8. Kapitel
IN DER HEIMAT

»Sag mal, was war denn das für eine Geschichte?«, Hans hatte sich auf der Pritsche neugierig zu Paul hinübergebeugt und grinste. »Mit der Krankenschwester? Ich dachte, ich hör nicht richtig. Hab mich natürlich schlafend gestellt. Hast du ein Glück bei Frauen – wie machst du das bloß … «

»Komm, hör auf!«, wiegelte Paul ab. »Ich hab doch schon gesagt, das war eine Verrückte!«

»Liebe macht eben verrückt. Aber so schnell... die war ja erst seit gestern hier. Eine Rumänin, nicht wahr? Eine ganz Scharfe, oder?«

»Russin«, verbesserte Paul. »Sie hat sich hier eingeschmuggelt. Ich kenn sie eigentlich schon länger …«

»Ruhe!«, kam es jetzt unwillig und mehrstimmig von den anderen Pritschen. »Aufhören mit dem Gequatsche! Wir wollen schlafen!«

»Morgen musst du mir alles erzählen!«, flüsterte Hans, und Paul nickte. Kurze Zeit später erfüllte sein lautes Schnarchen den Raum.

Nur Paul lag mit offenen Augen auf seiner Pritsche. Ober wollte oder nicht, er spürte immer noch die heißen Lippen Anouschkas auf den seinen und fühlte sich schuldbewusst. Tatsächlich hatte er sich hinreißen lassen und ihren Kuss für einen Augenblick erwidert. Dabei war diese Frau ein Teufelsbraten, gefährlich wie eine Kugel aus dem Hinterhalt, vor der man sich in Acht nehmen musste! Wie sie es nur geschafft hatte, ihn in diesem Lazarett aufzuspüren? Sie war eine Meisterin der Verstellung und ihre auffallende Schönheit öffnete ihr natürlich Tür und Tor, selbst im Krieg und unter schwierigen Umständen wie diesen. Auf jeden Fall würde er morgen den Stabsarzt bitten, ihn freiwillig aus dem Lazarett zu entlassen, damit er wieder zu seiner Truppe käme, einfach hier weg – auch wenn er noch nicht ganz so kräftig auf den Beinen war. Seufzend legte er sich auf die Seite, nahm seinen Bleistiftstummel und versuchte, so gut es ging, einen Brief an Magdalena zu beginnen. Doch er kam über den ersten Satz nicht hinaus, strich aus, begann aufs Neue, bis ihn nach einiger Zeit der Schlaf übermannte und das Briefpapier zu Boden sank.

»Ich muss leider einen Bericht machen, Hofmann!« Stabsarzt Müller sah ihn vorwurfsvoll an. »Sie können sich nach diesem Vorfall hier nicht so einfach wegstehlen. Immerhin fehlen ein Krad, Benzin, Medikamente! Von den Papieren, die das Weibsstück hat mitgehen lassen, ganz zu schweigen! Und in der Kommandeursbaracke hat sie Karten mit den strategischen Aufstellungen und Plänen gestohlen; damit der Iwan auch ganz genau weiß, was wir hier als Nächstes vorhaben!« Er schüttelte finster den Kopf. »Das muss ich jetzt verantworten! Wie konnten Sie sich von einer Frau bloß in so eine Sache ziehen lassen? Mann, denken Sie doch mal nach – ausgerechnet eine Russin! Die schleicht sich hier, als Krankenschwester getarnt, unbemerkt ein! Als wenn es das Einfachste der Welt wäre! Man sollte es nicht glauben!«

Paul nickte schuldbewusst zu dieser Strafpredigt. »Ich sehe das ja alles ein. Aber ich kann wirklich nichts dazu. Mit dieser Frau habe ich nicht das Geringste zu tun. Sie hat mich gezwungen … «

»Ach, papperlapapp! Gezwungen – das glauben Sie doch selbst nicht!«

»Ich bin verlobt!«, fuhr Paul auf, doch in diesem Moment klopfte es an die Tür. Die Operationsschwester trat ein. »Herr Doktor, ich möchte nicht stören, aber … der Fall mit dem Kopfschuss! Die Kugel steckt noch in der Hirnschale. Der Patient hat sehr viel Blut verloren, aber er ist noch bei Bewusstsein.«

»Tja«, der Arzt erhob sich. »Es gibt wirklich Wichtigeres als Ihre Liebeleien! Scheren Sie sich doch zum Teufel! Melden Sie sich beim Platzkommandanten – der soll entscheiden, was geschehen soll.«

»Aber … Sie müssen mir wirklich glauben …«, rief Paul dem Entschwindenden noch nach, der bereits mit flatterndem Kittel durch die Tür war. Ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Wenn man ihn vor ein Feldgericht stellte, dann sähe die Sache bös aus! Es wäre wirklich schwer zu beweisen, dass er mit dem Diebstahl Anouschkas nicht das Geringste zu tun hatte!

