wieder fielen neue Steine und Geröll zurück und setzten sich vor die kleine Öffnung. Sie saßen zu tief unten, um ohne fremde Hilfe herauszukommen.

Paul hatte die Scheinwerfer des Wagens ausgeschaltet und sich auf einen Stein des Schuttberges gesetzt. Er starrte abgekämpft und müde vor sich hin, weder die nächtliche Kälte spürend, noch den Wind, der die Wolken davonjagte und die Sterne sehen ließ. In seinem leeren Herzen brannte nur noch die dunkle Enttäuschung, der Kummer, diesen letzten Kampf nicht gewonnen zu haben. Sein Leben war zerstört, er hatte alles verloren, seine Liebe, seine Familie, seine Stadt, den Glauben an das Gute und jetzt auch sich selbst. Verbraucht, geschwächt war sein Körper, der den Strapazen dieses langen Krieges so lange standgehalten hatte, bis er nur noch eine fühllose Hülle geworden war. Er nahm die 08, die er noch besaß, entsicherte sie und hob sie langsam gegen seine Schläfe.

»Tun Sie das nicht!« Die leise Stimme des fremden jungen Mannes weckte ihn aus seiner Erstarrung. Er war neben ihn getreten und legte ganz sacht die Hand auf seine Schulter. Dann nahm er ihm die Pistole aus der Hand, sicherte sie und steckte sie in sein Koppel zurück. »Geben Sie nicht auf. Es ist noch nicht zu spät. Wir sollten lieber weitermachen!«, sagte er.

Paul schüttelte den Kopf. »Zu spät!« Er hatte keine Kraft, keinen Mut mehr.

Plötzlich drang ein Geräusch an sein Ohr, ein dumpfes Klopfen, einmal, zweimal, fünfmal, ein schwacher gedämpfter Ruf. Wie elektrisiert horchte er auf – und da war es wieder, das Klopfen, Geräusche und Töne, die wie erstickt und dumpf aus dem Boden kamen.

»Hören Sie das auch?«, fragte er Schwarz, der ebenfalls unbeweglich lauschte.

»Ich sagte Ihnen doch vorhin schon, ich hätte so etwas wie Klopfzeichen gehört. Aber das hier ist viel deutlicher!« Wie auf ein Kommando sprangen beide zur gleichen Zeit auf, packten die Schaufel, die Hacke und begannen, die lose Erde des eingestürzten Tunnels beiseitezuwerfen. Paul arbeitete wie besessen, als müsse er sich etwas beweisen. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie schaufelten, aber bald war ein kleines Stück des Zugangs wieder freigelegt. Jetzt konnte man deutlich die Mauer der Fundamente des Kellers erkennen und das tellergroße Loch, das sich unter ihnen befand. Beide Männer verdoppelten ihre Anstrengungen, arbeiteten fieberhaft. Von unten drang jetzt deutliches Stimmengewirr herauf, und als Willi mit der Taschenlampe hinunterleuchtete, konnte er eine Leiter erkennen, auf der jemand stand und die Hand nach ihnen ausstreckte.

»Geduld!«, schrie Paul in höchster Erregung. »Wir sind gleich bei euch, noch ein kleines Stück, dann haben wir es geschafft!«

Lautes, freudiges Rufen antwortete ihm. Doch die Öffnung musste nun mühsam und vor allem mit äußerster Vorsicht so weit vergrößert werden, dass sich ein Mensch unbeschadet hindurchzwängen konnte. Endlich war es so weit.

Willi half, zuerst die Kinder herauszuziehen, die ihm erschöpft und weinend von dem ausgestandenen Schrecken um den Hals fielen. Dann kam die alte Frau, ihr Mann folgte, sich mühsam hinaufziehend, und die rothaarige Dame in ihrem mit Rußflecken übersäten blumigen Morgenrock. Erika Moritz, der noch ein einziger Lockenwickler im Haar baumelte, schob den Weißhaarigen vor sich her, dem die Tränen über die Wangen liefen.

Zuletzt, von einem Soldaten hinter ihr gestützt, der ein Kleinkind auf dem Arm trug, sah Paul eine junge, blonde Frau Schritt für Schritt die Leiter hochsteigen, den linken Fuß ein wenig nachziehend. Sie hatte den Kopf gesenkt, um zu sehen, wohin sie trat, und als sie endlich oben war, blieb sie noch einmal stehen, um einen tiefen Atemzug in der herben Nachtluft zu tun. Dann hob sie ihm lächelnd das rußverschmierte Gesicht entgegen und wollte die Hand ihres Retters ergreifen. Doch dieses Lächeln erstarb im selben Moment, als Paul sie ansah.