Sein Kopf brummte durch die Aufregung und die gerade verheilte Wunde begann wieder unangenehm zu brennen. Aber er würde gehorchen. Als er bedrückt und schweren Schrittes zur einfach zusammengezimmerten Baracke des Platzkommandanten Kramer schlich, sah er sich schon wegen Spionage und Zusammenarbeit mit dem Feind verurteilt und kurzerhand an die Wand gestellt. Umso überraschter war er, als Kramer raschen Schrittes auf ihn zueilte und ihm seine Papiere in die Hand drückte. »Sie sind aber schnell gekommen!«, sagte er erstaunt. Dann nahm seine Miene ernste und offizielle Züge an. »Mein Beileid! Ihre Mutter hat sicher nicht gelitten. Es war ein Volltreffer, der alles in Schutt und Asche gesetzt hat! Fahren Sie heim und ordnen Sie Ihre Angelegenheiten ganz in Ruhe!«

Paul sah ihn betroffen und überrascht an. »Meine Mutter? Aber …«, er spürte, wie ihm Tränen in die Augen traten und schlug die Hände vors Gesicht.

»Tja, da kann man nichts machen! Sie muss im Luftschutzkeller gewesen sein!«, erklärte ihm der Kommandant weiter und reichte ihm das Telegramm. »Wie ich hörte, ist eine Wand des Nachbarhauses zusammengekracht, hat sämtliche Fluchtwege verschüttet und die Luftzufuhr blockiert! Ihre Schwester«, er sah noch einmal auf das Telegramm, »Christine heißt sie wohl, die ist noch vermisst. Man kann nur hoffen, dass sie nicht im Keller war.«

Paul brachte kein Wort heraus. Er nahm das Telegramm und starrte auf den Text. Seine Mutter! Christine! Das Haus! Der kleine Großhandel mit dem Papierladen!

»Normalerweise könnten wir Sie gar nicht gehen lassen! Aber da Sie ausgebombt sind«, fuhr der Kommandant weiter fort, »und wir Sewastopol so gut wie erobert haben, werden wir mal eine Ausnahme machen. Es trifft sich, dass wir aus der Heimat noch dringend etliche Reservesachen und kniffliges Material für unsere Fahrzeuge brauchen, spezielle Schrauben, Bremsbeläge und andere Kleinigkeiten, die hier so gut wie gar nicht aufzutreiben sind. Als Maschinenbauingenieur kennen Sie sich doch mit Motoren aus, oder?«

Paul nickte wie betäubt.

»So, dann ordnen Sie Ihre Angelegenheiten daheim und kümmern sich zusätzlich auch um das andere. Bringen uns das Nötigste, was Sie organisieren können, mit. Sie können den leeren Transportzug benutzen, der jetzt zurückfährt – dann müssen Sie natürlich selbst sehen, wie sie sich irgendwie bis Königsberg durchschlagen. Und mit einem der nächsten Züge kommen Sie so schnell wie möglich wieder her. Hier!« Er reichte ihm den Passierschein und eine Liste. Das Telegramm in der einen, die Papiere in der anderen Hand, wankte Paul wie betäubt hinaus. Ausgebombt! Was für ein furchtbares Wort! Er ließ sich auf seine Pritsche neben Hans sinken, der nicht wagte, ihn zu fragen, was passiert sei. Alles drehte sich vor seinen Augen. Er sah das Haus in Königsberg vor sich mit dem hübschen Garten, dem angebauten Stall für das einzige Pferd, das die Mutter immer dann vor den Wagen spannte, wenn sie Sachen ausliefern musste – ganz besonders für die Nazi-Kommissare in den Quednauer Büros, mit denen sie eigentlich ganz gute Geschäfte machte. Er sah den kleinen, sauberen Laden mit den gefüllten Papierregalen vor sich, auf den die Mutter so stolz war, weil sie ihn selbst nach dem Tod des Vaters und dem Verlust des gesamten Vermögens durch die Bankenkrise aufgebaut hatte.

Hans sah ihn mitleidig an. »Was ist passiert?«, flüsterte er ihm so leise wie möglich zu. »Willst du mir’s nicht erzählen?«

»Ich fahr heim!«, antwortete Paul trocken und starrte an die Decke. »Luftangriff – meine Mutter hat’s voll erwischt. Und meine Schwester …«, seine Stimme erstickte, »ist seitdem vermisst!«

»Armer Kerl! Das tut mir leid! Am liebsten würde ich dich begleiten!« Hans verzog das Gesicht. »Aber …«, er warf einen betrübten Blick auf sein verbundenes Bein, »du kommst bestimmt wieder.« Er senkte seine Stimme noch eine Oktave tiefer. »Das Feldgericht – was ist eigentlich damit?«

»Ich glaube, der Müller hat nichts gesagt. Die ganze Geschichte hört sich ja auch zu blöd an und bringt nur Unruhe!«

»Sei doch froh!«, winkte Hans ab. »Wann fährst du?«

»Gleich! Mit dem leeren Transportzug. Der geht heute um Mitternacht!«

»Na dann viel Glück, Kumpel. Kopf hoch! Wir sehen uns wieder!« Hans hielt ihm die Hand hin und Paul schlug ein.

Kurze Zeit später erschien Dr. Müller. »Sind Sie schon marschbereit?«, fragte er, als wie wenn nichts gewesen wäre.

»Ja«, antwortete Paul und schnürte seinen Tornister zu, »und ich danke Ihnen noch mal schön, dass Sie mir diese peinliche Befragung erspart haben. Aber ich schwöre … «

»Hören Sie doch auf!«, fuhr ihn Doktor Müller barsch an. »Das interessiert wirklich keinen mehr. Bringen Sie mir einfach nur genügend Penicillin mit, Morphium, Schmerzmittel und so viele Schlaftabletten wie möglich. Merken Sie sich das gut! Das ist das Wichtigste. Diese Mittel brauche ich nämlich hier im Lazarett am dringendsten! Und davon schicken die mir immer zu wenig! Hier ist Ihre Autorisation.«

Er reichte ihm ein unterschriebenes Blatt Papier mit einer Aufstellung. Paul nickte erleichtert. »Versprochen. Wird gemacht, Herr Doktor!«

»Ach«, der Arzt wandte sich noch einmal um, »das hätte ich fast vergessen.« Er nahm etwas aus seinen Papieren und nestelte in seiner Tasche. »Hier, das soll ich Ihnen von General von Manstein überreichen – zusammen mit dieser Urkunde: Im Namen des Führers: Dem Unteroffizier Paul Hofmann, Stabsbatterie WR 70 wird hiermit das Krimschild verliehen. Sie werden ja dann bei der offiziellen Feier in ein paar Tagen nicht dabei sein!«

Paul nahm das Abzeichen entgegen, ohne ein Gefühl der Freude oder des Stolzes zu empfinden. Gerade jetzt war eben nicht der richtige Moment dazu.

»Meinen Glückwunsch! Aber jetzt reisen Sie erst mal nach Hause.« Jovial nickte er ihm zu und eilte nach einem Wink des Assistenzarztes wieder in den Operationssaal.

Paul steckte das Krimschild und die Urkunde in seinen Tornister und legte sich wieder auf die Pritsche. So furchtbar das alles auch war – aber er würde Magdalena wiedersehen! Es gab ihm einen Stich ins Herz. In größeren Abständen sah er immer wieder nach der Uhr. Die Zeit verging einfach nicht. Die restlichen paar Stunden, die noch vor ihm lagen und langsam dahinschlichen, schienen ihm eine fast endlose Zeit.

Die 11. Armee unter Generalfeldmarschall von Manstein hatte sich nach der Eroberung der Halbinsel Kertsch und Sewastopol zunächst bis auf einige Reste des Gebiets zur Verteidigung nach Simferopol zurückgezogen. Danach wollte er hinter dem Jailagebirge in Ruhe und Bereitstellung gehen, um die nächsten Schritte zu überdenken und auf neue Befehle aus dem Führerhauptquartier zu warten.

Sosehr sich die Soldaten auch über den Sieg und die Eroberung des wichtigsten russischen Stützpunktes freuten, so war doch der Anblick der verlassenen Dörfer beklemmend, in deren Katen oft noch Verwundete lagen, die ohne Hilfe dahinvegetierten. Neuntausend russische Gefangene, die untergebracht werden mussten, unzählige Tote an der Küste, die in der Hitze verwesten und deren Geruch man nur mit Tüchern vor dem Mund ertragen konnte, ließen ahnen, zu welchem Preis der Sieg erfochten war. Jetzt wurde dringend ein zweiter, großer Transportzug mit Nachschub, Lebensmitteln, schwerem Gerät und Waffen erwartet, um wenigsten einen Teil dessen zu ersetzen, was man bei dem Dauerbeschuss auf der Krim verloren hatte. Alles stand schon bereit, diese Reserven mit Fahrzeugen in ein verstecktes Lager in den Bergen zu den Tartaren zu transportieren, die es bewachen sollten.

Hans, von dessen Verwundung jetzt nur noch eine Narbe zeugte, war nach seiner Entlassung aus dem Lazarett zu dem etwas leichteren Einsatz der Wachen und Vorposten, die den Transport dirigieren sollten, abkommandiert worden. Die Schlange der beladenen Fahrzeuge sollte erst in der Nacht losrollen, damit die Lieferungen zu dem geheimen Schlupfwinkel, unbemerkt von Partisanen oder russischen Spähtrupps, heil ankommen konnten. Hans hockte auf einem der vorderen Wagen und hielt sein Gewehr im Anschlag. Hier draußen sah es wirklich so aus, als sagten sich Hund und Katz gute Nacht. Aber der Schein trog – im Dunkel der Büsche lauerte die unbekannte Gefahr.