Auch er stutzte, und es schien ihm, als würde die Welt plötzlich angehalten, als sei er außerhalb der Zeit und der graue, regennasse Himmel stürze über ihm zusammen. Narrte ihn ein Traum?

»Magdalena?«, fragte er leise und wie zögernd. Sie war ohne Hilfe herausgeklettert und stand jetzt vor ihm, sah ihn fassungslos an, ernst und fragend, mit weit aufgerissenen, dunklen Augen und bebenden Lippen, die nicht imstande waren, auch nur einen einzigen Satz zu formen.

Vielleicht ist das ja alles gar nicht wahr, dachte er, vielleicht liege ich auf meiner Pritsche und träume – habe Halluzinationen, weil ich nach sechs Jahren Krieg meinen klaren Verstand verloren habe! Oder ich bin schon tot, weil ich irgendwann die Pistole gegen meine Schläfe abgefeuert habe. Er kam nicht dazu, weiterzudenken.

»Paul!«, Magdalena fiel ihm schluchzend um den Hals und er verlor fast das Gleichgewicht auf all dem Geröll mit den vielen Steinen. Dann schloss er die Arme um sie und drückte sie so fest an sich, wie er konnte.

»Bist du es wirklich? Hier und … jetzt? Magdalena?« War dieses heisere Krächzen wirklich seine Stimme, die sich in den hellen jubelnden Ton der ihren mischte, mit der sie seinen Namen rief? Er nahm sie bei den Schultern, hielt sie von sich weg und starrte sie an wie eine Erscheinung, ein Wunder, etwas, das nicht von dieser Welt sein konnte. Es war, als breite sich in seinem Innern ein helles Licht aus, das von seinem Herzen bis zum Kopf drang und ihn ganz mit ruhiger Freude erfüllte. Der Nachtwind erfasste jetzt ihr langes, blondes Haar und wehte es um ihr blasses, schmal gewordenes Gesicht. Er sah in ihre dunklen, unergründlichen Augen, nach denen er sich all die Jahre so sehr gesehnt hatte. Dann umfasste er ihre schlanke Gestalt und vergrub sein Gesicht erschüttert in ihrem Haar. Er spürte ihre Haut mit dem Duft nach Honig, und irgendetwas brach in seinem Innern auf, das bisher unsichtbar darin verborgen gewesen war. Seine Brust erbebte in lautlosem Schluchzen, von einem unbekannten Gefühl überschwemmt, das alle Bitternis enthielt, die er in den harten Kriegsjahren, ohne eine Miene zu verziehen und ohne sich zu beklagen, erlebt und erlitten hatte, und das sich jetzt mit seiner Sehnsucht nach der verlorenen Liebe auf seltsame Weise mischte. Ihm war, als sei er endlich angekommen und als versänken die dunklen Gespenster eines unwirklichen Alptraums für alle Zeit wieder in dem Abgrund, aus dem sie gekommen waren.

Magdalena konnte in der Verwirrung des Augenblicks ihr Glück kaum fassen. Was war das – was geschah hier? Wie kam es, dass sie von der Hölle des lebendig Begrabenseins unmittelbar in den Himmels eines so unbegreiflichen Freudentaumels hinaufkatapultiert wurde, eines Glücks, das sie so schnell gar nicht begreifen, ja nicht einmal mehr für möglich gehalten hatte? Wie durch eine unsichtbare Fügung war sie gerettet worden, von dem Mann, nach dem sie sich in all der Zeit so sehr gesehnt und den sie so sehr vermisst hatte!

»Fräulein von Walden?« Der Soldat war neben sie getreten und reichte ihr das Kind, das greinend an seinem Daumen nuckelte. »Die Kleine möchte wohl lieber bei ihrer Mutter sein. Ich glaube, sie ist sehr müde. Und ich muss dringend einen Krankenwagen rufen, die Feuerwehr und Polizei benachrichtigen!«

Magdalena löste sich wie erwachend von Paul. »Ja, natürlich. Verzeihen Sie bitte …«, sagte sie und nahm Paula auf den Arm. »Es ist alles ein bisschen viel auf einmal!«

»Hauptsache, wir haben es geschafft und sind frei.« Er trat auf Paul zu, ergriff seine Hand und schüttelte sie fest. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll! Sie haben unser aller Leben gerettet. Wie sollen wir Ihnen das nur vergelten …« Paul atmete tief aus und machte eine abwehrende Bewegung. »Es wäre vor allem wichtig, meine Person bei der Polizei nicht zu erwähnen. Sie haben mich nie gesehen. Und geben Sie mir noch fünf Minuten Vorsprung. Alles Gute!« Er sah zu dem frierenden Grüppchen hinüber, das auf den Krankenwagen wartete.