Anouschka hatte die gestohlenen Skizzen, Karten und Pläne bei der russischen Kommandatur abgegeben. Der Oberbefehlshaber Sergej Alexandrowitsch vom sowjetischen Geheimdienst betrachtete sie stirnrunzelnd. Die Deutschen wurden ihm langsam unheimlich, seit sie die Festung Sewastopol eingenommen hatten. »Ist das alles, was du hast?«, er warf die Papiere ärgerlich auf den Tisch. »Das ist doch Schnee von gestern!«

Anouschka war beleidigt. »Ich tue, was ich kann …«

»Wir haben die Funksprüche des Gegners abgehört. Aber wir wissen immer noch nicht, was sein nächstes Ziel ist, und wie er angreifen wird.« Nachdenklich ging Alexandrowitsch mit großen Schritten im Bunker auf und ab. »Du musst es in Erfahrung bringen, mein Kätzchen! Sie sind Meister der Täuschung, wie wir in Sewastopol gesehen haben! Aber was sie können, das können wir auch! Und dazu brauchen wir dich!« Er trat auf die junge Frau zu, hob ihr Kinn und sah in ihre kampflustig aufblitzenden Augen. »Meine kleine Wilde! Du bist mutig, ich weiß es.« Er wühlte in einem Karton und zog etwas heraus. »Hier, die perfekte Uniform eines deutschen Oberfeldwebels. Ich weiß, dass du so etwas zwar schon besitzt. Aber diese da hat ein besonderes Zeichen.« Er deutete auf die silbrig schimmernde Plakette eines Feldgendarmen.

»Na und?« Anouschka tat gelangweilt.

»Wir wissen, dass demnächst die großen Nachschubtransporte mit frischen Divisionen kommen; Züge mit Lebensmitteln, Medikamenten, Fahrzeuge und Waffen, die weitertransportiert werden. Sie müssen durch dieses Gebiet da«, er fuhr mit dem Finger auf der Karte entlang, »weil sie das ganze Rüstzeug als Reserve in den Bergen stationieren wollen. Und das können wir in unserer Situation natürlich nicht zulassen! Wir müssen verhindern, dass sie genügend Material besitzen, um gegen uns zu kämpfen. Und deshalb wäre es das Einfachste, den Transport einfach umzuleiten.« Er sah Anouschka listig an, die einen gleichgültigen Blick auf das blank geputzte Brustschild der Feld-Gendarmerie warf, das auf der Uniform prangte, während sie mit ihren weißen Zähnen gelassen an einem Stückchen Holz kaute. »Und – was soll ich dazu tun?«

»Du wirst morgen um Mitternacht in dieser Montur bereitstehen, um sie in die Irre zu leiten.« Alexandrowitsch warf ihr die Uniform zu. »Weißt du überhaupt, was auf diesem Stückchen Blech steht?«

Anouschka warf den Kopf zurück, dass die schwarzen Haare um ihre Wangen flogen und spuckte ein Holzstückchen in die Ecke. »Denkst du, ich kann nicht lesen?«

»Das schon. Aber dir ist vielleicht nicht ganz klar, dass dir dieses Zeichen beinahe die Autorität«, der russische Offizier schmunzelte, »eines Generals verleiht! Du wirst den Transport umleiten, weg von der Straße und direkt in eine schöne Falle«, er rieb sich die Hände und lachte leise vor sich hin, »wo wir ihnen alles wegnehmen und sie bis auf den letzten Mann vernichten werden! Zum Glück für uns kennen sie unser Straßensystem nicht und sind sich nicht sicher, ob es nicht doch noch andere Wege als diese erbärmliche Rollbahn gibt. Und wir haben ihnen eine schöne Straße gebaut – eine sehr schöne! Nur wird sie in einem Waldstück vor einem Abgrund enden! Und dort warten unsere Partisanen auf sie und werden ihnen die Hölle heiß machen!«

»Gut – aber wie soll ich überhaupt dorthin gelangen?«, fragte Anouschka beinahe lauernd.

»Mit dem Motorrad, das du den Deutschen gestohlen hast, mein Kätzchen!«, der Kommandant grinste. »Also, noch einmal: Du stellst dich als deutscher Feldgendarm mitten in den Weg und dirigierst den Transport wegen, sagen wir mal – Straßenschäden auf die Nebenstrecke. Später, wenn alles geklappt hat, fährst du mit dem Krad ins Jaila-Gebirge und versuchst, dich in die Nähe des Gefechtsstands dieses verdammten Generalfeldmarschalls zu schmuggeln. Vielleicht kannst du irgendwas in Erfahrung bringen, Funkleitungen anzapfen, ein wenig lauschen, über was da geredet wird. Wir müssen wissen, was dieser von Manstein als Nächstes vorhat, hörst du?«

»Hab schon verstanden. Ich mach es«, antwortete Anouschka kurz, in deren hübschem Köpfchen sich ein neuer Plan formierte. Sie nahm außer der Uniform noch ihre Schwesterntracht mit, wickelte alles zusammen, klemmte es unter ihren Arm und ging so dicht an dem Kommandanten vorbei, dass ihr offenes Haar ihn streifte.

Er packte sie bei den Handgelenken und hielt sie fest. »Halt!«, seine Stimme war nicht so entschieden, wie er es beabsichtigte. »Und sieh dich vor. Denk nicht, das du mich so um den Finger wickeln kannst wie Fjodor!« Anouschka bedachte ihn mit einem verführerischen Augenaufschlag, bei dem ihm ganz heiß wurde, bevor sie sich losriss und mit wiegenden Hüften zum Ausgang schritt. An der Eisentür wandte sie sich noch einmal um. »Es kann eine Zeit lang dauern, bis ich wieder zurück bin – falls du Sehnsucht nach mir hast.«

Fast gegen seinen Willen trat ein geschmeicheltes Lächeln auf die Lippen von Sergej Alexandrowitsch. »Lass dich nicht erwischen, mein Täubchen. Ich würde es sehr, sehr bedauern!«

Anouschka warf ihm eine Kusshand zu. Ihre Idee festigte sich, als sie sich auf das gestohlene Motorrad schwang und sich über gekennzeichnete Schotterpfade auf den Weg zum Zielpunkt machte.

»Ein Teufelsweib!«, murmelte Alexandrowitsch tief aufseufzend und sah ihr nach, bis sie in der aufgewirbelten braunen Staubwolke verschwand.

Die Hauptstraße, die einer sandigen Rollbahn glich, ließ Anouschka nach dem Wechsel ihrer Kleidung zur Uniform des Feldgendarmen links liegen, um nicht gleich feindlichen Soldaten in die Arme zu fallen. Sie schlug Pfade und Nebenwege ein, und auf einer Anhöhe hielt sie an und blickte über die Landschaft, die von der etwas erhöht aufgeschütteten Straße wie ein Band durchschnitten wurde. In einiger Entfernung bewegte sich darauf ein fast unabsehbarer Zug sich dahinschleppender gefangener Russen, begleitet von bewaffneten deutschen Landsern. Sie biss wütend die Zähne zusammen. Obwohl sie selten so etwas wie Mitleid fühlte, so war sie doch erschüttert vom Anblick ihrer leidenden Landsleute, die bei der glühenden Hitze gedemütigt durch den Staub trotteten, und sie konnte ihren Blick lange nicht von ihnen wenden. Bei Mütterchen Russland: Was war dieser Krieg bloß für eine Schinderei!

Plötzlich kam Unruhe in den Zug der Gefangenen; Hals über Kopf rannten alle vorwärts und stürzten sich durstig in das Wasser eines vorbeifließenden Flusses. Die deutschen Bewacher ließen es geschehen, und nach einer Weile ging der Trott in alter Ordnung weiter, die lehmige, heiße Straße entlang. Grenzenlose Wut auf den unbarmherzigen Gegner erfüllte Anouschka, ein Gefühl, das ganz im Gegensatz zu ihrer unglücklichen Leidenschaft für den treulosen deutschen Soldaten stand. Sie hasste sich selbst dafür und hätte ihm am liebsten die Augen ausgekratzt, weil er sie getäuscht und ihre Liebe nicht im gleichen Maße erwiderte. Und doch fühlte sie, dass sie ihm alles verzeihen würde, wenn er bei ihr bliebe, auch wenn er tausendmal auf der Seite des Feindes stand!

Die weitere Fahrt war anstrengend und holprig, mit Abkürzungen ging es über Stock und Stein, bis sie schließlich an der bezeichneten Abzweigung anlangte. Eine zusammengewürfelte, fast tausend Mann starke Partisanen-Truppe, die von den Sowjets mit Maschinenpistolen, Flammenwerfern und kleinen Panzerabwehrkanonen ausgestattet war, lauerte dort bereits im Hinterhalt. Die Männer waren in einem Wäldchen versteckt, in das der neu angelegte Weg geschickt hineinführte. Die Lage war günstig, denn auf der einen Seite ging es ohne Vorwarnung steil bergab, und die andere war mit Felsbrocken durchsetzt, die an einer Felsmauer endeten. Es war die perfekte Falle, aus der es keinen Ausweg gab.

Anouschka gesellte sich nicht zu den Partisanen. Sie blieb abseits und verbrachte den Abend mit Warten auf ihrem Posten an der mit farbig gekennzeichneten Brettern gesperrten Rollbahn.

Die Nacht kam langsam und legte ihren dunklen Samtmantel über Büsche, Bäume und die kahle Steppe der unteren Regionen.

Unten waren jetzt endlich Geräusche zu hören, das noch weit entfernte Knattern von Motoren und rhythmische Rollen von Rädern und Kettenfahrzeugen. Anouschka sprang auf, rückte die Uniform zurecht, zog den deutschen Stahlhelm tief ins Gesicht und stellte sich bereit, während das Brummen und Rasseln der fahrenden Kolonne sich weiter näherte. Plötzliche Unsicherheit erfasste sie. Wenn Paul nun auch unter diesen Soldaten war? Möglicherweise hatte man ihn bereits aus dem Lazarett entlassen! Konnte sie zusehen, wie er mit seinen Kameraden in die Falle ging, rücksichtslos abgeknallt oder in die Luft gesprengt wurde? Sie krampfte ihre Hand um ihre Waffe und fühlte, wie sie auf einmal zu zittern begann.