Magdalenas Augen hatten sich verschattet, als sie sich wieder Paul zuwandte. »Das hier ist … meine Tochter«, sagte sie beinahe stockend. »Sie heißt Paula. Und ich habe mir geschworen, sie niemals im Stich zu lassen.« Ihr Herz klopfte heftig. Würde Paul sie überhaupt wiederhaben wollen, wenn er erfuhr, was alles hinter ihr lag? Dass dieses Kind von einem anderen war, den sie nicht einmal geliebt hatte?

»Du hast …geheiratet?« Paul zögerte, als er Paula genauer betrachtete, die, das lockige Köpfchen gegen die Brust ihrer Mutter gelehnt, schläfrig die Lider sinken ließ.

Magdalena schüttelte nur den Kopf. Doch Paul, der ihre Zweifel spürte, legte den Arm jetzt behutsam um ihre Schultern und küsste sie voller Zärtlichkeit. »Dann ist alles gut. Ich bin so froh, dich wiedergefunden zu haben, Liebste! Dich … und Dein Kind!«

Willi Schwarz, der die Szene aus einiger Entfernung mit angesehen hatte, schüttelte mit einem wehmütigen Lächeln den Kopf. Er hatte begriffen, dass er Magdalena in diesem Moment für immer verloren hatte. Da sie ihn noch gar nicht bemerkt hatte, wollte er schon auf sie zutreten, um ihr ein letztes Mal Lebewohl zu sagen. Doch in diesem Moment begannen die Sirenen wieder durch die Luft zu heulen und den Frieden der Nacht mit jenem alarmierenden Ton zu zerreißen, der den Menschen durch Mark und Bein fuhr.

Auch Paul zuckte zusammen, aber sein Verstand begann zur gleichen Zeit rascher und präziser als je zuvor zu arbeiten. Noch war nicht alles vorbei, noch waren er und Magdalena in großer Gefahr. Sein Plan nahm blitzschnell Formen an.

»Willi, bitte kümmern Sie sich um die Leute. Sie stehen noch unter Schock. Der Krankenwagen muss gleich hier sein«, rief er dem jungen Mann zu. »Ich danke Ihnen. Viel Glück! Gott wird Ihnen Ihren Einsatz lohnen! Ich verlasse mich auf Sie!«

»Komm«, sagte er hastig zu Magdalena und zog sie mit sich fort, »komm schnell mit mir!«

»Wohin? Was hast du vor?«, fragte sie, Paula fest an sich drückend, die, den Daumen im Mund, trotz des Trubels um sie herum eingeschlafen war.

»Ich werde dir später alles erzählen. Sei ganz ruhig. Du musst Vertrauen zu mir haben. Siehst du den Geländewagen dort drüben?«, er wies auf den dunklen Schatten des Fahrzeugs. »Steig ein, duck dich mit Paula auf den Rücksitz, leg die Plane über euch beide. Und sieh zu, dass die Kleine ruhig bleibt. Ich bin gleich bei dir.«

Er nahm seinen Rucksack, sammelte das Seil und die beiden Handgranaten, die noch übrig waren, ein und stieg in den Wagen. Ungeachtet der britischen Division, den zweimotorigen Bombern, die jetzt mit unheilvollem Brummen herangeflogen kamen, gab er, ohne Licht einzuschalten, Vollgas und brauste über die holprigen Straßen, die rechts und links etliche Löcher aufwiesen. In einer ausgebrannten Fabrikhalle parkte er das Fahrzeug und wartete ab, bis die Maschinen abdrehten und im fahlen Licht der Morgendämmerung verschwanden. In der Ferne hörte man jetzt auch schon das Signal des Krankenwagens. Er schloss die Uniformjacke bis zum obersten Knopf, die ihn als Oberleutnant auswies, setzte die Mütze auf und fuhr los.

Bei der nächsten Kontrolle an einer Straßensperre zeigte er seinen Passierschein und sagte sein Sprüchlein über den Kurierauftrag des Verteidigungsbereiches auf, durch den alle Ausbildungsverbände von Panzertruppen über ihren Einsatz an der Front informiert werden sollten, um den rasanten Vormarsch der Alliierten zu stoppen. Die Soldaten bestätigten seine Meldung, grüßten, und der Wagen durfte ungehindert sämtliche Sperren passieren.