Im unbequemen Transportzug und verschiedenen Güterwaggons gelang es Paul inzwischen, sich bis nach Deutschland durchzuschlagen und endlich seine Heimat Königsberg zu erreichen. Obwohl sein Herz wegen des traurigen Anlasses schwer war, wehte es ihn wie mit einem warmen, vertrauten Hauch an, als die bisher kaum bombardierte Stadt nahezu unversehrt vor ihm lag. Aber er haderte mit dem Schicksal – warum hatte die Bombe gerade sein Elternhaus getroffen?

Die bekannten Gebäude, die Straßen, die er so oft gegangen war, die grünen Lungen der Parks und der würzige Geruch, der vom Meer herüberstrich, trieben ihm die Tränen in die Augen. An den Litfaßsäulen klebten Nazi-Propaganda-Plakate mit jubelnden heldenhaften Soldaten, und dick gedruckten, markigen Sätzen, in denen man die Errungenschaften der Armeen und ganz besonders die glorreiche Eroberung der Krim pries.

»Heil Hitler« grüßende Bürger, die ihn erkannten, eilten wichtigtuerisch an ihm vorbei, und Paul dachte, wie wenig sie doch von der brutalen Wirklichkeit im Feld wussten, von der Front, von blutenden, verstümmelten Verletzten, dem penetranten Gestank der Leichen und knallenden Feuer von Geschützen und Granatwerfern, dem rauchumwölkten Himmel über Tod und Vernichtung.

Er konnte es nicht ertragen, sofort den Ort des Unglücks aufzusuchen und ging zunächst mit dem Befehl für die Ersatzteile in die Werkstatt, damit alles Nötige hergerichtet werden konnte. Im Hospital übergab er die Order für die Medikamente. Überall wurde er lächelnd und dienstbeflissen empfangen, nicht weil man ihn kannte, sondern weil man ihn wie einen der auf buntem Papier gedruckten Helden betrachtete; den tapferen Verteidiger des Vaterlandes, der die letzten Siege erkämpft hatte.

Nachdem alles erledigt war, musste er sich hämmernden Herzens zwingen, den vertrauten Weg nach Hause einzuschlagen. Als er an dem Ruinenfeld anlangte, wo er einst als kleiner Junge im Garten gespielt hatte, blieb er betroffen stehen und starrte auf die Reste dessen, was ihm seit seiner Kindheit und Jugend teuer gewesen war: Eine schwarze, verkohlte Trümmerlandschaft mit einem Mischmasch aus Steinen, Betonstücken und Eisenteilen.

Warum hatte es das Schicksal gewollt, dass ausgerechnet sein Vaterhaus so schlimm zerbombt wurde, während ringsum noch alles heil war? Vereinzelt sah er bekannte Dinge aus dem Schutt hervorragen, wie den geblümten Lehnstuhl, in dem sein Vater immer gesessen hatte. Er wandte die Augen ab und sein Mund zuckte. Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Er schrak zusammen, sah sich um und blickte in das vertraute Gesicht seiner Schwester Christine. Sie fiel ihm weinend um den Hals, und er dankte dem Himmel, dass sie noch lebte.

In Russland brummte die Wagenkolonne langsam heran, gefolgt von Panzern, schwerem Gerät und beladenen Transportern mit Lebensmitteln und Winterausrüstung. Scheinwerfer durchschnitten die Luft und der Fahrer erblickte den Soldaten mit dem Abzeichen der Feldgendarmerie und stoppte. »He, was ist denn hier los?«

»Die Straße ist gesperrt!«, antwortete Anouschka mit verstellter, tiefer Stimme. »Hier entlang!« Sie wies auf den Pfeil neben den Absperrungsleisten und winkte dem Fahrer, in diese Richtung abzubiegen. Doch der war auf einmal misstrauisch geworden und stieg aus. »He, komm doch mal her, Kamerad«, rief er aus. »Von wem hast du die Anweisung?« Doch der Feldgendarm war urplötzlich wie ein Phantom in der Dunkelheit verschwunden.

»Hast du das gesehen?« Der Fahrer des zweiten Wagens hatte ebenfalls sein Fahrzeug verlassen und rieb sich die Augen. »War das überhaupt einer von uns?«, fragte er den neben ihm sitzenden Hans.

»Sah so aus!«, antwortete der mit gerunzelter Stirn. »Aber warum ist er dann so schnell abgehauen?« Mit Taschenlampen leuchteten sie die Straße ab. »Irgendwas kommt mir hier komisch vor! Der Mann hatte so einen merkwürdigen Akzent. Und jetzt ist er weg. Motoren abstellen«, rief er und winkte den anderen, zurückzubleiben. Mit angehaltenem Atem lauschten sie in die Nacht hinein, doch in diesem Augenblick ertönte ein heiserer Ruf zusammen mit dem Bellen eines Hundes, das sofort in jämmerlichem Gewinsel erstarb.

»Zurück! Gas geben!«, schrie der Soldat im Scheinwerferlicht und lief zum Wagen. »Los! Alle Mann kehrt! Da ist was im Busch.«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da fiel ein Schuss und er stürzte rücklings nach hinten auf die Straße. Hans, der sich am Steuer zusammengeduckt hatte, ließ sich vom Sitz rollen, um sich hinter dem Fahrzeug in Sicherheit zu bringen. Er fiel direkt auf seinen Kameraden, der reglos und blutend unter ihm lag. Doch er hatte nicht einmal Zeit zu erschrecken oder gar den Kopf zu heben. Es war, als bräche aus dem nur hundert Meter entfernten Wäldchen plötzlich die Hölle los. Die Partisanen stürzten hervor, Mündungsblitze zuckten auf, die Feuerbälle der Einschläge erhellten den nachtschwarzen Himmel. Doch ihre Position zeigte sich als nicht so vorteilhaft wie erwartet. Der Fahrzeugtross war gerade noch rechtzeitig zum Stehen gekommen, und zwar so, dass es den auf der Lauer liegenden Partisanen nur von vorne gestattet war, anzugreifen und nicht, wie geplant, weiter hinten im Waldgebiet, wo sie den Feind hätten einkreisen können. Flammenwerfer zischten den Soldaten entgegen, Maschinengewehrfeuer knatterte, und Panzerabwehrkanonen fuhren wie kleine Tötungskommandos unter die Kolonne. Deren drei große, begleitende Panzer waren bereits über die Wiese nach vorn gerollt, um sich als Schutzschild aufzustellen, während sie ein gnadenloses Sperrfeuer eröffneten, das die Partisanen nach und nach in den Wald zurückdrängte.

Anouschka lauerte im Graben eines ausgetrockneten Flussbettes und hielt den Atem an, während sie das Gefecht beobachtete. Warum hatte sie vorhin die Nerven verloren? Was war bloß mit ihr los? Wo war ihre frühere Kaltblütigkeit geblieben? Die Deutschen mussten die Unsicherheit gespürt haben, die sie plötzlich gepackt hatte. Sie hatte einen Fehler gemacht, den Befehl Sergej Alexandrowitsch mangelhaft ausgeführt – nicht das getan, wozu sie in langen Monaten ausgebildet worden war. Und dann war sie auch noch fortgelaufen – dadurch hatten die Deutschen erst recht Verdacht geschöpft! Sie ließ den Kopf auf die Armbeuge fallen, als sie sah, wie nun die Partisanen eingekreist und gegen die Felswand gedrängt wurden, anstatt umgekehrt. Der lange Wagenzug mit dem außerordentlich wichtigen Reservematerial für die deutsche Armee war durch ihre Schuld den Genossen entgangen! Sie hatte versagt, sich im entscheidenden Moment von Bedenken und dummen Gefühlen überwältigen lassen! Sie raffte sich auf, kletterte aus dem Graben, doch ein Schuss, der nur knapp an ihrer Wange vorbeizischte, erinnerte sie daran, dass sie ja immer noch die deutsche Uniform trug! In einem eingeübten Reflex warf sie sich hin, sprang wieder auf und lief im Zickzackkurs auf das kleine Gebüsch zu, hinter dem sie ihr Krad versteckt hatte. Erleichtert packte sie den Lenker und wollte es gerade anlassen. Irgendjemand sprang ihr plötzlich in den Rücken und sie kippte mitsamt der Maschine zu Boden. Ein Gewehrlauf bohrte sich hart in ihre Rippen und ließ sie auf den Bauch landen. Sie drehte den Kopf und sah in das Grinsen eines Partisanen mit schmutzigem Gesicht und funkelnden Augen, der seine Pistole auf sie gerichtet hatte.

»Gnade Brüderchen!«, flehte sie in russischer Sprache mit erhobenen Händen und richtete sich halb auf, »du irrst dich; ich bin auf eurer Seite.«

Der Mann zögerte einige Sekunden. In diesem Moment erblickte Anouschka hinter seinem Rücken einen deutschen Soldaten, der ihr zu Hilfe kommen wollte. Der Partisane, durch ihren Blick gewarnt, wandte nur ganz kurz den Kopf, doch das genügte Anouschka, ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen. Er duckte sich jedoch blitzschnell und versetzte ihr dabei einen harten Stoß. Beide rollten zu Boden. Der Partisane sprang als Erster auf und versuchte, zum schützenden Wäldchen zu fliehen. Doch die nächste Kugel erreichte ihn mitten in seinem Lauf, und er sackte mit einem heiseren Schrei wie unter einem heftigen Hieb in die Knie, überschlug sich und rollte wie eine leblose Puppe den Abhang hinunter.

»Das war knapp, Kamerad …«, konnte Hans gerade noch sagen, bevor er die Pistole senkte. Doch dann blieb ihm der Mund offen stehen. Er starrte erstaunt auf Anouschka, der bei dem Kampf der Stahlhelm vom Kopf gerutscht war und nun ihre langen schwarzen Haare freigab. Dieses Gesicht kannte er doch!

»Sie?«, stammelte er fassungslos. Er richtete langsam die Waffe auf sie.

Anouschka versuchte ein verzerrtes Lächeln und hob die Hände. »Ja, ich bin es. Sie werden doch nicht auf eine Frau schießen, oder?«

»Sieh mal einer an! Die angeblich rumänische Krankenschwester – die es auf meinen Freund Paul abgesehen hatte!«, stieß er hervor.