Magdalena war die ganze Zeit unter der Plane geblieben und hatte sich nicht gerührt. Sie hielt beinahe den Atem an, während Paula ruhig in ihrem Arm schlief.

Alles ging gut, und sie konnten ihre Fahrt aus Berlin heraus durch Waldstücke und auf Nebenstraßen ungehindert fortsetzen. Trotzdem fühlten sie sich noch unsicher. Obwohl man Paul immer wieder ohne Durchsuchen des Wagens nach dem Kontrollieren der Papiere durchwinkte, war die Gefahr einer Entdeckung oder eine Berührung mit feindlichen Truppenverbänden ständig gegeben. Gegen Abend fanden sie Unterkunft bei einem Bauern in der Nähe von Bayreuth.

»Die Amis sind fast schon in Würzburg«, flüsterte ihnen der alte Mann ängstlich zu und bekreuzigte sich. »Was wird jetzt bloß werden?«

Paul konnte ihm keine Antwort darauf geben, aber am nächsten Morgen handelte er ihm vorsichtshalber außer einer Heugabel eine alte Jacke und Hose ab, sowie für Magdalena einen Bauernrock mit Bluse, der seiner Frau gehörte. Sie fuhren auf Feldwegen weiter, bis sie nach Heilbronn kamen. Dort ließen sie den Wagen irgendwo in einem Waldstück stehen und wechselten die Kleidung. Magdalenas blonde Haare verschwanden jetzt unsichtbar unter einem groben, ins Gesicht gezogenen Kopftuch und ihre zarte Figur unter dem unförmigen Rock. Mit der Heugabel bewaffnet, gingen sie an der Jagst entlang zu Fuß weiter, bis sie ein kleines Dorf namens Möckmühl erreichten, in dem vor jedem Haus ein Misthaufen lag, das Blöken der Kühe im Stall zu hören war und der trügerische Friede ländlicher Stille herrschte. Magdalena hatte bei dem langen Marsch die Zähne zusammengebissen, um sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr verstauchter Fuß bei jedem Schritt schmerzte. Alles war ruhig, von den Amerikanern noch nichts zu sehen, und es schien so, als habe der Krieg hier kaum Spuren hinterlassen. Sie kehrten in dem bescheidenen Gasthof mit dem Blechschild »Zum Bären« ein, bestellten ein Zimmer und die »Maultaschen«, die als einziges Mahl angeboten wurden.

Paula spielte auf dem Hof, tapste auf ihren kleinen Beinchen unsicher umher und scheuchte das Federvieh auf, das dort umherlief. Noch nie im Leben hatte das Kind ein lebendes Huhn gesehen! Die junge Wirtin, eine kräftige Frau, das rote Haar zu einem dicken Zopf um den Kopf geschlungen, scharwenzelte um die beiden Fremden herum, schenkte ihnen sauren Most ein und verschwand dann in der Küche, um das Essen zu bereiten.

»Weißt du noch?«, flüsterte Magdalena Paul ins Ohr, der den Blick nicht von ihr lassen konnte. »Damals bei unserem Segelausflug? Die kleine Wirtschaft am Pregel – die Königsberger Klopse mit Champagner? Es war das Köstlichste, das ich jemals im Leben gegessen habe!«

Paul schmunzelte. »Hast du geglaubt, ich könnte es jemals vergessen? Und Königsberger Klopse wünsche ich mir jede Woche, wenn du erst meine Frau bist! Versprichst du mir das? Auch wenn das Geld für den Champagner noch nicht reicht …«

»Versprochen!« Magdalena schlang die Arme um seinen Hals und lächelte glücklich. »Ich kann es gar nicht erwarten! Wenn nur endlich Frieden wäre und wir uns nicht mehr verstecken müssten!«

»Es kann nicht mehr lange dauern, glaub mir. Und dann fangen wir ganz von vorne an! Das heißt, wenn du mich überhaupt noch liebst?«

Magdalena lächelte unter Tränen: »Mein Herz war immer bei dir!«

Paul zog sie an sich, und als die Wirtin eintrat und die Terrine mit der Maultaschensuppe auf den Tisch stellte, fand sie die beiden eng umschlungen in einer innigen Umarmung, mit der sie ihre Umgebung scheinbar völlig vergessen hatten.

 

 

ENDE