Anouschka legte vorsichtig den Finger an den Mund. »Bitte verraten Sie mich nicht...«

»Leicht gesagt«, er sah sie fragend von oben bis unten mit kritischem Blick an. »Aber zuerst müssen Sie mir erklären, wie sie plötzlich von der Kleidung einer Krankenschwester zu der gestohlenen Uniform eines Feldgendarmen kommen?«

»Das ist eine lange Geschichte«, sie behielt kühles Blut, »die ich Ihnen besser ein andermal erzähle. Aber jetzt lassen Sie mich bitte gehen.«

»Nein«, Hans stellte sich ihr drohend entgegen. »Das könnte Ihnen so passen! Antworten Sie!«

»Niemals!« Anouschka richtete sich vor ihm auf. Im Gürtel am Rücken hatte sie zwar noch eine Waffe versteckt, aber die würde sie in diesem Fall gar nicht brauchen. In ihre Augen war jetzt ein beinahe tückisches Glitzern getreten, und sie entsann sich all dessen, was sie bei den besten russischen Trainern gelernt hatte. Sie schüttelte ihre Haare und ihren Körper wie ein schönes Tier, das sich auf einen Angriff vorbereitet, und hieb mit einem kurzen Handkantenschlag Hans die Waffe aus der Hand. Sein Wutschrei ging im Lärm und Knattern des Feuergefechtes unter, und ein weiterer Schlag in den Nacken ließ ihn kurz darauf wie gefällt zusammenbrechen. Anouschka richtete sich auf. Das war geschafft. Jetzt musste sie nur noch verschwinden, denn der Kommandant würde ihr ein solches Versagen niemals verzeihen, auch wenn sie ihm noch so schöne Augen machte. Sie stieg auf ihre Maschine, die hinter einer Baumgruppe versteckt war. Die deutsche Uniform würde sie schützen. Doch im selben Augenblick, als sie Gas geben wollte, knallten Schüsse. Sie griff sich ans Herz, sah sich erstaunt um und blickte geradewegs in die wütenden, gnadenlosen Augen von Sergej Alexandrowitsch, bevor alles schwarz um sie wurde und sie wie ein Stein von ihrem Krad fiel. Alexandrowitsch steckte die Waffe. »Das wollte ich selbst erledigen!«, knirschte er zwischen den Zähnen, »diese verdammte Hure hat uns ins Unglück gestürzt!« Er winkte seinen Leuten und befahl ihnen, sich über die Felsen zurückzuziehen.

Paul umarmte Christine mit nassen Augen. Ihm war, als lägen die Betonplatten und Trümmer nicht nur über dem verschütteten Keller, sondern auch auf seinem Herzen.

»Ich bin froh, dass du überlebt hast!«, murmelte er am Hals der Schwester, deren Tränen den Kragen seiner Uniform durchnässten.

»Ich dachte schon, dass …«, seine Stimme brach, und er schwieg, bis Christine schluchzend begann. »Es ist alles so unbegreiflich – so schrecklich! Mutter hat so viel Arbeit in den Papiergroßhandel gesteckt – sie war stolz, dass ihr alles gelungen ist. Und jetzt …« Ein weiterer Tränenstrom erstickte ihre Worte.

»Beruhige dich!« Paul drückte sie noch einmal an sich, bevor er sie losließ. »Das Schicksal hat eben anders entschieden!« Leere Worte, er wusste es. »Wo bist du untergekommen?«

»Ich wohne bei Tante Frieda. Sie ist zwar mittlerweile neunundachtzig und hat nur ein kleines Zimmer – aber es ist besser als … das da!« Sie wies auf die fahlen Trümmer, die in die Luft ragten. »Man hat die … die Tote inzwischen aus dem Keller geborgen. Wenn die Wand des Nachbarhauses nicht in die falsche Richtung gestürzt wäre, hätte sie das wohl alles überlebt. Man musste sie schnell beerdigen …«

»Ich kann es immer noch nicht begreifen!« Paul bedeckte die Stirn mit der Hand. »Mutter hat mir doch erst geschrieben … ich habe ihren Brief noch.«

»Lass uns zusammen zum Grab gehen. Ich führe dich hin.«

Christine wischte sich die letzten Tränen aus den Augen, schnupfte in ihr Taschentuch und hängte sich bei Paul unter. »Warst du schon bei Magdalena?«

Paul schüttelte den Kopf, während er neben ihr herschritt. »Nein … ich möchte es nur allzu gerne, mit allen Fasern meines Herzens! Aber zuerst muss ich mit all dem fertig werden – es überhaupt verkraften. Ich kann mich nicht freuen und glücklich sein, jetzt, wo Mutter …«, seine Stimme zitterte, und er musste eine Weile innehalten. »Du verstehst mich doch! Ich habe Magdalena gleich geschrieben, dass ich komme, aber sie hat mir nicht geantwortet. Schon seit längerer Zeit nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich werde morgen zu ihr gehen. Sicher hat sie erfahren, was geschehen ist. Es ist alles so traurig!« Christine nickte stumm. Ja, es war entsetzlich – traurig und vor allem so sinnlos.